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Der Zorn einer Mutter

Vergangene Woche ist in Brandenburg der 14-jährige Gymnasiast Jacob K. ums Leben gekommen, als er sich versehentlich mit einem Strick strangulierte. Weil der Junge einer Internet-Anleitung zu einem sogenannten „Würgespiel“ gefolgt war, bei dem es darum geht, durch Reduktion der Luftzufuhr in einen Rauschzustand zu kommen, hat sich seine Familie entschlossen, mit den Hintergründen des Unglücksfalls an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie will damit auf die Gefahren dieses vermeintlichen Spiels aufmerksam machen, dem in Frankreich allein in diesem Jahr 13 Schüler zum Opfer gefallen sein sollen.

Unter dem Artikel, den der Berliner „Tagesspiegel“ dem Thema gewidmet hat, hat am Donnerstag jemand kommentiert, bei dem es sich offenbar um die Mutter des Verstorbenen handelt. Sie dankt für das Mitgefühl, aber ihr liegt noch etwas anderes am Herzen:

Und ich möchte diese Stelle auch nutzen, um über das widerliche Verhalten eines Bildreporters zu berichten: Er betrat unser Grundstück, klingelte an der Tür und fragte frech nach einem Foto von Jacob, wie denn mein Vorname sei und wo ich arbeite – ich bat ihn um Respekt, habe ihm erklärt, dass Jacob das nicht wolle – im Nachhinhein erfuhr ich, dass er wohl auch bei den Nachbarn geklingelt hatte. Er ging mit den Worten: er ist vielleicht der Erste aber garantiert nicht der Letzte!

1 Stunde später standen 2 Männer vom ZDF vorm Grundstück, auch hier baten wir höflich, uns nicht zu filmen, haben ihnen das erklärt, auch hier um Respekt gebeten, auch zum Schutz für Jacobs kleine Schwester – sie haben sich hingestellt und uns trotzdem gefilmt.

Wir mussten also einen Rechtsanwalt einschalten, diese Bildveröffentlichungen zu verhindern.

Nun weiß man weder mit letzter Sicherheit, ob der Kommentar tatsächlich von Jacobs Mutter stammt, noch, ob die Schilderungen über den „Bild“-Reporter Mann, der sich als „Bild“-Reporter ausgegeben hat, zutreffend sind.

Andererseits wären wir, nach allem, was wir über die Recherchemethoden von „Bild“ wissen, auch nicht sonderlich überrascht, wenn sich das Geschilderte genau so zugetragen haben sollte.

Der „Bild“-Artikel über die Trauerfeier kommt dann interessanterweise ganz ohne Fotos des Verstorbenen aus. Dafür offenbart sich die ganze Merkwürdigkeit von „Bild“ darin, dass die sonst so Anonymisierungs-scheue Zeitung den Vornamen des Jungen geändert hat — also den Namen nicht nennt, den die Familie selbst an die Öffentlichkeit gegeben hatte.

Wir haben das ZDF, bei dem wir auch nur mäßig überrascht wären, wenn sich die Vorwürfe als zutreffend erweisen sollten, um eine Stellungnahme gebeten.

Die Pressestelle des Senders erklärt, dass „ein erhebliches öffentliches Interesse an dem Fall“ bestanden habe und neben dem Team der vom ZDF beauftragten Firma „Reportnet24″ auch noch „zahlreiche andere Journalisten zugegen“ gewesen seien. Das Kamerateam habe aber „ausschließlich auf der öffentlich zugänglichen Straße“ gefilmt und dabei „Aufnahmen von den Blumen und Kerzen vor dem Haus sowie einige Einstellungen der Straße“ angefertigt.

Eine Interviewanfrage lehnten die Eltern ab. Diese Ablehnung hat das Filmteam selbstverständlich berücksichtigt.

Indirekt bestätigt das Zweite Deutsche Fernsehen allerdings, dass die Eltern ihre Anwälte eingeschaltet haben:

Zu keinem Zeitpunkt waren identifizierende Filmaufnahmen der Eltern oder des Wohnhauses zur Ausstrahlung vorgesehen. Das hat das ZDF dem Anwalt der Eltern von Jacob K. daher auch am Mittwoch in vollem Umfang zugesichert.

Mit Dank an Dieter.

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Chaotsein oder Nichtchaotsein?

Gestern berichtete die „Bild“ über zwei Berliner Jugendliche, die seit sieben Monaten in U-Haft sitzen, weil sie eine Brandflasche gegen Polizisten geschleudert haben sollen. Der Prozess gegen die beiden Schüler ist umstritten; sogar „Bild“ fragte Anfang September:

Doch stehen die Falschen als Mai-Randalierer vor Gericht?

Gestern zeigte die „Bild“ wieder ungewohnte Zweifel an der Schuld der Angeklagten:

Die Indizien sind dünn, die Verteidigung sicher: Es liegt eine Verwechslung vor.

Um aber keine Zweifel an der poltiischen Positionierung der Zeitung aufkommen zu lassen, erhielt der Artikel sicherheitshalber folgende Überschrift:

Gnade für Mai-Chaoten

Was immerhin eine gewisse Konsequenz hat, denn auch vor drei Wochen hatte „Bild“ die Schuld der Täter in der Schlagzeile schon festgestellt:

Mai-Randalierer vor Gericht

„Bild“-Routine halt.

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Mit Rummenigge im Irrland

Die Beziehung zwischen Karl-Heinz Rummenigge und „Bild“ war auch schon mal besser. Vielleicht liegt es daran, dass die Zeitung dem Vorstandsvorsitzenden von Bayern München vorgeworfen hat, sich zu irren. Vielleicht aber auch bloß daran, dass sie sich geirrt hat.

Am 9. November berichtete „Bild“ in großer Aufmachung über einen „Aufstand bei Bayern“. Rummenigge hatte angekündigt, Philipp Lahm wegen eines kritischen Interviews zu einer Geldstrafe zu verurteilen, „wie es sie in dieser Höhe beim FC Bayern München noch nie gegeben hat“.

Aufstand bei Bayern

„Bild“ verwies auf selbst erfundene recherchierte Zahlen, wonach Lahm „maximal 25.000 Euro“ und Luca Toni 15.000 Euro zahlen müssen, „Bild“ schlaumeierte, dass Oliver Kahn ebenfalls schon mit einer Geldstrafe in Höhe von 25.000 Euro belegt worden sei, und folgerte:

Rummenigge irrt bei der Höhe der Strafe.*

Rummenigge aber widersprach den „BILD-Informationen“ über Lahm und Toni und setzte eine Gegendarstellung durch, die gestern in „Bild“ erschien:

Richtig ist, dass beide Spieler wesentlich höhere Geldstrafen zahlen müssen.

Der „Bild“-Bericht zum angeblichen „Aufstand bei Bayern“ resultierte aber noch in einer weiteren Gegendarstellung von Karl-Heinz-Rummenigge. Zu einem angeblichen Gespräch des Bayern-Trainers mit dem Stürmer Luca Toni stellte er fest:

Der mich betreffende Teil dieser Behauptung ist unwahr. Ich war bei diesem Gespräch nicht dabei, weder als Vermittler noch als Dolmetscher.

Die „Bild“-Redaktion war offensichtlich auch nicht dabei und fügte in dieser Gegendarstellung, die bereits am 16. November erschien, hinzu:

Karl-Heinz Rummenigge hat recht.

*) aus unbekannten Gründen steht dieser Satz nur in der Online-Version des Artikels.

Deutschlands Nachrichtenmedium Nummer 1

Wenn es im „Bild“-Universum heißt, dass etwas zum 1. Mal oder „erstmals“ passiert, dann handelt der dazugehörige Artikel in der Regel von irgendetwas, das zum zweiten bis sechsmilliardensten Mal stattfindet.

Wenn „Bild“ also heute über Comeback-Gerüchte von Michael Schumacher fragt:

Dann lautet die Antwort natürlich: „Nein!“, egal ob Schumacher nochmal antritt oder nicht.

Giuseppe Farina, der erste Formel-1-Weltmeister überhaupt, gewann seinen Titel knapp zwei Monate vor seinem 44. Geburtstag im Herbst 1950, Jack Brabham gewann seinen dritten WM-Titel im Alter von 40 Jahren und Juan Manuel Fangio, bis zu Schumachers fünftem Titel Rekord-Weltmeister in der Formel 1, holte seinen ersten WM-Titel 1951 im Alter von 40 Jahren und 4 Monaten.

Aber gut, da haben die „Bild“-Leute nur drei Personen übersehen — deutlich weniger als im Artikel über die Verleihung des Literatur-Nobelpreises an Herta Müller:

Nach Günter Grass 1999 und der Österreicherin Elfriede Jelinek 2004 wurde damit der bedeutendste Literaturpreis der Welt zum dritten Mal an einen Autor aus dem deutschsprachigen Raum vergeben.

Dass „Bild“ den letzten deutschsprachigen Preisträger vor Grass unter den Teppich kehren will, ist verständlich: Hatte Heinrich Böll doch in seinem Roman „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ einigermaßen unverhohlen mit den Methoden der Zeitung abgerechnet und in seinen Vorbemerkungen geschrieben:

Personen und Handlung dieser Erzählung sind frei erfunden. Sollten sich bei der Schilderung gewisser journalistischer Praktiken Ähnlichkeiten mit den Praktiken der Bild-Zeitung ergeben haben, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

Aber selbst wenn man Böll wegließe, blieben noch semi-prominente Preisträger übrig wie Hermann Hesse, Thomas Mann, Gerhart Hauptmann oder Theodor Mommsen, der 1902 mit dem zweiten Nobelpreis für Literatur überhaupt ausgezeichnet wurde. Beim Zusammenzählen kommt man leicht auf mehr als zehn deutschsprachige Preisträger.

Mit Dank an Matthias H. und und Ellen L.

Nachtrag, 15.20 Uhr: Bild.de hat sich bei den Nobelpreisträgern „korrigiert“:

Herta Müller ist Deutschlands 10. Literatur-Nobelpreisträger(in).

Ihre Vorgänger waren: Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908), Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1912), Thomas Mann (1929), Hermann Hesse (1946), Nelly Sachs (1966), Heinrich Böll (1972) und Günter Grass (1999).

Bei Hermann Hesse hat Bild.de uns möglicherweise falsch verstanden: Der war zwar deutschsprachig und wurde auch in Deutschland geboren, gilt dem Nobel-Komitee aber als Schweizer. Auch Nelly Sachs wurde in Deutschland geboren, wird aber im offiziellen Preisträger-Archiv als Schwedin geführt.

Der Schumacher-Text ist noch unverändert.

2. Nachtrag, 16.20 Uhr: Puh, es waren gar nicht wir, die Bild.de verwirrt haben! Die Korrektur ist einfach eine Liste der deutschen Preisträger, die aus der Printausgabe übernommen wurde:

Herta Müller ist Deutschlands 10. Literatur-Nobelpreisträger(in). Ihre Vorgänger waren: Theodor Mommsen (1902), Rudolf Eucken (1908), Paul Heyse (1910), Gerhart Hauptmann (1912), Thomas Mann (1929), Hermann Hesse (1946), Nelly Sachs (1966), Heinrich Böll (1972) und Günter Grass (1999).

Mit Dank an Daniel W.

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Ohr-ab-Verleger findet Killerapplikation

Mathias Döpfner, der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, hat vor einigen Monaten angekündigt, mit kostenpflichtigen Anwendungen für das iPhone neue Einnahmen zu generieren. In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ sprach er von einer geradezu „heiligen Verantwortung“, die die Verleger hätten, „alles zu versuchen, um eine Wirtschaftsgrundlage für die digitale Welt zu schaffen“. Entscheidend sei bei den Bezahlmodellen, die Frage zu beantworten, „warum der angebotene Journalismus attraktiv, unverwechselbar und unverzichtbar ist“.

Was es kostet

„Wenn man jeden Tag 60 Cent sparen kann, tun die einmaligen 79 nicht weh“, freut sich ein Nutzer in den Kommentaren in Apples „App Store“. Nicht ganz: Für die 79 Cent gibt es nur 30 Tage lang Zugang zu den Inhalten und einer tagesaktuellen „Bild“ im PDF-Format. Danach muss man monatlich seinen Account verlängern — für 1,59 Euro ohne bzw. 3,99 Euro mit PDF. In seiner großen Eigen-Werbung weist „Bild“ auch auf die möglichen Folgekosten hin, im „App Store“ fehlt ein Hinweis darauf.

Als Teil dieser Strategie, zu der auch die Forderung gehört, sogenanntes „geistiges Eigentum“ gesetzlich stärker zu schützen, hat die „Bild“-Zeitung heute eine neue iPhone-Anwendung („App“) veröffentlicht. Zu dem kostenpflichtigen Angebot gehört neben allem möglichen ein Spiel, mit dem man typische „Bild“-Schlagzeilen automatisch generieren kann. Damit bekommen iPhone-Besitzer erstmals die Möglichkeit, für einen solchen Gimmick Geld zu zahlen.

Bislang war das nur kostenlos möglich: Das „Bild“-kritische Weblog „BILDblog.de“ hatte im Juni 2006 eine virtuelle Maschine veröffentlicht, die aus vier zufällig kombinierten Wörtern lebensechte „Bild“-Schlagzeilen produziert wie: „Porno-Hund frisst Nazi“, „Hitler-Penis köpft Busen“, „Ohr-ab-Mullah verklagt Rentner“ und „Grinse-Äquator belügt Erde“. Erklärt wurde das Konzept u.a. mit dem Satz:

Jetzt bist Du an der Reihe, der größten Zeitung Deutschlands die größten Schlagzeilen Deutschlands zu liefern!

Das kostenlose Angebot, das sich auch heute, dreieinhalb Jahre später, gewisser Beliebtheit erfreut, heißt „Schlagzeil-o-mat“.

Die neue kostenpflichtige „Bild“-Applikation hingegen, die vier Wörter zufällig zu Schlagzeilen wie „Luxus-Koch streichelt Marsmensch“, „Drama-Star entschuldigt Einbrecher“ und „Kunst-Koch jagt Mond“ kombiniert, heißt „SchLACHzeil-O-Mat“. Die Zeitung bewirbt sie mit den Sätzen:

Sie wollten schon immer mal Chefredakteur der BILD sein und die Schlagzeilen machen über die Deutschland spricht? Dann haben Sie jetzt die Chance dazu.

 
Übrigens, der echte Überschriftengenerator von „Bild“ hat gestern zu einem vier Jahre alten Foto eines verletzten Polizisten folgende erwartungsfroh klingende Schlagzeile produziert:

Der 1. Tote wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.

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Undurchsichtiges Wohltätigkeitsgetue

Dass das „Herz für Kinder“, mit dem „Bild“ sich schmückt, oft nur eine Behauptung ist, haben wir erst kürzlich aufgeschrieben.

Schon ein paar Wochen länger zurück liegt ein Artikel, der beim Informationsportal CharityWatch.de erschienen ist. Seiner Aktualität dürfte das allerdings keinen Abbruch tun, denn es ist unwahrscheinlich, dass der Verein „Bild hilft“ seine Informationspolitik seit Ende Oktober geändert hat:

Die Übermittlung von aussagekräftigen Finanzzahlen wurde verweigert. Fragen zur Mittelverwendung blieben mit unglaubwürdigen Begründungen unbeantwortet. So meinte Tobias Fröhlich, Kommunikationschef der Bild-Gruppe: „Für uns sind das Menschen und Schicksale, deren Intimsphäre wir schützen.“ Eigenartig, berichtet die Bild doch oft mit Foto und Namensnennung über Betroffene, denen geholfen werden soll oder geholfen wurde.

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Alzheimer-Journalismus im Supermarkt

Es gibt so ein paar Begriffe, da gehen bei Journalisten sofort alle Warnlämpchen an. „Erstmals“ beispielsweise, das ist so ein Signalwort. Was dann eigentlich passiert, ist gar nicht so wichtig. Hauptsache, man kann das Attribut „erstmals“ draufpacken. Bei „Bild“ hat der Reflex auch bei dieser Geschichte gegriffen, die sie am Samstag auf Seite 1 (!) präsentierte:

Man brauche jetzt bei Rewe in Hürth weder Kredit- noch EC-Karte und auch kein Bargeld bei sich haben, freut sich „Bild“ — solange man einen Finger hat, mit dem man einen Fingerabdruck hinterlassen kann, ist das bargeldlose Bezahlen gesichert. Was bis dahin auch gar nicht verkehrt ist, nur — das mit dem „erstmals“ und dem „neu“, das ist so eine Sache. Beispielsweise berichtete der „Tagesspiegel“ schon im August 2007 über dieses Thema und schrieb halbwegs lakonisch, dass das Bezahlen mit Fingerabdruck schon „längst Realität“ sei (Basis des Texts war übrigens eine Agenturmeldung von AFP). Die ARD hingegen monierte (ebenfalls bereits 2007), dass das Bezahlen mit dem Finger noch einige Sicherheitsmängel habe.

Ach ja, und schließlich gab es da noch ein anderes Medium, das im August 2007 über die neuen Zahlungsmethoden berichtete. Die „Bild“-Zeitung meldete unter der fast wörtlich gleichen Überschrift damals:

Neu im Supermarkt! Bezahlen mit Fingerabdruck

Über den Artikel haben wir damals schon im BILDblog berichtet — und einmal dürfen Sie jetzt raten, warum.

Richtig: Das Bezahlen mit Fingerabdruck war auch damals keine Neuigkeit, und sogar „Bild“ hatte wiederum zwei Jahre zuvor, also 2005, von einem anderen Supermarkt berichtet, der dasselbe anbot.

Mit Dank an Thomas O., Max O.,  Holger M. und Martin B. !

Nachtrag, 9. Dezember:

Berichtigung des Bild-Artikels

Gerügt: Leckerer Likör und typische Zigeuner

Das gekauft wirkende Loblied auf eine Fluggesellschaft ist nicht der einzige Artikel aus der „Welt am Sonntag“, der jetzt vom Presserat beanstandet wurde, weil er das Trennungsgebot von Werbung und Redaktion verletzt. Das Gremium rügte auch einen „WamS“-Artikel, in dem ein Münchner „Barchef“ das hohe Lied auf ein Mixgetränk mit dem Likör einer bestimmten Marke sang. Genauer:

Wer derzeit in die Gläser der Republik schaut, sieht vor allem: Orange. Aperol Sprizz heißt das süffige Sommer-“Must-have“, wie man so sagt, von einem Trend zu sprechen wäre fast schon untertrieben, denn das modische Getränk ist allgegenwärtig. (…)

Spätestens seit diesem Frühling hat der Sprizz seinen Siegeszug durch ganz Deutschland angetreten, unterstützt von einem klug gemachten Fernsehwerbespot, in dem zwei Mädels per Handzeichen signalisieren, dass sie dazugehören zur großen, fröhlichen Aperol-Gemeinde. Diese wächst weiter, und man fragt sich, was den kollektiven Erfrischungsrausch in diesem Maße ausgelöst haben könnte. In der Eckkneipe wird ebenso „gesprizzt“ wie am Gestade der hippen, innerstädtischen Strandbar.

Glaubt man den dort durch ausreichend Sprizz-Bestellungen Seliggewordenen in ihren Liegestühlen, dann entspringt der Kombination Strandbar und Sprizz der Erholungswert eines kleinen Italien-Urlaubs für zwischendurch. Dolce Vita in Dortmund. Oder Hamburg, Düsseldorf, Stuttgart, Berlin. (…)

Bei der „Welt am Sonntag“ hielt man das womöglich für Journalismus, der Presserat war weniger besoffen. Er rügte allerdings nur „Welt Online“, wo der „WamS“-Artikel offenbar ursprünglich zudem „mit einem großformatigen Werbefoto des Likör-Herstellers, auf dem der Schriftzug des Getränks plakativ hervorgehoben wurde“ illustriert war.

* * *

Wenn sich jemand beim Presserat über einen Online-Artikel beschwert, schaut das behördenähnliche Gremium anscheinend nicht nach, ob der nicht einfach aus der Zeitung übernommen worde. Das zeigt auch die Rüge für die Berichterstattung von Bild.de über ein Familiendrama, bei dem eine Mutter sich und ihre drei Kinder in einem Auto angezündet und so getötet hatte. Bild.de zeigt in einer Bilderstrecke nicht nur abwechselnd Fotos von dem ausgebrannten Auto und dem Abtransport einer Leiche und Werbung u.a. für das Kontaktportal StayFriends („Schulfreunde wiederfinden“), sondern auch sechs offenbar private Fotos von den Kindern und der Mutter. Nach Ansicht des Presserates verletzt das die Persönlichkeitsrechte der Opfer. Die identifizierende Berichterstattung habe vor allem mit Rücksicht auf die Angehörigen unterbleiben müssen. Bild.de habe außerdem gegen das Gebot verstoßen, bei Selbstmorden besonders zurückhaltend zu berichten.

Aber die gerügte Berichterstattung auf Bild.de stammt aus der gedruckten „Bild“-Zeitung. An zwei Tagen in Folge berichteten die „Bild“-Leute Noel Altendorf, Matthias Lukaschewitsch, Rainer Mittelstaedt, Peter Rossberg und Marco Zitzow detalliert, in großer Aufmachung und mit privaten Fotos von den Opfern über den Fall. „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann hat die Suizid-Berichterstattung seines Blattes vor längerer Zeit zur Chefsache gemacht. Dennoch verstößt „Bild“ in diesen Fällen immer wieder gegen den Pressekodex. Oder deswegen.

* * *

Die „Thüringer Allgemeine“ kassierte eine Rüge für einen Artikel, in dem sie mit Peter Albach abrechnete, dem Bürgermeister von Weißensee, der bis zur jüngsten Wahl auch für die CDU im Bundestag saß. Denn was die Zeitung ihren Lesern verschwieg: Der Autor des kritischen Textes hatte bis kurz zuvor noch die Öffentlichkeitsarbeit für die Stadt Weißensee gemacht. Anscheinend gab es dann eine unschöne Trennung, jedenfalls einen Interessenskonflikt — der Presserat rügte die mangelnde Transparenz, die das Ansehen und die Glaubwürdigkeit der Medien gefährde.

* * *

Der „Sarstedter Anzeiger“, der zur „Hildesheimer Allgemeinen Zeitung“ gehört, wurde für die Berichterstattung über eine Familie gerügt, die in so katastrophalen hygienischen Verhältnissen lebte, dass das Jugendamt die 16-jährige Tochter in seine Obhut nahm. Der „Sarstedter Anzeiger“ habe so viele Details benannt und Fotos gezeigt, dass die Familie für die breite Öffentlichkeit erkennbar geworden sei — obwohl kein öffentliches Interesse vorgelegen habe.

* * *

Und dann war da noch Holger Borchard, Redakteur der „Offenbach-Post“ in Langen, der anscheinend verzweifelt nach Wegen sucht, seine Abneigung gegen Sinti und Roma auszurücken. In einem Artikel über Betrüger, die behaupten, für die Langener Tafel zu sammeln, formulierte er vermeintlich oberschlau:

Der Zeuge, nach eigenen Worten selbst Nutznießer der Langener Tafel, hatte der Polizei gegen 14.30 Uhr vier Frauen „südländischen Aussehens“ gemeldet, die Passanten auf der Bahnstraße um Spenden für die Langener Tafel anbettelten. Die ausgesandte Funkstreife fing das beschriebene Quartett, darunter eine Zehnjährige, Minuten später auf der Einkaufsmeile ab. Zur — laut Polizeisprecher Henry Faltin „nicht gerade einfachen“ — Überprüfung der Personalien wurden die Vier auf die Wache mitgenommen.

Bei den drei erwachsenen Frauen handelte es sich um eine Südosteuropäerin, eine Staatenlose und eine Deutsche — alle einwandfrei einer Volksgruppe zuzuordnen, deren Namen eine Zeitung heute nicht mehr schreiben darf, weil sich sie sich damit garantiert eine Rüge vom Presserat einhandelt. Wir bitten daher um Verständnis, dass wir es wie die Ordnungshüter beim unverfänglichen Hinweis auf besagter Damen Vorliebe für bunte Kleider belassen …

Der Presserat rügte den „klaren Verstoß“ gegen das Diskriminierungsverbot im Pressekodex. Die Online-Ausgabe der „Offenbach-Post“ habe mit ihrer „ironisch-herabsetzenden Umschreibung“ der Frauen aus vermeintlicher Rücksicht auf den Pressekodex noch mehr betont, dass die angeblichen Täterinnen einer ethnischen Minderheit angehören — ohne einen sachlichen Grund zu nennen, warum das relevant ist.

Wie man Minarette groß rausbringt

Nachdem die Schweizer in einer Volksabstimmung am Wochenende beschlossen haben, per Verfassung den Bau von Minaretten zu verbieten, wird auch in Deutschland wieder über das Verhältnis zum Islam und seinen Symbolen diskutiert.

Als Illustration des Konfliktes scheint sich vor allem ein Motiv anzubieten: Das Minarett der Yavuz-Sultan-Selim-Moschee in Mannheim vor dem Turm der Liebfrauenkirche. Auf der Seite 2 der „Süddeutschen Zeitung“ zum Beispiel sah das gestern so aus:

Die „Bild“-Zeitung nahm heute ein älteres Foto derselben Konstellation, das noch vor dem Neubau des Minaretts vor fünf Jahren entstanden ist:

Es ist das perfekte Symbol: Die katholische Kirche in einer mitteleuropäischen Großstadt, in den Schatten gestellt von der neugebauten Moschee gleich nebenan.

Man muss sich allerdings viel Mühe geben, um dieses Bild in der Realität nachvollziehen zu können. Denn der Turm der Liebfrauenkirche misst stattliche 74 Meter. Er ist ungefähr doppelt so hoch wie das Minarett. Diese Aufnahme lässt das zumindest erahnen.

Zur Bebilderung eines Konfliktes, der sich nicht zuletzt um Symbole dreht, wählen viele deutsche Medien also ein Foto, das die Größe des islamischen Bauwerkes in Deutschland grotesk verzerrt und nicht die Realität, sondern die Ängste vieler Menschen abbildet. Man muss keine böse Absicht unterstellen, um das bemerkenswert zu finden.

Mit Dank an Bernd O.!

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Auspackhilfe für den Ausbrecher

Die Suche nach den beiden Schwerverbrechern, die am Donnerstag aus der Justizvollzugsanstalt Aachen ausgebrochen sind, hat in den letzten Tagen Polizei, Bevölkerung und vor allem Medien in Atem gehalten.

Noch bevor heute Morgen der zweite Ausbrecher gefasst werden konnte, machte „Bild“ mit einer packenden Geschichte auf:

Der Ausbrecher packt aus! - Die Pistole kaufte ich im Knast - Ein Wärter gab mir den Schlüssel - Seinen Kollegen fesselten wir mit Handschellen

Drei Tage lang war er auf der Flucht, dann wurde Geiselgangster Michael Heckhoff (50) gefasst. Sein Komplize Peter Paul Michalski (46) ist weiter auf der Flucht. Zuletzt jagte ihn die Polizei in Gütersloh.

In BILD spricht Heckhoff über die unglaublichen Umstände seines Ausbruchs, erzählt, wie einfach Michalski und er entkommen konnten: „Die Waffe haben wir im Knast von einem Mitarbeiter gekauft!“

In einem fast ganzseitigen Artikel kommt Heckhoff ausführlichst in direkter Rede zu Wort, aber wie genau „Bild“ an die Aussagen kam, lässt Autor Josef Ley offen.

Die Kölner Polizei reagierte auf die Veröffentlichung mit einer knappen Pressemitteilung:

Die Polizei hat den Text der BILD-Zeitung und das dort veröffentlichte Foto zur Kenntnis genommen. Wir müssen derzeit davon ausgehen, dass in dem Artikel Informationen verarbeitet sind, die unbefugt an die BILD-Zeitung gelangten.

Ein entsprechendes Ermittlungsverfahren wurde eingeleitet.

Ermittelt wird nach unseren Information zunächst einmal gegen Unbekannt.

Auf einer Pressekonferenz am Nachmittag sagte der Robert Deller, Pressesprecher der Staatsanwaltschft Aachen, ein Interview von „Bild“ mit der Polizei oder dem Verhafteten Michael Heckhoff habe es „definitiv nicht gegeben“. Genauer ging er auf den Vorfall nicht ein, sagte aber, dass die (teilweise sehr detaillierten) Angaben von Heckhoff in „Bild“ „nicht zutreffend sein“ dürften.

Ebenfalls zum Thema:

  • blogmedien.de mit einem etwas anderen Schwerpunkt und einer persönlichen Dimension.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

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