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„Schmutz-Kampagne bei der SPD“: „Bild“ fällt auf „Titanic“ rein

Es ist alles noch viel schlimmer und trauriger und lustiger.

Die vermeintlichen E-Mails von Kevin Kühnert, die die „Bild“-Redaktion vergangene Woche dazu veranlasst haben, eine große Titelgeschichte über eine „Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD“ zu veröffentlichen, stammen gar nicht von einem Russen namens „Juri“. Sie stammen auch nicht — wie wir vermutet haben — von einem Jugendlichen, der dank dreieinhalb Minuten Microsoft-Outlook-Gefummel „Bild“ mit einer plumpen Fälschung reingelegt hat. Die E-Mails stammen von der „Titanic“-Redaktion:

Screenshot Titanic-Website - miomiogate – Juri, Kühnert, Bild und TITANIC

Die „Bild“-Zeitung ist einem Fake der TITANIC aufgesessen. Am Freitag hatte „Bild“ unter der Schlagzeile „Neue Schmutzkampagne bei der SPD“ einen Mailverkehr veröffentlicht, der belegen soll, daß Juso-Chef Kevin Kühnert bei seiner NoGroKo-Initiative Hilfe eines russischen Internettrolls namens Juri in Erwägung gezogen hat. Dieser Schriftverkehr wurde aber u.a. von TITANIC-Internetredakteur Moritz Hürtgen an „Bild“ lanciert: „Eine anonyme Mail, zwei, drei Anrufe – und ‚Bild‘ druckt alles, was ihnen in die Agenda paßt.“

Stimmt das denn nun? Oder handelt es sich nach Jan Böhmermanns „Varoufake“ um den nächsten Fake-Fake? Wir waren auch erst skeptisch. Inzwischen glauben wir der „Titanic“ aber voll und ganz. Vor allem aus zwei Gründen:

1) Auf der „Titanic“-Seite kann man sich den angeblichen Mail-Verkehr zwischen Kühnert und „Juri“ runterladen. Diese Unterhaltung enthält deutlich mehr Mails als von „Bild“ bisher veröffentlicht. Soll heißen: Hätte sich die „Titanic“-Redaktion zusätzliche Mails zwischen dem falschen Kühnert und „Juri“ erfunden, wäre es für die „Bild“-Redaktion ein Leichtes, die „Titanic“-Version zu widerlegen. Das hat sie bisher nicht getan.

2) Bereits am Freitag haben wir aus „Bild“-Kreisen erfahren, dass der „anonyme Informant“ die „Bild“-Redaktion besuchen wird, um seine Geschichte weiter zu verifizieren. In einem Telefonat hat uns „Titanic“-Chefredakteur Tim Wolff heute erzählt, dass Moritz Hürtgen als Informant bei „Bild“ zu Gast war — ohne dass Wolff wusste, dass wir von dem Besuch bereits wissen. Es wäre ein sehr großer Zufall, wenn Tim Wolff sich diesen Besuch nur ausgedacht und damit exakt unsere Informationen bestätigt hat.

Und dann gibt es noch einen dritten Punkt. Diesen Rechtfertigungsversuch bei Twitter von „Bild“-Oberchef Julian Reichelt:

Das ist der Julian Reichelt, der von sich selbst gern behauptet, dass es ihm „grundsätzlich leicht“ falle, „mich zu entschuldigen, wenn wir Fehler gemacht haben.“ Das ist der Julian Reichelt, der nach dem Flüchtlings-„Sex-Mob“-Reinfall in Aussicht gestellt hat, bei „Geschichten, die für ‚Fake News‘ anfällig sind“, eine „Bild“-Spezialtruppe mit „noch mehr gestandenen Nachrichtenleuten“ einzusetzen, damit es solche Reinfälle nicht wieder gibt. Das ist der Julian Reichelt, der in seinen Worten stets so groß ist und in seinen Taten stets so klein. Das ist der Julian Reichelt, dem man nichts glauben kann.

Was Reichelt offenbar nicht versteht: Die „Titanic“-Redaktion hat mit dieser Aktion nicht versucht, „journalistische Arbeit bewusst zu diskreditieren“. Sie hat es geschafft, das nicht-journalistische Arbeiten von „Bild“ zu verdeutlichen. Denn es bleibt trotz der längeren Erklärung bei Bild.de, wie es „zu dieser Schlagzeile“ kam, dabei: Die „Schmutz-Kampagne“ wurde erst in dem Moment zur „Schmutz-Kampagne“, als die auflagenstärkste Zeitung Deutschlands aus der ganzen Sache eine große Titelgeschichte gemacht hat. Die „Schmutz-Kampagne“ ist bei „Bild“ entstanden. Vorher war es lediglich ein Spinner (beziehungsweise „Titanic“-Redakteur Moritz Hürtgen) mit offensichtlich gefälschten E-Mails, für den sich niemand interessiert hätte. Es bleibt auch dabei, dass stets mehr gegen die Echtheit der Mails gesprochen hat als dafür. Warum greift „Bild“ die Story überhaupt auf, wenn sie von Anfang an mindestens merkwürdig ist? Warum in dieser großen Aufmachung? Warum bringen „Bild“ und Reichelt gerade diese Titelzeile, wenn sie doch die ganze Zeit so skeptisch waren? Warum „Schmutz-Kampagne bei der SPD“ und nicht „Schmutz-Kampagne gegen die SPD“? Und natürlich bleibt bei dieser Schlagzeile, die „Bild“ gewählt hat, bei vielen Leuten hängen: „Der Kühnert? Das war doch der, der mit den Russen gemeinsame Sache gemacht hat!“ — auch wenn „Bild“-Autor Filipp Piatov ganz am Ende auflöst, dass es „für die Echtheit der E-Mails“ „keinen Beweis“ gebe. Das alles nun als die große Skepsis „von Beginn an“ darzustellen, zeugt nur davon, was für ein schlechter Verlierer Julian Reichelt ist.

Und nur nebenbei: Dieser Tweet, den Piatov vorgestern noch gepostet hat, sieht nun nicht nach massivem Misstrauen aus:

Nein, es war anscheinend keine „plumpe Fälschung“, auf die Piatov und „Bild“ reingefallen sind und die sie zur Titelgeschichte aufgeplustert haben, sondern eine filigrane Fälschung.

Die „Titanic“-Aktion zeigt, dass man bei Julian Reichelt, Filipp Piatov und der gesamten „Bild“-Redaktion sehr gute Chancen hat, mit Desinformationen ins Blatt zu gelangen, wenn man nur die richtigen Knöpfe drückt. Im aktuellen Fall hat die „Titanic“-Redaktion sehr geschickt eine Mischung aus SPD (bei „Bild“ nicht sehr beliebt) und dem bösen Russen (bei „Bild“ nicht sehr beliebt) gewählt.

Zum Schluss bleibt uns nur, uns vor Moritz Hürtgen, Dax Werner und der „Titanic“-Redaktion zu verneigen. Und alle BILDblog-Leser aufzufordern, sofort ein „Titanic“-Abo abzuschließen, um die Redaktion in ihrer wichtigen Aufklärungsarbeit zu Deutschlands größter Satire-Zeitung „Bild“ und zu „Bild“-Oberwitz Julian Reichelt zu unterstützen.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Was verdient ein „Bild“-Redakteur, wenn er das falsche Foto wählt?

In der „Bild“-Zeitung und bei Bild.de gibt es seit einer Weile den „‚Bild‘-Gehaltscheck“: Was verdienen Apotheker? Was verdienen Diplomaten? Was verdienen Industriemechaniker? Was verdienen Agenten und Spione? Was verdienen Pfarrer und Bischöfe? Was verdient der Weihnachtsmann? Man kann das schier endlos weiterführen — es gibt schließlich reichlich Berufe. Nur was der „Bild“-Oberchef verdient, werden „Bild“-Leser wohl nie erfahren.

In einem Teil ihrer Serie fragt die „Bild“-Redaktion:

Screenshot Bild.de - Bild macht den Gehaltscheck - Was verdienen Elektroniker?

Wir wissen, was Elektroniker nicht verdienen: An einen „Bild“-Redakteur zu geraten, der den Unterschied zwischen einem Heizungs-/Sanitärtechniker und einem Elektroniker nicht kennt. So hat Bild.de den „Gehaltscheck“ nämlich bebildert:

Screenshot Bild.de - Überschrift Was verdienen Elektroniker und darunter ein Foto eines Heizungs- und Sanitärtechnikers

Also noch einmal für die „Bild“-Redaktion: Elektroniker sind die, die zum Beispiel mit dem Phasenprüfer an der Steckdose herumhantieren oder den Verteilerkasten im Blick haben. Heizungs- und Sanitärtechniker sind die, die unter der Spüle die Rohre montieren oder eben im Keller die Heizungsregler überprüfen. Manchmal braucht man als Redakteur aber auch gar nicht dieses, nun ja, Fachwissen. Es reicht auch schon, die Bildbeschreibung der Fotoagentur richtig zu lesen.

Mit Dank an Bully für den Hinweis!

Nachtrag, 20. Februar: Einige Leser weisen darauf hin, dass Elektroniker nicht diejenigen seien, die „mit dem Phasenprüfer an der Steckdose herumhantieren oder den Verteilerkasten im Blick haben“. Das seien Elektriker. Ja und nein. Ja, weil es früher den Beruf des Elektrikers, auch Elektroinstallateur genannt, gab. Nein, weil dieser in Deutschland inzwischen anders heißt (und auch etwas andere Inhalte in der Ausbildung hat): Elektroniker für Energie- und Gebäudetechnik. Daher bleiben wir bei „Elektroniker“.

Andere Leser schreiben, dass das Gerät auf dem Foto wie ein Wärmemengenzähler aussehe. Und der werde sehr wohl von Elektrikern oder Elektroinstallateuren oder Elektronikern für Energie- und Gebäudetechnik angeschlossen. Wir sind im vorliegenden Fall allerdings recht sicher, dass es sich um einen Heizungs- und Sanitärtechniker handelt beziehungsweise um ein Stock-Foto-Model, das einen Heizungs- und Sanitärtechniker darstellen soll:

Screenshot Fotoagentur Alamy - Foto des Mannes und die Caption dazu Heizungs- und Sanitärtechniker Testen und Einstellen der Heizungsregler

Neue Schmutz-Kampagne bei „Bild“

Ganz am Ende des Artikels fällt ein entscheidender Satz:

Für die Echtheit der E-Mails gibt es keinen Beweis.

Und es ist noch schlimmer: Es spricht einiges dafür, dass die E-Mails, auf denen die heutige „Bild“-Titelstory basiert, Fälschungen sind. Doch das hielt die Redaktion und „Bild“-Autor Filipp Piatov nicht davon ab, diese Geschichte zu bringen (bei Bild.de hinter der Bezahlschranke):

Ausriss Bild-Titelseite - Neue Schmutz-Kampagne bei der SPD - Es geht um brisante Mails, den Juso-Chef und einen Mann namens Juri

„Juso“-Chef Kevin Kühnert soll sich für seine #NoGroKo-Kampagne Hilfe von „einem Russen namens ‚Juri‘ aus St. Petersburg“ geholt haben — Social Bots, gefälschte Facebook-Accounts und Stimmungsmache inklusive. Wobei, das ist schon falsch. Der „angebliche Kühnert“ soll das getan haben. So schreibt es Piatov. Der „Bild“-Autor scheint also zu wissen, dass da was nicht stimmt. Auch weil er bei Kühnerts Pressesprecher nachgefragt hat, und dieser Piatov erklärt hat, dass von der Mail-Adresse, von der die „brisanten Mails“ stammen sollen, gar keine Nachrichten verschickt werden können:

Was sagt der Juso-Chef zu den Vorwürfen? „Wir würden niemals auf solche Methoden zurückgreifen“, so Kühnerts Sprecher. Der Schreibstil entspreche nicht dem des Juso-Chefs, sein Englisch sei „nicht besonders gut“. Zudem seien die E-Mails von kevin.​kuehnert@​jusos.​de geschickt worden — laut den Jusos „technisch nicht möglich“. Als Absender-Adresse tauche bei Kühnert stets die SPD-Adresse kevin.​kuehnert@​spd.​de auf.

Spätestens an diesem Punkt hätte die Recherche von „Bild“-Autor Piatov zu Ende sein können. Denn damit ist klar: Der „anonyme Informant“, der sich an die „Bild“-Redaktion gewendet hat, ist offenbar ein Hochstapler und dazu kein besonders guter. Doch statt diesem „Informanten“ zu sagen, dass er Mist erzählt, haben „Bild“ und Piatov das Material angenommen und eine große Titelgeschichte daraus gestrickt.

Wir haben auch noch mal nachgefragt bei Kühnerts Sprecher Benjamin Köster. Der bestätigt: Es gebe zwar die Adresse kevin.kuehnert@jusos.de, allerdings verberge sich hinter ihr kein eigenes Postfach. Mails, die an diese Adresse geschickt werden, würden automatisch weitergeleitet. In Kühnerts Fall an dessen @spd.de-Adresse, bei anderen „Juso“-Mitgliedern teilweise an private Mail-Adressen. Da sich hinter ihr kein Mail-Postfach verberge, könne man von der @juso.de-Adresse auch keine Nachrichten verschicken, so Köster. Und wir haben nachgeschaut: Auch E-Mails von Kühnerts „Juso“-Chef-Vorgängerin Johanna Uekermann kamen stets von einer @spd.de-Adresse.

Da kommt also irgendein Hanswurst mit offensichtlich gefälschten Beweisen daher — und „Bild“ macht daraus eine Geschichte? Eine Titelgeschichte? Wie einfach ist es bitte, mit seiner Desinformation auf die „Bild“-Titelseite zu gelangen?

Timo Lokoschat, seit Kurzem leitender Redakteur bei „Bild“, glaubt an eine „Intrige“* gegen Kühnert und dessen #NoGroKo-Vorhaben und findet den „Krimi“ allein deshalb „unbedingt berichtenswert“. Eine „Intrige“? Wenn irgendein Wichtigtuer mit billig gefälschten E-Mail-Texten ankommt? Eine solche „Intrige“ kann jeder Teenager mit Zugang zu Microsoft Outlook in dreieinhalb Minuten entwerfen. Und wird das alles nicht erst zur „Intrige“ durch die Veröffentlichung auf der „Bild“-Titelseite? Macht nicht „Bild“ das ganze erst zur „Schmutz-Kampagne“? „Bild“ ist die „Schmutz-Kampagne“.

Jedenfalls: Wenn das eine „Intrige“ sein soll, die es wert ist, groß auf einer Titelseite thematisiert zu werden, dann wären die Titelseiten aller deutschen Zeitungen nur noch voll mit derart dünnen Geschichten. Ständig melden sich irgendwelche Leute mit irgendwelchen vermeintlichen brisanten Dokumenten bei Redaktionen. Oft sogar bei allen auf einmal in großen Sammelmails. In fast allen Fällen ist der Verschwörungsschmu so schnell zu durchschauen wie die heutige „Bild“-Story. Diese Titelgeschichte ist nichts anderes als Nichts, ganz groß aufgepumpt.

Apropos, zum Abschluss hätten wir auch noch ein Angebot: Hallo „Bild“, hallo Filipp Piatov, hallo Timo Lokoschat, wir haben hier noch Screenshots mehrerer E-Mails von merkel.angela@kanzlerqueen.de rumliegen, in denen die Bundeskanzlerin den minutiös geplanten Austausch der deutschen Bevölkerung durch CDU-wählende Syrer bestätigt. Na, wäre das nicht was für euch?

*Nachtrag, 22:16 Uhr: Timo Lokoschat hat seinen Tweet inzwischen gelöscht.

Das Gewehr des Amokschützen wird Ihnen präsentiert von Bild.de

Julian Reichelt hatte heute Nacht eine Idee. Bei Twitter schrieb der „Bild“-Oberchef zum Amoklauf im US-Bundesstaat Florida:

Screenshot des Tweets von Julian Reichelt - When will America realize that it makes sense to ban that single rifle, the AR15? Guns have their own gravity. Availability of the AR15 makes shootings more likely to happen. For everyone considering horrific violence this rifle‘s message has become: You can do it.

Also: Das Gewehr AR-15 verbieten — und schon könnte es weniger Amokläufe geben. Ob das wirklich so einfach ist, wissen wir nicht. Es handelt sich aber sicher nicht um den schlechtesten Gedanken, den Reichelt je hatte.

Allerdings will dieser Tweet nicht so ganz zu dem Artikel passen, den Bild.de — also die Seite, die Julian Reichelt verantwortet — nur wenige Minuten zuvor mit dieser Überschrift veröffentlicht hat:

Screenshot Bild.de - Sturm-Gewehr AR-15 - Die tödliche Waffe des Amok-Schützen von Parkland

Neben dem Hinweis, dass das Gewehr „als Lieblingswaffe vieler Amokläufer“ in den USA „eine traurige Berühmtheit erlangt hat“, einer detaillierten Auflistung, wo nun genau das Gewehr von welchem Schützen eingesetzt wurde, und der beruhigenden Nachricht, dass es auch „mit der AR-15“ möglich sei, „sehr zügig viele Schüsse abzugeben“, findet man in dem Bild.de-Artikel eine Grafik, die in dieser Form auch aus einem Verkaufsprospekt des Herstellers stammen könnte (die Grafik zeigen wir hier natürlich nicht — wir sind ja nicht blöd). Dort erklärt die Redaktion, welche Mündungsgeschwindigkeit das Gewehr hat. Mit welchen Modulen man es erweitern kann. Dass es ein ergonomisches Design hat. Wie schwer es ist. Wie weit die Schüsse reichen. Dass das Magazin „NATO-Standard“ hat. Und all diesen Mist, den man zum Beispiel wissen möchte, wenn man auf der Suche nach einer Waffe ist, um damit wasauchimmer anzustellen. Um das alles zu erfahren, muss man jetzt praktischerweise nicht mehr in einen Waffenladen gehen oder sich in düsteren Foren rumtreiben. Es reicht ein Besuch auf dem größten Nachrichtenportal Deutschlands.

Bild.de macht bei Amokläufer-Inszenierung mit

Wir raten in solchen Fällen immer: Zeigt nicht das Gesicht des Täters, nennt nicht den Namen. Er soll nicht zur „Berühmtheit“ werden, sondern dem Vergessen anheimfallen. Das kann Nachahmer abschrecken.

Das sagte der Psychologe Jens Hoffmann in einem Interview nach dem Amoklauf in München im Juli 2016. Seit vielen Jahren warnt er Redaktionen davor, Amokläufer (unfreiwillig) zu Helden der Szene zu machen, indem sie die Täter in der Berichterstattung auf ein Podest heben.

Bei Bild.de scheinen sie von solchen Bedenken nicht viel zu halten. Die Mitarbeiter des Portals nennen — entgegen Hoffmanns Empfehlung — den Namen des Amokschützen, der in Florida 17 Menschen erschossen hat. Sie zeigen — entgegen Hoffmanns Empfehlung — sein Gesicht, zum Beispiel auf einem Foto, das ihn bei der Festnahme zeigt. Beides gehört seit langer Zeit zum „Bild“-Standardprogramm und wird auch von anderen Medien im aktuellen Fall praktiziert.

Bild.de geht in der Berichterstattung über den Amoklauf in Parkland aber noch einen gefährlichen Schritt weiter: Das Portal zeigt Fotos, auf denen sich der Schütze mit Waffen in Szene setzt. Er posiert darauf mit Messern und mit einer Pistole. Das Bild.de-Team tut ihm den Gefallen, diese Inszenierungen einem Millionenpublikum zu präsentieren — groß in einem Artikel und etwas kleiner, aber dafür ganz oben auf der Startseite:

Screenshot der Bild.de-Startseite, auf der Fotos des Amokschützen zu sehen sind, darunter auch ein Foto, auf dem er mit einer Pistole posiert
Screenshot Bild.de - Fotos, auf denen der Amokschütze mit mehreren Messern posiert
(Alle Unkenntlichmachungen durch uns.)

Jens Hoffmann sagt:

Wer die Amokläufer mit Gesicht und vollem Namen zeigt, der macht sie damit zu Helden. Potenzielle Nachahmungstäter sehen das und begreifen, dass eine solche Tat sie unsterblich machen wird.

… und dass ihnen mit ihren Poser-Fotos ein prominenter Platz in den „Bild“-Medien sicher ist.

Es geht hierbei auch gar nicht darum, dass wir beim BILDblog laut „Bild“-Chefchef Julian Reichelt die „Das-darf-man-nicht-Ayatollahs“ sind. Es geht schlicht um den gesunden Menschenverstand: Wenn das Veröffentlichen derartiger Fotos auch nur im Ansatz die Gefahr birgt, dass sich Nachahmungstäter dadurch angesprochen und motiviert fühlen, dann muss man eine solche Veröffentlichung unbedingt bleiben lassen.

Helene Fischer widerspricht „totalem Quatsch“ von „Bild“

Helene Fischer kann nicht singen. Also, aktuell kann Helene Fischer nicht singen. Fünf Auftritte in Berlin musste ihr Management absagen und nun werden auch zwei geplante Konzerte in Wien nicht stattfinden. Die Sängerin ist krank und muss sich schonen.

Bei Facebook veröffentlichte Helene Fischer gestern eine Art Entschuldigung an all ihre Fans, vor allem an jene, die schon Hotels gebucht oder sich für die Konzerte extra freigenommen haben. Auch Bild.de berichtet über diesen Facebook-Post:

Screenshot Bild.de - Seit einer Woche ist sie krank - Helenes Entschuldigung an ihre Fans

Ganz am Ende des Artikels steht:

Und eins stellt sie zum Schluss noch einmal ganz klar: Sie ist nicht (!) schwanger.

Schwanger? Wer bringt denn sowas ins Spiel? Ach, hier — Bild.de in einem Text am Sonntag:

Screenshot Bild.de - Sie sagte ins gesamt fünf Konzerte ab - Was bedeutet die Hand auf Helenes Bauch?

Schon am 30. Januar beim Konzert in Stuttgart hielt sie sich beim Singen mehrfach die Hand auf den Bauch. Als würde sie etwas schützen wollen. Es gab schon häufiger Schwangerschaftsgerüchte um Fischer.

Helene Fischer widerspricht in dem Post an ihre Fans übrigens nicht nur den Schwangerschaftsgerüchten, sondern auch einer Geschichte über einen „Wunderheiler aus den USA“ und den Spekulationen, sie werde nie wieder singen können:

PS.: ich kann es nicht oft genug sagen, lasst euch von den Medien nicht blenden, was jetzt zählt, ist nur mein geschriebenes Wort an EUCH! Ich bin weder schwanger und auch kein Wunderheiler aus den USA behandelt mich! Totaler Quatsch! Ich bin auch nicht todkrank, ich komme wieder!!!

Ein „Wunderheiler aus den USA“? Helene Fischer nie wieder auf der Bühne? Woher stammt das nur?

„Bild“ gestern:

Ausriss Bild-Zeitung - Helene Fischer - Kann sie nie wieder singen? Wieder zwei Konzerte abgesagt - Wunderheiler aus USA soll ihre Stimme retten - Und ihr Flori schickt Fotos vom Karneval

Und Bild.de gestern („Bild plus“-Inhalt):

Screenshot Bild.de - Helene Fischer immer noch krank - Wunderarzt aus USA eingeflogen

Außerdem ist ihre Stimme nach BILD-Informationen durch den Infekt so stark angegriffen, dass jetzt sogar ein Wunder-Arzt aus den USA eingeflogen wurde.

Der Amerikaner soll Helene heilen.

Eine Hand auf dem Bauch, die eine Schwangerschaft bestätigen soll, ausgedachte Wunderheiler und Fragezeichen in Überschriften, die jede noch so blödsinnige Spekulation erlauben — das ist alles nicht mehr weit entfernt von den Irrsinnsberichten im Stile von „Freizeit Revue“, „Die Aktuelle“ und all den anderen bunten Knallblättern.

Mit Dank an Stefan T. für den Hinweis!

Nachtrag, 15. Februar: Die „Bild“-Zeitung berichtet in ihrer heutigen Ausgabe auch über den Facebook-/Instagram-Post von Helene Fischer. Zu einem Artikel, in dem Désirée Nick über den „Seelenzustand“ der Sängerin schreiben darf, hat die Redaktion einen Screenshot gestellt:

Ausriss Bild-Zeitung - Dankt ihren Fans für die guten Wünsche: Gestern meldete sich Helene Fischer wieder bei Facebook zu Wort

Ärgerlich: Die Bildunterschrift, in die leider kein Hinweis mehr zu Fischers Medienkritik passte, sitzt exakt über der Stelle, in der Fischer „die Medien“ (also, genau genommen: „Bild“) kritisiert.

Kurz korrigiert (510)

Wir sollten die Leute von Bild.de auch mal loben, wenn sie etwas gut gemacht haben. Also dann: Richtig gut, alte Erdkunde-Cracks bei Bild.de, wie schnell ihr gemerkt habt, dass „Namibien“ gar nicht „Namibien“ heißt …

Screenshot Bild.de - Bild-Grafik in der steht Windhoek Namibien

… sondern „Namibia“:

Screenshot Bild.de - korrigierte Bild-Grafik in der steht Windhoek Namibia

Jetzt, wo wir eh schon dabei sind, über Fehler in eurem Artikel über „Die neuen Flugverbindungen“ verschiedener Airlines zu sprechen: Die Stadt Windhoek liegt, wie ihr ja selbst in eurer Grafik inzwischen richtig schreibt, in Namibia und nicht in Südafrika.

Screenshot Bild.de - Flugroute München Windhoek Südafrika

Und die Stadt Monastir liegt in Tunesien und nicht in Ägypten, wobei es egal ist, ob die Stadt von Köln/Bonn angeflogen wird …

Screenshot Bild.de - Flugroute Köln/Bonn Monastir Ägypten

… oder von Hannover:

Screenshot Bild.de - Flugroute Hannover Monastir Ägypten

Mit Dank an @Katholisch für den Hinweis!

„Bild“ übernimmt Politiker-Draufhauen von AfD und „Pegida“

Es ist schrecklich anzusehen, wie sich einige Spitzenpolitiker derzeit präsentieren. Sigmar Gabriel zum Beispiel, der sich als gekränkter abgesägter Außenminister dazu hinreißen lässt, in einem Interview seine kleine Tochter zu benutzen, um Rache an der SPD und Martin Schulz zu üben:

Gabriel sagte mit Blick auf seine Zukunft: „Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit. Zuhause freuen sich schon mal alle darauf.“ Seine kleine Tochter Marie habe ihm am Donnerstagfrüh gesagt: „Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht.“

Eine Fünfjährige vorschicken und sie mit einem Spruch über das Aussehen einer anderen Person zurückschlagen lassen — das muss man erstmal für richtig halten.

Oder Olaf Scholz, dessen Versprechen, auch bei einer erneuten Großen Koalition Bürgermeister Hamburgs zu bleiben, in Anbetracht des mächtigen Postens als Finanzminister nichts mehr wert ist.

Oder Martin Schulz, der mit dem Umstoßen von unumstößlichen Positionen, ein denkbar schlechtes Bild eines Berufspolitikers abgibt.

All diese — mitunter schweren — Fehler sind traurig und tun weh, weil sie das ohnehin schwindende Vertrauen in Politiker und Politik im Allgemeinen weiter zerstören. Sie stärken die, die alle Politiker für korrupt und machtbesessen halten.

Für diese Leute, die genug haben von „den da oben im Parlament“, scheint die „Bild“-Redaktion heute einen Kommentar auf ihrer Titelseite verfasst zu haben:

Ausriss Bild-Zeitung - Übersicht über die Titelseite

DAS MEINT BILD

Erbärmlich!

Was haben SPD-Vorsitzende und Joghurt gemeinsam?

Ein sehr kurzes Haltbarkeitsdatum. So spottet man im Berliner Regierungsviertel.

Das politische Ende von Martin Schulz, erst als Vorsitzender, jetzt als Außenminister, bevor er überhaupt Außenminister wurde, bestätigt so ziemlich jedes Vorurteil, das man über Niedertracht und Charakterlosigkeit in der Politik haben kann.

Genau die Genossen, die Schulz mit dem DDR-Ergebnis von 100 Prozent zu ihrem Oberhaupt gewählt haben, erpressen wenige Monate später seinen unwürdigen Abgang herbei.

Sigmar Gabriel, der unser Land repräsentiert und Schulz wie Kanonenfutter in den Wahlkampf geworfen hat, weil er selber nicht den Schneid hatte, gegen Angela Merkel anzutreten und zu verlieren, versteckt sich im entscheidenden Moment hinter seiner fünfjährigen Tochter und legt ihr den bitterbösen und politisch vernichtenden Satz in den Mund, Papa müsse jetzt nicht mehr so viel Zeit „mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht“ verbringen.

Männer, die für ihre persönlichen Machtkämpfe ihre Töchter benutzen – das ist der Zustand unserer politischen Elite in Deutschland. Erbärmlich.

Sigmar Gabriel sagt etwas, das man ohne Zweifel kritisieren kann und vielleicht auch muss. Und daraus leitet „Bild“ einen erbärmlichen „Zustand unserer politischen Elite in Deutschland“ ab? Das ist populistisch. Das ist undifferenziert. Das ist verachtend. Das ist gefährlich. Das ist die Übernahme der Formulierung und der Stimmungsmache, die man sonst von AfD und „Pegida“ kennt.

Mit ihrer Verallgemeinerung spuckt die „Bild“-Zeitung all den Politikern ins Gesicht, die wirklich gute Arbeit leisten, die teils irre viel arbeiten, die sich ihrer Verantwortung bewusst sind, denen nicht alles egal ist, was nichts mit Posten und/oder Macht zu tun hat. Und die sich dennoch als „Volksverräter“ beschimpfen lassen müssen. Das Wettern gegen „unsere politische Elite in Deutschland“ auf der „Bild“-Titelseite ist davon zwar noch zwei, drei Schritte entfernt. Aber eben auch nur noch zwei, drei Schritte.

Angesprochen auf den AfDesken Kommentar seiner Redaktion, ruderte „Bild“-Oberchef Julian Reichelt bei Twitter ganz ordentlich zurück:

Jetzt dürfen die Ausländer auch noch die deutsche GroKo kaputt machen

Wer erinnert sich nicht an den riesigen Aufschrei der „Bild“-Zeitung im Juni 2017? „Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen“ stand damals groß auf der Titelseite, nachdem die FDP ihre Basis über den Koalitionsvertrag in Nordrhein-Westfalen hat abstimmen lassen. Oberchef Julian Reichelt schrieb einen deftigen Kommentar: Die Demokratie werde beschädigt, wenn Ausländer, die bei der Landtagswahl gar nicht wählen durften, nun mitentscheiden können, ob eine Regierung zustande kommt oder nicht.

Wir. Wir erinnern uns nicht daran. Und das dürfte vor allem daran liegen, dass es keinen Aufschrei gab auf der „Bild“-Titelseite. Und auch keinen beschädigten „Demokratie“-Kommentar von Julian Reichelt.

Aber hier! Wer erinnert sich nicht an den riesigen Aufschrei der „Bild“-Zeitung im Dezember 2013? „Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen“ stand damals groß auf der Titelseite, nachdem die Grünen ihre Mitglieder über den Koalitionsvertrag in Hessen haben abstimmen lassen. Julian Reichelt schrieb damals einen deftigen Kommentar: Die Demokratie werde beschädigt, wenn Ausländer, die bei der Landtagswahl gar nicht wählen durften, nun mitentscheiden können, ob eine Regierung zustande kommt oder nicht.

Ach, nee. Den Aufschrei gab’s ja auch nicht.

Jetzt aber:

Ausriss Bild-Titelseite - Ausländer dürfen über deutsche Regierung abstimmen

So sah die „Bild“-Titelseite gestern aus (also, wirklich). Und Chefchef Reichelt kommentierte auf Seite 2 dazu:

Ausriss Bild-Zeitung - Kommentar von Julian Reichelt - Demokratie beschädigt

Wählen darf in Deutschland nur, wer deutscher Staatsbürger ist. Nur Deutsche können also entscheiden, wer Deutschland regiert. Sollte man meinen.

Mit ihrem Mitgliederentscheid unterwandert die SPD dieses zwingend logische und eigentlich unumstößliche Prinzip. Denn über die für Deutschland so wichtige Frage, ob wir eine Regierung bekommen, dürfen in der SPD auch Mitglieder ohne deutschen Pass abstimmen.

Menschen, die hier nicht wählen dürfen, dürfen darüber entscheiden, ob eine gewählte Mehrheit eine Regierung bilden darf — oder nicht.

Kevin Kühnert, Vorsitzender der Jusos, macht sich das auch noch zunutze und mobilisiert, wen immer er in seinem Kampf gegen eine Regierungsbildung mobilisieren kann.

Ohne Rücksicht auf Verluste. Ohne Rücksicht darauf, ob dieses Verfahren dem widerspricht, was Wählerwille ist.

Das ist unanständig und schadet unserer Demokratie.

Das, was im Dezember 2013 in Hessen und im Juni 2017 in Nordrhein-Westfalen kein Problem war aus „Bild“-Perspektive, soll nun beim Mitgliederentscheid der SPD die Demokratie beschädigen. Worum geht es Julian Reichelt und seinem Team hier? Um Stimmungsmache gegen Ausländer? Um Stimmungsmache gegen die SPD? Um beides?

Allein ein Blick auf die Zahlen zeigt, um was für ein krampfhaft konstruiertes Problem es sich bei dem angeblichen Skandal handelt: Bis zum 4. März können 463.726 SPD-Mitglieder abstimmen, ob ihre Partei bei der Großen Koalition mitmachen soll oder nicht. Laut „Bild“ sind etwa 7000 von ihnen Ausländer, also rund 1,5 Prozent. Genauere Zahlen gibt es nicht, da die SPD die Nationalität ihrer Mitglieder nicht erfasst.

Dass es sich bei diesen 7000 nicht komplett um von Wladimir Putin eingeschleuste Abstimmungstrolle handeln kann, die Deutschland in eine schwere Krise schubsen wollen, bewies „Bild“ gestern selbst: Die Redaktion hat fünf Menschen gefunden, die ein SPD-Parteibuch, aber keinen deutschen Pass besitzen. Drei von ihnen wollen gegen den Eintritt in die Große Koalition stimmen, einer dafür, einer will sich noch den Koalitionsvertrag anschauen, bevor er entscheidet.

Diese Fokussierung auf die Ausländer beim anstehenden SPD-Mitgliederentscheid, dieses Aufteilen in die Deutschen und ihre Regierung einerseits und die Ausländer andererseits, diese 1,5-Prozent-Thematik auf die Titelseite zu heben — all das ist eine maßlose Übertreibung, entworfen für die analogen und digitalen Stammtische.

Menschen ohne deutschen Pass bestimmen schon seit Jahrzehnten in Parteien mit, wenn es um wichtige, die Wahl und das Parlament betreffende Fragen geht. Wäre es aus „Bild“-Sicht etwa genauso demokratiegefährdend, wenn bei der SPD einzig der Parteivorstand über das Zustandekommen der Regierung entscheiden würde, dieser Parteivorstand zuvor aber von denselben Ausländern in der SPD gewählt worden wäre?

Oder schauen wir zur CDU: Am 26. Februar wird es in Berlin einen Sonderparteitag der Christdemokraten geben. Angela Merkel hatte ihrer Partei dies nach der Wahl versprochen. Dort werden knapp 1000 Delegierte über denselben Koalitionsvertrag abstimmen, über den auch die SPD-Basis entscheidet. Diese Delegierten werden von den Landes-, Bezirks- und Kreisparteitagen gewählt. Und dort dürfen — alle „Bild“-Mitarbeiter festhalten! — Ausländer mitbestimmen.

Bei der CDU werden also Menschen, die bei der Bundestagswahl nicht ihre Stimme abgeben durften, über die Delegierten abstimmen, die über den Koalitionsvertrag abstimmen. Ist das dann in Ordnung aus Sicht der „Bild“-Redaktion? Ist der Ausländer damit noch weit genug entfernt von der Macht? Oder bedeutet Julian Reichelts Logik konsequent zu Ende gedacht, dass Ausländer eigentlich über gar nichts mehr in deutschen Parteien entscheiden sollten, was irgendwie mit einer Regierungsbildung zu tun haben könnte, und dass man sie dann am besten gleich gar nicht erst eintreten lassen sollte?

Aber mal weg von dem Ausländer-Fokus der „Bild“-Redaktion. Der zweite Teil ihrer Titelzeile ist auch interessant: „über deutsche Regierung abstimmen“. Das stimmt im Detail nicht. Die Regierung besteht aus Bundeskanzler beziehungsweise Bundeskanzlerin und Bundesministern. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages wählen den Bundeskanzler/die Bundeskanzlerin. Und die Minister werden auf Vorschlag des Bundeskanzlers/der Bundeskanzlerin vom Bundespräsidenten ernannt. So entsteht in Deutschland die Regierung. Weder die deutschen Wähler (die die Abgeordneten wählen) noch die SPD-Mitglieder mit ihrem aktuellen Mitgliederentscheid stimmen über die Regierung ab.

Stattdessen wird die SPD-Basis bis zum 4. März darüber entscheiden, wie sich ihre Partei verhalten soll. Es entsteht ein Meinungsbild dazu, was sie mit dem Koalitionsvertrag machen soll. Von dieser „politischen Willensbildung“, bei der die Parteien mitwirken sollen, spricht schon das Grundgesetz in Artikel 21.

Ob der SPD-Mitgliederentscheid 463.726 Menschen in Deutschland viel mehr Macht gibt als allen anderen — dazu gibt es eine völlig legitime Debatte. Schlagzeilen, wie die der „Bild“-Zeitung von gestern, tragen dazu nicht bei. Sie vergiften sie.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

„KiKa“ soll von den „Bild“-Medien bereits versaute Kinder versauen

ACHTUNG, ACHTUNG! DIESER BEITRAG ENTHÄLT SCHLECHTE WITZE UND BEGRIFFE, DIE KINDER LAUT „BILD“ UND BILD.DE „VERSAUEN“ KÖNNEN!

Jörg Schulz und Stephan Kürthy machen sich ernsthaft Sorgen um „unsere Kinder“. Und die zwei „Bild“-Autoren haben auch schon einen Schuldigen ausgemacht, der „unsere Kinder“ in Gefahr bringt — der „Kinderkanal“ von ARD und ZDF:

Screenshot Bild.de - Intim-Lexikon - So versaut der Kika unsere Kinder

Der „KiKa“ soll nämlich daran Schuld sein, dass Jugendliche jetzt rausfinden können, dass der Penis auch mal „Latte“ und die Vagina „Muschi“ genannt wird. Oder dass Engländer zu Hoden „balls“ sagen, während Brüste in Spanien „limones“ genannt werden.

Schulz und Kürthy schreiben:

Nächster Aufreger um den Kinderkanal von ARD und ZDF. So finden sich auf der KiKA-Homepage zwei „Fremdsprachen-Spickzettel“.

► Thema: „Brüste und Vagina international“ und „Penis und Hoden international“.

Mit kleinen Zeichnungen versehen, will der KiKA spielerisch „Lust auf Angeberwissen“ wecken und schreibt dazu: „Wie wär’s mit einem Fremdsprachen-Spickzettel für geläufige Bezeichnungen von Brust und Vagina bzw. Penis und Hoden? Weil wir sehr gelacht haben und auch noch etwas dazulernten, wollten wir dir das nicht vorenthalten. Denn ganz ehrlich: ein bisschen Spaß muss sein.“

Der Spaß liest sich dann u.a. so: Euter für Brüste, Loch für Vagina, Peitsche für Penis und Liebeskartoffeln für Hoden.

Nein! Donnerwetter!

Die Empörung auf Seiten der „Bild“-Medien ist deswegen so scheinheilig und unglaubwürdig, weil sie — Überraschung! — selbst gerne mal über „Latten“ und „Muschis“ und „Eier“ und „Glocken“ berichten. Und das auch nicht einfach nur so im normalen Programm bei „Bild“ und Bild.de, sondern speziell für eine ganz ähnliche Zielgruppe wie die des „KiKa“ (beim öffentlich-rechtlichen Sender definiert man diese für die „FremdsprachenSpickzettel“ als „Zuschauer auf ihrem Sprung zwischen Kindsein und Erwachsenwerden“).

Beim inzwischen eingestellten „Bild“-Jugendangebot „BYou“ findet man beispielsweise einen Artikel mit „25 richtig schlüpfrigen Witzen“. Und die gehen dann so:

Eine Oma geht zum Metzger und bestellt eine Salami. Der Metzger: „Am Stück oder in Scheiben?“ Da reißt die Oma ihren Rock hoch und fragt: „Ist das ’ne Pussy oder ein CD-Player?“

Gehen zwei Nutten durch Mainz. Meint die eine: „Mainz ist ein Drecksloch.“ — Meint die andere: „Meins auch.“

Was ist der kleinste Dom der Welt? — Der Kondom. Kann nur einer drin stehen. Und sogar die Glocken hängen draußen!

In einem anderen „BYou“-Artikel geht es um „Morgenlatten“. Wiederum in einem anderen um „Lümmel“, „Dödel“, „Schwengel“, „Pimmel“ und „Nudeln“. In einem weiteren „BYou“-Beitrag geht es um „Eiersalat“. Und auch Ausdrücke wie „Muschi“, „Mumu“, „Vorbau“ und „Holz vor der Hütte“ kommen in „BYou“-Texten vor.

„Pussy“, „Loch“, „Glocken“, „Latte“, „Eier“, „Muschi“, „Vorbau“, „Holz vor der Hütte“ — all das finden Jörg Schulz und Stephan Kürthy beim „KiKa“ ganz schlimm und gefährlich. Als ihre „BYou“-Kollegen „unsere Kinder“ mit denselben Begriffen „versaut“ haben, hatten sie offenbar nichts einzuwenden.

Vermutlich ist es Schulz und Kürthy letztlich auch völlig egal, dass diese Begriffe beim „KiKa“ auftauchen. Es dürfte einfach eine günstige Gelegenheit gewesen sein, die laufende Kampagne gegen den Kindersender fortzuführen.

Mit Dank an Gregor G., @f_herbers und @janfranzisko für die Hinweise!

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