Typisch „Bild“

Typisch Beckham„, schreibt „Bild“, weil der Fußballspieler David Beckham, genannt „Becks“, kürzlich mit einem neuen Auto zum Training beim Fußball-Klub Real Madrid gefahren kam, was wiederum für „Bild“ Grund genug ist, gleich mal über „Beckhams teuren Fuhrpark“ zu berichten. Und zwar so:

Der Frauenschwarm fuhr auf dem Parkplatz vor Reals Trainingsgelände noch eine Extrarunde, um zu erreichen, dass seinen ‚Millionaros‘-Kollegen auch ja die Spucke wegbleibt.“

Und wir sehen die Szene (Brumm-brumm, Extrarunde, quietsch!) vor unserem geistigen Auge. Dumm nur, dass sie überhaupt nicht stimmt. Denn in der britischen Boulevardzeitung „The Sun“, aus der „Bild“ die Geschichte abgeschrieben hat, hieß es stattdessen bloß:

„England skipper Becks even turned around to get another glimpse as he went to join his team-mates.“
(Was übersetzt bedeutet, dass Beckham sich auf dem Weg zu seinen Team-Kollegen nach dem Aussteigen noch mal umgedreht und einen kurzen Blick aufs Auto geworfen hatte.)

Aber mal ehrlich: Ist so ein kleiner Übersetzungsfehler (turn around statt turn a round) in Europas größter Tageszeitung denn wirklich der Rede wert? Oder etwa typisch „Bild“?

Mit Dank an Nils für den sachdienlichen Hinweis.

Muss denn das sein?

Erst kürzlich, nicht wahr, war der Herausgeber der neuen Springer-Zeitschrift „Der Freund“ für die ebenfalls im Springer-Verlag erscheinende „Bild“-Zeitung der „Gewinner“ des Tages. Und kaum ist das Magazin erschienen, taucht „Der Freund“ wie zufällig in der „In & Out“-Rubrik der „Bild“-Zeitung auf – natürlich auf der „In“-Seite, wo auch sonst?

Dabeisein ist alles

BILD-Leser entscheiden!“

Oh, toll! Was denn?

„Jetzt können BILD-Leser Fußball-Geschichte schreiben.“

Auch gut! Aber wie das denn?

BILD-Leser entscheiden, wie das offizielle WM-Poster 2006 aussehen wird!“

Echt? Da haben sich die 45 Cent ja mal richtig gelohnt, oder?

Nun ja: Quasi eine ganze Zeitungsseite hatte „Bild“ am Donnerstag für die Wahl des „offiziellen WM-Posters 2006“ geopfert, hat die insgesamt fünf verschiedenen Alternativen abgebildet, die dazugehörigen 0137-Nummern und SMS-Kurzwahlen angegeben – und überall in großen Buchstaben BILD-Leser entscheiden!“ drübergeschrieben.

Aber das ist natürlich Unsinn: Obwohl es in der „Bild“ so aussieht, hat die Aktion mit „Bild“ gar nichts zu tun. Der „Gestaltungs-Wettbewerb“ wird von der FIFA veranstaltet, die Preise (50 x 2 Eintrittskarten) von der FIFA gestellt, weshalb also beileibe nicht nur „Bild“-Leser entscheiden, sondern jeder, wirklich jeder, der irgendwie irgendwo auf die Aktion aufmerksam geworden ist. Und: „Interessierte Redaktionen können die fünf Postermotive zum Abdruck am 22. und 23. September 2004 bei der FIFA per e-mail (..) anfordern“, heißt es in der dazugehörigen FIFA-Pressemitteilung

„Bild“-Leser wissen mehr

Eine Gruppe von Deutschen hat in Bahrain einen russischen Spaceshuttle entdeckt, der dort unbeachtet in der arabischen Wüste vor sich hin lag. Es soll eine Sensation sein. Schön. Irgendwie ein Grund zur Freude.

Ganz besonders für die „Bild“-Zeitung, denn die drei Jungs, die so clever waren, dem Kronprinzen Scheich Salman bin Hamad al-Khalifa das Geheimnis zu entlocken, waren nicht irgendwelchen Deutschen, nein:

Jetzt haben BILD-Leser einen der russischen Raumgleiter in der arabischen Wüste gefunden!

Glückwunsch. Wohl dem Blatt, das so weitgereiste und geschickte Leser hat. Wer herausfinden will, wie diese Leute dazu kamen, mal eben so mit dem Kronprinzen zu plaudern („Guten Tag, wir sind „Bild“-Leser und wollen Herrn Scheich Salman bin Hamad al-Khalifa sprechen, bitte“?), wird in dem „Bild“-Artikel allerdings nicht fündig. „Spiegel Online“ jedoch hat dazu ein paar Antworten:

Ein Düsseldorfer TV-Team stieß bei Dreharbeiten zur Formel 1 in Bahrein zufällig auf das Gerücht vom russischen Spaceshuttle…

Genauer gesagt handelt es sich um die Firma von Chris G. Meier, der sonst für „Blitz“, „taff“, „RTL-Explosiv“ etc. arbeitet.

Aber wer weiß, womöglich ist er auch „Bild“-Leser.

Danke an die BILDBlog-Leser Patrick C. und Simon R.

Saufen ist out

Ehrlich! Siehe zum Beispiel die „Bild“-„In/Out“-Liste vom Mittwoch. „Out“ sind:

„Diese Oktoberfest-oder-sonstwo-ich-sauf-so-viel-dass-
mein-Hirn-aussetzt-Trinker
– macht den Menschen zum Schwachmaten.“

Siehe aber auch die „Bild“-„In/Out“-Liste vom Donnerstag.
„Out“ ist:

„Ein Mitten-in-der-Woche-Kater – lässt einen jedes Schlückchen zu viel und jede Sekunde Schlaf zu wenig bereuen.“

Was machen „Bild“-Redakteure eigentlich in ihrer Freizeit?

Die letzten Geheimnisse

Seit Beginn der Woche berichtet „Bild“ Frankfurt täglich über „die letzten Geheimnisse des Mörders“ Magnus Gäfgen, der vor zwei Jahren den 11-jährigen Jakob von Metzler entführte und umbrachte. „Bild“ druckt Auszüge aus dem Buch „Sie werden dich nicht finden“, für das die Journalistin Adrienne Lochte die Hintergründe des Falls recherchiert hat, und reichert diese mit Bemerkungen wie „Es sollte noch schlimmer kommen“ an.

Heute nun die Schockschlagzeile: „So grausam quälte der nette Jugendleiter kleine Kinder.“

Gäfgen leitete „jahrelang (…) Kinderfreizeiten für seine Kirchengemeinde“! Um Gottes Willen, mit welch grausamen Methoden hat er die Kinder denn gequält?

Na ja: Auf einer Nachtwanderung erschreckte er gemeinsam mit einer Gruppe von Größeren die Kleinen, „die vor Grausen und Entzücken“ „quietschten“ (Lochte). Und in der Gruppenstunde spielten Kinder, die zu spät kamen, die „sterbende Kakerlake“, indem sie sich auf den Boden legten und mit Armen und Beinen strampelten.

Das mag zwar nicht gerade dem entsprechen, was man von einem Gruppenleiter in einer Kirchengemeinde erwartet. Ob es allerdings dazu reicht, Gäfgen in seiner Jugendgruppenzeit eine „dunkle, sadistische Seite“ zu unterstellen, sei mal dahin gestellt.

Einfach cool!

„Mission unverständlich!“ Tom Cruise wirbt schon seit Jahren für die „mysteriöse“ und „umstrittene Sekte“ Scientology. „Der Starschauspieler (…) eröffnete jetzt in Madrid ein neues Zentrum von ‚Scientology'“. Dabei setzt die „Psycho-Sekte“ „in hohem Maß Methoden der Beeinflussung ihrer Mitglieder ein“, das deutsche Innenministerium warnt vor ihr und „der Verfassungsschutz hat Scientology beobachten lassen“! So stand’s am Montag in „Bild“.

Irgendwie ist dieser Tom Cruise also ein Typ, der einem suspekt sein sollte. „Bild“ spekuliert: Womöglich scheiterte sogar seine Ehe mit Nicole Kidman an dem Engagement für Scientology. „Machte sein Glaube ihr Angst?“

Drei Tage später läuft nun Tom Cruises neuer Film „Collateral“ in den deutschen Kinos an. Und „Bild“ urteilt über seine Rolle im „Film der Woche“: „Tom Cruise als Bösewicht – einfach cool.“

Schon vergessen

„Was hat Wolfgang Thierse da bloß geritten?“, fragt der „Bild“-Kommentar heute und schreibt:

Der Bundestagspräsident hat laut über ein mögliches Bündnis der SPD mit der PDS in Brandenburg nachgedacht. Man sollte der PDS „schon ernsthaft“ die Frage stellen, ob sie eine realistische und konstruktive Politik machen wolle.

Schon vergessen, Herr Thierse?

Dass die PDS in Brandenburg und Sachsen mit gnadenloser Anti-Reformhetze und Stimmungsmache gegen Kanzler Schröder der SPD die Wähler abjagte. Dass die PDS erklärtermaßen das Rad der Reformen zurückdrehen will, wo immer sie in Regierungsverantwortung kommt?

Die rhetorische Frage, ob Herr Thierse das „schon vergessen“ hat, hätte „Bild“ leicht selbst beantworten können, wenn sie ihn vollständig zitiert hätte. Gegenüber dem „Tagesspiegel“ sagte er:

Man werde die PDS „daran erinnern müssen, dass sie einen geradezu gnadenlosen Wahlkampf gegen die Sozialstaatsreformen und die Arbeitsmarktreformen geführt hat“. Jetzt solle die PDS die Frage beantworten, ob sie eine realistische und konstruktive Politik machen wolle. „Aber die Frage sollte man ihr schon ernsthaft stellen.“

Blättern:  1 ... 856 857 858 ... 875