Archiv für Bild.de

Olé, wir fahr’n in Puff nach Berlin

Am 17. August war es im Berliner Vergnügungslokal „Artemis“ zu einer Schießerei gekommen. Jetzt wurde ein Tatverdächtiger verhaftet.

Der Bericht dazu in der Berliner „Bild“-Ausgabe sieht so aus:

Festnahme nach Schüssen im Saunaclub "Artemis". Wilmersdorf - Vier "Artemis"-Gäste hatten sich nach Zahlungs-Streitigkeiten den Weg nach draußen freigeschossen. Drei Sicherheitskräfte wurden verletzt. Das war am 17. August. Gestern wurde ein Tatverdächtiger (36, aus Russland) an der Kastanienallee (Prenzlauer Berg) festgenommen.

Bei Bild.de ist er ein bisschen länger: Der Leser erfährt, dass die „B.Z.“ gemeldet hatte, Spezialkräfte des Landeskriminalamtes hätten den Tatverdächtigen „aus seiner Wohnung im Stadtteil Prenzlauer Berg“ geholt, dass sich der Mann „zusammen mit drei anderen Männern“ am 17. August „in dem bekannten Etablissement mit den Liebesdamen vergnügt“ habe, dass er sich über den zu hohen Preis beschwert und mit einer umgebauten Schreckschusspistole auf den Wachdienst geschossen habe, dass drei Sicherheitsleute ins Krankenhaus mussten.

Der Text geht weiter:

Der Club liegt am Autobahndreieck Funkturm der A100 in Berlin. Auf 4000 Quadratmeter gibt es hier „erotische Wellness pur“. Benannt nach der griechischen Göttin der Jagd verwöhnen pro Schicht rund 60 Mädchen ihre Freier.

Hier gibt es feste Regeln: Eintritt 80 Euro, wer betrunken ist, darf nicht rein. Im Club selbst dürfen maximal drei alkoholische Getränke (Whisky oder Wodka) verzehrt werden – ausgenommen Champagner. Nicht-alkoholische Getränke sind im Preis enthalten.

Der Besucher sollte duschen, bekommt einen Bademantel – und kann sich dann ins Vergnügen stürzen: Es gibt zwei Kinos, einen Pool, Sauna und Haman, Tanz-Shows an der Stange und Table-Dance. Außerdem Frühstück- und Abendbüffets.

Das „Artemis“ hat 361 Tage im Jahr geöffnet, von 11 Uhr bis 5 Uhr morgens, nur am 24., 25. und 31. Dezember, sowie am 1. Januar ist es geschlossen.

Für den Satz „Reservierung unter … , Kreditkartenzahlung möglich“ war dann offenbar kein Platz mehr.

Mit Dank an Volker K.

Volks-Wagen

Vor ein paar Tagen wurde in Berlin der neue VW Golf vorgestellt. Zu Gast auf der pompösen Premierenfeier waren – neben einigen „Stars“ – vor allem jede Menge Journalisten. Ungewöhnlich ist das nicht, immerhin ist der Golf eines der meistverkauften Autos der Welt.

Ungewöhnlich ist vielleicht eher, in welchem Ausmaß „Bild“ und Bild.de seit einer Woche über den neuen Golf berichten:

4. September 2012:
Wie gut kennen Sie den VW Golf?

4. September 2012:
So wurde der Golf zum Bestseller

4./5. September 2012:
Hier steht der neue VW Golf 7

5. September 2012:
Das steckt im neuen VW Golf 7!

Im Live-Ticker von der Premierenfeier („So ein netter Empfang…“) fasst Bild.de übrigens „die wichtigsten Neuerungen zusammen“: „FEINER“ (…), „LEICHTER“ (…), „SICHERER“ (…), „WENDIGER“ (…), „SPARSAMER“ (…), „GRÖSSER“ (…), „VERNETZTER“ (…).

5. September 2012:
Der neue VW Golf 7 bremst automatisch

5. September 2012:
So feiert VW den neuen Golf 7!

„Bild“, 5. September 2012:
Das kann der NEUE GOLF VII

Wie gut ist der neue Golf?

5. September 2012:
Geheimwaffe Golf!

6. September 2012:
Golf, wat haste dir verändert!

6. September 2012:
"Dirty Harry" guckt dem neuen Golf unter die Haube

6. September 2012:
Diesen Golf versteckt VW

„Bild am Sonntag“, gestern:
Hier baut BamS den neuen Golf

Fotogalerie 1:
Fotogalerie: Das ist der neue Golf VII

Fotogalerie 2:
Fotogalerie: Das ist der neue Golf VII

Fotogalerie 3:
Fotogalerie: Das ist der neue Golf VII

Fotogalerie 4:
Fotogalerie: VW-Bestseller seit 1974

Fotogalerie 5:
Fotogalerie: Premiere des neuen Golf

Fotogalerie 6:
Fotogalerie: Das ist die große Golf-Familie

Mit Dank auch an Axel S.

Bild.de sucht sich einen Golf

Heute Abend präsentiert Volkswagen in Berlin erstmals seinen neuen Golf. Ein Glück! Zumindest für denjenigen aus der Bild.de-Redaktion, der die Aufgabe hatte, die heutige „10 um 10“-Klickstrecke zu füllen.

Wo sich die Mitarbeiter nämlich sonst regelmäßig irgendwelche bizarren Fakten zu irgendwelchen bizarren Themen aus den Fingern saugen müssen (wie etwa in den letzten Tagen „Die zehn wichtigsten Sadomaso-Begriffe“, „10 Exoten unter den Verkehrszeichen“  oder „10 Tiere, die wahre Sexmonster sind“), war das Thema heute also vergleichsweise harmlos:

Die 10 Golf-Fakten zum Staunen
Vielleicht ein wenig zu harmlos für den verantwortlichen Bild.de-Mitarbeiter, denn offenbar hat er sich bei der Zusammenstellung der Fakten nicht allzu große Mühe gegeben.

Bild.de bewirbt die Klickstrecke im Teaser jedenfalls so:

Zehn originelle Fakten, Tipps oder Ideen rund um ein Thema – lassen Sie sich jeden Morgen zehnfach überraschen.

HEUTE: Unbekannte Fakten zum VW Golf

Am heutigen Abend enthüllt VW in Berlin die siebte Generation des VW Golf. Das Kompaktmodell ist das mit Abstand wichtigste (und meistverkaufte) Auto der Wolfsburger.

BILD.de hat zehn unbekannte Fakten zum Golf zusammengetragen: oben in der Galerie!

So weiß Bild.de etwa, dass bis heute „weltweit rund 29 Millionen Fahrzeuge dieser Baureihe verkauft“ wurden, dass der Golf I die „mit Abstand meistverkaufte Generation ist“, dass die Cabrioversion des Golf I als „Erdbeerkörbchen“ verspottet wurde, dass der Golf „den Käfer als meistgebautes VW-Modell“ ablöste, dass das Modell ursprünglich „Blizzard“ heißen sollte, dann aber doch nach dem Golfstrom benannt wurde, und so weiter.

Oder anders gesagt: Die „originellen“ und „unbekannten“ Fakten sind weder originell noch unbekannt, sondern alles Dinge, die man genauso gut in der Wikipedia nachlesen kann.

Mit Dank an Johannes K.

Wo ein Willis ist, ist auch eine Story

Wer sich im Internet irgendwo anmeldet, bekommt häufig einen Text vorgelegt, der ausgedruckt in etwa die Ausmaße des Telefonbuchs von Chicago aufweisen würde. Solche Allgemeinen Geschäftsbedingungen sind in der Regel so lang und sprachlich so ermüdend, dass es gut sein kann, dass man einem Anbieter sein Erstgeborenes abtritt oder der Zerstörung des Planeten Merkur zustimmt, wenn man blindlings einfach auf „OK“ klickt.

Der Schauspieler Bruce Willis hat aber, wenn man Medienberichten trauen darf, offenbar irgendwie die Geschäftsbedingungen des iTunes Store, dem Musikportal des Unterhaltungsgeräteherstellers Apple, durchgearbeitet und dabei festgestellt, dass er seinen Töchtern im Falle seines Ablebens gar nicht seine digitale Musiksammlung vererben könnte. Seitdem ist er auf einer Mission, um für die Freiheit der iTunes-Nutzer und gegen Apple zu kämpfen.

Man darf diesen Medienberichten natürlich nicht trauen, auch wenn stern.de ein bisschen naiv referiert:

Das berichten übereinstimmend die britischen Boulevardzeitungen „The Sun“ und „Daily Mail“.

Die „Sun“ und die „Daily Mail“ sind als Quellen ungefähr so seriös wie der Freund des Schwagers einer Arbeitskollegin oder das nordkoreanische Staatsfernsehen.

Die „Daily Mail“ schrieb zum Beispiel am Sonntag:

Bruce Willis sieht man eigentlich eher, wenn er Explosionen entkommt und Terroristen bekämpft, um die Welt zu retten.

Sein letzte Kampf allerdings führt ihn in die deutlich leisere Welt des Gerichtssaals — obwohl er sich immer noch einem beeindruckenden Gegner stellt.

Es heißt, der Hollywood-Actionheld überlege, juristisch gegen den Technologiegiganten Apple vorzugehen, weil er seinen Töchtern seine digitale Musiksammlung hinterlassen möchte.

(Übersetzung von uns.)

Das klingt so vage, dass die „Daily Mail“ das Gleiche vermutlich über jede andere Person hätte schreiben können, ohne dass sie dabei unkonkreter hätte werden müssen.

Die „Daily Mail“ schreibt von verschiedenen Plänen, mit denen Willis „angeblich“ sein Vorhaben umsetzen will. Aber woher sie ihre angeblichen Informationen hat, das schreibt sie nicht.

Das einzige wörtliche Zitat im Artikel stammt dann auch gar nicht von Bruce Willis:

Anwalt Chris Walton sagte: „Viele Leute werden überrascht sein, wenn sie erfahren dass all die Lieder und Bücher, die sie über die Jahre gekauft haben, ihnen tatsächlich gar nicht gehören. Es ist ganz natürlich, dass man sie an eine nahestehende Person weitergeben will.“

(Übersetzung von uns.)

Diesen Chris Walton zitiert auch die „Sun“. Außerdem hat sie herausgefunden, dass Willis‘ Downloads „Berichten zufolge Klassiker von den Beatles bis zu Led Zeppelin enthalten“.

An dieser Stelle hätte man stutzig werden und sich fragen können, warum die Musiksammlung eines 57-Jährigen eigentlich so viele Downloads mit der Musik seiner Jugend enthalten soll — das dürfte Willis doch noch alles auf Vinyl oder CD haben.

Aber warum nachdenken, wenn „Sun“ und „Daily Mail“ übereinstimmend über den Fall schreiben?

Bild.de:
WEIL ER SEINE MUSIKSAMMLUNG VERERBEN MÖCHTE: Bruce Willis legt sich mit Apple an

krone.at:
Bruce Willis fordert mehr Rechte an Musiksammlung

oe24.at:
Bruce Willis will iTunes von Apple verklagen

kurier.at:
Bruce Willis will Apple wegen iTunes klagen

heute.at:
Wegen iTunes: Bruce Willis will Apple verklagen

20min.ch:
Verklagt Bruce Willis Apple — wegen iTunes?

„Focus Online“:
Rechtsstreit um iTunes-Musiksammlung: Bruce Willis will Apple verklagen

„Focus Online“ hatte es sogar geschafft, sich nicht auf „Sun“ und/oder „Daily Mail“ zu berufen, sondern auf das Trashmeldungaufbereitungsportal pressetext.com, wo sie den britischen Anwalt, den die „Daily Mail“ (etwas undeutlich) als Experten befragt hatte, gleich zu „Willis‘ Rechtsanwalt“ gemacht hatten.

Dann passierte gestern etwas Unvorhergesehenes: Ein Twitter-User gab Bruce Willis‘ Ehefrau Emma einen Rat, wie er seinen Töchtern ganz leicht den Zugang zu den iTunes-Songs sichern konnte — und Emma antwortete schlicht, die ganze Geschichte sei gar nicht wahr:

Einige Medien wie stern.de, 20min.ch und zdnet.de aktualisierten daraufhin ihre Artikel, andere wie „Focus Online“ veröffentlichten einfach einen weiteren Artikel zur Frage, was eigentlich nach dem Tod mit der iTunes-Bibliothek passiert.

Wiederum andere Medien wie „Welt Online“ veröffentlichten nach dem Dementi heute einfach irgendwelche feuilletonistischen Aufsätze, als sei nichts geschehen:

Warum Bruce Willis Apple verklagen will: Der Actionstar will seine Musiksammlung einmal vererben. Doch nach seinem Tode gehören die Dateien wieder Apple. Nun erwägt Bruce Willis eine Klage. Sein Tun ist von erhabener Sinnlosigkeit.

Am Nachmittag brachte „Welt Online“ dann dieses „Update“:

Update: Inzwischen hat sich die Ehefrau von Bruce Willis, Emma Heming-Willis, bei Twitter zu Wort gemeldet und die Meldung, Bruce Willis würde Apple verklagen wollen, wörtlich als „nicht wahre Geschichte“ bezeichnet.

„Inzwischen“ im Sinne von „gestern“.

Charles Arthur hat die Geschichte der offensichtlichen Falschmeldung für das Technikblog des „Guardian“ aufgeschrieben und hat eine gleichermaßen alberne wie plausible Erklärung:

Lasset also die Suche für den Ursprung dieser Geschichte beginnen. Es gibt einen Artikel vom 23. August auf Marketwatch, der eine seltsame Ähnlichkeit aufweist — aber es gibt dort keine Erwähnung einer Anfechtungsklage. Es geht nur um Nachlässe und Testamente („Estates and Wills“).

Was uns zum erschaudernden Innehalten bringt: könnte es sein, dass jemand die Erwähnung von „Estates and Wills“ sah und dachte, es seien „estates and Willis“?

(Übersetzung von uns.)

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag, 18.10 Uhr: Am späten Nachmittag, als die Geschichte so richtig schön „durch“ war, legte die „Financial Times Deutschland“ in ihrem Internetauftritt nach:

iTunes-Musiksammlung: Bruce Willis trickst Apple aus

Der Text erzählt die bekannte Mär, nach der Bruce Willis Apple verklagen wolle, und endet mit diesem bemerkenswerten Absatz:

Seine Ehefrau Emma Heming ließ auf Twitter zwar dementieren, Willis selbst wolle Apple verklagen. Ein User schlug ihr daraufhin eine denkbar simple Lösung vor: „Sag Bruce doch einfach“, schreibt RichieD, „er soll seinen Töchter seine iTunes Passwörter geben. Dann wird er ewig leben.“

Ein „doch“ folgt auf das „zwar“ nicht mehr.

Mit Dank an Stefan G.

Schrödingers Terrorfürst

Vergangene Woche verkündete Bild.de unter vermeintlicher Berufung auf ein Enthüllungsbuch, dass Osama bin Laden sich „vermutlich“ bzw. „offenbar“ selbst erschossen hätte. Einige deutschsprachige Medien, vor allem online, schlossen sich dieser These an (BILDblog berichtete) und ruderten anschließend mehr oder weniger gelungen zurück (BILDblog berichtete auch hier).

Heute unternahm die gedruckte „Bild“ einen neuen Versuch, die bisher durchgesickerten Informationen aus dem Buch nachzuerzählen:

Das hat alles soweit auch ganz gut geklappt — doch bei Bild.de steht jetzt sowohl die Online-Fassung des richtigen Artikels als auch immer noch die Behauptung, der Ex-Navy-Seal „enthülle“, bin Laden habe Selbstmord begangen.

Ein bisschen verirrt

Wichtig im Journalismus ist ja auch, dass man dramatische Überschriften nicht gerade mit völlig albernen Artikelanfängen konterkariert.

Praktisch heißt das, dass auf so eine Schlagzeile …

Auf hoher See verirrt: Küstenwache rettet Schauspieler Russell Crowe

… vielleicht besser nicht so ein Text folgt:

„Eine Seefahrt, die ist lustig, eine Seefahrt, die ist schön“ heißt es in einem beliebten Volkslied …

Das dachte sich wohl auch Schauspieler Russell Crowe (48), als er mit einem Begleiter und einem Kajak in See stach. Weniger lustig war da allerdings, dass die beiden von der Küstenwache gerettet werden mussten.

Andererseits ist bei dem Text, der dann noch folgt, eigentlich sowieso alles egal.

Bild.de schreibt, der Schauspieler und ein Bekannter (das Wort „Bekannter“ ist mit dem Werbelink einer Partnervermittlung unterlegt) seien am Samstag mit einem Kajak von der Ortschaft Cold Spring Harbor bei New York aufgebrochen:

Bei Sonnenuntergang hatten sie sich verirrt und einem Boot, das sich auf Patrouille befand, ihre Not signalisiert. Zu viel geträllert und den Kurs aus den Augen verloren, lieber Russell?

Die Kajakfahrer seien zum Schiff der Küstenwache gepaddelt, an Bord geklettert und zurück nach Huntington Harbor gefahren, sagte Robert Swieciki, ein Sprecher der US-Küstenwache.

Darüber hinaus hatte Swieciki gegenüber der Press Association noch etwas gesagt, was die ganze Geschichte („Auf hoher See verirrt“!) schon ein bisschen unspektakulär erscheinen ließ:

„Er brauchte nur ein bisschen Hilfe, er hatte sich nur ein bisschen verirrt“, sagte Swieciki. „Es war eigentlich keine richtige Rettung, eher eine Mitfahrgelegenheit.“

(Übersetzung von uns.)

Außerdem waren die beiden mit ihrem Kajak nicht auf hoher See (mehr als 200 Seemeilen von der Küste entfernt) unterwegs, sondern im Long Island Sound, einer Förde, wo sie offenbar immer in Küstennähe blieben.

Aber gut, man muss es natürlich nur in die richtige Relation setzen:

Puh, noch mal Glück gehabt! Schauspiel-Kollege Tom Hanks (56) zeigte in „Verschollen“ wie ein Ausflug auf hoher See auch ausgehen kann und man NICHT gefunden wird. Doch in dieser Hauptrolle hätte sich der Australier sicherlich ungern im echten Leben gesehen.

Mal davon ab, dass Schauspiel-Kollege Tom Hanks das natürlich nur gespielt hat, ist der „Ausflug auf hoher See“ in „Verschollen“ der Absturz eines Transportflugzeugs, den Hanks‘ Charakter als einziger überlebt. Er rettet sich auf eine einsame Insel, auf der er mehrere Jahre lebt. Also irgendwie was ganz anderes.

Crowe, der sich zu Dreharbeiten auf Long Island aufhält, bedankte sich über Twitter bei seinen Helfern.

Das gleiche Twitter übrigens, auf dem Crowe kurz darauf auch noch mal geschrieben hatte, er habe sich nicht verirrt:

Mit Dank an Matthias M.

Bild.de, dpa  etc.

Den Schuss nicht gehört (2)

Heute Nacht hatten wir über die Exklusiv-Meldung deutscher Online-Medien berichtet, nach denen sich Osama bin Laden vergangenes Jahr beim Sturm auf sein Anwesen in Pakistan selbst erschossen haben soll.

Die betroffenen Medien haben darauf unterschiedlich reagiert:

„Spiegel Online“ überarbeitete den kompletten Artikel und versah ihn mit einem Hinweis:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels wurde die Darstellung des US-Soldaten fälschlich so interpretiert, dass Osama Bin Laden Selbstmord begangen haben soll. Der Autor lässt offen, wer die Schüsse abgegeben hat. Bin Laden war, wie Bissonette schreibt, jedoch unbewaffnet – er kann sich nicht selbst erschossen haben. Wir haben den Fehler korrigiert und bitten, ihn zu entschuldigen.

Stern.de hat seinen Artikel komplett ausgetauscht, geht darauf aber nicht näher ein, und auch „Focus Online“ hat Überschrift und Artikel behutsam an die Fakten und die deutsche Sprache angepasst.

Selbst bei Bild.de haben sie ihren Artikel bearbeitet:

Aus dem offensichtlich sinnlosen Satz

Außer den Kugeln mit denen Osama bin Laden sich offenbar selbst richtete, als er hörte wie die Soldaten die Villa stürmten, hatte er keinerlei Munition bei sich.

wurde

Außer der Kugel mit der Osama bin Laden sich vermutlich selbst richtete, soll sich keine weitere Munition im Raum befunden haben.

Ansonsten bliebt Bild.de bei der Darstellung.

* * *

Das waren aber auch nicht alle deutschsprachigen Medien, die von einem möglichen Selbstmord bin Ladens schwadronierten. Die folgende Auflistung ist womöglich lückenhaft:

„B.Z.“:

Hat Osama bin Laden Selbstmord begangen?

Washington – Terror-Chef Osama bin Laden soll schon tot gewesen sein, als die US-Spezialeinheit im Mai 2011 seine Villa stürmte. Das behauptet ein ehemaliger Elitesoldat, der an diesem Einsatz beteiligt war. Bin Laden habe sich selbst in den Kopf geschossen.

„Berliner Kurier“:

Bin Laden Selbstmord?
Washington – Osama Bin Laden soll bereits tot gewesen sein, als die Navy Seals im Mai 2011 in sein Zimmer im pakistanischen Abbottabad stürmten. Das behauptet der Ex-Elitesoldat Matt Bissonnette in seinem Buch „No Easy Day“ (KURIER berichtete).

„Kleine Zeitung“:

„Blick“:

Enthüllungsbuch: Hat Osama Selbstmord begangen?

tagesspiegel.de, immerhin:

Als Resultat einer falschen Übersetzung herausgestellt haben sich unterdessen Meldungen mehrerer deutscher Online-Medien, auch des Tagesspiegels, der Autor habe über einen Selbstmord Bin Ladens spekuliert. Tatsächlich ist die Rede davon, Bin Laden sei schon tödlich verletzt gewesen, bevor die Soldaten sein Schlafzimmer betraten – dies beruht jedoch nicht, wie zwischenzeitlich fälschlicherweise für möglich gehalten, auf Spekulationen über einen Selbstmord, sondern auf der Behauptung, dass Bin Laden nicht erst im Schlafzimmer, sondern schon im Flur von Kugeln getroffen worden sei.

* * *

Die Deutsche Presse-Agentur dpa hatte zwar nicht von einem Selbstmord bin Ladens geschrieben (das machten manche Medien einfach selbst), gestern aber immerhin behauptet:

Angeblicher Augenzeuge bestreitet US-Angaben über Bin-Laden-Tötung

Washington (dpa) – Das neue Buch eines angeblichen Augenzeugen zieht nach Medienberichten die offiziellen US-Angaben zur Tötung des Terrorführers Osama bin Laden infrage. Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Nun lässt der Artikel bei der „Huffington Post“ tatsächlich einen gewissen Interpretationsspielraum, aber man darf wohl annehmen, dass das Onlinemagazin es etwas mehr hervorgehoben hätte, wenn bin Laden tatsächlich „nicht von US-Soldaten getötet worden“ wäre.

Die dpa wiederholte diese Version heute Morgen noch zwei Mal:

dpa, 5:00 Uhr:

Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

dpa, 5:04 Uhr:

OSAMA BIN LADEN Das neue Buch eines angeblichen Augenzeugen zieht nach Medienberichten die offiziellen US-Angaben zum Tod des Terrorführers Osama bin Laden infrage. Der Autor des in wenigen Tagen erscheinenden Buches schreibt, der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden.

Nach unserer Anfrage verschickte die dpa eine korrigierte Fassung der Meldung:

Das neue Buch eines angeblichen Augenzeugen zieht nach Medienberichten die offiziellen US-Angaben zur Tötung des Terrorführers Osama bin Laden infrage. Der Al-Kaida-Chef sei bereits tödlich getroffen worden, bevor Mitglieder eines Sonderkommandos den Raum betreten hätten, heißt es laut Internetportal «Huffington Post» in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Versehen ist diese Berichtigung mit folgendem Hinweis:

Stellt in Bin-Laden-Meldung im zweiten Satz klar, dass aus den Auszügen in der „Huffington Post“ nicht genau hervorgeht, wer der Todesschütze war.

Ja, die Meldung „stellt klar“, dass unklar sei, wer der Todesschütze sei. Schreibt die Agentur die heute Morgen noch kategorisch erklärt hatte, bin Laden sei nach Aussage des Autors „nicht von US-Soldaten getötet worden“.

Die Passagen in der „Huffington Post“ waren tatsächlich nicht sonderlich klar, doch zum Glück verfügt die „Washington Post“ offenbar ebenfalls über ein Exemplar des Buchs und über etwas gradlinigere Autoren:

Osama bin Laden versteckte sich für mindestens 15 Minuten in seinem Schlafzimmer, als Navy Seals sich den Weg durch seine pakistanisches Anlage kämpften, und unternahm keinen Versuch, sich selbst zu bewaffnen, bevor ein US-Kommando auf ihn schoss, als er aus seiner Tür herausschaute. Das geht aus dem ersten Bericht hervor, der von einem Teilnehmer des inzwischen berühmt gewordenen Überraschungsangriffs am 2. Mai 2011 veröffentlicht wurde.

(Übersetzung von uns.)

Mit diesem Bericht im Rücken traute sich nun auch dpa ein bisschen weiter und schrieb in der neuesten Meldung, dass „das Kommando“ auf Bin Laden geschossen habe.

20min.ch, Bild.de  etc.

Medien im Drogenrausch

Vielleicht haben Sie Ende Mai diese Geschichte mitbekommen: Ein Mann namens Rudy Eugene hatte in Miami, Florida einen Obdachlosen angefallen und dessen Gesicht zerbissen. Eugene wurde von der Polizei erschossen, sein Opfer überlebte schwer verletzt.

Nachdem Bild.de in einem ersten Artikel vom 28. Mai berichtet hatte, der Täter „soll möglicherweise unter Drogen gestanden haben“, wusste das Portal einen Tag später schon mehr:

POLIZEI ERSCHIESST MENSCHENFRESSER: Der Kannibale rastete im LSD-Rausch aus. ER WAR NACKT, KNURRTE, ASS NASE UND AUGE

Ein nackter Mann, der einem anderen das Gesicht abkaut – das war kein Horror-Film, das war Miami (USA)! Ein Polizist entdeckte den Nackten, der über einen anderen herfiel und erschoss den Kannibalen. Jetzt kommt heraus: Der Menschenfresser war wohl auf einem schlimmen LSD-Trip.

Bild.de hatte eine glaubwürdige Quelle für diese These:

Nach Ansicht der Polizei von Miami könnte der Anfall von Kannibalismus durch eine Überdosis einer neuen Form von LSD ausgelöst worden sein.

„Wenn wir es mit nackten, gewalttätigen Menschen zu tun haben, deutet das meist auf ein Delirium hin, das durch Drogen ausgelöst wurde“, sagt Armando Aguilar. „Wir kennen bereits drei oder vier Fälle, in denen sich Menschen ähnlich benommen haben. Sie alle haben zugegeben, LSD genommen zu haben.“ […]

Warum waren die Männer nackt? Aguilar vermutet den Grund ebenfalls in der neuen Form von LSD, bekannt als „bath salts“ („Badesalz“). Die Droge erhöht die Körpertemperatur der Süchtigen so weit, dass ihre Organe förmlich von innen verbrennen. Verstand und Schmerzempfinden werden ausgeschaltet.

Am 30. Mai war die Theorie bei der „B.Z.“ schon Fakt:

Experten gehen davon aus, dass der polizeibekannte Kleinkriminelle unter einer Drogen-Psychose litt. Dabei haben Süchtige das Gefühl, sie würden innerlich verbrennen und werden wahnsinnig. Eugene hatte LSD genommen.

Der „Berliner Kurier“ und der „Kölner Express“ berichteten am 10. Juni:

Wer sie konsumiert, schwebt über den Wolken und nennt sie „Cloud Nine“ oder das „Neue LSD“. In den USA sorgt eine neuartige Droge für Aufsehen. Wer sie einnimmt, verfällt in ein aggressives Delirium, greift Menschen an und frisst ihr Fleisch.

Nach grausigen Kannibalismus-Attacken in Miami warnt die Polizei im US-Staat Florida vor der Zombie-Droge. Unter dem Einfluss des Rauschmittels „Cloud Nine“ (etwa „siebter Himmel“) können Menschen tierische Verhaltensweisen an den Tag legen – und andere Menschen anfallen. Die Polizei von Miami rief die Anwohner auf, sofort den Notruf zu wählen, wenn jemand vergleichbare Symptome zeigt.

Ende Mai erschoss die Polizei in Miami einen Mann, der nackt am Rande einer Schnellstraße das Gesicht eines Obdachlosen zerfleischte.

Und die „Berliner Zeitung“ schrieb am 14. Juni über „eine Serie grausamer Verbrechen in den USA“, die „dem Konsum einer Billigdroge zugeschrieben“ wird:

Ende Mai fiel in Miami ein nackter Mann über einen Obdachlosen her. Der Täter fraß seinem Opfer wie ein tollwütiger Hund das Gesicht von den Knochen. 18 Minuten lang dauerte die Horrorszene, bis Polizisten den Kannibalen erschossen und den entstellten sowie lebensgefährlich verletzten Obdachlosen ins Krankenhaus bringen konnten. Der Täter, ein 31 Jahre alter Mann namens Rudy Eugene, hatte offenbar unter dem Einfluss der Droge „Bath-Salt“, zu deutsch Badesalz, gestanden.

Ebenfalls am 14. Juni berichtete „Bild“ in der Printausgabe:

Sein Gesicht ist entstellt. Statt Nase und Stirn hat Ronald Poppo (65) nur noch eine einzige Riesennarbe. Ein Kannibale hat ihm ins Gesicht gebissen. Rudy Eugene (+ 31) hatte den Obdachlosen im LSD-Rausch angegriffen. Polizisten retteten Poppo, erschossen den sogenannten "Miami-Kannibalen". Seit der Attacke wird Poppo in einer Spezialklinik behandelt. "50 Prozent des Gesichts sind weg", sagt Chirurgin Wrood Kassira. Aber: Mit viel Mühe hat das Kannibalen-Opfer inzwischen wieder sprechen gelernt. Erschossen: Rudy Eugene (+ 31) Kannibalen-Opfer Ronald Poppo (65) wird von einer Pflegerin gestützt.

Tja.

Vielleicht haben Sie Ende Juni auch diese Geschichte mitbekommen:

Ein Gerichtsmediziner in Florida sagt, dass nur Marihuana im Blutkreislauf eines Mannes aus Florida gefunden wurde, der erschossen worden war, während er am Gesicht eines anderen Mannes nagte.

Der Gerichtsmediziner von Miami-Dade County veröffentlichte am Dienstag die toxikologischen Befunde des 31-jährigen Rudy Eugene. Die Laborergebnisse fanden Marihuana in seinem Blutkreislauf, aber keine anderen Straßendrogen, Alkohol oder verschreibungspflichtige Medikamente.

(Übersetzung von uns.)

Zugegeben, das ist unrealistisch, denn die neuerliche Entwicklung blieb von den deutschen Medien weitgehend unbeachtet.

Als Bild.de Anfang August über ein Interview berichtete, dass das Rudy Eugenes Opfer gegeben hatte, wählte die Redaktion diese Einleitung:

Es war eine Tat, die an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist: Im LSD-Wahn stürmte Rudy Eugene in Miami auf einen Obdachlosen, riss ihn zu Boden und aß sein Gesicht auf!

(Die Behauptung, Eugene habe das Gesicht des Mannes „aufgegessen“ ist übrigens auch kaum haltbar: In seinem Magen fand man kein menschliches Fleisch.)

Der Mann, der mit Marihuana im Blut einen anderen Mann angefallen hatte, ist für deutschsprachige Medien zum mahnenden Beispiel für das geworden, was synthetische Drogen anrichten können.

Das Internetportal der Schweizer Gratiszeitung „20 Minuten“ leitet seine Artikel über „Badesalz“ jedenfalls gerne so ein:

Der Fall von Rudy Eugene, der im Mai in Miami einem Obdachlosen teile des Gesichts wegfrass, machte weltweit auf die neuartige Droge Badesalz aufmerksam: Eugene soll im Drogenrausch durchgedreht haben. Weitere erschreckenden Berichte von Konsumenten, die sich selbst verstümmeln, brachte Badesalz den Namen „Zombie-Droge“ ein.

(9. August 2012)

Im Mai frass Rudy Eugene einem Obdachlosen Teile des Gesichtes weg und machte dadurch weltweit auf die Droge „Badesalz“ oder Mephedron aufmerksam. Offenbar drehte Eugene im Drogenrausch durch.

(29. August 2012)

Mit Dank an Miriam K.

Den Schuss nicht gehört

Als US-Präsident Barack Obama am Abend des 1. Mai 2011 vor die Weltpresse trat, um zu verkünden, dass das amerikanische Militär den Terroristenführer Osama bin Laden in Pakistan aufgetan und getötet habe, war in Deutschland gerade tiefste Nacht. Wahrscheinlich weiß noch jeder Mensch, wo er war, als er am Morgen die Nachricht hörte.

Es war 13.05 Uhr und damit eine deutlich zivilere Zeit, als Bild.de gestern eine Nachricht veröffentlichte, die eigentlich für ähnlichen Donnerhall in der Welt hätte sorgen müssen:

DIE LETZTEN MINUTEN DES TERROR-TEUFELS: Navy Seal enthüllt: Osama war schon tot, als wir kamen. DER ERSTE ELITE-SOLDAT PACKT AUS, ERKLÄRT WIE DER AL-QAIDA-CHEF SICH VERMUTLICH SELBST IN DEN KOPF GESCHOSSEN HATTE UND, DASS ER NICHT MAL AN VERTEIDIGUNG GEDACHT HATTE

Osama bin Laden, so Bild.de, habe „offenbar“ bzw. „vermutlich“ Selbstmord begangen. Bild.de zitierte das Internetmagazin „Huffington Post“, die ihrerseits aus einem Buch zitiert hatte, das von einem der Navy SEALs geschrieben wurde, der bei der Erstürmung von bin Ladens Residenz dabei gewesen war.

Bild.de erklärt:

Bin Laden habe bereits eine Kugel im Kopf gehabt als die Soldaten kamen, schreibt der Ex-Seal aus Alaska darin. Es sei ein Mythos, dass er den Soldaten noch in die Augen gesehen habe, bevor er starb.

„Wir waren weniger als fünf Schritte davon entfernt, oben anzukommen, als ich gedämpfte Schüsse hörte“, zitiert die Zeitung aus dem Buch. Und weiter: „Blut und Gehirn quollen aus der Seite seines Schädels.“ Bin Ladens Körper habe noch gezuckt, die Soldaten richteten ihre Laser auf seine Brust und feuerten mehrere Male ab.

Und fährt fort:

Und noch ein wichtiges Detail merkt er an: Außer den Kugeln mit denen Osama bin Laden sich offenbar selbst richtete, als er hörte wie die Soldaten die Villa stürmten, hatte er keinerlei Munition bei sich.

Spätestens an dieser Stelle hätte irgendjemand bei Bild.de stutzig werden können: bin Laden soll sich mit mehreren Kugeln erschossen haben? Das wäre durchaus außergewöhnlich.

Eigentlich hätte aber schon vorher jemandem auffallen müssen, dass im Originalartikel bei der „Huffington Post“ nichts darauf hindeutet, dass bin Laden Selbstmord begangen haben könnte.

Allerdings ist die Passage, die Bild.de übersetzt hat, auch ein bisschen uneindeutig:

As the SEALS ascended a narrow staircase, the team’s point man saw a man poke his head from a doorway, wrote a SEAL using the pseudonym Mark Owen (whose real identity has since been revealed by Fox News) in “No Easy Day,” a copy of which was obtained at a bookstore by The Huffington Post.

„We were less than five steps from getting to the top when I heard suppressed shots. BOP. BOP,“ writes Owen. „I couldn’t tell from my position if the rounds hit the target or not. The man disappeared into the dark room.“

Team members took their time entering the room, where they saw the women wailing over Bin Laden, who wore a white sleeveless T-shirt, loose tan pants and a tan tunic, according to the book.

Despite numerous reports that bin Laden had a weapon and resisted when Navy SEALs entered the room, he was unarmed, writes Owen. He had been fatally wounded before they had entered the room.

Der Soldat schreibt aber, dass bin Laden „unbewaffnet“ („unarmed“) gewesen sei, was einen Selbstmord durch Erschießen mindestens verkompliziert haben dürfte.

Die Nachrichtenagentur AP verstand diese Sätze dann auch gründlich anders als Bild.de:

Bissonnette schrieb, dass die SEALs bin Laden am oberen Ende eines abgedunkelten Flurs entdeckten und ihm in den Kopf schossen, obwohl sie nicht sehen konnten, ob er bewaffnet war. Regierungsbeamte hatten beschrieben, dass die SEALs erst auf bin Laden geschossen hätten, als dieser sich in sein Schlafzimmer zurückgezogen hätte, weil sie annahmen, er könnte nach einer Waffe greifen.

(Übersetzung von uns.)

Auch die deutschen Agenturen schrieben nichts von einem Selbstmord — weil offenkundig bisher niemand von einem Selbstmord gesprochen hatte.

Dann zog „Spiegel Online“ am späten Nachmittag nach:

Navy-Seals-Einsatz: Bin Laden soll sich angeblich selbst getötet haben

Auch „Spiegel Online“ beruft sich auf die „Huffington Post“ und leitet aus deren Artikel ab:

Bevor die US-Soldaten den Qaida-Chef erwischen konnten, hatte er sich dem Bericht zufolge selbst gerichtet.

Nein. In der Schilderung der „Huffington Post“ steht an keiner Stelle, dass sich bin Laden selbst erschossen habe. Schon um es aus den Schilderungen dort interpretieren zu können, muss man sich ziemliche Mühe geben.

Doch „Spiegel Online“ verfolgt diese Spur weiter — und wird dabei unfreiwillig komisch:

Die Erzählweise, Bin Laden habe sich selbst getötet, ist neu in der Reihe von Verschwörungstheorien und Geschichten, die zwischen den USA und Pakistan kursieren.

Die ganze Absurdität der von „Spiegel Online“ geschilderten Begebenheiten hat ein Leser in einem Kommentar so zusammengefasst:

Schenkt man dem Bericht Glauben, hat Bin Laden sich selbst mit einem Kopfschuss getötet, obwohl er unbewaffnet war, als man ihn fand, und eine Waffe auch erst später in seinem ordentlich aufgeräumten Zimmer gefunden werden konnte. Er scheint also trotz schwerster Kopfverletzungen noch ans Aufräumen gedacht zu haben.

Obwohl kein namhaftes Medium die Version einer Selbsttötung verbreitete, zog am späten Abend auch stern.de mit den beiden größten deutschen Onlinemedien nach:

Angeblicher Augenzeuge: Bin Laden soll sich selbst getötet haben

In der Interpretation von stern.de war bin Laden offenbar schon angeschossen, als die SEALs sein Haus stürmten:

Der Al-Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht von US-Soldaten getötet worden, sondern bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden, heißt es laut dem Internetportal „Huffington Post“ in dem Buch eines ehemaligen Mitglieds der US-Spezialkräfte Navy Seals, der nach eigenen Angaben bei der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad dabei war.

Nach Angaben des Weißen Hauses hatte sich Bin Laden bei der Erstürmung seines Hauses „widersetzt“ und sei darauf von US-Soldaten mit Schüssen in die Brust und in den Kopf getötet worden. Der Autor des Buches, das Anfang September auf den Markt kommen soll, schildert die Geschehnisse anders. „Blut und Gehirnmasse floss aus der Seite seines Schädels“, als sie Bin Laden entdeckten, heißt es laut der „Huffington Post“ in dem Buch „No Easy Day: The Firsthand Account of the Mission That Killed Osama bin Laden“ (Deutsch: Kein leichter Tag: Ein Bericht aus erster Hand über den Einsatz, bei dem Osama bin Laden getötet wurde).

Unentwirrbar falsch ist die Geschichte bei focus.de, wo Leser unter anderem mit diesem Rätsel konfrontiert werden:

Der El Kaida-Chef sei im Mai vergangenen Jahres nicht bereits mit einer Kugel im Kopf tot aufgefunden worden […].

Die gedruckte „Bild“ fragt heute ein bisschen zurückhaltender auf Seite 2:

Die Redakteure von Deutschlands führenden Online-Medien (plus stern.de und „Focus Online“) werden sich wohl noch lange daran erinnern, wo sie waren, als sie Osama bin Laden sich selbst töten ließen.

Mit Dank an Dennis K., Frank M., Peter und Manuel W.

Hinweis/Korrektur: In der ursprünglichen Fassung dieses Artikels hatten wir im ersten Absatz behauptet, „die US Army“ habe Osama bin Laden erschossen. Die Navy SEALs gehören (wie der Name schon sagt) aber zur US Navy.

Unfassbar!

Irgendetwas muss bei „Bild“-Mitarbeitern anders sein als bei den meisten anderen Menschen. Vielleicht hat es was mit Spiegelneuronen zu tun, vielleicht mit Tassen im Schrank oder Latten am Zaun.

Am Montag hatte sich die Zeitung jedenfalls über „einige Sonnenanbeter“ empört, die sich „extra“ hingestellt hatten, um einen „besseren Blick“ auf eine abtransportierte Leiche am Rheinstrand zu erhaschen. Bebildert war dieser Artikel mit einem Foto, auf dem neben den Schaulustigen auch die abtransportierte Leiche zu sehen war (BILDblog berichtete).

Gestern gab es in New York City eine Schießerei mit zwei Toten und mehreren Verletzten. Bild.de berichtet groß darüber und empört sich in einer Fotogalerie:

Unfassbar! Um den Tatort sammeln sich Schaulustige. Sie machen Fotos von Verwundeten, sogar von den Toten.

Das ist Bild 9 von 13. Auf den anderen Bildern ist unter anderem zu sehen:

Sanitäter versorgen die Opfer der Bluttat. Polizisten stehen neben der zugedeckten Leiche des Schützen. Hier erschossen die Einsatzkräfte den Täter mit einer Kugel. Eines der angeschossenen Opfer. Die Leiche des Schützen wird weggebracht. Der 53-Jährige erschoss einen ehemaligen Kollegen. Die Leiche des Täters. Er trug einen grauen Anzug und einen Aktenkoffer. Zittrig, blass: Ein Opfer steht nach der Bluttat unter Schock.

Mit Dank an Joerg.

Blättern:  1 ... 57 58 59 ... 111