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Fahndung über Bande

Kriminalfälle in Mittelamerika werden üblicherweise nicht von deutschen Online-Medien aufgeklärt. Bild.de versucht es aber trotzdem mal:

Honduras: Richten Tattoo-Killer das Massaker an? Gehörte er zu dem Killer-Kommando? Ein 23-jähriges Mitglied einer Mara-Bande aus Guatemala – die Tattoos sind das Kennzeichen der brutalen Gangs

Nun ist nicht auszuschließen, dass tatsächlich ein Bandenmitglied aus Guatemala im Nachbarland Honduras an einem Massenmord beteiligt ist. Es wäre aber ein sensationeller Zufall, denn das Foto stammt aus einer Serie, die vor drei Jahren in einem Gefängnis entstanden ist. Der Mann war damals übrigens schon 23.

Mit anderen Worten: Was Bild.de da zeigt, ist kein Fahndungs- sondern ein Symbolfoto.

Mit Dank an Joachim B.

Kleine Gegendarstellungen unter Feinden (2)

Um irgendetwas über die frisch gebackene Grand-Prix-Siegerin Lena Meyer-Landrut schreiben zu können, haben sich „Bild“ und Bild.de, die von der jungen Sängerin konsequent gemieden werden, Anfang Juni an einer Exegese ihres CD-Booklets versucht.

Dabei kam es zu einigen Ungenauigkeiten und nur wenige Tage später mussten Zeitung und Internetseite eine Gegendarstellung bringen, in der Stefan Raab feststellte, „die Brainpool TV GmbH nicht 1994 mitbegründet“ zu haben (BILDblog berichtete).

Deutlich länger brauchte eine andere Gegendarstellung zum selben Artikel. Sie wurde erst letzte Woche, mit fast dreimonatiger Verspätung veröffentlicht:

Gegendarstellung: BILD online veröffentlichte am 03.06.2010 den Artikel "So sagt Lena Danke", in welchem Lena aus dem Booklet ihrer CD "My Cassette Player" wie folgt zitiert wurde: "Und Danke der Liebsten, der Claudili, die als Letztes kommt (...)". Klickte man auf "Claudili", öffnete sich ein Fenster, in dem es erklärend hieß: "Claudia ist Redaktionsleiterin (...)" Hierzu stelle ich fest, dass ich nicht Redaktionsleiterin bei der Brainpool TV GmbH bin. Köln, den 07.06.2010 Claudia Gliedt

St. Dominik von Solln

Erster Tag im Prozess des Jahres: Kachelmann trifft Ex-Geliebte vor Gericht! S-Bahn-Held Dominik Brummer: Harte Strafen für die Schläger

Es ist ein Glücksfall für die Boulevardmedien dieser Republik: Die Richter des „Brunner-Prozesses“ (benannt nach dem Opfer Dominik Brunner) haben das Staffelholz an die Richter des „Kachelmann-Prozesses“ (benannt nach dem Angeklagten Jörg Kachelmann) übergeben, die Gerichtsreporter müssen ihre Koffer gar nicht erst auspacken und beleben nach der Münchener jetzt die Mannheimer Hotelwirtschaft. Vorher gab es in München aber noch die Urteile: Neun Jahre und zehn Monate Jugendhaft wegen Mordes in Tateinheit mit versuchter räuberischer Erpressung für den 19-jährigen Haupttäter, sieben Jahre Jugendhaft wegen Körperverletzung mit Todesfolge sowie versuchter räuberischer Erpressung für seinen 18-jährigen Mittäter.

Das mit der Körperverletzung mit Todesfolge hatte Bild.de Anfangs allerdings nicht ganz verstanden und zum „Totschlag“ umdeklariert:

Totschlag! 7 Jahre Gefängnis

Überhaupt: Während andere Medien Dominik Brunner mit seiner Berufsbezeichnung („Geschäftsmann“ oder „Manager“) versehen, war er für „Bild“ und Bild.de von Anfang an der „S-Bahn-Held“, der „vier Kinder vor zwei Schlägern beschützte“. Schon wenige Tage nach dem tödlichen Vorfall am S-Bahnhof Solln forderte die Zeitung das Bundesverdienstkreuz für Brunner und rief ihre Leser auf, den Appell an den Bundeskanzler Bundespräsidenten zu unterschreiben. Horst Köhler machte eine seltene Ausnahme und verlieh Brunner posthum das Verdienstkreuz 1. Klasse, worüber „Bild“ wiederum groß berichtete.

Im Februar berichtete der „Spiegel“ erstmalig, dass Brunner „den ersten Fausthieb setzte“ — eine Meldung, die auch auch von anderen Medien interessiert aufgenommen wurde. „Bild“ versteckte eine kleine Meldung auf Seite 3 und bemühte sich sofort um eine Einordnung in den Helden-Kontext:

Jetzt geht die Staatsanwaltschaft München davon aus, dass Brunner zwar zuerst zuschlug – aber nur aus Notwehr, um dem Angriff der Jungs zuvorzukommen („SZ“).

„Bild“ und Bild.de konzentrierten sich (außer einem Hinweis darauf, dass dem „Münchner S-Bahn-Held Dominik Brunner“ ein Denkmal gesetzt werden soll) lieber auf den Prozess, der im Juli begann, und liefen gleich zu Beginn zu Höchtsleistungen auf: Die Schwestermedien eröffneten ihre Prozessberichterstattung, indem sie auf die „besondere Zurückhaltung“, die der Pressekodex bei der Berichterstattung über Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Jugendliche fordert, verzichteten (BILDblog berichtete).

Dann ging es los: Rührselig zitierte Bild.de eine SMS, die auf Brunners Handy eingegangen sei, als dieser schon tot war („Der tote S-Bahn-Held erhielt einen Herzensgruß für seinen letzten Weg“). Aus der „Ex-Freundin“, die ihm diese Nachricht geschickt hatte, wurde dann kurze Zeit später seine „Lebensgefährtin“.

Ein 18-Jähriger, der vorab in einem eigenständigen Prozess wegen gefährlicher Körperverletzung und versuchter räuberischer Erpressung zu einem Jahr und sieben Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt worden war („Bild“: „Gericht lässt 1. Täter laufen“), wurde bei Bild.de zum „Anstifter der Schläger“, der sich aus diesem Grund kein Urteil über die Situation erlauben dürfe:

Christoph T.: „Für mich ist dieser ausschlaggebende Punkt der Schlag von Herrn Brunner“ – das sagt ausgerechnet der Anstifter der Schläger!

Dass der junge Mann beim tödlichen Angriff auf Brunner gar nicht dabei war und schon deshalb nur bedingt als Zeuge taugt, ist Bild.de immerhin aber auch noch aufgefallen:

Der Anstifter hat Dominik Brunner zwar nie gesehen – doch ohne ihn wäre der Mord am S-Bahnhof Solln am 12. September 2009 wohl nie geschehen!

Dann wiederholte der S-Bahn-Führer im Zeugenstand seine Aussage, dass Brunner den ersten Schlag gesetzt habe und die Situation erst daraufhin eskaliert sei (ein Umstand, von dem „Spiegel Online“-Gerichtsreporterin Gisela Friedrichsen irritierenderweise annahm, er sei „erst jetzt, zu Prozessbeginn, der Öffentlichkeit mitgeteilt“ worden). Zusammen mit dem Obduktions-Ergebnis, nach dem Dominik Brunner einen vergrößerten Herzmuskel hatte und letztlich an Herzversagen gestorben sei, ergab sich plötzlich ein etwas anderes Bild und viele Medien fragten sich selbstkritisch, ob sie nicht voreilig über die Situation am S-Bahnhof Solln geurteilt hätten. Viele, aber natürlich nicht alle.

„Bild“ fand diese neuen Töne „unglaublich!“, und reagierte erschüttert auf die Medienberichte:

ZUM HELDEN HOCHSTILISIERT? ANGEBLICH TOTGETRETEN? PRÜGELNDER KAMPFSPORTFREUND?

Die Wahrheit ist: Nichts ist anders seit dem Wochenende! Nur, dass dem Opfer nun sogar im Grab die Ehre genommen werden soll.

Wohl weil die Verklärung Brunners andernorts ins Stocken geraten war, packte Tanit Koch noch eine Schüppe Poesie drauf:

Er hat diesen Bürgersinn nicht etwa mit seinem Leben bezahlt – es wurde ihm geraubt. (…)

Dominik Brunner starb nicht, weil er ein vergrößertes Herz hatte.

Der S-Bahn-Held starb, so erkennt die „Süddeutsche Zeitung“ zu Recht an, weil er ein „großes Herz“ hatte.

Franz Josef Wagner schließlich wusste es sowieso wieder besser als alle anderen und schrieb dem „lieben Held Dominik Brunner“ ins Jenseits, „gegen Ihr Herzflimmern mussten Sie Mittel nehmen“. Gegen einen Herzfehler, von dem Brunner selbst Zeit seines Lebens nichts geahnt hatte.

Die Linie blieb also klar und das, was in anderen Medien „Präventivschlag“ hieß, wurde bei Bild.de zum „Abwehrschlag“ umdeklariert und taucht in der „Chronologie der tödlichen S-Bahn-Attacke“, wie sie heute noch online steht, gar nicht auf:

Der Mann steigt mit den Jugendlichen aus, die beiden Angreifer folgen ihnen. Plötzlich greifen sie den Mann an, er fällt zu Boden, sie treten weiter auf ihn ein.

Die Aussage des S-Bahn-Führers über Brunners Erstschlag ließ „Bild“ erst mal unter den Tisch fallen und schrieb erst darüber, als ein „Lügenforscher“ die Aussage „relativiert“ hatte — gegenüber der Münchener Boulevardzeitung „tz“, wohlgemerkt, nicht gegenüber dem Gericht.

Der Beschreibung Brunners als „sozial besonders engagiert“ setzte „Bild“ die „kaputte Kindheit“ und das „verpfuschte Leben des zweiten Brunner-Totschlägers“ entgegen, dem die Zeitung nicht mal seine vor Gericht gezeigte Reue abnahm:

Sebastian L. behauptete: „Es tut mir auf jeden Fall wahnsinnig leid, es hätte nicht passieren müssen. Wenn ich könnte, würde ich es rückgängig machen.“

Selbst Details der Gewalt, die eigentlich für sich sprechen, hat „Bild“ noch zugespitzt: Wenn der Angeklagte Markus S. „einen Schlüsselbund aus der Tasche und als Waffe zwischen die Finger“ nimmt, ist das nicht nur „schlimm“ oder „brutal“ oder wie immer man das nennen würde, für die Schlagzeilenmacher bei „Bild“ ist es „Der Schlüssel-Trick des S-Bahn-Schlägers“.

Über die erste Aussage dieses Angeklagten wusste Bild.de zu berichten:

Kein Mitleid, keine Reue, keine Tränen. Nein! Seine ersten Worte in dieser Verhandlung sind der blanke Hohn: „Ich habe einen Hass auf die Polizei.“ Ungläubiges Kopfschütteln im Gerichtssaal.

(In der Bildunterschrift und der URL übrigens: „Ich hasse die Bullen.“)

Harte Worte, die aber trotzdem niemanden außer den „Bild-Reporter erschüttert zu haben scheinen: Für das Zitat findet sich keine einzige andere Quelle.

Auch mit einem anderen Detail stand „Bild“ etwas alleine da:

Der damals 18-jährige Markus S. habe zweimal gerufen: „Ich bring‘ dich um! Ich bring dich um!“, während er auf Brunner eingetreten und geschlagen habe, sagte die 16-jährige Schülerin, die das Ganze vom Bahnsteig gegenüber verfolgt hatte, vor dem Landgericht München aus.

… oder auch nicht, wie sueddeutsche.de berichtete:

Bei der Polizei hatte Vera B. drei Tage nach der Tat ausgesagt, dass einer der Täter zu Dominik Brunner gerufen hätte: „Ich bringe dich um!“ Nun kann sie dies aber nicht mehr ganz sicher bestätigen.

Es sind letztlich eher Kleinigkeiten, die „Bild“ anders wiedergibt als die meisten anderen Medien. Die Brutalität, mit der die Schläger vorgingen, zeigt sich auch daran, dass das Gericht mit seinen Urteilen nur knapp unter den Forderungen der Staatsanwaltschaft blieb. Aber es sind viele Kleinigkeiten, mit denen „Bild“ das Gesamtbild verzerrt — immer darauf bedacht, das früh gezeichnete Bild vom „S-Bahn-Helden“ nicht zu beschädigen.

Über den „Kachelmann-Prozess“ wird in „Bild“ übrigens die Journalistin Alice Schwarzer berichten — weil sie eine „voreingenommene Berichterstattung“ der „anderen Leitmedien“ befürchtet.

Mit Dank an die vielen, vielen Hinweisgeber in den letzten Monaten.

AFP, Bild.de, dpa  etc.

Hauptsache nicht katholisch!

Es ist schon ein Kreuz mit den Religionen! Nur die wenigsten Anhänger des Islam sind islamistisch und die evangelikalen Christen haben nur sehr wenig mit der Evangelischen Kirche zu tun. Wer soll sich da noch auskennen?

Bild.de schon Mal nicht: Das Fachmagazin für christliche Werte schreibt über die Ankündigung eines radikalen evangelikalen Pfarrers aus Florida, am 11. September eine Koran verbrennen zu wollen, Folgendes:

Die evangelische Gemeinde in Gainesville (US-Bundesstaat Florida) will am 11. September Exemplare des Koran verbrennen.

Auch andere Redaktionen haben nicht so genau hingesehen, so zum Beispiel bei der Online-Ausgabe der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“, beim Schweizer „Tagesanzeiger“ und bei „Die Presse“. Spiegel Online und evangelisch.de haben nach Leserhinweisen nachgebessert.

Ursprung des Religion-Mischmaschs waren wohl gleich zwei Agentur-Meldungen, die den christlichen Fundamentalisten zum evangelischen Priester Pastor machten: Um 10.05 Uhr hatte die Nachrichtenagentur AFP den Fehler verbreitet und schickte 34 Minuten später eine Korrekturmeldung. Um 11.17 Uhr folgte der Basisdienst der dpa in Hamburg mit dem gleichen Fehler. Dass die Agentur seit dem Nachmittag mehrere Meldungen ohne die Verwechslung publiziert hat, wurde bei vielen Abnehmern offenbar nicht zur Kenntnis genommen.

Aber die Worte des Herrn haben schon immer ihre Zeit gebraucht, um zu allen durchzudringen.

Mit Dank an Florian V., Ivo B. und Arne A.

Nachtrag, 9. September: „Tagesanzeiger“ und „Die Presse“ haben ihre Artikel inzwischen korrigiert.

Und Katzen würden Whiskas kaufen

Jede Menge verteidigende Kommentare, eine Debatte über Meinungsfreiheit und erste Anflüge von Personenkult. Man kann es nicht anders sagen: „Bild“, „Bild am Sonntag“ und Bild.de haben in der Sarrazin-Debatte endgültig auf Kampagnenmodus umgeschaltet.

Den jüngsten Höhepunkt stellt eine Emnid-Umfrage für „Bild am Sonntag“ dar. Völlig ungeachtet der Tatsache, dass Sarrazin selbst bei jeder Gelegenheit Ambitionen auf die Gründung einer eigenen Partei abstreitet, stellte sich „Bild am Sonntag“ die eigentlich völlig überflüssige Frage:

Aber hätte eine solche politische Kraft bei Wahlen überhaupt eine Chance? BILD am SONNTAG wollte es wissen und gab bei Emnid eine Umfrage dazu in Auftrag. Das Ergebnis ist für die etablierten Parteien ein Schock: 18 Prozent der Deutschen könnten sich vorstellen, eine Partei zu wählen, deren Vorsitzender Thilo Sarrazin heißt.

Und so sieht das dann auf Bild.de aus:

Umfrage-Schock für Merkel und Gabriel: 18 Prozent würden eine Sarrazin-Partei wählen

18 Prozent klingen zunächst sehr eindrucksvoll, selbst wenn das schon eine ganz andere Hausnummer ist als die rund 90 Prozent pro Sarrazin, die Bild.de regelmäßig in Umfragen unter den eigenen Lesern feststellt. Auch alle, die glaubten, hinter Sarrazin stünde wenigstens eine (schweigende) Mehrheit, müssten von den 18 Prozent eher enttäuscht sein.

Können 18 Prozent dennoch zu Recht als „Umfrage-Schock“ bezeichnet werden? Immerhin klingt das so, als könnte eine Sarrazin-Partei als dritt- oder viertstärkste Kraft in den Bundestag einziehen.

Der Trick bei dieser Art von Umfrage ist allerdings, dass diese 18 Prozent so gut wie nichts mit tatsächlich zu erwartenden Stimmen bei einer Wahl zu tun haben. Wichtig ist hier die Fragestellung und die lautet: „Könnten Sie sich vorstellen, eine neue Partei zu wählen, wenn Thilo Sarrazin Vorsitzender dieser Partei wäre?“ Jeder Befragte verfügt dabei praktisch über beliebig viele Stimmen. Denn es geht nur darum, ob man sich vorstellen (!) kann, (irgendwann einmal) eine solche Partei zu wählen. Die meisten der 18 Prozent können sich wahrscheinlich auch vorstellen, noch ganz andere Parteien zu wählen.

Zum Vergleich: Im März 2008 konnten sich 27 Prozent der im ARD-Deutschlandtrend vorstellen, die Linke zu wählen. Bei der Bundestagswahl 2009 kam sie trotzdem nur auf 11,9 Prozent.

Wenn sich also durch die Emnid-Umfrage, die übrigens für eine Friedrich-Merz-Partei 20 Prozent und für eine Joachim-Gauck-Partei 25 Prozent festgestellt hat, ein Trend abzeichnet, dann ist es der, dass diese Umfragen ein Garant dafür sind, Schlagzeilen zu machen und deshalb in letzter Zeit zunehmen.

Erst vor zwei Wochen ließ der „Focus“ ebenfalls Emnid ermitteln, wie viele Deutsche sich vorstellen könnten, „eine bürgerlich-konservative Partei rechts der CDU“ zu wählen (20 Prozent) und erzeugte damit ein großes Medienecho.

Wie wenig diese Art von Umfrage tatsächlich aussagt, erkennt man spätestens, wenn man sich ansieht, wer als letztes bei einer solchen „Können Sie sich vorstellen“-Umfrage auf 18 Prozent gekommen ist. Nein, es waren nicht die Schuhsohlen von Guido Westerwelle. Es war Horst Schlämmer:

Stünde die "Horst-Schlämmer-Partei" aus Hape Kerkelings Kinofilm "Isch kandidiere" am 27. September tatsächlich zur Wahl, schnitte sie vermutlich besser ab als jede andere Splitterpartei. In einer Umfrage für den Stern bejahten 18 Prozent der Bundesbürger die Frage, ob sie sich vorstellen können, die "Horst-Schlämmer-Partei" zu wählen.

Was für eine Lawine des Unfugs die angeblich 18 Prozent für Horst Schlämmer damals losgetreten haben, kann man hier nachlesen:

Die Sautreiber der Schweinegrippe

Die Dresdner Regionalausgabe von „Bild“ hat eine „Riesenpleite“ entdeckt, nach der inzwischen kein Hahn mehr kräht:

Riesenpleite mit der Schweinegrippe

Schweinegrippe! So hieß die Sau, die im vergangenen Jahr durch jedes deutsche Dorf getrieben wurde. Möglichst jeder sollte sich gegen das „gefährliche, tödliche Virus H1N1″ impfen lassen.

Ja, möglichst jeder, auch in der „Bild“-Redaktion. Chefredakteur Kai Diekmann „war der Erste“. Um die Bedenken jener zu zerstreuen, die unsicher waren, ob sie diese Impfung auch wirklich brauchen.

Trotz oder wegen des Vorbilds Diekmann oder wegen möglicher Risiken und Nebenwirkungen reagierten die meisten Bürger zurückhaltend auf die Impfung. Inzwischen sind die Impfdosen verfallen und für den Steuerzahler viele Millionen Euro Kosten aufgelaufen.

Es bleibt, über die Ursache der „Riesenpleite“ nachzudenken. Wer es war, der diese „Sau“ im vergangenen Jahr durch „jedes deutsche Dorf getrieben“ hatte.

Bei „Bild“ und „Bild am Sonntag“ war das Thema Schweinegrippe im Herbst 2009 in weniger als einem Monat zwölfmal die Titelgeschichte (BILDblog berichtete).

Überhaupt wurden 2009 dazu viele, sehr viele Artikel veröffentlicht. Die folgende Auswahl ist daher sicherlich unvollständig:

28. April 2009:

So schlecht sind wir auf die Schweinegrippe vorbereitet

16. Juni 2009:

Wann gibt es endlich einen Impfstoff?

15. Juli 2009:

Reicht der Impfstoff wirklich für alle Deutschen?

17. Juli 2009:

Bekomme ich als Rentner keine Impfung mehr ab?

5. August 2009:

Warum werden nicht alle Deutschen gratis geimpft?

Am 11. November 2009 forderte „Bild“ von Gesundheitsminister Philipp Rösler, Schluss zu machen mit dem „Schweinegrippen-Chaos“. Punkt 1 lautete:

Verhängen Sie Vertragsstrafen für Impfstoffhersteller GlaxoSmithKline, wenn nicht genügend Impfstoff oder nicht pünktlich geliefert wird!

Und jetzt nochmals die Empörung darüber rund zehn Monate später:

150 Millionen Dosen Impfstoff wurden eiligst im Dresdner Pharmaziewerk „GlaxoSmithKline“ produziert. Ein Milliardengeschäft! Allein Sachsen orderte ca. 1,5 Millionen Dosen Impfstoff für rund 20 Millionen Euro.    Und heute? Die Riesenpleite. Kein Hahn kräht mehr nach der Schweinegrippe. Laut Robert Koch-Institut ließen sich gerade mal 340 200 (8,1 %) der 4,2 Millionen Sachsen impfen. Die verbliebenen Dosen stehen nun in Lagern und verfallen nach und nach!

Exekutivpolitiker sind bei drohenden Pandemien in der Zwickmühle. Treffen sie keine Vorkehrungen für den Worst Case, wird ihnen schon präventiv eine mögliche Verantwortungslosigkeit vorgeworfen. Medien wie „Bild“ dagegen sind bei drohenden Pandemien in einer komfortablen Ausgangslage. Sie können zwar Panik schüren, müssen sich aber nicht für die Folgen verantworten.

Markt der Merkwürdigkeiten

Im April eröffnete die Axel Springer AG den „Bild Shop“, in dem Kunden „jede Woche neue Themenwelten je nach Saison oder zu bestimmten Anlässen und Events sowie täglich ein besonders attraktives oder günstiges ‚Produkt des Tages'“ finden können sollen.

Angebot im "Bild Shop"Die Verbraucherzentrale NRW hat die Angebote etwas genauer unter die Lupe genommen und bei ihren Stichproben „viele Merkwürdigkeiten“ entdeckt: Die „Preishämmer“ gab es in anderen Onlineshops im Schnitt fast zehn Prozent billiger, „Publikumslieblinge“ kamen weitgehend ohne Kundenbewertungen daher und das Attribut „Testsieger“ bezog sich teilweise auf Tests, die bis zu fünf Jahre zurück lagen.

Eine ausführliche Auseinandersetzung mit dem „Bild Shop“ inklusive vieler Beispiele hat die Verbraucherzentrale heute als Pressemitteilung veröffentlicht:

Mit Dank an Martin B.

Es gibt Mais, Baby

Die deutsche Sprache kennt das Phänomen der Auslautverhärtung, die dafür sorgt, dass Begriffe wie „Rad“ und „Rat“ oder „Blog“ und „Block“ gleich klingen, wenn man sie ausspricht. Die englische Sprache kennt dieses Phänomen nicht, „bad“ klingt anders als „bat“.

Bild.de-Koch Andreas „Studi“ Studer möchte den „lieben Bild.de-Usern“ etwas Englisch beibringen und bereitet dazu ein „American barbeque“ zu (natürlich stilecht im Bratschlauch).

Oder, wie Bild.de es formuliert:

Zur Grillparty gehören „garlic“, „honey“ und „corn on the cop“.

Dabei hatte sich Studer sogar Mühe bei der englischen Aussprache gegeben und eben nicht von einem „cop“ gesprochen, sondern von „cob“. Also nix mit Polizisten, sondern lediglich mit Maiskolben.

Mit Dank an Chris und Alexander B.

Nachtrag, 13.16 Uhr: Nachdem Bild.de die Leserkommentare zum Thema über Stunden ignoriert hatte, haben sie schnell auf unseren Eintrag reagiert und den Fehler unauffällig korrigiert.

Der Täter ist immer ein Schüler

Ereignisse, die gerade im Moment stattfinden, sind nicht immer leicht zu durchblicken. Gerade Amokläufe haben die Tendenz, wegen ihrer willkürlichen, oft extremen Gewalt zumindest anfangs sehr unübersichtlich zu sein. Idealerweise hat der Schutz der Bevölkerung, die Entwaffnung des Täters und die Versorgung von Verletzten auch Vorrang vor einer korrekten, detaillierten Berichterstattung der Situation.

Als es gestern in der slowakischen Hauptstadt Bratislava zu einer Schießerei kam, war längere Zeit unklar, was überhaupt los war. Die Deutsche Presseagentur (dpa) vermeldete um 14.22 Uhr:

Die Tageszeitung „SME“ berichtete auf ihrer Internetseite, der Täter sei ein 15-jähriger Drogensüchtiger. Er habe sich anschließend selbst getötet.

Um 15.27 Uhr hieß es plötzlich:

Der etwa 50 Jahre alte Mann habe mit einer Maschinenpistole und zwei Gewehren in einer Wohnung zunächst fünf Menschen erschossen und dann auf dem Weg nach draußen einen weiteren Mann.

In diesem Chaos kann man es den Machern von Bild.de kaum übel nehmen, dass auf ihrer Startseite zu diesem Zeitpunkt folgender Teaser zu sehen war:

Schüler (15) feuert mit MP um sich: 6 Tote

Der dazugehörige Artikel wurde im Laufe des Tages mehrfach überarbeitet und an den aktuellen Erkenntnisstand angepasst. Allerdings nicht vollständig.

Und so heißt es auch heute noch in der Bildergalerie unter dem Foto des 50-jährigen Täters:

Schüler ballert um sich: 6 Tote in Bratislava

Mit Dank an Paul Z., Klaus H. und den anderen Hinweisgeber.

In 80 Fehlern um die Welt (1-3)

Seit dem Siegeszug des Internets ist die Welt ja angeblich kleiner geworden — übersichtlicher aber offenbar nicht, wie drei aktuelle Geographie-Fehler verschiedenster Medien beweisen:

Bild.de:

Stürmer Dimitar Rangelov (27) steht zwar im 18-er Aufgebot, doch auch seine Tage in Dortmund sind gezählt. BILD erfuhr: Dem Rumänien wurde ebenfalls vom BVB nahe gelegt, sich ausleihen zu lassen. Angeblich soll Freiburg Interesse haben…

Mal davon ab, dass Dimitar Rangelov natürlich nicht ganz „Rumänien“ ist, ist er auch nicht Rumäne, sondern Bulgare.

* * *

„Kölner Stadtanzeiger“:

Slowenien

Das mit „Slowenien“ beschriftete Land ist die Slowakei — und in deren Hauptstadt Bratislava fand auch der besagte Amoklauf statt.

* * *

tagesschau.de:

Im westafrikanischen Benin wurden Tausende Menschen finanziell ruiniert, weil sie einem windigen Finanzunternehmen Glauben schenkten. (…) In der Hauptstadt Cotonou spielen sich seit Tagen ergreifende Szenen ab.

Die Hauptstadt Benins heißt Porto Novo, Cotonou ist der Regierungssitz.

Mit Dank an Jan Sch., Simon B., Sebastian und Gregor K.

Nachtrag, 16.24 Uhr: Bei ksta.de heißt die Slowakei jetzt auch „Slowakei“.

2. Nachtrag, 21.01 Uhr: In der Zwischenzeit hat auch tagesschau.de Cotonou zum Regierungssitz ernannt.

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