In einem Aufwasch

Lustig, dass FDP-Fraktionschef Wolfgang Gerhardt die Falle nicht gesehen hat, die „Bild“ aufgestellt hatte. Die Zeitung hatte berichtet, dass die zwei Gehalts-Nullrunden des Bundes-Kabinetts durch einen Automatismus im Gesetz bei der nächsten Erhöhung 2005 ausgeglichen werden könnten. Nach einer kurzen Empörungswelle verkündete sie jetzt den Sieg: „Bild stoppt Gehaltserhöung für Politiker“.

All das bezieht sich zwar auf Minister und nicht den normalen Bundestagsabgeordneten, wie „Bild“ auch im Text andeutete. Aber an entscheidender Stelle groß in den Schlagzeilen schrieb sie nicht „Minister“, sondern immer „Politiker“, was nicht nur dramatischer klang, sondern die nächste Erregungswelle vorbereitete. Als Gerhardt in einer „Sabine Christiansen“-Sendung über Managergehälter die Diäten von Abgeordneten verteidigte, schnappte die Falle zu: Mit der Schlagzeile „Dieser Politiker fühlt sich unterbezahlt“ findet er sich nun im Ministergehälter-Kontext im Blatt. Damit hat sich vermutlich jeder Gedanke an die geplante Diätenerhöhung erledigt.

Hatte Gerhardt eigentlich wirklich unterbezahlt gesagt? „Bild“ zitiert ihn mit den Worten, die Diäten seien „eher bescheiden“ und „nicht überhöht“. Das ist ja fast das Gleiche. So wie Abgeordneten-Diäten und Kabinetts-Gehälter.

Unbequeme Wahrheit

Katja Burkard ist die Freundin von Hans Mahr. In der „Bild am Sonntag“ stand deswegen kürzlich die „ganz besonders heiß diskutierte Frage“:

„Fliegt die lispelnde ‚Punkt-12‘-Moderatorin Katja Burkard?“

Zwei Tage später nun macht „Bild“ Frau Burkard zum „Gewinner“ des Tages. Schließlich sei Burkards Sendung „doppelt so erfolgreich wie das zweiterfolgreichste ‚Mittagsmagazin‘ von ARD und ZDF“. Und um die Sache (Marktanteil: „26,6 % bei Zuschauern ab 3 Jahre“ usw.) anschaulicher zu machen, schreibt „Bild“ dazu:

Fast jeder dritte Deutsche schaltet um 12 Uhr ein, wenn Katja Burkard (39) die RTL-Nachrichtensendung ‚Punkt 12‘ moderiert.“

Das klingt gut, stimmt aber nicht: Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes leben in Deutschland rund 82 Millionen Menschen. Nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) leben zirka 90 Prozent davon in einem sog. Fernsehhaushalt. Darüber hinaus sieht, so die GfK, mittags um 12 bloß jeder Zehnte fern – und, ja, so ziemlich jeder Dritte dieser 10 Prozent schaut sich dann Katja Burkard an. 2,02 Millionen sind das insgesamt. Kurzum: Unter Zuhilfenahme eines Taschenrechners (und unter grundloser Vernachlässigung der über sieben Millionen in Deutschland lebenden Ausländer) könnte es halbwegs folgerichtig heißen:

Fast jeder fünfunddreißigste Deutsche schaltet um 12 Uhr ein, wenn Katja Burkard (39) …“ usw. usf.

Wobei: Klingt sowas überhaupt noch nach „Gewinner“? Egal, denn ganz zum Schluss kann man der „Bild“ dann doch noch zustimmen – dann nämlich, wenn sie direkt neben die „Gewinner“-Meldung schreibt: „Man muss auch unbequeme Wahrheiten ertragen.“

Beste Bilder

Ob das, was „Bild“ da online unter dem Titel „Ken Park – die besten Filmbilder“ anzubieten hat, tatsächlich die besten Filmbilder aus „Ken Park“ sind, sei hier mal dahingestellt. Oder hier. Und überhaupt: Sagte man zum allererstbesten Filmbild der fünfteiligen Bild.de-Bilderschau bislang nicht schlicht Filmplakat?

Dirrty

„Bild“ berichtet von einem „Latschenkrieg“: Britney Spears habe einen Werbevertrag mit der Schuhmarke Skechers an Christina Aguilera verloren. Die Bosse fänden, sie sei „zu sauber, zu langweilig“. Und sie habe zu viele „Skandale und Schmuddelgeschichten“. Nun gut, dass man ihr beides gleichzeitig vorwirft, ist ein bisschen unplausibel, aber der Rest der „Bild“-Meldung wird schon stimmen. Oder?

Warum [sie rausgeworfen wurde], erklärte ein Firmen-Sprecher so: „Britneys Marktwerkt sinkt – besonders nach ihren letzten Skandalen und Schmuddelgeschichten.

Das Zitat von „Bild“ stammt aus dem britischen „Daily Mirror“ vom Donnerstag. Dort ist die Quelle allerdings kein offizieller „Sprecher“, sondern ein anonymer „Insider“, dessen Vorwurf an Britney sich auf englisch weniger hart liest: bedraggled outings kann man auch als „verwahrloste Auftritte“ übersetzen.

Aber überhaupt ist der „Mirror“ vielleicht nicht die verlässlichste Quelle. Aguilera ist schon seit über einem Jahr bei Skechers als Werbemodel unter Vertrag. Neu ist nur der Start einer internationaler Kampagne unter dem Motto „Naughty and Nice“. Wobei, was heißt „neu“? Selbst diese Nachricht ist fast drei Wochen alt.

Die Geschichte vom Latschenkrieg dagegen konnte man schon im August 2003 zum Beispiel hier nachlesen. Darin steht auch, warum sich Britney und Skechers wirklich getrennt haben: Wegen eines millionenschweren Rechtsstreits.

So, und jetzt fassen wir noch einmal zusammen, was an der „Bild“-„Nachricht“ stimmte.

Agenda 2010

Angenommen, die schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin Heide Simonis sagte in einem Interview, sie wolle bei der Landtagswahl im Februar 2005 wiedergewählt werden und zu einem „viel späteren Zeitpunkt“ müsse man darüber reden, ob sie ihr Amt schon vor der nächsten Wahl, also vor dem Frühjahr 2010, einem Nachfolger übergibt – würden einem dann sofort die „Bild“-Überschrift „Heide Simonis (SPD) spricht von Rücktritt“ auf Seite 1 und die Frage „Hat sie etwa keine Lust mehr?“ einfallen? Oder müßte man dafür schon viel bösen Willen mitbringen?

Blind abgeschrieben

Außer auf seine Auflage ist „Bild“ ganz besonders stolz darauf, die meistzitierte deutsche Zeitung zu sein. Und warum ist „Bild“ die meistzitierte deutsche Zeitung? Weil sie so viele Exklusivmeldungen hat? Vielleicht. Vielleicht aber auch nur, weil alle anderen so blöd sind, bei ihr abzuschreiben. „Spiegel Online“ zum Beispiel:

„Das Mittelfeld ist nicht kreativ genug. Wir haben keinen Häßler und Littbarski mehr. Und wir sind nicht mehr schnell genug“, sagte [Klinsmann] der „Bild“-Zeitung, „da kann nur Lahm mithalten. Das ist zu wenig. Da ist einiges versäumt worden, das korrigiert werden muss.“

Ja, all das stand in „Bild“. Aber erzählt hat es „Klinsi“, wie gesagt, vor knapp drei Wochen dem Sport-Informations-Dienst (sid). Bei dem ist auch der „Spiegel“ Kunde. Obwohl er sich das Geld sparen könnte — er hat ja „Bild“ abonniert.

Ohne fremde Hilfe

Gestern meldete die „Financial Times Deutschland“ mit 91 Wörtern auf Seite 6, dass „Bild“ „nach den Auflagenrückgängen der letzten Jahre nun auch Leserverluste verkraften“ müsse und laut aktueller Media-Analyse 60.000 Leser weniger als im Vorjahr erreiche. Der tatsächliche Minuseffekt sei jedoch wegen einer Methodenänderung wahrscheinlich noch größer.

Heute korrigiert die „FTD“ mit rund 100 Wörtern auf Seite 5:

„Uns [ist] leider ein schwerer Fehler unterlaufen. So heißt es in der Meldung, die ‚Bild‘-Zeitung habe aufgrund einer geänderten Auswertungsmethode deutlich an Reichweite verloren. Das ist jedoch nicht der Fall, da die Änderung nur für Zeitschriften gilt, nicht jedoch für Zeitungen.“

Und „Bild“ triumphiert mit 116 Wörtern auf der Titelseite:

„Falscher Bericht über Leserreichweite. (…) Die Chefredaktion der ‚Financial Times Deutschland‘ entschuldigt sich öffentlich für einen falschen Bericht über die Leserreichweite von BILD! Die Zeitung hatte in ihrer Donnerstag-Ausgabe behauptet, dass BILD auf Grund einer geänderten Auswertungsmethode deutlich an Reichweite verloren habe (…).“

Dass das Boulevardblatt im Vergleich zum Vorjahr 60.000 Leser weniger hat, ist zwar keine Katastrophe, stimmt allerdings trotzdem (und steht natürlich nicht dabei).

Fassen wir also zusammen: „Bild“ hat nicht aufgrund einer geänderten Auswertungsmethode Leser verloren, sondern ganz ohne fremde Hilfe.

Früer war alles besser

Neues vom „unendlichen Chaos um die neue Rechtschreibung“: „77% der Deutschen lehnen die Reform ab (Emnid-Umfrage). Jetzt fordern prominente Autoren: Gebt die verwirrende Rechtschreibreform wieder auf!“

Die Sensation: „Bild“ gibt zuerst auf und schreibt ab sofort wieder nach den alten Regeln!

Öhm… – wie waren die noch mal?

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