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„Man darf nicht bescheißen!“

Nach der Volks-Pizza, dem Volks-Joghurt und dem Volks-PC präsentiert „Bild“ heute stolz das neueste Mitglied der Produktpalette: das Volks-Kammerergebnis.

87% Ja-Stimmen beim BILD-Entscheid: "Ja, wir stehen zu Guttenberg!"

Das Ergebnis der großen Telefon- und Fax-Abstimmung (BILDblog berichtete) unterscheidet sich marginal von der Umfrage auf Bild.de, auf die die Redaktion inzwischen aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr verlinkt:

Er sollte zurücktreten, meinen 56% der Leser.
Da „Bild“ seine Leser auch gebeten hatte, Begründungen für ihr Votum einzureichen, war die Seite 2 heute schnell gefüllt: 19 Pro-Guttenberg-Leserzuschriften stehen drei gegenüber, die den Minister zum Rücktritt auffordern — womit das Abstimmungsergebnis exakt repräsentiert wird.

Unter den Leserbriefen finden sich Meinungen wie diese:

„Fehler machen wir alle. Wir und unsere Kinder brauchen Politiker wir Herrn zu Guttenberg. Deshalb, Herr Minister: Bleiben Sie bitte im Amt.“

Svenja R. (41), Golf-Managerin aus Sch. (NRW)

(Alle Anonymisierungen von uns.)

Auch Leute, die sich mit Berufsehre auskennen, kommen zu Wort:

„Als Handwerksmeister werde ich nach meinen handwerklichen Fähigkeiten beurteilt. Ob ich einen Doktortitel habe, spielt dabei keine Rolle. Das gleiche muss auch für Politiker gelten!“

Hermann R. (76), ehem. Installateurmeister aus Sch. (Hessen)

Doch nicht alle Zuschriften sind so schlüssig:

„Im Dritten Reich musste mein Vater ins Gefängnis, weil er sich für die Wahrheit eingesetzt hat. Auch heute haben in Deutschland nur wenige den Schneid, eigene Fehler einzugestehen. Herr Guttenberg hat das getan. Deshalb wünsche ich mir, dass er Minister bleibt.“

Amoene Sybille R. (75), Rentnerin aus W.

Es lohnt sich, mal wieder einen Blick in die Archive zu werfen: Nachdem die Spitzenkandidatin der hessischen SPD, Andrea Ypsilanti, im Jahr 2008 beim Versuch einer Regierungsbildung von ihrem ursprünglichen Vorhaben abgelassen hatte, „keine Zusammenarbeit“ mit der Linkspartei einzugehen („weder so noch so“), nannte „Bild“ sie fortan einigermaßen konsequent „Frau Lügilanti“ und veröffentlichte damals Leserbriefe wie diese:

Jedem Arbeitnehmer, der seinen Chef belügt, droht die fristlose Kündigung („Vertrauensbruch“). Frau Ypsilanti hat ihren Arbeitgeber, den hessischen Steuerzahler, aufs Tiefste belogen.

Christian L., O. (Niedersachsen)

Sie ist doch in guter Gesellschaft. Und da wundern sich die Politiker, wenn die Wahlbeteiligung zurückgeht. Ich habe schon lange den Glauben an die Aufrichtigkeit der Politiker verloren.

Gerhard H., C. (Niedersachsen)

Franz Josef Wagner schrieb damals einen (selbst für seine Verhältnisse bemerkenswerten) Brief an die „Liebe Lüge“ und erklärte:

Wenn ich mich über die Lügnerin Ypsilanti empöre, dann muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich selbst ein wahrheitsliebender Mensch bin. Als Kolumnist ja, glaube ich. Privat – das ist Ansichtssache.

Schon im Februar 2008 hatte Wagner an Andrea Ypsilanti geschrieben:

Frau Ypsilanti, Sie müssen sich an Ihre Wahlversprechen halten, weil sonst das Bescheißen überhandnimmt. Der Diebstahl am Arbeitsplatz, die Steuerhinterziehung. Wenn Lügen in Deutschland schick werden, dann haben wir einen nationalen Notstand. Ich fordere Sie auf, nicht zu betrügen, weil wir doch alle moralisch sein wollen.

Im November 2008 schrieb Wagner an sie:

Sie haben technische Fehler zugegeben, aber keine moralischen.

Und im Januar 2009:

WER EINMAL LÜGT, DEM GLAUBT MAN NICHT.

Wagner gerierte sich lange als Verteidiger des einfachen Volkes. Über unrechtmäßig erlangte Erfolge schrieb Wagner im Januar 2008:

Lieber Oskar Lafontaine,

ich habe Ihnen noch gar nicht zu Ihren Wahlerfolgen (7,1 und 5,1 Prozent) gratuliert. Ich sage Ihnen, warum. Weil ich einem Doping-Betrüger auch nicht gratuliere. Sie dopten Ihre Wähler mit den Drogen „Weg mit Hartz IV“, „Weg mit der Rente mit 67“, „Raus aus Afghanistan“.

Das ist, wie wenn man verspricht: nie mehr Zahnweh, nie mehr Liebeskummer, nie mehr Insektenstiche.

Auf dem Höhepunkt von Ulla Schmidts „Dienstwagen-Affäre“ schrieb er:

Was mich empört ist, dass die Mächtigen glauben, dass das alles normal ist. Als wären sie Könige, etwas Besseres. Mehr als wir.

Den Post-Chef Klaus Zumwinkel, der wegen Steuerhinterziehung vor Gericht stand, wollte Wagner „wegen Heuchelei“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilen. Doch das ging leider nicht:

Heuchelei ist kein Straftatbestand. Sie heuchelten Tugendhaftigkeit nach außen, aber in Ihrem Inneren waren sie nicht sittlich.

Und dann war da noch die Supermarkt-Kassiererin, die wegen der Unterschlagung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro entlassen worden war, und der Wagner ins Stammbuch schrieb:

Es ist der kleine Beschiss, Du nimmst dir was mit aus Deiner Firma, einen Kugelschreiber, eine Tintenpatrone für deinen Computer daheim. (…) Was ich denke, ist: Man darf nicht im Kleinen und im Großen bescheißen.

Man darf nicht bescheißen!

Was fast klingt wie ein göttliches Gebot, ist wohl eher als Regel zu verstehen. Und die werden bekanntlich von Ausnahmen bestätigt.

Mit besonderem Dank an Christoph S. und die vielen anderen Hinweisgeber!

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Schmerz lass nach

Das muss höllisch weh getan haben, als Roman Weidenfeller von Borussia Dortmund sich gestern im Training verletzte:

Weidenfeller-Schock! Fällt Dortmunds Torwart wochenlang aus? Weidenfeller betrübt zu BILD: "Ich hoffe, dass es nur eine Dehnung ist. Aber es hat richtig gerummst und das Knie ist zum Abend hin auch ziemlich angeschwollen. Ich habe Schmerzen."

Als er das heute in „Bild“ gelesen hat, muss sich Roman Weidenfeller schwer geärgert haben. Jedenfalls erklärt er heute auf seiner Website, er sei gar nicht so schwer verletzt. Vor allem:

Ich habe mich heute – wieder einmal – sehr über die Meldungen über mich und die vermeintlich noch schlimmere Verletzung geärgert. Fakt ist, dass ich mich seit dem Zwischenfall im gestrigen Training keinem einzigen Pressevertreter gegenüber geäußert habe. Ich finde es nicht in Ordnung, dass dann, in Ermangelung eines Zitats von mir, einfach Zitate erfunden und auch als solche gekennzeichnet werden. Nach der absurden Geschichte um den vermeintlichen Streit zwischen Lucas Barrios und mir ist das innerhalb von kürzester Zeit schon der zweite Zwischenfall dieser Art. Ich kann nur hoffen, dass das in Zukunft wieder sauberer läuft und wir mit der Presse auf einer fairen Basis zusammenarbeiten können.

Sehr leid tut es mir auch, dass die heutigen voreiligen Meldungen viele der BVB-Fans irritiert haben. Ich kann Euch, liebe Fans, daher nur empfehlen, nur das zu glauben, was Ihr aus erster Hand erfahrt, sprich von meiner Homepage, bvb.de oder auch meiner facebook-Seite. Denn das sind die ersten Kanäle, auf denen ich mich immer zu Wort melde, und was dort zu lesen ist, stammt garantiert von mir.

Mit Dank an Jojo.

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Deutschland stimmt sich ab

In der Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg werden immer mehr Vorwürfe laut. Auch Unionskollegen gehen vorsichtig auf Distanz. Wird der schneidige Baron doch noch zurücktreten müssen? Für „Bild“, wo Guttenberg in der Gunst-Hierarchie gleich hinter dem Papst und Friede Springer steht, eine Horrorvorstellung.

Nikolaus Blome, Leiter des „Bild“-Hauptstadtbüros, findet zwar, dass der Fall „nach den Regeln der Berliner Politik“ „ziemlich klar“ sei, doch:

Doch die Bürger sagen bislang in allen repräsentativen Umfragen: Halt mal. Der Mann soll bleiben.

Das Wort „repräsentativ“ ist hier schon mal gut gewählt. Bei der Umfrage auf Bild.de ist seit gestern eine wachsende Mehrheit für einen Rücktritt Guttenbergs. Diese Umfrage ist (wie alle anderen Leserumfragen) natürlich nicht repräsentativ, aber das hält „Bild“ in anderen Fällen ja auch nicht davon ab, sich darauf zu berufen.

Weil Internet-Umfragen aber wirklich zu leicht zu manipulieren sind, muss eine neue Lösung her. Und nach Tagen voller eher unauffälliger Guttenberg-Meldungen ist endlich mal wieder die Titelseite dran:

Heute stimmt Deutschland ab: Der Guttenberg-Entscheid!

Nur, damit Sie das nicht falsch verstehen: Da ist kein spontaner offizieller Volksentscheid ausgerufen worden — mit „Deutschland“ sind „Bild“-Leser gemeint, die 14 Cent in einen Anruf („Mobilfunk deutlich teurer“) investieren. Sie können aber auch einen Brief oder ein Fax schicken.

Die ganze Aktion hat natürlich auch nichts mit einer „repräsentativen Umfrage“ zu tun, wie Blome sie zitiert. Sie ist ungefähr genauso repräsentativ, wie wenn ein Justin-Bieber-Fanzine seine Leser fragen würde, ob Justin Bieber seine Karriere beenden soll.

Aber es geht ja eigentlich um etwas ganz anderes, wie Nikolaus Blome erklärt:

Wer hat das letzte Wort?

Auch als Bundespräsident Horst Köhler zurücktrat, lag die knallharte Kritik von Politik und Medien kilometerweit von den Ansichten der Bürger-Mehrheit entfernt.

Blome muss es wissen. Nach dem Rücktritt Köhlers hatte er eine Generalabrechnung verfasst:

Dieser Rücktritt hat keine Würde!

Er hat keinen politischen Stil. Er ist das Gegenteil von politischer Aufrichtigkeit.

Über die Leute, die Blome heute „Bürger-Mehrheit“ nennt, schrieb er damals:

Es ist nicht auszuschließen, dass Horst Köhler für seinen abrupten Abgang einigen Beifall von den Deutschen bekommen wird. Motto: „Hut ab, da wollte einer nicht mehr beim Drecks-Spiel der Parteien mitmachen.“

Käme es so, hätte Horst Köhler bleibenden Schaden hinterlassen.

Ob Blomes heutige Ausführungen als Selbstkritik zu verstehen sind oder als (sachdienliche) Meinungsänderung, ist nicht überliefert.

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

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Hauptsache Nazi!

Es ist eine Geschichte, wie sie sich Hollywood-Drehbuchautoren kaum besser ausdenken könnten:

Jude tarnt sich als Neonazi und überführt SS-Mörder

Warum „Bild“ die Geschichte des Amerikaners Mark Gould, der den Mörder seiner Familie, SS-Obersturmbannführer Bernhard Frank, aufgespürt haben will, ausgerechnet gestern brachte, ist nicht ganz klar: Gould hatte seine Dokumentation bereits im Dezember 2010 auf einer Pressekonferenz in New York vorgestellt.

Die Weltpresse reagierte damals skeptisch: Der Historiker Guy Walters bezweifelte, dass Bernhard Frank bei der Unterzeichnung einer Anordnung zur Erschießung weißrussischer Juden eine so große Rolle gespielt habe, wie Mark Gould der Öffentlichkeit weismachen wollte. Der „Guardian“-Kommentator Efraim Zuroff schrieb gar, Franks Aufgabe sei es gewesen, die Wortwahl des Dokuments auf ihre Übereinstimmung mit der Nazi-Ideologie zu überprüfen. Zuroff zweifelte auch an den Motiven von Gould und wirft ihm vor, gefährlich lange gewartet zu haben, bis er mit den Vorwürfen gegen den inzwischen 97-jährigen Deutschen an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Es wirft Fragen auf, dass Bernhard Frank jahrzehntelang unbehelligt unter seinem richtigen Namen in Deutschland leben, in Fernsehsendungen über das Dritte Reich auftreten und sogar seine Memoiren veröffentlichen konnte, ohne dass die Behörden auf den angeblichen Kriegsverbrecher aufmerksam wurden.

Die „New York Times“, die ebenfalls schon im Dezember über den Fall berichtet hatte, zitierte Kurt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen dahingehend, dass Franks Name zwar in den Archiven auftauche, aber nie in Verbindung mit Kriegsverbrechen.

Andere Nazi-Experten sagten auch, dass Herr Frank nicht mit Kriegsverbrechen in Verbindung steht.

(Übersetzung von uns.)

Auch wenn es keinen Zweifel an Bernhard Franks SS-Mitgliedschaft geben kann (er beschreibt sie selbst ausführlich in seinem Buch), so bleiben Mark Gould und „Bild“ doch brauchbare Belege für die Darstellung als „SS-Mörder“ schuldig.

Vor allem aber ist die schöne „Bild“-Überschrift, die mal mehr, mal weniger frei von anderen Medien aufgegriffen wurde, eine Ente: Mark Gould hatte der „New York Times“ erzählt, dass er eine „weit verzweigte jüdische Familie“ habe, weil seine Mutter einen jüdischen Mann geheiratet habe, der ihn adoptiert habe. Er selbst ist aber gar kein Jude.

Mit Dank an Thomas T., David P., Torsten S. und Marco.

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Dr. Albern

Am gestrigen Samstag erklärte „Bild“ erstaunlich offen, wie sie die Entscheidung des Bundesverteidigungsministers findet, im Amt bleiben zu wollen:

Gut! Guttenberg bleibt!

Es ist nicht das erste Mal, dass „Bild“ die Rechtmäßigkeit erworbener Doktortitel auf der Titelseite thematisiert:

25. August 2007:

Verlierer

Der CDU-Kandidat für die OB-Wahl in Landau (Rheinland-Pfalz) soll aus der Partei ausgeschlossen werden! Gegen Kai Schürholt (35) ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er soll sich seinen Doktortitel in Theologie erschlichen haben. Die CDU kann keinen Ersatzkandidaten mehr für die Wahl (2. September) aufstellen.

BILD meint: Dr. Lüg!

19. Februar 2009:

Verlierer

Wer hat da wohl wen beschummelt? Der Kölner Kulturpolitiker „Dr. rer. pol.“ Hans-Georg Bögner (54, SPD) verzichtet ab sofort darauf, seinen Doktortitel der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu führen. Er habe erfahren, „dass mit meiner Promotion etwas nicht in Ordnung ist“. Genauer wollte sich Bögner nicht äußern.

BILD meint: Dr. Seltsam!

24. Juli 2009:

Verlierer

Er ist jung, er ist ehrgeizig – und er hat ein Problem: Niels Neu (35), Vizechef der CDU in Nordhausen (Thüringen), musste seinen Personalausweis bei der Stadt abgeben, weil er verdächtigt wird, einen falschen Doktortitel zu führen. Recherchen hätten ergeben, dass er nicht wie behauptet an der Universität von Warschau promoviert hat.

BILD meint: Dr. Schummel?

6. Februar 2010:

Verlierer

Als Dr. Dieter Jasper (47) zog er bei der Bundestagswahl im September aus Steinfurt (NRW) ins Parlament ein. Jetzt kommt heraus: Der CDU-Abgeordnete darf in Deutschland gar keinen Doktortitel führen, er hatte ihn an einer umstrittenen Uni in der Schweiz erworben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die SPD will eine Wahl-Anfechtung.

BILD meint: Dr. Schwindel!

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Der Tod steht ihr gut

„Bild“ verblüfft immer wieder. Gefühlte 100 Artikel über den Tod von „Sexy Cora“ (BILDblog berichtete) und ein ausführlicher Bericht über die Premiere des St.-Pauli-Films „Gegengerade“ am Mittwoch konnten nicht verhindern, dass heute in der Hamburger „Bild“ folgende Unglaublichkeit steht:

Punker, Kiez-Größen und Pauli-Fans drängten sich (auch ohne roten  Teppich). Aßen rustikal Döner, tranken schon mal Korn aus der Flasche.  Mittendrin: Filmlegende Mario Adorf, Porno-Sternchen Sexy Cora sowie  Claude-Oliver Rudolph (im Leo-Mantel), die beide im Film mitspielen.

Auf Bild.de, wo „Porno-Sternchen Sexy Cora“ auch noch mit einem Link versehen war, der höchstwahrscheinlich auf Nachrichten über ihren Tod führte, wurde diese Stelle inzwischen unauffällig korrigiert.

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 18. Februar: Heute in der Hamburger „Bild“:

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Dr. Wagner and Mr. Guttenberg

Es sieht nicht gut aus für den Mann mit der titanischen Beliebtheit im Polit-Barometer, die Lichtgestalt, den potentiellen Ministerpräsidenten von Bayern und Kanzler von Deutschland — also für den Liebling der „Bild“-Zeitung, Karl-Theodor zu Guttenberg: In seiner Doktorarbeit finden sich immer mehr Stellen, die ohne Hinweis aus anderen Quellen übernommen wurden.

Doch Hilfe naht in Gestalt von Franz Josef Wagner, der einen „Sumpf der Eifersucht“ wittert und von einer „Jagd auf Guttenberg“ spricht. Er schreibt dem „lieben Dr. Guttenberg“:

Die Plagiatsvorwürfe sollen Sie zu einem Taugenichts reduzieren, einem Abschreiber, einem Betrüger. (…)

Ich habe keine Ahnung von Doktorarbeiten. Ich flog durchs Abitur und habe nie eine Universität von innen gesehen. Also, ich kann von außen sagen: Macht keinen guten Mann kaputt. Scheiß auf den Doktor.

Das ist bemerkenswert, denn vor ziemlich genau anderthalb Jahren hatte Wagner noch recht exakte Ansichten zu Doktortiteln. Damals wurde gegen rund 100 Professoren wegen des Verdachts ermittelt, Doktortitel gegen Geldzahlungen vergeben zu haben, und Wagner erklärte den „Uni-Luschen“:

Sich einen falschen Busen oder falsche Haare auf die Glatze einpflanzen zu lassen, ist nicht unmoralisch. Sich ein falsches Gehirn einpflanzen zu lassen, muss per Gesetz bestraft werden. Ein Doktortitel ist kein Busen, kein Facelifting und keine Straffung des Popos.

Der Doktortitel war einmal das Edelste der forschenden Studierenden. Wenn der Doktortitel heute verramscht wird, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn Nobelpreise andere kriegen. Der Doktortitel war früher ein Juwel, er ist heute Blech. Er ist für Geld zu kaufen.

Wann genau Wagner seine Ansichten geändert hat, ist auch diesmal nicht bekannt.

Mit Dank an Ralf M. und die vielen anderen Hinweisgeber.

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Die verlorene Ehre des Abu A.

Am Samstag berichtete die Münchner Ausgabe von „Bild“ über die Freilassung eines Imams nach 80 Tagen U-Haft:

Nach den schweren Prügel-Vorwürfen Münchner Imam ist wieder frei!

Er war über zwei Monate in U-Haft. Wurde von einer seiner drei Frauen schwer belastet. Doch jetzt hat Shaza H. (31) überraschend ihre Aussage widerrufen! Und Imam Abu A. (40) ist wieder ein freier Mann. Kuriose Wendung einer von Beginn an rätselhaften Geschichte…

Die Formulierung „kuriose Wendung einer von Beginn an rätselhaften Geschichte“ ist vielleicht der klägliche Versuch einer Erklärung, warum „Bild“ bei der Berichterstattung über diesen Fall in den letzten Monaten die Unschuldsvermutung, die gelten muss, solange die Schuld eines mutmaßlichen Täters nicht bewiesen ist, nicht nur missachtet, sondern mit Füßen getreten hat.

Alles begann am 2. Dezember 2010, als „Bild“ titelte: „Islamischer Friedens-Prediger bricht seiner Dritt-Frau die Knochen – Mitten in Deutschland!“. Auf Bild.de sah das so aus:

Ehefrau verprügelt Imam bricht seiner Dritt-Frau die Knochen Islamischer Friedens-Prediger als böser Knochenbrecher in U-Haft

Da Islam-Bashing zu der Zeit im Zuge der Sarrazin-Nachwehen ohnehin noch besonders en vogue war, las sich der dazugehörige Artikel so:

„Die Frauen, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet, ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie.“
(Koran, 4. Sure, Vers 34)

München – Tiefe dunkle Augen, langer Bart, Kopfbedeckung, weites Gewand. Der Münchner Imam Abu A. (40) sieht aus wie Massenmörder Osama bin Laden. Doch Abu A. gilt als „schillernde, friedliebende Figur“ und gern gesehener Gast bei Integrationsrunden.

JETZT SITZT DER VORZEIGE-IMAM IM KNAST! VERHAFTET ALS MUTMASSLICHER FRAUENSCHLÄGER!

Von diesem Zeitpunkt an war Abu A. bei „Bild“ nur noch der „Prügel-Prediger“. Und dann waren da ja auch noch die alles andere als klassischen Familienverhältnisse des Imams: Am 3. Dezember berichtete „Bild“ München, als wäre es in Deutschland verboten, zehn Kinder zu haben und dafür Kindergeld zu beziehen:

10 Nachkommen! Abu A. (40) hat Anspruch auf 1900 Euro Kindergeld Die Akte des Prügel-Predigers

Abu A. lebt mit seinen drei Frauen und zehn Kindern zusammen, für sie kassiert er fast 1900 Euro monatlich.

Am 4. Dezember war Abu A. nicht mehr nur „Prügel-Imam“, sondern sogar der „Prügel-Imam!“ mit Ausrufezeichen:

Prügel-Imam! Zoff mit Frau um die Kinder Die Eltern stritten sich um das Sorgerecht

Das mutmaßliche Opfer hingegen war bei „Bild“ einfach nur „sein Opfer“:

Sein Opfer ist mit den beiden Kindern an einem geheimen Ort abgetaucht.

Nach einem weiteren Artikel vom 15. Dezember mit dem Titel „Prügel-Imam: Abu A. muss weiter in Haft bleiben“ holte „Bild“ kurz vor Jahresende noch einmal zum Schlag aus:

Jetzt fordert er Freilassung aus dem Gefängnis: Opfer des Prügel-Imam flüchtet aus München! München - Seine Brutalität und Gewalt gegenüber einer seiner drei Frauen brachten Imam Abu A. (40) vor einem Monat in die JVA Stadelheim.

Damit es sich die Gomolkas, Arbingers, Kiewels, Kürthys, Wittmanns und wie sie bei „Bild“ alle heißen, ein für allemal hinter die Ohren schreiben können, hier noch einmal Ziffer 13, Pressekodex:

Die Berichterstattung über Ermittlungsverfahren, Strafverfahren und sonstige förmliche Verfahren muss frei von Vorurteilen erfolgen. Der Grundsatz der Unschuldsvermutung gilt auch für die Presse.

Und die Richtlinie 13.1:

(…) Die Presse darf eine Person als Täter bezeichnen, wenn sie ein Geständnis abgelegt hat und zudem Beweise gegen sie vorliegen oder wenn sie die Tat unter den Augen der Öffentlichkeit begangen hat. (…) Ziel der Berichterstattung darf in einem Rechtsstaat nicht eine soziale Zusatzbestrafung Verurteilter mit Hilfe eines „Medien-Prangers“ sein. Zwischen Verdacht und erwiesener Schuld ist in der Sprache der Berichterstattung deutlich zu unterscheiden.

Das Ermittlungsverfahren gegen Abu A. läuft noch, doch ein dringender Tatverdacht besteht nicht mehr. Egal, wie es juristisch noch weitergeht: „Bild“ hat gegen den Pressekodex verstoßen und billigend in Kauf genommen, den Ruf eines Unschuldigen zu zerstören.

Es wäre nicht das erste Mal.

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