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Presserat missbilligt MH17-Opferfotos

Der Beschwerdeausschuss des Presserats hat sich heute mit den Fotos der MH17-Opfer beschäftigt, die im Juli von einigen deutschen Medien veröffentlicht wurden (BILDblog berichtete). 30 Beschwerden waren dazu beim Presserat eingegangen.

Grundsätzlich seien „Abbildungen von Opfern in der Regel nicht mit dem Opferschutz nach Ziffer 8, Richtlinie 8.2 vereinbar“, schreibt das Gremium in einer Pressemitteilung. Ursula Ernst, Vorsitzende des Ausschusses, sagte:

Die Argumentation einiger Medien, den Opfern ein Gesicht zu geben, ist nachvollziehbar, dennoch: Nur weil jemand zufällig Opfer eines schrecklichen Ereignisses wird, darf er nicht automatisch mit Foto in der Presse gezeigt werden.

So erhielt Bild.de eine Missbilligung für diesen Artikel:

(Alle Verpixelungen von uns.)

Das Portal hatte 100 Opfer des Unglücks gezeigt und viele Details aus ihrem Privatleben genannt. Doch: „Ein öffentliches Interesse am Abdruck dieser Bilder bestand nicht“, so der Presserat.

Auch die Print-“Bild“ wurde kritisiert, bekam aber nur einen sogenannten „Hinweis“.

Der „Spiegel“ kassierte eine Missbilligung — für diese Titelseite:


Nach Ansicht des Presserats wurden die Opferfotos „für eine politische Aussage instrumentalisiert.“ Damit sei auch hier der Opferschutz verletzt worden.

Ebenfalls kritisiert wurden die Beiträge des „Stern“ …

… und von Bunte.de:

Beide Medien bekamen aber nur einen „Hinweis“ — weil die Darstellung „weniger detailliert“ sei, argumentierte der Ausschuss.

In weiteren Beschwerden ging es um Fotos vom Trümmerfeld, auf denen auch Leichenteile zu erkennen waren. Diese Fotos seien nicht unangemessen sensationell, urteilte der Ausschuss:

Die Fotos dokumentieren eindringlich die schreckliche Dimension und die Folgen des Ereignisses. Sie sind noch akzeptabel, da kein Opfer erkennbar ist und die abgebildeten Situationen nicht unangemessen in der Darstellung hervorgehoben werden.

Zeitschrift mit Verfallsdatum (2)

So sieht die vorige Ausgabe der „Bunten“ aus, wenn man sie sich als e-Paper kauft.

Ursprünglich wurde auf dem Cover eine Geschichte angekündigt, in der das Blatt über einen angeblichen Krach in der Familie von Joachim Gauck spekulierte.

Auch im Innenteil ist der Artikel inzwischen deutlich weniger farbenprächtig:




Offenbar ist jemand aus der Familie des Bundespräsidenten gegen das Blatt vorgegangen.* Und es ist bei Weitem nicht das erste Mal, dass die „Bunte“ juristischen Ärger bekommt: In mindestens zehn Ausgaben musste die Zeitschrift in diesem Jahr schon Artikel schwärzen. Zu ihren Opfern gehörten allemöglichen Promis, von Lukas Podolski über Corinna Schumacher und die monegassische Fürstenfamilie bis hin zu Katrin Göring-Eckardt.

Jetzt also auch Familie Gauck. Und — Martin Semmelrogge:

Siehe auch:

*Korrektur, 8. September: Wir hatten zunächst geschrieben, dass es offenbar Joachim Gauck selbst war, der gegen die Berichterstattung vorgegangen ist. Das stimmt aber nicht. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Der deutsche Boulevard zu Clooney: Ja, ja, deine Mudder

George Clooney sagt, er sei es gewohnt, dass die britische Zeitung „Daily Mail“ Geschichten über ihn erfindet und Lügen über ihn verbreitet. Aber diese eine wollte er nicht hinnehmen, ohne laut zu widersprechen. Die „Daily Mail“ hatte geschrieben, dass die Mutter seiner Verlobten Amal Alamuddin aus religiösen Gründen gegen ihre Heirat sei. Sie habe das schon „halb Beirut“ erzählt. Weil es keine Drusen-Hochzeit sei, riskiere Amal, dass sie aus der Gemeinschaft ausgestoßen werde, so die „Daily Mail“ — mehrere Bräute seien aus ähnlichen Gründen schon umgebracht worden.

Nichts davon sei wahr, sagt George Clooney. Amals Mutter sei keine Druse, ewig nicht in Beirut gewesen, nicht gegen die Hochzeit. Vor allem aber sei es verantwortungslos und gefährlich, in dieser Weise religiöse Differenzen auszubeuten, wo nicht einmal welche bestehen.

Die Meldung, dass Clooney sich so über die „Daily Mail“ beschwert, die ihre Geschichte inzwischen zurückgenommen hat, stand in vielen deutschen Medien. Was aber auch in vielen deutschen Medien stand und teilweise noch steht: Die Lügengeschichte der „Daily Mail“.

Der Kölner „Express“ brachte sie am vergangenen Mittwoch:

Clooney: Krach mit Amals Mama

Die „Bunte“ verbreitete sie online (inzwischen gelöscht), mit einer Fragezeichen in der Überschrift, aber ohne ernste Zweifel am Inhalt der von der „Daily Mail“ abgeschriebenen Geschichte:

Ist Amals Mutter gegen die Hochzeit?

So verriet ein Nahestehender der Familie der Familie Alamuddin dem britischen Blatt: „Man würde denken, dass Amal mit George Clooney den Jackpot geknackt hat, aber Baria ist nicht glücklich. Sie denkt, dass sie es besser hätte treffen können.“ Weiter habe Amals Mutter in Beirut herumerzählt, dass es schließlich 500.000 Drusen gäbe – warum nur könne ihre Tochter darunter niemanden finden, der gut genug für sie ist?

Die „Abendzeitung“ erzählt die Lügengeschichte immer noch:

Bekommt George Clooney ein Schwiegermonster?

Und „Focus Online“:

Mutter der Braut: George Clooney nicht gut genug?

Das „OK!“-Magazin witzelt:

Hören wir nicht richtig? Eigentlich dachten wir, es gäbe kein Mittel, mit dem FRAU dem Charme von Hollywood-Schauspieler George Clooney widerstehen könnte. Doch auch ein Clooney muss hin und wieder die seltene Erfahrung machen, dass er nicht jede um den Finger wickeln kann. 

Und N24 fragt online:

Mehrere deutsche Medien haben die Falschmeldung von der Boulevardagentur „Spot On News“ übernommen (Eigendarstellung: „Die Artikel von spot on news beschränken sich nicht auf das Ab- und Umschreiben von Internet-Content. (…) Exklusivität steht bei spot on news ganz weit oben“). Die hat nach den Unwahrheiten der „Daily Mail“ nun auch ungerührt die empörte Antwort von Clooney verbreitet — so gesehen profitiert sie doppelt von den Falschmeldungen der Auslandspresse, die sie abschreibt.

Der amerikanische Schauspieler hat über die „Daily Mail“ noch gesagt, sie habe — mehr als jede andere „Nachrichten“-Organisation — ein ums andere Mal beweisen, „dass Tatsachen für sie keine Bedeutung haben bei den Artikeln, die sie sich ausdenkt.“ Das wird die deutschen Medien auch bei den nächsten „Daily Mail“-Geschichten nicht davon abhalten, sie blind zu übernehmen.

Die Olympischen Ehe-Ringe

Die Reporter der „Bild“-Zeitung haben am Rande der Olympischen Spiele in der Bilddatenbank von „Getty Images“ eine erstaunliche Entdeckung gemacht:

Bei einem Sport-Event in Nizhnekamsk (Tatarstan) hielt die Sportgymnastik-Olympiasiegerin (2 Mal Gold) am Wochenende stolz ihren Ehering in die Kameras. Putin trug gestern bei der Skilanglauf-Staffel der Herren auf der Ehrentribüne in Sotchi das gleiche Modell.​

Na sowas! Und wenn man jetzt noch berücksichtigt, dass diese Dame laut „Bild“ seit fünf Jahren „die angebliche Geliebte von Russlands Präsident“ ist, stellt sich natürlich ruckzuck die Frage:Liebesgrüße aus Moskau - Hat Putin seine Olympia-Siegerin geheiratet?Das fragen sich — angestachelt von „Bild“ — inzwischen auch einige andere Medien. Der Grund für die Spekulationen ist ein ganz bestimmtes Foto, das „Bild“ als Beleg für die Theorie auch groß über dem Artikel abgedruckt hat:Bildunterschrift: "BLING! Wladimir Putin trägt in Sotchi Goldring" Kleiner Haken an der Geschichte: Das ist gar nicht Putins Ring. Das ist nicht mal seine Hand. Sie gehört dem Mann, der neben ihm sitzt. Putin selbst hat gar keinen Ring getragen.

Mit Dank an Philipp und **Kiki**

Nachtrag, 24. Februar: Bild.de hat das Foto gelöscht, den Rest des Artikels aber so gelassen.

Übers Ziel hinaus

Der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius ist heute festgenommen worden, weil er im Verdacht steht, seine Lebensgefährtin getötet zu haben.

So berichteten deutsche Online-Medien heute Mittag darüber:

Bild.de:Paralympics-Sieger Oscar Pistorius - MORDANKLAGE! Hat er seine Freundin wirklich AUS VERSEHEN erschossen?

„Spiegel Online“:Mordanklage gegen Pistorius: Todesschüsse um vier Uhr nachts

Tagesschau.de:Freundin erschossen aufgefunden - Mordanklage gegen Paralympics-Star Pistorius

Heute.de:Freundin erschossen - Pistorius unter Mordanklage

„Die Welt“:Paralympics-Star Pistorius wegen Mordes angeklagt

„RP Online“:Paralympics-Star unter Mordanklage - Der Fall Oscar Pistorius ist ein Rätsel

„Hamburger Abendblatt“:Freundin getötet: Pistorius unter Mordanklage

Bunte.de:Oscar Pistorius - Steht unter Mordanklage

„Berliner Morgenpost“:Mordanklage gegen Sprint-Star Pistorius

Auch viele andere Medien berichteten, jetzt stehe „der ‘Blade Runner’ unter Mordanklage“ (mopo.de) oder „die Polizei“ (!) habe „Anklage erhoben“ (stern.de). Doch wie man es auch dreht: Es stimmt einfach nicht, dass der Mann unter „Mordanklage“ steht. Bisher besteht lediglich ein Verdacht. Das ist im Strafrecht ein gewaltiger Unterschied — nicht nur in Deutschland, auch in Südafrika.

Ein deutschsprachiger Anwalt aus Pretoria hat uns auf Anfrage geschrieben:

Die endgültige Anklage wird erst viel später formuliert. Zur Zeit geht es lediglich darum, dass die Polizei eine Mordanklage untersucht. Ob es für Mord Beweise geben wird bleibt abzuwarten (…).

(…) Zur Zeit geht es lediglich um die Frage ob Pistorius auf Kaution freigelassen wird. Bis es zur Verhandlung kommt werden mindestens sechs Monate, wahrscheinlich aber über ein Jahr vergehen.

Immerhin ruderten einige Medien im Laufe des Nachmittags zurück und korrigierten sich (heimlich). „Spiegel Online“ etwa hat in der Überschrift die „Mordanklage“ durch „Mordverdacht“ ersetzt und schreibt:

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Leichtathlet erst am Freitag einem Haftrichter in Pretoria vorgeführt worden. Dieser muss dann entscheiden, ob Mordanklage erhoben wird und ob Pistorius gegen Zahlung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt werden kann. Zunächst hatten Nachrichtenagenturen gemeldet, es sei bereits Mordanklage gegen Pistorius erhoben worden.

Stutzig gemacht haben diese Agenturmeldungen aber offenbar niemanden.

Mit Dank an Martin.

Nachtrag, 18.01 Uhr: Bild.de hat die Anklage jetzt ganz übersprungen und aus dem Verdacht schon mal Gewissheit gemacht:Paralympics-Sieger Pistorius erschießt seine Freundin

Sie war die strahlende Frau an der Seite des Sprint-Stars Oscar Pistorius (26). Jetzt ist sie tot!

Der Sportler erschoss seine Freundin letzte Nacht in Südafrika.

Nachtrag, 16. Februar: Dass Bild.de schreibt, Pistorius habe seine Freundin erschossen, ist natürlich nicht mit einer Vorverurteilung im Sinne von „hat seine Freundin ermordet“ gleichzusetzen. Dieser Eindruck ist im ersten Nachtrag vielleicht entstanden. Wir wollten lediglich darauf hinweisen, dass Bild.de die — gewiss sehr wahrscheinliche, aber eben nicht zweifelsfrei erwiesene — Vermutung bereits kurz nach der Festnahme als Tatsache dargestellt hat. Vielleicht sind wir, was den Umgang mit Tatverdächtigen angeht, ein bisschen empfindlich geworden.

Das Ende der Welt, wie wir sie kennen

Falls Sie in den letzten Wochen zufällig mal kurz in der Nähe eines Frisiersalons, eines internetfähigen Elektronikgeräts oder eines Teenagers gestanden haben, wissen Sie es natürlich: Robert Pattinson und Kristen Stewart, das Traumpaar der “Twilight”-Saga, haben sich getrennt sollen sich getrennt haben (man weiß es nicht so genau, zumal die beiden offiziell nie zusammen waren).

Es gibt angenehmere Rahmenbedingungen, um einen neuen Film zu promoten, aber gestern ist Pattinson zum ersten Mal seitdem wieder im amerikanischen Fernsehen aufgetreten. In der „Daily Show“ empfing ihn Moderator Jon Stewart (nicht verwandt oder verschwägert mit Kristen) mit einem Becher Eiscreme und wollte mit ihm „wie Mädchen“ über die Geschichte plaudern. Beim Versuch, das Offensichtliche nicht zu thematisieren (oder eben doch), schwangen sich Stewart und Pattinson in immer neue Ironiesphären auf, bis nicht mehr ganz klar war, worum es eigentlich ging und was die beiden dazu zu sagen hatten.

Die Website des amerikanischen Klatschmagazins „People“ versuchte sich dennoch an einer Exegese:

A tense-appearing Pattinson begged off any talk of his recent problems. „My biggest problem is that I don’t have a publicist,“ he said. „I’m going to have to hire a publicist.“

But when Stewart noted that for young people going through a breakup sometimes feels like the end of the world, Pattinson answered, „It is.“

The audience then went „Awwwwwww.“

Stewart habe also gesagt, für junge Menschen fühle sich eine Trennung manchmal wie das Ende der Welt an, Pattinson habe dies bestätigt und das Publikum habe mitfühlende Laute geäußert.

Dann schauen wir uns diese herzzerreißende Szene (etwa ab 5:15 Minuten) doch mal an:

Stewart sagt:

Wenn man jung ist und sich trennt, ist es gewaltig und es fühlt sich an, als ob die Welt enden würde. Das ist das erste Mal, dass ich die Welt habe so reagieren sehen.

(Übersetzung von uns.)

Pattinson sagt: nichts.

Das Publikum lacht.

Hmmmm …

Wenn es eine zweite Fassung von Stewarts „end of the world“-Satz gegeben haben sollte, haben die TV-Zuschauer davon nichts mitbekommen.

Warum erzählen wir Ihnen das in einem Watchblog für deutsche Medien?

Weil deutsche Medien lieber aus amerikanischen Medien abschreiben, als sich den Ausschnitt der Sendung im Internet anzusehen.

Bunte.de schrieb also:

Er lud Pattinson ein, mit ihm einen Becher Eiscreme gegen seinen Liebeskummer zu löffeln. Dann wurde er ernster und sagt zu dem „Twilight“-Star: „Wenn du jung bist und dich trennst, fühlt sich das an, als sei es das Ende der Welt.“ Pattinson sagte laut „People“-Magazin daraufhin nur leise: „So ist es.“

Der Satz war aber der einzige, mit dem er Einblick in seine verwundete Seele gab.

Frank Siering, der sonst unter anderem für die „Bravo“ über die Entjungferung von Teenie-Stars spekuliert, berichtete aus Los Angeles für stern.de über die in New York City aufgezeichnete Sendung:

„Für viele junge Menschen, die eine Trennung durchleiden“, so der Talkshow-Gastgeber, „fühlt sich das oftmals so an wie das Ende der Welt“. Pattinson hörte ernsthaft zu und erwiderte kurz und knapp: „Ja, genauso ist es.“ Ehrlich, auf den Punkt, ohne Zusatz.

Das Publikum seufzte auf und applaudierte dem partnerlosen Vampir euphorisch und mitfühlend zu. Der bedankte sich mit einem sanften Kopfnicken.

„Spiegel Online“ vermeldete:

Stewart zeigte dann scheinbar Mitgefühl und bemerkte, wenn ihre Beziehung zerbreche, fühle es sich für junge Leute manchmal wie das Ende der Welt an. Pattinson antwortete: „Das IST es!“, und das Publikum regierte mit einem langgezogenen „Oooooh!“.

(Das wäre vielleicht ein geeigneter Zeitpunkt, noch mal kurz darüber nachzudenken, worum es hier eigentlich gerade geht. Gemacht? Gut. Weiter!)

Bei Bild.de war dann endgültig egal, wer was gesagt, nicht gesagt oder wie reagiert hatte:

Pattinson zappelte auf seinem Stuhl hin und her, seine Bewegungen wirkten fahrig. Fragen auf den Seitensprung wich er aus. „Ich bin fest entschlossen, nichts darüber zu sagen“, scherzte er auf die „Wie geht’s?“-Frage von Moderator Stewart, der ihn mit Eiscreme tröstete.

Irgendwann gab Pattinson zu, dass sich die Trennung wie das „Ende der Welt“ anfühle.

… womit die Welt immerhin ein bisschen länger durchgehalten hätte, als der Journalismus.

Mit Dank an Thomas T., Johannes und Fabian P.

Nachtrag, 16. August: „Spiegel Online“ hat den Artikel überarbeitet und mit folgender Anmerkung versehen:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde ein Dialog zwischen Jon Stewart und Robert Pattinson in der „Daily Show“ falsch wiedergegeben. Die Ausführungen beruhten auf der Darstellung der Online-Ausgabe des „People“-Magazins. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

Die übrigen hier zitierten Medien bleiben bei ihrer Darstellung.

Sehen alle gleich aus (4)

Sehen alle gleich aus

Was liest man nicht so alles über die Promis dieser Welt: So ist seit vergangener Woche auf rtl.de zu lesen, dass die bekannte amerikanische Schauspielerin Lucy Liu in der Talkshow „The View“ über ihre Fehlgeburt gesprochen habe.

Lucy Liu: "Ich hatte eine Fehlgeburt"

Tatsächlich handelte es sich aber nicht um Lucy Liu, sondern um die Journalistin Lisa Ling, die früher selbst Co-Moderatorin von „The View“ war. Die erwähnte Folge der Talkshow wurde am vergangenen Dienstag (7. Dezember) aufgezeichnet am Freitag (10. Dezember) ausgestrahlt.

Lucy Liu war also weder schwanger, noch hatte sie eine Fehlgeburt erlitten. Auch der ihr von rtl.de zugedachte Ehemann Paul Song ist in Wahrheit der Gemahl von Lisa Ling, Lucy Liu selbst ist nicht einmal verheiratet. rtl.de verweist auf die Webseite „Secret Society of Women“, die Lucy Liu aufgrund ihrer Erfahrungen durch die Fehlgeburt mitbegründet haben soll, bemerkt jedoch nicht, dass auf dieser Seite nur von Lisa Ling die Rede ist. Immerhin das Alter stimmt — also das von Lucy Liu natürlich.

rtl.de ist das erste Medium im deutschsprachigen Raum (bzw. überhaupt), das die falsche Nachricht verbreitete, aber nicht das Einzige: Am 9. Dezember stiegen bunte.de und promiflash.de ein, am 10. Dezember schrieb auch blick.ch von Lucy Lius angeblicher Fehlgeburt. bunte.de machte aus der TV-Talkshow „The View“ gleich „The Viewer“.

Dabei wäre die Fehlgeburt Lisa Lings hierzulande höchstwahrscheinlich keine Nachricht wert gewesen, da Ling im Gegensatz zu Lucy Liu in Deutschland weitgehend unbekannt ist. Verwechselt werden die beiden aber auch in den USA: In einer Ausgabe von „The View“ erklärte Co-Moderatorin Star Jones deshalb den Unterschied zwischen beiden.

Mit Dank an Marlene H.

Nachtrag, 18.40 Uhr: rtl.de hat die Meldung ersatzlos gelöscht. Auf den anderen Seiten ist sie noch zu finden.

Nachtrag, 21. Dezember: promiflash.de hat seine Meldung auf Lisa Ling umgeschrieben.

Perlen vor die Geisterhunde

Sie haben die Nachricht sicher gehört, die das britische Königshaus und die Welt erschüttert: Otto, der schwarze Cocker-Spaniel von Kate Middleton, hat ein Paar Ohrringe gefressen, das Prinz William seiner Freundin zum Geburtstag geschenkt hatte.

Die britische Boulevardzeitung „Mail on Sunday“ enthüllte das Drama am vorvergangenen Sonntag auf ihrer Titelseite. Der „Daily Telegraph“ kopierte die Informationen und Zitate in sein Internet-Angebot und die gedruckte Ausgabe am nächsten Tag. Von dort übernahm sie die deutsche Nachrichtenagentur dpa und sorgte dafür, dass neben zahlreichen Online-Medien auch „Berliner Zeitung“ und „Tagesspiegel“ ein paar Tage später ihre Leser über das Ereignis informieren konnten.

Der Ursprungsartikel der „Mail on Sunday“ beschreibt unter Berufung auf einen anonymen „Freund“ in großer Detailfreude, wie plötzlich die sehr, sehr wertvollen Schmuckstücke vom Nachttisch verschwunden waren und dass Kate Middleton ihren Otto verdächtigte, sie gefressen zu haben. Sie sei daraufhin immer wieder mit ihm Gassi gegangen, bis die Ohrringe auf natürlichem Weg wieder ans Tageslicht kamen — allerdings völlig zerkaut.

Es ist eine tolle Geschichte, wäre da nicht ein lästiges Detail: Kate Middleton hat gar keinen Hund.

Die „Mail“ hat inzwischen vage eingeräumt, dass ihr Artikel Fehler enthalte, und ihn von ihrer Internetseite entfernt — „aus Höflichkeit“. Auch der „Daily Telegraph“ behauptet zumindest nicht mehr, dass es Otto gewesen sei, sondern, wenn überhaupt, dessen Hundeschwester Ella, die Kate Middletons Familie gehöre.

Die „Mail“ will ihren Artikel der für Prinz William zuständigen Pressestelle des Königshauses vorgelegt haben, die ihr aber keinen Wink gegeben habe, dass die Geschichte unwahr sei. Vermutlich haben die Pressesprecher der Zeitung nur dasselbe gesagt wie der dpa: kein Kommentar. Und obwohl das offenbar die Standard-Antwort ist auf Anfragen, die Kate Middleton betreffen, scheint auch dpa die Nicht-Antwort als praktisches Indiz genommen zu haben, dass eine Geschichte ohne vertrauenswürdige Quelle, aber ohne Dementi, schon stimmen wird — obwohl sich auf Nachfrage von BILDblog herausstellt, dass auch bei der Nachrichtenagentur niemand weiß, ob Kate Middleton überhaupt einen Hund hat, geschweige denn, was für Schmuck er so frisst.

Das allerdings ist nichts gegen die Meldung, die das Nachrichtenmagazin „Bunte“ in seinem Online-Ableger veröffentlichte. Die Kollegen nutzen freie Recherchekapazitäten von ihrer eigentlichen Arbeit als Staatsaffären-Enthüller ja gelegentlich, um Klatschgeschichten nachzugehen. Und sie erfanden auf der Grundlage des „Mail on Sunday“-Märchens in der „Daily Telegraph“-Version einfach ihre eigene Lügengeschichte, verlegten den Vorfall von Januar in die Gegenwart und verzichteten auch auf die eklige Episode vom Durchsuchen des Hundekots: Bei bunte.de werden die Ohrringe nur durchgekaut, aber nicht heruntergeschluckt. Und damit es zu ihrer Version der Ereignisse passt, machten die „Bunte“-Leute aus dem Original-Zitat Prinz Williams, Kate müsse halt einfach warten, bis der Schmuck hinten wieder rauskommt, kurzerhand einen Konjunktiv: Kate hätte doch einfach warten sollen, bis der Schmuck hinten wieder rauskommt.

Anderseits: Warum soll man bei einer Geschichte, die eh falsch ist, bei der „Wahrheit“ bleiben?

Mit Dank an „Tabloid Watch“.

Oprah Winfrey gewinnt Fantastillionen-Prozess

Es ist eine Nachricht, bei der die Wände beben:

Oprah Winfrey auf 1,2 Billionen US-Dollar verklagtOprah Winfrey auf 1,2 Billionen Dollar verklagt

1,2 Billionen Dollar – und das ist ausnahmsweise kein Umrechen- oder Übersetzungsfehler – sind eine Menge Geld.

Aber worum geht’s? Der Autor Damon Lloyd Goffe behauptet, die US-Talkmasterin und Autorin Oprah Winfrey habe ihr Buch „Pieces of My Soul“ bei ihm abgeschrieben. Da das Buch sich 650 Millionen Mal für je 20 Dollar verkauft habe, stünden ihm jetzt 1,2 Billionen Dollar zu.

Oprah Sued For 1 Trillion Dollars!!!!

Bild.de und Bunte.de haben die Geschichte aus dem eher mittel-vertrauenswürdigen Promiblog von Perez Hilton, der sich wiederum auf einen Artikel im „National Enquirer“ beruft, wovon die beiden deutschen Portale aber schon nichts mehr schreiben.

Was noch jedem Fünftklässler hätte auffallen müssen: 650 Millionen mal 20 ergibt nie 1,2 Billionen, sondern eher 13 Milliarden.

Was einen hätte stutzig machen können: 650 Millionen Exemplare eines einzigen Buches wären verdammt viel — jeder US-Bürger müsste ungefähr zwei Ausgaben besitzen. Nur drei Bücher wurden in der Menschheitsgeschichte überhaupt mehr als 500 Millionen mal verkauft: Die Bibel, das kleine rote Buch von Mao Zedong und der Koran.

Was man schnell hätte ergoogeln können: Es finden sich (außer in Artikeln zum aktuellen Fall) im Internet keinerlei Hinweise auf ein Buch von Oprah Winfrey namens „Pieces of My Soul“. Winfreys offizielle Internetseite kennt den Titel nicht.

Jedenfalls: Das Gericht in Washington hat die bizarre Klage von Damon Lloyd Goffe schon am 21. Juli kurzerhand abgelehnt [PDF], wie der Lawblogger Michael Doyle schreibt. Sein Eintrag ist vom 3. August und damit einen Tag älter als der im „National Enquirer“ und drei Tage älter als der Text von Perez Hilton, und Doyle legt darin den Schluss nahe, dass es um den Geisteszustand des Klägers nicht zum Besten steht: Damon Lloyd Goffe behauptet, dass sein Leben seit 2003 unter dem Titel „The Will Smith Show“ und „Real World“ (eine Art „Big Brother“-Vorläufer) im Fernsehen und Internet übertragen werde und hat gegen Will Smith und NBC/Universal ebenfalls Klagen angestrengt. Goffe hat Oprah bereits im vergangenen Jahr verklagt — damals nur auf 9,9 Millionen Dollar, aber ebenso erfolglos. (Winfrey habe ihr Buch übrigens unter http://www2.willsmithshow.bravo2.net/ verkauft, so Goffe originellerweise in den Gerichtsakten.)

In Deutschland hält sich die Berichterstattung zu dem Fall (wohl auch wegen der nicht ganz so großen Popularität Oprah Winfreys hierzulande) noch in Grenzen. In den USA dagegen wird großflächig weiterverbreitet, was Perez Hilton und die Agentur WENN meinen, erfahren zu haben.

Wahnsinnig scheint jedenfalls nicht nur der Mann zu sein, der Oprah auf 1,2 Billionen Dollar verklagen wollte.

Mit Dank an Wolle.

Nachtrag, 9:15 Uhr: Bild.de hat offenbar nichts verstanden, aber sicherheitshalber in der Überschrift die „1,2 Billionen Dollar“ durch das Wort „Megasumme“ ersetzt. Im Text selbst wurden aus „1,2 Billionen US-Dollar“ nun „mehrere Milliarden US-Dollar“.

2. Nachtrag, 11:50 Uhr: Eine ganz bezaubernde Formulierung hätten wir da auch noch bei promiflash.de gefunden:

ca. eine Billion Dollar (das sind umgerechnet etwa eine Milliarde Euro)

3. Nachtrag, 17:05 Uhr: Bunte.de hat den Artikel aus dem Onlineangebot entfernt.

4. Nachtrag, 8. August, 13:50 Uhr: promiflash.de hat die geforderte Summe ein bisschen richtiger und ein bisschen falscher gemacht:

ca. eine Milliarde Dollar (das sind umgerechnet etwa 700 Millionen Euro)

Vielleicht sollten wir einfach dazu übergehen, Lösungsvorschläge zu unterbreiten: „ca. eine Billion Dollar (etwa 700 Milliarden Euro)“ würde die Forderungen richtig wiedergeben. Und über den Rest der Meldung sprechen wir dann ein anderes Mal.