Der Kaiser im „BILD-Verhör“

Toll: „Bild“ (genauer: „Bild“-Sportchef Alfred Draxler) durfte im „Kaiser-Heli“ mitfliegen! Und lässt Beckenbauer, der ja „in der letzten Woche romantisch geheiratet hat“*, in einem Interview von Deutschland schwärmen.

Wir zitieren:

BILD: Herr Beckenbauer, wenn Sie in diesen Tagen über unser Land reden, verfallen Sie geradezu ins Schwärmen. Dabei leben Sie doch schon so lange hier…

Beckenbauer: (…) Ich habe es schon vor einigen Tagen gesagt: Wir leben in einem Paradies!

BILD: Warum leben wir in einem Paradies?

Beckenbauer (lehnt sich in seinem Hubschraubersitz zurück): Deutschland ist ein wunderschönes Land. (…) kaum ein Land hat so viel Wald wie wir.

BILD: Anderswo ist es auch schön. Sie haben gerade die 31 Länder bereist, die an der WM teilnehmen…

Beckenbauer: (…) ich kann mir trotzdem nicht vorstellen, woanders zu leben als hier. Manche wandern aus, weil das Wetter im Süden beständiger ist.

Soweit „Bild“. Die nun folgende Fortsetzung des Interviews ist rein fiktiv. Wir veröffentlichen sie trotzdem:

BILD (lehnt sich im Hubschraubersitz zurück): Sie sagen: ‚Manche wandern aus, weil das Wetter im Süden beständiger ist‘ — andere hingegen, weil sie Ihre Steuern lieber im Ausland zahlen… Lieber Franz, ich weiß: BILD und Beckenbauer, das ist schon seit Jahren ein Dream-Team! Sie versorgen uns mit internen Informationen, wir sind nett zu Ihnen. Aber bei allem Wir-Gefühl gebietet es die journalistische Sorgfalt an dieser Stelle dann vielleicht doch, nicht unerwähnt zu lassen, dass Sie schon vor über 20 Jahren ihren Wohnsitz nach Österreich verlegt haben, dort seit 1982 Ihre Steuern zahlen — und man sich fragen könnte, wie sich das mit Ihrer Aussage, Sie könnten sich „nicht vorstellen, woanders zu leben als hier“, vereinbaren lässt…

Beckenbauer: Mein lieber Alfred, des schreiben mir aber bittschön net in die Zeitung, gell?

BILD (lacht).

*) Romantisch geheiratet hat Beckenbauer in der letzten Woche ja bekanntlich in seinem Wohnort — dem österreichischen Oberndorf.

Mit Dank an Uwe K. für den Hinweis.

Kurz korrigiert (127)

Den spielfreien Tag gestern hat die „Bild“-Zeitung — bekanntlich „wie bei jedem Turnier das absolut führende Medium“ — dazu genutzt, ein paar Leserfragen zu beantworten. Zum Beispiel diese:

Gibt es Doping-Tests bzw. Kontrollen? Ja! Nach jedem Spiel werden zwei Spieler jedes Teams auf verbotene Substanzen getestet. In der WM-Geschichte gab's nur einen Doping-Fall: 1994 wurde Diego Maradona der Drogen-Einnahme überführt.

Das ist falsch. Außer Maradona wurden drei andere Spieler bei Fußball-Weltmeisterschaften des Dopings überführt: der Haitianer Ernest Jean Joseph (1974), der Schotte Willie Johnston (1978) und der Spanier Ramon Calderé (1986).

Und um zu wissen, dass Maradona nicht der einzige war, hätte „Bild“ nur in den eigenen Internet-Auftritt schauen müssen. Die Doping-Geschichte von Jean Joseph steht nämlich im großen Rückblick auf die WM 1974, den Bild.de vorgestern veröffentlicht hat.

Danke an Martin B. für den Hinweis.

Kaum zu glauben und tatsächlich unwahr

A|pril|scherz [m.]: Erfundene Geschichte, die am 1. April eines Jahres in die Welt gesetzt wird, um andere in die Irre zu führen, und von „Bild“ noch Jahre später für wahr gehalten wird; vgl. → Grand-Prix und Zypern, → USB-Schreibtisch-Fondue.

„Kaum zu glauben, aber wahr“, hat Bild.de über den Artikel geschrieben, und vielleicht würde es als Faustregel für den Redaktionsalltag schon genügen, bei Dingen, die „kaum zu glauben“ sind, einfach mal zu überprüfen, ob sie überhaupt stimmen.

An Warnsignalen hätte es diesmal nicht gemangelt. Die „Benutzungsordnung für Toiletten in Sachsen-Anhalt“, an der Bild.de ein Stück darüber aufhängt, dass Deutschland „immer noch das Land der schrägen und unfreiwillig komischen Dienstanweisungen, Verordnungen und Gesetze“ sei, trägt das Datum vom 1. April 1993. Sucht man im Internet nach „Benutzungsordnung für Toiletten“ und „Sachsen-Anhalt“, findet man vor allem Witzeseiten. Und überhaupt — wie wahrscheinlich ist es, dass es eine Verordnung gibt, in der es unter Paragraph 6, „Darmentleerung“, heißt:

Unter ruhigem Ein- und Ausatmen drängt der Benutzer unter gleichmäßigem Anspannen der Bauchmuskulatur den ausscheidungsreifen Inhalt des Mastdarms bei gleichzeitigem Entspannen des Afterschließmuskels in den dafür vorgesehenen Durchbruch des Porzellanbeckens.

Kaum zu glauben? Eben. Und für den Fall, dass Bild.de solche Plausibilitätsrechnungen nicht genügen, lohnt vielleicht ein Blick in die Quelle, die Bild.de selbst nennt:

Gesetz- und Verordnungsblatt für das Land Sachsen-Anhalt, 4. Jahrgang, Magdeburg, den 01. April 1993, Nr. 15 (BoA)

Nr. 15 erschien nicht am 1. April, sondern am 29. März 1993. Und die enthaltenen Verordnungen betrafen keine Toiletten, sondern Amtsgerichte und wissenschaftliche Bibliotheken. Und in Nr. 16 vom 7. April 1993 ging es ausschließlich um das neue Richtergesetz. Und wer im Landesrecht Sachsen-Anhalt [pdf] nach der Toilettenverordnung sucht, sucht sie vergebens.

Aber, unter uns, liebe Leute von Bild.de: Man hätte da auch gar nicht nachsehen müssen. Wirklich nicht.

Danke an die vielen Hinweisgeber und vor allem an Arthur D.!

Heiße Transfer-Gerüchte

Alle Bundesliga-Transfers zur Saison 2006/2007 hat Bild.de zusammengetragen. Inklusiver heißer Gerüchte:

Ja. Kein Wunder vielleicht, dass Lenses Wechsel nach Aachen „zu platzen droht“. Wenn er doch schon auf der Bild.de-Seite davor nach Bochum wechselt:

Danke an Jo L.

Nachtrag, 10.20 Uhr. Der Wechselbeauftragte von Bild.de ist zum Dienst erschienen und hat Lense bei Aachen aus der Gerüchteküche geworfen. Vielleicht könnte er bei der Gelegenheit noch das Insidergeschäft klären, bei dem Naohiro Takahra angeblich für viel Geld von Eintracht Frankfurt nach Eintracht Frankfurt wechselt:

Nachtrag, 12.20 Uhr. Der Mann heißt übrigens Naohiro Takahara.

Nachtrag, 20.30 Uhr. Entweder war der Wechselbeauftragte von Bild.de heute nur ganz kurz da, oder er hatte das Gefühl, dass es sich noch nicht lohnt, nur die Sache mit Frankfurt und Takahara zu korrigieren. Also gut:

Der Mann, der von Borussia Dortmund nach Ajax Amsterdam wechselt, heißt nicht Jan Gentenaar, wie Bild.de schreibt, sondern Dennis Gentenaar.

Der Mann, der von Borussia Dortmund zum 1. FC Köln wechselt, heißt nicht Salvatroe Gambino, wie Bild.de schreibt, sondern Salvatore Gambino.

Der Mann, der von Paris St. Germain fest zum VfB Stuttgart wechselt, heißt nicht Daniel Lluboja, wie Bild.de schreibt, sondern Danijel Ljuboja.

Und der Mann, der den VfB Stuttgart mit unbekanntem Ziel verlässt, heißt nicht Zvonomir Soldo, wie Bild.de schreibt, sondern Zvonimir Soldo.

Vielen Dank an Tobias H., Arndt L., Felix J., Benny S., Simon D., Uwe W. und Phillip.

Nachtrag, 23.10 Uhr. Anscheinend hat Bild.de nun die gesamte Transfer-Übersicht restlos entfernt.

Olé, olé-olé-olééé…?

Nachdem in China ein Sack Reis umfiel, wurde John F. Kennedy erschossen, Deutschland wiedervereinigt, Raider hieß plötzlich Twix — und im „News-Ticker“ von Bild.de steht seit heute morgen, 8.17 Uhr:

Nach WM-Spiel: Mann erstochen
„Bei einer Auseinandersetzung nach Abpfiff der WM-Partie Spanien-Frankreich ist in der Schmalkaldener Innenstadt (Thüringen) ein 32 Jahre alter Mann niedergestochen und getötet worden.“

Doch nachdem die örtliche Regionalzeitung „Freies Wort“ berichtet hatte, dass es offenbar „keinen direkten Zusammenhang zum Fussballspiel gab“ (siehe auch e110.de), bestätigt uns das auch die Polizei:

„Nach bisherigen Erkenntnissen der Polizei konnte weder bezüglich der Örtlichkeit, an der die Tat stattfand, noch bezüglich der dort anwesenden beziehungsweise tatbeteiligten Personen ein Zusammenhang zur Fußball-WM identifiziert werden.“

Mit Dank an Michael E. für den Hinweis.

W.

„Bild“ berichtete gestern über eine Tote, die für 65 Tage ins Gefängnis sollte, weil sie eine Geldbuße nicht bezahlt hatte. „Bild“ nennt die Tote im Text Annilie W. und den Witwer Hans-Jürgen W. Auf dem Holzkreuz, vor dem „Bild“ den Witwer zeigt, wurde der Nachname der Frau verpixelt. Auf der Ladung zum Strafantritt, die „Bild“ abdruckt, sind alle Namen geschwärzt.

Es sieht also so aus, als habe „Bild“ sich mal wieder bemüht, den Nachnamen der Toten nicht zu nennen. Dass bloßes Bemühen bei „Bild“ aber nicht ausreicht, scheint man immer noch nicht begriffen zu haben. Die Sterbeurkunde, die „Bild“ abdruckt, wurde nämlich nicht geschwärzt, Nachname und Geburtsname der Toten sind darauf klar erkennbar.

Mit Dank an Alexander H. für den sachdienlichen Hinweis.

Kurz korrigiert (126)

Anders als Bild.de behauptet, war die torärmste Fußballweltmeisterschaft aller Zeiten nicht die WM 1974 mit durchschnittlich 2,55 Toren pro Spiel, sondern die WM 1990 mit 2,21 Toren pro Spiel. Die WM 1974 war noch nicht mal die zweittorärmste aller Zeiten. Das war die WM 2002 mit 2,52 Toren pro Spiel. Und die dritttorärmste WM aller Zeiten war auch nicht die von 1974, sondern die WM 1986 (2,54 Tore/Spiel). Aber die vierttorärmste WM aller Zeiten, das war die WM 1974.

Eine FIFA-Torstatistik der Jahre 1982-2002 gibt’s hier [pdf].

Mit Dank an André K. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 19.45 Uhr: Die Meldung ist inzwischen offenbar aus dem WM-Telegramm von Bild.de verschwunden.

Nachtrag, 29.6., 0.42 Uhr: Wie es aussieht, hat Bild.de den Fehler gar nicht selbst gemacht, sondern bloß von der Nachrichtenagentur AP übernommen. Die hatte übrigens zuvor eine sehr ähnliche, aber wahrscheinlich korrekte Meldung herausgegeben. Die darin angegebenen Tore pro Spiel für die WM 2006 (2,41) berücksichtigen nämlich offenbar, anders als die offizielle FIFA-Statistik, auch im Elfmeterschießen erzielte Tore.

Mit Dank an Frank und Chiquita für den Hinweis.

„In dankenswerter Klarheit“

Im Mai erwirkte Günther Jauch eine einstweilige Verfügung, die es der „Bild“-Zeitung (und anderen Publikationen der Axel-Springer-AG) zum Schutz seiner Privatsphäre untersagte, jedwede Details über seine geplante Hochzeit zu veröffentlichen. Die Axel-Springer-AG ging dagegen in Berufung. Das Berliner Kammergericht gab ihr nun in einem Punkt recht: Der Verlag darf die bekannten Potsdamer Sehenswürdigkeiten nennen, in denen die Feier stattfinden soll. Nur die. An weiteren Details bestehe kein vergleichbares öffentliches Interesse, erläuterte eine Gerichtssprecherin gegenüber dpa. Der Schutz der Privatsphäre Jauchs habe Vorrang. Auch dieses Urteil ist vorläufig. In der Hauptsache wird das Gericht aber wohl erst nach der Hochzeit entscheiden.

Soweit die Fakten.

Und das ist die Überschrift, unter der das Ministerium für Wahrheit die Pressestelle der „Bild“-Zeitung dieses Urteil zusammenfasst:

Kammergericht gestattet Berichterstattung über Jauch-Hochzeit

Der Hinweis, dass das Gericht die Berichterstattung immer noch weitgehend untersagt, fehlt in der Pressemitteilung. Stattdessen kommt ausführlich Nicolaus Fest, Mitglied der „Bild“-Chefredaktion, zu Wort:

„Das Kammergericht hat dem Begehren von Günther Jauch, die Berichterstattung über seine Hochzeit vollständig zu unterbinden, eine klare Absage erteilt. Wer die Medien fast täglich zur Steigerung seiner Prominenz und seines Marktwertes nutzt und in weltbekannten touristischen Sehenswürdigkeiten heiratet, kann die Presse nicht ausschließen. Diese Selbstverständlichkeit hat das Kammergericht in dankenswerter Klarheit bestätigt.“

Fests rhetorische Akrobatik hat sich gelohnt. Die Fachzeitschrift „werben & verkaufen“ etwa übernahm seine lustige Interpretation ohne jede Einschränkung.

Kurz korrigiert (125)

Manchmal ist es ganz praktisch, dass Bild.de zu den „Bild“-Artikeln immer gleich passende Werbung zeigt. So kann der interessierte Leser, wenn er genau hinsieht, gleich erkennen, dass die Autobiographie von Franziska van Almsick gar nicht „Abgetaucht“ heißt, wie „Bild“ schreibt, sondern „Aufgetaucht“ — was irgendwie auch naheliegender ist.

Danke an Kurt R.!

Nachtrag, 16.58 Uhr. Sieh an: Plötzlich steht auch im Artikel der richtige Titel.

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