Archiv für Bild.de

Rücksicht – keiner hat das Wort gekannt

Mit „Stylebook“ („Powered by Bild.de“) versucht die Axel Springer AG, am Erfolg von Fashionblogs und Modewebsites teilzuhaben. Die Verlinkungen auf der Startseite von Bild.de dürften ordentlich Klicks bringen, zum Beispiel bei dieser Geschichte:

Iris, die elfjährige Tochter von Schauspieler Jude Law (39) und Sadie Frost (46), sorgte jetzt auf der Londoner Fashion Week für Entsetzen. Grund: Zu einer Show trug sie ein Kleid mit makaberen Sprüchen: „fall tot um“, „trink Gift“, „iss Schei***“. Mama Frost will von nichts gewusst haben, obwohl sie daneben saß.

Den Eltern des Kindes war das offenbar sehr unangenehm:

Iris‘ Mutter, Schauspielerin Sadie Frost, schien nicht bemerkt zu haben, was für ein Kleid ihre Tochter anhatte. Sie twitterte:

„Ich scheine Leute aufgeregt zu haben. Ich bin selbst schockiert über das Kleid, das Iris trug. Es war ein Geschenk.“

Und:

Auch Iris‘ Vater, Schauspieler Jude Law (39), reagierte. Laut „Daily Mail“ soll er die Zeitung gebeten haben, in ihrer Berichterstattung Rücksicht zu nehmen. Er soll gebeten haben, Iris‘ Gesicht auf den Fotos, auf denen sie das entsprechende Kleid trägt, zu pixeln. Die Zeitung kam der Aufforderung nach.

Tatsächlich hat die „Daily Mail“ ihrer Berichterstattung folgenden Hinweis vorausgestellt:

HINWEIS: Es ist nicht die übliche Verfahrensweise von MailOnline, die Gesichter von Prominentenkindern zu anonymisieren, wenn diese in Begleitung ihrer Eltern öffentliche Veranstaltungen besuchen, wo sie erwarten müssen, fotografiert zu werden, wie etwa in der ersten Reihe bei einer Modenschau.

Trotzdem haben wir uns entschieden, Iris Laws Gesicht zu verpixeln, angesichts der für ein junges Mädchen peinlichen Art des Vorfalls, wir folgen damit einer höflichen Anfrage ihres Vaters, Jude Law.

(Übersetzung von uns.)

Aber das ist die „Daily Mail“ in England.

Bei Axel Springer hingegen:

Keine Verpixelungen.

(Überschriftenerklärung.)

Mit Dank an Simon, Daniel, Anticlimbpaint und Leo.

Nachtrag, 18.45 Uhr: „Stylebook“ hat die Fotos verpixelt und folgenden Hinweis in den Artikel eingefügt:

(Nachtrag der Redaktion, 16.30 Uhr: Sorry, lieber Jude Law, das ist uns zunächst durch die Lappen gegangen. Deiner Bitte kommen wir natürlich auch nach.)

„Bild“ will keine Toten in anderen Medien sehen

Bild.de scheint ehrlich fassunglos:

Das Geschäft mit der toten Whitney Houston († 48) kennt keine Skrupel! Das US-Magazin „National Enquirer“ hat jetzt ein Foto der Sängerin im offenen Sarg veröffentlicht.

In Frieden ruhen… Das kann Whitney Houston wohl vorerst nicht!

Bild.de zitiert eine Twitter-Userin, die den Verkäufer des Fotos als „niederträchtigen, verdorbenen, skrupellosen Untermensch“ bezeichnet, und den Promi-Blogger Perez Hilton, der die Veröffentlichung „geschmacklos, unsensibel und morbide“ nennt.

Bild.de ist der Online-Ableger des Blattes, das am 27. Juni 2009 auf der Titelseite mit einem riesigen Foto aufgemacht hatte, auf dem Michael Jackson auf einer Trage liegend und an Beatmungsgeräte angeschlossen zu sehen war. Die Schlagzeile lautete: „Hier verliert er den Kampf um sein Leben“.

Bild.de selbst brachte wenig später ein computergeneriertes Bild eines entstellten Michael Jackson ohne Haare, unter dem stand: „so in etwa könnte Jackson bei der Obduktion ausgesehen haben“. Beide Veröffentlichungen wurden als „unangemessen sensationell“ vom Presserat gerügt.

Im Vergleich dazu ist das Foto von Whitney Houston im offenen Sarg harmlos — schon weil sie natürlich eigens dafür hergerichtet worden war, angesehen zu werden (wenn auch mutmaßlich nicht von der Weltöffentlichkeit). Wie Bild.de selbst schreibt, zeigt das Foto die Sängerin „mit sorgfältigem Make-up, hochgesteckten Haaren, in einem violetten Kleid und goldenen Schuhen“.

Skrupellos das Sterben eines Prominenten ausschlachten. Und anderen vorwerfen, skrupellos den Tod eines Prominenten auszuschlachten. Das ist die ganz spezielle doppelte Skrupellosigkeit von „Bild“.

Mit Dank an Simon.

Flugzeuge im Bauch

Womöglich ist wieder mal Christian Wulff schuld. Sein Rücktritt hat alle Kräfte bei Bild.de gebunden, deswegen werden die Überschriften jetzt von der Redaktionskatze …

Ach, Moment, wir sprechen hier von Bild.de, wo die Überschriften sowieso nur in Ausnahmefällen in einem engeren Zusammenhang mit den unter ihnen liegenden Meldungen stehen.

Dann passt das ja:

Kampfjets fangen Drogenflieger ab. München – Mit zwei Kilogramm Kokain im Magen ist ein Drogenschmuggler bei einer Kontrolle am Münchner Flughafen aufgeflogen. Der 45-Jährige, der auf der Durchreise von Brasilien nach Madrid war, fiel den Behörden zunächst wegen eines gefälschten Reisepasses auf, wie der Zoll mitteilte. Bei einer Röntgenuntersuchung kamen dann insgesamt 68 separate Behältnisse mit Kokain im Bauch zum Vorschein. Die als "liquid kokain" bekannte Substanz ist wegen ihrer flüssigen Form nur schwer auf Röntgenbildern zu erkennen. Der Mann sitzt nun in Untersuchungshaft.

Die Originalüberschrift der dpa-Meldung lautet übrigens „Fluggast mit zwei Kilo Kokain im Magen geschnappt“.

Mit Dank an Sebastian.

„Das hatte etwas von Hetzjagd“

Kurz vor dem Europa-League-Spiel gegen Viktoria Pilsen (ab 19:00 Uhr, bei Kabel1 und im BILD.de-Liveticker) tritt Schalke-Rüpel Jermaine Jones (30) noch mal gegen seinen alten Trainer nach.

Der amerikanische Nationalspieler in einem Interview mit der „Der Westen“: „Magath ist die Gesundheit der Spieler egal!“

Rumms!

Was sich liest wie ein Comic, ist der Versuch von Bild.de, ein Interview zusammenzufassen. Oder genauer: Einen kleinen Teil eines längeren Interviews hervorzuheben.

Laut Jones nimmt Magath keine Rücksicht auf die Gesundheit seiner Spieler, nimmt dadurch längere Ausfälle in Kauf: „Wenn ich auf mein Gefühl gehört hätte, wäre ich nur drei Monate ausgefallen – so aber wurde es ein Jahr. Irgendwann machte es keinen Sinn mehr, mit ihm zusammenzuarbeiten, weil ihm meine Gesundheit oder die anderer Spieler egal war. Wenn du da bist, bist du da. Wenn nicht, wirst du ausgetauscht.“

Bild.de kann das nicht unkommentiert stehen lassen — und kommentiert deshalb:

Ausgerechnet Jones, der für seinen fiesen Pokal-Tritt gegen Gladbach-Star Marco Reus (22) wegen „krass sportwidrigen Verhaltens“ für acht Wochen gesperrt wurde, macht sich Sorgen um das Wohlbefinden anderer Spieler. Hoffentlich erinnert sich der Schalker mit dem „Bad-Boy-Image“ an seine eigenen Worte, bevor er sich das nächste Mal zu einer Unsportlichkeit hinreißen lässt.

Leider unerwähnt lässt Bild.de hingegen, dass sich Jones in dem Interview auch recht ausführlich zu seinem Tritt geäußert hat:

[Marco Reus] hat mich gefragt, ob ich so was nötig habe, und ich habe ihm gesagt: „Ich weiß, das war doof von mir.“ Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich auf dem Platz hart spiele – aber normalerweise auch fair. Ich wusste sofort, dass ich eine Strafe kriege – und auch eine verdient habe. (…)

Wenn ich die Zeit zurückdrehen könnte, würde ich es ungeschehen machen. Und ich muss auch sagen: Wenn mir das mit 20 passiert wäre – okay, Jugendsünde. Aber ich bin jetzt 30, da darf das nicht sein.

Und dann ereignete sich dort auch noch dieser Dialog:

Es gehört dazu, dass man nach so einem Foul öffentlich und auch hart kritisiert wird.

Jones: Klar, gar keine Frage. Aber es kann nicht sein, dass sich eine große Boulevard-Zeitung hinstellt und sagt: „Wir fordern die Höchststrafe“. Das hatte etwas von Hetzjagd. Meine Kinder gehen in die Schule und werden dort gefragt: „Warum ist dein Vater ein Bad Boy?“

Sie ahnen nie, welche große Boulevard-Zeitung … Ach, na gut:

Wut auf Schalke-Profi Jones nach dem hinterhältigsten Foul des Jahres. Jetzt ermittelt der DFB. BILD fordert die Höchststrafe!
Mit Dank an Schalke04-Fan.

Einar Koch will Claudia Roth an die Wäsche

Bei manchen Artikeln ist man sich ziemlich sicher, herauslesen zu können, wie sie entstanden sind.

AirBerlin-Flug 6187 von Tegel nach München: Im gelben Mantel rauschte die Ober-Grüne dieser Tage an der Warteschlange beim Security-Check vorbei – ohne Handgepäckkontrolle und Abtasten. Ein Passagier empörte sich: „Hat die hier etwa Sonderrechte? Die hat ja nicht einmal Franz Beckenbauer!“

Gut denkbar, dass Einar Koch ebenfalls in der Warteschlange stand. Nicht auszuschließen, dass er auch „ein Passagier“ war, der sich über Claudia Roth empörte.

In jedem Fall hat er die Anekdote genutzt, um investigative Recherchen zu betreiben. So hat Koch herausgefunden, dass „einem geheimen Erlass“ zufolge („Anlage M zum Nationalen Luftsicherheitsplan“) „Persönlichkeiten des politischen Lebens der Bundesrepublik Deutschland“ von Luftsicherheitskontrollen befreit seien.

Und weiter:

Nach Informationen von BILD.de fallen unter diese Sonderregelung nicht nur der Bundespräsident, die Kanzlerin und Bundesminister. Auch die Parteivorsitzenden und Fraktionschefs der im Bundestag vertretenen Parteien haben VIP-Status bei der Sicherheit. Ebenso der Bundestagspräsident und seine Stellvertreter sowie der Präsident des Bundesverfassungsgerichts und die Ministerpräsidenten.

Die Regelung gilt also für eine ganze Reihe von Spitzenpolitikern. Der kleine Mann von der Straße in der Warteschlange mag das empörenswert finden oder nicht, interessant und berichtenswert ist die Regelung allemal.

Kommt halt nur ein bisschen drauf an, wie man sie verpackt:

Flugkontrollen: Grünen-Chefin lässt  sich nicht abtasten! Beim Einchecken am Flughafen sind alle gleich – manche gleicher! Zum Beispiel die schrille Grünen-Chefin Claudia Roth (56). mehr...

Kleiner Trost für Frau Roth: Sie ist nicht die einzige „Bild“-Intimfeindin, die in diesem Artikel vorkommt.

Als Oskar Lafontaine noch Linke-Fraktionschef war und am Frankfurter Flughafen kontrolliert werden sollte, hatte der sich einmal sogar schriftlich beschwert.

Mit Dank auch an Robert W. und Andreas M.

Nachtrag, 16. Februar: Und so sieht das heute in der gedruckten „Bild“ aus:

Warum dürfen Politiker ohne Kontrolle ins Flugzeug

Dick oder doof?

Völlerei verdoppelt das Demenz-Risiko

Leider nicht überliefert ist, welche Fehlernährung die mathematischen Fähigkeiten beeinträchtigt:

Dass Übergewicht das Risiko von Diabetes und Herzkreislauf-Erkrankungen erhöht, weiß inzwischen jedes Kind. Durch übermäßiges Essen steigt aber zudem das Demenz-Risiko – um ganze 50 Prozent, so das Ergebnis einer aktuellen US-Studie.

Wie aus dem Artikel bei time.com hervorgeht, den Bild.de selbst verlinkt hat, verdoppelt sich offenbar tatsächlich das Risiko — es steigt also um 100 Prozent.

Mit Dank an Tom.

Nachtrag, 17.10 Uhr: Das Demenz-Risiko „steigt“ jetzt nur noch um einen nicht näher genannten Wert.

2. Nachtrag, 15. Februar: Und so berichtet heute die österreichische Gratiszeitung „Heute“ über die Studie:

Mit Dank an Harry V.

Großdeutsches Schneereich

Herrlich, dieser Winter!

Winterspaß in Deutschland

Aber offenbar nicht herrlich genug: Bild.de musste seinen Artikel über den „Winterspaß in Deutschland“ jedenfalls mit einem Foto des Skigebiets Hochsölden im österreichischen Ötztal bebildern.

Bildbeschreibung: Skigebiet Hochsölden, Sölden, Ötztal, Tirol, Österreich

Mit Dank an Christoph.

Nachtrag, 14. Februar: Bild.de hat das Foto durch eines ersetzt, von dem wir einfach mal annehmen, dass es in Deutschland entstanden ist.

Ghost — Nachricht von Patrick Swayze

Heute gibt’s endlich mal gute Nachrichten:

Krebs-Therapie schlägt gut an: Patrick Swayze: Es geht mir besser! 10.02.2012 — 17:21 Uhr. Endlich mal gute Nachrichten von Patrick Swayze. Der 55-jährige "Dirty Dancing"-Star reagiert so gut auf seine Krebs-Therapie, dass er zurzeit ein ganz normales Leben führen kann. Dem US-Magazin "People" berichtete Patrick Swayze gerade von seinem Wochenende mit seiner Frau Lisa in Mexiko.

Die schlechte Nachricht: Patrick Swayze ist vor zweieinhalb Jahren verstorben.

Mit Dank an Steffi.

Nachtrag, 11. Februar. Mit einem Mal trägt der Artikel das Datum vom 28. Mai 2008.

Muss ’ne Frau zum Arzt

„Nicht schlecht!“, ruft der gut gelaunte Off-Sprecher bei Bild.de aus.

„Nicht schlecht!“, staunen die Insassen dieses Autos an der Ostküste der USA. Ein PKW fährt in halsbrecherischem Tempo auf dem Mittelstreifen der Autobahn 81 — und das trotz hohen Schneeaufkommens.

Warum der oder die Fahrerin nicht einfach langsam auf die Fahrbahn wieder auffährt, ist unklar.

Auch wenn der Blinker bereits gesetzt ist: Geändert wird die Richtung nicht. Sehr zur Belustigung der anderen Verkehrsteilnehmer.

Warum der oder die Fahrerin nicht einfach langsam auf die Fahrbahn wieder auffährt, mag vielleicht für Bild.de „unklar“ sein. („Unklar“ ist journalistendeutsch für: „um das womöglich herauszufinden, hätten wir länger als dreißig Sekunden recherchieren müssen“.) Aber die Reporter vom lokalen TV-Sender abc27 haben es bereits vergangenen Dienstag erklärt, einen Tag nach Veröffentlichung des Videos auf YouTube:

Chief Mike Fife von der Feuerwehr in Paxtonia erzählte abc27, die 61-jährige Frau habe einen Diabetiker-Notfall erlitten.

„Ich würde es so ausdrücken: Das Licht ist an, aber es ist niemand zuhause. Das heißt, Deine Augen sind offen, Du bist hellwach, aber Du verstehst nicht, was um Dich rum los ist“, sagte Fife. „Dem Video nach zu urteilen, muss genau das passiert sein.“

Die Frau wurde ins Community General Hospital gebracht, wo sie Montagabend noch blieb.

(Übersetzung von uns.)

Ein medizinischer Notfall, gerade noch mal gut gegangen.

Oder, wie es Bild.de begeistert ausdrückt: „einfach irre!“

Mit Dank an Sebastian.

Nachtrag, 15.42 Uhr: Auch t-online.de zeigt das Video mit einem launigen „Unklar“-Kommentar:

Der Grund für den Offroad-Abstecher bleibt unklar. Vielleicht ist ihr ja einfach nur langweilig — und das Springen über die kleinen Hügel macht sicherlich eine Menge Spaß.

Mit Dank an Sascha K. und Wolfgang.

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