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Sie lieben es!

Kiffer in der Schweiz, aufgepasst! Es gibt zwei tolle Neuigkeiten:Titelschlagzeile 1: "Bergbauern sollen Drogenhanf anbauen" - Titelschlagzeile Nr. 2: "Premium-Bruerg bei fast-Food-Kette"

Demnächst kann man sich das Zeug also frisch von der Alm holen — und den anschließenden Heißhunger gleich mit dem neuen Superburger bekämpfen.

Na gut, ob das mit den Hanf-Plänen tatsächlich was wird, sei mal dahingestellt (unterstützt wird die Idee bisher lediglich von einem „Experten“, und der hat sie selbst vorgeschlagen). Aber den Burger wird es auf jeden Fall geben, wie die Gratiszeitung „20 Minuten“ verkündet:

Seit heute hat McDonald’s eine Luxus-Linie im Angebot. Der Fast-Food-Riese will so neue Kunden fangen.

Und um den „Fast-Food-Riesen“ dabei ein wenig zu unterstützen, wird den Lesern die neue Produktpalette im Wirtschafts-Ressort ausführlich vorgestellt:

McDonald’s Schweiz betritt neue Wege und bietet dem Kunden unter dem Namen „Signature Line“ eine Premiumkarte an. Das Aushängeschild ist der Burger „The Prime“. Dieser enthält neben einer 180-Gramm-Scheibe Rindfleisch auch Berner Bergkäse, Speck, Coleslaw und Rucola. […]

Ebenfalls zur Premium-Linie gehören Chips aus Schweizer Kartoffeln (Fr. 4.50) und drei neue Salate mit Kohlstreifen, Ebly oder Kartoffeln (4.30 bis Fr. 4.90).

Zwar geht das Blatt auch auf die gepfefferten Preise ein („Diese Zutaten haben aber ihren Preis“), doch das bleibt die einzige Stelle im gesamten Text, an der zumindest ein kleiner Hauch von journalistischer Distanz zu spüren ist. Ansonsten darf die McDonald’s-Sprecherin noch erzählen, dass „grosse strukturelle Umstellungen“ nötig waren, dass die Arbeitsabläufe „im Vorfeld im McDonald’s-eigenen Innovationscenter in Chicago optimiert“ wurden und dass deshalb „keine längere Wartezeit“ für die Kunden entsteht — und das war sie auch schon, die große Titelstory der „20 Minuten“.

Die Bebilderung kommt übrigens direkt von McDonald’s selbst. Und wer jetzt glaubt, dass der Konzern auch auf andere Weise seine fettigen Finger im Spiel haben könnte, der irrt. Denn natürlich beruht der Text (wie man in der Online-Version nachlesen kann) nicht einfach nur auf PR-Material, sondern auf akribischer journalistischer Recherche:

Die 20 Minuten-Redaktion konnte den neuen Burger bereits im Vorfeld verköstigen. Das Urteil der Redakteure: „Es schmeckt.“


Mit Dank an Pascal W.

Man sollte nicht die Hälfte weglassen

Der Chef der indischen Bundespolizei steht derzeit massiv in der Kritik. Auf einer Konferenz hatte er seine Haltung gegenüber Sportwetten zum Ausdruck bringen wollen: Diese sollten legalisiert werden, weil ein Verbot schwer durchzusetzen sei.

Seine Wortwahl war allerdings völlig daneben:

Wenn man das Verbot von Sportwetten nicht durchsetzen kann, ist es, als würde man sagen: „Wenn man eine Vergewaltigung nicht verhindern kann, sollte man sie genießen“.

(Übersetzung von uns.)

Ohne Frage ein wirklich dummer Vergleich.

Aber mit Dummheit kennen sich deutschsprachige Medien ja aus. Und so wurde aus dem Zitat heute das hier:

„Focus Online“:
Skandal-Aussage entsetzt indien - Indischer Polizei-Chef rät, Vergewaltigungen zu genießen

Augsburger-allgemeine.de:Polizeichef: "Vergewaltigung sollte man genießen"

Heute.at:Welle der Empörung in Indien - Polizeichef: "Man soll Vergewaltigung genießen"

Hna.de:Abscheulicher Kommentar von Polizeichef: "Vergewaltigungsopfer sollten es genießen"

Bild.de:INDISCHER POLIZEICHEF KOMPLETT IRRE - "Vergewaltigungen sollte man genießen"

20min.ch:INDIENS POLIZEICHEF - "Man sollte die Vergewaltigung genießen"

Welt.de:Indien - Polizeichef rät dazu, "Vergewaltigung zu genießen"

Kurier.at:Polizeichef rät: "Vergewaltigung genießen"

T-online.de:Empörung in Indien - Polizeichef empfiehlt: Vergewaltigun "ruhig genießen"

Dass damit die Aussage des Polizeichefs ziemlich verzerrt wird, hat bislang nur „RP Online“ gemerkt – und die Überschrift transparent in „Polizeichef sorgt mit Vergewaltigungs-Vergleich für Proteste“ umgeändert.

Mit Dank an Marc B.

Nachtrag, 19.45 Uhr: Bild.de, Welt.de, Hna.de und „Focus Online“ haben ihre Überschriften geändert.

Nachtrag, 14. November: Bis auf Heute.at haben sich jetzt auch die anderen Medien mehr oder weniger korrigiert.

Woher die Kriminalität kommt

In Zürich stehen neun junge Männer vor Gericht, die im Frühjahr 2011 insgesamt 32 Raubüberfälle auf offener Strasse verübt haben sollen.

Das Schweizer Gratisblatt „20 Minuten“ schildert die Atmosphäre im Gerichtssaal auf seiner Website so:

Die Hälfte der weitgehend geständigen Täter sind Schweizer Staatsangehörige. Dennoch wähnte man sich im Gerichtssaal an einer Versammlung der UNO.

So stammten selbst die eingebürgerten und vorwiegend in Zürich wohnhaften Beschuldigten ursprünglich aus Ostafrika, Sri Lanka oder der Türkei. Sämtliche Beschuldigten sind Gelegenheitsarbeiter, werden vom Sozialamt unterstützt oder erhalten eine Invalidenrente. Kein Wunder, dass die Angehörigen dieser verlorenen Generation akuten Geldmangel als Tatmotiv angaben. Für den Chef gehörten auch das Herumhängen auf der Gasse sowie der Konsum von Alkohol und Marihuana dazu.

Mit Dank an Thomas R.

Nachtrag, 31. Januar: 20min.ch hat die Textstelle unauffällig überarbeitet. Sie lautet nun:

Die Hälfte der weitgehend geständigen Täter sind Schweizer Staatsangehörige. Doch die vorwiegend in Zürich wohnhaften Beschuldigten stammen ursprünglich aus Ostafrika, Sri Lanka oder der Türkei.

Sämtliche Beschuldigten sind Gelegenheitsarbeiter, werden vom Sozialamt unterstützt oder erhalten eine IV-Rente. Als Tatmotiv gaben die Angehörigen dieser verlorenen Generation akuten Geldmangel an. Für den Chef gehörten auch das Herumhängen auf der Gasse sowie der Konsum von Alkohol und Marihuana dazu.

2. Nachtrag/Korrektur: War gar nicht „unauffällig“: Im Artikel prangt ein Kasten:

Anmerkung der Redaktion, 31. Januar 2013: Gegenüber der ersten Version dieses Artikels wurde die Tonalität angepasst.

20min.ch, Bild.de  etc.

Medien im Drogenrausch

Vielleicht haben Sie Ende Mai diese Geschichte mitbekommen: Ein Mann namens Rudy Eugene hatte in Miami, Florida einen Obdachlosen angefallen und dessen Gesicht zerbissen. Eugene wurde von der Polizei erschossen, sein Opfer überlebte schwer verletzt.

Nachdem Bild.de in einem ersten Artikel vom 28. Mai berichtet hatte, der Täter „soll möglicherweise unter Drogen gestanden haben“, wusste das Portal einen Tag später schon mehr:

POLIZEI ERSCHIESST MENSCHENFRESSER: Der Kannibale rastete im LSD-Rausch aus. ER WAR NACKT, KNURRTE, ASS NASE UND AUGE

Ein nackter Mann, der einem anderen das Gesicht abkaut – das war kein Horror-Film, das war Miami (USA)! Ein Polizist entdeckte den Nackten, der über einen anderen herfiel und erschoss den Kannibalen. Jetzt kommt heraus: Der Menschenfresser war wohl auf einem schlimmen LSD-Trip.

Bild.de hatte eine glaubwürdige Quelle für diese These:

Nach Ansicht der Polizei von Miami könnte der Anfall von Kannibalismus durch eine Überdosis einer neuen Form von LSD ausgelöst worden sein.

„Wenn wir es mit nackten, gewalttätigen Menschen zu tun haben, deutet das meist auf ein Delirium hin, das durch Drogen ausgelöst wurde“, sagt Armando Aguilar. „Wir kennen bereits drei oder vier Fälle, in denen sich Menschen ähnlich benommen haben. Sie alle haben zugegeben, LSD genommen zu haben.“ [...]

Warum waren die Männer nackt? Aguilar vermutet den Grund ebenfalls in der neuen Form von LSD, bekannt als „bath salts“ („Badesalz“). Die Droge erhöht die Körpertemperatur der Süchtigen so weit, dass ihre Organe förmlich von innen verbrennen. Verstand und Schmerzempfinden werden ausgeschaltet.

Am 30. Mai war die Theorie bei der „B.Z.“ schon Fakt:

Experten gehen davon aus, dass der polizeibekannte Kleinkriminelle unter einer Drogen-Psychose litt. Dabei haben Süchtige das Gefühl, sie würden innerlich verbrennen und werden wahnsinnig. Eugene hatte LSD genommen.

Der „Berliner Kurier“ und der „Kölner Express“ berichteten am 10. Juni:

Wer sie konsumiert, schwebt über den Wolken und nennt sie „Cloud Nine“ oder das „Neue LSD“. In den USA sorgt eine neuartige Droge für Aufsehen. Wer sie einnimmt, verfällt in ein aggressives Delirium, greift Menschen an und frisst ihr Fleisch.

Nach grausigen Kannibalismus-Attacken in Miami warnt die Polizei im US-Staat Florida vor der Zombie-Droge. Unter dem Einfluss des Rauschmittels „Cloud Nine“ (etwa „siebter Himmel“) können Menschen tierische Verhaltensweisen an den Tag legen – und andere Menschen anfallen. Die Polizei von Miami rief die Anwohner auf, sofort den Notruf zu wählen, wenn jemand vergleichbare Symptome zeigt.

Ende Mai erschoss die Polizei in Miami einen Mann, der nackt am Rande einer Schnellstraße das Gesicht eines Obdachlosen zerfleischte.

Und die „Berliner Zeitung“ schrieb am 14. Juni über „eine Serie grausamer Verbrechen in den USA“, die „dem Konsum einer Billigdroge zugeschrieben“ wird:

Ende Mai fiel in Miami ein nackter Mann über einen Obdachlosen her. Der Täter fraß seinem Opfer wie ein tollwütiger Hund das Gesicht von den Knochen. 18 Minuten lang dauerte die Horrorszene, bis Polizisten den Kannibalen erschossen und den entstellten sowie lebensgefährlich verletzten Obdachlosen ins Krankenhaus bringen konnten. Der Täter, ein 31 Jahre alter Mann namens Rudy Eugene, hatte offenbar unter dem Einfluss der Droge „Bath-Salt“, zu deutsch Badesalz, gestanden.

Ebenfalls am 14. Juni berichtete „Bild“ in der Printausgabe:

Sein Gesicht ist entstellt. Statt Nase und Stirn hat Ronald Poppo (65) nur noch eine einzige Riesennarbe. Ein Kannibale hat ihm ins Gesicht gebissen. Rudy Eugene (+ 31) hatte den Obdachlosen im LSD-Rausch angegriffen. Polizisten retteten Poppo, erschossen den sogenannten "Miami-Kannibalen". Seit der Attacke wird Poppo in einer Spezialklinik behandelt. "50 Prozent des Gesichts sind weg", sagt Chirurgin Wrood Kassira. Aber: Mit viel Mühe hat das Kannibalen-Opfer inzwischen wieder sprechen gelernt. Erschossen: Rudy Eugene (+ 31) Kannibalen-Opfer Ronald Poppo (65) wird von einer Pflegerin gestützt.

Tja.

Vielleicht haben Sie Ende Juni auch diese Geschichte mitbekommen:

Ein Gerichtsmediziner in Florida sagt, dass nur Marihuana im Blutkreislauf eines Mannes aus Florida gefunden wurde, der erschossen worden war, während er am Gesicht eines anderen Mannes nagte.

Der Gerichtsmediziner von Miami-Dade County veröffentlichte am Dienstag die toxikologischen Befunde des 31-jährigen Rudy Eugene. Die Laborergebnisse fanden Marihuana in seinem Blutkreislauf, aber keine anderen Straßendrogen, Alkohol oder verschreibungspflichtige Medikamente.

(Übersetzung von uns.)

Zugegeben, das ist unrealistisch, denn die neuerliche Entwicklung blieb von den deutschen Medien weitgehend unbeachtet.

Als Bild.de Anfang August über ein Interview berichtete, dass das Rudy Eugenes Opfer gegeben hatte, wählte die Redaktion diese Einleitung:

Es war eine Tat, die an Grausamkeit kaum zu übertreffen ist: Im LSD-Wahn stürmte Rudy Eugene in Miami auf einen Obdachlosen, riss ihn zu Boden und aß sein Gesicht auf!

(Die Behauptung, Eugene habe das Gesicht des Mannes „aufgegessen“ ist übrigens auch kaum haltbar: In seinem Magen fand man kein menschliches Fleisch.)

Der Mann, der mit Marihuana im Blut einen anderen Mann angefallen hatte, ist für deutschsprachige Medien zum mahnenden Beispiel für das geworden, was synthetische Drogen anrichten können.

Das Internetportal der Schweizer Gratiszeitung „20 Minuten“ leitet seine Artikel über „Badesalz“ jedenfalls gerne so ein:

Der Fall von Rudy Eugene, der im Mai in Miami einem Obdachlosen teile des Gesichts wegfrass, machte weltweit auf die neuartige Droge Badesalz aufmerksam: Eugene soll im Drogenrausch durchgedreht haben. Weitere erschreckenden Berichte von Konsumenten, die sich selbst verstümmeln, brachte Badesalz den Namen „Zombie-Droge“ ein.

(9. August 2012)

Im Mai frass Rudy Eugene einem Obdachlosen Teile des Gesichtes weg und machte dadurch weltweit auf die Droge „Badesalz“ oder Mephedron aufmerksam. Offenbar drehte Eugene im Drogenrausch durch.

(29. August 2012)

Mit Dank an Miriam K.

Wegen 99 Luftballons

Wir müssen noch mal auf die Art zurückkommen, wie die Schweizer Nachrichtenseite 20min.ch über das angeblich von der EU verhängte Luftballonaufblasverbot für Kinder berichtet hat:

Die EU macht auf Spassbremse. Sicherheitsbestimmungen verlangen, dass Luftballone nur noch mit folgendem Warnhinweis verkauft werden dürfen: Ballone sollten von Kindern unter acht Jahren nur unter Aufsicht der Eltern aufgeblasen werden.

Das Foto, das symbolisieren soll, wie die EU Kinder zum Weinen bringt, findet sich unter anderem im Bilderpool der Nachrichtenagentur Reuters und ist auch auf flickr zu finden:

Palestinian gril Ayat

In der Beschreibung der einen Tag nach Ende des Gazakrieges entstandenen Aufnahme heißt es:

Das palästinensische Mädchen Ayat (10) weint (…), nachdem es erfahren hat, dass sein Onkel Billal Nabham, der zuvor 20 Tage vermisst wurde, tot unter den Trümmern eines Hauses (…) gefunden wurde. (…)

(Übersetzung von uns.)

Mit Dank an Niklas R.

Nachtrag, 19:49 Uhr: 20min.ch hat das Bild kommentarlos durch ein anderes ersetzt.

2. Nachtrag, 19. Oktober: 20min.ch erklärt das Bilderchaos nun doch in einem Kasten neben dem Artikel und entschuldigt sich:

Ungeeignetes Symbolbild

Der vorliegende Artikel war ursprünglich mit einem anderen Symbolbild illustriert, auf dem ein weinendes Mädchen zu sehen war. 20 Minuten Online hat das Foto nun nach einem Hinweis auf Bildblog.de ersetzt, weil es in der Tat aus einem anderen Kontext stammt: Es zeigt ein palästinensisches Mädchen, das um seinen im Gazakrieg umgekommenen Onkel trauert.
20 Minuten Online entschuldigt sich für die Verwendung des deplatzierten Symbolbilds.

Ganz schön aufgeblasen

Mit einigen Themen lässt sich besonders schön Empörung erzielen: Dazu gehören beispielsweise die sprichwörtliche Regulierungswut bürokratischer EU-Behörden oder Grausamkeiten jeglicher Art gegen arme, unschuldige Kinder.

Insofern war das ein echter Knaller, was britische Medien wie „Daily Mail“, „The Telegraph“ und „Daily Express“ vergangene Woche zu melden hatten. Sie behaupteten, die EU wolle Kindern allen Ernstes das Aufblasen von Luftballons verbieten:

Brussels bans toys: Party blowers and other stocking fillers are barred in EU safety edict (and prices are set to rise for Christmas)

Children to be banned from blowing up balloons, under EU safety rules

NOW EURO KILLJOYS BAN CHILDREN

Man stelle sich das vor: Klein-Justin-Sören will einen Luftballon aufblasen, schon treten fünf EU-Kommissare die Wohnungstür ein, nehmen den Übeltäter fest und sperren ihn bei Wasser und Brot in den Brüsseler Hungerturm. Oder ist alles ganz anders?

Nun, wahr ist, dass es tatsächlich eine neue Richtlinie gibt, deren Erläuterung in ihrer ganzen 164-seitigen Pracht bereits seit Monaten einsehbar ist. Warum die Medien jetzt erst darauf aufmerksam wurden ist unklar, denn die Richtlinie ist bereits seit 20. Juli 2009 in Kraft und seit 20. Juli 2011 auch umzusetzen. Das angebliche Luftballon-Aufblas-Verbot wird im folgenden Satz erklärt:

Ballons aus Latex müssen mit einem Warnhinweis versehen sein, dass Kinder unter 8 Jahren beaufsichtigt werden müssen und defekte Ballons zu entsorgen sind.

Wie auch das englische Watchblog „Tabloid Watch“ festgestellt hat, geht es also keineswegs um ein Verbot, sondern lediglich um einen Warnhinweis auf der Verpackung, wie er seit Jahrzehnten auf Kinderspielzeug üblich ist. Man denke an Klassiker wie „Nicht für Kinder unter 3 Jahren geeignet“ oder „Enthält Kleinteile: Erstickungsgefahr“. Solche Hinweise können Eltern beachten oder ignorieren. Rechtliche Konsequenzen haben sie nicht.

Und so ist es auch kein Wunder, dass sich die EU genötigt fühlte, dies klarzustellen:

Kinder unter acht Jahren dürfen weiterhin ohne Aufsicht von Erwachsenen Luftballons aufblasen – das hat die EU-Kommission klargestellt. Anderslautende Medienberichte seien falsch, erklärte die Brüsseler Behörde am Donnerstag und fügte hinzu: „Die EU verbietet Kindern NICHT das Aufblasen von Ballons.“

Eine neue Richtlinie für die Sicherheit von Spielzeug aus dem Sommer nehme lediglich eine seit 1998 geltende Bestimmung wieder auf: Danach müssen Latex-Ballons die Warnung tragen, dass Kinder jünger als acht Jahre unaufgeblasene oder kaputte Ballons verschlucken und daran ersticken können. Die Aufsicht von Erwachsenen werde daher empfohlen.

Sie fragen sich, warum die EU sich die Mühe gemacht hat, diese Richtigstellung auch auf Deutsch publik zu machen, obwohl doch englische Medien einem Irrtum erlegen waren? Das liegt daran, dass einigen deutschsprachigen Medien keine Nachricht aus England zu blöd ist, um sie nicht unreflektiert weiterzuverbreiten.

Bild.de:

Für Kleinkinder EU plant Aufblas-Verbot für Luftballons

Mal wieder ein echter Knaller aus Brüssel!

Jetzt wollen die Eurokraten auch das Aufblasen von Luftballons regeln.

oe24.at:

13. Oktober 2011 08:30 Für Kinder unter 8 EU verbietet Luftballon-Aufblasen Verordnung aus Brüssel, weil die Gefahr zu groß ist, dass ein Kind erstickt

Die Nachricht aus der englischen Zeitung Telegraph wird Kinder nicht freuen: Eine EU-Verordnung besagt, dass es unter Achtjährigen verboten ist, alleine Luftballons aufzublasen. Begründung: Die Kids könnten ersticken.

Der Hauptpreis geht jedoch an „20 Minuten Online“, wo von der Überschrift bis hin zum Symbolbild einfach alles zusammenpasst:

Die EU macht auf Spassbremse. Sicherheitsbestimmungen verlangen, dass Luftballone nur noch mit folgendem Warnhinweis verkauft werden dürfen: Ballone sollten von Kindern unter acht Jahren nur unter Aufsicht der Eltern aufgeblasen werden.

Mit Dank an Lutz K.

Korrektur, 10.13 Uhr: Ein Leser hat uns darauf hingewiesen, dass die „neue“ Richtlinie sogar schon seit dem 20. Juli 2009 in Kraft ist, wobei die nationalen Umsetzungsvorschriften tatsächlich erst seit 20. Juli 2011 anzuwenden sind. Außerdem handelt es sich bei dem von uns zitierten Dokument nicht um die eigentliche Richtlinie, sondern um ihre Erläuterung. Die betreffenden Stellen wurde nachträglich korrigiert.

Wer hat die dümmsten Redakteure?

Das Sommerloch macht es schwer, journalistische Angebote zu füllen. Die Parlamente machen Ferien, im Fernsehen kommen nur Wiederholungen und falls man doch Mal recherchieren will, hört man am anderen Ende der Leitung all zu oft: „Ihr Ansprechpartner ist leider im Urlaub“.

Also muss man den Bodensatz der Pressemitteilungen durchwühlen. Am Besten sind Geschichten, die sich gut anhören, bei denen es aber egal ist, ob sie nun wahr sind oder nicht. Beispielsweise: „Schwangere mögen Sellerie lieber als Saure Gurken“. Oder: „Im Fernsehen kommen nur Wiederholungen„. Oder zur Abwechslung etwas Neues: Der Web-Browser ist mit der Intelligenz verknüpft. Klingt abwegig, banal, irgendwie doof? Egal, es füllt Platz:

Bei „Welt kompakt“:

Browser-Test: Opera-User sind am schlauesten

Bei Krone.at:

Nutzer des Internet Explorer sind am dümmsten

Bei „20 Minuten“:

Bei Bild.de:

Dass niemand zuvor von der ominösen Marktforschungsfirma gehört hatte — egal. Dass die Abweichungen von über 40 IQ-Punkten enorm hoch sind und Nutzer des Internet Explorer 6 mit knapp über 80 IQ-Punkten im Schnitt nur wenig besser abschneiden als Forrest Gump — kein Problem. Schließlich sind in der Studie bunte Grafiken und gewichtig klingende Fachbegriffe wie „WISC-iV“, „Verbal IQ“ und „Full Scale IQ“.

Dumm nur: nichts davon stimmt. Die BBC, die die Story zunächst auch verbreitet hatte, hat doch noch einmal nachgefragt und die Geschichte als „Bogus“ entlarvt: Unter der angegebenen Telefonnummer meldet sich niemand, die Webseite der angeblich seit fünf Jahre existierenden Firma ist brandneu und aus anderen Webseiten zusammen gestückelt und ein Statistikforscher an der Universität Cambridge findet die publizierten Zahlen unplausibel.

Kurz gesagt: Studie samt Firma sind offenbar Produkt von Witzbolden, die sich über Nutzer des Internet Explorer lustig machen wollten. Das stellt die hiesigen Medien vor ein Problem: Die Spielverderber von der BBC können schließlich nicht ganz ignoriert werden.

Bild.de gibt sich humorvoll:

Und ergänzt:

Wie Kollegen von Computerbild.de jetzt herausfanden, existierte die Kanadische Beraterfirma AptiQuant nicht einmal.

Doch die Kollegen behaupten nicht einmal selbst, es herausgefunden zu haben: Sie beziehen sich bei ihrer Korrektur ausdrücklich auf die BBC.

Frau vergiftet Schlange

Die Geschichte des Verhältnisses zwischen Frau und Schlange ist eine Geschichte voller Missverständnisse.

Diesmal begann alles damit, dass das israelische Model Orit Fox bei einem Fotoshooting mit einer (ungiftigen) Boa Constrictor posierte und von dem nicht eben begeisterten Reptil in die chirurgisch optimierte Oberweite gebissen wurde. Das dazugehörige Video lässt da übrigens noch keine Missverständnisse zu:

Der zweite Teil der Geschichte klingt jedoch noch spektakulärer: Angeblich soll die Schlange bald darauf an einer Silikonvergiftung gestorben sein.

Da einer alten Journalistenregel zufolge „Schlange vergiftet Frau“ keine Nachricht ist, „Frau vergiftet Schlange“ aber sehr wohl, rauschte die Nachricht vom Silikontod einmal quer durchs Internet und wurde von Online-Medien weltweit aufgegriffen. Da man sich dabei immer munter aufeinander berief, dürfte es kaum mehr möglich sein, herauszufinden, welche Zeitung die Nachricht zuerst adelte.

Im deutschsprachigen Raum etwa berichteten unter anderem Bild.de („Gerüchten im Netz zufolge“), „Merkur Online“, express.de, 20min.ch („Wie die belgische Zeitung ‘Gazet Van Antwerpen’ berichtet“) und blick.ch („wie jetzt der spanische TV-Kanal ‘Telecinco’ [...] berichtet“) von diesem weltbewegende Ereignis.

Die vergiftete Schlange machte immer noch fleißig die Runde, als das amerikanische Blog „The Daily What“ die Hintergründe der Geschichte genauer beleuchtete: Demnach nahm das Unheil am 3. März seinen Lauf, als die auf Celebrity-Gerüchte spezialisierte Webseite „Oh No They Didn’t“ das ursprüngliche YouTube-Video vom Schlangenbiss veröffentlichte und der Autor mit dem Nickname „nappyxheadedxho“ neben einigen dürren Bemerkungen hinzufügte:

The snake later died from silicone poisoning.

Noch am selben Tag fragte ein Leser in den Kommentaren „Really? Poor thing.“, worauf nappyxheadedxho antwortete:

lmao I was joking!

(Ich lach mich tot – das war nur ein Witz!)

Inzwischen sind die ersten ausländischen Medien, die von der vergifteten Schlange berichtet haben, eifrig dabei, ihre Artikel zu löschen oder zu berichtigen. Mal sehen, wie lange „unsere“ dafür brauchen.

Mit Dank an miguel!

Nachtrag, 15:26 Uhr: „Merkur Online“ hat sich inzwischen für die Löschvariante entschieden, während express.de den ursprünglichen Artikel transparent korrigiert hat.

Die Gerüchteküchenprofis

Die Website der Schweizer Gratiszeitung „20 min“ zeigt eindrucksvoll, wie man Gerüchte in Umlauf bringt. Auch solche, die es bisher noch gar nicht gegeben hat:
Gerüchte, einzelne Fans würden Anzeige gegen die Securitys erstatten, wollte niemand bestätigen. Bisher gab es auch keine solchen.

Mit Dank an Christoph W.

Nachtrag, 12.30 Uhr: Unser Leser Simon K. hat eine plausible Erklärung für den merkwürdig erscheinenden Nachsatz gefunden: Das Demonstrativpronomen „solchen“ bezieht sich demnach nicht auf die Gerüchte, sondern auf die Anzeigen. Insofern hätte 20min.ch nur unglücklich formuliert.

Die Fastronautin

Barbara Burtscher ist Physiklehrerin an der Kantonsschule in Wattwil.

Im Juli 2009 flog sie nach Huntsville, Alabama, um dort „4 Wochen lang im Nasa Education Center und U.S. Space & Rocket Center Lehrer auszubilden und meine Live Sternenhimmel Show zu präsentieren“ – sie berichtete in ihrem Blog. Mit „Nasa Education Center“ ist das „NASA Marshall Space Flight Center Educator Resource Center“ gemeint. Es befindet sich im U.S. Space & Rocket Center, einem Museum.

Im November und Dezember 2009 war sie einige Tage als „Crew Astrophysicist“ in der „Mars Desert Research Station“ im US-Bundesstaat Utah, worüber sie ausführlich bloggte. Im Wikipedia-Artikel zur Mars Desert Research Station wird darauf hingewiesen, dass Crewmitglieder keine Bezahlung erhalten, aber dafür wertvolle Erfahrungen. Im Anmeldeformular heißt es:

Every participant is expected to pay $1,000 to cover the costs of the 2-week simulation.

(Jeder Teilnehmer muss 1000 Dollar bezahlen, um die Kosten der zweiwöchigen Simulation zu decken.)

Am 25. April 2010 sprang Burtscher über Whiteville, Tennesse, aus dem Flugzeug. Aus rund 10.000 Metern Höhe. Diese zum Beispiel hier angebotenen Sprünge kosten zwischen 375 und 3495 US-Dollar. Auch davon zeugen mehrere Blogeinträge (und Berichte auf 20min.ch und tagblatt.ch).

Und nun ein Blick in die Schweizer Medien.

„Schweizer Illustrierte“ vom 10. August 2009:

Auf dem Weg zum Mond

„Die Schweizerin Barbara Burtscher darf jetzt für die Nasa arbeiten“

„Schweizer Illustrierte“ vom 14. Dezember 2009:

Unsere Frau auf dem Mars

„Diese Toggenburgerin hat grosse Chancen, Nasa-Astronautin zu werden und auf den Mars zu fliegen.“

20min.ch vom 1. November 2009 (berichtigt am 18. August 2010):

Erste Schweizerin lebt bald in der Mars-Station

„Die junge Schweizer Astrophysikerin Barbara Burtscher wird in der Mars-Station der Nasa leben – als erste Schweizerin überhaupt.“

Blick.ch vom 2. November 2009:

Schweizerin trainiert Marslandung für Nasa

„Barbara Burtscher (24) ist Toggenburgerin, Astrophysikerin – und steht schon mit einem Bein auf dem Mars.“ (…)

„Kantonschullehrerin Barbara Burtscher (24) ist auf dem besten Weg, Astronautin zu werden“ (…)

„Offenbar ist den Amis aufgefallen, dass da im St. Gallischen ein Raumfahrer-Talent herangewachsen ist.“

Ihre durch die Artikel gewonnene Bekanntheit führte auch zu Einladungen des Schweizer Fernsehens. So war sie am 17. Juni 2010 Talk-Gast bei „Aeschbacher“ und zuvor, am 20. Februar 2010, durfte sie in der Kartenspielsendung „Samschtig-Jass“ mitspielen. Auf der Website wurde sie als „Astronautin“ angekündigt:

Bevor die Astronautin Barbara Burtscher auf die Reise zum Mond oder gar Mars startet, versucht sie sich heute im irdischen Differenzler.

Aktuell steht Barbara Burtscher im Mittelpunkt einer Debatte, die der Artikel „Die eingebildete Astronautin“ im „Tages-Anzeiger“ ausgelöst hat (der zuvor selbst dreimal über Burtscher berichtet hatte, ohne die Hintergründe zu recherchieren).

Gegen den im Artikel verwendeten Begriff „Hochstaplerin“ wehrt sich die Angegriffene in einer Stellungnahme. Auf der Empfangsseite von barbaraburtscher.com heißt es derzeit:

Ich habe mich nie als „Nasa-Astronautin“ ausgegeben, wie gewisse Medien jetzt suggerieren wollen. Klar, ich bin begeistert von meiner Sache, die ich stets offen hier dokumentiert habe. Gut möglich, dass sich auch Medien von dieser Begeisterung haben anstecken lassen, was mich natürlich gefreut hat. Dabei habe ich mich stets bemüht, korrekt zu informieren. Wenn trotzdem falsche Eindrücke entstanden sind, so tut mir das leid.

Die erste Publikation mit einem kritischen Blick auf die mediale Astronautinnenkarriere war der „Tages-Anzeiger“ nicht. Ende Januar 2010 veröffentlichte das Weblog „Infamy“ zwei Beiträge und löschte sie auch gleich wieder, da sich ein Rechtsstreit mit Burtscher anzubahnen drohte.

Bis vor kurzem bezeichnete sich Barbara Burtscher auf ihrer Website als „Astrophysikerin“ – was in einigen von den bisher über 60 von ihr gesammelten Medienbeiträgen ungeprüft verbreitet wurde. Derzeit ist sie krankgeschrieben. Doch die vom Rektor der Kantonsschule Wattwil als „gute und beliebte“ Lehrerin eingeschätze Frau ist sicher bald zurück.

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