Archiv für Die Zeit

Julian Reichelt veröffentlicht E-Mails anderer Leute

Hier sehen wir, was passiert, wenn man es wagt, sich mit „Bild“ anzulegen.

Die Journalistin Petra Sorge hat es gewagt. Sie schrieb einen Artikel, in dem es auch um Kritik an der Berichterstattung des Boulevardblatts geht. Daraufhin verfasste „Bild“-Oberchef Julian Reichelt zahlreiche Tweets über Sorge, er veröffentlichte E-Mails von ihr, eine Kampagne ging los. Es sieht aus wie ein Versuch, Leute abzuschrecken, die kritisch über „Bild“ berichten wollen.

Um diese Passage geht es:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: „Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.“ Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“ Der Springer-Verlag hingegen teilt mit, es gebe keinen Anlass, den Artikel online zu korrigieren. Die Aussagen des Staatsanwalts seien „rein spekulativ“, seine Behörde habe die Bild dazu niemals kontaktiert, erklärte ein Pressesprecher.

Der Absatz stammt aus einem Text der „Zeit“, aktuelle Ausgabe. Petra Sorge schreibt dort über Günter Lubitz. Dessen Sohn, Andreas Lubitz, hat als Co-Pilot ein Flugzeug in den französischen Alpen bewusst zum Absturz gebracht. Insgesamt starben 150 Menschen. Über Sorges Text hatten wir am Donnerstag bereits etwas gebloggt.

Auf die oben zitierte Passage hat sich gestern „Bild“-Chefchef Reichelt eingeschossen. Über mehrere Tweets verteilt richtete er sich an Petra Sorge und die „Zeit“:

Die drei Screenshots, die Reichelt Tweet Nummer eins angehängt hat, sind: eine Stellungnahme des „Springer“-Verlags auf eine Anfrage von Petra Sorge und zwei Mails, die Sorge während ihrer Recherche an den Düsseldorfer Staatsanwalt Christoph Kumpa geschickt hatte. Kumpa ist zuständig für die Ermittlungen im Fall Lubitz. Julian Reichelt veröffentlicht also nicht-öffentliche, vertrauliche E-Mails einer Journalistin eines anderen Mediums, die nicht an ihn gerichtet waren und die er sich irgendwie beschafft hat.

Petra Sorge ärgerte sich, ebenfalls bei Twitter, über die „massive Indiskretion“ Reichelts:

Bei der Frage, durch wen Reichelt an die Mails gekommen ist, die Sorge an Staatsanwalt Kumpa geschickt hat, scheidet sie als mögliche Kandidatin also schon mal aus. Nach dem Ausschlussprinzip bleiben dann nicht mehr viele Personen übrig, die die Nachrichten weitergeleitet haben können.

Abgesehen von Julian Reichelts ausgesprochen fragwürdiger Methode, fremde E-Mails zu veröffentlichen, sind die Vorwürfe, die er erhebt, recht merkwürdig. Da ist etwa seine Faszination für Petra Sorges Versuch, etwas möglichst genau zu recherchieren, damit sie es im Indikativ schreiben kann. Ein solcher Versuch ist Reichelt anscheinend so fremd, dass er ihn extra noch einmal herausstellt.

Auch der Vorwurf, dass Petra Sorge eine „Springer“-Stellungnahme weggelassen habe, ist süß. Die längere „Zeit“-Passage am Anfang dieses Blogposts zeigt schließlich, dass die Position des Verlags zur Aussage von Staatsanwalt Kumpa immerhin mehrere Zeilen Platz bekommen hat.

Im Laufe der gestrigen Twitter-Diskussion, nachdem sich auch „Zeit“-Journalist Holger Stark eingeschaltet hatte, wurde etwas klarer, was Julian Reichelt meint, wenn er schreibt, Petra Sorge habe „unsere Stellungnahme dazu“ weggelassen: Er hätte es wohl gern gesehen, dass die „Zeit“ eine ganz bestimmte Passage daraus zitiert. Dass Medien außerhalb der „Bild“-Gruppe ohne seine Einwilligung entscheiden dürfen, was sie zitieren (und was nicht) — damit muss Julian Reichelt wohl zurechtkommen.

Interessant ist, dass er in seinem Ursprungstweet noch die Position von Günter Lubitz erwähnt, verbunden mit dem Vorwurf an Petra Sorge, dass sie „weggelassen“ habe, dass „Herr Lubitz schlicht falsche Tatsachen behauptet hat.“ In einer der Mails von Sorge, die Reichelt veröffentlich hat, schreibt sie:

(…) und nun hat mir Herr Lubitz bezüglich des BILD-Interviews gesagt:

„Diese angebliche ‚Freundin‘ ist eine Erfindung.“ Er sagt, das hätten auch Sie („der Düsseldorfer Staatsanwalt Kumpa“) ihm im Beisein von Zeugen bestätigt.

Das Lubitz-Zitat aus der E-Mail stammt aus der Recherche zum „Zeit“-Artikel. Schaut man sich den letztlich gedruckten Text noch einmal an, sieht man, dass diese Aussage von Günter Lubitz dort gar nicht vorkommt. Warum also aufschreiben, dass dieser möglicherweise irgendwann mal „falsche Tatsachen behauptet hat“, die für die Geschichte aber gar keine Rolle spielen? Nirgends im Artikel gibt es den Vorwurf, dass „Bild“ die Frau erfunden habe. Es wird lediglich der Staatsanwalt zitiert, der der Meinung ist, dass die Geschichte der Frau nicht stimme:

Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“

Sorge schreibt auch nirgends, dass wahr sei, was Staatsanwalt Christoph Kumpa sagt. Stattdessen darf ein „Springer“-Sprecher direkt im Anschluss widersprechen. Petra Sorge bildet also zwei verschiedene Meinungen zu einem Aspekt ab. Anstatt den Absender der Nachricht, die ihm nicht passt, anzugreifen, attackiert Julian Reichelt lieber die Überbringerin.

Und damit war noch längst nicht Schluss. In 23 weiteren Tweets (Stand: Sonntag, 21:56 Uhr) legte der „Bild“-Chef nach. Er erwähnte noch einmal, dass Sorge das „Springer“-Statement „verschwiegen“ habe. Er veröffentlichte eine weitere E-Mail von Petra Sorge. Zwischendurch war er sprachlos und schrieb darüber. Er erwähnte ein weiteres Mal, dass Sorge das „Springer“-Statement „verschwiegen“ habe. Er veröffentlichte noch eine E-Mail von Petra Sorge. Er konstruierte einen „Interessenkonflikt!“, weil Tim van Beveren, der das Gutachten für die Familie Lubitz erstellt hat, und Petra Sorge mal im derselben Stadt waren Petra Sorge mal in einem Artikel auf seiner Website verteidigt hat. Er grub einen anderthalb Jahre alten Tweet von Sorge aus. Er kam noch einmal darauf zurück, dass Sorge das „Springer“-Statement „verschwiegen“ habe. Viele dieser und seiner anderen Tweets wurden von verschiedenen „Bild“-Regionalredaktionen retweetet. Und auch der „Bild“-Hauptaccount schickte eine Vielzahl von Reichelts Nachrichten über Petra Sorge an seine 1,58 Millionen Follower. Kampagnenjournalismus funktioniert auch bei Twitter.

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„Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist“

Morgen jährt sich zum zweiten Mal der Absturz des „Germanwings“-Flugs 4U9525. 150 Menschen sind damals in den französischen Alpen ums Leben gekommen, darunter auch Co-Pilot Andreas Lubitz, der die Maschine bewusst zum Absturz gebracht haben soll. Während viele der Hinterbliebenen sich treffen und gemeinsam trauern werden, werden Lubitz‘ Eltern in Berlin bei einer eigens organisierten Pressekonferenz sitzen. Sie wollen ein Gutachten präsentieren, in dem es um Zweifel an den offiziellen Ermittlungen zur Absturzursache gehen soll.

In der „Zeit“ von heute ist ein lesenswertes Stück von Petra Sorge zum Thema erschienen (hier eine Zusammenfassung von „Zeit Online“). Sie hat sich mit Günter Lubitz, dem Vater von Andreas, getroffen und mit ihm über verschiedene Gutachten, Vorwürfe gegen die Staatsanwaltschaft, seine Motivation gesprochen:


Der Text handelt auch von der Berichterstattung rund um den „Germanwings“-Absturz. Es geht um ein brennendes Grab, um herumschleichende Reporter, um möglicherweise erfundene Interviewaussagen. Es geht vor allem um die „Springer“-Blätter „Bild“ und „Welt am Sonntag“.

***

Da ist zum Beispiel der „Bild“-Bericht über das Grab von Andreas Lubitz. In der Print-Ausgabe und online hatten die „Bild“-Redaktionen Ende Juni 2015 groß auf der Titel- beziehungsweise Startseite über die Beerdigung des „Germanwings“-Co-Piloten berichtet …


… und dabei auch dessen Grab, niedergelegte Kränze, letzte Grüße von Freunden gezeigt.

Petra Sorge schreibt in ihrem „Zeit“-Artikel:

Kurz nach der Beerdigung von Andreas Lubitz gelangte ein Reporter auf den Friedhof. Er fotografierte das Grab: Kränze, die letzte Widmung der Familie. Bild veröffentlichte das Foto. Kurze zeit später setzte jemand das Grab in Brand. Der Brandstifter wurde nie gefunden.

Wegen der Veröffentlichung des Fotos folgte ein Gerichtsverfahren, das noch immer nicht endgültig entschieden ist. Inzwischen liegt der Fall beim Bundesgerichtshof:

Das Kammergericht Berlin untersagte den Abdruck des Fotos schließlich, mit der Begründung, die Berichterstattung stelle „einen schwerwiegenden Eingriff in die Persönlichkeitsrechte“ der Kläger dar. Der Springer-Verlag hat Nichtzulassungsbeschwerde eingelegt. Über die Frage von Pietät, Persönlichkeitsrecht und Grenzen der Pressefreiheit muss nun der Bundesgerichtshof entscheiden.

Nun kann man über einen direkten Zusammenhang von Bericht und Feuer nur mutmaßen. Die Tatsache aber, dass „Bild“ und Bild.de trotz des Brandes und der möglichen Gefahr einer weiteren Brandstiftung im vergangenen August wieder mit großen Fotos über das Grab von Andreas Lubitz und den neuen Grabstein dort berichtet haben, wird vor diesem Hintergrund noch ekliger als es eh schon ist.

***

Direkt im Anschluss schreibt Petra Sorge:

Günter Lubitz hat lange überlegt, ob er mit der ZEIT sprechen soll. Mehrmals stand das Treffen auf der Kippe, besonders nachdem im Februar zwei Journalisten nahe dem Haus waren und danach behauptet hatten, die Familie habe sich erstmals öffentlich geäußert. Diese aus dem Zusammenhang gerissene „Äußerung“ stammte aus einem Antwortschreiben, mit dem Günter Lubitz schon im November 2016 auf die Bitte um ein Interview reagiert hatte.

Bei den „zwei Journalisten“ dürfte es sich um Mitarbeiter der „Welt am Sonntag“ handeln. Die Wochenzeitung hatte vor gut einem Monat, am 26. Februar, vier Seiten über den „Germanwings“-Absturz veröffentlicht. In dem langen Text findet sich auch diese Passage:

Erstmals überhaupt haben sich die Eltern nun zu Wort gemeldet. Auf Anfrage der „Welt am Sonntag“ schrieben sie: „Zum Absturz des Germanwings-Fluges 9525 ergeben sich auch für uns noch viele unbeantwortete Fragen, merkwürdige Sachverhalte und Zweifel am bisher kommunizierten Unfallhergang. Wir sind momentan selber noch am Recherchieren.“ Zu dem „völlig falsch gezeichneten Bild“ ihres Sohnes wollen sie sich momentan aber noch nicht äußern.

Ein „Unfallhergang“? Ein „völlig falsch gezeichnetes Bild“ ihres Sohnes?

Aus einer E-Mail-Absage auf eine Interview-Anfrage vom November 2016 macht die „Welt am Sonntag“ im Februar 2017 also die exklusive Nachricht, dass Lubitz‘ Eltern sich „erstmals überhaupt“ geäußert hätten.

„Bild“ und Bild.de griffen das Thema direkt auf:


Franz Josef Wagner schrieb einen Brief an die Eltern von Andreas Lubitz.

***

Der dritte Abschnitt im „Zeit“-Artikel zur Berichterstattung über die „Germanwings“-Katastrophe ist der brisanteste. Es geht um ein Interview von „Bild“-Reporter John Puthenpurackal aus dem März 2015:



Die Aussagen der angeblichen „Ex-Freundin“ über Lubitz‘ angebliche Ausraster und seine angeblichen Ankündigungen waren nur wenige Tage nach dem Unglück entscheidende Bausteine bei der medialen Konstruktion eines Psychogramms.

„Bild“ schreibt in dem Artikel:

Die Stewardess Maria W. (26) war eine zeitlang die Freundin von Todes-Pilot Andreas Lubitz (27).

Fünf Monate lang flogen sie im vergangenen Jahr zusammen durch Europa und übernachteten heimlich gemeinsam in Hotels.

BILD-Reporter John Puthenpurackal hat ihre Identität überprüft. Er ließ sich u.a. ein Foto zeigen, das die Stewardess und den Amok-Piloten bei einem Flug in derselben Crew zeigt.

Wir haben den Namen auf ihren Wunsch geändert, sie so fotografiert, dass sie nicht erkannt werden kann. In BILD spricht jetzt die Frau, die diesem Mann sehr, sehr nah war.

Trotz Identitätsprüfung durch Reporter Puthenpurackal und Foto-zeigen-lassen glaubt Staatsanwalt Christoph Kumpa laut „Zeit“ inzwischen, dass die Aussagen in dem „Bild“-Artikel erfunden seien. Petra Sorge schreibt:

Und dann ist da die Sache mit der angeblichen Ex-Freundin seines Sohnes, der Stewardess Maria W. Bild druckte im März 2015 ein Interview mit ihr, wonach Andreas Lubitz angekündigt haben soll: „Eines Tages werde ich etwas tun, was das ganze System verändern wird, und alle werden dann meinen Namen kennen und in Erinnerung behalten.“ Maria W. habe sich wegen seiner Probleme von ihm getrennt: „Er ist in Gesprächen plötzlich ausgerastet und schrie mich an. Ich hatte Angst. Er hat sich einmal sogar für längere Zeit im Badezimmer eingesperrt.“ Das Interview schien genau jenes Puzzleteilchen zu liefern, das noch fehlte zum Bild eines Wahnsinnigen. Als die Staatsanwaltschaft einen Zeugenaufruf startete, meldete sich aber keine Maria W. Staatsanwalt Kumpa erklärt jetzt auf ZEIT-Anfrage: „Ich gehe davon aus, dass ihre Geschichte erfunden ist.“

„Bild“ wehrt sich im „Zeit“-Artikel gegen diesen Vorwurf.

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Wenn Sprache die Wirklichkeit besiegt

Am Montag haben wir gezeigt, dass die Ansprache „Herr Professorin“, die angeblich an der Uni Leipzig eingeführt werden soll, einzig und allein eine Erfindung von „Spiegel Online“ ist – und nichts mit der tatsächlichen Entscheidung der Uni zu tun hat.

Einige Medien haben es aber immer noch nicht kapiert.

Die „Aachener Zeitung“ schrieb am Mittwoch unter der Überschrift „Guten Tag, Herr Bürgermeisterin“:

An der Universität Leipzig müssen sich männliche Dozenten künftig „Herr Professorin“ schimpfen. Kein Scherz.

Auch kein Scherz: Im ZDF-morgenmagazin wurde am Dienstag im „richtig oder falsch“-Gewinnspiel die Frage gestellt, ob sich die Ansprache an der Uni Leipzig in „Herr Professorin“ ändern werde. Die „moma“-Tassen gab es dann für die Antwort „richtig“.

Und in einem Blogeintrag der „Leipziger Volkszeitung“ findet sich dieser schöne Schlusssatz:

Putzende Jungs wären auf jeden Fall ein stärkeres Zeichen für Geschlechtergerechtigkeit im Alltag als ein Wissenschaftler, der sich mit „Herr Professorin“ ansprechen lassen muss.

Und so gibt es immer noch Journalisten (und Journalistinnen), die sich über etwas lustig machen, das niemand (!) jemals (!) in Erwägung gezogen hat.

Besonders bescheuert aber sind jene Geschichten, in denen die Journalisten das Kunststück vollbringen, den Sachverhalt sowohl richtig als auch falsch wiederzugeben.

So heißt es im Feuilleton der aktuellen „Zeit“:

[…] das generische Femininum soll in der neuen Verfassung der Alma Mater verankert werden. Damit seien, so versichern Fußnoten, alle gemeint, Frauen wie Männer.

Das stimmt. Endlich mal. Und doch schafft es die „Zeit“, noch im selben Satz wieder alles kaputt zu machen:

In Leipzig wird es bald „Herr Professorin“ heißen […].

Ein paar Sätze später heißt es:

In Leipzig etwa, wo es bald „Herr Professorin“ heißt […].

Die „Rheinische Post“ machte es nicht besser und schrieb am Montag:

[…] in der Grundordnung der Universität soll künftig nur noch die weibliche Personenbezeichnung stehen. Eine Fußnote ergänzt, dass diese Bezeichnung sowohl für Personen männlichen als auch weiblichen Geschlechts gilt.

Das ist korrekt. Im Gegensatz zu dem Unsinn, der im nächsten Satz folgt:

In Leipzig lehrt also der Herr Professorin den Herrn Studentin demnächst die Germanistik.

Die „Bunte“ hat derweil mal richtig auf den Putz:DIE SPINNEN, DIE SACHSEN! - Die Uni Leipzig hat die Einführung der einhitlichen Bezeichnung für Professoren beider Geschlechter beschlossen - und die neue Hochschulverfassung sieht nur noch weibliche Bezeichnungen vor! "Herr Professorin" heißen dann offiziell auch Männer. Die Leipziger Hochschuldirektorin Beate Schücking geht aber davon aus, dass Studenten ihren Professor auch in Zukunft mit "Herr Professor" anreden. Ja, was soll das Ganze dann?

Und auch die „Stuttgarter Zeitung“ schafft es in einer verschwurbelten Kolumne, Realität und Fiktion bedenkenlos zu verquicken:

[An der Leipziger Universität] hat ein Senatsbeschluss für die neue Verfassung den Professoren männlichen Geschlechts zumindest sprachlich den Garaus gemacht. Sie werden nun alle als Professorinnen geführt, auch wenn das, wie die Rektorin jetzt verkündet, keine Auswirkung im alltäglichen Umgang haben wird. Trotzdem gilt: So besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Die Kolumne trägt den Titel: „Grüß Gott, Herr Professorin“. Tja – so besiegt man mit Sprache die Wirklichkeit.

Wir haben am Donnerstag bei „Spiegel Online“ nachgefragt, warum die irreführende Überschrift, auf der dieser ganze „Herr Professorin“-Quatsch beruht, immer noch nicht geändert wurde.

„Spiegel Online“ antwortete uns:

[…] die Zeile „Guten Tag, Herr Professorin“ ist keine Nachrichtenüberschrift, sondern lediglich unser Versuch, humorvoll mit dem Thema der verweiblichten Grundordnung der Universität Leipzig umzugehen. Als Überschrift ist sie eine Anspielung auf die häufig verwendete Formulierung „Frau Professor“. Ähnlich wie die Uni Leipzig in ihrer neuen Grundordnung haben wir die Geschlechterrollen für die Überschrift spielerisch vertauscht und eine Zeile gewählt, die leider mehrfach missverstanden und abgeschrieben wurde. Ein Grund, die Überschrift zu ändern, ist das nicht. Darüber hinaus wurde im Text sowohl das Verfahren als auch die künftige Verwendung der Begriffe genau beschrieben.

Soso.

Die ganze Aufregung um die Entscheidung der Leipziger Uni wirkt noch viel absurder, wenn man sieht, dass an der Universität Karlsruhe schon vor einigen Jahren das generische Femininum eingeführt wurde. Dort ist seither nicht von „Studenten“ die Rede, sondern ausschließlich von „Studentinnen“. Zumindest in der Studien- und Prüfungsordnung (PDF) des Studiengangs Maschinenbau.

Übrigens: Auch die Entscheidung aus Leipzig ist eigentlich keine Neuigkeit mehr. Schon im Dezember 2011 berichteten die „Leipziger Volkszeitung“ (PDF) und die Leipziger Hochschulzeitung „student!“ über die Pläne des Senats. Einen Aufschrei gab es damals nicht.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 16. Juni: Wie uns einige Leser mitgeteilt haben, hat das „Morgenmagazin“ seinen Fehler am nächsten Tag richtiggestellt. Und „Spiegel Online“ hat den Teaser schon vor der Veröffentlichung unseres Eintrags geändert. Statt „setzt [die Uni Leipzig] nur noch auf weibliche Bezeichnungen“ heißt es jetzt: „setzt [die Uni Leipzig] in ihrer Grundordnung nur noch auf weibliche Bezeichnungen“.

Manche haben es aber immer noch nicht kapiert.