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Verteidiger ohne Minister

Das ging dann jetzt doch irgendwie überraschend schnell:

Guttenberg Rücktritt: "Ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht"

Neben vielen anderen Guttenberg-Fans dürfte vor allem Nikolaus Blome enttäuscht sein, der Leiter des „Bild“-Hauptstadtbüros und in der vergangenen Woche gleich in mehreren Talkshows als Fürsprecher des damaligen Ministers zu Gast. Denn wer stellt jetzt am Freitag sein neues Buch vor?

Einladung zur Buchvorstellung am 4. März 2011. Der Pantheon Verlag und die Alfred Herrhausen Gesellschaft der Deutschen Bank laden Sie herzlich ein zur Präsentation des Buches von Nikolaus Blome<br />
"Der kleine Wählerhasser. Was Politiker wirklich über die Bürger denken“ Mit Karl-Theodor Freiherr zu Guttenberg, MdB, Bundesminister der Verteidigung, und Nikolaus Blome, Leiter des Hauptstadt-Korrespondentenbüros der Bild-Zeitung

Mit Dank an Bastian B.

Nachtrag 20.40 Uhr: Die geplante Veranstaltung am Freitag fällt aus.

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Die üblichen Verdächtigen

Unmittelbar nach einem Brand einer Lagerhalle des Versorgungsamtes der Bundeswehr bei Oldenburg konnte die örtliche Polizeiinspektion am Mittwoch folgendes mitteilen:

Zur Stunde kann noch nicht gesagt werden, ob das Feuer durch einen technischen Defekt oder durch Brandstiftung entstanden ist. Die Ermittlungen dauern an.

Am Freitag war die Polizei schon einen Schritt weiter:

Im Rahmen der Untersuchungen (…) geht die Polizei von Brandstiftung aus. (…) Ob die Tat einen politischen Hintergrund hat, steht derzeit noch nicht fest. Der Polizei liegt bislang kein Bekennerschreiben vor. Die Ermittlungen dauern an.

Ungeachtet dessen hatte die Bremer Ausgabe von „Bild“ bereits am Donnerstag den Kreis der Verdächtigen signifikant eingeengt:

Eine zehnköpfige Ermittlungsgruppe unter Leitung des Staatsschutzes fahndet mit Hochdruck nach den unbekannten Tätern. Noch ist nicht klar, ob es sich um radikale Islamisten oder politische Wirrköpfe aus der linken Szene handelt.

Auf Nachfrage von BILDblog bestätigte Polizeisprecher Markus Scharf heute morgen noch einmal, dass bislang noch nicht feststeht, ob die Brandstiftung überhaupt einen politischen Hintergrund hat — geschweige denn, welchen.

Mit Dank an Juli.

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Hochstaplerfahrer Paul

„Bild“ wirkt heute überrascht:

Es war der Tag nach der Rede-Schlacht – aber die Opposition lässt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (39, CSU) keine Ruhe!

Ganz so, als sei davon auszugehen gewesen, dass nach dem großen Schlagabtausch über die Doktorarbeit des Ministers alle zur Tagesordnung übergehen und die Opposition die Regierung auch mal lobt.

Über die gestrige Parlamentsdebatte zur Aussetzung der Wehrpflicht schreibt Paul Ronzheimer, „Bild“-Experte für Verhöhnung:

Dann spricht SPD-Chef Sigmar Gabriel (51)! Er will nicht über die Wehrpflicht reden.

Gabriel nennt Guttenberg "Hochstapler"Ob Gabriel wollte oder nicht: er hat.

Mehr als zehn Minuten sprach Gabriel zum Thema, wie man bei YouTube sehen und im Sitzungsprotokoll nachlesen kann.

Er lobte die Aussetzung der Wehrpflicht, die die SPD schon 2007 gefordert hätte; warf dem Minister vor, auf Kosten der Sicherheit der Soldaten sparen zu wollen; vermisste ein Konzept, das über „wolkige Formulierungen“ hinausgeht; kritisierte die Ansage „No risk, no fun“, die Angela Merkel gegenüber Kommandeuren gemacht hatte; zitierte Bundeswehrkreise, die sich besorgt über die geplante Reform geäußert hatten; forderte zu Guttenberg auf, die Reform so lange zu verschieben, bis der wisse, „wie Sie das machen wollen“.

Erst dann wandte sich Gabriel an die Bundeskanzlerin und bat sie: „Muten Sie uns und der Bundeswehr und sich und unserem Land dieses unwürdige Schauspiel, das wir seit Wochen mit Ihrem Verteidigungsminister erleben, nicht länger zu!“

Ronzheimer berichtet:

Der SPD-Chef spottet über Guttenberg: „Jeder weiß, dass wir es mit einem Hochstapler zu tun haben.“ Und fügt hinzu: „Vielleicht stellt ja mal jemand einen Strafantrag …“

Die Sitzungsleitung hat Bundestagspräsident Norbert Lammert (62, CDU). Aber einen Ordnungsruf gibt es wie am Vortag nicht.

Offenbar hätte sich Ronzheimer solche Ordnungsrufe an beiden Tagen gewünscht. Doch dieser zweite Absatz ist aus mehreren Gründen interessant: Zum einen suggeriert „Bild“, Lammert (im Gegensatz zu Guttenberg kein Freund der Zeitung) habe die Sitzungen am Vortag geleitet, was er nicht hatte. Zum anderen stammt die Feststellung, dass es am Mittwoch keine Ordnungsrufe gegeben habe, aus Gabriels Rede selbst:

Es gab keinen Ordnungsruf des Präsidenten, nicht einmal Tumulte oder allzu laute Proteste auf Ihrer Seite, als hier zum ersten Mal in der Geschichte des Parlaments ein amtierender Minister mehrfach von Abgeordneten Lügner, Hochstapler und Betrüger genannt wurde. (…)

Es gab keine große Aufregung bei Ihnen und keinen Ordnungsruf. Frau Bundeskanzlerin, was glauben Sie wohl, warum das so war? Weil jeder hier im Haus wusste, dass das Tatsachenbehauptungen sind.

„Bild“ scheint das anders zu sehen.

Mit Dank an Jan D.

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Wir Sind Helden wollen nicht für „Bild“ werben

Wir Sind Helden mögen keine Werbung. Auf Festivals haben sie schon Reklamebanner abhängen lassen, bevor sie die Bühne betraten. Sängerin Judith Holofernes erklärte im Dezember 2007 als BILDbloggerin für einen Tag, was ihr an „Bild“ alles nicht passt.

Trotzdem (womöglich eher: deswegen) hielt es die Werbeagentur Jung von Matt für eine gute Idee, bei Wir Sind Helden und Judith Holofernes anzufragen, ob die nicht bei einer „Bild“-Werbekampagne mitmachen wollten:

Sehr ge­ehr­te Damen und Her­ren,

wir sind als Wer­be­agen­tur mit der ak­tu­el­len BILD-​Kam­pa­gne be­traut, in der wir hoch­ka­rä­ti­gen Pro­mi­nen­ten eine Bühne bie­ten, ihre of­fe­ne, ehr­li­che und un­ge­schön­te Mei­nung zur BILD mit­zu­tei­len.

Der­zeit pla­nen wir die nächs­te Pro­duk­ti­ons­pha­se für Früh­jahr 2011. Die neu zu pro­du­zie­ren­den TV- und Ki­no­spots sowie Pla­kat-​ und An­zei­gen­mo­ti­ve sol­len die be­ste­hen­den Mo­ti­ve von Ve­ro­ni­ca Ferres, Tho­mas Gott­schalk, Phil­ipp Lahm, Ri­chard von Weiz­sä­cker, Mario Barth u.v.m. er­gän­zen.

Für diese Fort­füh­rung der Kam­pa­gne möch­ten wir sehr gern “Wir sind Hel­den” ge­win­nen.

Das schö­ne an der Kam­pa­gne ist, dass sie einem guten Zweck zu Gute kommt. BILD spen­det in Namen jedes Pro­mi­nen­ten 10.​000,- Euro an einen von Ihnen zu be­stim­men­den Zweck.

Las­sen Sie uns gern te­le­fo­nie­ren und die De­tails be­spre­chen. Zur De­tail­in­for­ma­ti­on sen­den wir Ihnen be­reits heute anbei ei­ni­ge wei­ter­füh­ren­de In­for­ma­tio­nen.

Ich freue mich dazu von Ihnen zu hören.
Herz­li­che Grüße aus Ham­burg,
Jung von Matt/Als­ter Wer­be­agen­tur GmbH

Die Antwort der Band, die wir hier mit freundlicher Genehmigung derselben wiedergeben, fiel eindeutig aus:

Liebe Wer­be­agen­tur Jung von Matt,

bzgl. Eurer An­fra­ge, ob wir bei der ak­tu­el­len Bild -​Kam­pa­gne mit­ma­chen wol­len:

Ich glaub, es hackt.

Die lau­fen­de Pla­kat -​Ak­ti­on der Bild -​Zei­tung mit so­ge­nann­ten Testi­mo­ni­als, also ir­gend­wel­chem kom­men­tie­ren­dem Ge­seie­re (Auch kri­ti­schem! Hört, hört!) von so­ge­nann­ten Pro­mi­nen­ten (auch Kri­ti­schen! Oho!) ist das Per­fi­des­te, was mir seit lan­ger Zeit un­ter­ge­kom­men ist. Will hei­ßen: nach Euren Maß­stä­ben si­cher eine ge­lun­ge­ne Ak­ti­on.

Sel­ten hat eine Wer­be­kam­pa­gne so ge­schickt mit der Dumm­heit auf allen Sei­ten ge­spielt. Da sind auf der einen Seite die Pro­mis, die sich den­ken: Hmm, die Bild­zei­tung, mal ehr­lich, das lesen schon wahn­sin­nig viele Leute, das wär schon schick… Aber ir­gend­wie geht das ei­gent­lich nicht, ne, weil ist ja ir­gend­wie unter mei­nem Ni­veau/ evil/ zu sicht­bar be­rech­nend… Und dann kommt ihr, liebe Agen­tur, und baut die­sen armen ge­spal­te­nen Pro­mi­nen­ten eine Brü­cke, eine wa­cke­li­ge, glit­schi­ge, aber hey, was soll’s, auf der an­de­ren Seite liegt, sagen wir mal, eine Tüte Gum­mi­bär­chen. Ihr sagt jenen Pro­mis: wisst ihr was, ihr kriegt ein­fach kein Geld! Wir spen­den ein­fach ein biss­chen Kohle in eurem Namen, dann passt das schon, weil, wer spen­det, der kann kein Ego haben, ver­stehs­te? Und au­ßer­dem, pass auf, jetzt kommt’s: ihr könnt sagen, WAS IHR WOLLT!

Und dann den­ken sich diese Pro­mis, im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten, ir­gend­ei­ne pseu­do -​dis­tan­zier­tes Ge­wäsch aus, ir­gend­was “total Spitz­fin­di­ges”, oder Cle­ver-​ Un­ver­bind­li­ches, oder Über­heb­li­ches, oder… Und glau­ben, so kämen sie aus der Num­mer raus, ohne ihr Ge­sicht zu ver­lie­ren. Und haben trotz­dem un­heim­lich viele sau­dum­me Men­schen er­reicht! Hurra.

Auf der an­de­ren Seite, das er­klärt sich von selbst, der Re­zi­pi­ent, der sau­dum­me, der sich denkt: Mensch, diese Bild -​Zei­tung, die traut sich was.

Und, die drit­te Seite: Ihr, liebe jung­dy­na­mi­sche Men­schen, die ihr, zu­min­dest in einem sehr spe­zia­li­sier­ten Teil eures Ge­hirns, genau wisst, was ihr tut. Außer viel­leicht, wenn ihr auf die Idee kommt, “Wir sind Hel­den” für die Kam­pa­gne an­zu­fra­gen, weil, mal ehr­lich, das wäre doch total lus­tig, wenn aus­ge­rech­net die…

Das Pro­blem dabei: ich hab wahr­schein­lich mit der Hälf­te von euch stu­diert, und ich weiß, dass ihr im ers­ten Se­mes­ter lernt, dass das Me­di­um die Bot­schaft ist. Oder, noch mal an­ders ge­sagt, dass es kein “Gutes im Schlech­ten” gibt. Das heißt: ich weiß, dass ihr wisst, und ich weiß, dass ihr drauf scheißt.

Die BILD -​Zei­tung ist kein au­gen­zwin­kernd zu be­trach­ten­des Trash-​Kul­tur­gut und kein harm­lo­ses “Guilty Plea­su­re” für wohl­fri­sier­te Auf­stre­ber, keine wit­zi­ge so­zia­le Re­fe­renz und kein Li­fes­tyle-​Zi­tat. Und schon gar nicht ist die Bild -​Zei­tung das, als was ihr sie ver­kau­fen wollt: Hass­ge­lieb­tes, aber wei­test­ge­hend harm­lo­ses In­ven­tar eines ei­gent­lich viel schlaue­ren Deutsch­lands.

Die Bild­zei­tung ist ein ge­fähr­li­ches po­li­ti­sches In­stru­ment – nicht nur ein stark ver­grö­ßern­des Fern­rohr in den Ab­grund, son­dern ein bös­ar­ti­ges Wesen, das Deutsch­land nicht be­schreibt, son­dern macht. Mit einer Agen­da.

In der Ge­fahr, dass ich mich wie­der­ho­le: ich glaub es hackt.

Mit höf­li­chen Grü­ßen,
Ju­dith Ho­lo­fer­nes

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„Man darf nicht bescheißen!“

Nach der Volks-Pizza, dem Volks-Joghurt und dem Volks-PC präsentiert „Bild“ heute stolz das neueste Mitglied der Produktpalette: das Volks-Kammerergebnis.

87% Ja-Stimmen beim BILD-Entscheid: "Ja, wir stehen zu Guttenberg!"

Das Ergebnis der großen Telefon- und Fax-Abstimmung (BILDblog berichtete) unterscheidet sich marginal von der Umfrage auf Bild.de, auf die die Redaktion inzwischen aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr verlinkt:

Er sollte zurücktreten, meinen 56% der Leser.
Da „Bild“ seine Leser auch gebeten hatte, Begründungen für ihr Votum einzureichen, war die Seite 2 heute schnell gefüllt: 19 Pro-Guttenberg-Leserzuschriften stehen drei gegenüber, die den Minister zum Rücktritt auffordern — womit das Abstimmungsergebnis exakt repräsentiert wird.

Unter den Leserbriefen finden sich Meinungen wie diese:

„Fehler machen wir alle. Wir und unsere Kinder brauchen Politiker wir Herrn zu Guttenberg. Deshalb, Herr Minister: Bleiben Sie bitte im Amt.“

Svenja R. (41), Golf-Managerin aus Sch. (NRW)

(Alle Anonymisierungen von uns.)

Auch Leute, die sich mit Berufsehre auskennen, kommen zu Wort:

„Als Handwerksmeister werde ich nach meinen handwerklichen Fähigkeiten beurteilt. Ob ich einen Doktortitel habe, spielt dabei keine Rolle. Das gleiche muss auch für Politiker gelten!“

Hermann R. (76), ehem. Installateurmeister aus Sch. (Hessen)

Doch nicht alle Zuschriften sind so schlüssig:

„Im Dritten Reich musste mein Vater ins Gefängnis, weil er sich für die Wahrheit eingesetzt hat. Auch heute haben in Deutschland nur wenige den Schneid, eigene Fehler einzugestehen. Herr Guttenberg hat das getan. Deshalb wünsche ich mir, dass er Minister bleibt.“

Amoene Sybille R. (75), Rentnerin aus W.

Es lohnt sich, mal wieder einen Blick in die Archive zu werfen: Nachdem die Spitzenkandidatin der hessischen SPD, Andrea Ypsilanti, im Jahr 2008 beim Versuch einer Regierungsbildung von ihrem ursprünglichen Vorhaben abgelassen hatte, „keine Zusammenarbeit“ mit der Linkspartei einzugehen („weder so noch so“), nannte „Bild“ sie fortan einigermaßen konsequent „Frau Lügilanti“ und veröffentlichte damals Leserbriefe wie diese:

Jedem Arbeitnehmer, der seinen Chef belügt, droht die fristlose Kündigung („Vertrauensbruch“). Frau Ypsilanti hat ihren Arbeitgeber, den hessischen Steuerzahler, aufs Tiefste belogen.

Christian L., O. (Niedersachsen)

Sie ist doch in guter Gesellschaft. Und da wundern sich die Politiker, wenn die Wahlbeteiligung zurückgeht. Ich habe schon lange den Glauben an die Aufrichtigkeit der Politiker verloren.

Gerhard H., C. (Niedersachsen)

Franz Josef Wagner schrieb damals einen (selbst für seine Verhältnisse bemerkenswerten) Brief an die „Liebe Lüge“ und erklärte:

Wenn ich mich über die Lügnerin Ypsilanti empöre, dann muss ich mir die Frage gefallen lassen, ob ich selbst ein wahrheitsliebender Mensch bin. Als Kolumnist ja, glaube ich. Privat – das ist Ansichtssache.

Schon im Februar 2008 hatte Wagner an Andrea Ypsilanti geschrieben:

Frau Ypsilanti, Sie müssen sich an Ihre Wahlversprechen halten, weil sonst das Bescheißen überhandnimmt. Der Diebstahl am Arbeitsplatz, die Steuerhinterziehung. Wenn Lügen in Deutschland schick werden, dann haben wir einen nationalen Notstand. Ich fordere Sie auf, nicht zu betrügen, weil wir doch alle moralisch sein wollen.

Im November 2008 schrieb Wagner an sie:

Sie haben technische Fehler zugegeben, aber keine moralischen.

Und im Januar 2009:

WER EINMAL LÜGT, DEM GLAUBT MAN NICHT.

Wagner gerierte sich lange als Verteidiger des einfachen Volkes. Über unrechtmäßig erlangte Erfolge schrieb Wagner im Januar 2008:

Lieber Oskar Lafontaine,

ich habe Ihnen noch gar nicht zu Ihren Wahlerfolgen (7,1 und 5,1 Prozent) gratuliert. Ich sage Ihnen, warum. Weil ich einem Doping-Betrüger auch nicht gratuliere. Sie dopten Ihre Wähler mit den Drogen „Weg mit Hartz IV“, „Weg mit der Rente mit 67″, „Raus aus Afghanistan“.

Das ist, wie wenn man verspricht: nie mehr Zahnweh, nie mehr Liebeskummer, nie mehr Insektenstiche.

Auf dem Höhepunkt von Ulla Schmidts „Dienstwagen-Affäre“ schrieb er:

Was mich empört ist, dass die Mächtigen glauben, dass das alles normal ist. Als wären sie Könige, etwas Besseres. Mehr als wir.

Den Post-Chef Klaus Zumwinkel, der wegen Steuerhinterziehung vor Gericht stand, wollte Wagner „wegen Heuchelei“ zu drei Jahren Gefängnis verurteilen. Doch das ging leider nicht:

Heuchelei ist kein Straftatbestand. Sie heuchelten Tugendhaftigkeit nach außen, aber in Ihrem Inneren waren sie nicht sittlich.

Und dann war da noch die Supermarkt-Kassiererin, die wegen der Unterschlagung von Pfandbons im Wert von 1,30 Euro entlassen worden war, und der Wagner ins Stammbuch schrieb:

Es ist der kleine Beschiss, Du nimmst dir was mit aus Deiner Firma, einen Kugelschreiber, eine Tintenpatrone für deinen Computer daheim. (…) Was ich denke, ist: Man darf nicht im Kleinen und im Großen bescheißen.

Man darf nicht bescheißen!

Was fast klingt wie ein göttliches Gebot, ist wohl eher als Regel zu verstehen. Und die werden bekanntlich von Ausnahmen bestätigt.

Mit besonderem Dank an Christoph S. und die vielen anderen Hinweisgeber!

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Schmerz lass nach

Das muss höllisch weh getan haben, als Roman Weidenfeller von Borussia Dortmund sich gestern im Training verletzte:

Weidenfeller-Schock! Fällt Dortmunds Torwart wochenlang aus? Weidenfeller betrübt zu BILD: "Ich hoffe, dass es nur eine Dehnung ist. Aber es hat richtig gerummst und das Knie ist zum Abend hin auch ziemlich angeschwollen. Ich habe Schmerzen."

Als er das heute in „Bild“ gelesen hat, muss sich Roman Weidenfeller schwer geärgert haben. Jedenfalls erklärt er heute auf seiner Website, er sei gar nicht so schwer verletzt. Vor allem:

Ich habe mich heute – wieder einmal – sehr über die Meldungen über mich und die vermeintlich noch schlimmere Verletzung geärgert. Fakt ist, dass ich mich seit dem Zwischenfall im gestrigen Training keinem einzigen Pressevertreter gegenüber geäußert habe. Ich finde es nicht in Ordnung, dass dann, in Ermangelung eines Zitats von mir, einfach Zitate erfunden und auch als solche gekennzeichnet werden. Nach der absurden Geschichte um den vermeintlichen Streit zwischen Lucas Barrios und mir ist das innerhalb von kürzester Zeit schon der zweite Zwischenfall dieser Art. Ich kann nur hoffen, dass das in Zukunft wieder sauberer läuft und wir mit der Presse auf einer fairen Basis zusammenarbeiten können.

Sehr leid tut es mir auch, dass die heutigen voreiligen Meldungen viele der BVB-Fans irritiert haben. Ich kann Euch, liebe Fans, daher nur empfehlen, nur das zu glauben, was Ihr aus erster Hand erfahrt, sprich von meiner Homepage, bvb.de oder auch meiner facebook-Seite. Denn das sind die ersten Kanäle, auf denen ich mich immer zu Wort melde, und was dort zu lesen ist, stammt garantiert von mir.

Mit Dank an Jojo.

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Deutschland stimmt sich ab

In der Plagiatsaffäre um Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg werden immer mehr Vorwürfe laut. Auch Unionskollegen gehen vorsichtig auf Distanz. Wird der schneidige Baron doch noch zurücktreten müssen? Für „Bild“, wo Guttenberg in der Gunst-Hierarchie gleich hinter dem Papst und Friede Springer steht, eine Horrorvorstellung.

Nikolaus Blome, Leiter des „Bild“-Hauptstadtbüros, findet zwar, dass der Fall „nach den Regeln der Berliner Politik“ „ziemlich klar“ sei, doch:

Doch die Bürger sagen bislang in allen repräsentativen Umfragen: Halt mal. Der Mann soll bleiben.

Das Wort „repräsentativ“ ist hier schon mal gut gewählt. Bei der Umfrage auf Bild.de ist seit gestern eine wachsende Mehrheit für einen Rücktritt Guttenbergs. Diese Umfrage ist (wie alle anderen Leserumfragen) natürlich nicht repräsentativ, aber das hält „Bild“ in anderen Fällen ja auch nicht davon ab, sich darauf zu berufen.

Weil Internet-Umfragen aber wirklich zu leicht zu manipulieren sind, muss eine neue Lösung her. Und nach Tagen voller eher unauffälliger Guttenberg-Meldungen ist endlich mal wieder die Titelseite dran:

Heute stimmt Deutschland ab: Der Guttenberg-Entscheid!

Nur, damit Sie das nicht falsch verstehen: Da ist kein spontaner offizieller Volksentscheid ausgerufen worden — mit „Deutschland“ sind „Bild“-Leser gemeint, die 14 Cent in einen Anruf („Mobilfunk deutlich teurer“) investieren. Sie können aber auch einen Brief oder ein Fax schicken.

Die ganze Aktion hat natürlich auch nichts mit einer „repräsentativen Umfrage“ zu tun, wie Blome sie zitiert. Sie ist ungefähr genauso repräsentativ, wie wenn ein Justin-Bieber-Fanzine seine Leser fragen würde, ob Justin Bieber seine Karriere beenden soll.

Aber es geht ja eigentlich um etwas ganz anderes, wie Nikolaus Blome erklärt:

Wer hat das letzte Wort?

Auch als Bundespräsident Horst Köhler zurücktrat, lag die knallharte Kritik von Politik und Medien kilometerweit von den Ansichten der Bürger-Mehrheit entfernt.

Blome muss es wissen. Nach dem Rücktritt Köhlers hatte er eine Generalabrechnung verfasst:

Dieser Rücktritt hat keine Würde!

Er hat keinen politischen Stil. Er ist das Gegenteil von politischer Aufrichtigkeit.

Über die Leute, die Blome heute „Bürger-Mehrheit“ nennt, schrieb er damals:

Es ist nicht auszuschließen, dass Horst Köhler für seinen abrupten Abgang einigen Beifall von den Deutschen bekommen wird. Motto: „Hut ab, da wollte einer nicht mehr beim Drecks-Spiel der Parteien mitmachen.“

Käme es so, hätte Horst Köhler bleibenden Schaden hinterlassen.

Ob Blomes heutige Ausführungen als Selbstkritik zu verstehen sind oder als (sachdienliche) Meinungsänderung, ist nicht überliefert.

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

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Hauptsache Nazi!

Es ist eine Geschichte, wie sie sich Hollywood-Drehbuchautoren kaum besser ausdenken könnten:

Jude tarnt sich als Neonazi und überführt SS-Mörder

Warum „Bild“ die Geschichte des Amerikaners Mark Gould, der den Mörder seiner Familie, SS-Obersturmbannführer Bernhard Frank, aufgespürt haben will, ausgerechnet gestern brachte, ist nicht ganz klar: Gould hatte seine Dokumentation bereits im Dezember 2010 auf einer Pressekonferenz in New York vorgestellt.

Die Weltpresse reagierte damals skeptisch: Der Historiker Guy Walters bezweifelte, dass Bernhard Frank bei der Unterzeichnung einer Anordnung zur Erschießung weißrussischer Juden eine so große Rolle gespielt habe, wie Mark Gould der Öffentlichkeit weismachen wollte. Der „Guardian“-Kommentator Efraim Zuroff schrieb gar, Franks Aufgabe sei es gewesen, die Wortwahl des Dokuments auf ihre Übereinstimmung mit der Nazi-Ideologie zu überprüfen. Zuroff zweifelte auch an den Motiven von Gould und wirft ihm vor, gefährlich lange gewartet zu haben, bis er mit den Vorwürfen gegen den inzwischen 97-jährigen Deutschen an die Öffentlichkeit gegangen ist.

Es wirft Fragen auf, dass Bernhard Frank jahrzehntelang unbehelligt unter seinem richtigen Namen in Deutschland leben, in Fernsehsendungen über das Dritte Reich auftreten und sogar seine Memoiren veröffentlichen konnte, ohne dass die Behörden auf den angeblichen Kriegsverbrecher aufmerksam wurden.

Die „New York Times“, die ebenfalls schon im Dezember über den Fall berichtet hatte, zitierte Kurt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen dahingehend, dass Franks Name zwar in den Archiven auftauche, aber nie in Verbindung mit Kriegsverbrechen.

Andere Nazi-Experten sagten auch, dass Herr Frank nicht mit Kriegsverbrechen in Verbindung steht.

(Übersetzung von uns.)

Auch wenn es keinen Zweifel an Bernhard Franks SS-Mitgliedschaft geben kann (er beschreibt sie selbst ausführlich in seinem Buch), so bleiben Mark Gould und „Bild“ doch brauchbare Belege für die Darstellung als „SS-Mörder“ schuldig.

Vor allem aber ist die schöne „Bild“-Überschrift, die mal mehr, mal weniger frei von anderen Medien aufgegriffen wurde, eine Ente: Mark Gould hatte der „New York Times“ erzählt, dass er eine „weit verzweigte jüdische Familie“ habe, weil seine Mutter einen jüdischen Mann geheiratet habe, der ihn adoptiert habe. Er selbst ist aber gar kein Jude.

Mit Dank an Thomas T., David P., Torsten S. und Marco.

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Dr. Albern

Am gestrigen Samstag erklärte „Bild“ erstaunlich offen, wie sie die Entscheidung des Bundesverteidigungsministers findet, im Amt bleiben zu wollen:

Gut! Guttenberg bleibt!

Es ist nicht das erste Mal, dass „Bild“ die Rechtmäßigkeit erworbener Doktortitel auf der Titelseite thematisiert:

25. August 2007:

Verlierer

Der CDU-Kandidat für die OB-Wahl in Landau (Rheinland-Pfalz) soll aus der Partei ausgeschlossen werden! Gegen Kai Schürholt (35) ermittelt die Staatsanwaltschaft. Er soll sich seinen Doktortitel in Theologie erschlichen haben. Die CDU kann keinen Ersatzkandidaten mehr für die Wahl (2. September) aufstellen.

BILD meint: Dr. Lüg!

19. Februar 2009:

Verlierer

Wer hat da wohl wen beschummelt? Der Kölner Kulturpolitiker „Dr. rer. pol.“ Hans-Georg Bögner (54, SPD) verzichtet ab sofort darauf, seinen Doktortitel der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften zu führen. Er habe erfahren, „dass mit meiner Promotion etwas nicht in Ordnung ist“. Genauer wollte sich Bögner nicht äußern.

BILD meint: Dr. Seltsam!

24. Juli 2009:

Verlierer

Er ist jung, er ist ehrgeizig – und er hat ein Problem: Niels Neu (35), Vizechef der CDU in Nordhausen (Thüringen), musste seinen Personalausweis bei der Stadt abgeben, weil er verdächtigt wird, einen falschen Doktortitel zu führen. Recherchen hätten ergeben, dass er nicht wie behauptet an der Universität von Warschau promoviert hat.

BILD meint: Dr. Schummel?

6. Februar 2010:

Verlierer

Als Dr. Dieter Jasper (47) zog er bei der Bundestagswahl im September aus Steinfurt (NRW) ins Parlament ein. Jetzt kommt heraus: Der CDU-Abgeordnete darf in Deutschland gar keinen Doktortitel führen, er hatte ihn an einer umstrittenen Uni in der Schweiz erworben. Die Staatsanwaltschaft ermittelt, die SPD will eine Wahl-Anfechtung.

BILD meint: Dr. Schwindel!

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