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Kreuz-Zug ohne Happy End

Der Volksentscheid „Pro Reli“, der in Berlin Religion als Wahlpflichtfach und Alternative zum gemeinsamen Ethik-Unterricht einführen wollte, ist gescheitert — aber an mangelndem Engagement der „Bild“-Zeitung kann es nicht gelegen haben. Konsequent führte sie ihre wundersame Werbestrategie der vorangegangenen Tage fort — diesmal ergänzt um einen ebenso schlichten wie unmissverständlichen Hinweis unter dem „Bild“-Logo auf Seite 1:

Nun ist das für „Bild“ nicht die erste Niederlage. Vor fast genau einem Jahr scheiterte der von „Bild“ mit ähnlich zweifelhafter Propaganda unterstützte Volksentscheid, Berlin-Tempelhof als Flughafen zu erhalten. Entsprechend routiniert löst die „Bild“-Zeitung heute die Aufgabe, aus der eigenen Niederlage eine für sie positive Schlagzeile zu machen (siehe Ausrisse rechts).

Und wie schon vor einem Jahr gelingt es „Bild“ nicht richtig gut, ein fairer Verlierer zu sein. Unter der Überschrift „So hat Berlin gewählt“ dokumentiert die Zeitung das Ergebnis der „großen BILD-Umfrage in den Wahllokalen der Stadt“ — von 13 Befragten haben erstaunlicherweise nur zwei gegen „Pro Reli“ gestimmt.

In einem weiteren Artikel behauptet „Bild“:

Auch der zweite berlinweite Volksentscheid ist an der hohen Hürde der Mindestzahl der erforderlichen Ja-Stimmen gescheitert.

Das stimmt bestenfalls halb: Es haben nämlich mehr Menschen gegen „Pro Reli“ gestimmt als dafür. Mit dem gestrigen Wahlergebnis wäre „Pro Reli“ gescheitert, ganz egal wie hoch das Quorum (die erforderliche Zahl der Ja-Stimmen) gewesen wäre.

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Das Bekehrungs-Wunder von „Pro Reli“

Und warum müssen die Berliner morgen beim Volksentscheid „Pro Reli“ noch einmal unbedingt für die Einführung eines Wahlpflichtfachs Religion stimmen (und alle Nicht-Berliner die Daumen drücken)? „Bild“ weiß es:

Eine Entscheidung mit Symbolcharakter — weit über die Stadtgrenzen Berlins hinaus. Denn es geht auch darum, ob die Kinder (42% der 6- bis 15-jährigen mit Migrationshintergrund) in den Schulen der deutschen Hauptstadt noch etwas über die Wurzeln der westlichen Kultur, die Worte der Bibel, die Lehre des Christentums erfahren.

Ach was. Und die vielen muslimischen Schüler erführen all das also im regulären islamischen Religionsunterricht, den sie im Falle eines Erfolgs von „Pro Reli“ bekämen?

 
Nachtrag (mit Dank an Sebastian H.): Die Aufklärung der Berliner Schüler über das Christentum und die Wurzeln der westlichen Kultur hängt übrigens nicht von der Einführung eines Wahlpflichtfachs Religion ab, wie sie „Pro Reli“ und „Bild“ fordern. Das „Verständnis einzelner Religionen“ und die „angemessene Kenntnis der Weltreligionen“ stehen auf dem Lehrplan des Fachs Ethik (PDF), in dem nach dem jetzigen Schulgesetz noch alle Schüler der Klassen 7 bis 10, unabhängig von ihrer Religion, gemeinsam unterrichtet werden.

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So ein Volksentscheid muss ja keine Wahl sein

Am Sonntag dürfen die Berliner über einen Gesetzesentwurf abstimmen, den die Initiative „Pro Reli“ vorgelegt hat. Sie kämpft dafür, aus dem Fach Religion, dessen Belegung in Berlin traditionell freiwillig ist, ein Wahlpflichtfach zu machen.

Die Materie ist ein bisschen kompliziert (PDF), aber die „Bild“-Zeitung hat es gestern geschafft, sie für ihre Leser auf eine einigermaßen verständliche Formel herunterzubrechen:

Und für diejenigen „Bild“-Leser, denen das zu dezent und unentschieden war und die sich heute immer noch fragen, was sie denn wohl wählen sollen, gibt es heute noch einmal eine Art Wahlservice:

Im Kern geht es bei dem Volksentscheid um die Frage, ob die Schüler in Zukunft wählen dürfen und müssen zwischen dem Fach Ethik und dem Religionsunterricht, wie es „Pro Reli“ fordert. Bislang werden die Schüler gemeinsam in Ethik unterrichtet; der nach Konfessionen und Glaubensrichtungen getrennte Religionsunterricht ist freiwillig und findet oft nur in unattraktiven Randstunden statt.

„Bild“ und die anderen Zeitungen des Springer-Verlages hatten bereits das Volksbegehren, das zu dem Volksentscheid am kommenden Sonntag führte, massiv unterstützt. Laut „Bild“ geht es „um mehr als nur um das Schulfach Religion“, nämlich um die Freiheit. Wer für „Pro Reli“ stimme, stimme „für die Freiheit“.

Wie schon beim Volksentscheid über die Zukunft des Flughafens Tempelhof geht „Bild“ nicht das Risiko ein, die Argumente der Gegner auch nur zu erwähnen. Kritiker von „Pro Reli“ kommen fast nicht zu Wort. „Bild“ berichtet: „Prominente unterstützen ‚Pro Reli'“ — nennt aber keinen Prominenten, der die Gegenkampagne „Pro Ethik“ unterstützt. Die Meldung, dass Desirée Nick „Pro Reli“ ihre Unterstützung entzogen hat und ihr einen „Kreuzzug“ und Bauernfängerei vorwirft, steht selbstverständlich nicht in „Bild“.

Allerdings berichtete „Bild“ am Dienstag, dass der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit am vergangenen Wochenende bei einem Kongress der „taz“ den Fernsehmoderator Günther Jauch für die Art, wie er für „Pro Reli“ wirbt, kritisiert hatte. Was Wowereit bei der Gelegenheit noch gesagt hatte, stand nicht in „Bild“:

„Dass nun eine konservative Verlagsgruppe auf den rot-roten Senat einschlägt, ist ja nachvollziehbar. Die Frage ist immer: Wo ist Journalismus noch als Journalismus erkennbar? Ich sag mal, was in Tempelhof gelaufen ist, mit einer monatelangen Schlagzeilenkampagne in allen drei Blättern. Ich glaube, das hat es in dieser Stadt, so lange ich mich politisch erinnern kann, noch nie gegeben. Bei Pro Reli fing das ja auch so an Anfang des Jahres, jetzt ist es ein bisschen abgestoppt, nun warten wir mal ab, man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, wie das noch die nächste Woche ausgehen wird.“

Antworten sehen Sie oben.

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Schönheits-OPs und der Reiz der Amnesie

So eine extreme Sendung hat es im deutschen TV noch nicht gegeben: Am Dienstag startet auf RTL 2 „Extrem schön! Endlich ein neues Leben“ (20.15 Uhr). Das Konzept: Dreizehn Frauen und Männer, die mit ihrem Aussehen unzufrieden sind, legen sich beim Schönheitsdoktor unters Messer.

schreibt Bild.de heute und berichtet über eine Kandidatin, die sich einmal generalüberholen ließ („17 neue Zähne, das Fett an Bauch und Busen ist verschwunden“).

Da „Extrem schön!“ noch nicht läuft, kann man als Zuschauer schlecht beurteilen, ob sie tatsächlich so viel extremer ist als „The Swan – endlich schön“. Diese Sendereihe lief im Herbst 2004 auf Pro Sieben und in den Medien hieß es damals unter anderem:

Christine ließ sich schön-operieren. Ergebnis: strafferer Busen, weniger Schwabbel an Bauch und Schenkeln, korrigierte Nase, weiße Zähne und Dank einer Botox-Spritze auch keine Schweißränder mehr unter den Achseln.

(„Bild“ vom 8. Dezember 2004)

Um Wangen und Lachfalten zu glätten und Unterlippe voller zu machen, spritzten die Chirurgen Eigenfett ein. Die Augenbrauen ließ Natascha seitlich anheben. Die Falten um die Augen störten Natascha jahrelang. Bei „The Swan“ bekam sie eine Oberlidstraffung. Auch die Zahnfehlstellung wurde korrigiert. Natascha ließ sich die Brust straffen und vergrößern. Dank der Implantate trägt sie nun Körbchengröße 75C statt 75B. (…) Sie wollte wieder gertenschlank sein und ließ sich an Hüfte und Taille die Fettröllchen absaugen.

(„Bild“ vom 13. Dezember 2004)

In der Printausgabe fehlt zwar die Behauptung, so eine „extreme Show“ habe es „im deutschen TV noch nicht gegeben“, aber die Überschrift legt auch nahe, dass „Bild“ „The Swan“ entweder absichtlich verdrängt hat, um noch einmal frische Aufregung heucheln zu können, oder die Bedeutung der Ordnungszahl „1.“ nicht kennt:

1. TV-Show operiert Kandidatin total um

Zum Glück passiert „Bild“ sowas aber zum ersten Mal

Mit Dank an Malte L.

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Bild dir deine Regeln…

Man hört ja immer wieder mal, man könne über die „Bild“ denken, was man wolle, aber der Sportteil, der sei ja schon so richtig gut. Vermutlich ist diese Meinung auch deswegen entstanden, weil „Bild“ gerne mal komplizierte Regularien auf den Punkt bringt. Oder es, wie im nachfolgenden Fall, zumindest versucht, mit Erfolg, den man bescheiden nennen darf.

Wer kommt wann in den Uefa-Cup

… fragt die Sportredaktion des Blattes heute — und nähme man es genau, müsste man antworten: niemand. Weil es den Uefa-Cup ab der kommenden Saison nämlich gar nicht mehr gibt und der Wettbewerb stattdessen umbenannt wird in die „Uefa Europa League“. Das alleine wäre nicht tragisch, allerdings stimmen nicht nur der Name des Wettbewerbs nicht, sondern auch ein paar andere Kleinigkeiten:

  • Die fairste deutsche Mannschaft komme in einen Topf mit Teams anderer Länder; aus diesem Topf werde dann ein zusätzlicher Startplatz ausgelost. Das war bis zu dieser Saison so. Inzwischen gibt es aber keine Verlosung mehr, sondern die drei Plätze gehen automatisch an die drei fairsten Nationen.
  • Bislang sei der fairste deutsche Verein der KSC, schreibt „Bild“. Das ist ein ziemlich exklusives „Wissen“. Tatsächlich wird die endgültige Wertung erst nach Saisonende bekanntgegeben. Und selbst dann, wenn man die bisherige Zahl der gelben und roten Karten als Maßstab verwenden würde, wäre die Einschätzung von „Bild“ falsch. Denn es spielen noch ganz andere Komponenten eine Rolle in der Wertung der Uefa, beispielsweise das „Verhalten der Fans“ oder der „Respekt vor dem Gegner“. Wer also momentan fairste deutsche Mannschaft ist, weiß nicht einmal die DFL selber.
  • Ob tatsächlich vier deutsche Mannschaften an der „Europa League“ teilnehmen, hängt schließlich auch noch davon ab, ob der Bundesliga-Dritte sich für die Champions League qualifiziert — oder doch auch an der Europa League teilnimmt.

Mit Dank an Jan K.

Bild, dpa  

Die Phantom-Oma von Heilbronn

Die folgende kleine Geschichte hat eigentlich zwei Aspekte. Fangen wir mit dem etwas längeren an. Es geht um  jenes Phantom von Heilbronn, das jahrelang die deutsche Polizei und natürlich auch die Medien beschäftigte. Tausende Stunden arbeitete man sich an der überaus merkwürdigen Spurenlage ab, das ZDF sendete eine 45-Minuten-Doku (die übrigens angesichts der damaligen Erkenntnisse ziemlich gut war), die „Süddeutsche Zeitung“ widmete der Suche nach der mysteriösen Dame eine Seite 3 (die ebenfalls gut war). Alles vergebens, wie man inzwischen weiß: Das Phantom von Heilbronn hat nie existiert, stattdessen waren verunreinigte Wattestäbchen die Ursache für die immer wieder auftauchende DNA-Spur.

Mittlerweile weiß man auch, wer die vermeintliche Superverbrecherin war — denn „Bild“ hat „aus Polizeikreisen“ erfahren, dass die DNA einer inzwischen 71-jährigen Frau aus Polen zuzuordnen ist, die vor Jahren bei der Hersteller-Firma der Wattestäbchen als Packerin gearbeitet hat.

Gen-Spur stammt von Polen-Oma (71)

Die dpa nahm die Recherchearbeit der „Bild“ gerne an — und verbreitete unter Berufung auf die Zeitung, die 71-jährige Packerin aus Polen sei das vermeintliche „Phantom“. Nachgedruckt wurde die Meldung unzählige Male.

Ganz offensichtlich reicht es den Kollegen der dpa völlig aus, wenn „Bild“ eine Geschichte bringt, um auf weitere Recherchen zu verzichten. Als stern.de schon Ende März berichtete, die DNA-Spur führe zu einer 71-jährigen Frau, berichtete niemand darüber („Bild“ natürlich auch nicht).

Und schließlich kommen wir noch zum zweiten Aspekt der Geschichte — nämlich dem, dass sie zumindest nach Angaben der zuständigen Sonderkommission gar nicht stimmt:

Die Gen-Spuren an den bei der Fahndung nach der vermeintlichen „Phantomkillerin“ verwendeten Wattestäbchen können keiner bestimmten Person zugeordnet werden. Das sagte der Leiter der Sonderkommission, Frank Huber, SWR4 Baden-Württemberg. Die Proben seien aus Personenschutzgründen anonym durchgeführt worden, so Huber. Es war berichtet worden, dass eine aus Polen stammende 71-jährige ehemalige Packerin der Herstellerfirma die Wattestäbchen verunreinigt haben soll.

Das meldete der SWR heute  in seinem Regionalstudio Heilbronn — und sonst: eigentlich niemand.

Mit Dank an Edelbert F.

Das BILDbloggen muss „Bild“ noch üben

Die „Bild“-Zeitung hat schon Recht: Man kann es heuchlerisch finden, dass Heribert Prantl, ein Leitender Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, andere Medien dafür kritisiert, dass sie detailliert und mit Namensnennung über den Fall einer Sängerin berichtet haben, der vorgeworfen wird, im Wissen um die eigene HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben. Prantl behauptete gestern:

„Die Süddeutsche Zeitung hat über die Verhaftung und den Tatvorwurf deshalb sehr zurückhaltend berichtet; sie wird den Namen der Sängerin auch weiterhin nicht nennen — obwohl dieser nun landauf, landab genannt wird.“

„Auch weiterhin“? Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den Namen der Sängerin am Mittwoch in einem Teil ihrer Auflage genannt. Bundesweit hat sie den Namen der Gruppe genannt, zu der die Sängerin gehört, und so alle vier Mitglieder unter den Verdacht gestellt, gemeint zu sein. In ihrem Online-Archiv hat sie sämtliche „SZ“-Artikel zum Thema, einschließlich Prantls, auch mit dem Nachnamen der Sängerin indiziert. Online ist Prantls Artikel mit einem Foto der Gruppe illustriert. Und auf sueddeutsche.de sind Meldungen über den Fall erschienen, die unter Namensnennung der Verdächtigen detailliert über die Vorwürfe berichteten.

Vor diesem Hintergrund ist es sehr berechtigt, wie „Bild“ zu fragen, ob es „Dummheit oder Heuchelei“ sei, wenn Prantl die eigene Vorbildhaftigkeit gegenüber den anderen herausstelle.

Allerdings ist „Bild“ dann die übliche Rechercheschwäche in die Quere gekommen. „Bild“ erwähnt einen ausführlichen Artikel, der am Dienstagabend auf sueddeutsche.de erschien und unter Namensnennung über die Vorwürfe gegen die Sängerin berichtete, und schreibt:

Wer auf der SZ-Internetseite nach [dem Namen der Band] sucht, findet nur noch Prantl und einen Artikel vom Dezember 2008. Soll nach Prantls Predigt etwa der Eindruck erweckt werden, der gelöschte Artikel sei nie geschrieben worden?

Die „Süddeutsche“ will sich dazu nicht äußern.

Wie zum Beweis zeigt „Bild“ sogar einen Ausdruck des Artikels, auf dem jemand handschriftlich notiert hat: „MITTLERWEILE AUS DEM INTERNET GELÖSCHT !!“

Nur: Die „Süddeutsche Zeitung“ hat den Artikel nicht „aus dem Internet“ gelöscht, nicht einmal aus ihrem eigenen Online-Auftritt. „Bild“ ist nur zu doof, ihn wiederzufinden. Er ist genau dort, wo er immer war und auch auf dem Screenshot von „Bild“ zu sehen ist: im „Newsticker“, wo die Agenturmeldungen auf sueddeutsche.de einlaufen. Und man findet ihn, indem man dort zum Beispiel den Namen der Band eingibt.

Nachtrag, 20. April. Jetzt ist der von „Bild“ gezeigte und angeblich gelöschte Artikel tatsächlich auf sueddeutsche.de nicht mehr zu finden — wie alle Meldungen im Newsticker dort, die älter als fünf Tage sind.

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Von Opfern schmutziger Gerichtsspektakel

Erinnern Sie sich an Andreas Türck?

Als die Staatsanwaltschaft vor dreieinhalb Jahren am Ende des Vergewaltigungs-Prozesses gegen den ehemaligen Fernsehmoderator Freispruch beantragte, kommentierte „Bild“, dass dieser Fall nie vor Gericht hätte landen dürfen. Der Moderator sei Opfer einer Justiz geworden, „die diesen Prozeß zuließ und vier Wochen lang ein schmutziges Gerichtsspektakel inszenierte“.

Dass Türck auch Opfer der Medien wurde und insbesondere einer großen deutschen Boulevardzeitung, kam „Bild“ nicht in den Sinn. Über Wochen hatte die Zeitung genüsslich intimste Details ausgebreitet, ihn verurteilt und u.a. getitelt: „So hat Türck mich vergewaltigt“. In der „Bild am Sonntag“ hatte ein Redakteur namens Stefan Hauck das Leben Türcks ein „erbärmliches Leben“ genannt und erklärt, man müsse „kein Mitleid“ mit ihm haben. Die Überschrift: „Hier steht Andreas Türck ein letztes Mal im Licht“.

Noch nachdem Türck freigesprochen wurde, behauptete „Bild“, es handele sich nicht um einen „Freispruch erster Klasse“, weil die Tat bloß nicht mit Sicherheit hätte bewiesen werden können, zählte auf, wie viel „Schmutz“ an ihm hängen bleibe und fragte süffisant: „Der schöne Andreas ist 1,93 Meter groß, sportlich, schlank, lächelt gern — aber für was soll er jetzt sein Gesicht ins Fernsehen halten?“ Später landete Türck wegen seines Prozesses in einer „Bild“-Kolumne mit der Überschrift „Peinliche Promis“.

Der Ruf eines unschuldigen Mannes war ruiniert. Daran, dass Andreas Türck in diesem Sinne zum Opfer wurde, hatte sicher die Justiz ihren Anteil. Aber am wirkungsvollsten war die „Bild“-Zeitung mit ihren riesigen, vernichtenden Schlagzeilen.

Die Zeitung hat, nicht nur in diesem Fall, jede Verantwortung für die Folgen ihrer Berichterstattung abgelehnt. Schon deshalb hat sie aus dem Fall Türck nichts gelernt. Es gab da für „Bild“ nichts zu lernen.

Wie das Verfahren gegen die Sängerin ausgehen wird, die zur Zeit in Untersuchungshaft sitzt, weil ihr vorgeworfen wird, im Wissen um ihre HIV-Infektion ungeschützten Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, ist offen. Natürlich kann es sein, dass es — anders als der Prozess gegen Andreas Türck — mit einem Schuldspruch endet und die Frau für viele Jahre ins Gefängnis muss. Aber bislang ist gegen sie noch nicht einmal Anklage erhoben worden, und ihr Ruf ist schon vollends ruiniert.

Spätestens im Nachhinein wird man fragen müssen, in welchem Maß die Sängerin selbst oder die Justiz dafür verantwortlich ist. In welchem Maß „Bild“ dafür verantwortlich ist, wird man „Bild“ nicht fragen müssen. Schlimmstenfalls kann sich das Blatt ja darüber empören, dass die Justiz so ein „schmutziges Gerichtsspektakel“ zuließ und eine Frau zum Opfer machte.
 

Aus einer Mücke einen Bayern-Trainer machen

Luca Toni, Mittelstürmer beim FC Bayern, hat in seiner italienischen Heimat ein Interview gegeben. Natürlich ging es dabei auch um die Situation beim FC Bayern und die Diskussion um dessen Trainer Jürgen Klinsmann. Also fragte der Interviewer den Fußballer, wie es denn weitergehe in München, dass es Gerüchte über potentielle Nachfolger gebe und dabei auch der Name eines italienischen Trainers gefallen sei — ob er denn dazu etwas sagen wolle.

So richtig wollte Toni anscheinend nicht, denn sein erster Satz in der Antwort lautet:

„Nein, ich weiß nicht, was passieren wird. Jetzt werden wir sehen, ob sie [die Bayern] mit Klinsmann weiter machen wollen.“

Danach sagt er etwas, was vermutlich sogar jeder Fußball-Laie unterschreiben würde:

„Ich denke, es wird viel vom Ende der Saison abhängen. Dann wird der Verein sehen.“

Und schließlich sagt er noch, so diplomatisch wie es eben geht, über den durchaus renommierten Trainer und Landsmann Mancini folgendes:

„Es ist klar, wenn ein italienischer Trainer kommen würde — so gut wie Mancini — ich denke, es kann dem Ganzen nur gut tun und auch den Bayern!“

Man würde also dem Interview nicht unrecht tun, wenn man es so zusammenfassste: Luca Toni weiß nicht, wie es in der Trainerfrage in München weitergeht. Und er hält Italiener im Allgemeinen und Mancini generell für gute Trainer (was keine sonderlich exotische Meinung ist).

Das liest sich indessen aktuell in vielen deutschen Medien ganz anders. „Bild“, dem Bayern-Trainer in herzlicher gegenseitiger Abneigung verbunden, titelt:

Luca Toni spricht schon über Klinsis Nachfolger

Konsequenterweise lässt Bild.de die User aktuell schon mal über den bevorzugten neuen Bayern-Trainer abstimmen. Die Möglichkeit, für Klinsmann zu votieren, ist dabei erst gar nicht vorgesehen.

Die ‚Bild“-Überinterpretation wird eifrig übernommen:: Bei T-Online behauptet man, Toni habe sich „bereits Gedanken über einen Nachfolger gemacht“ und „empfiehlt einen italienischen Landsmann“. Bei sport1.de geht man sogar soweit zu behaupten, Toni habe Mancini als „Ideallösung genannt“ (das behauptet nicht mal „Bild“). Und schließlich geriet Toni sogar „ins Schwärmen“, als er auf Mancini angesprochen wurde, zumindest dann, wenn man sport.de (rtl.de) glaubt.

Ziemlich untergegangen ist in der Toni-schwärmt-von-Mancini-Euphorie, dass sich auch noch ein anderer Spieler des FC Bayern zu Wort gemeldet hat. In der „Süddeutschen Zeitung“ steht heute:

„Klinsmann macht derzeit eine schwere Phase durch. Die ganzen Attacken treffen ihn persönlich, aber auch uns Spieler und den gesamten Verein (…) In den letzten sieben Partien werden wir uns für ihn zusammenreißen. Um deutscher Meister zu werden, müssen wir alle zusammenhalten.“

Der Spieler heißt übrigens Franck Ribéry.

Bild  etc.

Das „HIV-Drama“ und der „Justiz-Skandal“

Es hat etwas von Trotz, wenn die „Bild“-Zeitung heute den Fall der Sängerin, der vorgeworfen wird, vor mehreren Jahren einen Mann mit HIV infiziert zu haben, noch einmal auf die Titelseite nimmt. Denn nichts von dem, was dort steht, ist neu.

Aber die Sängerin hat beim Landgericht Berlin eine einstweilige Verfügung erwirkt, die es „Bild“ verbietet, weiter über den Fall zu berichten, und „Bild“ hat sich entschlossen, diese einstweilige Verfügung demonstrativ zu ignorieren.

Die Zeitung hat kein Recht dazu — trotz des Widerspruchs, den sie gegen die Entscheidung eingelegt hat. Wenn das Verbot der Berichterstattung auf Dauer aufrechterhalten bleibt, muss „Bild“ für diesen hartnäckigen Rechtsverstoß erhebliche Summen zahlen. Er kann auch dazu führen, dass der Sängerin ein höheres Schmerzensgeld von „Bild“ zusteht.

Sollte eine spätere Instanz allerdings entscheiden, dass „Bild“ über den Fall so berichten durfte, obwohl er die Intimsphäre der Sängerin betrifft, bliebe dieser Verstoß gegen die einstweilige Verfügung folgenlos. „Bild“ erhöht also das mit seiner Berichterstattung verbundene eigene Risiko.

Die Entscheidung des Landgerichts nennt „Bild“ heute einen „Irrsinn“ und einen „Justiz-Skandal“. Die erfolgreiche Sängerin sei „Vorbild für Millionen deutsche Jugendliche“: „Wenn ausgerechnet solch ein Star straffällig wird, muss man darüber berichten dürfen — und das wird BILD auch weiter tun!“ (Ob die Sängerin tatsächlich straffällig geworden ist, ist allerdings noch offen. „Bild“ schafft es aber naturgemäß nicht, auf eine Vorverurteilung zu verzichten.)

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann vergleicht den Fall mit dem Skiunfall des thüringischen Ministerpräsidenten Dieter Althaus und den „Steuerlügen“ des ehemaligen Post-Chefs Klaus Zumwinkel und kommentiert:

Wenn schwere Straftaten Privatsphäre sind, kann die Presse über nichts mehr berichten. Dann kann man die Pressefreiheit auch gleich abschaffen.

Auch die meisten anderen Medien berichten weiterhin über den Fall. Die Nachrichtenagentur dpa verbreitete in mehreren Meldungen, sie teile „nicht die Auffassung des Anwalts der Sängerin, wonach diese keine absolute Person der Zeitgeschichte sei und es sich auch nicht um eine spektakuläre Straftat handele.“ Der Anwalt hatte in einer Pressemitteilung die Meinung vertreten, die Berichterstattung sei rechtswidrig, so lange keine Anklage erhoben wurde: „Das gilt umso mehr, als die Sachverhalte, die jetzt zum Gegenstand des Vorwurfes gemacht wurden, mehrere Jahre zurück liegen und die Intimsphäre der Mandantin betreffen.“

Der „Kölner Stadtanzeiger“ und der „Express“ haben gestern [Nachtrag: fast] alle Berichte über den Fall aus ihren Online-Angeboten entfernt.

Das gleiche tat die „Welt“. Während sie nur noch berichtet, dass sie nicht mehr berichten darf, finden sich auf den Internet-Seiten ihres Schwesterblatts „Berliner Morgenpost“ nach wie vor alte und neue Berichte über die Vorwürfe gegen die Sängerin. Das unterschiedliche Vorgehen hat einen ebenso einfachen wie bizarren Hintergrund: Die einstweilige Verfügung der Sängerin richtet sich gegen „Bild“ und die Axel Springer AG. „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ werden zwar von einer gemeinsamen Redaktion produziert. Aber die „Welt“ wird von der Axel Springer AG verlegt; die „Morgenpost“ dagegen erscheint in der Ullstein GmbH, einer Tochter des Unternehmens — die somit nach Ansicht der Verlagsjuristen von der Verfügung nicht unmittelbar betroffen ist.

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