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Zunehmendes Rumpeln

Man hätte es sich auch als Laie der Seismologie denken können: Wenn die „Bild“-Zeitung schreibt, dass die Zahl der Erdbeben zunimmt, ist sie in Wahrheit konstant, Tendenz: fallend.

Aber der Reihe nach.

Auch bei uns bebt die Erde immer öfter

lautet die Überschrift über der heutigen Folge der aktuellen Erduntergangs-Serie von „Bild“. Diese Behauptung wird im zugehörigen Artikel allerdings nicht wiederholt, geschweige denn belegt, also vergessen wir sie einfach. (Okay, nach der neuen „Null Toleranz“-Politik von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann wäre das ein klassischer Fall von „übergeigter“ Überschrift, die vom Text nicht gehalten wird, und es müssten Köpfe rollen, aber wir wollen da mal nicht so sein.)

Tatsächlich behauptet Dr. Paul C. Martin in seinem „Bild“-Artikel allerdings, dass die Zahl der Beben weltweit steigt:

Heute ist unser Planet von ca. 8000 Meß-Stationen überzogen. Sie melden täglich mindestens 50 Beben.
Tendenz? Leider steigend! (…)
Ist das zunehmende Rumpeln ein Alarmsignal?

Klare Antwort: Nö. Bzw.: Welches zunehmende Rumpeln?

„Bild“ belegt seine These, dass „unser Planet aus dem Gleichgewicht“ sei, mit einer Statistik, die eindeutig scheint: Danach hat sich die Zahl der aufgezeichneten Erdbeben 2003 gegenüber 1990 fast verdoppelt. Als Quelle gibt „Bild“ das US-Erdbebenüberwachungszentrum NEIC an.

Auf dessen Internetseite finden sich zwar die von „Bild“ verwendeten Daten. Dort findet sich aber auch ein Satz, der die Zunahme erklärt:

As more and more seismographs are installed in the world, more earthquakes can be and have been located. However, the number of large earthquakes (magnitude 6.0 and greater) have stayed relatively constant.

Mit anderen Worten: Es werden mehr Erdbeben gemessen, weil es mehr Erdbebenmessgeräte gibt. Die Zahl der schweren Erdbeben aber hat sich kaum verändert. Betrachtet man Erdbeben von mindestens der Stärke 5, hat die Zahl sogar eher abgenommen als zugenommen.

We (and he) are the Champions XVI

1.) Am gestrigen Mittwoch machte „Bild“ mal nicht sich selbst (oder den Axel Springer-Verlag) zum „Gewinner“ des Tages, sondern einen gewissen Wendelin Wiedeking, und schrieb dazu:

„Übrigens: Vergangenes Jahr ging die hohe Auszeichnung an BILD. BILD meint: Ein würdiger Nachfolger!“

(Stattdessen stand auf der „Bild“-Titelseite nur eine Kurzfassung dieser oder dieser oder dieser Version dieser Pressemitteilung über die „Axel Springer AG auf Erfolgskurs!“)

2.) Am heutigen Donnerstag hingegen macht „Bild“ wiederum nicht sich selbst (usw.) zum „Gewinner“ des Tages, sondern zum nunmehr achten Mal in diesem Jahr Helmut Kohl.

Mikroweichs Zwischennetzforscher im Duell

Bild.de hat zwei Programme zur Darstellung von Web-Seiten (Microsofts „Internet Explorer“ und Mozillas „Firefox“) verglichen und den „Härtetest“ folgendermaßen illustriert:

Des weiteren übersetzt „die multimediale Erweiterung der Marke BILD“ den Browsernamen „Firefox“ mit „deutsch: Feuerfuchs“.

Dazu ist nun folgendes zu sagen. So wie butterflies bekanntlich keine Fliegen sind und anders als von Bild.de fälschlicherweise dargestellt, ist der firefox (Ailurus fulgens), dessen englischer Name sich wohl aus dem chinesischen hunho ableistet, mitnichten ein Fuchs (Vulpes), sondern eine hierzulande meist „Kleiner Panda“ oder „Roter Panda“ genannte Bären-Art. Wer wissen will, wie „eines der hübschesten Säugetiere überhaupt“ aussieht, klicke bitte hier oder schaue sich die nebenstehende offizielle Plüsch-Version des Browser-Anbieters Mozilla an.

Aber das alles steht hier ja nur, um bloß kein Wort über das erschütternde „Browserduell“ von Bild.de verlieren zu müssen…

Mit Dank an Tom für den sachdienlichen Hinweis (und allen anderen für ihre detail- und kenntnisreiche Kritik am „Browserduell“…).

Nachtrag, 0:43 Uhr:
Mittlerweile hat Bild.de die Grafik mit dem Fuchs durch diese ersetzt und die „Übersetzung“ entfernt.

Nachtrag, 25.7.2005:
Mittlerweile hat Bild.de die Sache mit dem „Feuerfuchs“ offenbar endgültig begriffen.

Mit Dank an Stefan D. für den Nachtrag.

Bomben-Story mit Happy End

Was die Polizei am 28. Oktober in Block N des Cottbusser Fußballstadions fand, war keine Bombe und hat, so die Polizei Cottbus, „objektiv nichts mit einer solchen zu tun“.

Aber zurück zu „Bild“, obwohl Überschriften wie „Chemobombe in Fanblock“ (Blick Online) oder gar „Sprengstoff in Cottbusser Stadion gefunden – (…) Für einen Anschlag hätte die Menge gereicht“ (Netzeitung) sicherlich auch nicht besser sind als die „Giftbombe im Bundesliga-Stadion“ oder die „8-Kilo-Bombe im Fan-Block“ die Bild.de und „Bild“ gestern über diese „Horror-Meldung“ schrieben.

Schlimm genug auch, dass man von „Bild“ nicht erwartet, darüber so sachlich wie der betroffene Verein Energie Cottbus (siehe „News“ vom 08.11.04) zu berichten oder, wie etwa Spiegel Online, komplett auf das missverständliche Wort „Bombe“ zu verzichten. Natürlich schrieb „Bild“ es wiederholt („Giftbombe“, „8-Kilo-Bombe“, „Bombe“, „Bomben-Schock“, „Bombe“, „Gift-Bombe“) in ihre Meldung, bevor ihr zuletzt doch noch die vergleichsweise treffene „Rauchbombe“ einfiel. Gewiss, die Sache wurde erst am Sonntagnachmittag, zehn Tage nach dem Fund, bekannt. Da blieb wenig Zeit, um daraus eine Schlagzeile zu machen. Und „Rauchsatz in Zweitligisten-Stadion vor elf Tagen frühzeitig entdeckt“ wäre keine gewesen, weshalb auch „Bild“ fix über „Giftsubstanzen“ schrieb, „die vor allem Leber und Nieren schädigen“, und weiter:

„Die Folgen (…) wären dramatisch gewesen. Zwar hätte die Bombe keinen Krater gerissen, aber giftige Dämpfe hätten zu schweren Verätzungen und Vergiftungen geführt.“

Und abgesehen davon, dass es „hätten dramatisch sein können“ und „hätten (…) führen können“ hätte heißen müssen, ist es nach der überzogenen Meldung vom Vortag um so erfreulicher, dass „Bild“ die Sache heute, also 12 Tage nach dem Fund, weiterverfolgt und nachfragt:

Wie gefährlich war das 40×30 Zentimeter große Paket wirklich (…)?“

Ja, „BILD sprach mit Experten„, schreibt „Bild“ – auch wenn’s nur zwei Mitarbeiter von Pyrotechnikfirmen sind, von denen der eine sagt: „(…) Es wäre ein mächtiges bengalisches Feuer geworden, der Rauch hätte das ganze Stadion vernebelt. Furchtbar.“ Und der andere fügt hinzu: „(…) Theatergruppen und Feuerwehren nutzen zum Beispiel diese Mittel.“

Und siehe da: Anschließend heißt die „Bombe“ aus der Überschrift tatsächlich nur noch:

„das Paket“

Mit Dank an Götz G. für den Anstoß.

„Bild“ veröffentlicht Schockfoto

Yoko Ono hat kürzlich eine neue DVD-Sammlung herausgebracht, auf der auch das Video zum Lied „Woman“ zu finden ist. Es ist u.a. mit einem Foto ihres toten Mannes, John Lennon, das im Leichenschauhaus aufgenommen wurde, bebildert. „Bild“ schreibt:

Hier liegt John Lennon auf dem Totenbett – Seine Witwe Yoko Ono veröffentlicht Schockfoto

„Bild“ fragt:

Findet der berühmte „Beatle“ John Lennon (ermordet 1980) nie seinen Frieden?

Und weiter:

Der tote Lennon auf DVD – Trauerarbeit oder geschmacklose PR?

Im Anschluss an die Frage berichtet „Bild“:

Yoko Ono (…) schockte vor Jahren mit dem Foto der blutbespritzten, später versteigerten Brillengläser, die Lennon bei seiner Ermordung (…) trug.

„Bild“ bebildert die Geschichte mit dem Foto Lennons, das im Leichenschauhaus aufgenommen wurde. Es ist in „Bild“ etwa neun mal dreizehn Zentimeter groß. Und mit einem kleineren Foto der blutverschmierten Brille.

Das Boulevardblatt „Bild“ schreibt nicht, dass das Foto aus dem Leichenschauhaus bereits direkt nach Lennons Tod von dem Boulevardblatt „New York Post“ und vom Boulevardblatt „National Enquirer“ auf deren Titelseiten veröffentlicht wurde.

Wahrscheinlich war man bei „Bild“ einfach zu geschockt darüber, wie unsensibel Ono im Umgang mit Fotos von Toten ist.

(Mit Dank für die sachdienlichen Hinweise an Alexander S., Thomas J. und Jeffrey W.)

Altbekanntes „Sex-Geheimnis“

Das wird Sie jetzt vielleicht nicht gerade über alle Maßen begeistern: Ellen Kessler ist heute Abend zu Gast bei Reinhold Beckmann. Das berichtet „Bild“ auf Seite vier.

Warum Sie sich das anschauen sollten?

Heute (…) verrät Ellen Kessler (…) eine heiße Affäre, die sie 50 Jahre verschwiegen hatte. Sie genoss eine heiße Nacht mit Weltstar Burt Lancaster!

OK, ganz so „heiß“ war die Nacht offenbar nicht, wie sich auch in „Bild“ nachlesen lässt:

„Ich habe es einfach über mich ergehen lassen. Es war nicht prickelnd. Ich war wie eine… Forelle. Ja!“

Na ja, und ganz so lange verschwiegen hatte sie diese „verschwiegene Liebessensation“, das „Sex-Geheimnis“ („Bild“) auch wieder nicht, z.B. hatte sie 1999 Bettina Böttinger davon erzählt, in der „Berliner Zeitung“ stand es auch schon, und Ellen Kessler hatte 1996 (nicht etwa vor 45 Jahren, wie es in „Bild“ heißt) in ihrer Autobiographie darüber berichtet, aus der „Bild“ sogar zitiert:

„Burt tat, was er konnte, um mich in Fahrt zu bringen. Aber ich war wie gelähmt (…). Ich blieb dabei steif wie ein Klotz.“

Aber immerhin, die Überschrift passt:

We are the champions XV

Der Bund der Steuerzahler NRW hat seine Journalistenpreise verliehen. Sie gingen an Mitarbeiter von „Sport Bild“, Deutschlandfunk, WDR Fernsehen und „Lemgoer Zeitung/Lippische Rundschau“. Und jetzt dürfen Sie einmal raten, welches dieser Medien es dafür in die „Bild“-Rubrik „Gewinner des Tages“ geschafft hat.

Die tägliche Trinkmenge

Na sowas: Am 2. August meldete „Bild“ auf Seite 1: „Bewiesen! Alkohol macht schlau“ – und unter Verweis auf eine britische Studie hieß es, dass regelmäßige Trinker bei Intelligenztests „deutlich besser als Abstinenzler“ abgeschnitten hätten. „Die besten Resultate“, so „Bild“ weiter, „erreichten diejenigen, die eine halbe Flasche Wein oder rund einen Liter Bier pro Tag trinken“. Die Meldung begann mit dem Satz: „Na denn: Prost!“

Am 8. September wiederum meldete „Bild“ auf Seite 1: „1 Liter Bier täglich ist gesund“ – und unter Verweis auf eine österreichische Studie hieß es: „Männer können täglich 1 Liter Bier trinken, Frauen die Hälfte.“ Denn Bier, so „Bild“ weiter, beuge Schlaganfälle, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Knochenschwund vor und „mache nicht dick“. Die Meldung begann mit dem Satz: „Na dann Prost!“

Zwischendurch, am 30. August, hieß es auf Seite 1 sogar: „Ein ganzes Leben ohne Alkohol kann tödlich sein!“ Und jetzt das:

Da meldet „Bild“ doch tatsächlich mit Datum vom 5. November 2004, „daß die tägliche Trinkmenge, bei der langfristig keine Schäden drohen, viel niedriger liegt als zumeist angenommen“! Nachdem nämlich die „Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen“ (DHS) und die Barmer Ersatzkasse vorgestern eine Pressekonferenz zum „Umgang mit Alkohol“ abhielten, ist Schluss mit lustig. Denn „Bild“ hat nicht nur mit einem „Alkoholforscher“ gesprochen („Problematisch ist, daß sich Alkoholkranke durch Meldungen über die Schutzwirkungen bestätigt fühlen könnten.“), sondern auch einen DHS-Experten. Der sagt:

„Der Risikokonsum beginnt bei Frauen mit ca. 20 Gramm und bei Männern mit ca. 30 Gramm reinen Alkohols täglich. Ein Glas Rotwein (0,2 Liter) enthält circa 19 Gramm Alkohol, dieselbe Menge Weißwein nur 18 Gramm. Eine Flasche Bier (0,5 Liter) enthält 20 Gramm reinen Alkohol.“

Bekannt ist das schon lange – der „Berliner Morgenpost“ immerhin seit 2003, der „Welt“ natürlich auch, der „Ärzte-Zeitung“ schon seit 1999, der „Berliner Zeitung“ sogar mindestens seit 1998 usw. Und jetzt klicken sie bitte hier.

„Dumm gelaufen“

„Bild“ macht heute den Schriftsteller Andreas Maier in 28 schmalen Zeilen zum „Verlierer“ des Tages und bezieht sich dabei auf eine Meldung der Nachrichtenagentur dpa vom gestrigen Donnerstag um 14.02 Uhr.

Es geht darin um ein neues Literaturstipendium der Stadt Potsdam, das nicht zuletzt darin besteht, dass einem von einer Jury ausgewählten Autor eine Zeit lang „ein angemessener Wohnraum“ zur Verfügung gestellt wird. Darüber, dass sich der Wohnraum indes in einem Plattenbau befinden soll, hatte sich die Jury beschwert, woraufhin dann die Wohnungsunternehmen, die den Wohnraum zur Verfügung stellen wollten, ihr Angebot zurückzogen. Stipendiat für das Jahr 2004 ist übrigens besagter Andreas Maier, der laut dpa „äußerte, dass man Stipendiaten in der Regel in einem Schloss, einer Villa an der Ostsee oder einem aufgearbeiteten Bauernhaus, nicht aber in der ‚Platte‘ wohnen lasse“. Und ganz ähnlich steht’s heute auch in „Bild“:

„Doch der Autor meckerte laut dpa: Stipendiaten lasse man in der Regel in einem Schloß oder einer Villa wohnen, nicht aber in der ‚Platte‘. Da zogen die Wohnungsunternehmen ihr Angebot zurück.“

Dass dpa gestern bereits um 17.45 Uhr meldete, die Wohnungsunternehmen hätten „die der Stadt gegebene Zusage erneuert“, steht (anders als Oliver Kahns „Amoklauf“ gegen 22.33 Uhr) nicht in „Bild“. Erstens. Zweitens „meckerte“ Maier nicht. Wie bereits vor einer Woche in den „Potsdamer Neusten Nachrichten“ nachzulesen war, reagierte er vielmehr „durchaus noch sehr humorvoll“ bzw. „freundlich, mit allenfalls leicht ironischer Note“ („FAZ“) oder „zurückhaltend“ (FAZ.net): Dem Potsdamer Blatt (auf das sich übrigens auch dpa bezog) sagte Maier nämlich auch, das umstrittene Wohnraum-Angebot habe ihn „erstaunt“. Nachdem aber selbst ein Schloss für Stipendiaten „nicht immer das Ideale“ sei, sehe er „schon die Möglichkeit, sich auf die Platte am Stadtrand einzulassen“, denn:

Vielleicht leide ich da, vielleicht auch nicht. Aber es könnte ebenso gut auch sein, dass ich eine geräumige Altbauwohnung in der Innenstadt habe (…) und ich mich dort auch nicht wohl fühle.“

Dass das alles nicht in 28 schmale „Verlierer“-Zeilen passt, ist klar. Dass „Bild“ die ganze Sache ja ohnehin bloß mit dem Hinweis „laut dpa“ verbreitet hatte, auch. Nur schrieb doch „Bild“-Chef Kai Diekmann kürzlich an seine Mitarbeiter:

„Wer sich bei heiklen Themen auf andere verläßt und keine eigenen Recherchen anstellt, paßt nicht zu uns. (…) Wer bei anderen abschreibt und dabei nicht mal in der Lage ist, Namen oder Fakten richtig abzuschreiben, gehört nicht zu BILD!“

Bleibt also die Frage, weswegen Maier überhaupt zum „Verlierer“ wurde – und der Anfang des „Verlierer“-Textes. Er lautet:

„Dumm gelaufen“

Schwule Lehrer

Endlich tut einmal jemand was gegen den Skandal, dass sogar Schwule, die ihre Perversion demonstrativ zur Schau stellen, einfach unsere Kinder unterrichten dürfen! Abnormale Lehrer können jetzt der „Bild“-Zeitung gemeldet werden, die sich dann um die Sache kümmert.

Ganz so unverblümt ist die neue Aktion Pranger von „Bild“ natürlich nicht organisiert. Vorgeblicher Anlass ist der Auftritt eines Berliner Lehrers in der ARD-Show „Das Quiz“, in der er die Frage „Was wird mithilfe von Lackmus-Papier bestimmt?“ falsch mit „Cholesterinwert“ beantwortete, was ihn in den Augen der „Bild“-Zeitung von gestern zum „total blamierten“ „Depp-Lehrer“, zum „Ahnungslosen“ und zum „Skandal-Lehrer“ macht. Wobei in dem Artikel dezent die Grenzen verwischen, worin genau der Skandal besteht: In der falschen Antwort oder in der Tatsache, dass der Lehrer schwul ist, eine Punk-Frisur trägt und sich geschminkt hat, bevor er ins Fernsehen gegangen ist.

Das ist ein Berliner Lehrer

steht in großen, fassungslosen Buchstaben über dem androgynen Gesicht des Kandidaten. Immer wieder betont der Artikel, dass der Referendar Alexander G. einen Freund hat und Augen und Lippen geschminkt sind.

Der junge Mann ist Berliner Lehrer! Er darf Kinder unterrichten!

In der Druckausgabe wird ihm auch noch Schwänzen vorgeworfen:

Unfaßbar, daß so ein Ahnungsloser unsere Kinder unterrichtet. Eigentlich — wie BILD erfuhr — ist er seit vier Wochen krank geschrieben!

Später „erfuhr“ „Bild“ noch eine Information, die es allerdings nur in die Online-Version der Geschichte geschafft hat:

Immerhin: Die Sendung wurde vorher aufgezeichnet.

„Immerhin“: Irgendwer bei „Bild“ hat gemerkt, dass das in diesem Zusammenhang kein ganz unwesentliches Detail ist.

Heute dreht „Bild“ die Geschichte weiter, und die Sache mit der falschen Antwort taucht nur noch in einem einzigen Satz am Rande auf. Wohin die Reise geht, macht die Überschrift neben einem weiteren Bild des Lehrers klar:

Kein Wunder, daß wir bei der PISA-Studie ganz hinten liegen…
Warum darf so ein Lehrer unsere Kinder unterrichten?

Weiter im Text:

Wie BILD erfuhr, tritt der Punk-Lehrer in seiner Freizeit bundesweit auch als Travestiekünstler „Loulou La Rouge“ in Frauenkleidern auf! Warum darf so ein schriller Typ Kinder unterrichten?

Warum nicht, könnte man zurückfragen, aber das haben die Beschützer „unserer“ Kinder, die „Bild“ zitiert, natürlich nicht getan:

„In diesem speziellen Fall ist es ein schlechtes Image für die Schule, die Grenze der Individualität scheint hier überschritten.“

„Durch dieses Auftreten wird der Schulfrieden massiv gestört. In jeder Firma würde dieser Mann umgehend gefeuert!

„Ein Lehrer muß nicht täglich im Anzug zum Unterricht kommen. Aber eine saubere Jeans und ein gebügeltes Hemd sollten schon sein.“

(Dass der Referendar seine Hemden nicht bügelt oder die Jeans nicht wäscht, hatte bislang nicht einmal „Bild“ behauptet.)

Also, klar ist: Solche Lehrer gehören ins Kino, aber nicht in die Schulen. Und deshalb endet der Artikel mit dem folgenden Aufruf:

Haben Sie auch so einen schrillen Typen an der Schule? Kennen Sie Lehrer, die sich gehen lassen?

Dann schreiben Sie an:

BILD Zeitung
Redaktion Nachrichten
Stichwort: „Lehrer“
Axel-Springer-Platz 1
20350 Hamburg

Und wenn einer von den so Vorgeführten dann seine Existenz verliert oder sich etwas antut, wird „Bild“ in seiner ausführlichen Nachberichterstattung zu mehr Toleranz aufrufen. Versprochen!

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