Archiv für Bild

Bild  

Hamburger Räuberlauf fällt aus

„Bild“ hat manchmal ein paar Probleme mit dem Verständnis des deutschen Justizsystems. Oder mit der deutschen Sprache.

Wenn die Überschrift beispielsweise

Justiz-Skandal: Richter lässt Räuber laufen

lautet, muss das nicht zwangsläufig heißen, dass irgendwo ein Räuber freigesprochen wurde. Es kann auch bedeuten, dass ein Dieb 20 Monate Haft auf Bewährung erhalten hat.

Im konkreten Fall ging es vor dem Hamburger Amtsgericht um einen Wachmann, der einen kaputten Tresor bewachen sollte, diesen aber stattdessen leer räumte, mit einem Taxi nach Österreich fuhr und die Beute von 107.600 Euro dort im Spielcasino verspielte.

Im Text wird aus dem „Räuber“ dann immerhin wieder ein Dieb:

Jetzt stand der 22-Jährige wegen Diebstahls vor Gericht, ihm drohten bis zu 10 Jahre Haft.

Zum „Justizskandal“ wird der Fall laut „Bild“, weil der Richter, den „Bild“ mit Foto und Namensnennung gleich an den Pranger stellt, bei der Urteilsbegründung folgendes gesagt haben soll:

„Wenn ich mir angucke, dass Manager Schäden in Millionenhöhe verursachen und frei herumlaufen, sehe ich nicht ein, warum ich dann auf den kleinen Mann einhauen soll.“

Das Schwesterblatt „Welt“ zitiert den Richter etwas anders:

Sein Argument: „Wenn bekannte Manager, die um Millionen betrügen, mit Bewährung davonkommen, dann muss man auch diesem jungen Mann Bewährung zugestehen.“

In der „Welt“ erfährt man auch, dass der Angeklagte vor Gericht Reue zeigte, dass „der Staatsanwalt“ („Bild“) offenbar eine „junge Staatsanwältin“ war, und dass der Richter in seiner Urteilsbegründung auf einen weiteren Aspekt eingegangen ist:

Eine Rüge verpasste der Richter der Wachdienst-Firma, die Mirnes H. beschäftigt hatte: „Es ist eine grobe Fahrlässigkeit, einen jungen Mann, der gerade erst eingestellt wurde, ganz allein mit der Bewachung eines defekten Tresors zu betrauen.“

Mit Dank an Sarah K.

Bild  

Wie kein Ei dem anderen

Das Leben könnte ja so schön einfach sein — wenn man nur einen Zwilling als Geschwister hätte. Ein eineiiger sollte es allerdings schon sein. Denn solche eineiigen Zwillinge, so schreibt die „Bild“-Ausgabe Dresden, sind dermaßen identisch, dass sie niemand, wirklich niemand auseinander halten kann. Man könnte sich also abwechseln mit dem täglichen Gang in die Arbeit, man könnte sich einen Ehepartner teilen, ohne dass der das merkt. Oder aber, um zu den wirklich praktischen Seiten des Lebens zu kommen:

Ätsch, Polizei! Wir teilen uns einen Führerschein

Unter dieser Überschrift berichtet „Bild“ von zwei Dresdnerinnen, die nie von einem Fahrverbot betroffen sind — selbst dann nicht, wenn eine der beiden mal den Führerschein verliert (was angeblich öfter vorkommt). Denn wenn das mal der Fall sein sollte, dann fährt die eine einfach mit dem Führerschein der anderen weiter. Und das Schöne daran: „Die Polizei kann nichts dagegen tun!“. Die Erklärung dafür liefert „Bild“ gleich hinterher: Die beiden eineiigen Zwillinge seien wie Klons, was in der Konsequenz bedeute

Und weil die beiden genetisch identisch sind, kann kein Polizist der Welt sagen, wer nun wirklich gefahren ist…

Wenn die Polizisten dieser Erde nur „Bild“ lesen würden, könnte das vielleicht sein. Wenn sie (und die „Bild“-Redaktion) sich aber beispielsweise hier informieren würden, wüssten sie, dass eineiige Zwillinge keineswegs immer einen identischen genetischen Code haben müssen. Im Gegenteil, so heißt es bei „Bild der Wissenschaft“ weiter:

In ihrem Erbgut, dem „Buch des Lebens“, können im Vergleich zu ihrem Zwilling ganze Textteile fehlen oder auch mehrfach vorkommen.

Und wenn die Polizisten (und die „Bild“-Redaktion) ganz schlau wären, dann wüssten sie, dass man nicht einmal genetische Codes überprüfen muss, um Menschen auseinanderhalten zu können. Da Fingerabdrücke letztendlich das Resultat eines sehr zufälligen Prozesses sind, gibt es keine identischen Abdrücke — nicht mal bei eineiigen Zwillingen.

Bild  

Der spektakulärste Wechsel aller Zeiten

Am Dienstag traute sich die Sportredaktion von „Bild“ wirklich mal was: Während nahezu die ganze Fußball-Welt (einschließlich der Fußball-Bibel „Kicker“) davon ausging, dass der Spieler Diego von Werder Bremen zu Juventus Turin wechseln würde, vermeldete „Bild“ „exklusiv“:

„BILD weiß…:

BILD weiß: Bayern und Werders Super-Star Diego (24) sind sich schon einig! Der Brasilianer soll in Kürze einen Vier-Jahres-Vertrag unterschreiben. Juventus ist aus dem Rennen. (…) Der Wechsel nach Italien scheitert an Diego! (…)

Heute wollte Juventus erneut zu Verhandlungen nach Bremen fliegen. Vermutlich hatte Bayern Angst, dass die Turiner beim Gehalt doch noch mal ordentlich drauflegen.

Den Flug im Lear-Jet nach Bremen können sich die Italiener sparen. Diegos Vater ist aus München direkt nach Brasilien geflogen. Im Gepäck den spektakulärsten Wechsel aller Bundesliga-Zeiten!

In gewohnter Unbescheidenheit hieß es dann gleich zu Beginn des Textes: „Das ist der Transferhammer des Jahres!“ Der Hammer bestand in der Information von Bild.de, es habe ein „Geheimtreffen“ zwischen Diegos Vater und Berater sowie den Verantwortlichen des FC Bayern gegeben. Diego sei sich mit den Bayern einig und werde den Münchnern den Vorzug gegenüber Turin geben. Die Vereine müssten nur noch letzte Modalitäten klären. Und damit es sich der Leser auch bildlich vorstellen konnte, packte ihn die „Bild“-Fotomonteure gleich mal in das Trikot des FC Bayern.

Der „Transferhammer“ hatte nur einen kleinen Haken: Diego dachte nicht im Traum daran, zu den Bayern zu gehen. Der „Kicker“ schrieb bereits am Mittwoch:

Von einem offiziellen Angebot der Bayern, wie es die Bild-Zeitung berichtet und bereits Vollzug über den Transfer vermeldet hatte, wollte Diego nichts wissen. „Es gibt losen Kontakt zu den Bayern, aber nur über meine Berater“, erklärte der 2006 von Porto zu Werder gekommene Spieler. Auch Manager Uli Hoeneß schlägt in die gleiche Kerbe: „Wer sagt das, dass wir uns getroffen haben? Wir haben überhaupt nicht verhandelt.“

So richtig zugeben, dass die Exklusiv-Meldung eine Exklusiv-Ente war, mochte man bei „Bild“ allerdings dann doch nicht. Und so war man nicht unglücklich, einen Schuldigen für das Exklusiv-Debakel präsentieren zu können. Der Papa war’s, Papa Diego. Denn der ist — ganz unbrasilianisch — ein Baron:

Papa Diego ist als Lügen-Baron aufgeflogen! Weil Djair da Cunha die Bayern gelinkt hat, ist der Wechsel geplatzt. Als Berater seines Sohnes verhandelte er noch vorgestern mit den Bayern-Bossen, obwohl er sich bereits mit Juventus Turin über einen Wechsel zum Saisonende geeinigt hat.

Bayern gelinkt — und, was fast noch schlimmer ist: „Bild“ gelinkt! Kein Wunder also, dass man so jemandem nur die niedersten Motive unterstellen kann, die Frage nach dem „Warum“ beantwortet sich für „Bild“ jedenfalls ziemlich leicht:

Die Antwort: Reine Gier! Diego und sein Vater versuchten die Ablösesumme in die Höhe zu treiben, weil sie daran mit 15 Prozent beteiligt sind…

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Netzwerk Recherche

Am Montag hatten wir darüber berichtet, wie StudiVZ darauf reagiert, dass sich Medienvertreter in dem sozialen Netzwerk mit Fotos und Informationen über Jugendliche eindecken.

Logo der StudiVZ-Gruppe "Wenn ich tot bin, soll mein Bild nicht in die Bild-Zeitung!"Im Anschluss daran schrieben uns Leser, die fragten, wie sie einem solchen Bilderklau Vorschub leisten könnten (Korrektur von 16:19 Uhr: BILDblogger scheitert an der deutschen Sprache) einen solchen Bilderklau verhindern könnten. Eine richtige Antwort darauf hatten wir auch nicht, bis uns ein weiterer Leser schrieb, er habe gerade eine neue Gruppe bei StudiVZ gegründet: „Wenn ich tot bin, soll mein Bild nicht in die Bild-Zeitung!“ Eine vielleicht etwas hilflose und symbolische Aktion, die aber immerhin auf das Problem aufmerksam macht.

Der folgende Tag allerdings zeigte, dass das Problem der Recherche in Sozialen Netzwerken kein „Bild“-spezifisches ist — und dass man nicht unbedingt tot sein muss, um unfreiwillig seine privaten Fotos in der Boulevardpresse wiederzufinden:

In Sankt Augustin hatte eine Schülerin offenbar einen Brandanschlag auf ihr Gymnasium geplant. Eine Mitschülerin stellte sich ihr in den Weg und wurde mit einem Messer verletzt. „Bild“ berichtete am Dienstag groß über die „Heldin“ und veröffentlichte dabei eine Kurz-Charakterisierung, die sich liest, als sei sie direkt aus dem Profil einen Sozialen Netzwerks zusammenkopiert:

Wer ist die hübsche Schülerin? Sie geht in die 11. Klasse und möchte später gerne in Paris studieren. Dennoch ist Ankes Lieblingsfach Englisch. Die begeisterte Tennis-Spielerin geht gerne shoppen, liest und reist viel. Raucher mag sie dagegen überhaupt nicht.

Auch der „Express“ überrascht mit erstaunlichem Faktenwissen:

Ihr Opfer Janine, die davon träumt an der Sorbonne in Paris zu studieren, ist inzwischen in der Uni-Klinik notoperiert worden.

Beide Zeitungen haben nach eigenen Angaben den Namen der Verletzten geändert. Ihre Berichte sind mit Fotos des Mädchens garniert, auf denen das Gesicht verpixelt wurde. Es sieht ganz danach aus, dass sie aus dem Profil des Mädchens in einem Sozialen Netzwerk entnommen wurden. Auf Nachfrage erklärte SchuelerVZ, man prüfe gerade, ob die Fotos aus dem eigenen Angebot stammen.

Einen besonderen Einblick in den Arbeitsalltag von Boulevardjournalisten liefert ein Artikel in der „Rheinischen Post“ (die in ihrer Printausgabe sogar den vollen Namen der 16-jährigen Tatverdächtigen angegeben hatte). Man meint, dem Autor Jürgen Stock seine Enttäuschung regelrecht anmerken zu können:

Alternativ hätte sie der „Rheinischen Post“ kurz vor ihrem geplanten Amoklauf vielleicht auch einfach kurz ein paar biographische Notizen faxen können — das hätte Herrn Stock auch viel Zeit gespart.

Mit Dank auch an Falk E., Leonard E., Birgit H. und Fabian P.

Bild  

Ein Leserbriefschreiber, der ankommt

Jeden Tag wählt die „Bild“-Redaktion aus den vielen Leserbriefen, die sie bekommt, ein paar aus, die sie in der Zeitung veröffentlicht. Manche hält sie für so lesenswert, dass sie sie durch Fettdruck hervorhebt und den Absender sogar im Foto zeigt.

Am Donnerstag hatte „Bild“ groß auf der Titelseite eine junge Frau gezeigt, die im Bundestagsbüro von SPD-Chef Franz Müntefering als wissenschaftliche Mitarbeiterin arbeitet. Sie sei „die neue Frau“ in seinem Leben, „sein neues Glück“, nachdem seine Ehefrau Ankepetra im vergangenen Jahr an Krebs gestorben war. Müntefering hatte sich vorübergehend aus der Politik zurückgezogen, um sie in den letzten Monaten ihres Lebens zu pflegen.

Die Leser-Meinung, die „Bild“ dazu auswählte und besonders hervorhob, liest sich so:

Das ist nicht nur erstaunlich gehässig, was das Privatleben des SPD-Vorsitzenden angeht. Die Formulierung am Schluss ist auch politisch verräterisch. So gesehen ist es keine Überraschung, was man herausfindet, wenn man ein bisschen recherchiert, wer Reinhart Jahnke ist. Er war im „Bündnis RECHTS“ in Mecklenburg-Vorpommern aktiv, wurde 2005 Bundestagskandidat der NPD in Lübeck und sprach im selben Jahr bei einer von dem militanten Hamburger Neonazi Christian Worch organisierten Kundgebung in der Stadt. Nach internen Querelen verließ er den NPD-Kreisverband 2006.

Inzwischen scheint er einen größeren Teil seiner Zeit mit dem Schreiben von Leserbriefen und Kommentaren zu verbringen, und in der „Bild“-Zeitung hat er einen dankbaren Abnehmer gefunden. Die Häme über Müntefering und das System der „BRD“ war der vierte Leserbrief von ihm, den „Bild“ in weniger als drei Monaten veröffentlichte.

Mit Dank an Reinhard K.!

Bild  

Widerruf einer Herz-OP

Vor zwölf Jahren hat sich Peter Alexander fast völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Der „Tagesspiegel“ schrieb zu seinem 80. Geburtstag:

Alexander, der sein Leben lang die Öffentlichkeit unterhalten hat, hat keine Lust mehr auf Öffentlichkeit, und dabei ist er sogar konsequenter als Günther Jauch. Er hat nie Charity gemacht, hat sich nie wie andere Stars für irgendwelche Projekte eingesetzt, Tiere gerettet oder vor Landminen gewarnt. Er wolle keine politischen Anliegen vertreten, hat er mal zu seinem Biografen gesagt. Und vor allem: Alexander gibt keine Interviews mehr. „Ich habe meinen Beruf sehr ernst genommen, und genauso ernst werde ich meine Pension nehmen“, hat er einmal gesagt, und daran hält er sich auch.

Für viele Medien ist das nicht akzeptabel. Sie respektieren seinen Wunsch nicht, sein Privatleben privat zu leben. Und als im März Alexanders Tochter bei einem Unfall in Thailand ums Leben kam, war es für sie eine wunderbare Gelegenheit, mit dem früheren Entertainer noch einmal Auflage zu machen.

Die Tochter von Peter Alexander war selbst nicht prominent, sie war nur die Tochter von Peter Alexander, aber „Bild“ und andere nahmen ihren Tod zum Anlass, in größter Aufmachung nicht nur ausführlich über die Umstände des Unfalls zu berichten, sondern auch über das Privatleben von Peter Alexander. Nach Angaben seiner Anwältin ist er gegen mehrere Dutzend Artikel, unter anderem in der Illustrierten „Bunte“, erfolgreich juristisch vorgegangen.

Die „Bild“-Autoren Robin Mühlebach und Daniel Kestenholz behaupteten zudem, „erfahren“ zu haben, dass „der große Entertainer zur Zeit in einer Wiener Klinik liegt. Dort soll er sich in den nächsten Tagen einer Bypass-Operation unterziehen“.

Die Behauptung wurde von anderen Medien wie dem Online-Auftritt der Illustrierten „Gala“ begierig übernommen. Eine Sprecherin Alexanders widersprach den Meldungen allerdings noch am selben Tag.

„Bild“-Leser erfuhren von dem Dementi nichts. Erst am vergangenen Samstag, sechs Wochen später, widerrief die Zeitung ihre Behauptung. Peter Alexander hat vor Gericht eine einstweilige Verfügung erwirkt, die „Bild“ zwang, eine Gegendarstellung auf der Titelseite abzudrucken:

Bild  

Outing leicht gemacht

Wir vermuten einfach mal, dass es eine eher rhetorische Frage ist, die „Bild“ nach dem Auftritt von Dirk Bach bei Stefan Raab am vergangenen Dienstag gestellt hat:

Ui-jui-jui, was hat sich denn Dirk Bach (48) bei diesen Sätzen gedacht?

Die Sätze, die „Bild“ meinte, drehten sich um eine Szene, die Bach für seine neue Sendung „Einfach Bach“ gedreht hatte und in der ein Bruce-Darnell-Darsteller dem auf dem Weg zur Kreuzigung befindlichen Jesus zeigt, wie man so ein Kreuz richtig trägt. Bach beschrieb das in „TV Total“ u.a. mit folgenden Worten:

Und dann kommt eben Bruce Darnell und ich guckte auf einmal so raus in den Park und sah zwei, drei völlig entsetzte Rentner, die unschuldig in diesem Park entlang spazierten und dachten, was geschieht ihnen jetzt? Jesus und ein homosexueller, schwarzer Mann — was ist jetzt geschehen?

Was „Bild“ wiederum zu der, um im Bild zu bleiben, scheinheiligen Frage veranlasst:

bach_darnell2

Die Antwort darauf lautet — unbeschadet davon, ob das nun als ein „Outing“ gemeint war oder nicht: Nein. Denn den Job haben andere schon präzise erledigt: :

Mark Medlock, Bruce Darnell — ich bin im Arbeitsleben umgeben von Schwulen, und wir ergänzen uns perfekt.

So ließ sich bereits am 17. März ein gewisser Dieter Bohlen zitieren. Und um bei den rhetorischen Fragen zu bleiben: Haben Sie eine Ahnung, von wem?

Mit Dank an Tom K. und Timo L.

Bild  

Wie man das meiste aus Hartz IV rausholt

Am Montag stellte „Bild“ den Lesern Familie Fesselmann aus Gelsenkirchen vor. Die fünfköpfige Familie lebt von Hartz IV, konnte aber über 100.000 Euro Schulden abbauen und noch was auf die hohe Kante legen. Das schreibt zumindest „Bild“:

"Ich verstehe dieses Gejammer nicht. Hartz IV reicht!" Das sagt nicht etwa ein Politiker, sondern der ALG-II-Empfänger Wilfried Fesselmann (49) aus Gelsenkirchen. Der gelernte Kaufmann ist seit 2001 arbeitslos. Seit 2004 leben er, Ehefrau Marion (44) und ihre drei Kinder von Hartz IV. Insgesamt bekommt die Familie 1335 Euro (Regelleistung) plus 700 Euro für Miete und Nebenkosten.

Dass die Familie seit 2004 von Hartz IV leben soll, das es erst seit 2005 gibt, ist eher zweitrangig — und in der Online-Version des Artikels auch stillschweigend korrigiert worden.

Auch der Umstand, dass die Fesselmanns freimütig erklären, fast die Hälfte des Lebensmittelgeldes sparen zu können, indem sie zu einer „Tafel“ gehen, soll uns an dieser Stelle nicht weiter stören.

Viel interessanter ist das, was „Bild“ nicht schreibt: Bei den Fesselmanns handelt es sich nämlich nicht um eine gewöhnliche Hartz-IV-Familie — sie sind eine Art Vorzeige-Hartz-IV-Familie auf großer Medientournee.

Beim Videoportal MyVideo standen bis vor kurzem mehr als 50 Videos online, die meisten unter dem Benutzernamen „FamilieFesselmann“ hochgeladen. Und da sah man dann: Familie Fesselmann bei „Surprise, Surprise“ mit Oliver Geissen auf RTL, Familie Fesselmann bei „We Are Family“ auf ProSieben, Vater Fesselmann in der RTL2-Quizshow „Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit“ (wo er nichts gewann) oder die eigene Familie-Fesselmann-„Wochenserie“ auf Sat.1.

Videos von und mit Familie Fesselmann bei MyVideo.de

Die Videos sind inzwischen fast alle bei MyVideo verschwunden, aber über die Video-Suchmaschine Truveo noch auffindbar. Im Blog „Notatio“ hat sich der Autor Kurt die Mühe gemacht, einen Teil der Videos anzusehen und stellte dabei unter anderem fest, dass Vater Fesselmann je nach Fernsehsendung früher ganz unterschiedliche Berufe gehabt haben soll (bei „Bild“ ist er einfach ein „gelernter Kaufmann“).

Auf ihrer eigenen Website stellt sich Familie Fesselmann nicht nur selbst vor (und offenbart dabei erstaunliche Inkonsistenzen etwa bei der Anzahl der eigenen Kinder), sie geht auch recht offensiv mit den eigenen Medienauftritten (die bis ins Jahr 1997 zurückreichen) um:

Selbstdarstellung der Familie Fesselmann

Es gibt Ankündigungen für den Auftritt bei „Teenieterror im Kinderzimmer“ auf ProSieben, für das eigene Buch „Besser leben mit Hartz IV“ („Es ist ein Buch mit vielen Spar-Tipps für alle. Berichte in den Medien folgen“), Fotos von Dreharbeiten zu „Alarm für Cobra 11“ und mit Toto & Harry und eher kryptische Hinweise wie diese:

15.März 08 : Streit mit RTL endlich beigelegt. Hier kam ein tolles Überraschungs-Paket und ein 2-seitiger Entschuldigungsbrief des Senders an. Drehverbot wurde aufgehoben.

(…)

30.April : Anfrage von RTL zur neuen TalkShow Natasha Zuraw haben wir abgelehnt. Zum Glück Talkshow wird mangels schlechter Quoten noch Ende Mai eingestellt.

Auf der Startseite findet sich über dem großen „Bild“-Artikel der folgende aktuelle Hinweis:

Liebe Besucher
selbstverständlich haben wir nicht mit der Regelleistung die Schulden bezahlt. Diese haben wir durch Vergleiche gemindert und zahlen kleine Raten. Besser leben mit Hartz4, bedeutet einfach nur sich das Geld besser einzuteilen. Es wird auch niemandem etwas abgezogen, im Juli gibt es für jeden HartzIV-Empfänger 8 € mehr. Auch die Geschäftsführung der ARGE weiss darüber Bescheid.
Alle Einkommen aus dem Buch werden ordnungsgemäß versteuert und der ARGE gemeldet.

Es wäre natürlich hilfreich und weit weniger irreführend und manipulativ gewesen, wenn „Bild“ auf die eine oder andere Besonderheit dieser Familie eingegangen wäre und nicht so getan hätte, als wenn man mit Hartz IV nicht nur ganz okay leben, sondern auch noch innerhalb von 52 Monaten (die im Fall der Fesselmanns 69.420 Euro Arbeitslosengeld II bedeuten) mehr als 100.000 Euro Schulden abbezahlen kann.

Und auch die Überschrift hätte irgendwie anders lauten müssen:

Jammern gilt nicht - Wir leben von Hartz IV und können sogar noch sparen

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Bild  etc.

Panikmacher sind nicht zu stoppen

Für den Begriff „Grippe“ gibt es anscheinend nur sehr extreme Verwendungen. Man hört, beispielsweise, ziemlich oft im Winter von Leuten, die behaupten, sie hätten „Grippe“. In den meisten Fällen handelt es sich zwar nur um eine stärkere Erkältung, aber wer wird denn pingelig sein?

Umgekehrt ist bei den richtigen Grippe-Erkrankungen so, dass sich mindestens in dem Tempo, in dem sich Viren ausbreiten, auch Medien mit vielen gruseligen Geschichten nach oben schaukeln. Das, was momentan als „Schweinegrippe“ durch die Schlagzeilen geistert, ist ein ziemlich gutes Lehrstück darüber, wie sie in einer Mischung aus Unwissenheit, schlechter Recherche und natürlich der Lust an der Schlagzeile dafür sorgen, dass aus einem Grippevirus ein Monster wird. Mindestens. Eines, das laut heutigem „Bild“-Aufmacher (oben rechts) „nicht zu stoppen“ ist.

Oder, anders gesagt:

Man würde der „Bild“-Zeitung allerdings unrecht tun, würde man ihr die Verwendung des Begriffs „wüten“ in diesem Zusammenhang alleine zuschreiben. Von „wüten“ und ähnlichen Begriffen haben in den vergangenen Tagen derart viele Medien berichtet, dass sie kaum mehr aufzählbar sind. Das machte sich bis gestern auch in den kolportierten Zahlen zu den angeblichen Todesopfern bemerkbar: Von über 150 Toten alleine in Mexiko war in vielen Medien die Rede.

Deutlich undramatischer fällt hingegen die bisherige Bilanz aus, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vorgelegt hat. Nach ihren Kriterien gibt es bisher sieben Länder, die einen bestätigten Fall der Schweinegrippe gemeldet haben. Nachweislich an der Krankheit gestorben sind laut WHO derzeit sieben Menschen, alle in Mexiko. Im gleichen Text verweist die WHO übrigens auch darauf, dass derzeit an Maßnahmen wie Reisebeschränkungen o.ä. nicht gedacht sei. Das Auswärtige Amt veröffentlicht zwar aktuell eine „Reisewarnung“ nach Mexiko, spricht aber dabei lediglich davon, dass von „nicht unbedingt erforderlichen Reisen nach Mexiko dringend abgeraten“ werde.

An Reisen kann man allerdings derzeit auch nur schwerlich denken, wenn man der Logik von „Bild“ folgt. Schließlich sind wir ja schon zuhause der drohenden Epidemie nicht richtig gewachsen:

Da hat „Bild“ sogar recht. Genau genommen gibt es sogar nicht nur zu wenig, sondern gar keinen Impfstoff, zumindest nicht gegen diesen neuartigen Virus.  Das von „Bild“ u.a. benannte „Tamiflu“ ist zwar „herkömmlich“, aber kein Impfstoff. Tamiflu wird ausschließlich zur Behandlung von bereits aufgetretenen Fällen verwendet. Und auch die Versorgung mit Mitteln wie „Tamiflu“ ist  halb so bedrohlich, wie sie von „Bild“ dargestellt wird. Lediglich 5 von 16 Bundesländer haben weniger als die geforderten Medikamente eingelagert, die ausreichen würden, um 20 Prozent der jeweiligen Bevölkerung zu behandeln. Dass in drei Ländern teils deutlich mehr als die geforderten 20 Prozent behandelt werden könnten, verschweigt man lieber, ist ja auch nicht so gruselig.

Interessant auch, wie Bild.de heute die Lage beschreibt. Da heißt es zunächst:

Auch die Lage in Deutschland ist kritisch.

Um dann mit der Beschreibung eines Falls fortzufahren, bei dem ein an dem Virus erkrankter Mann in die Universitätsklinik Regensburg eingeliefert wurde:

Christian G. (37), der Schweinegrippe-Patient aus dem Raum Regensburg ist zuerst im Krankenhaus von Mallersdorf-Pfaffenberg (Landkreis Straubing-Bogen) behandelt worden und dann am Dienstag ins Universitätsklinikum in Regensburg verlegt worden. Der Mann befindet sich in stationärer Behandlung. Er ist fieberfrei, wurde mit Tamiflu behandelt, erklärte Andreas Zapf, Präsident Landesamt für Gesundheit Bayern.

Da ist es dann schon irgendwie ein wenig widersinnig, wenn „Bild“ fordert:

Ängste, die man jeden Tag fleißig zu schüren versucht.

Mit Dank an Christopher I., Stefan B., Pascal W. und  Bernhard H.

Bild  

Ohne Klinsmann wird das Unmögliche möglich

Vor zwei Tagen war die Welt echt noch eine schlechtere. Zumindest, wenn man Anhänger des FC Bayern München war. Bild.de ließ wissen, dass der Meistertitel in der Bundesliga „so gut wie weg“ sei, die Kollegen der „Bild am Sonntag“ gingen noch weiter:

Titel weg!

Was so ein Trainerwechsel aber dann doch alles ausmacht. Inzwischen, die Zeiten haben sich ja geändert („Klinsi weg!“), traut Bild.de selbstverständlich Bayern wieder den Titel zu und startet eine entsprechende Umfrage:

„Klinsi ist weg! Holen die Bayern mit Heynckes jetzt doch noch die Schale?“

Selbst Oliver Kahn ist jetzt, wie „Bild“ schreibt, endlich wieder frohen Mutes, wenn er an die Zukunft seines Ex-Vereins denkt.

„Bayern wird jetzt locker Meister“, zitiert Bild.de (exklusiv) den ehemaligen Bayern-Torwart — und suggeriert damit, Kahn führe dies irgendwie auch auf die Entlassung Klinsmanns zurück. Was aber ziemlicher Unsinn ist, weil Kahn noch nie etwas anderes geglaubt hat; auch nicht, als Klinsmann noch Trainer war. Noch einen Tag vor der Entlassung zeigte sich Kahn gegenüber „Sport 1“ sicher:

„Bayern wird Meister, wenn Wolfsburg nicht gewinnt.“

Und auch, als die Bayern-Krise im Februar so richtig losging, war Kahn überzeugt, dass am Ende die Bayern vorne stehen würden. Mit dem „Klinsi-Aus“ hat die Meinung des „Torwart-Titans“ also nichts zu tun.

Der Frust beim gelegentlich als stur geltenden Klinsmann ob der letzten Monate muss übrigens groß gewesen sein. Klinsmann sei, so schreibt die „Süddeutsche Zeitung“ heute auf ihrer Seite 3, im Laufe seiner Trainerzeit sogar auf ziemlich hohen Etagen von „Bild“ vorstellig geworden, um um eine etwas weniger hämische Berichterstattung zu bitten.

Mit Dank an Jan D.

Blättern:  1 ... 105 106 107 108 109