Centralorgan

Liebe Frau Pieper,

wir müssen reden. Die „Bild“-Zeitung hat heute auf Seite 1 einen Artikel mit der Überschrift: „Bundesbank will kleine Cent-Münzen abschaffen“ und zitiert Sie als FDP-Generalsekretärin mit den Worten:

Wenn die Cents wegfallen, drohen durch Aufrunden auf volle Euro Preiserhöhungen. Es ist nicht vermittelbar, dass nach dem Pfennig nun auch der Cent gehen soll.

Ja, das wäre natürlich bitter, wenn nun der Cent gehen würde und wir alle auf „volle Euro“ aufrunden müssten:

„Ein Ei bitte!“ — „Macht einen Euro.“
„Für mich nur ein Brötchen.“ — „Ein Euro, bitte“
„Krieg ich ein Lakritz, Mami?“ — „Du, das kostet aber einen Euro!“

Ganz ruhig, Frau Pieper, niemand will Ihnen Ihre Cents wegnehmen. Es geht nur um die Ein- und Zwei-Cent-Münzen. Aufgerundet wird auf volle 5 Cent — und, wo wir gerade Ihre Aufmerksamkeit haben, das Wort „aufrunden“ hat einen Freund, der heißt „abrunden“. Und den würden Sie in einer Welt ohne Ein- und Zwei-Cent-Münzen (also zum Beispiel hier) kennen- und liebenlernen, wenn wir Sie in den Supermarkt schicken, um, sagen wir, in einem Rutsch drei Liter Milch zu je 59 Cent zu kaufen.

Warum steht das alles hier? Weil die „Bild“-Zeitung tatsächlich über den Artikel geschrieben hat: „Bundesbank will kleine Cent-Münzen abschaffen — Wird jetzt alles teurer?“ Das Blatt hätte natürlich auch schreiben können: „Bundesbank will kleine Cent-Münzen abschaffen — Wird das Wetter jetzt noch schlechter?“, aber dazu hätten Sie sich ein bisschen anstrengen müssen, noch dümmeres Zeug zu reden.

Besten Dank für die Inspiration an Torsten W.!

Ein Hartz für Tiere

Mit traurigen Kinder- und Sparschwein-Augen machte „Bild“ vor einigen Wochen Stimmung gegen „Hartz IV“. Womit ließe sich das noch steigern? Richtig: Mit traurigen Hunde-Augen. Im Berlin-Teil von „Bild“ (nicht online) steht heute die Überschrift:

Wegen Hartz IV — Berliner Tierheim erwartet hunderte arme Hunde

Das Blatt behauptet, viele Menschen glaubten aus Furcht vor Armut, sich ihren Hund nicht mehr leisten zu können.

Alleinstehende Arbeitslose im Westen bekommen ab Januar nur noch 345 Euro, im Osten 331 Euro. Rund 200 Euro weniger als die bisherige durchschnittliche Arbeitslosenhilfe.

Das ist falsch, wie der Autor des Artikels sogar im eigenen Blatt hätte nachlesen können. In seiner Rechnung fehlen die Kosten für Miete und Heizung, die Bezieher von Arbeitslosengeld II in Zukunft zusätzlich bekommen. Rechnet man sie ein, ergibt sich nur eine geringfüge Differenz zwischen jetzigen und zukünftigen Einkünften, manchmal sogar eine Verbesserung.

Weiter im Text:

„Bundesweit rechnen wir in diesem Sommer mit 70.000 ausgesetzten Haustieren“, sagt Wolfgang Apel (52), Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Tiere werden heutzutage leider einfach entsorgt, wenn sie zur Last fallen.“

Das Zitat stimmt, der Zusammenhang nicht. In einer Pressemitteilung der Bundesregierung stellt Apel klar,

dass der Tierschutzbund einen direkten Zusammenhang zwischen der Zahl ausgesetzter Tiere und dem Arbeitsmarktreformgesetz Hartz IV nicht herstellt. Die in BILD genannte Zahl von 70.000 ausgesetzten Tieren sei ein Wert, der sich traurigerweise seit einigen Jahren auf diesem hohen Niveau halte.

Aber diese traurigen Hundeaugen auf dem Foto, die können doch nicht lügen, oder? Nein, die nicht.

„Bild“ macht stutzig

Enthüllen ist ein schönes Wort und bedeutet laut Duden so viel wie „offenkundig machen“, „entlarven“ oder „aufdecken“. Deshalb versteht sich auch von selbst, was damit gemeint ist, wenn beispielsweise bild.de den schönen Satz „US-Pornostar Jenna Jameson enthüllt“ ganz oben über eine Meldung schreibt. (Was genau Jameson enthüllt, kann übrigens hier nachgelesen werden. Oder hier. Muss aber nicht, weil bild.de die ganze Sache sowieso bloß anderweitig – O-Ton: „Das berichtet der Online-Dienst ‚freenet‘.“ – aufgeschnappt hat…)

So richtig überzeugt von dem, „was sexy Jenna da verrät“, scheint allerdings nicht einmal bild.de zu sein: „Jenna hat eine Autobiografie geschrieben, braucht also PR„, heißt es in der dazugehörigen Berichterstattung, was offenbar sogar die bild.de-Berichterstatter stutzig macht:

„Ist es nur ihre blühende Porno-Fantasie, die da mit Jenna durchgeht? Oder ist an den Enthüllungen tatsächlich etwas dran?“

Und dass bild.de die Leser derart an der eigenen Skepsis teilhaben lässt, ist zweifelsohne löblich, zumal wir jetzt auch endlich wissen, was außerdem damit gemeint sein kann, wenn irgendwer irgendwo irgendwas zu enthüllen weiß.

Was die PDS mit der HJ zu tun hat

Der heutige „Bild“-Leitartikel trägt die Überschrift:

Die PDS marschiert.

Marschiert die PDS? Sie demonstriert in vielen Städten gegen „Hartz IV“ und „Sozialabbau“. Im Fernsehen sehen die Kundgebungen nicht nach „Marschieren“, geschlossenen Reihen und schweren Stiefeln aus. Warum schreibt „Bild“ dann „Die PDS marschiert“? Es gibt einen bekannten Schlachtruf mit „…marschiert“. Im Horst-Wessel-Lied der Nationalsozialisten kommt die Zeile vor: „SA marschiert“. Daran erinnert die Überschrift des Kommentars von Dr. Herbert Kremp. Soll sie daran erinnern?

Er schreibt weiter:

Was für ein schräges Bild, was für eine Blamage vor aller Welt: Die PDS mit an der Spitze der Sozialangst-Demonstrationen in Berlin und Ostdeutschland. „Unsere Fahne flattert uns voran.“

Das Zitat ist keines der PDS und keines von den „Sozialangst-Demonstrationen“. Es ist aus dem Fahnenlied der Hitlerjugend:

Unsre Fahne flattert uns voran.
In die Zukunft ziehen wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not
Mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.

Für Kremps Formulierung gibt es nur eine Interpretation: Er sieht eine Parallele zwischen der friedlich demonstrierenden PDS einerseits und den Schlägertruppen der SA und Hitlers gleichgeschalteter Jugendorganisation andererseits. Wow.

Die „Nachfolger der SED“ sollen aufhören, „Sozialangst“ zu schüren und sich als „die größten Anwalte des Volkes“ aufzuspielen, fordert der Kommentator. Das kann man verstehen. Auf beides hätte „Bild“ natürlich gerne ein Monopol.

Was Herr Kremp uns mit der Nazi-Anspielung eigentlich sagen will, ist vermutlich dies: Wenn möglicherweise nicht zuletzt wegen einer massiven „Bild“-Kampagne gegen „Hartz IV“ die Menschen in Scharen der PDS zulaufen, dann ist das nicht die Schuld von „Bild“, sondern der PDS.

Die wichtigste Meldung des Jahres II

Vor gut einer Woche wirkte es noch verwirrend, dass „Bild“ einerseits den „wichtigsten Download des Jahres“ anpries, um dann im Text davon abzuraten, ihn sich tatsächlich herunterzuladen. Aber in der gigantischen Vermarktungsmaschine „Bild“ geschieht nichts ohne Grund — manchmal braucht es halt nur ein paar Tage, bis man ihn erkennt. Und, siehe da: Jetzt wirbt das Schwesterblatt „Computer Bild“ in Anzeigen und im Internet für sein neues Heft mit diesem freundlichen Hinweis:

Wichtigstes Windows-Update exklusiv auf Heft-CD
Computerbenutzer aufgepasst! Das wichtigste Update des Jahres für Windows XP ist da. … Die Zeitschrift COMPUTERBILD bietet die Programmverbesserungs-Sammlung jetzt exklusiv auf Heft-CD-ROM.

Das mit der „Exklusivität“ darf man zwar getrost bezweifeln, aber wer schon vor über einer Woche heiß gemacht wurde auf das „wichtigste Update des Jahres“, wird ja nicht so lange warten wollen, bis er herausgefunden hat, wo er die CD sonst noch bekommen kann.

Und wir können die Kategorie, unter der wir dieses Thema einsortiert haben, von „Merkwürdiges“ auf „Kommerzielles“ ändern.

Danke an Andreas G. für seinen Hinweis!

Die sind doch nicht blöd!

Der „Spiegel“ berichtet, dass der Handelsexperte Walter Gunz im kommenden Jahr Chef von bild.de wird. Gunz ist einer der Gründer der Elekronikmarktkette „Media Markt“.

Und so einer soll der Richtige sein, den Online-Ableger von „Bild“ zu leiten?

Och jo. Besser als ein, sagen wir, Journalist.

(Zum Erfolg der „Volks“-Produkte siehe auch hier.)

Erhebliche politische Bedeutung

Noch so ein Diekmann gefällig (wieder aus „Cover“)?

Frage:

„Ein investigativer Journalist, der frei für Ihre Zeitung arbeitet, bietet Ihnen vertrauliche Informationen (aufgezeichnete Privattelefonate, heimlich geschossene Fotos und Videoaufnahmen etc.) über die Liebesaffäre einer 19-jährigen Studentin mit einem verheirateten prominenten Mitglied der deutschen Bundesregierung zur Veröffentlichung an. Kaufen Sie ihm das Material ab?

Antwort:

„Ja – um es vom Markt zu nehmen und dem Betroffenen zu geben. Das ist übrigens keine fiktive Annahme, sondern bereits häufiger geübte Praxis. Denn wer mit wem etwas hat, ist Privatsache. Ausnahme: Die Affäre hat erhebliche politische Bedeutung, weil sie die Sicherheit der Bundesrepublik bedroht.“

Ob die (ja: die) Affäre von Oliver Kahn neulich auch die Sicherheit der Bundesrepublik bedroht hat? Oder bloß die der Bundesliga?

Information und (Ver-)Dichtung

Im Medienmagazin „Cover“ (ab September erstmals auch am Kiosk zu kaufen) sagt „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann auf die Frage, welche Bilder von „Leid und Grauen“ als Folge des internationalen Terrorismus im Boulevard-Journalismus „prinzipiell gezeigt“ werden dürfen und welche nicht:

„Grundsätzlich ist nach dem Pressecodex auf ‚unangemessen sensationelle‘ Gewaltdarstellungen zu verzichten. (…) Entscheidend ist immer der Informations- und Verdichtungsgehalt eines Fotos. Deshalb haben wir vor kurzem auch kein Foto der toten Lady Di im Unfallwagen veröffentlicht, weil es weder Informations- noch Verdichtungsgehalt besaß.“

So? Na, dann ist ja wohl alles in Ordnung.

Streng verboten

So was gehört sich ja nun wirklich nicht: Weil die Deutsche Presseagentur (dpa) „eine journalistische Sensation landen“ wollte und „Exklusiv-Fotos des neuen Adoptiv-Kindes von Kanzler Schröder“ verbreitete, gab’s gestern Schelte von „Bild“ (die freilich darauf verzichtete, neben das Bild von dpa-Chef Wilm Herlyn auch das vom Springer-Kollegen und „B.Z.“-Chef Florian von Heintze zu drucken – siehe dazu „Berliner Zeitung“). Denn:

„Das Fotografieren von Minderjährigen ohne Zustimmung der Eltern ist (…) streng verboten.“

Gilt das eigentlich auch für den Abdruck unerlaubter Fotos von Minderjährigen? Offenbar nicht, nicht jedenfalls bei Kindern von Prominenten. Oder für wie realistisch halten Sie’s, dass „Bild“ eine Erlaubnis von US-Gouverneur Arnold Schwarzenegger bekommen hat, um heute eins bzw. zwei Bilder seiner 14-jährigen Tochter Katherine abzudrucken und deren Gewicht zu kommentieren?

Ein friedlicher Tod

Die Nachrichtenagentur dpa meldet:

Der FDP-Politiker Günter Rexrodt ist nach Angaben der Berliner Universitätsklinik Charité an einem plötzlichen Herztod gestorben. … Der Herztod habe sich unabhängig von seiner Krebserkrankung ereignet. Der 62-Jährige sei gestern im Schlaf gestorben. Es sei ein friedlicher Tod gewesen.

Ah. Na, dann war es ja fast so, wie „Bild“ heute morgen berichtete:

Danke an Chris M. für den Hinweis!

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