Verdient!

In ihrer „Gehälter“-Reihe veröffentlichte „Bild“ am Freitag und am Samstag eine „Gehaltsliste der Bundesliga“. Unter anderem wurden da mindestens 11 Spielern, Managern und Trainern vom FC Bayern München, 8 vom 1. FC Kaiserslautern, 5 von Borussia Dortmund, 4 vom 1. FC Nürnberg sowie je 3 vom VfL Bochum und SC Freiburg allerhand stattliche „pro Jahr“-Gehälter zugeordnet – gefolgt von einem kleingedruckten Hinweis:

* Einige Angaben geschätzt.“

Der „Bild“-Liste folgte nach Erscheinen allerdings noch etwas ganz anderes – zum Beispiel auf der Internet-Seite des FC Bayern. Nämlich dies:

„Der FC Bayern München verwehrt sich gegen Teile der (…) in der ‚Bild‘-Zeitung veröffentlichten ‚Gehaltsliste der Bundesliga‘. (…) Sämtliche der veröffentlichten Gehälter von Spielern, sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der FC Bayern München AG entsprechen nicht den Tatsachen.(…)“

Und nachdem wenig später nicht nur der 1. FCK, sondern auch die anderen o.g. Vereine halbwegs identische Erklärungen abgaben, sind bei „Bild“ mittlerweile mindestens 11* Abo-Kündigungen aus München, 8* aus Kaiserslautern, 5* aus Dortmund, 4* aus Nürnberg sowie je 3* aus Bochum und Freiburg eingegangen und allerhand* verantwortliche Redakteure rot geworden.
* Einige Angaben geschätzt.

Dank an Ralf K. und Alexander C. H. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nachtrag: Ja, wir wissen auch, dass man als Normalsterblicher die „Bild“ nicht abonnieren kann. Aber selbst wenn man es könnte, wüssten wir ja nicht, wieviele Abos gekündigt wurden. Oder?

Grundrechen-Reform?

Will „Bild“ nach der angekündigten Rückkehr zur alten Rechtschreibung nun etwa auch zur alten Grundrechenart von „1984“ zurück? Unter der Überschrift „Blutbad in Florida! 6 Leichen in Haus entdeckt“ jedenfalls berichtete bild.de am Samstagnachmittag: „6 Leichen lagen verstreut in einem Haus in Deltona – überall Blut. Sogar ein kleiner brauner Hund war getötet worden.“ Später im Text heißt es dann zackig (siehe Ausriss):
„Die Opfer: Zwei Männer und zwei Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Fünf von ihnen arbeiteten offenbar in einem Burger-King-Restaurant.“ Doch weil zwei Männer und zwei Frauen (und ein kleiner brauner Hund) irgendwie partout keine fünf Burger-King-Mitarbeiter oder gar 6 Leichen ergeben, schaut man sich das „Bild des Grauens“ (bild.de) wohl besser irgendwoanders an. Wenn’s einen denn interessiert.

Dank an Sascha K. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nachtrag 8.8.04, 13:20: Einen Tag später hat bild.de offenbar nachgerechnet und die Zahl der männlichen Opfer, wie es sich
gehört, verdoppelt.

Julia G.

Lange nichts gehört von der Tochter von Uschi Glas. Vor gut einer Woche berichtete „Bild“ in größter Aufmachung, die 17-jährige sei in eine „Drogen-Affäre“ verwickelt, wohinter sich möglicherweise das Rauchen einer Drittel Marihuana-Zigarette verbarg, möglicherweise aber auch gar nichts. Einen Tag danach fand sich der konkrete Tatvorwurf nur noch zwischen den Zeilen. Seitdem: Funkstille. Gab es Razzien? Wurden Drogen-Sümpfe trockengelegt? Sitzt sie im Knast? Darf ihre Mutter noch im Fernsehen auftreten? Wir wissen es nicht.

Eine Konkretisierung der Vorwürfe gab es nicht, zurückgenommen hat „Bild“ sie auch nicht. Eine 17-jährige Jugendliche stand halt mal einen Tag groß auf der Titelseite neben dem Wort „Drogen-Affäre“.

Im Straßenverkehr übrigens nennt man das Verhalten, wenn jemand „die erforderliche Sorgfalt gröblich, im hohen Grade außer Acht lässt“ oder „unbekümmert und leichtfertig handelt“ grob fahrlässig. Aber vielleicht gilt das ja nicht bei Boulevardzeitungen.

Kamasutra revisited

Zu den wirklich wichtigen Fragen, die „Bild“ täglich beantwortet, gehört die, welche europäische Nation am meisten Sex hat. Anscheinend liegen die Ungarn vorn. Auf Platz 8 unter den Europäern: Indien. Auf Platz 12: China. Die Neuseeländer liegen in der europäischen Sex-Rangliste auf Platz 14, noch vor Australien und Südafrika, die … äh… Wie umfassend war diese EU-Erweiterung letztens eigentlich nochmal?

Nach einem sachdienlichen Hinweis von Martin.

Nachtrag: Kurz nach Erscheinen dieses Eintrags ist bild.de plötzlich offenbar doch noch sowas wie ein Globus in die Hände gefallen.

„Die Konfusion wird größer“ (M. Döpfner)

In der heutigen Ausgabe ist der „Bild“-Zeitung offenbar ein bedauerlicher Fehler unterlaufen: Passend zur Titelstory („‚Bild‘ kehrt zurück zur alten Rechtschreibung“) druckt das Blatt auf Seite 2 einen „Protest-Brief“ zum Ausschneiden.

„(…) unterschreiben Sie den nachfolgenden Brief (schon in der alten Rechtschreibung) an die Kultusminister„,

heißt es dazu im Begleittext. „An die Kultusministerkonferenz“ steht auch über dem „Protest-Brief“. Zu schicken sei der laut „Bild“ jedoch an:
BILD – Stichwort: Rechtschreibreform
20597 Hamburg

Und das, obwohl die Zeitung – um das mal in aller Deutlichkeit zu sagen – für eine Entscheidung über die Zukunft der Rechtschreibreform gar nicht zuständig ist. Zuständig ist von Anfang an vielmehr die Kultusministerkonferenz, deren Adresse Sie ggf. hier finden.

Boenischs beste Bedingungen

Unter der Überschrift „Riesenresonanz auf Hoppegarten Renntag“ führte die „Bild“ vom Freitag im Sportteil der Berlin-Ausgabe ein Interview mit dem „Präsidenten des Union Klubs“, der die Galopprennbahn in Berlin-Hoppegarten betreibt. Der Präsident habe sich „mächtig ins Zeug gelegt„, meint „Bild“ und lobt die „starke Resonanz„, nennt’s eine „erfreuliche Tendenz„. Dann stellt das für seine knallharten Boulevardjournalismus bekannte Blatt noch schnell ein paar Fragen, die allesamt („Wie viele Zuschauer werden erwartet?“, „Hat sich Prominenz angekündigt?“, „Worauf dürfen sich die Turffreunde in diesem Jahr noch freuen?“, „Wie steht es um den publikumswirksamen Hindernissport?“, „Sie halten der Rennbahn weiterhin die Treue?“) aussehen wie abgeschrieben aus einem Galoppverlautbarungsorgan. Großzügig bebildert erstreckt sich das freundliche Entgegenkommen auf eine halbe „Bild“-Seite. „Wir bieten beste Bedingungen„, steht in großen Lettern drüber – und ebenso groß der Name „Boenisch“, denn so heißt der interviewte Mann. Es ist (aber ja doch!) derselbe Boenisch, der Boenisch, der in derselben Freitags-„Bild“ 14 Seiten vorher darauf herumreitet, dass irgendwer irgendwen „für dumm verkaufen“ wolle.

Ach ja, und fast hätten wir’s vergessen: Am Sonntag um 16.35 Uhr kämpfen in Hoppegarten elf Galopper im 6. Rennen um den „114. Großen Preis von Berlin“ – auch „‚Bild‘-Pokal“ genannt.

Ab ins Körbchen!

Auf der Startseite von bild.de steht diese Schlagzeile:

Im Ressort „Show & Promis“ erwartet den Besucher dann dies:

Tja, bei bild.de wachsen die Busen der C-Promis schneller, als man klicken kann.


Dank an Charlotte N. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

40? 80? 160?

Ein Krankenpfleger hat gestanden, in einem Krankenhaus in Sonthofen zehn schwerkranke Patienten zu Tode gespritzt zu haben. Das ist erschütternd, aber möglicherweise nicht erschütternd genug. „40 Opfer?“ fragte „Bild“ groß am Mittwoch, aber irgendwie reichte das immer noch nicht. Am Donnerstag wuchsen noch einmal die Zahl und die Größe der Überschrift. „80 Opfer?“, lautete sie nun.

Jetzt zeichnet sich ab: Der Todespfleger mit den kräftigen Händen ist der größte Massenmörder seit Kriegsende!

Exakt das hatte sich für „Bild“ schon am Tag zuvor abgezeichnet. Nach der eigenen Statistik könnte „Bild“ den Pfleger längst zum „größten Massenmörder seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts“ erklären, aber vielleicht sparen sie sich das für die nächsten Tage auf. (Mal abgesehen davon, dass in den Richtlinen des Presserates steht: „Auch wenn eine Täterschaft für die Öffentlichkeit offenkundig ist, darf der Betroffene bis zu einem Gerichtsurteil nicht als Schuldiger im Sinne eines Urteilsspruchs hingestellt werden.“)

Wie kommt „Bild“ auf die Zahlen? Das Blatt zitiert den Staatsanwalt: „Ja, wir ermitteln jetzt schon in 80 Todesfällen in diesem Krankenhaus“. Bei dpa (und den anderen Nachrichtenagenturen) liest sich das etwas anders:

Staatsanwaltschaft und Kripo hätten weiterhin keine konkreten Hinweise auf weitere Opfer des in Untersuchungshaft sitzenden Mannes, wurde am Donnerstag mitgeteilt. Die Justiz untersucht insgesamt 80 Fälle. Es handelt sich dabei um alle Frauen und Männer, die während der Dienstzeit des Pflegers starben.

Im Klartext: Die Horror-Rechnung von „Bild“ geht nur auf, wenn niemand, kein einziger Patient in diesem Krankenhaus, zwischen Mai 2003 und Juli 2004 während der Dienstzeiten des Pflegers eines natürlichen Todes gestorben wäre. Hinter die „Bild“-Frage „80 Opfer?“ kann man also – nach allem, was man weiß – getrost ein „Nein“ setzen.

Die irrsten Wörter

„Bild“ kämpft weiter gegen die „Schlechtschreibereform“. Am Mittwoch durfte Lehrerin „Martina Keßler“ aus Wiesbaden lang und breit erklären, warum sie sich weigert, ihren Schülern die neuen Regeln beizubringen bzw. sie „zur Unmündigkeit zu erziehen“.

Eines von „Keßlers“ Beispielen: „Den Unterschied zwischen ‚dass‘ und ‚das‘ beachtet kaum jemand (…)“. Und nicht nur den. So hält „Keßler“ auf dem Foto zum Artikel einen Zettel mit den „irrsten Wörtern“ der neuen Rechtschreibung hoch, auf dem auch das schöne Wörtchen „Passstrasse“ steht, das weder nach den neuen, noch nach den alten Regeln so geschrieben wird. Denn merke: nach langem Vokaaaaal folgt „ß“. Also: „Passstraße.“

Und wer sich dann noch die Mühe macht, mal ins Wiesbadener Telefonbuch zu schauen und dort nach „Martina Keßler“ zu suchen, der – findet sie auch. Unter dem Eintrag „Kessler, Martina“. Mit Doppel-„s“. Aber das mag bloß eine Verwexelung sein.

Dank an David B. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nicht achtungsvoll

Gestern versuchte sich Franz Josef Wagner in Verteidigungsminister Peter Struck „hineinzudenken“, weil über den in letzter Zeit ja immer mal wieder zu lesen war, dass es ihm nicht so gut gehe. An Strucks Stelle, so schrieb Wagner, würde er sich wegen all der Presseberichte „grauenvoll fühlen, vielleicht einen Rückfall kriegen“.

„Die Presse hat die legitime Pflicht, über die Fitness unserer Politiker zu berichten. Aber wenn ich krank bin, dann will ich hören, wie die Rosen sich öffnen, wie das Gras wächst und wie der Morgen ist. Ich will nicht in einer Zeitung lesen, dass ich tot bin. Was ich sagen will, ist, dass man mit Ihnen nicht achtungsvoll umgeht. Das deprimiert mich.“

Und? Nichts und. Wären da nicht Wagners Kollegen von Bild-T-Online, die am selben Tag auf die Idee kamen, ihre Pflicht, über die Fitness unserer Politiker zu berichten, etwas überzustrapazieren:

„Dritter Krankenhaus-Aufenthalt in diesem Jahr: Das Herz! Wie schlecht geht es [Gregor] Gysi wirklich?

Dazu, dass eine Sprecherin des Klinikums, in das sich der Politiker am Sonntag „freiwillig (…) begeben“ habe, „einen Schlaganfall oder gar einen leichten Hirninfarkt“ bei Gysi „nachdrücklich“ dementiert hat und stattdessen beteuerte, dass er „die Klinik in Kürze verlassen“ werde, fällt Bild-T-Online ein:

„Zwar haben die Ärzte mittlerweile Entwarnung gegeben. Aber die Zahl der Klinik-Aufenthalte wirft die Frage auf: Wie schlecht geht es Gysi wirklich?

Von Rosen und Gras und davon, wie der Morgen ist, steht da nichts.

Blättern:  1 ... 868 869 870 ... 878