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Keinen Respekt gezollt

Seit der sogenannten Teppichaffäre von Entwicklungsminister Dirk Niebel ist klar, dass gerade an Staatsbeamte besonders hohe moralische Maßstäbe angelegt werden, wenn es um die korrekte Verzollung hochpreisiger Gegenstände geht. Was viele noch nicht wussten, laut dieser „Bild“-Schlagzeile von gestern reicht es sogar schon, wenn man irgendwann einmal in seinem Leben einen Beamten im Fernsehen gespielt hat:

"Tatort"-Kommissar beim Schmuggeln erwischt

Die Rede ist von Mehmet Kurtuluş, der laut „Bild“ …, aber lesen Sie selbst:

Der Fall: Am Freitagmittag landet in Frankfurt am Main die Lufthansa-Maschine „LH 457“ aus Los Angeles. An Bord ist auch Schauspieler Kurtulus (…). An der Zollstation 6, im Terminal 1 (Halle B) dann der Zugriff: Die Beamten bitten den ARD-Star, seine Tasche zu öffnen. Sie finden: einen Laptop mit amerikanischer Tastatur! Auf die Frage, ob der Rechner neu gekauft sei, antwortet Kurtulus: „Nein, den habe ich vor etwa anderthalb Jahren gekauft, für ungefähr 1300 Dollar.“ Doch einen Beleg hat er nicht. (…) Ein Strafverfahren wird eingeleitet: „Verdacht der versuchten Steuerhinterziehung“.

Gut, Mehmet Kurtuluş ist eigentlich gar kein „Tatort“-Kommissar mehr und der Fall ist so unbedeutend, dass eine Sprecherin des Zolls auf Anfrage von Welt.de erklärt:

Ob allerdings Anklage gegen den Schauspieler erhoben wird, sei unklar. „Solche Fälle passieren hier ständig“, sagte sie.

Wirklich infam ist, dass „Bild“ einfach behauptet, dass der Schauspieler „beim Schmuggeln erwischt“ wurde, obwohl dies überhaupt nicht erwiesen ist. Zwar wird im Artikel die Behauptung durch „scheint“ und „soll“ abgemildert, die Unschuldsvermutung sollte jedoch auch in der Überschrift gelten.

Manche Kommentatoren auf Bild.de kommen daher auch gar nicht erst auf den Gedanken, dass Kurtuluş womöglich gar nicht geschmuggelt hat, sondern lassen auch gleich noch ungehemmt ihrem Rassismus freien Lauf (aber das kennt man ja):

Wenn man schon so heißt……………..

Rotzfrech, dummdreist. Daran ändert auch deutsche Staatsbürgerschaft nichts.

Das ist wahre Kulturbereicherung.
Danke an Grüne und Konsorten.

ich wundere mich überhaupt nicht! Das ist nun mal deren Mentalität! Sieht man auf jedem derer Basare…jeder versucht jeden übers Ohr zu hauen.

jetzt wissen wir wenigstens dass er sich wieder in d aufhält und unser sozialsystem belastet

… in die Türkei abhauen !!!

Und damit die eigenen Leser nicht selbst versehentlich eine derartige „Basarmentalität“ an den Tag legen, bietet Bild.de gleich noch den passenden Ratgeber:

 Mehmet Kurtulus beim Schmuggeln erwischt Was muss ich eigentlich alles verzollen?

Dabei zeigt sich auch die Komplexität der Zollbestimmungen:

Wer von außerhalb der Europäischen Union zurückkehrt (z. B. USA, Karibik, Afrika), darf zollfrei einführen:

(…)

• Kleidung und Wertsachen wie Schmuck oder Elektro-Artikel sind bis 300 Euro Wert zollfrei, bei Flug- und Seereisen bis 430 Euro.

(…)

Wer aus einem Nicht-EU-Land mehr mitbringt als erlaubt, muss die Ware bei der Einreise beim Zoll anmelden und eine Einfuhrabgabe zahlen.

Beispiel von „Zoll Online“

Ein Ehepaar reist auf dem Landweg (Pkw) aus der Schweiz ein, wo es 4 antike Stühle gekauft hat. Die Wertgrenze beträgt pro Reisenden 300 Euro, da sie nicht im See- oder Flugverkehr einreisen. Jeder Stuhl kostet 120 Euro. Beide Reisende können innerhalb der Wertgrenze von 300 Euro jeweils 2 Stühle (240 Euro) abgabenfrei einführen.

Ein anderes Ehepaar reist ebenfalls aus der Schweiz ein, wo es sich einen alten, restaurierten Bauernschrank im Wert von 320 Euro gekauft hat. Da der Schrank jedoch nicht teilbar ist, kann sein Wert nicht aufgeteilt werden. Demnach ist der Bauernschrank einem Ehepartner zuzuordnen. Sein Wert in Höhe von 320 Euro übersteigt die Freigrenze von 300 Euro. Somit fallen für den Schrank Einfuhrabgaben an.

– Ist bei nicht teilbaren Waren die Reisefreigrenze überschritten, so werden die Einfuhrabgaben auf den Gesamtwert der Ware und nicht nur auf den die Freigrenze übersteigenden Wertanteil erhoben. Dies bedeutet, dass in oben genanntem Beispiel der Schrank mit seinem Gesamtwert von 320 Euro zu verzollen ist.

So weit so richtig. Weiter im Text:

• Wer maximal 700 Euro über der Freigrenze liegt, die Ware im persönlichen Gepäck mitführt und sie für den privaten Gebrauch bestimmt ist, zahlt pauschal 17,5 Prozent des Warenwertes, der über den Grenzen liegt.

Das hingegen ist falsch. Sobald die Freigrenze überschritten wird, werden sämtliche Abgaben auf den Gesamtbetrag fällig. Das gilt auch nicht bis „maximal 700 Euro über der Freigrenze“, sondern nur bis 700 Euro Gesamtbetrag.

Bild.de weiter:

• Bei einer Überschreitung der Einfuhrgrenze um mehr als 700 Euro, oder wenn der Urlauber die pauschale Besteuerung ablehnt, berechnet der Zoll die Abgaben einzeln für jedes Produkt, abhängig vom Warenwert, Herkunftsland und der Art der Ware. Ein kompliziertes Verfahren, das Sie vermeiden sollten.

Wer dieses komplizierte Verfahren vermeiden will, sollte besser nicht auf Bild.de hören. Wie bereits oben erwähnt, kommt die Einzelberechnung für jedes einzelne Produkt bereits bei Überschreiten der Grenze von 700 Euro und nicht erst bei „Überschreitung der Einfuhrgrenze um mehr als 700 Euro“. Die 700 Euro sind schon die Grenze.

Oder, um es mit den Worten einer großen deutschen Tageszeitung zu sagen:

Bild.de beim Schmuggeln erwischt

Mit Dank an Axel Sch.

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Die dümmste anzunehmende Verwechslung (2)

Im März wurde in Emden ein elfjähriges Mädchen ermordet und vergewaltigt. Die Polizei verhaftete zunächst einen 17-jährigen Tatverdächtigen, der von den Medien als Täter präsentiert wurde. Über Facebook organisierte sich ein Mob vor der Polizeiwache, der den 17-Jährigen lynchen wollte. Dann stellte sich der junge Mann als unschuldig heraus (BILDblog berichtete mehrfach).

Kurz darauf wurde ein 18-Jähriger verhaftet, der die Tat gestand. Nun hat die Staatsanwaltschaft Aurich Anklage erhoben.

„Bild“ berichtete gestern darüber in der Bremer Regionalausgabe:

Anklage im Mordfall Lena (†11). David H. (18) versteckt sich bei seiner Verhaftung im April unter einem Sweatshirt.

Bei der Auswahl des Fotos machte die Zeitung den dümmsten anzunehmenden Fehler: Das Bild zeigt nicht den mutmaßlichen Täter, sondern den unschuldigen, ursprünglichen Tatverdächtigen.

Mit Dank an Horst-Schantalle.

Nachtrag, 30. Juli: Bild.de hat das Foto ersetzt.

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Bis sich die Balken biegen (4)

Das Dr.-Sommer-Team hat es immer schon gewusst: „Sechs ist nicht immer gleich!“

Im Balkendiagramm, das „Bild“ auf Grundlage eines „INSA-Meinungstrends“ erstellt hat, ist das jetzt erstmals grafisch festgehalten:

Mit Dank an die vielen andern Hinweisgeber.

Nachtrag, 22.25 Uhr: Auf Bild.de ist die Grafik inzwischen korrigiert — offenbar sogar schon kurz bevor wir unseren Artikel freigeschaltet hatten.

Abwärts

Die „Bild“-Zeitung, größte deutsche Tageszeitung, hat ihren Auflagenrückgang gestoppt. (…) Ulrike Fröhling von der „Bild“-Verlagsgeschäftsführung führte die aktuelle Entwicklung am Dienstag auf die Veränderungen bei dem Blatt seit dem Wechsel in der Chefredaktion zurück. Neuer Chefredakteur von „Bild“ ist seit Anfang des Jahres Kai Diekmann (…).

dpa, 17. April 2001

Der Jubel hielt nicht lange an. Und als es mit der Auflage der „Bild“-Zeitung kurz danach wieder bergab ging, sollte es nicht mehr am Chefredakteur liegen.

Im April 2002 hatte Kai Diekmann noch eine originelle Erklärung dafür, warum deutlich weniger Leute die „Bild“-Zeitung kauften. Der „Tagesspiegel“ gab sie damals so wieder:

Seien früher die Leute morgens zum Kiosk gegangen, hätten eine Mark für „Bild“ hingelegt und automatisch vom Verkäufer den vorbereiteten Groschen rübergeschoben bekommen, würden sie nun auf der Suche nach Münzen im Portmonee fummeln. An der Kasse bilden sich Schlangen, der Kaufvorgang sei im Gegensatz zu früher kein unbewusster mehr.

Schuld seien außerdem das Gefühl der Verbraucher, dass alles teurer geworden sei, die hohe Arbeitslosigkeit und die sinkende Zahl von Verkaufsstellen.

Das war vor knapp zehn Jahren.

Und so haben sich die Auflagen von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ weiter entwickelt, nachdem die Menschen sich an das neue Geld gewöhnt hatten und die Arbeitslosigkeit gesunken war:

Als sich Anfang 2011 abzeichnete, dass das Blatt bald keine drei Millionen Exemplare mehr verkaufen würde, sagte er dem „Focus“ wie zur Erklärung:

Schauen Sie mal raus. Es ist kalt, es schneit, da gehen weniger Menschen zum Kiosk.

Es hörte auf zu schneien, es wurde Sommer, die Auflage der „Bild“-Zeitung sank weiter.

Diekmann hat aber noch eine andere Ausrede, auf die er seit Jahren zurückgreift: Sein Blatt verliere zwar Käufer, aber nicht so viel wie die anderen Blätter. Im Verhältnis zum schrumpfenden Markt gewinne „Bild“ also sogar an Auflage.

Im Gespräch mit dpa, 2012:

dpa: „Wenn wir die Verkaufskurve weiterziehen, gibt es in 15, 20 Jahren keine „Bild“ mehr…“

Diekmann: „Da wir kontinuierlich Marktanteile gewinnen, würden vorher sehr viele andere Zeitungen und Zeitschriften vom Markt verschwinden. Im Ernst, diese Rechnung ist Quatsch.“

Gegenüber dem „Focus“ 2011:

„Wir haben in Deutschland einen insgesamt rückläufigen Markt. Das Mediennutzungsverhalten ändert sich. Die junge Generation bezieht ihre Informationen nicht mehr automatisch auf Papier, sondern etwa über digitale Kanäle. In diesem Markt ist „Bild“ stabiler als andere. Deshalb haben wir unseren Marktanteil bei den Boulevardzeitungen weiter ausgebaut.“

Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ 2010:

„Der Tageszeitungsmarkt ist insgesamt rückläufig, die Auflage fast aller Zeitungen geht zurück. In diesem Umfeld verdienen wir mit Bild so viel wie noch nie. Wir haben mit mehr als zwölf Millionen Lesern die höchste Reichweite und im Einzelverkauf den größten Marktanteil unserer Geschichte.“

Im „Tagesspiegel“ 2002:

„In einem Marktumfeld, in dem unseren Wettbewerbern die Hände und Füße abfrieren, niesen wir gerade mal. Das macht mich nicht glücklich. Aber immerhin trotzten wir im letzten Jahr dem rückläufigen Markttrend, gewannen sogar Auflage hinzu. Doch jetzt konnten wir uns dem Markttrend zumindest nicht völlig entziehen.“

Spiegelt die sinkende Auflage von „Bild“ (und „Bild am Sonntag“) also wirklich nur den Abwärtstrend bei Zeitungen insgesamt wieder? Und schlagen sich die Blätter, wie Diekmann seit vielen Jahren in leicht wechselnden Formulierungen behauptet, innerhalb dieses Trends besser als die Konkurrenz?

Nun. Dies ist die relative Entwicklung der Boulevardzeitungen in Deutschland seit 1998:

Alle haben Auflage verloren, aber „Bild“ ragt dabei keineswegs positiv heraus. Sie verliert mit erstaunlicher Konstanz dramatisch Käufer. Wenn man als Bezugspunkt 2001 nimmt, das Jahr des Dienstantritts von Kai Diekmann, hat keine Boulevardzeitung in diesem Zeitraum einen so hohen Anteil an Auflage verloren wie „Bild“ (38 Prozent) und „Bild am Sonntag“ (44 Prozent). Auch bezogen auf die vergangenen beiden Jahre stehen „Bild“ und „Bild am Sonntag“ schlechter da als die regionale Konkurrenz mit Ausnahme ihres Berliner Schwesterblattes „B.Z.“

Falls nicht die kleinen regionalen Boulevardzeitungen der richtige Bezugspunkt für „Bild“ sind, sondern die anderen überregionalen Blätter:

Und, der Vollständigkeit halber: So gut hat „Bild am Sonntag“ im Vergleich zu anderen Sonntags- und Wochenzeitungen ihre Auflage in den vergangenen zehn Jahren gehalten:

Die „Bild“-Zeitung hat es unter anderem dank Preiserhöhungen um insgesamt 100 Prozent seit dem Amtsantritt Diekmanns geschafft, ihre Gewinne trotz sinkender Auflagen zu erhöhen. Misst man den publizistischen Erfolg des Blattes aber an der Zahl seiner Käufer — wie Kai Diekmann es tat, solange die Auflage stieg — ist die Bilanz vernichtend. Und das liegt nicht am Wetter und nicht am Euro.

Kein Anschluss unter dieser Nummer

Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass es vor vielen Jahren im Sommerloch die Forderung gab, Mallorca als 17. deutsches Bundesland zu installieren.

Der „Vorschlag“ war 1993 vom CDU-Bundestagsabgeordneten Dionys Jobst gekommen, der sich 15 Jahre später im Gespräch mit dem „Trierischen Volksfreund“ so an die Geschichte erinnerte:

Ihre Forderung vor 15 Jahren, Mallorca als 17. Bundesland zu kaufen, hat sie zum König des Sommerlochs gemacht. Wie kam es dazu?

Jobst: Das war eine lustige Unterhaltung mit einem Vertreter der Bild-Zeitung über alles Mögliche im Verkehrsbereich, bei der wir irgendwann auf Mallorca kamen. Als wir feststellten, dass die meisten aus Deutschland dort hinfahren, haben wir gesagt, die Insel müsste eigentlich gekauft werden. Ich weiß nicht, ob Bild mich bewusst darauf zu gesteuert hat, jedenfalls hat sie daraus einen Wirbel gemacht…,

…der Sie völlig überrascht hat?

Jobst: Ja, ich habe zwar angenommen, dass dazu etwas in der Bild-Zeitung stehen würde. Aber mir wäre lieber gewesen, in einer moderaten Form und nicht so marktschreierisch, dass alle Urlauber an allen Stränden der Welt zum Zeitungsstand liefen und die Bild-Zeitung gekauft haben. Manche haben das ja als bare Münze genommen.

[…]

Haben Sie sich denn nicht vorgeführt gefühlt?

Jobst: Mir wäre es lieber gewesen, Bild hätte es in einer lustigen Form gebracht. Ich hab das der Zeitung schon verübelt.

Da sich Geschichte bekanntlich als Farce wiederholt, ist die Wiederholung dieser 19 Jahre alten Farce noch ein kleines bisschen irrer: Die griechische Insel Ikaria will angeblich zu Österreich gehören.

Als erstes berichtete am Montag die italienische Zeitung „Libero“ über diesen merkwürdigen Wunsch. Wie es der Zufall so wollte, jährte sich am Dienstag nämlich zum hundertsten Mal die Revolution, mit der Ikaria sich im Handstreich vom Osmanischen Reich losgesagt hatte. Nach knapp vier Monaten Unabhängigkeit wurde der Freistaat Ikaria dann von griechischen Truppen besetzt und am 24. Juni 1913 formell von Griechenland annektiert. „Libero“ berichtete nun, dass der Vertrag, der bei der Annexion geschlossen wurde, in Kürze auslaufen werde und die Bewohner darüber nachdächten, wieder unabhängig zu werden oder sich einem anderen Staat anzuschließen.

Es gibt viele, die zur Wahl gehen würden, um zu entscheiden, ob sie weiterhin von Griechenland regiert werden oder unabhängig werden. „Die Regierung hat uns über Jahre vergessen“, sagen sie. „Wenn sie jetzt nicht entscheidet, uns ein Krankenhaus und neue Straßen zu geben, könnten wir entscheiden, uns von Athen abzuspalten.“

(Übersetzung von uns.)

Das klingt reichlich nebulös, wird aber noch besser:

„Es wäre schwierig, unabhängig zu bleiben“, geben einige während einer der wenigen Veranstaltungen zu, die ein Vorspiel für die große Hundertjahrfeier zur Unabhängigkeit sind. „Aber wir können nach der Annexion durch einen anderen Staat fragen: sicher nicht die Türkei, höchstens Österreich.“

(Übersetzung von uns.)

Okay, das wirkt ein bisschen wahllos und allenfalls viertelseriös — aber für die österreichische Gratiszeitung „Heute“ völlig ausreichend.

Laut italienischer Zeitung Libero wurde den Insulanern die Dauerkrise ihrer Regierung zu bunt. Sie fordern nun öffentlich: „Servus Athen, wir gehen nach Österreich!“

Ja, so kann man die butterweichen Nicht-Informationen vom „Libero“ natürlich auch zusammenfassen.

Rätselhaft geht es weiter:

Bereits 1912 erkämpfte Ikaria die Unabhängigkeit, wurde aber 1913 von Athen annektiert. „Heute, am 17. Juli, läuft das 100-jährige Abkommen aus, dann können wir über unsere Zukunft neu bestimmen. Athen hat uns vergessen, deshalb denken wir über eine Angliederung an Österreich nach“, so ein Sprecher von Bürgermeister Christodoulos.

Wenn es ein solches 100-jähriges Abkommen überhaupt gäbe, liefe es vermutlich erst im Sommer 2013 aus, aber nicht vorgestern, zur 100-jährigen Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich. Auch verdächtig, dass der „Sprecher“ bei „Heute“ ziemlich exakt das sagt, was beim „Libero“ noch irgendjemand unbestimmtes geäußert hatte.

Doch damit war die Meldung in der Welt. Weil man einer einzelnen Quelle ja nicht trauen kann, erklärte die österreichische Nachrichtenagentur APA „Heute“ einfach zur zweiten Quelle und vermeldete stolz:

Die idyllische Insel Ikaria mitten in der Ägäis will die Loslösung von Athen und träumt davon, zu Österreich zu gehören. Am heutigen Dienstag läuft das 100-jährige Abkommen aus, mit dem sich Ikaria am 17. Juli 1912 die Unabhängigkeit vom türkischen Reich erkämpft und Griechenland angeschlossen hatte, so die italienische Tageszeitung „Libero“. Nun denkt Ikaria an die Angliederung an Österreich.

Auf der Insel überlegt man eine Volksabstimmung, um zu entscheiden, ob die 9.000 Einwohner weiter von Athen regiert oder unabhängig werden wollen, berichtete auch die Wiener Gratiszeitung „Heute“. „Die Regierung hat uns schon vor Jahren vergessen. Wenn man uns jetzt keine neuen Straßen und kein Krankenhaus zusichern kann, können wir die Loslösung von Athen beschließen“, drohen die Insulaner. „Unabhängig zu bleiben, ist für uns schwierig. Wir könnten aber den Anschluss zu einem anderen Staat fordern. Natürlich nicht zur Türkei, lieber zu Österreich“, sagten die Bewohner bei den Feierlichkeiten zum 100-jährigen Jubiläum ihrer Unabhängigkeit.

„Welt Online“ bemühte sich um einen Hauch von Restzweifel:

„Athen hat uns vergessen, deshalb denken wir über eine Angliederung an Österreich nach“, sagte wohl ein Sprecher von Ikarias Bürgermeister Stafrinadis Christodoulos.

Der österreichische „Standard“ schrieb zwar im Vorspann „Ikaria denkt über Loslösung von Griechenland nach – Einige Bewohner träumen davon, zu Österreich zu gehören“, hatte aber ansonsten schon mal ordentlich recherchiert:

Die Insel Ikaria sei ein untrennbarer Teil des griechischen Staatsgebiets, stellte die griechische Botschaft in Wien am Dienstagnachmittag fest. „Griechenland wird nicht föderalistisch, sondern einheitlich verwaltet.“ Es bestehe somit „kein auslaufendes Abkommen zwischen der griechischen Regierung und der Insel“ und handle sich in diesem Fall um die Privatmeinungen von Einzelpersonen.

„Am 17. Juli 2012 wird das 100-jährige Jubiläum der Revolution gefeiert, mit der die ostägäische Insel Ikaria ihre Selbstständigkeit vom Osmanischen Reich erlangt hat. Der Vertrag von Lausanne aus dem Jahr 1923 bestätigt in Artikel 12, dass die Inseln der Ostägäis, darunter auch Ikaria, zu Griechenland gehören“, so die Botschaft.

Ähnlich zitiert die „Kleine Zeitung“ die griechische Botschaft in Wien, die sich sicherlich auch nicht hätte träumen lassen, sich mal zu einer solchen Fragestellung äußern zu müssen.

„Bild“ griff zur üblichen Überschriften-Rhetorik, die aus einem Einzelfall den Beginn einer Serie ableitet, und titelte:

1. Griechen-Insel will zu Österreich gehören

Österreichische Medien waren in der Zwischenzeit damit beschäftigt, sensationelle Zustimmungswerte in der eigenen Bevölkerung zu vermelden („80%“!, „83%“!) und einheimische Völkerrechtler zu befragen, ob das glückliche Österreich denn einfach so eine griechische Insel übernehmen könne („Österreich müsste natürlich zustimmen. Und der Bundespräsident müsste einen völkerrechtlichen Vertrag mit der Insel unterzeichnen.“).

Ausgerechnet die Boulevardzeitung „Österreich“ rief auf der Insel an und erfuhr beim Gespräch mit dem Bürgermeister, dass es sich bei den Beitrittsplänen um einen „netten Scherz“ handle. Es bestehe auch kein auslaufendes Abkommen zwischen Athen und Ikaria.

Die Geschichte von der geplanten Angliederung Ikarias an Österreich erreichte unterdessen immer neue Höhen. Wie Ikarus, der Namensgeber der Insel, stieg sie immer weiter empor.

Bei stern.de schließlich kam sie der Sonne gefährlich nahe — und das, wo der zuständige Autor offensichtlich noch nicht mal den Urknall gehört hatte:

Irgendjemand auf der Insel kam auf den Gedanken, sich vom griechischen Staat loszusagen und sich einem anderen Land anzuschließen. Da auch die Griechen auf Ikaria mehrheitlich keine Lust auf die ungeliebte Türkei haben, richtet sich das Augenmerk auf Österreich. Von einer Volksabstimmung ist die Rede. „Athen hat uns schon vor Jahren vergessen“, wird ein Sprecher von Ikarias Bürgermeister Stafrinadis Christodoulos in diversen österreichischen und italienischen Zeitungen zitiert. „Deshalb denken wir über eine Angliederung an Österreich nach.“

Aus der unbekannten (und – seien wir ehrlich – mutmaßlich nicht existenten) Quelle im „Libero“ ist also „ein Sprecher von Ikarias Bürgermeister Stafrinadis Christodoulos“ geworden, der „in diversen österreichischen und italienischen Zeitungen“ zitiert wird.

Überhaupt lebt der Text von seinen gefühlten Wirklichkeiten:

Auch wenn bislang kein hochoffizielles Statement der Inselregierung vorliegt, geschweige denn eine Unabhängigkeitserklärung: Die Regierung in Athen nimmt die Sache bierernst. „Ikaria ist ein untrennbarer Teil des griechischen Staatsgebiets und es besteht kein auslaufendes Abkommen zwischen der griechischen Regierung und der Insel“, ließ die griechische Botschaft in Wien wissen.

Einmal in Fahrt, geht die Logik fröhlich winkend über die Klippen:

Der Diplomat wird mit den Worten zitiert: „Bei uns gab es dazu auch noch keine offizielle Anfrage.“ Aber was heißt das schon? Nicht jede Drohung wird mit einem „offiziellen Antrag“ bestätigt.

Wir würden an dieser Stelle gerne die offizielle Anfrage stellen, ob die bei stern.de eigentlich komplett verrückt geworden sind, oder es nur mit dem Thema angemessen Humor versuchen.

Andererseits:

Der Bürgermeister gibt keine Kommentare dazu ab, vielleicht hat er kalte Füße bekommen. Aber irgendjemand muss ja schließlich diesen einen Satz gesagt haben, der in etlichen Zeitungen wiedergegeben wird: „Wenn man uns jetzt keine neuen Straßen und kein Krankenhaus zusichern kann, können wir die Loslösung von Athen beschließen.“

Auf Ikaria gibt es einige antike Sehenswürdigkeiten. Vielleicht findet sich irgendwo eine Steinplatte, in die man den zentralen Gedanken dieses Artikels einmeißeln könnte:

Aber irgendjemand muss ja schließlich diesen einen Satz gesagt haben

Man könnte daraus ein Grabmal für den deutschsprachigen Journalismus bauen.

Mit Dank an M.S.

Nachtrag, 20. Juli: stern.de hat unter dem Artikel einen kleinen Hinweis platziert:

(Anmerkung der Redaktion: Der Bürgermeister erklärte nach Angaben österreichischer Medien inzwischen: „Das ist ein netter Scherz, nicht mehr. Weder wollen wir weg von Athen, noch planen wir Anschluss an Österreich.“)

Der Name des zuständigen Autors wurde entfernt, ansonsten aber offenbar nichts am Artikel geändert.

Darauf einen Absacker!

Als die Boeing 757 von United Airlines am Sonntag von Washington, D.C. nach London von der Startbahn abhob, ahnten die 50 Passagiere an Bord vermutlich noch nicht, dass sie Zeugen und Opfer einer Beinahe-Katastrophe werden würden, die in deutschen Medien so aufbereitet wurde:

Bild.de:

Flugzeug sackt 6000 Meter ab – Notlandung!

„Bild“:

„B.Z.“:

United-Jet sackt 6000 Meter ab: Notlandung

„Focus Online“:

United-Airlines-Maschine muss notlandenBoeing 757 stürzt 6000 Meter in die Tiefe...
United-Airlines-Maschine muss notlanden: Boeing 757 stürzt 6000 Meter in die Tiefe

„Berliner Kurier„:

Flug-Schock
Notlandung! Flugzeug fällt 6000 Meter in die Tiefe

Die deutschen Medien berufen sich dabei auf Artikel ihrer englischen Kollegen, denn zuvor hatten etwa die „Daily Mail“ und der „Daily Mirror“ über den Zwischenfall berichtet.

Hätten die Journalisten jedoch selbst ein wenig recherchiert (oder einfach mal in ihren zahlreichen Leserkommentaren nachgeschaut), wären sie schnell darauf gestoßen, dass das Flugzeug nicht „gestürzt“, „gefallen“ oder „abgesackt“ war, sondern die Piloten – weil es Probleme bei einem Triebwerk gab – aus Sicherheitsgründen bewusst niedriger geflogen sind.

Dementsprechend klingt die Version des „Aviation Herald“ auch um einiges nüchterner:

Eine United Boeing 757-200, Kennzeichen N14118, Flug UA-130 von Washington Dulles, DC (USA) nach London Heathrow, EN (UK) mit 50 Passagieren und 9 Crew-Mitgliedern, war auf dem Weg auf Flugfläche 390 über den Atlantischen Ozean etwa 500 Nautische Meilen östlich von St. John’s, NL (Kanada), als die Crew über das Notfallmeldesystem erklärte, dass sie ein Triebwerk (RB211) abgeschaltet habe und auf Flugfläche 280 gesunken sei. Das Flugzeug kehrte um und steuerte St. John’s an, wo es etwa 130 Minuten später sicher auf Landebahn 29 landete.

Der Rest des Fluges wurde gestrichen.

Die Airline teilte mit, es sei ein technisches Problem mit einem Triebwerk aufgetreten. Als Vorsichtsmaßnahme sei das Triebwerk abgeschaltet worden. Die Passagiere wurden auf andere Flüge in Richtung London umgebucht.

(Übersetzung von uns).

Wie uns das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt auf Anfrage erklärte, ist es völlig normal, die Flughöhe zu reduzieren, wenn eines von zwei Triebwerken ausfällt oder abgeschaltet werden muss. Nur so kann in vielen Fällen der nächste Flughafen erreicht werden. Und das ist seit knapp 50 Jahren für zweistrahlige Flugzeuge wie die Boeing 757 sogar Vorschrift.

Davon abgesehen ist das Flugzeug laut „Aviation Herald“ von Flugfläche 390 (etwa 39.000 Fuß/11.900 Meter) auf Flightlevel 280 (etwa 28.000 Fuß/8.500 Meter) gesunken – also nicht um 6.000 Meter, sondern um „nur“ 3.400.

„Spiegel Online“ immerhin hat die ursprüngliche Überschrift „Boeing sackt um 6.000 Meter ab“ mittlerweile in „Triebwerksprobleme zwingen Boeing zum Umkehren“ geändert.

Unter dem Artikel heißt es:

Anmerkung der Redaktion: In der ursprünglichen Meldung wurde der Eindruck erweckt, die Boeing sei nach einem Triebwerksausfall um 6000 Meter unkontrolliert abgesackt. Tatsächlich handelte es sich um ein kontrolliertes Manöver des Piloten. Wir bitten um Entschuldigung.

Mit Dank an Chris K., Stephan Sch. und Wolfgang.

Man macht sich ja kein Bild

Beim Satiremagazin „Titanic“ gehört es gewissermaßen zur Tradition, sich auf dem Titelbild mit der Kirche und dem Papst zu beschäftigen. Da wird das Kirchenoberhaupt dann auch mal für schwanger erklärt, mal trägt der Papst einen Bin-Laden-Bart oder wird in äußerst zweideutiger Stellung mit einem Schaf gezeigt. Doch so sehr sich die Satiriker auch bemühten: An der Öffentlichkeit gingen ihre Papst-Witze in den letzten Jahren meist vorüber, ohne für großes Aufsehen zu sorgen. Auch die deutschen Journalisten schauten dem fröhlichen Treiben der „Titanic“ meist kommentarlos zu, ohne irgendwelche Bedenken oder gar Widerspruch anzumelden.

Beim aktuellen „Titanic“-Titelbild wäre es wahrscheinlich nicht anders gewesen. Vermutlich wäre es irgendwann in den Archiven des Magazins verschwunden, ohne dass sich jemand, erst recht kein Journalist, öffentlich dazu geäußerst hätte.

Zunächst sah es auch ganz danach aus — immerhin lag das Heft nach Erscheinen fast zwei Wochen lang am Kiosk, ohne dass jemand Anstoß daran nahm. Seit etwa einer Woche aber interessiert sich der Großteil der deutschen Medien plötzlich doch für die „Titanic“ und ihr Titelbild. Nicht, weil sich die Satiriker diesmal besonders weit aus dem Fenster gelehnt hätten — nein, der Grund für das plötzliche Interesse der Medien war der Gang des Papstes zur irdischen Gerichtsbarkeit:

Umstrittenes Titelbild: Papst erzwingt einstweilige Verfügung gegen Satireblatt Titanic

Das Blatt darf das katholische Kirchenoberhaupt nicht mehr – wie in der aktuellen Ausgabe – mit einem großen gelben Fleck vorne und einem braunen Fleck hinten auf der Soutane auf Titelbild und Rückseite zeigen, wie eine Sprecherin des Landgericht Hamburg am Dienstag sagte. Titanic dürfe unter Androhung eines Zwangsgeldes die Hefte nicht weiter verbreiten und die Bilder nicht im Internet veröffentlichen. Allerdings müssten die bereits an den Handel verschickten Ausgaben nicht zurückgerufen werden.

Anlass der Unterlassungsklage ist das aktuelle Titelbild „Halleluja im Vatikan – Die undichte Stelle ist gefunden!“. Wegen „Verletzung seiner Persönlichkeitsrechte“ habe Erzbischof Angelo Becciu im Namen von Benedikt XVI. eine Bonner Kanzlei mit der Durchsetzung der Unterlassung beauftragt, so Titanic.

Nachdem der Papst seine Anwälte eingeschaltet hatte, meldeten sich plötzlich auch jene Journalisten empört zu Wort, die sich an Titelbildern wie „Gott im Glück: der Papst ist schwanger“ oder „Abwrackprämie sichern: Altpapst verschrotten“ bislang offenbar nie gestört hatten.

Franz Josef Wagner, Fachmann für Harndrang, polterte am Donnerstag in einem Brief an die „Idioten von der Titanic“ drauf los:

Ich frage mich, ob Ihr Humorhelden jemals einen sich besudelnden Propheten Mohammed auf den Titel gebracht hättet.

Ihr habt es nicht gemacht, weil Euer Arsch auf Grundeis ging. Scharia, Todesdrohungen. Euer Redaktionsgebäude würde belagert von Demonstranten. Fahnen würden brennen.

Ihr tapferen Humorhelden von Titanic. Mit dem Papst könnt Ihr alles machen. Er schickt keine Todesschwadronen. Er setzt kein Kopfgeld auf den Chefredakteur aus. Der Papst klagte gegen seine beschmutzten Bilder.

Auch „Spiegel Online“-Kolumnist Jan Fleischhauer kann sich mit den „Furzkissenwitzen“ der „Titanic“ mal so gar nicht anfreunden. Er macht folgenden Vorschlag:

Ich bin nicht katholisch genug, um mir wie Mosebach eine strengere Verfolgung der Blasphemie zurückzuwünschen. Aber wenn man als aufmüpfig gelten will, dann sollte man dabei einen Einsatz wagen – da hat er recht, wie ich finde. Wie wäre es also, liebe „Titanic“-Redaktion, beim nächsten Mal mit einer ordentlichen Mohammed-Karikatur? Vielleicht zum Anfang ein Bild des Propheten mit verschütteter Cola überm Rauschebart.

Dann müsstet ihr in eurem fidelen Studentenbuden-Gejuxe mal ausnahmsweise unter Beweis stellen, dass es euch wirklich ernst ist mit dem Einsatz für den Freiraum der Satire. Das könnte lustig werden. Echt.

(Link von uns.)

Das Argument, mit dem Islam hätte sich die „Titanic“ so etwas bestimmt nicht getraut, wird nicht nur von Wagner und Fleischhauer angeführt, auch viele andere Kritiker (etwa „Bild“-Chef Kai Diekmann) benutzen es gerne, um der „Titanic“ vorzuwerfen, dass sie ja eigentlich ziemlich feige sei.

Man kann von dem „Titanic“-Titelbild ja halten, was man will — doch dieses Argument zieht nicht so recht. Wer so argumentiert, geht davon aus, Muslime würden, sobald sich jemand dem Islam auf humoristische oder satirische Weise annähert, quasi ganz automatisch „Todesschwadronen“ losschicken, Morddrohungen aussprechen und Fahnen verbrennen. Die Wirklichkeit sieht hingegen meist deutlich entspannter aus, als es sich Herr Wagner und Herr Fleischhauer vorstellen mögen.

In einem Interview berichtete „Titanic“-Chefredakteur Leo Fischer kürzlich zum Beispiel über den „Mohammed-Ähnlichkeitswettbewerb“, den die „Titanic“ 2008 für die Frankfurter Buchmesse geplant hatte:

Das Interessante in diesem Zusammenhang war, dass wir von deutschen Muslimen überhaupt keine Reaktionen erhalten haben. Es gab allerdings eine Vielzahl von Christen und Deutschen ohne Migrationshintergrund, die uns beschimpften und sich empörten. Von Morddrohungen und Gewaltaufrufen seitens Muslimen waren wir himmelweit entfernt. Ich erinnere mich lediglich an einen einzigen Leserbrief, in dem ein Muslim seine Trauer und sein Unverständnis über die Namensgebung der Lesung zum Ausdruck brachte. Ein islamischer Kulturverein hat uns sogar angeboten, als alternativer Veranstaltungsort dieses Wettbewerbs zu fungieren.

Und davon mal abgesehen: Dass die „Titanic“ sich nicht traue, auch mal den Islam durch den Kakao zu ziehen, ist als Argument mindestens ebenso haltlos. Mit ein bisschen Recherche hätten Herr Wagner und Herr Fleischhauer das aber auch selbst herausfinden können.

Siehe dazu auch:

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

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Wechselgerüchte um Cacau

Der VfB Stuttgart hat am Sonntag ein Testspiel beim Drittligisten Hansa Rostock absolviert. Die Leistung der Stuttgarter war wohl nicht so richtig überzeugend, das Spiel endete 1:1 und einer war laut „Bild“ besonders schwach:

Schwacher Cacau: Auswechslung schon zur Pause

Der Nationalspieler, der in den vergangenen Tagen laut über seinen Abschied aus Stuttgart nachgedacht hatte, muss wirklich schlecht gespielt haben: Insgesamt drei Mal erwähnt „Bild“, dass „für den enttäuschenden Cacau“ „nach 45 Minuten Schluss“ bzw. „sein Arbeitstag beendet“ gewesen sei.

Doch nicht nur für den: Die gesamte Startelf des VfB Stuttgart wurde in der Halbzeitpause ausgewechselt, wie der Verein auf seiner Internetseite schreibt. Er schreibt allerdings auch:

In der Pause wechselte Cheftrainer Bruno Labbadia, wie vorab angekündigt, komplett durch.

Dadurch wirkte die Auswechslung von Cacau – schwache Leistung hin oder her – natürlich nicht mehr ganz so spektakulär. Das haben sie selbst bei „Bild“ eingesehen und in der Nacht die Version bei Bild.de überarbeitet.

Mit Dank an Michael W.

Opfer eines Autounfalls instrumentalisiert

Das Foto zeigt einen Vater, der weinend auf der Straße hockt und Abschied nimmt von seinem Sohn, der an dieser Stelle gerade bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.

Die „Bild am Sonntag“ stellte diesen intimen Moment groß aus; die „Bild“-Zeitung zeigte das Foto am nächsten Tag noch einmal (BILDblog berichtete). Sie taten das angeblich nicht, um die Schaulust zu befriedigen, sondern um die Zahl der Opfer von alkoholisierten Autofahrern zu reduzieren.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Presserat missbilligte ihre Berichterstattung trotzdem.

Mehrere Menschen hatten sich über „Bild am Sonntag“ und „Bild“ beschwert. Sie hätten die Betroffenen ein zweites Mal zu Opfern gemacht und ihre Gefühle der Angehörigen nicht respektiert.

Das Justiziariat der Axel Springer AG erwiderte, die ausschließliche Motivation der Berichterstattung sei es gewesen, auf die schrecklichen Folgen von Alkoholmissbrauch am Steuer hinzuweisen. Es sei unstreitig, dass weniger Unfälle passieren würden, wenn Verkehrsteilnehmern diese Folgen deutlich gemacht würden — auch die Deutsche Verkehrswacht nutze Plakate mit drastischen Darstellungen.

Außerdem sei die Leiche abgedeckt und keiner der Beteiligten identifizierbar.

Der Presserat sah in den Veröffentlichungen zwar keinen Verstoß gegen die Menschenwürde (Ziffer 1 des Pressekodex) und auch keine unangemessen sensationelle Darstellung von Leid (Ziffer 11). „Bild am Sonntag“ habe aber die Privatheit der Opfer missachtet (Ziffer 8). In Richtlinie 8.3 heißt es:

Bei Familienangehörigen und sonstigen durch die Veröffentlichung mittelbar Betroffenen, die mit dem Unglücksfall oder der Straftat nichts zu tun haben, sind Namensnennung und Abbildung grundsätzlich unzulässig.

Die Familie sei aufgrund vieler Details identifizierbar. Ihre private Trauer werde einer großen Öffentlichkeit gezeigt. Wenn die Zeitung auf die Gefahren von Alkohol am Steuer hinweisen wollte, hätte sie über den Unfall auch in anderer Form berichten können. „Bild am Sonntag“ habe die Betroffenen „instrumentalisiert“.

Bild  

Panda, Gorilla & Cro

Der Rapper Cro ist dafür bekannt, dass niemand weiß, wie er aussieht: Er versteckt sein Gesicht bei Auftritten und Foto-Shootings hinter einer Pandamaske.

Anders gesagt: Der Rapper Cro war dafür bekannt, dass niemand wusste, wie er aussieht. „Bild“ spielt nämlich heute Spielverderber:

Der Rapper mit der Maske: So sieht "Cro" wirklich aus! Seine Musik ist der Hit, seine Panda-Maske Kult: Ganz Deutschland liebt den geheimnisvollen Rapper "Cro" ("Easy"). Wie einst Rapper Sido (31) versteckt "Cro" seine wahre Identität hinter einer Maske. Cro: "Ich könnte überall hinpinkeln, ohne dass

Dazu zwei Dinge:

Erstens lautet das Pinkel-Zitat im Original minimal anders, da hat der Rapper nämlich zur Nachrichtenagentur dpa gesagt:

„Ich könnte überall hinpinkeln, ohne dass Cro am nächsten Tag in der ‚Bild‘-Zeitung steht. Das ist cool.“

Und zweitens ist das Foto, das „Bild“ zeigt, nicht „neu“ oder „jetzt“ erstmals veröffentlicht worden: Es entstammt einem Buch, das im Februar erschienen ist. Im April hatte das SWR-Jugendradio „Das Ding“ das Foto auf seiner Internetseite veröffentlicht.

Ob das Foto tatsächlich Cro zeigt, wurde damals kontrovers diskutiert, vom Musiker und seinem Label aber nie dementiert.

Mit Dank an Mirko D.

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