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Die Braut, die sich was traut

Meine Damen und Herren, von den Machern von „Sack Reis in China“ — die Nicht-Meldung des Jahrhunderts:

Braut schreibt SMS vor dem Traualtar. Los Angeles - Eine Braut aus Kalifornien (USA) war gerade am Arm des Vaters auf dem Weg zum Traualtar. Da zog sie plötzlich ihr Handy hervor, blieb stehen und tippte in aller Ruhe eine SMS ein. Die ganze Hochzeitsgesellschaft sah fassungslos zu. Wem und was sie schrieb, ist nicht bekannt. Die Trauung fand dennoch statt.

Es ist die Sorte bunte Meldung, die sich ein Redakteur zur Not ausgedacht haben könnte, um den noch freien Platz in der Spalte zu füllen — aber dafür ist sie eigentlich zu banal. Und tatsächlich hat sich die Geschichte so zugetragen. Also: so ähnlich.

Es gibt ein Video von dieser Begebenheit, das die „Huffington Post“ am Wochenende verlinkt hatte. James Costa, ein Filmemacher aus New York, der das Video gedreht hatte, hat es inzwischen auf „privat“ gestellt, doch es wurde bereits neu hochgeladen:

Okay, die Braut ist also nicht stehen geblieben, sondern stand schon, und es sieht auch eher so aus, als würde sie eine Nachricht lesen und keine schreiben.

abc zitiert den Kameramann mit den Worten:

Der Priester war damit beschäftigt, seine Eröffnungsworte vorzulesen und ihr Rücken war allen Anwesenden zugewandt. Ich war der Einzige, der sie sehen konnte.

(Übersetzung von uns.)

Und noch etwas hatte er laut abc bei YouTube geschrieben:

Das ist Teil eines Hochzeitsvideos, das ich im August 2008 am Mission Beach Women’s Club in San Diego, Kalifornien gedreht habe.

(Übersetzung von uns.)

Und das Video ist nicht nur mehr als drei Jahre alt, es stand auch schon seit Oktober 2009 online, wie die „International Business Times“ berichtet.

Wir fassen zusammen: Vor mehr als drei Jahren hat eine Braut vor dem Traualtar stehend ihr Handy aus ihrem Dekolletee geholt, was damals kaum jemand mitbekommen hat.

Diese Geschichte geht jetzt um die Welt.

Schade, Maskerade

Scheinbar inspiriert durch Halloween fand es „Bild“-Reporterin Angela Wittig angebracht, in der Leipziger Regionalausgabe über dieses Phänomen zu berichten:

Maskenball im Amtsgericht

Dazu zeigt „Bild“ fünf verschiedene Angeklagte, die sich wahlweise hinter einer Kindermatratze, der sächsischen Verfassung oder anderen Gegenständen verbergen, und garniert diese Aufnahmen mit Bemerkungen wie:

MODELL MIEZEKATZE
Tarnung: Fellkapuze und Kätzchen-Notizbuch
Dahinter: Bäcker Oliver Q. (42)
Er nahm 19 Geiseln bei „H&M“ (…). Galt aber zum Tatzeitpunkt als schuldunfähig, bekam vom Landgericht fünf Monate auf Bewährung.

Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Die Zeitung, die regelmäßig vom Presserat gerügt wird, weil sie ebenso regelmäßig darauf pfeift, die Identität von Angeklagten zu schützen, zeigt reihenweise Angeklagte, die versuchen, eben nicht in Zeitungen wie „Bild“ zu erscheinen, und verspottet sie auch noch.

Interessanterweise scheint Frau Wittig zwei verschiedene Versionen ihres Artikels verfasst zu haben. So behauptet sie online:

(…) Darf man als Angeklagter kostümiert zum Prozess erscheinen?

Eigentlich nicht, denn man muss vor den ehrwürdigen Richtern aufstehen, wenn sie den Saal betreten, um ihnen Respekt zu zollen.

Das ist so nicht richtig. Laut § 178 Abs. 1 des Gerichtsverfassungsgesetzes (GVG) „kann“ gegen „Beschuldigte (…), die sich in der Sitzung einer Ungebühr schuldig machen“ zwar „ein Ordnungsgeld bis zu eintausend Euro oder Ordnungshaft bis zu einer Woche festgesetzt und sofort vollstreckt werden“, dies liegt aber im Ermessen des Richters.

In der gedruckten „Bild“ heißt es daher auch korrekterweise:

Ausdrücklich verboten ist die Maskerade übrigens nicht. Laut Prozessordnung müssen die Angeklagten zwar aufstehen, wenn der Richter den Saal betritt. Solange aber die Fotografen und Kameraleute im Prozess sind, toleriert das Gericht die Maskerade. Erst danach müssen die Verkleidungen abgelegt werden.

Übrigens müsste ausgerechnet Angela Wittig am besten wissen, warum es sogar ratsam ist, sich nicht von „Bild“ fotografieren zu lassen. Sie selbst war es nämlich, die vor gut zweieinhalb Jahren einen unschuldigen Mann zum Kinderschänder erklärte (BILDblog berichtete). Erst acht Monate später, nachdem BILDblog eine Beschwerde beim Presserat eingereicht hatte, war „Bild“ bereit, diesen Fehler einzuräumen (BILDblog berichtete).

Mit Dank an Philipp E.

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Kein Glück im Wortspiel

Bei „Bild“ waren sie so stolz auf ihr Wortspiel, dass sie es gleich zwei Mal bringen mussten:

Jack Black spielt Black Jack. Der US-Schauspieler Jack Black (42, "School Of Rock") nimmt hier an einem Charity-Glücksspiel teil — und schenkt uns damit dieses Wortspiel: "Jack Black spielt Black Jack."

Wir wollen die Euphorie nur ungern bremsen, aber das „Charity-Glücksspiel“, an dem Jack Black da teilgenommen hat, war ein PokerTurnier.

Mit Dank an Carapinha und H.K.

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Was soll die Scheiße?

Dann passiert etwas, was BILD exklusiv weiß:

Das ist ein Satz, der klingt, als sei er ironisch gemeint und stamme zum Beispiel von dieser Seite. Er steht aber in „Bild“.

Gestern haben Zollbeamte, Polizisten und Steuerfahnder am Frankfurter Flughafen eine großangelegte Fahrzeugkontrolle durchgeführt, die der Zollamtsrat als „rundum gelungen“ bezeichnet.

Dann passiert etwas, was BILD exklusiv weiß: Am späten Vormittag nähert sich eine dunkle, schwere Audi-Limousine der Kontrolle. Zuerst wartet der Fahrer brav in der Reihe. Doch plötzlich beschleunigt der Wagen, rast los. Der Fahrer brüllt aus dem Fenster: „Was soll die Scheiße hier?“

Jetzt erkennen mehrere Zeugen den Mann: Es ist Heiner Geißler.

„Bild“ verbreitete dieses exklusive Wissen großflächig in den Frankfurter und Stuttgarter Regionalausgaben:

Am Frankfurter Flughafen: Heiner Geißler flüchtet vor Polizei-Kontrolle

Deutschlandweit wurde Geißler zum „Verlierer des Tages“ erklärt:

CDU-Urgestein Heiner Geißler (81) hat bei einer Polizeikontrolle offenbar die Nerven verloren! Am Frankfurter Flughafen musste Geißler mit seinem Auto vor einer Straßensperre warten. Plötzlich, so Augenzeugen, gab er Gas, rief "Was soll die Scheiße hier?" und brauste davon. Nun liegt der Vorfall beim Polizeipräsidium. BILD meint: Alter schützt vor Torheit nicht!

(Gewinner des Tages ist übrigens der vor einem Jahr verstorbene Oktopus Paul, weil über den jetzt ein E-Book erscheint.)

Heiner Geißler widersprach dieser Darstellung heute in einer Stellungnahme heftig. „Der Bericht ist unrichtig und beruht auf falschen Informationen“, schreibt er und erklärt, dass er sein Auto in der Flughafen-Parkgarage habe abstellen wollen, um den ICE nach Kiel zu nehmen.

hr-online.de zitiert Geißler:

Am Ende der Abbiegespur habe ein Zollbeamter gestanden, der die Autos weiterleitete. Geißler sagte, er habe aus dem Fenster gerufen: „Was soll das, ich verpasse meinen Zug.“ Der Beamte habe ihn gegrüßt und ihn passieren lassen. „Die Behauptung, ich sei geflüchtet, ist absolut falsch, da ich gar nicht angehalten wurde“, so der frühere Bundesfamilienminister und CDU-Generalsekretär.

Auch bei der Marke seines Autos hat sich die „Bild“ laut Geißler getäuscht. „Ich fahre einen 5er BMW und die örtlichen Verhältnisse lassen ein Tempo über 20 km/h gar nicht zu.“ Der schwere Audi und die quietschenden Reifen seien „reine Erfindung“.

In der Onlineversion des „Bild“-Artikels wurde Geißlers Stellungnahme unauffällig am Schluss eingebaut — mit der Anmoderation „Heiner Geißler bestreitet die Vorwürfe.“

Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Frankfurt bestätigte uns gegenüber, dass die Schilderungen von Geißler zutreffend seien. Die „Folgen“, die Geißlers „Flucht“ laut „Bild“ haben könnte, schloss der Mann aus: Es bleibe „praktisch gar nichts hängen, auch keine Ordnungswidrigkeit“. Die Berichterstattung sei „viel Wind um fast nichts“.

Damit kann man dann auch die Fragen von „Mitteldeutscher Zeitung“ und „Westfälischem Anzeiger“ klar mit „Nein“ beantworten:

Flüchtete Heiner Geißler vor Polizeikontrolle?

Ist Geißler vor Polizeikontrolle geflüchtet?

Mit Dank an Florian S.

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Der nette Rassist von nebenan

Heute erfahren wir aus „Bild“: Angela Merkel ist mit dem Preis für Verständigung und Toleranz ausgezeichnet worden. Die Türken haben Deutschlands Wirtschaft um Döner und Brautkleider bereichert.

Doch nicht überall ist es um Toleranz und Integration so gut bestellt:

Kommen Millialden Eulos von den Chinesen?

Wenn Zeitungen in anderen Ländern mit uralten Stereotypen arbeiten, nennt „Bild“ das übrigens „Hass“ und „Beleidigung“ …

Mit Dank an Henman.

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Der Leichnam aus einer anderen Welt

Es fällt schwer, das zuzugeben oder zu glauben, aber wenn in „Bild“ mal die Stimme der Vernunft spricht, dann tut sie es meist aus der Kolumne von Franz Josef Wagner.

Der schreibt heute ausnahmsweise mal nicht an, sondern über etwas:

Gaddafis Leiche,

sie liegt auf einer Matratze in einem Supermarkt-Kühlhaus aus. Schlangen davor, alle 10 Minuten neuer Einlass der Anstehenden.

Alle wollen den toten Gaddafi sehen. Es wird kein Eintrittsgeld verlangt im Museum des Krepierten.

Wagner gibt sich als Humanist zu erkennen:

In unserer Welt zieht man den Reißverschluss des Leichensacks zu. Wer immer auch tot ist, hat seine Würde. Wir alle wissen nicht, was der Tod ist. Egal, ob man ein Massenmörder ist oder ein Dichter – der Tod ist so ungeheuerlich.

Zwar erklärt Wagner nicht, was genau diese, seine, „unsere Welt“ ist, aber der Begriff scheint ihm wichtig zu sein:

Ich verstehe, dass die Rebellen Libyens den toten Diktator bespucken. Aber dies kann nicht unsere Welt sein. Tote sollten nicht bespuckt werden. Tote sind in einer anderen Welt der Gerechtigkeit.

In der Franz-Josef-Wagner-Welt werden Leichen also nicht bespuckt und nicht öffentlich vorgezeigt.

Währenddessen, zwölf Seiten weiter in der „Bild“-Welt:

Schlange stehen zum Gaddafi-Gaffen. Halb nackt, blutverschmiert: der Leichnam Gaddafis im Kühlhaus.

Mit Dank auch an MB.

Nachtrag, 18.20 Uhr: Zwölf Seiten, pah! In der Hamburger „Bild“-Ausgabe ist der tote Gaddafi gleich auf der selben Seite abgebildet wie Wagners Text:

Schlange stehen zum Gaddafi-Gaffen. Halb nackt, blutverschmiert: der Leichnam Gaddafis im Kühlhaus.

Mit Dank an Helga B.

Bild, Bild.de  etc.

Wo die wilden Kerle wohnen

Neben Euro-Rettung, Randalen in Griechenland, der Tochter von Nicolas Sarkozy und Carla Bruni und dem Tod von Muammar al-Gaddafi trieb „Bild“ und Bild.de diese Woche vor allem eine Frage um:

Kannibalen-Insel: Fraß dieser Jäger den deutschen Urlauber?

Der Fall des deutschen Abenteurers Stefan R., der in Französisch-Polynesien verschwunden war, inspirierte die Reporter dazu, jahrhundertealte Horrorgeschichten zu entstauben und neu aufzukochen.

Sebastian Brauns, freier Journalist aus Konstanz, hat sich die Geschichte und ihre Hintergründe für uns angesehen und einen Gastbeitrag verfasst:

Wir danken auch den vielen Lesern, die uns über die letzten Tage mit sachdienlichen Hinweisen zu dem Fall versorgt haben!

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It really does not work

Dass die „Gewinner/Verlierer“-Rubrik in „Bild“ nicht sehr faktenorientiert ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen.

Das ist heute nicht anders:

Fiese Attacke auf CSU-Innenexperte Hans-Peter Uhl (67): Internet-Hacker knackten gestern die Homepage des Politikers, legten die Adresse "uhl-csu.​de" für Stunden lahm, löschten alle Daten und verhöhnten ihn noch. Denn wenn man die kaputte Seite anklickte, erschien der böse Spruch "it works" – es funktioniert.  BILD meint: Pechvogel!

Dass „it works“ – zu deutsch: „es funktioniert“ – ein „böser Spruch“ sein soll, hätte die Redakteure eigentlich misstrauisch machen müssen. Hätten sie dann noch auf Bild.de nachrecherchiert – ein Vorgehen, von dem wir sonst ausdrücklich abraten – hätten sie neben einem Screenshot der gehackten Homepage Uhls auch die Erklärung für die merkwürdige Kurzbotschaft gefunden:

Trotzdem ist auf der Webseite momentan nicht mehr zu sehen als der Satz "It Works" (engl. für "Es läuft").  Diesen Satz gibt ein Webserver nach der Neuinstallation aus, wenn alles funktioniert.

Mit Dank an Hanno B. und C.

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Wir sind der Meinung, das war spitze!

Wenn Sie in Berlin in der Nähe der Axel-Springer-Zentrale am Checkpoint Charlie wohnen und sich in den letzten Tagen über die merkwürdigen Plopp-Geräusche gewundert haben: Das waren nur die Champagnerkorken. Es gibt nämlich quasi jeden Tag was zu Feiern.

Gestern, zum Beispiel, als Claus Strunz, der ehemalige Chefredakteur der „Bild am Sonntag“ und des „Hamburger Abendblatts“, zum „Gewinner des Tages“ ernannt wurde:

Gewinner: Andere verlieren, er legt zu: TV-Talker Claus Strunz (45). Seine Sendung "Eins gegen Eins" (montags 23.30 Uhr, Sat.1) setzt ihren Erfolgskurs fort: 730000 Zuschauer schalteten diese Woche ein. Die Sendung hat ihren Marktanteil in der Zielgruppe damit von gut 4 Prozent im Frühjahr auf satte 7,5 Prozent gesteigert. BILD meint: Quotenkönig!

Nun liegen die 7,5 Prozent noch unter dem Senderschnitt von Sat.1, der im September bei „satten“ 10,9 Prozent lag. Auch hatte die zeitgleich auf RTL ausgestrahlte „Future Trend Reportage“ einen etwa doppelt so hohen Marktanteil wie „Eins gegen Eins“, aber das alles soll den Erfolg von „Quotenkönig“ Strunz natürlich nicht schmälern — auch nicht der Umstand, dass Bild.de im Vorfeld der montäglichen Sendung ordentlich die Werbetrommel gerührt hatte:

"Eins gegen Eins": Schamhaar-Eklat bei Politik-Talkshow. Skandal-Rapperin kam mit Nippel-Huren-Catsuit und Plüsch-Penis in TV-Sendung

Heute dann der nächste Triumph:

Gewinner: Große Ehre für BILD: Die erfolgreiche iPad-App ist beim Ranking des US-Consulting-Unternehmens McPheters & Company auf Platz 1 gelandet. "BILD HD" setzte sich unter 3500 News-Apps aus aller Welt durch. Die BILD-App überzeugte die Experten in puncto Design, Funktionalität und Mehrwert. BILD meint: APPsolute Weltspitze!

Die „große Ehre“ äußert sich darin, dass die in Branchenkreisen weitgehend unbekannte Firma McPheters & Company eine Pressemeldung herausgegeben hat, in der sie die „Top 10 Newspaper Apps“ auszeichnet.

Zum Vorgehen schreibt die Firma:

Die Liste basiert auf dem iMonitor Bewertungssystem das jede App nach ihrem Design, ihrer Funktionalität und ihrem Einsatz von Multimedia-Inhalten bewertet. Jede Variable wird auf einer Fünf-Punkte-Skale beurteilt und in einer einzelnen App-Bewertung mit einem maximal möglichen Wert von 15 Punkten zusammengefasst. Die höchste bisher erzielte Bewertung liegt bei 14,5 — eine Bewertung, die alle Veröffentlichungen auf dieser Liste gemeinsam haben, die wir in alphabetischer Reihenfolge angeordnet haben.

(Übersetzung und Hervorhebung von uns.)

Und … nun ja … „Bild“ fängt halt mit „B“ an:

BILD HD, Germany, Axel Springer AG

„Bild“ scheint übrigens das einzige Medium zu sein, das sich öffentlich über diese große Ehre freut.

Mit Dank auch Andreas Sch. und Martin D.

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Bubi ist bloß Bengel

Am 3. Oktober kürte „Bild“ einhundert junge Deutsche, denen „die Zukunft gehört“. Darunter: Ein 16-jähriger Jungunternehmer aus Sachsen-Anhalt. Der „gründete mit 15 seine eigene Firma, entwickelt Marketing- und Medienkonzepte“.

Keine zehn Tage später kam die Ernüchterung:

Er heißt (…), ist ein 16-jähriger Bubi aus Sachsen-Anhalt – und wurde vor einem halben Jahr mit angeblichen Millionenumsätzen seiner eigenen Firma zum Topstar der Wirtschaftsbranche.

Bejubelt in Fachmagazinen und im TV, auch in BILD gefeiert als einer von 100 Deutschen, denen die Zukunft gehört.

Alles nur heiße Luft? Ist der Bengel ein Hochstapler? Der Staatsanwalt ermittelt gegen den 16-Jährigen!

Die Enttäuschung wich schnell Geschäftigkeit, denn mit vermeintlichen Hochstaplern kennt sich die Zeitung natürlich aus.

Die Leipziger Regionalausgabe machte sich also an die Dekonstruktion der Überflieger-Geschichte:

Deutschlands jüngster Unternehmer. Zwei Jahre lang hielt er offenbar jeden zum Narren. Jetzt fällt sein Kartenhaus Stück für Stück zusammen.

Dabei erfuhren die Reporter so einiges:

Oma bezahlte die Büromiete. Der Schuldirektor bescheinigt (…) „mangelhafte Noten“ und „Versetzungsgefahr“. Selbst die Schwester des smarten Vorzeige-Unternehmers, die mal für ihn arbeitete, schimpft: „Lassen Sie mich bloß mit diesem Kerl in Ruhe…“

Eine „geprellte Mitschülerin“ („Langes dunkles Haar, feurige Augen und eine Model-Figur“) „packte aus“:

„Er wollte, dass ich ihn rumkutschiere, weil ich schon einen Führerschein hatte“, erzählt Camilla. Und fügt hinzu: „Er schikanierte mich die ganze Zeit. Ich musste seine Kameras und Taschen schleppen. Sollte an seiner Seite sein, damit er gut rüberkommt. Er träumte von einem eigenen Film.“

Vieles an der angeblichen Erfolgsgeschichte (74 Mitarbeiter, „6,93 Millionen Euro Gewinn bei rund 13 Millionen Euro Umsatz im deutschsprachigen Raum“) ist zweifelhaft: Es liegen keine Eintragungen in den zuständigen Handelsregistern vor und auf der Facebookseite des angeblichen Pressesprechers (neben besagtem Jungunternehmer weitere 20 Freunde) lächelt einen ein Foto aus einer Bilddatenbank an.

Auszüge aus dem Pressekodex:

Richtlinie 8.1 – Nennung von Namen/Abbildungen

(1) Bei der Berichterstattung über Unglücksfälle, Straftaten, Ermittlungs- und Gerichtsverfahren (s. auch Ziffer 13 des Pressekodex) veröffentlicht die Presse in der Regel keine Informationen in Wort und Bild, die eine Identifizierung von Opfern und Tätern ermöglichen würden. Mit Rücksicht auf ihre Zukunft genießen Kinder und Jugendliche einen besonderen Schutz. Immer ist zwischen dem Informationsinteresse der Öffentlichkeit und dem Persönlichkeitsrecht des Betroffenen abzuwägen. Sensationsbedürfnisse allein können ein Informationsinteresse der Öffentlichkeit nicht begründen.

Richtlinie 8.4 – Erkrankungen

Körperliche und psychische Erkrankungen oder Schäden fallen grundsätzlich in die Geheimsphäre des Betroffenen. Mit Rücksicht auf ihn und seine Angehörigen soll die Presse in solchen Fällen auf Namensnennung und Bild verzichten und abwertende Bezeichnungen der Krankheit oder der Krankenanstalt, auch wenn sie im Volksmund anzutreffen sind, vermeiden. Auch Personen der Zeitgeschichte genießen über den Tod hinaus den Schutz vor diskriminierenden Enthüllungen.

Aber auch wenn alle jetzt erhobenen Vorwürfe gegen den Jungunternehmer zutreffen sollten, dürfte „Bild“ nicht bei voller Namensnennung und Abbildung über ihn berichten — der Pressekodex sieht für jugendliche Verbrecher einen „besonderen Schutz“ vor (s. Kasten).

Doch die Berichterstattung wird noch schwerwiegender:

Vom gefeierten Jungstar der Wirtschaftswelt zum Fall für den Psychiater!

[…] (16) aus Zerbst hält seit zwei Jahren als Unternehmer jeden zum Narren. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft gegen den Teenager. Nun soll ein Gerichtspsychiater den Gymnasiasten untersuchen, ob dieser vielleicht psychisch krank ist.

Sollte der junge Mann tatsächlich psychisch krank sein, hätte „Bild“ noch weniger Rechte, derart über seinen Fall zu berichten (s. Kasten).

Aber nicht nur das:

Wie tickt ein Mensch, der in einer Scheinwelt lebt? Psychologe Thomas Kasten (47) erklärt: „Das deutet auf eine multiple Persönlichkeitsstörung hin. Liegt hier auch ein krankhafter Hang zum Lügen vor, spricht man vom Münchhausen-Syndrom.“

Das Münchhausen-Syndrom ist, wie es Wikipedia formuliert, „eine psychische Störung, bei der die Betroffenen körperliche Beschwerden erfinden bzw. selbst hervorrufen und meist plausibel und dramatisch präsentieren.“ Aufmerksame Zuschauer der TV-Serie „Dr. House“ könnten das wissen, ein Psychologe sollte es tun.

Wir haben bei Thomas Kasten angefragt, ob „Bild“ ihn richtig zitiert hat, haben aber bislang keine Antwort erhalten.

Mit Dank an Ares, Frank und Björn.

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