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Auch mal die andere Seite zeigen

Wenn bei schlimmen Unfällen auf öffentlichen Straßen Feuerwehrleute und Sanitäter anrücken, haben sie in der Regel auch eine oder mehrere Decken dabei. Die halten sie dann als Sichtschutz vor die Verletzten, damit vorbeifahrende Gaffer nicht gaffen und allzu sensationsgeile Fotografen nicht fotografieren können.

Am vergangenen Samstag gab es so einen Unfall in Ruhpolding. Mehrere Kinder wurden beim Überqueren einer Straße von einem Auto angefahren und dabei teilweise sehr schwer verletzt. Die Feuerwehr und die Sanitäter rückten also an, packten auch eine Decke aus und hielten sie vor die Verletzten, während diese vor Ort behandelt wurden.

Und was macht ein Fotograf, der keine Rücksicht auf irgendwas kennt, in so einer Situation? Geht einfach auf die andere Seite der Decke und macht vorn dort aus seine Aufnahmen. Einige Medien haben diese Fotos dann auch noch gebracht.

Bild.de zum Beispiel:


(Alle Unkenntlichmachungen in diesem Artikel durch uns.)

Oder „Bild“:

BR.de:

abendzeitung-muenchen.de:

chiemgau24.de:

pnp.de:

Unser Leser Götz Marx hat eine Idee, was beim Anblick der Decke wohl im Kopf des Fotografen vorgegangen sein muss: „Der BILD-Fotograf dachte wohl, die Feuerwehrleute halten die Decke bei den Opfern nur deswegen hoch, damit er nicht gegen die Sonne fotografieren muss!“

Mit Dank an Götz M. für den Hinweis!

Nachtrag, 13. September: Die Redaktion von BR.de hat das Foto inzwischen aus der Galerie entfernt.

Lach- und Unsachgeschichten

Im fernen Paralleluniversum der Regenbogenpresse gibt es eine billige Methode, die die Redaktionen gerne anwenden und die für geschätzte 50 Prozent ihrer Fantasieberichte die Grundlage bildet — der Richtige-Moment-Trick. Geht ganz einfach und ist irre effektiv: Man setzt einen Paparazzo bei einer öffentlichen Veranstaltung auf einen Prominenten an und lässt ihn solange die Linse auf den Schauspieler/Prinzen/Sportler/Wasauchimmer halten, bis diese Person mal so guckt, wie man sie in einem Artikel darstellen will: dusselig oder grimmig oder betrunken oder wieauchimmer. Und schon hat man eine neue Titelgeschichte.

Boris Becker guckt auf der Tribüne eines Tennisturniers seine Ehefrau Lilly ernst an? Ehekrise! Norwegens Kronprinzessin Mette-Marit hat bei einem Empfang ein Glas Sekt in der Hand, und ihre Augenlider hängen auf Halbmast, weil sie gerade blinzelt? Alkoholabsturz! Nach diesem Schema lassen sich zig Storys in die Richtung biegen, die einem gerade am besten passt.

„Bild“ und Bild.de erzählen dieser Tage auffallend gern die Geschichten der respektlosen Angeklagten, die vor Gericht lächeln, lachen, grinsen, obwohl ihnen schlimme Dinge vorgeworfen werden.

Zum Beispiel Bill Cosby. Gegen den früheren Entertainer gibt es mehrere Missbrauchsvorwürfe. Vorgestern wurde festgelegt, dass der Prozess zu einem dieser Vorwürfe im Juni 2017 starten soll. Zur Anhörung am Dienstag erschien Bill Cosby persönlich. Er stieg aus dem Auto, lachte, wurde dabei fotografiert. Schon hatte Bild.de gestern eine Schlagzeile:

Zum Beispiel Sven Lau. Der Salafistenprediger steht in Düsseldorf vor Gericht. Ihm wird die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. Zum Prozessauftakt am Dienstag machten Fotografen reichlich Fotos, auf einigen grinst Lau beim Betreten des Gerichtssaals — für Bild.de das Ereignis, das in die Überschrift musste:

Zum Beispiel Otto L. Der heute 43-Jährige ist vergangenes Jahr mit der damals 15-jährigen „Tochter seiner Ex“ durchgebrannt. In einem ersten Urteil wurde er wegen Entziehung Minderjähriger verurteilt. Dagegen ging er vor und wurde am Montag freigesprochen. Über das Urteil schien er sich zu freuen. Jedenfalls titelte die Saaraland-Redaktion der „Bild“-Zeitung:

Zum Beispiel Norbert K. Er hatte mit einem Komplizen ein 17-jähriges Mädchen entführt und erfolglos 1,2 Millionen Euro Lösegeld gefordert. Das Mädchen wurde erdrosselt und erstickt. Norbert K. wurde am Montag wegen Mordes durch Unterlassung und erpresserischen Menschenraubs mit Todesfolge zu achteinhalb Jahren Haft verurteilt. Der Haupttäter bekam lebenslang (die Urteile sind noch nicht rechtskräftig). Bei der Verhandlung am Montag unterhielt sich Norbert K. mit seinem Anwalt und lachte dabei auch. Bild.de:

Der Artikel steigt so ein:

Das Lachen der hübschen Anneli († 17) wird nie wieder real sein. Es wurde ausgelöscht, von ihren Entführern. Ausgerechnet einer dieser Männer wagt es, im Mordprozess ausgelassen zu lachen!

Genau diese unsachliche Empörung über kleine Momentaufnahmen treibt all die „Bild“-Grinse-Geschichten aus den vergangenen vier Tagen: „Was fällt euch Typen eigentlich ein, auch noch zu lachen?“ Es ist dabei egal — und auch gar nicht bekannt –, worüber die Personen lachen. „Bild“ und Bild.de lassen die Situationen dennoch wie eine Verhöhnung der Opfer wirken.

Bei Anruf Witwenschütteln

Am vergangenen Sonntag stürzte ein Kletterer in den Südtiroler Alpen ab und starb noch vor Ort. Der Mann lebte zwar schon seit mehreren Jahren in Österreich, er war aber gebürtiger Kölner. Und so griff die Köln-Redaktion der „Bild“-Zeitung die Geschichte am Montag auf:

Es war nur eine kleine Meldung, 15 Zeilen lang, beschränkt auf die wichtigsten Fakten. Für „Bild“-Verhältnisse also ein ausgesprochen ordentlicher Umgang mit einer so traurigen Nachricht, und wir wunderten uns schon, warum das Blatt nicht — wie sonst — Fotos des Verstorbenen zeigt oder Angehörige und Bekannte belästigt hat, um an Zitate zu kommen, oder sonst irgendwie Privatsphären missachtet hat.

Was wir nicht wussten: Während wir noch rätselten, liefen in der „Bild“-Redaktion in Köln schon die üblichen Post-mortem-Recherchen. Und so konnten „Bild“ und Bild.de (kostenpflichtig als „Bild-plus“-Artikel) gestern eine deutlich opulentere Aufmachung der Geschichte präsentieren:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Schon der erste Absatz gibt die Sensationsgier vor:

Er liebte die Berge, das Klettern, die Höhe. Doch sein Hobby wurde für ihn nun zur Todesfalle!

Und auch sonst haben die „Bild“-Mitarbeiter mal wieder unter Beweis gestellt, was sie alles Schreckliches so können. Da wäre zum Beispiel das Foto von Christian V., das „Bild“ und Bild.de groß und unverpixelt zeigen. Es stammt von der Homepage der Praxis, in der der Mann gearbeitet hat. Die „Bild“-Medien haben einfach seine Arbeitskollegen weggeschnitten und das Foto veröffentlicht.

Oder der Anruf in der Praxis:

Einen Tag danach erreicht BILD eine Arbeitskollegin von Christian V. […]. Sie erzählt unter Tränen: „Wir sind alle so geschockt. Christian war ein begeisterter Kletterer, viel in den Bergen unterwegs. Das ist alles so schlimm.“

Witwenschütteln am Telefon. Was denkt man sich als „Bild“-Reporter wohl nach diesem Gespräch? „Geil, die weint! Das nehm‘ ich.“?

Als er in den Südtiroler Alpen abstürzte, war Christian V. übrigens mit seiner Frau und einer Freundin unterwegs. „Bild“ schreibt:

Christians Ehefrau, die den Absturz wohl direkt miterlebte, wird nun psychologisch betreut.

Wenn man das weiß und dennoch eine solche Geschichte druckt, hält man sein eigenes Verhalten womöglich auch noch für völlig normal.

Nachtrag, 14:50 Uhr: Inzwischen haben wir die Praxis erreicht, in der Christian V. gearbeitet hat. Wir wollten wissen, ob dort jemand der „Bild“-Zeitung erlaubt hat, das Foto zu nutzen. Antwort: „Nein.“ Es habe nicht mal eine Anfrage gegeben.

Nur zur Erinnerung: Die Identität eines Opfers sei „besonders zu schützen“, sagt der Pressekodex. Für das Verständnis eines Unglücks sei „das Wissen um die Identität des Opfers in der Regel unerheblich.“ Zwar könne das Foto eines Opfers „veröffentlicht werden, wenn das Opfer bzw. Angehörige oder sonstige befugte Personen zugestimmt haben“. Aber das dürfte in diesem Fall eben nicht so gewesen sein.

Neben diesen presseethischen Grundsätzen dürfte „Bild“ mit der Veröffentlichung des Fotos auch das Urheberrecht des Fotografen missachtet haben. Als Quelle nennt die Redaktion lediglich das notorische „PRIVAT“.

Mit Bindestrich und ohne Würde

„Bild“ und Bild.de geben Personen gerne neue Namen. Knackig müssen sie sein, so richtig griffig und auf jeden Fall mit Bindestrich. So wird eine 21-jährige Russin, die bei Instagram über vier Millionen Follower hat, zum „Russen-Model“. Ein Vietnamese, der bei Olympia im Schießen Gold holt, zum „Pistolen-Vietnamesen“. Und ein Seemann, der auf Rügen lebt, zum „Rügen-Fischer“. „Lausitz-Luder“, „Mucki-Wiese“, „Abwehr-Grieche“, „Malle-Jens“ — tagtäglich erfinden die „Bild“-Medien neue Bindestrich-Gebilde.

Auch für Lane Graves. Der kleine Junge wäre am Samstag (Bild.de schreibt fälschlicherweise von Sonntag) eigentlich drei Jahre alt geworden. Seine Familie versammelte sich vorgestern mit vielen Freunden und Nachbarn auf einem Footballfeld in ihrer Heimatstadt Omaha im US-Bundesstaat Nebraska, um Lanes Geburtstag zu feiern, allerdings ohne ihren Sohn. Der wurde im Juni beim Sandburgenbauen im „Walt Disney World Resort“ von einem Alligator ins Wasser gezogen und starb.

Die Feier war sehr emotional, Lanes Eltern hielten Reden und sprachen über die Zeit mit ihrem Sohn. Fotografen waren vor Ort, viele Medien in den USA berichteten. Und auch Bild.de. In ihrem Drang, Menschen mit möglichst einfallsreichen Spitznamen zu versehen, machten die Mitarbeiter aus Lane Graves, dem Jungen, der durch einen Alligator ums Leben gekommen ist, den „toten Alligator-Jungen“:


(Unkenntlichmachung durch uns.)

Das ist so herz- und würdelos, dass man sich gar nicht vorstellen kann, dass das niemandem bei Bild.de vor Veröffentlichung aufgefallen ist.

Und dazu ist es sprachlich-inhaltlich auch noch so schief. Wenn ein Mann aus Bangladesch durch eine seltene Krankheit warzenähnlichen Wucherungen bekommt, die ein wenig aussehen wie Baumrinde, dann nennen die „Bild“-Medien ihn „Baum-Mann“. Immer noch platt, aber inhaltlich nicht völlig daneben. Doch Lane Graves hatte selbstverständlich nichts von einem Alligator. Er hatte das schreckliche Pech, von einem getötet zu werden. Lane Graves war kein „Alligator-Junge“. Er war ein ganz normales Kind.

Hallöchen Voyeurchen

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Redakteur bei der „Bild“-Zeitung. Okay, vielleicht etwas heftig …

Stellen Sie sich mal vor, Sie sind Redakteur bei einer Zeitung. Am Mittwochmittag erreicht Sie die Mail eines Lesers, in der er Ihnen Fotos eines Liebespaares anbietet. Das Paar knutscht auf einer Wiese mitten in Bremen, und als sich die Frau über den Mann beugt, um ihn weiter zu küssen, rutscht ihr Rock hoch. Man kann auf den Fotos ihren Hintern und ihren Tanga gut erkennen. Es dürfte sich bei den Leuten nicht um Prominenten handeln. Der Leser schreibt Ihnen noch:

„Die beiden waren so mit sich beschäftigt, dass sie die nur wenige Meter entfernt sitzenden anderen Menschen überhaupt nicht mehr wahrgenommen haben. Ich würde das als schweres Fummeln bezeichnen!“

Welcher Gedanke gehen Ihnen als Blattmacher durch den Kopf?

Mögliche Reaktion 1:
„Moment mal! Das ist doch aber gar nicht in Ordnung, einer Frau unter den Rock zu fotografieren. Klar, man könnte jetzt sagen: Selbst schuld, wenn die zwei da in aller Öffentlichkeit so eine Nummer abziehen. Aber reicht es nicht, dass die Leute drumherum das Ganze gesehen haben? Und die beiden konnten ja auch nicht wissen, dass da irgendein notgeiler Passant direkt sein Handy zückt, Fotos macht und für ein paar Euros das Material an eine Zeitung verkauft. Ich will nicht alles noch peinlicher für das Liebespaar machen und Fotos von nackten Hintern groß in meiner Zeitung mit einer hohen Auflage veröffentlichen. Die Leute auf den Fotos haben schließlich auch eine Würde. Und die will ich ja nicht mit den Füßen treten.“

Mögliche Reaktion 2:
„Boah! Geil! Geiel!! GEIEL!!! Ein nackter Arsch! Darauf habe ich heute den ganzen Tag gewartet. Das bringen wird groß, ach was, riesengroß. Und gleich mit drei Fotos. Dann müssen unsere Leser morgen auch gar nicht auf ihren Lieblingspornoseiten nach Voyeur-Filmen suchen. Und dann packen wir noch ein paar gute Wortspiele dazu. Sowas wie: ‚Hallöchen Popöchen!‘ oder ‚Heißes Wetter, heiße Show‘. Das wird der Knaller! Vielleicht können wir daraus ja auch eine Serie machen. Morgen schicken wir erstmal den Praktikanten los und lassen ihn nach der Alten fahnden: ‚Ich bin der geile Arsch von der Wiese.‘ Und dann suchen wir noch andere Leute, die schon mal jemanden in der Öffentlichkeit geküsst haben. Und dazu bringen wir noch ein Interview mit Nacktschnecke Micaela Schäfer. Vielleicht zeigt die uns ja auch noch ihre Hupen — Jackpot! Ich liebe meinen Job! Genau für solche Geschichten bin ich Journalist geworden!“

Für welche Variante sich die Bremen-Redaktion der „Bild“-Zeitung und Bild.de entschieden haben?


(Nur der Vollständigkeit halber: Unkenntlichmachungen durch uns.)

Mit Dank an basti!

Durchfall! Kollaps! Schenkelklopfer!

Am vergangenen Freitag, zwei Tage bevor die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro zu Ende gingen, waren die männlichen Geher über 50 Kilometer an der Reihe. Kaum Chancen auf spektakuläre Knochenbrüche, lediglich zwei deutsche Starter mit Außenseiterrollen, wenig Hoffnung für schwarz-rot-geilen Goldmedaillen-Patriotismus. Also eine Disziplin, die eher nicht in der Berichterstattung von „Bild“ und Bild.de Platz findet.

Dass die „Bild“-Medien dann doch über den Wettbewerb berichteten, lag vor allem an Yohann Diniz. Der Franzose war als Weltrekordhalter einer der großen Favoriten in Rio. Und er führte das Rennen auch lange Zeit an. Doch dann bekam Diniz Verdauungsprobleme, er konnte den Durchfall nicht mehr zurückhalten, versuchte, alles mit einem Schwamm zu säubern, Blut lief seine Beine runter, Diniz brach mehrfach zusammen. Am Ende schleppte er sich als Achter ins Ziel, wurde direkt an einen Tropf angeschlossen und in einen Rollstuhl gesetzt.

Am Tag drauf berichten also „Bild“ und Bild.de über diesen Wettbewerb. Dass der Slowake Matej Tóth Gold gewann und der Australier Jared Tallent Silber, erwähnt „Bild“ noch schnell im letzten Absatz. Der Fokus der Geschichte liegt auf Yohann Diniz:

Völlig klar: Über so ein Drama kann man berichten, das haben einige andere Medien ebenfalls getan. Die Art und Weise, wie „Bild“ und Bild.de das aber tun, ist schlicht verachtend.

Sie zeigen Großaufnehmen von Diniz‘ Beinen, an denen der Durchfall runterläuft:

Und das, obwohl der Autor die Bilder bei der TV-Übertragung schon „gnadenlos“ fand:

Mit einem Schwamm versuchte er noch, das Schlimmste zu verhindern. Vergeblich! Die TV-Kameras fingen das Durchfall-Malheur gnadenlos ein.

„Bild“ zeigt Yohann Diniz, wie er zusammengebrochen auf dem Boden liegt und verkauft es als Kraftauftanken:

Und als wäre das alles nicht schon grässlich genug, machen sich „Bild“ und Bild.de mit dämlichen Wortspielen über Diniz lustig:

Dieser Gang ging in die Hose. Aber Schwamm drüber …

Der „flotte Otto“ läuft ihm für alle sichtbar die Beine herunter.

Geher musste laufenlassen

Läuft beim 50-km-Geher Yohann Diniz. Nur leider etwas zu doll.

Er war kurz davor, aus Sch**** Gold zu machen. Doch dann läuft’s beim 50-km-Geher Yohann Diniz — so richtig

Yohann Diniz sagte in einem späteren Interview, dass er über weite Strecken des Rennens nicht mehr wusste, wo er ist. Ein verwirrter Mensch, der nicht mehr Herr seiner Sinne und seiner Verdauung ist — genau die richtige Zielscheibe für die Schenkelklopfer bei „Bild“.

Mit Dank an @BalderHelix!

Den Papageien zum Kolumnisten machen

Bei Wolfgang Bosbach und „Bild“ ist es ein bisschen wie bei der Henne und dem Ei: Was war zuerst da? Der Quatsch, den Wolfgang Bosbach erzählt und den „Bild“ dankbar aufgreift? Oder der Quatsch, den „Bild“ verbreitet und den der CDU-Politiker in einem seiner vielen Talkshowauftritte und Interviews zitiert und weiterdreht?

So oder so — „Bild“ und Bosbach sind ein starkes Team. Wenn der eine etwas von sich gibt, plappert es der andere gerne nach. Sie leben in Symbiose. Doch jetzt hat „einer der beliebtesten Politiker“ („Bild“ meint damit Bosbach) angekündigt, dass er bei der Bundestagswahl 2017 nicht erneut kandidieren wird, aus politischen und privaten Gründen.

Gestern schaffte es lediglich eine kurze sachliche Meldung darüber auf die „Bild“-Titelseite („Bosbach tritt nicht mehr an“). Dafür gab es heute aber eine umso größere Würdigung:

117 Zeilen Lobhudelei („So einer wird im Bundestag fehlen“), einen Brief von Franz Josef Wagner („Warum lieben wir diesen Menschen? Weil er die Wahrheit spricht!“) und obendrauf eine Urkunde mit „Bild“-Siegel:

Für seine besonderen Verdienste als Volksvertreter wird Wolfgang Bosbach ausgezeichnet,
– weil ihm in der Großen Koalition seine Überzeugungen wichtiger sind als Macht und Mehrheiten
– weil er im Bundestag und im Fernsehen so redet, dass ihn Millionen Menschen verstehen
– weil ihm die Wähler in seinem Wahlkreis 22 Jahre lang die Treue hielten
– weil er kein Querulant ist, sondern kritisch UND loyal zu seiner Partei steht
– weil er stets mit dem Florett für seine Meinung kämpft und auch über sich selber lachen kann

Na, da läuft es einem doch eiskalt den Rücken runter das geht doch runter wie Öl.

Der größte Coup der „Bild“-Zeitung aber ist: Die Redaktion hat Wolfgang Bosbach vom Fleck weg als Kolumnisten verpflichtet.

Dort hört er also auf. Aber bei BILD macht er weiter — ab 2017 mit einer wöchentlichen Kolumne. Klar, kantig, kenntnisreich und manchmal mit einem Augenzwinkern.

… und hin und wieder sicher auch genauso falsch wie Berichte der „Bild“-Medien. Denn bei Bosbachs eingangs erwähnter Nachplapperei von „Bild“-Geschichten kommt es immer mal wieder vor, dass er falsche Behauptungen übernimmt und – ganz der Kolumnist – zuspitzt.

Zwei Beispiele.

Im Dezember 2014, kurz vor Weihnachten, vermeldeten „Bild“ und Bild.de ganz aufgeregt:

Laut „Bild“ sollte der Grünen-Politiker Omid Nouripour gefordert haben, dass in Kirchen zu Weihnachten auch ein muslimisches Lied gesungen wird. Nur: Das hat er nie. Die Idee kam eigentlich von „Bild“ selbst, und die Reporter riefen Nouripour an, um zu fragen, was er davon halte. Der Bundestagsabgeordnete war dagegen. Und wenn schon, dann sollte es einen Austausch geben: Im Gegenzug sollten auch christliche Lieder in Moscheen gesungen werden. Gefordert hatte Nouripour also nichts, sondern lediglich einen Gegenvorschlag gemacht.

Und Wolfgang Bosbach? Der schnappte sich die falsche „Bild“-Geschichte und ließ im Interview mit „Focus Online“ ordentlich Dampf ab:

„Weihnachten ist kein Hochamt für Multikulti, sondern ein christliches Fest, bei dem traditionell nur christliche Weihnachtslieder gesungen werden. Dabei soll es bleiben“, sagte Wolfgang Bosbach am Montag zu FOCUS Online. „Mir ist auch nicht bekannt, dass in irgendeiner Moschee ‚Stille Nacht, heilige Nacht‘ gesungen wird oder es entsprechende Pläne gibt“, fuhr der Innenpolitik-Experte der Union fort. „Bevor Herr Nouripour vorschlägt, dass der Muezzin zur Christmette ruft, hoffe ich sehr, dass es beim christlichen Glockenläuten bleibt.“

Der heutigen „Bild“-Würdigung zufolge ist Bosbach übrigens „nie polternd populistisch“. Joar.

Zweites Beispiel: In der Hochphase der „Bild“-Kampagne gegen die faulen Griechen verkalkulierte sich Dirk Hoeren, Chefverrechner des Hauses, mal wieder. Hoeren wollte zeigen, dass das Renteneintrittsalter in Griechenland viel niedriger sei als in Deutschland — 56 Jahre versus 64 Jahre. Und zog dafür eine völlig unpassende Statistik ran: Die zeigte nämlich nur das angepeilte Renteneinstiegsalter für den öffentlichen Dienst. Hoeren machte daraus das aktuelle Renteneinstiegsalter aller Griechen. Und langte dann auch beim Renteneinstiegsalter in Deutschland daneben. Kurz gesagt: Alles völlig falsch.

Und Wolfgang Bosbach? Der schnappte sich die falsche „Bild“-Geschichte und ließ bei seinem Auftritt bei „Günther Jauch“ ordentlich Dampf ab:

Der Griechische Ministerpräsident hat jetzt angeboten, das reale Renteneintrittsalter in Griechenland, das bei uns bei fast 64 Jahren liegt, auf 56 Jahre anzuheben.

Bosbach hatte seinen TV-Auftritt drei Tage, nachdem Dirk Hoeren die Zahlen falsch ins Spiel gebracht hatte, und als schon längst klar war, dass da was nicht stimmt.

Nächstes Jahr wird Wolfgang Bosbach dann also „Bild“-Kolumnist. Das Ei wird zur Henne.

Es war nicht ihr Itsy Bitsy Teenie Weenie Honolulu Strandburkini

Die Fotos der vier französischen Polizisten, die am Strand von Nizza um eine am Boden sitzende Frau herumstehen, machten heute die Runde. Auf den Bildern ist zu sehen, wie sie die Frau auffordern, sich auszuziehen, weil sie gegen das inzwischen geltende Burkini-Verbot verstoße.

Die Szene ist so bizarr und grotesk und falsch, dass in den Sozialen Netzwerken direkt hitzige Debatten entstanden. Und auch viele Onlinemedien berichteten.

Unter anderem Bild.de

Gleich vier Polizisten umringten die junge Frau am Strand. Forderten sie auf, sich an Ort und Stelle umzuziehen. Denn: Die Strandbesucherin trug einen muslimischen Ganzkörperbadeanzug — und der ist in diesem Sommer in vielen französischen Urlaubsorten verboten!

… oder „Focus Online“

Bewaffnete Polizisten haben eine muslimische Frau in der südfranzösischen Stadt Nizza gezwungen, ihren Burkini auszuziehen.

… oder die „Deutsche Welle“

Zu erkennen sind demnach mindestens vier bewaffnete Polizisten, die an Nizzas berühmter „Promenade des Anglais“ eine am Strand liegende Frau auf ihren Burkini ansprechen.

… oder die „Hamburger Morgenpost“:

In 15 französischen Städten sind inzwischen Burkas verboten — und dazu zählt auch die Schwimmversion, der Burkini. Das musste jetzt eine Muslima am eigenen Leib erfahren. Sie hatte eine unangenehme Begegnung mit Polizisten am Strand von Nizza.

Die „Mopo“ hat extra auch noch ein Symbolfoto rausgekramt:

Das Problem an all diesen Berichten — und was die Szene noch bizarrer und grotesker und falscher macht: Die Frau trägt gar keinen Burkini. Und erst recht keine Burka oder einen Niqab oder sonst eine Vollverschleierung, die gegen irgendwas verstoßen soll. Sie trug nach eigener Aussage eine Leggins, eine Tunika und ein Kopftuch.

Dass es kein Ding der Unmöglichkeit war, das herauszufinden, beweist ein Artikel von sueddeutsche.de:

Die Frau liegt alleine inmitten leicht bekleideter Menschen auf dem steinigen Strand. Sie trägt schwarze Leggins, ein hellblaues Oberteil und ein Kopftuch. Die Schuhe hat sie ausgezogen, die Knie angezogen. Vielleicht schläft die Frau, vielleicht döst sie, vielleicht genießt sie einfach die Sonne an der französischen Mittelmeerküste, als sich vier Polizisten nähern, alles Männer.

Das hat irgendwann auch „Focus Online“ verstanden und einen zweiten Beitrag zum Thema veröffentlicht:

Sie hat Leggings und ein langes türkisfarbenes Oberteil an. Um den Kopf hat sie ein Tuch gewickelt – einen Burkini trägt sie nicht.

Natürlich ist das mit den „neuen Details“ Quatsch. Die Fotos hätte man sich auch vorher schon ordentlich anschauen und erkennen können, dass die Frau keinen Burkini trägt.

Mit Dank an @Alyama1!

Das Phantom der Burka

Manchmal gibt es gute Mittwoche. Dann spricht Heinz Buschkowsky beispielsweise darüber, warum er „aus dem Fahrrad-Club ausgetreten“ ist, oder er erzählt von der Sprengung eines alten Sendemastes. Viel öfter aber gibt es schlechte Mittwoche. Nämlich immer dann, wenn der Ex-Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln in seiner „Klartext“-Kolumne bei „Bild“ über irgendwas schreibt, das mit dem Islam oder mit Muslimen oder beidem zu tun hat. Heute ist so ein schlechter Mittwoch.

Buschkowsky greift für seinen aktuellen Text die Diskussion ums „Burka-Verbot“ auf. Und schon in der Überschrift wird klar, wie er dazu steht:

Als ich den Londoner Stadtteil Whitechapel besuchte und auf dem Wochenmarkt fast ausschließlich umgeben war von Burka tragenden Frauen, versetzte es mich in eine surreale Gefühlswelt.

„Scotty, beam mich zurück!“, hätte ich am liebsten gerufen. „Hol mich zurück in die britische Hauptstadt.“ So stark war die Botschaft dieses Kleidungsstücks für mich. Genauso erging es mir immer wieder beim Anblick von Burkaträgerinnen auf den Straßen Neuköllns. Als käme einem eine andere Welt auf dem Bürgersteig entgegen.

Nun weiß ich nicht, was Buschkowsky alles in Whitechapel gesehen hat. Ich verbringe aber seit gut drei Jahren ziemlich viel Zeit in Neukölln, gar nicht weit von Heinz Buschkowskys früherem Arbeitsplatz, dem Rathaus Neukölln. In dieser Zeit ist mir keine Person in Burka begegnet. Klar, Frauen im Niqab sieht man immer mal wieder, vielleicht jeden dritten Tag eine oder zwei. Aber in einer Burka? Keine einzige in drei Jahren.

Vielleicht kennt Heinz Buschkowsky ganz andere Neuköllner Ecken als ich und begegnet andauernd Burka-Trägerinnen. Vermutlich meint er aber einfach gar nicht die Burka, sondern eben den Niqab, einen Schleier, der ebenfalls viel verhüllt, im Gegensatz zur Burka aber meist die Augen freilässt. Später in seiner Kolumne erwähnt Buschkowsky den Niqab auch noch einmal explizit. (Um das Vokabular noch etwas zu ergänzen: Der Tschador und der Hidschab sind noch mal andere Kleidungsstücke.)

Mit dem Durcheinanderwürfeln der Begriffe ist Heinz Buschkowsky nicht allein. Die „Bild“-Redaktion hat seinen Artikel zum „Burka-Verbot“ mit einer Niqab-Trägerin bebildert:

Und auch in den vergangenen Tagen wollten oder konnten die „Bild“-Medien kein Foto einer Burka-Trägerin in Deutschland auftreiben und veröffentlichen. Sie zeigen immer nur Frauen, die in einer anderen Variante verschleiert sind:


(„Bild“ vom 12. August)

(„Bild“ vom 13. August)

(Bild.de vom 14. August)

(„Bild“ vom 17. August)

Schaut man sich die derzeitige Berichterstattung zum „Burka-Verbot“ an, wird man das Gefühl nicht los, dass es nicht besonders viele Frauen hier in Deutschland gibt, die eine Burka tragen. Wenn Eric Markuse in „Bild“ kommentiert: „Die Burka gehört nicht zu Deutschland“, will man ihm am liebsten antworten: Es gibt sie hier anscheinend ja auch so gut wie gar nicht.

Natürlich darf man der Meinung sein, dass auch der Niqab problematisch ist, und nicht nur die Burka, sondern Vollverschleierung im Allgemeinen verboten werden sollte. Aber dann sollte man nicht von einem „Burka-Verbot“ sprechen, nur weil es griffiger ist als „Niqab-Verbot“ oder „Verbot der Vollverschleierung“. Es geht hierbei schließlich nicht um einen Olympiasieger aus Vietnam, den man im Boulevardstil schnell mal „Pistolen-Vietnamesen“ nennen kann. Es geht um eine Debatte, die in letzter Konsequenz bedeutet, dass einem Teil der Bevölkerung verboten wird, ein bestimmtes Kleidungsstück anzuziehen. Und bei einem derartigen Eingriff ins Privatleben dieser Leute sollte es doch möglich sein, die richtigen Vokabeln zu benutzen.

Doch so, wie die meisten Medien aktuell berichten, dürfte sich das falsche Vokabular in der Gesellschaft etablieren. „Focus Online“ berichtet über das „Burka-Verbot“ und zeigt Niqab-Trägerinnen:

Die „Huffington Posts“ berichtet über das „Burka-Verbot“ und zeigt Niqab-Trägerinnen:

Die „Frankfurter Rundschau“ berichtet über das „Burka-Verbot“ und zeigt eine Niqab-Trägerin:

Genauso „Zeit Online“, „NWZ Online“, augsburger-allgemeine.de. Die Auswahl ist beliebig und ließe sich noch lange fortführen. Manche Redaktionen zeigen Fotos von Burka-Trägerinnen in Afghanistan. Aber ein Bild einer Frau in Burka in Deutschland hat offenbar noch keine von ihnen gefunden.

Im Fernsehen sieht es nicht besser aus. Ein Beispiel: ein Beitrag im „Sat.1-Frühstücksfernsehen“ von gestern über „Burkas in Garmisch: So reich machen Araber die Region!“ In den 4:57 Minuten sind zwar einige verschleierte Frauen zu sehen, aber keine einzige trägt eine Burka. Manche von ihnen tragen sogar lediglich einen Hidschab:

Bei meiner Suche nach Bildern von Burka-Trägerinnen in Deutschland bin ich am Ende dann doch noch fündig geworden: Bei sueddeutsche.de sind zwei Personen zu sehen, beide in einer Burka verhüllt, eine kleine Deutschlandfahne ist auch noch zu erkennen — Volltreffer. In der Bildunterschrift steht:

Wie fühlt man sich mit einer Burka? Besucher einer Ausstellung im Kunstverein Wiesbaden konnten das im Jahr 2012 ausprobieren.

„Bild“ schon wieder am Grab von Andreas L.

Als Andreas L., der Co-Pilot des „Germanwings“-Flugs 4U9525, vor etwas mehr als einem Jahr beerdigt wurde, hatten die „Bild“-Redaktionen im Vorfeld glücklicherweise nichts davon mitbekommen. So konnten ihre Fotografen nicht mit Teleobjektiven auf dem Friedhof von Montabaur lauern, und ihre Reporter nicht schmierige Zeilen über die Trauergäste verfassen.

„Bild“ und Bild.de berichteten aber trotzdem, einige Tage später, und zeigten in Großaufnahmen das Grab von Andreas L. Damals gab es das volle Bilder-Programm: das Holzkreuz aus verschiedenen Perspektiven, die Blumen und Trauerkränze der Angehörigen, den Grabschmuck der Freundin, ihre Abschiedsworte.

Gestern veröffentlichten „Bild“ und Bild.de erneut einen Bericht über das Grab von Andreas L.:


Der einzige Grund für die neuen, großen Berichte: Das Holzkreuz wurde inzwischen durch eine Granitsäule ersetzt.

Neun Monate nach seiner heimlichen Beisetzung auf dem Friedhof in Montabaur, unweit des Segelflugplatzes, auf dem L[.] seine Leidenschaft fürs Fliegen entdeckte, wurde inzwischen das einfache Holzkreuz („Andy“) durch die Grabsäule ersetzt.

Wieder gibt es große Fotos vom Grab, außerdem eine Nahaufnahme einer „runden Plakette“, auf der eine persönliche handschriftliche Widmung zu lesen ist, vermutlich von der Mutter von Andreas L. Im Text kommt eine Frau zu Wort, die bei dem Absturz zwei Angehörige verloren hat. Sie ist auch die Zitatgeberin für die Überschrift bei Bild.de („Für mich als Angehörige der Opfer ist das sehr verletzend …“). Dass sie über das Grab ebenfalls sagt: „Für die Eltern von L[.] verständlich“, erfährt man erst im Artikel. Dort wird auch noch ein Anwalt zitiert, der mehrere Opfer-Familien vertritt und analysiert, dass durch die neue Grabsäule die „Ich-Bezogenheit“ von Andreas L. „über seinen Tod hinaus in Stein gemeißelt“ bleibe. Und dazu erinnern die beiden „Bild“-Autoren noch einmal mit deutlichen Worten daran, wer dort überhaupt begraben liegt:

Wir sehen das Grab von Todes-Pilot Andreas L[.] Das Andenken an einen Massenmörder!

Die „Bild“-Medien nutzen weiterhin jede noch so kleine Gelegenheit, um die Tat von Andreas L. aufs Neue aufrollen zu können, mit all den Beteiligten — Täter, Opfer, den Angehörigen beider Seiten. Ob es sich dabei um ansatzweise relevante Informationen handelt, spielt schon lange keine Rolle mehr.

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