Archiv für Bild

Bild  

Die Toten auf der letzten Seite

Das Leben von Klatschreportern ist offenbar härter als bisher angenommen. Über manche Themen wollen diese … äh: „Journalisten“ nämlich gar nicht schreiben, sie werden von unbekannten Mächten quasi dazu gezwungen. Und damit meinen wir noch nicht mal jene B- bis F-Prominenten, die dem Vernehmen nach immer wieder in den Redaktionen anrufen und fragen, ob man da nicht gemeinsam mal wieder „was machen“ könnte.

Aber sprechen wir erst mal über diesen Brief an die „lieben Leser“:

Liebe Leser! Tote können sich nicht wehren! Deshalb berichtet Hollywoods Miet-Mann Nummer 1 erst JETZT hemmungslos aus seinem Bettkästchen. Sex-Sausen mit Cary Grant, Edith Piaf, König Edward VIII.! Und seine VIP-Kundschaft? Dreht sich vermutlich im Grabe um. Ihre Yvonne Beister und das Letzte-Seite-Team

Da hat also ein heute 88-jähriger Mann seine Memoiren geschrieben, in denen er behauptet, als Callboy mit Hollywood-Größen und anderer Prominenz geschlafen zu haben. Die angeblichen Kunden sind mittlerweile alle tot, weswegen sie sich, wie Yvonne Beister richtig bemerkt, vermutlich im Grabe umdrehen und sich nicht mehr gegen die Behauptungen wehren können.

Insofern muss es die um Diskretion und das Wohlergehen der VIPs besorgte Yvonne Beister schwer gewurmt haben, auf ihrer „letzten Seite“ berichten zu müssen, wie „JETZT“ „das dunkelste Geheimnis der Traumfabrik“ gelüftet wird:

HOLLYWOODS ÄLTESTER CALLBOY PACKT AUS! Sex mit Cary Grant - Liebespiele mit Katharine Hepburn - Dreier mit König Edward VIII. und Wallis Simpson
Aber wahrscheinlich ging es ihr und ihrem „Letzte-Seite-Team“ da wie den Toten: Sie konnten sich nicht wehren.

Bild  

School’s Out

Vor zwei Wochen hat „Bild“ ihren Lesern ein Buch ans Herz gelegt:

Tatort Klassenzimmer: Eine Schülerin klagt an. Muslimische Machos schikanieren die christliche Minderheit. "Mono-Kulti" hat "Multi-Kulti" abgelöst. Und die deutschen Lehrer schweigen hilflos.

In vier Folgen zitiert „Bild“ die Abiturientin und Jung-Autorin Viviane Cismak damit, dass es kein Schweinefleisch in der Schul-Cafeteria gegeben habe, dass man auf dem Schulhof als „Schlampe“ beschimpft wurde, wenn man als 18-Jährige einen Freund hatte, dass die Qualität des Unterrichts an ihrem Gymnasium „noch einmal erheblich“ nachließ, wenn die muslimischen Mitschüler im Fastenmonat Ramadan ausgehungert in der Schule saßen und dass Hartz-IV-Empfänger bei Studienfahrten ins Ausland Zuschüsse erhielten.

Wie ist das, wenn mehr als 80 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund haben? Abiturientin Viviane Cismak (20) beschreibt in „Schulfrust“ den Alltag an einem Kreuzberger Gymnasium. BILD druckt Auszüge.

„Auszüge“ trifft es ganz gut: Drei Viertel Stimmungsmache gegen Menschen mit Migrationshintergrund, ein Viertel gegen Hartz-IV-Empfänger — die perfekte Mischung für „Bild“. Die erhofften Reaktionen der Leser ließen auch nicht lange auf sich warten, wie „Bild“ schon am Tag nach der Veröffentlichung des ersten Teils dokumentierte:

Zu: Tatort Klassenzimmer. Das ist der Fluch des Multikulti, auch wenn es viele Politiker nicht wahrhaben wollen. Spricht man Türken auf diese Probleme an, werden sie einfach abgestritten. Von anderen Glaubensrichtungen verlangen Muslime Toleranz, aber sie selbst sind intolerant. Volker Sch. Großen Respekt vor dieser Schülerin. Ich hoffe nur, sie überlebt, dass sie die Wahrheit sagt. Die Verantwortlichen werden wieder Ausreden finden oder die Schülerin in die rechte Ecke stellen. Holger H. Sehr, sehr gut. Es wird Zeit, die Wahrheit auf den Tisch zu bringen. Mein Sohn ist in einem katholischen Kindergarten, in dem keine christlichen Feste mehr gefeiert werden, aus Rücksicht auf die moslemischen Kinder. In der Klasse meiner Tochter hängt eine türkische Flagge. Wie weit soll das noch gehen? Oliver-Peter H. Es wird langsam Zeit, dass sich unsere Politiker, allen voran die Multikulti-Grünen und die Gabriel-SPD, Gedanken über ein Gesetz zum Schutz der Deutschen ohne Migrationshintergrund machen. Thilo Sarrazin hat doch recht! Ralf Sch. Endlich wagt eine deutsche Zeitung, über die Realität in Deutschland zu berichten! Bernd Sch.

Doch wer gleich loszog, um sich „Schulfrust“ zu kaufen und auf eine junge Thiletta Sarrazin gehofft hatte, dürfte von der Lektüre ziemlich enttäuscht worden sein: Von den zehn Kapiteln des Buches handelt gerade eines davon, dass „Sexismus und Chauvinismus [in der Schule] toleriert und mit kulturrelativistischen Theorien erklärt“ werde, ein weiteres davon, dass „Kinder von Geringverdienern schlechte Chancen auf eine gute Ausbildung haben“.

Insgesamt geht es in dem Buch eher darum, dass Cismak aus eigenen schlechten Erfahrungen eine Kritik an Lehrern und am Bildungssystem ableitet, die mal berechtigt, mal unberechtigt erscheint. Alle Punkte, die sie aufführt, haben durchaus mediale Aufmerksamkeit verdient — und auch bekommen, als diverse Medien bei Veröffentlichung über das Buch berichteten. Im vergangenen September.

So lange hat es gedauert, bis „Bild“ sich des Themas annahm und es als Steinbruch für die eigenen Skandalgeschichten benutzte. Nicht funktionierendes „Multikulti“ ist eben immer ein Thema für „Bild“, wohingegen nicht eingehaltene Lehrpläne, willkürliche Notengebung und undurchdachte Schulreformen zwar ein Problem für Millionen Schüler sein mögen, aber kein Thema für diese Boulevardzeitung.

Vor mehr als einer Woche haben wir dem Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf, bei dem „Schulfrust“ erschienen ist, eine E-Mail mit mehreren Fragen geschrieben. Unter anderem wollten wir wissen, ob die Schwerpunkt-Setzung von „Bild“ im Vorfeld klar gewesen sei und was Verlag und Autorin von der Darstellung in „Bild“ halten. Wir haben, trotz nochmaliger Nachfrage, keine Antwort erhalten.

Mit Dank an Christopher und Stitch.

Bild  

Quelle: Andere Zeitung

Wenn „Bild“ Fotos von Opfern oder Tätern druckt, kommt oft die Frage auf, woher sie das jetzt wieder haben. Manchmal lautet die Antwort schlicht „aus dem Internet“, manchmal lässt sie sich einigermaßen klar mit „aus Polizeikreisen“ umreißen und manchmal — ja, manchmal bedient sich „Bild“ auch einfach bei anderen Medien.

Ein sogenanntes Trennungsdrama bebilderte die Zeitung gestern mit dem großformatigen, unverfremdeten Foto eines Polizisten, der erst seine Tochter und anschließend sich selbst erschossen hatte:

Polizist erschießt Tochter (8) mit Dienstpistole

Es ist nicht so, dass „Bild“ verschwiegen hätte, woher dieses Foto kam:

Foto: Trierischer Volksfreund

Nur der Weg, wie es zu „Bild“ kam, ist ein steiler: „Bild“ hatte das Foto, das vor einiger Zeit bei einer anderen Gelegenheit entstanden war, auf der Internetseite des „Trierischen Volksfreund“ entdeckt und beim Fotografen nachgefragt, ob sie es verwenden dürfte. Die Redaktion des „Volksfreund“ erklärte uns gegenüber, sie habe dies abgelehnt, was „Bild“ am Telefon zunächst auch akzeptiert habe. Das Foto erschien am Montag trotzdem in „Bild“.

Der „Volksfreund“ wies heute am Rande eines Artikels über den Fall auf das Vergehen von „Bild“ hin:

Die Bildzeitung hatte den Fall des Trierer Kommissars groß aufgemacht und dabei ein bei anderer Gelegenheit entstandenes Bild des Täters aus volksfreund.de verwendet – widerrechtlich und ohne Genehmigung des TV.

Die Chefredaktion des „Volksfreund“ erklärte uns auf Anfrage, dies sei nicht das erste Mal, dass sich „Bild“ oder andere Boulevardmedien auf diese Weise Fotos beschafft hätten. Die Zeitung werde daher juristisch gegen „Bild“ vorgehen.

Sie wird sich dabei auf das sogenannte Urheberrecht berufen, auf das die Axel Springer AG, die „Bild“ herausgibt, sonst so viel Wert legt.

Mit Dank an Lars W.

Bild  

Apropos Brandstifter

Es war eine Überschrift, fast wie aus dem Schlagzeil-o-maten:

Nach mehr als 40 Groß-Feuern: Öko-Politiker (48) als Brandstifter verhaftet

Darunter prangt das unvorteilhafte Foto eines Mannes, den „Bild“ in der Stuttgarter Regionalausgabe als „Lokalpolitiker“ bezeichnet. Diese politische Tätigkeit, so „Bild“, stehe auch im direkten Zusammenhang mit den „42 unheimlichen Bränden“:

Die Kripo-Beamten gehen davon aus, dass der Täter „seinen Frust“, möglicherweise wegen der Wahlniederlage, abreagieren wollte.

Die Ermittler selbst waren laut „Reutlinger General-Anzeiger“ von dieser Nachricht überrascht:

Wie es dazu kam, dass der Brandstifter samt Bild und Namen in dem Boulevardblatt erschien, kann sich Wolfgang Ebert von der Pressestelle nicht erklären. „Das entzieht sich vollkommen meiner Kenntnis.“ Vieles im Artikel treffe nicht zu. Vor allem aber stimmten die von der Bild-Zeitung beschriebenen Tatmotive nicht, sagte Ebert. Das Massenblatt vermutete Frust aufgrund seines Wahlergebnis bei den letzten Kommunalwahlen. Von der Polizei könne die Zeitung das jedenfalls nicht haben. „Bei uns hat niemand von Bild angerufen. Wir sind selber aus allen Wolken gefallen“, sagt Ebert.

Die Bürgermeisterin erklärt, die Motive für die Taten seien im persönlichen Umfeld zu suchen, auch die Bezeichnung als „Öko-Politiker“ sei falsch.

Der ganze Artikel beim „Reutlinger General-Anzeiger“:

Statt Wulff

Länger nicht mehr gezeigt haben wir diese „Bild“-Eigenwerbung aus dem Jahr 2006:

Gestern machte „Bild“ bundesweit mit einem spektakulären Kriminalfall auf:

Arzt-Gattin ersticht Liebhaber. Weil nicht rauskommen sollte, dass ihr Kind von ihm ist.

Der Fall einer Bochumer Arzt-Gattin, die ihren Liebhaber erst betäubt, dann vergiftet und erstochen hatte (anschließend zündete sie auch noch seine Wohnung an), hatte überregional für Aufsehen gesorgt — im vergangenen September, als die Tat stattfand.

Auch „Bild“ hatte damals schon in der Ruhrgebietsausgabe groß über die Ereignisse berichtet, das Gesicht der Tatverdächtigen damals allerdings noch verpixelt. Gestern prangte ihr Foto unverfremdet deutschlandweit auf der Titelseite. Die einzige andere Neuigkeit ist die, dass das Landgericht Bochum vergangene Woche den Zeitplan für den Mordprozess veröffentlicht hat, was in der Bild.de-Version des Artikels aber nicht einmal erwähnt wird.

Es ist überhaupt rätselhaft, warum Bild.de gestern zwei recht unterschiedliche Artikel der gleichen Autoren veröffentlichte: den aus der gedruckten „Bild“ und einen zweiten. Dass der Mord schon vier Monate zurückliegt, geht aus keinem der Texte hervor, obwohl einer der Autoren schon damals an der Berichterstattung beteiligt war.

Bild  

Rasender Reporter

Wie einfach es sich „Bild“ macht, wenn es darum geht, einen Schuldigen für ein Unglück zu finden, zeigt diese Schlagzeile von heute:

Beim Familien-Spaziergang am Sonntagnachmittag Raser tötet Mutter und Sohn (7)!

„Bild“ zeigt dazu nicht nur das Unfallfahrzeug auf fast einer halben Seite, sondern auch eine abgedeckte Leiche und getrocknetes Blut. Daran, dass der Fahrer zu schnell gefahren ist, besteht für den Reporter kein Zweifel:

Ein Audi-Fahrer hat in Alzenau (Bayern) eine Mutter und ihr Kind in den Tod gerast.

Doch die Schuldzuweisung war wohl zu voreilig. Inzwischen scheint klar zu sein, dass der schwer verletzte Fahrer kurz vor dem Unfall einen Schlaganfall erlitten und dadurch die Kontrolle über sein Fahrzeug verloren hatte. Das berichtet jetzt auch Bild.de:

Unfallursache Schlaganfall! Fahrer raste hilflos in Mutter (36) und Sohn (7)

Darüber, dass „Bild“ den nunmehr „hilflos rasenden“ Fahrer zuvor als „Raser“ bezeichnet hatte — kein Wort.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 10. Januar: Heute legt „Bild“ nach und nutzt diese Gelegenheit noch einmal, um den Unfallwagen und die abgedeckte Leiche groß zu zeigen. Immerhin wird der Fahrer entlastet:

Schlaganfall

Ungebremst raste Audi-Fahrer Rüdiger B. (51) in eine Familie (…). Doch er konnte gar nichts dafür! Der Geschäftsmann saß hilflos im Auto. (…)
Es war also ein tragisches Unglück, das der Fahrer nicht verhindern konnte.

Doch so ganz scheint „Bild“ die Vorstellung dann doch nicht ertragen zu können, dass niemand an dieser Tragödie schuld sein könnte. Fast schon vorwurfsvoll heißt es im nächsten Satz:

Allerdings kündigen sich Schlaganfälle durch Lähmungserscheinungen an Armen, Sprachstörungen und Schwindel an.

Bild  

Mit 68 Jahren, da hat man Spaß daran

Franz Josef Wagner ist 68 Jahre alt und damit im besten Rentenalter. Doch der legendäre „Bild“-Kolumnist denkt offenbar noch nicht ans Aufhören, wie seine heutige „Post von Wagner“ nahelegt:

Liebe Rente mit 67, 69 …

was für ein schwieriger Brief, aber ich versuch’s mal.

Wer heute zehn Jahre ist, wird vielleicht so alt wie Jopie Heesters. 108. Stellen wir uns vor, Jopie wäre mit 65 in Rente gegangen. 43 Jahre hätte er Rente bekommen.

Wagner stellt sich nun die Frage, wer „uns“ bezahlen kann oder soll, wenn „wir so alt werden wie Jopie Heesters“. Das haben sich schon viele vor ihm gefragt und Wagner kommt ungefähr zur selben Antwort:

Wir haben keine Enkel. Wir werden so viele Alte sein ohne Enkel. Weil wir keine Enkel haben, müssen wir weiterarbeiten.

Ein 70-jähriger Tischler macht einen Tisch. Ein 80-jähriger Klempner mit Glatze reinigt die Toilette. Ein 90-jähriger Gärtner schneidet die Hecken. Ein 100-jähriger Koch wirft die Bratkartoffeln in der Pfanne hoch.

Was ist daran so schlecht, wenn die Alten arbeiten?

Das alles ist – zumindest nach Wagners Maßstäben – noch nicht wirklich merkwürdig. Gut: Wie soll der 80-jährige Klempner wieder auf die Beine kommen, nachdem er die Toilette gereinigt hat? Was bedeutet es für die Rentenkasse, wenn der 90-jährige Gärtner dem 30-jährigen Gärtner den Arbeitsplatz wegnimmt? Aber, wie gesagt: Alles noch im Rahmen.

Selbst Wagners beherzter Sprung in den Aphorismenbrunnen verstört kaum:

Arbeiten ist Glück.

Ich jedenfalls kann mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Das Leben ist für mich ein Fahrrad, man trampelt und trampelt, und wenn man nicht mehr trampelt, fällt das Fahrrad um.

Ich liebe die Arbeit.

Nein, bemerkenswert wird Wagners heutiger Brief nur, wenn man ihn mit dem vergleicht, den er vor etwa vier Wochen an den Philosophen Richard David Precht geschrieben hatte. Precht hatte damals (übrigens zum wiederholten Male, aber zum ersten Mal zum Interesse von „Bild“) in einer Fernsehtalkshow gefordert, Rentner sollten ein „soziales Pflichtjahr“ absolvieren.

Franz Josef Wagner fand diesen Vorschlag nicht so gut:

Wer 40 Jahre gearbeitet hat, hat das Recht, müde zu sein. Ich mag die alten Leute, wenn sie zusammensitzen, ich mag ihre abgearbeiteten Hände. Ich mag, wenn die Alten nach Mallorca fliegen.

Ich glaube, sie haben genug gearbeitet für unsere Gesellschaft.

Mehr noch, er ging mit Precht hart ins Gericht, wobei er seine Verachtung in merkwürdige Schwärmerei kleidete:

Sie geschniegelter, hübscher Klugscheißer-Philosoph, glaube ich, haben niemals gearbeitet.

Man muss nur Ihre Hände anschauen, elegante, Klavier spielende Hände.

Ihr aufgeknöpftes, weißes Hemd. Ihr gepflegtes, auf die Schultern gefallenes Haar.

Die Art, wie Sie die Beine übereinander verschränken. Ich denke, Sie haben kein Recht, über Rentner zu sprechen.

Sie sind Bestseller-Millionär. Sie sind reich. Sie haben keine Ahnung, wie es Rentnern geht.

Das ist dann natürlich der Nachteil, wenn 68- bis 108-jährige noch für die Zeitung schreiben: Sie wissen nicht mehr, was sie noch vor kurzem geschrieben haben.

Mit Dank an erwinwa.

Gewitter im Aufzug bei Christian Wulff

Man kennt das: Am Neujahrsmorgen um halb fünf wählt man in einem Zustand, der deutlich jenseits von fahruntüchtig ist, die Nummer, die im Handy immer noch unter „Schatz“ eingespeichert ist, und lallt dem Ex-Partner irgendwelche wüsten Beschimpfungen auf die Mailbox, nur unterbrochen von geschluchzten Liebesschwüren.

Kommen wir aber nun zur großen Politik: Bundespräsident Christian Wulff hat einen Tag, bevor „Bild“ seinen umstrittenen Privatkredit öffentlich gemacht hat, bei „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann angerufen und dessen Mailbox anvertraut, dass er einen „endgültigen Bruch“ mit dem Springer-Verlag vollziehen würde, falls diese „unglaubliche“ Geschichte erscheine. Das Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland sprach vom „Krieg führen“ und die etwas angestaubte Redensart vom Überschreiten des Rubikons ist seit heute wieder in aller Munde.

Um zu verstehen, was in diesem Moment endgültig zu Bruch gehen sollte, muss man ein wenig zurückgehen in der Geschichte und sich ansehen, wie eng das Verhältnis zwischen „Bild“ und Wulff etwa war, als dessen erste Ehe nach 18 Jahren in die Brüche ging und die Zeitung den reibungslosen Übergang in eine neue Beziehung dokumentierte.

Lesen Sie also noch einmal, wie gemütlich es damals war im Aufzug von „Bild“ und „Bild am Sonntag“:

„Bild“, 6. Juni 2006:

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (46, CDU) trennt sich nach 18 Jahren Ehe von seiner Frau Christiane (45). „Unsere Ehe ist gescheitert“, sagt Deutschlands beliebtester Landespolitiker exklusiv in BILD. Und: „Ja, es gibt eine neue Frau in meinem Leben.“

„Bild“, 22. Juli 2006:

Sie waren die schönste Liebes-Koalition des Abends! Zum großen Sommerfest von BILD-Hannover in den königlichen Herrenhäuser Gärten von Hannover brachte Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (47) seine neue Lebensgefährtin Bettina Körner (32) mit.

„Bild“, 25. August 2006:

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (47, CDU) und seine schöne Lebensgefährtin Bettina Körner (32) haben endlich die Wohnung für ihr neues Liebesglück gefunden. In einer stillen Nebenstraße in Hannover.

Wulff zu BILD: „Ja, es stimmt. Dort würden wir gerne wohnen.“

„Bild“, 20. November 2006:

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (47, CDU) trägt eine andere Frisur! 40 Jahre lang pflegte er den braven Links-Seitenscheitel. Jetzt sehen wir ihn mit kurzem Pony, die Haare frech und modern mit Gel nach oben gezupft! (…)

Wulff zu BILD: „Mir gefällt der Vorschlag meiner Friseurin!“

„Bild“, 30. Januar 2007:

Regierungschef, Vater, Geliebter und Noch-Ehemann – wie kriegt Christian Wulff das bloß so prima hin?

„Bild“, 2. Oktober 2007:

Im Juni vergangenen Jahres gab der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff (48, CDU) nach 18-jähriger Ehe die Trennung von seiner Frau Christiane bekannt. In der Gesprächs-Biografie „Besser die Wahrheit“ äußert sich der Politiker gegenüber BILD-Autor Hugo Müller-Vogg erstmals offen über sein Privatleben.

„Bild“, 6. Dezember 2007:

BILD fragte Christian Wulff: Stimmt es, dass Nachwuchs unterwegs ist? Wulff: „Wir freuen uns beide riesig über unser Kind im Sommer nächsten Jahres.“

Und Wulff verkündet auch gleich noch ein weiteres Geheimnis: „Wir wollen heiraten, nachdem meine Scheidung im Frühjahr Rechtskraft erlangt hat.“

„Bild am Sonntag“, 9. Dezember 2007:

Gestern der erste Auftritt nach der Babynachricht – in Hannover, bei der BILD-Benefiz-Aktion zugunsten der Hilfsorganisation „Ein Herz für Kinder“. „Wir wissen noch nicht, was es wird“, sagte Wulff in Hannover zu BILD am SONNTAG. „Über die Geburt meiner Tochter war ich super glücklich. Jetzt ist es mir gleich. Hauptsache es ist gesund.“

„Bild am Sonntag“, 3. Februar 2008:

Erstes Interview als Paar: Die Wahlsieger exklusiv in BILD am SONNTAG – so privat wie noch nie

„Bei der Geburt unseres Kindes werde ich dabei sein“ Christian Wulff und seine Bettina im Paar-Check

„Bild“, 22. März 2008:

Wenige Wochen nach seiner Scheidung hat Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (48) seine Lebensgefährtin Bettina (34) heimlich geheiratet. Die neue Frau Wulff erwartet im Juni ein Kind. In BILD erzählt das frischvermählte Paar von der Trauung, vom neuen Eheglück – letzte Seite.

„Bild am Sonntag“, 23. März 2008:

Bettina Wulff ist im 7. Monat schwanger, erwartet ein Mädchen: „Ich bin überwältigt von der großen Anteilnahme und guten Wünschen zu unserer Hochzeit“, so Bettina Wulff zu BILD am SONNTAG. „Es war für mich ein unvergesslicher Tag und der nächste wichtige Schritt in unserem Familienleben.“

„Bild“, 13. Mai 2008:

Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (48, CDU) und Ehefrau Bettina (34) strahlen vor Glück: Am Pfingstmontag um 8.27 Uhr wurde in einer Klinik in Hannover Sohn Linus Florian geboren! Der Junge (3355 Gramm/50 Zentimeter) kam einen Tag früher als erwartet. Der Ministerpräsident (war im Kreißsaal dabei) erleichtert: „Es gab keinerlei Komplikationen. Jede Geburt ist immer wieder ein Wunder!“

„Bild“, 9. Februar 2009:

Die Berlinale – mal ganz privat. Produzent David Groenewold und Schauspieler Thomas Heinze luden zum super exklusiven „7. Dinner unter Freunden“ in den Axel Springer Journalistenclub. 100 handverlesene Gäste kamen zu Steinbutt-Filet und Mohnauflauf. Darunter: Ministerpräsident Christian Wulff, Regisseur Helmut Dietl, Schauspielerin Simone Thomalla, der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit, Axel-Springer-Chef Dr. Mathias Döpfner und Axel-Springer-Vorstand Dr. Andreas Wiele.

„Bild“, 20. Mai 2009:

BILD hat die 100 Top-Promi-Frauen gewählt. (…)

20 Bettina Wulff (35) Die Zweifach-Mutti mit Liebe zum Tattoo macht Niedersachsens Ministerpräsidenten zum Hinguck-Muss …

Bild  

Zum Lachen in den Bundestag gehen

„Bild“ macht sich seit längerem um den Humor der Deutschen verdient. Im November druckte die Zeitung eine Woche lang die schönsten Altherrenwitze aus dem neuen Buch von Hellmuth Karasek, vergangene Woche war der knuddelige Professor dann „Gewinner des Tages“, weil er mit dieser Witzsammlung die Bestsellerliste „stürmte“ („BILD meint: Schmunzeln Sie mit!“).

Heute nun ist Wolfgang Thierse „Verlierer des Tages“, weil er angeblich so humorlos ist:

Bundestags-Vize Wolfgang Thierse (68/SPD) sorgt für wenig "Heiterkeit" im Hohen Haus, so eine Auswertung der Sitzungsprotokolle aus der letzten Legislaturperiode. Thierse heimste von allen Prominenten die wenigsten (30) "Heiterkeits"-Vermerke ein. BILD meint: Ein bisschen Spaß muss sein!

Es ist wahrscheinlich, dass „Bild“ im aktuellen „Spiegel“ auf diese Auswertung der Sitzungsprotokolle gestoßen ist. Das Nachrichtenmagazin berichtet in einem kurzen Artikel über die Internetseite bundestagger.de, die die offiziellen Sitzungsprotokolle auf den Begriff „Heiterkeit“ durchsucht und eine entsprechende Rangliste angefertigt hatte. (Dass „Spiegel Online“ schreibt, „nach SPIEGEL-Informationen zeigt eine Auswertung der Plenarprotokolle der vergangenen Legislaturperiode, dass Redner häufig für Heiterkeit bei den Abgeordneten sorgen“, ist offenbar der ganz eigene Humor im „Spiegel“-Hochhaus.)

Stefan Wehmeyer, der Betreiber von bundestagger.de schreibt über seine Statistiken:

Diese Statistiken verwenden absolute Zahlen (in eckigen Klammern findet sich die Anzahl), beschränken sich auf die Top 20 und sollten um aussagekräftiger zu sein relativ zur Fraktionsgröße wahrgenommen werden.

Das gilt natürlich auch für die Redezeit — dass Norbert Lammert besonders oft für Heiterkeit sorgt, liegt also nicht nur an seinem Humor, sondern auch daran, dass er als Bundestagspräsident besonders oft Gelegenheit hat, ihn zu beweisen.

Und für den „Bild“-„Verlierer“ Wolfgang Thierse bedeutet die Beschränkung auf die Top 20, dass er mit Platz 20 bei 614 Abgeordneten zu den „lustigsten“ 3 Prozent der Bundestagsabgeordneten gehört.

Bild  

In der traurigen Maschinerie

Der größte Fehler, den Stefan Zielasko gemacht hat, war nicht, an einer Castingshow teilzunehmen und dort auf die Frage, ob er keine musikalische Erfahrung habe, wahrheitsgemäß zu antworten: „Ich hab vor Jahren mal bei einer Castingshow mitgemacht, leider ohne Erfolg.“

Der größte Fehler, den Stefan Zielasko gemacht hat, war auch nicht, an einer Castingshow teilzunehmen, deren Produzenten diesen Satz herausschneiden würden, was zur Folge hatte, dass Zielasko in der Öffentlichkeit als Lügner dastehen würde, der die Zuschauer „verarscht“ (BILDblog berichtete).

Der größte Fehler, den Stefan Zielasko gemacht hat und den jeder Mensch machen kann, war dieser:

Für BILD war er gestern nicht zu sprechen.

Wer nicht mit „Bild“ spricht, erzürnt ihre Redakteure und muss mit dem Schlimmsten rechnen: Anhaltende negative Berichterstattung in „Bild“.

Und so tritt die Zeitung heute gegen den Mann nach, der im Alltag Lehrer ist und gestern auf der Titelseite zu sehen war:

"Es bricht mir das Herz": Nenas Schummler jammert auf Facebook

„Bild“ schreibt:

Gestern reagierte der Lehrer aus Moers (NRW) auf die Lügen-Vorwürfe, schrieb auf seiner Facebook-Seite: „Es ist eine traurige Maschinerie, die gerade in Gang gesetzt wird. Und das auf dem Rücken eines Mannes, der das nicht verdient hat. Es bricht mir das Herz …“

Genau genommen reagierte er mit seinem Post vom Sonntag allerdings weniger auf die „Lügen-Vorwürfe“ und mehr auf …

Ach, lesen Sie selbst:

Meine Lieben…es ist traurig aber wahr! Obwohl alles gesagt ist und ihr die Wahrheit kennt, werde ich morgen dick und fett auf der Titelseite der Bildzeitung zusehen sein. Dort werde ich als Lügner deklassiert. Ich möchte Euch da nur drauf vorbereiten. Es ist eine traurige Maschinerie, die gerade in Gang gesetzt wird. Sehr sehr traurig. Und das auf dem Rücken eines Mannes, der das (so denke ich doch) nicht verdient hat. Es bricht mir das Herz…..

Aber gut, wer wird so spitzfindig sein, zwischen allgemeinen „Lügen-Vorwürfen“ und der konkreten „Bild“ Unterschiede zu sehen?

Also: Wer, außer „Bild“, die sich um ein ganz neues Niveau in Sachen Spitzfindigkeit bemüht?

Ein Pro7-Sprecher erklärte gestern, ein Satz sei aus der Sendung herausgeschnitten worden.

Stefan habe gesagt: „Ich hab vor Jahren mal bei einer Castingshow mitgemacht, leider ohne Erfolg.“

Leider auch nicht ganz die Wahrheit…

Warum dies Antwort „nicht ganz die Wahrheit“ sein soll, erklärt „Bild“ im ersten Satz des Artikels:

Nach seinem tollen Auftritt bei „The Voice“ verschwieg er, dass er schon mal im Finale von „Popstars“ stand.

Wir lernen also: Wer vor sieben Jahren im Finale einer Castingshow stand, es aber nicht in die (mittelmäßig erfolgreiche) Gewinnerband geschafft hat, hat durchaus nicht „ohne Erfolg“ an dieser Show teilgenommen — zumindest, wenn es „Bild“ so in den Kram passt.

Mit Dank an Leo, Steffi und Jürgen L.

Blättern:  1 ... 47 48 49 ... 95