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Er steht im Tor, im Tor, im Tor – und blick.ch kommt nicht dahinter

Die Geschichte klingt aber auch wirklich gut: James Bittner, seines Zeichens Langzeit-Ersatztorwart bei zahlreichen englischen Fußballklubs, hat nach 13 Jahren des Wartens seine ersten Einsatzminuten in einer Profiliga bekommen.

Das berichtet jedenfalls blick.ch so:

Da ist der zähe Engländer doch schon seit 13 Jahren Fussball-Profi, spielte bei Swindon, Bournemouth, den Queens Park Rangers, Fulham Exeter, Torquay, Woking, Salisbury, Forest Green, Hereford, Newport und seit 2014 bei Plymouth — und stand tatsächlich noch keine Sekunde im Tor!

Dass am vergangenen Wochenende nun 5400 Sekunden plus Nachspielzeit dazugekommen sind, liege vor allem daran, dass der Stammtorhüter von Plymouth eine längere Haftstrafe absitzen müsse und deswegen Ersatzmann Bittner ran dürfe. Noch so ein irrer Aspekt an dieser Story.

Also, zusammengefasst:

Dieser Typ hat Sitzleder! Die Geschichte von James Bittner (33) ist unglaublich — und extrem lang.

„Unglaublich“ ist die Geschichte von blick.ch ebenfalls — und extrem verspätet. Denn Bittner hatte schon einmal einen Einsatz als Profi: Im Januar wurde er im Viertligaspiel — die vierte Liga zählt in England zum Profibereich — gegen Morecambe für eine Halbzeit eingewechselt. Und auch die Sache mit dem Gefängnisaufenthalt des Stammtorwarts liegt schon eine Weile zurück: Luke McCormick wurde bereits 2008 wegen fahrlässiger Tötung durch rücksichtsloses Fahren und Fahren unter Alkoholeinfluss zu einer Haftstrafe von sieben Jahren und vier Monaten verurteilt. 2012 kam er wieder frei. Am vergangenen Wochenende fehlte McCormick wegen einer Verletzung.

Zwar berichten auch zahlreiche britische Medien über Bittners besonderen Einsatz am vergangenen Wochenende. Allerdings schreiben sie vom „first league start“, also von seinem ersten Spiel von Beginn an.

Blick.ch beruft sich übrigens auf einen Bild.de-Artikel. Dort steht die Sache mit dem „Startelf-Debüt“ immerhin in der Überschrift richtig …

… im Artikel heißt es aber:

Die Zahl seiner Einsätze in einer der vier englischen Profiligen: 0!

Und bei derwesten.de bekommen sie es sogar hin, in einem kurzen Absatz gleich drei vier Fehler (Alter, Vereinsname, Liga, Anzahl Profispiele) einzubauen:

34 Jahre alt ist der Torwart, der mittlerweile für Plymouth Arglye in der dritten englischen Liga das Trikot überstreift. Denn das kann er eigentlich am besten: nur das Trikot überstreifen. Diesen fiesen Gedanken könnte man zumindest haben, wenn man weiß, dass James Bittner vor 13 Jahren erstmals im Match-Kader eines Profiklubs auftauchte und seitdem genau null (!) Profispiele gemacht hat.

Man könnte auch den fiesen Gedanken haben, dass der Autor null (!) recherchiert hat.

Mit Dank an „hsbasel“.

Fallen, Fake, Alarm: Die Paris-Berichterstattung von Bild.de

„Sehr reibungslos und sehr schnell und sehr professionell“ sei die „Bild“-Berichterstattung über die Anschläge von Paris abgelaufen, hat Bild.de-Chef Julian Reichelt gestern im „Aufwachen!“-Podcast erzählt. Die „Bild“-Medien hätten ihren Usern und Lesern …

alles geboten, was es an Nachrichtenlage gab, ohne, das kann man jetzt mit dem Rückblick sagen, in irgendeine Falle zu tappen, irgendeinen Fake zu veröffentlichen, der kursiert hat, ohne, aus meiner Sicht, eine zu alarmistische Sprache zu verwenden, was ja in dieser Situation gerade mit der Flüchtlingskrise in Deutschland meiner Meinung nach sehr wichtig ist, da nicht auf Sprache hereinzufallen, die sozusagen dann eine Religion kriminalisiert, sondern die nah bei den Fakten bleibt, und ich glaube, das ist uns sehr gut gelungen.

Es ist schon sehr bezeichnend für Julian Reichelt und sein Verständnis von Journalismus, dass er offenkundig stolz auf diese Punkte ist, aber es ist noch bezeichnender, dass keiner davon stimmt.

Fangen wir mit einem harmlosen Beispiel an:

Der Eintrag stammt aus dem Liveticker von Bild.de. Damit verbreitete das Portal einen der ersten Fakes, die nach den Anschlägen kursierten. In Wahrheit wurde die Beleuchtung des Empire State Buildings am Freitagabend ausgeschaltet. Rot-weiß-blau beleuchtet war es im Januar nach dem Anschlag auf „Charlie Hebdo“.

Eine andere Falschmeldung, die (nicht nur) von Bild.de verbreitet wurde, ist die mit der Playstation.

Nach den Terror-Anschlägen in Paris hat Belgiens Innenminister davor gewarnt, dass die Playstation 4 sich bei Terroristen zunehmender Beliebtheit erfreut.

Grund: die Spielkonsole bietet ein eigenes Netzwerk für private Gruppen und Sprach-Chats. Zudem gibt es die Möglichkeit, direkt in Online-Spielen zu kommunizieren. (…)

Auch bei den Ermittlungen zu den Anschlägen in Paris sollen in Brüssel Beweise gefunden worden sein, die nahelegen, dass die Attentäter mindestens eine PS4-Konsole genutzt haben, berichtet „Forbes“.

Es stimmt, dass der belgische Innenminister gesagt hat, Terroristen könnten die Playstation als Kommunikationskanal benutzen. Das war allerdings am 10. November — drei Tage vor den Anschlägen in Paris.

Auch dass bei den Ermittlungen irgendwelche PS4-Beweise gefunden worden seien, ist falsch. Der Autor des „Forbes“-Artikels hat auf Nachfrage des Videospiel-Portals kotaku.com gestern eingeräumt:

“This was actually a mistake that I’ve had to edit and correct,” writer Paul Tassi told me this afternoon. “I misread the minister’s statement, because even though he was specifically saying that PS4 was being used by ISIS to communicate, there is no public list of evidence list of what was found in the specific recent raids. I’ve edited the post to reflect that, and it was more meant to be about discussing why or how groups like ISIS can use consoles. It’s my fault, as I misinterpreted his statement.”

Immerhin: Heute hat Bild.de den Artikel korrigiert.

Ein anderes Beispiel. In den ersten Stunden nach Bekanntwerden der Ereignisse verkündete Bild.de immer neue Opferzahlen:



Laut offiziellen Angaben (Stand 15. November) gab es 129 Tote.

Natürlich war die Lage in den Stunden nach den Anschlägen völlig chaotisch, niemand konnte genau sagen, wie viele Menschen getötet wurden oder was überhaupt passiert war. Aber wäre es nicht gerade in solchen Situationen die Aufgabe von Journalisten, die gesicherten Informationen zusammenzutragen, statt Gerüchte als Gewissheiten zu verkaufen und mit Ausrufezeichen in die Welt zu posaunen?

Welche Folgen so etwas unter Umständen haben kann, zeigt ein anderer Fall.

Am Samstag tauchten Berichte auf, nach denen an einem der Anschlagsorte der Pass eines syrischen Flüchtlings gefunden wurde. Wenig später teilte der griechische Minister für Migration mit, dass der Pass im Oktober von einem Flüchtling zur Einreise nach Griechenland benutzt worden sei.

Viele Medien warnten daraufhin vor voreiligen Schlussfolgerungen. Es sei „noch völlig unklar, ob es sich bei dem Mann, auf den der Pass ausgestellt ist, auch tatsächlich um den toten Attentäter handelt“, schrieb etwa sueddeutsche.de am Sonntagabend:

Zwischen all den Toten lag ein syrischer Pass. In der Nähe eines der Männer, die sich am Freitag während des Länderspiels in Paris am Stadion in die Luft sprengten, wurde das Dokument gefunden. Es wurde Anfang Oktober bei der Einreise nach Griechenland genutzt, der Besitzer ließ sich als Asylbewerber registrieren. Sollten einer oder mehrere Attentäter auf diesem Weg nach Europa gekommen sein, wäre das eine Steilvorlage für jene Politiker und Gruppen, die versuchen, das Attentat in Zusammenhang mit den gestiegenen Flüchtlingszahlen zu bringen. Sie wollen die Flüchtlingsdebatte mit jener über Terrorismus verknüpfen. Doch noch ist es zu früh, um eindeutig zu sagen, ob tatsächlich ein Syrer an den Anschlägen beteiligt war.

Dennoch verkündete Bild.de schon am Samstag:


Da war sie also, die Steilvorlage.



Noch einmal: Zu diesem Zeitpunkt war lediglich klar, dass der Pass eines angeblichen syrischen Flüchtlings in der Nähe des Stade de France gefunden wurde. Dass er dem Attentäter gehörte, war eine Mutmaßung, kein Fakt. Er hätte auch einem der Opfer gehören können. Oder jemand ganz anderem.

Es gab beispielsweise auch Berichte von einem ägyptischen Pass, der an einem Anschlagsort gefunden wurde. Einige Medien behaupteten auch in diesem Fall, er gehöre einem der Terroristen. Inzwischen hat der ägyptische Botschafter in Paris mitgeteilt, dass der Besitzer des Passes keiner der Attentäter sei, sondern eines der Opfer — ein Fußballfan, der bei den Anschlägen schwer verletzt wurde.

Was, wenn sich herausgestellt hätte, dass es im Fall des syrischen Passes ähnlich war?

Dieser Frage kann Bild.de jetzt allerdings locker aus dem Weg gehen, denn seit gestern gibt es neue Erkenntnisse: Die französische Staatsanwaltschaft gab bekannt, dass die Fingerabdrücke eines der Attentäter zu denen eines Mannes passen, der im Oktober als Flüchtling in Griechenland registriert wurde.

Wie wir Julian Reichelt und seine Truppe kennen, werden sie darin vermutlich den Beleg sehen, dass sie von Anfang an Recht hatten, dass sie das mit dem Flüchtling schon wussten, bevor es die Staatsanwaltschaft wusste, weil sie ja so reibungslos und schnell und professionell arbeiten. Und nicht, dass sie einfach bloß geraten haben, bevor es überhaupt irgendwelche Belege gab.

Mit Dank an Martin, Christoph und Peter W.

„Jede Woche eine neue Zahl“

Heinz Buschkowsky mag die Medien, und die Medien mögen Heinz Buschkowsky. Der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln ist oft in Talkshows, er gibt Interviews, schreibt Gastbeiträge und Bücher. Buschkowsky ist ein zuverlässiger Gast, ein bissiger, aber beherrschter „Klartext“-Redner, Schwerpunkt: Migration, oder eher: Schattenseiten der Migration. Er wirkt besonnen und erfahren, aber schön steil in seinen Thesen, ein bisschen wie Sarrazin ohne die Beklopptheiten.

Buschkowskys Vorteil ist seine Erfahrung, er hat in Neukölln gearbeitet, hat das Multi-Kulti jeden Tag am eigenen Leib gespürt, er hat erlebt, worüber viele andere bloß reden. Darum wird er immer wieder eingeladen, als Kronzeuge quasi, mal hier, mal dort, Heinz Buschkowsky erzählt, und die Medien hören zu. Und widersprechen ihm selten.

Gestern Abend war er zu Gast bei Anne Will im Ersten. Thema der Sendung: „Familiennachzug begrenzen – Unchristlich, aber unvermeidlich?“ Buschkowskys Metier. Für die Islamhasser von „Politically Incorrect“ war er schon vor Beginn der Sendung unter den Gästen die „einzige Hoffnung“ auf eine „kompetente Auseinandersetzung mit dem Asylirrsinn“, und er dürfte sie nicht enttäuscht haben.

Routiniert gab Buschkowsky den Auf-den-Tisch-Packer unbequemer Wahrheiten, warnte vor diesem und jenem und sagte Dinge wie (ab Minute 14:50):

Wir wissen, dass etwa 70 Prozent junge Männer unterwegs sind und kommen, dass die geschickt werden, weil sie die Stärksten sind, um zu schauen, wo es für die Familie eine Bleibe gibt, die besser ist als zu Hause. Das gilt insbesondere für Irak, für Afghanistan …

„70 Prozent junge Männer“? Da war doch was.

Das sind aber mittlerweile 38 Prozent, das verändert sich. Es kommen jetzt auch die Familien.

… erwiderte Simone Peter, Bundesvorsitzende der Grünen, die auch zu Gast war.

Buschkowsky:

Ja, öh, ich will ja gar nicht mit ihnen über Zahlen streiten, weil es gibt jede Woche eine neue Zahl.

Da hat er natürlich recht. Kurz nachdem Jan Fleischhauer und Boris Palmer die 70 Prozent verbreitet hatten, hieß es zum Beispiel in der RTL-Sendung „Guten Morgen Deutschland“:

85 Prozent der Flüchtlinge sind allein reisende junge Männer (…)

85 Prozent. Eine Quelle dafür wurde auch dort nicht genannt.

Die Zahl kam übrigens nicht von den RTL-Leuten, sondern von ihrem Studio-Gast – Heinz Buschkowsky.

85 Prozent der Flüchtlinge sind allein reisende junge Männer, da ist nicht viel Abgewogenheit, sondern sehr viel Impulsivität. Das ist ja auch das, was sehr vielen Menschen Ängste macht.

Und mit Ängstemachen kennt sich Buschkowsky aus.

Gestern bei Anne Will also wieder 70 Prozent. Und obwohl die Grünen-Vorsitzende widersprochen hatte, war heute überall nur eines zu lesen:

Der ehemalige Bürgermeister von Neukölln, Heinz Buschkowsky (SPD), rechnet vor, dass 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer sind.

(stern.de)

Er sagt, dass 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer seien.

(bz-berlin.de)

Er berichtet, dass 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer sind.

(Bild.de)

Doch nicht nur das:

Er berichtet, dass 70 Prozent der Flüchtlinge junge Männer sind. Diese werden zunächst nach Deutschland kommen, um die Familie im Anschluss nachzuholen. So komme man auf bis zu 10 Millionen Flüchtlinge bis 2020. „Und das ist ganz konservativ und unaufgeregt gerechnet“, fügt er hinzu.

10 Millionen Flüchtlinge. Schauen wir uns doch mal an, wie er darauf kommt und welche Belege er anführt (ab 32:30 Minuten):

Anne Will: Man ist sich ja gar nicht so sicher, wie viele Menschen denn über den sogenannten Familiennachzug nach Deutschland noch kommen werden, da hört man immer unterschiedliche Zahlen. Der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hat im vergangenen Jahr mal gesagt, er geht von einem Faktor 3 bis 4 aus, also mal 3 bis 4. Herr de Maizière hat heute im Bundestag gesagt, er nehme an, er wisse es auch nicht genau, dass die Zahl sich verdoppeln oder verdreifachen könnte. Wäre das eine Anzahl von Menschen, Herr Buschkowsky, die Deutschland integrieren könnte?

Heinz Buschkowsky: Auf Sicht: ja. Aber nicht von heute auf morgen. Weil das ist doch die Diskussion, über die wir reden müssen: Sind wir in einer Situation, wo wir den Zustrom eingrenzen oder steuern müssen? Also da werden, voriges Jahr waren es 400.000, dieses Jahr eine Million, 1,4 Millionen, mit Familiennachzug sind das sofort viereinhalb bis fünf Millionen Menschen.

Will: Weil sie jetzt locker mit mal 3, mal 4 rechnen. Woher wissen Sie das denn, Herr Buschkowsky?

Buschkowsky: Das ist ganz konservativ unaufgeregt, mal 3. Es gibt andere Konfliktforscher, die nehmen mal 7! (…) Die EU hat eine offizielle Prognose für 2016: plus weitere drei Millionen Flüchtlinge. Oder: in den nächsten drei Jahren fünf Millionen. Da ist Deutschland natürlich wieder dabei. Kommt noch eine Millionen plus Familiennachzug, haben sie noch mal vier bis fünf, dann sind sie in einem sehr knappen Zeitraum bis 2020 bei zehn Millionen Menschen.

Will: Das haben sie jetzt alles überschlagen und haben dafür keinen Beleg.

Buschkowsky: Das ist ganz konservativ unaufgeregt. Aber es ist so!

Achso. Na dann:


Ganz konservativ unaufgeregt.

Mit Dank an Martin.

Der Hofnarr des Kaisers

Eins muss man Alfred Draxler lassen: So langsam erkennt der Chefredakteur der „Sport Bild“ den Mist, den er selbst gebaut hat:

So viel mehr, als sich beim „Spiegel“ und dessen Chefredakteur Brinkbäumer für den Hitler-Tagebücher-Vergleich, den Polterauftritt beim „Sport1“-Fußballtalk „Doppelpass“ und all die anderen Sticheleien zu entschuldigen, blieb ihm allerdings auch nicht übrig. Denn inzwischen scheint recht klar, dass Draxlers Kumpel Franz Beckenbauer, den er stets verteidigt hat, bei der Vergabe der Fußball-WM einen Bestechungsversuch zumindest geplant hat. Ein Vertragsentwurf mit Beckenbauers Unterschrift lässt das vermuten.

Das sieht seit heute auch Alfred Draxler ein:

Er klingt zerknirscht:

Ich hätte es mir nie vorstellen können. Ich habe immer daran geglaubt, dass wir die WM 2006 auf saubere Art bekommen haben.

Heute früh musste ich aber bei BILD.de berichten, dass beim DFB ein Vertragsentwurf aufgetaucht ist, der möglicherweise als Bestechungs-Versuch benutzt werden sollte. Schon das Datum sagt viel aus: Vier Tage vor der WM-Vergabe am 6. Juli 2000!

Unterschrieben hat dieses Papier mein langjähriger Freund FRANZ BECKENBAUER!!

Bisher dachten wir, Draxlers „Intensivrecherche“ fuße einzig auf langen und intensiven Gesprächen mit guten und sehr guten Freunden, die gleichzeitig auch die Beschuldigten in der Affäre sind, zu der Draxler recherchiert hat. Es ist aber noch viel trauriger: Sie fußt vor allem auf Glauben und Nicht-Vorstellen-Können.

Dafür war Draxlers Caps-lock-Ankündigung in seinem „Das Sommermärchen war nicht gekauft“-Kommentar vom 22. Oktober ausgesprochen mutig:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Höchstwahrscheinlich wird dieses Ausdemfensterlehnen keine beruflichen Konsequenzen für Alfred Draxler haben. Es wird nur heiße Luft gewesen sein, die er in diese Zeilen gepackt hat. Nächste Woche wird er vermutlich schon wieder irgendwo „Nachgehakt“ haben und mit seiner „Sport Bild“ über den „Lohnzettel eines Schalke-Stars“ oder die „Fehler-Schiris“ sinnieren, als hätte seine „REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER“ keinen Schaden genommen.

Hätte sich Alfred Draxler nicht freiwillig mit vollem Anlauf und Radschlag-Flickflack-Salto laut flatschend in den selbst aufgestellten Fettnapf geschmissen, könnte man fast Mitleid mit ihm haben. Wenn es tatsächlich so war, dass Franz Beckenbauer Draxler vesichert hat, bei der WM-Vergabe sei alles mit rechten Dingen zugegangen, wurde er von seinem langjährigen Freund belogen.

Wir hatten Alfred Draxler vor zwei Wochen als „DFB-Außenverteidiger“ bezeichnet. Das gefiel ihm irgendwie:

Inzwischen zeigt sich: Er war nicht mal das. Draxler war offenkundig nur eine willige Marionette, die Wolfgang Niersbach und Franz Beckenbauer benutzen konnten, um über „Bild“, Bild.de und „Sport Bild“ ihr eigenes Narrativ des Skandals unter die Leute zu bringen und so ihre persönlichen Positionen zu stärken. In diesem „Sommermärchen“ wirkt Alfred Draxler wie der Hofnarr des Kaisers.

Ähnlich närrisch wie Draxlers Verhalten rund um die WM-Affäre waren die Reaktionen seiner Kollegen aus dem Axel-Springer-Verlag. Die ganze „Bild“-Bande hatte dem „Sport Bild“-Chef auf die Schulter geklopft, als der vor zweineinhalb Wochen verkündete: Alles in Ordnung bei der WM-Vergabe. Es schien, als hielten sie Draxlers Artikel tatsächlich für das Ergebnis einer ordentlichen Recherche. Sie feierten ihn als großen Enthüller und taten so, als wäre die ungefilterte Wiedergabe von Aussagen der Beschuldigten Journalismus.

Marion Horn zum Beispiel, Chefredakteurin der „Bild am Sonntag“, hatte zu der Zeit die Hoheit über den Twitteraccount der „Zeit“. Und nutzte die Gelegenheit, um mitzuteilen, dass sie keinen Grund sehe, an Draxlers Recherche zu zweifeln:

Matthias Müller, stellvertretender „Bild“-Sportchef, verbreitete Draxlers Kolumne ebenfalls:

Tobias Holtkamp, Chefredakteur von Springers Fußballportal transfermarkt.de, lobte Alfred Draxlers „Fakten“:

Und „Bild“-Chef Kai Diekmann musste gleich doppelt twittern:

Heute twitterte Diekmann wieder über eine Enthüllung Draxlers:

So kann man natürlich auch versuchen, aus der Nummer rauszukommen.

Reschersche – nein danke!

„Für die reinen Nachrichten muss der User nichts bezahlen. Aber das, was nur BILD kann und nur BILD hat, die exklusiven Geschichten, die besonderen Interviews und Hintergründe, die einzigartigen Fotos – das sind zukünftig BILDplus-Inhalte.“

(Bild.de bei der Vorstellung von „Bildplus“)

Nehmen wir ein Beispiel.

Das ist die reine Nachricht. Die gibt’s kostenlos. Zahlen muss man für den Premium-Weiterdreh, für das, was nur „Bild“ kann und nur „Bild“ hat, und das sieht so aus:

Wenn Tätowierungen so richtig weh tun und zwar nicht nur beim Stechen, sondern hinterher noch viel, viel mehr, dann ist das für die Bemalten zwar eine Katastrophe, für andere aber zum Lachen: BILD zeigt die 22 übelsten Tattoo-Katastrophen der Welt!

Jahaha, die hier zum Beispiel:

Und weil wir hier ja in der Kernkompetenz-Abteilung von „Bild“ sind, ist die Sache gleich doppelt falsch.

Das ist keine Frau, sondern ein echter Gangster:

Aber kein echtes Tattoo. Sondern aus einem Film.

Die Überschrift für diese „Tattoo-Katastrophe“ lautet übrigens:

Na dann mal los, „Bildplus“.

Der „Bild“-Mann und wir Brandstifter

In der vergangenen Woche konnte man bei Twitter mal wieder viel lernen über die „Bild“-Zeitung, ihren Online-Chef und vor allem über dessen beeindruckende Unfähigkeit, mit Kritik umzugehen.

Los ging es mit diesem Tweet von uns:

Zwei Tage kam keine Antwort – am vergangenen Sonntag dann reagierte „Bild“-Online-Chef Julian Reichelt:

Aber erstmal genug über uns. Reden wir über Julian Reichelt.

Der Bild.de-Chef gefällt sich in der Rolle des mutigen Aufklärers, in der des Enthüllers unbequemer Wahrheiten. Doch Kritik an sich selbst und seinem Medium kann oder will Julian Reichelt in den meisten Fällen einfach nicht ertragen, geschweige denn verstehen.

Bei Kleinigkeiten gibt er sich zwar hin und wieder einsichtig, aber wenn es um Grundsätzliches geht und vor allem um die „Bild“-Berichterstattung über Flüchtlinge, den IS oder Edward Snowden, ist man, sobald man eine andere Meinung vertritt als Reichelt, für ihn automatisch ein anti-freiheitlicher Ideologe mit verbohrten Betonkopf-Argumenten.

Statt sich ernsthaft mit ihnen auseinanderzusetzen, weicht Julian Reichelt dann allen Fragen aus, und jede Kritik an den Methoden von „Bild“ ist sofort ein

Als wir kritisierten, dass „Bild“ jahrelang Angst und Misstrauen gegenüber Ausländern geschürt hat, reagierte Reichelt mit einem langen Kommentar, in dem er mit keinem Wort auf unsere tatsächliche Kritik einging. Er schrieb, wir hätten ihn „als Flüchtlingshasser verleumdet“ und erklärte detailliert, wie er und seine Kollegen sich persönlich für Flüchtlinge einsetzen würden. Sollten wir „Schreibtisch-Ideologen“ vom BILDblog uns „auf ähnliche Weise engagiert haben“, schrieb er, würde er „das gern hören“.

Als wir darüber schrieben, dass „Bild“ in der Berichterstattung über einen Prozess gegen zwei IS-Rückkehrer die Anweisung des Gerichts, die Angeklagten nicht zu zeigen, missachtet hatte, schrieb Reichelt, wir hätten „Mitgefühl für Mörderbanden, die Journalisten den Kopf abschneiden“ und würden uns „als Schutzmacht von ISIS-Anhängern“ positionieren.

Nun also die Unterstellung, BILDblog wolle „Bild“ verboten sehen. Wir wissen selbst nicht, wie er darauf kommt (zur Erinnerung: Ausgangspunkt war unsere Kritik an Schlagzeilen wie „Jetzt kommen die Afghanen“), darum noch mal:

Kurzer Einwurf von Lukas Heinser (BILDblog-Chefredakteur 2010-2014):

Jedenfalls:

Danach war erstmal Ruhe, und kurz waren wir so naiv anzunehmen, Reichelt hätte es tatsächlich eingesehen.

Am nächsten Tag aber:

Die Fotos wurden getwittert, nachdem wir dazu aufgerufen hatten, die ungefragt an alle Haushalte zugestellte Gratis-„Bild“ zu zerknüllen und in die Mülltonne zu schmeißen. Ein paar Leute hatten andere Ideen und steckten ihre Ausgabe ins Klo oder ließen ihre Haustiere ihr Geschäft darauf machen oder verbrannten sie. Solche Fotos haben wir ignoriert und bewusst nicht in die #BILDindieTonne-Sammlung aufgenommen, weil wir sie natürlich für überzogen und unangebracht halten. Nicht ohne Grund haben wir zum Zerknüllen und nicht zum Verbrennen aufgerufen.

Doch Julian Reichelt dienen diese Fotos anderer jetzt als Beleg für unsere nordkoreanischen Verbotsphantasien.

Am Dienstag ging’s weiter:

Mittwoch:

Donnerstag:

Bei solchen „Diskussionen“ wirkt Julian Reichelt, als würde er in einer eigenen Welt leben, in der er die Dinge anders wahrnimmt oder wahrnehmen will. Wer die „Bild“-Zeitung für ihre Berichterstattung über Terroristen kritisiert, muss ein Sympathisant von Terroristen sein. Wer kritisiert, dass „Bild“ Angst vor Flüchtlingen schürt, soll doch bitteschön mal erzählen, was er persönlich Gutes für Flüchtlinge tut. Wir haben nie das Verbot von „Bild“ gefordert, aber Reichelt behauptet es einfach und vergleicht uns mit „Pegida“. Und wenn er dafür keinen Beweis findet, dann sucht er sich vier Bilder von brennenden „Bild“-Zeitungen raus und wirft uns damit diktatorische Zensurphantasien vor.

Natürlich können die Leute von „Bild“ widersprechen, wenn wir ihre Arbeit kritisieren, aber Kritiker derart zu diffamieren und ihnen Dinge zu unterstellen, sagt viel aus über Julian Reichelts Verständnis von Meinungsfreiheit.

Siehe auch (aus unserem Julian-Reichelt-Twitter-Perlen-Archiv):

Nachtrag, 2. November:

Lobschummelei bei Bild.de

Bei Bild.de platzen sie gerade fast vor Stolz:

Günter Wallraff hat dem „SZ Magazin“ für die aktuelle Ausgabe ein großes Interview gegeben (kostenpflichtig). Darin erzählt der Investigativjournalist nicht nur, dass er geplant hatte, sich für einen ehemaligen US-Soldaten als „IS“-Geisel eintauschen zu lassen, sondern auch über sein Verhältnis zur „Bild“-Zeitung.

Er habe neulich per Zufall „den Artikel eines jungen Kollegen entdeckt“, der ihm gefallen habe, sagt Wallraff im Laufe des Gesprächs. Es geht um einen Text von „Bild“-Reporter Daniel Cremer, der unter falschem Namen an einem sogenannten „Entschwulungskurs“ in den USA teilgenommen und darüber berichtet hat.

Wallraffs Aussage zitiert Bild.de so:

Jubel in der Redaktion:

Großes Lob von Günter Wallraff (73) — für BILD!

Das Problem dabei: Bild.de hat einen nicht ganz unwesentlichen Teil von Wallraffs Aussage weggelassen (von uns gefettet):

Der hätte eine reißerische Kolportage daraus machen können, aber seine Reportage war einfühlsam und überzeugend, und er hat die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen respektiert, was ansonsten ja nicht gerade Bild-typisch ist. Diese Selbsterfahrung hätte genauso in der Zeit oder der Süddeutschen erscheinen können. Ich bin immer wieder froh, wenn ich in meiner Grundhaltung irritiert werde.

Auch vor und nach dieser Stelle singt „Bild“-Kritiker Wallraff kein Loblied auf das Boulevardblatt. Mit freundlicher Genehmigung des „SZ Magazins“ zitieren wir hier (ganz ohne Kürzungen) die Passagen, in denen sich Günter Wallraff über die „Bild“-Zeitung äußerst:

Sie klingen andererseits immer wieder so versöhnlich. Gibt es jetzt bald Frieden mit dem Springer-Verlag?
Nachdem ich die Bild-Zeitung mit einem gemeingefährlichen Triebtäter verglichen hatte, rief mich deren Chefredakteur Kai Diekmann an und rechtfertigte sich, dass Bild nicht mehr so sei wie damals, als ich den Aufmacher veröffentlichte. Ich hatte den Eindruck, der will etwas ändern. Vielleicht ist aus dem Boulevard-Heroin inzwischen Methadon geworden. Früher war das Blatt ja mit Hetze gegen Ausländer, Linke und Minderheiten jeder Art durchtränkt. Seitdem gab es gab Wellenbewegungen, gelegentlich waren da Chefredakteure, die etwas weniger sensationsgierig, politisch etwas weniger rechts ausgerichtet waren. Dann produzierte Bild etwas weniger Hass, etwas weniger Frauenverachtung, etwas weniger Minderheitenhetze und dergleichen. Die Bild ist heute vorsichtiger geworden, das liegt sicher auch am Zeitgeist, der vulgären Sexismus oder dumpfen Rassismus nicht besonders mag.

Wie finden Sie die Berichterstattung der Bild-Zeitung über Griechenland?
Das war systematische Hetze mit Schlagzeilen wie: „Verkauft doch eure Inseln, ihr Pleite-Griechen und die Akropolis gleich mit!“ Ich kaufe die Bild ja nicht, aber in Zügen oder Restaurants liegt sie manchmal rum. Da habe ich neulich zu meiner Überraschung den Artikel eines jungen Kollegen entdeckt. Der Autor bekennt sich als schwul und hat sich in den USA undercover in eine dieser obskuren Selbsthilfegruppen begeben, die Homosexualität „heilen“ wollen.

Jetzt beschäftigt sogar die Bild-Zeitung Wallraff-Schüler?
Der hätte eine reißerische Kolportage daraus machen können, aber seine Reportage war einfühlsam und überzeugend, und er hat die Persönlichkeitsrechte der Betroffenen respektiert, was ansonsten ja nicht gerade Bild-typisch ist. Diese Selbsterfahrung hätte genauso in der Zeit oder der Süddeutschen erscheinen können. Ich bin immer wieder froh, wenn ich in meiner Grundhaltung irritiert werde. Ich brauche Irritationen.

Die Wandlungsfähigkeit des Bild-Chefs Kai Diekmann dürfte Ihnen doch gefallen. Der tritt mal mit, mal ohne Bart auf, mal im Anzug und mal im Kapuzenpulli.
Die Auflage von Bild ist den letzten Jahren gewaltig eingebrochen. Vielleicht ist seine äußerliche Verwandlung ja Ausdruck für den Versuch einer Neuorientierung. Ich habe Bild schon vor einiger Zeit zum Ansporn attestiert: Es gibt sehr wohl eine Sorte von Triebtätern, die noch therapierbar ist. Das müssen sie aber erst unter Beweis stellen.

Nachtrag, 20.23 Uhr: Bild.de gibt das Zitat jetzt doch vollständig wieder und schreibt unter dem Artikel:

*Das Zitat wurde nachträglich ergänzt, nachdem es in einer vorherigen Version nicht vollständig wiedergegeben war.

Alfred gegen den Rest der Welt (außer Franz)

Es waren große Worte in großen Buchstaben, die Alfred Draxler vergangenen Woche wählte:

ICH BIN MIR BEWUSST, DASS ICH MIT DIESEM ARTIKEL MEINE REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL SETZE.

Draxler hatte sich in seiner „Bild“-Kolumne „Nachgehakt“ schützend vor seine Freunde Franz Beckenbauer und Wolfgang Niersbach geworfen. Das WM-Organisationskomitee habe „das Sommermärchen“ nicht gekauft, der Chefredakteur der „Sport Bild“ versprach Aufklärung:

Das Ergebnis seiner „Intensivrecherche“: Der damalige Adidas-Chef Robert Louis-Dreyfus sei 2002 mit umgerechnet 6,7 Millionen Euro für das deutsche WM-OK eingesprungen, als die FIFA diese Summe als eine Art Vorauszahlung gefordert haben soll. Nur durch eine Überweisung der 6,7 Millionen Euro an die FIFA sei eine spätere 170-Millionen-Euro-WM-Startunterstützung von der FIFA ans WM-OK möglich gewesen. Das mag logisch klingen oder nicht, es war jedenfalls Alfred Draxlers Sicht auf die Dinge.

Und mit der kam er zu dem Schluss, es gebe …

kein verkauftes Sommermärchen! Und es gibt keine „Schwarzen Kassen“, mit denen Wahlmänner bestochen wurden.

Heute melden „Bild“ und Bild.de:

Die US-Kanzlei „Quinn Emanuel“, die „im Auftrag des Weltfußballverbandes die Fifa-Konten für den fraglichen Zeitraum überprüfte“, habe „Bild“ mitgeteilt, dass sie keinen Zahlungseingang von Robert Louis-Dreyfus über 6,7 Millionen Euro gefunden habe.

Nach BILD-Recherchen kann das Darlehen für das Organisationskomitee nicht wie bisher behauptet für die Fifa-Finanzkommission bestimmt gewesen sein. Es waren offenbar wirklich Schmiergeld-Zahlungen.

„Bisher behauptet“ hatten das vor allem Wolfgang Niersbach, Franz Beckenbauer — und Alfred Draxler. Die Version des „REPUTATION“-Riskierers passt also nicht mit den Recherchen seiner „Bild“-Kollegen zusammen.

Ob die stimmen, ist wiederum auch fraglich. Im undurchsichtigen Gestrüpp rund um die Finanzströme beim „Sommermärchen“ hat die „Süddeutsche Zeitung“ inzwischen einen anderen möglichen Weg der 6,7 Millionen Euro aufgetan:

In Kreisen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) heißt es, dass in dem Schreiben vom 19. April 2005 zwar ein Konto bei der BNP Paribas als Empfänger genannt wurde. Allerdings sei das Geld dann nicht wirklich dorthin geflossen. Stattdessen sei die Überweisung auf ein Konto bei einer anderen Bank ausgestellt worden — angeblich bei der Zürcher UBS.

Möglicherweise, um dort eine schwarze Kasse zu füllen, „die ausgesuchten Fifa-Leuten zur Verfügung stand.“

Das findet auch Alfred Draxler interessant:

Dass auch diese Version nicht mit seinen Behauptungen vom vergangenen Donnerstag zusammenpasst, kümmert ihn aber offenbar nicht. Entweder liegt ihm nicht besonders viel an seinem Ruf „ALS JOURNALIST UND REPORTER“, oder er hat seine großen Worte nach einer Woche schon wieder vergessen.

In der grundsätzlichen Argumentationslinie sind er und seine Redaktion übrigens wieder zum alten Muster zurückgekehrt: Nach der anfänglichen Stufe 1, die Gegenseite und deren Quellen unglaubwürdig zu machen (wie beispielsweise beim Auftritt im „Sport1“-Fußballtalk „Doppelpass“), wechselte Draxler zwischenzeitlich auf Stufe 2, die Freunde zu beschützen. Im Editorial der aktuellen „Sport Bild“ kehrt er wieder zu Stufe 1 zurück und schießt gegen den früheren DFB-Präsidenten und aktuellen „Spiegel“-Informanten Theo Zwanziger:

Dazu gibt es auch eine Geschichte, die so auf der Titelseite …

… und so im Heftinnern überschrieben ist:

Kritische Töne zu Alfred Draxlers Freund Franz Beckenbauer, der in der WM-Affäre vermutlich die zentralste Rolle spielt, gibt es hingegen nirgends im Heft — obwohl es dafür genügend Gründe gäbe.

Mit ihrem Beckenbauer-Kuschelkurs haben Alfred Draxler und seine „Bild“-Kollegen dann auch wieder zueinandergefunden:

Schlank auf der Schleichwerbepiste

Anfang Oktober fand in Kitzbühel zum dritten Mal das „Camp Beckenbauer“ statt. Das „international besetzte Forum“ beschäftigt sich laut Eigenbeschreibung „mit der Zukunft des Sports“. All die Sympathen versammeln sich beim „Camp Beckenbauer“: Sepp Blatter, Thomas Bach, Bernie Ecclestone. Gründer und Organisator ist Marcus Höfl, der mit seiner „MHM Group“ unter anderem die Markenrechte an seiner Ehefrau Maria Höfl-Riesch und Franz Beckenbauer hält.

„taz“-Redakteur Jürn Kruse schrieb neulich, Höfls Veranstaltung sei der „aufgeblasenste Lobby- und Werbetreff des Sportjahres“. Auf jeden Fall kommt hier die Familie zusammen. Und da dürfen Familienfotos nicht fehlen:

Von links nach rechts: „Bild“-Chef Kai Diekmann, Ex-Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch und Ex-Landtagsabgeordneter Daniel Mack. Genau, der Daniel Mack, der sich vor rund einem Jahr noch über die Methoden von Diekmanns „Bild“ aufregte und juristisch gegen das Blatt vorging. Diekmann verglich Mack in der Folge mit Sebastian Edathy. Nun ja, ist doch schön, wenn Menschen zusammenfinden.

Und auch Maria Höfl-Riesch und Kai Diekmann haben zusammengefunden. Drei Wochen nach dem Familienfoto erschien diese großflächige Kooperation im redaktionellen Teil der „Bild“-Zeitung:

Das ist seit vorgestern die „NEUE SERIE“ in „Bild“ und bei Bild.de:

Ex-Skirennläuferin Maria Höfl-Riesch (30) hat gemeinsam mit einem Ernährungsexperten ein Sportprogramm zusammengestellt, das aus jedem Sportmuffel einen Fitnessjunkie machen kann. UND DAS OHNE GROSSEN AUFWAND ODER DEN TÄGLICHEN GANG INS FITNESSSTUDIO.

In einer neuen Serie stellt BILD zusammen mit der dreifachen Olympiasiegerin das Programm „Maria macht Dich fit“ vor.

Maria Höfl-Riesch beantwortet ein paar Fragen rund ums Thema Fitness („SOLLTE ICH JEDEN TAG TRAINIEREN?“, „GIBT ES DIE PERFEKTE TAGESZEIT FÜR SPORT?“). Aber Antworten auf diese Fragen allein machen einen „Sportmuffel“ natürlich noch nicht zum „Fitnessjunkie“:

So funktioniert das Programm
Rufen Sie die Internetseite […] auf, melden Sie sich an. Sie können Größe, Gewicht und Stimmung angeben. Dazu ein Ganzkörperfoto hochladen. Pro Woche gibt es zwei neue Fitnessvideos und ein Kochvideo. Dazu ein Kochbuch mit insgesamt 60 Rezepten und einen Trainingsplan zum Runterladen. Das Programm ist auf acht Wochen ausgelegt und kostet einmalig 79 Euro. Insgesamt können Sie 16 Wochen darauf zugreifen.

Gestern ging’s weiter mit der als Leserservice verpackten Werbekampagne:

Und heute der große Abschluss der Serie mit allem rund ums Thema Ausdauer:

Darunter große Erkenntnisse wie diese hier:

Woran merke ich, dass ich fitter werde? (…)

Höfl-Riesch: „Sie fühlen sich insgesamt fitter. (…)“

Der Beitrag endet mit einem „Trainingsplan für die erste Woche“. Der besteht aus zwei 30-Minuten-Einheiten. Will man, dass auch in Woche zwei noch „die Pfunde purzeln“, muss man die Homepage von Maria Höfl-Riesch ansteuern und erstmal das Portemonnaie um 79 Euro schlanker werden lassen.

Den trainierten Schleichwerbern von „Bild“ (siehe Punkt 8) wird aber auch ohne dieses Investment die Puste ganz bestimmt nicht ausgehen.

Ein Wendt für alle Fälle

Wenn deutsche Medien ein knackiges Zitat zur Polizeiarbeit, zu Sicherheits- oder Rechtsfragen brauchen, gibt es eine Universalwunderwaffe: Rainer Wendt. Wendt ist Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“. Und in dieser Position immer für ein Interview zu haben — Thema im Grunde egal.

Heftiger Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern bei „Stuttgart21“? Wendt: „Polizeiliche Einsatzmittel müssen Waffen sein, die weh tun, nur dann wirken sie.“

Krawalle in Fußballstadien? Wendt: „Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden.“ Und: „Wem strenge Leibesvisitationen nicht passen, der soll vor dem Stadion bleiben müssen.“

Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Koblenz, die Polizei solle Kontrollen nicht nach Hautfarbe durchführen? Wendt: „Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus.“

Law-and-Order-Verfechter Wendt lärmt zu jedem Thema. Friederike Haupt schrieb schon 2013 in der „FAS“:

Wenn Wendt braungebrannt aus dem Marokko-Urlaub zurück in sein Büro kommt, schmeißt er gleich am ersten Tag die Werbemaschine wieder an. Alle sollen wissen: Der Wendt ist zurück. Darum ruft er zum Beispiel einen Journalisten an und sagt: „Soll’n wir mal ’ne schöne Geschichte machen?“ Wendt fordert dann höhere Strafen für die Bösen oder mehr Personal für die Guten, und der Journalist hat eine Exklusiv-Story: „Und hinterher sind alle zufrieden.“

Rainer Wendts aktuelles Themenfeld: Die Flüchtlinge und alles, was dazu gehört. Da hat er schon ganz beachtlich Schlagzeilen gesammelt:


(Bild.de; interessant auch, wie Wendt in einigen Medien zum Synonym für die Polizeit wird.)

(Bild.de)

(„Focus Online“)

(„Bayernkurier“)

Bei seinem neuesten Schmu Coup half ihm Welt.de:

Abgelegt ist das Interview unter:

Und das ist tatsächlich eine der Kernaussagen Wendts: Die Flüchtlingskrise sorge für mehr Gefahren im Straßenverkehr, bis hin zu mehr Verkehrstoten:

Die Welt: Bleiben auch hoheitliche Aufgaben der Polizei wegen der Flüchtlingskrise schlicht liegen?

Wendt: Eine der Aufgaben, die wir derzeit vernachlässigen müssen, ist die Verkehrsüberwachung. Sie ist teilweise völlig zum Erliegen gekommen. Wir mussten wegen der Einsatzbelastung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise den Blitzmarathon in diesem Jahr ausfallen lassen, die Planungen für den Blitzmarathon im nächsten Jahr liegen auf Eis. Da fehlt uns ein ganz wichtiges Instrument zur Unfallprävention. In allen Bundesländern wird die Verkehrsüberwachung drastisch zurückgefahren — mit fatalen Folgen. Wir stellen bereits jetzt fest, dass wir das deutsche Ziel, bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zu senken, klar verfehlen. Wir sind jetzt erst bei 16 Prozent. Die Zahl der Unfalltoten steigt sogar wieder.

Logisch: Wenn man weiß, dass ein Großteil der Polizisten mit „der Flüchtlingskrise“ beschäftigt ist, knattert man direkt mit 90 km/h durch die Tempo-30-Zone. Und dann fällt auch noch der Blitzmarathon aus — Raser’s Paradise.

Wendts Gleichung fanden andere Medien logisch und zogen nach:


(„RP Online“)

(„Focus Online“)

(Krone.at)

(„Yahoo News“)

Walter Bau von der „Berliner Morgenpost“ fand die These hingegen merkwürdig. Er kommentiert:

Was Polizeigewerkschafter Wendt nicht sagt: Im ersten Halbjahr 2015 hielt sich der Zustrom an Flüchtlingen noch in Grenzen, verglichen mit den Zahlen seit Juli. Die brisante Lage an den Grenzen, die die Polizei vor allem beschäftigt, entstand erst im Sommer. Und zu glauben, die Autofahrer würden gezielt schneller und riskanter fahren, weil sie darauf spekulierten, es gebe gerade weniger Radarfallen, ist realitätsfern. Wendt schürt Ängste zur eigenen Profilierung.

Und „t-online“ hat beim „Statistischen Bundesamt“ nachgefragt, ob Wendts These plausibel sei. Die Erkenntnis:

Nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Verkehrstoten im August im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres tatsächlich angestiegen (um 18,4 Prozent von 293 auf 335). Allerdings haben die Statistiker dafür eine andere Erklärung als Wendt: „Im vergangenen Jahr war das Wetter im August extrem schlecht. Dann sind die ungeschützten Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Zweiradfahrer eher weniger unterwegs“, erläutert Gerhard Kraski vom Statistischen Bundesamt gegenüber t-online.de. Deswegen, so Kraski, sei es wahrscheinlich zu dem Anstieg in diesem Jahr gekommen.

Trotzdem: Die Medien werden Rainer Wendt weiter fleißig zitieren und in Talkshows einladen. Heute Abend sitzt er im „Ersten“ bei „Hart aber fair“. Thema: Flüchtlingskrise. Er wird sich ganz bestimmt knackige Sprüche zurechgelegt haben.

Mit Dank an Webwatch und Ben B.

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