AFP  

AFP sieht Sterne

Nachdem die meisten Journalisten inzwischen einigermaßen begriffen haben, dass der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte kein "EU-Gericht" ist, können wir uns dem nächsten Thema der Medienerziehung widmen: Hollywood.

Der "Walk of Fame" besteht aus mehr als 2.400 Terrazzo-Sternen, mit denen verdiente Persönlichkeiten der Unterhaltungsindustrie ausgezeichnet werden. Hand- und Fußabdrücke werden traditionell in der Umgebung des Kinos "Grauman’s Chinese Theatre" hinterlassen und haben – neben der vergleichbaren Ehre und der räumlichen Nähe – nichts mit dem "Walk of Fame" zu tun.

(BILDblog vom 21. Februar 2011)

Das muss man nicht wissen, aber es ist vielleicht hilfreich, wenn man als Reporter über eines von beiden berichten soll.

Die Agentur AFP hat es trotzdem probiert:

Rund zweieinhalb Jahre nach seinem Tod hat US-Popstar Michael Jackson einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame erhalten. Jacksons Kinder Paris, Prince und Blanket verewigten am Donnerstag bei der Zeremonie mit Schuhen und den berühmten perlenbesetzten Handschuhen ihres Vaters dessen Fuß- und Handabdrücke im Zement auf dem Hollywood Boulevard im kalifornischen Los Angeles.

Ja, die zwei Sätze mit "Stern" und "Fuß- und Handabdrücke im Zement" stehen da direkt hintereinander. Nein, das scheint bei AFP niemand gewundert zu haben.

Schon am 6. Januar hatte die Agentur verkündet:

PARIS, PRINCE und BLANKET, Michael Jacksons Kinder, wollen dafür sorgen, dass ihr Vater rund zweieinhalb Jahre nach seinem Tod einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame erhält. Mit Hilfe von Schuhen und der berühmten Handschuhe des King of Pop werden sie bei der Zeremonie am 26. Januar dessen Fuß- und Handabdrücke im Zement auf dem Hollywood Boulevard verewigen, teilten die Organisatoren mit.

Jetzt schafft AFP es sogar, in einem Video noch einen Schritt weiter zu gehen:

Während Jacksons Kinder mit betonverschmierten Händen zu sehen sind, sagt der Off-Sprecher "ein Stern für Michael Jackson".

Und zu den Bildern des noch feuchten Betons mit den frischen Abdrücken darin erklärt er ungerührt: "Der Stern von Michael Jackson liegt in der Nähe der Sterne von Hollywoodlegenden wie Marilyn Monroe, Humphrey Bogart und Bette Davis." Man muss schon sehr ahnungslos sein, um so einen Clip zu veröffentlichen.

Der AFP-Unsinn steht jetzt etwa bei der "Frankfurter Rundschau", dem "Donaukurier" und dem ORF online.

Bei "Welt Online" haben sie immerhin irgendwann gemerkt, dass das mit dem Stern ziemlicher Unsinn ist, faseln aber immer noch vom "Walk of Fame". Einen klaren Schnitt hat "Spiegel Online" vollzogen und den AFP-Text durch eine treffende dpa-Meldung ersetzt.

Den Stern auf dem tatsächlichen "Walk of Fame" hat Michael Jackson übrigens schon 1984 bekommen.

Mit Dank an Basti, Simon P., Dennis M. und AW.

Nachtrag, 19.55 Uhr: So "klar" wie von uns behauptet war der Schnitt bei "Spiegel Online" leider doch nicht: Zwar ist die dort verwendete dpa-Meldung richtig, aber "Spiegel Online" hat auch einen fehlerhaften AFP-Absatz stehen lassen:

Der Stern des King of Pop befindet sich in Nachbarschaft zu den Sternen von Filmlegenden wie Marilyn Monroe, Humphrey Bogart und Bette Davis. (…)

AFP selbst hat unterdessen um 19.17 Uhr eine Berichtigung verschickt:

+++ Berichtigung: Durchgehend heißt es nun richtig, dass Jackson nicht mit einem Stern auf dem Walk of Fame, sondern mit Hand- und Fußabdrücken auf dem Hollywood Boulevard geehrt wurde. +++

2. Nachtrag, 28. Januar: AFP hat das Video bei YouTube entfernt. Dafür hat sich "Bild" heute auf den "Walk of Fame" verlaufen:

In den (Hand)schuhen des Vaters!<br />
Los Angeles. Für die Ehrung von Michael Jackson (verstorben 50) auf dem "Walk of Fame" nahm Tochter Paris (13) seine berühmten Pailletten-Handschuhe und verewigte den Abdruck auf dem Hollywood Boulevard. "Walk of Fame": Paris verewigt die Handschuhe ihres toten Vaters Michael Jackson

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AFP  Bild.de  

Know your Kennedy

Die Kennedys. Um die legendäre, womöglich verfluchte, auf jeden Fall weit verzweigte amerikanische Politdynastie ranken sich auch heute noch Mythen. Und die Medien arbeiten fleißig daran, dass es auch so bleibt.

Den Durchblick kann selbst in der Familie vermutlich niemand behalten: Familienoberhaupt Joseph P. Kennedy, Sr hatte neun Kinder, darunter den US-Präsidenten John F. Kennedy und den Senator Robert F. Kennedy, die beide erschossen wurden. Alle Sechs dieser neun Kinder hatten selbst mehrere Kinder, Robert F. Kennedy sogar derer elf, wobei der erstgeborene Sohn zumeist nach seinem jeweiligen Vater benannt wurde, die weiteren Söhne nach einem ihrer Onkel. (Für Menschen mit abseitigen Hobbys und zu viel Tagesfreizeit hält der Stammbaum sicher viel Freude und Grundlagen für außergewöhnliche Small Talks bereit.)

Die Chance, bei der Genealogie der Kennedys danebenzuliegen, ist also hoch. Lieber würde man als Journalist über die Familie Duck aus Entenhausen schreiben.

Nun hat aber ein Kennedy angekündigt, für den US-Kongress kandidieren zu wollen, und einige deutsche Medien sahen sich verpflichtet, darüber berichten zu müssen.

Aber wer könnte dieser "Joseph P. Kennedy III" genau sein?

AFP hielt gestern folgende Version für plausibel:

Der Enkel des 1963 ermordeten US-Präsidenten John F. Kennedy sei in den letzten Zügen der Vorbereitung für seine Kandidatur und hoffe, dem in den Ruhestand gehenden demokratischen Abgeordneten Barney Frank nachzufolgen.

Die Agentur fügte aber gleichzeitig hinzu:

Joseph P. Kennedy III. ist der Sohn von JFK-Bruder Joseph P. Kennedy II..

Nun kann Joseph P. Kennedy III nicht gleichzeitig Enkel von JFK und Sohn dessen Bruders sein. Tatsächlich ist er deshalb — keins von beidem.

Entsprechend verschickte AFP heute Vormittag eine korrigierte Fassung der Meldung, in der die Familienverhältnisse jetzt einigermaßen geordnet waren:

+++ Berichtigung: Durchgängig heißt es nun richtig, dass Joseph P. Kennedy III. Großneffe (nicht Enkel) von John F. Kennedy ist. Er ist der Enkel von JFKs Bruder Robert F. Kennedy. +++

Die falsche Version findet sich aber noch bei "Focus Online", "RP Online" hält ein ganz besonderes Mashup von erster und zweiter Fassung bereit.

Auftritt Bild.de:

Mit Joseph P. Kennedy III. (31), Sohn des 1968 ermordeten Robert Kennedy († 42), will wieder ein Mitglied der berühmten US-Dynastie ein politisches Amt übernehmen.

Der junge Staatsanwalt ist ein Großneffe von US-Präsident John F. Kennedy († 46), der 1963 in Dallas erschossen wurde.

Ein 31-jähriger Mann als Sohn eines vor fast 44 Jahren erschossenen Mannes? Ein Großneffe vom Bruder seines Vaters? Um zu bemerken, dass das nicht stimmen kann, muss man nicht mal den Stammbaum der Kennedys studiert haben.

Mit Dank an Jan W. und Felix H.

Nachtrag, 18.55 Uhr: Bild.de hat Joseph P. Kennedy III. zum "Enkel" von JFK umgeschrieben.

AFP  

Agentur rechnet sich einen Bruch

Vom Fußballer Horst Szymaniak ist die Legende überliefert, dass er bei Vertragsverhandlungen erklärt haben soll, er wolle nicht ein Drittel mehr Gehalt, sondern "mindestens ein Viertel". Ob wahr oder nicht: Diese Geschichte lehrt, dass bei der Bruchrechnung Vorsicht geboten ist.

Und damit zu der höchst umstrittenen Verfassungsänderung in Ungarn. Die Nachrichtenagentur AFP berichtete gestern dazu:

Die Regelung sieht vor, dass für Gesetze, die im Schnellverfahren verabschiedet werden, künftig nicht mehr eine Dreifünftel-, sondern nur noch eine Zweidrittel-Mehrheit erforderlich ist.

In Prozentwerte umgerechnet hieße das, dass für Gesetze, die im Schnellverfahren verabschiedet werden, künftig nicht mehr eine 60-Prozent-, sondern "nur noch" eine 66,6-Prozent-Mehrheit erforderlich wäre. Nur: Warum sollte sich die rechtskonservative Regierungspartei, die im Parlament eine Zweidrittel-Mehrheit hält, die Arbeit unnötig erschweren?

Tatsächlich sieht die Situation ganz anders aus:

Die Neufassung bedeutet, dass zukünftig eine Zweidrittelmehrheit anstelle einer Vierfünftelmehrheit erforderlich ist, um Gesetze per Eilverfahren in zwei Tagen zu verabschieden (…).

(Übersetzung von uns.)

Der AFP-Fehler findet sich auch bei n-tv.de, n24.de und handelsblatt.com. sueddeutsche.de und "Zeit Online" haben ihn verschlimmbessert, indem sie naheliegenderweise annahmen, statt einer Zweidrittel- sei nun eine Dreifünftelmehrheit erforderlich.

Mit Dank an Michael H.

Nachtrag, 14.10 Uhr: "Zeit Online" hat den Fehler transparent korrigiert.

2. Nachtrag, 21. Dezember: n-tv.de und n24.de haben den Fehler auf unterschiedliche Weise korrigiert.

AFP  

Heavy Metal

Wissen Sie, was ein "Schwermetallkabel" ist?

Nun, wir wissen es ehrlich gesagt auch nicht, sind uns aber ziemlich sicher, dass auch die Redakteure der etwa 300 Nachrichtenseiten, auf denen das Wort seit gestern auftaucht, auch keine Ahnung haben.

Erst- und einmalig aufgetaucht ist das "Schwermetallkabel" in einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP. Auf den Philippinen war ein 6,40 Meter langes Krokodil gefangen worden, was wohl nicht ganz so einfach war:

Mehr als zwei Wochen lang hatten die Behörden in der entlegenen südlichen Kleinstadt Bunawan versucht, mit Ködern aus Hühner-, Schweine- oder Hundefleisch das mehr als eine Tonne schwere Reptil in eine Falle zu locken. Doch nachdem das Salzwasserkrokodil das Fleisch immer nur vom Spieß riss und fraß, konnte dem Tier am Samstag mit Hilfe von 30 Einheimischen ein Schwermetallkabel um das Maul geschnürt werden. Das Riesen-Reptil soll nun zur Attraktion in einem eigenen Naturpark werden.

Und was ist jetzt ein "Schwermetallkabel"? Ein Kabel aus Gold, Blei oder Kupfer? Das Ergebnis einer Wette von AFP-Mitarbeitern, wer ein bisher für Google unbekanntes Wort in eine Agenturmeldung geschmuggelt kriegt?

Die Antwort ist bedeutend banaler.

Im englischsprachigen Korrespondentenbericht der AFP lautet die Stelle so:

A heavy metal cable finally proved beyond the power of its jaws, and the beast was subdued in a creek late Saturday with the help of about 30 local men.

Ein schweres Metallkabel (oder Drahtseil) also. Wie langweilig.

Mit Dank an Elias P.

AFP  Bild  Bild.de  

Der Sauerstoff, aus dem Legenden sind

Die österreichische Bergsteigerin Gerlinde Kaltenbrunner hat als erste Frau alle Achttausender der Welt ohne zusätzlichen Sauerstoff bestiegen.

Bild.de schrieb dazu gestern:

Als erste Frau hat Gerlinde Kaltenbrunner (40) alle Achttausender-Gipfel der Welt bezwungen – ohne zusätzliche Sauerstoff-Versorgung. Das hatte vor ihr nur Reinhold Messner geschafft.

Das war teils irreführend, teils falsch — entstand doch der Eindruck, Frau Kaltenbrunner hätte als erste Frau überhaupt aller Achttausender bezwungen. In Wahrheit ist sie (je nach Zählweise) die zweite oder dritte Frau. Vor allem aber hatten nach Reinhold Messner und vor Gerlinde Kaltenbrunner noch neun weitere Männer alle Achttausender ohne Sauerstoffmaske bestiegen.

Diesen Fehler hatte Bild.de mutmaßlich von der Nachrichtenagentur AFP übernommen, die gestern zunächst berichtet hatte:

Bislang war Reinhold Messner der einzige, der alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwang.

Und:

Bislang war der Südtiroler Reinhold Messner der einzige Mensch der Welt, der alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwungen hat.

Um 17.15 Uhr korrigierte AFP seine Meldung:

+++ Berichtigung: Im dritten Satz sowie im letzten Satz des vierten Absatzes heißt es nun richtig, dass Messner der erste (nicht der bisher einzige) Bergsteiger war, der alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske bezwang. Diese Korrektur gilt auch für die diesbezügliche Meldung von 15.09 Uhr. +++

Zu spät für die heutige "Bild"-Zeitung:

Bisher war es nur Reinhold Messner gelungen, alle 14 Achttausender ohne Sauerstoffmaske zu besteigen.

Mit Dank an Mithrandir und Florian B.

AFP  AP  Bild.de  Etc.

Ja, mir san mit'm Panzer da

Politiker würden fast alles tun, um in die Medien zu kommen. Und die Medien lieben außergewöhnliche Politikerfotos: Helmut Kohl mit wechselnden Tieren am Wolfgangsee, George W. Bush auf dem Flugzeugträger, Karl-Theodor zu Guttenberg am Times Square.

Den Namen Arturas Zuokas werden sich wohl auch in Zukunft die Wenigsten merken können, aber das Bild, wie der Bürgermeister der litauischen Hauptstadt Vilnius im Panzerwagen über einen falsch geparkten Mercedes fährt, das geht jetzt um die Welt und wird in Erinnerung bleiben.

Bild.de schreibt dazu:

Um zu beweisen, dass er es ernst meint, griff der Politiker zur Brachialmethode.

Vor geladenen Medienvertretern walzte das Stadtoberhaupt höchstpersönlich mit einem russischen Panzer eine auf einem Radweg abgestellte Luxuslimousine platt.

Im dazugehörigen Video beschreibt der Off-Sprecher die Szenerie so:

Zurück bleibt ein schrottreifer Benz und ein Besitzer, der dieses Schicksal offensichtlich nicht fassen kann. Zur Belehrung seines Bürgermeisters kann der Mann mit Goldkette nur entschuldigend nicken.

Die gute Nachricht für Bild.de zuerst: Arturas Zuokas ist tatsächlich mit einem Panzer über einen Mercedes gefahren. Das würde aber wohl auch in Litauen den Straftatbestand der Sachbeschädigung erfüllen.

Die Hintergründe der Aktion stellen sich – und damit zur schlechten Nachricht für Bild.de – dann auch ein bisschen anders dar, wie AFP schreibt:

Ein Schauspieler, der die Rolle des Autobesitzers spielte, bekam von Zuokas anschließend eine Lektion verpasst und schaute angemessen bedröppelt drein.

Das Auto wurde extra für den Stunt gebraucht gekauft, teilte das Rathaus mit.

Die außergewöhnliche Aktion wurde gemeinsam mit den Machern der schwedischen Fernsehsendung "99 Dinge, die man tun muss, bevor man stirbt" entwickelt, die im Oktober ausgestrahlt werden soll.

(Übersetzung von uns.)

Die meisten anderen Medien haben irgendwie verstanden, dass die Szene gestellt war, aber sie zeigen ein Foto, das offensichtlich nachbearbeitet wurde:

Fotomontage, von AFP verbreitet.

Zoukas saß nämlich nicht alleine im Panzer, wie das Video beweist:

Die Pressestelle der Stadt Vilnius hat den Herrn im blauen Hemd einfach aus dem Bild retuschiert — und das ziemlich schlecht:

Schlechte Fotomontage der Pressestelle der Stadt Vilnius.

Die weltweite Verbreitung des Bildes übernahmen dann Nachrichtenagenturen wie AFP und AP.

Mit Dank an Diekmann, John Doe und Fal H.

AFP  

Milliartensterben

Journalismus kann so einfach sein: Man bekommt eine Pressemitteilung rein, muss sie nur noch ein bisschen umformulieren und kann sie schon veröffentlichen. Gut: Manchmal muss man sie auch noch aus einer fremden Sprache übersetzen, aber dafür gibt es ja auch Fachpersonal.

Der Unterhaltungselektronikkonzern Apple hat gestern seine Zahlen für das abgelaufene Geschäftsquartal 2011 bekanntgegeben und die sind durchaus beeindruckend:

The Company posted record quarterly revenue of $28.57 billion and record quarterly net profit of $7.31 billion, or $7.79 per diluted share.

Nun wissen aufmerksame BILDblog-Leser, dass das englische Wort "billion" eine kleine Stolperfalle darstellt: Es entspricht im Deutschen der "Milliarde", nicht etwa der "Billion".

Auftritt AFP:

Der Konzern verdiente nach Angaben vom Dienstag im dritten Quartal des laufenden Geschäftsjahres rund 7,3 Millionen Dollar (5,2 Millionen Euro). (…) Der Umsatz stieg im dritten Quartal, das am 25. Juni endete, um 82 Prozent auf 28,6 Millionen Dollar.

Ein Gewinn von 7,3 Millionen Dollar und ein Umsatz von 28,6 Millionen wären für einen Konzern wie Apple ein ziemliches Desaster, zumal bei den Absatzzahlen, von denen AFP selbst schreibt:

Von April bis Juni verkaufte Apple nach eigenen Angaben 20,3 Millionen iPhones, das waren 124 Prozent mehr als im Vorjahresquartal. Vom Tablet-Computer iPad gingen mit 9,3 Millionen Exemplaren sogar 183 Prozent mehr über die Ladentische. Auch die Verkäufe des klassischen Mac-Computers stiegen um 14 Prozent auf fast vier Millionen Exemplare. Nur beim iPod gingen die Verkaufszahlen zurück – um 20 Prozent auf 7,5 Millionen.

Demnach hätte Apple bei jedem dieser verkauften Geräte einen Gewinn von etwa 18 Cent gemacht. Da bringt der Verkauf eines Liters Milch wahrscheinlich mehr ein.

Um 11.50 Uhr, mehr als elf Stunden nach Veröffentlichung der Meldung, hat AFP eine Berichtigung verschickt. Aber so etwas hat ja bekanntlich nur begrenzte Auswirkungen. Die "Augsburger Allgemeine" hat es gar geschafft, aus der fehlerhaften AFP- und der korrekten dpa-Meldung eine Art Mashup zu bauen.

Mit Dank an Bastian.

Nachtrag, 15.25 Uhr: stern.de hat den Fehler transparent korrigiert.

Verkauft doch Zypern!

Was ist eigentlich dieses "Zypern", von dem man gelegentlich hört und das im nächsten Jahr sogar die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen soll?

Die Nachrichtenagentur AFP scheint zu glauben, dass es sich um einen Landesteil Griechenlands handelt. Nach dem Lesen einer AFP-Meldung von heute käme man nicht auf den Gedanken, dass es ein souveräner Staat ist.

AFP schreibt:

Während der griechisch-zyprischen Ratspräsidentschaft will die Türkei nicht mit der EU reden.

Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan will die Beziehungen zur EU während der griechisch-zyprischen Ratsräsidentschaft [sic] im kommenden Jahr für ein halbes Jahr einfrieren. (…) Die griechische Republik Zypern übernimmt in der zweiten Hälfte 2012 die EU-Ratspräsidentschaft.

Mit den Vertretern der griechischen Inselrepublik werde die Türkei während der Ratspräsidentschaft "auf keinen Fall reden", sagte Erdogan. (…) Der griechische Teil des seit 1974 geteilten Zypern ist seit 2004 Mitglied der EU. (…)

In dem Interview wurde [Erdogan] auf einen Vorschlag des griechisch-zyprischen Präsidenten Dimitris Christofias angesprochen, (…).

Zypern ist — anders als AFP zu glauben scheint — kein Ableger Griechenlands. Und das Land, das im Juli 2012 die EU-Ratsherrschaft übernimmt, ist auch nicht Griechenland-Zypern oder Griechisch-Zypern, sondern Zypern.

Völkerrechtlich umfasst diese Republik Zypern die ganze Insel. Ihr Nordteil ist allerdings seit 1974 von der Türkei besetzt. Die 1983 ausgerufene "Türkische Republik Nordzypern" wird von keinem anderen Staat als der Türkei anerkannt.

Den Online-Ableger der "Welt" hat all das AFP-Gerede von der "griechisch-zyprischen Ratspräsidentschaft" so nachhaltig irritiert, dass man dort davon ausgeht, dass Zypern im nächsten Jahr unmöglich alleine die EU-Ratspräsidentschaft innehaben kann:

Premierminister Recep Tayyip Erdogan will keine Gespräche mit der EU führen, solange Griechenland und Zypern die EU-Ratspräsidentschaft inne haben

(Dieser Eintrag wirft Steine aus dem Glashaus.)

Nachtrag, 21. Juli. Spät, aber immerhin halbtransparent hat "Welt Online" den Artikel korrigiert und hinzugefügt:

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieser Nachricht wurde Zypern fälschlich als "griechische Inselrepublik" bezeichnet. Fakt ist, dass Zypern eine eigenständige Republik ist und kein Ableger Griechenlands. Wir bitten um Entschuldigung.

AFP  Spiegel Online  etc.

Reinkarnation: Gesteinigter Hund war Ente

Die Geschichte könnte aus einem Monty-Python-Film stammen, stand aber in der halben Welt auf den Nachrichtenseiten. In der Version von "Spiegel Online" geht sie so:

Gericht verurteilt Hund zum Tod durch Steinigung. Ein Hund läuft in ein Justizgebäude und sorgt dort für Panik - dafür hat ein israelisches Rabbiner-Gericht das streunende Tier zum Tod durch Steinigung verurteilt. Ein Richter hielt den Störenfried offenbar für die Reinkarnation eines missliebigen Anwalts.

Sie können sie aber gerne auch auf den Internetseiten der "Süddeutschen Zeitung" (dort erstaunlicherweise im Ressort "Service"), der "B.Z.", der "Rheinischen Post" oder des "Stern" nachlesen, falls Sie sie in den gedruckten Ausgaben von "Tagesspiegel", "Bild", "Express" oder "Hamburger Morgenpost" verpasst haben. Im Online-Auftritt der BBC war das Stück zeitweise einer der am häufigsten weiterverbreiteten Nachrichtentexte.

Den Experten vom "Berliner Kurier" war es sogar gelungen, ein Foto des Tieres zu bekommen (siehe rechts), obwohl es sich — so geht die Geschichte jedenfalls weiter — der Vollstreckung des Todesurteils durch Weglaufen entzogen hatte.

Die Geschichte ging vor allem dank der tatkräftigen Unterstützung durch die Nachrichtenagentur AFP um die Welt und löste teilweise anti-semitische Hassausbrüche aus. Und sie ist, Überraschung!, falsch. (Und der Hund auf dem Foto nur ein Symbolhund.) Die Wahrheit ist ein bisschen weniger spektakulär:

Ein Hund war ins Gerichtsgebäude gekommen.

Er ließ sich nicht ohne weiteres vertreiben.

Die Richter riefen den städtischen Hundefänger.

Schon in der Version, die die israelische Internetseite ynetnews.com veröffentlicht hatte und eine Quelle für viele der Falschmeldungen war, hatte ein Dementi gestanden. Entgegen der reißerischen Überschrift "Dog sentenced to death by stoning" behauptete der Artikel letztlich nur, dass die Richter spielende Kinder aufgefordert hätten, den Hund mit Steinen zu vertreiben. Die Nachrichtenagentur AFP ließ diesen Teil der Geschichte beim Weitererzählen der Einfachheit halber weg und weigert sich bis heute, ihren Fehler zu korrigieren.

Auch die Katholische Nachrichtenagentur KNA verbreitete die Story, schob vier Tage später aber immerhin eine Meldung "Rabbiner dementieren Bericht über Steinigung für einen Hund" nach. Die fand erstaunlicherweise nicht ganz so große Resonanz.

Viele internationale Medien haben die Falschmeldung inzwischen gelöscht, korrigiert oder sich entschuldigt. Deutschen Journalisten scheint das vergleichsweise egal zu sein.

Mit Dank auch an Arne P. und H.N.

Nachtrag / Korrektur, 17:55 Uhr. "Spiegel Online" hat die Meldung doch korrigiert, oder genauer: einen neuen Artikel mit dem Dementi veröffentlicht, den ursprünglichen Artikel aber aus irgendwelchen Gründen unverändert gelassen.

AFP  

Doktor-Spüle

Geschirrspülmaschinen können tödlich sein, so der Tenor einer neuen Studie, die sich Schimmelpilzen in den beliebten Haushaltsgeräten widmet.

Knallerstory, befand auch der deutsche Ableger der AFP und haute eine Meldung raus, die zahlreiche Medien gerne übernahmen.

Darin heißt es:

Die Pilze, die in mehr als der Hälfte der Gummiabdichtungen der Spülmaschinentüren gefunden wurden, können in der Lunge eine Stoffwechselkrankheit verursachen, die zystische Fibrose.

Nun ist die zystische Fibrose (auch bzw. eher bekannt als Mukoviszidose) eine angeborene Erbkrankheit. Wie soll die von einem Schimmelpilz ausgelöst werden?

Der Verlag, in dem die Studie erschienen ist, hatte in seiner Pressemitteilung geschrieben:

Exophiala dermatitidis is rarely isolated from nature, but is frequently encountered as an agent of human disease, both in compromised and healthy people. It is also known to be involved in pulmonary colonization of patients with cystic fibrosis, and also occasionally causes fatal infections in healthy humans. The invasion of black yeasts into our homes represents a potential health risk.

Das ist zugegebenermaßen ein Absatz mit vielen Fremdwörtern. Aber mit ein bisschen Mühe kommt raus, dass der Schimmelpilz Exophiala dermatitidis (eine sog. schwarze Hefe) häufig als Krankheitserreger bei geschwächten und gesunden Menschen auftritt. Er trägt zur Lungenbesiedlung von Patienten mit Mukoviszidose bei und sorgt gelegentlich auch für tödliche Infektionen bei gesunden Menschen.

Mit anderen Worten: Der Pilz ist für Menschen mit Mukoviszidose besonders gefährlich, aber er verursacht sie nicht.

Mit Dank an Daniela B.

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