„Bild“ macht Sonne geil

Im Juli vergangenen Jahres veröffentlichten Forscher von der Wake Forest Universität eine Studie über den Effekt von ultravioletter Strahlung. 14 Testpersonen ließen sich auf zwei Sonnenbänken bräunen. Eine enthielt ultraviolette Strahlung ähnlich dem Sonnenlicht, die andere nicht. Das Ergebnis: Nach dem Sonnenbad mit UV-Licht waren die Probanden entspannter als nach dem ohne UV-Licht. Die Forscher sahen in diesem Entspannungs- und Wohlfühleffekt eine Erklärung dafür, warum Menschen trotz der bekannten Gesundheitsgefahren immer wieder das Sonnenbad suchen. Sie vermuteten, dass das UV-Licht Glückshormone, Endorphine, im Körper freisetzt.

Spannende Studie? Nicht spannend genug für „Bild“. Dort lautet die Überschrift und die Kernaussage:

Sonne macht geil!

Neben eine entsprechende Illustration schreibt „Bild“:

Bianca (24) reißt sich das Röckchen vom Leib – und kann doch nichts dafür. Die Sonne ist stärker als sie: Das Licht macht uns alle geil, US-Forscher haben es jetzt bewiesen.

(Das Wort „jetzt“ ist hier in seiner üblichen „Bild“-Bedeutung als Ausdruck für einen unbestimmten Zeitpunkt in der ferneren Vergangenheit zu verstehen.)

Am Ende der Studie meinten 95 Prozent: Das UV-Licht ist einfach besser. Sie fühlten sich glücklicher, entspannter — und hatten Lust auf Flirts und Sex. Sonnenlicht setzt im Gehirn das Glückshormon Endorphin frei, kurbelt dazu die Produktion von Sexualhormonen an. Wir fühlen uns tatsächlich geiler!

Hallo? Wo kommt plötzlich der ganze Sex her? Nicht aus der Studie jedenfalls. Endorphine werden zwar generell mit der Produktion von Sexualhormonen in Verbindung gebracht. Aber der Zusammenhang zwischen UV-Licht und Endorphinen war bei der Studie nur eine Theorie, nicht Teil der Untersuchung. Die offizielle Pressemitteilung zitiert den Forschungsleiter Steven Feldman so:

Weil wir die Endorphine nicht gemessen haben, wissen wir nicht sicher, dass diese Substanzen für das Phänomen verantwortlich sind.

Sagen wir es direkt: Die Wahrheit war „Bild“ einfach nicht geil genug.

Danke an Stefan R. für den sachdienlichen Hinweis!

braucht Ihre Unterstützung!
Wir investieren viel Zeit und Herzblut in dieses Blog, verdienen aber kaum Geld damit. Damit wir trotzdem unsere Miete bezahlen können, würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen. Wie das geht, erfahren Sie hier.

Wahlkampf

Neuerdings ist ja Wahlkampf. Und am vergangenen Dienstag stand in der „Süddeutschen Zeitung“ ein Artikel über die Grünen, der mit einer launigen Passage (siehe Ausriss) anfing.

Tags drauf, am Mittwoch, schrieb „Bild“:

„Laut ‘Süddeutscher Zeitung’ trauen immer weniger Parteifreunde dem Metzgerssohn (geschätzt: 112 Kilo) noch zu, daß er den körperlichen Streß eines Wahlkampfes packt.“

Viel mehr als das „Süddeutsche“-Zitat hatte die „Bild“-Zeitung nicht zu bieten – außer eine Titelseite, die gestern so aussah:

Und heute? Heute ist Joschka Fischer laut „Bild“ schon „130 Kilo“ schwer und in einer „BILD-Fotomontag“ sogar noch schwerer:

Was uns daran erinnert, was „Bild“ vergangenen Dienstag an anderem Ort geschrieben hatte. Da nämlich hieß es vorwurfsvoll:

"Journalisten, die Politik machen, sollten Politiker werden!"

Mit Dank an Marc D. für die Pointe.

Warum „Bild“ einen ARD-Mann lobt

Ja, das sah natürlich ein bisschen komisch aus. Da schreiben wir am Mittwoch, dass die „Bild“-Zeitung eigentlich jede Gelegenheit nutzt, blind (und mit falschen Argumenten) auf ARD und ZDF einzuprügeln, und wer ist am Donnerstag „Gewinner des Tages“ in „Bild“? ARD-Moderator Jörg Pilawa. Einfach so, weil er erfolgreiche Sendungen macht.

Mensch, dachten wir, vielleicht ist „Bild“ gar nicht so. Vielleicht teilen die die Welt gar nicht so streng in Freund und Feind, wie wir glauben. Vielleicht denken die doch nicht nur in Kampagnen. Vielleicht kann da sogar ein ARD-Moderator einfach mal gelobt werden, weil man ihn gut findet. Obwohl er bei der bösen ARD ist. Ohne irgendeinen blöden Hintergedanken.

Dachten wir. Bis wir gesehen haben, wer für das neue „Volks-Bausparen“ von Bild.de wirbt.

Einmal dürfen Sie raten.

Pennen mit „Bild“

Am Montag erklärte „Bild“ RTL zum „Gewinner des Tages“. Die Begründung:

Als SPD-Chef Franz Müntefering um 18.28 Uhr Bundestags-Neuwahlen ankündigte, übertrug nur der Privat-Sender RTL dieses Ereignis live. Die gebührenfinanzierten ARD und ZDF verschnarchten die politische Sensation, brachten erst später Zusammenfassungen.

BILD meint: Mit den Öffentlich-rechtlichen pennen Sie in der ersten Reihe!

Nein, so war es nicht. Das mit dem Verschnarchen stimmt zwar, passierte aber auch RTL. Müntefering begann seine Rede — wie „Süddeutsche Zeitung“ und „Berliner Zeitung“ berichten — nämlich schon um 18.20 Uhr, und die entscheidenden Worte sagte er um 18.24 Uhr. Live zu sehen waren sie weder bei ARD und ZDF noch bei RTL. Erst um 18.28 Uhr schaltete der Sender zu seinem Berliner Korrespondenten, der dann erklärte, was gerade passiert war.

Und diese Minutenzählerei könnte einem natürlich völlig egal sein, wenn hinter dem Fehler von „Bild“ nicht System stünde: Wenn es darum geht, auf die Öffentlich-Rechtlichen zu schimpfen, nimmt „Bild“ es einfach mit der Wahrheit nicht so genau (vgl. hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier, hier oder hier).

Allgemein  

Keiner stoppt „Bild“

„Bild“ ist eine sehr moralische Zeitung. Sie hat Wertevorstellungen, die man teilen kann – aber nicht muss. Das ist so.

Im vergangenen Sommer berichtete „Bild“ über die 14-jährige Anne, die von zuhause auszog, um mit ihrem 42-jährigen Freund zusammenzuleben. Die Mutter war verzweifelt, „Bild“ witterte einen Skandal und berichtete mehrere Tage empört über Details des Falls. Während „Bild“ berichtete, kehrte Anne zu ihrer Mutter zurück. „Bild“ schien zufrieden, der Skandal beendet.

Bis zum vergangenen Montag. „Bild“ fand heraus, dass Anne, inzwischen 15 Jahre, zu ihrem Freund zurückgekehrt ist und fragte:

„Was treibt die kleine Anne (15) nur immer wieder in die Arme dieses tätowierten Liebesmonsters? Und warum unternehmen die Behörden nichts? Es ist ein Skandal.“

Protokoll eines Behörden-Skandals: Ihre Liebe ist verboten! Aber keiner tut etwas dagegen

„Bild“ schrieb weiter, der 42-Jährige hätte Anne „geschlagen, geschwängert, die Jugend geraubt“. Weder Polizei noch Jugendamt würden etwas dagegen unternehmen:

„Die Polizei ist machtlos. (…) Das Jugendamt gibt auf.“

Am Dienstag schilderte „Bild“ die Situation unter der Überschrift „Warum stoppt keiner diese verbotene Liebe?“ noch drastischer:

„Die kleine Anne wurde von ihrem Liebhaber Manfred W. geschlagen und geschwängert, sie muß seinen kleinen Sohn Justin (19 Monate) großziehen, putzt für ihn, geht kaum noch zur Schule (…). Die Behörden reden sich raus, berufen sich auf ihre Vorschriften.“

Außerdem fragte die Zeitung:

„Warum tut die Polizei eigentlich nichts? Sex zwischen einem Erwachsenen und einer 15jährigen ist laut Paragraph 182 verboten.“

Das stimmt nicht. Entgegen der Auffassung von „Bild“ verbietet Paragraph 182, Abs. 2 den Geschlechtsverkehr zwischen Jugendlichen und Personen über 21 Jahren nicht grundsätzlich, sondern nur dann, wenn der Erwachsene „die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt“.

Weder die Staatsanwaltschaft Cottbus noch das zuständige Jugendamt gehen davon aus, dass das in diesem Fall passiert ist. Wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, war der 42-Jährige zwar wegen Missbrauchs der 15-Jährigen im vergangenen Jahr angezeigt worden. Anne bestritt den Missbrauch: Sie habe freilwillig mit dem Mann geschlafen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Marion Losehand vom zuständigen Jugendamt sagt, es gebe keine Möglichkeit, Anne dazu zu zwingen, sich von ihrem Freund fernzuhalten, auch wenn das die Mutter gerne sähe. Das Jugendamt stehe mehrmals monatlich in Kontakt mit Anne, ihrer Mutter und dem 42-Jährigen. Es gebe kein Indiz dafür, dass Anne gezwungen werde, bei dem Mann zu bleiben. Sie hat sich offenbar aus freiem Willen dazu entschieden.

Man kann damit – wie „Bild“ – nicht einverstanden sein, gesetzlich „verboten“ – wie „Bild“ behauptet – ist daran aber nichts.

Das ist das eine. Das andere ist, dass „Bild“ den Eindruck erweckt, sie wäre im Gegensatz zu den Behörden an Annes Wohlergehen interessiert. Der Zeitung macht es aber nichts aus, umfassend über Anne zu berichten, in ihrer Privatsphäre herumzuschnüffeln, sie beim Einkaufen auf der Straße zu fotografieren, das Foto anderntags in der Zeitung abzudrucken und die Situation für die 15-Jährige damit noch zu verkomplizieren – bereits zum zweiten Mal.

Dass sich inzwischen nicht nur „Bild“-Reporter, sondern auch das Fernsehen für Annes private Angelegenheit interessiert, „tut dem Fall nicht gerade gut“, so Losebach vom Jugendamt.

Vielleicht sollte die 15-Jährige tatsächlich mal in Schutz genommen werden. Fragt sich bloß, vor wem alles.

Allgemein  

Gnadenlos ehrlich

Anlässlich der deutschen Pleite beim Eurovision Song Contest veröffentlichte die „Bild“-Zeitung am Montag — wie berichtet — einen Artikel, der über viele, viele Zeilen Klischees über Ausländer verbreitete. Er lief darauf hinaus, dass die Deutschen im Grunde für alle in Europa zahlen, und sich die Polen, Rumänen, Spanier, Türken, die von uns leben, nicht einmal mit Dankbarkeit und Punkten beim Grand-Prix revanchieren.

Der Autor Hauke Brost fühlt sich missverstanden. Er hält sein Stück für offensichtliche „Satire“. Im Gästebuch auf seiner Homepage schreibt er:

Leute, es war ein satirischer Beitrag, wie er oft in BILD stattfindet, und ich stehe voll dazu. Aber man muß BILD natürlich lesen, um solche Feinheiten mitzukriegen.

Heute veröffentlicht die „Bild“-Zeitung vier Leserbriefe zu Brosts Text. Einer davon lautet:

Noch nie hat mir ein Artikel in BILD so aus der Seele gesprochen. Kompliment an Hauke Brost für diese gnadenlos ehrlichen Zeilen.

Der zweite ist kürzer:

Dieser Artikel wird bei uns eingerahmt!

Der dritte geht wörtlich so:

Sie haben vielen Lesern die Augen geöffnet. Die Deutschen sind nicht ausländerfeindlich. Aber die 0 Points sind deutschfeindlich.

Tja, da haben offenbar nicht nur viele „Bild“-Leser die angeblichen „Feinheiten“ übersehen, sondern auch die Leserbriefredaktion der „Bild“-Zeitung, sonst hätte sie nicht ausgerechnet Briefe zum Abdruck ausgewählt, die den Text nach Aussage des Autors komplett missverstanden haben.

P.S.: Der vierte Leserbrief, den „Bild“ veröffentlicht, ist anders. Ein gewisser „Markus Maria Profitlich, Hamburg“ schreibt:

Sie sind eine doofe Zeitung!

Jungbrunnen „Bild“

In der Online-Redaktion von „Bild“ wird sehr, sehr verlässlich gearbeitet: Kaum haben die Kollegen der Printausgabe eine brandheiße Geschichte im Blatt, steht der Aufreger auch schon online.

Heute zum Beispiel der „Krieg der Schumis“, den „Bild“ ausruft, weil sich die Schumacher-Brüder beim Formel-1-Rennen in Monaco am vergangenen Sonntag in die Quere kamen und nun Ralf Schumachers Frau Cora der „Bild“-Zeitung ein paar halbwegs druckfähige Zitate dazu geliefert hat („lebensgefährlich…“, „unnötig und gefährlich…“).

Dabei sind sie bei „Bild“ womöglich mit dem Alter der „starken Frau“ etwas durcheinander geraten. Auf der Titelseite steht:
...Cora (29)...

Im Text schreibt „Bild“ hingegen:
...Cora (28)...

Und im Beitrag neben Coras Foto steht:
...Cora (27)...

Und weil in der Online-Redaktion von „Bild“ so unglaublich verlässlich gearbeitet wird, haben die Redakteure bei Bild.de ohne mit der Wimper zu zucken einfach alle drei Altersangaben in die Internetversion des Beitrags übernommen: eine in den Teaser, eine in den Text, eine in die Bildunterschrift.

Dank an Mischa B. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 12.25 Uhr: Inzwischen hat man sich bei Bild.de für die goldene Mitte entschieden, die Altersangabe im Teaser korrigiert und sie in der Bildunterschrift herausgenommen. Cora Schumacher ist 28.

Trapattoni fliegt nicht

Es ist seltsam: Der Fußballtrainer Giovanni Trapattoni ist gerade mit seiner Mannschaft Benfica Lissabon portugiesischer Meister geworden und jetzt „fliegt“ er. So steht’s jedenfalls bei Bild.de:

Trap feiert – und fliegt!

Und im Text heißt es dann:

Trotzdem hat Trap fertig. Fans und Presse lästern über seinen Mauer-Fußball.

Wir wissen natürlich nicht, welche Presse und welche Fans da gemeint sind, wundern uns aber doch etwas, dass hier zum Beispiel dieses steht:

Die Fans von Benfica Lissabon liegen „Maestro“ Giovanni Trapattoni zu Füßen. (…) Auch die Gazetten stimmten in den Jubel-Chor um „Trap“ ein. „Er kam, sah, triumphierte und sagt jetzt auf Wiedersehen“, titelte die Zeitung „A Bola“. „Die Großen sind unter Trapattoni wieder auferstanden“, schrieb Zeitung „Record“, „Danke, Trap, Benfica ist wieder da“, meinte „A Capital“.

Entsprechend ist auch die Überschrift bei Bild.de natürlich völliger Unsinn. Trapattoni „fliegt“ nicht, er denkt lediglich über seinen Rücktritt nach, weil er seine Familie vermisst. Und das weiß sogar „Sport Bild“.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Schon M.

Nichts dagegen tun

In jeder Stadt und in jeder kleinen Gemeinde gibt es Menschen, die man nicht so sympathisch, vielleicht auch etwas merkwürdig findet und neben denen man deshalb nicht wohnen möchte. Manchmal kann man sich das allerdings nicht aussuchen.

Dann ruft man einfach die „Bild“-Zeitung an. Und die schreibt daraufhin:

Horror-Nachbarn - ...und wir können nichts dagegen tun

So stand’s am 14. Mai in der Ausgabe Mainz/Wiesbaden. Außerdem wusste „Bild“:

„Sie sind wie Heuschrecken, die von Ort zu Ort ziehen und Verwüstung hinterlassen: Deutschlands Horror-Mieter. Eine dieser Familien lebt jetzt in Westhofen.“

Ein Nachbar erklärte „Bild“:

„Die übergeben sich aus dem Fenster, lassen ihre Hunde wild in den Garten, verwüsten hier alles.“

Und „Bild“-Autorin Pilar May hat nicht nur recherchiert, dass die „Müll-Mieter“ die Mietwohnung ihres letzten Wohnorts in Trümmern hinterlassen haben, sondern auch, dass die Familie eine „240-Quadratmeter-Edel-Wohnung“ nun „auf Kosten der Gemeinde“ bewohnt und zitiert Heiner Michel, Pressesprecher der Kreisverwaltung Alzey, der „zugibt“:

„Ja, die Familie bekommt von uns Arbeitslosengeld II, davon wird auch die Miete bezahlt.“

Darüber hat sich Michel ziemlich geärgert. Zum einen, weil natürlich nicht die Kreisverwaltung die Wohnung bezahlt, sondern die Agentur für Arbeit, wie er es der „Bild“-Reporterin gesagt hat, und zweitens, weil „Bild“ nicht erwähnt, dass die Wohnung laut Auskunft der Agentur für Arbeit für neun Personen angemessen teuer ist und deshalb den ALG-II-Vorschriften entsprechend bezahlt wird.

Forscht man ein bisschen weiter nach, erfährt man, dass die Großfamilie mit ihrem kleinen Zoo in Westhofen zwar nicht allzu beliebt ist, sich aber in ihrer neuen Wohnung bisher nichts zu schulden kommen ließ.

Das Veterinäramt, das laut „Bild“ in der vergangenen Woche „endlich einschreiten“ wollte, ist eingeschritten – und konnte keinen Verstoß gegen eine artgerechte Haltung der Haustiere feststellen. Den Hunden gehe es gut, versichert Michel.

Dem Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Westhofen liegen keine konkreten Beschwerden vor, sagt Leiter Lothar Renz. Nicht über Leute, die sich aus dem Fenster übergeben und ebenso wenig über Wohnungen, die in Trümmer gelegt wurden. Auch für das Jugendamt gab es bisher keinen Anlass, aktiv zu werden.

Die „Bild“-Berichterstattung scheint dennoch gewirkt zu haben: Seit der Beitrag erschienen ist, haben sich die Nachbarn, die sich schon vorher nicht leiden konnten, offenbar gar nichts mehr zu sagen. Stattdessen müssen die in „Bild“ abgebildeten Wohnungsbesitzer nun wenig freundliche Kommentare der ungeliebten Nachbarn über sich ergehen lassen. Ein Sat.1-Team war auch schon in Westhofen. Manch einer spricht schon von einer „Hexenjagd“.

Bislang kam es zu keiner Auseinandersetzung, die so heftig war, dass die Polizei einschreiten musste. Hoffentlich bleibt das so.

Traurige Fakten

Schwer zu sagen, ob das „brutale Grand-Prix-Debakel“ (also die Tatsache, dass der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest in Kiew am vergangenen Samstag auf dem letzten Platz landete) „jetzt“ tatsächlich „Konsequenzen“ hat, wie es heute in der „Bild“-Zeitung steht, ob es also irgendwie gerechtfertigt ist, wenn „Bild“ behauptet:

0 points! ARD feuert Grand-Prix-Chef

Tatsache ist, dass der für den Grand Prix zuständige NDR bereits gestern bekannt gab, der bisherige Grand-Prix-Verantwortliche Jürgen Meier-Beer höre „auf eigenen Wunsch“ auf.

Tatsache ist auch, dass die Nachrichtenagentur ddp daraufhin schrieb:

„Meier-Beer unterstrich, sein Abgang habe nichts mit dem Grand-Prix-Debakel (…) zu tun (…). Die Gespräche über eine neue Aufgabe für ihn hätten bereits vor einem halben Jahr begonnen.“

Und der NDR legte heute, nach den „ARD feuert Grand-Prix-Chef“-Behauptungen, mit einer zweiten Pressemitteilung nach, in der es heißt:

„Spekulationen in Teilen der Presse, der NDR habe seinen Grand-Prix-Verantwortlichen strafversetzt oder gar gefeuert, entbehren jeder Grundlage (…). Tatsächlich hat Herr Dr. Meier-Beer bereits vor sechs Monaten darum gebeten, nach zehn Jahren mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir gemeinsam begonnen, seinen Wechsel vorzubereiten (…)“

Und wenn sich der NDR nun abermals (und derart ausdrücklich) an die Öffentlichkeit wendet und betont, die Personalie stehe „in keinem Zusammenhang mit dem Abschneiden der Sängerin Gracia beim ‘Eurovision Song Contest'“, dann sollte man sich den „Bild“-Text vielleicht doch noch einmal genauer anschauen. Schließlich findet man dort zwar jede Menge Ausrufezeichen („Gracia Letzte! Miese Quote! Falsches Konzept!“, „Das brutale Grand-Prix-Debakel in Kiew, jetzt hat es Konsequenzen!“, „Die ARD feuert Grand-Prix-Chef Jürgen Meier-Beer (53)!“, „Null Punkte für den Ex-Unterhaltungs-Chef!“, „Sinkende Einschaltquote!“, „Katastrophales Ergebnis!“, „Hohe Kosten!“, „Falsches Auswahlsystem!“) — aber kein einziges Indiz für die Behauptung, Meier-Beer sei gefeuert worden.

Stattdessen findet man unter dem Stichwort „Traurige Fakten“ den Satz:

2000 schauten noch 12 Millionen zu, dieses Jahr nur rund 7 Millionen.

Und das ist in der Tat traurig, weil es nämlich 2000 nicht „12 Millionen“, sondern 10,03 Millionen Zuschauer waren, was hier nur deshalb Erwähnung finden soll, weil „Bild“ nicht einmal dort, wo sie ausdrücklich mit „Fakten“ aufwartet, mit Fakten aufwartet.

Nachtrag, 18.6.2005:
Bild.de muss eine Gegendarstellung des NDR-Intendanten Jobst Plog u.a. veröffentlichen, in der es heißt, „daß Herr Dr. Meier-Beer bereits vor mehreren Monaten darum gebeten hat, mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden und bereits vor Durchführung des ‘Eurovison Song Contest’ feststand, daß Herr Dr. Meier-Beer den Posten des „Grand-Prix-Chefs“ abgeben würde.“ Der „Bild“-Artikel selbst ist online nicht mehr verfügbar.

Blättern:  1 ... 666 667 668 ... 719