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Octopussies

Wer bisher dachte, es sei besorgniserregend, dass die Stimmung eines ganzen Volkes davon abhänge, wie die dazugehörige Fußballnationalmannschaft spielt, dürfte jetzt endgültig vom Untergang des Abendlandes überzeugt sein: Millionen Menschen – so stellt Bild.de es zumindest dar – sind geknickt, weil ein Tintenfisch sein Mittagessen falsch ausgesucht hat.

Ja: Ein Tintenfisch.

Wie schon bei der vorherigen WM-Partien wurde Paul auch für das WM-Halbfinale gegen Spanien als WM-Orakel bemüht: Er musste sich zwischen Muschelfleisch in einem deutschen und in einem spanischen Kasten entscheiden. Und diesmal blieb er bei den Spaniern hängen…

Das konnte bei der anhaltenden „Schland“-Euphorie natürlich nicht gut gehen:

„Tintenfisch für alle! Schlachtet ihn!“, „Octopus-Salat für die Nation!“ schreiben empörten Deutschland-Fans.

Fan-Wut gegen Kraken-Orakel Paul!

Und damit sich die Leser nicht durch das ganze Internet wühlen müssen, um ein ordentliches Stimmungsbild zu bekommen, war Bild.de eifrig:

BILD.de hat witzigsten Sprüche, Rezepte und Kommentare zu Pauls Tipp zusammengestellt. Klicken Sie hier durch die Galerie…

Wir lernen: „Kraken-Orakel“ aufessen wollen ist witzig — aber nur, wenn der Vorschlag von deutschen Fans kommt.

Als Paul vergangene Woche den Sieg der deutschen Mannschaft gegen Argentinien richtig vorhersagte und damit die argentinischen Anhänger verärgerte, empörte sich die gedruckte „Bild“:

Geschmacklos! Die Argentinier drohen unserem Kraken-Orakel Paul mit dem Kochtopf, wollen ihn in die Paella schnippeln.

Mit Dank an Christoph S.

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Kriegt Böhser Onkel was auf die Nazi-Mütze?

Als es in der Silvesternacht zu einem schweren Unfall mit Fahrerflucht auf der Frankfurter Stadtautobahn kam, war sich „Bild“ ziemlich schnell sicher, dass der Unfallverursacher der Sänger der umstrittenen, 2005 aufgelösten Band Böhse Onkelz sein könnte.

Das heißt: Nein, sicher natürlich noch nicht:

JETZT DER VERDACHT: Kevin Russell (45), Sänger der berühmt-berüchtigten Rockband „Böhse Onkelz“, soll gefahren sein – möglicherweise sogar im Drogenrausch!

Über zwei Wochen berichtete „Bild“ fast täglich über den Fall und als die Indizien sich verdichteten, spekulierte das „Bild“-Gericht schon mal über das Strafmaß:

15 Jahre Knast für den „Böhse Onkelz“-Sänger? Anwälte drohen mit Anzeige wegen versuchten Totschlags

Jetzt wurde Anklage gegen Kevin Russell erhoben (übrigens nicht wegen versuchten Totschlags) und „Bild“ weiß wieder bestens Bescheid:

Jetzt erfuhr BILD: Als Fahnder das Wrack des „Onkelz“ nach der Tat durchsuchten, stellten sie neben zahlreichen Medikamenten auch eine Mütze mit Nazi-Symbol sicher – dabei soll es sich sogar um ein Hakenkreuz handeln.

„Bild“ gibt sich ehrlich überrascht:

Es ist ein unglaublicher Vorwurf, der den Mythos „Böhse Onkelz“ bei Millionen Fans in seinen Grundfesten erschüttern wird!

Außerdem spekuliert die Zeitung wieder vorab munter über ein mögliches Strafmaß:

Das Verwenden von verfassungsfeindlichen Symbolen kann mit Gefängnis bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe geahndet werden (§83a StGB).

Und mal davon ab, dass hier wenn überhaupt §86a zum Tragen käme, hätte Russell wegen des Besitzes einer „Nazi-Mütze“ eher wenig zu befürchten: Das Gesetz sieht die Strafe für jemanden vor, der Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen „verbreitet oder öffentlich verwendet“.

Rechtsanwalt und Lawblogger Udo Vetter erklärt uns auf Anfrage:

Strafbar wäre also das Tragen der Mütze in einer Diskothek, auf der Straße oder im Kaufhaus. Bei kleineren Veranstaltungen, zum Beispiel in der Familie oder einem Hinterzimmertreffen (ideologisch) Gleichgesinnter, würde es eher an der Öffentlichkeit fehlen.

Mit Dank an die Hinweisgeber.

Nachtrag, 7. Juli 2010: Inzwischen hat uns auch die Staatsanwaltschaft Frankfurt bestätigt, dass die gefundene Mütze nicht Gegenstand der Anklageerhebung ist: Der Besitz der Mütze sei keine Straftat, außerdem sei nicht einmal klar, ob sie wirklich Russell gehöre.

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Schwein gehabt

„Bild“ darf Menschen – auch Verbrecher – nicht als „Schwein“ oder „Dreckschwein“ bezeichnen, das hat der Presserat mehrfach betont.

Trotzdem ist es wenig überraschend, dass „Bild“ heute mit dieser Überschrift aufwartete:

Hat dieses Schwein den Mann an der A5 ermordet?

Wahrscheinlich haben sie in der Redaktion feixend unter den Tischen gelegen und diese Überschrift für noch unangreifbarer gehalten als die mit dem durchgestrichenen „Schwein“.

Aber sehen Sie selbst:

Motivationstrainer Detlef S. (50) im Schweinchenkostüm beim Marathonlauf

Der Tatverdächtige war so unvorsichtig gewesen und hatte sich zu einem früheren Zeitpunkt bei einem ganz anderen Anlass in einem Schweinekostüm fotografieren lassen.

Interessanterweise endet der längere Artikel auf Bild.de übrigens so:

Die Beweislage gegen Detlef S. und seinen Freund ist laut Fahndern erdrückend – doch ob und, wenn ja, warum sie dann die Tat begingen, wird wohl erst ein Prozess klären können…

… aber bis dahin hat man den Mann wenigstens schon mal medial verurteilt.

Mit Dank an Dennis und Spot.

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Kleine Brücken unter Freunden

Vor über fünf Jahren gab es in BILDblog eine Serie namens „We are the champions“. Es ging darin um die „Bild“-Rubrik „Gewinner des Tages“, die damals vor allem einen Zweck hatte: sich selbst oder Freunden und Geschäftspartnern auf die Schulter zu klopfen. Nach der 46. Kür dieser Art haben wir mit der Reihe aufgehört (und die ungezählten Würdigungen von Helmut Kohl, dem Freund des Hauses und des Chefredakteurs, waren dabei nicht einmal mitgezählt).

Heute ist die Rubrik „Gewinner des Tages“ immer noch häufig absurd, aber nicht mehr so lächerlich oder als PR-Instrument durchschaubar wie damals.

Die Atlantik-Brücke allerdings hat immer noch ihren festen Platz als „Gewinner“ in „Bild“ gepachtet. Die Atlantik-Brücke ist ein Verein, der das deutsch-amerikanische Verständnis fördern will — ein Ziel, dem sich auch die Axel Springer AG und jeder einzelne ihrer Journalisten verpflichtet haben. Kai Diekmann, der Chefredakteur von „Bild“, war bis vor wenigen Monaten Mitglied im Vorstand der Atlantik-Brücke (nicht, dass das je im Blatt erwähnt worden wäre).

„Bild“, 12. April 2002:

Gewinner

Ein Symbol der deutsch-amerikanischen Freundschaft feiert 50-jähriges Jubiläum: die Atlantik-Brücke. Verdienst des Vereins: den Dialog zwischen beiden Ländern zu fördern, das politische und kulturelle Verständnis zu vertiefen. Der Vorsitzende Arend Oetker (63, Foto): „Es ist eine Brücke, die es immer wieder instand zu setzen gilt.“

BILD meint: Was zählt, ist Freundschaft.

„Bild“, 18. April 2002:

Gewinner

Ein Mann, der Brücken schlägt: Ex-US-Präsident George Bush (77) erhielt gestern im Berliner Schloss Charlottenburg den Eric-M.-Warburg-Preis. Die Laudatio hielt Außenminister Joschka Fischer. Mit dem Preis zeichnet der Verein Atlantik-Brücke Bushs Verdienste um die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA aus.

BILD meint: Transatlantisch!

„Bild“, 5. Mai 2003:

Gewinner

Wer über das deutsch-amerikanische Verhältnis redet, kommt an Dr. Beate Lindemann (60) nicht vorbei. Sie kriegt in Washington jeden Gesprächspartner an die Strippe. Die Geschäftsführerin des Vereins Atlantik-Brücke bemüht sich gerade in diesen Tagen um ein gutes Verhältnis zu Amerika. Eine wichtige Aufgabe, die sie mit viel Klugheit und Charme meistert.

BILD meint: Transatlantisch!

„Bild“, 3. Febuar 2004:

Gewinner

Ein Flugkapitän, der Brücken baut: Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber (56) erhält heute in New York den Vernon A. Walters Award für seine Verdienste um die deutsch-amerikanische Partnerschaft. Verliehen wird der Preis vom renommierten Verein Atlantik-Brücke.

BILD meint: Über den Wolken muss die Freundschaft wohl grenzenlos sein.

„Bild“, 11. Juni 2004:

Gewinner

CDU-Politiker Walther Leisler Kiep (78) ist der neue Ehrenvorsitzende des Vereins Atlantik-Brücke. Die Mitgliederversammlung (u. a. Otto Graf Lambsdorff, Hilmar Kopper, Rudolf Scharping) würdigten damit einstimmig Kieps Verdienste um die deutsch-amerikanische Verständigung. BILD meint: Verdiente Ehre!

„Bild“, 16. Juni 2005

Gewinner

Jetzt bekommt die Atlantik-Brücke Flügel: Dr. Thomas Enders (45), Vorstand beim europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS, wird neuer Vorsitzender des Vereins. Amerika-Freund Enders studierte in Los Angeles, löst Dr. Arend Oetker nach fünf Jahren ab. Die überparteiliche Atlantik-Brücke e. V. setzt sich seit 1952 für die Freundschaft zwischen Deutschland und den USA ein.

BILD meint: Viel Erfolg!

„Bild“, 1. Oktober 2005:

Gewinner

Drei hohe Ehrungen in zwei Monaten für Michael Otto (62): Erst der Bertelsmann-Preis für Jugend- Förderung, dann der Umweltpreis 2005 und jetzt in New York der Vernon A. Walters Award der „Atlantik-Brücke“. 54 000 Mitarbeiter des größten Versandkonzerns der Welt können stolz auf ihren Chef sein.

BILD meint: Otto – find‘ ich gut!

„Bild“, 10. Oktober 2005:

Gewinner

Sie baut Brücken zwischen Deutschland und Amerika. Dafür erhält Dr. Beate Lindemann heute in Berlin das Bundesverdienstkreuz Erster Klasse. Die Vize-Vorsitzende des Vereins „Atlantik-Brücke“ hat u. a. ein Austauschprogramm ins Leben gerufen, das seit 1990 mehr als 3000 ostdeutschen Oberschülern einen einjährigen Aufenthalt in den USA ermöglichte.

BILD meint: Ehre, wem Ehre gebührt.

„Bild“, 15. Mai 2007:

Gewinner

Bei den Verhandlungen zur deutschen Einheit zwischen den Siegermächten des Zweiten Weltkriegs und den beiden deutschen Staaten spielte Condoleezza Rice (52) 1990 eine entscheidende Rolle. Dafür bekommt die heutige US-Außenministerin am 31. Mai den Eric-M.-Warburg-Preis von der Atlantik-Brücke e. V. verliehen. Die Laudatio hält der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl.

BILD meint: Der Preis ist Rice!

„Bild“, 1. Juli 2009:

Gewinner

Ehrenvolle Aufgabe für Friedrich Merz (53): Der streitbare Politiker ist neuer Vorsitzender der angesehenen Atlantik-Brücke. Merz übernimmt das Amt von Airbus-Chef Enders. Die Atlantik-Brücke ist ein Zusammenschluss von Wirtschaftsführern, Politikern u. a. in Deutschland und den USA mit dem Ziel, die deutsch-amerikanische Freundschaft zu fördern.

BILD meint: Top-Mann für eine Top-Aufgabe!

„Bild“, 30. Juni 2010:

Gewinner

Der alte und neue Vorsitzende der Atlantik-Brücke heißt Friedrich Merz (54). Der Anwalt und Wirtschaftsexperte wurde gestern auf der Mitgliederversammlung des Vereins mit großer Mehrheit wiedergewählt. Die Atlantik-Brücke setzt sich seit ihrer Gründung 1952 für die deutsch-amerikanische Freundschaft ein.

BILD meint: Brückenbauer!

Bemerkenswert ist aber nicht nur, mit welcher Konsequenz „Bild“ den Verein über Jahre im Blatt feiert, sondern auch, worüber die Zeitung lieber nicht berichtet. Der Wiederwahl von Merz, die ihn gestern erneut zum „Bild“-„Gewinner“ werden ließ, waren nämlich erhebliche Auseinandersetzungen vorausgegangen. Von einer „Schlammschlacht“ sprechen die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, Merz und der Ehrenvorsitzende Kiep hätten sich „wie die Kesselflicker“ gestritten, schreibt die „Zeit“. Merz war am 1. Juni schließlich zurückgetreten; auch Kai Diekmann verließ danach den Vorstand. Er wurde laut einem Bericht der Zeitschrift „Capital“ dann aber nachträglich Mitglied der Kommission, die einen Nachfolger für Merz finden sollte und, Überraschung: Merz fand. So gesehen hätte Diekmann sich gestern auch selbst zum „Gewinner“ erklären können.

Von all den spektakulären Auseinandersetzungen aber fand sich kein Wort, keine Andeutung in der „Bild“-Zeitung, die sonst so gründlich und aufopferungsvoll das Wirken der einflussreichen Organisation begleitet. Das, nicht die Aufnahme in die Rubrik „Gewinner“, ist der wahre Dienst, den „Bild“ für Freunde leistet: Schweigen.

Boateng trat, „Bild“ tritt nach

Mit seinem heftigen Foul an Michael Ballack am 15. Mai im Finale des englischen Fußball-Pokals machte sich Kevin-Prince Boateng nicht gerade beliebt in Deutschland. Immerhin verletzte er den Kapitän der deutschen Nationalmannschaft dabei so schwer, dass er nicht an der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika teilnehmen konnte. Schnell war angesichts dieser Verletzung auch vergessen, dass Ballack selbst zuvor in der 32. Spielminute bereits wegen einer Tätlichkeit gegen Boateng mit Rot vom Platz hätte gehen müssen.

Und so verwundert es auch nicht, dass die „Bild“-Leute — und auch andere Medien (BILDblog berichtete) — in den folgenden Tagen nicht gerade zimperlich mit dem 23-jährigen Deutsch-Ghanaer umsprangen. Statt von Kevin-Prince war nur noch die Rede vom „Kaputt-Treter“, „Ballack-Treter“, „Brutalo-Treter“ oder „Übel-Treter“ Boateng. Folgende Worte geben die Stimmung treffend wieder:

ER ist seit acht Tagen der meistgehasste Mann im deutschen Fußball. Die Szene hat sich eingebrannt.

Eingebrannt hat sich diese Szene vor allem bei den Sportredakteuren von „Bild“. Denn während man die Wortwahl der ersten Meldungen vielleicht noch als Revanchefoul auffassen kann, hat die ständige Nachtreterei in der WM-Berichterstattung von „Bild“ und „Bild.de“ schon penetrante Züge angenommen — zumal Boateng auch in 345 WM-Minuten für die ghanaische Nationalmannschaft noch keine einzige gelbe Karte erhalten hat.

Nach dem Vorrundenspiel gegen Serbien hieß es:

Ausgerechnet Ballack-Treter Kevin-Prince Boateng (23) feierte seinen ersten WM-Sieg. Der Mann, der unseren Kapitän Michael Ballack im englischen Cup-Finale kaputtgetreten hatte, war einer der großen Sieger beim Duell unserer Gruppengegner. („Serbien – Ghana 0:1 – Ballack-Treter feiert ersten Sieg“)

Vor dem Spiel gegen Australien:

Mittelfeld-Stratege und Ballack-Treter Kevin-Prince Boateng kann mit Ghana die Tabellenführung in der Gruppe D übernehmen. („Ghana mit Treter Boateng auf Platz 1?“)

Vor dem Spiel gegen Deutschland:

Erst hat Kevin-Prince Boateng (23) mit einem üblen Foul Michael Ballack (33) um die WM gebracht, dann tönt er auch noch in Südafrika gegen Deutschland. („Boateng lacht Deutschland aus!“)

Selbst nachdem sich Boateng im Spiel gegen die USA selbst am Oberschenkel verletzt hat, konnte man sich bei „Bild“ nicht zurückhalten:

Jetzt droht dem Mann, der Michael Ballack (33) aus der WM getreten hat, das Aus fürs Viertelfinale gegen Uruguay. („Treter Boateng betet für seinen Oberschenkel“)

In einem weiteren Artikel über Boatengs Verletzung steht bezeichnenderweise:

Für die deutschen Fans wird er für immer der Spieler sein, der Michael Ballack (33) aus der WM getreten hat. („Ballack-Treter Boateng droht das WM-Aus“)

Und „Bild“ sorgt dafür, dass das auch so bleibt.

Mit Dank an Eric R.

Bild, dpa  

Und nochmal die ’85, bitte, extra scharf

Es gibt sie noch, die guten Dinge, die auch einer schnelllebigen Welt wie der unsrigen über Jahrzehnte konstant bleiben. Die Ausweitung des Fahrverbots für LKW in der Ferienzeit zum Beispiel feiert in diesem Jahr schon ihren 25. Geburtstag. Seit 1985 dürfen Laster mit einem zulässigen Gesamtgewicht über 7,5 Tonnen im Juli und August nicht nur sonntags, sondern auch samstags tagsüber die wichtigsten Autobahnen nicht befahren. Das wurde damals in der „Verordnung zur Erleichterung des Ferienreiseverkehrs auf der Straße“ festgelegt.

Nun neigt der Mensch aber dazu, solche Errungenschaften als Selbstverständlichkeit hin- und gar nicht mehr wahrzunehmen, weshalb sich Verkehrsminister Peter Ramsauer und die „Bild“-Zeitung anscheinend etwas Besonderes ausgedacht haben. „Bild“-Chefkorrespondent Einar Koch schreibt auf der Titelseite „Brummi-Fahrverbot auch an Samstagen“ und tut mehr oder weniger unterschwellig so, als handele es sich dabei um eine Erfindung Ramsauers.

In der Online-Version seines Textes reicht es sogar zu mehreren Ausrufezeichen:

Ramsauer weitet Brummi-Fahrverbot aus!

Zumindest an Wochenenden soll es in der einsetzenden Reisezeit keine „Elefanten-Rennen“ auf der Autobahn geben: Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) verschärft das Fahrverbot für Brummis!

Der Minister verfügte jetzt in einem Ukas an die obersten Landesbehörden und Dienststellen der Verkehrspolizei Sonderregelungen für die Reisezeit vom 1. Juli bis 31. August. (…)

Den Minister freut’s sicher. Nachdem die „Bild“-Zeitung vorab berichten durfte, veröffentlicht die Regierung eine Reihe von Pressemitteilungen und Texten, mit teils wortgleichen Formulierungen und Zitaten wie in „Bild“, die sich natürlich auch keine besondere Mühe geben darauf hinzuweisen, wie gering der tatsächliche Anteil Ramsauers an dieser für viele Autofahrer erfreulichen Maßnahme ist.

Und das Schöne für ihn: Er ist nicht nur in „Bild“ der Held. Die Nachrichtenagentur dpa ist, wie so oft, auf die Vorabmeldung der Boulevardzeitung hereingefallen und verbreitete die vermeintliche Neuigkeit noch in der Nacht unter der Überschrift: „‚Bild': Ramsauer verschärft Lkw-Fahrverbot“.

Mit Dank an Tobias K.!

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Trikottausch leicht gemacht

Dieses Internet, voll von rätselhaften Dingen:

Rätselhafter Fund im Internet: Sind das die neuen Werder-Trikots?

Wirklich beantworten kann man die Frage natürlich erst, wenn die neuen Trikots auch tatsächlich vorgestellt worden sind.

Allerdings wäre es schon sehr überraschend, wenn der User „Werderfanschulze“ aus dem Fanforum von Werder Bremen zufälligerweise exakt das neue Trikotdesign getroffen hat, als er diese Grafik „gebastelt“ hat:

Werder Trikots 2010/11 (Fake)

Mit Dank an Torge B., desixtor und Michael T.

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Wie man sich für Lena zum Horst macht

Manchmal ist es ganz leicht, an eine aufregende Geschichte zu kommen: Man muss sich nur ganz blöd stellen.

Ich spiele "Lena" im TVHeute macht sich in der „Bild“-Zeitung die Barack-Obama-Trainingspartnerin Judith Bonesky zum Horst und verkauft sich und ihre Leser für dumm, indem sie so tut, als habe die neue ZDF-Seifenoper „Lena“, die das ZDF vom Herbst an ausstrahlen wird, irgendetwas mit der gleichnamigen Sängerin und Grand-Prix-Gewinnerin zu tun, die sich so schrecklich unwillig zeigt, der „Bild“-Zeitung aufregende Geschichten von sich zu erzählen.

Bonesky schreibt:

Berlin/Köln — Von der Abiturientin zum Grand-Prix-Superstar: Der kometenhafte Aufstieg von Lena Meyer-Landrut (19, „Satellite“) hat ganz Deutschland verzaubert.

JETZT WIRD LENA ZUR TV-SEIFENOPER!

(…) Story: Hauptdarstellerin „Lena“ trifft einen mächtigen Musikproduzenten. Der entdeckt ihre tolle Ausstrahlung, ihr großes Talent — ganz so wie Stefan Raab bei Lena …

Und wie in Lenas echtem Leben ist ist dies der Beginn einer märchenhaften Gesangskarriere: Lena erobert die Herzen ihrer Fans, wird zum Star!

(usw. usf.)

Online trug der Artikel ursprünglich sogar die Überschrift „Jessica Ginkel spielt Grand-Prix-Lena in neuer ZDF-TV-Serie“.

In Wahrheit stand die Geschichte schon fest, bevor Lena überhaupt zum ersten Mal bei „Unser Star für Oslo“ auftrat: Sie beruht auf der argentinischen Telenovela „Don Juan y su bella dama“. Und selbst der Name „Lena“ für die Hauptperson ist keine nachträgliche Marketingidee: Schon im November 2009 berichteten deutsche Medien, dass die Produktionsfirma Endemol die Serie unter diesem Namen anbot.

Bestimmt weiß Frau Bonesky das sogar alles. Aber irgendwo müssen die geilen Lena-(Meyer-Landrut)-Geschichten ja herkommen!

Fies sind immer nur die Anderen

„Sie klopften an der Tür, wollten meinem Sohn Jean-Paul zum 9. Geburtstag ein Geschenk übergeben. Ich habe ihnen klar gesagt, ich werde kein offizielles Gespräch führen und auch keine Bilder zulassen. Darauf gingen die Journalisten offenbar nur zum Schein ein. Sie übergaben Jean-Paul ein Riesen-Schiffsmodell mit Fernsteuerung. Baten dann noch um ein Foto zum Schluss. Nur für den privaten Gebrauch mit dem Handy.“

Soweit der Fußballtrainer Christoph Daum, der von einem türkischen TV-Sender „aufs Kreuz gelegt“ wurde, wie Bild.de schreibt:

Aus dem Handy-Foto und den daumschen Halbsätzen entstand dann offensichtlich der Internet-Beitrag. Ein neuer fieser Tiefpunkt im Fenerbahce-Zoff.

Und weil man sonst so selten Gelegenheit hat, Daum und Barack Obama in einem Artikel zu zitieren, jetzt noch ein paar Worte des damaligen US-Präsidentschaftskandidaten:

„Sie hat uns abgezockt. Wir kommen in das Sportstudio. Sie ist schon auf dem Laufband. Sie sieht wie ein ganz normales deutsches Mädchen aus. Sie lächelt und winkt ein bisschen verlegen, aber macht sich keine Mühe, irgendetwas zu sagen. Als ich gerade gehe, sagt sie: ‚Oh, kann ich ein Foto haben? Ich bin ein großer Fan.'“

Die Frau, die Obama vor knapp zwei Jahren im Fitnessstudio eines Berliner Hotels „abgezockt“ hat, war die Reporterin Judith Bonesky, und die Zeitung, für die sie arbeitet, sah am nächsten Tag so aus:

Ausriss: "Bild"

Mit Dank an Tommy E.

B.Z., Bild, Express, MSN  etc.

Mit bösem Willen und Spucke

Es geht ausnahmsweise mal nicht um die Leistung der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM, wenn die „B.Z.“ schreibt:

Und plötzlich liegt ein dunkler Schatten auf dem Gute-Laune-Fest:

Nein, nach dem Doppelpunkt kommt etwas ganz anderes:

Beim Christopher Street Day (CSD) soll der ehemalige Big Brother-Kandidat Harald Fassanelli (43) mehrere Menschen vor Wut gebissen haben – dabei ist er HIV positiv!

Dieses „dabei“, das da etwas ungelenk in dem Satz rumsteht, ist verräterisch — impliziert es doch, dass die Infektion des Mannes in einem Zusammenhang mit seiner Tat steht. Und damit nicht genug: In Überschrift, Vorspann und dem (nicht sehr langen) Artikel erwähnt die „B.Z.“ insgesamt vier Mal, dass der Mann HIV-positiv ist.

In einem weiteren Artikel schreibt sie:

Kurz vor Schluss des bunten Umzuges dann der Schock: ein HIV-Infizierter biss bei einem Streit acht andere Teilnehmer!

Und man fragt sich, ob der „Schock“ wohl ausgeblieben wäre, wenn der Mann nicht durch frühere TV-Auftritte als HIV-positiv bekannt gewesen wäre.

Das heißt: Nein, man fragt es sich eigentlich nicht. Die „B.Z.“ beantwortet das gerne:

Einem 36-Jährigen soll Fassanelli in den Oberarm gebissen haben, einem 27-Jährigen in die Hand. Die Verletzungen sollen nur oberflächlich sein, sodass eine Infektion mit dem HI-Virus als unwahrscheinlich gilt. Bei einem weiteren Opfer hingegen soll nach einem Biss Fassanellis die Schulter geblutet haben, so der Einsatzleiter der Polizei zu einem Reporter der RBB-Abendschau.

Haben Sie’s gemerkt? Mitten in diesem Absatz war ein Bruch — denn auch, wenn eines der Opfer geblutet hat, bleibt eine Infektion unwahrscheinlich: Im menschlichen Speichel kommen die HI-Viren in einer derart geringen Menge vor, dass sie nicht für eine Übertragung ausreicht.

Genau genommen weiß das auch die „B.Z.“, die in Ihrer Ausgabe jemanden zu Wort kommen lässt, der sich mit dem Thema auskennt:

Dr. Immanuel Hardtmann (45), Internist am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum (Schöneberg), Schwerpunktkrankenhaus für HIV: „Wenn ein HIV-Infizierter andere Menschen mit Biss-Wunden verletzt, ist eine Übertragung der Infektion theoretisch denkbar, jedoch nicht unbedingt wahrscheinlich. Speichel enthält keine nennenswerten Mengen an HI-Viren. Da für eine Übertragung entweder ungeschützter sexueller Verkehr oder Blut-zu-Blut-Kontakt erforderlich ist, müsste im Fall der Biss-Verletzung nicht nur eine Blutung bei dem gebissenen Opfer, sondern auch bei dem Täter, beispielsweise am Zahnfleisch, vorliegen.“

Selbst das ist nicht ganz sicher: Verschiedene Aidshilfen erklären, dass virushemmende Enzyme im Speichel dafür sorgen, dass selbst bei einer Verletzung oder Zahnfleischbluten das Infektionsrisiko gering sei.

Derartig rationale Erklärungen könnten natürlich etwas untergehen in einer Zeitung, deren Titelseite so aussieht:

Entsprechend übt sich auch der „Berliner Kurier“ auf seiner Internetseite in Panikmache:

Die Opfer der Attacke werden die nächsten sechs Monate nicht wissen, ob sie nun eventuell angesteckt wurden. So lange dauert es, bis ein Arzt eine HIV-Infizierung definitiv ausschließen kann. Sollte Fassanelli eine offenen Wunde im Mund oder Zahnfleischbluten haben, ist eine Übertragung des Virus durchaus möglich.

Der Kölner „Express“ versuchte sich an einer Formulierung, die mutmaßlich beruhigend klingen soll, jetzt aber implizit nahelegt, dass HIV durch Speichel übertragen werden könnte:

Die Opfer der Beißattacke mussten nicht ärztlich behandelt werden – auch eine HIV-Ansteckungsgefahr bestand nicht, da die Verletzungen nicht geblutet haben.

Auch „Bild“ möchte offenbar nicht groß zur gesundheitlichen Aufklärung beitragen:

Der Big-Brother-Star biss wild um sich. Schlimmer noch: Er ist HIV-positiv…

Und weiter im Text:

Und zu seiner Entschuldigung: „Ich dachte in diesem Moment nicht daran, dass ich andere anstecken könnte.“

Wahnsinn, wenn es so wäre…

Wie verheerend die ungenau Berichterstattung zu diesem Thema ist, zeigt das Internet-Portal MSN, das all die impliziten Andeutungen endgültig zu expliziter Desinformation gerinnen lässt:

Der 43-Jährige schlug auf seinem Festwagen wild um sich und biss mehrere Personen - besonders brisant, weil Harald mit dem HI-Virus infiziert ist und ihn mit seinem Speichel übertragen könnte!

Mit Dank an Patrick D. und Manny.

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