Alles nur Zufall?

Da ist der Entdecker der sog. „Ötzi“-Mumie ausgerechnet bei einer Bergtour tödlich verunglückt. Und „Bild“ fragt:

„Ist der Mann, der Ötzi fand, jetzt einem Fluch der Eis-Mumie erlegen?“ Bzw.: „War es der unheimliche Fluch?“

Unheimlich, oder? Außerdem hatten drei inzwischen verstorbene Fußballer vor über zehn Jahren mal beim selben Verein gespielt. Ausgerechnet! Und „Bild“ fragt:

„Liegt ein Fluch auf dieser Mannschaft?“

Anders gesagt: Ausgerechnet seit Kai Diekmann Chefredakteur der „Bild“-Zeitung wurde, ist deren täglich verkaufte Auflage um ungefähr eine halbe Million gesunken. Und wir?

Haben keine weiteren Fragen, nur weitere Links

Mit Dank an Matthias A. für den Hinweis.

Deisler geht gegen „Bild“ vor

Wenn man „Bild“ liest, könnte man glauben, Sebastian Deisler sei glücklich über die Art, wie die Zeitung über seine gesundheitlichen Probleme berichtet. Der Spieler des FC Bayern gibt ihr nicht nur ein Exklusiv-Interview (das bei genauerem Lesen allerdings eher wie ein Versuch wirkt, einen „Bild“-Reporter am Telefon höflich, aber schnell abzufertigen). Er weigert sich angeblich auch, seinen Fall öffentlich zu „vertuschen“:

BILD erfuhr: Bayern wollte zunächst alles vertuschen! Deisler sollte in Turin mittrainieren, dann eine Verletzung vortäuschen. Aber da machte der Nationalspieler nicht mit. Deisler wollte erneut offen mit seiner Erkrankung umgehen.

Der Vertuschungs-These, die „Bild“ am Mittwoch sogar auf die Titelseite brachte, hat Bayern-Vorstand Karl-Heinz Rummenigge inzwischen vehement widersprochen. Und auch die „Offenheit“ Deislers hat Grenzen. Die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ berichtet heute, daß Deisler mehrere zehntausend Euro Schmerzensgeld von dem Blatt fordert, weil „Bild“ am Mittwoch ein großes Bild von ihm, seiner Freundin und einem Arzt auf dem Gelände der Klinik zeigte, wo er behandelt wurde. Genau solche Veröffentlichungen aus der Geheimsphäre sind „Bild“ jedoch ausdrücklich gerichtlich untersagt, seit Deisler gegen ein ganz ähnliches Foto vorgegangen ist, das „Bild“ Anfang August von ihm zeigte. Der Axel Springer Verlag hatte das Urteil am 27. September anerkannt. „Bild“ schaffte es nicht einmal drei Wochen, sich an das Verbot zu halten.

Fast richtig ist auch falsch

Manchmal genügt eine scheinbar kleine Übertreibung, um aus einer gewöhnlichen Nachricht eine „Bild“-Nachricht zu machen, bzw. aus einer Meldung eine Falschmeldung.

Dass die Europäische Union den Menschen unter anderem mit drastischen Fotos auf Zigarettenschachteln das Rauchen abgewöhnen bringen will, stand am Samstag fast überall — unter Überschriften wie: „EU plant Horrorbilder für Zigarettenschachteln“. Die „Bild“-Zeitung titelte auf Seite 1: „Schock-Fotos bald auf allen Zigaretten-Schachteln“, was ähnlich klingt, aber nicht stimmt. Von „allen Zigaretten-Schachteln“ kann nämlich keine Rede sein. Die Motive können von den Mitgliedsländern der EU verwendet werden; ob sie es tun, ist ihnen überlassen.

Das steht auch im Kleingedruckten auch im „Bild“-Artikel, allerdings steht dort auch:

Ekel-Bilder auf Zigarettenschachteln sollen schon bald deutsche Raucher schocken! … Die EU will sie auch in Deutschland einführen.

Tatsache ist: Belgien und Irland wollen die Bilder vorschreiben. Ob Deutschland folgt, ist nach Angaben des Gesundheitsministeriums „wirklich noch offen“; die Bundesregierung prüft noch.

Drogenmafia immer dreister!


Was? Jetzt entführen sie schon Hunde? Kann nicht sein!
Doch, doch:

„Die Polizei Darmstadt fahndet nach Spürhund Gismo, der schärfsten Drogen-Nase. Der Schäferhund verschwand gestern nacht spurlos“,

schrieb „Bild“ am Freitag in einem halbseitigen Bericht.
Und weiter:

Entführte ihn am Ende die Drogenmafia? (…) Für eine Entführung des Rauschgifthundes spricht: Die Zwinger-Tür war zu. Wäre Gismo abgehauen, hätte er sie wohl kaum hinter sich zugeschlagen.“

Keine Panik, liebe Hundefreunde. Dem Vierbeiner ist nichts passiert. Heute gibt „Bild“ Entwarnung (auf 14 Zeilen): Gismo ist wieder zuhause.

„Das Tier hatte sich wohl am Morgen selbst aus seinem Zwinger befreit und war in das offen stehende Auto eines Metzgers gesprungen. Der Mann hatte es erst am Mittag bemerkt, brachte den Hund zurück.“

Ganz ohne Lösegeldforderung übrigens.

Danke an Sapperlot für den sachdienlichen Hinweis.

Erfolg über Nacht

Am Donnerstag lief zum letzten Mal „Anke Late Night“ auf Sat.1. Und „Bild“ wusste auch, warum:

„Zuletzt hatten nur noch 700.000 Zuschauer eingeschaltet.

Am Freitag fragt das Blatt:

„Hat SAT 1 Anke Engelke zu früh gekippt? (…) Zuletzt schauten sogar mehr als 1 Million Zuschauer zu.

Völlig unverständlich, oder? Das Aus für Engelke natürlich, nicht etwa die „Bild“-Berichterstattung.

Nachtrag 23.10., 9.59 Uhr. Inzwischen ist Samstag.
Und „Bild“ schreibt:

Nach nur 78 Folgen verabschiedete sich die Ladykracherin von ihrem Late-Night-Publikum. Leider sahen wieder nur eine Million Menschen zu.

Die Mordkommission und der Dealer

Seit einer Woche wird der Frankfurter Millionärssohn Andreas Grimm vermisst. „Immer mehr spricht dafür, daß der 25jährige nicht aus freien Stücken untertauchte oder sich das Leben nahm, sondern verschleppt wurde“, meldete „Bild“ Frankfurt gestern. „Die Mordkommission ermittelt!“

Heute titelt „Bild“:

„Gestern stellte die Mordkommission erneut seine [Grimms] Luxus-Wohnung im [Frankfurter Stadtteil] Gallus auf den Kopf, suchte nach weggewischtem Blut. Und nahm einen Kokain-Dealer aus dem direkten Umfeld des 25jährigen fest.“

Kommt jetzt Klarheit in den Fall? Was weiß der Dealer über Grimms Verschwinden? Hat er die mögliche Entführung mitgeplant?

Die Antwort auf diese Fragen lautet bisher: nein. Die Polizei hat „Bild“ zufolge bloß herausgefunden, dass der Festgenommene „den BWL-Studenten mit Stoff versorgt haben soll“ und zufällig in der Wohnung des Dealers einen „Berg Koks“ gefunden. Deshalb die Festnahme. Und „Bild“ ergänzt ganz zum Schluss:

„Mit Grimms Verschwinden hat er aber nach ersten Erkenntnissen nichts zu tun.“

Dass die „Bild“-Schlagzeile das Gegenteil suggeriert, ist sicher bloß ein blödes Versehen.

Wie sich Feindbilder verändern

Für „Bild“ ist die PDS bisher stets die SEDNachfolgepartei gewesen. Und deren Mitglieder waren „die Rächer der SED“, „die alten Spalter, die Honecker-Nostalgiker, deren Vorgänger das freie Denken unterdrückten“ und die „mit gnadenloser Anti-Reformhetze und Stimmungsmache gegen Kanzler Schröder“ wetterten bzw. noch Schlimmeres.

Wenn allerdings „Deutschland jüngste Abgeordnete“ Julia Bonk, 18 Jahre, gutaussehend „und derzeit wieder solo“, „in Pulli, Mini-Rock und schwarzen Strümpfen“ bzw. mit „Schmollmund, roter Mähne, bauchfreiem T-Shirt“ abgebildet werden kann, dann ist die „SED-Nachfolgepartei“, für die die „sexy Sächsin“ im Landtag sitzt, plötzlich nur noch – „die PDS“.

Prügelprinz

Unklar ist, was sich genau am frühen Donnerstagmorgen vor einem Londoner Nachtclub zwischen Prince Harry und einem Paparazzo abgespielt hat. Sicher ist, dass nicht das passiert ist, was „Bild“ behauptet:

Prinz Harry haut Paparazzi k.o.Niemand ging „k.o.“. Ein Paparazzo (nicht mehrere Paparazzi) trug Verletzungen an der Unterlippe davon.

Es gab offenbar eine Rangelei, als Prinz Harry den Club verließ und sich einen Weg durch eine Gruppe von Fotografen bahnen musste. Ob er zuerst eine Kamera ins Gesicht bekam und dem Fotografen versehentlich dessen Apparat ins Gesicht stieß oder er den Paparazzo absichtlich attackierte, ist umstritten.

„Bild“ macht daraus eine „wilde Prügelei“ und einen „Prügelskandal“, spricht vom „prügelnden Prinzen“ und dem „Rüpel royal“. Englischsprachige Medien beschreiben das Geschehen eher als „scuffle“, was man mit „Handgemenge“ oder „Rauferei“ übersetzen kann.

Aber „Rauferei“ konnte „Bild“ ja schlecht schreiben — bei einer Rauferei geht halt selten einer k.o.

Nachtrag 11.20 Uhr: Inzwischen hat der Italien-Beauftragte von Bild Online seinen Dienst angetreten und das Wort „Paparazzi“ in „Paparazzo“ geändert. Schön. Jetzt steht die falsche Aussage wenigstens in richtiger Grammatik da.

Einvernehmlich falsch

Wenn die „Bild“-Zeitung mal lustig sein will, schreibt sie „Danke Anke“ über ein paar Zeilen zur letzten „Anke Late Night“ heute Abend, stellt der „deprimierend langweiligen (…) A. E.“ (F.J.W.) im Namen von Sat 1 ein „Zeugnis“ aus und schreibt daneben:

„Schade, schade! Heute moderiert Anke Engelke zum letzten Mal ihre Late-Night-Show. Dieses Zeugnis soll die Moderatorin trösten.“

„Dieses Zeugnis“ ist dann natürlich alles andere als tröstend, sondern im Zeugnisdeutsch eine ziemlich negative Bewertung für die „Comedy-Queen“ („Sie war immer bemüht…“, „…neuen Situationen im wesentlichen gewachsen…“, „Frau Engelke hat versucht…“).

Zum Schluss steht da:

Frau Engelke und Sat 1 trennen sich in gegenseitigen [sic] Einvernehmen. Für ihren weiteren beruflichen Weg wünschen wir ihr alles Gute.“

Stimmt bloß nicht. Anke Engelke und Sat 1 trennen sich natürlich nicht in gegenseitigem Einvernehmen. Sie trennen sich gar nicht.

„Anke Engelke (…) und Sat.1 arbeiten weiter eng zusammen„, lautete der zweite Satz der Sat.1-Pressemitteilung von vor zwei Wochen, als der Sender das Ende der Show bekannt gab.

Abgesehen davon stimmt auch nicht (mehr), dass „zuletzt (…) nur noch 700 000 Zuschauer eingeschaltet“ hatten.

Vermutlich ist es „Bild“-Redakteuren einfach verboten, witzig gemeinte Beiträge mit unnötigen Recherchen zu versauen. Selbst, wenn das nur zwei Minuten gedauert hätte.

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