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Fanatiker unter sich

In ihrer gestrigen Hamburger Lokalausgabe berichtete „Bild“ über eine Moschee in Hamburg-Harburg, die sich „nach BILD-Informationen zu einem neuen Treffpunkt von radikalen Islamisten entwickelt“ haben soll.

In der Eyüp Sultan Moschee beten laut „Bild“ „offenbar neuerdings regelmäßig“ einzelne Gemeindeglieder einer Moschee, die im vergangenen Sommer von den Sicherheitsbehörden geschlossen wurde, weil sie einen „Hauptanziehungspunkt für die dschihadistische Szene“ darstellte. Grund genug für die Zeitung, in den darauf folgenden Absätzen zu pakistanischen Terror-Camps und den Anschlägen vom 11. September 2001 zu springen.

Dabei bleiben zwar einige Fakten auf der Strecke, wie andere Medien dokumentieren, aber auf eine geographische Einordnung wollte „Bild“ offenbar nicht verzichten:

Fatal: Nur zwei Straßen von der „Eyüp Sultan Moschee“ entfernt ist die Marienstraße, die weltweit traurige Berühmtheit erlangte, weil hier in einer Wohnung Mohammed Atta und die anderen Terror-Piloten die Anschläge aufs World Trade Center und das Pentagon planten.

Dramatisch wird markiert, wie die Eyüp Sultan Moschee aussieht:

Nach der Terror-Moschee am Steindamm: In Harburg treffen sich schon wieder Islam-Fanatiker. Ein Schild weist auf die Moschee hin, die sich im hinteren Teil des Gebäudes befindet

Na, da können sich die Kommentatoren von Bild.de ja direkt auf den Weg machen:

Calli69 schrieb: herrlich was doch so alles in unserem land möglich ist! da dürfen sich die kollegen in aller ruhe auf ihre anschläge vorbereiten...zum dank gibt es terror ohne ende.... wolfsblut76 schrieb: glaubt ihr wirklich ihr werdet sie mit Worten und Verboten los? In welcher Welt lebt ihr??? Hängt sie an den nächsten Baum ... ist sogar ökologisch ... ihr könnt den Strick mehr mal nehmen... ctrlaltdelete schrieb: Moltovs und Ruhe ist.

Nachtrag, 16.40 Uhr: Bild.de hat die Leserkommentare gelöscht und die Kommentarfunktion unter dem Artikel abgeschaltet.

Eine Kritik findet nicht statt

Viele Online-Medien haben auf ihren Internetseiten sogenannte „Ticker“, in denen Meldungen der Nachrichtenagenturen teilweise automatisch übernommen werden.

So veröffentlichten stern.de und sueddeutsche.de heute Mittag eine dpa-Meldung über eine „emotionale Debatte“, die im Internet-Gästebuch der Bordkameradschaft der „Gorch Fock“ stattfinde. Auch bei Bild.de ist die Meldung zu sehen.

Doch es gibt kleine Unterschiede:

dpa-Original
Version bei Bild.de
Die Vorgänge um den Tod einer Kadettin auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ haben im Internet-Gästebuch der Bordkameradschaft eine emotionale Debatte ausgelöst. Die Vorgänge um den Tod einer Offizieranwärterin auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ haben im Internet-Gästebuch der Bordkameradschaft gefühlsbetonte Einträge ausgelöst.
Von Mitleidsbekundungen über Kritik und Zuspruch für die Stammbesatzung und ihren inzwischen abgelösten Kapitän Norbert Schatz reicht die Palette der Meinungsäußerungen bis hin zu Rügen für die Medienberichterstattung und die Entscheidungen von Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU). Von Mitleidsbekundungen über Kritik und Zuspruch für die Stammbesatzung und ihren inzwischen abgelösten Kapitän Norbert Schatz reicht die Palette der Meinungsäußerungen.
(…) (…)
„Ich kann die Trauer und den Schmerz der Mutter mehr als gut verstehen“, schilderte eine Nutzerin Martha Baudrexl. „Mein Sohn Manfred verunglückte auf ähnliche Weise. Aber ich kann sagen, die Besatzung der Gorch Fock hat mich und meine Familie immer bestens unterstützt. Und ich hatte immer das Gefühl, dass ich voll informiert wurde.“  
Die Entscheidung des Ministers, den Kommandanten zu suspendieren und das Segelschulschiff „an die Kette legen“ zu lassen, habe sie mit Entsetzen wahrgenommen, schreibt die Frau weiter und wendet sich an die Besatzung der „Gorch Fock“: „Ich wünsch Euch allen für die kommende Zeit viel Kraft“.  

Mit Dank an Ralf M.

Das beste Einhorn

Aus Kreisen der Bundeswehr werden zur Zeit so viele unschöne Vorfälle und Skandale bekannt, dass es bei anderen Verteidigungsministern für drei bis vier Rücktritte gereicht hätte. Doch der aktuelle heißt Karl-Theodor zu Guttenberg.

Über die aktuelle Allianz von „Bild“ und Guttenberg kann man längere Kommentare schreiben, aber womöglich lässt man doch besser die Guttenberg-Fanmagazine selbst zu Wort kommen:

In einem in jeder Hinsicht bemerkenswerten Kommentar in der gestrigen „Bild am Sonntag“ erklärte Michael Backhaus den Minister kurzerhand zum „Einhorn der deutschen Politik“ und fabulierte:

Zu den Menschen hat das Einhorn schon deshalb ein schwieriges Verhältnis, weil sie es wegen seines wertvollen Horns jagen. So ergeht es derzeit auch dem Beliebtesten unter den Politikern. Nicht nur die Opposition, auch mancher aus den eigenen Reihen möchte die Gelegenheit nutzen, Guttenbergs Horn der Popularität zu kürzen.

„Für kurze Zeit“ sei Guttenbergs Ruf „als Aufklärer und Erneuerer“ in Gefahr gewesen, sei „der unschöne Eindruck entstanden, der Minister wisse nicht oder erfahre zu spät, was in seiner Truppe vor sich geht“.

Doch „Bild“ begleitete den Minister, informierte ihn vorab über den kritischen Artikel über die Zustände auf der „Gorch Fock“ und konnte anschließend verkünden, der Minister habe Konsequenzen gezogen.

Die Ordnung im Weltbild von „Bild“ war wiederhergestellt — oder wie es Backhaus formuliert:

Nun spricht man wieder über das Einhorn und weniger über seine Jäger.

Für so ein Einhorn gelten natürlich andere Maßstäbe als für Normalsterbliche — eine aktuelle Umfrage auf Bild.de lautet entsprechend:

"Gorch-Fock"-Skandal, Waffenspiele in Afghanistan, Feldpost-Affäre: Wie händelt Guttenberg die Krise? A: Gut, der Minister greift durch und forciert die Aufklärung. B: Weniger gut, da er zu zögerlich und halbherzig agiert. C: Kann ich nicht beurteilen.

Zur Zeit haben sich übrigens rund zwei Drittel der Leser für Antwort A entschieden.

Mit Dank an Steffen M. und Katrin Sch. und die vielen anderen Hinweisgeber!

Der Tod und die Titten

Carolin W. ist gestorben. Big-Brother-Fans und „Bild“-Leser kannten die 23-jährige Amateur-Pornodarstellerin wohl eher unter ihrem Künstlernamen „Sexy Cora“. Es ist nicht wichtig, ob sie letztendlich nach der fünften („Mopo“) oder sechsten („Bild“) Brust-OP gestorben ist, aber ein Blick auf den Umgang der Boulevardmedien mit operierten Frauen könnte sich lohnen:

2009 berichtete Bild.de erstmals über die wahlweise als „Porno Cora“, „Sexy Cora“ oder einfach nur „Cora (Oberweite 70F, Maße 96-59-89)“ betitelte Hamburgerin, weil sie an einem Tag gleich drei Mal in eine Polizeikontrolle geraten war.

Das nächste Mal rückte Cora in den Mittelpunkt, als sie im Januar 2010 in den „Big Brother“-Container zog. Die Sabberproduktion in der Redaktion, die jede Nacktduschszene bis ins kleinste Detail journalistisch begleitete, dürfte auf einem Allzeithoch gestanden haben. Es folgen einige Auszüge aus der Berichterstattung bei Bild.de:

14.1.2010:

Erotikdarstellerin sexy Cora (22) wird zum menschlichen Busenhalter! (…) Auf ihre Kurven scheint sie mächtig stolz (…)

28.1.2010:

Passt, wackelt und hat wenig Luft: Sexy Cora freut sich über ihre Busenbommel

29.1.2010:

Sexy Cora (22) duscht gleich mit drei Männern und strippt danach (…) als hätte noch niemand ihre Körbchengröße 75F ohne BH gesehen!

9.3.2010:

Sexy Cora (20) hat am Dienstag um 17.02 Uhr das „Big Brother“-Haus verlassen. NACKT-DUSCHEN, KURVEN GUCKEN, KUSCHELN – AUS UND VORBEI!

Die Frage, für wen sich Frauen wie „Sexy Cora“ eigentlich immer wieder unters Messer legen, scheint Bild.de nicht ernsthaft zu beschäftigen. Dabei ist es nicht auszuschließen, dass die positiven und sicher auch karrierefördernden Reaktionen der Boulevardmedien eine Rolle gespielt haben, als Cora sich zu einem weiteren Eingriff entschloss — übrigens obwohl ihr der Leiter der Klinik, in der die vorherigen Eingriffe durchgeführt wurden, im Vorfeld davon abgeraten hatte („es war anatomisch einfach das Maximum erreicht“). Wie wenig sich etwa „Bild“ und Bild.de um Ursache und Wirkung scheren, zeigt sich dann auch darin, dass die Berichte vom Koma über die Feststellung von Hirnschäden bis hin zum Tod konsequent weiter mit Tittenbildern und anderem Unfug garniert sind — als gäbe es nichts Geileres, als sich auf eine Komabraut mit Hirnschäden einen von der Palme zu wedeln:

13.1.2011:

‘Sexy

Bonusmaterial: Videos Sexy Cora auf Malle – BB-Blondine zieht am Ballermann blank, Nie mehr Big Brother! – Sexy Cora freut sich über ihre Freiheit (Nacktfußball), Ratgeber Bauch, Busen, Nase -Welche Beauty-OPs zahlt die Kasse?, Bild erklärt – Alles über die Brustvergrößerung, Das wussten Sie nicht! – 33 Pralle Fakten über Brüste

13.1.2011:

Jetzt spricht der Busen-Arzt von sexy Cora!

Bonusmaterial: Wie bei vorherigem Artikel + 14-teilige Titten-Klickstrecke „Big Brother machte sie bekannt – Sexy Cora in Bildern“

14.1.2011:

Staatsanwalt ermittelt gegen Busen-Arzt von sexy Cora

Bonusmaterial: Wie bei vorherigem Artikel, statt 14-teiliger Titten-Klickstrecke 16-teilige Titten-Klickstrecke „Big Brother machte sie bekannt – Sexy Cora in Bildern“

16.1.2011:

Wird sexy Cora heute aus dem Koma geholt?

Bonusmaterial: 66-teilige Titten-Klickstrecke „Big Brother machte sie bekannt – Sexy Cora in Bildern“

18.1.2011:

Coras Hirn nach Busen-OP für immer geschädigt

Bonusmaterial: 66-teilige Titten-Klickstrecke „Big Brother machte sie bekannt – Sexy Cora in Bildern“, Ratgeber Bauch, Busen, Nase -Welche Beauty-OPs zahlt die Kasse?, Bild erklärt – Alles über die Brustvergrößerung, Das wussten Sie nicht! – 33 Pralle Fakten über Brüste

20.1.2011:

"Big Brother"-Star Cora tot: Kurz vor der OP flüsterte sie ihrem Mann ins Ohr: "Ich will ein Kind von dir"

Bonusmaterial: Trauervideo, in dem „Sexy Cora“ unter anderem nackt beim Fußballspielen gezeigt wird, 4-teilige Titten-Klickstrecke „“Big Brother“-Star Cora in Bildern“, Ratgeber Bauch, Busen, Nase -Welche Beauty-OPs zahlt die Kasse?, Bild erklärt – Alles über die Brustvergrößerung, Das wussten Sie nicht! – 33 Pralle Fakten über Brüste. Dazu besteht natürlich jederzeit die Möglichkeit, den Hinterbliebenen in den Kommentaren sein Beileid auszudrücken.

Um in „Bild“ mit Würde zu sterben, muss man wohl der Hund von Kolumnist Norbert Körzdörfer sein:

Bild-Hund Ruby liegt im Sterben

PS: Coras Alter schwankt bei „Bild“ schon immer um zwei Jahre hin und her. Glaubt man ihrem Wikipedia-Eintrag, so war „Sexy Cora“ zum Zeitpunkt ihres Todes 23 Jahre alt.

Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber!

Die mit edlen Uhren wedeln

19 verschiedene Uhrenmarken sind in diesen Tagen am Salon International de la Haute Horlogerie (SIHH), der internationalen Uhrenmesse in Genf, vertreten.

Im Artikel auf Bild.de werden aber nur zwei erwähnt:

Blanchett (41) überraschte auf dem roten Teppich der Edel-Uhrenmarke "IWC", die ihre neue "Portofino"-Kollektion feierte, mit neuer Kurzhaarfrisur.

Gwyneth Paltrow schmückte die glanzvolle Garten-Party, zu der die Edeluhrenmarke "Baume Mercier" geladen hatte.

Schauspieler Jean Reno mit seiner Frau Zofia, Schauspieler Sebastian Koch, Box-Champ Vitali Klitschko, Weltfußballer Luis Figo mit Frau Helen, Oliver Bierhoff mit Frau Klara, Sänger Ronan Keating (trat auf), der als Schmuckstück neben einer IWC-Uhr auch einen Ohrring in Form eines Peace-Zeichens trug.

Baume & Mercier und IWC gehören beide zur Schweizer Richemont-Gruppe, einem Luxusgüterkonzern.

Die Marke IWC, die beinahe traditionell im redaktionellen Teil von „Bild“ auftaucht, bildet denn auch den Hintergrund der meisten der 15 Bilder in der Bildergalerie:

Bei der Edel-Uhrenmarke "IWC" stapelten sich die Promis auf dem roten Teppich: Boris Becker und Frau Lilly ...

... die Beckers mit "IWC"-CEO Georges Kern ...

Boris Becker ist ein Stammgast bei dem Event, was nicht verwundert, denn er ist, wie viele andere, Botschafter von IWC. Bild.de bezeichnete ihn 2006 als „Botschafter“, 2008 als „der sogenannte IWC-Botschafter“ — 2011 erschien diese Verbindung dann offenbar gar nicht mehr als erwähnenswert.

Und in der gedruckten „Bild“ war dann für andere Marken kein Platz mehr:

IWC-Party in Genf: Uhr-là, là! Sooo viele Stars auf einmal!

Mit Dank an Lothar Z., Thomas D., Giovanni, Dennis H. und Christian S.

Aldi macht Journalismus billig

Seit Montag ist es überall zu lesen: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle hat Discounter „ermuntert“ oder gleich „aufgefordert“, zukünftig auch Benzin zu verkaufen. Medien wie die „Süddeutsche Zeitung“, die „Stuttgarter Nachrichten“, „RP Online“ oder stern.de veröffentlichten Analysen und Kommentare über die Praxistauglichkeit von Brüderles Vorschlag, die „B.Z.“ fragte sogar bei den Unternehmen nach und bewies bei der Interpretation der Antwort besondere Kreativität:

Und wie reagierten die Unternehmen? Die Handelskette Lidl schließt zumindest mittelfristig den Einstieg ins Benzin-Geschäft nicht aus. Sprecherin Simone Hartmann zur B.Z.: „Als Unternehmen mit dem Kerngeschäft Lebensmitteleinzelhandel stellen wir derzeit keine konkreten Überlegungen an, Benzin anzubieten.“

All diese Medien und Journalisten haben ein entscheidendes Detail übersehen: Brüderles angebliche Forderung war bei „Bild“ und Bild.de erschienen (BILDblog berichtete):

Benzin-Abzocke: Brüderle will ALDI-Sprit! Vorschlag des Wirtschaftsministers

Nach unseren Informationen hat Brüderle nichts dergleichen gesagt. Er hat „Discounter wie ALDI und LIDL“ auch nicht „ermuntert, ins Tankstellen-Geschäft einzusteigen.“

„Bild“ hat den Zusammenhang um ein Zitat Brüderles gestrickt, das sehr grundsätzlich gehalten ist und in dem weder von Aldi konkret noch von Discountern allgemein die Rede ist:

Brüderle zu BILD.de: „Preise bilden sich am besten immer noch durch Wettbewerb. Wenn das Angebot steigt, sinkt der Preis. Ich freue mich deshalb über jeden zusätzlichen Wettbewerber und kann Unternehmen nur ermutigen, in den Benzinmarkt einzusteigen.“

Nicht minder interessant ist die wiederholte Forderung des saarländischen SPD-Chefs Heiko Maas nach staatlichen Höchstpreisen für Benzin, Öl und Gas „nach dem Vorbild Luxemburgs“. Die ist nämlich bei genauer Betrachtung Quatsch:

Die staatlichen Regelungen für Benzinpreise in Luxemburg limitieren nämlich nur den Aufschlag, den die Ölkonzerne gegenüber dem Einkaufspreis nehmen dürfen. Die Gewinnmarge der Ölkonzerne ist in Luxemburg dennoch höher als in Deutschland, der Nettopreis für Benzin ebenfalls: Nach einer Statistik des Energie-Informationsdienstes EID kostet ein Liter Superbenzin vor Steuern in Deutschland knapp 58 Cent, in Luxemburg etwas über 61 Cent (Stand: 3. Januar 2011).

Dass man an einer Luxemburger Tankstelle weniger zahlt als hierzulande, liegt nicht an den „staatlichen Höchstpreisen“, sondern an der niedrigeren Benzin- und Mehrwertsteuer in dem kleinen Land.

An Forderster-Front

Obwohl es mit Dschungelcamp, Hochwasser und Frau Sarrazin gerade eigentlich genug Themen gibt, macht „Bild“ noch ein Fass auf: In der heutigen Ausgabe darf Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle vorschlagen, „Discounter wie ALDI und LIDL“ sollten auch Kraftstoff anbieten:

Brüderle zu BILD: „Preise bilden sich am besten immer noch durch Wettbewerb. Wenn das Angebot steigt, sinkt der Preis. Ich freue mich deshalb über jeden zusätzlichen Wettbewerber und kann Unternehmen nur ermutigen, in den Benzinmarkt einzusteigen.“ Hintergrund: In Österreich können Autofahrer bei der ALDI-Süd-Tochter Hofer deutlich billiger tanken.

Doch damit nicht genug: Ebenfalls in „Bild“ (und sehr viel ausführlicher bei Bild.de) fordert ein weiterer Politiker energische Maßnahmen:

Unterdessen droht der erste Politiker den Multis mit staatlich festgelegten Höchstpreisen beim Benzin!

Der saarländische SPD-Chef Heiko Maas zu BILD.de: „Sollten die Ölkonzerne weiter die Preisspirale willkürlich nach oben drehen, muss die Politik reagieren. Auch in Deutschland muss es dann nach dem Vorbild Luxemburgs möglich sein, staatliche Höchstpreise bei Benzin, Öl und Gas zu verhängen.“ Luxemburg habe längst erkannt, dass die Energiepreise die „Brotpreise des 21. Jahrhunderts“ seien.

Mit dem „ersten“ Politiker hatte „Bild“ offenbar Recht — das kennt man ja auch anders. Nur äußert Maas diese Forderung nicht zum ersten Mal:

Der saarländische SPD-Chef Heiko Maas zu BILD: „Sollten die Ölkonzerne weiter die Preisspirale willkürlich nach oben drehen, muss die Politik reagieren. Auch in Deutschland muss es dann nach dem Vorbild Luxemburgs möglich sein, staatliche Höchstpreise bei Benzin, Öl und Gas zu verhängen!“

(„Bild“, 13. März 2010)

Der saarländische SPD-Chef Heiko Maas fordert in der „Saarbrücker Zeitung“ sogar gesetzlich geregelte Sprit-Höchstpreise wie im Nachbarland Luxemburg.

(„Bild“, 26. April 2008)

Den Nachrichtenagenturen dapd und AFP hielten es dennoch für eine Nachricht, weswegen Maas jetzt u.a. bei „RP Online“, „Focus Online“ und „Der Westen“ fordern darf.

Mit großem Dank an Philipp M.

Hosen runter!

Nur selten hat Bild.de die Gelegenheit, ein Aufmerksamkeit erzeugendes Fotomotiv einigermaßen begründet mit einer trockenen Arbeitsrechts-Meldung zu kombinieren.

So gesehen war heute ein großer Tag:

BGH-Urteil entscheidet: Chefs dürfen Unterwäsche vorschreiben!

Da muss man den Redakteuren natürlich nachsehen, dass die Entscheidung, nach der Arbeitgeber ihren Angestellten die Farbe der Unterwäsche vorschreiben dürfen, nicht vom Bundesgerichtshof (BGH) gefällt wurde, sondern vom Landesarbeitsgericht (LAG) in Köln.

Ebenfalls hinnehmen muss der Leser wohl, dass die eingebaute Klickstrecke „Was darf der Arbeitgeber?“ noch nicht an die neuesten Entwicklungen angepasst werden konnte. Auch wenn das jetzt ein bisschen blöd wirkt:

Darf mein Arbeitgeber meine privaten Kontobewegungen überprüfen? Nein, auf keinen Fall. Das ist so eindeutig Privatsphäre wie die Farbe der Unterwäsche.

Mit Dank an josspam und Andreas R.

Nachtrag, 16.50 Uhr: Bild.de hat beide Fehler korrigiert, wobei der Text in der Klickstrecke offenbar mit der Streitaxt gekürzt wurde.

Die Antwort lautet jetzt jedenfalls:

Nein, auf keinen Fall. Das ist so eindeutig Privatsphäre.

Über den Wolken und über die Perspektive

Was für ein faszinierender Stoff doch diese „Luft“ ist: Wir brauchen sie zum Leben; wir können sie in Gummischläuche pressen, um sanft über die Straßen zu rollen; es gibt sie kalt oder heiß und manchmal sieht man in ihr auch so etwas:**

Neulich über NRW: Warum kommen sich diese Jets so nah? Spektakuläres Flugmanöver über Selm (NRW): Oben fliegt eine Boeing 747, unten eine Boeing 777. Auf dem Leitwerk ist die Lackierung von Etihad Airways aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zu erkennen

Bild.de nennt die Fotos des Leser-Reporters aus NRW „wirklich spektakulär“ und in der Tat sehen die Aufnahmen für das unbedarfte Auge irgendwie spektakulär aus.

Ein bisschen weniger spektakulär wird es allerdings, wenn Bild.de direkt selbst schreibt, dass der Leser-Reporter ein 1000-Milimeter-Objektiv benutzt habe — Teleobjektive mit dieser Brennweite liefern ein stark verzerrtes Bild, auf dem auch weit voneinander entfernte Objekte nah beieinander wirken. In einem Fliegerforum gehen die Diskutanten deshalb auch davon aus, dass der Mindestabstand von 1.000 Fuß (rund 330 Meter) „locker“ eingehalten wird.

Davon ab handelt es sich bei den Maschinen auch nicht um „eine Boeing 747 und eine Boeing 777“, sondern um zwei Airbusse: oben um einen A 340, unten mutmaßlich um einen A 330 oder A 300.* Etihad hat in seiner Flotte gar keine 747.

Doch damit nicht genug: Nachdem sich der Leser-Reporter laienhafte Sorgen gemacht hat („Da sind doch bestimmt die vorgeschriebenen Sicherheitsabstände nicht eingehalten.“) hat Bild.de bei einem Experten nachgefragt:

BILD.de zeigte die Aufnahmen dem anerkannten Flugsicherheits-Experten Tim van Beveren. Seine Einschätzung: „Der vorgeschriebene Mindestabstand von 1000 Fuß oder 300 Metern ist hier auf jeden Fall deutlich unterschritten. Ich tippe auf einen genehmigten Testflug von Boeing. Ein Flugzeug wird getestet, das andere zeichnet die Daten auf. In diesem Fall dürfen die Flugzeuge allerdings so dicht nebeneinander herfliegen.“

Auf unsere Anfrage erklärte Tim van Beveren, er habe zunächst einige Mutmaßungen geäußert, als Bild.de ihn mit den Fotos konfrontiert habe. Die Reporter hätten den Artikel dann vorschnell veröffentlicht und einen „nicht überprüften Sachverhalt zu Tatsachen gemacht“, weswegen er bereits bei der Axel Springer AG interveniert habe.

Offenbar deshalb hat Bild.de die Passage mit van Beverens angeblichem Zitat in der einen Version des Artikels zunächst durch die treudoofe Frage „Oder täuscht hier nur die Perspektive?“ ersetzt, in einer zweiten Fassung aber online gelassen. Inzwischen sind beide Versionen offline genommen.

Mit Dank an Thomas, Michael K., Robin A. und PM.

*) Hinweis, 13. Januar: Uns haben diverse Piloten, Flugzeugfans und -experten geschrieben, welche Flugzeugtypen auf den Fotos wirklich zu sehen seien — jeder Einzelne kam zu einem anderen Ergebnis.

Wir bleiben dran!

Nachtrag/Korrektur, 13. Januar: Der von Bild.de befragte Experte Tim van Beveren hat uns nach einer ausführlichen Auswertung der Fotos und der Daten der Deutschen Flugsicherung mitgeteilt, was darauf wirklich zu sehen ist:

Die obere Maschine ist demnach eine Boeing 747-400 der British Airways auf dem Weg von Bangalore (Indien) nach London-Heathrow (Flug-Nr. BA 118) in einer Höhe von 40.000 Fuß (12.192 Meter), die untere ein Airbus A 319, ebenfalls von British Airways auf dem Weg von Warschau nach Heathrow. Er fliegt auf 38.000 Fuß (11.582 Meter), was bedeutet, dass der Mindestabstand nicht nur locker eingehalten wurde, sondern theoretisch auch noch eine Maschine in Gegenrichtung zwischen den beiden Flugzeugen hätte durchfliegen dürfen.

Der abgebildete Überholvorgang habe am 30. Dezember 2010 zwischen 14.18 Uhr und 14.19 Uhr über NRW stattgefunden und sei völlig normal.

Van Beveren erklärt, er habe seine ersten groben Einschätzungen auf der Grundlage eines Fotos mit schlechter Bildqualität und unter der Vorgabe gemacht, dass der Fotograf zwei Maschinen von Etihad zu sehen glaubte. Diese Einschätzungen seien aber nie zur Veröffentlichung bestimmt gewesen.

**) Hinweis, 14. Januar: Auf Wunsch des Leser-Reporters haben wir sein Foto und seinen Namen aus dem Artikel entfernt. Er beharrt außerdem darauf, dass es sich „zu 100%“ um Maschinen von Etihad Airways handle.

Elfmeter für Trier-Saarburg!

Je größer eine Zahl ist, desto wahrscheinlicher ist es, dass sich Journalisten an ihr verheben — insbesondere, wenn auch noch Übersetzungen aus dem Englischen hinzukommen, wo „one billion“ einer „Milliarde“ entspricht (BILDblog berichtete).

Aber auch kleine Zahlen verhindern nicht immer, dass Leute wie der Bilderstreckenbetexter von Bild.de an ihnen scheitern können:

Rund 11 Meter – so hoch stieg der Pegel bis Donnerstag in der Kyll, dem linken Nebenfluss der Mosel im Kreis Trier-Saarburg

11 Meter, das wäre verdammt viel für so einen kleinen Nebenfluss. Der Rekordpegelstand der Mosel selbst liegt bei 11,28 Meter.

Und das wäre natürlich auch verdammt riesiges Gras, riesiger Schnee und eine riesige Messlatte, wenn jedes Segment einem Meter entspräche. In Wahrheit ist ein solcher Abschnitt einen Dezimeter (oder zehn Zentimeter) groß, das Foto zeigt demnach einen Pegelstand von 1,10 Metern.

Mit Dank an Marcel G.

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