Archiv für dpa

Bild.de, dpa  etc.

Den Schuss nicht gehört (2)

Heute Nacht hatten wir über die Exklusiv-Meldung deutscher Online-Medien berichtet, nach denen sich Osama bin Laden vergangenes Jahr beim Sturm auf sein Anwesen in Pakistan selbst erschossen haben soll.

Die betroffenen Medien haben darauf unterschiedlich reagiert:

„Spiegel Online“ überarbeitete den kompletten Artikel und versah ihn mit einem Hinweis:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde die Darstellung des US-Soldaten fälschlich so interpretiert, dass Osama Bin Laden Selbstmord begangen haben soll. Der Autor lässt offen, wer die Schüsse abgegeben hat. Bin Laden war, wie Bissonette schreibt, jedoch unbewaffnet – er kann sich nicht selbst erschossen haben. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Stern.de hat seinen Artikel komplett ausgetauscht, geht darauf aber nicht näher ein, und auch „Focus Online“ hat Überschrift und Artikel behutsam an die Fakten und die deutsche Sprache angepasst.

Selbst bei Bild.de haben sie ihren Artikel bearbeitet:

Aus dem offensichtlich sinnlosen Satz

Außer den Kugeln mit denen Osama bin Laden sich offenbar selbst richtete, als er hörte wie die Soldaten die Villa stürmten, hatte er keinerlei Munition bei sich.

wurde

Außer der Kugel mit der Osama bin Laden sich vermutlich selbst richtete, soll sich keine weitere Munition im Raum befunden haben.

Ansonsten bliebt Bild.de bei der Darstellung.

* * *

Das waren aber auch nicht alle deutschsprachigen Medien, die von einem möglichen Selbstmord bin Ladens schwadronierten. Die folgende Auflistung ist womöglich lückenhaft:

„B.Z.“:

Hat Osama bin Laden Selbstmord begangen?

Washington – Terror-Chef Osama bin Laden soll schon tot gewesen sein, als die US-Spezialeinheit im Mai 2011 seine Villa stürmte. Das behauptet ein ehemaliger Elitesoldat, der an diesem Einsatz beteiligt war. Bin Laden habe sich selbst in den Kopf geschossen.

„Berliner Kurier“:

Bin Laden Selbstmord?
Washington – Osama Bin Laden soll bereits tot gewesen sein, als die Navy Seals im Mai 2011 in sein Zimmer im pakistanischen Abbottabad stürmten. Das behauptet der Ex-Elitesoldat Matt Bissonnette in seinem Buch „No Easy Day“ (KURIER berichtete).

„Kleine Zeitung“:

„Blick“:

Enthüllungsbuch: Hat Osama Selbstmord begangen?

tagesspiegel.de, immerhin:

Als Resultat einer falschen Übersetzung herausgestellt haben sich unterdessen Meldungen mehrerer deutscher Online-Medien, auch des Tagesspiegels, der Autor habe über einen Selbstmord Bin Ladens spekuliert. Tatsächlich ist die Rede davon, Bin Laden sei schon tödlich verletzt gewesen, bevor die Soldaten sein Schlafzimmer betraten – dies beruht jedoch nicht, wie zwischenzeitlich fälschlicherweise für möglich gehalten, auf Spekulationen über einen Selbstmord, sondern auf der Behauptung, dass Bin Laden nicht erst im Schlafzimmer, sondern schon im Flur von Kugeln getroffen worden sei.

* * *

Die Deutsche Presse-Agentur dpa hatte zwar nicht von einem Selbstmord bin Ladens geschrieben (das machten manche Medien einfach selbst), gestern aber immerhin behauptet:

Angeblicher Augenzeuge bestreitet US-Angaben über Bin-Laden-Tötung

Washington (dpa) – Das neue Buch eines angeblichen Augenzeugen zieht nach Medienberichten die offiziellen US-Angaben zur Tötung des Terrorführers Osama bin Laden infrage. Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Nun lässt der Artikel bei der „Huffington Post“ tatsächlich einen gewissen Interpretationsspielraum, aber man darf wohl annehmen, dass das Onlinemagazin es etwas mehr hervorgehoben hätte, wenn bin Laden tatsächlich „nicht von US-Soldaten getötet worden“ wäre.

Die dpa wiederholte diese Version heute Morgen noch zwei Mal:

dpa, 5:00 Uhr:

Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

dpa, 5:04 Uhr:

OSAMA BIN LADEN Das neue Buch eines angeblichen Augenzeugen zieht nach Medienberichten die offiziellen US-Angaben zum Tod des Terrorführers Osama bin Laden infrage. Der Autor des in wenigen Tagen erscheinenden Buches schreibt, der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden.

Nach unserer Anfrage verschickte die dpa eine korrigierte Fassung der Meldung:

Das neue Buch eines angeblichen Augenzeugen zieht nach Medienberichten die offiziellen US-Angaben zur Tötung des Terrorführers Osama bin Laden infrage. Der Al-Kaida-Chef sei bereits tödlich getroffen worden, bevor Mitglieder eines Sonderkommandos den Raum betreten hätten, heißt es laut Internetportal «Huffington Post» in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Versehen ist diese Berichtigung mit folgendem Hinweis:

Stellt in Bin-Laden-Meldung im zweiten Satz klar, dass aus den Auszügen in der „Huffington Post“ nicht genau hervorgeht, wer der Todesschütze war.

Ja, die Meldung „stellt klar“, dass unklar sei, wer der Todesschütze sei. Schreibt die Agentur die heute Morgen noch kategorisch erklärt hatte, bin Laden sei nach Aussage des Autors „nicht von US-Soldaten getötet worden“.

Die Passagen in der „Huffington Post“ waren tatsächlich nicht sonderlich klar, doch zum Glück verfügt die „Washington Post“ offenbar ebenfalls über ein Exemplar des Buchs und über etwas gradlinigere Autoren:

Osama bin Laden versteckte sich für mindestens 15 Minuten in seinem Schlafzimmer, als Navy Seals sich den Weg durch seine pakistanisches Anlage kämpften, und unternahm keinen Versuch, sich selbst zu bewaffnen, bevor ein US-Kommando auf ihn schoss, als er aus seiner Tür herausschaute. Das geht aus dem ersten Bericht hervor, der von einem Teilnehmer des inzwischen berühmt gewordenen Überraschungsangriffs am 2. Mai 2011 veröffentlicht wurde.

(Übersetzung von uns.)

Mit diesem Bericht im Rücken traute sich nun auch dpa ein bisschen weiter und schrieb in der neuesten Meldung, dass „das Kommando“ auf Bin Laden geschossen habe.

Bild, dpa  

Mond ist nicht ihr Hobby

Neil Armstrong ist tot, der erste radfahrende Trompeter auf dem Mond.

Verzeihung, das war Unfug. Aber Neil Armstrong ist tot, der erste Mann auf dem Mond. NBC hatte ihn in einer Überschrift im Internet kurzzeitig „Neil Young“ genannt, was schon ziemlich peinlich war, denn Neil Young ist ein Musiker. Immerhin heißt aber eines seiner Alben „Harvest Moon“.

Kommen wir aber zu den deutschen Medien: Die Deutsche Presse-Agentur (dpa) eröffnete einen ihrer Nachrufe in der Nacht zum Sonntag mit folgendem Satz:

Er hinterließ den ersten Fußabdruck der Menschheit auf einem anderen Planeten: Der Astronaut Neil Armstrong ist tot.

Das war Quatsch, denn bis heute hat kein Mensch einen anderen Planeten als die Erde betreten — der Mond ist nämlich keiner, sondern ein Trabant (was, Achtung, liebe Journalisten, in diesem Fall kein Auto ist). dpa hat das am Sonntagmittag auch bemerkt und aus dem „Planeten“ einen „Himmelskörper“ gemacht. Der Fehler steht aber noch unter anderem bei stern.de, „Focus Online“ und der Münchner „Abendzeitung“.

Im gleichen Artikel steht dieser Satz:

Seinen ersten Raumflug absolvierte Armstrong am 12. März 1966 als Kommandant der US-Raumfähre „Gemini 9″.

Er steht in insgesamt 13 dpa-Meldungen und unter anderem bei „Spiegel Online“, „Zeit Online“, sueddeutsche.de, FAZ.net, n-tv.de und n24.de, aber es ist falsch. Armstrong war an Bord der „Gemini 8″ und das war keine „Raumfähre“ (also ein „wiederverwendbares Transportfahrzeug für die Raumfahrt“, wie die Wikipedia es schlicht erklärt), sondern eine Raumkapsel.

Interessanterweise gibt es einen dpa-Text, in dem es richtig heißt:

Die Wolken reichten aber nicht, Armstrong wollte noch höher hinaus: 1962 akzeptierte ihn die Nasa als Astronauten, 1966 vollbrachte er als Chefpilot von „Gemini 8″ das Andocken an ein unbemanntes Raumfahrzeug im Orbit – das erste Rendezvous im All.

Und dann war da noch „Bild“:

Wenn ihr den Mond seht, winkt ihm zu!

„Wer sich fragt, wie er Neil eine Ehre erweisen kann: Das nächste Mal, wenn ihr an einer sternenklaren Nacht draußen seid und der Mond auf euch herunter strahlt, denkt an Neil
 Armstrong und winkt ihm zu.“ (die Familie von Neil Armstrong auf der Internetseite der Nasa)

Kann man schönere Worte wählen, um sich von dem Mann zu verabschieden, der die Menschheit auf den Mond brachte?

Nun, man kann diese schönen Worte zumindest richtig übersetzen.

Geschrieben hatte Armstrongs Familie nämlich:

For those who may ask what they can do to honor Neil, we have a simple request. Honor his example of service, accomplishment and modesty, and the next time you walk outside on a clear night and see the moon smiling down at you, think of Neil Armstrong and give him a wink.

Und „to give somebody a wink“ heißt „jemandem zuzwinkern“. Das muss auch irgendjemand in der Redaktion bemerkt haben, auf Bild.de wurde der Artikel nämlich inzwischen unauffällig korrigiert.

Mit Dank an Michael, Jendrik T. und T.L.

dpa, sid  etc.

Olympische Zahlenspiele feierlich eröffnet

Am Freitag wurden in London die 30. Olympischen Sommerspiele der Neuzeit eröffnet. Im ausverkauften Olympiastadion wohnten 80.000 Zuschauer dem bunten Spektakel und dem Einmarsch der Athleten bei — aber wie viele waren es wohl in aller Welt vor den Bildschirmen?

Die Eröffnungsfeier im Liveticker: 4 Milliarden Menschen am TV dabei.

Bereits am Donnerstag hatte der Sportinformationsdienst (sid) zur Frage, wer die Olympische Flamme entzünden wird, geschrieben:

So kurz vor dem mit Spannung erwarteten Moment, den 80.000 Zuschauer im Stadion und rund vier Milliarden Menschen rund um den Globus vor dem Fernseher verfolgen werden, erreichen die Spekulationen um Mr. oder Mrs. X ihren Höhepunkt.

Die dpa hatte ebenfalls am Donnerstag berichtet:

Für die Zeremonie, künstlerisch gestaltet von Star-Regisseur Danny Boyle, erwartet [Organisationschef Sebastian] Coe vier Milliarden Zuschauer in aller Welt – mehr als die Hälfte der Menschheit.

Am Freitag wiederholte dpa diese Zahl:

Diesmal erwartet das IOC weltweit vier Milliarden Olympia-Fans vor den Fernsehern.

Um 22.05 Uhr, nur wenige Minuten nach Beginn der Eröffnungsfeier, tickerte der sid für die Samstagszeitungen, die zu dieser Zeit in den Druck gingen:

Mit einem spektakulären Knalleffekt hat um 21.03 Uhr Ortszeit die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London begonnen. Bis zu vier Milliarden Zuschauer auf der ganzen Welt saßen vor den Fernsehschirmen, als vier Modelle der olympischen Ringe an Ballons in den Himmel aufstiegen.

Um 22.42 Uhr, drei Stunden vor dem Ende der Eröffnungsfeier, schrieb dpa bereits:

62 000 Zuschauer im Olympiastadion und bis zu vier Milliarden Menschen weltweit vor den TV-Geräten ließen sich am Freitagabend von einer stilvollen Show verzaubern, bei der Tradition und Moderne in bunten Bildern miteinander verschmolzen.

Es war inzwischen Samstag, 1.19 Uhr, die Feier war immer noch nicht ganz vorbei, als der sid wiederum berichtete:

Große Emotionen, jede Menge Spektakel und Queen Elizabeth II als „Bond-Girl“: Mit einer bewegenden Reise durch die Geschichte Großbritanniens, einem musikalischen Zeitraffer und Showeffekten im besten Hollywood-Stil hat London die Athleten der Welt begrüßt und vier Milliarden Zuschauer in aller Welt begeistert.

In einer dpa-Meldung von Samstagnachmittag hatte sich die Zahl der Zuschauer dann schon rapide reduziert:

Eine Milliarde Menschen in aller Welt haben die begeistert gefeierte Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London im Fernsehen gesehen. Diese Schätzung gab die Regierung am Samstag in London bekannt.

Die Zahl von vier Milliarden Menschen – „mehr als die Hälfte der Menschheit“, wie dpa richtig angemerkt hatte – hatten die Veranstalter schon im Vorfeld ausgegeben, die Nachrichtenagenturen hatten sie zunächst einfach weitergeplappert — obwohl einem die Zahl mit etwas gesundem Menschenverstand als geradezu grotesk hochgegriffen erscheinen musste.

Die Website „Sporting Intelligence“ (die im vergangenen Jahr schon vorgerechnet hatte, dass die weltweiten Zuschauerzahlen der sogenannten „Royal Wedding“ von Prinz William mit Kate Middleton eher bei 300 Millionen als bei den vorher postulierten zwei Milliarden lagen), hat schon am Donnerstag erklärt, warum die Zahl von vier Milliarden „bollocks“ („völliger Unfug“) ist:

Die Welt hat sieben Milliarden Bewohner, die in 1,9 Milliarden Haushalten leben, welche durchschnittlich 3,68 Mitglieder haben.

Von diesen 1,9 Milliarden Haushalten haben nur 1,4 Milliarden einen Fernseher, geschweige denn Internet. Es sind die ärmeren Haushalte, die dazu neigen, keinen Fernseher zu haben, und sie haben auch die größeren Haushalte. Also haben etwa 2,5 Milliarden Menschen keinen Zugang zum Fernsehempfang.

Zuschauerinteresse in Deutschland

Obwohl in Deutschland viele Menschen einen Fernseher haben, die Eröffnungsfeier zeitlich günstig lag, das Interesse mutmaßlich groß und das Wetter überwiegend schlecht war, schaltete hierzulande nur etwa jeder zehnte Einwohner ein: Das ZDF verzeichnete Zuschauerzahlen von 7,66 Millionen.

Wir müssen auch die Zeit in Betracht ziehen, zu der die Londoner Zeremonie stattfinden wird: zwischen 20 Uhr und Mitternacht britischer Zeit.

Asien wird schlafen, denn es wird mitten in der nacht sein. 4,1 Milliarden der Weltbevölkerung leben in Asien. Die allermeisten von ihnen werden nicht zuschauen.

Das belegbar meist gesehene Ereignis der Menschheitsgeschichte – und das bis heute einzige „echte Milliarden“-Ereignis – war die Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in Peking 2008.

Die „durchschnittliche“ Zuschauerzahl (jene, die die vierstündige Veranstaltung in voller Länge gesehen haben) lag bei 593 Millionen Menschen, viele davon in der Gastgebernation China, dem bevölkerungsreichsten Land der Erde. Chinas 1,3-Milliarden-Bevölkerung war der Grund, warum die Veranstaltung so populär war. In Großbritannien, zum Beispiel, haben nur 5 Millionen Leute die gleiche Veranstaltung verfolgt.

Insgesamt haben 984 Millionen Menschen in aller Welt die Eröffnung der Spiele 2008 am heimischen Fernseher eingeschaltet und die Differenz von 16 Millionen, die zur Milliarde fehlt, wurde fast sicher durch die Leute erreicht, die rund um die Welt an öffentlichen Plätzen zugesehen haben.

Die eine Milliarde, die die Feier in Peking verfolgt haben, war einmalig hoch, weil es so eine wichtige Sache im Gastgeberland war, das eine einmalig hohe Bevölkerungszahl hat.

(Übersetzung von uns.)

Die Argumentation geht noch länger weiter, knapper hat es der „Guardian“ in seinem Olympia-Medienblog aufgeschrieben:

Es ist eine große, glatte Zahl, also lieben die Medien sie, und es steht überall — aber werden wirklich vier Milliarden Menschen die Olympische Eröffnungsfeier sehen? In einem Wort: nein. In ein paar Worten mehr: natürlich nicht, wie nach nur einem Moment Nachdenken klar sein sollte.

(Übersetzung von uns.)

Aber wer würde bei einer großen, glatten Zahl schon einen Moment nachdenken?

Mit Dank an Rüdiger M.

dpa  etc.

Eine Interpretationsagentur macht Nachrichten

Es war eine düstere Warnung, die am vergangenen Mittwoch Schlagzeilen machte. Eine Gruppe von 17 europäischen Ökonomen hatte am Tag zuvor in einem Gutachten gewarnt: „Europa steuert schlafwandelnd auf eine Katastrophe von unabsehbaren Ausmaßen zu.“

Die Agentur dpa berichtete über das Papier, das der Rat des „Institute for New Economic Thinking“ veröffentlicht hatte, den ganzen Tag über in immer neuen Meldungen. Jedesmal schrieb sie dabei auch über die Position der Wissenschaftler:

Eine langfristige Transferunion lehnen sie dagegen ebenso ab wie Eurobonds.

Die Formulierung findet sich in minimalen Varianten in sieben dpa-Meldungen, die zwischen 3:15 Uhr morgens und 16:52 am späten Nachmittag veröffentlicht wurden. Das Problem ist nur: Die Aussage findet sich nicht in dem Papier, in dem sie angeblich stehen soll.

Dort heißt es:

„As far as the long-term vision is concerned, we do not believe that euro zone bonds, or a full fiscal union, are necessary to ensure a functioning economic and monetary union. (…) While many Council members believe that further fiscal and political integration In Europe is desirable, we do no[t] believe that they are necessary to make an economic system with a single currency viable.“

Es ist also keineswegs die Rede davon, dass die Unterzeichner eine langfristige Transferunion und Eurobonds „ablehnen“, sondern bloß, dass beides „nicht notwendig“ sei, um das Funktionieren der Währungsunion zu gewährleisten.

Eine „Ablehnung“ wäre von dem Rat auch nicht zu erwarten gewesen, denn zu seinen Mitgliedern gehören mehrere ausgesprochene Befürworter von Eurobonds wie der deutsche Wirtschaftsweise Peter Bofinger. Er bestätigt uns auf Anfrage, dass die Formulierung von dpa falsch ist. Unter den Autoren des Papiers herrsche keine Übereinstimmung darüber, ob die Einführung von Eurobonds wünschenswert sei; deshalb hätten sie sich auf die Kompromiss-Formulierung geeinigt, sie sei jedenfalls „nicht notwendig“. Das Papier weise ausdrücklich darauf hin, dass sich „einige Mitglieder“ für dauerhafte Eurobonds aussprechen. Er zähle sich auch dazu. Außerdem spreche sich das Papier für eine temporäre Gemeinschaftshaftung in Form des Schuldentilgungspaktes aus.

Wenn in dem Text also nicht steht, dass die Wissenschaftler Eurobonds ablehnen, warum behauptet die dpa das? (Die Agentur betonte in ihren Meldungen, dass ihr das Papier vorliege; es war zu diesem Zeitpunkt eh längst im Internet veröffentlicht.)

Auf unsere Anfrage räumt dpa-Nachrichtenchefin Iris Mayer ein, dass es sich bei der Formulierung um „eine Interpretation unsererseits“ handle. Die Darstellung sei „sprachlich verkürzt, inhaltlich finden wir sie aber durchaus angemessen“:

Durch das gesamte Gutachten der Ökonomen zieht sich als Grundtenor die Ablehnung einer langfristigen Transferunion, sie wird als nicht notwendig bezeichnet, im Begleitschreiben heißt es zusätzlich zur Begründung, sie würde falsche Anreize setzen.

(…) Da es sich bei dieser Position um die von Wissenschaftlern handelt, wäre es sicher besser gewesen, sprachlich neutral mit „halten für nicht notwendig“ zu formulieren, anstatt dem politisch einordnenden Reflex „lehnen ab“ zu unterliegen. Mit genau diesem Reflex hätten wir im übrigen eine Äußerung von Merkel „halte Eurobonds nicht für notwendig“ sehr wahrscheinlich verkürzt mit „Merkel hat Eurobonds erneut abgelehnt“ dargestellt.

Merkel ist aber auch bekanntermaßen eine Gegnerin von Eurobonds. Mehrere Autoren des Papiers konnten Eurobonds schon deshalb nicht „erneut“ ablehnen, weil sie sie gar nicht ablehnen.

Wäre es also nur „besser gewesen“, wenn die Nachrichtenagentur den Inhalt des Gutachtens richtig wiedergegeben hätte? Oder schlicht notwendig — angesichts der Tatsache, dass sich bekannte und erklärte Befürworter von Eurobonds unter den Autoren befinden und ihr Papier, anders als dpa behauptet, eben keine klare Ablehnung von Eurobonds enthält?

Was die Nachrichtenagentur dpa meldet, wird schnell zur Tatsache. Ihre Meldungen mit der Aussage, die 17 Ökonomen „lehnen eine langfristige Transferunion ebenso ab wie Eurobonds“ fanden sich u.a. in FAZ.net, „Zeit Online“, „Focus Online“, n-tv.de, stern.de, morgenpost.de, diepresse.com, „Handelsblatt“, ftd.de.

Die spezielle dpa-Behauptung übernahmen aber auch Medien in ihren (vermeintlich) eigenen Berichten, so etwa die „Rheinische Post“, „Frankfurter Neue Presse“ und „Kölner Express“.

Selbst die renommierte und als Wirtschafts-Autorität geltende „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ machte sich offenbar nicht die Mühe, das Originaldokument zu lesen, verließ sich auf die dpa-Zusammenfassung und stolperte nicht darüber, dass eine „Ablehnung“ angesichts der beteiligten Personen sehr überraschend gewesen wäre. In der FAZ erschien am Donnerstag ein Zeitungsartikel, der mit dem Kürzel eines Wirtschaftsredakteurs versehen war, und in dem es hieß:

Eine langfristige Transferunion lehnen die Ökonomen dagegen ebenso ab wie Eurobonds. Diese Positionen decken sich mit denen der deutschen Regierung.

Der zweite Satz zeigt, welche Kreise die dpa-Formulierung inzwischen gezogen hatte. Die Bundesregierung hatte nämlich zwischenzeitlich Stellung genommen zu dem Papier der 17 Ökonomen. Wiederum dpa gab die Aussagen des stellvertretenden Regierungssprechers Georg Streiter so wieder:

Streiter betonte, viele der Expertenpositionen deckten sich mit denen der Regierung, etwa die Ablehnung von Eurobonds oder einer langfristigen Transferunion.

Auf dem Umweg über die Antwort der Regierung fand die dpa-Interpretation sogar Einzug in den Dienst der Nachrichtenagentur Reuters, die am Mittwochmittag nun ebenfalls meldete:

Die Bundesregierung folgt zwar ausdrücklich die dramatischen Lagebeurteilung der Ökonomen nicht, sieht Übereinstimmung bei einigen Vorschlägen der Wissenschafter. Das gelte etwa in Hinblick auf die Ablehnung einer langfristigen Transferunion im Währungsraum und von Euro-Bonds.

Das war in der indirekten Rede womöglich noch korrekt, wenn auch irreführend. Anders als die Meldungen der Konkurrenz von AFP, die über die 17 Wissenschaftler und ihr Papier am Mittwochnachmittag dann ebenfalls schrieb:

Zugleich sprachen sie sich gegen eine Transferunion und gemeinsame Staatsanleihen aus.

Die dpa-„Interpretation“ dieses Teils des Gutachtens hat in der öffentlichen Darstellung in den deutschen Medien seinen tatsächlichen Inhalt fast vollständig verdrängt.

dpa  

Der Joker mit den roten Haaren

Auf Ereignisse, die sie nicht verstehen und einordnen können, reagieren Menschen häufig entweder mit Sprachlosigkeit oder mit extremer Redseligkeit und Aktionismus. Nun wären schweigende Radios und Fernseher und leere Zeitungen zwar eine willkommene Abwechslung, doch ihre Macher haben aus verschiedenen Gründen etwas dagegen — deswegen wird der Amoklauf in einem Kino im US-Bundesstaat Colorado am vergangenen Freitag jetzt mit der üblichen Nicht-Zurückhaltung medial verhandelt (s.a. „6 vor 9″).

Die Medien nehmen dabei jeden Krümel an vermeintlicher Information dankbar auf und verbreiten ihn weiter:

Der Polizeichef von New York, Raymond Kelly, sagte, der Verdächtige habe seine Haare rot gefärbt und gesagt, er sei der „Joker“, ein Bösewicht aus den „Batman“-Filmen und -Comicbüchern. „Das ist meines Wissens nach nicht wahr“, sagte hingegen der örtliche Polizeichef Dan Oates, erklärte aber mit Kelly gesprochen zu haben.

So berichtete die Nachrichtenagentur dapd in der Nacht zu Samstag, nachdem sie Kellys Aussage zuvor schon einige Male ohne die Replik der örtlichen Polizei getickert hatte.

Auch gibt es widersprüchliche Angaben darüber, wann und wem gegenüber sich der Täter so geäußert haben sollte — falls er sich überhaupt so geäußert hat. Aber so ein Detail, selbst wenn es sich als unwahr herausstellen sollte, ist für die Medien natürlich viel zu spektakulär, um es auszulassen.

Die Deutsche Presseagentur schrieb ab Samstagmittag ein paar Mal:

Der Todesschütze hatte sich Medienberichten zufolge die Haare rot gefärbt und sagte bei einer Vernehmung mit der Polizei aus, er sei der Batman-Bösewicht „Der Joker“.

Ab Sonntagnachmittag lautete der Satz in den dpa-Meldungen:

Medienberichten zufolge hatte er sich die Haar rot gefärbt, wie der Batman-Bösewicht „Der Joker“.

Der „Joker“ hat grüne Haare.

Mit Dank an Matthias.

dapd, dpa, ZDF  

Der Bergruf

Gestern wurden bei einem Lawinenabgang am Mont Blanc neun Bergsteiger getötet. Das ZDF hat zu diesem Thema deshalb heute Morgen im Morgenmagazin Arved Fuchs befragt, den Moderator Cherno Jobatey konsequent als „erfahrener Bergsteiger“ bezeichnete.

Fuchs sah in diesen Momenten immer ein bisschen gequält aus:


 
Arved Fuchs ist als Polarforscher, Expeditionsteilnehmer und „Abenteurer“ bekannt geworden — unter anderem durch die erste komplette Durchquerung des antarktischen Kontinents mit dem tatsächlichen Alpinisten Reinhold Messner. Im Porträt auf seiner offiziellen Website und in seinem Wikipedia-Eintrag finden sich keine Hinweise, dass Fuchs auch als Bergsteiger, „Extrembergsteiger“ gar, aktiv war.

Das disqualifiziert ihn nicht, im Frühstücksfernsehen den Massentourismus auf alpinen Gipfeln zu kritisieren, aber es macht ihn nicht zum Bergsteiger. Das hat die ZDF-Redaktion übernommen, die ihn auch in der Einblendung als solchen bezeichnet.

Übernommen haben dies die Nachrichtenagenturen dapd und dpa.

Kurz nach Fuchs‘ TV-Auftritt tickerte dapd:

Bergsteiger Arved Fuchs rät bei mangelnder Erfahrung von alpiner Trophäenjagd ab. „Niemand muss auf den Mont Blanc“, sagte er nach dem Lawinentod von neun Bergsteigern am Freitag im ZDF-„Morgenmagazin“.

Und dpa vermeldete:

Extrembergsteiger Fuchs kritisiert Massentourismus auf Gipfeln

Berlin (dpa) – Nach dem Lawinenunglück am Montblanc mit neun toten Bergsteigern hat der Abenteurer Arved Fuchs den Massentourismus auf alpinen Gipfeln kritisiert.

In einem weiteren Artikel am Mittag über den Lawinenabgang schrieb die Deutsche Presseagentur:

Kritik am Massentourismus auf alpinen Gipfeln kam vom Extrembergsteiger Arved Fuchs (59). „Die Natur wird degradiert zu einer Art Freizeitpark“, sagte der Deutsche am Freitag im ZDF-Morgenmagazin.

Bei der dpa ist der Fehler immerhin jemandem aufgefallen: Sie verschickte um 13.33 Uhr eine „Berichtigung“, in der sie Fuchs‘ Berufsbezeichnung in „Abenteurer“ bzw. „Polarfahrer und Abenteurer“ änderte. Bei zahlreichen Online-Medien, die die dpa-Meldung übernommen hatten, steht freilich immer noch „Extrembergsteiger“.

dapd hat den Fehler bisher nicht korrigiert.

Nachtrag, 18.50 Uhr: dapd hat nun auch eine Berichtigung des Fehlers verschickt.

dpa  

YouTube war das falsche Pferd

Heute hat das Landgericht Hamburg über eine Klage der Musikverwertungsgesellschaft GEMA gegen das Video-Portal YouTube entschieden. Das Urteil wurde mit Spannung erwartet, weil es grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet haben könnte.

Entsprechend hatte die Deutsche Presseagentur dpa zwei verschiedene Eil-Meldungen vorbereitet, um – je nach Ausgang des Verfahrens – möglichst schnell „auf dem Draht“ zu sein.

Und so verschickte die dpa um 13.40 Uhr diese Meldung:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil)
Landgericht: YouTube muss Musiktitel nicht aus dem Netz nehmen

Hamburg (dpa) – Das Video-Portal YouTube darf entgegen einer Klage der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema zwölf Musiktitel weiter in seinem Angebot bereitstellen. Dies entschied das Landgericht Hamburg am Freitag in erster Instanz. Dem Urteil wurde grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet beigemessen.

… und hatte damit exakt aufs falsche Pferd gesetzt, wie die Agentur vier Minuten später selbst zugeben musste:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil )
(Achtung)
Bitte verwenden Sie die Eil-Meldung nicht rpt nicht. Es wurde versehentlich eine vorbereitete unzutreffende Meldung gesendet. Sie erhalten in Kürze eine berichtigte Neufassung.

Eine weitere Minute später stellte dpa klar:

Internet/Musik/Urheberrecht/Prozesse/Urteile/
(Eil)
Landgericht: YouTube muss zwölf Musiktitel aus dem Netz nehmen

Hamburg (dpa) – Das Video-Portal YouTube muss zwölf von der Musik-Verwertungsgesellschaft Gema genannte Musiktitel aus seinem Angebot entfernen. Dies entschied das Landgericht Hamburg am Freitag in erster Instanz. Dem Urteil wurde grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Internet beigemessen. Ob Revision eingelegt wird, war zunächst unklar.

Doch diese vier bis fünf Minuten reichten offenbar aus, um zumindest bei „Spiegel Online“ das falsche Pferd ebenfalls zu satteln:

Gema-Prozess: YouTube darf Musiktitel im Netz lassen. Wegweisendes Urteil für Millionen Internetnutzer: Im Prozess der Gema gegen Youtube hat das Landgericht Hamburg für das Videoportal entschieden - zwölf strittige Musiktitel müssen nicht gelöscht werden. Der Richterspruch hat grundlegende Bedeutung für das Urheberrecht im Netz.

Aber auch dort ging alles recht schnell und so behauptet der Artikel inzwischen das Gegenteil — und wartet mit diesem Hinweis auf:

Anmerkung der Redaktion: In einer ersten Version dieses Artikels hieß es, YouTube sei nicht verpflichtet worden, Titel zu löschen. Dies war die falsche Information einer Nachrichtenagentur. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16.30 Uhr: Die dpa hatte noch mehr Pech: Tatsächlich hatte die Agentur um 13.39 Uhr zunächst die korrekte Eil-Meldung veröffentlicht, die aber noch den internen Vermerk „HOLD HOLD“ (für „noch nicht senden“) in der Überschrift trug. Beim Versuch, diese „verwirrende“ Version zu korrigieren, sei es dann zu dem „sehr ärgerlichen Fehler“ mit der gänzlich falschen Meldung gekommen, wie uns die dpa-Pressestelle erklärte.

Unterdessen geht die Verwirrung um das Gerichtsurteil weiter: Um 13.56 Uhr verschickte die Nachrichtenagentur AFP eine Berichtigung ihrer elf Minuten alten Eilmeldung:

EILMELDUNG
Berichtigt: YouTube darf sieben Videos nicht mehr zeigen
+++ YouTube darf sieben (statt zwölf) Videos nicht mehr zeigen +++

Hamburg, 20. April (AFP) – Im Rechtsstreit mit der Internetplattform YouTube hat das Landgericht Hamburg der deutschen Musikrechte-Gesellschaft Gema zum Teil Recht gegeben. YouTube dürfe sieben Musikvideos in Deutschland nicht mehr zugänglich machen, entschied der Richter Heiner Steeneck am Freitag. Fünf Videos dürfen weiter gezeigt werden.

Das stimmt in dieser Form auch nicht: In den fünf Fällen, in denen das Gericht die Klage der GEMA abgewiesen hatte, geschah dies aus formalen Gründen, wie der NDR berichtet. Es habe keine Grundlage mehr für eine Löschung gegeben, da die Songs bereits bei YouTube entfernt und nicht erneut hochgeladen worden seien.

dpa  

Nun könnte es konkret werden

„Unabhängig, zuverlässig und aktuell“, mit diesem Wahlspruch wirbt die Deutsche Presseagentur (dpa) für ihre Dienste.

Man kann ihr auch im Fall der Meldung zu Googles Online-Festplatte „GDrive“ nicht den Vorwurf machen, ihre Quellen nicht offenzulegen oder sich deren Ansichten zu eigen zu machen.

Andererseits stecken da derart viele Distanzierungen und Konjunktive in Text und Überschrift, dass es schon fast verwunderlich ist, dass dpa nicht noch ein paar Bauernregeln oder Astrologen zitiert:

Gerücht: Google startet Online-Festplatte GDrive schon im April

Berlin (dpa) – Seit Jahren ranken sich Gerüchte darum – nun könnte es konkret werden: Google wird möglicherweise seine Online-Festplatte GDrive schon Anfang April an den Start bringen, heißt es in einem bislang unbestätigten Bericht des Technologie-Blogs „GigaOm“. Ein Gigabyte an Daten wie Dokumente, Filme oder Musik sollen die Nutzer dann kostenlos online speichern und von überall aus abrufen können, heißt es unter Berufung gut informierter Personen. Die Software für den Cloud-Service solle ein ähnliches Interface haben wie Googles Dokumenten-Verwaltung GoogleDocs und als App vertrieben werden. Google wollte auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa keine Stellung zu dem Bericht nehmen.

Das für gewöhnlich gut informierte „Wall Street Journal“ hatte bereits 2006 von Plänen des Suchmaschinenspezialisten berichtet, einen Netzspeicher anzubieten – allerdings war bis heute nichts passiert. […]

[Hervorhebungen von uns.]

dpa  

Realitätssinn vermisst

In einer Volksabstimmung haben sich die Schweizer gegen eine Verlängerung des gesetzlichen Mindesturlaubs von bisher vier auf sechs Wochen ausgesprochen.

Die Deutsche Presseagentur (dpa) und mit ihr „Spiegel Online“, „Focus Online“, heute.de und zahlreiche andere Online-Medien schreiben dazu:

Die Gewerkschaften hatten argumentierten (sic), Arbeitnehmer bräuchten angesichts eines gestiegenen Leistungsdrucks mehr Zeit für Erholung. Nach der Niederlage sagte Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerkschaftsverbandes (SGV), die Abstimmenden hätten wohl „Realitätssinn“ gezeigt.

Nun erscheint es etwas paradox, dass der Direktor des Schweizerischen Gewerkschaftsverbandes den Wählern „Realitätssinn“ unterstellt, während die Gewerkschaften doch für eine Verlängerung der Urlaubszeit waren. Spontaner Sinneswandel? Resignation? Zerwürfnis?

Nö. Einfach ein klitzekleines Missverständnis: Zwar ist Hans-Ulrich Bigler Direktor des SGV, aber das ist der Schweizerische Gewerbeverband.

Im Kontext wird auch klarer, was Bigler mit „Realitätssinn“ meinte:

In den Augen von Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands (SGV), hätten die Schweizer „Realitätssinn“ bewiesen. „Die Arbeitnehmenden wollen flexibel sein bei der Einteilung ihrer Ferien.“ Lösungen seien in den Gesamtarbeitsverträgen zu erarbeiten, nicht in überflüssigen Gesetzen, sagte Bigler. Das deutliche Ergebnis zeige zudem, dass „die Schweiz im Vergleich mit Ländern wie Deutschland, Belgien und Frankreich kein Feriendefizit hat“.

Mit Dank an Jan W.

Nachtrag, 22.35 Uhr: dpa hat eine korrigierte Fassung der Meldung verschickt.

Bild, dpa, KNA  etc.

Selbsterfüllende Moslem-Prophezeiung

Die Katholische Nachrichtenagentur KNA hatte es besonders eilig. Keine zehn Minuten, nachdem die „Bild“-Zeitung in ihrer Online-Ausgabe über eine ihr exklusiv vorliegende Studie des Bundeninnenministeriums berichtet hatte, verbreitete die KNA in einer eigenen Meldung die „Bild“-Behauptungen ungeprüft weiter.

Die Agentur verfügte zu diesem Zeitpunkt allem Anschein nach über keinerlei eigene Informationen, was die Studie „Lebenswelten junger Muslime“ herausgefunden hatte oder auch nur, was genau ihr Gegenstand war. Die KNA-Meldung beruht vollständig und ausschließlich aus dem, was die „Bild“-Zeitung behauptete, und macht es sich zu eigen, bis hin zur Überschrift: „Studie: Viele junge Muslime sind gegen Integration“

Dies ist die Geschichte, wie „Bild“ vorab die Studie über „Lebenswelten junger Muslime in Deutschland“ zugespielt wurde, wie das Blatt sie nutzte, um Stimmung gegen Muslime in Deutschland zu machen, und wie andere Medien dabei zu Komplizen wurden. Ein Lehrstück.

Wolfgang Frindte, einer der Autoren der Studie, formulierte im Nachhinein seine Fassungslosigkeit über die Rezeption der Untersuchung so:

Manche Journalisten suchen sich bei komplexen Dingen das heraus, was spannend ist und in die Philosophie des Mediums passt. In unserem Team hat es nach der Veröffentlichung in einer Boulevardzeitung große Entrüstung gegeben, sogar Verzweiflung. Da wurde ein Detail der Studie auf eine Weise in die Öffentlichkeit getragen, dass sich die von uns befragten Muslime missbraucht fühlen könnten — das ist traurig. Und wir haben uns in den vergangenen drei Tagen ziemlich alleingelassen gefühlt.

Der Psychologe Peter Holtz, ebenfalls einer der Autoren der Studie, schildert auf „Spiegel Online“, wie er drei Jahre lang Gespräche mit jungen Musliminnen und Muslimen führte, und wie skeptisch die ihm teilweise gegenüber traten.

Ein jüngerer Diskussionsteilnehmer sagte (…): „Egal was Ihr wollt und egal was Ihr macht, letztendlich heißt es doch wieder so und so viele Muslime sind radikal und wollen sich nicht integrieren.“ Spätestens ab diesem Zeitpunkt wurde es für mich auch zum Ziel, diesen Menschen, über die in Deutschland so viel geredet wird und mit denen so wenig geredet wird, durch meine Arbeit eine Stimme zu geben.

Er hat dieses Ziel nicht erreicht. Es kam die „Bild“-Zeitung dazwischen. Jemand hatte ihr die Studie schon vorab zugesteckt. Bild.de machte aus ihr eine „Schock-Studie“. Und „Bild“ am nächsten Tag die Schlagzeile:

Studie belegt: Jeder fünfte Muslim in Deutschland will sich nicht integrieren

„Bild“ behauptete:

Gut 20 Prozent aller Muslime in Deutschland lehnen eine Integration ab. Besonders radikal sind junge Muslime ohne deutschen Pass.

Das ergibt eine Studie des Bundesinnenministeriums, die BILD exklusiv vorliegt. Laut der Untersuchung lehnt jeder vierte nichtdeutsche Muslim Integration ab, ist tendenziell gewaltbereit und stellt westliche Werte in Frage.

In den nächsten Stunden übernahmen die Nachrichtenagenturen den verzerrten „Bild“-Blick auf die Studie.

dpa:

Jeder vierte nichtdeutsche Muslim lehnt Integration ab

dapd:

Studie: Ein Viertel aller junger Muslime nicht integrationswillig

AFP:

Ein Viertel aller jungen Muslime ohne deutsche Staatsbürgerschaft ist einer Studie im Regierungsauftrag zufolge latent gewaltbereit und nicht an Integration in Deutschland interessiert.

Später am Abend war die Studie immer noch nicht öffentlich. Die „Schock-Studien“-Interpretation von „Bild“ bildete weiter die alleinige Grundlage für die Auseinandersetzung mit ihr. Die Agentur dpa verbreitete, dass der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ gesagt habe, die hohe Zahl nicht integrierter und auch nicht integrationswilliger Muslime sei „erschreckend“.

Die evangelische Agentur epd kam spät, war aber auch nicht schlauer, als sie am Donnerstagmorgen meldete:

Rund ein Fünftel der Muslime will sich offenbar nicht in Deutschland integrieren. Das geht laut „Bild“-Zeitung (Donnerstagsausgabe) aus einer noch unveröffentlichten Studie des Bundesinnenministeriums hervor.

Erst um 12:21 Uhr brachte sie eine längere Meldung, die sich erstmals von der „Bild“-Perspektive löst und differenziert über die Studienergebnisse berichtet:

Studie: Mehrheit deutscher Muslime für Integration – Teil junger Muslime hat jedoch radikale Einstellungen

In der Meldung findet sich auch der folgende Absatz, der angesichts der gerade demonstrierten medialen Reflexe besonders bemerkenswert ist:

Gemein ist den in Deutschland lebenden Generationen von Muslimen laut einer Auswertung von Interviews, dass sie eine Pauschalverurteilung der Muslime als Terroristen und eine vorschnelle Verknüpfung des Islam mit dem Terrorismus erleben. Eine stark negative Rolle wird demnach auch den Medien zugeschrieben, die aus Sicht der Befragten oft negativ und undifferenziert berichteten. Insgesamt fühlen Muslime sich in Deutschland wohl, auch wenn sie die deutsche Bevölkerung oft als distanziert und abweisend erlebten.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hatte inzwischen die Studie selbst vorgestellt, so dass sich die Gelegenheit zu einem differenzierteren, nicht von „Bild“ verzerrten Blick auf ihre Ergebnisse ergab. Genau umgekehrt stellte es dpa in einer Meldung vom Donnerstagnachmittag dar und behauptete:

Kaum ist die Studie des Bundesinnenministeriums über junge Muslime bekanntgeworden, sieht sich Ressortchef Friedrich veranlasst, sie zu relativieren: Kein Generalverdacht gegen junge Andersgläubige.

So ist das also für dpa: Das „Bild“-Zerrbild der Studie ist die Wahrheit, und der genaue Blick auf die Studie ist eine Relativierung ihrer Ergebnisse.

Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger warnte ebenfalls am Donnerstagnachmittag vor verkürzten Interpretationen:

„Ich warne davor, aus einer wissenschaftlichen Studie nur Schlagzeilen zu produzieren. (…) Wir sollten die Vorurteile der Vergangenheit und althergebrachte Reflexe endlich hinter uns lassen. Wir brauchen keine Debatte, die ein Zerrbild des Einwanderungslandes Deutschland vermittelt.“

„Bild“ fühlte sich — sicher nicht zu unrecht — gemeint und machte Leutheusser-Schnarrenberger dafür am Freitag zum „Verlierer des Tages“ (Ausriss rechts).

Am selben Tag zeigte die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, was man überraschendes entdecken kann, wenn man die Studie tatsächlich liest. Auf Seite 399 betonen die Forscher den Zusammenhang: Wer sich als nichtintegrierbar wahrgenommen fühle, fühle sich auch nichtintegrierbar. Und auf Seite 277 steht folgender Warnhinweis:

Was für ein Schock: Die Zahlen der „Schock-Studie“ über junge Muslime sind nicht repräsentativ.

Aber noch einmal zurück zum Mittwochnachmittag, als Bild.de zum ersten Mal über die Untersuchung berichtete. Der Innenminister hatte der „Bild“-Zeitung für ihre Vorabveröffentlichung ein Zitat gegeben, das deren Interpretation als „Schock-Studie“ stützte und ergänzte:

„Deutschland achtet die Herkunft und kulturelle Identität seiner Zuwanderer. Aber wir akzeptieren nicht den Import autoritärer, antidemokratischer und religiös-fanatischer Ansichten.“

Am Donnerstagabend stellte sich Friedrich im „heute journal“ den Fragen von Marietta Slomka:

Friedrich: Die Studie hat 760 Seiten und sagt auf 760 Seiten, dass es um sehr viele komplexe Fragestellungen geht. Und es wäre sicher falsch, eine spezielle Randerscheinung rauszugreifen.

Slomka: Aber genau das ist jetzt natürlich geschehen, weil Sie oder Ihr Sprecher oder sonst jemand in Ihrem Ministerium diese Studie vorab, bevor sie veröffentlicht wurde, an die „Bild“-Zeitung weitergegeben hat. Daraus wurde dann prompt eine „Schock-Studie“.

Friedrich: Also, diese Studie ist nicht aus meinem Haus herausgegeben worden. Sie ist heute veröffentlicht worden. Sie ist heute auch ins Internet gestellt worden. Und kann von jedem eingesehen werden.

Slomka: Nachmittags. Die „Bild“-Zeitung hatte sie schon gestern.

Friedrich: Ja, das weiß ich nicht, müssen Sie die „Bild“-Zeitung fragen, woher sie sie hat. Von mir nicht. (…)

Slomka: Aber auch Sie haben sich in den Zitaten, die Sie abgegeben haben, gegenüber der „Bild“-Zeitung, sehr stark auf diese eine Untergruppe konzentriert, die nicht integrationswillligen Muslimen. Die werden dadurch in den Fokus gerückt. Was nicht gesagt wird, und worauf nicht die Betonung liegt, ist, dass die allermeisten Muslime zum Beispiel strikt gegen islamistischen Terrorismus sind und sich alle sehr unter Generalverdacht fühlen. Wird das nicht durch eine solche Veröffentlichung in der Form eher noch wieder verstärkt?

Man könnte das als rhetorische Frage betrachen.

PS (Nachtrag, 16:40): Auch Marietta Slomka wurde wegen ihrer Kritik von „Bild“ zum „Verlierer des Tages“ erklärt:

Blättern:  1 ... 3 4 5 ... 11