Ganz echt

Einen Punkt gibt es, der die „Bild“-Zeitung in ihrer Freude darüber, welche Kreise ihre „Wir sind Papst“-Schlagzeile zieht, ganz besonders beeindruckt. Die Menschen basteln nicht nur Dinge am Computer, nein:

Auch ganz echt gibt es „Wir sind Papst!“ als Graffiti an Brücken, auf S-Bahnen.

Mag sein.

Wir sind Papst

Aber wenn die „Bild“-Zeitung damit dieses Foto oben meint, das sie dazu veröffentlicht, dann müssen wir sie enttäuschen. Die Stelle, an der dieses Foto entstand, kennen wir zufällig. Und da steht schon längst nicht mehr „Wir sind Papst“, sondern dies:

BILDBLOG.DE

Diese Stelle, an der jeder Graffitis sprühen kann, die „Bild“-Redakteure dann für „ganz echt“ halten, befindet sich hier.

Danke an Stephan S. und viele andere für die Hinweise!

Nachtrag, 4. Mai: Gegenüber der österreichischen Zeitung „Die Presse“ sagte „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich: „Das Bild gibt es ja ganz echt — im Internet.“

braucht Ihre Unterstützung!
Wir investieren viel Zeit und Herzblut in dieses Blog, verdienen aber kaum Geld damit. Damit wir trotzdem unsere Miete bezahlen können, würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen. Wie das geht, erfahren Sie hier.

Das siebte Gebot

Am Sonntag erst fragte die FAS, „Welches christliche Gebot ist für eine Boulevardzeitung am schwierigsten in der Praxis zu beherzigen“, und „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann antwortete offenherzig:

Du sollst nicht stehlen. Eine alte Journalistenweisheit besagt nämlich: Besser gut geklaut, als schlecht erfunden…

"Eine Schlagzeile wird Kult"Und schon drei Tage später ist es wieder passiert. Sechs Fotos aus der „Wir sind Papst“-Aktion von „Eye said it before“ schmücken einen Artikel in der heutigen „Bild“ und auf Bild.de. Das Blatt hat vorher weder die Mitwirkenden, noch den Betreiber der Seite um Erlaubnis gefragt, nennt nicht einmal die Quelle.

Trotzdem weiß „Bild“, dass die Aktion ein Zeichen dafür ist, wieviele Leute die Zeitung und ihre „Wir sind Papst“-Schlagzeile toll finden. Sie zitiert Oscar Wilde:

„Nachahmung ist die höchste Form der Anerkennung.“

Öhm… ja. Entweder das. Oder das Gegenteil.

Exklusiv in „Bild“: Alles wie gehabt

Wenn „Bild“ falsche Informationen korrigiert, die zuvor exklusiv im eigenen Blatt standen — was schreibt „Bild“ dann oben drüber?

Vielleicht:
Richtigstellung
(Vorschlag: Bildblog.de)

Oder:
Korrektur
(Vorschlag: Bildblog.de)

In der Mainzer Lokalausgabe von „Bild“ hat man sich für folgende Überschrift entschieden:

Gott sei Dank! Lehmann bleibt Meenzer

Im Text steht:

„Eine Stadt atmet auf! Der Mainzer Kardinal Karl Lehmenn [sic!] geht nicht nach Rom. Er bleibt in Mainz. Auf einer Pressekonferenz stellte der Mainzer Oberhirte klar: ‘Ich habe mit niemandem über ein Amt in der Kurie gesprochen. Auch nicht mit dem Papst. Besonders geärgert hatte ihn der Hinweis, daß er sich gegenüber dem Papst-Angebot ‘Bedenkzeit’ ausgebeten habe.“

Dass der Grund für Lehmanns Ärger „BILD-Informationen“ vom vergangenen Samstag waren, bleibt für „Bild“-Leser allerdings ein göttliches Geheimnis.

Bild.de schießt zu schnell

Liebe Bild.de-Redakteure, heute haben wir einen informativen Lesetipp direkt von Ihrer Seite für Sie: Es geht um diesen Text (bitte lesen Sie zunächst nur den Text) über eine „Amokfahrt“ in Kassel, bei der eine Frau zu Tode kam und mehrere Menschen verletzt wurden. Der Fahrer konnte erst durch gezielte Schüsse der Polizei gestoppt werden. Er wurde lebensgefährlich verletzt – und, ganz wichtig: der Fahrer selbst hatte keine Schusswaffe und hat folglich auch nicht geschossen. Nachdem Sie jetzt also Ihren Text kennen, der inhaltlich den Tatsachen entspricht, ist es wohl angebracht, noch einmal über die Überschrift nachzudenken. Denn diese ist wirklich extrem unpassend:

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an René T.

Nachtrag, 26.4.2005:
Was auf Bild.de im Text steht, entspricht offenbar doch nicht so ganz den „Tatsachen“. Ob der Fahrer nämlich zunächst einer Frau eine Flasche auf dem Kopf zerschlug, wie Bild.de behauptet, war zumindest bis gestern noch ungeklärt, wie sich hier nachlesen lässt.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Marek M.

„Bild“ weiß es (nicht)

Manchmal ist „Bild“ wirklich prima informiert. Gestern zum Beispiel, als das Blatt (unter der Überschrift „Helmut Kohl: Sein neues Glück“) weltexklusiv enthüllte, der „Einheitskanzler“ habe „eine neue Lebenspartnerin“. Aber ja: „Engste Freunde und langjährige Weggefährten (…) hatte Helmut Kohl schon seit einiger Zeit eingeweiht“, hieß es da, aufgeschrieben von einem engsten Freund langjährigen Weggefährten, genauer gesagt von Kai Diekmann, dem derzeitigen Chefredakteur der „Bild“-Zeitung. Kohl war Diekmanns Trauzeuge, Diekmann Kohls Biograph, und darüber, wer wohl der „gute Freund von Helmut Kohl“ ist, den Kohl-Freund Diekmann in seiner Verlautbarung Enthüllung zu Wort kommen ließ, kann man jetzt wild spekulieren

…was übrigens ein gutes Stichwort ist – so als Überleitung.

Schließlich spekulierte am Samstag auch „Bild“. Oder auch nicht. Denn (unter der Überschrift „Kardinal Lehmann jetzt nach Rom?“) hieß es:

„Nach BILD-Informationen will der neue Papst Benedikt XVI. den Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Karl Kardinal Lehmann (68), in die Kurie nach Rom berufen. (…) Der Mainzer Bischof Lehmann will bis Montag entscheiden, ob er dem Ruf nach Rom folgt.“

Der Mainzer Bischof Lehmann sagte dazu dem WDR:

„Das gehört zu den vielen Enten und Spekulationen dieser Tage, die nicht aufhören. Ich weiß von nichts, ich lese das nur in der Zeitung.“

Und dem Radio Vatikan (siehe z.B. FAZ.net) sagte Lehmann:

„Ich weiß gar nicht, woher die Leute sich das aus den Fingern saugen. Denn ich weiß überhaupt nichts davon. Das ist alles erstunken und erlogen, sagt man in Deutschland.“

Eindeutig je nachdem

Kai Diekmann, Chefredakteur der „Bild“-Zeitung, hat der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ein merkwürdiges Interview über die Entwicklung der „Bild“-Zeitung zur papsttreuesten Zeitung der Welt gegeben. Darin heißt es unter anderem:

Die „Süddeutsche“ nannte „Bild“ am Freitag einen „Osservatore Tedesco“. Fühlen Sie sich wohl oder unwohl mit dieser Beschreibung?

Das ist ein Kompliment: Der „Osservatore Romano“, die Zeitung des Vatikans, hat in seiner Heimat eine Reichweite von einhundert Prozent. So weit sind wir leider noch nicht.

Die „Bild“-Zeitung hat sich in den vergangenen Monaten als besonders papsttreue Zeitung positioniert. Warum?

Weil ehrwürdige Institutionen sich unterstützen müssen.

Im ersten Quartal 2005, das schon von vielen Berichten über Johannes Paul II. geprägt war, ist die Auflage der „Bild“-Zeitung weiter gefallen. Läßt sich mit dem Papst und Themen der katholischen Kirche womöglich gar keine Auflage machen? Würden Sie das in Kauf nehmen als Preis dafür, eine im Sinne der katholischen Kirche und ihrer Werte bessere Zeitung zu machen?

Ich kann Ihre Frage nur mit einem eindeutigen „je nachdem“ beantworten.

„Billiger Nationalismus“

Aus einen Spiegel-Online-Interview mit dem Historiker Hans-Ulrich Wehler:

Wehler: Ich hielt schon die Triumph-Zeile der „Bild“-Zeitung „Wir sind Papst“ für billigen Nationalismus. Ich will es den deutschen Katholiken nicht absprechen, dass sie sich darüber freuen und ein bisschen stolz sind, aber Ratzinger ist aus allen möglichen Gründen gewählt worden, aber nicht wegen der Tatsache, dass er Deutscher ist. Die englische Reaktion der „yellow press“ ist Ausdruck der Kontinuität dessen, was man im Jargon „German bashing“ nennt, der Antipathie gegen die Deutschen, die vor allem in den Unter- und Mittelschichten herrscht und die von diesen Zeitungen bedient wird.

SPIEGEL ONLINE: Und die heutige Reaktion der „Bild“-Zeitung?

Wehler: Sie bedient einen deutschen Gegen-Nationalismus. Es ist nicht der richtige Zeitpunkt und nicht der richtige Ort, um nach der Diskussion über Vertreibungen und über Luftangriffe auf deutsche Städte, nun darüber zu diskutieren, welche Rolle die HJ für Millionen von Deutschen gespielt hat. Das muss man in einem ganz anderen, abwägenden Ton tun. Hängt man das Ganze auf an der punktuellen Vergangenheit des neuen Papstes, dann kann das nur in die Irre führen.
(Verlinkung von uns.)

„Bild“ übersieht KZ

Wenn das Fernduell zwischen den britischen Tageszeitungen und der „Bild“-Zeitung über den „deutschen Papst“ weiter so eskaliert, müssen wir damit rechnen, dass nächste Woche eine englische Zeitung behaupten wird, dass Kardinal Ratzinger Hitler war, und „Bild“ antworten wird, dass es Hitler nie gegeben hat.

Alles begann am Mittwoch. Während die „Bild“-Zeitung groß berichtete, dass Ratzingers Eltern Maria und Joseph „waren“ (nicht hießen), fanden die britischen Zeitungen die Jugend Ratzingers im Dritten Reich ungleich spannender. „Bild“ antwortete mit einer verwirrenden doppelten Verteidigungsstrategie. Einerseits sei es eine ungeheure Beleidigung, zu schreiben, dass Ratzinger in der Hitler-Jugend gewesen sei. Andererseits sei es überhaupt nicht ehrenrührig, in der Hitler-Jugend gewesen zu sein.

Heute nun ruft „Bild“ den britischen Zeitungen zu:

Shut endlich up!

Die „Papst-Hetze“ der Engländer werde „immer geschmackloser“. „Allen voran“ hetze die „sonst so seriöse Tageszeitung ‘The Independent'“. Als Beleg dient „Bild“ dieser gestern erschienene Artikel. Der Reporter berichtet darin aus Traunstein über die Massaker, die dort im Dritten Reich verübt wurden, und kritisiert, dass der Papst darauf in seiner Auto-Biographie nicht eingehe.

„Bild“ zitiert aus dem „Independent“: „In seiner Biographie erwähnt er [Ratzinger] Todesmarsch und Massaker nicht. Dabei dürfte es gerade in dieser Gegend schwierig gewesen sein, vom KZ in der Nähe Traunsteins nichts mitzubekommen.“

„Bild“ kommentiert:

In der Nähe Traunsteins gab es gar kein KZ, Ratzinger (damals 18) war desertiert, zu der Zeit untergetaucht.

Das ist falsch. In der Nähe Traunsteins gab es eine Außenstelle des KZ Dachau, und zwar in Trostberg, rund 20 Kilometer von Traunstein entfernt.

Oder wie der „Independent“ schreibt:

Trostberg was among several Dachau sub-camps set up towards the end of the war to evade Allied bombing.

An den Anfang ihres Artikels stellt die „Bild“-Zeitung ein Zitat aus dem „Independent“, wohl, weil sie es für besonders bemerkenswert hält. Es lautet:

„In der Heimatstadt des Papstes wurden Nazi-Greuel gegen Juden verübt.“

Wenn „Bild“ schon mit der Formulierung dieser Tatsache ein Problem hat, dann hat „Bild“ wirklich ein Problem.

Nicht „Bilds“ Tag

Schon möglich, dass der 1. Oktober 2004 nicht Peter Neururers Tag war, und vermutlich ging es vielen Fans des VfL Bochum, dessen Trainer Neururer ist, ähnlich. Schließlich war der VfL am Abend zuvor gegen Lüttich aus dem UEFA-Cup ausgeschieden. Aber das spielte eigentlich gar keine Rolle – wenn „Bild“ nicht gestern folgendes geschrieben hätte:

„Dieser 1. Oktober 2004 war nicht mein Tag.“ Am Abend zuvor war der VfL gegen Lüttich im UEFA-Cup ausgeschieden. Wir erinnern uns: In allerletzter Sekunde durch das tragische „Luftloch“ des Brasilianers Edu…

Das steht in einem Text, darüber, dass Neururer seinen Führerschein für einen Monat abgeben muss, vier Punkte in Flensburg bekommt und 137,50 Euro Bußgeld zahlen muss. Dass der 1. Oktober nicht sein Tag gewesen sei, soll Neururer laut „Bild“ als „Entschuldigung“ dafür angegeben haben, dass er auf der Autobahn zu dicht aufgefahren war und eine durchgezogene Linie überfahren hatte.

Und möglicherweise hat er das ja sogar zu „Bild“ gesagt. Die Drängelfahrt aber, wegen der Neururer seinen Führerschein abgeben muss, fand gar nicht am 1. Oktober 2004 statt, sondern zwei Wochen zuvor, am 17. September (wie beispielsweise die Nachrichtenagentur dpa zutreffend berichtete). Das Datum macht durchaus einen Unterschied. Denn am Vorabend des 17. September hatte Bochum im UEFA-Cup-Hinspiel gegen Standard Lüttich 0:0 gespielt. Neururer war damals, wie sich beispielsweise hier nachlesen lässt, noch „stolz“ auf seine Mannschaft und zuversichtlich, dass sie Lüttich im Rückspiel schlagen würde.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an www.vfl4u.de

„Bild“ organisiert Upstand

Sie werden es vielleicht nicht gemerkt haben, aber in der vergangenen Woche ist es laut „Bild“ zu einem „Künstleraufstand“ gekommen, „wie es ihn in der deutschen Musikbranche noch nie gegeben hat!“ Nun ja: Ein Dutzend ehemaliger deutscher Teilnehmer am Eurovision Song Contest hatte auf Initiative der Zeitung einen Aufruf an die Sängerin Gracia unterschrieben. Sie solle wegen der Vorwürfe gegen ihren Produzenten, die Charts manipuliert zu haben, nicht am Wettbewerb teilnehmen.

Inzwischen versuchen „Bild“-Redakteure etwas zu organisieren, das sie vermutlich einen Künstleraufstand nennen würden, wie es ihn in der internationalen Musikbranche noch nie gegeben hat. Zu diesem Zweck hat sich „Bild“ jetzt die Mühe gemacht, alle Grand-Prix-Teilnehmer dieses Jahres zu kontaktieren. Sie versendet E-Mails, in denen die Künstler aufgefordert werden, gegenüber „Bild“ ihren „standpoint“ in dieser Angelegenheit deutlich zu machen. Da an den meisten von ihnen der „huge scandal here in Germany“ bislang vorbei gegangen sein dürfte, liefert „Bild“ in dem Schreiben, das uns vorliegt, eine praktische Kurzzusammenfassung der „Affair“ mit:

Gracia only got into the contest because of her good chart-position.

Now that this seems to be a result of manipulation, most Germans don’t want her to represent Germany in Kiev anymore.

Der erste Satz ist falsch, der zweite zumindest unbewiesen.

Sollte es also in den nächsten Wochen in der „Bild“-Zeitung zu einem noch nie dagewesenen, internationalen Künstleraufstand gegen Gracia kommen, wüßten wir, wie „Bild“ die Aufständischen rekrutiert hat.

Blättern:  1 ... 670 671 672 ... 719