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dpa  etc.

Kein Wunder

Wer professionell mit Informationen umgeht, sollte eigentlich aufhorchen, wenn er das Wort „Wunder“ hört. Doch wer einfach nur faul Informationen hin- und herschiebt, für den ist das Wort „Wunder“ ein willkommener Anlass zum Weghören, die universelle Erklärung für das Unwahrscheinliche, das Unlogische oder schlichtweg das Falsche.

Am Sonntag meldete die Nachrichtenagentur dpa um 10.16 Uhr:

Jüngste Microsoft-Mitarbeiterin in Pakistan gestorben

Sie galt als Computergenie und wurde mit gerade einmal neun Jahre die weltweit jüngste Mitarbeiterin des Softwaregiganten Microsoft. Nun starb die Pakistanerin Arfa Karim Randhawa mit nur 16 Jahren an den Folgen eines Herzinfarktes. (…)

Microsoft hatte das in Pakistan als Wunderkind gefeierte und mehrfach ausgezeichnete Mädchen 2004 zur offiziell zertifizierten Mitarbeiterin des Unternehmens gemacht. Damit war Arfa Karim die jüngste von hunderten Softwareentwicklern rund um den Globus.

Und prompt macht die Saga vom Wunderkind in Microsoft-Diensten die Runde:

Auf Bild.de:

Sie galt als Computergenie und wurde mit gerade einmal neun Jahre die weltweit jüngste Mitarbeiterin des Softwaregiganten Microsoft. Jetzt ist sie tot!

In der „Welt kompakt„:

Die jüngste Mitarbeiterin von Microsoft ist gestorben

In der „Frankfurter Rundschau„:

Arfa Karim Randhawa war neun, als sie zur jüngsten Mitarbeiterin beim Computer-Giganten Microsoft wurde. In ihrer Heimat Pakistan wurde sie als Computergenie gefeiert und mit Preisen überhäuft. Nun ist Randhawa im Alter von 16 Jahren gestorben.

Und auf Süddeutsche.de:

Sie galt als Genie und gefeierte Computerexpertin in Pakistan, mit neun Jahren wurde sie jüngste Mitarbeiterin von Microsoft. Nun ist sie mit 16 an den Folgen eines Herzinfarktes gestorben. Die Beileidsbekundungen erreichen die Familie auch aus der politischen Spitze des Landes.

In der „Berliner Morgenpost„:

Ein undatiertes Foto zeigt das pakistanische Mädchen Arfa Karim Randhawa, die jüngste Mitarbeiterin des Microsoft-Konzerns

Alleine: Die verstorbene Jugendliche war nie Mitarbeiterin von Microsoft. Sie hatte im Alter von neun Jahren die Prüfung zum „Microsoft Certified Professional“ bestanden. Das Zertifikat wird an Entwickler verliehen, die in bestimmten Bereichen ihre Kenntnisse über Microsoft-Produkte vorweisen können.

Am Montagmorgen hat die dpa die Meldung korrigiert. Doch für viele Medien bleibt das ohne Belang — die 16jährige bleibt für sie die „jüngste Angestellte von Microsoft“.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Castro und Pollxu

Weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit hat die Bundesregierung offenbar die Endlagerung ehemaliger karibischer Machthaber in Deutschland erlaubt:

Atom: Erste Zwischenfälle bei Castro-Transport nach Gorleben

Der Fehler ging auf das Konto der Deutschen Presse-Agentur dpa, inzwischen haben aber fast alle Online-Medien, die ihn zunächst übernommen hatten, „Castro“ durch „Castor“ ersetzt. Bis auf „Zeit Online“.

Mit Dank an Nils K. und Tim L.

dpa, sid  etc.

Nichts zu berichtigen

Der 13. Spieltag der Fußball-Bundesliga stand offensichtlich unter keinem guten Stern. Neben der medialen Überforderung in einem anderen Fall (BILDblog berichtete) gab es auch noch diese Schlagzeile, die so oder so ähnlich durch viele Medien ging (hier: „Welt Online“):

Bundesliga Hooligan verliert bei Fan-Randale in Köln einen Arm Während einer heftigen Auseinandersetzung zwischen gewalttätigen Fußballfans in Köln wurde ein Schläger vor einen Zug gestoßen. Er überlebte schwer verletzt.

Das Mitleid in den Leserkommentaren hält sich dabei in Grenzen. Auf „Welt Online“ heißt es etwa:

Hooligan vs Hooligan, also nichts tragisches. Wer sich freiwillig und mutwillig in Gefahr begibt, muss halt mit den Konsequenzen rechnen. Gilt schließlich auch für jeden Straftäter.

Oder:

Hätte ruhig mehr als nur der Arm sein können, auf sowas kann man gut verzichten.
Wenigstens wird er wohl künftig Ruhe geben…zumindest eine Sorge weniger

Dass es sich bei dem verletzten Nürnberg-Fan überhaupt um einen Hooligan handeln soll, geht auf Berichte des bayrischen Landesdienstes von dpa und des Sportinformationsdienstes sid vom Sonntag zurück, deren Überschriften „Nürnberger Hooligan verliert Arm bei Schlägerei“ bzw. „Schlägerei in Köln: Hooligan verliert Arm“ lauteten. Im dpa-Bericht heißt es unter anderem:

Ein Nürnberger Fußball-Hooligan hat bei einer Schlägerei mit Mainzer Fans im Kölner Hauptbahnhof einen Arm verloren. (…) Das Opfer war der Polizei selbst als sogenannter „Gewalttäter Sport“ bekannt und zur Personenkontrolle ausgeschrieben.

So eindeutig, wie dpa und sid sie darstellen, scheint die Sachlage jedoch nicht zu sein. Am Montag meldet sich die Nürnberger Ultraabspaltung „Banda di Amici“ zu Wort und wehrt sich gegen die Bezeichnung des Verletzten als Hooligan:

Unser Gruppenmitglied (…) war weder einer der körperliche Gewalt gesucht hat, noch war er in irgendeiner Weise vorbestraft. Sein viel zitierter „Gewalttäter Sport“ Eintrag stammt von den Vorfällen beim Derby Heimspiel im Februar 2010, wo er einen Freispruch erster Klasse erhielt.

Auch der Nürnberger Sport-Vorstand Martin Bader sagt in einem Interview auf fcn.de, dass der verletzte Clubfan seinen Informationen zufolge kein Hooligan ist. Und im Onlineauftritt des „Kölner Stadtanzeigers“ heißt es:

Der Kölner Oberstaatsanwalt Alf Willwacher konnte Medienberichte nicht bestätigen, nach denen es sich bei dem Opfer um einen polizeibekannten Hooligan handeln soll.

In der „Allgemeinen Zeitung“ und auf nordbayern.de, dem gemeinsamen Onlineauftritt der „Nürnberger Nachrichten“ und der „Nürnberger Zeitung“, werden sogar ernsthafte Zweifel an der ursprünglichen Darstellung laut. So wird inzwischen auch ein Unfall nicht mehr ausgeschlossen:

Zeugen, die keiner Fangruppe angehören, gaben mittlerweile Hinweise darauf, dass es sich auch um einen Unfall gehandelt haben könnte. „Sie haben ausgesagt, dass der 19-Jährige über die Bahngleise gelaufen war und dabei vor den Zug gefallen sei“, sagte der ermittelnde Kölner Oberstaatsanwalt Alf Willwacher der Nürnberger Zeitung. Die Ermittlungen laufen nun in beide Richtungen.

Kein Wunder also, dass sich jetzt auch noch die „Rot-Schwarze Hilfe“, eine Art Hilfsorganisation für FCN-Fans, die mit Justiz oder Presse in Konflikt geraten sind, eingeschaltet hat. Sie schreibt:

Tatsache ist, dass der Geschädigte (Mitglied der RSH) noch nie strafrechtlich verurteilt wurde. Die Nürnberger Polizei hat ausdrücklich bestätigt, dass die Pressemeldung der Deutschen Presseagentur von gestern falsch ist.

Über den für den Fall zuständigen RSH-Anwalt wurde daher die Deutsche Presseagentur aufgefordert, die Meldung zu widerrufen und eine strafbewehrte Unterlassungserklärung noch am heutigen Tage abzugeben.

Die Deutsche Presseagentur bestätigte uns gegenüber den Eingang einer Aufforderung zur Abgabe einer Unterlassungserklärung, wies die Vorwürfe jedoch zurück und flüchtete sich in Details:

1. Ja, wir sind durch einen Anwalt zur Abgabe einer Unterlassungserklärung aufgefordert worden.

2. Nein, wir haben keine solche Erklärung abgegeben und werden das nach derzeitigem Erkenntnisstand auch nicht tun.

3. Unsere Berichterstattung war nicht falsch, sondern jederzeit durch gute Quellen bei Polizeibehörden gedeckt.

(…)

Was die Verwendung des Begriffs „Hooligan“ angeht (…): Wir schreiben in unserer Berichterstattung im Konjunktiv und unter Verweis auf die uns vorliegenden Polizeiquellen, der Betroffene sei „der Polizei als sogenannter ‘Gewalttäter Sport’ bekannt“. Wir behaupten nicht selbst, dass er ein solcher „Gewalttäter Sport“ ist. Dass sein Mandant in der entsprechenden Datei als „Gewalttäter Sport“ geführt wird, hat übrigens auch sein Anwalt uns gegenüber nicht bestritten – er erklärt lediglich, eine solche Eintragung in die Datei sei nicht gleichzusetzen mit der Behauptung, der Betroffene sei auch tatsächlich ein „Gewalttäter“. Aber, wie gesagt, dies hat die dpa ja auch nie behauptet.

Die dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH hat an ihrer Berichterstattung nichts zu widerrufen oder zu berichtigen.

Man muss wohl schon Jurist (oder dpa-Mitarbeiter) sein, um in den Sätzen „Ein Nürnberger Fußball-Hooligan hat bei einer Schlägerei (…) einen Arm verloren“ und „Das Opfer war der Polizei selbst als sogenannter ‘Gewalttäter Sport’ bekannt und zur Personenkontrolle ausgeschrieben“ die feine Nuancierung zu erkennen, dass es sich nur um einen „Hooligan“ oder „Gewalttäter Sport“ handeln könnte.

Unterdessen hat dapd schon längst eine neue Nachricht gemeldet. Die Überschrift lautet: „Verunglückter Fan kein Hooligan“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 27. Oktober: In einer Meldung vom Freitag geht jetzt auch dpa deutlich differenzierter mit dem Fall um. Unter anderem heißt es dort:

Der 19-Jährige wird nach Angaben des bayerischen Innenministeriums in der Datei „Gewalttäter Sport“ geführt. Auf diese Liste kann man nach Polizei-Angaben auch kommen, ohne jemals selbst gewalttätig geworden zu sein. Es kann dafür ausreichen, dass jemand zu einer Gruppe gerechnet wird, aus der heraus Straftaten begangen werden. Das bayerische Innenministerium will keine Angaben dazu machen, weshalb der 19-Jährige in die Gewalttäter-Datei aufgenommen wurde.

Der junge Mann hat mittlerweile über seinen Anwalt Jahn-Rüdiger Albert bestreiten lassen, dass er Gewalttäter sei. „Mein Mandant ist keinHooligan und gehört auch keiner Hooligan-Gruppierung an“, versicherte Albert. Der 19-Jährige sei auch zu keinem Zeitpunkt verurteilt worden, weder wegen einer Gewalttat im Zusammenhang mit einem Fußballspiel noch wegen sonstiger Delikte.

Die Rot-Schwarze Hilfe nennt diese Zeilen einen „riesigen Erfolg“ und sieht darin ein Einknicken der dpa.

Studenten verbummelt

Mit Klischees ist es wie mit Topfpflanzen: Wenn sie nicht regelmäßig gepflegt werden, dann gehen sie irgendwann ein. Entsprechend titelte die Hamburger Regionalausgabe von „Bild“ gestern zum Thema Langzeitstudenten an der Universität Hamburg:

Bummelrekord!

„Bild“ präsentiert ein paar „drastische Einzelfälle“ und behauptet,

(…) dass Langzeitstudenten an vielen Fakultäten ein verbreitetes Problem sind. An der Uni gilt das für 16,2 Prozent aller Studenten, also 2319 von 14 248.

Und genau an dieser Stelle hätte der „Bild“-Redakteur stutzig werden müssen. Immerhin hat die Hamburger Universität nicht nur 14.248, sondern insgesamt 39.402 Studierende (Stand WS10/11), woraus sich eigentlich ergeben müsste, dass nur knapp 6 Prozent der Studenten Langzeitstudenten sind.

„Bild“ beruft sich bei der Berechnung der Anzahl der Langzeitstudenten auf die Ergebnisse einer Kleinen Anfrage des Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg (FDP) und unterschlägt dabei diesen elementaren Aspekt aus der Antwort des Hamburger Senats:

für die neuen Studiengänge trifft das in der Frage genannte Kriterium [Langzeitstudium] noch nicht zu.

Alle Zahlen aus der Kleinen Anfrage beziehen sich also ausschließlich auf die zur Zeit auslaufenden Diplom- und Magisterstudiengänge, denn:

Im Bachelor- und Masterbereich kann es keine Langzeitstudierenden geben, da die Prüfungsordnungen bei Überschreiten der doppelten Regelstudienzeit eine Exmatrikulation vorsehen.

Dass es wiederum unter den Studierenden der alten Studiengänge, die seit 2004 kaum mehr Nachwuchs verzeichnen, anteilig immer mehr Langzeitstudenten geben muss, versteht sich von selbst: Ein Großteil der wenigen, die jetzt noch auf Magister oder Diplom studieren, besteht zwangsläufig aus Langzeitstudenten, denn alle anderen haben ihr Studium bereits weitgehend abgeschlossen.

Insofern sind auch die anderen Beispiele, die „Bild“ aus der kleinen Anfrage genommen und damit aus dem Zusammenhang gerissen hat, obsolet:

Im Fachbereich Sozialökonomie studieren beispielsweise 73 von 120 Studenten (60,8 Prozent) schon doppelt so lang wie die Regelstudienzeit, also länger als 16 Semester. Bei den Informatikern sieht es genauso schlimm aus: 130 von 213 Studenten (61 Prozent)

Insgesamt, also mit Bachelor- und Masterstudenten, sind derzeit 1.376 Studenten für Informatik eingeschrieben, woraus sich ein Anteil von nur 9,4 Prozent Langzeitstudenten ergibt. Die Gesamtzahl der Studenten, die Sozialökonomie studieren, liegt bei 2.200 (Langzeitstudenten 3,3 Prozent).

Obwohl die Zahlen von „Bild“ also letztlich nichts wert sind, verbreiten der Online-Auftritt der „Hamburger Morgenpost“ und die Nachrichtenagentur dpa die Mär von den faulen Informatik- und Sozialökonomiestudenten munter weiter.

Vielleicht hätten die Journalisten die Quellen einfach ein bisschen länger studieren sollen.

Mit Dank an bono und Jan G.

Nachtrag, 21. September: Christian Röwekamp von der dpa hat uns auf folgendes hingewiesen:

Wir haben den falschen Bezug in unserer Meldung inzwischen berichtigt. Eine entsprechende Neufassung des Textes ist um 15.11 Uhr in den Landesdienst Nord der dpa eingegeben worden. (…)

Außerdem möchte ich feststellen, dass Ihr implizit erhobener Vorwurf mangelnder Recherche so nicht stehenbleiben kann. Wir bei der dpa haben eben nicht etwas „munter weitererzählt“, sondern die Hamburger Kollegen haben bei der Wissenschaftsbehörde eigens nachgefragt und zur Antwort bekommen, dass alle Zahlen aus der „Bild“ korrekt seien. Wir haben den Sprecher der Behörde in unserer Meldung sogar wörtlich zitiert, wenn auch zu einem anderen Aspekt dieses Themas. Dass im Gespräch mit der Pressestelle nicht der Gedanke entwickelt wurde, dass es in dem Bericht ja gar nicht um die Gesamtzahl aller Studierenden ging, mag misslich sein. „Nachgeplappert“ haben wir aber keinesfalls.

Warum bei der dpa niemandem aufgefallen ist, dass eine der größten Universitäten Deutschlands nur 14.248 Studenten haben soll, geht aus der Stellungnahme nicht hervor.

„… drei mal hoch!“

Am Dienstag ist in Plymouth, im Süden Englands, ein Junge zur Welt gekommen. Er kam eine Woche nach dem berechneten Geburtstermin, aber gerade rechtzeitig, es in die Lokalzeitung zu schaffen: Er hat nämlich nun am selben Tag Geburtstag wie sein Vater und seine Mutter.

Lustige Sache. Oder, wie die deutsche Nachrichtenagentur dpa fand, die über die britische Nachrichtenagentur PA davon erfahren hatte, ein Ereignis, das internationale Aufmerksamkeit verdiente. „Spiegel Online“ machte sogleich eine Meldung im berüchtigten Panorama-Ressort daraus:

Und tatsächlich stimmt alles, was darin steht. Inklusive der Rechnung, für die man sicherheitshalber einen Experten zurate gezogen hat:

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Paar und ihr erstes Kind denselben Geburtstag haben, liege bei 1 zu 133 225, zitierte die Zeitung „Plymouth Herald“ einen Mathematikprofessor der Universität Plymouth.

Das könnten auch Nicht-Mathematikprofessoren rechnen: Die Wahrscheinlichkeit, dass der Vater den selben Geburtstag hat wie die Mutter ist 1:365, ebenso hoch ist die, dass er denselben Geburtstag hat wie sein Kind. Die Gesamtwahrscheinlichkeit ist also (1:365)*(1:365)=1:133.225.

In Deutschland wurden im vergangenen Jahr 678.000 Kinder geboren. Statistisch gesehen tritt also in Deutschland fünfmal jährlich der Fall des Vater-Mutter-Kind-Geburtstages ein. Weil dpa und „Spiegel Online“ aber solche Fälle auch international für berichtenswert halten, könnten sie — angesichts von 670 134 Millionen Geburten jährlich — grob statistisch gerechnet fast vierzehn dreimal Mal täglich melden: „Kurioser Zufall: Baby kommt am Geburtstag der Eltern zur Welt“.

Keine Ahnung, ob das ein Beitrag zur Rettung des Journalismus wäre.

Mit Dank an Martin H.!

Korrektur, 16:30 Uhr. Wir hatten die Zahl der jährlichen Geburten weltweit ursprünglich um den Faktor 5 zu hoch angegeben.

Journalismus in den Seilen

17 Stunden saßen die Leute, denen Franz Josef Wagner gestern seine „Post“ widmete, am Wochenende in der Gondel einer Seilbahn in Schwangau im Allgäu fest. Erst am Samstagmorgen ab 6 Uhr konnten die 19 Fahrgäste und der Gondelführer gerettet werden.

Bei dapd mussten die Eingeschlossenen allerdings nicht so lange ausharren. Schon am Freitag um 18.44 Uhr vermeldete die Nachrichtenagentur ihre Rettung:

45 Bergbahnfahrgäste mit Hubschraubern geborgen

Nach der Kollision eines Tandemgleitschirms mit einem Bergbahntragseil sind am Freitag in Schwangau im Allgäu zwei Gondeln evakuiert worden. 45 Fahrgäste und die beiden Gleitschirmflieger mussten mit mehreren Hubschraubern geborgen werden, wie die Polizei mitteilte.

Erst nach Mitternacht vermeldete dapd, dass zu diesem Zeitpunkt immer noch fast die Hälfte der ursprünglich 45 Menschen in der oberen Gondel festsaßen.

Auch dpa hatte am frühen Freitagabend eine mindestens irreführende Meldung abgesetzt:

Gleitschirm legt Seilbahn lahm – 45 Fahrgäste steckten fest

Schwangau (dpa) – Ein Gleitschirm hat sich am Freitag in Schwangau im Allgäu in einer Seilbahn verfangen und sie damit stundenlang lahmgelegt. 45 Fahrgäste in den Gondeln mussten mit mehreren Hubschraubern geborgen werden.

In der Überschrift der Zusammenfassung von 20 Uhr war aus „45 Fahrgäste steckten fest“ überraschend „45 Fahrgäste stecken fest“ geworden, aber ansonsten legte der Text den Schluss nahe, dass die Rettungsaktion bereits erfolgreich abgeschlossen war:

Ein Gleitschirm hat sich am Freitag in Schwangau im Allgäu in einer Seilbahn verfangen und sie damit stundenlang lahmgelegt. 45 Fahrgäste in den Gondeln der Tegelbergbahn mussten mit Hubschraubern geborgen werden.

Die Rettungsaktion dauerte bis in den Abend an.

Die dpa erklärte uns auf Anfrage, dass diese Meldungen für die Tageszeitungen des Samstags gedacht waren, die bereits am Abend Redaktionsschluss haben. Es handle sich dabei um einen „Kunstgriff“, die Redaktionen würden meist selbst dazuschreiben, dass die Entwicklung bei Redaktionsschluss noch nicht zu abgeschlossen gewesen sei. (Aus der Meldung selbst ergibt sich das allerdings nicht.)

Anders als dapd setzte dpa seine Berichterstattung am Abend aber fort und meldete so etwa um 22.04 Uhr:

Ein Ausflug in die Berge nahe dem Schloss Neuschwanstein hat für zahlreiche Menschen eine dramatische Wende genommen. Nach einem Unfall steht die Seilbahn still. 45 Menschen sitzen in luftiger Höhe fest.

Da stimmte dann nur die Zahl nicht mehr.

Doch auch nach der erfolgreichen Rettung aller eingeschlossenen ließen die journalistischen Merkwürdigkeiten nicht nach — sie fingen bei Bild.de erst richtig an.

Sonntagmittag vermeldete das Portal:

Er brachte 50 Menschen in Lebensgefahr: Gleitschirm-Pilot auf der Flucht

Und schrieb:

UNFASSBAR, DER GLEITSCHITM-PILOT IST AUF DER FLUCHT!

Der Mann aus dem schweizerischen Kanton Zürich hat sich direkt nach der Bergung in die Schweiz abgesetzt.

Unfassbar und ziemlicher Quatsch — den „Welt Online“ gerne übernommen hat:

17 Stunden Angst. Autor: Antje Hildebrandt. Gleitschirmflieger von Gondel-Drama auf der Flucht. Die Situation in der Gondel am Tegelberg war kritischer als bisher angenommen. Der mutmaßliche Schuldige ist in die Schweiz geflüchtet.

Das „Füssener Blatt“ hat heute ein Interview mit dem Pressesprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West in Kempten, Christian Owsinski, abgedruckt. Darin heißt es unter anderem:

Der Gleitschirmpilot, der einen Mitarbeiter des Bayerischen Rundfunks in Gurt hatte, hat sich angeblich in die Schweiz abgesetzt. Stimmt das?

Owsinski: Die Formulierung „abgesetzt“ ist irritierend, denn der Mann hat sich dem Zugriff der Behörden nicht entzogen. Der Deutsche mit Wohnsitz in der Schweiz ist nach dem Vorfall am Tegelberg in die Schweiz abgereist. Das ist nicht zu beanstanden.

Mit Dank an Norbert P., Murry, Jens und Michael W.

Mega Watt?

Hier stand ein Eintrag, in dem wir der Nachrichtenagentur dpa Unkenntnis der Einheit „Megawatt“ vorgeworfen haben — und leider dabei unser eigenes Unwissen demonstrierten. Es ging um die Meldung, dass Zypern in diesen Tagen nach einer Explosion bei einem großen Elektrizitätswerk Strom aus dem türkisch besetzten Nordteil der Insel erhält.

Die dpa beschrieb dies am Samstag so:

Nun sollen täglich zwischen 70 und 110 Megawatt vom Norden in den Süden geliefert werden, teilte die Regierung in der Inselhauptstadt Nikosia mit.

Das „täglich“ in diesem Satz ist irreführend, denn die Einheit Watt gibt eine Leistung an, keine Energie. Ähnlich sinnlos wäre es, zu sagen, ein Fön verbraucht täglich 2000 Watt. Der Energieverbrauch wird in Wattstunden (oder im Haushalt gebräuchlicher: Kilowattstunden) angegeben und hängt natürlich davon ab, wie lang der Fön läuft. Fönte man sich einen Tag ununterbrochen, käme man auf 48 Kilowattstunden (2000 Watt mal 24 Stunden geteilt durch 1000).

(Für alle, die das zu unanschaulich finden: Der Unterschied zwischen Leistung und Energie ist derselbe wie zwischen Geschwindigkeit und Entfernung. Ein Auto, das 100 km/h fährt, legt am Tag, wenn es ununterbrochen fährt, 2400 Kilometer zurück. Zu formulieren, es fahre „täglich 100 km/h“ ist mindestens rätselhaft.)

Die 70 bis 110 Megawatt sind also einfach die Leistung, die dem Süden vom Norden zur Verfügung gestellt werden soll. Die Agentur dpa hätte nur das „täglich“ weglassen müssen. Wir aber haben uns in der vermeintlichen Korrektur dieses kleinen Formulierungsfehlers völlig verheddert — und nebenbei auch noch die (komplizierten) politischen Verhältnisse Zyperns unzulässig verkürzt. Wir bitten um Entschuldigung.

Das kann nicht Euer ERNSTL sein

Vergangene Woche stellte ein Mann namens Paul Awe bei eBay ein ganz besonderes Objekt zur Versteigerung ein:

GLÜCKSRAD - Original aus dem TV - Ikone der 80/90er

Diese Produktbezeichnung war womöglich etwas missverständlich, denn Awe versteigert nicht das Glücksrad aus der unfassbar erfolgreichen Sat.1-Sendung „Glücksrad“ (1988 – 1998), sondern das Glücksrad aus der erfolglosen 9Live-Reinkarnation der Sendung (2004 – 2005) — deutlich zu erkennen etwa an den Euro-Beträgen auf dem Rad.

Das steht so ähnlich auch in der Produktbeschreibung:

Die zu versteigernde Version des Glücksrads drehte sich zuletzt auf 9Live. Es wurde mit Genehmigung des amerikanischen Lizenzgebers hergestellt und dürfte das einzig verfügbare Glücksrad in Deutschland sein.

Paul Awe hätte klar sein müssen, dass sein Angebot falsch verstanden werden könnte — zum einen von möglichen Bietern, ganz sicher aber von Journalisten.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) berichtete bereits letzten Montag:

Das „Glücksrad“ und die Buchstabenwand werden jetzt versteigert. Das kündigte der Münchner Medienunternehmer Paul Awe, dem die Kulissen gehören, am Montag an. Awe hatte das Glücksrad aus dem Fundus des Privatsenders Neun live übernommen, der im Jahr 2005 den Spielshowklassiker zuletzt übertragen hatte.

Das war (bis auf Awes Berufsbezeichnung, zu der wir später kommen) nicht falsch. Irreführend wurde die Meldung durch den darauf folgenden Absatz, der nichts mit dem angebotenen Glücksrad zu tun hatte:

Das „Glücksrad“, das im amerikanischen Original „Wheel of Fortune“ heißt, war mit der meist stummen Buchstabenfee Maren Gilzer sowie den Moderatoren Frederic Meisner und Peter Bond im Jahr 1988 bei Sat.1 auf Sendung gegangen und wechselte 1998 zu Kabel eins, wo es sich bis 2002 drehte. 2004 und 2005 probierte es Neun live noch einmal. Awe kündigte an, er werde das mehrere hundert Kilo schwere Rad samt Buchstabenwand von Dienstag an im Online-Auktionshaus ebay anbieten – Mindestgebot: ein Euro.

Am Mittwoch berichtete „Welt Online“:

Online-Versteigerung: Glücksrad und Buchstabenwand landen bei Ebay. Vor über zwei Jahrzehnten drehte sich das "Glücksrad" erstmals im deutschen Fernsehen. Nun können Nostalgiker das berühmte Requisit im Internet ersteigern.

„Welt Online“ hatte sich sogar die Mühe gemacht, die legendäre „Buchstabenfee“ Maren Gilzer zu befragen, was sie von der Versteigerung halte („Besser, als wenn es in einem Kulissenkeller irgendwo verstaubt.“) und ob sie selbst mitbieten werde („Ich nicht, denn mein Hund Tinka interessiert sich nicht für Buchstaben.“).

Auch „Focus online“ hatte einen schicken O-Ton aufgetan:

Auch Frederic Meissner, der „Das Glücksrad“ 14 Jahre lang moderiert hat, denkt gerne an diese Zeit zurück. „Natürlich kommt auch etwas Wehmut auf, wenn die Studioeinrichtung nun versteigert wird“, so Meissner gegenüber FOCUS Online.

Gegen Ende der Woche hatten die „B.Z.“, die „Hamburger Morgenpost“ und sogar die „Süddeutsche Zeitung“ über die Auktion berichtetet. Letztere, obwohl die Sendung im Rückblick „dermaßen dämlich“ sei, „dass es fast schade um jede Zeitungszeile ist, die man darüber verliert“.

Nachdem Paul Awe übereinstimmend als „Medienunternehmer“ bezeichnet worden war, stellte er am 30. Juni in einem Update auf der Auktionsseite klar:

Ich bin KEIN „Medienunternehmer“ (wie in der Presse dargestellt), sondern ein ganz normal arbeitender Mensch – jetzt mit ein bisschen Glück, hoffentlich!

Am gleichen Tag beantwortete er die Frage eines eBay-Mitglieds, um welches Glücksrad es sich denn jetzt eigentlich handle, so:

Die zur Verstiegerung stehende Version ist nicht die, die 1988 auf SAT.1 zu sehen war, sondern lief auf 9 Live.

Zwei Tage später war die Auktion auch zu Bild.de durchgedrungen:

Auktion bis 7. Juli: Das "Glücksrad" wird bei Ebay versteigert

Die Auktionsseite hatte die Autorin für ihren Artikel offensichtlich nicht gelesen, denn sie schrieb:

Der Münchner Medien-Unternehmer Paul Awe versteigert die Original-Requisite aus der gleichnamigen TV-Sendung jetzt im Online-Auktionshaus Ebay.​

Außerdem schrieb Bild.de:

Demnächst soll auch noch die dazugehörige Buchstabenwand, die bei der Show jahrelang das Reich von Buchstaben-Fee Maren Gilzer war, bei Ebay unter den Hammer kommen.

Die Buchstabenwand, die deutlich kleiner ist als die, vor der Maren Gilzer jahreland auf und ab schritt, stand da bereits seit mehreren Tagen zur Versteigerung.

Die Kabel-1-Variante des Glücksrads war übrigens bereits im Jahr 2002 für einen guten Zweck versteigert worden.

Mit Dank an Axel Sch. und Jens L.

Bei Rückruf Spott

Wenn ein Autohersteller in den USA rund 50.000 Geländewagen zurückruft, um einen Fehler zu beheben, dann ist das eine Nachricht, die es normalerweise nicht in die deutschen Medien schafft — es sei denn, eine Nachrichtenagentur gibt der Geschichte einen kuriosen Dreh.

Unter der Überschrift „Falsche Bedienungsanleitung zwingt Cadillac zu Rückruf“ behauptet dpa über die Rückrufaktion:

Der Fehler: Der rechte Seitenairbag wird abgeschaltet, wenn niemand auf dem Beifahrersitz Platz nimmt. In der Anleitung dagegen heißt es, der Airbag löse ungeachtet dessen immer aus.

„Weil die Funktion des Airbags nicht mit der Bedienungsanleitung übereinstimmt, erfüllt das Fahrzeug die Sicherheitsvorschriften nicht“, teilte die US-Verkehrssicherheitsbehörde NHTSA am Montag in Washington mit.

Dabei hätte Cadillac es laut dpa doch so viel einfacher haben können:

Die GM-Mechaniker programmieren nun die Airbag-Steuerung um. Ob es eine Möglichkeit gewesen wäre, den Fahrern einfach eine neue Bedienungsanleitung zuzuschicken, ließen Hersteller und Behörde offen.

Gut, die Begründung der Verkehrssicherheitsbehörde ist etwas ungeschickt formuliert, aber der Grund für die Rückrufaktion war eben nicht nur ein Fehler in der Bedienungsanleitung, sondern die Tatsache, dass besagter Airbag auch zum Schutze eines hinten rechts sitzenden Mitfahrers dient. Da der Airbag ohne einen Beifahrer vorne rechts nicht auslöst, befürchtet die NHTSA:

Der rechte hintere Mitfahrer ist durch den Dachrahmen-Airbag nicht so geschützt wie in der Bedienungsanleitung beschrieben und könnte bei bestimmten Frontal- oder seitlichen Zusammenstößen verletzt werden.

(Übersetzung von uns)

Eine neue Bedienungsanleitung hätte also mangels stoßdämpfender Wirkung wenig genutzt.

Dennoch hat es Bild.de sogar noch eine Nummer größer:

Wegen falsch formulierter Bedienungsanleitung: Der irrste Auto-Rückruf aller Zeiten

Mit Dank an Robert D.

Bild, dpa  etc.

Die Medien sind krank

Wie wird aus einer interessanten Information eine Nachricht, die viele Medien und damit viele Menschen erreicht? Die Geschichte der Meldung, dass die Deutschen 2010 wieder häufiger krank feierten, die in dieser Woche durch die Medien ging, ist ein gutes Lehrstück.

1.

Immer am Anfang des Jahres gibt das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit eine große Tabelle mit Daten über die Entwicklung der Arbeitszeit in Deutschland heraus. Darin steht unter anderem, wie viele Überstunden die Arbeitnehmer gemacht haben und wie oft sie krank waren.

In diesem Jahr veröffentlicht das IAB die Zahlen am 20. Januar und erwähnt in einer Pressemitteilung unter anderem, dass der Krankenstand 2010 gegenüber dem Vorjahr leicht zugenommen habe. Die Agentur dapd berichtet, doch die Nachricht bleibt ohne größere Resonanz.

2.

Irgendwann später im Jahr ruft der „Bild“-Redakteur Stefan Ernst beim IAB an und fragt, ob man nicht irgendwelche exklusiven Daten für ihn habe. Das Institut verneint, weist aber auf die vielen interessanten Informationen auf der eigenen Internetseite hin. Ernst greift auf die Arbeitszeit-Tabelle zurück und macht aus den eigentlich längst bekannten Angaben über die Überstundenentwicklung einen Artikel, der am 14. Februar auf Seite 1 erscheint.

3.

Die Nachrichtenagenturen AFP, dpa und epd melden daraufhin unter Bezug auf „Bild“ die IAB-Zahlen aus dem Januar über die Entwicklung der Überstunden. dpa ergänzt sie in einer weiteren Meldung am selben Tag um die IAB-Daten über den leicht erhöhten Krankenstand.

4.

Einige Monate vergehen. Eines Tages erinnert sich „Bild“-Mann Stefan Ernst bei der Suche nach einer aufregenden Wirtschaftsgeschichte für die Seite 1 offenbar an die alte IAB-Tabelle. Diesmal greift er sich ein anderes Detail heraus: die Angaben über den erhöhten Krankenstand. So meldet „Bild“ am 14. Juni noch einmal, was das IAB bereits im Januar und dpa bereits im Februar gemeldet hat:

5.

Die Nachrichtenagentur dpa berichtet daraufhin eilig unter Bezug auf „Bild“, dass sich der Krankenstand laut IAB 2010 leicht erhöht habe. Autor der Meldung ist derselbe dpa-Mann, der dieselbe Nachricht schon vier Monate zuvor geschrieben hatte.

6.

Auf der Grundlage der dpa-Meldung verkaufen nun „Handelsblatt“, „taz“, „Berliner Zeitung“, „B.Z.“, „Spiegel Online“ und viele andere als Neuigkeit, was das IAB gut fünf Monate zuvor veröffentlicht hat und was dpa vier Monate zuvor bereits einmal gemeldet hat.

Und wir lernen:

  • Nachrichten müssen in der „Bild“-Zeitung stehen, damit Nachrichtenagenturen sie wahrnehmen.
  • Wenn sie in der „Bild“-Zeitung stehen, sind sie für Nachrichtenagenturen immer ein Thema, selbst dann, wenn sie sie bereits Monate zuvor schon vermeldet haben.
  • Was Nachrichtenagenturen melden, ist für andere Medien eine Nachricht, selbst wenn es alt, bekannt oder falsch ist.

Falsch auch? Ja. Vermutlich hat der Krankenstand im vergangenen Jahr gar nicht zugenommen. Die IAB-Studie beruht auf Stichproben, die solche Schlüsse, wie sie das Institut und die Medien ziehen, gar nicht zulässt. Mehr dazu hier:

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