Archiv für 6 vor 9

Dachdecker-Journalisten, Kopflose Frauen, Türkei

1. Das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung
(wolfgangmichal.de)
Wolfgang Michal schreibt über das Dilemma der vorschnellen Berichterstattung und macht dies an der Amokfahrt von Nizza und dem Putschversuch in der Türkei fest: Die Berichterstattung unter dem Diktat der Hochgeschwindigkeit werde für den Leser zu einem zeitfressenden, sich endlos dahin windenden Annäherungsprozess an die Wahrheit. Michal hat für die vorschnelle Berichterstattung der Medien einen Vergleich: „Das ist so, als würde ein Dachdecker einem Hausbesitzer sagen, ich habe zwar keine Ahnung vom Dachdecken, aber Sie können mir dabei direkt über die Schulter schauen, oder noch besser: Wir decken das Dach gemeinsam. Eine solche Haltung mag außerordentlich sympathisch sein, führt aber über kurz oder lang zu der Einstellung, dass man besser nichts von dem glauben sollte, was berichtet wird. “

2. “Deutsches Serial” – gute Podcasts, miese Vermarktung
(marckrueger.tumblr.com)
Der „Rundfunkfritze“ Marc Krüger freut sich über den amerikanischen Podcast-Erfolg „Serial“. Dadurch könnten Radiomacher immer etwas Großes, Erfolgreiches nennen, wenn sie nach Innovationen gefragt werden. Krüger beschreibt, warum „Serial“ so erfolgreich geworden ist. Aber auch in Deutschland seien einige serial-artige Produktionen entstanden, die jedoch wenig bekannt seien. Damit dies nicht so bleibt, nennt er einige seiner Lieblingsproduktionen, inklusive Inhaltsbeschreibung und Downloadlink.

3. Warum die Medien sofort aufhören müssten, über Nizza zu berichten
(vice.com, Matern Boeselager)
„Warum ignorieren wir den Terror nicht einfach“, fragt Matern Boeselager. Terror funktioniere nur, weil wir ihm Aufmerksamkeit schenken. „Angenommen, die Medien würden nach einem solchen Anschlag nur melden, dass er passiert ist. Ansonsten würde nur mitgeteilt, was unbedingt notwendig ist: Die Opferzahlen, ob der Täter noch auf freiem Fuß ist oder nicht, ob der Flughafen gesperrt ist. Niemand würde den Namen des Täters nennen, niemand seine Tagebücher oder Fotos seines Hauses veröffentlichen. Niemand würde ihn unsterblich machen.“

4. Verschleiern oder «köpfen», das ist hier die Frage
(infosperber.ch, Jürgmeier)
Die Webseite «The Headless Women of Hollywood» (Die kopflosen Frauen von Hollywood) sammelt Filmplakate, auf denen Frauen als gesichtslose, austauschbare Objekte vorkommen. Der Artikel des „Infosperber“ zieht einen Vergleich der „geköpften“ Filmplakatfrauen mit der Verschleierung. Dabei geht es vor allem um den Mann: „Ein kurzer Blick auf nackte Haut kann ihn nachhaltig verwirren & ins sündige Elend stürzen. Davor muss er mit der Verschleierung «des Weiblichen» geschützt oder durch das Köpfen «der Frau» zumindest verhindert werden, dass sie ihn, so die Unterstellung, bei gierigen Blicken oder unzüchtigen Phantasien angesichts ihres (zerstückelten) Körpers ertappt. Das heisst für «die Frau»: Asexueller Kopf oder verführerischer Leib. Verschleiern oder «köpfen». Das ist hier die Frage.“

5. „So etwas interessiert einfach jeden“
(taz.de, Jens Mayer)
Jens Mayer von der „taz“ macht auf das vielfach ausgezeichnete Interaktiv-Team der „Berliner Morgenpost“ und ihre Produktionen aufmerksam. Neben „Zeit Online“, der 2010 gegründeten Agentur „Open Data City“ und dem gemeinnützigen Recherchezentrum „Correctiv“ gehöre die „Berliner Morgenpost“ zu den populärsten Vorreitern des Datenjournalismus in Deutschland. Mayer hat mit Teamleiter Julius Tröger über einige der populären Anwendungen wie den „Zugezogen-Atlas“ gesprochen, für die die Morgenpost Netz-Berühmtheit erlangte.

6. „6 vor 9“-Sonderausgabe zu den aktuellen Geschehnissen in der Türkei
(bildblog.de, Lorenz Meyer)
Ausnahmsweise ein BILDblog-Verweis: Unsere „6 vor 9“-Sonderausgabe von gestern. Mit ausgewählten Medienlinks zum Geschehen in der Türkei.

„6 vor 9“-Sonderausgabe zu den aktuellen Geschehnissen in der Türkei

1. Wie der Putschversuch zwei Journalistinnen berühmt machte
(sueddeutsche.de, Hakan Tanriverdi & Carolin Gasteiger)
Die „SZ“ berichtet von zwei Journalistinnen, die das aktuelle Geschehen zu Personen der türkischen Zeitgeschichte gemacht hätte. Tijen Karaş, Nachrichtensprecherin beim regierungsfreundlichen Fernsehsender TRT, musste im Fernsehen eine Botschaft der Putschisten verlesen, während die Aufständischen ihre Waffen auf sie richteten. Başak Şengül moderierte sogar noch weiter, als bereits Soldaten im Gebäude waren. Ihre letzten Worte lauteten: „Ich möchte das Studio nicht verlassen.“

2. Putschisten besetzen Medien, töten Fotograf
(reporter-ohne-grenzen.de)
„Reporter ohne Grenzen“ verurteilt das Vorgehen der Putschisten in der Türkei. Bei dem gescheiterten Umsturzversuch am Wochenende hatten aufständische Soldaten die Sitze mehrerer wichtiger Medienhäuser besetzt. Außerdem kam es zu Angriffen auf Journalisten, die als vermeintliche Putsch-Sympathisanten verdächtigt wurden, darunter der CNN Türk-Reporter und der Istanbul-Korrespondent der „Hürriyet“. Der Fotograf Mustafa Cambaz von der Zeitung Yeni Safak wurde von Soldaten erschossen, die auf eine Menschenmenge feuerten.

3. Putschversuch in Echtzeit: Wie Erdogan vom Netz profitiert hat
(spiegel.de, Christoph Seidler)
Der türkische Präsident ist in der Vergangenheit oft als Gegner des freien Internets aufgetreten. Nun haben ihm die sozialen Medien dabei geholfen, im Amt zu bleiben. Christoph Seidler schreibt dazu: „Natürlich ist es ironisch, dass ausgerechnet Erdogan von sozialen Netzwerken profitiert. Zehntausende missliebige Webseiten hat die türkische Regierung sperren lassen. Wieder und wieder hat der Präsident Front gemacht gegen Twitter, Facebook, YouTube und Co., vor allem nach den Gezi-Protesten. Nun haben ihm diese Dienste beim Erhalt seiner Macht entscheidend mitgeholfen.“

4. Warum sich die Öffentlichkeit nicht mehr aussperren lässt
(rp-online.de, Susanne Hamann)
Susanne Hamann macht darauf aufmerksam, dass sich die Öffentlichkeit nicht mehr aussperren lässt. Während des Putschversuchs in der Türkei seien die sozialen Medien und teilweise auch das Fernsehen gesperrt worden. Trotzdem hätte die ganze Welt verfolgen können, was in den Straßen Ankaras und Istanbuls vor sich ging: Per Livestream auf dem Smartphone.

5. Beim Putschversuch fehlte ein echter Nachrichtensender
(tagesspiegel.de, Markus Ehrenberg)
Nach Markus Ehrenberg offenbart der nächtliche Putschversuch in der Türkei erneut Schwächen in der Live-Berichterstattung. ARD und ZDF würden nur sehr sporadisch senden. Bei N-tv und N24 sei ebenfalls wenig zu sehen. Ehrenberg denkt über die möglichen Gründe nach.

6. Die Welt geht unter? Der „Tatort“ bleibt
(welt.de, Christian Meier)
Auch „Welt“-Medienredakteur Christian Meier sieht das Verhalten von ARD und ZDF kritisch und stellt die Frage, wie es sein kann, dass der bestfinanzierte öffentlich-rechtliche Rundfunk der Welt bei einem solch dramatischen Ereignis wie dem Putschversuch in der Türkei einfach mit seinem lange geplanten Programm weitermache. „ARD und ZDF werden Jahr für Jahr mit acht Milliarden Euro finanziert. Da sollte zumindest auf dem ‚Ereigniskanal‘ Phoenix das Programm umgeworfen werden. Doch da lief ‚Unter Eisbären — Überleben in der Arktis‘.“ Nachtrag: Marcel Pohlig hat zum Artikel von Christian Meier einige kritische Anmerkungen.

Intransparenz, Rutschunfall, Wortallergien

1. „Honorare offenlegen!“
(tagesspiegel.de, Joachim Huber)
Joachim Huber vom „Tagesspiegel“ hat sich mit dem Justiziar des Südwestrundfunks unterhalten, der in der ARD federführend für das Rundfunkgebührenrecht zuständig ist. Es geht um den geheimnisvollen ARD-Vertrag mit Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl. Huber erkundigt sich danach, wann die ARD die vielbeschworene Transparenz walten lasse und die Honorare ihrer Experten, Moderatoren und anderer Vertragspartner offenlege: „Ist das nicht ulkig? Ich weiß, was jeder Intendant einer ARD-Anstalt verdient, aber das Honorar für Mehmet Scholl oder Anne Will bleibt ein Sendergeheimnis.“

2. Männer machen Medien
(medienwoche.ch)
„Medienpranger.ch“ versteht sich als Blog gegen sexistische Berichterstattung in Schweizer Medien. Die Autorinnen des Watchblogs haben für die „Medienwoche“ einen Gastbeitrag verfasst, in dem sie ihre Motive erklären und auf typische Muster frauenfeindlicher Berichterstattung und Rollenklischees hinweisen, die sie als die Wurzel des Problems betrachten.

3. Wo war BILD?
(djv.de, Hendrik Zörner)
Auf der Ausstellungseröffnung „PresseFoto Hessen-Thüringen 2015“ gab es bereits bei der Eröffnung kritische Worte über die sich verschlechternden Arbeitsbedingungen von Bildjournalisten. Hendrik Zörner macht für die Abwertung des Fotografenberufs auch die „BILD“ und die von ihr erfundenen „Leser-Reporter“ verantwortlich. „Und die Bildjournalisten, die für BILD arbeiten? Ihre Honorare liegen bei rund 50 Euro pro Foto – eine Unverschämtheit gegenüber den fürstlichen Gagen, die die Leser-Reporter bekommen. Wie lange wollen sich die Kollegen Springers Honorarpolitik noch gefallen lassen?“

4. 10 Texte zur Journalistenausbildung – Jetzt geht es ans Auswerten
(journalist.de)
Die Branchenseite „journalist.de“ und das Onlinemagazin „vocer.org“ haben im Mai gemeinsam eine Serie zur Ausbildung von Journalisten gestartet. Mittlerweile sind zehn Teile zusammengekommen, in denen vor allem junge Journalisten erzählen, welche Inhalte für eine zeitgemäße Ausbildung wichtig sind. In einer Übersicht werden die Beiträge vorgestellt und verlinkt.

5. Rutschunfall bei „Netzwerk Recherche“-Recherche
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Wenn Paul-Josef Raue, langjähriger Zeitungschef, Mitverfasser des Werks „Das neue Handbuch des Journalismus“ und Autor von Artikeln wie Recherchiere immer, von der Jahrestagung des „Netzwerkes Recherche“ berichtet, bei der er selbst auf dem Podium saß, freut man sich besonders auf eine spätere Einordnung. Raue hat dies auf „kress.de“ getan und dabei eine ganze Reihe von Personen genannt und zitiert, die gar nicht auf der Veranstaltung waren.

6. Noch und nöcher
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
RND-Kolumnistin Ulrike Simon leidet unter Wort-Allergien. „Content“ ist eines dieser Allergene. Zum anaphylaktischen Schock kommt es bei Simon jedoch, wenn Interviewpartner nachträglich das Wörtchen „noch“ einfügen.

Boulevard-Beißhemmung, Widerstands-Ikonen, Artefiziell

1. Beißhemmung auf dem Boulevard
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker)
Hans Leyendecker schreibt über die „Beißhemmung auf dem Boulevard“. Immer häufiger würden sich Prominente gegen falsche Berichte wehren. Er führt dies u.a. auf die gewachsene Zahl von Medienanwälten zurück, von denen er einige auch zu Wort kommen lässt. Da es mit Facebook und Co. eigene Vertriebskanäle zur Selbstvermarktung gäbe, würden die Stars generell seltener mit dem Boulevard zusammenarbeiten. Zudem werde bei Falschberichterstattung häufiger und schneller vor den Pressekammern geklagt. Leyendecker schließt mit einer absurden Geschichte: „Als im Frühjahr Das Goldene Blatt eine Geschichte über den klagefreudigen Grönemeyer machen wollte, erkannten Leser nur sein Foto und konnten die Überschrift lesen: „Mit 60 am Ziel seiner Träume“. Der Rest war Blindtext – wirre Buchstabenreihen. Ohne Sinn. Immerhin: Gegen diesen Text konnte der Sänger nicht klagen.“

2. Wie Steinbach auf die Recherche zu ihrem berüchtigten Tweet reagierte
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Die CDU-Bundestagsabgeordnete Erika Steinbach hat vor einiger Zeit einen umstrittenen Tweet verbreitet, der ein blondes Kind inmitten dunkelhäutiger Kinder zeigte. Die Intention war, auf die angeblichen Gefahren einer „Überfremdung“ aufmerksam zu machen. Der Journalist Fiete Stegers hat sich seinerzeit für die Mediensendung „ZAPP“ auf die Suche nach dem Ursprung des Bilds gemacht und nach einiger Detektivarbeit die Quelle ermittelt. Das Bild wurde in einem indischen Kinderheim von den australischen Eltern des abgebildeten blonden Jungen aufgenommen und geistert seitdem durchs Netz. Sowohl Eltern als auch Kinderheim hatten keine Zustimmung zur Veröffentlichung des Bilds gegeben und äußerten sich empört wegen der politisch motivierten Nutzung. Stegers fasst die Reaktionen von Steinbach zusammen, die im Wesentlichen aus Abwiegeln, Ausreden und Ablenken bestehen.

3. Beisst es oder will es nur spielen?
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Mehr als 1,6 Milliarden Menschen sind bei Facebook (Stand März 2016). Damit ist das Unternehmen nicht nur das größte Social-Media-Netzwerk, sondern zusammen mit Google auch der mächtigste Vermittler und Verteiler von Medieninhalten. Adrian Lobe erklärt in seinem Artikel, wie sich dieser Umstand auf Medienhäuser und Medienkonsum auswirkt. Und weist daraufhin, welche Verantwortung das Unternehmen mit seinem Newsfeed-Algorithmus hat: „Facebook ist mehr als eine «personalisierte Zeitung», zu der sie Mark Zuckerberg ausstaffieren will, sondern bereits heute ein globaler Kiosk, von dem man erwartet, dass er ein Stück weit die Pluralität des Meinungsspektrums abbildet. Ohne den geringsten Content zu produzieren, avanciert Facebook zum größten Medienakteur der Welt. Daher ist es nur billig, dass den Internetkonzern gewisse Pflichten treffen. Dazu gehört auch, die Modifizierung der Newsfeed-Algorithmen, die einer redaktionellen Entscheidung kommen, transparent zu machen.“

4. Journalisten bei Protesten festgenommen
(reporter-ohne-grenzen.de)
In Zusammenhang mit den Protesten gegen Polizeigewalt in den USA wurden mehrere Journalisten festgenommen. Bei „Reporter ohne Grenzen“ ist man besorgt und kommentiert den Vorgang wie folgt: „Die USA sind zu Recht stolz auf die traditionell starke Stellung der Pressefreiheit in ihrer Rechtsordnung. Es ist unwürdig, wenn dort Journalisten festgenommen werden, nur weil sie über Proteste gegen Polizeigewalt berichten!“ Die USA stünden auf der jährlich herausgegebenen Rangliste der Pressefreiheit auf Platz 41 von 180 Staaten, was vor allem an NSA-Überwachung, Whistleblower-Verfolgung und dem Umgang des Präsidentschaftsbewerbers Trump mit Medien liege.

5. Ikonen des Widerstands
(taz.de, Katrin Gottschalk)
Immer wieder erlangen Bilder Berühmtheit, auf denen sich Frauen der Staatsgewalt entgegenstellen. Katrin Gottschalk von der „taz“ zeigt einige berühmte Beispiele und beschreibt ihre Wirkung beim Betrachter: „Im Prinzip denken wir Frauen noch immer als wehrlos und schwach. Sie bleiben damit passive Objekte und werden nicht zu handelnden Subjekten – obwohl sie sich hier entgegenstellen. Gleichzeitig dichten wir ihnen moralische Überlegenheit an. So lösen Frauen wie Evans, Asplund und Sungur Mitleid und Bewunderung zugleich aus. Die Bilder bewegen sich zwischen Widersprüchen, die aufgrund spezifischer Geschlechterbilder fortdauern. Und schließlich sind die Frauen auf den Fotografien auch schöne Unnahbare, eine sexuelle Fantasie. Eine Projektion.“

6. Nicht die feine Arte
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Der TV-Sender „Arte“ hat dabei zugesehen, wie sich Leute auf eine fiktive Stellenausschreibung einer Arte-Sendung beworben haben. Wohl mit dem Hintergedanken, die Bewerbervideos später in der Arte-Reihe „Summer of Scandals“ auszustrahlen. Man ist etwas ratlos ob dieser seltsamen Aktion und auch Boris Rosenkranz, der bei Arte nachgehakt hat, kann ob der Motivlage nur mutmaßen: „Und, wer weiß: Vielleicht war es genau so vom Sender angelegt. Eine Fake-Ausschreibung bringen, sie als Fake auflösen, den Zorn dokumentieren – und damit zeigen, wie man so etwas herstellt: einen Skandal im „Summer of Scandals““

YouTube-Sexismus, Humorjournalismus, Pokemonismus

1. Die deutsche YouTube-Szene ist sexistischer als jede Mario-Barth-Show
(broadly.vice.com, Marie Meimberg)
Marie Meimberg ist genervt von all den in kleine Videos gepressten Geschlechterklischees und dumpfen Vorurteilen aus dem vorletzten Jahrhundert, die auf YouTube Millionenfach geklickt werden: „Das zieht sich in der deutschen YouTube-Szene durch alle Altersklassen und Content-Genres, betrifft Menschen, die ich privat mag und solche, die ich auch privat ziemlich scheiße finde. Von den 16-jährigen Zwillings-Lochis bis hin zur 32-jährigen Joyce Ilg, von einer Kelly aka MissesVlog bis hin zu ImbaTorben—überall findet man sie, die Videos, die den wirklich wichtigen Fragen der Menschheit nachgehen: „Was Männer an Frauen geil finden“ oder „Was Frauen nie sagen, aber denken“ oder was „Männer von Frauen nicht wissen“, wie Frauen streiten oder lügen … und völlig egal, ob hier ein YouTuber oder eine YouTuberin vor der Kamera steht, was dabei rauskommt, ist wirklich sexistischer Klischeescheiß vom allerfeinsten.“

2. Realsatire.de und der „Humorjournalismus“
(get.torial.com, Tobias Lenartz)
Eine neue Satireseite hat sich dem „Humorjournalismus“ verschrieben. Crowdfundingunterstützt will man sich all der Geschichten annehmen, die bereits Realsatire seien. Tobias Lenartz hat sich die Seite näher angeschaut und lässt die Macher zu Wort kommen. Bislang sei die Updatefrequenz sowie die Zahl längerer Stücke noch recht übersichtlich. Doch das solle sich nach Angaben der Realsatirebetreiber ändern. Man wolle die crowdgefundete Summe in Autoren investieren und strebe an, in Zukunft ein längeres, gut recherchiertes Stück pro Tag und einige kürzere Geschichten, Fotos und Links zu veröffentlichen.

3. Ist das jetzt wirklich lustig oder werden wir alle gefoppt?
(br.de, Lisa Altmeier )
Zu den Dingen, die auf Facebook besonders gerne geteilt werden, gehören Screenshots von aberwitzigen Konversationen. Der Verdacht liegt nahe, dass diese meist gefaket sind. Lisa Altmeier hat einen dieser viral so erfolgreichen Dialoge einer Expertin für Scripted Reality zur Begutachtung vorgelegt, die ihren Verdacht prompt bestätigt. Altmeier fragt sich, warum die Bildchen so erfolgreich sind und kommt zu dem Schluss: „Wir alle finden es geil, berieselt zu werden und einfach mal laut loszugröhlen. Wir fühlen uns ein Stück schlauer, wenn wir uns mit den vermeintlich Dümmeren vergleichen. Oder wir erkennen unsere eigene Verpeiltheit in den Dialogen der anderen wieder. Die naive Person ist also in Wahrheit nicht Carmen aus dem Transformers-Dialog, sondern wir selbst.“

4. Wenn der Krieg zur Gewohnheit wird
(ostpol.de, Alice Bota)
Alice Bota ist Moskau-Korrespondentin der „Zeit“ und fand sich im siebten Jahr ihres Berufslebens im Krieg wieder, wie sie ihren Artikel beginnen lässt. Bota war im Frühjahr 2014 in den Osten der Ukraine gereist und lernte ab dem Zeitpunkt nicht nur etwas über den Krieg, sondern auch über Journalismus, eigene Versäumnisse, Meinungshoheiten in Talkshows und die Hartnäckigkeit gängiger Narrative. „Die Kritik an der Ukraine-Berichterstattung, von manchen Medienjournalisten fast neurotisch betrieben, war übrigens keine Hilfe, mit der eigenen Fehlerkultur umzugehen, weil sie entweder diffus blieb oder sich an handwerklichen Fehlern abarbeitete, die zwar ärgerlich, aber eben nicht intentional waren. Dabei hätten wir eine Debatte darüber gebraucht, was wir Reporter nicht abbilden und warum nicht. Doch in einer Atmosphäre, in der Reporter als Kriegshetzer, Propagandahuren und Agenten verhöhnt werden, fällt es schwer, laut über die eigenen Schwächen nachzudenken.“

5. Ein „Shooting“ ist keine „Schießerei“
(sueddeutsche.de, Jörg Häntzschel)
Deutschen Beobachtern, die über die Polizeigewalt in den USA berichten wollen, fehlen die geeigneten Worte, konstatiert Jörg Häntzschelt und stellt einige der unzureichenden Begriffsübertragungen vor. Besonders bizarr sei der „Amoklauf“, mit dem oft die „school shootings“ übersetzt würden: „Damit lassen sich die Tatmotive in eine so unzugängliche Zone der Täterpsyche verlegen, dass sich die Suche nach rationalen Erklärungen eigentlich erübrigt. In den USA spricht man in solchen Fällen auch von mass shootings und mass killings, doch „Massentötung“ ist uns so unheimlich, dass wir sie allenfalls für die Opfer der Massentierhaltung verwenden. Und „Massenmord“? Darin waren wir Deutschen mal sehr gut. Wir wollen das Wort am liebsten gar nicht mehr verwenden.“

6. Pokémon Go: Der Hype um den Hype
(wuv.de, Markus Sekulla)
Pokémon Go ist eine Woche online. Laut W&V-Kolumnist Markus Sekulla Zeit für einen (nicht ganz ernst gemeinten) Rückblick.

Kriegspropaganda, Buchblogs, Pokémon Leave

1. Nach Tony Blair auch die Medien hinterfragen
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Der Schweizer Journalist Urs P. Gasche geht mit dem Westen und den westlichen Medien ins Gericht. Blair und Bush hätten mit Lügen den Krieg gegen Irak entfacht und auch Schweizer Medien hätten die US-Propaganda als Tatsachen verbreitet. „In Konfliktsituationen versuchen alle Parteien, die Öffentlichkeit mit einseitigen, irreführenden und sogar gefälschten Informationen zu manipulieren. Die USA und ihre Verbündeten sind darin keinen Deut besser als etwa das Regime Baschar al-Assads oder Putins Russland.“ Erhebliche Skepsis sei angebracht, so Gasche in seinem ausführlichen, mit Beispielen gespickten Artikel. Eine Skepsis, die sich im letzten Satz des Beitrags widerspiegelt: „Welche Medien haben aus der Vergangenheit gelernt?“

2. Interviewarten: Gut zu wissen, bevor man fragt
(abzv.de, Mario Müller-Dofel)
Weil manchen, vor allem jungen Journalisten die Unterschiede zwischen den Interviewarten nicht klar seien, hat Mario Müller-Dofel eine Übersicht zusammengestellt, die auch nach sachlicher und emotionaler Kommunikation der wichtigsten Arten unterscheidet. Denn ehe Interviewer sich ihre Interviewziele klarmachen, solle ihnen klar sein, welche Interviewart zum Thema und Gesprächspartner passe. Müller-Dofel macht den angehenden Journalisten zum Schluss Mut: „Augenhöhe hat nichts mit dem Alter, sondern mit Akzeptanz beim Gesprächspartner zu tun. Die können sich junge Journalisten durch eine vorausschauende, professionelle Kommunikation erarbeiten.“

3. Charta für mehr Qualität
(horizont.net, Ulrike Simon)
Auf der Jahreskonferenz des Netzwerks Recherche am vergangenen Wochenende in Hamburg haben mehrere Journalistenschulen eine gemeinsame Charta vorgestellt, mit der sie sich erstmals freiwillig auf einige Mindeststandards verpflichten. Ulrike Simon fasst in einem Kurzbeitrag die begleitende Diskussion zusammen.

4. Was lesen Buchblogger: Eine neue Analyse mit Visualisierungen und Statistiken
(lesestunden.de, Tobias Zeising)
Buchblogger Tobias Zeising hat die Rezensionsschwerpunkte von 500 Literatur- und Schmöker-Blogs ausgewertet. Als Grundlage dienten ihm von „Lovelybooks“ und „Goodreads“ abgeleitete Daten. Rund 65.000 Bücher flossen in die Auswertung ein. Bei den Genres lagen auf den ersten drei Plätzen Jugendbuch, Roman und Fantasy, gefolgt von Krimis und Thrillern. Zeising hat aber noch unzählige weitere interessante Dinge aus den Daten abgeleitet wie die Geschlechterverteilung, eine Hitliste der zehn von Buchbloggern meistgelesenen Büchern und viele weitere Detailfakten.

5. Was fließt hier eigentlich?
(meta-magazin.org, Axel Bojanowski)
„Spiegel Online“-Wissenschaftsredakteur Axel Bojanowski hat vor einiger Zeit einen Leserbrief erhalten, in dem es im weitesten Sinne darum ging, welche Formulierungen zur Beschreibung von wissenschaftlichen Sachverhalten angemessen sind und ob die Verwendung unscharfer Metaphern erlaubt sei. Bojanowski hat den Leserbrief ausführlich beantwortet und unter anderem festgestellt: „Ich glaube, man muss unterscheiden, ob man Wissenschaft erzählen oder darstellen will. Bei der exakten Darstellung können Metaphern hinderlich, ja destruktiv sein. Beim Erzählen müssen jedoch die Regeln guter Geschichten gelten, also Poesie, Spannung, Sprache, Assoziationen aus der Welt des Lesers, Verknüpfungen mit der Alltagswelt. Ansonsten scheitert das Erzählen, es wäre vergeblich.“

6.
Datenschutzerklärung von „Pokémon Go“: Großzügige Erlaubnis zur Datenweitergabe an staatliche Stellen

(netzpolitik.org, Ingo Dachwitz)
Obwohl Nintendos Handy-Spiel „Pokémon Go“ in Europa noch nicht offiziell in den App-Stores verfügbar ist, gibt es im Netz bereits unzählige Berichte und Screenshots des gefeierten Augmented-Reality-Games. „Netzpolitik.org“ gibt zu bedenken, dass sich die Betreiber weitreichende Rechte zur Datenübertragung einräumen lassen. Auch Heise-Security-Autor weist in seinem Beitrag Pokémon Go greift sich alle Google-Rechte darauf hin, dass die App alle Mails lesen, auf Daten im Google Drive zugreifen und selbst Mails im Namen des Nutzers verschicken kann.

Kummerreportagen, Mördergage, Talkshowzirkus

1. Tom Kummers unlautere Textcollagen
(nzz.ch, Boas Ruh)
Der Schweizer Journalist Tom Kummer wurde lange Zeit für seine exklusiven Interviews mit illustren Promis gefeiert. Umso größer war das Entsetzen, als sich im Jahr 2000 herausstellte, dass Kummer viele seiner Interviews frei zusammenfantasiert oder aus vorhandenem Material zusammengebaut hatte. Das mediale Beben war erheblich: Die verantwortlichen Chefredakteure des SZ-Magazins wurden gefeuert. Kummer selbst verklärte seinen Betrug gerne zur Kunstform. 2005 verpatzte Kummer seine zweite Chance mit einer weiteren Täuschung, wie der „Spiegel“ schrieb. Nun fand Kummer für seine Texte erneut Abnehmer. Medien wie „reportagen“ oder die „Weltwoche“ haben anscheinend ungeprüft Reportagen des notorischen Wiederholungstäters veröffentlicht. Die „NZZ“ hat die Kummer-Reportagen untersucht und festgestellt, dass sie zwar nicht komplett zusammenfantasiert, aber eine Melange aus abgekupferten Texten anderer Autoren sind.

2. Das Gegenteil von Lügenpresse
(derstandard.at, Noura Maan, Fabian Schmid)
Die rechte Pegida-Bewegung bedient sich besonders gerne der sozialen Netzwerke, um ihre Inhalte zu vermitteln und neue Anhänger zu requirieren. Noura Maan und Fabian Schmid haben das Social-Media-Verhalten der Bewegung untersucht und sich unter anderem angeschaut, welche Links von Pegida auf Facebook geteilt werden. Eine spannende Analyse, die möglich wurde durch eine Kooperation mit Wissenschaftlern des Alexander-von-Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft in Berlin im Rahmen eines von der Volkswagenstiftung geförderten Forschungsprojekts zu „Wissenschaft und Datenjournalismus“.

3. Krankenpfleger Niels H.: TV-Produktionsfirma zahlte Serienmörder 5000 Euro Honorar
(spiegel.de)
Der Krankenpfleger Niels H. hat Patienten mit Medikamenten in einen lebensbedrohlichen Zustand gebracht, um sie danach zu reanimieren und sich selbst als Retter zu gerieren. Für ein im WDR ausgestrahltes Interview soll der mittlerweile wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilte Mann einen Betrag von 5.000 Euro erhalten haben. Der WDR hat nach Bekanntwerden der Vorwürfe die Sendung für die weitere Ausstrahlung gesperrt.

4. „Nicht in Ordnung, nur weil man es immer macht“
(lto.de, Constantin Baron van Lijnden)
Die „Sächsische Zeitung“ hat angekündigt, in Zukunft stets die Nationalität von Straftätern nennen zu wollen – auch, wenn es Deutsche sind. Dies kollidiert jedoch wahrscheinlich mit Richtlinie 12.1 des Pressekodex. Danach ist eine derartige Nennung nur zulässig, wenn ein begründbarer Sachbezug zu der Meldung besteht. Die „Legal Tribune Online“ hat den Presserats-Geschäftsführer im Interview gefragt, ob der Presserat bald reihenweise Artikel der Sächsischen Zeitung beanstanden wird.

5. nr-Jahreskonferenz 2016
(netzwerkrecherche.org)
Der Verein „Netzwerk Recherche“ ist ein Journalistenzusammenschluss, der nach eigenen Angaben für die Interessen jener Kollegen eintritt, die oft gegen Widerstände in Verlagen und Sendern intensive Recherche durchsetzen wollen. Am Wochenende hat man sich zur Tagung getroffen. Ein Team angehender Journalisten hat das Geschehen in einem ausführlichen Live-Blogbeitrag dokumentiert und zahlreiche Abstracts, Videobeiträge und Tweets der Veranstaltung zusammengestellt.

6. Lasst sie reden
(taz.de,Philipp Daum)
Steffen Bothe hat ein etwas anderes Hobby. In den letzten 20 Jahren hat er nach eigener Schätzung etwa 800 Talkshows besucht. „taz“-Autor Philipp Daum hat sich mit dem TV-Dauergast zum Fernseh-Marathon getroffen: Vier Talkshows in drei Tagen, zusammen wurden es 13,5 Stunden in Fernsehstudios.

Vertreten, Vermarktet, Verunfallt

1. Das ZDF hat jetzt Internet
(sueddeutsche.de, Jessica Binsch)
Leonhard Dobusch ist Jurist und Wirtschaftswissenschaftler und neuerdings auch Mitglied des ZDF-Fernsehrats. Er soll dort den Bereich „Internet“ vertreten. So stünde es offiziell im Rundfunkstaatsvertrag. Dobusch will dort ein paar Themen voranbringen, bei denen seiner Ansicht nach bislang Ängste und Zurückhaltung vorgeherrscht hätten. „Mehr offene Lizenzen“ ist eines dieser Themen. Weitere Informationen zum neuen, reformierten Fernsehrat im Kommentar von Boris Rosenkranz auf „Übermedien“.

2. Der “neue Journalismus”, Teil 2: Journalistenmarke schlägt Mittelmaß
(fachjournalist.de, Silke Liebig-Braunholz)
Im zweiten Teil der Reihe über den „neuen Journalismus“ geht es um Journalistenmarken im Gegensatz zu Medienmarken. Die Entwicklung sei unaufhaltsam: Der Fachjournalist von morgen werde nicht mehr zwingend mit einer Medienmarke in Verbindung gebracht. Je früher er lerne, seine Geschichten auf eigenen Kanälen zu erzählen und zu seiner großen fachlichen Expertise hinzuführen, desto besser für seine persönliche Journalistenkarriere.

3. Die perfekte Journalistenausbildung
(vocer.org, Alexandra Stark)
Die Studienleiterin „Online und Multimedia“ der Schweizer Journalistenschule muss im Rahmen ihrer Tätigkeit immer wieder digitale Gräben zuschütten oder zumindest Brücken darüber bauen, wie sie es beschreibt. Die Frage, wer mehr Recht hat, der Alltag oder die Zukunft, beantwortet sie mit dem Versuch, Zielkonflikte dingfest zu machen. Sie hat dazu eine Liste mit zehn Fragen erarbeitet.

4. EU verlassen? Gefällt mir, sagt Facebook
(faz.net, Adrian Lobe)
Bei der Brexit-Debatte könnte Facebook nach Aussage von Kritikern der „Leave“-Kampagne in die Hände gespielt haben. Adrian Lobe schreibt in der FAZ, was für diesen Verdacht sprechen könnte und endet mit: „Man erwartet von Facebook, dass es die Pluralität der Meinungen abbildet. Ohne selbst den geringsten Inhalt beizusteuern, avanciert Facebook zum größten Medienakteur der Welt. Daher ist es nur billig, dem Internetkonzern gewisse Publikationspflichten abzuverlangen. Dazu gehört, Nachrichten-Algorithmen, deren Funktion einer redaktionellen Entscheidung gleichkommt, transparent zu machen.“

5. Die Stimme aus dem Off
(sueddeutsche.de)
Hans Hoff widmet sich in seiner SZ-Medienkolumne dem Fernsehmoderator Frank Buschmann, der es als „Stimme aus dem Off“ in der Pro-Sieben-Show „Schlag den Star“ zu einiger Berühmtheit brachte.

6. Unfallwagen
(amacgarbe.de)
Der Fotograf Amac Garbe baut Miniaturautos im Maßstab 1:55 zu Unfallwagen um und lichtet sie auf deutschen Straßen ab. Auch als Kritik an den weit verbreiteten und fragwürdigen Unfallfotorubriken der Medien, wie er sagt.

Demontage, Blamage, Hommage

1. „In welcher Welt lebt Björn Höcke eigentlich?“
(handelsblatt.com, Dietmar Neuerer)
Thüringens AfD-Fraktions- und Landeschef Björn Höcke hat seiner Partei angesichts des Führungsstreits die Empfehlung gegeben, gegenüber Pressevertretern keinerlei Erklärungen mehr abzugeben. Er nannte es „ein grundsätzliches und allgemeingültiges Pressemoratorium“. Der Chef des Journalistenverbands Frank Überall erklärte dem „Handelsblatt“ gegenüber: „In welcher Welt lebt Björn Höcke eigentlich? Ein Pressemoratorium ist zum einen mit dem verfassungsmäßigen Auftrag der Parteien zur politischen Willensbildung unvereinbar, zum anderen halten das die AfD-Politiker doch gar nicht durch.“ „Handelsblatt“-Reporter Dietmar Neuerer fasst den Selbstzerfleischungsvorgang der AfD zusammen, einschließlich des genauen Zeitablaufs.

2. Türkische Journalisten: Gegen die Schere im Kopf
(ostpol.de, Cicek Tahaoglu)
Die Journalistin Cicek Tahaoglu ist Redakteurin beim unabhängigen türkischen Portal „Bianet“ und beobachtet bei sich und Kollegen eine fortschreitende Selbstzensur. „Das passiert sogar mir, aber bei Bianet motivieren wir uns, mutig zu sein. Wenn ich merke, dass ich mich selbst zensiere, frage ich mich, was ich tue und korrigiere meine Fehler. Aber die sogenannte Schere im Kopf ist nicht verwunderlich, schließlich kann alles, was du schreibst, gegen dich verwendet werden.“

3. Vertrauen zur NZZ – und Tausende Franken sind weg
(infosperber.ch, Christian Müller)
Eine ganzseitige „NZZ“-Eigenanzeige bewarb ein von einem österreichischen Reisebüro durchgeführtes Opern- und Musicalarrangement. 15 NZZ-Abokunden haben sich für den Musikabend entschieden, der mit einem Preis von 4.263 Euro nicht ganz billig war. Nun ist der Veranstalter pleite und das Geld der Leser wohl futsch. Juristisch sei im vorliegenden Exklusiv-Kultur-Empfehlungsdebakel die NZZ natürlich nicht haftbar, schreibt Christian Müller. Doch ganz wohl ist ihr wohl auch nicht. Man will den LeserInnen deshalb zur Entschädigung („zusätzlich zu den Anstrengungen…“) ein Jahr lang kostenlos die NZZ zustellen und je zwei Tickets für das Opernhaus Zürich „offerieren“.

4. „Lügenpresse“: Worum geht es hier eigentlich?
(telemedicus.info, Simon Assion)
Simon Assion ist Rechtsanwalt und Mitgründer des juristischen Internetprojekts „Telemedicus“. In einer längeren Stellungnahme setzt er sich mit der Fundamentalkritik des „Lügenpresse“-Begriffs auseinander. Er geht darin auch auf das Auslassen von Informationen ein, das oftmals kritisiert wird und weist darauf hin, „dass Medienunternehmen und Journalisten zu Recht auch dafür Verantwortung übernehmen, welche Folgen ihre Berichte auslösen. Und dies gilt eben nicht nur für Selbstmorde, sondern – in Abstufungen – auch für die Berichterstattung über bestimmte Volks- oder Religionsgruppen. Und ganz allgemein für die Berichterstattung über hass- und angstgetriebene Themen wie z.B. Vergewaltigungen.“

5. Die Verabredung, sich öffentlich-rechtlichen Rundfunk zu leisten, gilt für viele offenbar nicht mehr.
(planet-interview.de, Jakob Buhre)
Jedes Jahr gibt es im ZDF das berühmte Sommer-Interview mit Spitzenpolitikern. Die Gesprächsreihe hat Tradition und geht auf die Sendung „Bonn direkt“ in den 1980er Jahren zurück. Seit einiger Zeit liegt das Interview in Echtgrünkulisse in den Händen von Bettina Schausten und Thomas Walde. „Welche Absprachen gibt es dabei? Warum gibt Angela Merkel kein Interview in ihrem Wahlkreis? Und warum hat das ZDF noch nie Edward Snowden interviewt?“ Jakob Buhre von „Planet Interview“ hat den Spieß umgedreht und die Interviewer interviewt.

6. Zum 70. Geburtstag von Stefan Aust. Ein Nachtrag
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Stefan Aust war lange Jahre Chefredakteur des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, seit 2014 ist er Herausgeber der Tageszeitung „Die Welt“. Zu seinem 70. Geburtstag hat er auf sein Gestüt eingeladen (Aust gilt als passionierter Pferdezüchter). Medienkolumnistin Ulrike Simon ist es gelungen, ein Exemplar der achtseitigen Sonderausgabe der „Welt“ zu ergattern, die man für den Jubilar erstellt hat. Als „Hommage an einen Aufrechten“… Im Buzzfeed-Stil führt sie einige der Highlights auf: „Diese 14 Zitate verraten Ihnen, wie Stefan Aust wirklich ist“.

Verabschiedet, Versendet, Verschlankt

1. Die Journalismus-Krise ist eine Krise seiner Umwelt
(carta.info, Christoph Kappes)
Was da unter der Überschrift „Gedanken zu Vertrauensverlust, Qualität, Unabhängigkeit und möglichen Entwicklungsrichtungen.“ daherkommt, ist nichts weniger als eine umfassende Standortbestimmung des jetzigen Journalismus. Kein Text zum schnellen Überfliegen, sondern eine gründliche Analyse mit dem Potential eine, nein viele Debatten über die Zukunft des Journalismus anzustoßen.

2. Ich mag einfach nicht mehr
(taz.de, Silke Burmester)
Silke Burmester schreibt seit 20 Jahren für die „taz“, sieben Jahre davon als das Mediengeschehen kommentierende „Kriegsreporterin“. Nun beendet sie ihre Kolumnentätigkeit bei der „taz“ und verabschiedet sich mit einem letzten Brief. Nicht ohne nochmal verärgert festzustellen, „Dass es nicht zum Selbstverständnis von Journalisten gehört, sich mit Kollegen anzulegen. Und schon gar nicht mit den Bossen. Wir sind eine Branche der Schisser und Anpasser, die zwar groß darin ist, Fehler bei anderen zu suchen, aber sich heulend in der Ecke verkriecht, wenn sie ihre Arbeitsbedingungen benennen soll.“

3. BND darf ausländische Journalisten überwachen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Übermorgen wird im Bundestag ein Gesetzentwurf beraten, der dem Bundesnachrichtendienst gestattet, ausländische Journalisten zu überwachen. Ein Skandal wie der Geschäftsführer der „Reporter ohne Grenzen“ findet: „Bisher findet sich in jedem deutschen Überwachungsgesetz eine Ausnahmeregel für Journalisten. Im neuen BND-Gesetz aber ist an keiner einzigen Stelle ein Hinweis darauf zu finden, dass Journalisten nicht ausgespäht werden dürfen. Besonders Journalisten aus Nicht-EU-Ländern geraten damit in das Visier des Nachrichtendienstes. Offenbar betrachtet die Bundesregierung Pressefreiheit als ein deutsches Exklusivrecht, um das sie sich im Ausland nicht zu scheren braucht“

4. Warum meiner Meinung nach aus Sender nichts wurde
(medium.com, Lorenz Matzat)
„Wir gründen einen Sender, den ersten genossenschaftlichen Sender in Deutschland.“ Mit diesem ersten Tweet wurde Mitte Januar 2015 ein hoffnungsvolles Projekt angekündigt, das jedoch nicht umgesetzt wurde. Einer der Mitgründer spricht nun über die Gründe: „Woran ist das Ganze gescheitert? Letztlich daran, dass wir uns nicht getraut haben, zu „springen“. Also wirklich zu starten. Ursächlich dürfte dafür gewesen sein, dass wir als Team nicht in der Lage waren, unsere Vision auf einen Nenner zu bringen. Sie blieb zu diffus.“

5. Für das dicke Ende sorgt die Welt.
(fettlogik.wordpress.com, Nadja Hermann)
Comic-Bloggerin Nadja Hermann („erzaehlmirnix“) betreibt mit „Fettlogik“ eine Seite, auf der sie sich mit dem Thema Übergewicht auseinandersetzt. Wiederholt hat sie sich über Artikel der „Welt“ geärgert, aktuell erregt der Beitrag „Kampf den Kilos: Warum Diäten uns immer dicker und dicker machen“ ihren Unmut. Nadja Hermann seziert die Aussagen des Beitrags und ätzt zum Ende: „Wirklich schade, dass ich diesen Artikel nicht vor drei Jahren gelesen habe, dann hätte ich rechtzeitig gewusst, dass weniger essen leider nicht funktionieren wird, um von meinen 150 kg wegzukommen. Hilfreiche Artikel wie dieser hätten mich vielleicht davor bewahrt, zu glauben, ich könnte etwas gegen mein Übergewicht tun.“

6. Charaktermerkmal Doppel-F: Anime hat ein echtes Frauenproblem
(broadly.vice.com, Natalie Meinert)
Natalie Meinert schreibt über die Sexualisierung der weiblichen Figuren in Animes. Diese sei seit den 70er Jahren angestiegen, besonders rapide jedoch in den 90ern, als Anime sowohl in Japan als auch den westlichen Ländern immer populärer wurde. Ob das auch der westlichen Begeisterung für die Kulturform angelastet werden könne, ließe sich nicht klar sagen. Meinert über die auf RTL2 und Co. laufenden Mainstream-Animes: „Den Zuschauer beschleicht das ungute Gefühl, sich zweidimensionalen Frauen mit sozialen Werten aus den 50ern gegenüberzusehen.“

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