Laune nicht vermiesen

Noch mal zur Erinnerung: So reagierte „Bild“, als die freche Tochter von Roberto Blanco „trotz der bitterbösen Scheidungs-Affäre ihrer Eltern“ auf dem Münchner Oktoberfest auftrat:

Und so reagiert „Bild“, nachdem sich Roberto Blanco trotz seiner bitterbösen Scheidungs-Affäre ein paar Tage später die gleiche Unverschämtheit erlaubt hat:

Reicht das?

Die britische Modemarke Lonsdale macht „Trikotwerbung für die NRW-Fußballelf ‚African United‘, die aus farbigen Spielern besteht“, um sich dagegen zu wehren, dass sie wegen der Buchstaben „NSDA“ im Markennamen als „Lieblingskleidung deutscher Neonazis“ gilt.

Am Freitag war Lonsdale deswegen nicht etwa „Gewinner“, sondern „Verlierer des Tages“.

Und zwar, weil „Bild“ kurzerhand dazu dichtete:

Reicht das, um dumme Glatzen abzuschrecken?“

Vermutlich nicht, nein.

Deshalb wirbt die Marke ja außerdem „mit farbigen Models oder etwa dem Sponsoring des Christopher Street Days in Köln“ und „sponsert (…) antirassistische Organisationen wie das ‚Netzwerk Sachsen‘ oder ‚Augen auf!‘. Auch der in Berlin geborene ghanesische Medienstar Detlef ‚D!‘ Soost grinst für Lonsdale“.

So steht’s jedenfalls im „Fluter“ über die Kampagne „Lonsdale loves all Colours“. Reicht das?

Gestern pfui, heute hui

Vor zwei Wochen diskutierte „Bild am Sonntag“-Chefredakteur Claus Strunz bei Sat.1 unter anderem mit „Wetten dass…?“-Moderator Thomas Gottschalk über Sinn und Unsinn der Rundfunkgebühren für ARD und ZDF.

Gottschalk musste außerdem auf die Frage antworten, warum er denn in „Wetten dass…?“ ständig für Telefonfirmen und Autohersteller schleichwerbe, ausgerechnet im gebührenfinanzierten öffentlich-rechtlichen Fernsehen – und sagte darauf sinngemäß: Weil das ZDF sich die Show sonst nicht leisten könnte.

Strunz, der sich mit seiner überdeutlichen Rücksichtnahme auf die Interessen seines zweiten Arbeitgebers ProSiebenSat.1 ganz furchtbar blamierte, fand das befremdlich und ließ lieber vorschlagen, dass ARD und ZDF sich von Werbung und von Sponsoring wie in „Wetten dass…?“ verabschieden sollten.

Heute nun läuft eine schöne Meldung von Strunz’ Kollegen bei Bild.T-Online über den Ticker: „Bild.T-Online mit eigenem ‚Wetten, dass ..?‘ Channel.“

Hui! „Attraktive Inhalte auf hohem Online-Niveau“ soll der „Channel“ bieten. Und ein Rätsel für Gottschalk-Fans. Einer wird dann „in der (…) Sendung am 13. November 2004 als Gewinner von Thomas Gottschalk begrüßt (…) werden“.

Und man darf gespannt sein, ob Gottschalk sagen wird: „Das ist der Sieger des Rätsel beim Internetportal einer großen Boulevardzeitung, deren Namen wir hier nicht nennen wollen.“

Fest steht jedenfalls schon:

„Der neue Channel wird exklusiv von Bild.T-Online zusammen mit Dolce Media crossmedial sowohl Online als auch in der Bild.T-Online Beilage der BILD vermarktet.“

Allgemein  

Man wird ja mal fragen dürfen


Das macht Hoffnung – allerdings mehr als angemessen. Schaut man sich nämlich die Geschichte über den gleichen Sachverhalt in dem wissenschaftlichen Fachmagazin „New Scientist“ an, ist von einer „Sensation im Kampf gegen Aids!“, wie „Bild“ auf der Titelseite schreibt, nicht viel zu spüren. Ja, eigentlich geht es dort um etwas ganz anderes, nämlich um wissenschaftliche Forschungs- und Untersuchungsstandards:

His work has caused huge controversy in Nigeria, causing wrangles between Abalaka and the Nigerian ministry of health. (übersetzt etwa: Seine Arbeit hat eine gewaltige Kontroverse in Nigeria ausgelöst und entfachte einen Streit zwischen Abalaka und dem nigerianischen Gesundheitsministerium)

Recht gute und zutreffend übersetzte Zusammenfassungen der „New Scientist“-Meldung finden sich übrigens hier, hier oder hier. Dort lässt sich auch dies nachlesen:

Aber Saladin Osmanov, der Koordinator der gemeinsamen HIV-Impfstoff-Initiative von WHO und UNAIDS, warnt davor, dass Abalakas Impfstoff nicht nach den strengen Protokollen evaluiert wurde und seine Arbeit nicht von unabhängigen Experten überprüft wurde.

Das – und nicht etwa die Gefahr, dass Boulevard-Medien den Bericht als „Sensation“ präsentieren könnten – ist im Übrigen auch der Grund dafür, dass Kollegen des verantwortlichen Redakteurs Ray Spier beim Fachmagazin „Vaccine“, in dem Abalakas Bericht erschien, sich gegen dessen Veröffentlichung ausgesprochen hatten. Darauf und auf die Diskussionswürdigkeit von Abalakas Untersuchung, sowie auf die unzulängliche Datengrundlage weist Spier in einem Leitartikel in „Vaccine“ übrigens auch hin. „Bild“ leider nicht.

Warum eigentlich nicht?

P.S.: Nur der Vollständigkeit halber soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass Abalaka keineswegs „Aids-Spezialist“ ist, wie „Bild“ behauptet, sondern „general surgeon with training in immunology“, was eher so etwas wie „Chirurg mit Erfahrung in Immunologie“ bedeutet.

Das alte Lied

Eigentlich ist die Überschrift „Gottschalk trommelt für deutschen Pop“ ja ganz pfiffig. Meint das Wort „trommeln“ doch u.a., dass jemand musiziert, was natürlich hervorragend zum „Pop“ als Musikrichtung passt. Da es in dem zugehörigen „Bild“-Artikel aber um die gestern vorm Kulturausschuss des Bundestags diskutierte Frage nach einer Radio-Quote für deutschsprachige oder in Deutschland produzierte Musik geht, dürfte wohl eher die übertragene, umgangssprachliche Bedeutung von „trommeln“ gemeint sein, die der Duden folgendermaßen definiert:

tro.m|meln [spätmhd. trumelen]: 1. a) die Trommel (1) schlagen: laut t.; Übertragung: weil die Gewerkschaften für die 35-Stunden-Woche mit vollem Lohnausgleich trommeln (ugs.; mit Eifer dafür Werbung, Propaganda machen…)

Gottschalks eifrige Werbung liest sich dann allerdings so:

Nur dass ein Titel deutsch gesungen wird, sollte ihm nicht das Recht geben, zwangsaufgeführt zu werden. (…) Quote für deutsche Produktionen geht in Ordnung – was die Sprache betrifft, hielte ich sie für bedenklich.

Vielleicht ist die Überschrift also doch viel weniger pfiffig als irreführend.

Schlagzeilt „Bild“ zu schnell?

„Schießt unsere Polizei zu schnell?“, fragt „Bild“ in großen Lettern neben der Abbildung eines SEK-Beamten mit „Waffe im Anschlag“. Denn: „In Gießen wurde ein 77-jähriger Rentner vom SEK getötet, der sich gegen die Zwangsräumung [seiner Wohnung] wehrte.“ Mit einer Waffe, wohlgemerkt. Aber: „Schon das dritte Opfer dieses Jahr.“

„Im letzten Jahr töteten Polizisten bundesweit nur drei Menschen. Niedrigster Stand seit 30 Jahren. Und jetzt ist diese Zahl allein in Hessen eingestellt. Vermutung: Seit dem Mord an Radar-Polizist Günter K[.] (41) auf der A4 im Januar 2000 haben Hessens Ordnungshüter einen nervösen Finger“ bzw. fühlen sich „als Freiwild“.

War der Tod des Kollegen womöglich

Noch mal zum Mitdenken: Seit dem Mord an Günter K. im Jahr 2000 sollen hessische Polizisten schneller zur Waffe greifen als vorher, obwohl 2003 „bundesweit nur drei Menschen“ bei Polizeieinsätzen getötet wurden.

Gibt es denn Indizien, die eine solche Vermutung rechtfertigen?

Nein, sagt ein Sprecher des hessischen Innenministeriums: „Der Einsatz steht immer in Zusammenhang mit lebensbedrohlichen Situationen für die Polizeibeamten oder Dritte.“

Nein, sagt auch „ein Schieß-Experte zu BILD“: „In Notwehrsituationen zielt man da hin, wo die Trefferwahrscheinlichkeit oder der [sic] Wirkung am höchsten ist (…).“

Nein, sagt außerdem der Sprecher des „sonst stets kritischen“ Bunds Deutscher Kriminalbeamter: „Das Training [mit der Waffe] hat sich in den letzten Jahren stark verbessert (…).“

Dem hat auch „Bild“ nichts mehr hinzuzufügen.

We are the Champions V

Heute in „Bilds“ „In & Out“-Liste: die „1a-Sahne-CD-Sammlung ‚HÖRZU präsentiert 10 Meisterwerke der Klassik‘ (EMI Classic)“. Und aus welchem 1a-Sahne-Verlag stammt noch gleich „Hörzu“, diese 1a-Sahne-Fernsehzeitschrift? Richtig, aus dem 1a-Sahne-Axel-Springer-Verlag, der auch „Bild“ herausgibt, diese 1a-SahneHalt! Das geht zu weit, nicht mal im Scherz.

(Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Daniel W.)

Ein dringendes Bedürfnis

Das Ende der Schlechtschreibung rückt näher!

So steht’s mal wieder in „Bild“, und der Text dazu klingt, als sollte man das tatsächlich Ernst nehmen:

Der Kulturausschuss der CDU/CSU-Bundestagsfraktion verlangt jetzt in einem Dringlichkeitsantrag vom Bundestag, die neuen Regeln zu stoppen. Die Abgeordneten sollen die Länder auffordern, „alsbald eine abschließende Entscheidung bezüglich der Regeln“ zu treffen.

Interessant daran ist, dass die CDU/CSU-Bundestagsfraktion gar keinen eigenen Kulturausschuss hat, nur so eine Art Arbeitsgemeinschaft, die sich gelegentlich trifft, um kulturpolitische Fragen zu diskutieren. Tatsächlich wurde in dieser AG kürzlich auch über die Rechtschreibreform gesprochen. Fragt man allerdings bei der Fraktion nach, weiß dort niemand etwas von einem Dringlichkeitsantrag oder sonstigem Beschluss, der vom Bundestag fordert, „die neuen Regeln zu stoppen“.

Andererseits könnte man nach der „Bild“-Lektüre sogar glauben, dass eine derartige Forderung Erfolg haben könnte, schließlich zitiert „Bild“ nicht nur aus dem vermeintlichen „Dringlichkeitsantrag“, sondern auch Peter Gauweiler. Und Gauweiler seinerseits sorgte als bekennender Rechstschreibreformgegner nicht nur kürzlich in erwähnter CDU/CSU-AG für entsprechende Diskussionen, er ist auch stellvertretender Vorsitzender des Kulturausschusses des Bundestags, in dem sieben CDU/CSU-, sieben SPD-, zwei Grünen- und ein FDP-Politiker sitzen – weshalb man ihn auf keinen Fall mit dem nichtexistenten Kulturausschuss der CDU/CSU-Fraktion verwechseln sollte. Und dieser Gauweiler sagte „Bild“ offenbar:

Der Bundestag hat bereits vor acht Jahren die Rechtschreibreform kritisiert. Es ist Zeit, dass diesen Worten jetzt Taten folgen.

Ob Peter Gauweiler mit dem Wort „kritisiert“ wohl halbherzige Formulierungen wie die folgenden meint?

Der Deutsche Bundestag nimmt mit Besorgnis zur Kenntnis, daß die Art und Weise der Umsetzung der Rechtschreibreform und ihre Inhalte bei den Bürgern unseres Landes ein hohes Maß an rechtlicher und sprachlicher Unsicherheit über die deutsche Rechtschreibung hervorgerufen haben.

Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass Gauweiler „gutachterliche, publizistische, Vortrags- oder sonstige Tätigkeiten“ für die Axel-Springer-Verlag AG wahrnimmt bzw. von Zeit zu Zeit in „Bild“ und „BamS“ Kommentare schreibt.

Feiern verboten, singen erst recht

So was tut man doch nicht!

Sie lacht, sie feiert, sie tanzt. So, als ob alle Sorgen dieser Welt ganz weit weg wären. Patricia Blanco (32), Tochter des untreuen ‚Ein-bisschen-Spaß-muss-sein‘-Sängers Roberto Blanco (67), trat trotz der bitterbösen Scheidungs-Affäre ihrer Eltern auf dem Münchner Oktoberfest auf, sang ganz wie Papa im Festzelt von Unternehmerin Regine Sixt.“

Frech, oder?

Aber: Apropos Papa – wo ist der überhaupt derzeit? „Wir wissen nicht, wo er ist“, hat „Bild“ Patricia Blanco entlockt und berichtet hinterher stolz: „BILD fand Roberto Blanco (…)“.

Vermutlich war er bereits auf dem Weg nach Frankfurt, wo er am Donnerstag – wie gestern in einer halbseitigen Anzeige in der „Bild“-Lokalausgabe zu lesen war – ein Einkaufszentrum eröffnen wird (17 Uhr) – sicher ohne dabei zu lachen, zu feiern und zu tanzen, sondern mit schmerzverzerrtem Gesicht.

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