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Wechselgerüchte um Cacau

Der VfB Stuttgart hat am Sonntag ein Testspiel beim Drittligisten Hansa Rostock absolviert. Die Leistung der Stuttgarter war wohl nicht so richtig überzeugend, das Spiel endete 1:1 und einer war laut „Bild“ besonders schwach:

Schwacher Cacau: Auswechslung schon zur Pause

Der Nationalspieler, der in den vergangenen Tagen laut über seinen Abschied aus Stuttgart nachgedacht hatte, muss wirklich schlecht gespielt haben: Insgesamt drei Mal erwähnt „Bild“, dass „für den enttäuschenden Cacau“ „nach 45 Minuten Schluss“ bzw. „sein Arbeitstag beendet“ gewesen sei.

Doch nicht nur für den: Die gesamte Startelf des VfB Stuttgart wurde in der Halbzeitpause ausgewechselt, wie der Verein auf seiner Internetseite schreibt. Er schreibt allerdings auch:

In der Pause wechselte Cheftrainer Bruno Labbadia, wie vorab angekündigt, komplett durch.

Dadurch wirkte die Auswechslung von Cacau – schwache Leistung hin oder her – natürlich nicht mehr ganz so spektakulär. Das haben sie selbst bei „Bild“ eingesehen und in der Nacht die Version bei Bild.de überarbeitet.

Mit Dank an Michael W.

Opfer eines Autounfalls instrumentalisiert

Das Foto zeigt einen Vater, der weinend auf der Straße hockt und Abschied nimmt von seinem Sohn, der an dieser Stelle gerade bei einem Autounfall ums Leben gekommen ist.

Die „Bild am Sonntag“ stellte diesen intimen Moment groß aus; die „Bild“-Zeitung zeigte das Foto am nächsten Tag noch einmal (BILDblog berichtete). Sie taten das angeblich nicht, um die Schaulust zu befriedigen, sondern um die Zahl der Opfer von alkoholisierten Autofahrern zu reduzieren.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Presserat missbilligte ihre Berichterstattung trotzdem.

Mehrere Menschen hatten sich über „Bild am Sonntag“ und „Bild“ beschwert. Sie hätten die Betroffenen ein zweites Mal zu Opfern gemacht und ihre Gefühle der Angehörigen nicht respektiert.

Das Justiziariat der Axel Springer AG erwiderte, die ausschließliche Motivation der Berichterstattung sei es gewesen, auf die schrecklichen Folgen von Alkoholmissbrauch am Steuer hinzuweisen. Es sei unstreitig, dass weniger Unfälle passieren würden, wenn Verkehrsteilnehmern diese Folgen deutlich gemacht würden — auch die Deutsche Verkehrswacht nutze Plakate mit drastischen Darstellungen.

Außerdem sei die Leiche abgedeckt und keiner der Beteiligten identifizierbar.

Der Presserat sah in den Veröffentlichungen zwar keinen Verstoß gegen die Menschenwürde (Ziffer 1 des Pressekodex) und auch keine unangemessen sensationelle Darstellung von Leid (Ziffer 11). „Bild am Sonntag“ habe aber die Privatheit der Opfer missachtet (Ziffer 8). In Richtlinie 8.3 heißt es:

Bei Familienangehörigen und sonstigen durch die Veröffentlichung mittelbar Betroffenen, die mit dem Unglücksfall oder der Straftat nichts zu tun haben, sind Namensnennung und Abbildung grundsätzlich unzulässig.

Die Familie sei aufgrund vieler Details identifizierbar. Ihre private Trauer werde einer großen Öffentlichkeit gezeigt. Wenn die Zeitung auf die Gefahren von Alkohol am Steuer hinweisen wollte, hätte sie über den Unfall auch in anderer Form berichten können. „Bild am Sonntag“ habe die Betroffenen „instrumentalisiert“.

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Panda, Gorilla & Cro

Der Rapper Cro ist dafür bekannt, dass niemand weiß, wie er aussieht: Er versteckt sein Gesicht bei Auftritten und Foto-Shootings hinter einer Pandamaske.

Anders gesagt: Der Rapper Cro war dafür bekannt, dass niemand wusste, wie er aussieht. „Bild“ spielt nämlich heute Spielverderber:

Der Rapper mit der Maske: So sieht "Cro" wirklich aus! Seine Musik ist der Hit, seine Panda-Maske Kult: Ganz Deutschland liebt den geheimnisvollen Rapper "Cro" ("Easy"). Wie einst Rapper Sido (31) versteckt "Cro" seine wahre Identität hinter einer Maske. Cro: "Ich könnte überall hinpinkeln, ohne dass

Dazu zwei Dinge:

Erstens lautet das Pinkel-Zitat im Original minimal anders, da hat der Rapper nämlich zur Nachrichtenagentur dpa gesagt:

„Ich könnte überall hinpinkeln, ohne dass Cro am nächsten Tag in der ‚Bild‘-Zeitung steht. Das ist cool.“

Und zweitens ist das Foto, das „Bild“ zeigt, nicht „neu“ oder „jetzt“ erstmals veröffentlicht worden: Es entstammt einem Buch, das im Februar erschienen ist. Im April hatte das SWR-Jugendradio „Das Ding“ das Foto auf seiner Internetseite veröffentlicht.

Ob das Foto tatsächlich Cro zeigt, wurde damals kontrovers diskutiert, vom Musiker und seinem Label aber nie dementiert.

Mit Dank an Mirko D.

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Ermittler bei der Arbeit

Manchmal sitzt man als Leser vor einer Zeitung und fragt sich: „Wie haben die das jetzt wieder rausbekommen?“

Gute Recherche zählt zu den wichtigsten Handwerkszeugen von Journalisten. Eine wichtige Story vor allen anderen zu haben, sorgt nicht nur für Renommee, sondern auch für wirtschaftlichen Erfolg. Je nach Medium und Thema können die Methoden auch schon mal unsauber bzw. schmutzig sein.

Warum erzählen wir Ihnen das alles?

Weil wir die Frage „Wie haben die das jetzt wieder rausbekommen?“ ausnahmsweise mal ziemlich präzise beantworten können.

Bild.de veröffentlichte heute um 12.54 Uhr folgende Nachricht:

Wotan Wilke Möhring (45) wird „Tatort“-Kommissar.

Wie BILD.de erfuhr, übernimmt der Schauspieler die Rolle des Thorsten Falke. Seinen ersten Fall wird er in Hamburg lösen.

Bild.de hatte das offenbar „erfahren“, weil der NDR um 12.17 Uhr eine Pressemitteilung veröffentlicht hatte, ab 12.48 Uhr berichteten die Agenturen dapd und dpa in eigenen Meldungen darüber.

Alle wichtigen Zitate und Informationen aus dem Artikel bei Bild.de stammen dann auch aus dieser Pressemitteilung — angereichert um ein Zitat eines NDR-Sprechers, das die dpa aufgetan hatte.

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Stefanie Hertel: Liebe hat tausend Gesichter

Die „New York Times“ genießt einen guten Ruf als Qualitätszeitung. Das bedeutet nicht, dass sie keine Fehler macht — aber auch bei ihren Fehlerkorrekturen ist die Zeitung sehr genau: so korrigierte sie in den letzten Jahren Fehler, die schon 48, 77 und sogar 112 Jahre zurücklagen.

Die Gemeinsamkeiten von „Bild“ und „New York Times“ sind überschaubar, gerade beim Umgang mit eigenen Fehlern. Das heißt nicht, dass „Bild“ gar keine Fehler korrigiert, aber es kommt doch eher selten vor und führt mitunter zu bizarren Ergebnissen.

Jahrzehntealt ist der Fehler dann auch nicht, den „Bild“ gestern korrigierte. Aber immerhin neuneinhalb Monate:

Korrektur: Am 23. September 2011 berichtete BILD unter der Überschrift "Zupfen statt blasen! Liebt Stefanie Hertel jetzt einen Gitarristen?" über den neuen Freund der Sängerin. In diesem Zusammenhang ist es leider zu einer Fotoverwechslung gekommen: Der damals abgebildete Gitarrist (Foto) ist nicht der neue Freund von Stefanie Hertel, sonder ein anderer Musiker aus ihrer Band. Wir bitten die Verwechslung zu entschuldigen. Die Redaktion

Mit Dank an Lisa H.

Zweierlei Maß sind voll

Die Axel Springer AG kämpft seit Jahren gegen eine „Kostenlos-Mentalität“ im Internet.

Vor drei Jahren gehörte der Verlag zu den Unterzeichnern der sogenannten „Hamburger Erklärung“, in der es hieß:

Im Internet darf es keine rechtsfreien Zonen geben. Gesetzgeber und Regierung auf nationaler wie internationaler Ebene sollten die geistige Wertschöpfung von Urhebern und Werkmittlern besser schützen. Ungenehmigte Nutzung fremden geistigen Eigentums muss verboten bleiben.

In letzter Zeit trommelte Springer an vorderster Front für ein Leistungsschutzrecht, das schon das Zitieren kurzer Textpassagen im Internet kostenpflichtig machen soll.

* * *

Und damit zum Wetter: Am Wochenende gab es beinahe im gesamten Bundesgebiet Unwetter, die teils schwere Ausmaße ausnahmen. Der Deutsche Wetterdienst DWD zählte insgesamt mehr als 364.000 Blitze.

Bei wetterpool.de, einem nicht-kommerziellen Portal von Hobbymeteorologen, sah die Blitzkarte entsprechend beeindruckend aus:

Das dachten sich wohl auch die Leute von Bild.de, nahmen eine solche Blitzkarte, entfernten die Legende, zeichneten die deutschen Grenzen nach und stellten sie ins Internet:

Hier kracht es am Häufigsten — Der Blitzatlas

Das war offenbar nicht ganz mit dem Rausfeilen der Fahrgestellnummer bei einem gestohlenen Auto zu vergleichen, denn in der Bildunterschrift steht immerhin noch die (aus der Grafik retuschierte) Quelle:

Die Blitz-Karte von Wetterpool.de zeigt, wann und wo sich in Deutschland die Blitze entluden. Blau steht für Freitag, grün für Samstag, Gelb für die Nacht von Samstag auf Sonntag und Rot für den Sonntag

Andererseits haben uns die Betreiber von wetterpool.de geschrieben, das Vorgehen von Bild.de sei „weder erwünscht, noch erlaubt, geschweigedenn abgesprochen“ gewesen.

Wir haben die Axel Springer AG, deren hundertprozentige Tochter Bild Digital für Bild.de verantwortlich ist, gestern Mittag mit diesen Vorwürfen konfrontiert. Falls sie zuträfen, wollten wir außerdem wissen, wie dieses Vorgehen mit der Haltung des Verlags in Sachen Urheberrecht im Internet vereinbaren ließe. Eine Antwort haben wir bisher nicht erhalten.

* * *

Noch eine bunte Meldung vom Sport: Seit der italienische Nationalstürmer Mario Balotelli nach seinem Tor zum 2:0 gegen Deutschland zum etwas unkonventionellen Jubel sein Trikot ausgezogen hatte, ist er die Hauptfigur eines sogenannten Mems, bei dem sein Foto digital in zahlreiche fremde Umgebungen verpflanzt wird.

Der Grafiker und Musiker Friedemann Weise veröffentlichte am Freitag diese Variante auf seiner Facebook-Seite:

Er war sehr überrascht, als er seine Bearbeitung gestern auf der Titelseite von „Bild“ erblickte:

Nachtrag, 8. Juli: Bild.de hat die Blitzkarte von wetterpool.de entfernt. Friedemann Weise erklärte unterdessen bei Facebook, dass er lieber kein Geld von „Bild“ möchte.

Was sich Leute alles einfallen lassen

„Bild am Sonntag“ verbrachte neulich einen Nachmittag mit Heidi Klum. Im „exKLUMsiv“- Interview ereignet sich auch folgender Dialog:

Laufen Sie eigentlich, um abzunehmen?

Nein. Aber um fit zu bleiben. Nebenbei, so dünn bin ich nicht. Viele Zeitungen verkündeten sogar, ich sei schwanger, nur weil ich in einem engen Kleid ein Bäuchlein hatte. Und dann wird gerätselt, ob ich ein Höschen trage, nur weil ein Foto im Umlauf ist, das 100-prozentig retuschiert ist. Es ist schon seltsam, was sich Leute alles einfallen lassen, um Schlagzeilen zu haben!

Aus dem Gespräch geht leider nicht hervor, ob diese Passage als eine Art Gegendarstellung gedacht ist, oder ob die Leute bei „Bild am Sonntag“ tatsächlich nicht gemerkt haben, was das für Leute waren, die sich für ihre Schlagzeilen was hatten einfallen lassen.

Die Unten-ohne-Debatte

Zur Erinnerung: Es waren die Leute von „Bild“!

Mit Dank an Dennis und Katharina Sch.

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Frau Volkszorn

Stephanie Bilges ist die Frau, die bei „Bild“ fürs Nichtverstehen zuständig ist. Nun spricht vieles dafür, dass bei „Bild“ eine Menge Leute arbeiten, die in dieser Disziplin Experten sind. Aber Frau Bilges (vormals: Jungholt) hat ihre ganze publizistische Karriere bei „Bild“ auf dem Nichtverstehen und Nichtverstehenwollen aufgebaut. Ihre Kommentare sind flammende Plädoyers gegen Debatten und dagegen, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Sie gibt dem Volkszorn eine zuverlässige Stimme außerhalb der Leserbriefseiten und ein Gesicht:

Stephanie Bilges

Ausländer und die Probleme, die sie Deutschen bereiten, sind eines ihrer Lieblingsthemen. Ihr Name steht über Artikeln, in denen „Bild“ sogenannte „bittere Wahrheiten“ darüber verbreitet.

Am vergangenen Donnerstag schrieb sie zum Thema Integration:

Jeder, der hier lebt, muss eine Chance bekommen – aber er hat die Pflicht, sie auch zu nutzen!

Ein sprachlich wie inhaltlich perfider Satz, denn eine Chance, die man nutzen muss, ist keine Chance, sondern ein Zwang.

Das ganze ideologische und rhetorische Lebenswerk der Stephanie Bilges hat sie selbst schon am 17. September 2010 zusammengefasst:

Seit Wochen diskutiert ganz Deutschland über misslungene Integration. Über Menschen, die unser Wertesystem ablehnen, den Rechtsstaat mit Füßen treten, aber nur allzu gern unsere Sozialleistungen in Anspruch nehmen.

Zeitgleich holt Innenminister de Maizière zwei neue Mitbürger ins Land: einen Syrer und einen Palästinenser, die unter Terrorverdacht in Guantánamo saßen.

Sie bekommen hier Wohnung, Sozialhilfe, Betreuer, Psychotherapie und sollen „ohne medialen Druck“ leben dürfen.

Wie absurd ist das bitte?!

Es mag sein, dass den Männern Unrecht getan wurde. Es mag sein, dass sie hier sich gut einleben.

Aber was für ein Signal an uns Bürger sendet die Politik, wenn sie solchen Typen einen „Neuanfang“ finanziert, während sie es nicht mal schafft, die hier lebenden Muslime zu integrieren?

Haben wir wirklich keine anderen Sorgen?

Es fällt schwer, diese Entscheidung zu begreifen. Und es zeigt sich einmal mehr, wie wenig die Politiker von unseren Sorgen und Ängsten verstehen.

Auf dieser doppelten Logik gründet regelmäßig ihre Empörung: Frau Bilges und das Volk verstehen etwas nicht. Und die Politiker verstehen das Volk nicht und nehmen keine Rücksicht auf deren fehlendes Verstehen und Verständnis.

Klar, dass sie Thilo Sarrazin als „unbequemen Querdenker“ feiert:

Sarrazin hat – bei aller berechtigten Kritik – Millionen Menschen aus dem Herzen gesprochen. Weil er Missstände thematisierte, vor denen Politiker oft die Augen verschließen.

Statt ihn zu verteufeln, hätte die SPD das so drängende, wichtige Thema Integration noch verstärkter aufgreifen müssen.

Wie sie das „so drängende, wichtige Thema Integration“ gern behandelt wissen möchte, erklärt Stephanie Bilges so:

Integration kann nur funktionieren, wenn muslimische Kinder an Schulen UNSERE freiheitlichen Werte kennenlernen und darauf Rücksicht nehmen. Nicht umgekehrt.

So einfach ist die Welt von Frau Bilges sortiert: Moslems auf der einen Seite, wir auf der anderen Seite. Der Islam auf der einen Seite, die Freiheit auf der anderen Seite. Ende der Debatte.

Unverfängliche Themen geht Bilges gar nicht erst an, aber anhand eines Beispiels, das wenigstens nicht Religion oder Strafrecht ist, kann man ihre Rhetoriktänze ganz gut durchleuchten. Im Mai 2011 schrieb sie über das Elterngeld, das sie für eine tolle Sache hält:

Jetzt passiert das, was so oft passiert bei uns: Das Elterngeld wird totgequatscht!

Der FDP-Generalsekretär will es abschaffen, Grüne und Linke nörgeln, es sei zu niedrig und ungerecht.

Blödsinn! In anderen Ländern funktioniert das Elterngeld auch seit vielen Jahren! Niemand würde in Schweden oder Finnland auf die Idee kommen, eine so wichtige familienpolitische Leistung einfach wieder abzuschaffen.

Nur bei uns müssen die Miesepeter und Bedenkenträger wieder alles schlechtmachen!

Finger weg vom Elterngeld – spart lieber woanders!

Haben Sie’s gemerkt? Neben der Forderung des damaligen FDP-Generalsekretärs Christian Lindner, das Elterngeld abzuschaffen, geht es am Rande auch Grüne und Linke, die „nörgeln, es sei zu niedrig und ungerecht“. Bilges ruft auch ihnen zu: „Finger weg vom Elterngeld – spart lieber woanders!“.

Sämtliche Kritik erklärt sie kurzerhand zu „Blödsinn“, weil das Elterngeld „in anderen Ländern“ auch funktioniere — in ganz anderer Form vielleicht, aber für Details ist bei ihr kein Platz. Wenn sie schreibt, dass in Schweden oder Finnland „niemand auf die Idee kommen würde“, das Elterngeld wieder abzuschaffen, suggeriert sie gleichzeitig, dass es dort nicht einmal eine Debatte gibt. Und das ist das Beste für Frau Bilges überhaupt: das Fehlen einer Debatte.

Menschen, die nicht Bilges‘ Meinung sind, sind automatisch „Miesepeter und Bedenkenträger“ (oder „Miesmacher und Bedenkenträger“), und wenn ein Vorschlag, den sie gut findet, auch nur diskutiert wird, wirft sie den Andersdenkenden (in manchen Fällen auch: den Denkenden) direkt vor, „diese gute Idee gleich wieder kaputt zu reden“.

Bilges‘ Kommentare gehen oft in direkte Appelle über, wenn sie dazu aufruft, jetzt bitte unbedingt und sofort etwas zu tun. Aktionismus ist ihr wichtiger als Besonnenheit: Lieber irgendwas tun, als erst mal verstehen wollen, was überhaupt Sache ist. Und Angst ist dabei immer ein guter Motor.

Auf dem Höhepunkt des medialen Schweinegrippe-Wahns schrieb sie:

Ein Virus, das Millionen Menschen weltweit in Panik versetzt. Schweinegrippe – unsere Angst hat einen neuen Namen.

Fast stündlich werden rund um den Globus neue Verdachtsfälle gemeldet!

Und wie geht Deutschland mit der Gefahr um?

Das Robert-Koch-Institut hat ein Lagezentrum eingerichtet. Die einzelnen Bundesländer schalten Hotlines. Ulla Schmidt verweist auf den Pandemie-Plan und sagt: „Wir sind gut vorbereitet.“

Sind wir das wirklich? […]

Das Letzte, was wir in der jetzigen Situation brauchen, ist Behörden-Hickhack und Kompetenz-Wirrwarr!

Wir brauchen Politiker, die handeln – und die die Sorgen der Menschen ernst nehmen.

Die Vorbereitung auf die Schweinegrippe mag Bilges hinterfragen, an anderen Stellen ist sie sich absolut sicher:

Fest steht: Auch das schärfste Waffengesetz hätte Winnenden nicht verhindert.

Nachdem ein Mann in Norwegen 77 Menschen getötet hatte, weil er eine „Islamisierung“ Europas befürchtete, glaubte Bilges, einen „Sündenbock“ gefunden zu haben:

Die „Islamfeindlichkeit“ in Europa soll schuld sein. Die „wachsende Aggressivität“ gegenüber Muslimen, die Art und Weise, wie bei uns über Integration diskutiert wird.

Mit Verlaub: Das ist Blödsinn!

Sie fügte hinzu:

Wenn wir beim Stichwort „Terror“ heute instinktiv an radikale Muslime denken, hat das nichts mit Islamfeindlichkeit, sondern mit Erfahrung zu tun.

Im März 2010 erklärte Bilges:

Ich finde: Eine Frauenquote ist Blödsinn!

Sie beleidigt und diskriminiert uns, weil sie uns weismacht: Allein schafft ihr es eh nicht!

Es gibt viele Gründe, weshalb Frauen weniger erfolgreich sind als Männer:

Sie sind weniger aggressiv und verkaufen sich schlechter, aber sie sind auch oft hin- und hergerissen zwischen Job und Privatleben. Nicht selten ist die Liebe der erste große Stolperstein in der Karriere.

Und keine Quote der Welt würde diese Probleme lösen.

Dass Frau Bilges „weniger aggressiv“ sein soll als ihre männlichen Kollegen, ließe sich höchstens damit erklären, dass die halt alle bei „Bild“ arbeiten. Den schnarrenden Sechziger-Jahre-Tonfall hat sie jedenfalls voll drauf, wie sie vor der Bundestagswahl 2009 unter Beweis stellte:

Diese Wahl ist auch die letzte Ausfahrt vor einem Deutschland, das von Kommunisten mitgelenkt wird.

Einmal schrieb Bilges, es sei wichtig, „dass sich Richter und Gutachter künftig noch mehr ihrer Verantwortung bewusst sind“:

Dass sie Urteile fällen, die uns wirklich schützen.

Und nicht mit Mitleids-Gutachten neue Zeitbomben auf unsere Straßen schicken.

Ein anderes Mal:

Richter sprechen Urteile „im Namen des Volkes“. Damit ist viel Verantwortung verbunden.

Auch die Verantwortung, dass das Volk die Entscheidungen versteht.

Ihre Verantwortung als Journalistin scheint Bilges dabei ganz anders zu sehen: Ständig fragt Bilges „Wer schützt uns?“ (14. Januar 2011, 11. März 2010), „Wer schützt uns vor solchen Richtern?“ (BILDblog berichtete) oder „Wer versteht unsere Justiz?“, ohne auch nur den Versuch zu unternehmen, die Justiz überhaupt verstehen zu wollen. Lieber schreibt sie: „Dieses Urteil macht wütend!“ oder „Dieses Urteil ist mehr als fragwürdig!“, so als sei es ihre Kernaufgabe als Journalistin, die (mutmaßliche) Meinung ihrer Leser auszusprechen, statt mit Fakten und Hintergründen zur Meinungsbildung beizutragen und dabei vielleicht auch zu erklären, zu verstehen versuchen, warum ein Gericht so urteilt, wie es geurteilt hat.

Fest steht: Die beiden Täter können nicht bestraft werden. Weil sie im juristischen Sinne eben wirklich noch Kinder sind.

Doch der Staat muss etwas tun, wenn immer mehr Kinder so ausrasten!

Muss die Strafmündigkeit irgendwann der Realität angepasst werden?

Knast schon ab 12 – das klingt radikal, vielleicht zu radikal.

Aber es geht darum, uns zu schützen – auch vor Kindern, die in Wahrheit längst keine Kinder mehr sind.

Ihre juristischen Grundsätze sind klar und direkt aus dem alten Testament übernommen: Wer selbst keine Gnade kannte, hat keine Gnade verdient, law and order, „Der Schutz der Bevölkerung hat Vorrang!“.

Bilges schreibt dann Sätze, wie sie ein Stammtischbruder oder der „Bild“-Intimus Til Schweiger kaum populistischer formulieren könnten:

Und wer sich genauer anschaut, welche Vorgaben die Richter für den Umgang mit Schwerverbrechern machen, der fragt sich schon, ob das Maß stimmt:

Da ist nämlich schon wieder von „intensiver Therapie“, „realistischer Entlassungsperspektive“, „familiären und sozialen Außenkontakten“ die Rede.

Mit Verlaub! Von solchen Phrasen haben wir – und auch die Opfer! – endgültig die Nase voll.

Bilges bezieht sich immer wieder auf die einfachen Leute und den kleinen Mann von der Straße, auf „uns Bürger“ und „ganz Deutschland“, doch am Ende bleibt oft genug unklar, ob sie dem Volk nun tatsächlich aufs Maul geschaut oder nicht doch eher dessen Leserbriefe vorformuliert hat:

Ganz Deutschland scheint in diesen Tagen nur ein Thema zu kennen: Karl-Theodor zu Guttenberg und seine Doktorarbeit.

Hat er geschummelt, getrickst und bei anderen abgeschrieben? Ist das Betrug? Ist so einer als Minister überhaupt noch tragbar?

Viele Deutsche sind der Meinung, wir hätten andere Probleme – sie haben recht!

Sicher hat Guttenbergs beinahe perfektes Image einen Kratzer erlitten. Er macht Fehler, wie andere Menschen auch. Und wenn die Vorwürfe stimmen, muss er den Titel natürlich abgeben.

Aber wer Guttenberg als Politiker beurteilt, darf nicht nur das schlampige Zitieren aus seiner Doktorarbeit heranziehen.

Zu bewerten sind auch Kompetenz, Pflichtbewusstsein und das große Engagement z. B. bei der Bundeswehrreform.

In Afghanistan sind gestern drei deutsche Soldaten gefallen.

Das sind die Probleme, um die es wirklich geht.

Man möchte nicht diskutieren müssen mit einer Frau, deren Argumentsarsenal sich im Wesentlichen auf die Formulierung „Mit Verlaub“, auf die Frage, ob wir keine anderen Probleme haben, auf ein rhetorisches mit den Armen in der Luft herumwedeln und auf eine unbeschränkte Zahl Ausrufezeichen beschränkt. Aber diskutieren will sie ja ohnehin nicht, sie will, dass sofort etwas getan wird, im Zweifel nicht das Richtige, Maßvolle oder das Vernünftige, sondern das, was Menschen verstehen können, ohne es verstehen zu müssen.

Mit ihrer Rhetorik trägt Bilges direkt zur Politik- und Justizverdrossenheit bei, über die die Medien seit Jahrzehnten berichten.

Fast jedes Thema lässt sich auf ein „wir hier unten, die da oben“ herunterbrechen:

Wir zahlen Strafe, wenn wir 7 km/h zu schnell fahren oder bei der GEZ den Fernseher nicht anmelden.

Aber skrupellose Verbrecher können giftige Industriefette ins Tierfutter kippen!

Wenn jemand etwas von den Ängsten der Bürger versteht, dann Stephanie Bilges: Wenn sie diffuse Ängste aufgreift, benennt und als Argumente weiterverbreitet, ist sie der Katalysator dieser Ängste, die Wiederaufbereitungsanlage eines unbestimmten Unwohlseins. Statt zu versuchen, ihren Lesern die Angst durch den Einsatz von Fakten zumindest ein wenig zu nehmen, heizt sie deren Ängste weiter an.

Stephanie Bilges ist die Frau, die Franz Josef Wagner wie einen aufgeklärten, liberalen Freigeist erscheinen lässt.

Enttäuschte Liebe

Bei jedem Fußballturnier ist es das Gleiche. Solange die deutsche Mannschaft gewinnt, sieht es in „Bild“ so aus:

„Bild“, 9. Juni:

„Bild am Sonntag“, 10. Juni:

„Bild am Sonntag“, 10. Juni:

Bild.de, 11. Juni:

„Bild“, 14. Juni:

Bild.de, 14. Juni:

Bild.de, 14. Juni:

„Bild“, 15. Juni:

Bild.de, 16. Juni:

Bild.de, 16. Juni:

Bild.de, 19. Juni:

„Bild“, 23. Juni:

Bild.de, 23. Juni:

Sobald die deutsche Mannschaft aber rausfliegt, sieht es plötzlich so aus:

„Bild“, 29. Juni:
Neuer: 4, Hummels: 5, Badstuber: 5, Boateng: 4, Lahm: 5, Khedira: 4, Schweinsteiger: 6, Kroos: 5, Özil: 5, Podolski: 6, Gomez: 6

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, 29. Juni:

„Bild am Sonntag“, 1. Juli:

Bemerkenswert – aber kaum überraschend – auch dieser Dreiklang:

Bild.de, 29. Juni:

Bild.de, ein paar Stunden später:

Bild.de, 30. Juni:

Außerdem ließ es sich „Bild“ nicht nehmen, die „Memmen“ in Einzelkritiken noch ein bisschen deutlicher niederzumachen:

Dass die Kritik weder etwas mit Fußball zu tun haben noch in irgendeiner Weise mit der vorherigen Berichterstattung übereinstimmen muss, dürfte jetzt auch nicht mehr groß überraschen. (Den Spruch über Mario Gomez hat „Bild“ sich übrigens nicht mal selbst ausgedacht.)

Und wie das so ist bei Profifußballern: Wenn einem die Argumente blöden Sprüche ausgehen, kann man ja immer noch auf deren Millionen-Gehältern rumreiten:

Man mag es kaum glauben, wie sehr ein deutscher Nationalspieler verwöhnt wird. (…)

Es ist eine Kuschel-Welt, in der unsere Nationalspieler beim DFB leben.

Als die deutschen Fußballer sich vor ein paar Tagen im Mannschaftshotel „gemütlich auf die Couch“ lümmelten und im eigenen Heimkino einen „großen Kinospaß in 3D“ anschauten, fand Bild.de das übrigens noch „megacool„.

Aber da war die Mannschaft ja auch noch im Turnier.

Siehe auch:

Mit Dank auch an die vielen, vielen Hinweisgeber!

Auch als Orakel unbrauchbar

Die EM-Halbfinals 2012 sind vorbei, Deutschland ist (wieder einmal) gegen Italien ausgeschieden.

Das macht die großspurigen „Witze“ mancher Boulevardmedien im Nachhinein natürlich noch ein bisschen peinlicher:

„Hamburger Morgenpost“, gestern:
11 Gründe, warum wir heute Abend Italien wegputzen: Pizza End-Statione

„Abendzeitung“, gestern:
Arrivederci, Italia!

Bild.de, gestern:
Wir wünschen schon jetzt eine gute Heimreise

Und erst letzten Samstag hatte „Bild“ noch groß verkündet:
Uns stoppt keiner mehr!

Mit Dank auch an C.

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