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Post für den Presserat

Es ist ja leider nicht so, dass der Pressekodex des Deutschen Presserates vollkommen eindeutig wäre. Zum Persönlichkeitsrecht heißt es etwa unter Ziffer 8:

Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen. Berührt jedoch das private Verhalten öffentliche Interessen, so kann es im Einzelfall in der Presse erörtert werden. Dabei ist zu prüfen, ob durch eine Veröffentlichung Persönlichkeitsrechte Unbeteiligter verletzt werden. Die Presse achtet das Recht auf informationelle Selbstbestimmung und gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Dass die „Bild“-Zeitung und Bild.de diese Regeln im besten Falle sehr lax auslegen und im schlechteren Falle schlichtweg missachten, ist keine Neuigkeit. Und auch die entsprechenden Reaktionen des Presserats sind keineswegs neu (s. Kasten).

Als „Bild“ „nun“ – ohne die zutreffende Formulierung „zum wiederholten Male“ – vom Presserat („dem obersten Sittenwächter der Presse“) „getadelt“ wurde, nahm die Zeitung dies zum Anlass für einen großen Artikel in eigener Sache:

Deutscher Presserat entscheidet: BILD soll Kinderschänder nur noch so zeigen

Wörtlich heißt es da:

Trotz der hohen öffentlichen Aufmerksamkeit urteilte der Presserat: „Zwar handelt es sich bei Kindesmissbrauch um eine sehr verwerfliche Straftat. Dies rechtfertigt aber nicht die identifizierende Darstellung des Täters.“

Und weiter:

Seit Wochen diskutiert ganz Deutschland über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Lehrer an Schulen und kirchlichen Einrichtungen – aber der Presserat hält den Wunsch der Täter nach Anonymität für wichtiger als den Anspruch der Bürger auf klare und vollständige Information.

Neu ist allerdings, dass „Bild“ und Bild.de die Regeln des Presserates nicht einfach nur ignorieren, sondern Stimmung gegen diese machen und versuchen, den Presserat selbst unter Druck zu setzen. Und zwar mit Hilfe ihrer Leser.

Daran schloss sich der Aufruf an die Leser an, sich per E-Mail, Post oder Fax an den Presserat zu wenden:

Was sagen Sie dazu? Schreiben Sie dem Presserat!

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung oder eine Zeitschrift gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, tun sie es nicht.

Nun kam die „hohe öffentliche Aufmerksamkeit“ nicht von ungefähr, sondern wurde ganz maßgeblich durch die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung hervorgerufen. Würde man der Argumentation des Springer-Blattes folgen, könnte „Bild“ letztlich selbst bestimmen, wer durch Ziffer 8 des Pressekodex geschützt wird und wer nicht — was die Regelung nun wirklich vollkommen ad absurdum führen würde.

Und natürlich handelt es sich nicht einfach um den „Wunsch der Täter nach Anonymität“, sondern um ein fundamentales Bürgerrecht, nämlich das Recht auf informationelle Selbstbestimmung. Doch all diese durchaus wichtigen Aspekte unterschlägt „Bild“ — mit entsprechenden Konsequenzen für die Post an den Presserat.

Bis 13 Uhr waren dort etwa 250 E-Mails von „Bild“-Lesern eingegangen, bis 16 Uhr waren es über 350. Die Mehrheit der „Bild“-Leser folgte wenig überraschend der Argumentation der Boulevardzeitung. Einige der Mails waren nach Angaben des Presserats beleidigend. Manche Schreiber unterstellten gar, der Presserat selbst sei von Pädophilen beherrscht und würde sich nur daher auf die Seite der Täter schlagen. Nur wenige Kommentatoren lobten den Presserat für sein Eintreten für die Persönlichkeitsrechte.

An der Entscheidung aber, beteuerte man beim Presserat auf Anfrage, werden weder die Kampagne von „Bild“, noch all die E-Mails etwas ändern. Falls jemand den Presserat für diese Aufrichtigkeit loben mag, hier ist die E-Mail-Adresse: info@presserat.de

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Pokal-Konfusionen

Es ist längst ein geflügeltes Wort, dass ja „wenigstens der Sportteil“ von „Bild“ gut sei. Von dieser Arbeitshypothese ausgehend muss heute der Wurm dort sein, wo sonst der Teufel steckt: im Detail.

So eröffnet „Bild“ die Berichterstattung über den vorläufigen WM-Kader der deutschen Fußballnationalmannschaft heute mit den Worten:

Jogi Löw hat es selbst gesagt: „Vor uns liegen acht lange Wochen, 50 Trainingseinheiten – und hoffentlich sieben Spiele.“ Sieben Spiele in Südafrika, das würde bedeuten: Wir kommen ins Finale!

Ja — oder halt ins Spiel um Platz 3, das für seine Teilnehmer genauso das siebte Turnierspiel wäre.

Heute Mittag behauptete Bild.de dann über Borussia Dortmund:

Der BVB spielt in der kommenden Saison erstmals seit 2005 wieder international (damals gab’s das bittere Drittrunden-Aus im UI-Cup).

Nö. In der Saison 2008/09 spielte Borussia Dortmund im damals noch so genannten Uefa-Cup, für den sich der BVB als Finalist des DFB-Pokals qualifiziert hatte, und schied in der Vorrunde im Elfmeterschießen gegen Udinese Calcio aus.

Mit Dank an Florian D. und Christoph F.

Nachtrag, 17.35 Uhr: Auch die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ von heute hat nicht ganz sauber gerechnet:

„Wir haben ein wirklich gutes Gefühl, mit diesem Kader zum Turnier zu fahren“, sagte Löw und sprach optimistisch „von acht Wochen Gemeinsamkeit, 50 anspruchsvolle Trainingseinheiten und hoffentlich sieben hochbrisanten Spielen“. Das würde bedeuten: Endspiel.

Mit Dank an Sebastian S.

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Kommt ‘n Mann zum Arzt …

In ihrer Ruhrgebietsausgabe berichtet „Bild“ heute über einen jungen Mann, dem seine damalige Freundin absichtlich ein Stück der Zunge abgebissen hat.

Obwohl seine Ärzte prognostizierten, dass er nie wieder richtig sprechen und essen können würde, machte der Mann erstaunliche Fortschritte:

Mit Kaugummi trainierte er die Zunge. Bereits nach wenigen Wochen konnte er nuscheln, auch essen. Heute spricht er fast ohne Probleme[.]

Aber von solchen (für den Betroffenen sicher erfreulichen) Details lässt sich „Bild“ natürlich keine Überschrift kaputt machen:

Meine Freundin hat mir die Funge abgebiffen

Mit Dank auch an Rainer S.

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Fasersplitternackte Tatsachen

Man muss die Plastiken des Bildhauers Peter Lenk weder geschmackvoll, noch hübsch finden, das wäre auch nicht im Sinne des Erfinders. Lenks Arbeiten sind stets ironisch, respektlos und gerne anzüglich, zumindest wenn dies Lenk hilft, seine meist präzis treffenden Pointen unterzubringen. Dass sich Lenks Spott in der Regel gegen sogenannte Würdenträger und die Doppelmoral der Öffentlichkeit richtet und regionale und historische Bezüge zur Gegenwart herstellt, das macht den Reiz der Plastiken letztlich aus. Und erklärt eigentlich auch schon, warum die „Bild“-Zeitung nicht unbedingt zu der Förderern des Bildhauers zählt, um es vorsichtig auszudrücken.

Dass „Bild“ und der am Bodensee wohnende Bildhauer keine Freunde werden würden, dass dürfte allerspätestens seit Lenks Friede Springer und Kai Diekmann auf den Arm nehmenden Plastik am Gebäude der Berliner „Tageszeitung“ (taz) abgemachte Sache sein – immerhin zeigt diese Friede Springer als trötende Schlangenbeschwörerin, nach deren Pfeife der Penis von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann zu tanzen hat. Es ist also wenig verwunderlich, dass „Bild“ gegen Peter Lenk polemisiert, wo es nur möglich ist (BILDblog berichtete) — selbst dann, wenn „Bild“ dazu die Wahrheit unterschlagen muss.

Vergangene Woche behaupteten gleich drei „Bild“-Redakteure in der Stuttgarter Ausgabe:

Nackter Papst schockt im Bahnhof

In dem mittlerweile nicht mehr abrufbaren Beitrag schrieben Bachner, Mühlebach und Strehlau, Lenks neueste Plastik, die bald im Konstanzer Bahnhof zu sehen sein soll, sei eine Darstellung von Papst Benedikt XVI. — und zwar „fasersplitternackt“ [sic!].

Nun zeigt die Plastik tatsächlich ein nacktes Männlein mit den päpstlichen Insignien. Dass das Männlein Joseph Ratzinger jedoch in keiner Weise ähnlich sieht, nun ja, das hätte immerhin Zweifel bei den Journalisten von „Bild“ wecken müssen. Hätte, müssen. Was man nämlich beim regionalen „Südkurier“ sowie bei „See Online“, nicht aber bei „Bild“ herausgefunden hat: In Lenks neuestem Werk geht es um das „Papsttum in der Zeit des Konstanzer Konzils und nicht um Ratzinger.“

Peter Lenks Plastik zeigt tatsächlich einen Gaukler, der bloß die Zeichen des Papstes trägt — die Frage, wer sich mit Recht Papst nennen darf und wer nicht, war nämlich bei eben jenem Konstanzer Konzil in den Jahren 1414 bis 1418 verhandelt worden. Die Physiognomie der Figur soll dabei Papst Martin V. nachempfunden sein, der zu Zeiten des Konstanzer Konzils in Amt und Würden war.

Und genau genommen, aber auch das verschweigt „Bild“, handelt es sich bei Lenks Plastik nicht wirklich um ein neues Werk: Der Gaukler mit den Zeichen des Papstes ist in Konstanz bereits seit 1993 zu sehen, als Teil der Statue „Imperia“ im Hafen der Stadt. Den Vorwurf, die Figur, die nicht auf die Konstanzer Stadtgeschichte, sondern auch auf eine Erzählung von Honoré de Balzac referiert, sei blasphemisch und verstoße gegen die guten Sitten, hatte Lenk allerdings schon damals entkräftigen können.

Diesmal zog die Affäre weitere Kreise, wie Peter Lenk im Gespräch mit BILDblog erklärte: Auf die Veröffentlichung des Artikels bei Bild.de hin habe er nicht nur – wie in der Vergangenheit schon – Schmähungen von Kirchenoberen und regionalen CDU-Politikern wie dem baden-württembergischen Innenminister Heribert Rech ertragen müssen, sondern auch telefonische Gewaltandrohungen. Schließlich beauftragte Lenk den Rechtanwalt Johannes „Johnny“ Eisenberg, juristisch gegen die Behauptungen der „Bild“-Zeitung vorzugehen, die daraufhin den Artikel aus dem Netz entfernte.

Bild.de hat inzwischen auch eine Gegendarstellung veröffentlicht, die morgen auch in der gedruckten Stuttgarter Ausgabe zu finden sein dürfte.

Wie es scheint, sind es einmal mehr nicht die Plastiken von Lenk, sondern die Beiträge von „Bild“, die geeignet scheinen, den öffentlichen Frieden zu stören. Während Peter Lenks Anzüglichkeiten nämlich in der Regel fundiert und umfassend recherchiert sind, steht „Bild“ mit seinen wüsten Anschuldigungen gegen den Bildhauer nun mit leeren Händen da. Um nicht zu sagen: nackt.

Vielen Dank an Daniela W., Ulrich E., Florian Sch. und Peter Lenk!

Die Nachricht von heute: Ein Porno vom Vorjahr

Sicher, man kann praktisch überall auf eine heiße Story stoßen, aber bei der, die jetzt folgt, fragt man sich schon, ob der Redakteur privat darüber gestolpert ist, ob ihm ein Informant den entscheidenden Hinweis gab oder ob in der Redaktion von „Bild“ deutlich laxere Regeln herrschen als in den meisten anderen Büros. Aber entscheiden Sie selbst:

„Dient die Dresdner Innenstadt neuerdings als Kulisse für Amateurpornos?“, fragt „Bild“ Dresden unter der Überschrift „Porno-Skandal an der Elbe“ gewohnt investigativ und berichtet ausführlich über ein Video, das ein junges Paar beim Sex zeigt und das, so „Bild“, „im Internet schockiert“. In einem Folgeartikel (der Erste scheint auf Bild.de gut geklickt worden zu sein…) heißt es sogar:

Völlig enthemmt hat das Paar Sex und filmte sich sogar dabei!
Doch das war den Frei-Sexlern noch nicht genug: Alle sollten von ihrem hemmungslosen Treiben erfahren, und so stellten sie das Video in (sic!) Internet und riefen die Zuschauer sogar noch zu Bewertungen auf.

Vom „hemmungslosen Treiben“ der „Frei-Sexler“ sollten, bevor „Bild“ das Video aufstöberte, vor allem die Besucher der anmeldepflichtigen Amateurpornoseite mydirtyhobby.com erfahren — und die waren vermutlich nicht sonderlich „schockiert“. So aber durften wenigstens auch die Eltern der Hauptdarstellerin das dirty Hobby ihrer Tochter kennenlernen:

Sex-Dreh in Dresdens Innenstadt - Porno-Skandal an der Elbe ... Diese Zeilen & das ein oder andere

Wer es dann noch ganz genau nehmen will, der könnte einwenden, dass das Video gar nicht am „helllichten Tage“ gedreht wurde, wie „Bild“ behauptet, sondern, wenn man lieber der Beschreibung des Videos durch die Hauptdarstellerin selbst und dem Stand der Sonne Glauben schenken mag, frühmorgens. Deutlich schwerer wiegt da schon, dass laut Einstellungsdatum des Videos die ganze Geschichte schon über ein Jahr her ist und nicht, wie „Bild“ es formuliert, „kürzlich“ passierte.

hinzugefügt: 16.04.09

Aber hey, was soll man sich mit solchen Nebensächlichkeiten herumschlagen, wenn sich das Blut aus dem Kopf gerade in eine andere Körperregion verabschiedet hat?

Mit Dank an Ronny R. und Tobias.

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… braucht für den Spot nicht zu sorgen

Vor inzwischen fünf Jahren hat die „taz“ diesen Kinospot produzieren lassen, in dem „Bild“ eine „unlautere vergleichende Werbung“ sah. Die Axel Springer AG ging gerichtlich dagegen vor und bekam vor dem Land- und dem Oberlandesgericht Hamburg Recht. Im vergangenen Herbst hob der Bundesgerichtshof die Hamburger Urteile auf und entschied, dass der Spot gezeigt werden darf (BILDblog berichtete).

Genau wegen dieses Spots trafen sich die Prozessbeteiligten kürzlich vor Gericht wieder: Die „taz“ hatte einen Zivilprozess gegen Springer angestrengt, um Entschädigung zu bekommen. Entschädigung für den Ausfall, der dadurch entstanden war, dass der aufwendig produzierte Spot wegen des Vorgehens von „Bild“ sehr viel kürzer in den Kinos zu sehen war, als ursprünglich geplant.

Das Landgericht Berlin entschied jetzt, dass Springer den anteiligen Ausfall ersetzen muss: Laut „taz“ 21.414,90 Euro zzgl. Zinsen, insgesamt 28.149,40 Euro. Der Verlag kann noch in Revision gehen, wonach es nach Aussage der „taz“ im Moment aber nicht aussieht.

[via taz-Hausblog]

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Heiko Herrlich abgehakt

Vielleicht kam dieser dumpfe Knall, den man am Donnerstagmittag in Teilen des Ruhrgebiets hören konnte, von den Sektflaschen, die sie in der lokalen „Bild“-Sportredaktion entkorkt haben.

Denn der abstiegsbedrohte Fußballbundesligist VfL Bochum hatte sich von Trainer Heiko Herrlich getrennt (eine Nachricht, die Bild.de kurzzeitig und wohl eher versehentlich mit „Bochum feiert Heiko Herrlich“ überschrieb) — „endlich“, wie man bei „Bild“ gedacht haben wird, denn der Aufwand war hoch gewesen:

Über Wochen hatte sich „Bild“ mit teils berechtigter Kritik, teils persönlichen Angriffen auf Heiko Herrlich eingeschossen. Und nachdem der sich dann letzte Woche auf einer Pressekonferenz gegen „Bild“ gestellt hatte (BILDblog berichtete), waren bei der Zeitung alle Dämme gebrochen.

Michael Makus, NRW-Sportchef bei „Bild“, schrieb letzten Montag:

Die Frage nach der Bochumer Bundesliga-Tauglichkeit beantwortet Herrlich mit Schweigen. Seine eigene Erstligareife ist mehr als zweifelhaft.

Das ist nur teilrichtig, denn Herrlich hatte dem längeren Schweigen auf Makus’ Frage noch etwas hinzuzufügen, wie das Blog Fantastic Supporters dokumentiert:

Wissen Sie, bei Ihrer Zeitung wissen wir auch, dass Sie nicht unbedingt Interesse daran haben, den VfL Bochum in der Bundesliga zu haben. Es reicht, das wissen wir ja von Ihrem Chef, dass Schalke 04 und Borussia Dortmund für Auflagen sorgen. Und deswegen brauche ich Ihnen die Frage überhaupt nicht zu beantworten, weil ihr sowieso schreibt was ihr wollt.

Ebenfalls für die Montagsausgabe fand „Bild“-Mann Joachim Droll, der letzte Woche Herrlichs Zorn zu spüren bekommen hatte, ein paar Ex-Bochumer, die Herrlich explizit oder impliziert kritisierten und ihm so das gewünschte Fazit ermöglichten:

Bochums Legenden fassungslos. Und niemand zieht die Notbremse…

Am Dienstag präsentierte „Bild“ dann die „10 größten Herrlich-Fehler“ (von denen einzelne auch objektiv nachvollziehbar sind) und illustrierte den Artikel mit Plakaten enttäuschter Fans:

Enttäuschte Fans: Mit Plakaten am Trainingsplatz zeigen die VfL-Anhänger den Profis ihre Unzufriedenheit.

Außen vor blieb in „Bild“ (natürlich) ein Plakat, das in der letzten Woche mindestens einmal beim Training zu sehen war. Darauf stand: „Die Bild-Zeitung lügt“.

Oder wie Heiko Herrlich es am Freitag zuvor formuliert hatte:

Das haben schon einige mehr jetzt festgestellt, auch die Fans und deshalb muss vielleicht auch ein Reporter von Ihnen mal schneller vom Trainingsgelände weg, weil die Fans schon gemerkt haben, wie der Hase hier läuft. Was in den letzten Wochen hier los war, was hier an Unwahrheiten passiert ist, das ist eine Frechheit.

Zu den „Unwahrheiten“ zählen laut VfL-Pressestelle zahlreiche Informationen, die „Bild“ in den vergangenen Wochen über das Innenleben der Mannschaft verbreitet habe. So seien die Berichte, nach denen Herrlich Stars systematisch „rasiert“ und „demontiert“ habe, schlicht falsch. Und tatsächlich hat Philipp Bönig, den „Bild“ vor zwei Wochen „auf dem Absprung“ sah, noch kurz vor Herrlichs Rauswurf einen Vertrag für weitere zwei Jahre unterschrieben.

Die Pressestelle des VfL Bochum hatte uns am Mittwoch auf Anfrage erklärt, man plane keinen „Bild“-Boykott, aber man werde die Arbeit der Zeitung durchaus kritisch beobachten und kooperativ sein, ohne sich zu verbiegen. Die Basis für eine konstruktive Zusammenarbeit sei aber kaum noch vorhanden.

Am Donnerstag, wenige Stunden vor Herrlichs Entlassung, wusste „Bild“ dann mit zahlreichen angeblichen Interna aufzuwarten, die „mehrere Spieler und VfL-Insider unabhängig voneinander gegenüber BILD“ bestätigt hätten. Bei seinem letzten „Gaga-Auftritt“ vor der Mannschaft habe sich „Heiko Selbstherrlich“ gar mit Louis van Gaal verglichen — weil er sich „genauso mutig mit den Medien“ anlege wie der Bayern-Trainer.

Der Vortrags-Nutzen für die Mannschaft? Gleich NULL.

Kaum war Herrlich weg, der einen Grund der „Bild“-Angriffe gegen sich darin sah, dass er der Zeitung einmal kein Interview geben wollte, druckte „Bild“ am Freitag etwas, was auf den ersten Blick wie ein Interview mit Interimstrainer Dariusz Wosz aussieht, in Wahrheit aber vielmehr ein Remix seiner Antworten bei der Pressekonferenz des Vortages ist:

Wosz: "Dürfen keinen Köttel in der Hose haben!"

Die Rolle von „Bild“ beim Trainer-Rauswurf wurde diskutiert, zum Beispiel im Forum von transfermarkt.de — bis die Diskussion auf der mehrheitlich zur Axel Springer AG gehörenden Website erst geschlossen und dann ganz gelöscht wurde.

Herrlichs Haltung gegenüber „Bild“ hat ihm nicht nur Sympathien und Respekt eingebracht. Michael Krumm offenbarte etwa ein irritierendes Verständnis von Demokratie und Presse, als er im VfL-Blog auf reviersport.de schrieb:

Jedem Kind dürfte es bekannt sein, dass man sich in Deutschland nicht mit der Zeitung mit den vier großen Buchstaben anlegt, erst Recht nicht dann, wenn sich Erfolglosigkeit eingestellt hat.

Wenn sich diese Einstellung und der Glaube, Herrlich sei tatsächlich nur auf Druck von „Bild“ entlassen worden, durchsetzen sollten, war der Donnerstag tatsächlich ein großer Tag für die „Zeitung mit den vier Buchstaben“.

Mit Dank auch an Jens L., Stephan U., Daniel H., Stefan B., Basti, Christian M., Annika Sch., Martin Sch. und Fabian.

Leitfaden: Wie hetze ich gegen ein Land auf?

Sie wollten schon immer einmal gegen ein fremdes Volk aufwiegeln, wissen aber nicht, wie’s geht? BILDblog präsentiert seinen Lesern den ultimativen Leitfaden in 13 Schritten und veranschaulicht diese anhand einiger ausgesuchter „Bild“-Artikel über den drohenden griechischen Staatsbankrott.

Zunächst gilt es, sich mit den Grundregeln vertraut zu machen. Diese gehören bei jedem Artikel über Griechenland zum Standardrepertoire und werden bereits seit fast zwei Monaten fleißig angewandt (BILDblog berichtete):

1.

Werfen Sie Schamgefühl und Respekt über Bord. Sie müssen niederste Ressentiments bedienen. Die Quintessenz all dessen, was Sie schreiben, muss lauten: Griechen sind uns Deutschen unterlegen, sie sind faul und sie wollen an unser Geld.

2.

Bilden Sie abwertende Begrifflichkeiten wie „Pleite-Griechen“, „Pleite-Premier“ oder „Griechenland-Wut“.

3.

Erwecken Sie immer den Eindruck, die Meinung von „Bild“ würde die aller Deutschen widerspiegeln. Verwenden Sie zu diesem Zweck möglichst häufig die Begriffe „wir“, „Deutschland“, „wir Deutsche“. Lassen Sie gleichzeitig keinen Zweifel daran, dass einzelne Griechen auch immer alle Griechen repräsentieren.

4.

Lassen Sie ausschließlich Gegner von Staatshilfen zu Wort kommen, selbst wenn es ernst zu nehmende Experten gibt, die die Bereitstellung von Krediten für Griechenland für unumgänglich halten.

5.

Setzen Sie unter alle Artikel zur Griechenlandkrise Umfragen, bei denen aufgrund des antigriechischen Tenors des Artikels ein antigriechisches Ergebnis zu erwarten ist. Beziehen Sie sich in späteren Artikeln auf dieses Ergebnis. Ungefähr so: „Wutwelle im Internet gegen Griechenland“ (…) „Das Verhalten der Griechen provoziert, die Deutschen sind sauer. 86 Prozent der BILD.de-Leser sagen: Die EU soll Griechenland gar nicht helfen, denn sie sind für ihre Staatsfinanzen selbst verantwortlich.“ Unterstreichen Sie dies mit wütenden Zitaten einzelner Bild.de-Kommentatoren.

Haben Sie das verinnerlicht? Dann kann das eigentliche Hetzen beginnen. Achten Sie dabei auf die hohe Schlagzahl: Sämtliche Beispiele stammen aus den letzten drei Tagen.

"Bild" hetzt weiter gegen Griechen

6.

Schreiben Sie so, als hätte Deutschland bereits Geld an Griechenland bezahlt:  „Griechen-Pleite immer schlimmer – Wieviel Kohle sollen wir noch ins Land stecken?“ (26.4.2010). Stellen Sie dabei bedeutungsschwangere Fragen wie „Was verschweigen die Griechen uns noch?“ oder „Griechen raus aus dem Euro?“ und lassen Sie keine Zweifel daran, dass Deutschland sein Geld nie wieder sieht: „Klar ist nur, zahlen wird das auch der deutsche Steuerzahler“

7.

Diskreditieren Sie den gesamten griechischen Staat als dynastisch und korrupt: „Klüngel, Korruption, Familienbande – So funktioniert das System Griechenland“ (26.4.2010)

8.

Werfen Sie dem griechischen Ministerpräsidenten den Ort vor, an dem er andere Länder um Hilfe anruft: „Papandreou auf Kastelorozio – Schuldenhilferuf vor Traum-Kulisse“ (27.4.2010). Ziehen Sie ihn dabei unbedingt ins Lächerliche: „Griechenland kurz vor dem Bankrott – und der Regierungschef tingelt über fast verlassene, weit entfernte Inseln!“

9.

Greifen Sie einzelne „Negativbeispiele“ heraus und wenden Sie sie auf die Gesamtheit aller Griechen an: „Warum zahlen wir den Griechen ihre Luxusrenten – So gut haben es Rentner in Griechenland“ (27.4.2010).

10.

Erscheinen Sie persönlich vor Ort und betreiben Sie peinliche und beleidigende Symbolpolitik, deren einzig mögliche Übersetzung vom Deutschen ins Griechische „Griechen raus aus dem Euro!“ bedeutet. „Tschüs, Euro! – Bild gibt den Pleitegriechen die Drachmen zurück“ (27.4.2010):

Das fast bankrotte Griechenland soll raus aus dem Euro, fordern Experten und Politiker. BILD macht schon mal ernst, gibt den Griechen ihre alte Drachme (von 1831 bis 2001) zurück. Und das Irre: Viele jubeln und reißen sich darum…

11.

Zeigen Sie noch einmal, dass die Griechen aus Ihrer Sicht nichts aus ihrer Misere gelernt haben: „Die Griechen – Sparen? Wieso? Sie streiken lieber!“ (27.4.2010). Betonen Sie diesen Umstand mehrfach, damit es auch der letzte kapiert: „Die Griechen wollen und wollen einfach nicht sparen…!“ (…) „Haben die Griechen denn gar nichts kapiert?“ (…) „Dreister geht’s nicht“

12.

Vergessen Sie nicht, Ihre Kampagne von Zeit zu Zeit mit Kommentaren, in denen Griechenland als nicht vertrauenswürdig eingestuft wird, zu unterstützen:  „Einar Koch: Wer soll den Griechen noch glauben?“ (27.4.2010)

13.

Stellen Sie beleidigende Fragen und behaupten Sie, wenn Sie als „Bild“-Reporter aus verständlichen Gründen (siehe auch 11.) unerwünscht sind „Aufgeheizte Stimmung bei Protesten in Athen – Pleite-Griechen bepöbeln Deutsche!“ (28.4.2010, inzwischen geändert in „Streik in Athen: Wir wollen nicht sparen!“):

Athen – nichts geht mehr! (…) WEIL GRIECHENLAND (mal wieder) STREIKT… (…) Doch die Griechen haben den Ernst der Lage offenbar immer noch nicht begriffen! (…) BILD sprach mit den Demonstranten, fragte: Habt ihr aus der Krise nichts gelernt? Viele sind sauer auf die Deutschen, blaffen den BILD-Reporter an. Einer droht mit der Faust, brüllt: „Verschwindet hier!“ Ein anderer: „Ihr Deutschen wollt uns doch am Abgrund sehen…“ Michalis P. (38), Busfahrer: „Ich kann nicht verstehen, dass sich die Deutschen über uns aufregen. Wir verdienen doch schon jetzt viel weniger als sie.“ Tassos Kammas (35), Anwalt: „Deutschland muss sich von dem Gedanken verabschieden, dass die Krise nur in Griechenland ist. Dass viele Griechen jetzt streiken, ist doch völlig normal.“

Viel Erfolg! Ihre Leser werden die bemitleidenswerten Opfer Ihrer Kampagne hassen.

Der Kreuz-Zug ist abgefahren

Kurz vor ihrer Ernennung zur niedersächsischen Sozialministerin hat die CDU-Politikerin Aygül Özkan dem „Focus“ ein Interview gegeben, in dem auch diese zwei Fragen und Antworten vorkamen:

Würde es Sie stören, wenn er in der Schule von Lehrerinnen mit Kopftuch unterrichtet würde?

Kopftücher haben im Klassenzimmer nichts zu suchen. Die Schule sollte ein neutraler Ort sein. Selbst in der Türkei gilt ein Verbot von Kopftüchern, das sogar noch weiter geht und alle öffentlichen Einrichtungen betrifft. Ein Kind muss selbst entscheiden können, wie es sich religiös orientiert. Darum bin ich dagegen, derartige Symbole an Schulen zuzulassen.

Gilt das auch für Kruzifixe?

Ja. Christliche Symbole gehören nicht an staatliche Schulen. Für Schulen in kirchlicher Trägerschaft gilt das nicht.

Das Interview sorgte für viel Aufregung in den Medien. Genauer: Eine der beiden oben zitierten Antworten.

Designierte CDU-Ministerin gegen Kruzifixe an Schulen: Das Kreuz beschäftigt die Union

Neue türkischstämmige Ministerin: Özkan löst Kruzifix-Streit in der Union aus

Aygül Özkan: Niedersachsens neue Sozialministerin gegen Kruzifixe

Politik kompakt: Özkan für Kruzifix-Verbot

Religion und Staat: Aygül Özkan löst neue Kruzifix-Debatte aus

Die meisten Medien schafften es trotz der knalligen Überschriften, wenigstens im Artikel klar zu stellen, dass nach Frau Özkans Meinung alle Arten religiöser Symbole an staatlichen Schulen nichts zu suchen hätten.

Dieses kleine Detail unterschlug Bild.de überraschenderweise:

Aygül Özkan will keine Kreuze in Schulen: Neue CDU-Ministerin legt sich mit CSU an

Und deshalb gibt es natürlich gleich Morddrohungen gegen die „schöne Ministerin“, wie Bild.de unter Berufung auf die „Bild am Sonntag“ schreibt — nur scheinen die (laut „Bild am Sonntag“) nur bedingt mit dem „Kruzifix-Zoff“ in Zusammenhang zu stehen:

Seit Mittwochabend wird Aygül Özkan Tag und Nacht von zwei Beamten des Landeskriminalamtes (LKA) bewacht.

Seit ihre Ernennung zur Ministerin bekannt wurde, bekommt sie von rechtsradikalen Deutschen konkrete Morddrohungen.

Seit gestern bekommt Frau Özkan darüber hinaus gute Ratschläge von „Bild“-Kommentatoren: Hugo Müller-Vogg behauptete zunächst ungerührt, sie wolle „‘christliche Symbole’ aus den Schulen entfernen“ (eine Behauptung, die er heute noch einmal wiederholte), und erklärt:

Eines hat die erste türkischstämmige Ministerin offenbar nicht verstanden: Dass es bei uns so tolerant zugeht, das ist das Erbe unserer christlich-abendländischen Tradition.

Aygül Özkan und all die anderen Mitbürger muslimischen Glaubens zählen für Müller-Vogg offenbar nicht zu diesem „uns“, das bei „Bild“ traditionell schwammig zwischen „Redaktion“ und „ganz Deutschland“ oszilliert.

Dabei sollten die doch so dankbar sein („uns“, vermutlich):

Von dieser Toleranz profitieren nicht zuletzt Zuwanderer mit anderen Religionen und Werten. Deshalb dürfen türkische Schülerinnen auch ein Kopftuch tragen, was die Noch-nicht-Ministerin ebenfalls verbieten möchte.

… was freilich nur eine mögliche Interpretation dessen ist, was Özkan geantwortet hatte, als sie vom „Focus“ explizit auf Lehrerinnen mit Kopftuch angesprochen worden war.

Aber einmal in Fahrt erklärt Müller-Vogg das christliche Symbol Kruzifix gleich zum christlichen Wert:

Aber die „C“-Partei kann keine Abstriche an ihren christlichen Werten hinnehmen.

Darum geht’s also: Um die Muslima, die heimlich die CDU von innen auflösen will.

Und nachdem Frau Özkan schon wieder zurückgerudert war, machte Franz Josef Wagner heute deutlich, dass er überhaupt nichts begriffen hatte:

Was sollen wir anstelle des Kreuzes ­aufhängen? Ribéry, Beckenbauer, Bushido, Bohlen, Buddha, Günter Grass, Köhler, Frau Merkel, Uwe Seeler, Gerd Müller.

(Hervorhebung von uns)

Mit Dank auch an EagleRN.

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