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Studenten verbummelt

Mit Klischees ist es wie mit Topfpflanzen: Wenn sie nicht regelmäßig gepflegt werden, dann gehen sie irgendwann ein. Entsprechend titelte die Hamburger Regionalausgabe von „Bild“ gestern zum Thema Langzeitstudenten an der Universität Hamburg:

Bummelrekord!

„Bild“ präsentiert ein paar „drastische Einzelfälle“ und behauptet,

(…) dass Langzeitstudenten an vielen Fakultäten ein verbreitetes Problem sind. An der Uni gilt das für 16,2 Prozent aller Studenten, also 2319 von 14 248.

Und genau an dieser Stelle hätte der „Bild“-Redakteur stutzig werden müssen. Immerhin hat die Hamburger Universität nicht nur 14.248, sondern insgesamt 39.402 Studierende (Stand WS10/11), woraus sich eigentlich ergeben müsste, dass nur knapp 6 Prozent der Studenten Langzeitstudenten sind.

„Bild“ beruft sich bei der Berechnung der Anzahl der Langzeitstudenten auf die Ergebnisse einer Kleinen Anfrage des Abgeordneten Dr. Wieland Schinnenburg (FDP) und unterschlägt dabei diesen elementaren Aspekt aus der Antwort des Hamburger Senats:

für die neuen Studiengänge trifft das in der Frage genannte Kriterium [Langzeitstudium] noch nicht zu.

Alle Zahlen aus der Kleinen Anfrage beziehen sich also ausschließlich auf die zur Zeit auslaufenden Diplom- und Magisterstudiengänge, denn:

Im Bachelor- und Masterbereich kann es keine Langzeitstudierenden geben, da die Prüfungsordnungen bei Überschreiten der doppelten Regelstudienzeit eine Exmatrikulation vorsehen.

Dass es wiederum unter den Studierenden der alten Studiengänge, die seit 2004 kaum mehr Nachwuchs verzeichnen, anteilig immer mehr Langzeitstudenten geben muss, versteht sich von selbst: Ein Großteil der wenigen, die jetzt noch auf Magister oder Diplom studieren, besteht zwangsläufig aus Langzeitstudenten, denn alle anderen haben ihr Studium bereits weitgehend abgeschlossen.

Insofern sind auch die anderen Beispiele, die „Bild“ aus der kleinen Anfrage genommen und damit aus dem Zusammenhang gerissen hat, obsolet:

Im Fachbereich Sozialökonomie studieren beispielsweise 73 von 120 Studenten (60,8 Prozent) schon doppelt so lang wie die Regelstudienzeit, also länger als 16 Semester. Bei den Informatikern sieht es genauso schlimm aus: 130 von 213 Studenten (61 Prozent)

Insgesamt, also mit Bachelor- und Masterstudenten, sind derzeit 1.376 Studenten für Informatik eingeschrieben, woraus sich ein Anteil von nur 9,4 Prozent Langzeitstudenten ergibt. Die Gesamtzahl der Studenten, die Sozialökonomie studieren, liegt bei 2.200 (Langzeitstudenten 3,3 Prozent).

Obwohl die Zahlen von „Bild“ also letztlich nichts wert sind, verbreiten der Online-Auftritt der „Hamburger Morgenpost“ und die Nachrichtenagentur dpa die Mär von den faulen Informatik- und Sozialökonomiestudenten munter weiter.

Vielleicht hätten die Journalisten die Quellen einfach ein bisschen länger studieren sollen.

Mit Dank an bono und Jan G.

Nachtrag, 21. September: Christian Röwekamp von der dpa hat uns auf folgendes hingewiesen:

Wir haben den falschen Bezug in unserer Meldung inzwischen berichtigt. Eine entsprechende Neufassung des Textes ist um 15.11 Uhr in den Landesdienst Nord der dpa eingegeben worden. (…)

Außerdem möchte ich feststellen, dass Ihr implizit erhobener Vorwurf mangelnder Recherche so nicht stehenbleiben kann. Wir bei der dpa haben eben nicht etwas „munter weitererzählt“, sondern die Hamburger Kollegen haben bei der Wissenschaftsbehörde eigens nachgefragt und zur Antwort bekommen, dass alle Zahlen aus der „Bild“ korrekt seien. Wir haben den Sprecher der Behörde in unserer Meldung sogar wörtlich zitiert, wenn auch zu einem anderen Aspekt dieses Themas. Dass im Gespräch mit der Pressestelle nicht der Gedanke entwickelt wurde, dass es in dem Bericht ja gar nicht um die Gesamtzahl aller Studierenden ging, mag misslich sein. „Nachgeplappert“ haben wir aber keinesfalls.

Warum bei der dpa niemandem aufgefallen ist, dass eine der größten Universitäten Deutschlands nur 14.248 Studenten haben soll, geht aus der Stellungnahme nicht hervor.

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Die Achse des Busen

„Dümmer geht’s nicht!“, „POP-DUMMCHEN INDIRA“, „Der dämlichste TV-Auftritt des Jahres“ und „Dass auch zwischen ihren Ohren Silikon steckt, das wussten wir nicht.“ — mit solchen Superlativen verreißt „Bild“ heute den Auftritt der Pop-Sängerin Indira Weis in der Polit-Satiresendung „Entweder Broder — Die Deutschland-Safari“:

POP-DUMMCHEN INDIRA Der dämlichste TV-Auftritt des Jahres

Nun mag man von Indiras Verschwörungstheorien halten, was man will, aber „Bild“ — nicht eben bekannt als Sturmgeschütz der Aufklärung — bekleckert sich auch nicht gerade mit Ruhm:

Ebenfalls sonnenklar für Indira: „Die Amerikaner haben Osama selbst gezüchtet und brauchen sich nicht zu wundern, wenn er mal zurückschlägt!“ Bin Laden, ein echter US-Frankenstein?

Zum einen liegt Indira hier eigentlich gar nicht so falsch. Es ist hinlänglich bekannt, dass die USA zur Zeit der sowjetischen Besatzung in Afghanistan die Mudschaheddin, aus denen später al-Qaida hervorging, und damit auch Osama bin Laden logistisch unterstützt haben. Zum anderen verwechselt „Bild“ einmal mehr die Kreatur mit ihrem Schöpfer Frankenstein.

Bizarrer Höhepunkt dann am Ende des „Bild“-Artikels:

Bizarrer Höhepunkt dann am Ende, beim Gespräch über ihre Silikon-Brüste: „Schwerkraft ist der Feind des Bösen. Merk dir meine Worte“, so Indira zu Broder. Häh? Schwerkraft ist was…?

Tatsächlich sagte Indira nämlich „Schwerkraft ist der Feind des Busen„. Das geht auch ganz klar aus dem Zusammenhang des Dialogs zwischen Broder und Indira hervor (ARD-Mediathek, ab 11:21):

Broder: Dein Busen ist echt?

Indira: Nö, kann so ein Busen echt sein?

Broder: Können solche Augen lügen?

Indira: Ne, Schwerkraft ist der Feind des Busen. Merk dir meine Worte.

„Dümmer geht’s nicht“? Von wegen!

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Der Milchmädchenatlas von Bremen

Die Bremer Regionalausgabe von „Bild“ bietet ihren Lesern heute einen ganz besonderen Service:

BILD ZEIGT BREMENS ERSTEN EINBRUCHS-ATLAS In diesen Stadtteilen leben Sie gefährlich

Doch bei „Bremens erstem Einbruchs-Atlas“ handelt es sich — nicht nur aufgrund mangelnder Konkurrenz — auch gleichzeitig um Bremens nutzlosesten Einbruchsatlas. Denn die Grafik von „Bild“ zeigt lediglich die Gesamtzahl der 2010 gemeldeten Wohnungseinbrüche verteilt auf die einzelnen Stadtteile an, während die naturgemäß völlig unterschiedlichen Einwohnerzahlen der einzelnen Verwaltungseinheiten nicht berücksichtigt werden. Stadtteile mit höherer Einwohnerzahl werden dadurch automatisch „gefährlicher“ eingestuft als solche mit einer niedrigeren.

Anders ausgedrückt: Nur weil in Liechtenstein nach absoluten Zahlen weniger Morde geschehen als etwa in China, heißt das noch lange nicht, dass Chinesen gefährlicher leben.

BILDblog-Leser Alexander Horn hat sich die Mühe gemacht, die Einwohnerzahl in die Statistik mit einzubeziehen und auf Basis der „Bild“-Zahlen eine neue Grafik zu erstellen — mit teilweise stark abweichendem Ergebnis:

Übrigens, was „Bild“ ebenfalls unterschlägt: Seit 2009 ist die Anzahl an Einbruchsdiebstählen in Bremen um ganze 15,4 Prozent zurückgegangen.

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So entstehen Gerüchte

Sie liebe Verschwörungstheorien, schreibt Patricia Driese auf der letzten Seite der heutigen „Bild“-Ausgabe — und „Bild“ selbst tut das natürlich auch.

Deswegen müssen sie bei „Bild“ jubiliert haben, als am Dienstag bei einer Buchvorstellung in Berlin Gerüchte aufkamen, der im Juli 1997 erschossene Modeschöpfer Gianni Versace könnte noch leben.

Die „Frankfurter Rundschau“ fasst die Behauptung am Rande ganz gut zusammen:

Der im Juli 1997 von einem psychisch gestörten Serientäter in Miami erschossene Versace sei ein enger Freund vom Boss Coco Trovato gewesen, erzählt [Kronzeuge Giuseppe di Bella]. In den 80er-Jahren soll Versace zudem für die ‚Ndrangheta-Organisation in der Lombardei Millionen aus kriminellen Geschäften gewaschen haben.

Und Di Bella geht noch weiter: Er stellt die These auf, dass Versace noch lebt und ein anderer an seiner Statt sterben musste, weil ihn die ‚Ndrangheta damals in Sicherheit bringen wollte. Als einzigen Beleg für diese kühne Version führt der Kronzeuge einen Auftrag an, den er angeblich 1997 erhalten habe: Für umgerechnet eine halbe Million Euro sollte er die Urne mit Versaces Asche stehlen, um einen möglichen DNA-Test zu verhindern.

Die Urne wurde nie geklaut. Versaces Asche ließe sich also noch untersuchen.

„Bild“ machte daraus natürlich den Aufhänger:

Mafia-Experte behauptet in einem Enthüllungsbuch: Versace wurde nicht erschossen – er lebt!

Pflichtschuldig bemüht sich die Zeitung anschließend um eine Objektivierung, ohne sich dabei selbst die schöne Story kaputt zu machen:

WAS STECKT HINTER DEN SPEKULATIONEN?

Versace war angeblich tief in Mafia-Geschäfte verstrickt – hatte enorme Schulden. Und: In dem Buch wird behauptet, dass Versace eine 20-Millionen Dollar-Lebensversicherung abgeschlossen hatte.

Und Versaces Mörder? Der wird das Rätsel nicht lösen. Andrew Philip Cunanan brachte sich acht Tage nach Versaces Tod im Knast um. Angeblich.

Dass sich Cunanan „im Knast“ umgebracht hätte, dürfte selbst von den Verschwörungs-fernsten Geistern bezweifelt werden: In Wahrheit (oder „angeblich“, für „Bild“-Redakteure) hatte er sich auf einem Hausboot erschossen, bevor ihn die Polizei dort aufspüren konnten.

Mit Dank auch an Paul Z.

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Aus großer Kraft folgt große Verantwortung

Wenn ein Taxifahrer einen weiblichen Fahrgast gewaltsam in den Kofferraum seines Wagens packt, dann kreuz und quer durch Hamburg fährt, schließlich vor dem eigenen Haus parkt und sich schlafen legt, während das Opfer erst nach insgesamt sechs Stunden von aufmerksamen Nachbarn befreit wird, dann könnte man unter Umständen annehmen, dass der mutmaßliche Täter nicht ganz bei Trost ist — oder es zumindest vorübergehend nicht war.

Diese Beweisführung reicht „Bild Hamburg“ nicht aus. Stattdessen durften zwei Reporter im Privatleben des mutmaßlichen Täters und seiner Familie herumschnüffeln. „BILD auf Spurensuche“ nennt sich das dann.

Und das Ergebnis sieht so aus:

BILD auf Spurensuche Die irre Welt des Taxi-Entführers +++ Er hielt sich für Spiderman +++ Er wohnte mit 57 noch bei Mama +++ Er wollte Pfand für leere Wodka-Flaschen

Taxi-Entführer [R.], der eine Frau sechs Stunden im Kofferraum seines Wagens gefangen hielt – langsam kommt zu Tage, wie durchgeknallt er ist.

Die Beweisführung dafür, „wie durchgeknallt“ der „Taxi-Entführer“ ist, klingt dabei arg an den Haaren herbeigezogen. Und fast schon im Vorbeigehen verletzt „Bild“ die Persönlichkeitsrechte des mutmaßlichen Täters und seiner Familie:

Er ist 57 Jahre alt, lebt aber immer noch bei seinen Eltern, auf einem Hof bei Norderstedt. Unten wohnen Mutter […] und Vater […], den ersten Stock teilen sich [der mutmaßliche Täter], seine […] Schwester, sein […] Bruder und dessen Ehefrau.

Abgesehen davon, dass eine solche Wohnsituation auch wohlwollend als Mehrfamilienhaus mit verschiedenen Generationen unter einem Dach bezeichnet werden könnte, nennt „Bild“ nicht nur das Alter jedes einzelnen Familienmitglieds, sondern zeigt auch noch ein Foto des Hofs inklusive Ortsangabe.

Nächster Beleg für die „Durchgeknalltheit“ des mutmaßlichen Täters:

Er hielt sich für Spiderman. Ein Foto des Spinnenmannes mit dem einmontierten Gesicht von […] hängt bei einem früheren Arbeitgeber an der Wand.

Es ist noch nicht mal klar, ob der mutmaßliche Täter diese Montage selbst angefertigt hat. Ihm allein deshalb unterstellen, er halte sich für Spiderman, ist perfide. Dann müsste sich auch Kai Diekmann für eine gigantische Statue mit einer goldenen Gurke in der Hand halten.

Müssen wir noch erwähnen, dass das Gesicht des Taxifahrers in der Spiderman-Montage bei „Bild“ nicht anonymisiert ist?

Und die „Bild“-Spurensucher fanden noch mehr heraus:

Er wollte Pfand für Wodka-Flaschen! Am 9. Juni tauchte Ralph B. mit seinem Taxi bei einer Tankstelle auf und wollte die leeren Fusel-Pullen abgeben.

Das muss man sich mal vorstellen: Pfand für Wodkaflaschen als Indiz für Wahnsinn! Wenn jeder, der das deutsche Flaschenpfandsystem nicht ganz durchblickt, „durchgeknallt“ ist oder in einer „irren Welt“ lebt, dann haben wir ein Problem.

Sollte „Bild“ trotz dieser lausigen Beweise richtig liegen, was die Frage nach der geistigen Gesundheit des mutmaßlichen Täters angeht, dann hätten die beiden Reporter (neben der o.g. Verletzungen der Persönlichkeitsrechte) ironischerweise auch noch gegen diese Richtlinie des Pressekodexes verstoßen:

Richtlinie 4.2 – Recherche bei schutzbedürftigen Personen
Bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen ist besondere Zurückhaltung geboten. Dies betrifft vor allem Menschen, die sich nicht im Vollbesitz ihrer geistigen […] Kräfte befinden oder einer seelischen Extremsituation ausgesetzt sind […]. Die eingeschränkte Willenskraft oder die besondere Lage solcher Personen darf nicht gezielt zur Informationsbeschaffung ausgenutzt werden.

Mit Dank an Leo.

Man schreibt „deutsch“

Manchmal berichten die Medien nicht nur über das, was los ist, sondern auch über das, was nicht los ist.

Kevin Costners Frau wird fälschlicherweise für Deutsche gehalten

Der amerikanische Filmschauspieler Kevin Costner hat also der deutschen Frauenzeitschrift „Freundin“ erzählt, dass er keine Ahnung habe, wo das Gerücht herkomme, seine Frau Christine Baumgartner Deutsche sei. Die Nachrichtenagentur dapd hat daraus eine Meldung gebaut und Medien wie Bild.de haben sie veröffentlicht.

Und tatsächlich scheint der Irrglaube, Frau Baumgartner sei Deutsche, weit verbreitet zu sein: Die Internetfilmdatenbank imdb.com behauptet dies, ebenso der englischsprachige und der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag zu Kevin Costner*, sowie sein Eintrag im renommierten Personen-Archiv Munzinger.

Es folgt also das Dokument einer wechselvollen Liebe zwischen einem Mann und einer nicht-deutschen Frau, wobei letztere zwischendurch ihren Namen, ihr Alter und ihren Beruf wechseln, heiraten, dann doch nicht heiraten und nebenbei auch noch die Zeitschrift „die aktuelle“ ehelichen wird:

„Bild“, 18. April 2001:

Hier klatscht Zurzeit im Urlaub London. Er kam, sah – und heiratete! Hollywood-Held Kevin Costner (46, „Der mit dem Wolf tanzt“) hat seine deutsche Verlobte Christine Baumgarten [sic!] (26) in Italien heimlich geehelicht. Ganz romantisch vor dem Altar einer kleinen Kapelle in der Toskana. Die Hochzeit nicht auf dem Reiseplan. Costner war mit Christine beruflich unterwegs, entschied sich in einem Anflug von Romantik, seiner Christine in dieser wunderschönen Gegend die ewige Treue zu schwören.

„Hamburger Morgenpost“, 18. April 2001:

Für so romantisch hält man Kevin Kostner eigentlich nicht. Doch während der Promotiontour zu seinem neuesten Film legte der 46-Jährige einen Stopp in der Toskana ein und heiratete kurz entschlossen seine deutsche Freundin Christine Baumgarten [sic!].

„Express“, 25. April 2001:

Hochzeit 3: Hollywood-Star Kevin Costner (46). „Gala“ berichtet, dass Costner seine schöne Freundin, das deutsche Model Christine Baumgarten [sic!] (23) doch noch nicht in der Toskana geheiratet hat. Aber im Mai solls so weit sein – im Mittelmeer auf der Luxusyacht „Lion Heart“.

„Express“, 5. Juni 2002:

Kevin Costner kann wieder der einsamen Wolf spielen. Zwei Jahre lang küsste der 46-Jährige das deutsche Model Christine Baumgartner (23), sprach sogar von Hochzeit. Aus, vorbei. Der Zeitschrift „Frau im Spiegel“ bestätigte er: „Wir sind nicht mehr zusammen.“

„Express“, 2. Oktober 2002:

Schlechte Nachricht für die Damenwelt: Hollywood-Schönling Kevin Costner hat das Herz seiner Ex Christine Baumgarten [sic!] zurückerobert. Das deutsche Model hatte ihm wegen seiner Untreue nach zwei Jahren Beziehung den Laufpass gegeben.

„Das Neue Blatt“, 2. Juli 2003:

Vor drei Jahren traf ihn Amors Pfeil mitten ins Herz. Seine Freundin Christine Baumgartner (30) ist Deutsche – sie hat den Frauenheld gezähmt.

„B.Z.“, 17. Januar 2004:

Hollywood-Star Kevin Costner, 48, und seine deutsche Freundin Christine Baumgartner, 29 (Foto), bummelten verliebt durch Rom. In diesem Jahr wollen sie heiraten.

„B.Z.“, 25. Januar 2004:

Ihre Freundin Christine ist eine Deutsche. Hat sich dadurch Ihr Bild von Deutschland verändert?

Ich habe kein anderes Bild von Deutschland als vorher, was daran liegt, dass meine Vorfahren auch Deutsche waren.

„Der Tagesspiegel“, 25. Januar 2004:

Kevin Costner (49), Schauspieler und Regisseur, will nach langem Zaudern im Herbst seine deutsche Verlobte Christine Baumgartner (29) heiraten.

„Berliner Kurier“, 29. Januar 2004:

Die deutsche Taschendesignerin Christine Baumgartner ist seit vielen Jahren ihre Freundin. Wollen Sie bald heiraten.

Oh, ja! Ich habe sie gefragt, ob sie mich heiraten würde, und sie hat Ja gesagt. Im September werden wir heiraten und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie ich mich darauf freue.

„B.Z.“, 13. März 2004:

Frauenschwarm Kevin Costner, 49, traut sich wirklich ein zweites Mal: Der US-Schauspieler will seine deutsche Verlobte Christine Baumgartner, 29, (Foto) noch dieses Jahr heiraten.

„Berliner Kurier“, 23. September 2004:

Kevin Costner kommt unter die Haube: Der Schauspieler heiratet am Wochenende seine langjährige deutsche Freundin Christine Baumgartner.

„B.Z.“, 23. September 2004:

Die Hochzeitsglocken läuten für Kevin Costner, 49. Der Hollywood-Star soll seine deutsche Freundin Christine Baumgartner, 26, am Sonnabend auf seiner Ranch in Aspen, Colorado, das Ja-Wort geben.

„Express“, 24. September 2004:

Hollywoodstar Kevin Costner (49) traut sich doch. Am Samstag will er seine langjährige deutsche Freundin Christine Baumgartner heiraten.

„Bild“, 25. September 2004:

Kevin Costner (49) heiratet heute seine deutsche Freundin Christine Baumgartner (27).

„Bild am Sonntag“, 26. September 2004:

Für 2 Millionen Dollar! Kevin Costner heiratete deutsche Freundin

„Bild“, 27. September 2004:

Kevin Costner & seine deutsche Braut: Traumhochzeit! Hier paddelt Kevin Costner seine Braut ins Ehe-Glück

„B.Z.“, 28. September 2004:

Heiraten im Jogginganzug (wie Britney Spears) ist out. Kevin Costner und seine deutsche Frau zeigen den neuen Trend: Comeback der Romantik-Hochzeit

„Bild“, 6. Oktober 2004:

Sie spielen mit dem Schwung der Liebe. Hollywoodstar Kevin Costner (49) und seine frisch angetraute, deutsche Frau Christine (30) auf dem weltberühmten Golfplatz Old Course in St. Andrews (Schottland).

„Die Welt“/“Berliner Morgenpost“, 27. September 2006:

Ebenfalls am 1. Oktober präsentiert der Filmverleih Buena Vista International sein Rettungstaucher-Drama „Jede Sekunde zählt – The Guardian“ (Kinostart 19. Oktober) in Berlin. Dafür kommen die beiden Hauptdarsteller Kevin Costner (verheiratet mit der Deutschen Christine Baumgartner) und Ashton Kutcher, der Ehemann von Demi Moore, angeflogen.

„Süddeutsche Zeitung“, 14. Oktober 2006:

Seit 2004 ist er mit der deutschen Designerin Christine Baumgartner verheiratet.

„Express“, 29. Oktober 2006:

Und auch in Sachen Liebe fand Costner wieder sein Glück. Im September 2004 heiratete er die deutsche Handtaschendesignerin Christine Baumgartner.

„Hamburger Morgenpost“, 10. Februar 2007:

Hollywood-Star Kevin Costner (52, „Der mit dem Wolf tanzt“) wird wieder Papa. Ehefrau Christine erwartet das erste gemeinsame Kind. „Beide sind sehr aufgeregt und sehr glücklich“, so ein Sprecher. Costner hatte die Deutsche 2004 in Colorado geheiratet.

dpa, 25. Februar 2007:

Die Ehefrau von Hollywood-Star Kevin Costner hat verkündet, dass ihr erstes gemeinsames Kind ein Junge werde. Und sie weiß noch mehr: Die auf Ultraschallbildern erkennbaren Gesichtszüge zeigten eine deutliche Ähnlichkeit mit dem Schauspieler, sagte die 32-jährige deutsche Gattin der Zeitschrift „die aktuelle“.

„B.Z.“, 26. Februar 2007:

Kevin Costner und seine deutsche Frau Christine Baumgartner erwarten laut Ultraschall einen Jungen. Im Mai soll der Mini-Costner zur Welt kommen.

„B.Z.“, 8. Mai 2007:

Hollywood-Star Kevin Costner (52) und seine deutsche Ehefrau Christine Baumgartner (33) sind Eltern geworden.

„Berliner Morgenpost“, 8. Mai 2007:

Hollywood-Star Kevin Costner (52) und seine deutsche Ehefrau Christine Baumgartner (33) sind Eltern geworden.

„Bild“, 9. Mai 2007:

Hollywoodstar Kevin Costner (52) und seine deutsche Ehefrau Christine Baumgartner (33) sind Eltern geworden.

„Berliner Kurier“, 17. Oktober 2008:

Hollywood-Star Kevin Costner (53) und seine deutsche Ehefrau Christine (34) erwarten ihr zweites gemeinsames Kind.

„Berliner Morgenpost“, 17. Oktober 2008:

Auf Hollywood-Star Kevin Costner und seine deutsche Frau wartet neues Kinderglück: Ein Sprecher des Schauspielers bestätigte in Los Angeles die zweite Schwangerschaft der 34-jährigen Christine Baumgartner.

„Express“, 17. Oktober 2008:

Hollywood-Star Kevin Costner (53) und seine deutsche Ehefrau Christine Baumgartner (34) erwarten ihr zweites Kind. Dies bestätigte ein Sprecher des Paares der US-Zeitschrift „People“.

„Express“, 18. Oktober 2008:

Hollywood-Star Kevin Costner (53; „Der mit dem Wolf tanzt“) und seine deutsche Frau Christine Baumgartner (34) erwarten Baby Nummer zwei.

„Express“, 16. Juli 2009:

Im September 2004 heirateten Kevin Costner (54) und die gebürtige Hamburgerin Christine Baumgartner (34). Die schöne Blonde schenkte Costner dessen Kinder Nummer 5 und 6

„Berliner Kurier“, 16. Juli 2009:

Kevin Costner (54) verliebte sich in die deutsche Designerin Christine Baumgartner (33). 2004 heiratete das Paar ganz romantisch auf Costners Ranch in Aspen, Colorado. Beide haben zwei Söhne.

Bild.de, 16. Juli 2009:

Auch Kevin Costner (54) ist mit der deutschen Handtaschen-Designerin Christine Baumgartner (35) verheiratet.

„Express“, 14. Oktober 2009:

Seit fünf Jahren ist er mit der Deutschen Christine Baumgartner verheiratet, bedauerte: „Leider spreche ich eure Sprache nicht. Aber ich bin immer beeindruckt, wenn ich nach Europa komme und von allen verstanden werde.“

„B.Z.“, 17. Oktober 2009:

Ganz ohne seine deutsche Frau, Handtaschen-Designerin Christine Baumgartner (35) und die beiden Baby-Söhne will der Sechsfach-Papa mal so richtig rocken.

„Berliner Kurier“, 19. Oktober 2009:

Seine deutsche Frau Christine Baumgartner brachte ihn übrigens zur Musikkarriere. „Sie machte mir Mut, in der Öffentlichkeit aufzutreten.“

„Express“, 28. November 2009:

Aber natürlich habe ihn auch seine deutsche Ehefrau Christine Baumgartner immer wieder zu diesem Schritt angetrieben, verrät der Ausnahmeschauspieler.

„Hamburger Morgenpost“, 10. März 2010:

Mit seinem Kumpel John Coinman hatte er schon vor 20 Jahren eine eigene Band namens Roving Boy. Diesmal musste ihn erst seine deutsche Gattin Christine Baumgartner ermutigen, wieder mit der Musik anzufangen.

„Bild“, 10. März 2010:

Seit über 20 Jahren macht der Schauspieler auch Musik, seine deutsche Frau Christine Baumgartner (36) hat ihn ermutigt, wieder als Sänger auf der Bühne zu stehen.

„Hamburger Morgenpost“, 13. März 2010:

Seine zweite Frau Christine Baumgartner (36) heiratete er 2004. Hartnäckig hält sich das Gerücht, sie sei gebürtige Hamburgerin. Costner: „Nein, das stimmt nicht. Wir haben beide deutsche Vorfahren, aber das liegt lange zurück. Meine Frau ist ein kalifornisches Surfergirl. Sie ist einfach wunderschön und so lustig. Mit ihren blonden Haaren würde sie aber auch perfekt nach Deutschland passen.“

„Berliner Morgenpost“, 15. März 2010:

Der Musiker Kevin Costner griff in den Drehpausen seiner Filme immer wieder zur Gitarre und schrieb Songs. Seine deutsche Frau Christine Baumgartner überzeugte ihn vor fünf Jahren, wieder eine Band zu gründen.

„Bild“, 18. März 2010:

Hollywoodstar Kevin Costner (55, „Der mit dem Wolf tanzt“) wird zum 7. Mal Vater. Seine deutsche Frau Christine Baumgartner (42) erwartet das 3. gemeinsame Kind.

dpa, 4. Juni 2010:

Hollywood-Schauspieler Kevin Costner (55) ist zum siebten Mal Vater geworden. Seine deutsche Frau, Model und Designerin Christine Baumgartner, (36) brachte das Mädchen Grace Avery am Mittwoch zur Welt, wie Costners Sprecher dem US-Magazin „People“ am Donnerstag bestätigte.

„Bild“, 4. Juni 2010:

Kevin Costner (55, „Der mit dem Wolf tanzt“) hat mit seiner Kinderschar jetzt eine Handballmannschaft zusammen. Der Oscar-Preisträger und seine deutsche Frau Christine Baumgartner (36) verkündeten gestern die Geburt von Grace Avery.

„Hamburger Morgenpost“/“Berliner Kurier“, 8. Mai 2011:

Bei Weltstars wächst die Liebe zu „Germany“. Auch bei Kevin Costner (56) wuchs sie mit der Liebe zu seiner deutschen Ehefrau Christine (37).

„Ostsee-Zeitung“, 25. Mai 2011:

Costner ist seit 2004 mit der deutschen Modedesignerin Christine Baumgartner verheiratet.

Mit Dank an Janek W.

*) Nachtrag, 20.45 Uhr: Inzwischen behaupten die Wikipedia-Einträge nicht mehr, dass Kevin Costner mit einer Deutschen verheiratet sei.

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Der Mond von Wanne-Eickel

„Was wissen Sie wirklich über Sonne, Mond & Sterne?“ fragt „Bild“ heute ihre Leser und die erwartete Antwort ist offenbar „nicht viel“ — sonst hätte die Zeitung Markus Landgraf von der Europäischen Weltraumagentur ESA nicht so viele Fragen gestellt.

Damit die Leser wenigstens wissen, wie unser Sonnensystem grob aussieht und was da so für Planeten rumeiern, hat „Bild“ diese Grafik im Angebot:

Was wissen Sie wirklich über Sonne, Mond & Sterne?

Dieses Bild ist natürlich nicht maßstabsgetreu — die Planeten würden sonst zusammenstoßen, wenn sie aneinander vorbei ziehen.

Mehr noch, wie „Bild“ selbst dazu schreibt:

Die Grafik zeigt die Planeten unseres Sonnen-Systems. Pluto zählt seit 2006 nicht mehr zu den Planeten. Der Mond ist für das Bild zu klein.

Demnach gäbe es zwei Gründe, Pluto auf dieser Grafik nicht zu zeigen: Erstens ist er, wie gesagt, kein Planet mehr — und zweitens ist er mit einem Durchmesser von 2.390 km noch kleiner als der Mond, der mit seinen 3.476 km „für das Bild zu klein“ war.

Mit Dank an Michael L.

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Fakten schaffen ohne Waffen

Weil sich die Anschläge vom 11. September 2001 am kommenden Samstag Sonntag zum zehnten Mal jähren, hat „Bild“ den Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich befragt, wie es eigentlich so aussieht mit der Gefahr von Terroranschlägen in Deutschland.

BILD: Wie viele Islamisten und Gefährder mit Terror-Ausbildung gibt es hier bei uns?

Friedrich: Wir haben fast 1000 Personen, die man als mögliche islamistische Terroristen bezeichnen könnte. Davon wiederum sind 128 Gefährder, also Personen, bei denen Tatsachen die Annahme rechtfertigen, dass sie erhebliche Straftaten begehen könnten, das schließt auch einen Anschlag mit ein. Ungefähr 20 dieser Gefährder waren zudem eindeutig in einem Terrorcamp zur Ausbildung. Wir wissen also, wer die Leute sind und die Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern tauschen ständig Informationen aus und stimmen die notwendigen Maßnahmen aufeinander ab.

„Fast 1000 Personen, die man als mögliche islamistische Terroristen bezeichnen könnte“ — aber wer würde das schon tun? Also: Wer, außer „Bild“?

Innenminister Friedrich in BILD-Interview: In Deutschland leben 1000 islamistische Terroristen!

Mit Dank an DerPhi.

Nachtrag, 18.20 Uhr: „Spiegel Online“ hat die „fast 1000 Personen“ des Ministers und die „1000 Terroristen“ von „Bild“ mal ein bisschen unter die Lupe genommen:

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Kodex-Exegese

Der Pressekodex, jenes Regelwerk, zu dessen Einhaltung sich die deutschen Print- und Onlinemedien selbst verpflichtet haben (und dessen Nicht-Einhaltung für sie quasi folgenlos ist), gibt eine eher freudlose Lektüre ab. Wie richtige Gesetzestexte auch, ist der Kodex recht trocken gehalten.

Was soll man sich zum Beispiel unter der Richtlinie 12.1 vorstellen?

Richtlinie 12.1 – Berichterstattung über Straftaten
In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht.

Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.

Und Ziffer 1 ist dann vielleicht doch ein bisschen allgemein formuliert:

Ziffer 1 – Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde

Die Achtung vor der Wahrheit, die Wahrung der Menschenwürde und die wahrhaftige Unterrichtung der Öffentlichkeit sind oberste Gebote der Presse. (…)

Grau ist alle Theorie, schön bunt ist die „Bild“-Zeitung — und die zeigt heute auf ihrer Seite 3 gleich an mehreren Stellen recht anschaulich, wie der Pressekodex gemeint sein könnte:

Rumänische Geldautomaten-Bande in Dortmund geschnappt - Läuft in Remscheid ein Sex-Schwein frei herum?
Immerhin haben sie es geschafft, die Gesichter notdürftig zu anonymisieren.

Kai Diekmanns Eindeutigkeiten

Vergangene Woche gab „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann dem Internet-Portal „Meedia“ ein Interview, in dem er unter anderem über seine Schulzeit, seine Freundschaft zu Helmut Kohl und seine Fernsehgewohnheiten plaudert, ohne dabei von allzu kritischen Fragen gestört zu werden.

Zum Abhörskandal in Großbritannien und der Berichterstattung über die angebliche Vergewaltigung eines Zimmermädchens durch Dominique Strauss-Kahn stellt Diekmann fest, dass in Deutschland eigentlich alles töfte sei. Sogar ein Beispiel hat er sofort griffbereit:

Wo in England die Pressefreiheit zu viel gestattet und Frankreich zu spartanisch ist, liegen wir in Deutschland genau in der Mitte. Nehmen Sie Rainer Speer in Brandenburg. Ein Finanzminister, der über 10 Jahre eine uneheliches Kind hat, dies nicht anerkennt, keine Alimente zahlt und das den Steuerzahler übernehmen lässt. Diesen Vorgang hat Bild enthüllt und trotz aller Klagen Rainer Speer gegen die Veröffentlichung der Artikel Recht bekommen: Die Gerichte haben eindeutig festgestellt, das öffentliche Interesse habe überwogen. Deswegen durften wir die Informationen nutzen und Rainer Speer ist erstens zurückgetreten und zweitens mit all seinen juristischen Ansprüchen gegen Bild gescheitert.

Ganz so „eindeutig“ wie Diekmann sich erinnert, haben die Gerichte das allerdings nicht festgestellt, Speer ist auch nicht „mit all seinen juristischen Ansprüchen“ gegen Diekmanns Zeitung gescheitert.

Im September 2010 hatte „Bild“ über eine mutmaßliche Unterhaltsaffäre des damaligen brandenburgischen Innenministers Rainer Speer berichtet und dabei aus Quellen zitiert, die der Anwalt der Axel Springer AG selbst als „trübe“ bezeichnet hatte. Es handelte sich um E-Mails, die wahrscheinlich von Speers Laptop stammten, der ihm etwa ein Jahr zuvor gestohlen worden war, und die zwischen dem Diebstahl und der Veröffentlichung in „Bild“ verschiedenen Journalisten angeboten worden sein sollen. Rainer Speer war gerichtlich gegen die publizistische Nutzung dieser E-Mails vorgegangen und hatte zunächst Recht bekommen (BILDblog berichtete)

Ein Teil der damals erwirkten Einstweiligen Verfügungen wurde zeitnah aufgehoben, vor dem Berliner Landgericht konnte die Axel Springer AG einige Erfolge erzielen — doch in der nächst höheren Instanz wendete sich das Blatt: Im April entschied das Berliner Kammergericht, dass die Unterlassungsanträge in allen vier Fällen berechtigt gewesen seien.

Die sinngemäße Wiedergabe der E-Mails (und damit die ganze darauf beruhende Berichterstattung in „Bild“) sei bis zu Speers Rücktritt als Innenminister des Landes Brandenburg am 23. September 2010 rechtswidrig gewesen. Das Gericht hat festgestellt, „dass die E-Mails erkennbar geheim bleiben sollten und nicht für die Öffentlichkeit bestimmt waren“ und dass keine „hinreichenden Beweistatsachen“ vorliegen, die auf einen Sozialbetrug durch Rainer Speer schließen lassen. Zwar habe er es hingenommen, dass der Unterhalt für sein uneheliches Kind sechs Jahre (nicht zehn, wie Diekmann bei „Meedia“ behauptet) von der öffentlichen Hand bezahlt wurde, weil die Mutter angegeben hatte, nicht zu wissen, wer der Vater sei, trotzdem würde bei einer Abwägung zwischen den Persönlichkeitsrechten der Betroffenen und dem Interesse der Öffentlichkeit letzteres nicht überwiegen.

Das Kammergericht entschied darüber hinaus, dass „Bild“ nicht in direkter oder indirekter Rede aus den privaten E-Mails zitieren dürfe, da aus ihnen „ein besonderes persönliches Vertrauensverhältnis“ erkennbar sei und sie „überwiegend wahrscheinlich“ durch „Straftaten Dritter“ beschafft worden seien (BILDblog berichtete).

Die Axel Springer AG ist zwar in Berufung gegangen, aber Diekmanns Angaben im „Meedia“-Interview waren in dieser Form schlichtweg falsch.

Rainer Speer hat deshalb den Berliner Medienanwalt Johannes Eisenberg beauftragt, gegen Diekmanns Aussage und die Verbreitung durch „Meedia“ vorzugehen.

„Meedia“ hat die beanstandete Passage am Dienstag zunächst aus dem Artikel entfernt und diesen dann mit einer „Anmerkung der Redaktion“ versehen:

Der hier im Ursprungstext folgende Passus wurde aufgrund einer anwaltlichen Intervention gelöscht. Kai Diekmann erklärt hierzu auf Anfrage Folgendes:

Berichtigung: Liebe MEEDIA.de-Leser, an dieser Stelle sprach ich über unsere rechtlichen Auseinandersetzungen mit Rainer Speer. Ich sagte unter anderem, das er mit „all seinen juristischen Ansprüchen gegen Bild gescheitert sei“, weil das öffentliche Interesse überwogen habe. Das war so nicht richtig. Die Gerichte haben zwar bestätigt, dass an den Vorgängen um Rainer Speer ein hohes öffentliches Berichtsinteresse besteht. Letztlich waren aber Land- und Kammergericht der Auffassung, dass in der Güterabwägung das Geheimschutzinteresse Rainer Speers dieses Berichterstattungsinteresse überwiege und deshalb die Veröffentlichungen unzulässig waren. Diese Entscheidung wird höchstrichterlich überprüft werden. Die Entschädigungsansprüche des ehemaligen brandenburgischen Innenministers hielt das Landgericht allerdings für unbegründet. Auch diese Entscheidung wird überprüft.“

Laut Johannes Eisenberg hat Kai Diekmann darüber hinaus durch eine Springer-Justiziarin eine Unterlassungsverpflichtungserklärung abgeben lassen.

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