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Wie „Bild“ mit „Sex-Mob-Alarm“ Vorlagen für rechte Hetzer liefert

Die Geschichte, um die es hier geht, ist zwar bereits zwei Wochen alt. Da sie aber einmal mehr zeigt, wie „Bild“ und Bild.de mit unsauberen Recherchen Rechtspopulisten und Internethetzern Vorlagen liefern, wollen wir sie dennoch aufgreifen.

Am 3. beziehungsweise 4. Juli erschienen diese Artikel bei Bild.de (hinter einer Paywall) und „Bild“:


Die Düsseldorf-Ausgabe hatte die Geschichte sogar auf der Titelseite angeteasert:

Das „Geheimpapier“ ist eine internes Dokument der Düsseldorfer Polizei. Darin geht es vor allem um Verhaltensregeln für Polizeibeamte, die bei künftigen Sexualdelikten die Beweisaufnahme verbessern und spätere Identifizierungen ermöglichen sollen: Telefonnummern der Beschuldigten sollen aufgenommen werden, genauso tatsächliche Aufenthaltsorte und die Beschreibung der getragenen Kleidung oder körperlicher Merkmale. Außerdem sollen, wenn möglich, Fotos von den Verdächtigen gemacht werden.

In dem Dokument stehen neben diesen Handlungsanweisungen für Polizisten aber auch einige Sätze zu Art und Anzahl von sexuellen Übergriffen. Und auf die stürzten sich die „Bild“-Medien:

Laut eines Geheimpapiers gibt es immer mehr sexuelle Übergriffe in Badeanstalten, bei denen gleich mehrere Täter ihr Opfer bedrängen, begrapschen und missbrauchen.

In einer internen Mail an ihre Kollegen schreiben die Beamten vom Kriminalkommissariat 12, zuständig für Sexualdelikte und Vermisstenfälle: „Das KK 12 stellte dar, dass die Sexualstraftaten einen enormen Anstieg verzeichnen. Insbesondere die Tatbestände Vergewaltigung und sexueller Missbrauch von Kindern in den Badeanstalten schlagen hier ins Gewicht.“ Die Täter seien „zum größten Teil Zuwanderer“.

Klar, über solche Missstände muss berichtet werden.

Wäre nur gut, wenn man auch konkrete Zahlen hätte, die den „enormen Anstieg“ bestätigen. Und die liefern „Bild“ und Bild.de vorerst nicht.

Dennoch sprangen andere Medien auf die „Bild“-Schlagzeile auf. Welt.de zum Beispiel:

Oder die „Huffington Post“:

Selbst in Großbritannien wurde berichtet, vom Knallblatt „Daily Mail“:

Besonders heftig hat der „Bayernkurier“, das Polterorgan der CSU, das Thema aufgegriffen:

Redakteur Wolfram Göll schreibt:

Ein Problem, von Medien, Verantwortlichen und manchen Behörden lange verharmlost und von linken Politikern mit einem Sprechverbot belegt: moslemische Zuwanderer, meist aus Afghanistan, Pakistan, Marokko, aber auch Syrien, dem Irak und anderen moslemischen Ländern, stellen in deutschen Schwimmbädern Jugendlichen nach, oft minderjährigen Mädchen, aber auch Buben, um sie sexuell zu missbrauchen.

In vielen Schwimmbädern wurden mittlerweile verschärfte Sicherheitsmaßnahmen ergriffen, aber manche sprechen immer noch von Einzelfällen. Wie viele „Einzelfälle“ sexuellen Missbrauchs braucht es, damit die Politik reagiert?

Es gab allerdings auch Medien, die nicht blind der Geschichte von „Bild“ und Bild.de gefolgt sind, sondern recherchiert haben, allen voran die „Rheinische Post“. Die Redaktionen haben bei der Polizei nachgefragt, bei der „Deutschen Gesellschaft für Badewesen“, bei örtlichen Schwimmbadbetreibern.

Die Ergebnisse für Düsseldorf in Bezug auf sexuelle Belästigung und sexuelle Übergriffe:

2014: sieben Anzeigen
2015: 17 Anzeigen
2016: bis Anfang Juli acht Anzeigen

Das soll der „enorme Anstieg“ sein, den „Bild“ und Bild.de in die Welt gesetzt und aufgrund dessen sie den „Sex-Mob-Alarm“ ausgerufen haben.

Wohlgemerkt: Hierbei geht es erstmal nur um Anzeigen, nicht um Verurteilungen. Und: Die Taten, die als Sexualdelikte angezeigt werden können, sind sehr unterschiedlich. Sie reichen von penetrantem Beobachten und Fotografieren in der Umkleidekabine übers Grapschen bis zu Vergewaltigungen. Nichts davon ist zu verharmlosen und jeder Vorfall muss verfolgt werden, aber es besteht eben doch einen Unterschied in der Schwere der Tat. Und: Diese Zahlen sagen noch nichts darüber aus, ob sich die Anzeigen „zum größten Teil“ gegen Zuwanderer richten. In ganz Nordrhein-Westfalen, auch das hat die „Rheinische Post“ recherchiert, gab es im laufenden Jahr 103 Anzeigen wegen Sexualdelikten, davon 44, bei denen die Beschuldigten Zuwanderer waren.

Die „Berliner Zeitung“ hat bei Polizeistellen in ganz Deutschland nachgefragt. Von „einem massiven Anstieg sexueller Übergriffe in Schwimmbädern“ könne in keinem Bundesland die Rede sein. Selbst Rainer Wendt, Bundesvorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft und Urheber der These „Mehr Verkehrstote durch Flüchtlingskrise“, versucht im Artikel zu deeskalieren: „‚Wir sprechen hier nicht von einem Massenphänomen.'“

Wie kommen „Bild“ und Bild.de dann auf die Bedrohung des deutschen Badevergnügens?

Ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei erklärte noch am Montag, dem Erscheinungstag der „Bild“-Geschichte zum „Geheimpapier“, gegenüber dem WDR:

„Die Übergriffe in der Silvesternacht haben die Statistik nach oben getrieben, denn das Papier bezog sich auf die Gesamtzahl von Sexualdelikten.“

Und eben nicht nur auf Vorfälle in Schwimmbädern. Die etwas unklare Formulierung in dem Polizeidokument hatte die „Bild“-Redaktion anscheinend falsch interpretiert.

Wir haben ebenfalls bei der Polizei Düsseldorf nachgefragt: Warum hat man nicht auch schon „Bild“ die Fallzahlen mitgeteilt? Das hätte schließlich die alarmistische Überschrift verhindern können. Eine Sprecherin sagte uns, dass die „Bild“-Anfrage am Sonntag reingekommen sei. Da sei man nicht in der Lage, entsprechende Zahlen zu recherchieren. Am Montag sei das dann kein Problem gewesen. So lange wollten die „Bild“-Medien aber offenbar nicht warten.

Als die Zahlen dann am Montag bekannt wurden, veröffentlichten sie auch Bild.de und die Düsseldorf-Ausgabe von „Bild“:


Gut, dass „Bild“ und Bild.de einen klärenden Artikel nachgeliefert haben.

Blöd, dass der „Sex-Mob“-Ursprungsartikel da schon fest im Gedankengut rechter Dumpfbacken verankert war:






Mit Dank an Martin und Boris R.!

Ein Wendt für alle Fälle

Wenn deutsche Medien ein knackiges Zitat zur Polizeiarbeit, zu Sicherheits- oder Rechtsfragen brauchen, gibt es eine Universalwunderwaffe: Rainer Wendt. Wendt ist Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“. Und in dieser Position immer für ein Interview zu haben — Thema im Grunde egal.

Heftiger Einsatz von Schlagstöcken und Wasserwerfern bei „Stuttgart21“? Wendt: „Polizeiliche Einsatzmittel müssen Waffen sein, die weh tun, nur dann wirken sie.“

Krawalle in Fußballstadien? Wendt: „Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden.“ Und: „Wem strenge Leibesvisitationen nicht passen, der soll vor dem Stadion bleiben müssen.“

Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts Koblenz, die Polizei solle Kontrollen nicht nach Hautfarbe durchführen? Wendt: „Man sieht wieder einmal, die Gerichte machen schöngeistige Rechtspflege, aber richten sich nicht an der Praxis aus.“

Law-and-Order-Verfechter Wendt lärmt zu jedem Thema. Friederike Haupt schrieb schon 2013 in der „FAS“:

Wenn Wendt braungebrannt aus dem Marokko-Urlaub zurück in sein Büro kommt, schmeißt er gleich am ersten Tag die Werbemaschine wieder an. Alle sollen wissen: Der Wendt ist zurück. Darum ruft er zum Beispiel einen Journalisten an und sagt: „Soll’n wir mal ’ne schöne Geschichte machen?“ Wendt fordert dann höhere Strafen für die Bösen oder mehr Personal für die Guten, und der Journalist hat eine Exklusiv-Story: „Und hinterher sind alle zufrieden.“

Rainer Wendts aktuelles Themenfeld: Die Flüchtlinge und alles, was dazu gehört. Da hat er schon ganz beachtlich Schlagzeilen gesammelt:


(Bild.de; interessant auch, wie Wendt in einigen Medien zum Synonym für die Polizeit wird.)

(Bild.de)

(„Focus Online“)

(„Bayernkurier“)

Bei seinem neuesten Schmu Coup half ihm Welt.de:

Abgelegt ist das Interview unter:

Und das ist tatsächlich eine der Kernaussagen Wendts: Die Flüchtlingskrise sorge für mehr Gefahren im Straßenverkehr, bis hin zu mehr Verkehrstoten:

Die Welt: Bleiben auch hoheitliche Aufgaben der Polizei wegen der Flüchtlingskrise schlicht liegen?

Wendt: Eine der Aufgaben, die wir derzeit vernachlässigen müssen, ist die Verkehrsüberwachung. Sie ist teilweise völlig zum Erliegen gekommen. Wir mussten wegen der Einsatzbelastung im Zusammenhang mit der Flüchtlingskrise den Blitzmarathon in diesem Jahr ausfallen lassen, die Planungen für den Blitzmarathon im nächsten Jahr liegen auf Eis. Da fehlt uns ein ganz wichtiges Instrument zur Unfallprävention. In allen Bundesländern wird die Verkehrsüberwachung drastisch zurückgefahren — mit fatalen Folgen. Wir stellen bereits jetzt fest, dass wir das deutsche Ziel, bis 2020 die Zahl der Verkehrstoten um 40 Prozent zu senken, klar verfehlen. Wir sind jetzt erst bei 16 Prozent. Die Zahl der Unfalltoten steigt sogar wieder.

Logisch: Wenn man weiß, dass ein Großteil der Polizisten mit „der Flüchtlingskrise“ beschäftigt ist, knattert man direkt mit 90 km/h durch die Tempo-30-Zone. Und dann fällt auch noch der Blitzmarathon aus — Raser’s Paradise.

Wendts Gleichung fanden andere Medien logisch und zogen nach:


(„RP Online“)

(„Focus Online“)

(Krone.at)

(„Yahoo News“)

Walter Bau von der „Berliner Morgenpost“ fand die These hingegen merkwürdig. Er kommentiert:

Was Polizeigewerkschafter Wendt nicht sagt: Im ersten Halbjahr 2015 hielt sich der Zustrom an Flüchtlingen noch in Grenzen, verglichen mit den Zahlen seit Juli. Die brisante Lage an den Grenzen, die die Polizei vor allem beschäftigt, entstand erst im Sommer. Und zu glauben, die Autofahrer würden gezielt schneller und riskanter fahren, weil sie darauf spekulierten, es gebe gerade weniger Radarfallen, ist realitätsfern. Wendt schürt Ängste zur eigenen Profilierung.

Und „t-online“ hat beim „Statistischen Bundesamt“ nachgefragt, ob Wendts These plausibel sei. Die Erkenntnis:

Nach einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes ist die Zahl der Verkehrstoten im August im Vergleich zum selben Monat des Vorjahres tatsächlich angestiegen (um 18,4 Prozent von 293 auf 335). Allerdings haben die Statistiker dafür eine andere Erklärung als Wendt: „Im vergangenen Jahr war das Wetter im August extrem schlecht. Dann sind die ungeschützten Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger und Zweiradfahrer eher weniger unterwegs“, erläutert Gerhard Kraski vom Statistischen Bundesamt gegenüber t-online.de. Deswegen, so Kraski, sei es wahrscheinlich zu dem Anstieg in diesem Jahr gekommen.

Trotzdem: Die Medien werden Rainer Wendt weiter fleißig zitieren und in Talkshows einladen. Heute Abend sitzt er im „Ersten“ bei „Hart aber fair“. Thema: Flüchtlingskrise. Er wird sich ganz bestimmt knackige Sprüche zurechgelegt haben.

Mit Dank an Webwatch und Ben B.