Blind abgeschrieben

Außer auf seine Auflage ist „Bild“ ganz besonders stolz darauf, die meistzitierte deutsche Zeitung zu sein. Und warum ist „Bild“ die meistzitierte deutsche Zeitung? Weil sie so viele Exklusivmeldungen hat? Vielleicht. Vielleicht aber auch nur, weil alle anderen so blöd sind, bei ihr abzuschreiben. „Spiegel Online“ zum Beispiel:

„Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Häßler und Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug“, sagte [Klinsmann] der „Bild“-Zeitung, „da kann nur Lahm mithalten. Das ist zu wenig. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss.“

Ja, all das stand in „Bild“. Aber erzählt hat es „Klinsi“, wie gesagt, vor knapp drei Wochen dem Sport-Informations-Dienst (sid). Bei dem ist auch der „Spiegel“ Kunde. Obwohl er sich das Geld sparen könnte — er hat ja „Bild“ abonniert.

Ohne fremde Hilfe

Gestern meldete die „Financial Times Deutschland“ mit 91 Wörtern auf Seite 6, dass „Bild“ „nach den Auflagenrückgängen der letzten Jahre nun auch Leserverluste verkraften“ müsse und laut aktueller Media-Analyse 60.000 Leser weniger als im Vorjahr erreiche. Der tatsächliche Minuseffekt sei jedoch wegen einer Methodenänderung wahrscheinlich noch größer.

Heute korrigiert die „FTD“ mit rund 100 Wörtern auf Seite 5:

„Uns [ist] leider ein schwerer Fehler unterlaufen. So heißt es in der Meldung, die ‚Bild‘-Zeitung habe aufgrund einer geänderten Auswertungsmethode deutlich an Reichweite verloren. Das ist jedoch nicht der Fall, da die Änderung nur für Zeitschriften gilt, nicht jedoch für Zeitungen.“

Und „Bild“ triumphiert mit 116 Wörtern auf der Titelseite:

„Falscher Bericht über Leserreichweite. (…) Die Chefredaktion der ‚Financial Times Deutschland‘ entschuldigt sich öffentlich für einen falschen Bericht über die Leserreichweite von BILD! Die Zeitung hatte in ihrer Donnerstag-Ausgabe behauptet, dass BILD auf Grund einer geänderten Auswertungsmethode deutlich an Reichweite verloren habe (…).“

Dass das Boulevardblatt im Vergleich zum Vorjahr 60.000 Leser weniger hat, ist zwar keine Katastrophe, stimmt allerdings trotzdem (und steht natürlich nicht dabei).

Fassen wir also zusammen: „Bild“ hat nicht aufgrund einer geänderten Auswertungsmethode Leser verloren, sondern ganz ohne fremde Hilfe.

Früer war alles besser

Neues vom „unendlichen Chaos um die neue Rechtschreibung“: „77% der Deutschen lehnen die Reform ab (Emnid-Umfrage). Jetzt fordern prominente Autoren: Gebt die verwirrende Rechtschreibreform wieder auf!“

Die Sensation: „Bild“ gibt zuerst auf und schreibt ab sofort wieder nach den alten Regeln!

Öhm… – wie waren die noch mal?

Geheimplan enthüllt

Jürgen „Klinsi“ Klinsmann wird neuer Bundestrainer. Und wer „enthüllt seinen Geheimplan für den DFB“? „Bild“ natürlich. Woher wissen die immer diese Geheimgeschichten?

Oliver Bierhoff (36) wird den neuen [Manager-]Job übernehmen. Bierhoff: „Jeder weiß, dass ich mit Jürgen gut kann und eine Nähe zum DFB und zur Nationalmannschaft habe.“

Ah, okay, das steht in der „Süddeutschen Zeitung“.

Klinsi: „Man braucht ein Team mit Fachleuten für jeden Bereich.“

Ja, das stand schon letzte Woche Freitag in der „SZ“.

„Man muss fragen, wer arbeitet mit den Jüngsten, wer mit den Mittleren, das muss man rauf bis zur U23 ansehen.“

Das stand auch letzte Woche Freitag schon in der „SZ“ (hier gibt „Bild“ sogar die Quelle knapp an, aber nicht das Datum).

„Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Häßler und Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug. Da kann nur Lahm mithalten. Das ist zu wenig. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss.“

Das ist nicht aus der „SZ“. Das ist aus einem über zwei Wochen alten Interview der Nachrichtenagentur sid.

Kahn wird sein starker Mann. … Kahn lobt: „Mit Jürgen habe ich noch selber zusammengespielt. Er ist ein intelligenter, sehr erfahrener Mann.“

Sagte Kahn. Ganz aktuell. Aber natürlich nicht der „Bild“-Zeitung, sondern Sat.1.

Ja, hallo? Sind denn die Toten die einzigen, die noch mit „Bild“ sprechen?

Zurechtschreibung

Ironie [zu griech. eironeia „Verstellung, Scheinheiligheit, Vorwand“]: Redeweise, bei der das Gegenteil des eigtl. Wortlauts gemeint ist.

So jedenfalls steht’s im Lexikon. Aber das nur nebenbei. Denn in der „Bild“-Rubrik „Gewinner & Verlierer“ steht heute Otto Schily, weil er die neue Rechtschreibung „boykottiert“. Und zwar so:

„Stur schreibt der SPD-Politiker seine persönliche Post weiter nach den alten Regeln.“

Warum ihn das in einer Zeitung, die seit dem 1.8.1999 selbst nach den neuen Regeln schreibt, zum „Gewinner des Tages“ macht? Keine Ahnung. Andererseits kann einer, der (laut „Bild“) „denkt und schreibt wie die Mehrheit der Deutschen„, (für „Bild“) ja kein „Verlierer“ sein.

Puff Mommy

Von der Weltspitze in die Gosse: der unaufhaltsame Abstieg der Britney Spears. Erst wurde bekannt, dass sie raucht. Dann kam heraus, dass sie schwanger ist und weiterraucht. Jetzt hört man, dass sie nicht schwanger ist und trotzdem noch raucht! „Da sind wir alle paff“, schreibt „Bild“ und enthüllt:

Die Sängerin raucht Kette! Und zwar völlig ungeniert.

Wer hat sie an die Nadel…, äh: Fluppe gebracht? Ihr neuer Freund:

Britneys Verlobter Kevin Federline (26) passt optimal ins Billig-Britney-Bild: Frauenheld, ebenfalls Kettenraucher, tätowiert, von Beruf Tänzer.

Die Folgen für die Pop-Queen – fürchterlich:

Derzeit hat Britney offenbar andere Schwerpunkte: Paffen am Pool, Heiraten im Herbst – und sonst gar nichts!

Dabei hatte „Bild“ sie doch schon vor Wochen gewarnt vor diesem Kerl:

Er ist tätowiert, raucht Kette und trägt mit Vorliebe Schlabber-Klamotten.

Und seine Ex-Freundin wusste gleich, wohin das führt:

Ihr raucht. Ihr trinkt. Ihr betrügt. Ihr seid füreinander geschaffen.

Wahnsinn. Was ist nur aus unserer Welt geworden. Jetzt rauchen schon die Popstars!

(Nein, noch hat sich „Bild“ für die offensichtliche Falschmeldung, sie sei schwanger, „unverantwortlich“ und „schert sich nicht um die Gesundheit ihres Kindes“, nicht bei Britney Spears entschuldigt, die Meldung auch nicht korrigiert oder irgendeine unzuverlässige Quelle verklagt.)

Die drängendsten Fragen

„BILD sah das ‚(T)Raumschiff‘ vorab und beantwortet die drängendsten Fragen.“ Ah, sehr aufmerksam.

Frage 11:

Wie schmeckt die Käsesahne zum Film bei McDonald’s?

Ausgezeichnet cremig-käsig, verzückt Tunten und Tanten. Ab sofort in allen Filialen. Ebenfalls zu haben: Der Hühnchen-Burger „Chicken Premiere Surprise“.

Gut, dass diese drängende Frage endlich einmal von unabhängiger Seite beantwortet wurde.

Kahns Alibi

Wo war Oliver Kahn wirklich, als ihn die „Bild am Sonntag“ bei einer Ehe-zerstörenden Liebesnacht in seinem Haus in München wähnte? Er saß, laut eigener Erklärung, beim Frühstück im Hotel Maximilian in Bad Griesbach. Zufällig traf er dort Alfred Draxler, Sportchef und Mitglied der Chefredaktion von „Bild“ und „Bild am Sonntag“. Leider befand sich Draxler gerade im Urlaub und hatte offenbar – wie Kahn – keine Lust auf lange, klärende Gespräche mit seinen Kollegen in der Redaktion.

Es war nicht 23.07 Uhr

Die Geschichte der angeblichen „Scheidungsschlacht“ von Oliver und Simone Kahn muss neu geschrieben werden. Das bisschen, was „Bild“ mangels Zugang zu den Beteiligten an Fakten herausgefunden hatte, war falsch. In einer Pressemitteilung teilt Axel Springer mit:

Ein Artikel unter der Überschrift „Erst Liebesnacht, dann Scheidungsschlacht“ basierte auf Agenturfotos, die Oliver Kahn beim Verlassen seiner Wohnung in München zeigen. Diese Fotos wurden der Zeitung mit falschen Zeit- und Datumsangaben angeboten.

Im Klartext: Die Liebesnacht fand nicht zum jetzigen Zeitpunkt statt und war nicht der Auslöser der Scheidung.

Trotz Quellenprüfung und vorliegender eidesstattlicher Versicherung des Fotografen, stellte sich jetzt heraus, dass BILD am SONNTAG mit dem Abdruck der Fotos offenbar einem vorsätzlichen Betrug aufgesessen ist. Gegen den betreffenden Fotografen wird deshalb Strafanzeige erstattet.

Rumsbums-„BamS“-Chefredakteur Claus Strunz entschuldigte sich bei Kahn für den „schweren Fehler“.

Anders als Strunz hat Oliver Kahn übrigens nicht nur ein Problem mit den Fehlern, sondern überhaupt damit, dass da Fotografen rund um die Uhr vor seinem Haus herumlungern. Er erklärt:

Im übrigen werde ich es nicht mehr hinnehmen, dass meine Privatsphäre derart grob verletzt wird, wie dies Bild am Sonntag und Bild getan haben – unabhängig davon, dass ihre Geschichten frei erfunden waren.

Klingt nicht so, als ob er die „Bild“-Leute bald wieder aus der Kälte hinein in sein Leben lässt.

Persönliche Verhältnisse

Löblich. „Bild“ erklärt: „So füllen Sie das Formular fürs Arbeitslosengeld II aus.“ Erstens: „Allgemeine Daten“.

Straße. Hier die Adresse eintragen: Straße und Hausnummer. (…)
Bankverbindung. (…) Bei BLZ die Bankleitzahl eintragen (steht unten auf dem Kontoauszug oder hinten auf der Scheckkarte). Die Kontonummer steht unten auf dem Kontoauszug oder auf der Vorderseite der Scheckkarte.
bei Bank… Name der Bank. Name des Kontoinhabers: Ihr Name, wenn das Konto Ihnen gehört. (…)“

Und jetzt: „Persönliche Verhältnisse“.

Name. Noch mal eigenen Namen (links) und Nachnamen des Ehepartners/Lebenspartners (rechts) eintragen.“

Tipp: Steht auf dem Briefkasten oder der letzten Rechnung vom Beate-Uhse-Versand.

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