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Bild.de deckt auf: Auf japanischem Pornokanal laufen Pornos

Am Montagabend lautete das Motto bei Bild.de mal wieder: „Diese Japaner, die sind doch alle verrückt!“

In der subtil betitelten Rubrik „Die krassesten TV-Shows der Welt“ präsentierte die Redaktion Fernsehsendungen aus verschiedenen Ländern, die irgendwie irgendwas mit Sex zu tun haben. Anlass dafür ist die vor zehn Tagen gestartete Nackt-Dating-Show „Naked Attraction“. Das, was aktuell bei RTL 2 läuft, könne einem schon „die Schamesröte ins Gesicht treiben“, schreibt Bild.de. Doch das sei nichts gegen das Fernsehprogramm in Japan, wo alles „noch viel bekloppter“ sei:

Normale Dating-Shows werden immer öfter von Extrem-Formaten abgelöst. Aber „Adam sucht Eva“ oder „Naked Attraction“ sind harmlos im Gegensatz zu dem, was beispielsweise im japanischen TV den Zuschauern serviert wird.

Jaha!

Japan? Prüde? Papperlapapp! Zappt man dort durch die Kanäle, möchte man sich nicht selten die Hände vors knallrote Gesicht schlagen.

Der Text stellt drei vermeintliche japanische TV-Sendungen vor: Nummer eins ist „Orgasm Wars“, wo ein homosexueller Mann einen heterosexuellen durch Oralsex zum Orgasmus bringen soll, wobei dieser versucht, das nicht zuzulassen. Beispiel zwei zeigt eine Gruppe Männer, die eine Pappmascheewand einwerfen will, um die dahinterstehende, nackte Frau zu Gesicht zu bekommen. Der angebliche Titel: „Strip the Girl“. In Beispiel drei befriedigen drei Frauen drei Karaoke singenden Männer per Hand. Es gewinnt derjenige die Show, die laut Bild.de „Sing What Happens“ heißen soll, der trotz des bevorstehenden Orgasmus am besten singt.

Zu „Orgasm Wars“ schreibt Bild.de:

Vor ein paar Jahren war diese TV-Show der Höhepunkt im japanischen Fernsehen. Und was dort gezeigt wird, ist an Absurdität kaum zu überbieten.

Die Redaktion tut so, als wäre die Oralsex-Sendung im normalen japanischen Programm gelaufen. Natürlich ist das Quatsch.

Die angeblichen TV-Shows aus den Beispielen eins („Orgasm Wars“) und drei („Sing What Happens“) sind tatsächlich nur Show-Segmente aus „Lass mich deinen Reißverschluss öffnen mit Tokui Yoshimi“ (im Original: „Tokui Yoshimi no Chakku Orosaseteya“). Diese Gameshow läuft auf beim japanischen Erotikkanal* Pay-TV-Anbieter „Skyperfect TV“. Bei den Teilnehmern handelt es sich fast ausschließlich um Pornostars und Personen, die zur Entertainment-Agentur „Yoshimoto Kogyo“ gehören. Es handelt sich also nicht um eine gewöhnliche Sendung aus dem Abendprogramm, sondern um einen Porno mit professionellen Schauspielern im Gewand einer Gameshow.

Bei Beispiel zwei („Strip the Girl“) hat das Team von Bild.de in einem Punkt Recht: Das Spiel mit der nackten Frau hinter der Pappmascheewand lief tatsächlich im japanischen Free-TV.

Das Ganze hieß allerdings nicht „Strip the Girl“, sondern „Alle Felder sind das Ziel! Strike-out-Dusche!“ („Pafekuto tassei! Shawashitsu sutorakku auto!“). Es handelte sich dabei wiederum nicht um eine eigenständige Fernsehsendung, sondern nur um einen Teil der Show „Takeshis Truppe bis zum frühen Morgen“ („Asa made Takeshi Gundan“), die „TV Asahi“ rund einmal im Jahr zwischen 1 und 3 Uhr nachts ausstrahlte. Zum letzten Mal lief die Sendung mit Regisseur Takeshi Kitano in der namensgebenden Rolle 2012. Ein schlüpfriges Format mit vielen Nacktmodels, das zumindest etwas ans deutsche „Tutti Frutti“ erinnert.

Letztendlich stellen sich die „krassesten TV-Shows“ Japans also als Pornosendung auf einem Pornokanal und als längst abgesetzte schlüpfrige Gameshow im Nachtprogramm heraus. Was bleibt sind einige Klicks für Bild.de und die Befürchtung, dass selbst der letzte Bild.de-Leser nun denkt: „Diese Japaner, die sind doch alle verrückt!“

*Nachtrag, 26. Mai: „Skyperfect TV“ ist nicht, wie zuerst von uns geschrieben, ein Erotikkanal, sondern ein ganz normaler Pay-TV-Anbieter, der den Kanal „Skyperfect TV Adult“ ausstrahlt. Dort läuft die Sendung „Lass mich deinen Reißverschluss öffnen mit Tokui Yoshimi“.

Bild.de lässt Putin Geld an eine Frau zahlen, die eigentlich ein Mann ist

Bei all der Kritik an Medien hier auf der Seite, darf man nicht vergessen, dass viele Journalisten jeden Tag einen richtig guten Job machen. Eine Redaktion, die aktuell einen besonders guten Job macht, ist die der „Washington Post“. Das Team gräbt — ähnlich wie das der „New York Times“ — immer wieder brisante Geschichten über US-Präsident Donald Trump aus.

Aktuell berichtet die „Washington Post“ über ein Gespräch in vertraulicher Runde vom 15. Juni 2016, in der Kevin McCarthy, republikanischer Mehrheitsführer im Abgeordnetenhaus, zu führenden Parteifreunden sagt:

Es gibt zwei Leute, von denen ich glaube, dass sie von Putin bezahlt werden: Trump und Rohrabacher … ich schwöre bei Gott.

Die Unterhaltung zwischen McCarthy und seinen Kollegen soll kurz vor der Nominierung Trumps als republikanischer Präsidentschaftskandidat stattgefunden haben. Die Autoren der „Washington Post“ schreiben, sie hätten nun eine Audioaufnahme des Gesprächs nachhören können. Kevin McCarthy sagt heute, dass seine Aussage damals ein Witz gewesen sei.

Jetzt müssten andere Medien nur noch auf diese Geschichte stoßen, sie aufschreiben und vielleicht noch kurz nachschauen, wer Dana Rohrabacher ist.

Dann mal los, Bild.de:

Washington Post enthüllt Geheimgespräch aus 2016 - Top-Republikaner: Ich denke, Putin bezahlt Trump

Damit wäre zudem offiziell, dass nicht nur das Trump-Team Gelder aus Russland erhalten hat. Dana Rohrabacher ist eine republikanische Kongress-Abgeordnete aus Kalifornien, die als starke Verfechterin Putins und Russlands gilt. Nach den Aussagen McCathys steht auch sie auf Putins Gehaltszettel.

Die Information über Rohrabacher findet man fast eins zu eins auch im Artikel der „Washington Post“:

Dana Rohrabacher is a Californian Republican known in Congress as a fervent defender of Putin and Russia.

Bild.de hat die Passage beinahe richtig übersetzt. Nur, dass Dana Tyron Rohrabacher ein Mann ist.

Mit Dank an Jörg L. für den Hinweis!

Nachtrag, 26. Mai: Christoph Herwartz weist darauf hin, dass der Mann/Frau-Fehler aus einer „dpa“-Meldung stamme:

Tatsächlich steht in der entsprechenden Agenturmeldung:

Dana Rohrabacher ist eine republikanische Politikerin, die sich wiederholt positiv über Russland und Wladimir Putin geäußert hatte.

Wir finden allerdings weiterhin, dass die Ähnlichkeit zwischen der falschen Bild.de-Passage und der Originalpassage der „Washington Post“ größer ist als die Ähnlichkeit zwischen der falschen Bild.de-Passage und der falschen „dpa“-Passage.

Bild.de-Urlaubern fällt falscher Fleischfresser-Koala auf den Kopf

Planen Sie eine Reise nach Australien? Dann legen Sie am besten ein paar Gabeln bereit, die sie sich vor Ort in die Haare stecken können, und eine Extra-Tube Zahnpasta, um sie sich nach Ankunft hinter die Ohren zu schmieren. Denn nur so können Sie sich ordentlich vor fleischfressenden Freifall-Koalas schützen — jedenfalls wenn man den großen Fehler macht, auf Bild.de zu hören, und die Reisetipps des Portals konsequent weiterdenkt.

Doch der Reihe nach. Bild.de präsentierte gestern Abend „99 Fettnäpfchen, die Urlauber vermeiden sollten“, eine lange Liste mit Hinweisen zu verschiedenen Reisezielen auf der ganzen Welt:

99 Fettnäpfchen, die Urlauber kennen sollten - Hier müssen Sie in Schlappen aufs WC

In Frankreich solle man etwa „nach dem Dessert keinen Wein mehr trinken“. In Griechenland solle man die Menschen nicht als „Pleite-Griechen“ beschimpfen solle man die „Menschen am Telefon an ihrer Stimme erkennen“. Und in Taiwan solle man „am Neujahrstag nicht putzen“.

Zu Australien gibt Bild.de fünf Tipps. Nummer eins: Man solle „Koalas nicht mit dropbears verwechseln“:

In Australien sollten Sie Koalas nicht mit dropbears verwechseln - Garantiert: Planen Sie eine Reise nach Australien, werden Sie mindestens ein Dutzend Bekannte fragen, ob Sie nicht Angst vor den Killerspinnen und Riesenschlangen haben. Dabei ist die größte Gefahr ein ganz andere: Uninformierte Touristen verwechseln goldige, harmlose und zuckersüße Koalas mit den fleischfressenden dropbears, die sich aus Eukalyptusbäumen herabstürzen. Erkundigen Sie sich stets vor Ort über das lokale Risiko!

Wie man möglichen Angriffen durch die „fleischfressenden dropbears“ vorbeugen kann? Laut „Wikipedia“ sollen die eingangs erwähnten Mittel helfen:

Es werden verschiedene Methoden vorgeschlagen, um Drop Bears abzuschrecken. Dazu gehört, sich Gabeln in die Haare zu stecken, sich Vegemite oder Zahnpasta hinter die Ohren zu schmieren, auf sich selber zu urinieren oder nur Englisch mit australischem Akzent zu sprechen.

Bei „Wikipedia“ steht allerdings auch:

Ein Dropbear oder Drop Bear (wörtliche Übersetzung „Fall-Bär“) ist ein fiktives australisches Beuteltier. (…) Geschichten über Angriffe werden erzählt, um Touristen zu erschrecken.

Für Ihren nächsten Besuch bei Bild.de hätten wir auch noch eine Reisewarnung einen Tipp:

Bei Bild.de sollten Sie Journalismus nicht mit dem Reinfallen auf Witze verwechseln - Garantiert: Planen Sie einen Besuch bei Bild.de, werden Sie mindestens ein Dutzend Bekannte fragen, ob Sie nicht Probleme mit all den üblen Kampagnen des Portals oder mit dem Veröffentlichen von bei Facebook geklauten Fotos verstorbener Menschen haben. Dabei ist die größte Gefahr eine ganz andere: Uninformierte Bild.de-Redakteure verwechseln lustige Gruselgeschichten aus Down Under mit der Realität. Erkundigen Sie sich stets bei BILDblog über das aktuelle Risiko!

Mit Dank an Marcel H. für den Hinweis!

Nachtrag, 16:07 Uhr: Bild.de hat in der Zwischenzeit reagiert und lässt die „Dropbears“ nun nur noch „mit einem Augenzwinkern“ auf „uninformierte Touristen“ fallen:

Besucher sollten sich vor Ort stets über das lokale Risiko erkunden, empfiehlt der Autor mit einem Augenzwinkern (Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes war die Ironie nicht direkt erkennbar. Wir bitten um Entschuldigung).

Zwei Jahre alt, „beste Star-Appeal-Gene“, keine Privatssphäre

Viel besser hätte die neue Woche für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Bild.de nicht starten können. Sie sind ganz verzückt:

Ob Eva beim Anblick des Vater-Tochter-Gespanns auch jedes Mal wieder ins Schwärmen kommt? Wir schon!

Mit „Eva“ ist die Schauspielerin Eva Mendes gemeint, der „Vater“ ist Schauspieler Ryan Gosling und die „Tochter“ ist eines von zwei gemeinsamen Kindern des Ehepaares.

Ryan Gosling war mit seiner zweijährigen Tochter vor Kurzem in Los Angeles unterwegs. Paparazzi entdeckten die beiden und schossen Fotos, auf dem das Gesicht des Mädchens zu erkennen ist. Eines dieser Bilder hat nun also auch die Bild.de-Redaktion in die Hände bekommen. Und seitdem kommen die Promi-Kinder-Glotzer aus dem Schwärmen nicht mehr raus:

Die Unkenntlichmachung stammt von uns, Bild.de zeigt das Kind komplett unverpixelt auf der Startseite. Und das, obwohl die Redaktion sehr genau weiß, dass „Eva und Ryan“ stets zu verhindern versuchen, dass ihre Kinder auf klickgeilen Internet-Portalen ausgestellt werden.

Im Artikel von Bild.de steht:

Esmeralda ist zwar schon ganze zwei Jahre alt und hat offensichtlich die besten Star-Appeal-Gene abbekommen — Bilder dieser Art sind aber eine absolute Rarität. Eva und Ryan achten sehr auf die Privatsphäre ihre [sic] Sprösslinge und halten sie fern von Blitzlichtgewitter und Paparazzi.

Den Schutz der Privatsphäre eines Kindes kann man natürlich schon mal vergessen, bei all der Begeisterung über solche „Star-Appeal-Gene“ einer Zweijährigen.

Bei Bunte.de sind sie hingegen ganz erleichtert. Endlich ist er weg, dieser wahnsinnige Druck! Schließlich habe man „lange gewartet“:

Auf diese Bilder haben wir lange gewartet: Endlich zeigt uns Ryan Gosling seine Tochter Esmeralda!

Das Burda-Portal veröffentlicht ebenfalls das Foto von Gosling mit seiner jungen Tochter. Das Burda-Portal verzichtet dabei ebenfalls auf eine Verpixelung. Und das Burda-Portal schreibt ebenfalls, dass „Ryan und Eva“ ihr Privatleben „weitgehend geheim“ hielten:

Ryan und Eva sind bereits seit 2011 ein Paar, doch die Hollywood-Stars leben zurückgezogen und halten ihr Privatleben weitgehend geheim. Nicht mal von den beiden Schwangerschaften der schönen Schauspielerin erfuhr die Öffentlichkeit — bis die Geburten jeweils kurz bevor standen.

Dennoch — oder gerade deswegen — hat das Team von Bunte.de für ihren nächsten Beutezug einen Bitte an Ryan Gosling:

Esmeralda hat seit etwa einem Jahr eine kleine Schwester namens Amada (1). Auch auf sie würden wir gerne mal einen Blick werfen. Vielleicht beim nächsten Ausflug, Ryan?

Das klingt nach einer ziemlich ernsten Drohung.

Mit Dank an Vitus H. für den Hinweis!

Note 6

Im Dezember 2010, ein knappes Jahr nach dem Suizid von Fußballtorwart Robert Enke, schrieb Johannes Aumüller bei süddeutsche.de:

Seit dem Enke-Tod beginnt in Sportredaktionen ein Nachdenken über die Vergabe von Spielernoten: Selbst Bild will sensibler werden.

Bei diesem „Nachdenken“ gehe es auch um „den Umgang mit Tabus oder die Frage nach dem öffentlichen Druck auf einen Profispieler“. Aumüller zitierte in seinem Artikel unter anderem Walter M. Straten, der damals noch stellvertretender Sportressortleiter bei „Bild“ war und heute Sportchef bei dem Boulevardblatt ist:

Über vieles sei diskutiert worden, auch über Noten, und man sei schließlich zu dem Ergebnis gekommen, bei der Benotung so weiter zu machen wie bisher, sagt Straten. Auch in seiner Redaktion soll es zu einem etwas sensibleren Umgang mit den Zensuren kommen: „Wir werden wohl mit extremen Noten etwas vorsichtiger sein“, sagt der stellvertretende Bild-Sportchef. Man werde sich einmal mehr überlegen, „ob der Spieler, der eine klare Torchance vergeben hat, oder der Torwart, der den Ball hat durchflutschen lassen, eine Sechs bekommt oder eine Fünf reicht“.

Sechseinhalb Jahre später scheint sich weder Straten noch irgendjemand sonst bei „Bild“ daran zu erinnern, dass man „etwas vorsichtiger sein“ wollte bei der Notenvergabe. Für die 0:4-Niederlage des HSV am vergangenen Sonntag verteilt die Sportredaktion heute zwölf Sechsen:

Und es bleibt nicht bei der Abstrafung mit „extremen Noten“. Auf der Titelseite macht die Hamburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung die HSV-Fußballer sprachlich wie optisch zu „Flaschen“:

Im Innenteil gibt es dann noch eine komplette Seite voller Spott:

Und Bild.de macht auf der Startseite auch mit:

Im dazugehörigen Artikel schreiben die zwei Autoren:

IHR FLASCHEN!

Vier Pleiten in den letzten fünf Spielen. Absturz auf Platz 16. In vier Jahren droht dem HSV zum dritten Mal die Relegation.

Krass, wie die komplette Truppe versagte (12-mal BILD-Note 6).

Na klar darf „Bild“ Profisportler für schwache Leistungen kritisieren. Es geht darum, wie das passiert. Und darum, dass Walter M. Straten vor einigen Jahren noch so getan hat, als wäre es ihm wirklich wichtig, dass seine Redaktion ordentlich mit Menschen umgeht.

Mit Dank an @MoDeutschmann und Timo W. für den Hinweis!

„Bild“ setzt spezielle Schwerpunkte

Frau und Mann lernen sich kennen. Frau schickt Mann Nacktfotos. Mann droht, Nacktfotos ins Internet zu stellen. Frau zahlt Geld, damit das nicht passiert. Frau zeigt Mann an. Es kommt zum Prozess. Das Urteil: 15 Monate auf Bewährung wegen Erpressung.

So nüchtern könnte man den Fall beschreiben, der vor wenigen Tagen vor dem Amtsgericht Dresden verhandelt wurde. Ob der Mann und die Frau groß oder klein sind, dick oder dünn, kurze Nasen und große Füße oder kleine Hände und ein orangenes Gesicht haben, ist dabei völlig irrelevant. Große und Dicke können genauso wie Dünne und Kleine Nacktfotos machen, sie verschicken, drohen, sie ins Internet zu stellen, Leute damit erpressen.

Die Fat-Shaming-Abteilung bei Bild.de und der Dresden-Ausgabe der „Bild“-Zeitung fanden die Figuren der beiden Protagonisten aber offenbar doch ziemlich wichtig im Zusammenhang mit der Verhandlung.

Die dämlichen Witzeleien fangen schon in der Dachzeile an …

ERST DICKE LIEBE, DANN FETTE ERPRESSUNG - ER wollte IHRE Sex-Bilder ins Internet stellen

… gehen im Artikeleinstieg direkt weiter …

Eine dicke Internet-Liebe endete am Dienstag in einem schmutzigen Prozess vor dem Amtsgericht Dresden.

… und schaffen es bis in die Bildunterschrift:

Einst dicke verliebt, jetzt einfach nur dicke Feinde: Ingmar K. (36) und Renate M. (43, Name geändert)

Eine weitere Bildunterschrift nutzen „Bild“ und Bild.de, um den Lesern noch einmal klarzumachen, wie die Figur des Angeklagten zu bewerten ist:

Schwergewicht Ingmar K. (36) entschuldigte sich bei seiner Ex-Freundin

Und für alle, die es bis hierhin immer noch nicht geschnallt haben, schreibt der Autor im Text:

2014 hatte Ingmar K. die ebenfalls arbeitslose Renate M.* (43, Name geändert) aus Dresden im Internet kennen gelernt. Beide sind schwer übergewichtig, bringen locker zusammen über 300 Kilo auf die Waage.

Komisch — wir wussten bisher gar nicht, dass auch das Körpergewicht einer angeklagten Person bei einem Gerichtsprozess eine Rolle spielt.

Mit Dank an Thomas A. für den Hinweis!

Oberstes „Bild“-Gericht hat „BVB-Bomber“ längst schuldig gesprochen

Die „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR berichten heute, dass der Mann, der verdächtigt wird, die drei Bomben neben dem Mannschaftsbus des BVB gezündet zu haben, sagt, er sei es nicht gewesen:

„Mein Mandant bestreitet die Tat“, erklärt der Tübinger Anwalt Reinhard Treimer, der den 28-jährigen Mann vertritt. Sergej W. habe auch gegenüber dem Haftrichter des Bundesgerichtshofs bestritten, dass er der Täter gewesen sei.

Auch die weiteren Ermittlungen der zuständigen Behörden sollen bislang kein weiteres belastendes Material zutage gefördert haben:

Die bisherige Auswertung des bei Durchsuchungen sichergestellten Materials hat nach Recherchen von Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR keine weiteren eindeutigen Belege für die Tat gebracht.

Dennoch seien sich die Ermittler „weiterhin sicher, dass der wegen dringenden Tatverdachts festgenommene 28-jährige Sergej W. den Anschlag auf den Bus verübt hat.“ In dem Fall geht es um versuchten Mord, gefährliche Körperverletzung und die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion.

Bild.de berichtet, mit Bezug auf die „Süddeutsche Zeitung“, ebenfalls über die neueste Entwicklung:

Moment mal! „Mutmaßlicher Attentäter“? Warum denn auf einmal diese Zweifel, liebe „Bild“-Richter? Ihr wart doch schon vor Tagen sicher:


(Diese und alle weiteren Unkenntlichmachungen im Beitrag von uns.)

Wozu auf eine offizielle Verurteilung warten, wenn man medial schon mal vorverurteilen kann? Warum nicht einfach schon mal schreiben, dass es sich um „seinen 30-fachen Mordversuch“ handelt?

Warum nicht jemanden schon mal ohne jeden Zweifel zum „Dortmund-Attentäter“ erklären?

Warum nicht immer und immer wieder vom „BVB-Bomber“ beziehungsweise, wenn man in besonderer Alliterationslaune ist, vom „BVB-Bus-Bomber“ schreiben und ein unverpixeltes Foto des Tatverdächtigen danebenpacken, als hätte ein Gericht bereits rechtskräftig festgestellt, dass es sich bei dem Mann um den Attentäter handelt?



Keine Frage: Aufgrund der Indizien — zum Beispiel die Börsenwette des Tatverdächtigen auf einen fallenden BVB-Aktienkurs oder sein Bestehen auf ein Hotelzimmer mit Blick auf den Anschlagsort — kann man der Meinung sein, dass der Mann etwas mit dem Attentat zu tun hat. Aber es sind eben nur Indizien. Und ein „mutmaßlich“ oder „angeblich“ oder „wahrscheinlich“ in die Berichterstattung einzubauen, ist kein großer Akt. Wenn eine Redaktion es denn will.

Die Mitarbeiter von „Focus Online“ schrieben übrigens auch schon vom „BVB-Attentäter“. Aber im Gegensatz zu ihren „Bild“-Kollegen hatten sie auch schon ein Geständnis des Tatverdächtigen gehört. Jedenfalls meinten sie vor einer Woche, eins gehört zu haben:

Die „dpa“ griff die „Focus Online“-Hinhör-Geschichte damals auf und machte eine Meldung daraus. Diese tauchte dann erneut bei „Focus Online“ auf:

Heute veröffentlichte „Focus Online“ diese Eilmeldung:

Ebenfalls zum Thema:

Mit Dank an @LSAwesome und @ziesmannmedia für den Hinweis!

Bild.de sprach zuerst mit der Entschädigung

Erinnern Sie sich noch an David Dao, den Arzt, der brutal aus einem „United Airlines“-Flugzeug gezogen wurde? Dao hat sich mit „United“ nun in einem außergerichtlichen Vergleich geeinigt und bekommt eine Entschädigung von dem Unternehmen.

Und was für eine: laut Bild.de handelt es sich um eine „Mega-Entschädigung“.

Wie viel mag das wohl sein? Eine Million Dollar? Zehn Millionen Dollar? 100 Millionen Dollar? Na, Bild.de?

Für eine dicke Schlagzeile weiß Bild.de mal wieder mehr nichts als alle anderen.

„Also Mädels, tut ihm den Gefallen“

In den USA, aber auch anderswo auf der Welt soll das sogenannte Stealthing ein neuer, grässlicher Trend sein: Beim eigentlich einvernehmlichen Sex zieht der Mann während des Geschlechtsverkehrs heimlich das Kondom von seinem Penis. Abgesehen von den damit verbundenen Risiken, wie sexuell übertragbaren Krankheiten und — wenn der Sexualpartner eine Frau ist — ungewollten Schwangerschaften, handelt es sich dabei um eine Form eines sexuellen Übergriffs. Rechtsexperten fordern, Gesetze anzupassen und Stealthing als Straftat zu behandeln. In der Schweiz wurde Anfang des Jahres ein Mann wegen Vergewaltigung verurteilt, nachdem er ohne vorherige Einwilligung der Frau beim Sex das Kondom abgelegt hat.

Bild.de hat am Dienstag auch über das Thema Stealthing berichtet. Die Redaktion macht schon in der Überschrift klar, was es davon hält:

Wenn Mann beim Verkehr unbemerkt das Gummi runterzieht - Gefährlicher Sex-Trend 'Stealthing'

Und auch der erste Satz des Artikels ist eindeutig:

Es ist dreist, hochgradig gefährlich — und ein Fall für die Gerichte!

Weil es in dem Text ja um Kondome, oder genauer: um Keine-Kondome, geht, hat Bild.de noch eine Packungsbeilage mit dem Titel „Infos Kondom-Anwendung“ dazugelegt. Neben Hinweisen zur korrekten Größe („nachmessen!“) und der richtigen Vorbereitung („Wer das Verhüterli schon vorher ausgepackt bereitlegt, spart sich unnötigen Stress.“) gibt es da solche Tipps für die Bild.de-Leserinnen:

Mehr Druck - Spürt er mit dem Gummi nix mehr, kann das daran liegen, dass zu wenig Reibung entsteht. Helfen Sie ihm, indem Sie Ihre Beine enger zusammendrücken.

Und solche:

Mundgerecht - Über so eine Hilfe beim Überziehen freut ER sich besonders. Also Mädels, tut ihm den Gefallen.

Also wirklich, „Mädels“ — jetzt stellt euch mal nicht so an und „tut ihm den Gefallen.“ Das müsste doch mindestens Teil eures Rundum-sorglos-Paketes sein.

Auf die Idee muss man erstmal kommen: In einem Artikel, in dem es eigentlich um verachtenswerte Sex-Praktiken von Männern geht, Frauen Tipps zu geben, bei denen sie wie Liebesspiel-Dienstleister mit natürlicher Bringschuld wirken.

Mit Dank an Rinaldo S. und Torben für die Hinweise!

Bild, Bild.de  etc.

FIFA kuscht vor „Bild“ – und widerspricht ihr

Wenn man irgendein Problem hat und nicht weiterweiß, kann man sich an „Bild“ wenden, und dann heißt es: „BILD kämpft für Sie“. Das Boulevardblatt regelt die Sache für einen — zum Beispiel, dass der Kioskbesitzer das Überraschungsei erstattet, das er einem verkauft hatte, obwohl das Mindesthaltbarkeitsdatum schon zwei Tage überschritten war. Sowas halt.

In den vergangen zwei Tagen hat „Bild“ aber noch etwas viel Größeres erkämpft, für Sie, für uns, für die Welt: den Erhalt der Pressefreiheit. Doch, doch, lesen Sie selbst:

Das Ganze ging gestern los. Da schrieb die „Bild“-Redaktion groß auf ihrer Titelseite:

Grund für die „Zensur“-Rufe von „Bild“ ist ein Dokument mit dem Titel „Media Visa Procedure and Guidelines on Foreign Media Work in Russia“. Diese „Guidelines“ haben Journalisten zugeschickt bekommen, die sich für den „Confederations Cup“ akkreditiert haben, ein Fußballturnier, das immer ein Jahr vor der Weltmeisterschaft im jeweiligen Gastgeberland stattfindet. Dieses Mal in Russland.

„Bild“ zitierte gestern aus dem Dokument:

In der Akkreditierungs-Bestätigung steht:

„1. Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen ausschließlich über den FIFA Konföderationen-Pokal 2017 und damit verbundene Ereignisse berichten.

2. Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen nur auf dem Gebiet der Spielorte und nahe gelegener Sehenswürdigkeiten tätig sein.“

Die Schlussfolgerung der Redaktion:

Bedeutet: Die Reporter dürfen mit der Akkreditierung kaum über die Außenlinie des Platzes hinaus berichten. Über Missstände, über mögliche Proteste.

Die FIFA kuscht wohl vor Putin.

In einem Kommentar machte „Bild“ dann auch noch klar: Nicht mit uns!

Putin zensiert die WM-Generalprobe im Sommer, an der auch unsere Weltmeister teilnehmen.

Journalisten dürfen beim sogenannten Confed-Cup nur über die Fußballspiele berichten. Außerdem ist die Tätigkeit auf die Spielorte und „nahegelegene Sehenswürdigkeiten“ begrenzt. (…)

BILD jedenfalls wird keine Reporter zum Confed-Cup schicken, solange diese Zensur gilt.

Ziemlich viele Leute aus Sport und Politik schlossen sich „Bild“ an, und auch viele Medien berichteten über die „Guidelines“ der FIFA (obwohl die schon eine ganze Weile bekannt sind, mindestens seit Ende März).

Heute dann die oben bereits präsentierte, vermeintliche „Wende“: „Fifa und Putin lenken ein“, schreibt „Bild“ und lässt keinen Zweifel daran, wer dafür gesorgt hat:

Und sie bewegen sich doch! Nachdem BILD die Knebel-Klausel für Journalisten beim Confederations Cup in Russland (17. Juni bis 2. Juli) enthüllt hat, lenken beide ein — die Fifa und Präsident Wladimir Putin (64). (…)

BILD kündigte an, den Confederations Cup zu boykottieren, falls die Zensur-Regelung bestehen bleibt.

Gestern die sensationelle Wende!

Schaut man sich die Reaktion der FIFA und des russischen Organisationskomitees auf den „Zensur“-Vorwurf von „Bild“ genauer an, hat man das Gefühl, dass es sich eher um ein Widersprechen handelt — und nicht um ein Einlenken. Die „Bild“-Zeitung zitiert heute aus einer Erklärung der gemeinsamen Ausrichter:

„Journalisten, die eine FIFA-Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal erhalten, können an den Spielorten und in den umliegenden Gebieten ohne jede Einschränkung frei arbeiten.“

Bild.de schrieb gestern am Nachmittag selbst noch, dass die FIFA die Zensur-Vorwürfe zurückweise:

Und „Bild“ schreibt, dass die kritisierten Stellen in den „Guidelines“ auch nicht gestrichen werden sollen:

BILD hakte bei der Fifa nach: Werden die Akkreditierungs-Unterlagen geändert und die Zensur-Regel auch schriftlich gestrichen?

Die mündliche Antwort eines Sprechers: Man habe die Unterlagen bereits vor knapp drei Wochen an die Medienvertreter verschickt. Eine Neuversendung mit Änderungen ist nicht geplant.

Das Dementi der FIFA zur „Bild“-Berichterstattung und das Nicht-Streichen der kritisierten Passagen nutzt „Bild“ heute also, um sich als Retter der Pressefreiheit zu inszenieren.

Natürlich ist es überhaupt nicht abwegig zu vermuten, dass Wladimir Putin kritische Berichterstattung während der Fußballweltmeisterschaft im kommenden Jahr und während des „Confederations Cup“ in diesem verhindern will. Und es ist auch klar, dass in einem Land wie Russland, das in der „Rangliste der Pressefreiheit“ von „Reporter ohne Grenzen“ auf Platz 148 von 180 liegt, nicht sicher ist, ob und wie man berichten kann. Man kann sich also über den Passus in den „Guidelines“ der FIFA völlig zurecht aufregen und darüber schreiben — schließlich bringt er zusätzliche Unsicherheiten für die Journalisten, die bald nach Russland reisen wollen. Die Hysterie, mit der „Bild“ dies tut, und der sich viele Medien gestern angeschlossen haben, ist dabei das Problem. Dass gleich „Zensur“ geschrien wird und „Boykott“. Für „Bild“ ist momentan alles vieles, was aus Russland kommt, die Ausgeburt des Bösen.

Dazu kommt, dass die „Guidelines“, auf die sich „Bild“ bezieht, gewisse Schwächen bei der Übersetzung aufweisen. Es gibt sie in Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Schaut man sich das Dokument (PDF) an, sieht man, dass bei Punkt 2 …

2. Medienvertreter mit einer Akkreditierung für den FIFA Konföderationen-Pokal dürfen nur auf dem Gebiet der Spielorte und nahegelegener Sehenswürdigkeiten tätig sein.

… im Deutschen ein „nur“ steht und im Spanischen ein „solo“. Im Englischen gibt es hingegen kein „only“ und im Französischen kein „seulment“. Ohne das „nur“ wird aus dem Satz, der etwas einschränkt, auf einmal eine Erlaubnis.

Und auch der Begriff „Spielort“ ist in der Deutschen Übersetzung unglücklich gewählt. Damit kann sowohl die gesamte Stadt als „Spielort“ gemeint sein, beispielsweise Sotschi, aber auch nur das Stadion in Sotschi. Die „Bild“-Redaktion hat sich bei ihrer Interpretation offenbar für Variante zwei entschieden:

Die Reporter dürfen mit der Akkreditierung kaum über die Außenlinie des Platzes hinaus berichten.

Allerdings steht in der englischen Variante „host cities“, in der spanischen „ciudades anfitrionas“ und in der französischen „villes hôtes“, was alles eher für die gesamte Stadt spricht, in der gespielt wird.

Klar, auch wenn man „Spielort“ durch „Gastgeberstadt“ ersetzt, mögen die FIFA-„Guidelines“ noch eine Einschränkung bei der Berichterstattung darstellen. Diese scheint aber nicht so eng gefasst zu sein, wie „Bild“ behauptet.

Mit Dank an Roland B. und Andreas für die Hinweise!

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