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Wir müssen leider draußen bleiben (2)

Am Montag begann am Landgericht Wiesbaden die Verhandlung in einem Fall, der bundesweit für Aufsehen sorgte. Drei Jugendliche werden des Raubmordes an einem Obdachlosen angeklagt. Interessant ist dabei, wie das Landgericht Wiesbaden mit den Journalisten umgeht.

Die „Frankfurter Rundschau“ berichtet:

Eigentlich ist die Öffentlichkeit von Verfahren gegen Minderjährige ausgeschlossen. Für sie gelten besondere Regeln, ihre Interessen sind besonders schützenswert – ganz gleich, wessen sie angeklagt sind. Doch die Vorsitzende Richterin Ingeborg Bäumer-Kurandt lässt Ausnahmen zu. Einige Pressevertreter dürfen im Zuschauerraum Platz nehmen. Doch das Gericht sortiert aus: Vor Sitzungsbeginn müssen die Journalisten Namen und Medium, für das sie arbeiten, aufschreiben. Nach 45 Minuten Beratung gibt die Kammer ihre Entscheidung bekannt: Die Journalisten dürfen hinein – bis auf einen. Dem Vertreter einer Boulevardzeitung wird der Zutritt ausdrücklich verwehrt. Mit harschen Worten hatte sich Staatsanwalt Jördens zuvor dagegen ausgesprochen, dass der Vertreter dieser Zeitung zuhören darf. Die Kammer lenkt ein: Früher habe jene Zeitung auch bei Verfahren in Wiesbaden „unzutreffend und unsachlich“ berichtet, so die Vorsitzende; das sei nun ebenfalls zu befürchten. Der Berichterstatter bleibt draußen. Die anderen dürfen sich die Anklageverlesung anhören. Danach müssen auch sie den Raum verlassen. Der Prozess wird fortgesetzt.

Auf Anfrage bestätigte uns das Landgericht, „dass es sich bei dem nicht zu der Anklageverlesung zugelassenen Journalisten um einen Mitarbeiter der BILD-Zeitung handelt“. Laut Staatsanwaltschaft geht es dabei nicht um einen konkreten Fall, sondern um langjährige Erfahrung mit der Berichterstattung der Zeitung.

Das geht auch aus einem Bericht der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hervor:

Unter Auflagen zugelassen wurden namentlich benannte Vertreter der Medien mit Ausnahme des Journalisten der „Bild“. Staatsanwalt Jördens hatte den Ausschluss des Blatts gefordert mit der Begründung, deren „unsachliche und reißerische“ Berichterstattung beeinträchtige die Persönlichkeitsrechte in viel stärkerem Maß als die anderer Medien. Die Kammer folgte dieser Auffassung, der sich auch die Verteidiger angeschlossen hatten. In der Vergangenheit habe „Bild“ mehrfach unsachlich und unzutreffend über auch in Wiesbaden verhandelte Gerichtsverfahren berichtet, sagte die Vorsitzende Richterin Ingeborg Bäumer-Kurandt.

Mit Dank an spot.

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Das Grauen hat einen Namen

Franz Josef Wagner hat einen Liebesbrief geschrieben. Er geht an Joachim „Jogi“ Löw, den „eleganten Bundestrainer, der wunderbar aussieht“. Mit mehr als einer Prise Homoerotik erinnert sich Wagner „an Artikel, in denen es nur um Ihr strahlend weißes Hemd ging“:

Wie lässig es Ihren 50-jährigen Körper bedeckte, auf Taille geschneidert und zu allen Träumen veranlasste.

Dann war der Hype um Ihren blauen Pullover. Sie trugen ihn nackt auf Ihrer Haut.

Einmal in Fahrt, gibt es für Wagner kein Halten mehr:

Und zu Ihrer Schönheit kam das Haar, als hätte Gott jedes einzelne Haar in Ihren Kopf eingepflanzt. Dieses volle Haar. Sie sind 51 und Sie haben kein einziges graues Haar.

So gesehen dürfte Franz Josef Wagner ziemlich enttäuscht gewesen sein, als er den Sportteil jener Zeitung aufschlug, für die er arbeitet:

Keine Farbe mehr! Löw steht zu Grau. Deutschland siegt und siegt. Warum wird denn unser Bundestrainer grau und grauer? Wer Joachim Löw (51) am Fernseher genau beobachtete, sah graue Haare in der vollen Haarpracht und den Koteletten. Der Grund ist einfach: Löw färbt seine Haare schon länger nicht mehr. "Endlich fällt es den Leuten mal auf", sagt er lächelnd. Das dichte Haar hat er übrigens von seinem Vater geerbt.

Im vergangenen Jahr war „Bild“ übrigens selbst noch überzeugt davon, dass Löws Haarfarbe echt sei:

Die dichten schwarzen Haare sind nicht gefärbt. Hat er vom Vater (Beruf Ofensetzer) geerbt.

Mit Dank an Flo M.

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Ein Gruppensex-Quickie mit Polanski

Heute lernen wir, wie die Stars unter den Promi-Reportern an ihren spektakulären Stücke kommen.

Unsere Lehrerin ist keine geringere als Dora Varro, eine junge Frau, die sich „Teufelsreporterin“ nennen lässt und über die die österreichische Fachzeitschrift „Journalist“ schon vor Jahren schrieb: „Sie hat Geschichten, von denen länger im Geschäft befindliche Society-Journalisten nur träumen können.“

Diese erschien vor zwei Wochen in „Bild“:

Mein Treffen mit Roman Polanski war wie schlechter Sex

Man sieht, wie nahe sie dem Regisseur Roman Polanski gekommen ist, man ahnt, dass er sogar ihre Hand hält, während sie ihn auf das „heikle Thema“ seiner Verhaftung anspricht, was ihn zu einem kleinen Witz animiert.

Dies ist das Foto der Agentur Getty Images, das „Bild“ verwendet hat:

Die Frau, mit der Polanski hier spricht und deren Hand er hält, ist gar nicht „Bild“-Reporterin Dora Varro, sondern eine andere Dame. „Bild“ hat sie unfreundlicherweise nicht nur abgeschnitten, sondern auch noch ihre Nase wegretuschiert.

Nun könnte man glauben, dass Frau Varro gar nicht mit Polanski gesprochen hat. Das wäre aber falsch. Sie stand mit anderen Reportern und Schaulustigen am Roten Teppich und hat sich von dem Regisseur schnell ein Autogramm geben lassen.

Das ganze ist sogar in einem Video auf Bild.de zu sehen — allerdings ohne den Hinweis, dass wir hier die Teufelsreporterin bei ihrer Arbeit sehen. Dies sind die entscheidenden Sekunden:

Keine Frage: Als Sex ist das nicht gut.

Mit Dank an Thomas H.!

Hängt ihn, aber gebt ihm keine Tiernamen

„Bild“-Leser Rolf K. aus Leipzig hatte einen Vorschlag, was mit Magnus Gäfgen passieren sollte, einen Kindermörder, der den Staat auch noch auf Schmerzensgeld verklagt hatte:

Meine Meinung: Ab in eine Gemeinschaftszelle und Hofgang mit allen anderen Ganoven!

Man kann sich ausmalen, was mit Gäfgen passieren würde, in einer Gemeinschaftszelle und beim Hofgang mit allen anderen Ganoven. Er würde es nicht überleben.

Man muss in dem Vorschlag von „Bild“-Leser Rolf K. aus Leipzig den Wunsch nach einer Lynchjustiz sehen oder gar den Aufruf dazu. Man kann es deshalb abstoßend finden, dass die „Bild“-Zeitung diese Leserstimme ausgewählt und veröffentlicht hat.

Doch der Presserat hat kein Problem damit. Er lehnte eine Beschwerde von uns schon im „Vorverfahren“ ab, ohne überhaupt den Beschwerdeausschuss mit der Sache zu befassen.

Der Inhalt […] spiegelt nach unserer Einschätzung die Meinung eines Teils der Leserschaft wieder. Um allen Lesern zu verdeutlichen, welche Standpunkte in der Bevölkerung zu der Forderung bzw. zu der Person von Magnus Gäfgen existieren, ist es vertretbar, wenn diese Äußerungen dann so veröffentlicht werden. Es sind zwar extreme Meinungen, jedoch verstoßen sie nach unserer Ansicht nicht gegen die Menschenwürde Gäfgens.

Das betrifft auch andere Leserstimmen mit ähnlichem Tenor, die „Bild“ und Bild.de im März veröffentlicht hatten, etwa die von Bernd M. Aus Lüdenscheid:

Das gibt es nur in Deutschland. In Amerika wäre diese Bestie kein Thema mehr.

Dass der Presserat das Wort „Bestie“ nicht missbilligen würde, hätten wir natürlich vorher wissen können. 2009 urteilte der Beschwerdeausschuss über die „Bild“-Berichterstattung über einen mutmaßlichen Kinderschänder:

Außerdem sieht der Presserat mit der Bezeichnung „Dreckschwein“ die Ziffer 1 des Pressekodex verletzt. Die Mehrheit im Beschwerdeausschuss kann der Argumentation der Zeitung nicht folgen, wonach auf diese Weise der vorherrschenden öffentlichen Meinung Ausdruck verliehen werde. Unabhängig von der Schwere der Vorwürfe gilt der Schutz der Menschenwürde. Die Bezeichnung „Sex-Bestie“ hingegen hält der Beschwerdeausschuss für zulässig.

Einen Mann lynchen oder hinrichten lassen zu wollen, geht also menschenwürdetechnisch in Ordnung, so lange man ihn nur nicht mit einem Schwein vergleicht.

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Krokodilstränen

Vergangenen Freitag brachte „Bild“ diese herzzerreißende Schlagzeile:

Joy Gruttmann und ihr Hit mit dem kleinen Krokodil: Schni- Schna- Schnappi hat meine Kindheit gefressen
Und das war passiert:

„Schni-, Schna, Schnappi, Schnappi, Schnappi, schnapp!“

An diesen Gute-Laune-Song erinnert sich ganz Deutschland gerne. Nur eine nicht …

…​ DAS MÄDCHEN, DAS IHN SANG.

„Nach all dem, was ich erlebt habe, würde ich das nicht wieder tun“, sagt Joy Gruttmann, heute 15.

John Puthenpurackal, Boulevardbeauftragter der Boulevardzeitung, zeichnete ein trauriges Bild, dem eigentlich nur noch Alkoholexzesse und Selbstmordversuche zur Vollkommenheit fehlen:

Joy lebt mit ihren Eltern in Gelsenkirchen. Einfamilienhaus. All die Preise, die Platin-Platten, hat sie im Keller versteckt. „Das alles interessiert mich nicht mehr. Ich habe mit ‚Schnappi‘ abgeschlossen. Ich singe nicht mal mehr das Lied, weil es mich an die schwere Zeit danach erinnert.“

Radio Fritz, die Jugendwelle vom Rundfunk Berlin Brandenburg, nahm den „Bild“-Artikel ebenfalls am Freitag zum Anlass, ein Telefoninterview mit Joy Gruttmann zu führen. Und die fühlte sich falsch wiedergegeben:

Da steht in diesem Artikel gar nichts darüber drin, dass mir das auch Spaß gemacht hat und dass ich das auch wirklich gerne und freiwillig vor allem gemacht hab.

Danach erklärt sie, wie sie die Arbeitsweise der „Bild“-Zeitung wahrgenommen habe:

Wir haben das [Interview] am Telefon gemacht, das war auch alles total in Ordnung und eigentlich wirklich auch seriös und nett. Das war eigentlich auch alles unter dem Thema „Was macht eigentlich?“, eben was mach ich eigentlich, und es kommt jetzt alles so rüber, als ob ich mich da bei der „Bild“-Zeitung hab ausheulen wollen.

Auch die Hänseleien, von denen „Bild“ groß berichtet, habe sie nicht als so schlimm und belastend wahrgenommen, wie die Zeitung sie nun dargestellt hat.

Und überhaupt:

Mir wurden teilweise wirklich die Worte ein bisschen im Mund umgedreht. Das war also wirklich erschreckend, dass da jetzt so ein Artikel drinsteht, weil die positiven Dinge, die waren auch einfach überwiegend.

Das Gespräch endet mit einer charmanten Pointe:

Moderatorin: Stimmt es denn wenigstens, dass Du Architektin werden willst?

Joy: Ja, das stimmt. Und ich gehe nicht in die elfte, sondern in die zehnte Klasse.

Mit Dank an Tino M.

Was von Steve Jobs übrig bleibt

„Jeder Verleger der Welt sollte sich einmal am Tag hinsetzen, um zu beten
und Steve Jobs dafür zu danken, dass er die Verlagsbranche rettet!“
(Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG)

Steve Jobs, Mitbegründer des Unterhaltungselektronikkonzerns Apple, ist tot. Die Medien weltweit würdigen ihn heute als Visionär, besonders bemerkenswert ist dabei wie so oft „Bild“: Für das Aufmacherfoto auf Seite Eins hat sich die Zeitung für das „letzte Foto“ von Jobs entschieden, das ihn schwer von seiner Krebserkrankung gezeichnet und mit wirren Haaren zeigt. Den Rest Würde, den der Frischverstorbene danach noch hat, pflügt die riesige Schlagzeile unter: „Krebstod! So grausam starb Computer-Milliardär Steve Jobs“. So genau hatten das die meisten Leser womöglich gar nicht wissen wollen.

Aber wer weiß das schon. Die Leute interessieren sich ja heutzutage für alles mögliche — behauptet zumindest Bild.de:

Steve Jobs († 56) ist tot. Stunden nach der Todesnachricht fesselt die Weltöffentlichkeit vor allem auch ein Thema: sein Erbe.

Teil dieser „Weltöffentlichkeit“ ist natürlich auch Bild.de, wo sich die Mitarbeiter um die größtmögliche Skandalisierung bemühen:

DENN: Das nach außen getragene Familienbild – eine liebende Ehefrau, drei wunderbare Kinder – ist nur die halbe Wahrheit.

Zum bewegten Leben von Apple-Genie Steve Jobs gehören auch seine uneheliche Tochter, seine leiblichen Eltern, seine Adoptiv-Eltern, seine Halbschwester.

Gut, das war alles schon bekannt und steht eigentlich nicht wirklich in einem Kontrast zum „nach außen getragenen Familienbild“, aber was soll’s?

Der verzweifelte Versuch, irgendwie Action in die Geschichte zu bekommen, wird in diesen zwei Absätzen offensichtlich:

SCHLACHT UMS GELD?

Vermutlich werden bei diesem Mega-Nachlass Anwälte alle Hände voll zu tun haben. Aber eine öffentliche Schlacht ums Erbe wird es sicherlich nicht geben.

Es gibt also eigentlich nichts zu berichten, es wird sicherlich nichts zu berichten geben, was könnte die Leser der Weltöffentlichkeit denn noch interessieren?

Eine Übersicht dessen, was zum Erbe gehört! Darunter:

sein 5700 Quadratmeter großes Haus (7 Schlafzimmer, vier Badezimmer. Wert: 2,6 Millionen Dollar (Quelle: CNBC)

Nun müssten die sieben Schlaf-, vier Bade- und die womöglich noch vorhandenen weiteren Zimmer verdammt riesig sein, wenn sie gemeinsam 5.700 Quadratmeter ergeben sollen.

Aber bei Bild.de waren sie ja so nett, ihre „Quelle“ anzugeben. Und siehe da:

Steve Jobs, Apple, Inc. Estimated Price: $2.6 million. Location: Palo Alto, Calif. Beds/Baths: 7 bedrooms, 4 bathrooms, 1 half bathroom. Square feet: 5,678

5.678 Quadratfuß. Aufmerksame BILDblog-Leser wissen bereits, dass man diese Zahl noch durch 10,76 teilen muss, um den Quadratmeterwert zu erhalten.

Das Haus von Steve Jobs ist demnach 527,7 Quadratmeter groß. Das ist ja auch schon ganz beachtlich.

Mit Dank an Bernhard W.

Nachtrag, 8. Oktober: Bild.de hat die Größe des Hauses unauffällig auf „rund 530 Quadratmeter“ geändert.

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Ganz schlimmer Finger

Mit Gefahren wie etwa politischem Extremismus, ist es so eine Sache: Man darf sie nicht unterschätzen, aber man darf sie auch nicht übertreiben, sonst glaubt einem irgendwann keiner mehr.

Überraschenderweise gibt es immer noch genug Menschen, die „Bild“ glauben. Zum Beispiel, als die Zeitung vor einigen Monaten behauptete, dass das Keltenmuseum am Glauberg Neonazis als Wachleute beschäftigt. Obwohl dieser zumindest zweifelhafte Vorwurf nie wirklich belegt werden konnte, kostete dieser „Neonazi-Skandal“ die verantwortliche Wachfirma letztlich den Auftrag und die Museumsleiterin wurde versetzt (BILDblog berichtete).

Auch in einem aktuellen Fall aus Dresden wurde deutlich, wie sich die Politik immer wieder von sensationsheischenden Berichten treiben lässt. In ihrer Regionalausgabe berichtete „Bild“ am 29. September:

In öffentlichen Räumen, finanziert vom Steuerzahler: Linksradikale trainieren an Dresdner Uni!

Der „Bild“-Reporter Andreas Harlaß schäumt förmlich angesichts der geplanten Aktivierungskonferenz des Dresdener Bündnisses „Nazifrei“, in dessen Rahmen „Workshops zu Themen wie Bürgerrechten, Antirepressionsarbeit, rechtlichen Hintergründen von Blockaden, aktivem Protest gegen Nazis und Umgang mit dem Gedenken in Dresden angeboten“ (Eigendarstellung) angeboten werden:

Unsere Dresdner TU hat einen handfesten Skandal! Denn am 7. und 8. Oktober soll im Hörsaalzentrum ein sogenannter Workshop stattfinden, bei dem Linksextremisten massive Gewalt gegen Polizisten trainieren. Ganz öffentlich!

Für die Veranstaltung wurde auch ein Werbeprospekt gedruckt. Unter der Überschrift „Nazifrei – Dresden stellt sich quer“ wird u.a. für ein Blockadetraining geworben.

Nur: Die angebliche „massive Gewalt“ der angeblichen „Linksradikalen“, zu denen auch Vertreter der Gewerkschaften und Kirchen gehören, musste Harlaß mit aller Macht selbst herbeischreiben, denn der Flyer gibt sie beim besten Willen nicht her:

In diesem Workshop wird gelehrt, wie bei Demonstrationen „Polizeisperren umgangen oder durchflossen (durchbrochen, d. Red.) werden“. (…)

Oder man lernt an der Uni, „wie ein Finger funktioniert“. So nennen Linksextremisten Handzeichen, mit denen der Mob dirigiert wird. Denn in der Chaoten-Szene gibt es dafür viele geheime Regeln. (…)

Zwar suggeriert der redaktionelle Einschub („durchbrochen“) den Einsatz von Gewalt, doch in Wirklichkeit handelt es sich bei dem von „Bild“ angesprochenen „Finger“ um die „Fünf-Finger-Taktik“. Und die ist – und das ist entscheidend – ein gewaltfreies Konzept zum Umgehen von Polizeiabsperrungen. Dazu spaltet sich eine große Gruppe in – meist fünf – kleinere Gruppen auf, die Polizeisperren dann einfach umgehen bzw. umfließen.

Mathias Winkler von der Deutschen Polizeigewerkschaft kommentierte die von „Bild“ behaupteten Gewalttaten entsprechend so:

Richtig wütend reagiert Mathias Winkler (48) von der Deutschen Polizeigewerkschaft: „Das ist Vorbereitung einer Straftat. Es gilt zu prüfen, ob es in diesem Fall nicht auch bandenmäßig geschieht. Die Verantwortlichen sollten mal im Strafgesetzbuch blättern. Ein Skandal, dass so etwas in öffentlichen Gebäuden stattfindet.“

Kaum zu glauben, dass Winkler über dieselbe Veranstaltung spricht wie der Student Daniel Rehda in der „Leipziger Volkszeitung“:

Im Workshop sollte es darum gehen, was man dazu mitnehmen muss und wie man erfolgreiche Blockaden organisiert. „Die Formulierung war unschön, sie hat den eigentlichen Inhalt verfehlt“, begründete Daniel Rehda vom Studentenrat der TU, dass dieses Training nicht von vornherein aus dem Programm gestrichen worden ist. „Es geht weniger darum, Teilnehmer auf Straftaten vorzubereiten, es geht um Besonnenheit und darum, sie vor Gefahren zu schützen“, erklärte Rehda den Workshop.

Was auf den „Bild“-Bericht folgte, ist erschreckend. Der Dresdner Innenminister Markus Ulbig (CDU) ließ sich nur einen Tag später gegenüber „Bild“ („Innenminister warnt vor getarnten Radikalen!“) zu dieser Behauptung hinreißen:

„Mit dieser Aktion zeigen die Leute von ‚dresden nazifrei‘ ihr wahres Gesicht. Das sind keine friedlichen Demonstranten. Sie wollen Gewalt. Gewalt gegen die Polizei und damit Gewalt gegen die Gesellschaft. Also gegen uns alle. Wer das Durchbrechen von Polizeiketten übt, ist kein Demokrat.“

Ähnlich hysterisch und scheinbar ohne genauere Kenntnis der Sachlage äußerte sich ein weiterer Politiker:

Auch Sachsens FDP-Chef Holger Zastrow (42) warnt nun vor Aktivitäten der getarnten Linksextremisten: „Die Veranstaltung an der TU enthüllt die wahren, demokratiefeindlichen Absichten und die extremistische Gesinnung der Veranstalter. Hier wird offenkundig beraten, wie man den Staat selbst angreift und wie man Straftaten begeht.“

Wen wundert es da noch, dass die TU Dresden den Workshop nur einen Tag nach dem „Bild“-Bericht verboten hat?

Und so konnte sich jemand freuen, dessen demokratiefeindliche Absichten und extremistische Gesinnung einigermaßen offensichtlich ist. Die NPD schrieb auf ihrer Internetseite:

Kurz nach der Stellungnahme des NPD-Abgeordneten Andreas Storr wurde bekannt, daß das Blockadetraining abgesagt wurde. Der innenpolitische Sprecher der Nationaldemokraten begrüßte das schnelle Handeln der parteilosen Wissenschaftsministerin von Schorlemer.

Mit Dank an Vincent M. und Torben I.

Nachtrag/Korrektur, 10. Oktober: Eine Pressesprecherin der TU Dresden hat uns darauf hingewiesen, „dass nicht die TU Dresden einen Workshop verboten, sondern der Stura (Studentenrat) als Veranstalter der Aktivierungskonferenz selbigen abgesagt hat.“

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Der letzte Blondikaner

Es spricht für die eigene geistige Gesundheit, wenn man nicht ganz versteht, warum „Bild“ ausgerechnet zum 21. Jahrestag der Deutschen Einheit ein „Zukunfts-Special“ darüber bringt, wie die Welt in 20 Jahren aussehen wird („Ein Putz-Roboter macht unsere Hausarbeit“, „Fährt die Formel 1 bald elektrisch?“).

Franz Josef Wagner plagen in seiner „Post“ an das „Liebe Jahr 2031“ ganz andere Sorgen:

abgesehen davon, dass es in 20 Jahren kaum noch echte Blondinen gibt, wird sich die Welt nicht groß verändern. (…)

Natürlich ist es ein Verlust, wenn die Blondinen aussterben, „weil die Erbanlagen für dunkle Haare das blonde Haar dominieren“ (so der Genetikforscher Prof. Steve Jones von der Universität London).

Welche Verluste, außer den Blondinen (blondes have more fun), werden wir in 20 Jahren spüren? (…)

2031 wird es im Winter schneien, der Mond wird aufgehen, die Sterne werden funkeln.

Ein 17-Jähriger wird eine chemisch gefärbte Blondine küssen.

Wagners Horrorvision einer Zukunft ohne Blondinen ist so befremdlich wie unbegründet. Zwar ist es korrekt, dass das „Blond-Gen“ (oder besser Allel) rezessiv ist und sich daher in der Regel nicht durchsetzt, was zu einem (leichten und langsamen) Rückgang der Anzahl an (phänotypisch) blonden Menschen führen wird. Da das rezessive Gen aber auch in Nicht-Blonden schlummert und sogar dazu führen kann, dass zwei Nicht-Blonde blonde Kinder bekommen, ist ein Aussterben nahezu unmöglich.

Überhaupt ist das Aussterben der blonden Haarfarbe eine gut gepflegte Urbane Legende, die es sogar zu einem eigenen Eintrag in der englischen Wikipedia gebracht hat. Dort heißt es:

Bei dem verschwindenden Blond-Gen handelt es sich um eine pseudowissenschaftliche Behauptung, die seit 1865 immer wieder durch die Medien geistert. (…)

Die Behauptung basiert auf einer Fehlinterpretation von Rezessivität in der Genetik. In Wirklichkeit ist es unwahrscheinlich, dass blonde Haarfarbe ausstirbt (…).
(Übersetzung von uns.)

Dabei ist noch gar nicht berücksichtigt, dass 20 Jahre evolutionsbiologisch ohnehin eine lächerlich kurze Zeitspanne sind.

Jeder, der im Jahr 2031 in den Archiven der bis dahin längst eingestellten „Bild“-Zeitung wühlt, wird nur ein Kopfschütteln für die Sorgen von Wagner übrig haben — mit wallendem blonden Haar versteht sich.

Stoibers Problem-Mär

Edmund Stoiber hat sich außerhalb Bayerns vor allem mit zwei Aktionen ins kollektive Gedächtnis eingebrannt: Dem Versuch, die Vorzüge einer Transrapidstrecke zwischen Hauptbahnhof und Flughafen in München zu erläutern, und dem Versuch, im Jahr 2002 Bundeskanzler zu werden. Beobachter sind sich immer noch uneins, was ihm gründlicher misslungen ist.

Anlässlich seines gestrigen 70. Geburtstags waren die bestimmenden Themen in den medialen Huldigungen Stoibers entsprechend seine „gestammelten Werke“ und jener verhängnisvolle Abend, als er sich schon als strahlender Wahlsieger feiern ließ und später „ein Glas Champagner öffnen“ wollte.

„Focus Online“:

Wohl kein Kanzlerkandidat scheiterte so knapp wie Edmund Stoiber. 0,01 Prozent, rund 6000 Stimmen, fehlten ihm am Wahlabend des 22. September 2002 zur Mehrheit, als er sich nach ersten Hochrechnungen bereits zum Sieger erklärt hatte, dann aber doch Gerhard Schröder Kanzler blieb.

„Rheinische Post“:

Ob als Regierungschef in München, als CSU-Chef (1999–2007), ob als 2002 an 6000 Stimmen gescheiterter Kanzlerkandidat der Union: Stoiber spielte immer mit höchstem Einsatz – ein Rackerer auf dem Platz mit bayerischer Kapitänsbinde.

„Bild München“:

Das herausragende Ergebnis war auch ein Trost für die wohl schwerste Niederlage im politischen Leben Stoibers, die er nur ein Jahr zuvor erlitten hatte: gegen Gerhard Schröder (SPD) im Kampf um das Bundeskanzleramt. Mit nahezu lächerlichen 6000 Wähler-Stimmen Unterschied…

„Bild“:

Er war das Gesicht der CSU, der erfolgreichste Ministerpräsident Deutschlands, und mit gut 6000 Stimmen mehr wäre er 2002 auch Kanzler geworden: Heute feiert Edmund Stoiber seinen 70. Geburtstag!

Das Gerücht, dass Stoiber nur rund 6.000 Stimmen gefehlt hätten, um Kanzler zu werden, hält sich seit Jahren hartnäckig in den Medien.

Und tatsächlich hatte die SPD bei der Bundestagswahl 2002 nur „nahezu lächerliche“ 6.027 Zweitstimmen mehr erhalten als CDU und CSU zusammen — und doch ist unwahrscheinlich, dass Stoiber Kanzler geworden wäre, wenn er damals nur 6.028 Stimmen mehr bekommen hätte: Die Grünen, die damals mit der SPD die Regierungskoalition stellten, hatten nämlich gleichzeitig 571.540 Stimmen mehr erhalten als Stoibers Wunschkoalitionspartner FDP.

Stoibers Union ist denkbar knapp der SPD unterlegen; aber die Kanzlerschaft hat er deutlich verpasst.

Mit Dank an Tilman Sch.

Bild, Sky  

Riesendruckerzeugnisse

Seit Ralf Rangnick vergangene Woche wegen eines Erschöpfungssyndroms überraschend vom Amt des Cheftrainers bei Schalke 04 zurückgetreten ist, haben hierzulande 82 Millionen potentielle Bundestrainer eine Schnellumschulung zum Psychologen absolviert.

So wurde auch am Sonntag auf dem Bezahlsender Sky in der Fußballtalkshow „Sky90“ über Rangnick und das Thema Burnout diskutiert. Zu Gast war unter anderem der heutige Schweizer Nationaltrainer Ottmar Hitzfeld, der nach der völlig vergeigten EM 2004 heißer Kandidat für den Posten des deutschen Bundestrainers gewesen war — „Bild“ hatte damals unter der Überschrift „Es geht um die Zukunft des deutschen Fußballs: Herr Hitzfeld, unterschreiben Sie hier“ sogar einen symbolischen „Arbeitsvertrag“ abgedruckt. Doch Hitzfeld sagte ab, weil er sich nach sechs Jahren beim FC Bayern München „ausgebrannt und verbraucht“ fühlte.

Bei Sky erinnerte sich Hitzfeld gestern so an jene Zeit:

Es war ein immenser Druck 2004. Ich wurde entlassen bei Bayern München und danach eine Woche später ruft Franz Beckenbauer wieder an, nicht in Funktion von Bayern München, sondern als Funktionär vom DFB und sagte: „Jetzt wirst du unser Bundestrainer“ und da sag ich „Das kann ich nicht machen, weil ich bin ausgelaugt und ich brauche eine Pause“. Er hat da wenig Verständnis gehabt und sagt „das ist kein so stressiger Job wie Bundesliga-Trainer oder Bayern München-Trainer. Das kannst du doch machen!“ Aber ich habe gesagt, ich kann das nicht und das war sicherlich auch eine schwierige Entscheidung, weil die BILD-Zeitung hatte zu der Zeit auch Riesendruck aufgesetzt und gesagt „Ottmar, mach des!“ – haben sogar eine Schlagzeile und mich auch von außen unter sehr viel Druck gesetzt. Und ich glaube das war für mich auch eine schwierige und mutige Entscheidung Deutschland abzusagen.

(Zitiert nach „Alles außer Sport“.)

Sky fand diese Aussagen so bemerkenswert, dass der Sender sie anschließend im Wortlaut in einer Pressemitteilung weiterverbreitete.

Also, fast im Wortlaut:

„2004 war ein immenser Druck. Ich wurde beim FC Bayern entlassen und eine Woche später rief Franz Beckenbauer an in Funktion vom DFB und sagte,: ‚Du wirst jetzt unser Bundestrainer.‘ Da sagte ich, ich kann das nicht machen, ich bin ausgelaugt und ich brauche eine Pause. Dafür hatte er wenig Verständnis und sagte, es ist kein so stressiger Job wie Bundesliga-, bzw. Bayern-Trainer – das kannst du doch machen. Es war eine sehr schwierige Phase, weil auch die Medien einen riesigen Druck aufgebaut haben. Ich glaube, das war für mich damals eine schwierige aber mutige Entscheidung, Deutschland abzusagen. Ich habe mich zurückgezogen und über ein Jahr gebraucht, um zu regenerieren, um wieder richtigen Appetit zu haben und um mich wieder am Leben zu erfreuen.“

(Hervorhebung von uns.)

Via „Alles außer Sport“, mit Dank an Stefan M.

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