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Gebührend falsch

Seit Wochen versucht „Bild“, einen Volksaufstand gegen den neuen Rundfunkbeitrag herbeizuschreiben. Fast jeden Tag wartet das Blatt mit einem neuen Artikel auf, der einen Skandal im neuen System anprangert. Die vermeintlichen Enthüllungen werden von anderen Medien begeistert ungeprüft übernommen.

Wie macht die „Bild“ das?

Stellen wir uns für einen Moment vor, wir redeten nicht von ARD und ZDF, sondern vom Taschengeld des kleinen Timmy.

Der hat bislang jeden Monat 60 Euro bekommen: je zehn von Vater und Mutter und 40 von Tante Ursula. Nach dem Ärger am zweiten Weihnachtstag haben die Verwandten beschlossen, das Geld anders aufzuteilen. Vater und Mutter zahlen jetzt je 15 Euro, Tante Ursula auch, und dafür beteiligt sich Onkel Franz ebenfalls mit 15 Euro.

Timmys Schwester Tanja findet es doof, dass Timmy überhaupt soviel Taschengeld bekommt, und macht nun Theater: Das sei total ungerecht, dass der Timmy nun viel mehr Geld bekommt als früher. Ich krieg doch gar nicht mehr Geld als früher, sagt Timmy. Wohl, sagt Tanja: Die Eltern zahlen jetzt jeden Monat zehn Euro mehr! Und der Onkel Franz zahlt jetzt plötzlich auch! Überhaupt müssen mehr Leute dein Taschengeld bezahlen! Also ist klar, dass du voll eine Taschengelderhöhung bekommen hast.

Tanja will später mal zur „Bild“-Zeitung gehen.

Dirk Hoeren, Guido Brandenburg und Nikolaus Harbusch sind heute die Tanjas von „Bild“. Ihre Kampagne gegen ARD und ZDF basiert zum großen Teil auf zwei einfachen Taschenspielertricks: Bekannte und öffentlich zugängliche Dokumente werden wie neue und geheime Fundsachen behandelt. Und jede potentielle Mehreinnahme für ARD und ZDF durch das neue System wird erwähnt; jede potentielle Mindereinnahme wird verschwiegen.

Am 22. Dezember gab Hoeren vor, „die wichtigsten Fragen“ zum neuen Rundfunkbeitrag zu „beantworten“. Darunter diese:

Steigen die Einnahmen der Sender durch den neuen Beitrag?

Die Sender rechnen mit 840.000 neuen Gebührenzahlern. Die Gebührenkommission KEF kalkuliert mit 581 Mio. Euro Mehreinnahmen.

Tatsächlich findet sich die Zahl 581 Mio. an prominenter Stelle (Seite 15) im Bericht der KEF. Er bedeutet allerdings nicht das, was „Bild“ behauptet.

Es handelt sich bloß um Einnahmen, die höher ausfallen als ursprünglich angenommen. Mit dem neuen Beitrag hat das erst einmal gar nichts zu tun, was sich schon daraus ergibt, dass sich diese Einnahmen auch auf die Jahre 2011 und 2012 beziehen, also die Zeit vor der Umstellung. Die Summe enthält zum Beispiel auch Werbeeinnahmen: Die KEF geht nämlich aufgrund der guten Entwicklung von Werbeeinnahmen in der ganzen Branche davon aus, dass zum Beispiel die ARD mehr Geld in diesem Bereich einnehmen könnte als bisher geplant.

Um aber auf die „Bild“-Frage zurückzukommen, ob die Einnahmen der Sender durch den neuen Betrag steigen: Nein. Jedenfalls geht die KEF nicht davon aus.

Sie rechnet in der aktuellen Gebührenperiode (2013 bis 2016) mit Einnahmen aus „Teilnehmerbeiträgen“ in Höhe vom 29,3 Milliarden Euro. In der vergangenen Gebührenperiode (2009 bis 2012) waren es ebenfalls 29,3 Milliarden Euro.

Im Klartext: Die KEF rechnet damit, dass durch die Umstellung des Systems insgesamt ungefähr genau so viel Rundfunkgebühren eingenommen werden wie bisher. Einerseits müssen in Zukunft zum Beispiel auch Leute zahlen, die gar kein Empfangsgerät haben. Andererseits müssen zum Beispiel Wohngemeinschaften nur noch einen gemeinsamen Beitrag zahlen. Eine genaue Prognose, wie die einzelnen Faktoren ausfallen, ist nach Angaben der KEF wegen vieler Unwägbarkeiten und fehlender Daten nicht möglich, aber es könnte ungefähr bei plusminus Null rauskommen.

Das entspräche auch dem Ziel des Gesetzgebers: Die Ministerpräsidenten wollten die Reform des Finanzierungssystems so gestalten, dass sie „aufkommensneutral“ ausfällt. Und selbst wenn mehr Geld als geplant hereinkäme, dürften ARD und ZDF es nicht behalten. Es würde mit zukünftigen Gebühren verrechnet.

Das sind Informationen, die so wesentlich für das Verständnis des ganzen Verfahrens ist, dass „Bild“ sie lieber nicht erwähnt.

Am 2. Januar schaffte es das Thema bei ihr auf den Titel:

ARD & ZDF Jagd auf 4 Millionen Haushalte. Rasterfahndung, Pfändung, Offenbarungseid So will die 'GEZ' Gebühren eintreiben

Im Text hieß es:

Seit Neujahr ist aus der GEZ der „Beitragsservice“ geworden. Das klingt besser – und wird trotzdem schlimmer.

Denn die in Köln sitzende Behörde wird ähnlich unpopulär sein: Mit der seit 1. Januar gültigen „Haushaltsabgabe“, einer „TV-Zwangssteuer“, macht sie im Auftrag von ARD und ZDF ab sofort Jagd auf mindestens 4 Millionen deutsche Haushalte.

Wer […] nicht zahlen will, muss Zwangsmaßnahmen der öffentlich-rechtlichen Sender fürchten. In ihrem Geschäftsbericht 2011 kündigt die „GEZ“ an: „Für die Vollstreckung rückständiger Rundfunkgebühren nutzt die GEZ alle zur Verfügung stehenden Vollstreckungsmaßnahmen.“ Dazu zählen die Inkasso-Jäger von ARD und ZDF Pfändungen von Forderungen, Sachpfändungen und Anträge auf Abnahme der „Eidesstattlichen Versicherung“ (früher Offenbarungseid).

Nur „kündigt“ die GEZ das gar nicht „an“, sondern tut es längst, und die entsprechende Formulierung findet sich seit Jahren in ihren Geschäftsberichten. Auch das hat nichts mit dem neuen Rundfunkbeitrag zu tun.

Am 3. Januar triumphierte „Bild“:

Also doch! Die neue TV-„Zwangssteuer“ soll vor allem dazu dienen, die Einnahmen von ARD und ZDF zu steigern. Die öffentlich-rechtlichen Sender hatten dies bislang stets bestritten.

In einem BILD vorliegenden Protokoll des NRW-Medienausschusses teilte der ehemalige Chef des ARD/ZDF-Inkassodienstes GEZ, Hans Buchholz, mit, dies sei eine Vorgabe der Politik. Wörtlich sagte er in der Sitzung am 7. April 2011: „Wir haben die Aufforderung, das Beitragsaufkommen um ein Prozent zu steigern. Das ist in den Reformberechnungen der Ministerpräsidenten berücksichtigt.“

Das Protokoll, das „Bild“ vorliegt, steht für jeden zugänglich auf den Seiten des nordrhein-westfälischen Landtages. Buchholz‘ Äußerungen sind sicherlich missverständlich. Es geht aber auch in diesem Fall nicht um eine Steigerung der Gesamteinnahmen, sondern nur eines Postens — um Mindereinnahmen an anderer Stelle auszugleichen.

Nachdem die ARD der „Bild“-Darstellung widersprach und sie als „grob falsch und irreführend“ bezeichnete, fragte „Bild“:

Warum bestreitet die ARD, dass sie jetzt mehr Geld einnimmt?

Sie gab die ARD-Position wieder, dass es vermutlich nicht mehr Geld für die öffentlich-rechtlichen Sender geben werde, und fügte dann hinzu:

Mit dieser Meinung steht die ARD allerdings eher allein auf weiter Front. Der „Stern“ geht in seiner aktuellen Ausgabe von Mehreinnahmen von bis zu 1,5 Milliarden Euro pro Jahr aus. Die FAZ schreibt von 800 Mio. Euro. Der FDP-Medienexperte Burkhardt Müller-Sönksen sagt ein Plus zwischen 1,2 und 1,6 Milliarden Euro voraus.

Irgendetwas ist in der Tat grob falsch und irreführend …

Diese Meinung teilt die ARD, wie gesagt, mit dem für genau solche Berechnungen maßgeblichen Gremium, der KEF.

Der „Stern“ hat für seine 1,5 Milliarden Euro keine Erklärung oder Quelle. Und der bei der FDP anstelle eines Experten für Medien zuständige Bundestagsabgeordnete Müller-Sönksen hat die Zahl selbst vor zweieinhalb Jahren der „Bild“-Zeitung geschenkt und weigert sich, sie zu erklären. Auf Nachfrage heute von BILDblog wollte er nicht sagen, ob er an dieser Summe festhält oder inzwischen eine neue ausgedacht errechnet hat.

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Käpt’n Hehn wieder aufgetaucht

Am 10. Oktober 2012 vermeldete „Bild“ auf der Titelseite, dass Sascha Hehn neuer Kapitän in der ZDF-Serie „Traumschiff“ werde. Auf einer Fotomontage in der Zeitung zog „Bild“ „Sascha Hehn schon die neue Uniform an“. Hehn bestätigte den „Bild“-Bericht gegenüber der dpa, einschlägige Medien berichteten, dann wurde es erst mal wieder ruhig.

An Silvester berichtete „Bild“, dass auch „der alte Kapitän Siegfried Rauch“ in der ersten Folge mit Hehn als Kapitän mit dabei sei, und heute vermeldete die Zeitung dann ganz aufgeregt:

Das erste Foto! Sascha Hehn als neuer "Traumschiff"-Kapitän

Die Formulierung „das erste Foto“ ist nicht unbedingt falsch — sie ist nur insofern irreführend, als es sich bei dem Foto nicht etwa um ein aktuelles von den (noch nicht begonnenen) Dreharbeiten handelt, sondern um eines von drei Bildern, die die ZDF-Pressestelle Ende Oktober veröffentlicht hatte und die von einigen Medien schon damals weiterverbreitet wurden.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

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Ein furchtbarer Fehler

Im vergangenen Jahr bebilderten „Bild“ und Bild.de eine „Bluttat in Berliner WG“ mit dem Foto einer jungen Frau, die die Bildersucher aus der „Bild“-Redaktion für das Mordopfer hielten, die in Wahrheit aber quicklebendig in Bremen saß und mit dem Fall rein gar nichts zu tun hatte (BILDblog berichtete).

Eine krasse Verwechslung, von der aber selbst wir dachten, dass sie bei „Bild“ einen besonders schlimmen Einzelfall darstellt.

Nun ja.

Der nächste uns bekannt gewordenen Einzelfall ereignete sich jetzt ein gutes halbes Jahr später:

Richtigstellung. Am 31. Dezember 2012 hat BILD an dieser Stelle unter der Überschrift "Sie wollten nur schnell zu McDonalds fahren — Marina (17) und Chrissi (18) ertrinken im Auto" über den Unfalltod zweier Mädchen in Bad Tölz (Bayern) berichtet. Dabei ist unserer Redaktion ein furchtbarer Fehler unterlaufen: Das gedruckte Foto zeigt nicht die verstorbene Marina, sondern ein anderes Mädchen, das nicht an dem Unfall beteiligt war. BILD bedauert diese Verwechslung zutiefst. Wir bitten die Betroffenen in aller Form um Entschuldigung. Die Redaktion.

Die naheliegende Konsequenz, für den Anfang einfach keine „privaten“ Fotos von Unfall- und Verbrechensopfern mehr zu drucken, will „Bild“ aber offenbar nicht ziehen.

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Maria durch ein Blätterwald ging

Wenn Sie uns gerade ein paar Wochen zurück ins Jahr 2012 folgen möchten — oder besser vielleicht noch ein bisschen weiter, ins neunte bzw. elfte Jahrhundert unserer Zeitrechnung, als der Mariengesang „Ave Maris Stella“ („Meerstern, sei gegrüßet“) entstand, mit dem drei deutsche Priester und eine Sopranistin in diesem Jahr beim deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest (ESC) antreten wollen.

Die „Bild“-Zeitung entdeckte darin, nicht ganz zu unrecht, ein Problem, denn eigentlich dürfen laut Wettbewerbsregeln nur Lieder teilnehmen, die nicht vor dem 1. September des Vorjahres veröffentlicht wurden — eine Deadline, die „Ave Maris Stella“ um etwa tausend Jahre gerissen hätte.

Andererseits hatte der NDR als verantwortlicher Sender eine ganz gute Antwort auf die „Bild“-Frage, warum der Song trotzdem teilnehmen dürfe: Es handele sich um eine „Neukomposition, die lediglich von der historischen Vorlage inspiriert wurde“.

Die „Bild“-Zeitung nahm diese Erklärung zur Kenntnis und zitierte sie sogar in ihrem Artikel. Andererseits ist für sie natürlich die Tatsache, dass eine heikle Frage mit „Nein“ beantwortet wurde, kein Grund, sie nicht trotzdem zu stellen:

Beim Produzieren der potentiellen Skandalhaftigkeit, die dafür sorgte, dass die vermeintlich drohende Skandalisierung sogar von Medien im befreundenachbarten Ausland aufgenommen wurde, half „Bild“-Mann Mark Pittelkau ein Kronzeuge: der ausgewiesene ESC-Fachmann Ivor Lyttle. Er wird von „Bild“ so zitiert:

„Ein klarer Regelverstoß“, sagt Grand-Prix-Experte Ivor Lyttle (52, EuroSong News). „Das Lied kennt doch jeder.“

Auf unsere Nachfrage sagt Lyttle allerdings, Pittelkau habe ihn lediglich gefragt, ob es ein Verstoß gegen die Regeln wäre, wenn das Lied schon 900 bzw. 1100 Jahre alt wäre. Das habe er bejaht.

Den Satz „Das Lied kennt doch jeder“ habe er nie gesagt. Er, zum Beispiel, kenne es nicht.

Eiskalt. Ohne Gefühl. Kein Mitleid.

Obwohl die Lage auch Tage nach dem Amoklauf an einer Grundschule in Connecticut immer noch unübersichtlich ist, scheinen die Medien zu jedem beliebigen Zeitpunkt und vorübergehenden Nachrichtenstand schon zu wissen, was das alles zu bedeuten hat.

Als „aus Ermittlerkreisen verlautete“ („Hamburger Morgenpost“), der Täter habe das Asperger-Syndrom, war für Bild.de schon alles klar:

Der irre Amok-Killer von Newtown: Eiskalt. Ohne Gefühl. Kein Mitleid. BILD.de erklärt das Asperger-Syndrom.

Die mediale Ferndiagnose läuft dabei so ab:

Ehemalige Mitschüler erinnern sich an einen nervösen, unsicheren Jungen. Wenn er angeschaut wurde, blickte er weg. Wenn man ihn ansprach, würgte er die Worte hervor.

Dieses Verhalten deutet auf eine bestimmte Krankheit hin: das „Asperger-Syndrom“, eine autistische Störung. Immer öfter, auch aus Ermittlerkreisen, fällt dieser Begriff, wenn es um den psychischen Zustand [des Täters] geht.

Der letzte Satz ist natürlich eine selbsterfüllende Prophezeiung, denn dieser Begriff fällt in Medien von Bild.de über die „Hamburger Morgenpost“ bis zu „Spiegel Online“.

Dass Bild.de das Asperger-Syndrom letztlich einigermaßen fundiert und unaufgeregt erklärt, dürfte an den Quellen liegen, mit denen die Seite gearbeitet hat. Das Porzellan ist da freilich schon zerschlagen: „Eiskalt. Ohne Gefühl. Kein Mitleid.“ Und das, ohne dass bisher überhaupt klar wäre, ob der Täter wirklich das Asperger-Syndrom hatte.

Der Blogger Querdenker, selbst Autist, hat sich in zwei Texten damit auseinandergesetzt, wie die Medien dieser Tage mit dem Thema umgehen.

* * *

Einige hatten ihn vielleicht schon vermisst, heute ist er endlich da: Kriminologe Christian Pfeiffer, Hans Dampf in allen Gossen, beantwortet auf Bild.de die wichtigsten Fragen („Kann man Amokläufer erkennen?“, „Ist so ein Massaker auch in Deutschland möglich?“):

BILD.de: War das ein untypischer Amoklauf?

Kriminologe Dr. Christian Pfeiffer: „Das war ein sehr untypischer Amoklauf. Der Täter hat eine unglaubliche Wut auf seine Mutter. Deshalb hat er sie auch erschossen. Doch das hat ihm anscheinend nicht gereicht, deshalb ist er in die Schule gefahren, an der die Mutter unterrichtete. Er suchte gezielt die Räume auf, in denen die Mutter lehrte und wütete weiter.“

Der Zeitstempel des Artikels ist von Montagabend, 23.55 Uhr. Seit Samstagabend deutscher Zeit ist klar, dass – vorsichtig ausgedrückt – erhebliche Zweifel daran bestehen, dass die Mutter des Täters Lehrerin oder auch nur Aushilfslehrerin war.

cnn.com schrieb:

Entgegen früherer anderslautender Berichte war [die Mutter] keine Lehrerin an der Schule, wo die Morde stattfanden, sagte Janet Vollmer, eine Vorschullehrerin an der Sandy Hook Elementary School.

(Übersetzung von uns.)

Und das „Metropolis“-Blog des „Wall Street Journals“ berichtete:

Eine ehemalige Vertreterin der Schulbehörde von Newton widersprach früheren Berichten, wonach es eine Verbindung [der Mutter] zur Sandy Hook Elementary School gegeben habe, möglicherweise als Teil des Lehrkörpers.

„Niemand hat von ihr gehört“, sagt Lillian Bittman, die bis 2011 in der lokalen Schulbehörde arbeitete. „Lehrer kennen sie nicht.“

(Übersetzung von uns.)

Tatsächlich fehlt der Name der Frau auf der Mitarbeiter-Seite der offiziellen Website der Schule.

Aber wer hätte schon auf die Idee kommen können, dort nachzusehen? Journalisten etwa? Die zitieren lieber Experten, die wissen, dass der Täter „gezielt“ die Räume aufgesucht habe, „in denen die Mutter lehrte“.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

Im Luftraum ist hinten noch Platz

Vor gut einem Jahr sind sich im Luftraum über Frankfurt zwei Flugzeuge ungewöhnlich nahe gekommen. Der Vorfall wurde daraufhin von der Bundesstelle für Flugunfalluntersuchung (BFU) überprüft, vergangene Woche hat sie ihren Untersuchungsbericht veröffentlicht.

„Bild“ fasst ihn in der Frankfurter Regionalausgabe so zusammen:

Nur 30 Meter fehlten zur Flugzeug-Katastrophe

Online widmete Bild.de dem „Schockbericht“ gleich zwei Artikel, beide mit derselben Grafik illustriert:

Nur 30 Meter fehlten zur Flugzeug-Katastrophe über Hessen!

Die Grafik zeigt die gefährliche Situation: Der Lufthansa-Airboss vorweg, der Aeroflot A 320 dahinter. Der Abstand: an einer Stelle gerade mal 30 Meter.

In den Artikeln selbst klingt das schon ein wenig anders:

Es war laut Flugsicherung der „gefährlichste Zwischenfall im deutschen Luftraum“ seit langem, der sich am 13. Dezember 2011 um 14.27 Uhr und 55 Sekunden rund 1500 Meter über Raunheim abspielte …(…)

Die beiden Flugzeuge kommen sich immer näher, über Raunheim beträgt der Abstand der A320 zur gefährlichen „Wirbelschleppe“ des riesigen Airboss gerade noch 30 Meter.

Genau: Der Abstand zur Wirbelschleppe betrug 30 Meter. Der Abstand zwischen den beiden Flugzeugen aber war laut Untersuchungsbericht erheblich größer. Vertikal waren die Maschinen nämlich knapp 61 Meter voneinander entfernt.

Ach so, und dann waren da noch 1.796 horizontale Meter zwischen den beiden Flugzeugen, die „Bild“ ganz unterschlägt. Nach der Art, wie das Blatt rechnet, lägen Zugspitze und Mount Everest bloß läppische sechs Kilometer voneinander entfernt.

Die BFU betonte uns gegenüber auf Anfrage, unmittelbare Kollisionsgefahr habe zu keiner Zeit bestanden. Das steht auch explizit in dem Untersuchungsbericht. Doch darüber verliert der „Bild“-Redakteur (der den Airbus übrigens nach „Bild“-Art konsequent „Airboss“ nennt) kein Wort.

Die Grafik, mit denen „Bild“ und Bild.de die „gefährliche Situation“, diese Beinahe-„Flugzeug-Katastrophe“ illustrieren, müsste also eigentlich in etwa so aussehen:

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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Kaum zu ertragen

Um ein Gespür dafür zu bekommen, wie die Redakteure von „Bild“ so ticken, reicht eigentlich diese Bildunterschrift, heute auf der Titelseite, unter dem unverfremdeten Foto einer jungen Frau, das fast eine halbe Seite hoch ist:

Ein Foto, das kaum zu ertragen ist: Eine völlig aufgelöste Frau versucht am Handy zu erfahren, ob ihre Schwester den Amoklauf überlebt hat.

Torwarttor und Taxifahrt zählen doppelt

Mario Balotelli gilt als spezieller Charakter, die Boulevardmedien in ganz Europa berichten gern über sein schwer zu zügelndes Temperament und seine exzentrischen Anwandlungen. Spätestens seit seinen zwei Toren im EM-Halbfinale gegen Deutschland steht der Italiener in Diensten von Manchester City auch bei den deutschen Medien im Fokus.

Gaga-Balotelli 2000 Euro für ein Taxi

Bild.de berichtete am Montag:

Der Stürmer von Manchester City hält offenbar nichts von elektronischen Navigationssystemen. Lieber lässt er sich die Strecke von Manchester nach London von einem Taxifahrer zeigen. Der teure Spaß soll ihn jetzt ganze 980 Euro gekostet haben. Pro Strecke! Inklusive Rückweg blätterte Balotelli also rund 2000 Euro hin.

Am Dienstag zog die gedruckte „Bild“ nach. Eine Quelle nennen beide nicht, aber es spricht vieles dafür, dass die Geschichte ursprünglich aus dem englischen „Sunday Mirror“ stammt, wo sie am Samstagabend online gegangen war.

Nur, dass der „Mirror“ von ganz anderen Zahlen schreibt:

Diesen letzten Einblick in Marios Heißsporn-Welt gewährte sein Agent Raiola in einem Interview mit einem niederländischen Magazin. […]

Ein Taxi von Manchester nach London kostet atemberaubende 400 Pfund in jede Richtung!

(Übersetzung von uns.)

400 Pfund, das sind etwa 495 Euro. Macht 980 für hin und zurück und nicht „pro Strecke!“, wie Bild.de behauptet — und anschließend etwa der „Berliner Kurier“.

Der Sportinformationsdienst (sid) war beim Abschreiben erfolgreicher und kommt auf eine Summe von „insgesamt also rund 1000 Euro“.

„RP Online“ hingegen ist das Kunststück gelungen, die Quelle zu nennen, aber die falsche Zahl:

Wie der englische Mirror berichtet, habe Balotelli dafür 980 Euro pro Richtung berappen müssen. Insgesamt also rund 2000 Euro.

Wie realistisch die ganze Geschichte überhaupt ist, steht auf einem anderen Blatt. Von dem „niederländischen Magazin“, dem Balotellis Agent davon laut „Mirror“ berichtet haben soll, fehlt nämlich bisher jede Spur.

Mit Dank an Tim.

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Ja, wo laufen sie denn?

„Bild“ klang gestern fast besorgt:

Warum laufen Lanz die Zuschauer weg?

Eine Frage, die „Bild“ so ähnlich auch kennt, hat die Zeitung mit ihren Lesern doch das gleiche Problem.

Und in der Zeitung gibt es nicht mal Showacts:

Richtig wach wurden die Zuschauer offenbar nur bei den Showeinlagen.

Wurde bei Gottschalk eher abgeschaltet, wenn irgendjemand gesungen hat -so ist das bei Lanz umgekehrt

Der Quotenverlauf zeigt: Je weniger Lanz redete, umso mehr guckten zu!

Bei den Auftritten von Pink, den „Fantastischen 4“ oder Rihanna zeigte die Quotenkurve prompt nach oben.

Diese Behauptung ließ sich dann bei näherer Überprüfung doch nicht aufrechterhalten, wie „Bild“ heute zugeben musste:

Korrektur zu "Wetten, dass ..?": BILD berichtete gestern über den Quotenverlauf der "Wetten dass ..?"-Sendung von Markus Lanz. In unserem Artikel heißt es: "Je weniger Lanz redete, umso mehr guckten zu." Das ist nicht richtig. Bei den meisten Musik-Acts war die Quote niedriger als beim Talk des Moderators. Das ergab die exakte Minutenauswertung der Sendung.

Das Diagram auf der Titelseite, das einen beschleunigten Zuschauerschwund suggeriert, war übrigens auch falsch: Online ist es treffender.

Ebenfalls auf dünnem Eis bewegt sich „Bild“ mit der Geschichte der Sängerin Pink, die vor ihrem Auftritt bei „Wetten dass ..?“ einem „Bettler“ bzw. einem „Obdachlosen“ ihr „letztes Kleingeld“ gegeben habe:

Pink schenkt diesem Bettler ihr Kleingeld
Freiburg - Sie ist ein Weltstar mit Herz. Bei "Wetten, dass ..?" gab US-Sängerin Pink (33) die coole Rockröhre. Doch den besten Auftritt hatte sie vier Stunden vor der Show. In der City sah Pink einen Bettler mit vier Schäferhunden (Emma, Fee, Uschi und Herrmann), drückte ihm spontan ihr letztes Kleingeld (15 Euro) in die Hand. Zu BILD sagte der Mann später: "Sie war wundervoll. Ich wusste nicht, dass sie ein Weltstar ist. Sie hat das überhaupt nicht raushängen lassen."

Die „Badische Zeitung“ bemerkte dazu gestern in ihrer Online-Ausgabe:

Erst als ein Reporter der Bild-Zeitung am Sonntag bei [Schäfer Hans Kletschkus] auftauchte und nachfragte, erfuhr er davon [dass Pink ein Foto von ihm auf Twitter verbreitet hatte]. Die Bild-Zeitung machte daraus die Story des armen Freiburger Obdachlosen, dem Pink einen zehn Euro-Schein und einen fünf Euro-Schein in den Hut legte. Auf dem Fotos sieht man zwar die Scheine, aber wer sie in den Hut legte? Ob Weltstar Pink das war, kann Hans Kletschkus nicht sagen. Eines ist sicher: Obdachlos ist er auf jeden Fall nicht, auch wenn er zurzeit im Wohnwagen unterwegs ist.

Mit Dank auch an Andreas.

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Haltlos im Werkstatt-Inferno

Ende November kamen beim Brand in einer Behindertenwerkstatt in Titisee-Neustadt 14 Menschen ums Leben.

In der „Badischen Zeitung“ erschien diesen Samstag ein Interview mit dem Polizeisprecher Karl-Heinz Schmid, der „Grenzverletzungen“ „seitens einzelner Medienvertreter“ beklagt.

Unter anderem berichtet er von Journalisten, die Notfallseelsorgeteams bei der Arbeit begleiten wollten, „beim Überbringen der Todesnachricht oder beim Betreuen von Angehörigen“, und von einer Journalistin, die sich mit der Begründung, sie wolle sich kurz aufwärmen, in das Gebäude „einschlich“, wo die Betroffenen betreut wurden, letztlich aber versuchte, dort journalistisch zu arbeiten.

Es wird sogar noch ein bisschen konkreter:

BZ: In einer Boulevardzeitung war zu lesen, samt Foto, eine Betreuerin sei gerettet worden, habe sich dann aber wieder zurück in die Werkstatt begeben und das mit dem Tod bezahlt. Stimmt das?
Schmid: Das ist haltlos. Wir haben dafür nach unseren Ermittlungen nicht den geringsten Beleg. Die Behauptung hat bei uns zu geschätzt 70 Nachfragen geführt, die wir allesamt richtigstellen mussten. Dies hat uns lange Zeit nahezu gelähmt.

Zumindest in diesem Fall lässt sich auch herausfinden, um welche Boulevardzeitung es sich handelte:

Betreuerin starb, als sie die Behinderten retten wollte.

„Bild“, natürlich.

Mit Dank an Matthias.

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