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Verlierer über Verlierer

Es kommt ja nicht so häufig vor, dass wir mit „Bild“ und Bild.de ausdrücklich einer Meinung sind. Aber in diesem Fall von heute können wir nur zustimmen: „Peinliche Foto-Panne“.

Alec Baldwin in seiner „Saturday Night Live“-Rolle als Donald Trump für den echten Donald Trump zu halten, wäre so, als würde man Susanne Pätzold in ihrer „Switch reloaded“-Rolle als Inka Bause für die echte Inka Bause halten:

Oder als würde man Martina Hill in ihrer „Switch reloaded“-Rolle als Bill Kaulitz für den echten Bill Kaulitz halten:

Oder als würde man Max Giermann, Michael Müller & Peter Nottmeier, Susanne Pätzold und Michael Kessler in iherer „Switch reloaded“-Rolle als „The Voice of Germany“-Jury für die echte „The Voice of Germany“-Jury halten:

Oder als würde man Susanne Pätzold in ihrer „Switch reloaded“-Rolle als Antonia Rados für die echte Antonia Rados halten.

Was „Bild“ wohl dazu meint?

Mit Dank an @dieterjosef für den Hinweis!

Basic Recherche

Seien Sie mal ganz leise.

Hören Sie das? Dieses erregte Atmen? Das kommt aus dem Großraumbüro von Bild.de. Und Grund dafür ist das hier:

Das ist aber auch spannend:

Es gibt dutzende unbeantworte (sic) Fragen über die berühmtesten Filme der Geschichte. Doch diese eine toppt sie alle:

Zeigte uns Sharon Stone (58) in „Basic Instinct“ ihre Vagina?

Der Knaller: Sie bekommen heute die Antwort!

Aber bevor der Knaller losgeht, und wir die Antwort bekommen, erinnern sich die Bild.de-Mitarbeiter lieber noch mal:

Wir erinnern uns. Es war das Jahr 1992, als wir gespannt mit unseren Lieben vor den Kino-Leinwänden saßen, auf Spannung und ein wenig Erotik hofften …

Doch dann saß sie da. Sharon Stone. In Weiß. Voller Unschuld.

Dann der Schocker: Sie öffnet die Beine. Und wir bekommen den Mund nicht mehr zu.

WAR SIE WIRKLICH UNTEN OHNE?

Bei so einer Frage kann schon mal die Feststelltaste klemmen.

JETZT ABER RAUS MIT DER SPRACHE: „WAR SIE WIRKLICH UNTEN OHNE“?

In einem Interview mit dem „Playboy“ hat Regisseur Paul Verhoeven (78) endlich diese Frage ein für allemal beantwortet: „Ja, man sieht die Vagina von Sharon Stone.“

Oder noch einmal für die ganz langsamen Bild.de-Leser:

Kein Vagina-Double, kein hautfarbener Slip. Alles Natur.

Erleichterung im Axel-Springer-Hochhaus:

Dann wäre das endlich geklärt …

„Endlich“? In welchem Sinne „endlich“? In dem Sinne, dass bereits vor 17 Jahren feststand, dass es sich um eine „notorious pantiless scene“ handelt? Oder in dem Sinne, dass selbst im „Wikipedia“-Eintrag zu „Basic Instinct“ schon länger steht, dass jene Szene des Films „großen Bekanntheitsgrad“ erlangt habe, „in der Stone während eines Verhörs die Beine übereinander schlägt und, weil sie nichts unter ihrem Kleid trägt, dem Zuschauer für einen Sekundenbruchteil den Blick auf ihre Vulva freigibt.“ Oder in dem Sinne, dass Regisseur Paul Verhoeven bereits vor einigen Jahren erzählt hat, wie die Unten-ohne-Szene gedreht wurde?

Bei Bild.de waren sie über die Entdeckung der seit vielen Jahren feststehenden Antwort jedenfalls so begeistert, dass sie gleich noch einen Artikel daraus gemacht haben:


(Das süße kleine Herz stammt von Bild.de.)

Eine wichtige Frage der Kino-Geschichte wurde jetzt gelöst: Zeigte Sharon Stone wirklich ihre Vagina in „Basic Instinct“? JA.

Joar, „jetzt“, gut.

Andere Boulevard-Portale haben übrigens ebenfalls ganz aufgeregt über die Uralt-Enthüllung berichtet. Gala.de zum Beispiel:

Seit Jahren rätseln die Fans: Zeigt Sharon Stone bei „Basic Instinct“ wirklich alles? Jetzt sorgt Regisseur Paul Verhoeven für Klarheit.

Oder Express.de:

Es ist die „Wembley-Diskussion“ der Filmgeschichte. Jetzt gibt’s Aufklärung…

Und mit einer ganz besonderen Überschrift auch die „tz“:

Sieht man sie nun oder sieht man sie nicht? Paul Verhoeven ist die Spekulationen um die wohl berühmteste erotische Szene der Hollywoodgeschichte leid.

Mit Dank an den Hinweisgeber!

Flugs kopiert

Joar, Mensch, das ist ja mal gar nicht schlecht, dass das „Abendblatt“ dabei war, „als die finnische Fluggesellschaft ‚Finnair‘ als erste Fluggesellschaft den Airbus A350 übernahm.“ Glückwunsch!

Warum das überhaupt bemerkenswert ist? Weil dieser Screenshot nicht von abendblatt.de stammt, sondern von Bild.de:

Das Portal berichtet heute über einen „SONDERFLUG DES LUFT-GIGANTEN“, denn der „Mega-Airbus besucht Hamburg“:

Der neue Lufthansa-Airbus A350-900, das weltweit modernste Langstreckenflugzeug, besuchte am Donnerstag-Vormittag mit einem Sonderflug die Hansestadt.

Wie da nun die frohe „Abendblatt“-Kunde reingerutscht ist? Vermutlich hat irgendein Bild.de-Mitarbeiter beim Text-Klauen nicht aufgepasst und beim Copyandpasten eben auch die Passage mit „Finnair“ übernommen. Auf abendblatt.de steht nämlich ebenfalls (Link mit Bezahlschranke):

Für die Lufthansa sei der Neuzugang eines der wichtigsten Ereignisse des Jahres. Die A350-900 für 293 Passagiere sei das modernste und umweltfreundlichste Langsteckenflugzeug. Es verbrauche 25 Prozent weniger Treibstoff und sei beim Start wesentlich leiser als vergleichbare Flugzeugtypen.

Das Abendblatt war dabei, als die finnische Fluggesellschaft Finnair als erste Fluggesellschaft den Airbus A350 übernahm.

Die Bild.de-Redaktion mopst also einfach zwei Absätze beim „Abendblatt“, inklusive Rechtschreibfehler („Langsteckenflugzeug“), und vergisst, die Spur zu verwischen. Wir wollen an dieser Stelle nur noch mal daran erinnern: Bild.de geht derzeit mit einer wettbewerbs- und urheberrechtlichen Klage gegen „Focus Online“ vor, weil man sich nicht länger bieten lassen wolle, dass das „Burda“-Portal „systematisch exklusive Bezahl-Inhalte von BILDplus abschreibt“. Nun ist das Ausmaß, mit dem „Focus Online“ sich bei „Bild plus“ bedient, sicher noch mal ein anderes. Aber auch bei den zwei „Abendblatt“-Absätzen handelt es sich um Bezahl-Inhalte. Und abschreiben bleibt abschreiben.

Nachdem ein Twitter-User auf den Textdiebstahl hingewiesen hat, hat Bild.de die Passagen gelöscht.

Mit Dank an @DonTimoteoHH für Hinweis und Screenshot!

Julian Reichelt will den „Spiegel“ nicht als Quelle nennen

Anfang Januar jubelte die „Bild“-Redaktion auf ihrer Titelseite:

Ein ziemlich enges Rennen zwischen „Bild“ und dem „Spiegel“, 1253 Zitate versus 1252 Zitate. Dass Redaktionen und Journalisten sich freuen, wenn Kollegen ihre „exklusiven Nachrichten, Berichte, Interviews etc.“ übernehmen und — mit Nennung des Mediums, das das Exklusivmaterial veröffentlicht hat — über das gleiche Thema berichten, kann man gut verstehen.

Der „Spiegel“ hat in seiner aktuellen Ausgabe unter anderem so ein Thema. Es geht um Fußballstar David Beckham:

Der Artikel gehört zur Reihe „Football Leaks“, die der „Spiegel“ im vergangenen Jahr gestartet hat. Die gleichnamige Enthüllungsplattform hatte der Redaktion zahlreiche Verträge, E-Mails, Informationen aus der Fußballbranche zugespielt. Gemeinsam mit anderen Redaktionen der „European Investigative Collaborations“ hat ein „Spiegel“-Team dieses ganze Material ausgewertet; nun veröffentlicht das Magazin peu à peu neue Enthüllungen.

Die Geschichte über David Beckham basiert auf Millionen E-Mails, die Hacker gestohlen haben. Sie zeigen, dass der frühere Mittelfeldspieler ganz heiß darauf war, von der Queen zum Ritter geschlagen zu werden. Und dass er ganz jähzornig und ausfallend wurde, als das nicht geklappt hat. Außerdem lassen die Mails daran zweifeln, dass Beckham sich völlig uneigennützig für „Unicef“ engagiert. Vielmehr scheint dieses Engagement ein wichtiger Baustein seiner Selbstvermarktung und der wertvollen Marke „David Beckham“ zu sein.

Gestern berichtete dann auch Bild.de über die Beckham-Mails:

Die „Spiegel“-Autoren Peter Ahrens, Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Christoph Henrichs und Jörg Schmitt hätten sich sicher gefreut, wenn Bild.de ihr Magazin als Quelle genannt hätte. Stattdessen bezieht sich das Portal aber auf das britische Knallblatt „The Sun“:

In einer seiner E-Mails schrieb er dazu laut „The Sun“

„Bis es keine Ritterschaft ist, fuck off“, schrieb er laut der Zeitung „The Sun“.

In den Texten von „Spiegel“, Bild.de und „The Sun“ geht es um die gleichen Aspekte zum gleichen Thema mit den gleichen Zitaten.

Einer der „Spiegel“-Autoren, Jörg Schmitt, wandte sich heute per Twitter an „Bild“ und Julian Reichelt, der seit einigen Tagen nicht mehr nur Bild.de-Chefredakteur ist, sondern auch Vorsitzender der Chefredakteure der „Bild“-Gruppe:

Reichelt hatte darauf gleich so viel zu erwidern, dass er drei Tweets benötigte:

Nun hat niemand behauptet, dass „The Sun“ den „Spiegel“ „beklaut“ hätte. Und auch die Mitarbeiter der „Sun“ selbst tun wahrlich nicht so, als würde die gesamte Beckham-Story von ihnen stammen (auch wenn — und darauf bezieht sich Reichelt — das Boulevardblatt auf seiner Titelseite ein „EXCLUSIVE“ gedruckt hat). Ganz im Gegenteil: „The Sun“ nennt im Artikel sauber den „Spiegel“ als Quelle. Das hätte auch Julian Reichelt rausfinden können, wenn er vor dem Drauflostwittern den „Sun“-Text gelesen hätte, den seine eigene Redaktion gleich zweimal verlinkt hat. Dort steht:

Und auch in all ihren anderen Artikeln zu den Beckham-E-Mails gibt „The Sun“ den „Spiegel“ als Quelle an. Hier zum Beispiel:

Oder hier:

Oder hier:


Oder hier:

Oder hier:

Oder auch hier:

Darauf, dass „The Sun“ den „Spiegel“ ordentlich zitiert hat, machte auch „Spiegel“-Redakteur Rafael Buschmann Julian Reichelt aufmerksam:

Doch den interessierte das nicht sonderlich. Stattdessen warf er seine erste Nebelkerze, den ReicheltDauerbrenner Edward Snowden:

Was jetzt genau Edward Snowden mit David Beckham zu tun hat, ist nicht ganz klar. Und seit wann der Geschmack entscheidet, von wem eine Geschichte stammt, auch nicht. Aber mit solchen Details hält sich Julian Reichelt auch nicht lange auf. Stattdessen gleich die nächste Nebelkerze:

Rafael Buschmann versucht es dann noch einmal sachlich und weist Julian Reichelt auf einen faktischen Fehler im Bild.de-Artikel hin. Dort steht nämlich, dass die Website „Football Leaks“ die E-Mails von David Beckham veröffentlicht habe — was nicht stimmt. „Football Leaks“ hat sie weitergeleitet, verschiedene Medien haben daraus dann Artikel gemacht:

Gebracht hat all das nichts. In dem Bild.de-Artikel wird der „Spiegel“ weiterhin mit keinem Wort erwähnt.

Vor knapp drei Wochen, als bekannt wurde, dass „Bild“ wegen „Inhalte-Diebstahls“ gegen „Focus Online“ klagt, sagte Julian Reichelt:

„Für uns geht es hier um das Wertvollste, was wir als journalistische Marke haben: unsere mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte.“

Dass andere Redaktionen für ihre „mit eigenen Ressourcen recherchierten Inhalte“ gerne den Credit bekommen würden — dafür hat Julian Reichelt dann aber kein Verständnis.

Bild.de widerlegt sich innerhalb von sechs Zeilen selbst

Große Schlagzeile vergangene Woche bei Bild.de:

Viele gesicherte Informationen zu dem Fall gab es noch nicht, als die Redaktion von Julian Reichelt ihren Artikel veröffentlichte: Dass eine tote Frau nackt und gefesselt in einem Flussbett lag. Dass es eine 55-jährige Deutsche sein soll. Und dass die Frau als Touristin auf Bali war. Steht so ja auch in der Überschrift.

In Zeile sechs desselben Artikels schreibt Bild.de:

Mit Dank an Harald C.-H., Ulrich K. und Florian M. für die Hinweise!

Bild.de hat einen falschen Vogel

Das ist aber auch knifflig mit den Sportteams aus Atlanta. Da gibt es die Basketballer der Atlanta Hawks, die in der NBA spielen. Und dann gibt es die Footballer der Atlanta Falcons, die in der NFL spielen und gestern im Super Bowl gegen die New England Patriots verloren haben. Hawks, Falcons — so viele Vögel. Wer soll sich das denn alles merken können?

Also, noch einmal für alle: Die Hawks sind die Basketballer, die Falcons die Footballer. Hawks — Basketball. Falcons — Football. Verstanden?

Fragen wir doch mal die 7-jährige Lisa aus der 1b der Rolf-Töpperwien-Grundschule Barsinghausen: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?

Atlanta Falcons.

Genau. Und wie heißt das Basketballteam aus Atlanta, das in der NBA spielt?

Atlanta Hawks.

Korrekt.

Und jetzt noch mal dieselbe Frage an Julian Reichelt und sein Bild.de-Team: Wie heißt das Footballteam aus Atlanta, das in der NFL spielt?

Nee.

Die Hawks/Falcons-Verwechslung von Reichelts Team stammt aus einem Artikel, in dem es vor allem um US-Präsident Donald Trump geht. Der hatte dem US-TV-Sender „Fox“ ein Interview gegeben, das kurz vor der Super-Bowl-Übertragung ausgestrahlt wurde. Und in diesem Interview ging es eben auch um Football.

Vier Zeilen später direkt der nächste Klops von Bild.de:

Trump glaubt, dass die Patriots, die letztes Jahr den Super Bowl gewonnen haben, einen Vorteil haben.

Das ist Quatsch. Die New England Patriots haben 2016 nicht den Super Bowl gewonnen. Sie haben nicht mal mitgespielt. Die Denver Broncos haben vergangenes Jahr die Carolina Panthers besiegt und den Titel geholt.

Das falsche Team aus Atlanta, der falsche Super-Bowl-Sieger — das hätte Reichelts Redaktion mit zwei Zehn-Sekunden-Google-Recherchen alles verhindern können. Einen anderen Fehler zum Super Bowl hätte Bild.de vermeiden können, wenn der für den Live-Ticker zuständige Mitarbeiter wenigstens ordentlich hingeschaut hätte:

Das würde ja bedeuten, dass George W. Bush inzwischen mit seiner Mutter verheiratet ist. Er war es natürlich nicht, der zusammen mit Barbara Bush „auf den Rasen geführt wurde“, sondern sein Vater George H. W. Bush.

Mit Dank an Alexander L., Jan H., @simpsons3 und @macerarius für die Hinweise!

Bild, Bild.de, oe24.at  etc.

Beim EU-Stifte-Verbot wird’s „Bild“ zu bunt

Welche Bausteine braucht eine Redaktion, wenn sie ihren Lesern mit einem einzigen Artikel mal wieder vor Augen führen will, wie blöd die Europäische Union eigentlich ist?

Irgendwas mit Regulierung wäre gut, am besten ein Regulierungs-Irrsinn. Und ein Verbot müsste es geben. Immer wollen diese Eurokraten uns Bürgern was verbieten. Und dann müsste die ganze Sache im Verborgenen abgelaufen sein. Und man müsste noch mal klarmachen, dass das alles Firlefanz ist und es doch eigentlich ganz andere, wichtigere Probleme in Europa gibt, die man anpacken müsste. Und wenn dann noch durch Kinder Emotionen im Spiel sind — Bingo!

Dirk Hören, bei „Bild“ eigentlich für die Zahlenjonglage verantwortlich, hat so eine eierlegende EU-Wollmilchsau gefunden. Vergangenen Freitag präsentierte er sie auf der Titelseite des Blatts:

Und auch bei Bild.de erschien sein Text:

Das geht in der Überschrift ja schon mal gut los: Verbot durch die Eurokraten ✅

Und auch der Artikeleinstieg in der „Bild“-Zeitung …

Neuer EU-Irrsinn

… beziehungsweise bei Bild.de …

Neuer Regulierungs-Irrsinn aus Brüssel

… passt perfekt ins EU-Bashing. Doppeltreffer: Regulierung ✅ Irrsinn ✅

Wie sieht’s aus mit der Heimlichtuerei in Brüssel? Auch da hat Dirk Hören was:

Die EU hat — unbemerkt von der Öffentlichkeit — die Grenzwerte für Blei in Kinderspielzeug drastisch verschärft.

Agieren im Verborgenen ✅

Und der Firlefanz? Für den Punkt nutzt Hören ein Zitat von CSU-Politiker Markus Ferber:

Der CSU-EU-Abgeordnete Markus Ferber: „Es wäre besser, die großen Probleme anzupacken, statt Kinder in ihrer Kreativität einzuschränken.“

Um Wichtigeres kümmern ✅
Arme Kinder ✅

Andere Medien berichteten ebenfalls über die EU-Entscheidung und bezogen sich dabei größtenteils auf den „Bild“-Artikel. Als Beispiel hier das österreichische Knallportal oe24.at, das von dem angeblichen Stifte-Verbot besonders „genervt“ war:

Es ist so: Die Europäische Union hat die Grenzwerte für Blei in Kinderspielzeug gesenkt. Davon sind unter anderem auch Buntstifte und Wasserfarben betroffen. Buntstifte dürfen ab 2018 nur noch zwei Milligramm Blei pro Kilogramm Spielmaterial enthalten. Bisher sind 13,5 Milligramm erlaubt. Bei Wasserfarben wurde der Grenzwert von 3,4 auf 0,5 Milligramm herabgesetzt.

Dirk Hören schreibt:

Das Problem: Fast alle Kinder-Farben enthalten den Füllstoff Kaolin und das Weißpigmet Titandioxid. Das sind Mineralien aus der Erdrinde und enthalten deshalb von Natur aus geringste Spuren Blei, die chemisch nicht entfernt werden können. Betroffen von dem Verbot sind vor allem helle Farbtöne, weil sie viel Weißpigmet enthalten.

Also können Kinder jetzt bald gar nicht mehr mit Buntstiften und Wasserfarben malen? Werden sie in ihrer Kreativität eingeschränkt, wie CSU-Mann Ferber behauptet? Mitnichten.

Noch am selben Tag, an dem der „Bild“-Bericht erschien, veröffentlichte die Deutschland-Vertretung der Europäischen Kommission eine „Klarstellung“:

Gleich zu Beginn heißt es:

Die Europäische Kommission weist einen Bericht der „Bild“-Zeitung zurück, laut dem die EU Buntstifte und Wasserfarben verbiete.

Die niedrigeren Grenzwerte für Blei in Spielzeug basierten „auf den aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die bestätigen, dass Blei gerade für Kinder giftiger ist, als man viele Jahre glaubte.“ Neueste Daten zeigten, „dass es keinen sicheren Grenzwerte für Blei gibt und dass sogar kleinste Mengen schädlich für die Entwicklung des kindlichen Gehirns sein können.“

Ein Großteil der betroffenen Spielzeuge erfülle bereits die notwendigen Grenzwerte für Blei, „drei Arten von Malwerkzeugen“ habe man allerdings entdeckt, „von denen einige wenige die strengeren Grenzwerte nicht erfüllen: Fingerfarben, Buntstifte und Wasserfarbenkästen.“ Dazu schreibt die Deutschland-Vertretung der Europäischen Kommission auf ihrer Facebook-Seite:

70 bis 80 Prozent der Buntstifte und Wasserfarben erfüllen die schärferen Blei-Grenzwerte aber bereits locker. Buntstifte und Wasserfarben wird es weiter zu kaufen geben, die „Kreativität der Kinder“ wird also nicht eingeschränkt.

Einen Tag später griffen „Bild“ und Dirk Hören das Thema noch einmal auf:

Die Info, dass die Kommission einen „Bericht der ‚Bild‘-Zeitung“ zurückgewiesen hat, hat leider nicht mehr in die kurze Meldung gepasst.

Mit Dank an Johannes K. und Jan H. für die Hinweise!

Sehen alle gleich aus (13)

Manchmal schreiben Fußballreporter ja, dass Abwehrspieler XY „auf der Auswechselbank versauert“. Oder dass er dort „schmort“. „Abwehrspieler XY ist auf der Auswechselbank ein Bart gewachsen und er ist acht Zentimeter größer geworden“ liest man hingegen nicht so häufig. Ist jetzt aber gerade erst passiert, beim FC St. Pauli, laut Bild.de:

Die „Höchststrafe“ für Pauli-Profi Marc Hornschuh soll darin bestanden haben, dass er am Sonntag beim Zweitligaspiel gegen den VfB Stuttgart die gesamte Zeit auf der Bank sitzen musste, und Trainer Ewald Lienen ihn nicht einwechselte.

Und so ereignete sich dann im Millerntor-Stadion diese beachtliche Metamorphose: Da setzt sich Hornschuh ohne nennenswerten Bart und 1,88 Meter groß vor dem Spiel auf die Auswechselbank. Und nach 90 Minuten hat er einen Vollbart, ist 1,96 Meter groß und sieht aus wie sein Teamkollege Lasse Sobiech:

Gut, zugegeben: Marc Hornschuh hat sich durch seinen Bankaufenthalt gar nicht verändert. Es handelt sich schlicht um eine Verwechslung durch Bild.de.

Wobei: Die Quelle des Fehlers liegt in diesem Fall hauptsächlich gar nicht mal bei der Redaktion. Der „Getty“-Fotograf Stuart Franklin, von dem das Foto von Lasse Sobiech stammt, hat es mit „Marc Hornschuh“ verschlagwortet. Und auch Franklin kann man keinen allzu großen Vorwurf machen. Denn wenn man sich das komplette Foto anschaut, sieht man, dass das linke Bein der Trainingshose von Sobiech mit der Nummer 16 beflockt ist. Und das ist die Rückennummer von Marc Hornschuh.

Inzwischen hat auch die Bild.de-Redaktion den Fehler bemerkt und das Foto ausgetauscht.

Mit Dank an @tmigge und @stammtischphilo für Hinweis und Hilfe!

Mit einem Klick zur Schizophrenie

Was ist schlimmer als Dr. Google? Richtig: Psycho-Doc Bild.de. Die Küchenpsychologen aus dem Axel-Springer-Hochhaus haben heute diesen Artikel auf ihrer Startseite veröffentlicht:

Jaha, so einfach ist das: Einmal kurz bei Bild.de vorbeigesurft, Foto angeschaut — zack — schon weiß man, ob man schizophren ist oder nicht.

Eigentlich gilt die Diagnose einer schizophrenen Psychose als recht schwierig, häufig wird die Erkrankung erst Jahre nach ihrem Ausbruch von Ärzten erkannt. Das Versprechen auf der Bild.de-Startseite hingegen: alles kinderleicht.

„DIESES BILD“, mit dem die Redaktion das Versprechen erfüllen will, ist eine sogenannte Hollow-Face-Illusion. Die Gesichtsmaske, die nach innen gewölbt ist, wird von den meisten Menschen als nach außen gewölbt wahrgenommen. Das Gehirn spielt dem Betrachter einen Streich. Dieses Video einer rotierenden Charlie-Chaplin-Maske zeigt den Effekt ganz schön.

Wissenschaftler der Medizinischen Hochschule Hannover haben 2009 einen Test durchgeführt: Sie haben Probanden mit einer schizophrenen Psychose und Probanden, die nicht schizophren sind, die Hollow-Face-Illusion gezeigt. Die Teilnehmer mit schizophrener Psychose haben die nach innen gewölbte Maske als nach innen gewölbte Maske erkannt; die Teilnehmer ohne schizophrener Psychose haben sie als nach außen gewölbtes Gesicht wahrgenommen.

Acht Jahre später wollen die Hobbydoktoren von Bild.de diesen Test also noch einmal machen. Aber …

Aber kann ein einziges Bild die Krankheit aufdecken?

JA!, sagen Forscher der Uni Hannover

Nach aktuellem Stand sind — der Bild.de-Logik folgend — 14 Prozent der knapp 100.000 Teilnehmer schizophren:

Erst fünf Absätze, nachdem man das Ergebnis bekommen hat, und nachdem Bild.de auf der Startseite „DIESES BILD SAGT ES DIR! Bist du schizophren?“ getitelt hat und über den Artikel „EINMAL ANSCHAUEN REICHT! — Dieses Bild sagt dir, ob du schizophrene Züge hast“ geschrieben hat und im Artikel behauptet hat, dass „ein einziges Bild die Krankheit aufdecken“ könne, kommt diese Einordnung:

Wenn man sich zum Beispiel jetzt „Sorgen macht“, weil man beim großen Bild.de-Schizophrenie-Test zu den 14 Prozent gehört.

Welt.de hat vorgestern auch über die optische Täuschung und den Versuch mit der Hollow-Face-Illusion berichtet. Im Gegensatz zu ihren Springer-Kollegen von Bild.de hat die Welt.de-Autorin allerdings darauf verzichtet, aus dem Thema ein Spiel und die eigenen Leser zu Testobjekten zu machen, und direkt am Anfang das Ganze ordentlich eingeordnet:

Kann man mit Hilfe einer einfachen optischen Illusion eine psychische Krankheit erkennen? Nein, ganz so einfach ist es natürlich nicht.

Aus Fremden Aliens machen

Unter den Leuten, die von Donald Trumps diskriminierendem Einreiseverbot für Muslime betroffen sind, sind auch bekannte Wissenschaftler, Politiker, Popstars, Schauspieler, Sportler. Mo Farah schien zum Beispiel dazuzugehören. Der Brite, geboren in Somalias Hauptstadt Mogadischu, ist Leichtathlet. Er hat bereits viermal Gold bei den Olympischen Spielen gewonnen, Weltmeisterschaften gewonnen, Europameisterschaften gewonnen.

Farah lebt seit sechs Jahren in den USA, aktuell ist er im Trainingslager in Äthiopien. Und weil er natürlich irgendwann wieder zurück zu seiner Familie will, machte er sich gestern Sorgen. Schließlich gehört Somalia (neben Iran, dem Irak, dem Jemen, Libyen, dem Sudan und Syrien) zu den sieben Ländern, deren Bürger nach der „Executive Order“ von US-Präsident Trump für 90 Tage nicht in die USA reisen dürfen. Mo Farah veröffentlichte zu dem Thema einen Facebook-Post. Und daraus machte Bild.de wiederum diesen Artikel:

Im Text steht:

Für Farah (lebt in Portland/Oregon) ein Unding. Der britische 5000- und 10.000-m-Olympiasieger von London und Rio de Janeiro bei Facebook: „Am 1. Januar dieses Jahres hat mich ihre Majestät die Königin zu einem Ritter des Königreichs geschlagen. Am 27. Januar scheint mich Präsident Donald Trump zu einem Alien gemacht zu haben.“

Farahs Kritik an Trump kann man gut verstehen. Aber „zu einem Alien gemacht“ ist ja schon eine bemerkenswerte Formulierung. Mal nachsehen, was der Sportler wortwörtlich bei Facebook geschrieben hat

Hier, direkt im ersten Absatz:

On 1st January this year, Her Majesty The Queen made me a Knight of the Realm. On 27th January, President Donald Trump seems to have made me an alien.

Klar, liebe Bild.de-Linguisten, „alien“ kann in bestimmten Fällen durchaus „Alien“ heißen. In der Regel heißt es allerdings „Ausländer“ oder „Fremder“ oder „Fremdling“. Genauso wie damals, als ihr vor neun Jahren meintet, dass ein Ku-Klux-Klan-Aktivist in Barack Obama einen „Außerirdischen“ sieht.

Die Sportnachrichten-Agentur „sid“ hat Mo Farahs „alien“ ebenfalls mit „Alien“ übersetzt. Und so taucht die „sid“-Meldung mitsamt der „Alien“-Aussage zum Beispiel bei „Zeit Online“ und bei freiepresse.de auf. Die „Stuttgarter Zeitung“ schreibt hingegen, dass Farah meint, von „Präsident Donald Trump anscheinend zum Fremden gemacht“ worden zu sein.

Mo Farah wird nach dem Trainingslager in Äthiopien übrigens wieder in die USA reisen können. Trumps Einreiseverbot gilt für ihn nicht.

Mit Dank an Frank B. für den Hinweis!

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