Archiv für 6 vor 9

Yücels Wünsche, Anti-Troll, Bestsellerlisten-Löschaktion

1. Türkei-Korrespondent müsste man jetzt sein…
(welt.de, Deniz Yücel)
Der Türkei-Korrespondent der „Welt“ Deniz Yücel befindet sich seit März 2017 in Einzelhaft. Seinen Anwälten hat er diktiert, was man so alles zum Thema Türkei schreiben müsste. Und das ist eine ziemliche Menge… Yücels Schlusssätze: „Als Journalist könnte ich mir in diesen Tagen keine interessantere und als Bürger dieses Landes keine sinnvollere Aufgabe vorstellen als diese. Ich sag’s ja: Türkei-Korrespondent müsste man jetzt sein. Journalismus ist schließlich kein Verbrechen.“

2. Der Anti-Troll
(spiegel.de, Carline Mohr)
Carline Mohr stellt den Kommentierer „ekkwolf“ vor. Dahinter steckt der 74-jährige Wolf Ekkehard Melzer, ein Überzeugungstäter, der den „Lügenpresse“-Rufern widersprechen will und ein „Anti-Troll“. Er kommentiere unter den Artikeln klassischer Medien wie „Sueddeutsche.de“, „spiegel.de“, „nzz.ch“, „Zeit.de“ und auf sogenannten alternativen Nachrichtenseiten, wie „Tichys Einblick“, „Sputnik“ oder „Epoch Times“. In den letzten zweieinhalb Jahren über 6.000 mal. Wer ist dieser Mensch und was treibt ihn an?

3. Der rechte, rechte Platz ist frei: „Spiegel“ löscht heimlich Skandalbuch aus Bestsellerliste
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
Ein Mitarbeiter des „Spiegel“ hievt als Mitglied einer Jury ein rechtslastiges Buch trickreich auf eine Bestenliste. Die Sache fliegt auf, der Juror tritt zurück, das umstrittene Buch wird jedoch zum Bestseller. Nun wurde es im Stil einer heimlichen Löschaktion kommentarlos von der Bestsellerliste gestrichen. Mats Schönauer kommentiert den Vorgang, den er „beachtlich“ nennt: „Hätte der „Spiegel“ das Buch wenigstens transparent entfernt, wäre ihm Kritik aus der rechten Ecke gewiss gewesen, doch zumindest hätte er sich in vielen anderen Ecken Glaubwürdigkeit bewahrt. So aber untergräbt er diese nicht nur selbst, sondern gießt auch weiteres Öl ins „Lügenpresse“-Feuer — und verschafft dem Buch einmal mehr Aufmerksamkeit.“

4. Korruption im Journalismus?
(message-online.com, Volker Lilienthal)
„Message“, die „Internationale Zeitschrift für Journalismus“ veröffentlicht eine Rede von Journalismus-Professor Volker Lilienthal über Korruption im Journalismus. Die Rede wurde zwar bereits zu Beginn des Jahres gehalten, hat ihre Aktualität jedoch nicht eingebüßt. Lilienthal versucht sich zunächst an einer Anamnese und stellt Ergebnisse einer Journalistenbefragung vor. Zum Schluss seines Vortrags schlägt er einen Katalog mit konkreten Maßnahmen zur Korruptionsprophylaxe vor.

5. Sag die Wahrheit
(sueddeutsche.de, Kathrin Hollmer)
Faktenchecken sei im Wahljahr ein Modethema, schreibt Kathrin Hollmer in ihrer Einleitung und kommt gleich auf die jüngste Faktenchecker-Plattform zu sprechen. Die heißt „Stimmtdas“ und überprüft mit einem Team von 15 Mitarbeitern Aussagen von Politikern. Die Seite wolle den Betreibern zufolge über die Bundestagswahl hinaus langfristig arbeiten. Bisher prüfte „Stimmtdas.org“ sieben Aussagen von Angela Merkel, Cem Özdemir, Katrin Göring-Eckardt, Frauke Petry, Gregor Gysi und zwei von Alice Weidel. Zwei bis drei Statements sollen in Zukunft pro Woche folgen.

6. Instagramming für Faule
(zeit.de, Eike Kühl)
Sie wollen der Held der Landschaftsfotografie auf Instagram werden? Dann sollten sie sich anschauen, was zwei Google-Forscher gemacht haben. Statt aufwändig an entfernte Orte der Erde zu reisen und dort auf den richtigen Moment zum Drücken des Auslösers zu warten, haben sie Bilder aus Googles Street View ihren Algorithmen zum Fraß vorgeworfen. Die Ergebnisse seien so gut geworden, dass selbst professionelle Fotografen keinen Unterschied festgestellt hätten.

Pressefreiheitstag, Versagen, Gelöschtes Gestern

1. Türkische Journalisten in Geiselhaft
(sueddeutsche.de, Can Dündar)
Heute beginnt in Istanbul der Prozess gegen 17 Journalisten und andere Mitarbeiter der regierungskritischen türkischen Tageszeitung „Cumhuriyet“. Ex-Chefredakteur Can Dündar ist auch mitangeklagt, kann den Prozess aber aus dem sicheren Exil verfolgen. Für die „Süddeutsche“ hat er einen Gastbeitrag verfasst, in dem er auf die geradezu makabre Ironie des heutigen Datums hinweist. „Wenn das ein Zufall ist, dann gewiss ein ironischer: Der 24. Juli ist der Jahrestag der Aufhebung der Zensur in der Türkei, der seit 1908 als Pressefreiheitstag gefeiert wird. Dieses Jahr feiern wir den Pressefreiheitstag als „Kampf um die Pressefreiheits-Tag“, in Gefängnissen, in Gerichtssälen und im Exil.“

2. Haben Medien wirklich versagt?
(taz.de, Peter Weissenburger)
Die Otto-Brenner-Stiftung und der Medienwissenschaftler Michael Haller haben eine Studie über den Umgang von Tageszeitungen mit der sogenannten „Flüchtlingskrise“ durchgeführt. Die „Zeit“ durfte vorabberichten und machte daraus die Vorabmeldung: „Studie der Otto Brenner Stiftung: Medien haben in der Flüchtlingskrise versagt.“ Medienwissenschaftler Haller ist entsetzt: „Die Zeit hat Zuspitzungen vorgenommen, die ich für boulevardesk halte. Das hatte ich von der Zeit nicht erwartet.“ Weitere Lesetipps: Stefan Niggemeier auf Übermedien mit Alles Versager? Die mediale Sturzgeburt einer Studie und die Studienzusammenfassung in der FAZ: Wie Medien über die Flüchtlingskrise berichteten

3. Verfassungsbeschwerde abgewiesen
(reporter-ohne-grenzen.de)
Die Verfassungsbeschwerde von „Reporter ohne Grenzen“ gegen die Massenüberwachung des Bundesnachrichtendienstes wurde vom Bundesverfassungsgericht nicht zur Entscheidung angenommen. Ein anderer Teil der ursprünglichen Klage sei jedoch weiterhin beim Bundesverwaltungsgericht anhängig, wie die Organisation berichtet. Dieser Klageteil richte sich gegen das Metadaten-Analysesystem „VerAS“, mit dem der BND seit dem Jahr 2002 ohne gesetzliche Grundlage Verbindungsdaten über Telefongespräche mit Auslandsbezug sammle.

4. Macron verscherzt es sich mit den Medien
(nzz.ch, Matthias Sander)
Frankreichs Staatschef Macron spricht kaum noch mit Journalisten und fährt im Umgang mit Medien einen sehr rigiden Kurs. Matthias Sander sieht darin auch einen Vorteil: „Für die Medien könnte die Brüskierung letztlich heilsam sein. Sie sollten sich, ähnlich wie die «New York Times» und die «Washington Post» seit Trumps Wahl, auf das Wesentliche besinnen: Analysen und längerfristige Recherchen. Wo ein Mächtiger selbstherrlich agiert, sind gesprächswillige Enttäuschte meist nicht weit.“

5. Im Netz der Lügen – Falschmeldungen im Internet
(zdf.de, Video: 41:55 Minuten)
Filterblasen und „Fake News“: Wie groß ist die Gefahr durch Nachrichtenmanipulation wirklich? Und warum nehmen viele Menschen krude Verschwörungstheorien ernst? Diesen Fragen ist Mario Sixtus in seinem neuen Film nachgegangen, der noch bis Donnerstag auf zdf.de zu sehen ist.

6. Dieser Mann soll jetzt Trumps Politik anpreisen
(sueddeutsche.de, Simon Hurtz)
Trump hat einen neuen Kommunikationschef: Dem glücklosen und dauerverspotteten Sean Spicer folgt der Hedgefonds-Manager Anthony Scaramucci. Das ist insofern pikant, als dass Scaramucci in der Vergangenheit einige trumpkritische Äußerungen auf Twitter gemacht hat, die er nun prompt zu löschen beginnt. Simon Hurtz hat sich auf sueddeutsche.de die Mühe gemacht, die Scaramucci-Tweets zu dokumentieren und einzuordnen. Eine Fundgrube an Querverweisen für alle, die sich für das aktuelle Geschehen in Amerika interessieren.

Leipziger Lauschangriff, Klebers Antifeminismus, Fake-egal der AfD

1. Großer Lauschangriff in Leipzig: Gespräche mit Journalisten abgehört
(lvz.de)
Drei Jahre ließ die Dresdner Generalstaatsanwaltschaft in Leipzig nach einer kriminellen Vereinigung in der linken Szene und beim Fußballklub „Chemie Leipzig“ suchen. Bei dem „großen Lauschangriff“ wurden annähernd 60.000 Gespräche und SMS von den Ermittlern registriert und ausgewertet. Die 24.000 Seiten mit Gesprächsprotokollen füllen 41 Aktenordner. Bei der letztlich erfolglosen Aktion sei auch auch die Pressefreiheit auf der Strecke geblieben: Wie die Generalstaatsanwaltschaft jetzt schriftlich bestätigt habe, hätten die Beamten auch monatelang Gespräche mit einem Journalisten der „Leipziger Volkszeitung“ abgehört.

2. Fake? Egal! „Es geht um die Message“
(faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker)
Auf Twitter wird ein angebliches Bild der Antifa verbreitet. Darauf eine junge Frau mit einem Stein in der gehobenen Hand. Im Hintergrund ein mit Graffiti und Plakaten versehenes Gebäude. Dazu der Spruch „Flora bleibt! Besetzte Häuser erkämpfen und verteidigen!“ und ein Logo mit der Aufschrift „Antifaschistische Aktion“. Der Tweet samt Bild wird von vielen geteilt, darunter auch von der „AfD“. Das Bild ist jedoch ein Fake. Bei der als angebliche Antifa-Kämpferin abgebildeten Person handelt es sich um die Vorsitzende der Jungen Union Hamburgs. Doch die „AfD“ sieht es nicht so eng mit der Wahrheit: „Wenn die Message stimmt, ist uns eigentlich egal, woher das Ganze kommt oder wie es erstellt wurde. Dann ist es auch nicht so tragisch, dass es Fake ist.“

3. Zeigt nicht auf den dicken Mann!
(causa.tagesspiegel.de, Heinrich Schmitz)
Seit Tagen trifft man in den sozialen Netzwerken auf das Foto eines Mannes mit beachtlicher Körperfülle, dessen schwarzes T-Shirt die Worte „Nationalstolz kann man nicht zerbrechen“ zeigt, aufgenommen beim Neonazi-Konzert in Themar. Spott und Häme ergießen sich über den Mann, der so gar nicht dem Idealbild der Herrenrasse entspricht. Rechtsanwalt und Kolumnist Heinrich Schmitz hält das Verbreiten des Bilds nicht nur für rechtlich bedenklich, sondern sieht darin auch eine „eklige Tendenz“.

4. Antifeminismus im heute-journal: Claus Kleber interviewt Maria Furtwängler
(filmloewin.de)
Das feministische Frauenmagazin „Filmlöwin“ beschäftigt sich mit dem Interview von „heute-journal“-Moderator Claus Kleber mit Maria Furtwängler. Thema des Gesprächs war das Geschlechterungleichgewicht bei Film und Fernsehen. Nachdem es bei „Spiegel Online“ bereits einen kritischen Beitrag gab, analysiert die „Filmlöwin“ Wortlaut und Sprache des Interviews und kommt zum Schluss: „In meinen Augen gibt es nämlich keinen besseren Beweis für den drängenden Handlungsbedarf als den Verlauf dieses Gesprächs, die polemische Rhetorik, die antifeministischen Scheinargumente und die Respektlosigkeit des Interviewers.“

5. Springer-Verlag macht Werbung für Yücels Gefängnis
(deutschlandfunk.de, Silke Burmester)
Silke Burmester nimmt sich im „Deutschlandfunk“ das Medium „Zeitungsbeilage“ vor (speziell die türkische „Jubelbeilage“ in „Zeit“ und „FAZ“ sowie das türkische „Reise-Extra“ in der „Welt“). Sie hält diese Art von Beilagen für doppelt problematisch: „Zum einen weichen sie für uns Journalisten die Trennlinie zwischen Journalismus und PR auf, denn es sind oft dieselben Personen, die einerseits über die Themen berichten, andererseits die Jubeltexte schreiben. Zum anderen führen sie die von den Zeitungen angestrebte Haltung ad absurdum, wenn sie ihren Leserinnen und Lesern völlig frei von jeglicher Kritik etwa die Diktatoren-Staaten in den schönsten Farben darlegen.“

6. Nina George: (M)ein Brief an die Branche – und an Lufthansa und Amazon-Audible
(buchmarkt.de, Nina George)
Versetzen Sie sich kurz in die Lage einer Schriftstellerin, die von der Lufthansa und dem Hörbuchanbieter „Audible“ (einer hundertprozentigen „Amazon“-Tochter) angeschrieben wird: Über einen Zeitraum von einem halben Jahr will man den etwa 35 Millionen Flugpassagieren Ihr Hörbuch im Bord-Entertainment-System anbieten! Jubelnd wollen sie schon zum Sekt greifen, doch da sehen Sie, dass man Ihnen dafür eine Komplettpauschale von gerade mal Euro 150 anbietet. Genau das hat gerade die international bekannte Schriftstellerin Nina George erlebt. Pech für „Lufthansa“ und „Audible“, dass Nina George nicht nur Präsidiumsmitglied des PEN-Zentrums Deutschland, VS-Bundesvorstandsmitglied, Gründerin der Initiative Fairer Buchmarkt und VG-Wort-Verwaltungsrätin ist, sondern eine im besten Sinne des Wortes streitlustige Person ist, die ein paar passende Worte dafür bereithält.

Türkei-Jubelanzeigen, Jagdtrieb, Peilsender für Chefredakteur

1. Ein Umstand mit Geschmäckle
(taz.de, Silke Burmester)
Die Entwicklungen in der Türkei mit den zahlreichen Repressionen gegen Journalisten, Juristen und Andersdenkende haben dem Image des Landes naturgemäß geschadet. Türkische Wirtschaftsorganisationen klappern nun die Anzeigenabteilungen deutscher (und ausländischer) Medienhäuser ab und winken mit Geld für großformatige Imageanzeigen mit propagandistischem Einschlag. Im Falle der „Welt“, deren Korrespondent Deniz Yücel sich seit Februar in der Türkei in Haft befindet, besonders problematisch. Selbst wenn man sich auf eine Trennung von Redaktion und Anzeigenabteilung berufe: „Die Bigotterie, dass Verlage, die sich für Demokratie und Pressefreiheit einsetzen, die noch dazu für die Freilassung ihrer Mitarbeiter kämpfen, an den Imagebeilagen der undemokratischen Staaten verdienen, bleibt.“ Ergänzung (11:32 Uhr): Beim „Deutschlandfunk“ hat Silke Burmester noch mal zum Thema nachgelegt.

2. „Die Medien haben sich danach gesehnt, dass es jemand spannend macht“
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Jetzt auch ohne Paywall lesbar: Das „Übermedien“-Interview mit dem legendären Wahlkampfberater Frank Stauss, der in den vergangenen 20 Jahren über 25 Wahlkämpfe begleitet hat: unter anderem für Klaus Wowereit, Kurt Beck, Gerhard Schröder, Malu Dreyer und Hannelore Kraft. Es geht über ein mögliches Comeback für Kanzlerkandidat Martin Schulz, den Bedeutungsverlust klassischer Medien — und wie die Befindlichkeit von Journalisten die Berichterstattung beeinflusst.

3. Gegen den medialen Jagdtrieb
(deutschlandfunk.de, Burkhard Schäfers, Audio, 4:30 Minuten)
Der „Deutschlandfunk“ berichtet in einem Hörbeitrag über einen Workshop der Deutschen Journalistenschule zum richtigen Umgang mit Betroffenen von Amokläufen und Terroranschlägen. Es ist bezeichnend, dass es dabei auch um Selbstverständlichkeiten des menschlichen Miteinanders geht. Workshopleiter Unger: „Es ist eine Ausnahmesituation, auch für den Berichterstatter. Wir sollten vorsichtig, aber auch natürlich mit den Menschen ins Gespräch kommen. Sich vorzustellen, wer man ist und was man gerne möchte. Und auch so zurückhaltend zu fragen, dass es immer noch eine Ausweichmöglichkeit für die Protagonisten gibt.“

4. Deutschland im Zerrspiegel
(faktenfinder.tagesschau.de, Silvia Stöber)
Silvia Stöber beschäftigt sich mit der Deutschlandberichterstattung alternativer Medien aus Osteuropa. Es sei ein verzerrtes Bild, das dort vielmals gezeichnet werde. Mit Bezug auf die Geschichte würden diese Medien Ängste und Misstrauen schüren: „Sie berufen sich auf deutschsprachige Webseiten aus dem verschwörungstheoretischen Milieu, geben andere deutsche Medien falsch wieder oder stellen Online-Umfragen als repräsentative Meinung der Bevölkerung dar.“ Als Reaktion hätte der Auswärtige Dienst der EU ein Strategisches Kommunikationsteam mit elf Mitarbeitern eingerichtet.

5. Missstände zudecken
(sueddeutsche.de, Thomas Hahn)
Hat die Landespolizei in Schleswig-Holstein im Zuge der sogenannten „Rocker-Affäre“ tatsächlich Journalisten der „Kieler Nachrichten“ bespitzelt, um an Informationen über Whistleblower aus den eigenen Reihen zu gelangen? Die Redaktion ist davon überzeugt. Es bestehe zum Beispiel der Verdacht, die Polizei habe einen Peilsender am Auto von Chefredakteur Longardt angebracht, um dessen Fahrten zu Informanten verfolgen zu können.

6. Es war Schleichwerbung. Aber: Muss ja keiner wissen.
(fair-radio.net, Sandra Müller)
Wenn die Radiomacher von „Fair Radio“ irgendwo ein eklatantes Fehlverhalten eines Radiosenders entdecken, reichen sie schon mal Beschwerde bei der zuständigen Aufsichtsbehörde ein. So vor einem Jahr, als sie dem Radiosender „FFH“ Schleichwerbung vorwarfen. Die gute Nachricht: Die zuständige Landesmedienanstalt Hessen (LPR) hat der Beschwerde stattgegeben. Die schlechte Nachricht: Das kam erst ein Jahr später raus und nur nach merhmaligem Nachfragen, denn der „aufsichtliche Hinweis“ wird anscheinend wie ein Geheimnis gehütet: „Und niemand außer der Sender und die LPR-Verwaltung erfährt was davon. Nicht die Medienversammlung der Landemedienanstalt. Nicht die Öffentlichkeit. Nicht die Hörer.“

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7. Googlest Du noch oder recherchierst Du schon?
(recherchescout.com)
Schon mehr als 2.000 Journalisten nutzen den cleveren Weg zu Informationen, die nicht schon längst im Netz auffindbar sind. Mit einer Anfrage bei Recherchescout erreichen Sie mehr als 1.000 Experten zu vielen Themen in Unternehmen, Hochschulen, Verbänden. So finden Sie neue Gesprächspartner, Aspekte und Inhalte für Ihre Beiträge. Fragen Sie los!

Schorndorfer Alarmismus, Gebrandmarkt, Cartoonfigur Erdogan

1. Die Wahrheit über den „Einwanderermob“ von Schorndorf
(vice.com, Matern Boeselager)
Wahrer Horrormeldungen waberten durch Netz und Medien: Bis zu 1.000 Asylbewerber hätten sich zusammengerottet, um ein deutsches Volksfest zu sprengen, deutsche Polizisten anzugreifen und deutsche Mädchen anzugrapschen. Aber was war wirklich passiert in Schorndorf, einem kleinen Ort in der Nähe von Stuttgart? Jedenfalls nicht annähernd so viel wie die übertriebenen Panikmeldungen denken lassen. Wobei wohl auch eine alarmistische Pressemitteilung der Polizei eine Rolle spielte: „Derjenige, der die Pressemitteilung geschrieben hat, war selbst nicht im Schlosspark und hat vorher womöglich nie direkt mit den Kollegen gesprochen, die im Einsatz waren. Und so wurde aus einer ungemütlichen Situation mit Flaschenwürfen und anderen verstreuten Delikten schließlich ein „Einwanderermob“, der ein deutsches Volksfest gesprengt hat.“ Vice hat mit der Polizei gesprochen und Schülerinnen, die vor Ort waren. Weitere Lesetipps: Der Faktencheck von „Correctiv“: Was ist in Schorndorf passiert? und der Faktencheck der „Tagesschau“: Der kurze Weg von Schorndorf nach Köln

2. Stimmtdas.org
(stimmtdas.org)
„Stimmdas“ nennt sich eine neue unabhängige und nicht-kommerzielle Faktencheck-Plattform, bei der ein zehnköpfiges Kernteam und einige freie Autoren Aussagen von PolitikerInnen auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen. Alle „Stimmtdas“-Mitglieder arbeiten ehrenamtlich. Finanziert wird das Ganze ausschließlich über Spenden und Unterstützung parteiunabhängiger Stiftungen. Die zu überprüfenden Aussagen sollen einen Gesprächswert haben und müssen überprüfbar sein. Am Ende steht dann eine von neun Bewertungen, die von „stimmt“ bis „Scharlatanerie“ reichen kann. Einige Beiträge sind bereits auf der Website vorhanden.

3. G20-Diskreditierung: »Wir sind gebrandmarkt, wir 32«
(neues-deutschland.de, Elsa Koester)
Die „Neues Deutschland“-Redakteurin Elsa Koester schreibt über die Entziehung ihrer Akkreditierung für den G20-Gipfel in Hamburg durch das BKA. Beim Lesen ihres sehr persönlichen Beitrags, in dem es auch um Berufsverständnis und Haltung geht, wird klar: Hier geht es um mehr als eine „Formalie“, über die man schnell hinweggehen sollte. Koester sieht sich und die 31 anderen Kollegen gebrandmarkt. Sie schließt mit den Worten: „Diese Liste diskreditiert mich und meine journalistische Arbeit zu Unrecht. Ich werde sie nicht akzeptieren, jetzt nicht und auch in Zukunft nicht.“

4. „Wir müssen das jetzt versuchen“. Ein Interview mit Lamya Kaddor.
(fearlessdemocracy.org, Gerald Hensel)
Gerhard Hensel von „Fearless Democracy“ hat sich mit der Islamwissenschaftlerin und Publizistin Lamya Kaddor unterhalten. Kaddor ist die Initiatorin des “Ramadan Friedensmarsch”, mit dem sich Muslime und Freunde für eine friedliche gemeinsame Umwelt und explizit gegen Terror wandten. Im Gespräch geht es unter anderem um das mediale Echo der Aktion und Hass und Häme im Netz.

5. Olympia doch bei ARD und ZDF?
(taz.de, Jürn Kruse)
Nachdem sich das Medienunternehmen „Discovery“ die europäischen Übertragungsrechte der nächsten Olympischen Spiele für einen Milliardenbetrag gesichert hat, sollen die öffentlich-rechtlichen Sender dem neuen Rechteinhaber 100 Millionen geboten haben. Die Verhandlungen scheiterten, worauf Olympiakritiker schon einwarfen, dass der Betrag dann Informations- und Nachrichtensendungen zugute kommen könnte. Nun sieht es so aus, als ob hinter den Kulissen weiter um Liveübertragungen und/oder Zusammenfassungen gefeilscht wird.

6. „Erdogan findet den Vergleich mit Diktatoren angebracht“
(jetzt.de, Nadja Schlüter)
Heute wird in der Galerie „Caricatura“ in Kassel die Ausstellung „Schluss mit lustig. Aktuelle Satire in der Türkei“ eröffnet. Die Ausstellung zeigt Werke von 50 türkischen Cartoonisten, die sich für Pressefreiheit positionieren. Zusammengestellt wurde die Sammlung von der deutschen Journalistin und Filmemacherin Sabine Küper-Büsch, die seit 25 Jahren in Istanbul lebt und deren Buch diese Woche erscheint.

Rosarote Olympiabrille, Rechte Twitterkrieger, Kampf ums Vong

1. Tageszeitung „Kieler Nachrichten“ wirft Polizei Bespitzelung vor
(netzpolitik.org, Simon Rebiger)
Wurden wirklich mehrere Journalisten der „Kieler Nachrichten“ von der Polizei Schleswig Holsteins abgehört und überwacht? Diesen Verdacht äußert zumindest die Zeitung unter Verweis auf Polizei-Quellen. An einem Fahrzeug eines der Reporter hätte es zudem Hinweise auf einen Peilsender gegeben, ein E-Mail-Konto eines Kollegen sei gehackt worden. Hintergrund ist die sogenannte Rocker-Affäre, bei der es um Ungereimtheiten in einem Ermittlungsverfahren gegen die Rockerbande „Bandidos geht. Opposition und Journalistenverbände würden nun Aufklärung verlangen. Der neue Innenminister (CDU) weist die Vorwürfe zurück.

2. Wer redet hier von Doping?
(sueddeutsche.de, Jürgen Schmieder)
Am Wochenende wurde der amerikanische Kabelkanal „Olympic Channel: Home of Team USA“ für 35 Millionen US-Haushalte freigeschaltet. Die NBC-Gruppe zahlt dem IOC für die Übertragungsrechte der Olympischen Spiele von 2014 bis 2032 mehr als 12 Milliarden US-Dollar. Den neuen Kanal betreibt NBC gemeinsam mit dem IOC. Kritische Themen wie Doping, Bestechung, Vergabe der Olympischen Spiele an autoritäre Staaten etc. bleiben ausgeklammert. Eine Tatsache, für die ein NBC-Manager eine Erklärung von George-Orwellschen Dimensionen gefunden hat: „Diskussionen bringen häufig das Schlechteste im Menschen hervor, uns dagegen geht es um das Beste: um inspirierende Geschichten, die alle zwei Jahre für zwei Wochen die Leute zu begeistern scheinen.“

3. Russland kopiert Gesetz gegen Hassbotschaften
(reporter-ohne-grenzen.de)
Das russische Parlament diskutiert derzeit ein Gesetz, das sich am umstrittenen deutschen NetzDG orientiert („Gesetz zur Verbesserung der Rechtsdurchsetzung in sozialen Netzwerken“). „Reporter ohne Grenzen“ ist entsetzt: „Unsere schlimmsten Befürchtungen werden wahr: Das deutsche Gesetz gegen Hassbotschaften im Internet dient undemokratischen Staaten nun als Vorlage, um gesellschaftliche Debatten im Internet einzuschränken. Auch in Russland sollen in Zukunft Mitarbeiter sozialer Netzwerke unter hohem Zeitdruck darüber entscheiden, welche Informationen gelöscht werden. In einem Land ohne unabhängige Gerichte, die den Schutz der Meinungsfreiheit durchsetzen könnten, ist das eine verheerende Entwicklung.“

4. Reichweitenschnorrer, Replysurfer, Sockenpuppen?
(volkerkoenig.de)
Volker König schreibt über ein Phänomen, das ihm auf Twitter aufgefallen ist. Immer wieder würden sich Accounts in Diskussionen unter Tweets von Medien und Tageszeitungen oder auch von linken Aktivisten einmischen, die nur 50 oder deutlich weniger Follower haben. Auch nach den G20-Krawallen in Hamburg sei eine hohe Anzahl von „danke @PolizeiHamburg“-Twitterern dieser Gruppe zuzuzordnen. „Ich sehe hier eine Tendenz. Entweder sind “rechte Stammtischkrieger” auf Twitter gekommen und randalieren mit ihren Meinungen nun hier herum statt nach ein paar Bier in der Stammkneipe, oder es ist möglicherweise eine Reihe von meist AfD-nahen Personen, die mit Sockenpuppen nicht nur ihre Reichweite erhöhen, sondern durch die scheinbar große Zahl an zustimmenden Meinungen auch die Relevanz.“

5. Ein Geschenk an alle kritischen Geister
(taz.de, Ebru Tasdemir)
Am Jahrestag des türkischen Putschversuchs druckte die „Süddeutsche Zeitung“ eine Erdogan-Propaganda-Anzeige und erntete heftige Kritik dafür. Zu Unrecht wie Ebru Tasdemir in der „taz“ findet: Die Anzeige sei in sich schon so entlarvend, dass sich eigentlich niemand aufzuregen bräuchte. „Es ist doch ein Geschenk an alle kritischen Geister, das diese Lobbyarbeit so deutlich und plump daherkommt.“ Außerdem könnten von den 86.000 Euro, die die Anzeige in etwa gekostet haben dürfte, Journalisten bezahlt werden, die weiter unabhängig über die Türkei berichten.

6. Vongolisch für Fortgeschrittene
(sueddeutsche.de, Jan Stremmel)
Wem gehört das Vong von der Urheberschaft her? Jan Stremmel hat sich auf Spurensuche begeben und mit den Vongolisch-Größen des Internets Kontakt aufgenommen: „Aus einer wunderbar albernen Idee, die deutsche Sprache gemeinschaftlich kreativ zu verhunzen, ist ein kleinlicher und ziemlich deutscher Streit um Deutungshoheit und Urheberschaft geworden. Es wird beleidigt, beschimpft, bedroht. Und ein paar der ironischsten Witzbolde des Internets keifen plötzlich wie die Hausmeister.“

6-vor-9-Spezial: G20-Gipfel in Hamburg II

1. Polizeigewalt beim G20-Gipfel? Nicht in der „Bild“-Zeitung!
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
Stefan Niggemeier hat die Berichterstattung der „Bild“-Zeitung zum G20-Gipfel untersucht. Dort sei ausgiebig über die Eskalation der Gewalt im Umfeld der Veranstaltung berichtet worden. Das Thema Polizeigewalt kam jedoch nur in einer homöopathischen Dosis vor. Und dies obwohl diverse Ermittlungsverfahren gegen Polizeibeamte laufen und ein „Bild“-Chefreporter selbst getwittert hatte, dass die Polizei gezielt Journalisten angreife. Niggemeiers Fazit: „“Bild“ lässt sich nicht auf eine Diskussion ein, wie groß das Ausmaß der Gewalt war, die von der Polizei ausging, und warum es trotzdem richtig ist, sich bei den meisten Polizisten für ihren Einsatz zu bedanken. Die „Bild“-Zeitung verschweigt die Vorwürfe und die Diskussion einfach komplett.“

2. NDR-Journalist fälschlich für „Reichsbürger“ gehalten
(tagesspiegel.de, Frank Jansen)
Zahlreichen Journalisten wurde beim G20-Gipfel ohne Angaben von Gründen die bereits erteilte Akkreditierung wieder entzogen, darunter auch einem Reporter des NDR. Nun erfuhr der „Tagesspiegel“ aus Sicherheitskreisen, dass es sich um eine Verwechslung gehandelt habe. Man hätte den Mann fälschlich für einen „Reichsbürger“ gehalten. Bezüglich der anderen Fälle würden die Behörden weiter an ihrer Aussage festhalten, dass weder der türkische Geheimdienst „MIT“ noch eine andere ausländische Behörde auf den Entzug der Akkreditierungen Einfluss gehabt habe.
Weiterer Lesetipp: Der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ hat eine Chronologie der nachträglich entzogenen Akkreditierungen erstellt.

3. Keine Polizeigewalt? Herr Bürgermeister, das stimmt nicht.
(stern.de, Hans-Jürgen Burkard)
Hans-Jürgen Burkard betreibt seit Jahrzehnten Fotojournalismus: Er hat rund 50 große „Stern“-Reportagen fotografiert und war als junger Fotograf schon bei den Protesten in Wackersdorf, Brokdorf und Kalkar dabei. Beim G20-Gipfel ist Burkard mehrfach Opfer polizeilicher Gewalt geworden. Ein Wasserwerfer habe ihn, obwohl gut als akkreditierter Journalist wahrnehmbar, gezielt aufs Korn genommen und „abgeschossen“, was ihn seine Ausrüstung gekostet habe (zwei Kameras und ein Objektiv). Der Vorfall ist dokumentiert, denn ein Kollege hat die Attacke fotografiert. Und dies sei nicht der einzige gezielte Angriff auf den Fotografen gewesen. Am Vorabend der Chaos-Nacht sei ihm aus kürzester Entfernung von einem Polizisten Tränengas ins Gesicht gesprüht worden, so dass er ins Krankenhaus musste.

4. Der G20 in Hamburg aus Sicht eines Polizisten
(vionville.blogspot.de, Oliver von Dobrowolski)
Oliver von Dobrowolski ist Polizeibeamter und arbeitet neben seiner hauptamtlichen Beschäftigung bereits im zwölften Jahr auch als Konfliktmanager der Polizei Berlin. In einem persönlichen Blogpost, in dem er als Polizist, aber nicht für die Polizei spricht, arbeitet er die Geschehnisse um den G20-Gipfel auf und kommentiert den Einsatz der Polizei: „Was die Polizeitaktik anbetrifft, haben mittlerweile fast sämtliche Rechtswissenschaftler und Polizeiforscher mit über dem Kopf zusammengeschlagenen Händen erklärt, dass das Vorgehen der Hamburger Polizeiführung nicht nachvollziehbar und hinsichtlich der Ausprägung schlicht falsch gewesen ist.“

5. G20 Doku
(g20-doku.org)
Die Seite „G20-Doku“ sammelt Fälle, die für die Redaktion wie rechtswidrige Polizeigewalt aussehen: „Wir sind eine Gruppe von Menschen, die gegen den G20-Gipfel in Hamburg protestiert haben. Wir sind alle der Ansicht, dass der G20-Gipfel eine völlig neue Dimension in Sachen Verletzung von Grundrechten und rechtswidriger Polizeigewalt darstellt. So etwas war in Deutschland in den letzten Jahren, auch beim G8-Gipfel in Heiligendamm, nicht zu beobachten. Besorgt um die Grundrechte und um den Zustand der Demokratie haben wir uns entschlossen, die unzähligen im Internet vorhandenen Materialien zu dokumentieren, zu kategorisieren und zu verschlagworten. Wir wollen damit das Ausmaß der Übergriffe zeigen und unseren Beitrag für die Aufklärungsarbeit rund um den G20-Gipfel zu leisten.“
Auch der „Faktenfinder“ der „Tagesschau“ versucht, die Vorgänge aufzuarbeiten, indem er nach Antworten auf die drängendsten Fragen sucht. Viele Fragen seien jedoch weiterhin offen. Außerdem würden manche Behördenauskünfte neue Fragen aufwerfen.

6. Während der G20-Proteste wurden weniger Polizisten verletzt, als die Polizei behauptet
(buzzfeed.com, Marcus Engert)
Die Polizei sprach im Zusammenhang mit dem G20-Gipfel von 476 verletzten Polizeibeamten, was von vielen Medien so auch an die Leser weitergegeben wurde. Marcus Engert hat bei den 16 Landespolizeibehörden und der Bundespolizei nachgefragt und kommt zu einem anderen Ergebnis: Es seien deutlich weniger Beamte während der Proteste verletzt worden, als bisher angenommen. Mehr als die Hälfte der Verletzungen seien schon vor den Protesten gemeldet worden und etliche Verletzungen seien nicht auf die Demonstranten zurückzuführen. Rafaehl Behr, Professor an der Akademie der Polizei in Hamburg, hätte bestätigt: „Die Verletzten-Zahl muss dringend relativiert und eingeordnet werden.“

SZ-Erdogan-Propaganda, Fake-Gespräche, Umfrage-Gefahren

1. Die Alarmglocken haben versagt
(horizont.net, Ulrike Simon)
Die „Süddeutschen Zeitung“ hat eine ganzseitige Anzeige mit Erdogan-Propaganda abgedruckt, in der die Absender der Polit-Botschaft unter anderem schreiben: „Mit Demut und Respekt verneigen wir uns nochmals vor unseren Märtyrern, die ihr Leben im Widerstand gegen den Putschversuch heldenhaft geopfert haben“. Wie konnte es dazu kommen, dass die Anzeige, die von „Spiegel“ und „Bild“ abgelehnt wurde, bei der „Süddeutschen“ abgedruckt wurde? Ulrike Simon hat sich beim Geschäftsführer des Süddeutschen Verlags erkundigt.

2. Aufwachen! Neues Radio mit alten Fehlern
(fair-radio.net, Katharina Thoms)
Durch die Erfolge der unabhängigen Podcaster-Szene aufmerksam geworden, bieten immer mehr etablierte Medien Audioformate an. Doch dabei geht es nicht immer mit rechten Dingen zu. Der „Aufwacher-Podcast von „RP Online“ erwecke den Live-Anschein, arbeite jedoch bei Interviews mit eingekauften und vorproduzierten Antworten. Sprich, der Moderator tut nur so, als ob er sich mit dem vermeintlich Interviewten unterhält. „RP Online“ zeigt sich leider wenig einsichtsbereit und will die Fake-Gespräche weiter senden: „Wir finden, dass ein Gespräch eine sehr hörerfreundliche Darstellungsform ist. Wir planen derzeit, sie weiterhin zu nutzen.“

3. Die große Quoten-Lüge
(faz.net, Claudius Seidl)
Wird Fernsehen wirklich für die Mehrheit der Bevölkerung gemacht? Claudius Seidl hat seine Zweifel daran und spricht, nachdem er sich die Zahlen genauer angeschaut hat, von der „großen Quoten-Lüge“: „Es ist nicht etwa die Mehrheit, die öffentlich-rechtliche Programme sieht. Es sind jene Leute, welche das Lesen anstrengt und das Ausgehen erst recht, Leute, die vielleicht auch schon genug geredet haben in ihrem Leben und ein paar Abende, in denen das Fernsehen zu ihnen spricht, gut aushalten können. Es sind diese Menschen, welche man auch mit dem harmlosen Quatsch erreicht, schon weil sie für andere Abendvergnügungen wenig Alternativen haben.“
Nachtrag, 11:14 Uhr: Uns ist leider erst jetzt aufgefallen, dass der Text von Claudius Seidl etwas älter ist. Interessant ist er aber (hoffentlich) trotzdem, weil er ein grundsätzliches Problem anspricht.

4. „Kohl sah einen Anschlag auf die Menschenwürde“
(tagesspiegel.de, Thomas Eckert & Joachim Huber)
Der „Tagesspiegel“ hat sich mit ZDF-Chefredakteur Peter Frey über das „Morgenmagazin“ unterhalten. Als man mit dem Format vor 25 Jahren startete, war man vergleichsweise spät dran. Nun schauen in der Spitze gegen 8 Uhr morgens zwischen 800.000 und einer Million Zuschauer zu. Auf die teilweise recht bunte Themenmischung angesprochen, entgegnet Frey: „Wir versuchen, die Lebenswirklichkeit abzubilden. Und da geht es bekanntlich bunt zu. Wir sind ein Supermarkt, in dem es frische, aktuelle Ware, aber eben auch schöne, interessante und manchmal auch einfach unterhaltsame Dinge gibt.“ Nun ja, in vielen Supermärkten liegen auch Dinge aus, bei denen man nicht unbedingt zugreifen sollte, weil sie ungesund, fragwürdig hergestellt oder verfallen sind, aber wir wollen Herrn Frey nicht seine Geburtstagslaune verderben.

5. Mitmachen und gewinnen
(sueddeutsche.de, Kathrin Hollmer)
Viele Online-Medien nutzen Online-Umfragen nicht nur zur Einholung eines Meinungsbilds, sondern um Besucher länger auf ihren Seiten zu halten. Doch die Umfragen lassen sich leicht manipulieren z.B. durch mehrfache Stimmabgabe. Die Ergebnisse sind daher nur mit Vorsicht zu genießen; ein Umstand, dem kurz vor der Bundestagswahl besondere Bedeutung zukommt. Nun hat ein Grünen-Politiker mit journalistischem Hintergrund eine Beschwerde beim Presserat eingereicht: „Ein journalistisches Umfeld erhöht die Glaubwürdigkeit von Online-Umfragen, manipulierbare Online-Umfragen allerdings gefährden die Glaubwürdigkeit des journalistischen Umfelds.“

6. Standard-Namen, Standard-Schuhe, Standard-Marotten
(dwdl.de, Jan Freitag)
Fernsehen ist eine Welt voller Klischees. Jan Freitag hat seinen Blick auf die scheinbar belanglosen Randaspekte gerichtet und auch dort viele wiederkehrende Muster ausgemacht. Von der Namensgebung, den Darstellern bis hin zu den Requisiten. (Beispiel Personenkraftwagen: „Autos sind Distinktionselemente. Da all die Neoheimatfilmcharaktere lässig sind wie Graubrot, öffnet der Heckflossenbenz in „Um Himmels Willen“ eine Klostertür zur Moderne“

Redaktioneller Hinweis: Wegen der besonderen Bedeutung des Themas folgt heute eine Spezialausgabe zum G20-Gipfel und dem Umgang mit den Medien bzw. der Medienresonanz auf die Geschehnisse.

Nach-G20-Angst, Aktion Geschäftsfreund, Grünes FDP-Foul

1. Seit ich bei #G20 war, habe ich Angst
(metronaut.de, Tim Lüddemann)
Tim Lüddemann ist ein demonstrationserprobter und erfahrener Journalist, der in den vergangenen Jahren schon allerhand erlebt hat. Doch noch nie hätte er sich im Nachgang seiner Arbeit so unwohl gefühlt, wie nach den G20-Protesten. Das läge auch am Verhalten der Polizei und des gesellschaftlichen Umgangs damit: „Ich bekomme Angst, wenn ich höre, wie die Parteienpolitik und die Zivilgesellschaft im Nachhinein über die Proteste sprechen. Die Gewalt und die Verfehlungen der Polizei werden gar nicht thematisiert. Stattdessen große Dankesbekundungen und Inschutznahme vor jeglicher Kritik. Die Polizei ist keine unfehlbare Kraft und in einem Rechtsstaat und in einer Demokratie sollte ihr Handeln kritisch begleitet werden. Nur in autoritären Regimen werden Sicherheitskräfte kritiklos gewürdigt und nicht hinterfragt.“

2. Streit um Akten in Privatarchiven
(taz.de, Christian Rath)
Ein spannender Fall: Die Journalistin Gaby Weber recherchiert seit Jahren über die „Aktion Geschäftsfreund“. Dahinter steckt ein geheimer 630-Millionen-DM-Kredit, mit dem die Bundesrepublik in den 1960er Jahren das israelische Atomwaffenprogramm in der Wüste Negev finanzierte. Die Recherche gestaltet sich jedoch schwierig, denn die Akten dazu stehen nicht, wie vorgesehen, im Bundesarchiv, sondern wanderten nach dem Tod der beiden Drahtzieher der Aktion zur CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung und dem Historischen Institut der Deutschen Bank. Weil man sich dort wenig bis gar nicht auskunftsfreudig zeigt, hat Gaby Weber gegen die Bundesrepublik geklagt: Das Bundesarchiv möge auf Herausgabe der staatlichen Unterlagen bestehen. Das Verfassungsgericht macht ihr nun Hoffnung, auch wenn es wohl noch Jahre bis zu einer endgültigen Klärung dauern wird.

3. «Gut gemeinter Journalismus ist schlecht für die Welt»
(handelszeitung.ch, Urs Paul Engeler)
Der Schweizer Journalist Urs Paul Engeler kann dem „Impact Journalism“, bei dem es um „positiven“ lösungsorientierten Journalismus geht, nicht viel abgewinnen „Zuviel des Guten ist Kitsch. Denn das universelle «Gute», das für alle nur gut ist, gibt es gar nicht, weder individuell noch gesellschaftlich noch wirtschaftlich noch politisch. Real sind einzig (naturgemäß gegenläufige) Interessen, Wettbewerbe, ja Kämpfe. Was dem Schweizer Röntgenkonstrukteur oder dem Eschenzer Campingwirt nützt, schadet ihren Konkurrenten. Was dem israelischen Reporter gut erscheint, bekämpft sein palästinensischer Kollege.“

4. Wie sich Ungarns freie Presse gegen Orbán wehrt
(de.ejo-online.eu, Andreas Neukam & Lukas Dirscherl)
Seit Viktor Orbán im Herbst 2010 in Ungarn regiert, sieht es schlecht aus um die Pressefreiheit. Wenige Monate nach seinem Wahlsieg richtete er eine staatliche Medienbehörde ein, die die Presse drangsalieren und gängeln kann. Die öffentlich-rechtlichen Medien sind seitdem durch ein restriktives Mediengesetz quasi gleichgeschaltet. Bei privaten Medien setzt man auf eine andere Strategie und lässt sie oft von regierungsnahen Eigentümern aufkaufen. Die wenigen unerschrockenen unabhängigen Medienmacher und Journalisten müssen neue Wege finden, sich zu artikulieren.

5. Christian Jakubetz: „Wann man die Berichterstattung beenden und dafür gute Kumpels spielen sollte
(kress.de, Christian Jakubetz)
In Fachkreisen ist bekannt, dass der ehemalige „Bild“-Chef Kai Diekmann und der jüngst verstorbene Ex-Bundeskanzler Kohl eng miteinander befreundet waren. Das wirft die allgemeine Frage auf, wie nah sich Politiker und Journalisten sein dürfen. Ein von Sympathie getragener Umgang sei möglich. Bei allem, was darüberhinausgehe, werde es schwierig, so der Publizist Christian Jakubetz: „Freundschaft allerdings macht Journalismus unmöglich. Wenn man also tatsächlich mit einem Politiker oder einem Wirtschaftsboss befreundet sein will, bleibt leider nichts anderes übrig: Berichterstattung beenden und dafür dann gute Kumpels spielen.“

6. „Ein Foul der Grünen“
(faktenfinder.tagesschau.de, Kristin Becker & Verena Stöckigt)
Die Grünen haben in den sozialen Medien von ihnen nachlayoutete FDP-Plakate mit untergeschobenen, falschen Zitaten veröffentlicht. Darüber entbrennt nun ein Streit. Die FDP spricht von einem Foul, ein Experte warnt vor Desinformation: „Wenn im Wahlkampf Positionen der Mitbewerber verzerrt dargestellt werden, ist das der Qualität des demokratischen Wettbewerbs nicht zuträglich.“ Neben den ethischen Fragen, gibt es aber auch eine rechtliche Komponente. Die FDP wolle jedoch nicht rechtlich gegen die gefälschten Wahlplakate vorgehen.

Glasklare Wahrheiten, Hämisches Gelächter, Ruhmloser Böhmibesuch

1. G20-Akkreditierungen: Stellungnahmen von BKA und Bundespresseamt sind unzureichend und stigmatisierend
(netzwerkrecherche.org)
„Netzwerk Recherche“ hat einen Übersichtsartikel zum Thema der entzogenen G20-Akkreditierungen verfasst: „Mehrere Tage haben das Bundespresseamt und das Bundeskriminalamt nun gebraucht, um sich zum Entzug von Akkreditierungen während des G20-Gipfels zu erklären. Doch die beiden Stellungnahmen werfen erst recht Fragen auf. Denn sie beantworten nicht, warum einigen Kolleginnen und Kollegen plötzlich ihre Akkreditierungen entzogen wurden. Viel schlimmer: Sie stigmatisieren die Journalistinnen und Journalisten pauschal als Sicherheitsrisiko.“ Julia Stein, die erste Vorsitzende des „Netzwerk Recherche“, kritisiert insbesondere das Verhalten des Regierungssprechers: „Seiberts Stellungnahme enthält nicht den Hauch des Bedauerns zu diesem rücksichtslosen Vorgehen, das ist sehr enttäuschend“
PS: Tilo Jung hat einen Video-Zusammenschnitt (3:50 Min.) mit den „glasklaren Wahrheiten“ von Regierungssprecher Seibert veröffentlicht.

2. Hämisches Gelächter
(correctiv.org, Rupp Doinet)
Immer mehr Online-Medien schränken die freie Kommentarfunktion ein, weil sie sich eine personalintensive Moderation nicht leisten können. Als der „Münchner Merkur“ online vom Tod eines Asylbewerbers berichtete, der im Freibad ertrunken war, gingen innerhalb von 24 Stunden an die 200 Hasskommentare oder rassistische Postings ein. Der „Münchner Merkur“ kapitulierte und schloss den freien Kommentarbereich unter dem Bericht. Andere Medien reagieren ähnlich und bieten nur unter ausgewählten Artikeln die Möglichkeit zum Kommentieren an.

3. Mein wenig ruhmreicher Auftritt bei Böhmermann
(jetzt.de, Johanna Maria Knothe)
Fernsehmacherin Johanna Maria Knothe erzählt von ihrem Besuch bei Jan Böhmermanns Sendung „Neo Magazin Royale“. Ihr Auftritt verlief nicht so „ruhmreich“ wie sie es sich selbst gewünscht hätte. In einem Artikel des Frauen-Onlineportals „Edition F“ sei das Ganze hinterher sogar als enttäuschend und sexistisch beschrieben worden. Johanna Maria Knothe rekapituliert das Geschehen und kommt bald zur Frage, warum deutlich weniger Frauen als Männer im Fernsehen präsent sind.

4. Der Mr Snapchat des 20-fachen Schweizer Meisters
(20min.ch, Adrian Hunziker)
Simon Walter ist der Social-Media-Manager des FC Basel 1893 und betreut alle Kanäle des 20-fachen Schweizer Meisters. Zusammen mit seinem Kollegen versorgt er die mehr als zwei Millionen Fans des Vereins mit Infos, Bildern und Videos. „20 Minuten“ hat dem Social-Media-Mann an einem Spieltag der vergangenen Spielzeit über die Schultern geschaut.

5. Grundlos gelöscht – und dann?
(taz.de, Christian Rath)
Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz (NetzDG) sorgt weiter für Diskussionen. Selbst die Union fordere einen Anspruch auf Wiederherstellung zu Unrecht gelöschter Äußerungen auf Facebook. „Ein funktionierendes ‚put back-Verfahren‘ ist ein wirksames Mittel gegen ‚Overblocking‘, also gegen eine übermäßige Löschpraxis von Internetplattformen. Es dient damit der Meinungs- und Kommunikationsfreiheit im Netz und wirkt unberechtigten oder gar missbräuchlichen Beschwerden entgegen.“ Das Justizministerium will sich des Themas aber anscheinend nicht annehmen. Zumindest in dieser Legislaturperiode nicht.

6. Twitter-Nutzer verklagen Trump
(faz.net)
Der US-amerikanische Präsident Donald Trump ist bekanntermaßen ein leidenschaftlicher Twitterer. Doch so gerne und brachial er dort austeilt, so sensibel reagiert er mitunter, wenn es Gegenwind gibt. Nun haben sieben von ihm blockierte Twitter-Nutzer den amerikanischen Präsidenten verklagt. Ihr Ausschluss aus einem „öffentlichen Forum“ verstoße gegen das in der Verfassung verankerte Grundrecht auf Meinungsfreiheit.

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