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B.Z.  

Ein Heute, das seinen Namen trägt

Als er kürzlich seinen eigenen Namen googelte, war der Schriftsteller Mischa-Sarim Vérollet vor allem über ein Suchergebnis erstaunt: In der „B.Z.“ vom 12. Januar war er unter der Überschrift „Mein Heute“ auf einen Artikel gestoßen, in dem der Schriftsteller Mischa-Sarim Vérollet beschrieb, was er an jenem Tag tun werde: In Berlin ankommen, ins Hotel einchecken und „dann dort im Café schon mal ein schönes Bierchen trinken“. Anschließend werde er sich „mit den Kollegen Volker Surmann und Katja von Kassel“ treffen, „um unsere Lese-Show für den 17.1. abzusprechen“. Danach, so ließ Vérollet die „B.Z.“-Leser wissen, werde man „noch was essen auf der Bergmannstraße – vielleicht im Knofi, mal schauen …“

Mein Heute: Mischa-Sarim Vérollet (29), AutorAllein: Mischa-Sarim Vérollet braucht kein Hotel, denn er wohnt in Berlin. Er hat am 12. Januar auch kein „schönes Bierchen“ getrunken und sich nicht mit seinen Kollegen getroffen. Stattdessen lag er krank im Bett und hatte den Text nicht einmal verfasst.

Wir haben bei der „B.Z.“ nachgefragt, ob es die Ausnahme oder die Regel sei, dass die vermeintlichen Autoren von „Mein Heute“ nicht wüssten, dass ihr angeblicher Tagesablauf in der Zeitung stehe. Chefredakteur Peter Huth erklärte uns, in „99% der Fälle“ entstünden die Texte in enger Absprache mit den Ich-Erzählern oder ihren PR-Agenten. So sei auch der Text von/über Vérollet von dessen PR-Agentur geschrieben worden.

Bei Google findet sich nichts über diese Agentur, vor allem aber hat Mischa-Sarim Vérollet noch nie von ihr gehört. Und auch sonst fand er in seinem Umfeld niemand, der seine Tagesplanung an die Zeitung weitergereicht hätte. Wessen Heute Vérollets „Mein Heute“ wirklich war, wird daher wohl ein Rätsel bleiben.

Nachtrag, 23.30 Uhr: Die „B.Z.“ beteuert, den Text von einer PR-Agentur bekommen zu haben, die behauptet, ihn nach Rücksprache mit Mischa-Sarim Vérollet verfasst zu haben. Das würde bedeuten, dass die Agentur die Zeitung getäuscht hat.

2. Nachtrag, 10. Februar: Die betreffende PR-Agentur schreibt uns, dass es zu einem Missverständnis gekommen sei und die „B.Z.“ keine Verantwortung dafür trage, dass Mischa-Sarim Vérollet nichts von seinem „Heute“ wusste. Inzwischen sei aber alles versöhnlich mit Vérollet und der „B.Z.“ geklärt.

B.Z., dpa  

Bringt ihm den Kopf von Julian Assange! (2)

Also nochmal: Mike Huckabee, einer der republikanischen Favoriten für die nächste US-Präsidentschaftswahl, hat nicht die Hinrichtung von Wikileaks-Gründer Julian Assange gefordert.

Eine Woche nach der Nachrichtenagentur AFP verbreitet nun auch dpa diese Falschmeldung. Über einem Bericht ihres USA-Korrespondenten schreibt sie:

Mike Huckabee, ehemaliger US-Präsidentschaftskandidat, hat bereits die Todesstrafe gegen Wikileaks-Gründer Assange gefordert.

Tatsächlich hat Huckabee gefordert, die Quelle der veröffentlichten Dokumente im amerikanischen Staatsdienst wegen Hochverrat anzuklagen und die Todesstrafe als einzig angemessenes Urteil dafür bezeichnet.

Der Online-Dienst heise.de hat den Fehler inzwischen unauffällig korrigiert; die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ hingegen schaffte es, ihn noch ein bisschen größer zu machen. Sie schreibt heute:

Mike Huckabee, Ex-Gouverneur von Arkansas, hat für Assange wegen Cyber-Terrorismus sogar die Todesstrafe gefordert.

Nein. Nicht für Assange und nicht wegen Cyber-Terrorismus.

PS: Die „Nürnberger Nachrichten“ fügen dem dpa-Artikel auf ihrer Online-Seite noch einen eigenen Fehler hinzu:

Julian Assange sitzt derzeit in Schweden im Polizei-Gewahrsam. Doch die USA würden ihn zu gerne vor eines ihrer Gerichte zitieren.

Assange befindet sich im Polizeigewahrsam in London. Aus Schweden sind höchstens seine Gardinen.

Mit Dank an Stephen.

Nachtrag, 17.10 Uhr. Die Nachrichtenagentur dpa hat sich korrigiert und ihre Abonnenten informiert:

Mike Huckabee, ehemaliger US-Präsidentschaftskandidat, hat nicht, wie ursprünglich berichtet, die Todesstrafe gegen Wikileaks-Gründer Assange gefordert. Er sprach sich vielmehr für die Todesstrafe gegen denjenigen aus, der die Geheiminformationen gestohlen und an Wikileaks weitergeleitet hatte.

Und die „Nürnberger Nachrichten“ haben den Artikel auf ihrer Seite gelöscht.

Britische Studien sind ja so 2009

Bei Bild.de gehört es offensichtlich zum Standardprogramm, die britischen Boulevard-Zeitungen „Daily Mail“ und „The Sun“ regelmäßig nach neuen Artikeln über unsinnige Studien – im Idealfall aus den Bereichen Sex, IQ oder einer Mischung aus Sex und IQ – zu durchforsten.

Sobald man fündig geworden ist, werden die erstaunlichen Erkenntnisse mehr oder weniger unfallfrei ins Deutsche übersetzt, wobei Bild.de die Tatsache großzügig ignoriert, dass sich britische Verhältnisse nicht 1:1 auf deutsche übertragen lassen. Das Ergebnis wird mit einer knackigen Überschrift versehen und dann veröffentlicht.

Beispiele gefällig? Bitteschön:

Kluge Männer haben mehr Sex

Narben machen Männer sexy

Studie: Reiche Männer sexen besser

Guter Sex erhöht Fruchtbarkeit

Teenager sollen Sex üben

Bikini-Mädchen-Gucken macht schlau

Handys machen Schüler dumm

Cabrios können taub machen

Linkshänder werden schneller wütend

Manchmal werden aus einer einzigen Studie sogar zwei Artikel. Besonders dann, wenn Bild.de einmal selbst darüber schreibt und sich dann noch von den Kollegen von der „B.Z.“ beliefern lässt:

 Intelligente Mä¤nner sind treu

Fremdgeher haben einen niedrigeren IQ!

Apropos „B.Z.“: Ein ganz besonders schönes Beispiel, wie die Verwertungskette bei Bild.de funktioniert, versteckt sich hinter diesem Artikel von Mittwoch:

Drei Viertel aller Paare betrinken sich vor dem Sex: Sind Sie auch ein "Promille-Popper"?

Dort heißt es:

Eine Studie aus Großbritannien ergab jetzt: 75 Prozent aller Paare trinken Alkohol bevor sie Sex haben. Nüchtern betrachtet läuft also ohne Wein, Bier, Sekt oder Schnaps einfach nichts in unseren Betten.

Dumm nur, dass die Studie nicht „jetzt“ erschienen ist, sondern vor über einem Jahr, wie man auf „Mail Online“ seit dem 23. September 2009 nachlesen kann. Schon am 24. September 2009 berichtete die Onlineausgabe der „B.Z.“ darüber: „Drei Viertel aller Paare betrinkt sich vor dem Sex. Sie auch?“

Bild.de übernahm den Artikel und veröffentlichte ihn ebenfalls am 24.9.2009 unter der etwas direkteren Überschrift „Sind Sie auch ein Promille-Popper?“.

Das, was Bild.de seinen Lesern am Mittwoch als aktuell verkaufte, ist derselbe alte Artikel — nur etwa ein Jahr später unter neuem Datum.

Das ist aber noch nicht alles: Abgesehen davon, dass fraglich ist, inwiefern britische Gewohnheiten Rückschlüsse auf „unsere Betten“ zulassen, ist das, was seit einem Jahr auf bz-berlin.de, auf Bild.de und jetzt wieder auf Bild.de behauptet wird, auch einfach falsch.

Auf „Mail Online“ steht nämlich folgendes zum Sexualverhalten geschlechtsreifer Briten zur Paarungszeit:

Vier von zehn Frauen gaben an, „immer“ leicht angetrunken gewesen zu sein, wenn sie zum ersten Mal mit einem Partner geschlafen haben. Erstaunliche 48,5 Prozent sagten sogar, sie zögen Sex im alkoholisierten Zustand vor. Die Studie kam außerdem zu dem Ergebnis, dass 75 Prozent der befragten Frauen es mögen würden, etwas zu trinken, bevor sie mit ihrem Mann oder Freund ins Bett gehen.
(Übersetzung von uns.)

Wir halten fest: 75 Prozent der befragten Frauen mögen es laut Studie, etwas vor dem Sex zu trinken bzw. 48,5 Prozent finden, sie hätten alkoholisiert mehr Spaß bei der Sache. Dass sich deshalb 75 Prozent „aller Paare“ vor dem Sex betrinken, lässt sich aus solchen Angaben beim besten Willen nicht ableiten.

Man darf gespannt sein, mit welchen faszinierenden Erkenntnissen britische Forscher uns demnächst überraschen. Und dank Bild.de müssen wir auch keine Angst haben, etwas zu verpassen — spätestens in einem Jahr wird’s ja wiederholt.

Wiederholungstäter vor dem EU-Gericht

Wenn alle Journalisten bitte mal eben Papier und Bleistift zur Hand nehmen und hundert Mal schreiben könnten: „Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat mit der EU nichts am Hut.“

Zum HEUlen:

„Sicherheitsverwahrung: EU-Gericht verurteilt Deutschland“
(„taz“, 12.5.2010)

„Ein EU-Urteil könnte dazu führen, dass bis zu 30 als gefährlich eingestufte Straftäter in NRW aus der Sicherungsverwahrung freikommen.“
(WDR.de, 12.5.2010)

„EU-Urteil: Berlin prüft Freilassung von Straftätern Nachträgliche Sicherungsverwahrung ist rechtswidrig“
(„Die Welt“, 14.5.2010)

„EU-Urteil: Sicherungsverwahrung darf nicht unbefristet verlängert werden“
(„Berliner Morgenpost“, 14.5.2010)

„Konsequenz aus EU-Urteil: Justizministerin will Sicherungsverwahrung reformieren“
(„RP Online“, 14.05.2010)

„EU-Urteil zu Sicherheitsverwahrung: Elf Schwerkriminelle könnten bald freikommen“
(„Der Tagesspiegel“, 15.5.2010)

„Dabei habe es einen Rechtsfehler gegeben, meinen die EU-Richter.“
(„Frankfurter Neue Presse“, 12.5.2010)

„Aufgrund eines EU-Urteils müssen womöglich bald 17 rückfallgefährdete Schwerverbrecher aus baden-württembergischen Gefängnissen entlassen werden.“
(„Stuttgarter Nachrichten“, 20.5.2010)

„Schuld an der Situation ist ein EU-Urteil. Weil der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte die nachträgliche Anordnung von Sicherungsverwahrung untersagte, dürfen zahlreiche Schwerverbrecher auf Freiheit hoffen.“
(„Bild“, 25.5.2010)

„Nach EU-Urteil: Erster Sextäter beantragt Freilassung“
(„Stuttgarter Nachrichten“, 25.5.2010)

„Das Oberlandesgericht Celle hat die Entlassung eines 1987 verurteilten Gewaltverbrechers aus der Sicherungsverwahrung verweigert und sich damit gegen den EU-Gerichtshofs für Menschenrechte gestellt.“
(„Berliner Morgenpost“ & „Die Welt“, 28.5.2010)

„OLG: EU-Urteil hebt Sicherungsverwahrung nicht auf“
(dpa, 9.6.2010)

Die Menschen an diesem Gerichtshof hatten sich so viel Mühe gegeben: Sie haben sich mit „EGMR“ eine Abkürzung ausgedacht, in der – anders als Beispielsweise beim Europäischen Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH) – kein „U“ drin vorkommt. Sie haben in der Vergangenheit mit der Türkei, der Schweiz und Russland Länder verurteilt, die definitiv keine EU-Mitglieder sind.

Sie haben auf ihr Informationsfaltblatt (PDF) sogar einen Warnhinweis aufgedruckt:

Nicht zu verwechseln mit!

Europäischer Gerichtshof der Europäischen Gemeinschaften
Dieser Gerichtshof, mit Sitz in Luxemburg, sichert die Wahrung des EU-Rechts bei der Auslegung und Anwendung der Gründungsverträge der Europäischen Union.

Internationaler Gerichtshof
Rechtsprechungsorgan der Vereinten Nationen mit Sitz in Den Haag.

Und damit zurück zu den Journalisten: Als der EGMR im vergangenen Jahr entschied, dass Deutschland gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen habe, überforderte das bereits viele Medien (BILDblog berichtete).

Vergangene Woche hat das Bundeskabinett als Reaktion auf dieses Urteil ein „Maßnahmenbündel im Bereich Sicherungsverwahrung“ beschlossen. Das Bundesjustizministerium hat dazu eine Pressemitteilung veröffentlicht, die auf die Worte „Europäische Union“ oder „EU“ völlig verzichtet.

Und was machen die Medien?

Hintergrund ist, dass bald aufgrund des EU-Gerichtsurteils zur Sicherungsverwahrung wahrscheinlich eine Reihe von Hochkriminellen freikommen.

(„Kölnische Rundschau“)

Nach einem kürzlich erlassenen EU-Urteil verstößt eine nachträgliche Sicherungsverwahrung gegen die Menschenwürde.

(WDR.de, inzwischen entfernt)

Sicherheitsverwahrung: Regierung ist sich einig — Reaktion auf EU-Recht

(RTL.de)

Es geht aber noch ein bisschen falscher:

Die geplante Reform ist eine Reaktion auf ein EU-Verbot der Sicherungsverwahrung, die in Deutschland eine längere Inhaftierung von Wiederholungstätern ermöglicht.

(„B.Z.“)

Sicherungsverwahrung, die Haft nach der Haft, hat ein EU-Gericht gekippt.

(„Berliner Kurier“)

Denn nicht die Sicherheitsverwahrung* Sicherungsverwahrung an sich wurde „verboten“ oder „gekippt“, sondern ihre rückwirkende Anwendung.

Oder – als Gipfel der Falschheit:

Ein EU-Gericht hatte das lebenslange Wegsperren verboten.

(„Der Westen“)

Mit Dank an den Hinweisgeber.

*) Nachtrag/Korrektur, 18.20 Uhr: Unser Leser Christian D. weist – völlig zu Recht – darauf hin, dass die „Sicherheitsverwahrung“ in Wirklichkeit „Sicherungsverwahrung“ heißt. Wir hatten uns von dem Fehler verschiedener Medien anstecken lassen.

B.Z., Bild, Express, MSN  etc.

Mit bösem Willen und Spucke

Es geht ausnahmsweise mal nicht um die Leistung der deutschen Mannschaft bei der Fußball-WM, wenn die „B.Z.“ schreibt:

Und plötzlich liegt ein dunkler Schatten auf dem Gute-Laune-Fest:

Nein, nach dem Doppelpunkt kommt etwas ganz anderes:

Beim Christopher Street Day (CSD) soll der ehemalige Big Brother-Kandidat Harald Fassanelli (43) mehrere Menschen vor Wut gebissen haben – dabei ist er HIV positiv!

Dieses „dabei“, das da etwas ungelenk in dem Satz rumsteht, ist verräterisch — impliziert es doch, dass die Infektion des Mannes in einem Zusammenhang mit seiner Tat steht. Und damit nicht genug: In Überschrift, Vorspann und dem (nicht sehr langen) Artikel erwähnt die „B.Z.“ insgesamt vier Mal, dass der Mann HIV-positiv ist.

In einem weiteren Artikel schreibt sie:

Kurz vor Schluss des bunten Umzuges dann der Schock: ein HIV-Infizierter biss bei einem Streit acht andere Teilnehmer!

Und man fragt sich, ob der „Schock“ wohl ausgeblieben wäre, wenn der Mann nicht durch frühere TV-Auftritte als HIV-positiv bekannt gewesen wäre.

Das heißt: Nein, man fragt es sich eigentlich nicht. Die „B.Z.“ beantwortet das gerne:

Einem 36-Jährigen soll Fassanelli in den Oberarm gebissen haben, einem 27-Jährigen in die Hand. Die Verletzungen sollen nur oberflächlich sein, sodass eine Infektion mit dem HI-Virus als unwahrscheinlich gilt. Bei einem weiteren Opfer hingegen soll nach einem Biss Fassanellis die Schulter geblutet haben, so der Einsatzleiter der Polizei zu einem Reporter der RBB-Abendschau.

Haben Sie’s gemerkt? Mitten in diesem Absatz war ein Bruch — denn auch, wenn eines der Opfer geblutet hat, bleibt eine Infektion unwahrscheinlich: Im menschlichen Speichel kommen die HI-Viren in einer derart geringen Menge vor, dass sie nicht für eine Übertragung ausreicht.

Genau genommen weiß das auch die „B.Z.“, die in Ihrer Ausgabe jemanden zu Wort kommen lässt, der sich mit dem Thema auskennt:

Dr. Immanuel Hardtmann (45), Internist am Vivantes Auguste-Viktoria-Klinikum (Schöneberg), Schwerpunktkrankenhaus für HIV: „Wenn ein HIV-Infizierter andere Menschen mit Biss-Wunden verletzt, ist eine Übertragung der Infektion theoretisch denkbar, jedoch nicht unbedingt wahrscheinlich. Speichel enthält keine nennenswerten Mengen an HI-Viren. Da für eine Übertragung entweder ungeschützter sexueller Verkehr oder Blut-zu-Blut-Kontakt erforderlich ist, müsste im Fall der Biss-Verletzung nicht nur eine Blutung bei dem gebissenen Opfer, sondern auch bei dem Täter, beispielsweise am Zahnfleisch, vorliegen.“

Selbst das ist nicht ganz sicher: Verschiedene Aidshilfen erklären, dass virushemmende Enzyme im Speichel dafür sorgen, dass selbst bei einer Verletzung oder Zahnfleischbluten das Infektionsrisiko gering sei.

Derartig rationale Erklärungen könnten natürlich etwas untergehen in einer Zeitung, deren Titelseite so aussieht:

Entsprechend übt sich auch der „Berliner Kurier“ auf seiner Internetseite in Panikmache:

Die Opfer der Attacke werden die nächsten sechs Monate nicht wissen, ob sie nun eventuell angesteckt wurden. So lange dauert es, bis ein Arzt eine HIV-Infizierung definitiv ausschließen kann. Sollte Fassanelli eine offenen Wunde im Mund oder Zahnfleischbluten haben, ist eine Übertragung des Virus durchaus möglich.

Der Kölner „Express“ versuchte sich an einer Formulierung, die mutmaßlich beruhigend klingen soll, jetzt aber implizit nahelegt, dass HIV durch Speichel übertragen werden könnte:

Die Opfer der Beißattacke mussten nicht ärztlich behandelt werden – auch eine HIV-Ansteckungsgefahr bestand nicht, da die Verletzungen nicht geblutet haben.

Auch „Bild“ möchte offenbar nicht groß zur gesundheitlichen Aufklärung beitragen:

Der Big-Brother-Star biss wild um sich. Schlimmer noch: Er ist HIV-positiv…

Und weiter im Text:

Und zu seiner Entschuldigung: „Ich dachte in diesem Moment nicht daran, dass ich andere anstecken könnte.“

Wahnsinn, wenn es so wäre…

Wie verheerend die ungenau Berichterstattung zu diesem Thema ist, zeigt das Internet-Portal MSN, das all die impliziten Andeutungen endgültig zu expliziter Desinformation gerinnen lässt:

Der 43-Jährige schlug auf seinem Festwagen wild um sich und biss mehrere Personen - besonders brisant, weil Harald mit dem HI-Virus infiziert ist und ihn mit seinem Speichel übertragen könnte!

Mit Dank an Patrick D. und Manny.

B.Z.  

Niemals geht man so ganz

Die potentiellen Vereinswechsel von Profifußballern sind traditionell ein Quell munterer (und oft genug hilfloser) Berichterstattung. Da wird einfach mal so drauf los spekuliert, da werden harmlose Fragen in den Raum gestellt, die es einem hinterher ermöglichen, es im Zweifelsfall immer schon gewusst zu haben.

So gesehen kann es eigentlich nicht mehr lange dauern, bis die Internetseite der „B.Z.“ Michael Ballack auch mit den verbliebenen 16 Bundesligisten in Verbindung gebracht hat:

Wechselt Michael Ballack zum HSV? [...] Geht Ballack jetzt zu Schalke 04?

B.Z.  

Verkaufe Mutter für Schlagzeile

Auf fifa.com, der Website des Weltfußballverbands, findet sich ein Interview mit Kevin-Prince Boateng, in dem er sich zum Foul äußert, das Michael Ballack die Teilnahme an der WM verwehrt. Unter anderem sagt er:

Ich möchte erst einmal sagen, dass es mir sehr leid tut, dass Michael die WM nicht spielen kann. Es war nie mein Ziel, ihn zu verletzen. Ich habe mich bei ihm noch auf dem Platz entschuldigt. Ich bin bei der Aktion einfach zu spät gekommen.

Diese Aussage sucht man in der kurzen Zusammenfassung des Gesprächs in der „B.Z.“ vergebens. Sie würde auch nicht zum fleißig durch die Boulevardmedien kultivierten Bad-Boy-Image von Boateng passen. Abgedruckt hingegen wurde dieses Zitat:

Die Partie gegen Deutschland ist natürlich etwas Besonderes für mich. Ich spiele, um zu gewinnen, egal ob mein Gegner mein Bruder, mein Vater oder meine Mutter ist.

Es braucht schon ein ungesundes Maß an Böswilligkeit, um darüber eine solche Schlagzeile zu setzen:

Boateng würde sogar seine Eltern schlagen

Mit Dank an Dirk O.

B.Z., dpa  

Die Rotlicht-Bullen von Dannenberg

Manchmal reichen fünf Zeilen, um ein riesiges Fragezeichen über dem eigenen Kopf erscheinen zu lassen:

Bullen sahen rot DANNENBERG - Zwei Bullen sahen aus ihrem Transport-Anhänger eine rote Ampel, wurden wild und stürmten aus ihrem Gefährt. Vier Polizisten fingen sie ein. (dpa)

Dabei weiß doch jedes Grundschulkind, dass Rinder gar kein Rot sehen können und Stiere auch nicht auf die Farbe des Tuchs in der Hand des Toreros reagieren, sondern auf dessen Bewegungen. Warum sollten Bullen dann an einer roten Ampel (und zwar an einer bestimmten) durchdrehen?

Die Mini-Meldung, die heute in der „B.Z.“ steht, ist die Kurzfassung der Remix einer dpa-Meldung (passenderweise aus den Ressorts „Tiere“ und „Buntes“), die insgesamt ein bisschen weniger falsch ist:

Bei Rot rissen die Bullen aus

Dannenberg (dpa) – Sonst greifen Bullen bei Rot an – diese beiden Exemplare aus Niedersachsen rissen aus, als ihr Transportanhänger vor einer roten Ampel hielt: Die Zwölfzentner-Tiere brachen am Mittwoch in Dannenberg aus dem Gefährt einer Viehverwertungsfirma aus. Vier Beamte nahmen die Verfolgung auf und konnten zunächst eines der beiden Tiere einfangen. Der zweite Bulle erwies sich dagegen als störrisch. Auf einem Friedhof beendete ein Tierarzt den Ausflug mit einem Betäubungsschuss in den Bullenhintern. Als das Tier wieder erwachte, führten die Polizisten es in den Anhänger ab.

Der Halbsatz am Anfang ist natürlich Quatsch, aber immerhin stimmt hier, dass die Tiere die Chance nutzten, als der Transporter stehen blieb — so steht es nämlich auch in der Polizeimeldung.

Der dpa-Landesdienst Niedersachsen hat übrigens alles richtig gemacht und auf jeden Verweis in Richtung „rotes Tuch“ verzichtet.

Mit Dank an Marcel T.

Unfug bevorzugt

SIE SIND ERFOLGREICHER UND HABEN MEHR DURCHSETZUNGSKRAFT - Vorteil: blond

Studie: Leg Dich bloß nicht mit einer Blondine an!

Neue US-Studie enthüllt: Blondinen sind aggressiver als Brünette

Diese Überschriften – und die dazugehörigen Artikel – haben alle ein Problem: Sie sind falsch. In der Studie, auf die sich „B.Z.“, „Welt Online“ und Bild.de angeblich berufen, (hier als PDF) geht es gar nicht um Haarfarben, das Wort „blond“ (bzw. „blonde“ auf Englisch) taucht dort überhaupt nicht auf.

Wie ein völlig verzerrender Artikel der englischen „Sunday Times“ seine Reise um die Welt angetreten hat, hat der Wissenschaftsjournalist Marcus Anhäuser in seinem Blog Plazeboalarm aufgeschrieben:

Märchenstunde

Es war einmal eine Berliner Boulevardzeitung, die hieß „B.Z.“ und war im ganzen Land dafür bekannt, dass sie mitunter seltsame Geschichten erzählte. An jenem Tage, als sich der Todestag von Wilhelm Grimm zum einhundertfünfzigsten Male jährte, begab es sich, dass die „B.Z.“ schrieb:

Rapunzel, Hänsel und Gretel oder Aschenputtel. Jedes Kind kennt sie, bekam Grimms Märchen vorgelesen, von Eltern, Oma und Opa.

Völlig unbekannt dagegen ist „Der gläserne Sarg“. Fast hätte es diese geheimnisvolle Erzählung nicht in die berühmte Grimmsche Märchensammlung geschafft. […]
B.Z. entdeckte jetzt in der Handschriftensammlung der Staatsbibliothek das erste von Wilhelm Grimm (1786-1859) angefertigte Transkript.

Was die vielen Leser der „B.Z.“ nicht wissen konnten: Die Zeitung benutzte eine eigene Sprache. Die meisten Worte klangen der unseren ganz ähnlich, aber sie hatten eine ganz andere Bedeutung. „bisher unbekannt“ hieß etwa so viel wie „in fast 160 Jahre alten Büchern enthalten“, „völlig unbekannt“ bedeutete ungefähr „seit vielen Jahren von Wissenschaftlern behandelt“ und „entdeckte“ sollte andeuten, dass man bei der „B.Z.“ bisher noch nie von dem „gläsernen Sarg“ gehört hatte. (Denn davon hörte man nur in Universitäten.)

Die „B.Z.“ lief nun durch die Lande und rief laut aus:

Märchenfund: Unbekanntes Grimm-Märchen aufgetaucht. In der Berliner Staatsbibliothek stieß die B.Z. auf ein bisher unbekanntes Märchen der Grimms.

Das hörte die große Schwester der „B.Z.“, die „Bild“ hieß. Sie wusste nicht, dass die „B.Z.“ in einer anderen Sprache sprach, die der unseren nur ähnlich war. Und weil „Bild“ eine noch lautere und schrillere Stimme hatte als ihre Schwester, rannte sie ins Internet und kreischte:

"Der gläserne Sarg": Verschollenes Märchen der Gebrüder Grimm aufgetaucht

Es ist eine kleine Sensation! In der Staatsbibliothek von Berlin wurde jetzt ein verschollenes Märchen der berühmten Gebrüder Grimm entdeckt, berichtet die „BZ“.

Weil „Bild“ aber nicht nur laut, sondern auch faul war, las sie das Märchen nicht selber (obwohl man es von überall aus lesen konnte), sondern erzählte nur weiter, was sie gehört hatte:

Laut „BZ“ soll das Märchen zwar nicht so spannend wie „Dornröschen“ oder „Rotkäppchen“ sein, aber immerhin schaffte es der Text 1837 in die 3. Auflage der „Kinder- und Hausmärchen“.

Da klopfte ein Jüngling namens BILDblog an die Pforte der Berliner Staatsbibliothek und fragte, was es denn mit diesen Nachrichten auf sich habe. Dort saßen kluge Menschen über ihren Büchern und antworteten, sowohl das Märchen als auch das Transkript, von dem die „B.Z.“ gesprochen hatte, seien schon lange bekannt. Die Handschrift sei sogar schon in Ausstellungen gezeigt und in Katalogen abgebildet worden.

Da fragte BILDblog, was denn die ganze Aufregung solle, aber obwohl die Staatsbibliothek fast das gesamte Wissen der Welt in sich trug, wusste dort niemand eine Antwort auf diese Frage.

„B.Z.“ und „Bild“ aber rannten weiter aufgeregt durchs Land und riefen „Märchenfund!“ und „Sensation!“. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann rufen sie noch heute.

Wegen ihrer Beiträge sei Rüdiger S., Frank B., Marcus K. und Alex gedankt!

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