Großfahndung, oder was?

Am vergangenen Samstag gegen 21.02 Uhr ist in Paderborn eine Polizistin von einem Taxi touchiert und leicht verletzt worden, als sie versuchte, es in einer Fußgängerzone anzuhalten. Ungefähr so steht’s in einem Pressebericht der Paderborner Polizei, stand’s gestern auch in „Bild“. Exklusiv in „Bild“ stand außerdem der vielsagende Satz:

„Der Fahrer konnte ermittelt werden.“

Und es stimmt: Der Fahrer konnte ermittelt werden. Wie uns die Polizei Paderborn mitteilt, hat er nämlich nach dem Unfall „unverzüglich angehalten“.

Mit Dank an taxi-blog.de für Hinweis, „Bild“-Zeitungskauf & Scan.

„Alberto“ zum Hurrikan hochgeschrieben

Wir haben wirklich nicht die geringste Ahnung, wie Bild.de auf die Idee gekommen sein könnte, der Tropensturm „Alberto“, der sich auf die Küste Floridas zu bewegt, sei zum Hurrikan hochgestuft worden. Doch es steht dort. Und zwar mit heutigem Veröffentlichungsdatum und inklusive Teaser auf der News-Seite:

„Alberto“ wurde nicht zum Hurrikan hochgestuft. Ganz im Gegenteil. Heute, um 12.00 Uhr mitteleuropäischer Sommerzeit (MESZ), gab das Nationale Hurrikan Zentrum der USA (NHC) eine Mitteilung heraus, in der u.a. dies steht:

Alberto’s chances of becoming a hurricane are evaporating.

Das heißt frei übersetzt: Die Chance, dass Alberto zum Hurrikan wird, wird zunehmend geringer. Und so steht es auch seit dem frühen Nachmittag in diversen OnlineMedien.

Nun gut, möglicherweise ist Bild.de mit der Aktualisierung ihrer Hurrikan-Meldung etwas spät dran. Und gestern war die Lage ja tatsächlich noch etwas ernster. Aber falsch war die Bild.de-Meldung von heute auch gestern schon. Ein Hurrikan war „Alberto“ nämlich zu keiner Zeit. In einer Mitteilung des NHC von Montag, 17.00 Uhr MESZ hieß es lediglich:

Given the uncertainties in predicting intensity change we must now allow for the distinct possibility that Alberto could become a hurricane.

Es war also lediglich gut möglich, dass „Alberto“ zu einem Hurrikan werden könnte, weshalb das NHC eine Hurrikan-Warnung herausgab, die übrigens auch um 23.00 Uhr MESZ noch aufrecht erhalten wurde, als die Intensität des Sturmes wieder nachgelassen hatte. Natürlich war auch in jener Mitteilung nicht die Rede davon, dass „Alberto“ zum Hurrikan geworden sei. Und, soweit wir wissen, auch sonst nirgends – außer eben bei Bild.de.

P.S.: Übrigens: Die Geschwindigkeit von „Alberto“, die Bild.de mit „über 110 Kilometer pro Stunde“ angibt, hat der Sturm wohl tatsächlich mal gehabt. Ein Hurrikan muss aber Windgeschwindigkeiten von mindestens 119 Kilometern pro Stunde erreichen, um als solcher klassifiziert zu werden.

Mit Dank an Christian N. für den sachdienlichen Hinweis.

Kurz korrigiert (117)

„Bild“ hat ein dpa-Foto von Angelina Jolie gefunden und vergrößert, auf dem — ziemlich unscharf — ihr neustes Tattoo („zwei rätselhafte Zahlenreihen“) zu erkennen ist. Es gibt davon bessere Fotos. Aber, so „Bild“:

„Millionen Fans fragen sich, was es wohl bedeuten könnte.“

Und diesen Fan-Millionen (bzw. denjenigen, die das nirgends sonst nachgelesen haben), erklärt nun auch „Bild“ die „geheime Tattoo-Botschaft“ der Angelina Jolie:

„Die Ziffern ‚N11 33′ 0“ E104 51′ 00‘ bedeuten: Längengrad Nord 11, 33 Minuten, Breitengrad Ost 104, 51 Minuten).“
(Links von uns.)

Und sähe unsere Weltkugel ein wenig anders aus (siehe Illustration), hätte „Bild“ damit womöglich sogar Recht.

Mit Dank an Karsten T. für den Hinweis.

Was „Bild“ verschweigt

Keine Frage, der tödliche Herzinfarkt einer an Diabetes leidenden Patientin des bestreikten Göttinger Universitäts-Klinikums ist tragisch: Sie starb, nachdem ihre Behandlung — vermutlich streikbedingt — verschoben wurde. Öffentlich gemacht wurde der anderthalb Wochen zurückliegende Fall gestern vom „Göttinger Tageblatt“, das u.a. von der Wut des Ehemannes der Patientin erzählte. „Weil sie vielleicht noch leben könnte“, so das „Tageblatt“.

Und nachdem inzwischen offenbar die Staatsanwaltschaft in Göttingen ermittelt (laut Spiegel Online routinemäßig, wegen eines sehr vagen Anfangsverdachts), ist das womöglich Anlass genug, darüber zu berichten. „Bild“ tut dies heute unter der Überschrift „Ärztestreik! Jetzt gibt es die erste Tote“ (siehe Ausriss) und schreibt:

„Bereits Anfang Mai klagte die Frührentnerin über Bauchschmerzen, wurde im Uni-Klinikum Göttingen untersucht.

Das EKG fiel schlecht aus, eine Herzkatheter-Untersuchung wurde angeordnet. Da auch die Kardiologen streikten, mußte das Opfer drei Wochen auf den nächsten Termin warten. (…)“
(„Bild“ vom 13.6.2006)

Was „Bild“ verschweigt: Nach dem EKG kümmerte sich der behandelnde Arzt um einen Folge-Termin für die Patientin, weil diese nicht gleich im Krankenhenhaus hatte bleiben mögen. So jedenfalls stand es bereits gestern im „Tageblatt“, und so ähnlich steht es seither auch anderswo:

„(…) Schon am 7. Mai habe sie sich mit Herzbeschwerden im Klinikum gemeldet, eine sofortige stationäre Aufnahme jedoch abgelehnt.“
(RP Online vom 12.6.2006)

„(…) Nach einer Untersuchung sei ihr eine sofortige stationäre Aufnahme empfohlen worden. Die Frau habe dies jedoch abgelehnt.“
(Focus Online/dpa vom 12.6.2006)

„(…) Nach einer Untersuchung habe man ihr seinerzeit zu stationärer Aufnahme geraten. Auf Wunsch der Frau sei die Aufnahme jedoch auf den 2. Juni verschoben worden. Vor dem Aufnahmetermin sei die Patientin dann noch einmal von einem Oberarzt befragt worden. Sie habe dabei erklärt, es ginge ihr nicht schlechter.“
(N24.de/Stern.de/AP vom 12.6.2006)

Aber, wie gesagt: Kein Wort davon in „Bild“. Dort findet man es offenbar wichtiger für die Berichterstattung, ein Foto der Toten abzubilden.

Mit Dank an Christoph H. und andere für den Hinweis.

„Bild“ verleumdet Sozialarbeiterin

Manchmal würde es schon helfen, wenn die „Bild“-Zeitung ihren eigenen Texten traute.

Am vergangenen Mittwoch schrieb sie in einem Artikel über den zwölfjährigen Jungen, der in Berlin seine Lehrerin verprügelt haben soll, den Satz:

Jetzt gibt die Berliner Sozialarbeiterin Fatma Celik (33) dem Prügelkind scheinbar recht!

Und genau so ist es: In einem Interview mit der „taz“ hat sie scheinbar Verständnis für die Tat geäußert, tatsächlich aber nur berichtet, dass das Kind „auf der Straße und von den anderen Jugendlichen als Held gefeiert“ werde: In deren Augen sei das „eine Heldentat. Übrigens auch für manche Erwachsene.“

Korrekt zitiert „Bild“ drei Sätze aus dem Interview — und schon aus denen lässt sich erahnen, dass Frau Celik selbst dem Jungen nicht „recht gibt“:

Wir hatten hier letzte Woche einen Jungen, der ins Krankenhaus musste, weil sein Lehrer ihn angegriffen hat. So etwas erscheint in den Medien nicht. Und vor diesem Hintergrund sagen nun manche: Endlich wehrt sich mal ein Kind.

Die „Bild“-Zeitung sieht in Celiks Stimmungsbericht einen „neuen Skandal“. Das ist ein bisschen erstaunlich. Vollends abwegig wird es aber, wenn sie über ihren Artikel groß die Schlagzeile setzt:

Denn dass die Lehrerin „sehr engagiert“ und „bekannt und beliebt“ sei und „kein Feindbild“ darstelle, hatte Celik in der „taz“ ausdrücklich betont — und die Tat, um es noch einmal zu sagen, mit keinem Wort gerechtfertigt.

Die Lehrerin geht laut „Bild“ nun gegen Celik vor. Und Celik ihrerseits will sich gegen „Bild“ (sowie den „Tagesspiegel“) juristisch wehren. Der „taz“ sagte sie: „Die Zitate sind so zusammengestellt, dass ihr Inhalt völlig falsch dargestellt wird.“

Na sowas.

PS: Ein interessanter Gedanke aus dem „taz“-Interview mit Celik hat die „Bild“-Zeitung offenbar völlig unbeeindruckt gelassen: Der, dass der Zwölfjährige auch deshalb für viele eine Art Held ist, weil er „auf Titelblättern von Zeitungen erscheint“ und „Schlagzeilen macht“. Eine ganz ähnliche Befürchtung hatte, wie berichtet, auch schon der Sohn der Lehrerin geäußert. „Bild“ aber zeigte das Foto des Jungen auch in dieser Woche wieder ohne jede Unkenntlichmachung.

Mehr dazu hier.

Bunte Stofffetzen

Die deutsche Nationalflagge sieht bekanntlich so aus:

Na ja, jedenfalls so ähnlich. Genau genommen ist das natürlich nur ein Ausschnitt der deutschen Flagge. Aber was soll’s, so eine Nationalflagge ist ja bloß ein Stück bunter Stoff.

Bei Bild.de ist man offenbar tatsächlich dieser Auffassung und hat einfach mal die australische Flagge ein bisschen beschnitten (siehe Ausriss rechts). Deshalb fehlen halt ein paar Sterne auf „Australiens führendem nationalen Symbol“. Oder anders ausgedrückt: Es fehlt das dritte Element der aus drei Elementen bestehenden australischen Flagge, nämlich das Sternbild Kreuz des Südens.

Aber immerhin hat Bild.de bei Australien wenigstens grundsätzlich die richtige Flagge erwischt. Anders als bei England, äh, England:

Mit Dank an Wolfgang H. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 19.38 Uhr: Der diensthabende Flaggenkundler von Bild.de hat inzwischen kurz reingeschaut und die australische Flagge seitlich ein wenig gequetscht, so dass das Kreuz des Südens jetzt vollständig zu sehen ist. Außerdem hat er den Union Jack durch die englische Flagge ersetzt.

Das Handwerk des Peter Heinlein

Dirk Merbach ist zwar Art Director der „Zeit“, aber viel toller findet er eigentlich die „Bild“-Zeitung.

Klingt erstaunlich? Steht aber so in der Medienkolumne „Der Heinlein“, die Peter Heinlein für die Hamburger Ausgabe der „Bild“-Zeitung schreibt. Heinlein hat dafür in dieser Woche ein Interview Merbachs mit der Design-Zeitschrift „Page“ ausgewertet.

Er schreibt:

(…) Die tägliche Gestaltung von BILD, findet Merbach übrigens „meisterhaft“, spricht von „grandiosen“ Schlagzeilen. Merbach: „Was Visualisierung angeht, das Zusammenspiel von Zeilen und Bildern, hat BILD nun mal die besten Handwerker.“

Okay, dann reden wir jetzt mal über das Handwerk, Zitate so geschickt ihres Zusammenhangs zu entledigen, dass das Wesentliche ungesagt bleibt — auch da beschäftigt „Bild“ wahre Meister. Merbach sagte gegenüber „Page“ nämlich unter anderem dies:

„Was Visualisierung angeht, das Zusammenspiel von Zeilen und Bildern, hat BILD nun mal die besten Handwerker. Das Wertegerüst einmal weggelassen, ist das zum Teil meisterlich. Zeilen wie ‚Wir sind Papst‘ sind schon grandios. Ich finde es richtig und wichtig, dass Boulevardzeitungen in Designwettbewerben Beachtung finden. Wo es um die Umsetzung von Ideen geht, muss man anerkennen, was die leisten, von der mangelnden inhaltlichen Erträglichkeit abgesehen.

Hervorhebungen von uns.

So. Und jetzt zum Vergleich die Überschrift, die „Bild“ Merbachs Aussagen verpasste:

Mit ähnlicher Technik erweckt Heinlein auch den Eindruck, der Artdirektor der „Zeit“ habe ein sehr gespanntes Verhältnis zu seinem Arbeitgeber. Gegenüber „Page“ hatte Merbach auf die Frage, wie die Titelbilder in der „Zeit“ entstehen, gesagt:

In Zusammenarbeit mit der Chefredaktion. Das beschäftigt mich oder den stellvertretenden Artdirektor manchmal die ganze Woche und ist recht kräftezehrend, zumal übers Wochenende oft noch zwei Titelthemen stehen. „Die Zeit“ hat eine sehr ausgeprägte Diskussionskultur. „Diese Zeitung wird zusammengequatscht“ — so hat Michael Naumann, einer unserer Herausgeber, mal treffend formuliert.

„Bild“-Handwerker Heinlein schnitzt sich daraus diese Aussage:

[Merbach erzählt] von Kräfte zehrenden Diskussionen mit der Chefredaktion des Blattes und zitiert Herausgeber Michael Naumann: „Diese Zeitung wird zusammengequatscht.“

Handwerk hat goldenen Boden: Mit solcher Kunstfertigkeit kann Heinlein aus jedem Zitat alles machen. Oder wie es das Redaktionsblog von „Page“ zusammenfasst: „grandios irreführend“.

Kurz korrigiert (116)

Eine Anmerkung der Redaktion (gern als „Anm. d. Red“ oder schlicht „d. Red.“ abgekürzt) soll gemeinhin zum besseren Verständnis eines abgedruckten O-Tons o.ä. beitragen. Nicht so in der „Bild am Sonntag“. Dort „verrät“ der WM-Torschütze Philipp Lahm nicht nur, dass er sich nass rasiere, Zahncreme von Odol und Haargel von L’Oreal benutze, sondern auch:

„Mein Lieblingssänger ist aber Jack Johnson (aus Australien, d. Red.).“
(Hervorhebung von uns.)

Dumm nur, dass Lahms Lieblingssänger Jack Johnson bekanntermaßen nicht „aus Australien“ ist, sondern Amerikaner, der auf Hawaii aufwuchs und dort bis heute lebt.

Mit Dank an Maria, Jan D. und Thomas M. für den Hinweis.

HMV verwechselt ASJ

Hugo Müller-Vogg, der für die „Bild“-Zeitung so etwas wie eine politische Variante der „Ich weiß es!“-Kolumne schreibt, war schon ganz dicht dran, als er in seiner „Wochenvorschau“ behauptete, dass Brigitte Zypries ein „echtes Alternativprogramm“ zum Eröffnungsspiel der Fußball-WM absolviere. Irgendwer hatte ihm wohl erzählt, dass die Justizministerin bei einer Veranstaltung der „ASJ“ sei, und Müller-Vogg folgerte:

Sie spricht bei der Arbeiter-Samariter-Jugend in Darmstadt.

Nur handelte es sich um eine ganz andere „ASJ“: die Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Juristinnen und Juristen.

Danke an Marc W.!

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