Die Geister, die sie riefen II

Oh Gottogottogott, Nazis im sächsischen Landtag. Da brauchen wir schnell einen Skandal. Die anderen Kandidaten sind aus dem Studio gegangen, als der NPD-Mann sprach, und die Interviewerin hat ihm das Mikrofon entzogen? Super, da machen wir eine „Pöbel-Attacke“ raus. Macht schon mal ’ne Schlagzeile fertig: Nazi-Eklat im ZDF-Studio. Oder: Politiker flohen aus ZDF-Studio. Oder besser gleich beides. Ham wir Fotos? Was? Nicht vom ZDF-Studio, nur vom ARD-Studio? Ist doch egal. Merkt doch kein Schwein. Hey, das sind Neonazis, da kann man sich die Fakten schon mal zurechtbiegen, wie es einem passt, um die zu bekämpfen.

Ob das ein „Nazi-Eklat im ZDF-Studio“ war und ob die „Politiker aus dem ZDF-Studio flohen“, darüber kann man vielleicht noch streiten. Unbestreitbar ist, dass die Bilder unter diesen „Bild“-Schlagzeilen nicht das ZDF-Studio zeigen. Das sah — in dem Moment, als der erste Politiker ging — so aus:

Danke an gleich mehrere aufmerksame Hinweisgeber!

Die Geister, die sie riefen

Hoppla, was ist denn da passiert? Randale? Tätliche Angriffe? Ausländerfeindliche Ausfälle? Es scheint so, denn „Bild“ spricht von einer „Pöbel-Attacke“ und schreibt:

Gerade erst in den Landtag gewählt – und schon zeigen die Neonazis von der Sachsen-NPD im TV ihr wahres Gesicht!

Was hat der sächsische NPD-Spitzenkandidat Holger Apfel getan? Er sagte (korrekt zitiert in „Bild“) dies:

„Heute ist ein großartiger Tag für alle Deutschen, die noch Deutsche sein wollen, es ist die verdiente Quittung für eine immer asozialere Sozialpolitik, für eine asoziale Wirtschaftspolitik und…“

Währenddessen verließen die Vertreter der anderen Parteien den Tisch, an dem sie interviewt wurden. Die ZDF-Innenpolitikchefin Bettina Schausten entzog Apfel hektisch das Wort und reagierte hilflos und hysterisch, als er — weitgehend unverständlich für die Fernsehzuschauer — weitersprach.

Es besteht kein Grund, an der Gefährlichkeit der NPD zu zweifeln. Aber zu einer „Pöbelattacke“ ist es im ZDF-Studio nicht gekommen, und auf die These mit der „asozialen Sozialpolitik“ hätte Apfel prima durch Verfolgen der Hartz-IV-Berichterstattung der „Bild“-Zeitung kommen können — bis diese abrupt endete: „Irgendwann in diesem Sommer müssen sie bei Bild gemerkt haben“, schrieb Evelyn Roll am Samstag in der „Süddeutschen Zeitung“, „dass sie mit dem Schüren von Sozialangst zwar der Regierung schaden und der eigenen Auflage helfen, aber auch den Neonazis und der PDS. Und zwar tüchtig.“

Und, nein, die anderen Politiker mussten vor dem NPD-Mann auch nicht „fliehen“. Sie demonstrierten nur, dass sie nicht gewillt waren, mit Neonazis zu diskutieren.

Bestimmt wäre es hilfreich, wenn man im Kampf gegen die NPD die Mittel der Tatsachen-Verfälschung und grotesken Übertreibung den Rechtsradikalen überließe. Und wer ein paar populistische Sätze im Fernsehen als das „wahre Gesicht“ der NPD bezeichnet, verharmlost die Gefahr dramatisch.

Verstaubt

Heute müssen wir „Bild“ loben. Gestern war Sonntag, sonntags ist notorisch wenig los und das Blatt notorisch dünn besetzt, und trotzdem hat die Redaktion nicht — wie sonst gerne einmal — einfach eine Nachricht erfunden. Aber die Rubrik „Verlierer des Tages“ wollte halt gefüllt werden, und so findet sich da heute Ulrich Meyer:

Wird die „Akte 2004“ langweilig? TV-Moderator Ulrich Meyer (48) scheitert mit seiner SAT-1-Show regelmäßig an der 15-%-Hürde in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen. Jetzt sah sich der TV-Sender laut „kressreport“ sogar gezwungen, die Preise für die Werbung zu senken.

BILD meint: Verstaubt diese Akte?

Alles korrekt soweit, aber apropos „verstauben“: Die Meldung aus dem „kress“ ist über zwei Wochen alt. Sie stammt vom 3. September. Soviel zum Verlierer „des Tages“.

We are the champions II

Manchmal ist „Bild“ so berechenbar wie früher das „Neue Deutschland“. Dieter Stolte wird 70, und weil der ehemalige ZDF-Intendant heute Herausgeber von „Welt“ und „Berliner Morgenpost“ ist, die im Axel-Springer-Verlag erscheinen, der auch die „Bild“-Zeitung herausgibt, ist Dieter Stolte heute was? Richtig: Gewinner des Tages in „Bild“.

Und wir seufzen und machen einen weiteren Eintrag auf dieser Liste:

06.09.: Christian Kracht, „Der Freund“ (Axel Springer)
10.09.: „Welt kompakt“ (Axel Springer)
15.09.: „Auto Bild.de Automarkt“ (Axel Springer)
17.09.: „Welt“ (Axel Springer)
18.09.: Dieter Stolte (Axel Springer)

Langsam wär‘ mal wieder Kohl dran.

(Wird fortgesetzt.)

We are the champions

Womöglich gibt es eine Welt außerhalb des Axel Springer Verlages, und eventuell passiert dort gelegentlich sogar mal etwas, das man als Erfolg werten kann, aber bestimmt ist das alles nicht halb so toll wie das, was in den vielen schönen Pressemitteilungen des eigenen Hauses steht und woraus „Bild“ fast täglich einen „Gewinner des Tages“ für seine erste Seite kürt, allein viermal in den letzten elf Ausgaben:

06.09.: Christian Kracht, „Der Freund“ (Axel Springer)
10.09.: „Welt kompakt“ (Axel Springer)
15.09.: „Auto Bild.de Automarkt“ (Axel Springer)
17.09.: „Welt“ (Axel Springer)

Wäre es wohl zuviel verlangt, wenn einem wirklich keine anderen Gewinner mehr einfallen, die Rubrik einfach abzuschaffen oder wenigstens „In eigener Sache“ drüberzuschreiben?

(Wird fortgesetzt. Garantiert.)

Entschuldigung!

Steht da wirklich „Entschuldigung“ über dieser „Bild“-Nachricht? Ja, tatsächlich!

Und natürlich wird so was nie wieder vorkommen. Nicht wahr?

Rein gar nichts damit zu tun hat freilich diese Schlagzeile:

Nun ja, Fakt ist : Bei einer Oldtimer-Veteranenfahrt in der Nähe von Darmstadt hat ein 70-jähriger Motorradfahrer versucht, einen abbremsenden Oldtimer vor ihm zu überholen und dabei übersehen, dass dieser links abbiegen wollte. Der Motorradfahrer ist ausgewichen und hat sich daraufhin mit seinem Fahrzeug überschlagen. Sein 10-jähriger Beifahrer hat das nicht überlebt.

Von Rasen aber ist in der Polizeimeldung nicht die Rede, von einer „Rallye“ schon gar nicht.

Und „Bild“? Zeigt nicht nur das Motorrad, das im Straßengraben liegt, und neben dran die abgedeckte Leiche des Jungen. Sondern auch die „geschockte Unfallfahrerin“ (die das Unglück zwar mit verursacht, aber eigentlich keine Schuld daran hat), wie sie in ihrem Wagen von einem Psychologen betreut wird.

Ihre Augen hat „Bild“ mit einem winzigen Balken geschwärzt. Das Nummernschild ihres Wagens allerdings, ja, das ist – Entschuldigung! – gut und deutlich lesbar.

Unrealistische Schönheitsideale

Bild.de hat dann doch noch eine passende Anzeige gefunden, um seine moralische Entrüstung über die Live-Übertragung einer Brust-OP angemessen zu illustrieren:

Der Klick auf die Anzeige führt zu einem (kostenpflichtigen) „erotischen Riesenangebot“ von Beate Uhse, inklusive „kultige, große Möpsegalerien“ und „100 % pralle Milch- und Teeniebrüste“.

Allgemein  

Mein Freund Photoshop

Wir müssen etwas korrigieren. Wir haben hier den Eindruck erweckt, „Bild“ habe sich einfach mit ein Tagen Verspätung eine öffentlich zugängliche Pressemitteilung im Internet heruntergeladen, um daraus ein exklusives „Geheimpapier“ zu machen. So einfach ist die Sache natürlich nicht.

Tatsächlich muss man die öffentlich zugängliche Pressemitteilung im Internet natürlich vor der Veröffentlichung erst retouchieren. Wenn Sie bitte vergleichen mögen:

Dies ist das Originaldokument:

Und dies die „Bild“-Version des gleichen Papiers:

Interessanterweise fehlen auf dem „Geheimpapier“ von „Bild“ zwei Details: Die Überschrift „TELEFAX“ und das Datum. Was für ein Zufall. Auch ein durchschnittlich begabter „Bild“-Leser hätte sich vermutlich sonst gefragt, warum erstens ein „Geheimpapier“ lustig durch die Gegend gefaxt wird und zweitens das ach-so-brisante Papier, dass ihm seine Zeitung da präsentiert, schon mehrere Tage alt ist.

Nur gut dass „Bild“ beim Fälschen Bearbeiten von wirklich wichtigen Dokumenten sorgfältiger ist.

Danke an (einen anderen) Alexander S. für diesen Hinweis!

Das letztere Tabu

Na, das hat ja nicht lange gedauert. Am Freitag hatten wir vermutet, dass mit der Ausstrahlung eines Brustwarzen-Piercings womöglich doch nicht „das letzte Tabu“ im Fernsehen gebrochen sei, wie „Bild“ sich erregte. Und siehe da, keine halbe Woche später fällt laut „Bild“ schon wieder was im Fernsehen? „Das letzte Tabu“. Diesmal in Form einer von RTL live übertragenen Brustvergrößerung.

Sowas ist natürlich höchst bedenklich und muss dringend mit vielen Fotos angeprangert werden („Bilder wie dieses will RTL morgen zeigen“). Und diesen Chirurgen, der sich dafür hergibt, nimmt „Bild“ im Interview hart ran:

BILD: Meinen Sie nicht, dass Sie junge Menschen zu ähnlichen Eingriffen ermuntern?
Dr. Hecker: „Nein! Die so genannten Vorher-/Nachher-Bilder oder Kurzausschnitte in den Medien animieren viel eher dazu.“

Ts, Vorher-/Nachher-Bilder! Wer macht denn auch sowas Unverantwortliches?

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