Statistik für Anfänger

Nehmen wir einmal an, bei „Bild“ würden 100 Redakteure arbeiten. Einer davon (nennen wir ihn Günni) nimmt Kokain, und fast jeder zweite Kollege weiß es. Eines Tages kommen ein paar Studenten von der Uni Münster vorbei und machen eine Umfrage über den Drogenmissbrauch unter Boulevard-Journalisten. Sie fragen jeden einzelnen Redakteur, ob er einen Kollegen in der Redaktion kennt, der kokst. Wahrgemäß antworten 46 von ihnen: Ja. (Und denken sich: der Günni.) Die Studenten fahren nach Hause. In ihrer Studie wird korrekterweise der Satz stehen: „46 Prozent aller ‚Bild‘-Redakteure kennen jemanden, der Kokain nimmt.“

Wenn diese Studie dann aber wieder in die Hände der „Bild“-Redakteure kommt, staunen die und denken sich garantiert: „Wow. Fast jeder zweite von uns nimmt Kokain?“

Soweit das Gedankenspiel, jetzt die Praxis:

Laut einer Studie der Uni Leicester behaupten 46 Prozent der englischen Profi-Kicker, einen Kollegen zu kennen, der Drogen nimmt.

Aha. Und was folgt daraus?

Womöglich — wäre aber Zufall.

Tja, wer weiß schon die Antwort darauf. Die Studie jedenfalls nicht. Und „Bild“ auch nicht.

Danke an Nils P. für den sachdienlichen Hinweis.

Allgemein  

TV-Star schützt Kinderschänder

Oliver Pocher - TV-Star schützt KinderschänderDies ist vermutlich für jeden Prominenten eine der schlimmsten Schlagzeilen, die neben seinem Foto in der Zeitung stehen können:

Sicherlich wird sich selbst ein Blatt wie „Bild“ bei solchen Vorwürfen Mühe geben, besonders sorgfältig vorzugehen und nicht fahrlässig den Ruf eines Unschuldigen zu zerstören.

— Um es vorwegzunehmen: Das Gegenteil ist der Fall.

Zuerst die „Bild“-Version der Geschichte:

Kinderschänder nicht angezeigt
TV-Star Pocher jetzt zum Polizei-Verhör

Jetzt rückt der Comedy-Star ins Visier von Polizei und Staatsanwalt!

In der Show von Johannes B. Kerner im ZDF gab Oliver Pocher (26, „Rent a Pocher“) zu, daß er vom Mißbrauch an einem Mädchen weiß. Er hat den Täter aber nicht angezeigt! […]

„Da kann man nicht einfach hingehen und jemanden beschuldigen und das vor Gericht durchbringen.“

Was denkt sich der TV-Star bloß bei solchen Aussagen – in Zeiten, wo fast täglich Kinder in Deutschland geschändet werden?

Im Text zum Foto nennt „Bild“ Pochers Worte eine „Skandalaussage“.

Soweit die „Bild“-Zeitung. Jetzt die Wahrheit:

Oliver Pocher war am 8. Oktober, also vor fast zwei Wochen, bei Johannes B. Kerner. Nach dem üblichen Smalltalk fragte der Moderator den Komiker, ob es ein Thema gebe, bei dem er ernst werde. Pocher sagte: Ja, Kindesmissbrauch. Er sei für das Thema „extrem sensibilisiert“, weil er damit vor Jahren konfrontiert gewesen sei. Es habe unter anderem einen Fall in der „näheren Bekanntschaft“, in der „weiteren Nachbarschaft“ gegeben.

Man hat versucht, dann dem Mädchen zu helfen. Man hat das teilweise erst so spät mitbekommen. … Aber konnte auch nicht wirklich so direkt gegen vorgehen, weil das gar nicht mal so einfach ist, weil letztendlich muss ja auch die Person selber zum Beispiel denjenigen anzeigen wollen, das ist halt alles ’n bisschen komplizierter. Man kann nicht einfach nur hingehen und sagen: Der macht das. … Es ist schwieriger, das vor Gericht auch durchzubringen.

Pocher sagte, er habe den Fall erst „später mitbekommen, viel später“. Erst mit 14 Jahren sei er auf das Thema Kindesmissbrauch aufmerksam geworden. Der mutmaßliche Täter laufe noch frei herum:

Dann kommt’s einem ehrlich gesagt hoch. … Das ist etwas, das einem sehr nahe geht, gerade wenn man damit sehr viel zu tun hat.

Unter anderem wegen dieser Erfahrung engagiere er sich für ein Projekt eines Freundes, der ein Kinderhaus in Nepal gegründet habe.

Der Fall liegt, nach Pochers Beschreibung, mindestens zehn Jahre zurück. Pocher war anscheinend in keiner Weise beteiligt oder Zeuge. Wer das Video der Sendung gesehen hat, dürfte zu dem Schluss kommen, dass Pocher bei Kerner nicht über das Thema sprach, um Kindesmissbrauch zu verharmlosen, sondern im Gegenteil: um für die Alltäglichkeit solcher Fälle zu sensibilisieren.

Im Übrigen sagt es viel über die „Bild“-Zeitung aus, wenn sie das (verkürzte) Zitat Pochers, „Da kann man nicht einfach hingehen und jemanden beschuldigen und das vor Gericht durchbringen“, für eine Skandalaussage hält. Man könnte es auch für das Wesen eines Rechtsstaates halten. Nicht natürlich ein Blatt, das fast täglich einfach hingeht und jemanden beschuldigt…

Mehr dazu hier.

Alter Hut, neu aufgesetzt

„Frankfurter Rundschau: Müssen noch mehr Redakteure gehen?“,

fragt „Bild“ Frankfurt am Dienstag und fügt hinzu:

Letzte Woche hatte die zu 90 Prozent der SPD-Presse-Holding gehörende Rundschau das Abschmelzen von derzeit rund 1000 auf 750 Mitarbeiter verkündet. Heftige Reaktionen blieben aus.

Heftige Reaktionen blieben aus? Wieso denn das? Weil’s keinen mehr kümmert?

Oder vielleicht, weil SPD-Schatzmeisterin Inge Wettig-Danielmeier schon Anfang August, also vor zweieinhalb Monaten, in der „Berliner Zeitung“ sagte:

„Die Zahl der Beschäftigten soll Ende des Jahres 750 Vollzeitbeschäftigten entsprechen.“

Aber das ist nur so eine Vermutung.

Keinen Kontakt, nie gehabt

Schauspieler Karsten Speck sitzt in Untersuchungshaft und „Bild“ ist „das Drama“ täglich einen Bericht wert. Jetzt kommt die Schreckensmeldung:

„Seit fünf Tagen hat Mutter Ellen keinen Kontakt mehr zu ihrem Sohn. Jetzt sagte Ellen Speck gegenüber der Tageszeitung B.Z.: ‚Wir dürfen nicht mit ihm sprechen!'“

Und außerdem:

„Das ist eine schreckliche Geschichte. Nur sein Anwalt hat noch Kontakt zu ihm. Er hält uns auf dem Laufenden.“

In der „B.Z.“ steht dazu:

„Seit sechs Tagen sitzt ihr [Ellen Specks] Sohn in Untersuchungshaft (BZ berichtete). Seitdem hat die Familie keinen Kontakt zu ihm.

So? Na ja, gut.

Bloß zur Erinnerung: „Karsten Speck weint hinter Gittern“, hatte „Bild“ wenige Stunden zuvor gemeldet:

„Seit fünf Tagen sitzt der TV-Star in Haft. Die Mutter zu BILD: ‚Als ich ihn im Gefängnis anrief, hat er geweint.‘

Vermutlich darf man sich jetzt raussuchen, ob man — wenn überhaupt — lieber der „Bild“ oder doch der „B.Z.“ glauben möchte. „Bild“ jedenfalls glaubt offenbar lieber den Kollegen.

Geheime „Bild“-Liste gefunden!

Heute vormittag wurde (endlich) offiziell bekannt gegeben, wer denn nun bei der zweiten Staffel der RTL-Unterhaltungsshow „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ im sog. Dschungel-Camp dabei sein wird.

Für aufmerksame „Bild“-Leser allerdings war das natürlich keine Neuigkeit. Im Gegenteil stand in der „Bild“ bereits am 17. August, also vor mehr als zwei Monaten, dies:

Weiter hieß es damals: „BILD hat die geheime Auswahlliste“ bzw. „die geheime Dschungel-Camp-Liste“ – und zwar diese:

Désirée Nick,
Jens Riwa,
Verona Feldbusch-Pooth,
Karim „der Knutscher“ Maataoui,
Nadja „Naddel“ Abdel Farrag,
Carsten Spengemann,

sowie Verena Kerth (nicht mehr online).

Das klang gut damals. Oder wenigstens gut informiert. War es aber nicht. Denn (wie mittlerweile auch „Bild“ zu berichten weiß) heißen die Teilnehmer der Dschungel-Show:

Désirée Nick,
Dolly Buster,
Willi Herren,
Isabel Varell,
Heydi Nunez-Gomez,
Fabrice Morvan,
Jimmy Hartwig,
Harry Wijnvoord,
Nadja Abd El Farrag,

sowie Carsten Spengemann (noch nicht bestätigt).

Kurzum: Im direkten Vergleich der „geheimen RTL-Liste“ mit der tatsächlichen RTL-Liste finden sich drei Übereinstimmungen. Und man könnte das dürftig nennen – oder den ermittelten Wahrheitsgehalt von rund 30 Prozent als geheimen Richtwert für die sonstige „Bild“Berichterstattung missverstehen…

Allgemein bekannt

„Die traditionelle Rechtschreibung ist noch allgemein bekannt“, stellte „Bild“ kürzlich fest, anschließend auf die alte, allgemein bekannte Schreibung um – und macht seitdem vermutlich mehr „ss“- und „ß“-Fehler als „Deutschlands Schüler“.

Nicht nur bei harten „Nüßen„, sondern auch bei einfachen, allgemein bekannten Wörtern – zum Beispiel bei der Frage, wie eigentlich die künftigen Dschungel-Camp-Bewohner entlohnt werden:

Wird fortgeßetzt.

Nachtrag, 10.23 Uhr: Der „Bild“-„ß“-Beaufragte hat seinen Dienst angetreten und hart durchgegriffen. Auch bei den Nüssen.

We are the Champions XI

„(…) ich mag BILD sehr, weil es BILD irgendwie täglich schafft, die Geschehnisse aus der gewaltigen Erde (…) verständlich darzustellen.“

Das schrieb Franz Josef Wagner vor zwei Wochen in der „Bild“-Zeitung anlässlich eines mehrteiligen Vorabdrucks des „Rückenbuchs“ von Dietrich Grönemeyer in der „Bild“-Zeitung. Aber das nur so nebenbei.

Denn heute macht „Bild“ den Grönemeyer zum „Gewinner“ des Tages, nachdem es sein Buch auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste geschafft hat. Doch warum? Warum nur? „Warum?“ fragt sich auch „Bild“ und antwortet:

„Weil’s eine BILD-Serie war!“

Und wer weiß, vielleicht hat es „Bild“ mit diesem Halbsätzchen ja tatsächlich geschafft, die Geschehnisse aus der gewaltigen Erde (in diesem Fall: die Eitel- oder Selbstgefälligkeit, mit der „Bild“ ihre „Gewinner“ kürt), irgendwie verständlicher darzustellen als sonst so. Warum man „Bild“ dafür mögen sollte, steht allerdings in einem anderen Blatt – oder aber auf.

Esst mehr Nüsse!

Nüsse machen klug. Nüsse enthalten nämlich Omega-3-Fettsäuren und Lezithin. Allerdings kein „ß“.

(Hassel ist übrigens — unter anderem — ein Ort am Rande der Lüneburger Heide, der bislang noch nicht besonders für seine Nüsse bekannt war.)

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Riesenärger um „Bild“-Überschrift

Heute spielen wir wieder das lustige Spiel: Was möchte uns diese „Bild“-Schlagzeile sagen?

Mal so frei assoziiert: Ralf Moeller hat sich daneben benommen, ist in einen Skandal verwickelt, eine Schlägerei oder sowas, und darf jetzt drei Jahre nicht mehr als Schauspieler arbeiten. Oder Ralf Moeller hat sich nicht daneben benommen, aber irgendwelche bösen, mächtigen Filmmenschen haben was gegen ihn und verhindern nun, dass er in einem bestimmten Streifen mitspielen darf. Womöglich hat sich die Meldung, dass er Nachfolger von Arnold Schwarzenegger als Terminator wird, schon erledigt, weil es ja Riesenärger um ihn gibt und er nun ein Drehverbot hat. War es so? Umhimmelswillen, ist es das?

Fast.

Ralf Moeller hat im Mai und Juni 2003 zusammen mit Kollegen wie Carsten Spenge- und Jeanette Biedermann für den RTL-Film „Hai-Alarm auf Mallorca“ vor der Kamera gestanden, der am Sonntag lief. Anscheinend waren die Behörden dort plötzlich nicht mehr so hilfsbereit, als ihnen plötzlich klar wurde, dass es in einem Film womöglich um einen Hai-Alarm auf Mallorca gehen könnte. „Bild“ zitiert den Schauspieler mit den Worten:

Die anfängliche Hilfsbereitschaft hörte schlagartig auf. … Die hätten den Film am liebsten verhindert. … Plötzlich klappten zuvor zugesagte Drehgenehmigungen nicht mehr. In Palma gab es für uns ein Drehverbot, und am Strand geplante Helikopteraufnahmen waren auf einmal nicht mehr möglich.

All das ist, wie gesagt, 16 Monate her, und es gab keinen Riesenärger um Ralf Moeller.

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Wissenswertes über Wasserbüffel

Eine Herde Wasserbüffel hat nach Agenturberichten am Donnerstag auf der Autobahn 4 einen Verkehrsunfall mit einem Todesopfer verursacht. Oder, in den Worten der „Bild“-Zeitung:

Afrika-Büffel? Wasserbüffel! Wieso schreibt die „Bild“-Zeitung „Afrika-Büffel“, wenn alle anderen „Wasserbüffel“ schreiben? Vermutlich um im Kopf der Leser schon die Frage vorzubereiten, die sie dann im Text stellt:

Was machen Wasserbüffel mitten in Deutschland?

Eben. Die gehören doch nach Afrika. Wird unser schönes Deutschland jetzt auch noch von gefährlichen Ausländertieren überrannt?

Nein, jedenfalls nicht von Afrika-Büffeln, sondern höchstens von Asien-Büffeln. Domestizierte Büffel sind nämlich keine afrikanischen Büffel (Bubalus caffer), sondern asiatische Wasserbüffel (Bubalus bubalis). Und irgendwie hätte der „Bild“-Autor das auch als Büffel-Laie ahnen können, denn in seinen Text schrieb er unter die gewaltigen Buchstaben „Afrika-Büffel“ den Satz:

Die Büffel stammen aus Vietnam.

Übrigens endet der „Bild“-Beitrag über den tödlichen Unfall mit den Worten:

Das Fleisch ist eine Delikatesse, besonders dunkel und zart.

Der Satz passt gerade noch neben die Hinterhufe von diesem appetitlichen Tier:

Vielen Dank an Tobias M. für Hinweis und Scan!

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