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Auch mal die andere Seite zeigen

Wenn bei schlimmen Unfällen auf öffentlichen Straßen Feuerwehrleute und Sanitäter anrücken, haben sie in der Regel auch eine oder mehrere Decken dabei. Die halten sie dann als Sichtschutz vor die Verletzten, damit vorbeifahrende Gaffer nicht gaffen und allzu sensationsgeile Fotografen nicht fotografieren können.

Am vergangenen Samstag gab es so einen Unfall in Ruhpolding. Mehrere Kinder wurden beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren und dabei teilweise sehr schwer verletzt. Die Feuerwehr und die Sanitäter rückten also an, packten auch eine Decke aus und hielten sie vor die Verletzten, während diese vor Ort behandelt wurden.

Und was macht ein Fotograf, der keine Rücksicht auf irgendwas kennt, in so einer Situation? Geht einfach auf die andere Seite der Decke und macht vorn dort aus seine Aufnahmen. Einige Medien haben diese Fotos dann auch noch gebracht.

Bild.de zum Beispiel:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Oder „Bild“:

BR.de:

abendzeitung-muenchen.de:

chiemgau24.de:

pnp.de:

Unser Leser Götz Marx hat eine Idee, was beim Anblick der Decke wohl im Kopf des Fotografen vorgegangen sein muss: „Der BILD-Fotograf dachte wohl, die Feuerwehrleute halten die Decke bei den Opfern nur deswegen hoch, damit er nicht gegen die Sonne fotografieren muss!“

Mit Dank an Götz M. für den Hinweis!

Nachtrag, 13. September: Die Redaktion von BR.de hat das Foto inzwischen aus der Galerie entfernt.

Lach- und Unsachgeschichten

Im fernen Paralleluniversum der Regenbogenpresse gibt es eine billige Methode, die die Redaktionen gerne anwenden und die für geschätzte 50 Prozent ihrer Fantasieberichte die Grundlage bildet — der Richtige-Moment-Trick. Geht ganz einfach und ist irre effektiv: Man setzt einen Paparazzo bei einer öffentlichen Veranstaltung auf einen Prominenten an und lässt ihn solange die Linse auf den Schauspieler/Prinzen/Sportler/Wasauchimmer halten, bis diese Person mal so guckt, wie man sie in einem Artikel darstellen will: dusselig oder grimmig oder betrunken oder wieauchimmer. Und schon hat man eine neue Titelgeschichte.

Boris Becker guckt auf der Tribüne eines Tennisturniers seine Ehefrau Lilly ernst an? Ehekrise! Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat bei einem Empfang ein Glas Sekt in der Hand, und ihre Augenlider hängen auf Halbmast, weil sie gerade blinzelt? Alkoholabsturz! Nach diesem Schema lassen sich zig Storys in die Richtung biegen, die einem gerade am besten passt.

„Bild“ und Bild.de erzählen dieser Tage auffallend gern die Geschichten der respektlosen Angeklagten, die vor Gericht lächeln, lachen, grinsen, obwohl ihnen schlimme Dinge vorgeworfen werden.

Zum Beispiel Bill Cosby. Gegen den früheren Entertainer gibt es mehrere Missbrauchsvorwürfe. Vorgestern wurde festgelegt, dass der Prozess zu einem dieser Vorwürfe im Juni 2017 starten soll. Zur Anhörung am Dienstag erschien Bill Cosby persönlich. Er stieg aus dem Auto, lachte, wurde dabei fotografiert. Schon hatte Bild.de gestern eine Schlagzeile:

Zum Beispiel Sven Lau. Der Salafistenprediger steht in Düsseldorf vor Gericht. Ihm wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Zum Prozessauftakt am Dienstag machten Fotografen reichlich Fotos, auf einigen grinst Lau beim Betreten des Gerichtssaals — für Bild.de das Ereignis, das in die Überschrift musste:

Zum Beispiel Otto L. Der heute 43-Jährige ist vergangenes Jahr mit der damals 15-jährigen „Tochter seiner Ex“ durchgebrannt. In einem ersten Urteil wurde er wegen Entziehung Minderjähriger verurteilt. Dagegen ging er vor und wurde am Montag freigesprochen. Über das Urteil schien er sich zu freuen. Jedenfalls titelte die Saaraland-Redaktion der „Bild“-Zeitung:

Zum Beispiel Norbert K. Er hatte mit einem Komplizen ein 17-jähriges Mädchen entführt und erfolglos 1,2 Millionen Euro Lösegeld gefordert. Das Mädchen wurde erdrosselt und erstickt. Norbert K. wurde am Montag wegen Mordes durch Unterlassung und erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Haupttäter bekam lebenslang (die Urteile sind noch nicht rechtskräftig). Bei der Verhandlung am Montag unterhielt sich Norbert K. mit seinem Anwalt und lachte dabei auch. Bild.de:

Der Artikel steigt so ein:

Das Lachen der hübschen Anneli († 17) wird nie wieder real sein. Es wurde ausgelöscht, von ihren Entführern. Ausgerechnet einer dieser Männer wagt es, im Mordprozess ausgelassen zu lachen!

Genau diese unsachliche Empörung über kleine Momentaufnahmen treibt all die „Bild“-Grinse-Geschichten aus den vergangenen vier Tagen: „Was fällt euch Typen eigentlich ein, auch noch zu lachen?“ Es ist dabei egal — und auch gar nicht bekannt –, worüber die Personen lachen. „Bild“ und Bild.de lassen die Situationen dennoch wie eine Verhöhnung der Opfer wirken.

Bei Anruf Witwenschütteln

Am vergangenen Sonntag stürzte ein Kletterer in den Südtiroler Alpen ab und starb noch vor Ort. Der Mann lebte zwar schon seit mehreren Jahren in Österreich, er war aber gebürtiger Kölner. Und so griff die Köln-Redaktion der „Bild“-Zeitung die Geschichte am Montag auf:

Es war nur eine kleine Meldung, 15 Zeilen lang, beschränkt auf die wichtigsten Fakten. Für „Bild“-Verhältnisse also ein ausgesprochen ordentlicher Umgang mit einer so traurigen Nachricht, und wir wunderten uns schon, warum das Blatt nicht — wie sonst — Fotos des Verstorbenen zeigt oder Angehörige und Bekannte belästigt hat, um an Zitate zu kommen, oder sonst irgendwie Privatsphären missachtet hat.

Was wir nicht wussten: Während wir noch rätselten, liefen in der „Bild“-Redaktion in Köln schon die üblichen Post-mortem-Recherchen. Und so konnten „Bild“ und Bild.de (kostenpflichtig als „Bild-plus“-Artikel) gestern eine deutlich opulentere Aufmachung der Geschichte präsentieren:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Schon der erste Absatz gibt die Sensationsgier vor:

Er liebte die Berge, das Klettern, die Höhe. Doch sein Hobby wurde für ihn nun zur Todesfalle!

Und auch sonst haben die „Bild“-Mitarbeiter mal wieder unter Beweis gestellt, was sie alles Schreckliches so können. Da wäre zum Beispiel das Foto von Christian V., das „Bild“ und Bild.de groß und unverpixelt zeigen. Es stammt von der Homepage der Praxis, in der der Mann gearbeitet hat. Die „Bild“-Medien haben einfach seine Arbeitskollegen weggeschnitten und das Foto veröffentlicht.

Oder der Anruf in der Praxis:

Einen Tag danach erreicht BILD eine Arbeitskollegin von Christian V. […]. Sie erzählt unter Tränen: „Wir sind alle so geschockt. Christian war ein begeisterter Kletterer, viel in den Bergen unterwegs. Das ist alles so schlimm.“

Witwenschütteln am Telefon. Was denkt man sich als „Bild“-Reporter wohl nach diesem Gespräch? „Geil, die weint! Das nehm‘ ich.“?

Als er in den Südtiroler Alpen abstürzte, war Christian V. übrigens mit seiner Frau und einer Freundin unterwegs. „Bild“ schreibt:

Christians Ehefrau, die den Absturz wohl direkt miterlebte, wird nun psychologisch betreut.

Wenn man das weiß und dennoch eine solche Geschichte druckt, hält man sein eigenes Verhalten womöglich auch noch für völlig normal.

Nachtrag, 14:50 Uhr: Inzwischen haben wir die Praxis erreicht, in der Christian V. gearbeitet hat. Wir wollten wissen, ob dort jemand der „Bild“-Zeitung erlaubt hat, das Foto zu nutzen. Antwort: „Nein.“ Es habe nicht mal eine Anfrage gegeben.

Nur zur Erinnerung: Die Identität eines Opfers sei „besonders zu schützen“, sagt der Pressekodex. Für das Verständnis eines Unglücks sei „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich.“ Zwar könne das Foto eines Opfers „veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben“. Aber das dürfte in diesem Fall eben nicht so gewesen sein.

Neben diesen presseethischen Grundsätzen dürfte „Bild“ mit der Veröffentlichung des Fotos auch das Urheberrecht des Fotografen missachtet haben. Als Quelle nennt die Redaktion lediglich das notorische „PRIVAT“.

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Und arbeitslos ist er auch noch

Vor dem Landgericht im rheinland-pfälzischen Frankenthal wird derzeit ein Fall verhandelt, der einige Zutaten für eine ordentliche „Bild“-Geschichte mitbringt: ein Todesfall, Messerstiche in Brust und Hals, Drogen sollen im Spiel gewesen sein. Und dann ist da noch der Angeklagte, der zwar geständig ist, der aber auch sagt, dass er in der Situation der Tat nicht gewusst habe, ob er sich gerade in einem Traum befinde. Das LSD, das er und das Opfer zuvor genommen hatten, soll daran schuld sein.

Na, dann mal los, Rhein-Neckar-Redaktion der „Bild“-Zeitung:

Für Oliver A. (22) war es „einfach nur ein Scheiß-Tag“. Henry L. (25) musste diesen Tag mit dem Leben bezahlen. Der junge Mann verblutete nach Messerstichen in Brust und Hals.

Seit gestern steht der Arbeitslose (Spitzname „Bob“) wegen Totschlags vorm Landgericht.

Immerhin: Etwas Anonymisierung hat „Bild“ dem Angeklagten im Artikel vom vergangenen Freitag mit einem schwarzen Augenbalken gewährt. Aber was soll die Sache mit dem „Arbeitslosen“ in der Überschrift? Für die Tat an sich ist dieser Umstand nichtig. Uns sind zumindest keine Statistiken bekannt, die zeigen, dass Menschen ohne Arbeit eine stärkere Veranlagung dazu haben, „im LSD-Rausch“ „zum MESSER-KILLER“ zu werden, als Klempnerlehrlinge oder Realschullehrer oder Investmentbanker. Warum also diese Betonung? Wahrscheinlich war einfach noch Platz in der Titelzeile. So aber bildet „dieser Arbeitslose“ mit dem „LSD-Rausch“ und dem „MESSER-KILLER“ einen unheilvollen Dreiklang.

Neben dem Angeklagten geht es in dem Text auch um das Todesopfer Henry L. Im Gegensatz zu Oliver A. zeigt „Bild“ ihn jedoch ohne jegliche Anonymisierung:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Als Quellenangabe für das Fotos findet man am Rand des Artikels lediglich den Vermerk „PRIVAT“, was normalerweise so viel heißt wie: Urheber nicht gefragt, Abgebildeten oder dessen Angehörige nicht gefragt, bei Facebook zusammengeklaubt. In diesem Fall könnte es auch sein, dass sich irgendjemand aus der Redaktion an der kleinen Gedenkstätte für Henry L. am Tatort bedient hat. Besser macht es das nicht.

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Völlig versemmelt

Man hört und liest momentan so wenig über den Prozess gegen Beate Zschäpe und den „Nationalsozialistischen Untergrund“, dass man fast meinen könnte, er wurde eingestellt oder wegen der sommerlichen Temperaturen auf November verlegt oder es gab schon ein Urteil und niemand hat es mitbekommen. Dabei läuft er immer noch, erst gestern war wieder ein Verhandlungstag.

Und dass es durchaus relevante Entwicklungen gibt, über die man berichten kann, auch rund um den NSU-Prozess, zeigt die München-Redaktion der „Bild“-Zeitung in ihrer heutigen Ausgabe:

Ja, genau.

Seit Beginn des Verfahrens gegen Beate Zschäpe (41) gibt’s im Sicherheitsbereich vor der Zuschauerempore im zweiten Stock belegte Brötchen, Kuchen und Schokolade. Gezahlt wird in eine Kasse des Vertrauens — eigentlich. Laut einer Gerichtssprecherin wurden immer wieder Snacks gegessen, aber nicht gezahlt.

Immerhin mehrere Tausend Euro Schaden seien für den Caterer dadurch bereits entstanden. Nun hätte man natürlich wissen können, dass der Dreiklang Viele Journalisten unter den Zuschauern — Essen — Bezahlung auf Vertrauensbasis keine besonders gute Voraussetzung für volle Catererkassen ist. Aber dieses Ausmaß des Beschisses, das ist doch sowas von schlimm, ja, also fast so schlimm wie …

Nicht nur die Angeklagten im NSU-Prozess sind kriminell. Nein, leider gibt’s auch unter den Zuhörern Straftäter!

Liebe Mitarbeiter der Münchner „Bild“-Zeitung, natürlich kann man ein paar Semmeldiebe mit der mörderischsten Nazi-Bande der jüngeren Vergangenheit vergleichen und zu dem Ergebnis kommen, dass es sich eben nicht nur bei den Rechtsterroristen mit ihren Morden und Bombenanschlägen und Raubüberfällen um Straftäter handelt, sondern auch bei den Plünderern der Gebäcktafel und des Süßigkeitenregals im Oberlandesgericht München. Man könnte es aber auch sein lassen und ernsthaft über diesen wichtigen Prozess berichten.

Hallöchen Voyeurchen

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Redakteur bei der „Bild“-Zeitung. Okay, vielleicht etwas heftig …

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Redakteur bei einer Zeitung. Am Mittwochmittag erreicht Sie die Mail eines Lesers, in der er Ihnen Fotos eines Liebespaares anbietet. Das Paar knutscht auf einer Wiese mitten in Bremen, und als sich die Frau über den Mann beugt, um ihn weiter zu küssen, rutscht ihr Rock hoch. Man kann auf den Fotos ihren Hintern und ihren Tanga gut erkennen. Es dürfte sich bei den Leuten nicht um Prominenten handeln. Der Leser schreibt Ihnen noch:

„Die beiden waren so mit sich beschäftigt, dass sie die nur wenige Meter entfernt sitzenden anderen Menschen überhaupt nicht mehr wahrgenommen haben. Ich würde das als schweres Fummeln bezeichnen!“

Welcher Gedanke gehen Ihnen als Blattmacher durch den Kopf?

Mögliche Reaktion 1:
„Moment mal! Das ist doch aber gar nicht in Ordnung, einer Frau unter den Rock zu fotografieren. Klar, man könnte jetzt sagen: Selbst schuld, wenn die zwei da in aller Öffentlichkeit so eine Nummer abziehen. Aber reicht es nicht, dass die Leute drumherum das Ganze gesehen haben? Und die beiden konnten ja auch nicht wissen, dass da irgendein notgeiler Passant direkt sein Handy zückt, Fotos macht und für ein paar Euros das Material an eine Zeitung verkauft. Ich will nicht alles noch peinlicher für das Liebespaar machen und Fotos von nackten Hintern groß in meiner Zeitung mit einer hohen Auflage veröffentlichen. Die Leute auf den Fotos haben schließlich auch eine Würde. Und die will ich ja nicht mit den Füßen treten.“

Mögliche Reaktion 2:
„Boah! Geil! Geiel!! GEIEL!!! Ein nackter Arsch! Darauf habe ich heute den ganzen Tag gewartet. Das bringen wird groß, ach was, riesengroß. Und gleich mit drei Fotos. Dann müssen unsere Leser morgen auch gar nicht auf ihren Lieblingspornoseiten nach Voyeur-Filmen suchen. Und dann packen wir noch ein paar gute Wortspiele dazu. Sowas wie: ‚Hallöchen Popöchen!‘ oder ‚Heißes Wetter, heiße Show‘. Das wird der Knaller! Vielleicht können wir daraus ja auch eine Serie machen. Morgen schicken wir erstmal den Praktikanten los und lassen ihn nach der Alten fahnden: ‚Ich bin der geile Arsch von der Wiese.‘ Und dann suchen wir noch andere Leute, die schon mal jemanden in der Öffentlichkeit geküsst haben. Und dazu bringen wir noch ein Interview mit Nacktschnecke Micaela Schäfer. Vielleicht zeigt die uns ja auch noch ihre Hupen — Jackpot! Ich liebe meinen Job! Genau für solche Geschichten bin ich Journalist geworden!“

Für welche Variante sich die Bremen-Redaktion der „Bild“-Zeitung und Bild.de entschieden haben?


(Nur der Vollständigkeit halber: Unkenntlichmachungen durch uns.)

Mit Dank an basti!

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Das ist doch wohl ein schlechter Witz

Neben Persönlichkeitsrechtsverletzungen, dumpfem Patriotismus und ein wenig Hetze gegen Minderheiten darf in einer typischen „Bild“-Ausgabe eins nicht fehlen: schlechte Witze. Jeden Tag gibt es eine kleine Humor-Ecke im Blatt, gekennzeichnet durch ein :-)-Emoticon. Mal sind es zwei Kalauer, mal drei, mal vier. Eines haben sie jedenfalls alle gemeinsam: Sie sind sehr, sehr dämlich.

So einen Witz findet man da zum Beispiel:

VATER-SOHN-WITZ
Vater und Sohn gehen spazieren. Plötzlich grüßt der Kleine einen wildfremden Mann. Fragt der Vater: „Wer war denn das?“ — „Einer vom Umweltschutz. Er fragt Mutti immer, ob die Luft rein ist …“

Oder so einen:

GÄRTNER-WITZ
Sitzen zwei Gärtner im Garten. Saft der eine: „Pflanzen soll man gut zureden, damit sie schön wachsen.“ Darauf der andere: „Gut, dann beschimpfe ich jetzt das Unkraut!“

Oder so einen:

URLAUBS-WITZ
„Ich habe gehört, ihr fahrt dieses Jahr doch nicht nach Argentinien?“ — „Nein, das ist falsch. Nicht nach Argentinien sind wir im letzten Jahr gefahren. Dieses Jahr fahren wir nicht nach Hawaii!“

Das ist also der Humor, den die „Bild“-Zeitung ihren Leserinnen und Lesern zutraut.

Zu den „Bild“-Scherzen kommen wir gleich noch mal. Jetzt erstmal kurz zurück zu unserem Blogeintrag von vergangenem Samstag: Da hatten wir darüber geschrieben, dass „Bild“ zwei Gegendarstellungen des Musikers Herbert Grönemeyer abdrucken musste. Es ging um eine „Bild“-Titelgeschichte aus dem Mai dieses Jahres. Das Blatt hatte geschrieben, Grönemeyer habe seine 28-jährige Freundin geheiratet. Die war aber gar nicht 28, sondern älter. Außerdem hatte „Bild“ behauptet, dass die Trauung auf dem „Anwesen ‚La Fabrique'“ stattgefunden habe. Auch das war falsch. Also musste die Redaktion diese zwei Gegendarstellungen von Herbert Grönemeyer veröffentlichen:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Beitrag durch uns.)

Gegendarstellung
Auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 heißt es: „JA-WORT MIT J… (28) IN FRANKREICH Grönemeyer heiratet seine junge Freundin!“
Hierzu stelle ich fest: Meine Partnerin ist nicht 28. Sie ist mehrere Jahre älter.
Berlin, den 12. Mai 2016 — Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer
Anmerkung der Redaktion: Herbert Grönemeyer (60) hat recht. Vor Gericht hat er angegeben, seine Partnerin sei acht Jahre älter als von BILD behauptet.

Gegendarstellung
In der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 schreiben Sie auf Seite 4 in einem Artikel mit der Überschrift „Männer heiraten heimlich“:
„Am vergangenen Wochenende sollen der Sänger und seine Lebensgefährtin (…) Gäste zur Trauung auf das Anwesen ‚La Fabrique‘ (…) im südfranzösischen Ort Saint-Rémy-de-Provence eingeladen haben.“
Hierzu stelle ich fest: Es hat keine Trauung zwischen mir und meiner Lebensgefährtin auf dem Anwesen ‚La Fabrique‘ stattgefunden.
Berlin, den 12. Mai 2016
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer

Auch am vergangenen Samstag gab es wieder eine :-)-Ecke in „Bild“, dieses Mal direkt unter der zweiten Gegendarstellung abgedruckt:

Die drei Witze gehen so:

ANWALT-WITZ
„Ich weiß nicht, was Sie haben“, wundert sich der Scheidungsanwalt. „Ihr Mann ist doch für sein Alter noch sehr rüstig!“ „Für sein Alter schon“, meint die junge Frau. „Aber nicht für meins!“

HELLSEHER-WITZ
Die Kartenlegerin ist besorgt, als sie in die Karten von Frau Müller schaut: „Ihr Mann wird sterben!“ Die Reaktion: „Ich weiß. Mich interessiert, ob sie mich schnappen und zu was ich verurteilt werde.“

ARZT-WITZ
Ein alter Mann beim Arzt: „Meine 50 Jahre jüngere Frau ist schwanger! Wie kann das sein?“ Doktor: „Stellen Sie sich vor, Sie laufen im Wald, sehen ein Reh, nehmen Ihren Stock und tun so, als ob Sie das Reh erschießen wollen. Das Reh fällt tot um. Was denken Sie?“ „Da hat ein anderer geschossen!“ „Richtig!“

Jetzt kann es Zufall sein, dass die Leute von „Bild“ genau für den Tag, an dem sie die Gegendarstellungen eines älteren Mannes abdrucken mussten, der eine jüngere Frau geheiratet hat, drei Witze über ältere beziehungsweise sterbende Männer und jüngere beziehungsweise mordende Frauen rausgesucht haben. Oder aber sie sind beleidigte Nachtreter, die mit einer berechtigten Beschwerde und einer gerichtlichen Entscheidung nicht gerade souverän umgehen.

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„Blitz-Heilungen“ kann nicht mal „Bild“ voraussehen

Wenn die Leute bei „Bild“ eines können, dann — so sagt man gemeinhin — Fußball („Aber der Sportteil …“). Die Reporter sind stets nah dran an den Vereinen, geben vor, Interna zu kennen, horchen in die Körper der Spieler. Geht ja auch gar nicht anders, wenn man eine tägliche Fußballzeitung herausbringen will.

Ende vergangener Woche hat das Blatt mal wieder einen Nachweis seiner Fähigkeiten im Kerngeschäft geliefert.

Die Ruhrgebiets-Ausgabe der „Bild“-Zeitung (in der Fußballberichterstattung unter anderem für den BVB zuständig) am Freitagmorgen so:

Der DFB am Freitagnachmittag so:


(Hervorhebung durch uns.)

Die Ruhrgebiets-Ausgabe der „Bild“-Zeitung am Samstag so:

Mit Dank an XY @VM_83!

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Herbert Grönemeyer hat keine 28-Jährige geheiratet

Zwischen Herbert Grönemeyer und den „Bild“-Medien herrscht nicht gerade das beste Verhältnis. Als der Musiker beispielsweise im Dezember 2014 am Flughafen Köln/Bonn mit Paparazzi aneinandergeriet, schrieb „Bild am Sonntag“ dazu: „Herbert Grönemeyer vermöbelt Fotografen“. Grönemeyer wehrte sich gegen die Berichterstattung.

Am 12. Mai dieses Jahres brachte „Bild“ ebenfalls eine große Geschichte über den Sänger. Auf der Titelseite machte das Blatt so auf:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Und im Innenteil gab es auf Seite 4 dann noch einen großen Artikel obendrauf:

In der heutigen „Bild“-Ausgabe durfte dann auch Herbert Grönemeyer — beziehungsweise sein Anwalt Christian Schertz — etwas zu der Hochzeitsgeschichte sagen:

Gegendarstellung
Auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 heißt es: „JA-WORT MIT J… (28) IN FRANKREICH Grönemeyer heiratet seine junge Freundin!“
Hierzu stelle ich fest: Meine Partnerin ist nicht 28. Sie ist mehrere Jahre älter.
Berlin, den 12. Mai 2016 — Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer
Anmerkung der Redaktion: Herbert Grönemeyer (60) hat recht. Vor Gericht hat er angegeben, seine Partnerin sei acht Jahre älter als von BILD behauptet.

Und da auch in dem Artikel auf Seite 4 von damals etwas nicht stimmte, gibt es in der „Bild“-Zeitung von heute auf Seite 4 gleich noch eine weitere Grönemeyer-Gegendarstellung:

Gegendarstellung
In der „Bild“-Zeitung vom 12. Mai 2016 schreiben Sie auf Seite 4 in einem Artikel mit der Überschrift „Männer heiraten heimlich“:
„Am vergangenen Wochenende sollen der Sänger und seine Lebensgefährtin (…) Gäste zur Trauung auf das Anwesen ‚La Fabrique‘ (…) im südfranzösischen Ort Saint-Rémy-de-Provence eingeladen haben.“
Hierzu stelle ich fest: Es hat keine Trauung zwischen mir und meiner Lebensgefährtin auf dem Anwesen ‚La Fabrique‘ stattgefunden.
Berlin, den 12. Mai 2016
Rechtsanwalt Prof. Dr. Christian Schertz für Herbert Grönemeyer

Durchfall! Kollaps! Schenkelklopfer!

Am vergangenen Freitag, zwei Tage bevor die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro zu Ende gingen, waren die männlichen Geher über 50 Kilometer an der Reihe. Kaum Chancen auf spektakuläre Knochenbrüche, lediglich zwei deutsche Starter mit Außenseiterrollen, wenig Hoffnung für schwarz-rot-geilen Goldmedaillen-Patriotismus. Also eine Disziplin, die eher nicht in der Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de Platz findet.

Dass die „Bild“-Medien dann doch über den Wettbewerb berichteten, lag vor allem an Yohann Diniz. Der Franzose war als Weltrekordhalter einer der großen Favoriten in Rio. Und er führte das Rennen auch lange Zeit an. Doch dann bekam Diniz Verdauungsprobleme, er konnte den Durchfall nicht mehr zurückhalten, versuchte, alles mit einem Schwamm zu säubern, Blut lief seine Beine runter, Diniz brach mehrfach zusammen. Am Ende schleppte er sich als Achter ins Ziel, wurde direkt an einen Tropf angeschlossen und in einen Rollstuhl gesetzt.

Am Tag drauf berichten also „Bild“ und Bild.de über diesen Wettbewerb. Dass der Slowake Matej Tóth Gold gewann und der Australier Jared Tallent Silber, erwähnt „Bild“ noch schnell im letzten Absatz. Der Fokus der Geschichte liegt auf Yohann Diniz:

Völlig klar: Über so ein Drama kann man berichten, das haben einige andere Medien ebenfalls getan. Die Art und Weise, wie „Bild“ und Bild.de das aber tun, ist schlicht verachtend.

Sie zeigen Großaufnehmen von Diniz‘ Beinen, an denen der Durchfall runterläuft:

Und das, obwohl der Autor die Bilder bei der TV-Übertragung schon „gnadenlos“ fand:

Mit einem Schwamm versuchte er noch, das Schlimmste zu verhindern. Vergeblich! Die TV-Kameras fingen das Durchfall-Malheur gnadenlos ein.

„Bild“ zeigt Yohann Diniz, wie er zusammengebrochen auf dem Boden liegt und verkauft es als Kraftauftanken:

Und als wäre das alles nicht schon grässlich genug, machen sich „Bild“ und Bild.de mit dämlichen Wortspielen über Diniz lustig:

Dieser Gang ging in die Hose. Aber Schwamm drüber …

Der „flotte Otto“ läuft ihm für alle sichtbar die Beine herunter.

Geher musste laufenlassen

Läuft beim 50-km-Geher Yohann Diniz. Nur leider etwas zu doll.

Er war kurz davor, aus Sch**** Gold zu machen. Doch dann läuft’s beim 50-km-Geher Yohann Diniz — so richtig

Yohann Diniz sagte in einem späteren Interview, dass er über weite Strecken des Rennens nicht mehr wusste, wo er ist. Ein verwirrter Mensch, der nicht mehr Herr seiner Sinne und seiner Verdauung ist — genau die richtige Zielscheibe für die Schenkelklopfer bei „Bild“.

Mit Dank an @BalderHelix!

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