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Bild.de schiebt Wladimir Putin ein britisches Kriegsschiff unter

Wenn Russlands Präsident Wladimir Putin irgendwo auf der Welt der Welt präsentiert, was sein Land militärisch so zu bieten hat, leuchtet im Großraumbüro von Bild.de immer eine rote Alarmlampe auf. Und wir finden auch, dass die aktuelle Aufrüstung — auf allen Seiten — einem schon ziemlich Angst einjagen kann. Angsteinjagen ist dann auch wieder genau das Gebiet, auf dem sich Bild.de bestens auskennt, wenn es eben um Wladimir Putin und Russland geht. Gestern meldete das Portal:

Im Text heißt es:

Die Nachricht erschütterte Montagabend Schweden. Zwei russische Kriegsschiffe, die mit Langdistanzraketen ausgerüstet sind und sogar mit Kernwaffen bestückt werden können, fuhren bei Dänemark durch den Großen Belt — direkt Richtung Ostsee und vorbei an der schwedischen Küste.

Sogar Schwedens Verteidigungsminister Peter Hultqvist äußerte sich laut Bild.de zu den beiden russischen Schiffen:

„Wir haben alle Informationen und verfolgen die Entwicklung. Das ist natürlich beunruhigend und trägt nicht zur Entspannung in unserer Region bei. Das betrifft alle Staaten an der Ostsee!“

Im Artikel zeigt Bild.de dann noch einmal dieses riesige graue Schiff mit dem roten Drachen am Bug, das auch schon in die Teaser-Optik zu sehen war:

Unter dem Foto steht:

Eskortiert von der britischen Marine passierten die Kriegsschiffe vor wenigen Tagen den Ärmelkanal

Nun ist auf dem Foto erstmal nur ein Kriegsschiff zu sehen und nicht zwei. Was aber noch viel problematischer ist: Das vermeintliche russische Kriegsschiff, das Bild.de zeigt, wird nicht nur von der britischen Marine eskortiert, es gehört sogar zur britischen Marine. Es handelt sich nämlich um den Zerstörer „HMS Dragon (D35)“, was man an dem roten Drachen und dem Schriftzug „D35“ ganz gut erkennen kann. Und dieser Zerstörer gehört zur Royal Navy.

Die zwei russischen Schiffe „Serpuchow“ und „Seljony Dol“, die an der schwedischen Küste vorbeifuhren, sind Korvetten und gehören zur sogenannten Bujan-Klasse. Mit ihrer Länge von 62 Metern sind sie deutlich kürzer als die „HMS Dragon“, die 152,4 Meter lang ist. Vielleicht sahen sie einfach nicht bedrohlich genug aus.

Mit Dank an Torben W. für den Hinweis!

So eine Erde kann man schon mal übersehen

Fangen wir für die Mitarbeiter von Bild.de mal ganz weit vorne an: Der Planet, auf dem wir uns befinden, ist die Erde. Die gibt es, sie existiert bereits.

Nun gehen die Menschen nicht besonders gut mir dieser Erde um. Das zeigt — neben vielen anderen Studien — auch der heute erschienene „Living Planet Report 2016“ des „World Wide Fund For Nature“, kurz „WWF“. In der Zusammenfassung heißt es unter anderem:

Die Ergebnisse des Reports 2016 sind alarmierend: Die Menschheit verbraucht 60 Prozent mehr, als die Erde bereithält. Setzt sich dieser Verbrauch ungebremst fort, sind 2030 zwei komplette Planeten nötig, um den Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken.

Zwei Planeten beziehungsweise Erden bräuchte man 2030 theoretisch also. Eine davon gibt es bereits. Wie viele neue Planeten bräuchte die Menschheit dann also rechnerisch bis 2030, liebe Bild.de-Mathematiker?

Nein.

Mit Dank an @moethe für den Hinweis!

Mit „Bild mobil“ jetzt nicht das Mindeste bekommen

Klar, in den vergangenen zehn Jahren hat sich die Handynutzung deutschland- und weltweit massiv verändert. Deswegen hat Bild.de vor wenigen Tagen einen Test veröffentlicht:

Früher sei entscheidend gewesen, wie viel der Nutzer telefoniere. Heute ginge es stattdessen darum, wie hoch sein Datenverbrauch sei.

Erfreulich für Verbraucher: Die Preise pro Dateneinheit sind stark gesunken.

Das ist ja schon mal gut. Aber wie viele Kilo-/Mega-/Gigabyte brauche ich denn nun?

2006 haben Handy-Kunden wesentlich weniger Daten verbraucht, wenige Megabyte reichten meist aus. Doch für heute selbstverständliche Anwendungen wie Video- und Musikstreaming sind Tarife mit 2 Gigabyte Daten das Mindeste.

Okay, ist notiert: mindestens zwei Gigabyte. Und was bietet mir der „Alles Drin-Tarif“ von „Bild mobil“?

Man braucht also nur knapp siebenmal den „Bild mobil“-Tarif, um „das Mindeste“ zu bekommen. Klingt nach einem klassischen „Bild“-Angebot.

Mit Dank an Alexander K. für den Hinweis!

Die Horror-Clown-PR-Kampagne von Bild.de

Überall diese Horror-Clowns. Also nicht überall auf den Straßen, sondern überall im Internet: Meldungen über Grusel-Clown-Sichtungen. Videos, in denen sich Passanten gegen Clown-Angriffe wehren. Facebook-Gruppen, die Menschen dazu nutzen, um sich für die nächste Clown-Jagd zu verabreden. Alles ziemlich irre.

Gut, dass es in diesen Zeiten eine Stimme der Vernunft gibt: Bild.de.

Im Artikel heißt es:

Täglich erscheinen neue Videos und Meldungen über Grusel-Clowns in den sozialen Medien. Täglich wächst die Zahl der Nachahmer.

Und:

Auch wenn die amtlich registrierten Fälle derzeit zunehmen, stehen sie in keinem Verhältnis zu dem Hype, der im Internet momentan abläuft.

Und:

Offenbar gibt es unzählige Nachahmungstäter, die durch den US-Clown-Hype angeregt wurden und nun mitmachen wollen, immerhin steht Halloween vor der Tür. Die Jagd auf Likes und Klicks spielt dabei ebenso eine Rolle wie die subtile Lust auf absurde Trends und Hypes aufzuspringen und mitzumachen.

Und:

Die Hysterie um die Horror-Clowns wird vor allem durch das Internet angetrieben.

Ganz genau: die blanke Horror-Clown-Hysterie. Ständig neue Meldungen, die Angst und Schrecken verbreiten und damit eine Stimmung erzeugen, die in keinem Verhältnis mehr steht. Es sind die völlig richtigen Fragen, die Bild.de stellt:

Doch woher kommen diese Meldungen? Wer verfasst sie und wie wahr sind sie überhaupt?

Wer „diese Meldungen“ verfasst, liebe Bild.de-Autoren? Wer bei der „Jagd auf Likes und Klicks“ auf „absurde Trends und Hypes“ aufspringt? Wer die Panik schürt, indem er so tut, als würde in Deutschland ein Clown-Krieg herrschen? Nun ja — Ihr!








































Das sind die Artikel, die Bild.de allein gestern und heute zum Thema veröffentlicht hat. Alles wird vermeldet, nichts ist zu nichtig. Die Redaktion hat sogar einen „Live-Ticker“ eingerichtet. Bild.de ist damit die beste PR-Agentur für die dämlichen Horror-Clowns und gleichzeitig die beste Rekrutierungsplattform für Menschen, die es für einen tollen Zeitvertreib halten, anderen Menschen einen ziemlichen Schrecken einzujagen. Schließlich, so der Psychologe Jens Hoffmann in einem sueddeutsche.de-Artikel, handele es sich bei den Grusel-Auftritten um Nachahmer, die erstmal auf das neue Phänomen aufmerksam gemacht werden müssen und die dann die Aufmerksamkeit suchen:

„Das ist ein Teufelskreis: Bis vor kurzem wäre kaum jemand auf die Idee gekommen, sich als Clown zu verkleiden und Menschen zu erschrecken. Inzwischen ist das zum Selbstläufer geworden“, sagt Hoffmann. „Aber natürlich sind nicht alle, die sich als Clowns verkleiden gefährlich. Die Maskierung an Halloween hat ja durchaus Tradition.“ Sein Rat: Wir sollten das Ganze nicht bedrohlicher machen als es ist, sondern überlegen, wie wir damit umgehen. Denn: Je mehr Aufmerksamkeit die Horror-Clowns bekommen, desto mehr Nachahmer gibt es.

Mit Dank an henry für den Hinweis!

Tatsachsenbehauptung

Schon wieder diese Sachsen. Die lassen aber auch keine Gelegenheit aus, wenn es darum geht, als jenes Bundesland zu gelten, das am weitesten nach rechts ragt — also nicht nur geografisch. Oder wie Bild.de heute in zwei Sätzen zusammenfasst:

Schon wieder Sachsen! Schon wieder ein fremdenfeindlicher Angriff in Dresden.

Das ist der Einstieg zu diesem Artikel:

Am vergangenen Freitag ist ein 27-Jähriger Marokkaner in einer S-Bahn kurz vor der Einfahrt in den Dresdner Hauptbahnhof von mehreren Personen zusammengeschlagen worden. Der Mann musste ins Krankenhaus eingeliefert werden, couragierte Zeugen konnten noch schlimmere Verletzungen verhindern. Viel mehr ist nicht bekannt. Die zuständige Bundespolizei bittet in einem Aufruf um Hinweise zu den Tätern; selbst die Zeugen, die eingegriffen haben, sind noch unbekannt.

Das Tatgeschehen ist bisher also alles andere als geklärt. In der Pressemitteilung der Bundespolizei steht auch kein Wort zu einem möglichen Motiv der Täter, schlicht weil noch nichts dazu bekannt ist. Auch bei anderen Medien kein Wort von einem fremdenfeindlichen Hintergrund der Tat. Nur Bild.de hat die Information, dass es sich um „einen fremdenfeindlichen Angriff“ handelt. Natürlich kann es sein, dass Fremdenhass hinter diesem grässlichen Angriff auf den Marokkaner steckt. Doch klar ist bisher nichts. Und wildes Rumgerate und plumpes Sachsen-Bashing hilft kein bisschen.

Im letzten Absatz des Bild.de-Artikels, der gleich am Anfang deutlich sagt, über was für eine Tat man da berichtet, steht übrigens:

Über den Hintergrund der Tat liegen bislang keine Erkenntnisse vor. „Wir ermitteln in alle Richtungen“, sagte ein Polizeisprecher.

Mit Dank an Sebastian M. für den Hinweis!

Uwe Böhnhardts DNA war nicht an Peggys Skelett

Vor gut zwei Stunden kamen die ersten Push- und Eil- und Agenturmeldungen rein: DNA-Spuren des NSU-Terroristen Uwe Böhnhardt sollen am Skelett von Peggy K. entdeckt worden sein:




Verständlicherweise berichteten so gut wie alle Medien und Nachrichtenagenturen. Die Hintergründe sind allerdings noch ziemlich unklar: Möglich, dass Böhnhardt etwas mit dem Tod der Neunjährigen, die 2001 verschwand und deren Knochen im vergangenen Juli von einem Pilzsammler gefunden wurden, zu tun hat. Aber ebenso möglich, dass es sich um einen Zufall handelt. In einer gemeinsamen Presseerklärung erklärten das Polizeipräsidium Oberfranken und die Staatsanwaltschaft Bayreuth, dass es „weiterer umfassender Ermittlungen in alle Richtungen“ bedürfe, „die derzeit geführt werden und ganz am Anfang stehen.“

Was in der Pressemitteilung jedenfalls nicht steht: Dass Böhnhardts DNA-Spuren am Skelett von Peggy entdeckt wurden. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberfranken bestätigte uns gerade am Telefon, dass Böhnhardts DNA stattdessen bei Peggys Skelett gefunden wurde — sicher immer noch die ganzen Artikel wert, aber eben etwas anders, als ursprünglich von den meisten Medien vermeldet.

Die „dpa“ und andere Agenturen haben inzwischen „Berichtigungen“ rausgegeben. Und viele, aber nicht alle Onlineportale haben die Überschriften ihrer Artikel angepasst.

Gabor Steingart und „Bild“ pöbeln im Geistersupermarkt gegen die EU

Gabor Steingart, der frühere Chefredakteur des „Handelsblatt“, hat ein neues Buch geschrieben. „Weltbeben — Leben im Zeitalter der Überforderung“ heißt es, und die „Bild“-Medien veröffentlichen seit Montag exklusiv Auszüge daraus. Im heutigen Teil der Serie geht es um die Gier der Manager. Gestern ging es um die Gier der Banken. Und am Montag schrieb Steingart in „Bild“ über die Gier der EU-Beamten:

Bild.de versuchte mit einem „Bild plus“-Artikel auch noch, ein paar Euro damit zu verdienen:

Der Untertitel verrät es schon: Gabor Steingart glaubt nicht, dass die EU viel mit Demokratie zu tun hat („Demokratie ist in der EU daher nicht viel mehr als eine dekorative Zutat, die man nicht aus Überzeugung, sondern als Zugeständnis an den Publikumsgeschmack bei den Planungen berücksichtigt hat“). Sein erster Vorwurf: Die EU-Kommission unterstehe keiner parlamentarischen Instanz:

Die EU-Kommission ist mächtiger als jedes Ministerium, was man schon daran erkennt, dass man die 28 Kommissare weder wählen noch abwählen kann.

Nun zählen die Kommissare ja zur Exekutive der Europäischen Union, entsprechen also in etwa einer Regierung. Und Regierungen werden nur selten gewählt. Keine Ministerin und kein Minister ist je in Deutschland gewählt worden, zumindest nicht direkt vom Volk. Gewählt sind die Parlamente, und tatsächlich hat auch das EU-Parlament ein bisschen mitzureden bei der Auswahl und der Abberufung der Kommissare. Es kann zum Beispiel einzelne Kommissare ablehnen, so geschehen bei Alenka Bratušek aus Slowenien. Das EU-Parlament kann auch einen Misstrauensantrag stellen. Wird er angenommen — was bisher freilich noch nie geschehen ist –, muss die Kommission geschlossen zurücktreten. Außerdem wählt das EU-Parlament den Kommissionspräsidenten. Es mag nicht so mächtig sein wie ein nationales Parlament, aber man kann durchaus davon sprechen, dass das Parlament der Europäischen Union die Kommissare kontrolliert.

Der nächste Vorwurf Steingarts: Die vielen Privilegien, die sich die ganzen EU-Beamten gönnen:

Die höchste Besoldungsstufe in Deutschland ist B11 mit 13 430 Euro, im Vergleich zur höchsten Besoldungsstufe AD16 innerhalb der EU mit einer Besoldung von rund 16 000 Euro.

Man könnte an dieser Stelle natürlich erwähnen, dass es nicht bei allen 32.966 Menschen, die bei der Kommission beschäftigt sind (PDF), um Beamte handelt und dass sie nicht alle Besoldungsstufe AD16 genießen. Tatsächlich gibt es beim Grundgehalt eine große Bandbreite, es beginnt bei 2300 Euro für einen neu eingestellten Assistenten. Ob wirklich „Tausende von Mitarbeitern“ mehr als die nationalen Minister verdienen, wie Steingart schreibt, müsste man sich für jedes Land einzeln anschauen. Für Deutschland dürfte das jedenfalls nicht stimmen — nur die dienstältesten AD16-Beamten der Kommission verdienen mehr als deutsche Bundesminister.

Für solche Genauigkeiten haben Gabor Steingart und die „Bild“-Medien aber keine Zeit. Sie sind bereits beim nächsten Punkt:

Die soziale Absicherung im Falle von Krankheit, Arbeitslosigkeit und Alter ist europaweit ohne Beispiel.

Was Steingart nicht sagt: Als Beamter der Kommission (was eben nicht jeder Beschäftigte dort ist) muss man bei den meisten Behandlungen 20 Prozent der Kosten selbst tragen. Außerdem gibt es „bestimmte Höchstgrenzen“ bei der Kostenerstattung.

Und dann ist da noch ein EU-Privileg, das Gabor Steingart stört:

Den EU-Parlamentariern in Straßburg steht im Inneren des Parlamentskomplexes ein nur für sie und ihre Mitarbeiter zugänglicher Supermarkt zur Verfügung

Nur: Es gibt diesen Supermarkt nicht. Ein Pressesprecher des Europäischen Parlaments teilte uns auf Anfrage mit:

Das ist Unsinn. Es gibt in Straßburg in den Gebäuden des Europäischen Parlaments keinen Supermarkt. In Brüssel und in Luxemburg gibt es jeweils einen kleinen, aber dort können alle einkaufen, die Zugang zum Parlament haben. Und zwar zu normalen Preisen inklusive Mehrwertsteuer.

Eine Kleinigkeit, natürlich. Aber gerade „im Zeitalter der Überforderung“ sollte man beim EU-Bashing nicht schon beim Abbilden solcher Kleinigkeiten überfordert sein.

Mit Dank an Moritz D. für den Hinweis!

Nachtrag, 13. Oktober: Gabor Steingart hat gestern Abend noch auf unseren Blogpost reagiert.

Es fing damit an, dass der Branchendienst „turi2“ eine kurze Zusammenfassung unseres Blogposts veröffentlicht hat. Steignart antwortete bei Twitter:

„Bild“-Chefin Tanit Koch retweetete und likete fleißig. In einem weiteren Tweet fasste Gabor Steingart dann die „EU-Bestätigung“ zusammen:

Im „Bild“-Artikel mit den exklusiven Auszügen aus Steingarts Buch war allerdings gar nicht von Luxemburg die Rede, sondern von Straßburg. Und daran orientierte sich eben unsere Kritik an dieser Passage:

„Völlig absurd!“

„Vorsicht: Männer fordern, wenn man sich nicht verweigert, jeden Tag Sex. Unbedingt querstellen!“

Oder:

„Zeigen Sie sich niemals nackt vor Ihrem Mann! Das regt nur unnötig sein Verlangen an!“

Oder:

„Ist der Sex nicht zu vermeiden, löschen Sie alle Lichter im Schlafzimmer. Seien Sie still, vielleicht stolpert er auf dem Weg und tut sich weh. So ist das Unglück vielleicht noch abzuwenden.“

Oder:

„Der Akt muss ohne jede Romantik auskommen. Erlauben Sie ihm lediglich, Ihren Schlafrock bis zur Hüfte hochzuschieben. Auch er darf seine Pyjamahose nur vorne aufknöpfen.“

Das sollen „Sex-Tipps aus dem 19. Jahrhundert“ sein, auf die Bild.de gestoßen ist und die das Portal „völlig absurd“ findet:

Lust und Leidenschaft in der Ehe? Bitte nicht! Und wenn der Sex nicht zu verhindern ist, dann sollte die Ehefrau ihn nur widerwillig vollziehen. Absurd? Nein, Realität im 19. Jahrhundert.

Ruht Smythers gab im Ratgeber „Sex Tips für Husbands and Wives“ von 1894 ganz spezielle Liebestipps.

Gut, nun soll der Vorname der Frau nicht „Ruht“ gewesen sein, sondern Ruth, aber das ist nicht das eigentliche Problem an dem Artikel von Bild.de. Vielmehr gibt es schon seit langer Zeit große Zweifel daran, dass Smythers‘ „Sex Tips for Husbands and Wives“ überhaupt echt sind. Im „Wikipedia“-Eintrag zum Buch heißt es, es gebe „ample evidence that the text is a joke or hoax“.

Das Buch gibt es tatsächlich. Nur dürfte es nicht von 1894 stammen. Vor allem bei den historischen Bezügen knirscht es nämlich ziemlich. Direkt zu Beginn des Textes heißt es über die angebliche Autorin:

Ruth Smythers, Beloved wife of The Reverend L.D. Smythers, Pastor of the Arcadian Methodist Church of the Eastern Regional Conference, Published in the year of our Lord 1894, Spiritual Guidance Press, New York City

Zu der Zeit soll es allerdings keine „Eastern Regional Conference“ der „Methodist Church“ gegeben haben. Und auch keinen „Reverend L.D. Smythers“. Außerdem sollen nirgendwo Hinweise zu finden sein, dass eine „Arcadian Methodist Church“ existiert habe. Und die „Spiritual Guidance Press“ scheint nie etwas anderes veröffentlicht zu haben als Smythers‘ 19.-Jahrhundert-Sex-Ratgeber.

„Völlig absurd!“, schreibt Bild.de. Ja, dürfte stimmen.

Mit Dank an Eugen F. für den Hinweis!

Heute beginnt das Kandidatinnen-Vergessen

Wenn Ralf Schuler mal nicht Witze der Flensburger Linksfraktion als ernstgemeinte Vorschläge miss­in­ter­pre­tie­rt, Burger-Interviews führt oder den Untergang des Abendlandes an Weihnachten herbeisingt, schreibt er als Leiter des „Bild“-Parlamentsbüros über Politik. Zusammen mit „Bild“-Politik-Chef dem leitenden „Bild“-Politik-Redakteur Rolf Kleine hat er heute eine Prognose zur Nominierung der Kandidaten für die im kommenden Jahr anstehende Bundespräsidentenwahl geliefert:

Die zwei „Bild“-Polit-Profis haben sich schon mal festgelegt, wer nicht Kandidat werden wird: Außenminister Frank-Walter Steinmeier (den wolle Angela Merkel nicht) und Bundestagspräsident Norbert Lammert (der habe nicht genug Anhänger).

Aber wer dann? Schuler und Kleine haben da so ihre Infos:

Union und SPD gehen nach BILD-Informationen davon aus, dass Merkel in den nächsten Wochen einen dritten „unparteiischen“ Kandidaten präsentieren wird, der für alle GroKo-Delegierten in der Bundesversammlung (setzt sich überwiegend aus Abgeordneten des Bundestages und der Landtage zusammen) wählbar ist. Denkbar wäre z. B. ein hochrangiger, anerkannter Wissenschaftler.

In der SPD heißt es zudem: Wenn Merkel „eine einigermaßen akzeptable Frau“ als überhaupt erste Anwärterin fürs Schloss Bellevue präsentiere, könnten zumindest die GenossINNEN kaum Nein sagen.

Das wär‘ was — die „überhaupt erste Anwärterin fürs Schloss Bellevue“. Also nach Beate Klarsfeld, die 2012 gegen den derzeitigen Bundespräsidenten Joachim Gauck angetreten ist.

Und nach Luc Jochimsen, die 2010 angetreten ist.

Und nach Gesine Schwan, die 2009 angetreten ist.

Und noch mal nach Gesine Schwan, die auch schon 2004 angetreten ist.

Und nach Dagmar Schipanski, die 1999 angetreten ist.

Und nach Uta Ranke-Heinemann, die ebenfalls 1999 angetreten ist.

Und nach Hildegard Hamm-Brücher, die 1994 angetreten ist.

Und nach Luise Rinser, die 1984 angetreten ist.

Und nach Annemarie Renger, die 1979 angetreten ist.

Marie-Elisabeth Lüders war zwar nie offiziell angetreten, bekam bei der Bundespräsidentenwahl 1954 allerdings eine Stimme.

Aber von denen mal abgesehen, haben Ralf Schuler und Rolf Kleine mit ihrer Aussage recht.

Mit Dank an C. F. und Tobias N. für die Hinweise!

Krankgeschrieben

Gestern bei Bild.de:

Heute in „Bild“:

Die zwei dazugehörigen Artikel stammen vom selben Autoren-Duo. Bei Bild.de steht über Otto Retzer:

Anfang des Jahres ließ sich der Regisseur und Schauspieler operieren. „Ich war krank und bin wieder gesund“, sagt Retzer zu BILD.

Und in „Bild“:

TV-Legende Otto Retzer (71, „Ein Schloss am Wörthersee“, „Klinik unter Palmen“, „Das Traumhotel“) kämpft gegen den Krebs.

In beiden Texten — also auch in der Printversion mit ihrer „KREBS!“-Schlagzeile — sagt Retzer, dass der Tumor-Herd weg sei und es keine Metastasen gebe. Er brauche keine Chemotherapie, nur alle drei Monate müsse er zu einem Check.

Die Informationen, die den zwei Artikeln zugrund liegen, sind also fast identisch. Bei „Bild“ hatten sie wohl einfach mehr Lust auf eine schockende Schlagzeile.

Wir drücken jedenfalls die Daumen, dass die Bild.de-Mitarbeiter mit ihrer Überschrift näher an der Wahrheit liegt.

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