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Zukunst

Für die folgende Lektüre empfiehlt sich die Titelmusik von „Akte X“ als Soundtrack.

Es ist ein ungewöhnlicher Ort für Prophezeiungen, die denen des Nostradamus gleichen. Und doch: Beim letztjährigen Wettbewerb „Jugend creativ“ der Volksbanken und Raiffeisenbanken hat die damals 16-jährige Monja aus Hünfeld ein „nahezu hellseherisches“ Bild gemalt, auf dem sie die Katastrophen in Japan vorausgesehen hat!

So berichtet zumindest die „Fuldaer Zeitung“:

"Da saß der Schock erstmal tief" Überschwemmungen, Erdbeben, Tsunamis, Atomkrise - das sind die modernen Geißeln der Menschheit. In nahezu hellseherischer Fähigkeit hat die 17-jährige Monja die aktuellen Katastrophen der Welt bereits vor einem Jahr auf einem Bild vorausgesehen

Und natürlich sprang auch „Bild“, das Fachjournal für alles Mysteriöse, sofort auf den Zug auf:

Unheimlich Schülerin (17) malte Japan-Unglück vor einem Jahr! Auf dem Bild zu sehen: Die Tsunami-Welle trifft ein Atomkraftwerk (oben rechts)

Ganz Clevere könnten die Mystery-Stimmung jetzt natürlich mit kritischen Fragen kaputtmachen: Warum sind denn da Eisbären? Ist damit das frühe Ableben von Knut gemeint? Was sollen die toten Bäume und der Tornado? Was hat der Sturm links oben im Bild mit Japan zu tun? Und warum sehen die Menschen so gar nicht japanisch aus?

Die Antwort auf diese Fragen hat einen so geringen Mystery-Faktor, dass Sie den Soundtrack jetzt besser stoppen: Der Titel des Wettbewerbs lautete nämlich „Mach dir ein Bild vom Klima“ und genau das ist der Grund, warum auch die anderen Bilder im Wettbewerb ziemlich apokalyptisch wirken.

Bei der „Fuldaer Zeitung“ ist das eigentlich bekannt:

[Monja G.] habe damals versucht, für den Wettbewerb mit dem Thema „Klima“ möglichst viele entsprechende Probleme in der Illustration unterzubringen. Sie habe sich damals an die Tsunami-Wellen von 2004 erinnert, und von der Tschernobyl-Katastrophe hat sie viel gehört (…)

Dennoch schreibt die Autorin nur einen Absatz später, als hätte es das Rahmenthema des Wettbewerbs nie gegeben und als wäre Monja gerade einmal sieben Jahre alt gewesen als sie das Bild anfertigte:

Monjas Bild ist erschreckend, beklemmend (…). Keine hübsche Blumenwiese, keine freundliche Sonne am hellblauen Himmel, die die Erde in einen paradiesischen Zustand taucht, keine friedliche Naturwelt waren dargestellt, wie so oft der Fall in dieser Altersklasse. Statt dessen: beängstigende Wirklichkeit.

Immerhin dient die ganze künstliche Aufregung einem guten Zweck:

Damit Monja ihr Werk behalten kann, will die VR-Bank Faksimiles in A3-Größe, also Nachdrucke, erstellen. Diese sollen für eine Spende ab zehn Euro abgegeben werden.

Die Spendenbereitschaft würde vermutlich deutlich ansteigen, wenn sich Monja in Zukunft auf Lottozahlen spezialisiert und dabei am besten nicht immer alle 49 dafür in Frage kommenden Zahlen malt.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Deutschland sucht die Superheuchler

Heute erklärt „Bild“ auf der Titelseite, es gebe „Ärger um Schreyl“: Ärger um SchreylMarco Schreyl, Moderator von „Deutschland sucht den Superstar“, reiße „seit Wochen“ „eine schmuddelige Zote nach der anderen“ und habe in der Show vom vergangenen Samstag einen „neuen Tiefpunkt“ erreicht.

Schreyl hält die zwei Glückskugeln von Sarah Engels wie zwei Hoden in der Hand, sagt bewusst zweideutig: „Damit gehe ich immer besonders vorsichtig um.“

Zur Bestätigung des behaupteten „Ärgers“ reißt „Bild“ ein paar Sätze aus einem Artikel des Mediendienstes DWDL.de über Homosexuelle im deutschen Fernsehen aus dem Kontext, wodurch der Tenor des Artikels so klingt, als seien gar nicht Schreyls Sprüche das eigentliche Problem für Sven Kuschel und Daniel Cremer, sondern dessen sexuelle Orientierung.

„Bild“ nutzt sogar die Gelegenheit, endlich mal wieder Michelle Hunziker ins Gespräch zu bringen, für deren Rückkehr zu „DSDS“ die Zeitung seit mehr als fünf Jahren unermüdlich kämpft.

Was die „Bild“-Redaktion sonst so von schmuddeligen Zoten und bewussten Zweideutigkeiten hält, kann man dann heute bei Bild.de (anhand eines alten Fotos) bewundern:

Schräger Pokal: Seit diesem Kuss ist Golf-Star Cristie in aller Munde...

Mit Dank auch an Roman S., Arne M. und Marc.

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Germany’s Next Hafenarbeiter

Die Arbeiter in Bremerhaven haben eine Riesen-Wut auf Dr. Rita Mohr-Lüllmann. Das behauptet zumindest „Bild“ in der Bremer Regionalausgabe:

Die Arbeiter in Bremerhaven haben eine Riesen-Wut auf Dr. Rita Mohr-Lüllmann (53). Die Spitzenkandidatin schmückt sich auf Wahl-Plakaten mit zwei falschen Hafenarbeitern. Zum Ärger der „Echten“! Sie sind stinksauer auf die Wahlkampf-Schummelei der Christdemokraten.

„Bild“ hatte nämlich am Vortag aufgedeckt, dass sich Frau Mohr-Lüllmann „mit fremden Federn schmückt“:

CDU-Spitzenkandidatin Dr. Rita Mohr-Lüllmann (53) posiert auf Wahlplakaten mit zwei Bremer Arbeitern. Sie tragen Blaumann und einen Helm in der Hand. Im Hintergrund sieht man leicht verschwommen eine Hafenkulisse. Die CDU umschwärmt von Werft- Malochern? Weit gefehlt!

Die CDU behauptet zwar nirgendwo, es handele sich bei den abgebildeten Herren um Hafenarbeiter, aber man könnte sie natürlich schon dafür halten:

Und das muss „Bild“ natürlich aufklären:

In Wirklichkeit handelt es sich bei dem jungen Mann zur Linken um ein CDU-Mitglied aus Niedervieland. Rechts steht nach BILD-Informationen ein Beschäftigter des Bremer CDU-Hauses, der unter anderem in der Poststelle der Partei arbeitet.

Bei ihren Bemühungen, den „Schummelwahlkampf“ der „Mogel-Rita“ verurteilen zu lassen, hat die Zeitung deshalb gleich drei echte Arbeiter aufgetan, die sich wortreich über das „Trauerspiel“, die „Verarschung“ und die „falschen Lorbeeren“ beklagen.

Und tatsächlich sind die beiden Männer, die neben der Bürgermeisterkandidatin zu sehen sind, Mitglieder der CDU. Doch den Vorwurf des „Schummelwahlkampfs“ will die Partei nicht gelten lassen:

Dass es sich um Hafenarbeiter handelt hat die CDU allerdings nie behauptet. Wahr ist: Einer von beiden hat als Speditionskaufmann in den Häfen gearbeitet, wurde unverschuldet arbeitslos und ist inzwischen Mitarbeiter der CDU, der andere ist in der Landwirtschaft tätig – zwei echte Malocher also.

Die CDU bezeichnet die Entscheidung, „uns bekannte Models zu fotografieren“, als „eine Frage der Kosten und der Bildrechte“. Aus diesem Grund posiert Frau Mohr-Lüllmann auf einem weiteren Motiv der Plakatkampagne auch mit dem Kind eines Parteikollegen. „Bild“ wird vermutlich schon in Kürze enthüllen, dass es sich gar nicht um „Mogel-Ritas“ eigenes handelt.

Mit Dank an Timon.

Nachtrag, 16.55 Uhr: Charmante Pointe: Wie die Bremer CDU in einer weiteren Pressemitteilung erklärt, ist einer der von „Bild“ zitierten Hafen-Arbeiter offenbar Mitglied einer SPD-Arbeitsgruppe.

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Punktspalterei

Nachdem „Bild“ Borussia Dortmund ungefähr seit vergangenem Herbst zum deutschen Fußballmeister hochschreibt und dem Trainer Jürgen Klopp schon im Dezember die Meisterschale überreichen wollte, ist die Zeitung plötzlich ein bisschen skeptischer und fragt, ob nicht doch noch Bayer Leverkusen Meister werden könnte. Die Mannschaft von Jupp Heynckes liegt ja fünf Spieltage vor Saisonende nur noch fünf Punkte hinter dem BVB.

Außerdem:

Trainer Jupp Heynckes weiß, wie man die letzten Spiele gewinnen kann. In Gladbach holte er 1987 im Saisonendspurt in fünf Spielen 15 Punkte. Und auch damals wechselte er anschließend zum FC Bayern.

Das stimmt so nicht: Tatsächlich hatte Gladbach damals die letzten fünf Spiele gewonnen (genau genommen sogar die letzten zehn), nur gab es für diese fünf Siege keine 15 Punkte, sondern nur zehn — die Drei-Punkte-Regel gilt nämlich erst seit der Saison 1995/96.

Mit Dank an Sascha.

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Nachruf

Schicksalsschlag: Andrea Bergs Vater stirbt nach einem Verkehrs-Unfall!

Preisfrage: Woran ist Andrea Bergs Vater gestorben?

„Bild“ verrät es gerne:

Andrea Berg (45, „Du hast mich 1000 Mal belogen“) trauert um ihren Vater Jürgen (†68)!

Er erlag am Samstag in einer Klinik bei Stuttgart einem langwierigen Krebsleiden.

Erst am 25. März war er gemeinsam mit seiner Frau Helga (66) auf einer Landstraße verunglückt.

Mit Dank an Richard F., Daniel, Christoph A., Thomas U., Steffen S., Paulchen und Steffi.

Flieg los, Kartoffelbrei!

Lange Zeit glaubten viele Leute, die Erde sei eine Scheibe. Sie wurden von den Leuten für Idioten gehalten, die glaubten, die Erde sei eine Kugel. Jetzt gilt es, neue Idioten zu küren, denn die Medien vermelden heute:

Von wegen Kugel: Die Erde ist eine Kartoffel

Die Erde sieht tatsächlich aus wie eine Kartoffel

Satellitenaufnahmen von der Erde: Erinnerungen an eine Kartoffel

Kartoffel im Weltraum

Diese Meldungen sind kein Aprilscherz — nur eine sehr unwissenschaftliche Verknappung von Forschungsergebnissen.

Die Europäische Weltraumbehörde ESA hatte gestern Bilder vorgestellt, die das physikalische Modell der Erdfigur zeigen. Das so genannte Geoid zeigt die hypothetische Oberfläche der Weltmeere, die allein durch die Schwerkraft geformt wird und auf Strömungen und Gezeiten keine Rücksicht nimmt.

Und nicht nur das:

Damit die Unterschiede im Schwerefeld der Erde deutlich zu erkennen sind, haben sie die Forscher in zehntausendfacher Übersteigerung dargestellt. So gesehen gleicht die Erde einer unregelmäßig geformten Kartoffel.

Die Bilder zeigen also das unsichtbare Schwerefeld, die Abweichungen sind zehntausendfach verstärkt. Genau genommen wissen das auch die meisten Medien, denn sie schreiben es in ihren Artikeln. Artikel, deren Überschriften behaupten, die Erde sehe aus „wie eine Kartoffel“.

Die ESA hat bei ihren Bildern übrigens die „noch nie dagewesenen Einzelheiten“ hervorgehoben. Zu Recht, denn die eigentliche Erkenntnis über die Form des Schwerefelds ist nicht gerade neu — und schon seit Jahren für die Überschriftenmacher der Zeitungen unwiderstehlich:

Die Erde ist in Wahrheit eine Kartoffel
(„Welt Online“, 5. Juni 2007)

Für die Forschung wird die Erde zur Kartoffel
(„Südwest Presse“, 6. Juni 2006)

Die Erde ist eine Kartoffel
(„Die Welt“, 1. August 2004)

Eine Kartoffel wird vermessen
(„Der Tagesspiegel“, 15. März 2002)

Aus einer ganz anderen Welt kommt heute mal wieder „Bild“:

Erde ist gar nicht rund! München – So krumm haben wir unsere Erde noch nie gesehen! Der ESA-Satellit "Goce" hat das Schwerefeld des Planeten mit bisher unerreichter Genauigkeit vermessen. Das Ergebnis: Die Erde ist nur annähernd eine Kugel, sieht eher aus wie eine Kartoffel.

Mit Dank an Bjoern S. und Jörg S.

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Eine Hochzeit und zwei Gegendarstellungen

„Das Ende einer Hochzeit unter Familienclans“ beschrieb „Bild“ in der Berliner Ausgabe vom 11. März:

Der Schwager in Handschellen, die Braut rennt barfuß und schreiend durch die Nacht.

Szenen einer – frischen – Ehe gestern früh in Neukölln. Und das Ende einer Hochzeit zwischen Mitgliedern zweier eigentlich verfeindeter kurdisch-libanesischer Großfamilien in Berlin. „Romeo und Julia“ in der Neuköllner Version im Jahr 2011.

Einen Verkehrsunfall mit Unfallflucht habe es gegeben, berichtete „Bild“. Und:

Pech: Der Bräutigam selbst hatte die Beamten um Schutz gebeten. Er ist der Neffe des Ex-Clan-Chefs (genannt „El Presidente“) und fürchtete laut einem internen Vermerk der Berliner Polizei, dass „die Hochzeit nicht störungsfrei verlaufen könnte, weil die Familie der Braut gegen die Ehe ist.“

Der Artikel ist bei Bild.de nicht mehr verfügbar. Es stimmte nicht viel an ihm.

Vergangene Woche musste „Bild“ die Gegendarstellung des Bräutigams drucken, der angab, die Polizei nicht um Schutz gebeten zu haben. Auch sei er nicht der Neffe des Ex-Clan-Chefs. Seine Anwältin Julia Bezzenberger erklärte uns auf Anfrage, die Familie hätte lediglich den gleichen Nachnamen wie der „El Presidente“ genannte Mann, stünde aber in keinem direkten Verwandtschaftsverhältnis zu ihm.

Das mit den Familienverhältnissen hat „Bild“ großflächig nicht richtig hinbekommen, wie einer zweiten Gegendarstellung zu entnehmen ist, die diesen Mittwoch erschien:

Gegendarstellung

In der BILD (Berlin) vom 11.03.2011 verbreiten sie auf S. 7 unter der Überschrift „Das Ende einer Hochzeit unter Familien-Clans“ falsche Tatsachenbehauptungen über mich:

1. Sie Veröffentlichen ein Foto meiner Person und bezeichnen mich als „Braut“.
Hierzu stelle ich fest: Ich bin nicht die Braut.

2. Sie schreiben unter Bezugnahme auf das Foto von mir:
„Und die Braut war auch sauer. Sie konnte nicht mehr im Luxus-Porsche nach Hause chauffiert werden …“
Hierzu stelle ich fest:
Ich war sauer, weil ein Fotograf mich und mein Kind gegen meinen Willen fotografierte und nicht weil ich nicht im Porsche nach Hause gebracht werden konnte.

Die Redaktion gibt unter der Gegendarstellung zu, dass die Frau Recht hat. Der Fotograf, den die Frau erwähnt, ist übrigens der Mann, dessen Foto „Bild“ abgedruckt hatte.

Danach blieb von der ohnehin erstaunlich unspektakulären Story nur noch der Unfall — und der hat sich laut Julia Bezzenberger auch anders zugetragen als von „Bild“ beschrieben. Der Fahrer habe beim Ausparken seinen Cousin übersehen und sei diesem leicht gegen das Bein gefahren. Anschließend habe er ein anderes Fahrzeug touchiert.

„Bild“ hatte die Szenerie deutlich spektakulärer beschrieben:

Die beiden steigen in einen Porsche, der Schwager gibt Gas. Beim Abbiegen übersieht er einen geparkten 7er-BMW und rammt den Nobel-Schlitten. Der wird nach vorn geschleudert und trifft ausgerechnet Khaled O. (27) – ein Mitglied der Braut-Familie!

Der Mann schreit vor Schmerz – später wird ein geschwollener Knöchel diagnostiziert.

Auf unsere Frage, was an der Geschichte in „Bild“ überhaupt stimme, antwortet uns Frau Bezzenberger: „Es gab eine Hochzeit.“

Ganz Alberne Unsitte

Wer gleich jedes Wort auf die Goldwaage legt, dürfte in den letzten Wochen kaum noch zum Arbeiten, Essen und Schlafen gekommen sein. Seit im japanischen Atomkraftwerk Fukushima in Folge eines Erdbebens und eines Tsunamis die Kühlsysteme ausgefallen sind und auch die Betreibergesellschaft offenbar nicht weiß, was in ihren Reaktoren vor sich geht, ist bei den deutschen Medien eine Art Metaphern-Weitwurf ausgebrochen.

Vorläufiger Höhepunkt war wohl die „Bild“-Titelseite vom Montag:

Die Atom-Wahlen: Grüne Strahlen! CDU-Mappus abgeschaltet. SPD-Beck runtergefahren. FDP vom Netz. 1. grüner Ministerpräsident glüht vor Glück.

Doch auch andere Zeitungen schrieben auf ihren Titelseiten vom „Wahl-GAU“, wie der Mediendienst DWDL.de dokumentiert.

Während Formulierungen wie „Das schlug ein wie ein Verkehrsflugzeug“ auch fast zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September 2001 noch von jedem Redakteur gestrichen werden dürften und Radiohörer nach dem Tsunami vom Dezember 2004 empört bei jenen Sendern anriefen, die Julis „Perfekte Welle“ noch nicht aus dem Programm genommen hatten, scheinen sich die Ereignisse in Japan, die immer noch anhalten und deren Ausmaß nicht abzusehen ist, jetzt schon hervorragend als Bildspender zu eignen.

Die „F.A.Z.“ veröffentlichte am Dienstag einen Artikel, in dem Mit-Herausgeber Berthold Kohler nur marginal bemüht vom „Restrisiko“ eines grünen Ministerpräsidenten, dem „als absolut sicher gerühmten Politikreaktor Baden-Württemberg I“ und vom „Abklingen“ des „politischen Ausnahmezustands“ fabulierte. Frank Patalong, der bei „Spiegel Online“ ausführlich die Vorzüge von Echtzeit-Medien gegenüber den Print-Erzeugnissen preisen durfte, schrieb:

Aus Perspektive der gedruckten Presse war das Timing der Katastrophenserie von Japan somit eine Art Doppel-GAU.

Die „taz“ zeigte darüber hinaus besondere Fähigkeiten im Spagat der Uneigentlichkeit:

Wäre der Vergleich nicht etwas unfein, ließe sich sagen: Der FDP ergeht es derzeit wie einem havarierenden Atomreaktor.

So beginnt ein Artikel, über dem folgende Überschrift prangt:

Führungsdebatte gerät außer Kontrolle: FDP droht Kernschmelze

Das alles fällt womöglich noch unter „Wortklauberei“. Spezieller ist da schon der „Nürnberger Stadtanzeiger“, der einen Mann, der gegen Hundehaufen im Stadtbild kämpft, ernsthaft fragt:

Die Welt hofft dieser Tage, dass sich die radioaktive Strahlenbelastung beim havarierten Atomreaktor in Japan nicht weiter ausdehnt. Sie kämpfen für weniger Hundekot in Grünanlagen. Stimmt da noch die Verhältnismäßigkeit?

Mit Dank auch an Thomas P. und Dennis.

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Ups, verheiratet

Es ist angesichts der weltweiten Nachrichtenlage etwas in den Hintergrund gerückt, aber vor dem Mannheimer Landgericht wird immer noch ein Prozess gegen Jörg Kachelmann geführt, dem vorgeworfen wird, eine frühere Lebensgefährtin vergewaltigt zu haben. Die Scharmützel, die sich Kachelmanns Verteidiger mit der Gegenseite liefern, werden dabei für juristische Laien zunehmend uninteressant und niemand will zum hundertsten Mal lesen, dass Kachelmanns Anwalt den Aktenkoffer eines Sachverständigen „samt Brotdose“ hatte beschlagnahmen lassen.

Doch dann ist endlich etwas passiert: Jörg Kachelmann war vergangene Woche „mit einem Ring aus Weißgold am Finger“ vor Gericht erschienen. „Spiegel Online“ vermeldete daher am Samstag, Kachelmann habe geheiratet, und „Bild“ „erfuhr“ am Montag „aus Justizkreisen“:

Kachelmann ist wieder Ehemann!

Die „Justizkreise“ müssen in Plauderlaune gewesen sein, denn „Bild“ fasste mal eben auch noch die mutmaßliche Lebensgeschichte der mutmaßlichen Frau Kachelmann zusammen, wie diese sie in ihrer Vernehmung angegeben haben soll — einer nicht-öffentlichen Vernehmung, offensichtlich.

Gestern war „Bild“ dann noch näher an die junge Frau herangekommen:

Das ist die neue Frau Kachelmann

Da wurden „Freunde“ herangezogen, die „die neue Frau Kachelmann als ruhig und verschlossen“ beschreiben — und selbst vor der Familie machten die „Bild“-Reporter nicht halt:

Nicht einmal ihre Großeltern haben von ihrer Hochzeit etwas mitbekommen. Oma Heidemarie gestern traurig zu BILD: „Ich hätte ihr gerne gratuliert.“

Blöd nur, dass „Bild“ beim Versuch, an Fotos der Frau heranzukommen, im Internet ein (inzwischen gelöschtes) Foto gefunden hat, das eine ganz andere Frau zeigt.

Heute entschuldigt sich „Bild“ dann auch für dieses Versehen:

Berichtigung: Eines der gestern veröffentlichten Bilder auf Seite 6 -das Bühnenfoto - zeigt nicht die Ehefrau von Jörg Kachelmann, sondern eine Schauspielerin aus Berlin. Für die Fotoverwechslung bittet BILD um Entschuldigung.

Die vielen Eingriffe in die Privat- und Intimsphäre der Frau sind dagegen offenbar nichts, wofür „Bild“ um Entschuldigung bitten will.

PS: Jörg Kachelmann selbst scheint unterdessen einen eigenen Weg gefunden zu haben, mit der ständigen Belagerung durch Boulevard-Reporter umzugehen, und fotografiert jetzt einfach zurück.

Mit Dank an Stephanie H.

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Gute Grüne, schlechte Grüne

Wankelmut, dein Name ist Franz Josef Wagner! Noch zwei Tage vor der Landtagswahl sprach der launige „Bild“-Kolumnist dem Baden-Württemberger Grünen-Chef Winfried Kretschmann das Vertrauen aus:

Für mich sind Sie ein Grüner der neuen Art. Eigentlich müssten Sie bei der CDU sein. Sie gehen in die Kirche, glauben an die Schöpfung.

Sie haben nichts mehr von den ­Grünen, die Pullover strickten. Sie tragen einen Lehrer-Anzug, grau.

Lieber Ethiklehrer Winfried Kretschmann, vor Ihnen habe ich keine Angst.

Doch schon in seinem gestrigen Brief an die „lieben Baden-Württemberger“ fällt Wagner wieder in alte Muster zurück und malt den Untergang eines Wirtschaftsstandorts an die Wand:

58 Jahre hat Euch die CDU regiert.

Ihr habt Häusle, manche haben zwei Autos, ältere Erwachsene spielen Golf. (…)

Nach 58 Jahren CDU wählt Ihr Grün.

Schmeckt Euch Euer Steak nicht mehr, langweilt Euch Euer Daimler, seid Ihr überdrüssig Eures Glücks?

Um seine mahnenden Worte zu unterstreichen, konstruiert Wagner auch gleich noch die nötige Fallhöhe:

täusche ich mich, wenn ich denke, dass Ihr stolz auf Euer Ländle seid? Die niedrigste Arbeitslosenquote, 4,6 Prozent. Beim Pisa-Test sind Eure Kinder Europas Beste.

Mal davon ab, dass die Arbeitslosenquote im Januar 2011 bei 4,7 Prozent und im Februar bei 4,5 Prozent lag, wirklich aus der Luft gegriffen ist die Behauptung, baden-württembergische Kinder wären „Europas Beste“ beim „Pisa-Test“. In der letzten Pisa-Studie aus dem Jahr 2006, in der sowohl einzelne Bundesländer als auch ganze Staaten untersucht wurden, lag Baden-Württemberg zwar über dem bundesdeutschen Schnitt, kam aber in fast allen Bereichen hinter Bayern und Sachsen sowie europaweit hinter Finnland, den Niederlanden und Belgien.

Tatsächlich hat Baden-Württemberg sogar gewisse Bildungsprobleme wie aus einer aktuelleren Studie hervorgeht:

Besonders ausgeprägt ist das soziale Bildungsgefälle in Baden-Württemberg und Bayern, wo die Chancen von Akademikerkindern gegenüber gleichintelligenten Facharbeiterkindern 6,6 beziehungsweise 6,5 mal so hoch sind.

Ein Missstand, den die von Wagner ach so gefürchteten Grünen laut eigenem Wahlprogramm sogar bekämpfen wollen.

Mit Dank an Marc, Tim G., Oliver K. und Pekka R

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