Archiv für Bild.de

Der Dreck vor der Haustür der anderen

Vergangene Woche berichteten die „Ruhrbarone“, dass sich auf der Facebook-Seite der Linksjugend im Ruhrgebiet „ein antisemitischer Mob“ austobe. Unter der Ankündigung einer „antiisraelischen Demonstration“ hätten sich einige israelfeindliche und rassistische Kommentare gefunden, unter anderem Hitler-Bilder mit antisemitischen Sprüchen und Vergleiche zwischen Israel und dem Nazi-Regime.

Die Linksjugend löschte die kritisierten Kommentare, distanzierte sich davon und erklärte (hier ausführlicher), dass sie solche Dinge nicht dulde, aber „bei mehreren Posts die Minute“ nicht immer alles sehen könne.

Für die Leute von „Bild“, die ja bekanntlich große Freunde Israels sind und außerdem der Linkspartei immer gerne eins überbraten, war die Sache jedenfalls ein gefundenes Fressen, also empörten auch sie sich kurz darauf über die …

Unfassbare Israel-Hetze im Internet!

Im Artikel heißt es:

Auf Facebook macht die Ruhrgebietsabteilung des Jugendverbandes der Linkspartei „Solid“ für eine Anti-Israel-Demonstration am 18. Juli in Essen Werbung. Das berichtet der Journalisten-Blog „Ruhrbarone“.

„Ruhrbarone“ zitiert aus einem Facebook-Kommentar (inzwischen gelöscht) der für seine antisemitischen Parolen 58 „Likes“ bekam.

Dass diese Kommentare von irgendwelchen Facebook-Nutzern kamen, geht aus dem Text nicht hervor. Zumindest für Facebook-unerfahrene Leser kann oder muss sogar der Eindruck entstehen, dass es der Jugendverband selbst war, der die Kommentare gepostet — oder zumindest toleriert — hat.

Verstärkt wird dieser Eindruck noch von dem, was Peter Tauber, der CDU-Generalsekretär und „Netz-Experte“, dazu zu sagen hat:

CDU-Generalsekretär und Netz-Experte Dr. Peter Tauber (39) dazu zu BILD: „Diese Postings sind an Geschmacklosigkeit, Menschenverachtung und Geschichtsvergessenheit nicht zu überbieten. Ich fordere die Familienministerin auf, die angekündigten Zahlungen an die Linkspartei-Jugend umgehend einzustellen. Solche antisemitischen Umtriebe dürfen nicht mit Steuergeldern unterstützt, sondern müssen gesellschaftlich geächtet werden.“

Er will also die Linksjugend dafür büßen lassen, dass ihre Facebook-Seite von irgendwelchen Hornochsen zugemüllt wurde und sie die Kommentare — begleitet von einer klaren Distanzierung — bereits wieder gelöscht hat? Hm.

Wenn er das wirklich ernst meint, hätte er sich aber besser mal auf der Facebook-Seite der „Bild“-Zeitung umgesehen, bevor er sie mit diesem Zitat beglückte. Und die zuständigen Autoren hätten auch mal einen Blick riskieren sollen. Dann wären sie nämlich schnell auf so etwas gestoßen:














Die Kommentare sind sechs Tage alt; sie standen schon dort, bevor sich Bild.de und Peter Tauber über die „unfassbare Israel-Hetze“ auf der Linksjugend-Seite echauffierten. Und im Gegensatz zu dem Jugendverband hat „Bild“ sie immer noch nicht gelöscht.

Nachtrag, 17. Juli: Inzwischen dann doch. Und den Rest des Eintrags gleich mit.

Mit Dank an Finn S.

Was macht eigentlich die „Bild-APO“?

Die Ansage war ziemlich eindeutig:


Das neu gewählte Parlament, schrieb Kai Diekmann in jener Ausgabe vor etwa einem halben Jahr, sei

zu schwach. Seine Opposition zu klein. Und zu links. Das ist nicht gut für Deutschland! […]

Deshalb geht BILD in die Opposition. Und wird Außerparlamentarische Opposition. APO!

Diekmann versprach:

BILD wird der neuen Regierung bei jeder Gelegenheit auf die Finger hauen! Hart. Schmerzvoll. Und ohne Gnade. Für Deutschland. Für seine Bürger.

(BILDblog berichtete.)

Die Arbeit der „Bild-APO“ bestand daraufhin größtenteils darin, anzukündigen, was die „Bild-APO“ in Zukunft so alles machen werde. Nämlich:

Ab heute haut BILD der Regierung munter auf die Finger

(17.12.2013, Seite 1)

Deshalb haut BILD der Großen Koalition von heute an ordentlich auf die Finger!

(17.12.2013, Seite 1)

Warum BILD der GroKo auf die Finger (sc)haut

(17.12.2013, Seite 4)

Deshalb macht BILD sich als Außerparlamentarische Opposition auf den langen Marsch durch mindestens vier Jahre GroKo.

VERSPROCHEN!

(17.12.2013, Seite 4)

BILD (sc)haut der Großen Koalition genau auf die Finger, wird z. B. Sogenannte „kleine Anfragen“ und „große Anfragen“ stellen – um Tricksereien, Steuergeld-Verschwendungen etc. aufzudecken! […] BILD schlägt Alarm, will von der Regierung wissen: Was hat der Stillstand bisher gekostet, wie hoch sind die monatlichen Ausgaben für Abgeordnetendiäten, Verwaltung, Büros etc.?

Die Antworten der Regierung – demnächst in BILD …

(18.12.2013)

BILD schaut der Großen Koalition genau auf die Finger, deckt Tricksereien, Steuergeld-Verschwendung etc. auf – und schlägt Alarm!

(19.12.2013)

Das Versprechen: Wir schauen der Regierung auf die Finger – und hauen notfalls kräftig drauf.

(30.12.2013)

Wir von BILD haben es uns auf die Fahne geschrieben: Wir werden der Großen Koalition auf die Finger gucken und kräftig draufhauen, wenn etwas schiefläuft. Als BILD-APO gegen die GroKo!

(30.12.2013)

Die BILD-APO (Außerparlamentarische Opposition) nimmt die Sorgen der Bevölkerung ernst […].

(9.1.2014)

Das Versprechen: Wir schauen der Regierung ganz genau auf die Finger – und hauen notfalls kräftig drauf.

(9.1.2014)

Die erste Haudrauf-Aktion inszenierte „Bild“ am 30. Dezember vergangenen Jahres:


„Bild“ überreichte die Anfrage noch am selben Tag persönlich:

Dass die Linke der Regierung ganz ähnliche Fragen schon einen Monat zuvor gestellt hatte, erwähnte das Blatt natürlich lieber nicht und präsentierte stattdessen ein paar Tage später stolz und unbeirrt — „Die Antwort“:

… mit zum Teil verblüffenden Erkenntnissen:

Im Klartext: Nichts Genaues weiß auch die Regierung nicht.

Äh, ja.

Jedenfalls:

Die BILD-APO bleibt weiter dran …

Und so folgte vier Tage später gleich die nächste „Große Anfrage“:

Das Übergabe-Fotoshooting musste diesmal allerdings ausfallen — denn am nächsten Tag hieß es plötzlich:

Statt Anfragen der BILD-APO wie erfolgt persönlich entgegenzunehmen, sollen sie künftig wie gewöhnliche Presseanfragen behandelt werden […].

Bereits am vergangenen Donnerstag hatte die stellvertretende Sprecherin der Bundesregierung, Christiane Wirtz (43), vor der BILD-APO gewarnt, erfuhr BILD aus Koalitionskreisen! […] Die Kollegen sollten „sich nicht vor den Karren der BILD-Zeitung spannen lassen“, sagte Wirtz nach Angaben von Teilnehmern.

Doch selbst diesen Rückschlag verkaufte „Bild“ — natürlich — als Erfolg:

Dennoch musste das Blatt den Karren fortan wieder alleine ziehen:

Wenn die Regierung die BILD-APO nicht entgegennehmen will, geht die BILD-APO zur Regierung!

Danach wurde es dann still um die „Bild-APO“. Zwei Wochen später verwurstete das Blatt noch die Antworten auf die zweite Anfrage als bemühte Titelgeschichte („Strom wird NOCH teurer!“ – oha!), kurz darauf empörte es sich über „Milliardenausgaben“, die in Wirklichkeit allerdings nur knapp eine Million betrugen, und zwischendurch kam noch der österreichische Außenminister zum Krawattenvergleich vorbei.

Die letzte Regung der „Bild-APO“ liegt inzwischen fast fünf Monate zurück. Damals kündigte das Blatt lauthals an, die Große Koalition wegen „Renten-Klaus“ verklagen zu wollen. Was daraus geworden ist? Keine Ahnung. Bis heute haben wir weder davon noch sonst von der „Bild-APO“ je wieder etwas gehört.

Dabei hatte sich „Bild“-Mann Dirk Hoeren damals noch kämpferisch gegeben:

Was weiterhin fehlt, ist die bürgerliche Opposition.

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass BILD der Großen Koalition die Stirn bietet. Wir lassen uns nicht mit Geschäftsordnungstricks plattmachen. Die wahre Opposition ist die BILD-APO!

Bleibt die Frage: Was macht sie heute, die „wahre Opposition“?

Nun …

WIR SINGEN DER KANZLERIN EIN LIED!

Das Lied, so verriet es Angela Merkel im Mai in Stralsund, gehört zu ihren Lieblingsliedern. BILD meint: „Wir lieben die Stürme…“ passt perfekt zur Regierungschefin, die seit ihrem Amtsantritt einen Krisenherd nach dem anderen löschen musste – und dabei ihren Humor und ihre Zuversicht nie verloren hat.

Statt Kloppe gibt’s also jetzt Lieder, Bilder und Streicheleinheiten für die „Übermutti“.

Derweil berichtet „BILD-APO-Experte“ Ralf Schuler (der dem Wirtschaftsministerium vor einigen Monaten noch die zweite „APO“-Anfrage aufgenötigt hat) so über die China-Reise von Angela Merkel:

33 Grad Celsius, Smog, eine unsichtbare Sonne brütet über der Dunstglocke Pekings. Mein Hemd fühlt sich an wie ein nasses Handtuch.

Nur eine wirkt cool: Angela Merkel (59, CDU).

Ralf Schuler, Verzeihung, Lalf Schulel schaut der Kanzlerin jetzt nicht (mehr) auf die Finger, sondern auf die Klamotten:

Als die Kanzlerin kommt, wirkt sie unbeschwert in ihrem lindgrünen Blazer; Premier Li trägt ein Kurzarmhemd, keine Krawatte. Dafür, dass Angela Merkel tadellos aussieht, sorgt auch ihre Stylistin Petra Keller. Sie ist auf Reisen mit dabei, wohnt im Nachbarzimmer der Kanzlerin.

Und CSU-Mann Alexander Dobrindt darf heute im größten Nicht-Fußball-Artikel der gesamten Ausgabe hoch und heilig versprechen, dass seine ersehnte Pkw-Maut keinen Bundesbürger finanziell mehrbelasten werde:

Die „Bild“-Zeitung widmet dem „Maut-Macher“ und seinen Plänen fast die gesamte Politik-Seite und inszeniert sich selbst dabei als Beschützerin des Volkes. Klassische Win-Win-Situation. Und von „APO“ keine Spur.

Offenbar lebt es sich als außerparlamentarischer Verbündeter dann doch irgendwie besser.

Kartenlegen für die Isis

In den sozialen Netzwerken und in einigen Medien stößt man seit einiger Zeit auf Karten wie diese hier:

Angeblich zeigt sie die Expansionspläne der Terrorgruppe Isis; ihren Fünf-Jahres-Plan auf dem Weg zur Weltherrschaft.

Bei „Focus Online“ finden sich gleich zwei solcher Karten. Und Blick.ch schreibt:

Die Gotteskrieger von Isis haben den Grössenwahn. Auf einer in sozialen Medien veröffentlichten Roadmap verraten sie, wie sie die Welt gestalten wollen: Der Nahe Osten, Nordafrika, Teile Asiens, der Balkan, Osteuropa, Spanien und Portugal sollen bis 2020 zum ausgerufenen Kalifat gehören. Wie die Karte zeigt, wollen die Islamisten über Österreich sogar bis zur Schweizer Grenze vordringen!

Auch Bild.de alarmierte seine Leser sogleich über die „Machtphantasien von Isis“:

Vor allem den Betreibern und Nutzern von rechten Blogs und Hetzportalen dienen die Karten seither als effektiver Stimmungsanheizer gegen den Islam insgesamt.

Dabei gibt es enorme Zweifel daran, ob die Karten überhaupt echt sind.

Zunächst: Bild.de gibt als Quelle „Twitter (ThirdPosition)“ an — verschweigt allerdings, dass es sich dabei um eine nationalistische und rassistische Bewegung aus den USA handelt, deren erklärtes Ziel die Vorherrschaft der Weißen ist.

Davon ab kursieren im Netz verschiedene Varianten der Karte, und das schon seit Wochen. Und schon zwei Tage vor dem Bild.de-Artikel hatte der Nahost-Experte Aaron Zelin erklärt, dass es sich bei der (von „abc News“ und der „Daily Mail“ verbreiteten) Karte um einen Fake handele. Er sagte:

Das ist ein altes Bild, das von Fans der [Isis-]Gruppe veröffentlicht wurde. Es ist weder offiziell, noch gibt es einen Fünf-Jahres-Plan.

Auch Yassin Musharbash von der „Zeit“ twitterte heute:

Schon vor ein paar Wochen hatte er geschrieben:

Es gibt Hunderte solcher Fakes. Das Problem ist, wenn sie für wahr gehalten werden. So kursieren mehrere Landkarten des Nahen Ostens unter Isis-Anhängern, in denen das von Isis beanspruchte Gebiet schwarz eingefärbt und mit ihrer Flagge markiert ist – das zukünftige Kalifat. Solche Karten gibt es seit Jahren, von Al-Kaida-Anhängern fabriziert, von Sympathisanten von Isis’ Vorläufergruppen – es ist ein alter Propaganda-Hut. Weiterverbreitet wurde aber letzte Woche eine Version dieser Karte mit dem Hinweis, es handle sich um den Fünf-Jahres-Plan von Isis. Huch! Und schon wird aus einer schnell hinretouchierten Karte plötzlich ein vermeintliches Dokument.

Als hätten wir nicht schon genug Schwierigkeiten, bei den wirklich von Isis stammenden Informationen herauszufinden, welche bedeutsam sind, welche die Wahrheit abbilden oder nur einen absichtsvoll gewählten Teil der Wahrheit, und welche gelogen sind.

Manchmal scheint es allerdings so, als wollten einige Journalisten das gar nicht herausfinden.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Deutschland, verknautscht

Das wäre eine schöne Aufgabe für den Geographieunterricht in der Schule: Was stimmt nicht an dieser „großen BILD-Deutschlandkarte“, auf der man angeblich sehen soll, ob man in einer Tiefflugzone lebt?

Gut, die kurze Antwort wäre: „fast alles“, aber dafür gibt es noch keine Punkte.

Am einfachsten zu erkennen ist, dass Bild.de den Bodensee verschoben hat. Österreich und die Schweiz kriegen nichts mehr von ihm ab — er liegt komplett in Deutschland. Auch größere Teile der österreichischen Alpen sind nach Deutschland eingemeindet worden, wobei das Verblüffende ist, dass Bild.de es geschafft hat, nicht die Umrisse und Grenzen des Landes zu verändern, sondern nur den Inhalt zu verschieben.

Und es ist keineswegs alles einfach nur in eine Richtung verrutscht. Aalen zum Beispiel haben die Kartenmacher von Bild.de nach Süden verschoben, Stuttgart dagegen nach Norden. In Wahrheit haben beide Städte ungefähr dieselbe geographische Breite: Aalen liegt einfach östlich von Stuttgart.

Mit irgendeiner komplexen Origami-Technik scheinen sich die Bild.de-Infografiker ein eigenes Deutschlandbild zurechtgefaltet zu haben. Und die Österreicher und Schweizer sollen sich mal nicht so haben mit dem geklauten Stück vom Bodensee: Vermutlich haben sie dafür in der Bild.de-Geographie feine Strände am Mittelmeer.

Mit Dank an Philipp O. und Jürgen F.!

Nachtrag, 12:25 Uhr. Bild.de hat die Karte überarbeitet.

Geld verdienen als Gaffer

„Bild Bremen“ und Bild.de berichten heute über einen „Horror-Crash“ auf der A1, bei dem gestern eine Lkw-Fahrerin ums Leben gekommen ist.

Nachdem sie die dramatischen und „herzzerreißend[en]“ Szenen an der Unglücksstelle geschildert hat, schreibt die Autorin:

Während Retter die Verletzten befreien, bremsen auf der Gegenfahrbahn etliche Fahrer ab, fotografieren und filmen das Drama.

Näher geht sie darauf nicht ein, aber vermutlich soll man das als Kritik an den Gaffern verstehen. Denn Gaffer — noch dazu fotografierend und filmend — mag die „Bild“-Zeitung ganz und gar nicht.

Es sei denn, sie verkaufen ihre Fotos danach an „Bild“. Aber dann sind sie auch keine Gaffer mehr, sondern „Bild-Leser-Reporter“:

Gezeigt werden noch fünf weitere Fotos des „Leser-Reporters“* („Bestatter schieben den Sarg zum Leichenwagen“, „Ein Feuerwehrmann streichelt das Hündchen der toten Lkw-Fahrerin“) — auch in der gedruckten Version:

(Alle Unkenntlichmachungen von uns.)

„Bis zu 250 Euro“ sind der Redaktion solche Fotos wert. Das 1414-Logo prangt mitten im Artikel wie ein Siegel (Dieses Foto hat ein stinknormaler Leser gemacht!) und ein Aufruf zugleich (Das kannst du auch! Schick uns deine Unfall-Fotos, mit etwas Glück kriegst du sogar Geld dafür!).

Allerdings war diese Praxis — sich über Gaffer zu empören und sie gleichzeitig zu belohnen, ja fast schon zu ermutigen — für Menschen von „Bild“ bisher noch nie ein Problem.

Mit Dank an Oliver M. und Nico W.

*Nachtrag/Korrektur, 17 Uhr: Offenbar stammt nur eines der Fotos von einem „Leser-Reporter“, alle anderen von einem freien Fotografen. Bild.de hatte eine Bildunterschrift falsch gesetzt (inzwischen aber korrigiert), daher das Missverständnis.

„Ich mache nur die Fotos – alles andere ist Sache der Redaktionen“

Am Sonntagnachmittag ist vor dem Hamburger Hauptbahnhof ein Mann niedergestochen worden. Er starb wenig später an seinen Verletzungen. Der Täter wurde kurz nach der Attacke in der Nähe des Hauptbahnhofs festgenommen.

Zufällig war auch ein freier Fotograf vor Ort, der einige der Szenen mit seiner Kamera festhielt. Veröffentlicht wurden seine Fotos am Dienstag in der „Bild“-Bundesausgabe, der „Bild Hamburg“ und bei Bild.de.

So sah die gedruckte Version (blatthoch auf Seite 3 der Bundesausgabe) aus:

Die Beschreibung des großen Aufmacherfotos lautet:

Das blutüberströmte Opfer sitzt am Boden, die Klinge steckt in seinem Bauch. Direkt hinter ihm: der Messerstecher (blaue Jacke). Geschockte Passanten beobachten die Szene, darunter auch Kinder.

Und zu sehen ist — genau das. Die Augenpartie des sterbenden Mannes ist unkenntlich gemacht worden (in der Online-Version auch die Messerklinge in seinem Bauch), alles andere aber nicht. Im Text erfährt der Leser im Grunde nur, dass ein Mann niedergestochen, der Täter festgenommen und ein Haftbefehl wegen Mordes erlassen wurde.

Selbst für „Bild“-Verhältnisse ist das eine außerordentlich drastische Darstellung von Brutalität und Leid; entsprechend viele Leser empörten sich darüber bei uns oder in den sozialen Medien.

Wir wollten wissen, wie es zu den Fotos gekommen ist und wie sie in der „Bild“-Zeitung gelandet sind — darum haben wir dem Fotografen ein paar Fragen gestellt.

Er erklärte uns, er arbeite neben der Schule als freier Fotograf und sei an jenem Tag mit einem Kollegen auf dem Weg zur S-Bahn gewesen, als sie eine kurdische Demo entdeckten. Aus journalistischer Neugier seien sie

dort hingegangen, und ich habe angefangen, mit meiner Kamera, die ich fast immer bei mir habe, zu fotografieren.

Plötzlich gab es einen Tumult hinter der Demo, viele bewegten sich dorthin. Für mich war der Grund nicht sofort erkennbar, und so bewegte ich mich ebenfalls aber schnell dort hin. Das erste, was ich wahrnahm, war ein Mann, der offenbar verletzt auf dem Boden zusammensackte. Intuitiv hab ich dann angefangen zu fotografieren, da ich vermutete, dass das Ganze mit der Demo zu tun hatte, vielleicht eine heftigere Schlägerei nach einer Meinungsverschiedenheit, was bei Demos ja durchaus mal vorkommen kann.

Die Menschen drumherum waren sehr erregt, und ich habe weiterfotografiert, bis ich das Messer im Bauch des Mannes entdeckte. Meiner Erinnerung nach war ich kurz geschockt, dann kamen ziemlich schnell die ersten Beamten der DB-Sicherheit, drängten die Passanten weg, und auch die Bundespolizei tauchte auf, während sich die ersten Passanten bereits um den Verletzten kümmerten. Ich habe dann noch weitere herbeigeeilte Beamte der Bundespolizei und DB-Sicherheit beobachtet, wie diese die Passanten hektisch nach dem Täter fragten, und, als sie in Richtung St. Georg liefen, bin ich ihnen gefolgt und habe auch die Festnahme fotografiert und dokumentiert.

Trotz all der Schrecklichkeit dieses Ereignisses und der Anteilnahme, die ich hiermit ausdrücklich allen Beteiligten und Angehörigen ausspreche, war es für mich Teil meiner journalistischen Arbeit. So abartig das in dem Zusammenhang klingt. Fotografen dokumentieren das, was geschieht. Dass im Kontext einer Demonstration ein Mensch attackiert wird (auch wenn wir mittlerweile wissen, dass es nichts mit der Demonstration zu tun hatte), ist definitiv bedeutsam und ist es wert, dokumentiert zu werden. Ähnliche Bilder entstanden vieltausendfach in anderen Konflikten — seien sie militärischer oder ziviler Natur gewesen — und dokumentieren Zeitgeschehen, auch wenn man sie zum Zeitpunkt ihrer Entstehung vielleicht noch nicht so eingeschätzt hat.

Ich bin eigentlich sogar sehr froh darüber, dass ich dank der Demo bereits im „Arbeitsmodus“ war und das ganze nicht als Privatperson wahrgenommen habe, weil es für mich eine wichtige Distanz bedeutet, die mich im Nachhinein persönlich auch sehr geschützt hat, wie übrigens bei einigen anderen Ereignissen, die ich schon dokumentiert habe, auch.

Das heißt nicht, dass ich als Mensch keine Emotionen habe oder kein Mitgefühl. Ich bin trotzdem der gleiche Mensch wie vorher, nur um ein paar Erfahrungen reicher. Leider gibt es viele Menschen, die voreilig Schlüsse über mich als Privatperson ziehen, anhand der Bilder, die während meiner Arbeit und aus der Distanz heraus entstanden sind. Viele Berufe, die mit menschlich schweren Schicksalen umgehen müssen, brauchen diese professionelle Distanz: Ärzte, Sanitäter etc., also auch Journalisten.

Und wie sind die Fotos in der „Bild“-Zeitung gelandet?

Der Fotograf erklärte:

Die BILD ist in Hamburg immer noch eine der großen Abnehmer, und ich habe die Fotos, wie bei freien Fotografen üblich, den Medien angeboten. Nicht nur und einzig der BILD, aber zu allem Weiteren werde ich professionelles Stillschweigen bewahren, da ich auch in Zukunft noch als Fotograf arbeiten möchte, auch wenn ich natürlich weiterhin und situationsabhängig selbst entscheide, wer, wie und wo meine Fotos nutzt oder nutzen und verbreiten darf. Vielleicht werde ich in Zukunft anders handeln bei der Verbreitung meiner Bilder. Meine persönliche Meinung, zu welchem Medium auch immer, versuche ich übrigens in solchen Momenten professionell zurückzuhalten.

Wir wollten wissen, ob er es in Ordnung findet, das Foto des sterbenden Mannes (so) zu zeigen, darauf schrieb er:

Was ich persönlich ganz und gar nicht in Ordnung finde, ist, dass Passanten, Beteiligte (also auch der Täter) und vor allem auch Kinder so deutlich erkennbar dargestellt und veröffentlicht werden! Allerdings möchte ich nochmal klarstellen, das ich einzig und allein für die Entstehung und das zur Verfügung stellen der Fotos verantwortlich bin. Alles andere ist Sache der jeweiligen Redaktion! Es ist gängige Praxis, dass Fotografen ihre Bilder relativ unbearbeitet und unverändert zur Verfügung stellen und die jeweilige Redaktion diese dann den journalistischen und ethischen Gesetzen und Grundsätzen entsprechend veröffentlicht.

Die Reaktionen, die er auf die Fotos bekommen habe, seien „großteils relativ sachlich“ gewesen, doch er habe den Eindruck,

dass viele Personen sich wenig bis gar nicht mit der Arbeit eines Fotojournalisten auskennen, die Situation vor Ort und mich persönlich natürlich noch weniger, und trotzdem ihre Schlüsse auf mich ziehen oder Entscheidungen mich betreffend fällen.

Sein „persönliches Fazit“:

Durch viele zusammenhängende Zufälle habe ich, in dem Moment aus professioneller Distanz, ein schreckliches Ereigniss dokumentiert und diese bildliche Dokumentation verkauft. Diese wurde dann verbreitet. Inwieweit ich Verantwortung für die Art der Verbreitung trage und sie beeinflussen kann (es geht hier um das Unkenntlichmachen von Beteiligten), möchte und kann ich nicht an dieser Stelle klären, für mich selbst werde ich es aber zu gegebener Zeit auf jeden Fall tun, um vor allem für mich und meine Zukunft daraus zu lernen!

Sein „berufliches Fazit“:

Theoretisch hätte die Verbreitung der Bilder ein wenig anders laufen können (!), praktisch ist genau das geschehen, was die Arbeit eines Fotojournalisten bewirken soll: Im besten Fall lösen die Bilder Emotionen bei den Betrachtern aus und stoßen so eine wichtige Diskussion an. Zum Schluss würde ich mir wünschen, dass sich diese Diskussion nun mehr um das eigentliche, schreckliche Geschehen dreht, als um einen Fotografen, der eigentlich nur seine Aufgabe erfüllt hat!

PS: Unseres Erachtens verstoßen „Bild“ und Bild.de mit den Artikeln gegen Ziffer 11 („Die Presse verzichtet auf eine unangemessen sensationelle Darstellung von Gewalt, Brutalität und Leid“) und gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) des Pressekodex, darum haben wir Beschwerde beim Presserat eingereicht.

Verfluchter dentaler Frikativ!

Der Mann, der in Kanada am Mittwoch mehrere Polizisten erschossen haben soll und von Bild.de jetzt „Camouflage-Killer“ genannt wird, weil er, nun ja, Camouflage-Klamotten anhatte, soll auf seiner Facebookseite, so Bild.de, „eine Stunde vor dem Beginn der Schießerei Auszüge des Liedes ‘Hook in mouse’ der US-Metal-Gruppe Megadeth gepostet“ haben.

„Hook in mouse“ — kennen Sie? Geht ungefähr so:

Put your hand right up my shirt,
Pull the strings that make me work,
Jaws will part, words fall out,
like a fish with hook in mouse.

Der berühmte Haken in der Maus des Fisches.

… ist in Wahrheit natürlich der Haken im Maul des Fisches. Der Song heißt nämlich „Hook in mouth“.

Mit Dank an Jonas.

Der falsche Täter und andere Rügen

Die Beschwerdeausschüsse des Presserats haben in ihren jüngsten Sitzungen sechs Rügen, 20 Missbilligungen und 16 Hinweise ausgesprochen. Die Hälfte der Rügen ging an die „Bild“-Gruppe.

Etwa hierfür:

(Unkenntlichmachungen von uns.)

So hatten die Kölner „Bild“-Ausgabe und Bild.de Anfang des Jahres über ein Verbrechen in einem Dorf in Nordrhein-Westfalen berichtet. Die Redaktionen nannten den Vornamen, den abgekürzten Nachnamen sowie persönliche Details des Patensohns und zeigten ein Foto von ihm, das lediglich mit einem kleinen Alibi-Balken versehen war. Kurz darauf erwies sich der Mann jedoch als unschuldig (BILDblog berichtete).

Nach Ansicht des Presserats ist die Berichterstattung vorverurteilend und identifizierend und verstößt damit gegen Ziffer 13 (Unschuldsvermutung) des Pressekodex. „In Anbetracht des Ermittlungsstandes hätte über ihn nicht identifizierend berichtet werden dürfen“, befand der Ausschuss und sprach gegen „Bild“ und Bild.de eine Rüge aus. Bei Bild.de ist der Artikel übrigens immer noch unverändert online.

Eine weitere Rüge erhielt Bild.de für die Berichterstattung über den Mord an einem zwölfjährigen Mädchen. Das Portal hatte den Artikel mit einem Foto des Kindes bebildert, obwohl Opfer von Verbrechen — insbesondere Minderjährige — laut Pressekodex besonderen Schutz genießen (Richtlinien 8.2 und 8.3). Die Redaktion argumentierte später, die Familie habe in der Lokalzeitung selbst eine Todesanzeige mit Foto veröffentlicht. Dieses Argument ließ der Presserat jedoch nicht gelten:

Aus einer Todesanzeige in einem anderen Medium, die sich an einen kleineren Personenkreis richtet, lässt sich nicht auf eine grundsätzliche Einwilligung zu einer identifizierenden Abbildung schließen. Zudem war in der Todesanzeige nicht die Rede von einem Gewaltverbrechen. Diesen Zusammenhang stellte erst BILD Online in der Berichterstattung her. Besonders schwer wog aus Sicht des Gremiums zudem, dass das Mädchen unmittelbar neben seinem Mörder abgebildet wurde. Dies verletzt die Gefühle der Angehörigen.

Die Nürnberger „Bild“-Redaktion wurde gerügt, weil sie über ein laufendes Strafverfahren wegen eines Drogendelikts berichtet und dabei viele Details zu dem Betroffenen genannt hatte. Der Presserat erkannte darin einen schweren Verstoß gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit). Ein überwiegendes öffentliches Informationsinteresse an der identifizierenden Berichterstattung habe nicht bestanden. Dass sich die Redaktion auf die Beschwerde hin zwar bei dem Betroffenen, nicht aber bei den Lesern entschuldigt hatte, sei keine „ausreichende Wiedergutmachung im Sinne des Pressekodex“.

Doppelt gerügt wurde die Berichterstattung von Welt.de über den Suizid einer Nachwuchssportlerin. Die Redaktion hatte in zwei Artikeln (darum auch zwei Rügen) ausführlich über persönliche Details der jungen Frau geschrieben — etwa über ihre psychischen Probleme und die Beziehung zu ihrem Freund — und damit „tiefgreifend“ in ihre Privatsphäre eingegriffen, wie der Presserat befand. „Zudem spekulierte die Redaktion über die Beziehung zwischen Eltern und Tochter und stellte hierdurch indirekt Schuldzuweisungen für den Suizid in den Raum.“ Die Berichterstattung verstoße gegen Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit) und insbesondere Richtlinie 8.7 (Selbsttötung), nach der die Berichterstattung über Suizide Zurückhaltung gebietet — vor allem mit Blick auf mögliche Nachahmer.

Übrigens hatten auch andere Medien detailliert über den Suizid berichtet und über die Hintergründe spekuliert. Beim Presserat gingen aber nur Beschwerden über Welt.de ein.

„Focus Online“ schließlich wurde mit einer Rüge belegt, weil das Portal „unangemessen sensationell“ über einen Überfall in Ecuador berichtet hatte. Auf einem Video war unter anderem ein blutüberströmtes Opfer zu sehen, das aus einem Bus stürzte. Aus Sicht des Presserats verstößt die Darstellung der sterbenden Menschen gegen Ziffer 11 (Sensationsberichterstattung) des Pressekodex. „Focus Online“ argumentierte zwar, das Video sei zu Fahndungszwecken der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden, doch das ließ der Beschwerdeausschuss nicht gelten. Die Täter seien zum Zeitpunkt der Berichterstattung bereits gefasst, der Fahndungszweck also nicht mehr gegeben gewesen.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Von den 20 Artikeln, die missbilligt wurden, erschienen sieben in „Bild“ bzw. bei Bild.de.

Ein Brief von Franz Josef Wagner wurde missbilligt, weil er darin den Ex-Präsidenten der Ukraine als „egoistisches, luxuriöses Schwein“ bezeichnet hatte. Diese Herabwertung verstoße gegen Ziffer 1 (Wahrhaftigkeit und Achtung der Menschenwürde), entschied der Beschwerdeausschuss.

Missbilligt wurden außerdem das Foto von einer privaten Trauerfeier, das Foto eines flüchtenden Ladendiebes und der Screenshot eines Facebook-Profils, auf dem persönliche Details zu Täter und Opfer einer Straftat zu erkennen waren (alles bei Bild.de erschienen; jeweils Verstöße gegen Ziffer 8).

Außerdem zeigte Bild.de ein Foto, auf dem ein Feuerwehrmann ein lebloses Kind in den Armen hält. Zwar war der Körper des Jungen einigermaßen verpixelt worden, dennoch wertete der Presserat die Darstellung als unangemessen sensationell (Ziffer 11), vor allem auch, weil die Bildunterschrift suggerierte, dass es sich um ein totes bzw. sterbendes Kind handele.

Gleich zwei Missbilligungen gab es für die Berichterstattung über einen mutmaßlichen Piraten aus Somalia, der von Bild.de vorverurteilt (Ziffer 13) und von der gedruckten „Bild“ ohne Unkenntlichmachung gezeigt wurde (Ziffer 8).

Weitere Missbilligungen gingen an „Bunte“ und Bunte.de (für die Weight-Watchers-PR-Geschichte mit Julia Klöckner), „Playboy“, „Fränkischer Tag Online“, taz.de, „Buxtehuder/Stader Tageblatt“, Derwesten.de, „Hundeleben“, „Express“, Ruhrbarone.de und Tagesspiegel.de.

Alles für’n Arsch

So eine plötzliche Dauererektion kann ja verschiedene Gründe haben. Die Leute von „Bild“ zum Beispiel werden immer dann besonders schnell und langanhaltend rattig, wenn es um die versehentlich entblößten sekundären Geschlechtsmerkmale weiblicher Prominenter geht („Lindsay Lohan lüpft ihre Lustwarze“ / „Freche kleine Knospen“ / „Da wird’s uns ganz warm ums Herz“). Ruckzuck schießt ihnen dann das Blut in den Kopf zwischen die Beine, und es kann durchaus vorkommen, dass es mehrere Tage und Artikel lang dort bleibt und pulsiert und pulsiert.

Dieses Mal ist es so heftig wie nie zuvor. Seit über eine Woche kriegt die „Bild“-Zeitung die Hose nicht mehr zu. Vor allem online herrscht der blanke Wahnsinn, seit ein „Popo-Blitzer“-Foto von Herzogin Kate aufgetaucht ist.

Dass die Erregung diesmal so lange anhält, hat aber vermutlich weniger damit zu tun, dass die Leute von „Bild“ den Hintern von Kate angeblich so übertrieben gut finden („Er ist einfach nur SCHÖN. Nicht zu groß, nicht zu klein. Toll geformt. Trainiert, geradezu gestählt. Cellulite-frei. Ja, absolut perfekt“), sondern eher damit, dass die „Bild“-Medien die ersten und weitgehend einzigen waren, die das Foto unverpixelt gezeigt haben — und sich, seit der „Skandal“ die Runde macht, nicht mehr nur an dem Foto aufgeilen, sondern vor allem an sich selbst.

Vor zwei Jahren, als die französische „Closer“ die Oben-ohne-Fotos von Kate veröffentlicht hatte, hielt sich „Bild“ noch brav zurück, zensierte die Fotos und plädierte sogar dafür, den Royals mehr Respekt entgegenzubringen. Die Fotos waren damals allerdings auch auf einem Privatgrundstück aufgenommen worden, was gerade juristisch noch mal eine andere Qualität hat. Die aktuellen Fotos sind dagegen auf öffentlichem Gelände entstanden: Kate, die Herzogin von Cambridge, ist in Australien aus einem Hubschrauber ausgestiegen, dabei wurde ihr Kleid kurz hochgepustet, und man konnte einen Teil ihrer Pobacken sehen. Eine Fotografin hielt drauf, entdeckte später den Schnappschuss und bot ihn zum Verkauf. Und die Leute von „Bild“ witterten offenbar die Chance auf ihren ganz eigenen Kate-„Nackt“-„Skandal“ — und schlugen zu.

Der Windhauch des royalen Helikopters bei der Landung in den australischen Blue Mountains sorgte für diesen kurzen, aber magischen Moment.

Diesem „magischen Moment“ widmete die „Bild am Sonntag“ fast die ganze letzte Seite:

Dazu noch drei weitere Kate-zeigt-versehentlich-Haut-Fotos, denn „der Wind, das himmlische Kind“, meine es „ja traditionell gut mit Kate“, haha.

Noch am selben Tag, online, gleich der nächste Artikel. Kategorie: Service.

Wer wünscht sich nicht ein knackiges Hinterteil mit dem „sich Nüsse knacken“ lassen?! Wie sich jetzt durch einen kleinen Windhauch-Blitzer herausstelle, ist Herzogin Kate in der Körpermitte besonders gut ausgestattet. Kein Grund zum Popo-Neid, liebe Damen!

Denn Bild.de verriet den „lieben Damen“, wie „aus jedem Schwabbel-Popo“ bis zum Hochsommer „ein knackiger Hingucker werden“ kann (zusammengefasst: mit Sport und vernünftiger Ernährung, oha!), bot außerdem eine „Kleine Po-Typologie“, mit deren Hilfe der geneigte Leser endlich erfährt, wie sich eigentlich „Apfel-“ von „Birnen-„, „Kartoffel-„, „Nektarinen-“ und „Tomaten-Pos“ unterscheiden („Wer einen Nektarinen-Po hat, sollte dankbar sein!“) und welche besonderen Pflegemaßnahmen die Typen jeweils erfordern („Aufgrund der eher schlafferen Po-Struktur sollte der Tomaten-Po besonders durch intensive Übungen gefestigt werden“). Als Service für die lieben Herren gab es einen Link zum „Knackarsch-Quiz“ („Erkennen Sie die Promi-Popos?“).

Am Tag darauf erschien ein Artikel, der bei Bild.de anschließend tagelang zu den meistgeklickten gehörte, was aber auch nicht gerade verwundert:

Dann gab es die ersten Reaktionen. Bild.de verkündete:

Ein Knack-Popo sorgt für Wirbel!

[...] BILD zeigte das Foto, britische Medien berichteten darüber. Und sind ein bisschen verstimmt, weil wir IHRE Kate in POse setzen.

Und wenn andere, sogar internationale Medien über „Bild“ schreiben — egal, ob gut oder schlecht –, findet „Bild“ das natürlich noch geiler als jeden Promiarsch. Also ging es fleißig weiter.

Um die Aufmerksamkeit der Briten noch zu befeuern, richtete sich Bild.de gleich direkt an die „lieben Engländer“ und schrieb: „Hey, nicht aufregen – wir wollen euch Kate doch nicht wegnehmen. Denn: Auch hierzulande gibt’s tolle Kehrseiten. Und die zeigen wir euch jetzt!“

Und zur Sicherheit das Ganze auch auf Englisch:

Neben der „Von-hinten-mindestens-so-sexy-wie-von-vorne-Liste“ („the as-sexy-from-the-back-as-from-the-front list“) und den dazugehörigen Klickstrecken zeigte Bild.de auch ein 40-sekündiges Video, auf dem die Fotos von Kate als Diashow zu sehen sind, ohne den sonst üblichen Off-Kommentar, dafür aber mit loungig-pornöser Fahrstuhl-Musik unterlegt. Sechs Mal wird Kates Hintern in verschiedenen Zoom-Stufen präsentiert.

Das Video ist auch in fast allen Artikeln zu finden, die danach noch folgten, etwa in diesem hier:

Bei Kylie Minogue fliegt „das Röckchen in die Luft“, bei Allesandra Ambrosio gibt es „am schicken Malibu Beach plötzlich mehr als nur Wellen zu sehen“ und die Leute von „Bild“ schwärmen vom weltweiten Wirbel, den sie verursacht haben.

Erst wirbelte der Wind um Herzogin Kates Po, dann sorgte das entstandene Foto für Wirbel.

Sonntag tauchte ein Schnappschuss unserer Lieblings-Herzogin Kate (32) mit freiem Blick auf ihren schönen Po auf. BILD zeigte das Foto, die Briten waren not amused.

Aber: Ob in Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA oder natürlich bei unseren britischen Freunden – Kates Knackpo ist DIE Story!

Das musste gleich noch mit einem ganz eigenen Artikel gefeiert werden:

„Viele Medien und Twitterer rücken die BILD-Berichterstattung in den Mittelpunkt“, hieß es da, und noch mal:

Ob in Australien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA oder natürlich bei unseren britischen Freunden – Kates Knackpo ist DIE Story!

Darum zeigt BILD noch mal die ganze Fotoserie und erklärt, wie sie entstanden ist.

Plus: Einen Haufen Screenshots und Tweets, die belegen sollen, wie sehr die „Bild“-Berichterstattung doch um die Welt gegangen sei.

Und auch sonst gaben sich die Mitarbeiter größte Mühe, DIE Story weiter auszuschlachten. Etwa so:

Ein Hinterteil, auf das eine Frau stolz sein kann!

… meint „Bild“-Autorin Christiane Hoffmann (das ist übrigens auch die, die Kates Hintern „einfach nur SCHÖN“ und „absolut perfekt“ findet) in diesem bislang absurdesten Artikel der ganzen Serie. Sie fügt stolz hinzu:

Noch NIE hat ein toller Po für eine derartige Aufregung gesorgt. Rund 400 Quadratzentimeter Haut, noch nicht einmal nackt, sondern mit einem Hauch von Stöffchen bedeckt.
Dass BILD am Sonntag das Hinterteil von Herzogin Catherine (32), kurz Kate, zeigte, sorgt für Aufregung auf der ganzen Welt.

Interessanterweise meint Frau Hoffmann aber auch:

Ein Po geht um die Welt, dabei sollten wir den Hintern-sinnigen Aufruhr lieber am Po der Welt lassen…

Was ist denn schon passiert?

Eine der meistfotografierten Frauen der Welt, wunderschön und von einem ganzen Stab an Stylisten und Experten rundum in ihrem Auftreten beraten, wurde mal wieder fotografiert.

Tja, so what?!

Unterscheidet sich ihr Po von einem anderen VIP-Hinterteil? Nein, dieses royale Körperteil besteht aus den exakt gleichen Bestandteilen und Inhaltsstoffen wie ein bürgerlicher – aus Fleisch und Blut.

Ja, eben.

Aber?

ABER: Kates Popo-Moment ist eines jener Ereignisse, die schon vielen VIP-Frauen passierten. Magische Sekunden, die ein Bild manifestieren in unseren Köpfen. Ein magischer Marilyn-Monroe-Effekt!

Ach so.

Die Frage, die wir uns eher stellen sollten: Ist so ein Popo-Moment rein zufällig?

Das zu glauben, ist dumm. Das hieße, wir würden diesen Frauen mangelnde Intelligenz und schreckliche Naivität unterstellen und Selbstkontrolle absprechen. Jeder VIP, der die freie Wildbahn, einen Bürgersteig oder einen roten Teppich betritt, kalkuliert mögliche Risiken. Und wenn dies der Promi nicht selbst tut, dann gibt es jemanden, der es für ihn macht.

Das heißt: Kates „Popo-Moment“ war Absicht? Eine PR-Inszenierung?

Natürlich ist eine Wiese in Australien keine Oscar-Party. Und Kates Kleid nicht das weiße Röckchen von der Monroe.

Ja, eben. Aber?

Aber beim Verlassen eines Hubschraubers erzeugen Rotorblätter nun einmal einen starken Wind. Einen, der so stark sein könnte, dass alles im Umkreis von einigen Metern nicht da bleibt, wo es vielleicht sollte.

Kate wusste, dass sie mit einem Hubschrauber fliegen würde. Und dass Hubschrauber nicht ohne Rotorblätter fliegen können. Und dass Rotorblätter Wind erzeugen. Und dass sie ein leichtes Stöffchen trug an jenem Tag im April.

Dass natürlich die Hobby-Fotografin Diane Morel diesen magischen Po-Moment festhalten könnte – ja, damit hätte Kate nicht rechnen können.

Ach so.

Die „Bild“-Autorin kommt zu dem Schluss:

Ein winzig kleiner Zufall mit großer Wirkung: Er zeigt uns, dass diese wunderbare, sehr kontrollierte, einem strengen Hof-Protokoll unterworfene Frau mit Super-VIP-Status ein Wesen aus Fleisch und Blut ist. Und wir jetzt seit ein paar Tagen wissen – mit einem granatenhübschen Hinterteil!

Wenn wir das alles richtig verstehen, findet „Bild“-Frau Christiane Hoffmann also, dass wir alle (Kate eingeschlossen) „Bild“ dankbar sein müssten. Darauf muss man auch erstmal kommen.

Am Tag darauf der nächste Artikel:

Geboten wurden sechs Fotos aus der Kate-verlässt-den-Hubschrauber-Serie, arrangiert in einer „Popo-Love-Story“:

Gleich wird’s windig…
Da ist es passiert! Der Wind hat das Kleidchen gelüftet
Ist doch gar nichts passiert! Oder?
Gefahr erkannt, Gefahr gebannt – schnell ab ins Auto
Ob doch jemand was gesehen hat?
Gleich ist es geschafft
Bye-bye, Kate winkt

… plus Hintern-Video, plus zwei der schon am Anfang präsentierten Kate-zeigt-versehentlich-Haut-Fotos.

Einen Tag später erneut Christiane Hoffman. Diesmal in der gedruckten „Bild“ über die …

„Der Po ist nicht das Ende, sondern der Anfang aller Dinge.“ (afrikanisches Sprichwort)

Berlin – Der wunderschöne PO der wunderbaren Kate fasziniert die Welt. Rund, knackig, wogend …
Hach! Pure POesie.

Aber Hoffmann dichtet nicht nur, sie geht auch den grundlegenden Fragen des Lebens nach, etwa:

Warum begeistern sich die Menschen für dieses POpuläre Körperteil? Woher kommt diese Lust auf PO?

Irgendwann stellt sie fest:

Wir sind PO-verrückt!

Und das glauben wir ihr gerne.

„Bild“ hat noch einige „ARSCHGEILE SCHNAPPSCHÜSSE“ und die berühmtesten Hintern der Welt abgedruckt, außerdem die KLEINE POPOLOGIE“, „5 WEGE ZUM PERFEKTEN PO“ und natürlich Screenshots von der „EMPÖRUNG IM AUSLAND“. Voller Stolz hält auch die Print-„Bild“ noch mal fest:

Ein Po (-Foto) geht um die Welt! Und die EmPOrung ist riesig…

Die Welt fragt sich: Darf man das vom Winde verwehte Hinterteil von Catherine (32) zeigen? Ein Popo-Blitzer wird nun zum POlitikum …

„Bild“ erwähnt zur Sicherheit noch mal „Australien“ und die „Vereinigten Arabischen Emirate“ und ergänzt diesmal:

Doch keiner traut sich in Kates Heimatland, alles zu zeigen. Der Popo wird mit Krönchen abgedeckt oder verpixelt.

„Keiner traut sich“. Als wäre das alles, worum es geht — ob man „mutig“ genug ist, die Fotos zu zeigen.

Auch am nächsten Tag war Bild.de im „Popo-Fieber“ und schob noch mal ein Service-Stück ein:

Im Grunde ist es der gleiche Artikel wie schon zu Beginn („So bekommen auch Sie einen royalen Knack-Po“), nur dass die Po-Typologie diesmal bebildert ist. Ach — und diesmal muss man bezahlen, um den Artikel lesen zu können.

Anschließend (der Trip dauerte inzwischen schon eine Woche) wurden die „Bild“-Leserinnen aufgerufen, Fotos von ihrer „POPOladenseite“ in der „Bild“-App hochzuladen („Schicken Sie uns Ihren Knackarsch!“), was tatsächlich über 500 Menschen taten.

Derweil klopfte sich auch die „Bild am Sonntag“ noch mal kräftig auf die Schulter:

Gestern dann der nächste Schritt — Querverbindungen zur hiesigen C-Prominenz:

Denn Larissa (aus Topmodel, Dschungelcamp, Promi-Dinner und „Let’s Dance“) hat am Wochenende im Fernsehen getanzt — und plötzlich:

Bei einer schwungvollen Drehung fliegt das kurze weiße Kleid des Models hooooooch und entblößt einen Knackpo.

Gut geformt, frei von Dellen, ein Anblick zum Genießen! Genau so schön wie der Blick auf Herzogin Kates Kehrseite.

Deren freigelegter Hintern sorgt seit einer Woche für Aufruhr. Denn BILD zeigte das royale Prachtstück.

Auch in diesem Artikel: Foto und Video von Kates „Prachtstück“, außerdem Links zu den „POPOlärsten Geschichten“, die bislang erschienen sind.

Über ein Dutzend waren das bislang, das heißt, fast zwei Texte täglich haben die „Bild“-Leute aus dieser einen luftigen Millisekunde, dem „magischen Moment“ herausgeholt. Nicht zu vergessen die unzähligen Wortspiele und die Aufmerksamkeit der „Welt-Presse“. Und sehr wahrscheinlich werden wir auch in Zukunft, wenn es mal wieder irgendwo „Nippelalarm!“ gibt oder „Bild“ den nächsten „Po-Blitzer“ zelebriert, die Geschichte hören von damals, als die Helden von „Bild“ ihren ganzen Mut zusammennahmen und als erste und einzige die Hälfte von Kates Hintern abdruckten.

Wer tickt hier nicht richtig?

„Hoffentlich ist das kein böses Omen“, schreibt „Bild Hamburg“:Die Uhr tickt schon nicht mehr...

Gestern um 23.20 Uhr in der Imtech Arena: Die HSV-Uhr, die die Bundesliga-Zugehörigkeit des HSV anzeigt, wird plötzlich schwarz! Nichts geht mehr, der Strom ist weg – nach 50 Jahren, 264 Tagen, 7 Stunden und 20 Minuten! Und das ausgerechnet nach dem 0:0 gegen Fürth im Kampf gegen den ersten Bundesliga-Abstieg.

Und Bild.de fragt:

Ist es nur ein dummer Zufall? Oder gar ein böses Omen? Glaubt man in Hamburg nicht mehr an die Rettung?

Naja:

Mit Dank an Katharina C. und Anonym.

Blättern:  1 2 3 4 ... 74