Symbolfoto II

Wie bereits erwähnt, machte „Bild“ ja kürzlich die „Zeit“ zum „Verlierer“ des Tages, weil sie ihre Leser „kleinlaut“ (so „Bild“) darauf hinwies, zur Bebilderung eines Textes ein Symbolfoto abgedruckt zu haben. „Nanu?“ schrieb „Bild“ und empfahl: „Zeitig aufklären!“ Und wenn „Bild“ nun, einen Tag später, in ihrer Berlin-Ausgabe über „sechs angehende Krankenschwestern“ berichtet, die gegen ihren Willen „nackt beim Duschen“ gefilmt wurden, und „Bild“ die Meldung u.a. mit dem Foto einer nackten Frau beim Duschen bebildert (siehe Ausriss), bei der es sich natürlich mitnichten um eine der betroffenen Krankenschwestern, sondern bloß – wie „Bild“ offenbar zu erwähnen vergaß – um ein Symbolfoto handelt, dann hoffen wir mal, dass wir das hiermit zeitig genug aufklären konnten!

(Wird fortgesetzt…)

„Bild“ klärt auf

Einer der Unterschiede zwischen der Boulevardzeitung „Bild“ und der Wochenzeitung „Die Zeit“ besteht darin, dass sich die „Zeit“ offenbar verpflichtet fühlt, ihren Leser in der aktuellen Ausgabe mitzuteilen, dass sie in der vergangenen Woche einen Artikel über illegale Einwanderinnen mit einem nachgestellten „Symbolfoto“ bebildert hatte (O-Ton „Die Zeit“: „Um ihre Anonymität zu schützen, haben wir für die Illustration (…) Fotomodels engagiert“), und darüber hinaus ankündigt, „künftig Illustrationen dieser Art präzise kennzeichnen“ zu wollen, wohingegen „Bild“ die „Zeit“ ob dieser Ankündigung – und mit dem wohlmeinenden Hinweis „Zeitig aufklären!“ – kurzerhand zum „Verlierer“ des Tages macht.

Mehr zu Thema? Klicken Sie hier. Oder schauen Sie sich doch zum Beispiel bloß mal die barbusige, blonde Frau an, die auf der „Bild“-Titelseite (siehe Ausriss) quasi direkt neben der „Verlierer“-Meldung abgebildet ist und laut „Bild“ behauptet, sie heiße „Eurynome“.

Bestens abgesichert

Fragen, die wir uns alle schon einmal gestellt haben:

Wer versichert eigentlich das deutsche Olympia-Team? Die Zürich-Gruppe.

Und sind die Sportler damit gut abgesichert? Bestens!

Was für Bereiche deckt so ein Paket von der Zürich-Versicherung denn ab? Unfall, Haftpflicht, Reisegepäck, Rechtsschutz, technische Ausrüstung und Transportversicherung.

Und war diese Versicherung schon vor Olympia nah an den Sportlern dran? Total! Die von der Zürich-Gruppe haben sogar ein Fernsehmagazin im DSF gesponsert.

Und wenn man dieses alles so aufschreibt in zwei Artikeln auf bild.de, müsste man dann nicht „Werbung“ dazuschreiben oder sowas? Offensichtlich nicht.

Danke an Oliver B. für diesen sachdienlichen Hinweis.

Drogen in Sommerloch gefunden!

Ingrid Häußler ist die Oberbürgermeisterin von Halle. Vor einer Woche traf sie sich mit einigen Leuten von einer bissigen Internetseite namens Hoelle-Saale.de, um eine Friedenspfeife zu rauchen. Apropos: Irgendwann kam das Gespräch auf Haschisch. Hoelle-Saale.de zitierte die Oberbürgermeisterin am Tag darauf mit den Worten:

Vor vielen Jahren habe ich im Paulusviertel mit einer Freundin zusammen schon den einen oder anderen Joint geraucht. Und zu meinem 50. Geburtstag hat mir mein Sohn auch ein Tütchen geschenkt. Er meinte wohl, seine Mutter könnte sowas gebrauchen bei dem stressigen Job.

Wie aufregend ist das?

So aufregend, dass „Bild Halle“ daraus eine Geschichte auf der Titelseite machte (siehe Ausriss) und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen je einen Artikel im Inneren. Gleich dreimal brachte „Bild“ dasselbe Foto von Frau Häußler, in dem sie mit ihren Händen eine Tüte formt, zweimal die Formulierung „Ganz schön high, Frau Häußler“, einmal die gewaltige Schlagzeile: „Die Hasch-Beichte der Oberbürgermeisterin.“

Und die Sache ist damit für „Bild“ nicht erledigt.

Es [gäbe] noch so viele Fragen. … Waren es nun Joints oder nur ein Joint, woran Ingrid Häußler vor Jahren gezogen hat? Und was wurde aus dem Tütchen, das einer ihrer Söhne der Politikerin angeblich zum 50. Geburtstag geschenkt hat?

Und natürlich auch diese Frage noch: Wen interessiert’s?

Centralorgan

Liebe Frau Pieper,

wir müssen reden. Die „Bild“-Zeitung hat heute auf Seite 1 einen Artikel mit der Überschrift: „Bundesbank will kleine Cent-Münzen abschaffen“ und zitiert Sie als FDP-Generalsekretärin mit den Worten:

Wenn die Cents wegfallen, drohen durch Aufrunden auf volle Euro Preiserhöhungen. Es ist nicht vermittelbar, dass nach dem Pfennig nun auch der Cent gehen soll.

Ja, das wäre natürlich bitter, wenn nun der Cent gehen würde und wir alle auf „volle Euro“ aufrunden müssten:

„Ein Ei bitte!“ — „Macht einen Euro.“
„Für mich nur ein Brötchen.“ — „Ein Euro, bitte“
„Krieg ich ein Lakritz, Mami?“ — „Du, das kostet aber einen Euro!“

Ganz ruhig, Frau Pieper, niemand will Ihnen Ihre Cents wegnehmen. Es geht nur um die Ein- und Zwei-Cent-Münzen. Aufgerundet wird auf volle 5 Cent — und, wo wir gerade Ihre Aufmerksamkeit haben, das Wort „aufrunden“ hat einen Freund, der heißt „abrunden“. Und den würden Sie in einer Welt ohne Ein- und Zwei-Cent-Münzen (also zum Beispiel hier) kennen- und liebenlernen, wenn wir Sie in den Supermarkt schicken, um, sagen wir, in einem Rutsch drei Liter Milch zu je 59 Cent zu kaufen.

Warum steht das alles hier? Weil die „Bild“-Zeitung tatsächlich über den Artikel geschrieben hat: „Bundesbank will kleine Cent-Münzen abschaffen — Wird jetzt alles teurer?“ Das Blatt hätte natürlich auch schreiben können: „Bundesbank will kleine Cent-Münzen abschaffen — Wird das Wetter jetzt noch schlechter?“, aber dazu hätten Sie sich ein bisschen anstrengen müssen, noch dümmeres Zeug zu reden.

Besten Dank für die Inspiration an Torsten W.!

Ein Hartz für Tiere

Mit traurigen Kinder- und Sparschwein-Augen machte „Bild“ vor einigen Wochen Stimmung gegen „Hartz IV“. Womit ließe sich das noch steigern? Richtig: Mit traurigen Hunde-Augen. Im Berlin-Teil von „Bild“ (nicht online) steht heute die Überschrift:

Wegen Hartz IV — Berliner Tierheim erwartet hunderte arme Hunde

Das Blatt behauptet, viele Menschen glaubten aus Furcht vor Armut, sich ihren Hund nicht mehr leisten zu können.

Alleinstehende Arbeitslose im Westen bekommen ab Januar nur noch 345 Euro, im Osten 331 Euro. Rund 200 Euro weniger als die bisherige durchschnittliche Arbeitslosenhilfe.

Das ist falsch, wie der Autor des Artikels sogar im eigenen Blatt hätte nachlesen können. In seiner Rechnung fehlen die Kosten für Miete und Heizung, die Bezieher von Arbeitslosengeld II in Zukunft zusätzlich bekommen. Rechnet man sie ein, ergibt sich nur eine geringfüge Differenz zwischen jetzigen und zukünftigen Einkünften, manchmal sogar eine Verbesserung.

Weiter im Text:

„Bundesweit rechnen wir in diesem Sommer mit 70.000 ausgesetzten Haustieren“, sagt Wolfgang Apel (52), Präsident des Deutschen Tierschutzbundes. „Tiere werden heutzutage leider einfach entsorgt, wenn sie zur Last fallen.“

Das Zitat stimmt, der Zusammenhang nicht. In einer Pressemitteilung der Bundesregierung stellt Apel klar,

dass der Tierschutzbund einen direkten Zusammenhang zwischen der Zahl ausgesetzter Tiere und dem Arbeitsmarktreformgesetz Hartz IV nicht herstellt. Die in BILD genannte Zahl von 70.000 ausgesetzten Tieren sei ein Wert, der sich traurigerweise seit einigen Jahren auf diesem hohen Niveau halte.

Aber diese traurigen Hundeaugen auf dem Foto, die können doch nicht lügen, oder? Nein, die nicht.

„Bild“ macht stutzig

Enthüllen ist ein schönes Wort und bedeutet laut Duden so viel wie „offenkundig machen“, „entlarven“ oder „aufdecken“. Deshalb versteht sich auch von selbst, was damit gemeint ist, wenn beispielsweise bild.de den schönen Satz „US-Pornostar Jenna Jameson enthüllt“ ganz oben über eine Meldung schreibt. (Was genau Jameson enthüllt, kann übrigens hier nachgelesen werden. Oder hier. Muss aber nicht, weil bild.de die ganze Sache sowieso bloß anderweitig – O-Ton: „Das berichtet der Online-Dienst ‚freenet‘.“ – aufgeschnappt hat…)

So richtig überzeugt von dem, „was sexy Jenna da verrät“, scheint allerdings nicht einmal bild.de zu sein: „Jenna hat eine Autobiografie geschrieben, braucht also PR„, heißt es in der dazugehörigen Berichterstattung, was offenbar sogar die bild.de-Berichterstatter stutzig macht:

„Ist es nur ihre blühende Porno-Fantasie, die da mit Jenna durchgeht? Oder ist an den Enthüllungen tatsächlich etwas dran?“

Und dass bild.de die Leser derart an der eigenen Skepsis teilhaben lässt, ist zweifelsohne löblich, zumal wir jetzt auch endlich wissen, was außerdem damit gemeint sein kann, wenn irgendwer irgendwo irgendwas zu enthüllen weiß.

Was die PDS mit der HJ zu tun hat

Der heutige „Bild“-Leitartikel trägt die Überschrift:

Die PDS marschiert.

Marschiert die PDS? Sie demonstriert in vielen Städten gegen „Hartz IV“ und „Sozialabbau“. Im Fernsehen sehen die Kundgebungen nicht nach „Marschieren“, geschlossenen Reihen und schweren Stiefeln aus. Warum schreibt „Bild“ dann „Die PDS marschiert“? Es gibt einen bekannten Schlachtruf mit „…marschiert“. Im Horst-Wessel-Lied der Nationalsozialisten kommt die Zeile vor: „SA marschiert“. Daran erinnert die Überschrift des Kommentars von Dr. Herbert Kremp. Soll sie daran erinnern?

Er schreibt weiter:

Was für ein schräges Bild, was für eine Blamage vor aller Welt: Die PDS mit an der Spitze der Sozialangst-Demonstrationen in Berlin und Ostdeutschland. „Unsere Fahne flattert uns voran.“

Das Zitat ist keines der PDS und keines von den „Sozialangst-Demonstrationen“. Es ist aus dem Fahnenlied der Hitlerjugend:

Unsre Fahne flattert uns voran.
In die Zukunft ziehen wir Mann für Mann.
Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not
Mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.

Für Kremps Formulierung gibt es nur eine Interpretation: Er sieht eine Parallele zwischen der friedlich demonstrierenden PDS einerseits und den Schlägertruppen der SA und Hitlers gleichgeschalteter Jugendorganisation andererseits. Wow.

Die „Nachfolger der SED“ sollen aufhören, „Sozialangst“ zu schüren und sich als „die größten Anwalte des Volkes“ aufzuspielen, fordert der Kommentator. Das kann man verstehen. Auf beides hätte „Bild“ natürlich gerne ein Monopol.

Was Herr Kremp uns mit der Nazi-Anspielung eigentlich sagen will, ist vermutlich dies: Wenn möglicherweise nicht zuletzt wegen einer massiven „Bild“-Kampagne gegen „Hartz IV“ die Menschen in Scharen der PDS zulaufen, dann ist das nicht die Schuld von „Bild“, sondern der PDS.

Die wichtigste Meldung des Jahres II

Vor gut einer Woche wirkte es noch verwirrend, dass „Bild“ einerseits den „wichtigsten Download des Jahres“ anpries, um dann im Text davon abzuraten, ihn sich tatsächlich herunterzuladen. Aber in der gigantischen Vermarktungsmaschine „Bild“ geschieht nichts ohne Grund — manchmal braucht es halt nur ein paar Tage, bis man ihn erkennt. Und, siehe da: Jetzt wirbt das Schwesterblatt „Computer Bild“ in Anzeigen und im Internet für sein neues Heft mit diesem freundlichen Hinweis:

Wichtigstes Windows-Update exklusiv auf Heft-CD
Computerbenutzer aufgepasst! Das wichtigste Update des Jahres für Windows XP ist da. … Die Zeitschrift COMPUTERBILD bietet die Programmverbesserungs-Sammlung jetzt exklusiv auf Heft-CD-ROM.

Das mit der „Exklusivität“ darf man zwar getrost bezweifeln, aber wer schon vor über einer Woche heiß gemacht wurde auf das „wichtigste Update des Jahres“, wird ja nicht so lange warten wollen, bis er herausgefunden hat, wo er die CD sonst noch bekommen kann.

Und wir können die Kategorie, unter der wir dieses Thema einsortiert haben, von „Merkwürdiges“ auf „Kommerzielles“ ändern.

Danke an Andreas G. für seinen Hinweis!

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