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Schnee von gestern

Wenn’s mal wieder schneit in Deutschland, kann man aus dem Fenster schauen – oder ins Internet. Im Online-Portal des Mitteldeutschen Rundfunks steht dann:

Und natürlich zeigt der öffentlich-rechtliche MDR seinen Gebührenzahlern auch noch, wie’s aussieht auf Thüringens Straßen:

Ein schönes Foto: Schnee, Glätte, behinderter Verkehr – und gerade mal vier Stunden Wochen alt, wie uns MDR.de selbst einen Link weiter beweist:

Damals, am 3. Dezember 2008, übrigens unter der Überschrift:


 
P.S.: Aber natürlich machen Schneeglätte, Streufahrzeuge und Effizienzdenken beim MDR nicht an der Thüringischen Landesgrenze halt. Im Gegenteil:

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Topp, die Meldung gilt!

"Sender-Schlacht um Wetten dass..?"

So stand es gestern in der „Bild am Sonntag“. Und das mit der „Sender-Schlacht“ ist sicher etwas übergeigt (tatsächlich kann man die neue RTL-Show nämlich auch ziemlich unbrisant finden, wie sich bei DWDL.de nachlesen lässt). Aber darum geht es gar nicht, sondern um das, was die Nachrichtenagentur AP daraus machte:

"RTL plant show wie Wetten dass...?"

Diese AP-Überschrift fasst in etwa den Nachrichtenwert der „BamS“-Geschichte zusammen. Doch AP verbreitete die „BamS“-Geschichte nicht nur mehr oder weniger unkritisch weiter, sondern auch noch falsch. In der AP-Meldung heißt es nämlich:

In der niederländischen Sendung von RTL4 war im November laut „Bild am Sonntag“ schon Peter Siener zu sehen, der bei „Wetten dass…?“ mit einem durch die Nase eingezogenen Wasserstrahl aus seiner Tränendrüse zehn Kerzen gelöscht hatte.

Und dieser Satz findet sich nun unter anderem bei Standard.at, bei Stern.de, bei der Netzeitung oder natürlich bei RP-Online. Auf Welt.de und bei Spiegel-Online sogar ohne Hinweis auf die Agentur AP.

Dabei hätte ein flüchtiger Blick in die „BamS“ offenbart, dass die das gar nicht behauptet. Dort heißt es nämlich:

Im Februar 2004 lieferte Kandidat Peter Siener (35) einen der schrägsten Momente in der 27-jährigen „Wetten, dass..?“-Geschichte: Er löschte mit einem Wasserstrahl aus seiner Tränendrüse zehn Kerzen (…). Am 9. November 2008 sehen Millionen holländische Zuschauer dieselbe Wette in „Ik Wed Dat Ik Het Kann“ – durchgeführt durch einen anderen Mann!
(Hervorhebung von uns)

Bei AP hat man das in der Aufregung um die „Sender-Schlacht“ offenbar überlesen – und die anderen haben sich nicht mal die Mühe gemacht, das zu merken.

Aber bei AP scheint man in diesen besinnlichen Tagen ohnehin etwas zur Aufgeregtheit zu neigen. Vorgestern schrieb AP über den Fehlstart eines Flugzeugs in Denver:

Die Boeing 737 der Continental Airlines kam beim Beschleunigen von der Startbahn ab, stürzte in eine Schlucht und fing Feuer.

Auch diese AP-Meldung findet sich nun in diversen Medien, und zum Teil haben die „Schlucht“ und das „stürzen“ es sogar in die Überschrift geschafft (siehe Scrrenshots). Andere nennen die „Schlucht“ hingegen wesentlich unaufgeregter „Graben“ (oder auf Englisch: „ditch“) oder schreiben schlicht, die Maschine sei von der Startbahn abgekommen. Das scheint den Vorfall dann doch etwas präziser zu beschreiben.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Sebastian M.

Es geht auch ohne Wagner

Das kleine Berliner Schmuddelkind „B.Z.“, das (als „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner noch „B.Z.“-Chefredakteur war) auf der Titelseite schon mal unter der Schlagzeile „Öl-Pest“ statt eines ölverschmierten Vogels lieber ein kerngesundes, schwarzes Entlein zeigte, steht auch heute noch gelegentlich der großen Schwester „Bild“ in nichts nach. Gestern zum Beispiel schrieb die „B.Z.“:

"Schlaganfall, Herzinfarkt, Kind verloren: In der B.Z. enthüllt TV-Koch Horst Lichter seine schweren Schicksalsschläge"

„Enthüllt“ ist allerdings für das, was Horst Lichter der „B.Z.“ gesagt hat, ein großes Wort. Von Schlaganfall, Herzinfarkt und seinem toten Kind hatte er (beispielsweise) auch schon der Springer-Zeitung „Die Welt“ erzählt – am 13. März 2005.

Aber man braucht eigentlich nicht mal tief in den Archiven zu stöbern. Im September 2007 erschien eine (Auto-)Biographie Lichters, dessen Inhalt sein Verlag, ähm, wie folgt zusammenfasst:

(…) zwei Hirnschläge, ein Herzinfarkt, der frühe Verlust eines Kindes. Davon erzählt dieses Buch.

Mit Dank an Volker K. für den Hinweis.

Stümperhafteste Zusammenfassung

Womöglich würde RTL das so gefallen:

Übelste TV-Pannen 2008 gekürt -- Zum ersten Mal hat das Online-Medienmagazin DWDL.de seinen neuen Fernsehpreis "Der goldene Günter" vergeben. Ausgezeichnet werden fragwürdige Leistungen von Personen oder Unternehmen im vergangenen Jahr. (...) Den Titel "stümperhafteste Notfallplanung" gewann das ZDF für den weltweiten Bildausfall beim EM-Halffinal-Spiel Deutschland - Türkei

Tatsächlich aber gewann den DWDL-Titel „Stümperhafteste Notfallplanung bei einem Großevent“ – anders als RTL* in seinem Teletext behauptet – nicht „das ZDF“, sondern: die UEFA.

Bei DWDL.de heißt es – ganz im Gegenteil – sogar:

Dass sich der Bildausfall beim EM-Halbfinal-Spiel zwischen Deutschland und der Türkei in Deutschland in Grenzen hielt, ist einem tatkräftigen ZDF-Bildtechniker zu verdanken. Das ZDF griff auf das Signal des Schweizer Fernsehens zurück.

*) Ach ja: Dass auch die zur RTL-Gruppe gehörenden Sender Vox („Programmierungsdesaster des Jahres“) und n-tv („Sinnloseste Live-Übertragung“) mit „Goldenen Güntern“ ausgezeichnet wurden, erfahren die Teletext-Leser von RTL hingegen nicht.

Mit Dank an Thomas für den Hinweis.

Seemannsgarn

Heute wollen wir noch einmal kurz auf das „Hamburger Abendblatt“ zurückkommen. Dort erfindet der nette Herr Chefredakteur nämlich nicht nur drollige Kampagnen, sondern beantwortet immer dienstags auch Leserzuschriften – und wir haben ein Déjà Vu. Aber nicht deshalb, weil das Foto von ihm dasselbe ist, das offenbar noch aus seiner Zeit als Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ stammt, sondern auch die Masche.

So hat der ehemalige „BamS“-Chef – angeregt durch eine Leserzuschrift – einen Leser-Aufruf zur Rettung des „Hamburgischen“ gestartet („Das Abendblatt-Hamburg-Wörterbuch“) und schrieb dazu vergangenen Dienstag an „Abendblatt“-Leserin Erica K. aus Norderstedt:

Unser Aufruf (…) hat offenbar einen Nerv getroffen. Viele Menschen in dieser ganz besonderen Stadt spüren: Hamburg wird ärmer, wenn wir das Hamburgische verlieren. Aber nicht nur das. Die „Süddeutsche Zeitung“ hat über die Abendblatt-Initiative berichtet. Und bis heute melden sich Hamburger, die nun in einer anderen Stadt leben müssen, voller Heimweh – und mit sprachlichen Anregungen.
(Hervorhebung von uns.)

Und damit Erica K. aus Norderstedt weiß, was der Chefredakteur ihrer Tageszeitung damit meint, wenn er ihr schreibt, dass die „Süddeutsche Zeitung“ über die Abendblatt-Initiative berichtet habe, zeigen wir ihr hier mal den kompletten Bericht:

Die SZ „berichtet“:

„Das Hamburger Abendblatt will künftig mehr typisch hamburgische Wörter verwenden. Chefredakteur Claus Strunz sicherte am Dienstag in einer Kolumne zu, künftig ‚Schlachter‘ statt ‚Metzger‘ zu schreiben. Der ‚Schreiner‘ werde wieder ‚Tischler‘ genannt. Auch solle es ‚Rundstück‘ heißen und nicht ‚Semmeln‘ oder ‚Schrippen‘. Unschlüssig sei sich die Redaktion jedoch, ob für katholische Geistliche der Begriff ‚Pfarrer‘ oder ‚Pastor‘ verwendet wird.“

Ach ja: Die 12-zeilige Übernahme einer ähnlich kurzen Meldung der Nachrichtenagentur epd trägt die Überschrift: „Was macht Strunz?“

Wie man aus einer Not ein Geschäft macht

Das „Hamburger Abendblatt“ hat einen neuen Begriff für „verzweifelte Abo-Kampagne“ erfunden: „große Bildungsinitiative“.

Anfang der Woche wurde nämlich bekannt, dass Hamburg beim Lesetest für Viertklässler „IGLU“ wieder hinter fast allen anderen Bundesländern lag. Das „Abendblatt“ reagierte mit aufrüttelnden Sätzen:

Dagegen müssen wir etwas tun! Und wir werden etwas tun: Heute startet das Hamburger Abendblatt eine große Bildungsinitiative. Wir wollen, dass alle weiterführenden Schulen der Hansestadt mit Abendblättern ausgestattet werden. So sollen Schüler die Möglichkeit bekommen, in ihren Pausen das Abendblatt zu lesen.

Feine Sache. Und wieviele Abos spendet die Zeitung für diesen guten Zweck?

Offenbar kein einziges. Bezahlen sollen die Aktion die Leser, was insofern eine besonders feine Sache ist, weil die „Paten“ damit nicht nur die Hamburger Jugend, sondern auch das „Hamburger Abendblatt“ retten.

Die „Paten“-Abonnements, die das „Abendblatt“ im Rahmen seiner „Bildungsinitiative“ anbietet, kosten 20,75 Euro pro Monat. Weil sie nur von montags bis freitags gelten, entspricht der Preis genau dem für reguläre Abonnements, die für sechs Tage 24,90 Euro kosten. Dafür spart das „Abendblatt“ sich die sonst üblichen Prämien- oder Werbungskosten.

Schülerreaktionen laut „Abendblatt“:

Gunnar, 16: „Die Zeitungen wären sicher heiß begehrt.“

Nils, 16: „Ich habe letztes Jahr bei ‚Schüler machen Zeitung‘ mitgemacht und da täglich das Abendblatt gelesen. Ich habe es richtig vermisst, deswegen freue ich mich darauf, wieder den Sportteil lesen zu können.“

Lasse, 14: „Ich glaube, es wäre gut, wenn vor allem Wortführer bei uns öffentlich Zeitung lesen würden, das würde viele motivieren, auch zu lesen.“

Anil, 18: „Ich habe zu Hause keine Zeitung. Deswegen würde ich sie gerne in der Schule lesen, dann hätte man wenigstens Gesprächsstoff für die Pausen.“

Übrigens kostet ein „Abendblatt“-Abo mit sechs Ausgaben wöchentlich für Studenten oder Auszubildende regulär nur 16,75 Euro. So gesehen zahlen die Paten mit jedem „Abendblatt“, das sie den Schulen über die neue „Bildungsinitiative“ schenken, einen „Abendblatt“-Solidaritäts-Aufschlag von fast 50 Prozent.

Das Geld spendet man aber ja gern, wenn man weiß, wie glücklich man mit so einer Zeitung die Schüler machen kann (siehe Kasten rechts). Wie glücklich man mit einem Abo die Zeitung machen würde, zeigt das „Abendblatt“ heute. Es hat erneut eine ganze Seite freigeräumt, auf der es finanzielle Klammheit demonstriert. Die Zeitung bietet an, einzelnen Schulen „Lese-Ecken“ zu „spenden“, bemüht sich aber, mögliche übertriebene Vorstellungen, die sich mit dem Wort „Lese-Ecke“ verbinden, gleich wieder zu relativieren:

In einer Cafeteria oder Mensa könnte man einen schönen Zeitungsständer gut integrieren. Stühle und Tische könnten eventuell aus dem vorhandenen Mobiliar stammen. Eine Trennwand sorgt für etwas Abgeschiedenheit.

Eine andere Variante sieht so aus:

In einer Pausenhalle könnten Stellwände zur Lesewand werden. So hätten viele Schüler die Möglichkeit, das aktuelle Abendblatt an verschiedenen Stellen gleichzeitig zu lesen.

Wenn es nicht so eine selbstlose „Bildungsinitiative“ wäre, käme man glatt auf den Gedanken, das „Abendblatt“ wolle große Werbetafeln in den Schulen aufstellen. Aber, immerhin:

Zu jedem Abo gibt es auf alle Fälle einen Zeitungshalter, den viele aus Cafés kennen und der ein Auseinanderfleddern des Abendblatts verhindert.

Das ist der Deal, den das „Hamburger Abendblatt“ unter dem neuen Chefredakteur Claus Strunz bei seiner großen „Bildungsinitiative“ seinen Lesern anbietet: Sie zahlen überteuerte Abos und dafür verkaufen wir uns als Bildungsretter der Stadt und legen noch einen Zeitungshalter mit drauf.

Mit Dank an Gesine G.!

Von Geschäftsreisen und Reisegeschäften

Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ informierte ihre Leser am vergangenen Donnerstag im Reiseteil ausführlich darüber, dass Lufthansa erstmals im Winter eine durchgängige Verbindung von München nach Boston anbietet (ab 2299 Euro). Und das nicht etwa auf 15 Zeilen. Nein, die FAZ hat dafür keine Kosten und Mühen gescheut, um das Angebot selbst zu testen („Unser Nachmittagsflug von München nach Boston wird von einem nicht enden wollenden Sonnenuntergang begleitet. (…) Maja, die Purserette, rät uns, den französischen Rotwein zu testen. Beim Menü können wir zwischen Gänsebraten und Zander aus der Küche des kanadischen Sternekochs Susur Lee wählen.“) – und die große deutsche Qualitätszeitung ist nicht nur angetan vom „sehr persönlichen Service an Bord“, sondern auch von der Grundidee.

Hier ein kleiner (!) Ausschnitt:

(...) Die Abflugzeit des Fluges LH 424 in München um 15.40 Uhr ist so terminiert, dass Fluggäste aus ganz Europa die Maschine bequem erreichen und abends nach der Landung noch ein Geschäftsessen in Boston wahrnehmen können. Der Rückflug nach München startet um 20.25 Uhr - die Reisenden können sich also tagsüber noch ganz auf ihre Geschäftstermine konzentrieren. Die morgendliche Ankunft im Erdinger Moos ermöglicht es ihnen, ausgeruht in den nächsten Arbeitstag zu starten oder einen frühen innereuropäischen Anschlussflug zu nehmen. (...) Ein weiterer wichtiger Vorteil der reinen Business Class-Flüge ist die niedrige Anzahl der Passagiere. Die Ein- und Aussteigezeiten sind dadurch deutlich reduziert. (...) Die kleine Boeing 737 kommt zehn Minuten vor einem Jumbo von British Airways aus London an. Läuft alles nach Flugplan, dann haben die Business Class-Passagiere die Kontrollen der amerikanischen Einreisebehörden schon hinter sich, bevor die ersten British-Airways-Passagiere den Immigrationsschalter erreicht haben.

Das FAZ-Resümee unter einem Foto, das die Autorin des FAZ-Artikels, Catharina P., nach erfolgreicher Teilnahme an einer Lufthansa-Pressereise gleich mitgeliefert hat, lautet:

"Klein, aber fein"

Das Resümee eines FAZ.net-Lesers zum Artikel liest sich… anders:

„Dass sich die FAZ für einen solchen plumpen Werbeartikel für diese Airline hergibt, ist schon verwunderlich und störend.“

Lufthansa-O-Ton:

„(…) Durch die späte Rückflugzeit haben Sie in der Ostküsten-Metropole genügend Zeit, sich ganz auf Ihre Termine zu konzentrieren. In München kommen Sie morgens an und können ausgeruht in den neuen Arbeitstag starten.“

Und natürlich könnte man das mit dem „plumpen Werbeartikel“ für eine plumpe Unterstellung halten — auch wenn sich in der FAZ Text-Passagen finden, die quasi wörtlich auch in LufthansaPressemitteilungen stehen (siehe Kasten). Und was heißt es schon, dass die Autorin vor Jahren selbst mal für ein Lufthansa-Magazin geschrieben hatte? Was soll’s, dass sie für die FAZ auch schon aufgeschrieben hatte, wie toll man im Münchner Flughafen einkaufen kann (so toll, dass sie das ein gutes halbes Jahr später auch noch mal für die „Financial Times Deutschland“ aufschrieb), wie toll man vom Münchner Flughafen aus kleine Kinder auf Flugreisen schicken kann (FAZ vom 10.4.2008), und was für eine tolle Fluggesellschaft Qatar Airways ist (FAZ vom 2.10.2008)?

Die djd über sich selbst:

„Die deutschen journalisten dienste – djd – sind führender Dienstleister für verbraucherorientierte Pressearbeit im deutschsprachigen Raum. In mehr als 5.000 verschiedenen Medien konnte djd bis heute Veröffentlichungen für seine Kunden erzielen: Vom Anzeigenblatt und der Lokalzeitung über Spezialtitel wie ‚medizin heute‘ oder ‚fit for fun‘ bis hin zu ‚FAZ‘, ‚HÖRZU‘, ‚Stern‘ oder ‚Spiegel‘ und von brigitte.de über MDR, WDR oder SWR bis hin zu RTL und ZDF. (…)

Alle Medien stehen vor der Herausforderung, in regelmäßigen Abständen immer wieder interessante Lektüre für ihre Leser bzw. attraktive Sendungen für ihre Hörer und Zuschauer zu erstellen. Um das in zunehmend dünner besetzten Redaktionen leisten zu können, nehmen sie gerne gezielte Unterstützung in Anspruch, die selbstverständlich den strengen presserechtlichen Kriterien entspricht.“

Tatsache ist, dass Catharina P. neben ihrer freien Journalistentätigkeit für FAZ, FTD und andere auch seit Jahren für die PR-Agentur „deutsche journalisten dienste“ (djd) arbeitet. Auf der Website der djd (die — siehe Kasten — sich vor Werbekunden dafür rühmt, PR-Texte bei Print-, TV-, Hörfunk- und Online-Medien unterzubringen) wird sie als Redaktionsmitglied für die Bereiche „Gesundheit/Reise“ geführt, von ihr verfasste PR-Texte werden von der djd verbreitet — und in djd-eigenen Broschüren werden ihre PR-Texte als Beispiele für gelungene Platzierung von Themen präsentiert. Aber die djd schwärmt zudem davon, wie sie selbst jedwedes PR-Thema „sicher in TV- und Hörfunksendungen unterbringen kann“ und veröffentlicht u.a. entsetzlich lange Listen mit „Abdruckerfolgen“ in Zeitschriften und Zeitungen (darunter auch die FAZ).

Öffentlich möchte sich die FAZ-Autorin, die einen Zusammenhang zwischen den FAZ-Texten und ihrer PR-Arbeit bestreitet, uns gegenüber weder zu ihrer PR-Tätigkeit noch zu ihrer journalistischen Arbeit äußern oder zitieren lassen.

Dabei sind wir sicher: Catharina P. ist kein Einzelfall im Reise-Journalismus. Aber genau darum schreiben wir’s ja auf.
 
Nachtrag, 11.12.2009: Nach Veröffentlichung dieses Eintrags wird Catharina P. auf der Website der PR-Agentur djd unter „Redaktion“ nicht mehr zu den Themen „Gesundheit/Reise“ geführt, sondern nur noch zum Thema „Gesundheit“. Und die FAZ-Reiseredaktion bestreitet in einer Stellungnahme uns gegenüber, einen reinen Werbeartikel für die Lufthansa veröffentlicht zu haben.

Gier-Spezial

„Ein Heft über die wahren Gründe der Krise“ hat die Redaktion des „Süddeutsche Zeitung Magazin“ gemacht, „Umdenken!“ auf den Titel geschrieben und „Wirtschaft Spezial“. Tolle Texte stehen darin, mit tollen Sätzen, und vier tolle Uhrenanzeigen. Dazu kommen wir noch.

Erst einmal die Texte.

Ein Wirtschaftssystem, „das so viel Wohlstand schafft, aber nur so wenigen zugänglich macht – wird auf Dauer kaum tragen“, darf der Soziologe Richard Sennett in einem Interview sagen. Und vorschlagen, ein neues zu entwickeln, „das auf Kooperation basiert, statt die Menschen nur auszusaugen“.

Christian Nürnberger beschreibt „die Krise als Moment der Selbsterkenntnis“ und einen prototypischen Michael M., der Träger eines „Virus“ sei, Opfer einer „Geisteskrankheit“: „Regelmäßig fährt er mit seinem Geländewagen zu Aldi und Lidl, und noch nie hat er auch nur einen Gedanken an die Frage verschwendet, wie es eigentlich den Beschäftigten von Aldi und Lidl geht, was sie verdienen, wie sie leben, wie sie ihre Kinder erziehen.“

„Die allgemeine Dummheit, die dieses Land erfasst hat in den letzten Jahren, die hat alles verdeckt. Diese Krise verdanken wir der Ideologie des freien Marktes“, zitiert Georg Diez in seinem Stück über die Wall Street einen Ex-Anwalt, der nun Buchautor ist. Und nennt den Zustand selbst „das Ende der Vernunft“, an dem alle Schuld sind: „Von ganz unten bis ganz oben, eine Kette der Gier.“

Wahre Sätze sind das. Hier noch einer aus dem Interview: „Wer jetzt so weitermachen will wie bisher, hat nicht verstanden, dass die Nachfrage weltweit sinkt.“

Tolles Heft, dieses „Wirtschaft Spezial“. An seinem Ende findet sich die Rubrik „Stil leben“. Dort steht auf fünf Seiten wenig Text, dafür zeigt die Redaktion — passend zu den tollen Uhrenanzeigen — viele Bilder von sehr teuren Uhren. Darüber steht: „Es gibt Uhren, die sind so schön, dass sie alle anderen in den Schatten stellen. Vorausgesetzt, man trägt sie mit Haltung.“

Zum Beispiel die „Ergon von Bulgari aus 18-Karat-Gelbgold, mit braunem Alligatorband“. Die kostet schlappe 11.000 Euro; die Rolex Oyster Perpetual GMT-Master II gibt’s für 19.500 Euro (aber das erwähnt das „SZ-Magazin“ nicht). Nichts für einfache Leute, nein, nein, sondern: „Für harte Hunde“.

So viel zur Moral im Angesicht der Rendite.

Der Kernsatz übrigens steht auch bei Diez. Es ist sein letzter, er soll all den Zynismus beschreiben, der sicher bald zu einer neuen Krise führen wird:

I gotta get back to work.

Passt auch gut zum „SZ-Magazin“.

Bescheidwissen über HIV und Aids

Bio-Lehrer Karlo Sauer von der Geschwister-Scholl-Hauptschule in Radevormwald bei Köln hatte eine gute Idee. Er lud zum Welt-Aids-Tag eine Expertin zur Aufklärung seiner Schüler ein, denn:

„Viele wissen einfach nicht richtig über Aids und HIV Bescheid.“

Nicht ganz so gut war seine Idee, auch einen Journalisten vom „Remscheider General-Anzeiger“ einzuladen. Denn der fügte in seinen Artikel über den Aufklärungsunterricht den Satz ein:

Deutschlandweit sind rund 86.000 Menschen mit dem HI-Virus infiziert, 27.000 Menschen starben letztes Jahr durch eine Infektion, besagt eine Studie des Robert-Koch-Instituts.

Das erscheint schon bei einer grob überschlägigen Rechnung unwahrscheinlich. In Wahrheit schätzt das Robert-Koch-Institut die Zahl der Menschen, die im vergangenen Jahr an den Folgen einer HIV-Infektion gestorben sind, auf ungefähr 650. Insgesamt, also seit Entdeckung des Virus vor rund 25 Jahren, sind es ungefähr 27.000 Tote. Auch mit den 86.000 liegt der „General-Anzeiger“ falsch. Das ist die geschätzte Gesamtzahl all jener, die sich im Verlauf der Epidemie in Deutschland angesteckt haben — inklusive der bereits gestorbenen. In Deutschland leben laut Robert-Koch-Institut aktuell rund 63.500 Menschen mit HIV oder Aids.

Auch ein weiterer Aufklärungsversuch des „Remscheider General-Anzeigers“ gestern ging schief. In einem Artikel der Jugendbeilage „X-Ray“ hieß es:

2119 Menschen in Deutschland sind an HIV erkrankt. In Nordrhein-Westfalen sind es 519 (…)

Diese Zahlen sind nun viel zu niedrig — egal ob die Autorin nun HIV-Infektionen oder Aids-Erkrankungen meinte. Die Zahl der Aids-Kranken schätzt das RKI auf 10.500 bundesweit und 1700 in Nordrhein-Westfalen. Diesen Fehler korrigierte „X-Ray“ heute.

Aber wenn die Aufklärung der Menschen über HIV und Aids von der Sorgfalt und dem Verständnis von Journalisten abhängt, wird es ein mühsamer Weg.

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