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Junge Amerikaner lesen Zeitungen online (netzeitung.de)
Der Leserschwund im amerikanischen Zeitungsmarkt wird durch Online-Ausgaben gebremst. Insgesamt interessieren sich die US-Bürger aber weniger für Nachrichten.

Ein Krieg, der nirgendwohin führt (nzz.ch)
Arabische Intellektuelle äussern sich zum Konflikt im Nahen Osten.

Freund oder Feind (zeit.de)
Der neue Krieg im Nahen Osten spaltet auch hierzulande die Gemüter. Viele Medien ergreifen Partei – für oder gegen Israel

Ein gutes Geschäft (woz.ch)
Was geschieht eigentlich mit dem Geld, das der Bund von arbeitenden AsylbewerberInnen einzieht und auf so genannten SiRück-Konten deponiert?

Der Siegeszug der Web-Communities (spiegel.de)
Seit knapp zwei Jahren redet alle Welt über Web 2.0 – doch erst jetzt schlägt sich der Hype auch in Statistiken nieder. Manche Seite hat ihre Nutzerzahlen in einem Jahr verdreifacht.

Die Pille, live (weltwoche.ch)
Wenn der Mensch überhaupt noch etwas über Sex wissen will, dann das: Wie wirkt Viagra auf einen Mann, der italienisches Blut in den Adern und den WM-Final vor Augen hat?

Allgemein  

BILD dir deinen Inzest-Schock

Hunderttausende „Bild“-Leser schüttelten heute verwundert den Kopf, als sie diese Geschichte lasen:

"Inzest-Schock im TV"

Woher wir das wissen? Wir wissen es nicht. Wir haben keine Ahnung, was Menschen so treiben, während sie „Bild“ lesen. Ob sie sich am Hintern kratzen, in der Nase bohren oder Sex mit ihrer Tochter haben.

Eines wissen wir dafür aber ziemlich genau: Als „Bild“-Autorin Bea Peters gestern über den ZDF-Film „liebeskind“ schrieb, da konnte sie keine Ahnung haben, ob die folgenden Zeilen wahr sein würden, wenn sie am nächsten Tag in der Zeitung stehen:

Diese TV-Szene schockte gestern Abend Hunderttausende Zuschauer (…) Ein Film, der viele Zuschauer zutiefst verstörte, Gefühle verletzte.

Der Film begann nämlich erst um 22.45 Uhr und die Szene, die angeblich „Hunderttausende Zuschauer“ geschockt haben soll, kam sogar noch später. Die Zeitungsseite aber, auf der die eben zitierten Zeilen stehen, ging, soweit wir wissen, gestern bereits um 20.00 Uhr in Druck.

Merke: Wenn die „Bild“-Zeitung — wie so oft — zu wissen behauptet, was „Hunderttausende“ empört oder „ganz Deutschland“ diskutiert, ist das womöglich frei erfunden.

Beim ZDF sagte man uns übrigens, dass das Feedback auf „liebeskind“ insgesamt eher unterdurchschnittlich gewesen sei. Obwohl in der Zuschauerredaktion grundsätzlich sehr viele Anrufe und E-Mails eingingen, wenn Zuschauer über eine Sendung empört seien, habe man zu „liebeskind“ nur zwei Anrufe und einige E-Mails erhalten. Überwiegend Anfragen, ob und wann der Film wiederholt werde.

P.S.: Außerdem fragen wir uns, warum „Bild“ „liebeskind“ gestern zum TV-Tipp (siehe Ausriss) machte, anstatt vor dem „Inzest-Schock“ zu warnen, der doch angeblich so viele Zuschauer verstört und deren Gefühle verletzt hat.

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Zu viele bleiben offline (welt.de)
Die größte Studie zur Internet-Nutzung in Deutschland zeigt: Beim Surfen kommen sich Frauen und Männer nicht näher. Auch der digitale Graben zwischen Ost und West ist groß.

Musik von unten (ftd.de)
Die Musikindustrie wächst und gedeiht – nur haben die großen Konzerne wenig davon. Es ist nicht nur das Internet, das ihnen Probleme bereitet: Vor allem der Siegeszug kleiner und unabhängiger Labels macht den Marktführern zu schaffen.

Die Zeit der Kopfjäger (spiegel.de)
Das soziale Internet, von dem die Netzgemeinde im Augenblick schwärmt, lebt von den Investitionen seiner Nutzer. Der Kampf der Profis, die Geld verdienen wollen, um die besten Köpfe hat jedoch bereits begonnen.

Journalisten recherchieren weniger als früher (netzeitung.de)
Medienschaffende verwenden heute weniger Zeit für das Zusammentragen von Fakten als noch vor zwölf Jahren, ergab eine Studie. Der Zeitaufwand für technische und organisatorische Tätigkeiten ist dagegen gestiegen.

Vom Reiz inszenierter Welten (tagesanzeiger.ch)
Warum haben Marken wie Starbucks so viel Erfolg? Sie suggerieren Weltoffenheit. Das Image ist wichtiger als die Qualität des Produktes.

Das verbotene Wort (tagesspiegel.de)
Neues Gesetz schränkt Presse in Russland weiter ein.

Allgemein  

Braucht Bild.de einen Journalisten?

Eine lustige Überschrift ist den Leuten von Bild.de da eingefallen:

Braucht George Michael einen Sexorzisten?

George Michael hatte nämlich neulich Sex in einem Park. Und Bild.de schreibt, quasi als Erklärung für „derartige Eskapaden“:

Wie die „Daily Mail“ berichtet, soll George gesagt haben: „Ich bin von meinem schwulen Onkel besessen.“

Nur berichtet das die „Daily Mail“ gar nicht. Das Zitat aus der „Daily Mail“* lautet, Michael sei von der „story of his uncle“ besessen, also der Geschichte seines Onkels, was schon nicht mehr nach einem Fall für Teufelsaustreiber klingt, sondern nur einer besonders intensiven Beschäftigung mit einem Thema.

Aber es kommt noch besser: Das Zitat ist gar nicht von George Michael. Gesagt hat es laut „Daily Mail“ ein ungenannter „Freund“ über George Michael.

Aber Bild.de schiebt George Michael nicht nur ein Zitat unter, das er nicht gesagt hat, sondern verurteilt ihn auch noch dafür:

Der Bruder seiner Mutter litt nämlich an Schizophrenie, musste seine Homosexualität unterdrücken und brachte sich Mitte der 60er Jahre um. Geschmackloser geht’s wirklich nicht, George…

Gerade die Tatsache, dass Geisteskrankheiten in seiner Familie häufiger vorkamen, beunruhigt laut „Daily Mail“ den Popstar, der selbst an Depressionen litt. Was daran geschmacklos ist, weiß allein Bild.de.

*) In der Online-Ausgabe der „Daily Mail“ steht der Artikel nur in verstümmelter Form.

Symbolfoto XLIII

Es hätte so schön gepasst. „Bild“ hat nämlich heute eine Geschichte über Michael Schumacher im Blatt, die überschrieben ist:

Sein bester Freund und Manager Willi Weber rät: „Schumi, hol den Titel und hör auf“

Und weil es doch so schön gepasst hätte, sei hier noch die Einleitung des Textes zitiert:

„Michael und ich werden bis ans Lebensende alles zusammen machen. Wir haben uns noch nie gestritten. Er ist mein bester Freund.“
Willi Weber (64) über Michael Schumacher (37).

Was so schön gepasst hätte? Das Foto, mit dem „Bild“ den Text illustriert und auf dem Willi Weber Michael Schumacher herzt (siehe Ausriss). Daneben hat „Bild“ geschrieben:

Sie haben’s wieder geschafft! Willi Weber gratuliert Schumi in Hockenheim zum dritten Sieg in Folge.

Zu sehen ist auf dem Foto jedoch etwas anderes. Auf Schumachers Ärmel befindet sich nämlich ein Marlboro-Schriftzug (siehe Pfeil) und auf seiner Mütze eine „1“ (siehe Kreis), die ihn als amtierenden Weltmeister ausweist. Da Tabakwerbung bei der Formel 1 aber seit 1. August 2005 in der EU verboten ist, kann das Bild nicht vom diesjährigen Deutschland-Grandprix stammen. Weil Schumacher zuletzt im Jahr 2005 amtierender Weltmeister war, kann es auch nicht mal von 2006 sein. Und tatsächlich ist es offenbar schon zwei Jahre alt.

Mit Dank an Björn G. für den sachdienlichen Hinweis.

Kurz korrigiert (247)

Zum Gedenken an den dramatischen Unfall des Formel-1-Fahrers Niki Lauda auf dem Nürburgring heute vor 30 Jahren steht in „Bild“:

"Lauda: Vor 30 Jahren entkam er der Feuerhölle"

Auch andere Medien erinnern sich heute und zitieren Lauda u.a. mit den Worten:

„Ich bin nach sechs Monaten wieder so gefahren wie früher oder sogar besser, und das kann man nur dann, wenn man ein Problem hundertprozentig gelöst hat.“

Und so steht’s ja auch in einer dpa-Meldung von gestern nachmittag. „Bild“ allerdings zitiert Lauda exklusiv mit den Worten:

„Ich bin nach sechs Monaten wieder gefahren.“

Ob es sich dabei um eine Verkürzung aus Unachtsamkeit oder Platzmangel handelt, wer weiß. Stimmen kann das, was Lauda laut „Bild“ sagt, jedenfalls nicht. Denn nicht erst „nach sechs Monaten“, sondern bereits sechs Wochen nach dem Rennen auf dem Nürburgring stieg Niki Lauda wieder in seinen Ferrari und wurde am 12. September 1976 Vierter beim Grand-Prix-Rennen im italienischen Monza.

Mit Dank an Norman S., Oliver E. und Jens R. für den Hinweis.

Nachtrag, 2.8.2006: „Bild“ hat den Fehler in der Korrekturspalte ihrer heutigen Ausgabe berichtigt.

Neues aus der „Bild“-Redaktion

Die „Bild“-Zeitung ist nicht für Meinungsvielfalt bekannt. Hat sie sich entschieden, für oder gegen etwas zu sein, finden von dieser Linie abweichende Stimmen fast nie den Weg ins Blatt.

Doch intern gibt es sie offenbar, die abweichenden Stimmen. Die Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen Jürgen Klinsmann war innerhalb der Sport-Redaktion umstritten. „Bild“-Sportredakteur Lutz Lüttig erklärte in einem Interview mit dem Online-Magazin indirekter-freistoss.de, dass ihm der Umgang der Zeitung mit dem ehemaligen Bundestrainer teilweise persönlich missfallen habe. Ein Ausdruck wie „Grinsi-Klinsi“ sei „verächtlich, höhnisch und hämisch“, sagte er. „Aber: Es wird bei uns über so etwas diskutiert. Und manchmal setzt man sich durch und manchmal eben nicht.“

Befragt nach der dann plötzlich entdeckten Liebe von „Bild“ zu Klinsmann, sagte Lüttig:

Wenn Sie das als Kehrtwende bezeichnen wollen, bitte schön. Ich habe es als Erkenntnisgewinn empfunden und mich darüber gefreut.

Und über den Eindruck, dass der „Bild“-Zeitung gegenüber Menschen, die anderer Meinung sind, die Toleranz fehlt:

Zugegeben, den Slogan „Bild Dir Deine Meinung!“ kann man manchmal als „Bild Dir meine Meinung!“ mißverstehen. Das ist nicht immer besonders klug. Andererseits, welche Zeitung will keinen Einfluß haben?

Lüttigs Interview ist nicht mehr online. Er hat seine Aussagen nach der Veröffentlichung zurückgezogen — ohne Angabe von Gründen, sagt Oliver Fritsch, der verantwortliche Redakteur von indirekter-freistoss.de. Dabei habe Lüttig das Interview vorher schriftlich autorisiert.

Danke an Thomas M., Nils K. und Kai P.!

Kontinent des Lächelns

Schön, dass „Bild“ versucht, den Lesern des Münchner Sportteils nebenbei noch ein wenig kulturelle Allgemeinbildung zu vermitteln. Die Fußballer des FC Bayern München weilen nämlich zur Zeit in Japan. Und da hat man sich bei „Bild“ wohl gedacht, das wäre eine gute Gelegenheit, ein bisschen was über Franz Lehár zu erzählen:

Dumm nur, dass Franz Lehárs Operette „Land des Lächelns“ gar nicht in Japan spielt, sondern in China. Bekanntlich.

Mit herzlichem Dank an Norman S. auch für den Scan.

„Bild“ schreibt Rechtschreibung wieder ohne Schl

Eine Zeitung, die ihren Lesern gegenüber aufrichtig ist, hätte heute vielleicht so etwas geschrieben wie:

Ja, wir haben die letzten Jahre gegen die neue Rechtschreibreform gekämpft, wir haben sie „Schlechtschreibreform“ genannt — und auch in der reformierten Fassung, die morgen in Kraft tritt, sind noch viele Schreibungen enthalten, die wir vor kurzem noch „Wortmonster“ genannt haben. Aber die Vorschläge des Rates für deutsche Rechtschreibung sind ein Kompromiss, mit dem wir leben können, und deshalb schreiben wir ab jetzt wieder so, wie es unsere Kinder in den Schulen lernen.

Doch das ist nicht die Variante, für die sich „Bild“ entschieden hat. „Bild“ hat sich dafür entschieden, so zu tun, als habe es bislang keine neue Rechtschreibung gegeben. Nicht in den Schulen (wo sie die ersten Schüler schon 1996 beigebracht bekamen) und nicht in den Zeitungen (wo sie von August 1998 bis Oktober 2004 auch von „Bild“ und den anderen Springer-Zeitungen angewandt wurde). „Bild“ vermischt systematisch die ursprüngliche Reform mit den aktuellen Überarbeitungen und tut so, als gehe das mit der neuen Rechtschreibung überhaupt erst morgen los. Und spart sich so das Eingeständnis, dass sie sich mit vielen Forderungen ihrer „Stoppt die Schlechtschreibreform!“-Kampagne nicht durchgesetzt hat.

Natürlich kommt bei so einem Kraftakt schnell die Wahrheit unter die Räder. Zum Beispiel behauptet „Bild“ heute allen Ernstes:

Es gibt eine neue Regel, wann mit "ß" und "ss" geschrieben werden muss.

Nein, die gibt es nicht.

Richtig ist zwar, dass die Rechtschreibung, die ab morgen gilt, in einigen Punkten von der abweicht, die „Bild“ bislang „Schlechtschreibung“ nannte. Es gibt es aber keine Änderung, die „ß“ und „ss“ betrifft.

„Nach langen Vokalen (Selbstlauten) schreibt man ß, nach kurzen ss“ — so formuliert „Bild“ die „neue Schreibregel“. Dabei gilt diese Regel seit 1996. Genau wie die, dass sich „nach kurzen Vokalen“ die „Konsonanten verdoppeln“, was „Bild“ ebenfalls eine „neue Schreibregel“ nennt.

Der Rat für deutsche Rechtschreibung hat in diesem Bereich („Laut-Buchstaben-Zuordnungen“) keine einzige Änderung vorgenommen. Dass „überschwänglich“, „Stängel“ und „Gräuel“ mit „ä“ statt „e“ geschrieben werden — alles Regeln, die schon bisher galten und von „Bild“ nur zuletzt nicht angewandt wurden.

Als Beispiele für die „neue“ Regel, dass bei zusammengesetzten Wörtern „alle Konsonanten“ geschrieben werden, „auch wenn drei aufeinander folgen“, nennt „Bild“ putzigerweise auch die Wörter „Kaffeeernte“ und „Hawaiiinsel“ (vermutlich nach der internen „Bild“-Regel „Vokale? Konsonanten? Sind doch alles Buchstaben“).

Kein Wort verliert „Bild“ über das Schicksal der Wörter „Delfin“ und „Majonäse“, „Ketschup“ und „Portmonee“, die „Bild“ in den vergangenen Jahren immer als zwingende Schreibweisen und Beispiele für das Böse an der Rechtschreibreform genannt hat. Dabei hat sich an den vermeintlichen „Wortmonstern“ nichts geändert: Diese eingedeutschten Varianten sind weiter möglich — neben den fremdsprachigen Schreibungen. Aber das war bislang auch schon so.

PS: Für langjährige „Bild“-Leser muss der heutige Artikel ein merkwürdiges Déjà vu sein. Denn am 15. Juli 1997 berichtete ihre Zeitung:

Rechtschreibreform kommt!

Durch die Rechtschreibreform müssen wir uns an neue Regeln gewöhnen. Aber keine Panik! Es ändern sich nur 185 von rund 12000 Wörtern. Vieles wird einfacher. Es gibt weniger Sonderfälle, weniger Komma-Regeln. (…)

Was ändert sich konkret? 1. „Daß“ und „dass“: Nach kurzen Vokalen steht ss statt ß: „dass“, „Schluss“, „nass“. …

Danke für die vielen Hinweise.

Nachtrag, 1.8.2006: Die Verwechslung von Konsonanten und Vokalen in „Kaffeeernte“ und „Hawaiiinsel“ korrigiert die „Bild“-Zeitung heute in ihrer „Korrekturspalte“. Bild.de dagegen bleibt bei seiner Darstellung.

„Bild“ bezahlt Spanner und Schaulustige (2)

Na, haben wir diese Foto nicht schon mal irgendwo gesehen?

Aber ja: Es war – zumindest in Teilen der Auflage – schon vor zwei Wochen in „Bild“ abgedruckt, eingesandt von einem „Bild“-Leser bzw. „BILD-Leser-Reporter“, der schaulustig der Unfallszene am unteren Bildrand (von uns nicht abgebildet) beigewohnt und u.a. die dort zu sehenden hilflosen, schwer verletzten Unfallopfer fotografiert hatte, wofür er von „Bild“ mit 500 Euro belohnt worden war.

Und am vergangenen Samstag, zwei Wochen nachdem der abgebildete Unfall passiert war, druckte „Bild“ dasselbe Leserfoto noch einmal — diesmal in anderen Teilen der Auflage als zuvor, also quasi dort, wo es bislang den „Bild“-Lesern erspart vorenthalten geblieben war. Mit anderen Worten: „Bild“ zahlt ihren Lesern offenbar nicht nur 500 Euro für die Einsendung irgendwelcher Schnappschüsse, die schon seit geraumer Zeit im Internet kursieren. Nein, bei Bedarf druckt und honoriert Europas größte Tageszeitung auch ohne aktuellen Bezug und Nachrichtenwert irgendwelche geilen Unfallfotos. Gut zu wissen auch das.

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