Wer dagegen ist, ist dafür

Anlässlich der Anti-Rechtschreibreform-Kampagne der „Bild“-Zeitung schreibt heute die „Berliner Zeitung“:

(…) Auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung fand sich gestern unter den 44 mit Namen und Foto aufgeführten Gegnern der Reform auch Uwe Knüpfer, noch Chefredakteur der WAZ. Eingeklemmt zwischen „Ella Kühner (47), Angestellte“ und „Rosi Mittermaier (54), zweifache Ski-Goldmedaillengewinnerin“ und unter der Überschrift „Überwältigende Mehrheit der Deutschen will zurück zur klassischen Rechtschreibung – Weg mit der Schlechtschreib-Reform!“ klagte also Knüpfer, dass die neuen Regeln an den Menschen vorbei durchgepaukt worden seien und forderte: „Wir brauchen einen Schlussstrich“, immerhin mit drei „s“ geschrieben. Das wäre nicht weiter schlimm, hätte sich nicht der gesamte WAZ-Verlag gerade gegen eine überstürzte Rückkehr zur alten Schreibweise und für die Beibehaltung der neuen ausgesprochen. (…)

Und siehe da, genau so steht’s heute auch in der FAZ:

(…) Ähnlich sieht dies Uwe Knüpfer, der Chefredakteur der „Westfälischen Allgemeinen Zeitung“ (…). „Wir kehren nicht zur alten Rechtschreibung zurück“, sagt er, „und sind der Auffassung, daß Verlage nicht Politik machen sollten, wir sollten Beobachter bleiben.“ In der Sache sei es wohl am sinnvollsten, „sich zügig zu bemühen, allzu grobe Unsinnigkeiten der neuen Rechtschreibung aufzuheben und es dann bei dieser zu belassen“.(…)

Aber okay: Könnte ja sein (rein theoretisch), dass der WAZ-Mann der FAZ einfach was komplett anderes als der „Bild“-Zeitung erzählt hat. Andernfalls aber zählt „Bild“ sogar Leute mit Sätzen wie „Wir kehren nicht zur alten Rechtschreibung zurück“ zu den Reform-Gegnern, weshalb es dann auch endlich kein Rätsel mehr ist, wie das Blatt auf deren angeblich „überwältigende Mehrheit“ kommt.

Nachtrag, 11.8.04, 15:05: Fragt man Uwe Knüpfer persönlich, sagt er übrigens, er habe der „Bild“-Zeitung sinngemäß das Gleiche gesagt wie tags drauf der FAZ, die seine Aussage völlig korrekt wiedergegeben habe.

Hefte raus, Klassenarbeit!

Das Bildungsministerium von Rheinland-Pfalz (das ist jenes Bundesland, in dem Doris Ahnen, laut „Bild“ die „erbittertste Kämpferin für die neue Rechtschreibung“, Bildungsministerin ist) hat seit dem Jahr 2001 grob geschätzt etwa 500 Pressemitteilungen und Grußworte veröffentlicht, vielleicht waren es auch noch ein paar mehr. „Bild“, die seit Wochen einen erbitterten Kampf gegen die neue Rechtschreibung führt und bald zu den alten Regeln zurückkehren will, hat diese Grußworte und Pressemitteilungen nun gelesen und gibt zwar keinerlei Auskunft darüber, dass es rund 500 waren, fördert aber Erschreckendes zu Tage:

In Texten von Deutschlands mächtigster Kultusministerin Doris Ahnen wimmelt es von Fehlern

Tatsächlich fand „Bild“ in den rund 500 Texten, die im Durchschnitt etwa die Länge eines langen „Bild“-Artikels haben dürften, insgesamt 11 Fehler. Das heißt also, dass es im Durchschnitt in jedem einzelnen Text von ca. 0,022 Fehlern nur so wimmelt.

Streng genommen müssten von den 11 Fehlern noch 4 abgezogen werden, weil es „Bild“ ja explizit um die Unsicherheiten „in Sachen neue Rechtschreibung“ ging. Einen, weil „So gehts“ nach der neuen Regelung ebenso richtig ist, wie „So geht’s“; einen, weil „insbesonders“ noch nie richtig war; und zwei, weil „Hausaufgabenbetreung“ und „Unterrrichtskonzepten“ doch wohl eher Flüchtigkeits- oder Tippfehler sein dürften. Rein rechnerisch blieben dann also nur noch 0,014 wimmelnde Fehler pro Text übrig. Aber, wir wollen mal nicht kleinlich sein.

P.S.: Wo wir schon beim Verschweigen von Zahlen sind: Auf der
„Bild“-Titelseite heißt es, „Überwältigende Mehrheit der Deutschen will zurück zur klassischen Rechtschreibung“. Was eine überwältigende Mehrheit ist, steht da nicht. Am 28. Juli allerdings, war in „Bild“ dies zu lesen
.

Nachtrag, 12.08.04: Es stimmt, noch strenger genommen müssten zwei weitere Fehler von der „Bild“-Liste abgezogen werden, denn natürlich ist „grossen“ nach der neuen Rechtschreibung ebenso falsch wie nach der alten, und tatsächlich erlaubt die neue Rechtschreibung „viele Tausende“ ebenso wie „viele tausende“. Blieben also noch 0,01 Fehler pro Text. Aber wir wollten ja nicht…

Dank an Eleni S. und Julius B. für die „sachdienlichen Hinweise“

Frau mit Riesen-Ständer

Der Sex-Skandal um den englischen National-Coach Sven-Göran Eriksson (56) – jetzt wird’s richtig schmutzig.

Oh geil, was ist passiert?

Jetzt packt nämlich seine Bett-Gespielin Faria Alam (38) aus. In der britischen Zeitung „News Of The World“ enthüllt die rassige Schönheit pikante Details aus ihrem wilden Sex-Leben mit dem Trainer.

Erzähl! Pikante Details! Los!

„Einmal, als er schlief, beglückte ich ihn mit dem Mund. Er rief plötzlich ‚Oh mein Gott, was machst du nur mit mir?‘. Ich liebe Oral-Sex. Ich habe meine Technik schon mal meinen Freundinnen auf einer Party gezeigt – mit einem acht-armigen Kerzenständer.“

Woooa. Mit einem acht-armigen Kerzenstä… Mit was? Moment – wo hatte „Bild“ das noch einmal abgeschrieben? Aus der „News Of The World“. Und was steht da?

I’ve even demonstrated to my girlfriends at dinner parties how to do it, using an eight-inch candle.

Och, nur mit einer 8 Zoll (rund 20 cm) langen Kerze also, ganz ohne Ständer. Sind wir enttäuscht?

Gut, andererseits: Die „News of the World“ ist als Quelle so unseriös, dass es auch egal ist, ob man richtig aus ihr abschreibt oder noch absurde eigene Fehler hinzufügt.

Nachtrag 06.10.04: Inzwischen hat bild.de den Artikel korrigiert und jeden Hinweis auf Ständer oder Kerze entfernt.

Ein Hartz für Kinder II

Nachdem wir Cedric, Nicole, Laura, Kevin und Mario (hoffentlich) die Angst genommen haben, dass Herr Hartz ihr Sparschwein schlachtet, weil ihre Eltern lange arbeitslos sind, schauen wir uns etwas genauer an, ob die Berichterstattung von „Bild“ über die Kinder als skandalöseste Opfer der Hartz-IV-Reformen wenigstens von der Tendenz stimmt. Die Kollegen des NDR-Medienmagazins „Zapp“ haben nachgerechnet und stellen fest: Schon seit vielen Jahren wurden Kindersparbücher auf Sozialhilfe angerechnet, um zu verhindern, dass arbeitslose Eltern ihr Vermögen auf ihre Kinder überschreiben und danach Steuergelder kassieren. Sozialhilfe-Empfänger werden durch Hartz IV besser gestellt: Künftig dürfen Kinder unter 15 Jahren 750 Euro behalten, bisher waren es nur 256 Euro.

„Zapp“ (via tagesschau.de) kommt zu diesem Fazit:

Die Schlagzeilen des Boulevards über die Kinder-Sparbücher sind ein Paradebeispiel für eine miese Kampagne mit populistischen Politikern und wehrlosen Kindern.

Und darüber darf man sich aufregen, egal wie man zu Hartz IV steht.

Ja, es ist Sommer!

„Ja, es gibt Leben im All!“ steht da in großen Lettern auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung. Und hätte „Bild“ die Schlagzeile, illustriert mit einem Bild der Erde, nicht im August 2004, sondern ungefähr 4 Milliarden Jahre früher gedruckt, wäre das quasi eine Sensation gewesen. Ungefähr 4 Milliarden Jahre später allerdings, seitdem sich auf einem Planeten in einer „Milchstraße“ genannten Galaxie nach den Archaeobakterien allmählich auch komplexere Lebewesen (Delfine, Hyazinthen, „Bild“-Leser u.a.) entwickelt haben, ist die „Bild“-Überschrift natürlich noch immer sehr, sehr wahr. Aber muss sie deshalb derart riesig auf der Titelseite von „Europas größter Tageszeitung“ stehen, die doch „den Lesern jeden Tag einen Informationsvorsprung“ vermitteln will? (Zumal, ganz nebenbei bemerkt, die Schlagzeile auch mit dem dazugehörigen Artikel auf Seite 10 nichts zu tun hat. Nein, nichts. Der nämlich handelt mehr oder weniger von Günther Hasinger, der auf die anderslautende
„Bild“-Frage „Gibt es Leben außerhalb der Erde?“ bloß antwortet: „Wahrscheinlich ja.“)

Ein Hartz für Kinder

Mit traurigen Kinderaugen und süßen Sparschweinen kämpft „Bild“ seit Tagen gegen die Ungerechtigkeit der sogenannten Hartz-IV-Reformen. Die Botschaft ist klar: Kinder von Langzeitarbeitslosen können sich in Zukunft ihr kleines Glück abschminken. „Fünf Kinder sagen: Mein Sparbuch kriegt ihr nicht“, schreibt „Bild“. Die Frage ist nur: Will überhaupt jemand (Herr Eichel? Herr Hartz?) ihre Sparbücher? Gehen wir die Fälle einmal durch:

Der 4-jährige Cedric will einen Fußball und ein Trikot von Rot-Weiß-Erfurt haben. Zugegeben, RWE hat sein erstes Spiel der Saison gewonnen, trotzdem ist zu bezweifeln, dass die Trikots jetzt zu Preisen von über 750 Euro gehandelt werden – und darunter ist dem Staat Cedrics quietschgelbes Spartier egal. (Wenn da mal überhaupt 750 Euro reingehen…).

Nicole will ein Mountain Bike, ein teures, sie spart schon zweieinhalb Jahre. Da Mutter Bärbel laut Text nicht mal so viel Geld wie ihre Tochter auf dem Konto hat, spricht nichts dagegen, das Geld einfach auf Mamas Konto zu überweisen – Sie hat nämlich als 42-jährige einen Vermögensfreibetrag von 8400 Euro. Aber dann hätte man ja nichts, worüber man sich bei der „Bild“ beklagen könnte.

Die 4-jährige Laura umklammert ihr grünes Sparschwein ganz fest und sagt: „Ich habe schon 400 Euro auf meinem Sparbuch. Das Geld gebe ich nicht her!“ Liebe Laura, hör auf, so eine Schnute zu ziehen! Erstens: Keiner will dein Sparbuch! Zweitens: Selbst wenn du mehr als 750 Euro hättest, würde Mutti immer noch Arbeitslosengeld II bekommen, nur der Kinderzuschlag würde reduziert.

Schließlich die Brüder Kevin (8) und Mario (?). In ihrem gemeinsamen Sparschwein stecken 25 Euro. Kevin spart auf ein Fußball-Trainingslager, Mario auf einen Gameboy. Sagen wir es so, Kevin: Kein Problem, solange du nicht tatsächlich ein eigenes Fußball-Trainingslager haben willst. Sowas ist dann wohl doch teurer als 750 Euro.

Fassen wir zusammen: Ja es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit! Es ist eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, völlig irreführende Mitleidstexte zu drucken und dafür unschuldige Kinder zu missbrauchen.

Dank an Konrad A. für diesen sachdienlichen Hinweis!

Barfuß oder Lackschuh

Britney Spears. Wir wissen, dass sie raucht. Wir wissen, dass sie Alkhol trinkt. Sie hat Sex. Was könnte sie überhaupt noch tun, um uns zu schocken? Dies: Auf eine öffentliche Toilette gehen. Barfuß! Ist das eklig? Ist das nicht mindestens Ekel-Faktor 7? „Bild“ weiß: Es ist sogar „Ekel-Faktor 10!“ (Und „igitt!“. Und „unhygienisch“, nein: „gnadenlos unhygienisch“!)

„Wird Britney jetzt zur Sudel-Spears“ fragt „Bild“ und schreibt über den Artikel:

Hoffentlich hat sie sich wenigstens die Hände gewaschen…

Ja, hoffentlich. Aber hätte das geholfen gegen den Fußpilz?

Randale

Angenommen, bei einem lokalen Radiosender passiert einmal etwas, das ihn bundesweit in die Schlagzeilen bringen könnte. Dann ist die traditionelle Rollenverteilung die, dass der Sender das Thema groß aufbauscht (Publicity!) und die Journalisten, die darüber berichten, sich um Nüchternheit und Verhältnismäßigkeit bemühen.

Insofern ist es ein schlechtes Zeichen, wenn die Rollen umgekehrt sind und sich Radio Arabella, wo Daniel Küblböck offenbar ein Interview wütend abgebrochen hat, sich inzwischen deutlich distanziert von der Art, wie „Bild“ den Vorfall darstellt.

Zum Vergleich die Formulierungen von „Bild“:

„schlimmer Ausraster“, „randaliert“, „scheint durchzudrehen“.

Und die Begriffe, die Radio Arabella wählt:

‚angebliches‘ Skandal-Interview“, „viel harmloser“, „Ausrutscher“.

Aber daraus hätte man ja keine „Bild“-Schlagzeile machen können.

Verdient!

In ihrer „Gehälter“-Reihe veröffentlichte „Bild“ am Freitag und am Samstag eine „Gehaltsliste der Bundesliga“. Unter anderem wurden da mindestens 11 Spielern, Managern und Trainern vom FC Bayern München, 8 vom 1. FC Kaiserslautern, 5 von Borussia Dortmund, 4 vom 1. FC Nürnberg sowie je 3 vom VfL Bochum und SC Freiburg allerhand stattliche „pro Jahr“-Gehälter zugeordnet – gefolgt von einem kleingedruckten Hinweis:

* Einige Angaben geschätzt.“

Der „Bild“-Liste folgte nach Erscheinen allerdings noch etwas ganz anderes – zum Beispiel auf der Internet-Seite des FC Bayern. Nämlich dies:

„Der FC Bayern München verwehrt sich gegen Teile der (…) in der ‚Bild‘-Zeitung veröffentlichten ‚Gehaltsliste der Bundesliga‘. (…) Sämtliche der veröffentlichten Gehälter von Spielern, sowie Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der FC Bayern München AG entsprechen nicht den Tatsachen.(…)“

Und nachdem wenig später nicht nur der 1. FCK, sondern auch die anderen o.g. Vereine halbwegs identische Erklärungen abgaben, sind bei „Bild“ mittlerweile mindestens 11* Abo-Kündigungen aus München, 8* aus Kaiserslautern, 5* aus Dortmund, 4* aus Nürnberg sowie je 3* aus Bochum und Freiburg eingegangen und allerhand* verantwortliche Redakteure rot geworden.
* Einige Angaben geschätzt.

Dank an Ralf K. und Alexander C. H. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nachtrag: Ja, wir wissen auch, dass man als Normalsterblicher die „Bild“ nicht abonnieren kann. Aber selbst wenn man es könnte, wüssten wir ja nicht, wieviele Abos gekündigt wurden. Oder?

Grundrechen-Reform?

Will „Bild“ nach der angekündigten Rückkehr zur alten Rechtschreibung nun etwa auch zur alten Grundrechenart von „1984“ zurück? Unter der Überschrift „Blutbad in Florida! 6 Leichen in Haus entdeckt“ jedenfalls berichtete bild.de am Samstagnachmittag: „6 Leichen lagen verstreut in einem Haus in Deltona – überall Blut. Sogar ein kleiner brauner Hund war getötet worden.“ Später im Text heißt es dann zackig (siehe Ausriss):
„Die Opfer: Zwei Männer und zwei Frauen im Alter von 18 bis 30 Jahren. Fünf von ihnen arbeiteten offenbar in einem Burger-King-Restaurant.“ Doch weil zwei Männer und zwei Frauen (und ein kleiner brauner Hund) irgendwie partout keine fünf Burger-King-Mitarbeiter oder gar 6 Leichen ergeben, schaut man sich das „Bild des Grauens“ (bild.de) wohl besser irgendwoanders an. Wenn’s einen denn interessiert.

Dank an Sascha K. für diesen „sachdienlichen Hinweis“.

Nachtrag 8.8.04, 13:20: Einen Tag später hat bild.de offenbar nachgerechnet und die Zahl der männlichen Opfer, wie es sich
gehört, verdoppelt.

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