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Riesen-Schweinsteigerei

Es ist ein gefundenes Fressen für „Bild“: Fußball-Profi Bastian Schweinsteiger hat bei einer Presseveranstaltung einen „ihm unliebsamen Journalisten“ beleidigt. Oder anders formuliert:

Schweini rastet aus - Bayern-Star beleidigt Reporter als Pisser und wehrt sich gegen Chefchen-Kritik

Die Autoren Kai Psotta und Mario Volpe listen alles auf, was es zu diesem Anlass zu berichten gilt: Dass der Ausbruch exakt 11 Minuten und 56 Sekunden gedauert hat, welche besonders deftigen Beleidigungen Schweinsteiger aussprach, dass Kameras bei dem denkwürdigen Auftritt verboten waren. Alleine eine Information fehlt rätselhafterweise: Welchen Reporter hat Schweinsteiger so rüde beschimpft?

Doch die lieben Kollegen haben das längst ausgeplaudert: Der gemaßregelte Journalist war Christian Falk, Chefreporter der „Sport Bild“. Der hatte zwei Wochen zuvor den bis dato von „Sport Bild“ hofierten Schweinsteiger abrupt abgekanzelt und als „Chefchen“ tituliert.

Bild.de hat Falks Namen und Arbeitgeber inzwischen unauffällig in den Artikel eingefügt.

„Sport Bild“-Chefredakteur Matthias Brügelmann sah sich kurzerhand zu einer Stellungnahme veranlasst. Die „Chefchen“-Geschichte sei lediglich eine „Analyse“ der Leistung Schweinsteigers. Und weiter:

Wenn Schweinsteiger das anders sieht, ist das sein gutes Recht. Wir haben bei SPORT BILD kein Problem damit, kritisiert zu werden. Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Ob seine Wortwahl („Pisser“, „Arschloch“) bei der Pressekonferenz für Führungsqualität und Vorbildfunktion spricht, sollen andere beurteilen.

Die „anderen“ hat Brügelmann freilich schnell gefunden:

Schweinsteiger pöbelt: Pisser, A..loch. BILD meint: er muss sich entschuldigen

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Wie wird so einer zum Sex-Monster?

Für die Redakteure von „Bild“ ist es schwer hinnehmbar, dass auch Menschen, die schlimme Dinge getan haben, Rechte haben. Menschenrechte zum Beispiel.

Im vergangenen Dezember wurde ein Krankenpfleger aus Berlin wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs von Kindern verhaftet. In seiner Wohnung fand die Polizei Filmaufnahmen, die ihn bei den Taten zeigen. In der Untersuchungshaft unternahm der Mann einen Selbstmordversuch und trennte sich einen Hoden ab. In einem Abschiedsbrief bereute er seine Taten und entschuldigte sich dafür.

All das schrieb „Bild“ am 22. Dezember in der Regionalausgabe Berlin/Brandenburg. Dann muss der Redaktion aufgefallen sein, dass die eigene Berichterstattung viel zu sachlich war.

Deshalb sah die Berichterstattung am nächsten Tag ein bisschen anders (man könnte auch sagen: „Bild“-typischer) aus:

Wie wird so einer zum Sex-Monster?

In der Berliner Ausgabe prangte ein großformatiges Foto des Tatverdächtigen, in der riesigen Überschrift fragte „Bild“ „Wie wird so einer zum Sex-Monster?“

Der Bruder des mutmaßlichen Täters, der seit dessen Selbstmordversuch dessen vorläufiger Betreuer ist, ging Anfang Januar mit anwaltlicher Hilfe gegen die Berichterstattung vor und forderte die Axel Springer AG auf, die Verbreitung der privaten Fotos zu unterlassen. Springer lehnte mit der Begründung ab, es bestehe ein „außerordentliches Berichtsinteresse der Öffentlichkeit“ und die Taten seien besonders verwerflich.

Am 11. Januar erließ das Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung, die „Bild“ verbietet, weiterhin Fotos zu verbreiten, auf denen der Mann erkennbar abgebildet ist. Gegen diese einstweilige Verfügung zog die Axel Springer AG vor Gericht — verlor aber überwiegend.

Dabei hatten sich die Springer-Anwälte so eine schöne Begründung zurechtgelegt, warum „Bild“ auf diese Weise berichten dürfe: Der Mann sei „zweifelsfrei“ der Täter, dem die schwer kranken Kinder hilflos ausgeliefert gewesen seien. Weil er seine Stellung als Pfleger auf einer Intensivstation ausgenutzt haben soll, bestehe ein „erhebliches öffentliches Interesse“ an seiner Person, eine Berichterstattung mit Foto sei wegen der „Schwere und der Art der Begehung“ dieser Taten auch zulässig.

Sogar den Selbstmordversuch wertet „Bild“ als Grund für ihre Berichterstattung: Er stelle wegen der Selbstverstümmelung einen „ebenfalls ganz außergewöhnlich brutalen Zerstörungsakt“ dar, weshalb von einem herausragenden zeitgeschichtlichen Ereignis zu sprechen sei. Und dass „Bild“ ein Foto des Mannes zeigen konnte, sei der ja quasi selbst schuld: Er habe das Bild ja selbst auf der Internetseite StudiVZ „für alle registrierten Nutzer öffentlich gemacht“.

Das Landgericht Berlin bestätigte die einstweilige Verfügung „im Tenor“. In seiner sehr differenzierten Urteilsbegründung (PDF) erklärt das Gericht, die erste Berichterstattung von „Bild“ sei nicht zu beanstanden, wohl aber die weiteren Artikel:

Bereits in der großformatigen Überschrift wird der Antragsteller („so einer“) nicht als Mensch sondern als „Sex-Monster“ bezeichnet. Der Artikel enthält wenig objektive Information, stattdessen verschiedene reißerische Textpassagen („Wie wird so einer zum Sex-Monster“, „ER IST EIN MONSTER. DAS HABE ICH NICHT ERKANNT“, „Es war offenbar die Maske eines Perversen.“), die über ein bloßes boulevardmäßiges Zuspitzen von Tatsachen hinausgehen.

Die Angst des mutmaßlichen Täters, er könne anhand der Fotos identifiziert und durch die Berichterstattung zum Opfer gewalttätiger Übergriffe werden, erschien dem Gericht „nicht völlig abwegig“. Die Veröffentlichung des Fotos sei daher nicht zulässig gewesen.

Auch bei der Berichterstattung in der Bundesausgabe hätte „Bild“ auf ein Foto verzichten müssen:

Die dem Antragsteller zur Last gelegten Taten werden nicht als Vorwurf sondern als feststehende Tatsachen dargestellt. Im Übrigen wird auf einen bereits erfolgten Bericht der Zeitung verwiesen. Einerseits sind Artikel und Foto insgesamt klein gehalten. Andererseits ist zu berücksichtigen, dass der Artikel in Bezug auf den Antragsteller keine neue sachbezogene Information enthält, die das erneute Abdrucken des Fotos rechtfertigen könnte.

Unmissverständlich äußert sich das Gericht zu der bei „Bild“ so beliebten „Quelle“ Soziale Netzwerke:

Eine Einwilligung des Antragstellers in die Verbreitung der Bilder liegt nicht vor. Unbeachtlich ist, ob der Antragsteller mit der Verbreitung seines Bildnisses gegenüber dem begrenzten Kreis der Nutzer von „studiVZ“ einverstanden war. Hier geht es um eine Veröffentlichung von Bildern in einer Zeitung im Zusammenhang mit dem Vorwurf schwerer Straftaten.

Mit Hilfe seines Anwalts Ulrich Dost hat der Mann auch einstweilige Verfügungen gegen die „B.Z.“ und den „Berliner Kurier“ erwirkt. Der „Kurier“ hatte über mehrere Tage das Foto des Tatverdächtigen gezeigt und ihn als „Sex-Bestie“ bezeichnet, einmal sogar auf der Titelseite. Das Berliner Landgericht hat auch die einstweilige Verfügung gegen den „Berliner Kurier“ bestätigt.

In beiden Fällen sind die Urteile noch nicht rechtskräftig, da die unterlegenen Boulevardzeitungen in Berufung gegangen sind.

B.Z., Bild  etc.

Volksgerechtigkeit

Sie sind ein Glücksfall für die Boulevardzeitungen, die Videoaufnahmen von dem Angriff auf einen jungen Mann in der Berliner U-Bahn-Station Friedrichstraße. Sie können gar nicht aufhören, die Bilder zu zeigen, auf ihren Titelseiten und in ihren Online-Angeboten. Vermutlich lohnt sich das.

Was sich auch lohnt, um den Volkszorn anzustacheln und von ihm zu profitieren: Fragen zu stellen, ohne sie zu beantworten. Bei Bild.de lesen sie sich unter anderem so:

Muss jemand, der einen anderen halb tot prügelt, nicht ins Gefängnis? Darf man einen solchen Schläger einfach wieder auf die Leute loslassen?

Darauf könnte man vielerlei antworten. Zum Beispiel, dass noch gar nicht ausgemacht ist, ob der 18-Jährige, gegen den Haftbefehl erlassen wurde, nicht ins Gefängnis muss — ein Urteil steht noch aus. Oder auch, dass man einen „solchen Schläger“ nur dann „wieder auf die Leute loslassen“ darf, wenn nicht davon auszugehen ist, dass er erneut zum Schläger wird.

Der deutsche Rechtsstaat sieht vor, dass es gute Gründe braucht, jemanden ohne ein Urteil ins Gefängnis zu stecken. Ein „dringender Tatverdacht“ allein reicht dafür nicht aus. Ein Haftgrund ist neben der Wiederholungsgefahr die Fluchtgefahr. Im konkreten Fall hat der Richter entschieden, dass beides nicht vorliegt, und er hat gute Gründe dafür. Der mutmaßliche Täter ist bislang nicht polizeilich auffällig gewesen; er ist sozial integriert; er hat sich selbst gestellt, und er ist reumütig.

Wenn „Bild“ die Mutter des Opfers fragen lässt: „Wie kann es sein, dass bei versuchtem Mord die Täter einfach entlassen werden?“, muss man ihr also antworten, dass Untersuchungshaft nicht der Strafe dient und dass sie nicht unmittelbar davon abhängt, wie schwer der Tatvorwurf ist. Der Düsseldorfer Strafverteidiger Udo Vetter erklärt uns auf Anfrage, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein Verdächtiger versucht, sich einem Verfahren zu entziehen, steigt, je höher die zu erwartende Strafe ist. Trotzdem müsse in jedem Einzelfall abgewogen werden, ob es wahrscheinlich ist, dass er flüchten will, und er somit in Untersuchungshaft gehört.

Und wenn „Bild“ einen Leser fragen lässt: „Leben wir in einem Wattebausch-Land?“, muss man ihm antworten: Nein, in einem Rechtsstaat.

„Bild“ versucht, den falschen Eindruck zu erwecken, die Frage der Untersuchungshaft hänge mit der Schwere des Tatvorwurfs zusammen:

Beim Haftrichter gibt der Brutalo-Treter zu, volltrunken Streit gesucht zu haben. Trotzdem lässt ihn der Richter laufen. (…)

Aufregung, weil der Schläger-Schüler Haftverschonung bekam, gegen Auflagen auf freien Fuß kam – und das obwohl er sein zufällig ausgesuchtes Opfer aus purer Streitlust fast tot geprügelt hätte!

(Hervorhebungen von uns.)

Besonders perfide ist, dass das Blatt den Eindruck erweckt, damit sei die Sache erledigt, dabei hat das Verfahren noch nicht einmal begonnen. Die Haftverschonung wird implizit mit einem Freispruch gleichgesetzt — und die Reaktionen der entsprechend in die Irre geführten, empörten Leser stolz vorgeführt.

Danach erwecken „Bild“ und „B.Z.“ den Eindruck, ihre Berichterstattung habe dazu beigetragen, dass bereits in den nächsten Wochen Anklage erhoben werden soll. Die „B.Z.“ schreibt:

Der massive Druck der Öffentlichkeit zeigt offenbar Wirkung.

Vom Dementi der Staatsanwaltschaft und dem Hinweis, dass die günstige Beweislage aufgrund der Videoaufnahmen und der Geständnisse ein schnelles Verfahren ermöglichen, hat sich das Blatt offenbar nicht überzeugen lassen wollen.

Kaum verholen fordert die „B.Z.“ auf ihrer heutigen Titelseite den Abschied vom Rechtsstaat. Denn „einfach mal Strafe“ bedeutet im konkreten Fall offenbar: ohne Verhandlung, ohne Urteil. (Und sowieso ohne Betrachtung der Frage, ob es dadurch wahrscheinlicher oder unwahrscheinlicher wird, dass ein junger Mann auch in Zukunft straffällig wird.) Anders als die „B.Z.“ behauptet, ist der Begriff für ein solches Vorgehen nicht „Gerechtigkeit“, sondern „Rache“.

Der „Bild“-Leitartikler Georg Gafron ist fassungslos, dass in Deutschland Menschen nicht einfach so ohne Verfahren und guten Grund eingesperrt werden können:

Ob der Richter, der diese nicht nachvollziehbare Freilassung zu verantworten hat, sich überhaupt der Tragweite seines Handelns bewusst ist?

Diese Art von Gutmenschen-Justiz fordert Nachahmungstäter geradezu heraus, statt sie mit unnachsichtiger Härte abzuschrecken!

Und hat sich dieser Richter in seiner unendlichen Milde auch einmal überlegt, was er mit dieser unverantwortlichen Entscheidung provozieren könnte:

Dass Menschen, die den Glauben an den Rechtsstaat verlieren, irgendwann einmal das Recht selbst in die Hand nehmen könnten?

Wir wollen keine Bürgerwehr — aber einen wehrhaften Staat!

Ob sich Gafron in seinem unendlichen Populismus auch einmal überlegt hat, wer begeistert daran arbeitet, den Menschen den Glauben an den Rechtsstaat zu nehmen, indem er ihn bis zur Unkenntlichkeit karikiert, anstatt korrekt über die Abläufe und zum Beispiel das Wesen von „Untersuchungshaft“ zu informieren?

Die „Vereinigung Berliner Strafverteidiger“ erklärt das Prinzip kurz und bündig so:

Die Feststellung der Schuld des Beschuldigten und Auswahl und Bemessung der entsprechenden Sanktion bleiben — auch bei geständigen Beschuldigten — dem Gericht in einer solchen Hauptverhandlung vorbehalten.

Doch die Boulevardzeitungen haben stattdessen längst den Richter an den Pranger gestellt („Bild“: „Dieser Richter schickte Torben P. (18) nach Hause“; „B.Z.“: „Das ist der Richter, der den Schläger freiließ“) und zeigen ihn teils auch groß im Bild. Die Berliner Verteidiger protestieren: „Eine solch tendenziöse und auf die Person eines Richters abzielende (negative) Berichterstattung … widerspricht dem rechtsstaatlichen Verständnis, dem auch die Presse verpflichtet sein sollte.“ In einer gemeinsamen Erklärung bemängeln die Präsidenten des Berliner Kammergerichts und des Amtsgerichts Tiergarten die Fehler in der Berichterstattung und mahnen:

Auch eine lebhafte und kritische öffentliche Diskussion darf die persönliche Integrität der Beteiligten nicht verletzen. (…) Ein Richter, der auf Grundlage von Recht und Gesetz entscheidet, darf nicht an den Pranger gestellt werden.

Mit Dank an die Hinweisgeber!

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Gegenverkehrt

Die Art, wie „Bild“ mit eigenen Fehlern umgeht, ist gewöhnungsbedürftig. Die falsche Unterstellung, Lena Meyer-Landrut habe bei einem ihrer Konzerte Playback gesungen (BILDblog berichtete), hat die Zeitung heute zum Beispiel nicht korrigiert.

Gestern berichtete „Bild“ recht groß über den Ärger, der der Fahrerin des Mannschaftsbusses vom FC Bayern München droht:

Polizei ermittelt gegen Bayern-Busfahrerin: Geisterfahrt zum Stadion

Seit 22 Jahren fahre Sandra König jetzt den Bus — und dann das:

Bayerns Mannschaftsbus steckt am Samstag um 14.20 Uhr im Stau auf der Frankfurter Kennedyallee (Bundesstraße, zwei Spuren in jede Richtung). Die Polizei-Eskorte kann nicht helfen, bis zum Anpfiff sind es nur noch 70 Minuten.
Busfahrerin König fährt über zwei durchgezogene Linien und trotz möglichen Gegenverkehrs auf die Gegenfahrbahn. Die Polizei-Eskorte hängt sich ran.

Nun gibt es Ärger! Die Frankfurter Polizei hat ein Ordnungswidrigkeits-Verfahren gegen die Busfahrerin eingeleitet. Noch müssen Zeugen vernommen werden. Erst danach ist klar, was der Busfahrerin vorgeworfen wird.

Das alles stimmte so nicht, wie „Bild“ heute vergleichsweise unauffällig erklärt:

Welche Konsequenzen hat die "Geisterfahrt" des Bayern-Busses vom Samstag? Die Frankfurter Polizei ermittelt gegen Fahrer Michael Lauerbach. Nachdem Bayerns Mannschaftsbus vor dem Spiel in Frankfurt um 14.20 Uhr im Stau auf der Frankfurter Kennedyallee steckte, soll er den Bus unerlaubt auf die Gegenfahrspur gelenkt haben. Die Frankfurter Polizei hat ein Ordnungswidrigkeits-Verfahren gegen den Busfahrer eingeleitet. Seine Fahrer-Kollegin Sandra König saß nicht (wie BILD gestern fälschlich berichtete) am Steuer, sondern war nur Beifahrerin. Beide wechseln sich ab, fahren zusammen rund 70 000 Kilometer im Jahr.

In der Online-Version des gestrigen Artikels hat Bild.de unauffällig im Nachhinein aus der Fahrerin einen Fahrer gemacht.

Mit Dank an Thomas G.

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Lena von der Lippe

Lena (fast) allein zu haus.Seit Lena Meyer-Landrut ihre Deutschland-Tour begonnen hat, bemühen sich Journalisten, vor allem aber auch „Bild“, diese Tour als riesigen Flop zu beschreiben. „Nur 6000 Fans“ waren zum Tourauftakt in die Berliner O2 World gekommen, die bis zu 17.000 Zuschauern Platz bieten könnte. Als Kylie Minogue die gleiche Halle mit 8.000 Fans ebenfalls nicht füllte, war das „Bild“ allerdings keine kritische Zeile wert.

Vergangenen Dienstag hatten „nur 5500 Fans“ den Weg in die Dortmunder Westfalenhalle 1 gefunden, was die Ruhrgebietsausgabe von „Bild“ zu der gewagten Formulierung verleitete, es seien wie schon bei ihren vorherigen Konzerten „kaum Besucher“ gekommen.

Doch nicht nur das:

In Dortmund sang Lena Lieder aus ihren beiden Alben "My Cassette Recorder" und "Good News". Und einige Fans staunten: Wollte sie ihre Stimme für die Titelverteidigung in Düsseldorf schonen oder warum sang sie Playback? Manche ihrer Lippenbewegungen passten einfach nicht zum Text!

Der harmlosere Fehler: Lenas Debütalbum hieß „My Cassette Player“. Der schwerwiegendere: Die Behauptung, Lena habe Playback gesungen, ist falsch, wie uns Lenas Management auf Anfrage bestätigte. „Lena singt natürlich live!“

Lena Meyer-Landrut hat „Bild“ deshalb abgemahnt. Ihr Anwalt Heiko Klatt begründete diesen Schritt uns gegenüber damit, dass die in „Bild“ verbreiteten Behauptungen inhaltlich nicht den Tatsachen entsprächen, da Lena „selbstverständlich“ live und nicht Playback singe. Bis heute 18 Uhr hatten „Bild“ und Bild.de Zeit, die Verbreitung dieser falschen Behauptungen zu unterlassen — bei Bild.de ist der Artikel inzwischen offline.

PS: Nur wenige Minuten, nachdem die Anwaltskanzlei am vergangenen Donnerstag die Abmahnung von Brainpool verschickt hatte, tauchte bei Bild.de auf der Startseite dieser Teaser auf:

Bushido: Raab hat mich wie einen "Kanaken" behandelt

Stefan Raab ist Gesellschafter bei Brainpool und Lenas Mentor. Die Überschrift des Artikels über Bushido hatte zunächst „Ich polarisiere nicht mehr, weil ich nicht mehr will“ gelautet.

Mit Dank auch an Anonymous und Janine K.

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Gartenzwergsteuer

Zu den vielen klugen Sätzen, die mein Lateinlehrer so vor sich hin gesagt hat, gehörte auch der Hinweis, man dürfe bei einem Wort nicht nur auf den ersten und ein paar weitere Buchstaben gucken, sondern solle sich jedes Wort genau ansehen.

Offenbar ist niemand aus der „Bild“-Redaktion in den Genuss dieses besonderen Pädagogen gekommen, denn die Ankündigung der designierten grün-roten Landesregierung in Baden-Württemberg, die Grunderwerbsteuer erhöhen zu wollen, schlug sich heute auf Seite 1 so nieder:

Grüne und SPD in Baden-Württemberg sind sich über ihren Koalitionsvertrag einig. Für eine umfassende Bildungsreform soll die Gewerbesteuer von 3,5 auf 5% erhöht werden.

(Hervorhebung von uns.)

Mit Dank an Carsten H.

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Der späte Hase versteckt das Ei

Heute ist Ostern, jener Feiertag, über den „Bild“ vor 11 Tagen geschrieben hatte:

In 11 Tagen feiern wir Ostern – so spät war das wichtigste christliche Fest zur Auferstehung Jesu Christi seit 152 Jahren nicht mehr.

Das stimmt so nicht: 1943, also vor 68 Jahren, fiel der Ostersonntag sogar auf den 25. April, den spätest möglichen Termin.

Am 24. April allerdings war zuletzt im Jahr 1859 Ostersonntag — was „Bild“ dann auch noch so gerade richtig hingekriegt hat:

24. April — Wie zuletzt vor 152 Jahren.

Wir wünschen allen Lesern ein frohes, fehlerfreies Osterfest!

Mit Dank an Johannes.

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Dicke Schamlippe riskiert

Drogen! Korrupte Bullen! Schamlippen!

Bei einem angeblichen „Drogen-Skandal im Polizeipräsidium“ waren zwei „Bild“-Redakteure derart in ihrem Element und dazu auch noch so urteilsschnell, dass man sich fragt, warum überhaupt noch ermittelt wird.

Bereits die Überschrift lässt eigentlich keinen Zweifel daran, dass die Schuldigen bereits überführt sind:

Mainzer Polizisten klauen Rauschgift und Geld aus Asservatenkammer: Drogen-Skandal im Polizei-Präsidium

„Bild“ spart nicht an Superlativen, Ausrufezeichen und Vorwürfen:

Es ist DER absolute Sicherheits-Gau, ein Polizei-Skandal unfassbaren Ausmaßes! Im Mainzer Polizeipräsidium sollen Ermittler Drogen und Geld aus der Asservatenkammer geklaut haben! Um sich zu bereichern – und den Stoff zu konsumieren!

Doch die Situation stellt sich dann doch deutlich anders dar, wie die „Rhein-Zeitung“ heute schreibt:

Wenn bei der Polizei 1200 Euro und ein Tütchen mit Aufputschmitteln verschwinden, ist das sicherlich eine ernste Sache.

Fünf Kamerateams und ein Dutzend Zeitungs- und Rundfunkreporter strömen deshalb noch lange nicht ins Präsidium. Dafür muss schon der Boulevard mit einem „Drogen-Skandal“ titeln, gewürzt mit Details tief im Schambereich der Betroffenen. Das füllt die eiligst anberaumte Pressekonferenz, bei der der Leitende Oberstaatsanwalt Klaus-Peter Mieth versichert: Der Artikel in der „Bild“-Zeitung sei „relativ wenig zutreffend“.

Dabei schien „Bild“ doch so genau Bescheid zu wissen. Oder zumindest irgendwelche „Informationen“ aufgespürt zu haben, inklusive der „Details tief im Schambereich“:

Nach BILD-Informationen sollen die Polizisten Heroin, Kokain, Amphetamin, Hasch und Geld geklaut haben! Unglaublich: Die Polizistin soll Heroin selbst konsumiert haben, es sich in die Schamlippen gespritzt haben – um Einstichspuren an den Armvenen zu vermeiden.

Bei der Pressekonferenz stellen Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident klar:

Drogen sind außer den 116 Gramm Amphetamin auch nicht verschwunden. Kein Heroin, kein Kokain, wie „Bild“ behauptet hat.

Und das Spiel geht so weiter. „Bild“ behauptete:

Die drei Beamten wurden nach Polizeiangaben an einen anderen Arbeitsplatz versetzt. Die Polizistin wurde in die Psychiatrie der Rheinhessen-Klinik eingewiesen.

Oberstaatsanwalt und Polizeipräsident sagen laut „Rhein-Zeitung“:

Zwar werde ermittelt, aber gegen unbekannt.

Vier Beamte seien im Fokus, aber eben nur deshalb, weil gerade sie Zugang zu der Asservatenkammer des Präsidiums haben. Suspendiert ist keiner, er habe die drei hauptamtlichen Mitarbeiter der Asservatenkammer „aus Fürsorgegründen“ in andere „Verwendungen“ innerhalb der Kriminaldirektion geschickt. (…)

Es wurde auch keine Beamtin in die Nervenklinik „eingewiesen“. Vielmehr habe die stationäre Behandlung der Frau schon begonnen, bevor Geld und Drogen überhaupt vermisst wurden.

„Bild“:

Alle 3 erwartet ein Strafverfahren, der Ausschluss aus dem Polizeidienst sowie der Verlust der Beamtenpension.

Dabei ist nach derzeitigem Stand noch nicht einmal sicher, ob überhaupt Drogen verschwunden sind. Der Oberstaatsanwalt gegenüber „Spiegel Online“:

Zum verschwundenen Amphetamin sagte Mieth, er gehe nicht zwingend von einem Diebstahl aus. „Es ist aus meiner Sicht nicht ausgeschlossen, dass das Material tatsächlich zu uns gelangt ist.“ Im täglichen Dienst geschehe es immer wieder, dass Asservate bei ihrem Weg in andere Behörden falsch zugeordnet würden.

Egal, zu welchem Ergebnis die Ermittlungen führen, einen Skandal gibt es tatsächlich schon jetzt: die reißerische und vorverurteilende Berichterstattung von „Bild“.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

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Knapp bekleidet ist auch vorbei

Wenn „Bild“ so überhaupt keine Argumente hat, fragt die Zeitung gerne mal, ob es denn sonst keine Probleme gäbe.

Barbara Steffens, die Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter in NRW, bekam diese Frage gestern gleich mehrfach um die Ohren gehauen:

Verlierer:<br />
Hat die keine anderen Sorgen? NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens (49, Grüne) kämpft gegen internationale Turnier-Vorschriften, die z.B. für Badminton-Spielerinnen Röcke und für Beachvolleyballerinnen Bikinis vorschreiben. Das sei "jämmerlich", "inakzeptabel" und "sexistisch". BILD meint: Balla-balla! Keine anderen Probleme...? Ministerin schießt gegen kurze Sport-Röcke. Düsseldorf - Haben Sie keine anderen Sorgen, Frau Ministerin?

Die Ministerin hatte eine neue Regelung der Badminton World Federation kritisiert, die vorsieht, dass Frauen ab dem Grand-Prix-Level nur noch Röcke und Kleider tragen dürfen. In ihrer Pressemitteilung schrieb Steffens:

Ob in Shorts oder in Röcken, die Leistung muss stimmen, nicht die Kürze des Rockes! Von oben herab etwas zu dirigieren und die Sportlerinnen für eigene Zwecke zu instrumentalisieren darf einfach nicht sein! Umso erfreulicher ist es, dass der Deutsche Badminton-Verband diese Regeln bisher nicht aufgegriffen hat, hier können Frauen noch in dem Dress spielen, in dem sie möchten.

Steffens ist also gegen die Vorschrift, dass die Sportlerinnen knappe Kleidung tragen müssen, nicht gegen die Kleidung an sich. Aber schon der Gedanke, dass die Spielerinnen keine „sexy Badminton-Röcke“ mehr tragen könnten, muss „Bild“ schwer getroffen haben — denn wenn sich die männlichen Redakteure eines nicht nehmen lassen wollen, dann ja wohl Sexismus beim Sport.

Nahezu folgerichtig, dass „Bild“ die Ministerin deshalb als Spielverderberin der männlichen Zuschauer an den Pranger stellt:

Kurze Röcken und knappe Bikinis auf sportlich trainierten Körpern – was vor allem die männlichen Zuschauer von Sportarten wie Beach-Volleyball erfreut, bringt NRW-Emanzipationsministerin Barbara Steffens (49, Grüne) aus der Fassung.

Interessanterweise ist es ausgerechnet der „erfreuende“ Dresscode im Beach-Volleyball, den Barbara Steffens als „Extrembeispiel“ bezeichnet hatte:

Die offizielle Kleidervorschrift für Frauen beim Beachvolleyball ist, dass die Bikini-Höschen an der Seite nur sieben cm breit sein dürfen. Ich bezweifele, dass diese Regelung nur aus sportlichem Gedanken im Sinne der Bewegungsfreiheit getroffen wurde.

„Bild“ hat derweil schon ganz andere Gedanken:

Als Regierungsmitglied könne Steffens übrigens jederzeit ein Gesetz zur „Kleiderordnung in Frauensportarten“ auf den Weg bringen – oder am besten gleich für alle Frauen eine solche Ordnung entwerfen.

Natürlich könnte Steffens ein solches Gesetz „auf den Weg bringen“: Dafür müsste sie einen Referentenentwurf über eine Kleiderordnung im Frauensport entwickeln lassen, diesen ins Kabinett einbringen und beispielsweise einen Fachausschuss darüber beraten lassen — ihr stünde also ein langer Weg bis ins Plenum bevor. Wie ein Gesetzentwurf zu einer Kleiderordnung aussähe, den die „Bild“-Redakteure entwickelt haben, dürfte klar sein.

Mit Dank an I.M.

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Die Speerspitze der Pressefreiheit

Es geht – wie bei „Bild“ üblich – nicht um die kleinen Themen: Gleich die komplette Pressefreiheit war in Gefahr, als der damalige brandenburgische Innenminister Rainer Speer gerichtlich dagegen vorging, dass sich „Bild“ bei seinen privaten E-Mails bediente.

Im September 2010 hatte „Bild“ erstmals über eine mutmaßliche Unterhaltsaffäre des damaligen brandenburgischen Innenministers Rainer Speer berichtet und dabei aus Quellen zitiert, die der Anwalt der Axel Springer AG selbst als „trübe“ bezeichnet hatte. Speer war gerichtlich gegen die publizistische Nutzung der angeblichen privaten E-Mails vorgegangen und hatte zunächst Recht bekommen (BILDblog berichtete).

Dass Speer gleichzeitig versucht hatte, eine Berichterstattung zu dem Thema generell verbieten zu lassen, weil sie ausschließlich sein Privatleben betreffe, darf ruhigen Gewissens als taktisch unklug bezeichnet werden, denn es ging immerhin um den Vorwurf des Sozialbetrugs: Speer soll, so „Bild“, eine frühere Mitarbeiterin, mit der er ein uneheliches Kind hatte, dazu angehalten haben, ihn als Vater zu verleugnen, damit das Jugendamt den Unterhalt zahle. Diese Vorwürfe (und ein paar andere) führten letztlich binnen kürzester Zeit zu Speers Rücktritt. Wochen später räumte Speer ein, dass es sich tatsächlich um sein Kind handle, er davon aber bisher nichts gewusst habe. Speer zahlte die Unterhaltsvorschüsse zurück, die Ermittlungen gegen ihn wegen einer falschen Erklärung an Eides statt wurden im November eingestellt, die „Süddeutsche Zeitung“ schrieb: „Von dem vermuteten Sozialbetrug ist nichts geblieben“.

Speer hatte „Bild“ mit seinem unbeholfenen Vorgehen aber auch eine Steilvorlage geliefert: In den wenigen Tagen zwischen der ersten Niederlage vor Gericht und Speers Rücktritt brannte die Zeitung ein buntes Feuerwerk ab. In durchaus überraschendem Ausmaß trommelte die Zeitung für die vorgebliche Pressefreiheit:

Diese Geschichte darf BILD nicht schreiben: Ein Minister und der Vorgang um den Verdacht einer Straftat, die uns Steuerzahler ganz viel Geld kostet

Andere Medien und der Deutsche Journalistenverband schlossen sich dieser Kritik an und so geriet schnell in Vergessenheit, wie „Bild“ überhaupt auf das Thema gekommen war.

Im September 2010 war beim Jugendamt und der Staatsanwaltschaft Potsdam ein anonymer Brief eingegangen, der auf einer beiliegenden CD-Rom und in Ausdrucken private E-Mails zwischen Speer und seiner früheren Geliebten dokumentierte. Diese E-Mails stammten wahrscheinlich von Speers Laptop, der ihm etwa ein Jahr zuvor gestohlen worden war, und müssen einen eher dubiosen Weg genommen haben. Sie sollen auch verschiedenen Journalisten angeboten worden sein — und schließlich hatte „Bild“ über den Fall berichtet.

Am Montag nun entschied das Berliner Kammergericht, dass „Bild“ nicht in direkter oder indirekter Rede aus den privaten E-Mails zitieren dürfe, da aus ihnen „ein besonderes persönliches Vertrauensverhältnis“ erkennbar sei und sie „überwiegend wahrscheinlich“ durch „Straftaten Dritter“ beschafft worden seien. Die Berichterstattung über die Affäre selbst sei aber rechtmäßig gewesen, da ein „hohes Informationsinteresse“ bestanden habe.

Verschiedene Medien bewerten die Entscheidung als „Erfolg“ oder „Teilerfolg“ Speers.

„Bild“ sieht das erwartungsgemäß anders:

BILD darf weiter über Skandal-Minister berichten. Berlin – Es ist ein Teil-Sieg für die Pressefreiheit. Und eine Niederlage für den Minister, der die Presse mundtot machen wollte.

Auch in einer Pressemitteilung feiert die Axel Springer AG ihren „Teilerfolg“. Gleichzeitig erklärt Sprecher Tobias Fröhlich:

Dass die Einstweiligen Verfügungen in Bezug auf das direkte oder indirekte Zitieren dennoch bestätigt wurden, halten wir für falsch. Um Klarheit für die Nutzung von Quellen in der journalistischen Arbeit zu bekommen, werden wir diesen Fall im Hauptsacheverfahren und, wenn nötig, bis zur höchstrichterlichen Entscheidung weiter führen.

Speer wiederum verklagt die Axel Springer AG gerade auf Schadenersatz in Höhe von angeblich 150.000 Euro.

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