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Von Dreckschweinen und Wiederholungstätern

Vor etwa zwei Monaten hatte das Bundeskriminalamt in einer bis dato einzigartigen Aktion in verschiedenen Medien nach einem Mann gefahndet, dem mehrfacher schwerer sexueller Missbrauch von Kindern vorgeworfen wurde. Als sich der mutmaßliche Täter aufgrund der öffentlichen Aufmerksamkeit nach einem Tag stellte, bat das BKA, die zur Fahndung veröffentlichten Fotos nicht weiter zu verwenden und aus dem Internet zu entfernen. Dieser Bitte kamen die deutschen Medien mit unterschiedlichem Eifer nach (BILDblog berichtete).

Heute nun hat die Staatsanwaltschaft Trier Anklage gegen den Tatverdächtigen erhoben — eine Nachricht, die Bild.de natürlich gerne aufgreift.

Zum Beispiel so:

Die jeweils amtierenden „schlimmsten Kinderschänder Deutschlands“ von „Bild“ und „BamS“:

„Schlimmster Kinderschänder frei!“
(Gestand Missbrauch von 150 Mädchen)
(16.11.1997)

„Der Ehrendoktor der Universität […] ist Deutschlands schlimmster Kinderschänder.“
(Vergewaltigte mehrere Mädchen auf den Philippinen.)
(12.12.1999)

„Das Rekord-Schwein: Deutschlands schlimmster Kinderschänder.“
(Missbrauchte seine Stieftochter in 3586 Fällen.)
(7.5.2004)

„Deutschlands schlimmster Kinderschänder sitzt im Knast und jammert!“
(Hatte eine 13-Jährige 36 Tage lang eingesperrt und 100 Mal vergewaltigt und missbraucht.)
(7.8.2007)

„Grinst hier Deutschlands schlimmster Kinderschänder?“
(Soll in 20 Jahren 28 Jungen und Mädchen missbraucht haben.)
(3.3.2008)

„Mittwochabend zeigte ‚Aktenzeichen XY“‚ (ZDF) die Bilder des schlimmsten Kinderschänder Deutschlands.“
(Der aktuelle Fall.)
(7.8.2009)

Anklage erhoben: Schlimmster Kinderschänder vor Gericht

(Wie genau Bild.de auf den Superlativ „Deutschlands schlimmster Kinderschänder“ kommt, ist nicht ganz klar — von der Staatsanwaltschaft Trier stammt er jedenfalls nicht.)

Im Artikel selbst werden munter alte und neue Bildergalerien verlinkt, in denen der Mann, den Bild.de konsequent als „Kinderschänder“ bezeichnet — ganz so, als sei er schon verurteilt worden –, immer gut zu erkennen ist. Ganz zu oberst: Ein Clip, in dem die Videosequenzen zu sehen sind, deren weitere Veröffentlichung das BKA sich ebenfalls verbeten hatte.

Video auf Bild.de

Aber selbst für den (eher unwahrscheinlichen) Fall, dass das BKA die Bild.de-Redakteure mit vorgehaltenen Waffen zur Löschung der ehemaligen Fahndungsfotos zwingt, hätte die Seite noch was in petto: zum Beispiel ein Foto, das die „Sex-Bestie“ bei einem Turnfest „mit seinen jungen Schützlingen“ zeigt. Die Kinder auf dem Bild sind anonymisiert, der Angeklagte natürlich nicht. Darunter steht der Hinweis „Foto: Alexander Blum“, was zumindest einige Mutmaßungen darüber zulässt, wie „Bild“ diesmal an das Foto gekommen sein könnte.

Aber all das ist wie gesagt nichts Neues für Bild.de. Auch die Bildunterschrift „Mit diesem Bild fahndete das BKA nach dem Dreckschwein“ („Dreckschwein“ ist in diesem Fall keine vom BKA verwendete Formulierung) gab es in ähnlicher Form schon in der gedruckten „Bild“. Es ist nur erstaunlich, mit welcher Vehemenz die Redaktion Bitten des Bundeskriminalamts und Missbilligungen des Deutschen Presserats ignorieren zu können meint.

Nachtrag, 14. Oktober: Und so behandelt die gedruckte „Bild“ heute das Thema (alle gelben Flächen von uns):

Deutschlands schlimmster Kinderschänder: Die Anklage

Bei der Quellenangabe der Fotos war „Bild“ übrigens besonders zynisch dreist genau: „Fotos: BKA“ steht dort.

Berge versetzen

Es ist offenbar gar nicht falsch, was Bild.de heute schreibt:

Der Winter kommt! Auf dem Fichtelberg (Sachsen) ist der erste Schnee gefallen. Auch auf dem Brocken (Sachsen-Anhalt) gab es die ersten Flocken.

Es ist aber schon falsch, wenn Bild.de aus diesen Informationen folgende Überschrift ableitet:

Skandinavische Kaltfront bringt den Winter: Erster Schnee im Fichtelgebirge

Das Fichtelgebirge befindet sich nämlich im Nordosten Bayerns — und damit etwa 80 Kilometer vom Fichtelberg (Sachsen) entfernt.

Um die Verwirrung einerseits zu erklären, andererseits zu vergrößern: Es gibt im Fichtelgebirge die Gemeinde Fichtelberg, die allerdings am Berg Ochsenkopf gelegen ist.

Mit Dank an Stefan H., Christian F., Ralph F., Andreas H. und Alex G.

Nachtrag, 13. Oktober: Seit heute Morgen ist die Überschrift etwas allgemeiner gehalten:

Skandinavische Kaltfront bringt Schnee: Wintereinbruch in Teilen Deutschlands

Und falls Sie auch gerne mal kotzen möchten…

Was macht eigentlich der Fußballer Lukas Podolski? So kurz vor dem vermutlich wichtigsten Nationalelf-Spiel des Jahres kann man dieser Frage schon mal nachgehen. „Bild“ kommt dabei zu einer ganz erstaunlichen Neuigkeit (die, so darf man vermuten, auch noch ziemlich exklusiv ist, woanders jedenfalls war dieser Scoop noch nicht zu lesen).

Unter dieser Überschrift wird die Neuigkeit behandelt, dass Podolski mit einem auffälligen Kleidungsstück in den Kreis der Mannschaft einrückte. Das Motiv auf seinem Pulli ist, Sie ahnen es, ein sich übergebender Clown. Und natürlich mag man als Leser dann auch wissen, woher man solch ein exklusives Stück bekommen kann. Bild.de hat da ganz den Servicegedanken verinnerlicht und beschreibt detailliert:

Aktuell heißt es also, dass Podolski sich das Shirt „gekauft“ habe. Das war nicht den ganzen Tag so — und es ist natürlich reine Spekulation, ob die frühere Version (nämlich, dass Poldi das gute Stück als Werbeträger geschenkt bekommen hat) der Wahrheit nicht näher kommt. Da hieß es nämlich bei Bild.de ebenso wie in der gedruckten „Bild“:

In jedem Fall ist die Preisangabe von „Bild“  ein wenig, nunja, euphemistisch. Tatsächlich bewegt sich, wie ein Blick in den verlinkten Shop zeigt (der gleich mit dem Foto von Poldi aufmacht), das Preisniveau schon eher in fußballprofigerechten Dimensionen: 398 Euro sind fällig, das gute Stück ist nämlich aus Kashmir. Und wer dann immer noch nicht restlos überzeugt ist von den Qualitäten des kotzenden Clowns, des Labels und der vertreibenden Firma, dem sagt es Poldi auch nochmal ganz persönlich mit gewohnt eindringlichen Worten:

„Ich finde den Laden cool.“

Ach, Sie vermissen was? Einen Vermerk wie „Anzeige“ oder ähnliches? Nicht lange suchen — Sie werden ihn nicht finden.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Lachen, nicht denken

Jedes Jahr das gleiche Schauspiel: Kurz bevor die echten Nobelpreisträger bekannt gegeben werden, versammelt sich im Sanders-Theater der Harvard-Universität ein buntes Forscher-Völkchen, um die Skurrilitäten des Wissenschaftsbetriebs mit dem Ig-Nobel-Preis zu feiern. Gewürdigt werden wissenschaftliche Arbeiten, die „zuerst zum Lachen und dann zum Denken“ anregen sollen.

Das mit dem Lachen scheint prima zu funktionieren: Kaum eine Redaktion lässt es sich entgehen, über die skurrilen Mischung aus BH und Gasmaske zu berichten, deren Schöpferin einen Ig-Nobel-Preis verliehen bekam. Mit dem Denken hapert es dann schon eher. So findet sich auf Bild.de diese Zusammenfassung einer Studie eines weiteren Preisträger-Teams:

Preis für Physik: Den Physikpreis verdienten ein US-Forscherteam. Katherine K. Whitcome (University of Cincinnati, USA), Daniel E. Lieberman (Harvard University, USA) und Liza J. Shapiro (University of Texas, USA) untersuchten, warum schwangere Frauen nicht umkippen. Sie fanden heraus, dass schwangere Frauen deshalb nicht vornüber fallen, weil sie einen Rückenwirbel mehr haben als Männer und deshalb biegsamer sind.

Das ist natürlich Unsinn. Schwangere Frauen haben so viele Wirbel wie nicht-schwangere, und die haben so viele Wirbel wie Männer. Der Lendenwirbel-Bereich ist bei Frauen lediglich etwas anders geformt, was die geehrten Forscher untersucht hatten. Ihre Ergebnisse waren schon kurz, nachdem sie im Jahr 2007 in der Zeitschrift Nature erschienen, auch in deutschen Medien korrekt wiedergegeben worden.

Wer aber den zusätzlichen Rückenwirbel lediglich den berüchtigten Englisch-Kenntnissen von Bild.de zuordnen will, irrt. Die selbe Behauptung findet sich auch im „Hamburger Abendblatt“, bei n-tv.de, in der „Netzeitung“ und sogar in der „Ärztezeitung“, die sie allesamt aus einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa von vergangener Woche übernommen haben.

Mit Dank an Maja I. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 7.10.2009, 12:18 Uhr: Das „Hamburger Abendblatt“, n-tv.de und die „Ärztezeitung“ haben die entsprechende Passagen inzwischen ohne weiteren Kommentar korrigiert oder ganz gestrichen.

Wir haben bei der dpa angefragt, wie es zu diesem Fehler kommen konnte. Das dpa-Büro in New York schiebt die Verantwortung auf eine fehlerhafte Pressemitteilung, kann auf Nachfrage aber keinen solchen Text vorlegen. Auch beim Veranstalter ist eine solche Pressemitteilung unbekannt.

Nachtrag 2, 18:06 Uhr : Inzwischen hat auch die „Netzeitung“ den Fehler entfernt.

Nachtrag 3, 20:30 Uhr: Die dpa hat ihre Quellen nochmals überprüft und festgestellt, dass der Fehler nicht aus einer Pressemitteilung stammt. Zusätzlich hat die Presseagentur auch eine Berichtigung ihrer Meldung veröffentlicht.

„Sehr exklusiv“

Bei einem Artikel, der mit den Worten „Mainz im Ausnahmezustand!“ beginnt, erwartet vielleicht der eine oder andere Leser dramatischere Vorkommnisse als den Aufenthalt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in einem Hotel. Doch um nichts anderes geht es Bild.de heute unter der Überschrift:

„So schön wohnt die Nationalelf in Mainz“.

Besonders relevante Informationen sind das nicht, aber auch sie müssen irgendwoher kommen. Zum Beispiel von der Website des Luxushotels „Hyatt Regency Mainz“, auf die Bild.de sogar mit einem Textlink verweist. Von dort stammen auch die Fotos des Hotels in einer Bildergalerie, in der korrekt vermerkt wird:

BILD_hyatt_fotonachweis

Nicht vermerkt wird allerdings, dass sich auch der Artikel selbst großzügig bei Hyatt.de bedient:

Hyatt.de Bild.de
Das Hyatt Regency Mainz liegt am Rheinufer in der zentralen Rhein-Main-Gegend. Die historische Altstadt und berühmte Museen sind nur wenige Schritte entfernt. Das Hyatt Regency, das einzige 5-Sterne-Hotel in Mainz, liegt am Rhein-ufer unweit der Altstadt, sehr exklusiv.
Die 268 Gästezimmer verfügen über eine moderne Ausstattung und das Neueste an Komfort und Technik, so etwa großzügige Schreibtische mit High-Speed-Internetzugang, (…) Zimmerservice rund um die Uhr. Die 268 Gästezimmer verfügen über modernste Ausstattung mit High-Speed-Internetanschluß, Zimmerservice rund um die Uhr.
Das großzügige Badezimmer verfügt über eine Badewanne, eine separate begehbare Dusche sowie einen flauschigen Bademantel. [Beschreibung des King Zimmers] Ein Bademantel liegt für jeden Spieler bereit.
Das Hyatt Regency Mainz integriert die historische Festung Fort Malakoff aus dem 19. Jahrhundert in seine großzügige und moderne Architektur. [Beschreibung Mainz Hotel] Im Hotel ist die historische Festung Fort Malakoff aus dem 19. Jahrhundert in seiner großzügigen und modernen Architektur integriert.
Die Einrichtungen im Club Olympus verschaffen nach einem anstrengenden Tag die nötige Entspannung für Körper und Geist. [Beschreibung Fitnesscenter] Abwechslung bietet der Club Olympus. Entspannung pur für Körper und Geist mit verschiedenen Massagen.
Das historische Fort Malakoff verbindet die moderne Architektur des Hyatt Regency Mainz mit einem Stück Stadtgeschichte. [Beschreibung Veranstaltungsräume] Stellt schon was dar: Das Hyatt Regency, das Historisches, wie die Festung Fort Malakoff, mit moderner Architektur verbindet [Text in der Bildergalerie]

Zieht man im Artikel mal alle Sätze ab, in denen sich „Bild“-Autor Günter Nicklas von den Hyatt-Werbetexten „inspirieren“ ließ, verbleibt als Eigenleistung von Bild.de nicht viel mehr als:

BILD zeigt: So schön wohnen unsere Fußball-Helden um Philipp Lahm und Co. (…)

Alles nobel, nobel. (…)

Was soll bei solch tollen Bedingungen da noch am Samstag schief gehen?

Nachtrag, 7. Oktober.
Wir haben „Bild“ unterschätzt. Aus der werblichen Selbstdarstellung eines Hotels hat die Redaktion nicht nur einen Bild.de-Text gemacht, sondern auch einen gleichlautenden Artikel von stattlicher Größe in der Mainzer Ausgabe der gedruckten Zeitung (siehe Ausriss links).

Mit Dank an Eta C. sowie Schorsch und Nina!

Born (Somewhere) In The U.S.A.

Preisfrage: Wo wurde US-Präsident Barack Obama geboren?
A) Kenia; B) Chicago; C) Hawaii; D) Chicago

Wenn Sie sich für Antwort A entschieden haben, gehören Sie möglicherweise zur Gruppe der sogenannten „Birthers“, die glauben, dass Obama außerhalb der USA geboren wurde und deshalb gar nicht Präsident sein dürfte. Diese Menschen gelten als Opfer von Verschwörungstheorien und allgemein als seltsam.

Wenn Sie Antwort B oder D, also „Chicago“, gewählt haben, gehören sie wahrscheinlich zu jenen Redakteuren bei Bild.de, die in den letzten Tagen mehrfach die Mär verbreiteten, Obama habe beim IOC-Gipfel in Kopenhagen für seine „Geburtsstadt“ die Werbetrommel gerührt:

Schock für US-Präsidenten Barack Obama! Olympia-Bewerberstadt Chicago (Obamas Geburtsstadt) musste bei der Vergabe für die Spiele 2016 schon in der ersten Runde die Segel streichen.

Gestern vergab das IOC in Kopenhagen die Olympischen Spiele 2016. Den Zuschlag bekam Rio de Janeiro – und nicht die vom US-Präsidenten beworbene Stadt Chicago. Seine Geburtsstadt musst schon in der ersten Runde die Segel streichen.

Stutzig hätten die Redakteure von Bild.de eigentlich werden können, wenn sie ihre eigenen Artikel gelesen hätten. In beiden steht nämlich das Zitat des 48-jährigen Obama:

„Ich hab mich vor 25 Jahren nicht nur wegen Michelle in Chicago verliebt.“

Aber zurück zur Preisfrage: Sollten Sie sich trotz widriger Umstände für Antwort C („Hawaii“) entschieden haben, dann liegen Sie nach allem, was man weiß, richtig — es sei denn, Sie sind ein seltsamer Verschwörungstheoretiker oder Redakteur bei Bild.de …

Mit Dank an Steffen.

Nachtrag, 17:20 Uhr: Bild.de hat die „Geburtsstadt“ kommentarlos aus beiden Artikeln entfernt.

„Killer-Tsunami“ schwemmt „erste Bilder“ an

Bild.de veröffentlichte heute — unmittelbar unter der Überschrift eines Artikels über den „Killer-Tsunami“ auf den Samoa-Inseln — „dramatische Amateuraufnahmen“ eines Tsunami-Augenzeugen.

Aus dem Off kommentiert Bild.de das 35-sekündige Amateur-Video mit diesen Worten:

Noch wirken diese Wellen harmlos. Doch sie bringen den Tod. Das Südseeparadies Samoa wenige Sekunden vor der Verwüstung. Amateuraufnahmen zeigen die ersten Bilder des tödlichen Südpazifik-Tsunamis. (…)

Die Aufnahmen zeigen Samoa? Wie bloß kommt es dann, dass ein Video mit den genau gleichen Aufnahmen den Titel „2004 Tsunami Video“ trägt, seit dem 4. Oktober 2006 auf YouTube zu sehen ist und bereits über 1.7 Millionen mal angesehen wurde?

Mit Dank an Felix F.

Nachtrag, 16.20 Uhr: Bild.de hat die „dramatischen Amateuraufnahmen“ von 2004 aus dem Artikel entfernt und offenbar gelöscht.

2. Nachtrag, 18.15 Uhr: Auf Bild.de erfolgt eine „Korrektur“, in der die Leser um Entschuldigung gebeten werden. Offenbar wurde das Video ungeprüft vom „Video-Portal LiveLeak“ übernommen (wo Nutzerkommentare allerdings bereits seit gestern unermüdlich darauf hinweisen, dass die Bilder alt sind und nicht Samoa zeigen).

3. Nachtrag, 20.40 Uhr: Bei „Spiegel Online“ beginnt der Videobericht „Immer mehr Todesopfer: Tsunamis und Erdbeben in Asien“ ebenfalls mit besagtem Video.

101,4-prozentig daneben

Nachdem sogar der Bundeswahlleiter in den allmächtigen Hype um Twitter eingestimmt hatte und hochoffiziell und international davor warnte, Ergebnisse so genannter „Exit polls“ auf der Kurznachrichtenplattform zu verbreiten, stand das Szenario für den Wahlabend fest:

1. Dutzende Journalisten würden Twitter durchstöbern, um die erwarteten Indiskretionen zu entdecken.
2. Hunderte von Twitter-Nutzern würden sich einen Spaß draus machen, ständig neue Wahlprognosen zu erfinden und zu veröffentlichen.

Unter den Spaßvögeln: ein Unbekannter, der sich einfach als FDP-Kreisverband Unna ausgab und prompt eine angebliche Prognose aus Berlin weitertwitterte. Das war zwar liebevoll gemacht, der vermeintliche FDP-Funktionär erfand sogar einen mahnenden Anruf aus der Parteizentrale in Berlin. Trotzdem überzeugte die Fälschung keine zwei Minuten lang.

So hatte der vermeintliche Liberale im Überschwang 101,4 Prozent an Stimmen verteilt, die FDP in Unna war problemlos telefonisch erreichbar und dementierte sofort. Wer würde dennoch auf die plumpe Vorstellung reinfallen?

Ja, wer?

Dicker Patzer: Die FDP aus Unna „zwitscherte“ noch vor Schließung der Wahllokale über den Dienst „Twitter“ Prognosen zur Wahl. Schnell kam ein mahnender Anruf aus Berlin, das kann schließlich Wähler beeinflussen.

Im Nachhinein hat Bild.de dann doch erkannt, dass mit den Prognosen etwas nicht stimmt:

Die angeblichen Ergebnisse wurden teilweise bis auf die zweite Stelle hinter dem Komma genannt – was allerdings nicht der Arbeitsweise der Demoskopen entspricht.

Ein anonymer Twitter-Nutzer schrieb unter dem Namen des Forschungsinstituts infas/dimap. Ein anderer anonymer Nutzer twitterte unter dem Namen „FDP_Unna“. Die Fake-Accounts und Prognosen wurde inzwischen gelöscht.

Stimmt aber auch nicht: Der Fake-Account der FDP Unna ist immer noch online.

Mehr Gegenwart wagen

Polizei verstärkt Präsens auf Flughäfen und Bahnhöfen - Bundesregierung warnt vor ernster Gefahr

Mit Dank an perry.

Nachtrag, 21:40 Uhr: Jetzt hat die Polizei ihre „Präsenz“ verstärkt …

2. Nachtrag, 19. September: AP hat heute schon zwei Mal getickert:

Die Sicherheitsbehörden reagierten mit erhöhter Polizeipräsens auf die Drohbotschaft.

Nachzulesen z.B. bei stern.de.

Mit Dank an Daniel und Jahan D.

3. Nachtrag, 20. September: Seit gestern Nachmittag tickert AP „Polizeipräsenz“ und auch stern.de hat den Fehler in der Zwischenzeit korrigiert.

Hitlers Familienserie

Vielleicht muss das einfach mal schnell gesagt werden:

„Eine sensationelle Entdeckung“? „Spektakuläre Entdeckung“? „Aufgespürt“? — Die Begeisterung, mit der zur Zeit unzählige Medien im In- und Ausland die Nachricht weiterverbreiten, dass zwei belgische „Hitler-Jäger“ in den USA und in Österreich die noch lebenden Verwandten von Adolf Hitler ausfindig gemacht haben wollen, ist weitgehend ungegründet.

Fast alles, was jetzt über (Achtung tag cloud!) den Journalisten Jean-Paul Mulders, den Historiker Marc Vermeeren, die Familien Hietler, Hiedler, Hütler oder Huetler im österreichischen Waldviertel sowie Louis, Brian und Alexander A. Stuart-Houston auf Long Island berichtet wird, stand u.a. schon 2006 unter Berufung auf die belgische Tageszeitung „Het Laatste Nieuws“ in der „FAZ“.* Dort fand sich auch folgender, in schönster Feuilletonprosa verfasster Satz:

Spektakulärer als die der vorherrschenden Auffassung der Geschichtsschreibung entsprechenden Erkenntnisse von Mulders sind die Methoden, die der belgische Journalist bei seinen sechs Monate dauernden Recherchen genutzt hat. (…)

Mit Dank auch an treets, Andre E. und Soe.

*) Als die Erkenntnisse der „Hitler-Jäger“ im Frühjahr 2009 als Buch erschienen, interessierte das übrigens kaum wen. Deutschlandradio Kultur fasste das Werk damals ironischerweise so zusammen: „Historische Forschung, wie sie die Boulevardpresse betreibt.“

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