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Journalismus? Am Arsch

Falls Sie sich die Zeit bis zum WM-Anpfiff noch damit vertreiben wollen, Ihren Mitmenschen mit belanglosem Fußballhalbwissen auf den Keks zu gehen, bietet die „Bild“-Zeitung von heute eine hervorragende Grundlage.

„Auf dieser Seite werden Sie garantiert klüger“, vespricht das Blatt und kann neben jenen Fakten, die von „Bild“-Lesern vermutlich eher mit Enttäuschung zur Kenntnis genommen werden (Fakt 40: „Busenblitzer sind im Stadion nicht gerne gesehen“), vor allem mit Kuriösitäten aufwarten, zum Beispiel:

Andere deutsche Journalisten haben diese „Namenspanne“ auch schon entdeckt, und weil sie sie nicht nur „kurios“ finden, sondern auch „peinlich“ und „dumm“, können sie gar nicht mehr aufhören, sich in selbstgefälligen Hihi- und Höhö-Passagen darüber auszulassen:

Uncool ist aber die Tatsache, dass Fuleco in der brasilianischen Umgangssprache Arsch bedeutet. Daran hat die FIFA bei der Namensgebung nicht gedacht. Ganz schön blöd.

(Kurier.at)

Dumm nur, dass „Fuleco“ in der Umgangssprache „Arsch“ heißt.

(Express.de)

Was bei der Namenswahl allerdings nicht bedacht wurde, ist die Tatsache, dass „Fuleco“ in der brasilianischen Umgangssprache „Arsch“ bedeutet.

(Orf.at)

In Brasilien klingt Fuleco umgangssprachlich allerdings ähnlich wie „Anus“ und wird angewendet wie das deutsche „Arsch“.

(Donaukurier.de)

Vielmehr sorgte die Tatsache für bleibende Schlagzeilen, dass Fuleco in Brasilien umgangssprachlich nichts anderes bedeutet als – man mag es kaum aussprechen – Arsch.

(Mainpost.de)

„Fuleco“ gibt es als brasilianisches Slangwort längst, nachzulesen auch in Wörterbüchern, wenn man danach sucht, was man als Biologe natürlich nicht tut – es heißt jedenfalls: Anus oder, ja, genau, schlicht und einfach Arsch.

(„Darmstädter Echo“)

In Brasilien klingt Fuleco umgangssprachlich allerdings ähnlich wie „Anus“ und wird angewendet wie das deutsche „Arsch“.

(„Neue Westfälische“)

Das erste Eigentor ist schon gefallen, da ist die Weltmeisterschaft in Brasilien noch gar nicht angepfiffen: Denn Anstoß nimmt die Fußballwelt am offiziellen Maskottchen des Turniers, dem eigentlich recht putzigen Gürteltierchen Fuleco. Dessen Name – dieses leicht holprige Zusammenspiel der portugiesischen Vokabeln „futebol“ und „ecologica“, ein Kopfball der Kreativen, der mit Wucht auf die tolle Umweltverträglichkeit der WM abzielen soll – ist ja gut gemeint. Aber schlecht gemacht.

Denn leider haben die Kreativen während ihres monatelangen Brain-storming-Exzesses in diversen Arbeitsgruppen eine klitzekleine Kleinigkeit übersehen: Fuleco heißt „Arsch“. Im Slang der Jugend. Man kann also durchaus sagen, dass dieser erste Auftritt des Gastgeberlandes nach hinten losgegangen ist.

(Abendblatt.de)

Doch leider haben die Journalisten während ihres monatelangen Wir-befüllen-unsere-Seiten-mit-irgendeinem-WM-Quark-Exzesses eine klitzekleine Kleinigkeit übersehen: „Fuleco“ heißt nicht Arsch.

Wenn Sie also „noch einen interessanten Fakt zum Angeben beim Eröffnungsspiel brauchen“ (Bild.de) — nehmen Sie doch den.

Mit Dank auch an Holger A.

Anno 1887

Die Online-Redakteure des „Hamburger Abendblatts“ sind entsetzt, als sie diese Zeilen schreiben.

Die Mitglieder des Kulturvereins „MaLiMu“ sind entsetzt, als sie vor dem Glashütter Kulturhaus […] stehen. Auf der gerade im vergangenen Jahr frisch gestrichenen Wand neben dem Eingang prangt in mannshohen schwarzen Lettern eine hässliche Nazi-Schmiererei. „Hools 1887″.

Mutmaßlich sind die Täter Hooligans – Menschen, deren Freizeitbeschäftigung darin besteht, sich mit Gleichgesinnten zu prügeln oder anderweitig Randale zu machen. Mit den Ziffern „1887“ geben die schlichten Gesellen ihrer Nazi-Gesinnung Ausdruck. Die Ziffern stehen für die Buchstaben im Alphabet. Mit diesem Code lassen sich aus „1887“ zum Beispiel die Initialen von Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Hermann Göring bilden.

Und wer richtig clever ist, der kann aus den Ziffern „1887“ sogar das Gründungsjahr des Hamburger SV bilden. Aber das ist nichts für schlichte Gesellen.

Mit Dank an Seppl und Till.

Nachtrag/Korrektur, 12. Juli: Gar nicht mal so clever muss man hingegen sein, um zu erkennen, dass der Artikel schon 2008 veröffentlicht wurde. Wir haben’s trotzdem übersehen und kommen deshalb leider einige Jahre zu spät. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

Mittendrin statt nur dabei

Während viele Medien immer noch darüber nachdenken, wie sie im Internet Geld verdienen können, war das „Hamburger Abendblatt“ vergangene Woche schon einen Schritt weiter:

Polizei schießt auf Bewaffneten auf dem Kiez – hier im Video. Jetzt weiterlesen ... Mit einem Online-Abonnement des Hamburger Abendblatts haben Sie vollen Zugang zum ePaper, zu allen Artikeln und zum Online-Archiv.

Gut, wer die mindestens 1,20 Euro bezahlt hat, um zu sehen, wie die Polizei auf den „Bewaffneten auf dem Kiez“ schießt, wurde enttäuscht: An der entscheidenden Stelle bleibt der Bildschirm schwarz, weil die Bilder „zu brutal sind, um sie hier zu zeigen“. Aber immerhin kann man die Schüsse hören, während die Musik einer Gaststätte im Hintergrund läuft.

Der monotone Off-Kommentar ist auch nicht mit den reißerischen Ansagen aus dem US-Fernsehen zu vergleichen, eher mit einem Vortrag über das Element Caesium im „Telekolleg“. Aber ansonsten bekommt der Leser/Zuschauer für sein Geld schon ordentlich was geboten: Den Teil der Videoaufnahmen, den die Redaktion von abendblatt.de offenbar nicht für „zu brutal“ hielt.

Also etwa den (womöglich psychisch kranken) Mann, der sich – notdürftig unscharf gemacht – eine Waffe an den Kopf hält, einen Schwenk auf die Polizisten, die nach den Schüssen auf seine Beine um ihn herumstehen, und Rettungssanitäter, die den Mann wegbringen, sowie umstehende Polizisten und Fotografen.

Dazu heißt es aus dem Off:

Schießerei auf dem Kiez: Die Besucher eines Restaurants an der Seilerstraße haben am Mittwoch mit einem Handy diese Bilder aufgenommen. Darauf ist zu sehen, wie sich ein 48-jähriger Mann eine Pistole an den Kopf hält. Als der Mann später mit durchgeladener Waffe auf die Polizeibeamten zugeht, eröffnen diese das Feuer. Bilder, die zu brutal sind, um sie hier zu zeigen. Sie treffen den Mann zweimal: Eine Kugel trifft den 48-Jährigen am Oberschenkel, eine zweite Kugel verletzt ihn am Unterschenkel. Kurz nach der Schießerei bringt ein Krankenwagen den Mann ins Krankenhaus. Das Motiv des 48-Jährigen ist bislang noch unklar.

Auch bei Bild.de gibt es ein Video des Vorfalls: „Ex-Touché-Sänger Karim Mattaoui (38), in den 90ern ein Boygroup-Star und Teenie-Idol“ hatte für Sekundenbruchteile einen unscharfen Blick auf den Mann werfen können und das wacklige Videodokument auf Facebook hochgeladen.

Nach den Schüssen hatte sich übrigens herausgestellt, dass der „Amokläufer“, wie „Bild“ und „Hamburger Morgenpost“ den Mann nennen, eine Gaspistole bei sich trug.

Mit Dank an Stefanie.

Übers Ziel hinaus

Der südafrikanische Leichtathlet Oscar Pistorius ist heute festgenommen worden, weil er im Verdacht steht, seine Lebensgefährtin getötet zu haben.

So berichteten deutsche Online-Medien heute Mittag darüber:

Bild.de:Paralympics-Sieger Oscar Pistorius - MORDANKLAGE! Hat er seine Freundin wirklich AUS VERSEHEN erschossen?

„Spiegel Online“:Mordanklage gegen Pistorius: Todesschüsse um vier Uhr nachts

Tagesschau.de:Freundin erschossen aufgefunden - Mordanklage gegen Paralympics-Star Pistorius

Heute.de:Freundin erschossen - Pistorius unter Mordanklage

„Die Welt“:Paralympics-Star Pistorius wegen Mordes angeklagt

„RP Online“:Paralympics-Star unter Mordanklage - Der Fall Oscar Pistorius ist ein Rätsel

„Hamburger Abendblatt“:Freundin getötet: Pistorius unter Mordanklage

Bunte.de:Oscar Pistorius - Steht unter Mordanklage

„Berliner Morgenpost“:Mordanklage gegen Sprint-Star Pistorius

Auch viele andere Medien berichteten, jetzt stehe „der ‘Blade Runner’ unter Mordanklage“ (mopo.de) oder „die Polizei“ (!) habe „Anklage erhoben“ (stern.de). Doch wie man es auch dreht: Es stimmt einfach nicht, dass der Mann unter „Mordanklage“ steht. Bisher besteht lediglich ein Verdacht. Das ist im Strafrecht ein gewaltiger Unterschied — nicht nur in Deutschland, auch in Südafrika.

Ein deutschsprachiger Anwalt aus Pretoria hat uns auf Anfrage geschrieben:

Die endgültige Anklage wird erst viel später formuliert. Zur Zeit geht es lediglich darum, dass die Polizei eine Mordanklage untersucht. Ob es für Mord Beweise geben wird bleibt abzuwarten (…).

(…) Zur Zeit geht es lediglich um die Frage ob Pistorius auf Kaution freigelassen wird. Bis es zur Verhandlung kommt werden mindestens sechs Monate, wahrscheinlich aber über ein Jahr vergehen.

Immerhin ruderten einige Medien im Laufe des Nachmittags zurück und korrigierten sich (heimlich). „Spiegel Online“ etwa hat in der Überschrift die „Mordanklage“ durch „Mordverdacht“ ersetzt und schreibt:

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft soll der Leichtathlet erst am Freitag einem Haftrichter in Pretoria vorgeführt worden. Dieser muss dann entscheiden, ob Mordanklage erhoben wird und ob Pistorius gegen Zahlung einer Kaution auf freien Fuß gesetzt werden kann. Zunächst hatten Nachrichtenagenturen gemeldet, es sei bereits Mordanklage gegen Pistorius erhoben worden.

Stutzig gemacht haben diese Agenturmeldungen aber offenbar niemanden.

Mit Dank an Martin.

Nachtrag, 18.01 Uhr: Bild.de hat die Anklage jetzt ganz übersprungen und aus dem Verdacht schon mal Gewissheit gemacht:Paralympics-Sieger Pistorius erschießt seine Freundin

Sie war die strahlende Frau an der Seite des Sprint-Stars Oscar Pistorius (26). Jetzt ist sie tot!

Der Sportler erschoss seine Freundin letzte Nacht in Südafrika.

Nachtrag, 16. Februar: Dass Bild.de schreibt, Pistorius habe seine Freundin erschossen, ist natürlich nicht mit einer Vorverurteilung im Sinne von „hat seine Freundin ermordet“ gleichzusetzen. Dieser Eindruck ist im ersten Nachtrag vielleicht entstanden. Wir wollten lediglich darauf hinweisen, dass Bild.de die — gewiss sehr wahrscheinliche, aber eben nicht zweifelsfrei erwiesene — Vermutung bereits kurz nach der Festnahme als Tatsache dargestellt hat. Vielleicht sind wir, was den Umgang mit Tatverdächtigen angeht, ein bisschen empfindlich geworden.

Hin und Beck (2)

Stellen Sie sich vor, Sie arbeiten in einer Online-Redaktion und bekommen eine Agenturmeldung auf den Tisch, die mit diesem Absatz beginnt:

Schon vor der ersten Sendung sorgt die Show für jede Menge Schlagzeilen: Jetzt hat Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) seine Teilnahme an Stefan Raabs neuer Polit-Talkshow überraschend abgesagt. Das sagte ein Sprecher des Ministers am Donnerstag „Handelsblatt Online“. Hintergrund sei die Begründung für die Ausladung des Grünen-Fraktionsgeschäftsführers Volker Beck aus der Sendung.

Jetzt müssen Sie nur noch ein Foto von Volker Beck raussuchen, einen eigenen Vorspann und eine Überschrift basteln und fertig ist die Laube.

Oder so ähnlich:

15:46 NACH AUSLADUNG VON KURT BECK: Altmaier sagt überraschend Teilnahme an Raabs Talkshow ab. Auf Wunsch des Umweltministers soll Kurt Beck bei Raab-Show ausgeladen worden sein. Altmaier dementiert - und sagt seine Teilnahme ab.

Das Foto zeigt eindeutig Peter Altmaier. Doch darunter prangt diese formvollendete Bildunterschrift:

Peter Altmaier widersprach den Vorwürfen, Kurt Beck sei auf seinen Wunsch hin wieder ausgeladen worden: "Die Behauptung ist schlicht falsch. Ich bin mit Volker Beck befreundet, war mit ihm in vielen Talkshows und werde das gerne auch wieder tun."

Aber Kurt Beck kennt das ja schon.

Nachtrag, 9. November: Bereits gestern Abend hat abendblatt.de Kurt in Volker Beck verwandelt.

Und das beinahe vollständig:

15:46 NACH AUSLADUNG VON KURT BECK

Scott ist tot

Am Wochenende starb der amerikanische Sänger Scott McKenzie („San Francisco [Be Sure to Wear Flowers in Your Hair]“) im Alter von 73 Jahren an einem Nervenleiden.

Ebenfalls am Wochenende starb der britische Regisseur Tony Scott („Top Gun“), als er im Alter von 68 Jahren in Los Angeles von einer Brücke sprang.

Zu viele tote Scotts auf einmal für die Website des „Hamburger Abendblatts“:

Scott McKenzie begeht Selbstmord: Die Stimme der Flower-Power-Generation. Scott McKenzie landete mit "San Francisco" einen Welthit. Am Sonnabend starb er im Alter von 73 Jahren. Scott hinterließ einen Abschiedsbrief, bevor er von einer Brücke in Los Angeles sprang.

Der Artikel ist dann übrigens eine dapd-Meldung über den (natürlichen) Tod von Scott McKenzie, darunter folgt ein Video zum Suizid von Tony Scott.

Mit Dank an Oliver Sch. und Thom.

Nachtrag, 22.30 Uhr: abendblatt.de hat den falschen Vorspann und das Video rausgeschmissen.

Sitz komm raus!

Menschenhändler-Ring zerschlagen: Mexikaner als Autositz in die USA geschleust

Neben diesem durchaus kurios anmutenden Foto, das einen als Autositz „verkleideten“ Mann zeigt, schreibt „Bild“ heute:

Der Mann hockt in einem Van, über Körper und Beine ist ein beigefarbener Ledersitz gestülpt, der Schädel verhüllt als Kopfstütze. Als „Autositz“ wollte der Illegale von Mexiko über die US-Grenze bei San Diego (Kalifornien).

Der Mann im Sitz ist ein Beispiel für die perfiden Tricks von mexikanischen Menschen-Schmugglern. Fünf besonders skrupellose Gangster wurden jetzt verhaftet: Sie hatten 1000 Illegale geschmuggelt, jeweils bis zu 4000 Dollar kassiert.

Die entscheidende Formulierung ist dabei die, wonach der Mann „ein Beispiel“ sei. Das ist er nämlich wirklich — und ein mehr als zehn Jahre altes.

Schon am 13. Juli 2001 hatte der „Register Guard“, eine Lokalzeitung aus Portland, Oregon über den Versuch von Enrique Aquilar Canchola berichtet, als Autositz illegal die Grenze zu überqueren.

Nun kann man die Abbildung in „Bild“ und bei Bild.de mit viel gutem Willen noch als „Symbolbild“ verbuchen, aber der weitere Weg dieses wiedergekäuten Fotos durch die Verwertungskette ist dann nur noch dämlich.

Die Website des „Hamburger Abendblatts“ etwa bereitete die Geschichte so auf:

Schmuggler<br />
Mexikaner als Autositz in USA geschmuggelt. Tricks, um Illegale von Mexiko in die USA zu schleusen, werden immer perfider. Einer wurde als beigefarbener Autositz verkleidet.

Und auch wenn nicht mal „Bild“ behauptet hatte, der Mann habe „jetzt“ die Grenze überqueren wollen, schwafelte abendblatt.de vor sich hin:

Der Menschen-Schmuggel von mexikanischen Menschenschmugglern in die USA nimmt neue Dimensionen an. Jetzt versuchten die Betrüger kreativ zu sein und verpackten einen Mann in dem Autositz eines Vans, wie die „Bild“ berichtet. (…)

Die Schmuggler können es ihrem „Kunden“ nachmachen und werden jetzt wohl ein paar Jahre sitzen – wenn auch nicht als Autositz verpackt.

Auch die Website der österreichischen „Kleinen Zeitung“ bezieht sich explizit auf Bild.de und oe24.at zeigt das Foto einfach so.

Mit Dank an pensen34, Balu, Richard und Fabian Sch.

Nachtrag, 5. Februar: abendblatt.de hat den Artikel einfach entfernt.

Dümmer als die Physik erlaubt

Nicht, dass das irgendjemand vermutet hätte, aber jetzt ist es offiziell: Friedrich Dürrenmatt arbeitet nicht für die Online-Redaktion des „Hamburger Abendblatts“.

Folgende Überschrift steht jedenfalls seit vielen Stunden online:

Neutrinos:<br />
Schneller als das Licht? Partikel verblüffen Polizei. Offenbar überlichtschnelle Partikel verblüffen derzeit Physiker am europäischen Teilchenforschungszentrum Cern bei Genf.

Mit Dank an Matti, Markus S., Thomas Sch. und Henry W.

Nachtrag, 16.50 Uhr: abendblatt.de hat die Überschrift geändert. Waren wohl doch Physiker, die da verblüfft waren.

Der letzte Flug ging später

Am 25. Juli 2000 endete die Ära der Concorde mit dem schrecklichen Absturz am Pariser Flughafen Charles de Gaulle. Der Überschalljet fing kurz nach dem Start Feuer und stürzte ab. 113 Menschen fanden den Tod, 109 in der Maschine und vier am Boden. Seit diesem Unfall starteten keine Concorde-Flüge mehr.

Mit diesen stimmungsvollen Sätzen beginnt ein Artikel über die neue Überschallflugzeug-Studie des EADS-Konzerns auf der Website des „Hamburger Abendblatts“.

Doch sie sind falsch: Nach dem Absturz vom 25. Juli 2000 wurden zunächst für 15 Monate alle Concorde-Flüge ausgesetzt. Nach technischen Nachbesserungen nahmen British Airways und Air France den Linienbetrieb im Herbst 2001 wieder auf. Wegen gestiegener Wartungskosten und gesunkenem Passagierinteresse (auch in Folge der Anschläge vom 11. September 2001) entschieden beide Airlines im Jahr 2003, ihre Concordes außer Dienst zu stellen. Der letzte Passagierflug einer Concorde fand am 24. Oktober 2003 von New York nach London statt.

Mit Dank an Jens D.

Bin Laden zu Tode geshopt

hihi, BILD macht einen auf BILDBlog RT @Doener: Wirbel um falsches Bin-Laden-Foto: http://bit.ly/m7gSYc

So lautet ein Tweet, der bei Twitter aktuell die Runde macht.

Gemeint ist ein Artikel auf Bild.de, der nach mehreren Änderungen so aussieht:

Al-Qaida-Chef tot Der Beweis: Osama-Foto ist eine Fälschung Osama bin Laden Wirbel um falsches Foto Das Foto zeigt deutlich: Hier wurde retuschiert

Damit liegt Bild.de, wo das gefälschte Foto genauso wie auf n24.de, ntv.de, sueddeutsche.de und web.de zwischenzeitlich zu finden war, richtig und inzwischen berichten auch „Spiegel Online“, sueddeutsche.de oder tagesschau.de über das falsche Foto. Wer einen starken Magen hat, kann sich die einzelnen Komponenten der Montage, die schon seit Jahren durch das Netz geistert, etwa hier ansehen: Un fake la foto di bin Laden morto

Auf abendblatt.de findet man das vermeintliche Bild des toten Terroristenführers trotzdem noch — nebst moralischer Rechtfertigung für die Veröffentlichung dieses „mutmaßlich historischen Dokuments“:

Der tote Osama bin Laden auf einem Fernsehbild. Das Hamburger Abendblatt und abendblatt.de zeigen normalerweise keine Bilder von Toten. Die Redaktion hat sich jedoch entschlossen, dieses mutmaßlich historische Dokument zu veröffentlichen. Ähnliches hatte zum Beispiel für den hingerichteten Diktator Saddam Hussein gegolten.

Wie schwer sich Bild.de dann doch tut, selbst einmal Medienkritik zu üben, erkennt man nicht nur an der Steffen-Seibert-Gedächtnis-Überschrift, unter der der Artikel ursprünglich erschienen ist:

Obama-Foto ist eine Fälschung

Ebenfalls in der Ursprungsversion stand folgende inzwischen unauffällig entfernte Passage:

Doch, was zu diesem Zeitpunkt niemand ahnte: Das Foto ist eine Fälschung!

Schon 2008 trat der damalige US-Präsident George W. Bush mit dieser Foto-Montage vor die Presse, verkündete die Nachricht: Bin Laden ist tot!

Etwas derartiges hat Bush nie verkündet. Hier ist Bild.de höchstwahrscheinlich selbst auf eine weitere Fotomontage hereingefallen, die die amerikanische Online-Satirezeitung „Unconfirmed Sources“ für den Fakenews-Artikel „Bush Confirms Death of Osama bin Laden“ angefertigt hatte:

Bush Confirms Death of Osama Bin Laden

Aus diesem meist nur im Cache lesbaren Artikel dürfte auch die oben genannte Fotomontage der Leiche bin Ladens, die heute morgen noch so fleißig verwendet wurde, stammen. Der Name der Fotodatei, 20060923-torturedosama, weist darauf hin, dass das gefälschte Bild und die Falschmeldung über den angeblichen Presseauftritt von George W. Bush schon seit dem 23. September 2006 im Umlauf sind.

Das mit dem BILDbloggen sollte Bild.de noch üben.

Mit Dank an die Hinweisgeber.

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