Verstaubt

Heute müssen wir „Bild“ loben. Gestern war Sonntag, sonntags ist notorisch wenig los und das Blatt notorisch dünn besetzt, und trotzdem hat die Redaktion nicht — wie sonst gerne einmal — einfach eine Nachricht erfunden. Aber die Rubrik „Verlierer des Tages“ wollte halt gefüllt werden, und so findet sich da heute Ulrich Meyer:

Wird die „Akte 2004“ langweilig? TV-Moderator Ulrich Meyer (48) scheitert mit seiner SAT-1-Show regelmäßig an der 15-%-Hürde in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Jetzt sah sich der TV-Sender laut „kressreport“ sogar gezwungen, die Preise für die Werbung zu senken.

BILD meint: Verstaubt diese Akte?

Alles korrekt soweit, aber apropos „verstauben“: Die Meldung aus dem „kress“ ist über zwei Wochen alt. Sie stammt vom 3. September. Soviel zum Verlierer „des Tages“.

We are the champions II

Manchmal ist „Bild“ so berechenbar wie früher das „Neue Deutschland“. Dieter Stolte wird 70, und weil der ehemalige ZDF-Intendant heute Herausgeber von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ ist, die im Axel-Springer-Verlag erscheinen, der auch die „Bild“-Zeitung herausgibt, ist Dieter Stolte heute was? Richtig: Gewinner des Tages in „Bild“.

Und wir seufzen und machen einen weiteren Eintrag auf dieser Liste:

06.09.: Christian Kracht, „Der Freund“ (Axel Springer)
10.09.: „Welt kompakt“ (Axel Springer)
15.09.: „Auto Bild.de Automarkt“ (Axel Springer)
17.09.: „Welt“ (Axel Springer)
18.09.: Dieter Stolte (Axel Springer)

Langsam wär‘ mal wieder Kohl dran.

(Wird fortgesetzt.)

We are the champions

Womöglich gibt es eine Welt außerhalb des Axel Springer Verlages, und eventuell passiert dort gelegentlich sogar mal etwas, das man als Erfolg werten kann, aber bestimmt ist das alles nicht halb so toll wie das, was in den vielen schönen Pressemitteilungen des eigenen Hauses steht und woraus „Bild“ fast täglich einen „Gewinner des Tages“ für seine erste Seite kürt, allein viermal in den letzten elf Ausgaben:

06.09.: Christian Kracht, „Der Freund“ (Axel Springer)
10.09.: „Welt kompakt“ (Axel Springer)
15.09.: „Auto Bild.de Automarkt“ (Axel Springer)
17.09.: „Welt“ (Axel Springer)

Wäre es wohl zuviel verlangt, wenn einem wirklich keine anderen Gewinner mehr einfallen, die Rubrik einfach abzuschaffen oder wenigstens „In eigener Sache“ drüberzuschreiben?

(Wird fortgesetzt. Garantiert.)

Entschuldigung!

Steht da wirklich „Entschuldigung“ über dieser „Bild“-Nachricht? Ja, tatsächlich!

Und natürlich wird so was nie wieder vorkommen. Nicht wahr?

Rein gar nichts damit zu tun hat freilich diese Schlagzeile:

Nun ja, Fakt ist : Bei einer Oldtimer-Veteranenfahrt in der Nähe von Darmstadt hat ein 70-jähriger Motorradfahrer versucht, einen abbremsenden Oldtimer vor ihm zu überholen und dabei übersehen, dass dieser links abbiegen wollte. Der Motorradfahrer ist ausgewichen und hat sich daraufhin mit seinem Fahrzeug überschlagen. Sein 10-jähriger Beifahrer hat das nicht überlebt.

Von Rasen aber ist in der Polizeimeldung nicht die Rede, von einer „Rallye“ schon gar nicht.

Und „Bild“? Zeigt nicht nur das Motorrad, das im Straßengraben liegt, und neben dran die abgedeckte Leiche des Jungen. Sondern auch die „geschockte Unfallfahrerin“ (die das Unglück zwar mit verursacht, aber eigentlich keine Schuld daran hat), wie sie in ihrem Wagen von einem Psychologen betreut wird.

Ihre Augen hat „Bild“ mit einem winzigen Balken geschwärzt. Das Nummernschild ihres Wagens allerdings, ja, das ist – Entschuldigung! – gut und deutlich lesbar.

Unrealistische Schönheitsideale

Bild.de hat dann doch noch eine passende Anzeige gefunden, um seine moralische Entrüstung über die Live-Übertragung einer Brust-OP angemessen zu illustrieren:

Der Klick auf die Anzeige führt zu einem (kostenpflichtigen) „erotischen Riesenangebot“ von Beate Uhse, inklusive „kultige, große Möpsegalerien“ und „100 % pralle Milch- und Teeniebrüste“.

Allgemein  

Mein Freund Photoshop

Wir müssen etwas korrigieren. Wir haben hier den Eindruck erweckt, „Bild“ habe sich einfach mit ein Tagen Verspätung eine öffentlich zugängliche Pressemitteilung im Internet heruntergeladen, um daraus ein exklusives „Geheimpapier“ zu machen. So einfach ist die Sache natürlich nicht.

Tatsächlich muss man die öffentlich zugängliche Pressemitteilung im Internet natürlich vor der Veröffentlichung erst retouchieren. Wenn Sie bitte vergleichen mögen:

Dies ist das Originaldokument:

Und dies die „Bild“-Version des gleichen Papiers:

Interessanterweise fehlen auf dem „Geheimpapier“ von „Bild“ zwei Details: Die Überschrift „TELEFAX“ und das Datum. Was für ein Zufall. Auch ein durchschnittlich begabter „Bild“-Leser hätte sich vermutlich sonst gefragt, warum erstens ein „Geheimpapier“ lustig durch die Gegend gefaxt wird und zweitens das ach-so-brisante Papier, dass ihm seine Zeitung da präsentiert, schon mehrere Tage alt ist.

Nur gut dass „Bild“ beim Fälschen Bearbeiten von wirklich wichtigen Dokumenten sorgfältiger ist.

Danke an (einen anderen) Alexander S. für diesen Hinweis!

Das letztere Tabu

Na, das hat ja nicht lange gedauert. Am Freitag hatten wir vermutet, dass mit der Ausstrahlung eines Brustwarzen-Piercings womöglich doch nicht „das letzte Tabu“ im Fernsehen gebrochen sei, wie „Bild“ sich erregte. Und siehe da, keine halbe Woche später fällt laut „Bild“ schon wieder was im Fernsehen? „Das letzte Tabu“. Diesmal in Form einer von RTL live übertragenen Brustvergrößerung.

Sowas ist natürlich höchst bedenklich und muss dringend mit vielen Fotos angeprangert werden („Bilder wie dieses will RTL morgen zeigen“). Und diesen Chirurgen, der sich dafür hergibt, nimmt „Bild“ im Interview hart ran:

BILD: Meinen Sie nicht, dass Sie junge Menschen zu ähnlichen Eingriffen ermuntern?
Dr. Hecker: „Nein! Die so genannten Vorher-/Nachher-Bilder oder Kurzausschnitte in den Medien animieren viel eher dazu.“

Ts, Vorher-/Nachher-Bilder! Wer macht denn auch sowas Unverantwortliches?

Tränen, Blut, Schreie

Wie findet „Bild“ eigentlich Mädchen, die sich piercen oder tätowieren lassen? Geil. In Wort und — vor allem — Bild präsentiert das Blatt gerne die Resultate. „Bild“ zeigt „sexy Girls mit ‚Nippel-Sonnen'“, erklärt ungewöhnliche Piercings für angesagt, gibt Tipps zum Selbermachenlassen („schon etwas schmerzhaft“) und sucht seit Wochen Deutschlands schönstes „Arschgeweih“, jene „heißen Hingucker“, „zauberhaften“, „sexy Bildchen“, „Tattoo-Rücken, die entzücken“. Body-Modification? Yes please!

Äh, außer:

…heute riesengroß auf Seite 1 der „Bild“. Was ist passiert? „Big Brother“-Kandidatin Daniela hat sich im Container vor laufenden Kameras piercen lassen. Resultat, laut „Bild“:

Tränen, Blut, Schreie.

Oder genauer, nicht laut „Bild“: Keine Tränen, kein Blut, ein Schrei. „Bild“ behauptet:

„Big Brother“ bricht letztes Tabu.

— och, da würden uns noch ein paar letztere einfallen. Und wo wir gerade dabei sind: Sado-Maso hat mit Folter nichts zu tun, Folter hat mit Piercings nichts zu tun, Piercings haben mit Sado-Maso nichts zu tun.

Warum lässt sich dieses Mädchen vor der TV-Kamera quälen?

Vielleicht weil sie auch so geil aussehen will wie die gepiercten „Bild“-Mädchen und keine Lust hatte auf ein Ansteck-Plastik-Piercing aus dem Kaugummiautomaten?

…widerliche Bilder von einem Busen-Piercing…

So widerlich, dass „Bild“ seinen Lesern auch extra nicht mehr als drei Großaufnahmen davon zumutet. Na gut: vier.

Sadomaso-Folter im deutschen TV — jetzt wollen Politiker den Irrsinn stoppen!

Mit anderen Worten: Klicken Sie vor dem Verbot schnell noch rechts neben den Artikel, wo „hier geht’s zum BB-Livestream“ steht. Von den 0,98 Euro, die 12 Stunden Big Brother Live kosten (mögliche Sado-Maso-Folter inklusive), kommt ein Teil einem guten Zweck zugute: bild.de.

Allgemein  

Geheime „Bild“-Quelle enttarnt!

Haben Sie sich auch schon einmal gefragt, wie „Bild“ immer an diese Exklusivmeldungen und Geheimpapiere kommt? Wie gestern, als das Blatt auf einer halben Seite einen „Geheimbrief an die Formel-1-Bosse“ enhüllte, der „Bild“ „vorlag“?

Klar, an sowas kommt man nicht einfach so. Da muss man sich über Jahre Kompetenz erarbeiten, muss Kontakte pflegen, Telefonnummern sammeln, Archive durchpflügen und im entscheidenden Moment zuschlagen und die brandheiße Ware veröffentlichen, möglichst ohne dabei die Quelle zu verbrennen, aber zur Not auch ohne Rücksicht auf Verluste. So geht das mit den Geheimpapieren.

Oder, im konkreten Fall: Man geht auf die Homepage des Rennsportverbandes FIA, klickt auf „Pressemitteilungen“ und lädt sich die Geheimdokumente zwei Tage, nachdem sie dort veröffentlicht wurden, hier und hier herunter. Ach so, und damit die Geschichte heiß wird, muss man natürlich die Tatsache, dass es sich bei dem Inhalt um Vorschläge für mögliche Veränderungen handelt, ignorieren und so tun, als seien es bereits beschlossene Vorschriften.

Danke für den sachdienlichen Hinweis an Alexander S.

„Bild“ sehnt sich nach einer Schlagzeile

Liz Taylor sehnt sich nach dem Tod

Was müsste passieren, damit diese „Bild“-Überschrift gerechtfertigt wäre? Liz Taylor könnte versucht haben, sich das Leben zu nehmen. (Hat sie nicht.) Liz Taylor könnte ein Interview gegeben haben, in dem sie ungefähr sagte: „Ich möchte gar nicht mehr leben!“ (Hat sie nicht.) Freunde von Liz Taylor könnten erzählt haben, die Schauspielerin sei lebensmüde. (Haben sie nicht.)

Was ist tatsächlich passiert? Liz Taylor hat Parkinson und Altersdemenz. (Glaubt „Bild“, jeder Parkinson-Kranke sehne sich nach dem Tod?) Sie rüttelt an Türen, weil sie nicht merkt, dass sie verschlossen sind. (Weiß „Bild“ exklusiv, dass Liz Taylor nur die Tür zum Himmel sucht?) Stundenlang sieht sie sich alte Filme von sich und ihrem Ex-Ehemann Richard Burton an. (Zählt das schon als Selbstmordversuch?)

Dann hat „Bild“ noch diese Information:

Britische Medien berichten von Liz Taylors bizarrem Plan: Sie will Burton, der in der Schweiz begraben ist, umbetten lassen. Der Filmstar soll in seiner walisischen Heimat seine letzte Ruhe finden, die Taylor will sich neben ihm beerdigen lassen.

So bizarr klingt der Plan laut britischen Medien gar nicht: Das Grab neben dem von Burtons Eltern haben er und Taylor gemeinsam gekauft, als sie verheiratet waren, und Burton soll gesagt haben, dass er eigentlich dort begraben werden soll. Einige seiner Angehörigen haben Taylors Plan angeblich schon zugestimmt. Und dass eine parkinsonkranke 72-jährige Frau Pläne für ihr Begräbnis macht, ist ja nun so abwegig nicht.

Aber, hey, die Schlagzeile „Liz Taylor sehnt sich nach dem Tod“ ist eindeutig besser als alles, was die Fakten hergegeben hätten. Mal abgesehen von „‚Bild‘ sehnt sich nach Liz Taylors Tod“, natürlich.

Mit Dank an Hendrik L.

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