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Marken-Artikel

Dies ist die Geschichte von einem kleinen Stück Papier. Und davon, wie die „Bild“-Zeitung aus dem kleinen Stück Papier eine ganz große Sache machte.

Die Geschichte beginnt am 25. Oktober. An diesem Tag erscheint in der Dresdner Regionalausgabe dieser Artikel:

Rentner finden 3-Millionen-Marke auf dem Flohmarkt!
Auf dem berühmten Dresdner Elbe-Flohmarkt fanden Rentner Reinhold Hoffmann (70) und Lebensgefährtin Bärbel (71) unter all dem Plunder und Trödel eine unheimlich seltene Briefmarke.

Opa Reinhold: „Bärbel kaufte vor zwei Jahren wie so oft am Elbufer für 20 Euro zwei Kilo alte Briefmarken. Als ich diese auf dem Küchentisch ausbreitete, stockte mir der Atem!“

Und zwar zurecht: Denn allem Anschein nach lag dort auf dem Küchentisch der Hoffmanns eine absolute Rarität: die „Benjamin Franklin One Cent“ mit Z-Grill!

Und weil Ihnen das vermutlich genauso wenig sagt wie uns, als wir erstmals davon hörten, hier nun ein kurzer Exkurs in das weite Feld der Philatelie: Im 19. Jahrhundert war es beim U.S. Postal Service für wenige Jahre üblich, ein Muster in die Briefmarken zu prägen, eine Art Wasserzeichen, das die Wiederverwendung von bereits gebrauchten Marken verhindern sollte. Im Englischen werden diese Einprägungen „Grill“ genannt. Es gibt davon verschiedene Varianten, etwa den „A-Grill“, den „F-Grill“ — oder eben den „Z-Grill“. Das Vorgehen war übrigens nicht sonderlich erfolgreich: schon bald verschwanden die Grill-Briefmarken also wieder und wurden zu Sammlerstücken.

Die „One Cent“-Marke mit Z-Grill ist heute eine der seltensten Marken der Welt, bisher sind nur zwei als echt zertifizierte Exemplare bekannt. Deshalb beträgt der aktuelle Katalogwert auch stolze drei Millionen Dollar. Nur zum Vergleich: von der berühmten „Blauen Mauritius“ gibt es noch zwölf Exemplare, im Katalog kommt sie auf vergleichsweise geringe 625.000 Euro.

Nun aber zurück zu „Opa Reinhold“. Ob der auf dem Flohmarkt tatsächlich einen Z-Grill gefunden hat, muss natürlich erst noch geprüft werden.

Das Echtheitszertifikat kann in diesem Fall jedoch nur die ‚Philatelic Foundation‘ in New York ausstellen.

… zitiert „Bild“ einen Briefmarken-Experten. Und schlussfolgert:

Die Marke der sächsischen Flohmarkt-Fans muss nun also zum Vergleich mit dem Original in die USA.

Es gibt allerdings einen kleinen Haken:

Und das ist Opa Reinholds Dilemma: „Ich habe nur 600 Euro Rente. Damit kann ich mir die Reise und die Prüfgebühr nicht leisten.“ Verzweifelt suchen sie jetzt einen Sponsor.

Mit dieser rührenden Szene endet der Artikel. Danach passiert ein paar Tage lang gar nichts. Doch nachdem auch die „Dailymail“ in ihrer Online-Ausgabe über den Fall berichtet hat, erkennt „Bild“ offenbar das Potenzial der Story und hebt sie am 2. November groß in die Bundesausgabe:

Rentner findet 2,5-Mio.-Briefmarke auf dem Flohmarkt

Plötzlich springen auch etliche andere Medien darauf an und berichten über die „Sammlersensation vom Flohmarkt“.

Ob es sich aber tatsächlich um die wertvolle Rarität handelt, steht immer noch nicht fest. „Bild“ schreibt:

Offiziell muss die Echtheit der One-Cent-Marke noch von der „Philatelic Foundation“ in New York bestätigt werden. Ohne ein Zertifikat dieser Stiftung kann die Marke nicht in einem Auktionshaus verkauft werden.

Die Experten hierzulande sind allerdings schon mal hin und weg:
Profis von Millionen-Marke begeistert

Bild.de hatte die Marke von „Gutachter Klaus Finthe“ untersuchen lassen.

Flinthe fasziniert: „Sie ist zu 99 Prozent echt, womöglich wertvoller als die Blaue Mauritius. Eine Fälschung ist unwahrscheinlich.“

Um aber, so betont Bild.de einen Tag später erneut, …

(…) die 100-prozentige Echtheit einer Marke festzustellen, ist ein Besuch in New York unumgänglich. Denn nur die Expertise der „Philatelic Foundation“ bestätigt, dass es sich um ein Original handelt. Eine Reise, die Reinhold Hoffmann auch noch vor sich hat.

Aber gab’s da nicht noch ein Problem? Ach ja:

Reinhold Hoffmann (70) und Lebensgefährtin Bärbel (71) suchten einen Sponsor, um an die Expertise der „Philatelic Foundation“ New York zu kommen. Denn nur diese bestätigt die Echtheit.

Doch dank der bundesweiten Aufmerksamkeit gibt es für die „Briefmarken-Millionäre“, wie Bild.de sie nun schon nennt, eine gute Nachricht: Ein Verlag für Briefmarken-Zubehör bietet an, „den Rentner Hoffmann sowohl zu betreuen als auch finanziell zu unterstützen“ und will „alle anfallenden Kosten für die Reise in die USA übernehmen“. Auch der Verlag erklärt noch mal das Ziel der Reise: „Jetzt muss die One-Cent-Marke noch von der ‚Philatelic Foundation‘ in New York (USA) auf ihre Echtheit überprüft werden.“

Reinhold Hoffmann und seine Lebensgefährtin treffen derweil schon mal die ersten Vorbereitungen:

Doch heute geht das Paar erst einmal zur Meldestelle, beantragt einen neuen Reisepass. Reinhold: „Mein alter ist fast abgelaufen, genügt für den Flug nach New York nicht mehr.“

Und dann, am 27. November, ist es so weit. Der Höhepunkt der Geschichte rückt näher. Endlich treten Herr Hoffmann und ein paar Leute von „Bild“ die langersehnte Reise an. Endlich kann die Briefmarke auf Echtheit geprüft werden. Endlich geht es mit dem Flugzeug nach …

London:

Jetzt brachte er seine Marke persönlich nach London – zur Wertermittlung. BILD begleitete ihn!

Seltsam. Da wird „Bild“ nicht müde, immer und immer und immer wieder zu betonen, dass „nur die ‚Philatelic Foundation‘ in New York“ das Echtheitszertifikat ausstellen kann, dass die Marke „ohne ein Zertifikat dieser Stiftung (…) nicht in einem Auktionshaus verkauft werden“ kann und „ein Besuch in New York“ damit „unumgänglich“ ist – und plötzlich geht die Reise nicht in die USA, sondern nach England. Und die Marke wird nicht der „Philatelic Foundation“ vorgelegt, sondern der „Royal Philatelic Society“.

Wir haben beim Verlag, der die Reise gesponsert hat, nachgefragt, woher der plötzliche Kurswechsel kommt, allerdings wollte uns dort niemand eine Stellungnahme abgeben.

Aber: Wir hätten da eine mögliche Erklärung. Vielleicht haben Herr Hoffmann und „Bild“ die Briefmarke nicht zu den Experten in New York gebracht, weil die schon einen Monat zuvor mitgeteilt hatten, dass es auf keinen Fall die berühmte Rarität sein könne.

Denn schon am 26. Oktober, also einen Tag nachdem „Bild“ zum allerersten Mal über den Fund berichtet hatte, und eine Woche bevor die „Bild“-Maschinerie dann so richtig anlief, schrieb die „Huffington Post“:

Reinhold Hoffmann, ein Rentner, der der deutschen Zeitung „Bild“ berichtete, er habe eine 3-Millionen-Dollar-Briefmarke gefunden, hat nun wohl einen Grund auszurasten: Die „Philatelic Foundation“ sagte, die Marke sei weniger als 100 Dollar wert.

„Wir haben ihm mitgeteilt, dass es nicht der Z-Grill ist“, sagte David Petruzelli von der Foundation der Huffington Post am Freitag. „Er hat uns einen guten Scan davon zugeschickt. Es ist nicht die Briefmarke.“ (…)

Aber die Foundation sagte, sie habe ihm geschrieben, er solle sich nicht damit herumquälen [einen Sponsor zu suchen und nach New York zu fliegen]. Die Marke sei es nicht mal wert, daran zu lecken, jedenfalls nicht im Vergleich zu drei Millionen Dollar. „Ich habe mein Bestes gegeben, ihm zu erklären, dass es nicht die Briefmarke ist“, sagte Petruzelli. „Wir wollten nicht, dass er sich die Mühe macht.“

Petruzelli sagte, schon viele Sammler seien auf eigene Kosten [nach New York] geflogen, nur um enttäuscht zu werden. (…) Hoffmanns Fund sei wahrscheinlich ein F-Grill, der (…) weit weniger wert sei als der Z-Grill. In diesem Zustand schätzte er den Wert der Marke auf einen Bruchteil des Katalogwertes von derzeit 475 Dollar.

(Übersetzung von uns)

Gut, man könnte jetzt argumentieren, dass ja immerhin ein deutscher Gutachter, nämlich Klaus Flinthe, „begeistert“ und „fasziniert“ von der Marke war (wir erinnern uns: „Sie ist zu 99 Prozent echt, womöglich wertvoller als die Blaue Mauritius“).

Doch derselbe Klaus Flinthe wird in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Briefmarken Spiegel“ so zitiert:

„Also erstmal bin ich kein Gutachter“, so Flinthe am Telefon. „Und zweitens sind die Sätze vollkommen aus dem Zusammenhang gerissen. Ich habe zwar erwähnt, dass es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine echte, also schlichtweg um eine nicht gefälschte Briefmarke handelt, die auch echt gelaufen sein dürfte. Aber ich habe nie behauptet, dass es sich um die besagte Rarität handelt. Dies könnte ich ja auch gar nicht beurteilen.“ Dazu in der Lage wäre einzig die Philatelic Foundation.

Und was die gesagt hat, wissen wir ja nun.

Wolfgang Jakubek, ein bedeutender Philatelist und weltweit anerkannter Experte für US-Briefmarken, sagte dem Fachblatt, ein Fund könne „natürlich nie ganz“ ausgeschlossen werden, „allerdings sei dieser außerhalb der USA extrem unwahrscheinlich, erst recht in einer Kiloware“. Auch der Verlag, der den Flug nach England gesponsert hatte, geht laut „Briefmarken Spiegel“ mittlerweile davon aus, „dass die Marke nicht die erhoffte Marke ist“.

Nur „Bild“ lässt sich weiterhin nicht beirren. Dort erwähnen sie all das mit keinem einzigen Wort und spinnen stattdessen fröhlich das Märchen vom Flohmarkt-Schatz weiter. Und das ist durchaus ergiebig: Sechs Artikel konnten „Bild“ und Bild.de bisher daraus stricken. Netter Lesestoff über Wochen hinweg, nationale und sogar internationale Medien schenkten der Geschichte und damit der Zeitung ihre Aufmerksamkeit.

Klar, ein Besuch bei den New Yorker Fachleuten – oder auch bloß die Erwähnung von deren Einschätzung – hätte dem Märchen ein ziemlich jähes Ende bereitet. Da fliegt man doch lieber zu anderen Experten, die nicht schon öffentlich verkündet haben, dass die Marke nichts wert ist. Zum Beispiel nach London.

Dort soll die Prüfung übrigens bis zu einem halben Jahr lang dauern. Doch bis dahin ist die „2,5-Millionen-Marke“ wahrscheinlich schon wieder in Vergessenheit geraten. Und „Bild“ wird nicht mal mehr schreiben müssen, dass die Geschichte vom „Sammlerglück“ ohne Happy End auskommen musste.

Mit großem Dank an Björn T., Jürgen K. und Markus R.

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„Tagesschau“ hält sich nicht an „Bild“-Termin

„Spinnen die jetzt komplett?“, fragt „Bild“ auf der Titelseite und es kann bei dieser Formulierung eigentlich kein Zweifel daran bestehen, dass „die“ auch vorher schon nicht mehr alle Tassen im Schrank gehabt hätten.

„Die“, das sind diesmal nicht die Griechen und auch nicht die Hartz-IV-Empfänger, sondern die dritten Lieblingsfeinde der „Bild“-Redaktion: die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender, im konkreten Fall die ARD und deren „Tagesschau“.

[…] Insider ätzen: Bei der „Tagesschau“ geht es zu wie auf dem Berliner Flughafen – große Pläne, aber nichts klappt. Ein neues Nachrichten-Studio verschlingt viele Millonen. Und wird immer teurer, weil (fast) nichts fertig wird.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke ließ gestern erklären: „Die Arbeiten für das Studio liegen voll im Budgetplan.“ Aber konkrete Zahlen nannte er nicht.

BILD schon! Über 20 Millionen Euro Gebührengeld wurden für das neue Studio bereits vorab veranschlagt. Fürs Feinste vom Feinen: neues Design, Touchscreens, eine 20 Meter lange HD-Monitorwand, neue digitale Technik.

Das Wort „Gebührengeld“ steht da nicht zufällig: „Bild“ kämpft schon lange gegen die aus der Sicht der Zeitung viel zu hohen Rundfunkgebühren. Warum die allerdings nicht für ein Studio mit modernster Technik ausgegeben werden sollten, lassen die drei Autoren offen.

„Bild“ hat aber noch mehr herausgefunden:

Die „Tagesschau“ sollte in ihrem Mega-Studio am 26. Dezember pünktlich zum eigentlichen Geburtstag auf Sendung gehen. „Tagesschau“-Chefredakteuer Kai Gniffke hatte schon am 2. Januar 2012 in seinem Blog geschrieben: „Ende des Jahres nehmen wir unser umgebautes Studio in Betrieb.“

Jetzt plötzlich spricht Gniffke nicht mehr von „Betrieb“, sondern von „Probebetrieb“. WARUM?

Ganz einfach: weil vieles noch nicht funktioniert.

Tatsache: Das hatte Gniffke geschrieben. Nicht geschrieben hatte er allerdings, dass das Studio dann auch schon auf Sendung gehe.

Dass neue Technik nicht immer so funktioniert, wie man sich das wünscht, müssten sie bei „Bild“ eigentlich am Besten wissen. Das neue Layout von Bild.de im Moment sorgt noch für einige interessante Effekte:

Andererseits könnte ein nicht funktionierendes Studio natürlich für eine dieser lustigen „Pannen“ sorgen, über die „Bild“ und Bild.de bei Fernsehsendern so gerne berichten.

In jedem Fall sah sich der NDR, bei der ARD verantwortlich für die „Tagesschau“, gezwungen, mit einer Pressemitteilung auf die „Bild“-Berichterstattung zu reagieren.

Darin erklärt NDR-Sprecher Martin Gartzke unter anderem:

Das neue Studio wird erst in Betrieb gehen, wenn alle Arbeitsabläufe zu hundert Prozent sitzen. Der Starttermin 26. Dezember wurde ausschließlich von der BILD-Zeitung behauptet, wir selbst haben aus guten Gründen bislang keinen solchen Termin gesetzt.

Tatsächlich tauchte das Datum 26. Dezember erstmals auf, als „Bild“ (ebenfalls ziemlich ahnungslos) über die „neue“ Erkennungsmelodie der „Tagesschau“ berichtet hatte.

„Tagesschau“-Chefredakteur Kai Gniffke sagte dann auch auf unsere Frage, dass niemand, der etwas von den Abläufen eines TV-Betriebs verstünde, ein neues Studio am 26. Dezember eröffnen würde: In einer solch schwierigen Phase müsse man quasi mit doppelter Besetzung arbeiten, was „völliger Unfug“ wäre, wenn am 2. Weihnachtsfeiertag alle Mitarbeiter bei ihren Familien sein wollten.

Auch der Behauptung von „Bild“, Technikern seien von anderen ARD-Anstalten „eingeflogen“ worden, um Fehler zu finden, widersprach Gniffke: Da man im Probebetrieb mit doppelter Besetzung arbeiten müsse (eine Crew fährt das Live-Programm, die zweite die Test-Sendungen), habe man das Team vor Ort mit erfahrenen Journalisten aus den Landesstudios verstärkt.

Das Geraune „mehrerer Insider“, die „Bild“ mit den Worten zitiert, das Studio könne am Ende „bis zu 40 Millionen“ kosten, kommentierte Gniffke mit den Worten, das geplante Budget von unter 25 Millionen Euro werde „sehr sicher“ eingehalten.

Bleibt noch die Fußnote, in der „Bild“ behauptete, Anne Will gelte als „Top-Kandidatin“ bei der „Tagesschau“, weil die Nachrichtensendung „in Zukunft mehr ‚moderierende Elemente‘ enthalten“ und die nach Will benannte Talkshow eingestellt werden solle.

Die bezeichnet NDR-Sprecher Martin Gartzke als „völlig befremdlich“. Und fährt fort:

Es gibt keine Entscheidung über die Zukunft der Talkshows. Es gibt auch – anders als von BILD behauptet – keinen Auftrag an eine Intendantin oder einen Intendanten, für Anne Will eine andere Beschäftigung zu suchen; sie moderiert ihre Sendung außerordentlich erfolgreich. Geradezu unsinnig wäre es im Übrigen, angesichts des großen Erfolgs der Tagesschau das bewährte Sprecherprinzip aufzugeben. In diesem Fall zitiert BILD mich vollkommen korrekt mit: ‚Alles Quatsch!‘“

Brennende Phantasie

Am vergangenen Mittwoch hat sich ein Mann in einem Kölner Supermarkt mit Benzin übergossen und selbst angezündet. Er wurde lebensgefährlich verletzt.

Viele Medien berichten seitdem über den Fall. Vermutlich sind es die besonderen Begleitumständen der Tat – insbesondere die Tatsache, dass der Mann auch andere Menschen in Gefahr gebracht hat –, die aus Sicht der Journalisten eine Berichterstattung rechtfertigen.

Einige Medien hielten sich dabei sogar (mehr oder weniger) an das, was der Presserat und Psychologen seit Jahren immer wieder fordern, nämlich zurückhaltend über (versuchte) Suizide zu berichten.

„Bild“ gehörte nicht dazu.

Die Zeitung schilderte nicht nur sämtliche Details der Tat, sondern zeigte auch ein nicht unkenntlich gemachtes Foto des Mannes beim Kauf des Benzins. Dazu werden im Text sein Vorname sowie weitere Einzelheiten aus seinem Privatleben genannt.

Und dann war da noch das:

Mann zündet sich in Supermarkt an

So sah die Seite drei der „Bild“-Bundesausgabe vom letzten Freitag aus.

Und so die Startseite von Bild.de:

Mann zündet sich in Supermarkt an

Warum tut sich das ein Mensch an?

Bei „Bild“ ist das eine gängige Masche, vor allem bei tödlichen Unfällen, Morden und anderen brutalen Geschichten: Wenn die Redakteure schon kein grausames Foto auftreiben können, lassen sie eben eine grausame Zeichnung anfertigen.

All denjenigen, die sich nicht vorstellen können, wie eine Kinderleiche oder ein brennender Mann aussehen, hilft „Bild“ also nach. Ob sie wollen oder nicht.

Mit Dank auch an David und Afra.

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Denkt wieder niemand an die Kinder

Man soll ja nie von Vorsatz ausgehen, wo einfache Dummheit als Erklärung auch ausreicht. Vielleicht haben die Leute, die für die Hamburger „Bild“-Ausgabe über den FC St. Pauli schreiben, tatsächlich keine Ahnung von ihrem Gegenstand, wenn sie fragen:

Auch im Artikel rätseln die Reporter fröhlich ahnungslos vor sich hin:

Wieder einmal sorgen Ultra-Fans für Kopfschütteln – und haben offenbar endgültig eine Grenze überschritten!

Wurde die Familie von St. Paulis Vize-Präsident Dr. Gernot Stenger (57) bedroht? […]

[K]urz nach der Partie am Sonntag war ein Plakat zu sehen mit der Aufschrift: „DENK AN DIE KINDER“.

Eine unfassbare Drohung gegen Stenger, der zwei Söhne im Alter von 8 und 10 Jahren hat?

Gut: Richtige Journalisten würden diese Frage vielleicht nicht ihren Lesern stellen, sondern irgendjemandem, der auch eine Antwort darauf hat. „Recherche“ würde man das nennen.

Aber „Bild“ hat ja laut eigener Aussage einen Kronzeugen gefunden:

So sieht es St. Paulis zweiter Vize Bernd-Georg Spies (57). Sein Kommentar: „Geschmacklos!“ Stenger war vor der Jahreshauptversammlung gestern nicht zu erreichen.

Der FC St. Pauli selbst widersprach heute zunächst mal der Behauptung, das Plakat sei von den eigenen „Ultras“ hochgehalten worden:

Dazu stellt der FC St. Pauli folgendes fest, falls es noch nicht bei allen durchgedrungen ist: Ultra Sankt Pauli steht mitnichten auf der Gegengerade, sondern seit über vier Jahren auf der Südtribüne. Somit ist die Interpretation, dass es sich bei dieser Aktion um eine von Anhängern der Ultra-Gruppierung inszinierte handelt, schlichtweg falsch.

Eine Antwort auf die vielen Fragen, die „Bild“ so eindrücklich stellt, hätten die Reporter mit ein bisschen Mühe auch finden können: „Vermutlich nicht.“

Das für gewöhnlich gut informierte Fanzine „Übersteiger“ erklärt in seinem Blog das Plakat mit der Aufschrift „Denk an die Kinder“ nämlich so:

Denk an die Kinder!“ ist seit ein paar Jahren ein Running Gag innerhalb der Fanszene.
Ihr wollt wissen woher das kommt? Gerne!

Im Rahmen der Proteste gegen Montagspiele wurde wiederholt „Scheiß DSF!“ auf Plakaten, Flyern und als Ruf im Stadion verwendet.

Bei einem Gespräch zwischen Präsidium und Fanszene wurden wir darum gebeten, auf diese Art der Unmutsäußerungen zu verzichten, denn (Zitat): „Denkt an die Kinder!“ Denn die sind ja bekanntlich auch in diesen gefährlichen Stadien oder verfolgen das Spiel stattdessen im Fernsehen. Und: Alternativ könne man ja „Kein DSF!“ rufen. Denkt an die Kinder, eben, drum!

Aber dann hätten die „Bild“-Reporter ja nicht mal mehr unbeantwortete Fragen gehabt, mit denen sie ihre Zeitung hätten füllen können. Von einer Story ganz zu schweigen.

Mit Dank an Andreas S., Maik K., Christian G., Martin und Moritz.

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Hauptsache Gewalt

Es gibt ja quasi nichts, was Journalisten nicht als Rangliste präsentieren könnten:

Wie viele gefährliche Fans hat mein Verein? Bild-Exklusiv: Gewalt-Tabelle der Bundesliga.

„Bild“ berichtete am Mittwoch jedenfalls ganz aufgeregt:

Sportlich macht Aufsteiger Frankfurt Spaß. Platz 3 in der Liga. Doch auf den Rängen machen die Eintracht-Fans oft Ärger. Platz 1 in der Gewalt-Tabelle des deutschen Profifußballs.

BILD liegt die bisher geheim gehaltene Liste aus dem Bericht der „Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze“ der Polizei exklusiv vor.

Anders als angeblich „Bild“ liegt uns die Langfassung des Berichts nicht vor und die ZiS hat bisher nicht auf unsere Anfrage reagiert. Deswegen können wir auch nicht beurteilen, ob in dieser andere Zahlen stehen als in der gekürzten Version — oder ob „Bild“ sich beim Abschreiben schlicht vertan hat.

Die Zeitung jedenfalls schreibt:

Für die Saison 2011/12 sind dort 10603 Gewalt-Fans für 1. und 2. Liga vermerkt. Davon 7830 sogenannte „Kategorie B-Fans“ (gewaltbereit) und 2783 aus der Kategorie C (gewaltsuchend). Ein Anstieg von 918 Personen im Vergleich zur Vorsaison.

Die gekürzte Fassung des Berichts nennt hingegen diese Zahlen:

Kategorie B: 8.480 Personen, Kategorie C: 2.893 Personen

Der Bericht selbst führt weiter aus:

Gegenüber der vorhergehenden Saison 2010/11 war damit ein Anstieg des Gesamtpotenzials um insgesamt 1.688 Personen (+ 17,5 Prozent) dieser Kategorien zu verzeichnen. Der rechnerische Durchschnitt liegt bei 316 Personen dieser Kategorien je Verein in beiden Bundesligen. Wie bereits in der Zusammenfassung ausgeführt, ist dieser Anstieg der Gesamtzahl der Personen der Kategorien B und C um ca. 1.700 Personen im Vergleich zur Saison 2010/11 im Wesentlichen auf die bereits vor der Saison absehbare brisante Zusammensetzung der 2. BL mit den Absteigern aus der BL (Eintracht Frankfurt und FC St. Pauli) und den Aufsteigern aus der 3. Liga (FC Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig, SG Dynamo Dresden) zurückzuführen, die allein in dieser Liga zu einem Anstieg des dort tätigen Gewaltpotenzials um ca. 1.100 Personen geführte (sic!) hatte. Der Anteil dieses Potenzials in der Bundesliga hatte lediglich im Rahmen der Neubewertung einzelner Störergruppen und auch durch auf- /abstiegsbedingte Schwankungen zu einem geringeren Zuwachs geführt.

Doch die ganze Polizeistatistik ist eher mit Vorsicht zu genießen. Wie unscharf und damit wenig aussagekräftig sie ist, dokumentieren vor allem die Antworten auf den Fragenkatalog von „Spiegel Online“. So wird etwa klar, dass Menschen, die „explizit durch den Einsatz von Tränengas geschädigt wurden“, genauso in die Statistik mit einfließen wie die, die von gewaltbereiten „Fans“ verletzt wurden. Darüber, wie viele der 7.298 „freiheitsentziehenden Maßnahmen“ letztlich zu Strafverfahren, Gerichtsprozessen und Verurteilungen führten, liegen keine Statistiken vor.

n-tv.de stellt fest:

Ähnlich wie bei der Zahl der Verletzten verhält es sich mit den 11.373 Personen, die die Behörde als Gewalttäter einstuft. Auch sie bewegt sich im Promillebereich.

Selbst „Bild“-Sportchef Alfred Draxler kommt zu dem Ergebnis, dass die sogenannten „gewaltsuchenden Fans“ „nur eine kleine Minderheit“ seien. Die Statistik und ihre Interpretation durch Polizei und Politik hinterfragt „Bild“ aber an keiner Stelle.

Stattdessen schreibt „Bild“ über einen Verein, „der noch mehr Problem-Fans hat als jeder Bundesligist – und der kickt in der 5. Liga (Oberliga Nordost)!“:

Beim Berliner FC Dynamo zählt die Polizei 760 gewaltbereite und gewaltsuchende Fans (zum Teil mit rechtsradikalem Hintergrund). Und das bei einem Zuschauer-Schnitt von 728…

Der gefährlichste Klub in Deutschland!

Der BFC Dynamo widerspricht dieser Darstellung deutlich:

Nach Rücksprache mit den zuständigen Behörden weist der BFC Dynamo die Anschuldigungen im Bericht der BILD-Zeitung vom 21.11.2012 entschieden zurück! Die dort erwähnten Zahlen und Fakten sind falsch und entsprechen nicht den Tatsachen.

Der Vorstand des Vereins hat sich umgehend mit der zuständigen Senatsverwaltung für Inneres und Sport in Verbindung gesetzt. Auch von dort sind die in der Bild-Zeitung veröffentlichten Zahlen nicht bestätigt worden. Auch gab es seitens der BILD-Zeitung keine Anfrage an die Senatsverwaltung, so dass der Bericht nur als populistisch bezeichnet werden kann.

„Bild“ war gestern unterdessen beim nächsten Thema angekommen:

Gewalt-Fans prügeln im Drogen-Rausch

Die Zeitung schreibt:

Am 11. Spieltag wurden Fans der Frankfurter Eintracht beim Auswärtsspiel in München (0:2) in Nackt-Zelten gefilzt. Bei einem wurde Kokain entdeckt. Kein Zufall?

Kleiner Haken: Das Kokain wurde nicht in den „Nackt-Zelten“ entdeckt, mit denen „Bild“ sowieso ihre Schwierigkeiten hatte (BILDblog berichtete), sondern ganz woanders.

Die Polizei schreibt:

Weiterhin kam es vor dem Spiel im Bereich des Busparkplatzes zu einer Begegnung von 30 – 50 Frankfurter Fußballfans mit ca. 150 Münchner Ultras. Die beiden Gruppen liefen aufeinander zu und es kam hier zu Auseinandersetzungen. (…) Ein weiterer Frankfurter Fan, der davon gelaufen war, konnte abgesetzt wegen einer weiteren Körperverletzung festgenommen werden. Bei ihm wurde dann auch noch eine Ampulle Kokain aufgefunden.

Mit Dank an Sven P., Moritz N., Benzemama, Olli, Danny W. und Stephan U.

Messerwisser

Zu den Kernkompetenzen von „Bild“ gehören (angeblich) Fußball und (offensichtlich) Nacktheit.

So gesehen war gestern ein großer Tag:

Nackt-Zelte bald vor jedem Stadion?

Vor dem Spiel des FC Bayern München gegen Eintracht Frankfurt hatten die Bayern zwei Zelte aufgestellt, in denen die Gästefans laut „Bild“ kontrolliert wurden „wie auf dem Flughafen“:

Drinnen wurden die Fans vom Bayern-Sicherheitsdienst auf verbotene Gegenstände wie Pyrotechnik kontrolliert. Bei einem Anfangs-Verdacht hätten sich Fans für weitere Kontrollen wohl komplett ausziehen müssen.

„Bild“ zitierte Kritiker der Aktion, erklärte die Rechtslage („Nur die Polizei darf Fans zum Entkleiden auffordern.“), ließ die Bayern aber auch zu Wort kommen:

Bayern-Sprecher Markus Hörwick verteidigt die Maßnahme: „30 bis 40 Anhänger wurden strenger kontrolliert, mussten maximal ihre Jacken ausziehen.“ Dabei wurden laut Polizei 22 Messer und ein Pfeffer-Spray gefunden.

Ähnliche Angaben finden sich auch in anderen Medien.

süddeutsche.de berichtete:

Am vergangenen Samstag, beim Spiel des FC Bayern gegen Eintracht Frankfurt, von DFB vorab als „Spiel mit erhöhtem Sicherheitsrisiko eingestuft, wurden darin stichprobenartig Frankfurter Fans kontrolliert. Dabei wurden sichergestellt: 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube und Pfefferspray, außerdem Kokain.

Der Sportinformationsdienst sid schrieb:

Bei den Kontrollen am Samstag seien unter anderem 20 Messer, zwei Schlagstöcke, ein Schlagring, eine Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain sichergestellt worden.

Und die Deutsche Presse Agentur dpa vermeldete:

Die Maßnahmen rechtfertigte der Verein etwa damit, „verbotene Pyrotechnik und Gewalt im Stadion“ verhindert haben zu wollen, um dadurch „die Sicherheit von rund 71 000 Zuschauern in der Allianz Arena zu gewährleisten“. Bei den Kontrollen seien unter anderem 20 Messer sichergestellt worden.

20 (oder 22) Messer wären eine ganze Menge, wenn sie bei der näheren Kontrolle von „30 bis 40 Anhängern“ gefunden worden wären, wie man es aus dem „Bild“-Bericht herauslesen könnte. Oder bei der „stichprobenartigen“ Kontrolle der Frankfurter Fans auf süddeutsche.de.

Stattdessen fand die Polizei die aufgezählten Gegenstände bei ihren Kontrollen im gesamten Stadionbereich, wie Sprecher von Polizei und FC Bayern gegenüber dem Eintracht-Blog der „Frankfurter Rundschau“ heute bestätigten:

„Bild“ hatte da in der Frankfurter Regionalausgabe bereits diese Klarstellung veröffentlicht:

Klarstellung: Zum BILD-Artikel über die "Nackt-Zelte" in der gestrigen Ausgabe: 20 Messer, zwei Schlagstöcke und eine Dose Pfefferspray fand die Polizei vorm Eintracht-Spiel in München — bei sämtlichen Kontrollen rund ums Stadion. Damit sind nicht nur die umstrittenen Vollkörperkontrollen vorm Eintracht-Bereich gemeint.

Mit Dank auch an die vielen Hinweisgeber.

„Mein Kampf“ ist nicht gleich „Mein Kampf“

So sieht es aus, wenn ein CSU-Politiker „Mein Kampf“ als Schullektüre etablieren will:

"Mein Kampf" erscheint als Schulbuch. Nürnberg - Die bayerische Landesregierung will Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" in einer wissenschaftlich kommentierten Version für Schulen veröffentlichen -um Jugendliche aufzuklären. Das sagte der bayerische Finanzminister Markus Söder (CSU). Hintergrund: In drei Jahren verfallen die Urheberrechte, die beim Freistaat Bayern liegen. Dann würde das Werk wohl ohnehin in den freien Verkauf gelangen.

So sieht es aus, wenn der Deutsche Lehrerverband diesem Vorschlag zustimmt:

Der Deutsche Lehrerverband unterstützt Pläne des Freistaats Bayern für eine kommentierte Fassung von Adolf Hitlers Hetzschrift „Mein Kampf“ – und regt deren bundesweiten Einsatz in Schulen an. […]

Einer ideologischen Ansteckung junger Menschen könne gerade dadurch vorgebeugt werden, nicht aber durch eine Tabuisierung.

(Darüber, dass der Bayerische Lehrerinnen- und Lehrerverband gegen diese Pläne war, findet sich übrigens nichts bei „Bild“ und Bild.de.)

Und so sieht es aus, wenn ein Politiker der Piratenpartei „Mein Kampf“ als Pflichtlektüre in den Schulen etablieren will:

HANNOVERANER WILL 
HITLERS "MEIN KAMPF" ALS SCHUL-LEKTÜRE: Nazi-Skandal bei der Piratenpartei

„Bild“-Reporter Daniel
 Puskepeleitis scheint mindestens so fassungs- wie ahnungslos zu sein wenn er schreibt:

Ist es nur eine plumpe Provokation? Oder soll Niedersachsens Piratenpartei in die rechte Ecke gerückt werden? Der Hannoveraner Pirat Carsten Schulz will Hitlers Hetz-Buch „Mein Kampf“ zur Pflicht-Lektüre im Geschichtsunterricht erklären!

Ob Puskepeleitis schon mal von den bayerischen Plänen gehört hat, geht aus seinem Text ebenso wenig hervor wie die Antwort auf die Frage, ob er überhaupt weiß, wovon er da schreibt:

Allerdings: In Deutschland darf das Buch nicht gedruckt und herausgegeben werden! Schulz: „Nur Aufklärung hilft im Kampf gegen Neonazis. Verbote hingegen helfen nicht.“

Das Buch darf in Deutschland nicht gedruckt und herausgegeben werden, weil man damit gegen die Urheberrechte Adolf Hitlers verstoßen würde, die nach seinem Tod an das bayerische Finanzministerium gefallen sind — und die am 31. Dezember 2015 auslaufen. Danach dürfte jeder, der will, das Buch drucken, weswegen Markus Söder ja im April erklärt hatte, das Buch in einer kritischen Schulausgabe herausgeben zu wollen, weil er fürchtet, die Gemeinfreiheit des Werks könnte zu „einer verstärkten Verbreitung bei Jugendlichen führen“.

Carsten Schulz von der Piratenpartei weiß das. Er schreibt in seinem Programmantrag:

Es ist mit der Idee einer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaftsordnung völlig unvereinbar, daß bestimmte Bücher nicht gelesen werden können oder verboten sind. In diesem Fall hat es zwar damit zu tun, daß das Land Bayern die Urheberrechte für ‚Mein Kampf‘ besitzt, aber das wird sich am 1.1.2016 ändern.

Nun hatte Schulz in der Vergangenheit schon mal mit Vorstößen am rechten Rand für Aufsehen gesorgt, insofern kann man seine Motivation durchaus hinterfragen.

Warum der (inzwischen abgelehnte) Vorschlag allerdings grundsätzlich etwas ganz anders sein soll als die Pläne der CSU und die Vorschläge des Deutschen Lehrerverbands, wissen wohl nur die Leute bei Bild.de — und die Politiker, die über die Stöckchen springen, die ihnen Bild.de hinhält:

SPD-Bildungsexpertin Frauke Heiligenstadt ist fassungslos! „Völlig indiskutabel. Dieser Vorstoß unter dem Deckmantel der Bildungspolitik zeigt: Die Piratenpartei hat ein deutliches Problem mit Mitgliedern aus dem rechtsextremen Spektrum, die sich dort sammeln. Und sie hat offenbar kein Mittel dagegen.“

Mit Dank an Michael W.

Durch die Zeit mit Anastacia

Wir wollten eigentlich keine falschen Altersangaben mehr aufschreiben, aber …

Anders: Die Popsängerin Anastacia macht es einem leicht, ihr Alter falsch anzugeben: Jahrelang hatte sie sich ein paar Jahre jünger gemacht, wie sie anlässlich ihres (offenbar tatsächlichen) 40. Geburtstags am 17. September 2008 zugab — was die Journalisten sogleich verwirrte, ob sie zuvor vier, fünf oder sechs Jahre „jünger“ gewesen war.

Für „Bild“ war das Alter von Anastacia allerdings vor und nach ihrem „mutigen Alterslügen-Geständnis“ reine Glückssache:

7. Februar 2002 (tatsächlich 33, angeblich 28 Jahre alt):

Goldene Kamera für ihre Wahnsinnsstimme: Anastacia (26)

5. Juni 2002 (33, 28):

Anastacia (27), die bei der Schlussfeier der Fußball-WM singt, hat keine Ahnung vom Fußball.

17. August 2002 (33, 28):

Bei der COMET-Verleihung gestern Abend in Köln gewann Anastacia (25, „Boom“) den begehrten Musikpreise.

29. August 2002 (33, 28):

Anastacia (29) fühlt sich allein.

23. November 2002 (34, 29):

Anastacia (27) küsst ihren „Bambi 2002 Pop International“

22. Januar 2003 (34, 29):

Popstar Anastacia („One Day In Your Life“, WM-Hymne „Boom“) hat Brustkrebs! Dabei ist sie erst 29.

2. Mai 2003 (34, 29):

Anastacia (30) hat nach ihrer Brustkrebs-Operation eine neue Liebe gefunden.

6. Mai 2003 (34, 29):

Pop-Queen Anastacia (34) ließ ihre Brustkrebs-Operation filmen, um kranken Frauen Mut zu machen.

7. Mai 2003 (34, 29):

Popstar Anastacia (29) hat die Entfernung eines Krebsgeschwürs aus ihrer linken Brust filmen lassen.

13. Februar 2004 (35, 30):

Anastacia (30) steht bei der Echo-Verleihung am 6. März in Berlin erstmals wieder auf einer europäischen Bühne.

8. März 2004 (35, 30):

Erster Europa-Auftritt nach der Brustkrebserkrankung: Anastacia (28)

25. März 2004 (35, 30):

Operation, Chemotherapie, unendliche Angst. Das war vor einem Jahr. Jetzt ist Anastacia (30) wieder da.

2. September 2004 (35, 30):

Anastacia (29) will sich den Busen verkleinern lassen.

4. April 2005 (36, 31):

US-Rockröhre Anastacia (29) küßte ihren deutschen Hit, „MTV“-Moderator Patrice (31)!

18. Mai 2005 (36, 31):

Pop-Sängerin Anastacia (31, „I’m Outta Love“). Sie hat ein Jahr gegen den Tumor in ihrer Brust gekämpft. Heute ist sie geheilt.

5. Juli 2005 (36, 31):

Pop-Star Anastacia (29) hat sich von ihrem deutschen Freund, MTV-Moderator Patrice Bouédibéla (30), getrennt.

5. November 2005 (37, 32):

Anastacia (30) posiert wie Marilyn Monroe

14. Januar 2006 (37, 32):

Popstar Anastacia (30) erkrankte vor drei Jahren an Brustkrebs

23. September 2006 (38, 33):

Popsängerin Anastacia (31) will im nächsten Jahr ihren Leibwächter Wayne Newton (38) heiraten.

18. November 2006 (38, 33):

Anastacia (31, „Not That Kind“) ist auf die Nähmaschine gekommen!

26. April 2007 (38, 33):

Popsängerin Anastacia (31) hat ihren Bodyguard Wayne Newton (39) geheiratet.

2. Juli 2007 (38, 33):

Sängerin Anastacia (31) ließ tief blicken

6. März 2009 (offiziell 40):

Den meisten Applaus bekam Sängerin Anastacia (33).

Insofern ist es womöglich nur konsequent, dass Anastacia auch bei ihrer neuesten Erwähnung auf Bild.de ein Alter verpasst bekam, dass weder zum falschen (39) noch zum richtigen (44) Geburtsdatum passt:

Anastacia (37) hat vier Jahre nach „Heavy Rotation“ ein neues Album aufgenommen.

Mit Dank an Kai-Oliver K.

Bild  

German Skandal

Um trotz sinkender Auflagen ihrer Zeitungen und Zeitschriften weiter Geld zu verdienen, sind viele Verlage dazu übergegangen, auch Buch-, Film- oder Musikreihen zu veröffentlichen, für die sie irgendwelche mehr oder weniger bedeutenden Werke der Kulturgeschichte lizenziert haben. Deren Veröffentlichung wird meist mit großflächiger Berichterstattung im eigentlichen Hauptmedium flankiert, was man aber nicht mit Werbung verwechseln darf, auch wenn es eigentlich genau das ist.

Es ist wenig überraschend, dass es ausgerechnet „Bild“ ist, die eine „Skandal-Bibliothek“ mit den „10 skandalösesten Büchern der Literaturgeschichte“ („Feuchtgebiete“ von Charlotte Roche ist allerdings nicht dabei) herausgibt. Society-Reporter Norbert Körzdörfer gibt den Editionsphilologen und darf jetzt jede Woche einen Wikipedia-Eintrag die Geschichte eines „Skandal-Romans“ nacherzählen.

Letzte Woche tat er das mit „Opus Pistorum“ von Henry Miller, über das er schrieb:

2000 Polizisten stürmten 285 Buchläden und konfiszierten 3000 Exemplare!!! Mehr Werbung geht nicht.

Angesichts der durchschnittlichen Größe deutscher Buchhandlungen in den 1980er Jahren, um die es hier geht, müssten sich die Polizisten da schon ziemlich gegenseitig auf den Füßen rumgestanden haben.

Realistischer erscheint da schon, was die „Zeit“ 1989 berichtet hatte:

Die Geschichte hatte damit begonnen, daß ein Darmstädter Amtsrichter am 12. März 1986 bundesweit rund 700 Polizisten in Bewegung setzte, um sämtliche „Opus Pistorum“ Ausgaben des Bertelsmann Buchclubs in Verwahrung zu nehmen. 285 Läden wurden durchstöbert, 3000 Exemplare konfisziert.

Diese Woche nun ist „American Psycho“ von Bret Easton Ellis dran, was „Bild“ erst mal mit einem (als solchem gekennzeichneten) großen Szenenbild aus dem Film „American Psycho II“ bebildert, der mit dem Buch auffallend wenig zu tun hat.

Der Artikel ist so überschrieben:

"American Psycho" war 
6 Jahre lang verboten

Körzdörfer schreibt:

ABER WIR DEUTSCHEN HATTEN ANGST.

(Dieses „aber“ steht in keinem inhaltlichen oder grammatikalischen Zusammenhang zu den Sätzen davor.)

4 Jahre lang konnte es jeder lesen. Bis die „Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften“ drin rumblätterte: Index! 6 Jahre lang verboten!

Was Körzdörfer mit „6 Jahre lang verboten“ meint, ist ungefähr: Das Buch wurde 1995 indiziert und durfte fortan nur noch Personen über 18 Jahren zugänglich gemacht werden. Noch im selben Jahr nahm das Verwaltungsgericht Köln die Indizierung im Eilverfahren zurück, das Oberverwaltungsgericht Münster setzte diese jedoch 1996 wieder in Kraft. 1998 hob das Verwaltungsgericht Köln die Indizierung im Hauptsache-Verfahren erneut auf, das Buch durfte aber erst wieder offen im Buchhandel angeboten werden, nachdem das Oberverwaltungsgericht NRW in Münster die Berufung gegen die Entscheidung des Kölner Gerichts im Jahr 2001 endgültig zurückgewiesen hatte.

„Verboten“ war das Buch aber zu keinem Zeitpunkt.

Mit Dank an Lars, Kinga H., Peacock und Anonym.

Man muss auch mal Opfer bringen

In Rostock ist eine 17-jährige Schülerin entführt und über mehrere Tage mehrfach missbraucht worden. „Bild“ berichtet über den Fall, indem die Zeitung ein unverfremdetes „privates“ Foto des Tatverdächtigen zeigt, seinen Vornamen, den abgekürzten Nachnamen und seinen Spitznamen sowie sein Alter nennt, Angaben über seine kriminelle Vergangenheit und seine Arbeit macht und ein Foto des Hauses druckt, in dem der Mann wohnt.

So weit, so normal.

Aber auch mit dem Opfer geht „Bild“ nicht gerade sensibel um: Die Zeitung nennt offenbar den richtigen Vornamen der jungen Frau, druckt ein „privates“ Foto von ihr, auf dem ihr Gesicht zwar verpixelt ist, durch das sie aber aufgrund ihrer außergewöhnlichen Frisur für ihr Umfeld ohne weiteres zu identifizieren sein sollte.

Bild.de geht sogar noch weiter und zeigt ein Foto von dem Flugblatt, mit dem nach der vermissten Frau gesucht worden war. Ihr Gesicht ist auch hier verpixelt, dafür sind dort diverse besondere Merkmale genannt, durch die die Frau identifizierbar wird — und falls das noch nicht reicht, zeigt Bild.de auf diesem Flugblatt auch noch ihren vollen Namen.

Ebenfalls auf Bild.de gibt es ein Video mit dem Titel „Hier wird die 17-Jährige ärztlich versorgt“. In wackligen Bildern sieht man durch einen Zaun hindurch Rettungssanitäter, die mehrere Tücher hochhalten, um die offenbar dahinter befindliche Frau vor neugierigen Blicken zu schützen.

Der Offsprecher salbadert:

Die seit Samstagmorgen vermisste […] lebt. Hinter diesen hochgehaltenen Tüchern wird die Jugendliche ärztlich versorgt. […]

Die 17-Jährige wurde unweit einer viel befahrenen Straße, rund drei Kilometer von ihrem Elternhaus im Rostocker Stadtteil […] entfernt, gefunden. Polizisten riegelten ein Wohnhaus in rund einhundert Metern Entfernung ab. Offenbar war […] in diesem Haus festgehalten worden.

Er beschreibt damit recht anschaulich, was in dem Video auch zu sehen ist.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

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