Archiv für Bild.de

„Bild“ schon wieder am Grab von Andreas L.

Als Andreas L., der Co-Pilot des „Germanwings“-Flugs 4U9525, vor etwas mehr als einem Jahr beerdigt wurde, hatten die „Bild“-Redaktionen im Vorfeld glücklicherweise nichts davon mitbekommen. So konnten ihre Fotografen nicht mit Teleobjektiven auf dem Friedhof von Montabaur lauern, und ihre Reporter nicht schmierige Zeilen über die Trauergäste verfassen.

„Bild“ und Bild.de berichteten aber trotzdem, einige Tage später, und zeigten in Großaufnahmen das Grab von Andreas L. Damals gab es das volle Bilder-Programm: das Holzkreuz aus verschiedenen Perspektiven, die Blumen und Trauerkränze der Angehörigen, den Grabschmuck der Freundin, ihre Abschiedsworte.

Gestern veröffentlichten „Bild“ und Bild.de erneut einen Bericht über das Grab von Andreas L.:


Der einzige Grund für die neuen, großen Berichte: Das Holzkreuz wurde inzwischen durch eine Granitsäule ersetzt.

Neun Monate nach seiner heimlichen Beisetzung auf dem Friedhof in Montabaur, unweit des Segelflugplatzes, auf dem L[.] seine Leidenschaft fürs Fliegen entdeckte, wurde inzwischen das einfache Holzkreuz („Andy“) durch die Grabsäule ersetzt.

Wieder gibt es große Fotos vom Grab, außerdem eine Nahaufnahme einer „runden Plakette“, auf der eine persönliche handschriftliche Widmung zu lesen ist, vermutlich von der Mutter von Andreas L. Im Text kommt eine Frau zu Wort, die bei dem Absturz zwei Angehörige verloren hat. Sie ist auch die Zitatgeberin für die Überschrift bei Bild.de („Für mich als Angehörige der Opfer ist das sehr verletzend …“). Dass sie über das Grab ebenfalls sagt: „Für die Eltern von L[.] verständlich“, erfährt man erst im Artikel. Dort wird auch noch ein Anwalt zitiert, der mehrere Opfer-Familien vertritt und analysiert, dass durch die neue Grabsäule die „Ich-Bezogenheit“ von Andreas L. „über seinen Tod hinaus in Stein gemeißelt“ bleibe. Und dazu erinnern die beiden „Bild“-Autoren noch einmal mit deutlichen Worten daran, wer dort überhaupt begraben liegt:

Wir sehen das Grab von Todes-Pilot Andreas L[.] Das Andenken an einen Massenmörder!

Die „Bild“-Medien nutzen weiterhin jede noch so kleine Gelegenheit, um die Tat von Andreas L. aufs Neue aufrollen zu können, mit all den Beteiligten — Täter, Opfer, den Angehörigen beider Seiten. Ob es sich dabei um ansatzweise relevante Informationen handelt, spielt schon lange keine Rolle mehr.

„Bild“ urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern

Heute ist das neue Buch von Rainer Wendt erschienen. Es heißt „Deutschland schafft sich ab“ „Deutschland in Gefahr“. Und es wird von „Bild“ und Bild.de ordentlich beworben:


Hauptberuflich ist Rainer Wendt Talkshowgast. Das lässt sich nämlich besonders gut mit seiner Nebentätigkeit als Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ (eine von mehreren Polizeigewerkschaften in Deutschland) verbinden. In dieser Rolle fordert er immer wieder strikte Law-and-Order-Maßnahmen: Wenn Wendt so vor sich hindampfplaudert, bringt er schon mal „einen Zaun entlang der deutschen Grenze“ ins Spiel oder „strenge Leibesvisitationen“ beim Einlass ins Fußballstadion.

Jetzt also ein ganzes Buch mit lauter Wendt’schen Vorschlägen. Und damit das auch so richtig durch die Decke geht, veröffentlichen die „Bild“-Medien Auszüge daraus — riesige Ankündigung auf der heutigen Titelseite inklusive.

Gemessen an der Abrechnungsankündigung ist der Text relativ zurückhaltend. Neben ziemlich inhaltsleeren („Ist schon irgendwie recht spät, aber immerhin.“) und etwas verqueren Sätzen („Beschäftigte des Rechtsstaates, die in ausreichender Zahl vorhanden, respektiert und abgesichert und vernünftig bezahlt und versorgt werden müssen.“) sticht ein Gedanke von Rainer Wendt besonders raus:

Selbstverständlich sind Tunesien, Marokko und Algerien sichere Herkunftsländer — es sind deutsche Urlaubsländer!

Was auch immer „deutsche Urlaubsländer“ sein mögen — daran sollte sich die Politik laut Rainer Wendt, immerhin Vertreter von 94.000 Polizisten in Deutschland, also orientieren: „Waren da schon mal Deutsche im Urlaub? Na dann, sicheres Herkunftsland!“ Für den Südsudan oder Somalia werden sich doch bestimmt auch noch ein paar abenteuerlustige deutsche Rucksacktouristen aus den vergangenen Jahren finden lassen.

Aber selbst wenn man bei den Ländern bleibt, die Wendt in seinem Text nennt: Was haben Urlaubsstatistiken und gut besuchte Edel-Wellness-Spa-Ressorts mit Menschenrechten oder der Sicherheitslage der Einheimischen zu tun?

Und dazu sind vor allem Algerien und Tunesien in Teilen aktuell alles andere als empfehlenswerte Urlaubsziele. Zu Algerien hat das „Auswärtige Amt“ beispielsweise eine Teilreisewarnung herausgegeben:

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der gesamten Region und anhaltender Drohungen von terroristischen Gruppen wird bei Reisen nach Algerien zu erhöhter Vorsicht geraten.

Es besteht weiterhin die Gefahr von Entführungen und Attentaten durch terroristische Gruppierungen, die sich auch gegen westliche Ausländer richten können.

Und zu Tunesien schreibt es:

Die tunesische Regierung unternimmt weiterhin umfangreiche Anstrengungen, um Touristen vor dem Risiko terroristischer Anschläge zu schützen. Das Auswärtige Amt rät jedoch angesichts der weiter bestehenden terroristischen Gefährdung zu erhöhter Aufmerksamkeit, insbesondere in der Nähe touristischer Anziehungspunkte und religiöser Kultstätten sowie an symbolträchtigen Daten

Wo wäre Rainer Wendt mit seinen Parolen besser aufgehoben als bei „Bild“ und Bild.de? Die Werbekampagne ist übrigens als Serie angelegt — morgen geht’s in den „Bild“-Medien weiter mit Teil 2.

Bild.de und die offizielle Nominierung für den Friedensnobelpreis

Ein wichtiger Punkt vorweg: Es soll in diesem Beitrag nicht um eine Bewertung der Arbeit der sogenannten „White Helmets“ gehen, einer Organisation, die sich selbst „Syria Civil Defence“ nennt und im grauenvollen und elendigen Konflikt in Syrien nach verwundeten und verschütteten Menschen sucht und diesen hilft. Nach eigenen Angaben haben die „White Helmets“ bereits über 56.000 Menschen vor dem Tod gerettet.

Es soll auch nicht um die Frage gehen, ob die „White Helmets“ für ihren enormen Einsatz einen Friedensnobelpreis verdient haben, sondern um die Unfähigkeit von Bild.de, ordentlich zu informieren.

Am vergangenen Dienstag veröffentlichte das Portal diesen Artikel ganz groß ganz oben auf der Startseite:

Darin auch folgende Passage:

Die Retter der syrischen Zivilverteidigung, die sogenannten „White Helmets“, rücken täglich in den von Rebellen gehaltenen Gebieten Syriens aus. Mission: Denen zu helfen, die durch die Luftangriffe Assads und Putins oder durch Raketen und Autobomben von ISIS verletzt wurden.

Darum sind sie für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert. Die Entscheidung, ob sie die hohe Auszeichnung bekommen, gibt es am 9. Oktober 2016.

Nun ist das mit Medienberichten über Nominierungen für den Friedensnobelpreis so eine Sache. Daher erstmal ganz grundsätzlich zum Nominierungsprozess: Die Gruppe der Personen, die Vorschläge einsenden darf, ist vom „Norwegischen Nobel-Institut“ recht klar abgesteckt. Das erklärt Olav Njølstad, der Direktor des Instituts, in einem „Questions and Answers about the Nomination Process for a Nobel Peace Prize“:

Who can nominate?
Nominations for the Nobel Peace Prize requires no invitation. Eligible nominators are university rectors or chancellors, professors of political and social science, history, philosophy, law and theology; leaders of peace research institutes and institutes of foreign affairs; members of national assemblies, governments, and international courts of law; previous Nobel Peace Prize Laureates; board members of organizations and institutions that have received the Nobel Peace Prize; present and past members of the Norwegian Nobel Committee; and former advisers of the Norwegian Nobel Institute.

Für den diesjährigen Friedensnobelpreis sind 376 vorgeschlagene Kandidaten zusammengekommen (228 Einzelpersonen und 148 Organisationen) — so viele wie noch nie. Das „Norwegische Nobel-Institut“ veröffentlicht direkt vor der Verleihung allerdings keine offizielle Liste, wer alles nominiert ist. Nie:

Is there a list of all of the nominees for this year’s Nobel Peace Prize?
Contrary to common belief, there is no public list of the current year’s nominees. The complete list of eligible nominees of any year’s prizes is not disclosed for another 50 years — a restriction as governed by the Nobel statutes since 1901.

Vom zuständigen Institut gibt es also keine Mitteilung, die die Aussage von Bild.de-Autor Julian Röpcke, dass die „White Helmets“ nominiert seien, offiziell bestätigt. Nicht einmal die Nominierten selbst erfahren vom „Norwegischen Nobel-Institut“ vorab von ihrer Nominierung. Lediglich die Person, die den Vorschlag eingeschickt hat, könnte die Information weitergeben:

Do you share any information about who is nominated for the Peace Prize this year?
No. In fact, none of the Nobel Committees do announce the names of nominees, neither to the media nor to the candidates themselves. In so far as certain names crop up in the advance speculations of potential nominees or candidates — it’s either sheer guesswork or information put out by the person or persons behind a nomination.

All diese Aussagen von Njølstad sind ziemlich eindeutig. Sicherheitshalber haben wir trotzdem in Oslo angerufen und nachgefragt, ob es nicht sein könne, dass die „White Helmets“ von einer möglichen Nominierung offiziell erfahren haben. Es sei alles so wie immer, sagte man uns: keine offiziellen Informationen an oder über die Nominierten, keine Aussage zu den „White Helmets“. Man kenne die Vorberichte vieler Medien und wundere sich immer wieder darüber. Und man appelliere jedes Mal an die Personen, die Vorschläge einschicken, dies nicht weiterzuerzählen, doch manchmal bringe das eben nichts.

Dass das „Norwegische Nobel-Institut“ kein besonders großes Interesse an einer Veröffentlichung der Nominierten hat, dürfte unter anderem auch daran liegen, dass eine Nominierung für den Friedensnobelpreis noch nicht viel aussagt, wie Direktor Olav Njølstad erklärt:

What does it mean to be nominated for a Nobel Peace Prize?
Any person or organization can be nominated by anyone eligible to nominate. The Norwegian Nobel Committee has no say in submissions that arrives according to the criteria, strictly in who is actually awarded the prize in October. To simply be nominated is therefore not an endorsement or extended honour to imply affiliation with the Nobel Peace Prize or its related institutions.

Theoretisch könnte also zum Beispiel auch Simbabwes Präsident Robert Mugabe Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann und Bild.de-Chef Julian Reichelt für ihre Werbekampagne „Wir helfen“ nominieren. Über die Qualität von Diekmanns und Reichelts Arbeit sagt das aber erstmal überhaupt nichts aus.

Es ist gut möglich, dass jemand, der dazu berechtigt ist, die „White Helmets“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat (auf einer extra eingerichteten Website zählt die Organisation jedenfalls eine Reihe „nominators“ auf, von denen einige nominierungsberechtigt sein dürften). Dass das aber erstmal nichts bedeutet, außer dass jemand sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat, erklärt Julian Röpcke seinen Lesern nicht. Im Gegenteil: Er verkauft es in seiner Bild.de-Aufmacherstory als ein Qualitätsmerkmal, das es schlicht nicht ist.

Und auch die Sache mit der offiziellen Bestätigung einer Nominierung scheint er nicht so recht verstanden zu haben:

Das hat Röpcke vor fünf Tagen angekündigt. Überraschung: Bis heute gab es keine „offizielle, verbindliche Bekanntgabe“.

Und wer denkt mal an uns?

Im Süden Europas kämpfen Feuerwehrleute aktuell an verschiedenen Stellen gegen heftige Brände: in Spanien, in Portugal, in Frankreich, in Griechenland, dazu auf Madeira und auf den Kanaren. Menschen sterben, Menschen müssen in Krankenhäuser, Menschen verlieren ihre Häuser und ihre Existenzgrundlagen.

Bei Bild.de geht es aber zum Glück um diejenigen, die aufgrund der Feuer wirklich betroffen sind — um uns:

Mit Dank an @dienetzpilotin für den Hinweis!

„Bild“ sucht den verschwundenen Chinesen. Wir suchen mit.

Lieber Junliang L.,

über Dich kursieren die unterschiedlichsten Pressemeldungen. Mal sollst Du ein chinesischer Tourist sein, der aus Versehen in die Mühlen der deutschen Asylbürokratie geraten ist, mal ein urplötzlich verschwundener Asylsuchender. (Sogar beim Namen gibt es Unklarheiten. Die „Bild“-Medien nennen Dich manchmal „Junliang“ und manchmal „Jinliang“.)

Zu allem Überfluss hat Dich Bild.de nun zur inoffiziellen Fahndung ausgeschrieben und veröffentlicht, wenn man ihnen glauben mag, Teile des von Dir unterschriebenen Asylantrags. Zusammen mit einem persönlichen Aufruf:

Du kennst Dich wahrscheinlich nicht so gut mit der deutschen Sprache aus, zumal manches auch nur zwischen den Zeilen steht. Wir verraten Dir deshalb, was die Mitarbeiter von Bild.de meinen, wenn sie Dir zeigen wollen, „wie schön Deutschland wirklich ist“:

1.) Hier kann man schön unverpixelte Fotos von Tätern und Opfern veröffentlichen.
2.) Hier kann man schön Facebook-Profile plündern.
3.) Hier kann man schön den Pressekodex missachten.
4.) Hier kann man schön gegen den Presserat wettern.
5.) Hier kann man schön Krankenakten und persönliche Dokumente ausschlachten.
6.) Hier kann man schön Falschmeldungen in Umlauf bringen.
7.) Hier kann man schön Ressentiments schüren und Vorurteile verstärken.
8.) Hier kann man schön die niedersten Instinkte seiner Leser bedienen.
9.) Hier kann man schön Stimmung gegen Ausländer, Minderheiten und Benachteiligte machen.
10.) Hier kann man bei aufkommender Kritik schön patzig werden oder Nebelkerzen werfen und sich hinter Selbstironie verstecken.

Wenn Du all das erfahren willst, und zwar am eigenen Leib, dann melde Dich bei „Bild“. Die haben dort sicher schon Dutzende passender Schlagzeilen in der Schublade wie:

  • „Ein Chinese mit dem Kontrapass“
  • „Um lei Tung: Dieser Chinese kennt keine Abkürzungen“
  • „Junliang: Schlitzauge sei wachsam!“
  • „Kau der Welsch: Der Mann mit dem Mao-am-Anzug“
  • „Erst kam der Chinese, dann war der Hund weg!“
  • „Messer-und-Gabel-Allergie: Dieser Chinese isst Fisch nur mit (Fisch)stäbchen.“
  • Du kannst Dich aber auch statt bei „Bild“ bei uns BILDbloggern melden. Wir können Dir zwar aus Zeitgründen momentan nicht zeigen, „wie schön Deutschland wirklich ist“, haben aber Tipps parat, was man machen kann, wenn die „Bild“-Zeitung unangekündigt bei einem vor der Tür steht.

    Deine BILDblogger

    Heinz Buschkowsky und das falsche „Pokémon“-No-Go im Islam

    Jeden Mittwoch darf Heinz Buschkowsky „Klartext“ reden. Immer wieder geht es in seiner Kolumne in der Berlin-Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung um Zuwanderung, genauer: um die negativen Aspekte der Zuwanderung. Darin ist der ehemalige Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln schließlich selbsternannter Experte.

    In seinem aktuellen Text aber behandelt Buschkowsky ein ganz anderes Thema:

    Bei Bild.de wird in der leicht abgewandelten Überschrift auch direkt klar, welche „Monster“ er genau meint:

    Auch nach mehrfachem Lesen seines Textes und entgegen dem Titel seiner Kolumne wird nicht ganz klar, wofür Buschkowsky nun eigentlich plädiert: mehr Spielhallen, weniger „Pokémon“? Mehr Monster, weniger Glücksspiel? Immerhin einen seiner Gedanken umreißt er eindeutig: Für Muslime sei „Pokémon Go“ ein — Achtung, Wortspiel — No-Go.

    Junge und Mittelalte starren auf ihr Handy und rennen scheinbar ziellos durch die Gegend. Autofahrer kümmert ihr Handy mehr als die Ampel, es werden Partys gefeiert oder mit Taschenlampen bis morgens um 5 Uhr Grünanlagen durchstöbert.

    Das ist ziemlich irre, bringt Menschen aber in Bewegung. Die israelische Marine soll damit Soldaten anwerben, im Islam ist das Spiel bereits mit einer Fatwa verboten worden, weil die Figuren auf der Evolutionstheorie basieren.

    War ja klar, der Islam wieder, ein weiteres Lieblingsthema von Buschkowsky.

    Einziges Problem: Heinz Buschkowsky schreibt Quatsch. Nicht „im Islam“ ist „Pokémon Go“ per Fatwa verboten worden, sondern in Saudi-Arabien. Und das auch nicht erst gerade, sondern bereits vor 15 Jahren. Um die Jahrtausendwende gab es schon einmal einen „Pokémon“-Hype. Die Fatwa von damals wurde in Saudi-Arabien nun für „Pokémon Go“ erneuert.

    Die „Deutsche Welle“ schreibt dazu:

    Der Rechtsgelehrte Scheich Saleh al-Fausan erklärte Medienberichten zufolge, das neue Spiel sei grundsätzlich wie das alte. In der Fatwa von 2001 wird Pokémon mit einem Glücksspiel verglichen. Weiter heißt es, die Figuren schienen auf der Evolutionslehre von Charles Darwin zu basieren. Beides wird vom Islam abgelehnt.

    Der Islam in Saudi-Arabien, der Islam weltweit — solche Feinheiten interessieren Heinz Buschkowsky nicht, wenn er in „Bild“ so richtig „Klartext“ dampfplaudert.

    Mit Dank an Martin für den Hinweis!

    Nachtrag, 16:05 Uhr: Am vergangenen Samstag wurde „Pokémon Go“ auch im Iran verboten, einen Tag zuvor hatten „Malaysias oberste islamische Autoritäten den Muslimen ihres südostasiatischen Landes das beliebte Handyspiel verboten“, schreibt heise.de. Sofern Heinz Buschkowsky nicht über seherische Fähigkeiten verfügt, konnte er davon aber nichts wissen — sein Text erschien am Mittwoch vergangener Woche.

    „500 Euro Bild-Zeitung-Leserreporter? Hör auf jetzt!“

    Im Verfahren gegen Gina-Lisa Lohfink könnte das Gericht morgen ein Urteil fällen. Dabei geht es um die Frage, ob das Model die zwei Männer Pardis F. und Sebastian C. fälschlicherweise beschuldigt hat, sie vergewaltigt zu haben.

    Jahrelang kursierten Videos im Internet, die Lohfink, F. und C. zeigen — ob beim einvernehmlichen Sex oder bei einer Vergewaltigung, wird rund um das laufende Verfahren weiterhin diskutiert.* In den Videos soll Lohfink auch immer wieder eindeutig „Hört auf!“ sagen. Der Fall hat zur aktuellen Debatte beigetragen, wann es sich um eine Vergewaltigung handelt und wann nicht.

    Inzwischen sollen die Videos aus dem Internet gelöscht worden sein. Damit sich ihre Leser aber dennoch so richtig aufgeilen ein besseres Bild machen können, haben „Bild“ und Bild.de neun der zwölf Videos transkribiert und diese Verschriftlichung gestern veröffentlicht:


    Dieses Transkript beweist nichts — außer der Tatsache, wie unendlich schwierig es selbst bei Vorliegen von Video-Material sein kann, im Bereich des Sexualstrafrechts Recht zu sprechen. Das Protokoll ermöglicht jedoch eine bessere Meinungsbildung als die bisher ins Internet gestellten Video-Sequenzen, die die Debatte prägten.

    „Bessere Meinungsbildung“ klingt erstmal gut. Nun haben sich die „Bild“-Medien in ihrem aufklärerischen Eifer (wohlgemerkt: Eine bessere Meinung dürfen sich natürlich nur zahlende Zeitungs- oder „Bild-plus“-Kunden bilden) aber nicht nur auf Szenen beschränkt, die für die Vergewaltigungsfrage relevant sein könnten. Sie schildern beispielsweise auch explizit, an welchen Körperstellen bei Gina-Lisa Lohfink „eine weiße Flüssigkeit“, „vermutlich Sperma“ zu sehen ist.

    Eine Passage des Transkripts fanden wir dann aber tatsächlich ganz interessant (zum besseren Verständnis: Sebastian P. will in dieser Situation den Song „Carmen“ von Sido hören):

    Gina-Lisa: „Hör auf jetzt, gib Handy!“

    Sebastian P.: „Ja, ich will kurz Carmen hören!“

    Gina-Lisa: „Halt’s Maul, Paul! Gib Handy jetzt!“

    Sebastian P.: „Hey, fang mal …, mach mal Handy weg.“

    Pardis F.: „Mach mal aus, Mann.“

    Sebastian P.: „Ja, ist doch schon aus.“

    Pardis F.: „Mach doch aus.“

    Sebastian P.: „Ist doch schon aus.“

    Gina-Lisa: „Wie kann man nur die ganze Zeit filmen? Warum? Brauchst du Geld, oder was?“

    Sebastian P.: „Alter, für dich das Lied.“

    Gina-Lisa: „500 Euro Bild-Zeitung*-Leserreporter? Hör auf jetzt!“

    Das haben die „Bild“-Medien mit ihrer Leser-Reporter-Aktion also inzwischen erreicht: Wenn eine Person in einer delikaten Situation ungewollt gefilmt oder fotografiert wird, denkt sie mit als erstes an die Möglichkeit, dass diese Aufnahme zu Geld gemacht werden soll und bei „Bild“ landet.

    Mit dem Sternchen hinter „Bild-Zeitung“ verweist das Blatt übrigens auf diesen Absatz:

    *BILD wurden — wie anderen Medien auch — mehrfach Videos aus der Nacht angeboten. Die Redaktion hat Kauf und Veröffentlichung stets abgelehnt.

    *Korrektur, 12. August: In einer früheren Version hatten wir geschrieben, „die Frage des laufenden Verfahrens“ sei, ob es sich um einvernehmlichen Sex oder um eine Vergewaltigung gehandelt habe.

    Wolf, Du hast die Gans gestohlen

    Liebe „Bild Hamburg“,

    zu Deiner Schlagzeile „Erster Wolf 30 km vor dem Gänsemarkt!“ fallen uns gleich mehrere Fragen ein:

    1.) Warum gerade vor dem „Gänsemarkt“ in Hamburg und nicht vor Rathaus, Alster oder Michel? Weil der Gänsemarkt nur 500 Meter von Eurem Büro am „Axel-Springer-Platz“ entfernt ist und ihr dort mittags beim Italiener einkehrt? Oder weil neben dem Wolf noch ein anderes Tier in der Schlagzeile vorkommen sollte? (Dann vielleicht ein kleiner Tipp: Das Lied heißt „FUCHS, Du hast die Gans gestohlen“.)

    2.) Ihr gebt die Entfernung mit „nur rund 30 Kilometer Luftlinie“ an:

    Euch ist schon bewusst, dass Wölfe laut „Brehms Tierleben“ und im Gegensatz zu beispielsweise Möwen vier Beine haben und sich nicht fliegenderweise fortbewegen, oder? (Powertipp fürs Ermitteln der korrekten Distanz „Wolf — Gänsemarkt“: Google Routenplaner, Einstellung „Fußgänger“.)

    Und wo wir gerade beim Thema Entfernungen sind: Warum gebt Ihr die Entfernung in Eurer gedruckten Version mit 30 Kilometern und online mit 36 Kilometern an? Weil Eure Onliner ein Herz für Tiere haben und noch einen 6-Kilometer-Umweg für ’nen Besuch beim Futtermitteldiscounter eingerechnet haben?

    3.) Wie kommt man damit klar, seinen Lesern mittels alarmistischer Überschrift Angst vor dem bösen Wolf zu machen, wenn man im (dünnen) Artikel einen Experten zu Wort kommen lässt, der keinerlei Bedrohungslage sieht:

    Wölfe bald auch in Hamburg? Glaubt Schmidt nicht: „Die Tiere sind scheu und meiden Menschen.“

    Okay, das war vielleicht etwas naiv … wir ziehen die Frage zurück.

    Als Bonus hier noch ein paar Vorschläge für weitere, alarmgetriebene Schlagzeilen:

    • Erstes Krokodil x Kilometer vor Alster-Schwimmhalle
    • Erster Tiger x Kilometer vor Kindertagesstätte
    • Erstes Faultier x Kilometer vor Axel-Springer-Büro Hamburg

    Den Ausgangspunkt haben wir Euch schon mal markiert. Wie man die Kilometer misst, haben wir Euch ja bereits weiter oben erklärt.

    Mit Dank an Thorsten H.!

    Was, wenn Bild.de den Flüchtlingsdeal platzen lässt?

    Stellen Sie sich mal Folgendes vor:

    • Die Türkei kündigt den sogenannten „Flüchtlingsdeal“ mit der EU.
    • Zehntausende Geflüchtete ziehen bedrohlich von der Türkei aus Richtung Deutschland.
    • Bilder von Geflüchteten, die die Grenze zwischen der Türkei und Griechenland durchbrechen.
    • Die USA schalten sich ein. Türken verbrennen bei Demonstrationen US-Flaggen.
    • Die bulgarische Polizei entdeckt bei einem Geflüchteten Spuren von Sprengstoff.
    • Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán schließt nicht mehr aus, auf Geflüchtete zu schießen.
    • Europäische Regierungen brechen auseinander.
    • In Österreich wird FPÖ-Mann Norbert Hofer zum Bundespräsidenten gewählt.
    • Die AfD erreicht in einer Umfrage 28 Prozent. Inzwischen ist Rechtsaußen Alexander Gauland der Vorsitzende der Partei.
    • 5000 Geflüchtete stehen vor Passau, Hundertschaften der Polizei sind vor Ort, Hubschrauber kreisen über der Region.
    • Innenminister Thomas de Maizière schließt den Einsatz von Soldaten im Bundesgebiet nicht mehr aus.

    Was wie der große Wunschzettel von Rechtspublizist Jürgen Elsässer und seinem Wirrmagazin „Compact“ für noch mehr Hetzmöglichkeiten klingt, stammt von Bild.de. Autor Albert Link hat dort gestern ein „BILDplus-Szenario“ entworfen:

    In Kurzform geht das Szenario so: Keine Visafreiheit für die Türken. Die Türkei stellt „ihre Maßnahmen zur Eindämmung der Migration“ ein und löst Flüchtlingslager im Süden des Landes auf. Bus-Konvois machen sich auf zum Drei-Länder-Eck Bulgarien-Griechenland-Türkei. Bulgarien lässt die Geflüchteten durch. Serbien lässt die Geflüchteten durch. Kroatien lässt die Geflüchteten durch. Slowenien lässt die Geflüchteten durch. Österreich lässt die Geflüchteten durch. Tausende Geflüchtete stehen vor der deutschen Grenze. Und dazu noch all die anderen Punkte von oben.

    Kurz gesagt: Sodom und Gomorra in Europa.

    Es gab mal eine Zeit, da haben sich Julian Reichelt und Kai Diekmann und einige andere „Bild“-Mitarbeitern — zumindest theoretisch — bei den vielen Flüchtlingshelfern in diesem Land untergehakt und „refugees welcome“ und „Wir helfen“ geschrien. Diese Zeit ist offensichtlich vorbei. Inzwischen schüren die „Bild“-Medien wieder die Angst vor Zuwanderern.

    Nun also das bedrohliche Szenario, „WENN DER FLÜCHTLINGSDEAL PLATZT“. Und diese Panikmache in einer Zeit, in der eine Versachlichung dieser komplexen weltpolitischen Lage eine der größten Leistungen von Journalisten sein dürfte.

    In der Einleitung zum „BILDplus-Szenario“ schreibt Bild.de übrigens:

    Was wirklich passiert, wenn die Türkei ihre Drohung wahrmacht, kann niemand präzise vorhersagen. Das Szenario, das BILD hier beschreibt, ist nur eine Option unter vielen.

    Die Redaktion hat sich für eine der Optionen mit den dramatischsten Auswirkungen entschieden.

    Verfahrene Verbotsfantasien

    Vergangenen Freitag war letzter Schultag in Bayern, und damit sind aktuell alle 16 Bundesländer in den Schulferien (wenn auch manche nur noch bis morgen). Also: Koffer packen, rein ins Auto und ab Richtung Süden brettern.

    Doch dann diese Geschichte in „Bild“:

    Bild.de berichtet ebenfalls:

    Und bei „Focus Online“ dieselbe Meldung:

    Auslöser für die Artikel ist das oben zu sehende Schild an der Autobahn 8 bei Leonberg, auf Höhe einer Wanderbaustelle: ein rot durchgestrichener Schriftzug „Navigation“ und darunter die Aufforderung, für die Weiterfahrt Richtung München und Stuttgart der normalen Verkehrsbeschilderung zu folgen.

    Aufgestellt hat es das Regierungspräsidium Stuttgart. Denn es zeigte sich, dass Navigationsgeräte die Auto- und LKW-Fahrer am Autobahndreieck Leonberg fälschlicherweise immer wieder auffordern, auf die linke Spur zu wechseln, wenn sie nach München weiter wollen — obwohl alle drei Spuren nach München führen. Die Folge: einige riskante Manöver über eine durchgezogene Linie, die zum Teil zu Unfällen führten.

    Die „Bild“-Medien schreiben dazu:

    Blindes Vertrauen aufs Navi hat auf der A8 bei Leonberg schon mehrere Verkehrsunfälle verursacht. Jetzt hat das Regierungspräsidium die Nase voll. Die Behörde hat ein Navi-Verbot verhängt!

    Doch bevor jetzt die deutsche Autofahrerlobby Schaum vor dem Mund bekommt („Jetzt wollen die da oben auch noch bestimmen, ob ich mein Navi benutzen darf oder nicht?!“): Das mit dem „Navi-Verbot“ stimmt gar nicht. Der Hinweis an der A8 ist lediglich ein Vorschlag.

    Die „Stuttgarter Zeitung“ hat nämlich mal beim Regierungspräsidium nachgefragt, was es mit dem neuen Schild auf sich hat:

    „Das neue Schild ist kein offizielles Verkehrszeichen und auch kein Verbotsschild, es ist ein Hinweisschild, das die Autofahrer sensibiliseren soll“, sagte gestern Matthias Kreuzinger, vom Stuttgarter Regierungspräsidium.

    Mit Dank an Lutz K. für den Hinweis!

    Blättern:  1 2 3 4 ... 94