Volksentscheid II

An diesem Ergebnis kommt kein Politiker vorbei!

schrieb die „Bild“-Zeitung am Samstag über das Ergebnis ihres „Volksentscheids“, bei dem fast 97 Prozent der „Bild“-Leser und RTL-Zuschauer, die an einer Telefonaktion teilnahmen, gegen die EU-Verfassung stimmten.

Das ist natürlich quatsch. Man kommt ganz leicht an diesem „Ergebnis“ vorbei: Man ignoriert einfach die originelle „Bild“-Aktion und beschäftigt sich stattdessen mit repräsentativen Umfragen zum Thema. Laut Infratest dimap waren Anfang Mai 59 Prozent der Deutschen für die Verfassung; das Institut polis ermittelte für „Focus“ vergangene Woche immerhin noch 44 Prozent Zustimmung.

Danke für die vielen Hinweise!

braucht Ihre Unterstützung!
Wir investieren viel Zeit und Herzblut in dieses Blog, verdienen aber kaum Geld damit. Damit wir trotzdem unsere Miete bezahlen können, würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen. Wie das geht, erfahren Sie hier.

BILDblog wird 1

Heute vor einem Jahr erschien der erste BILDblog-Eintrag. Wir haben Geburtstag!

Das wollen wir feiern. Freundliche Menschen bei CityCard wollen uns die Möglichkeit geben, Gratispostkarten drucken und verteilen zu lassen. Zum Geburtstag wünschen wir uns von Ihnen und Euch das passende Motiv dafür: ausgefeilte oder hingekrakelte, ernsthafte oder alberne, hitzige oder coole, Gelbe oder Rote Karten, die für uns werben (und eigentlich gar nichts mit unserem Geburtstag zu tun haben sollen, sondern mit BILDblog an sich).

Macht Reklame für BILDblog! Die besten Entwürfe zeigen wir hier. Und unser Lieblingsmotiv wird dann eine CityCard im Format 105 x 148 mm. Einsendungen bitte bis 19. Juni an geschenke@bildblog.de. Wir freuen uns drauf!

Mit großem Dank an Malcolm für die Briefmarke.

Wir haben Post!
Wir haben schon wieder Post!
Wir haben noch mehr Post!

Volksentscheid

Jetzt sind die Wahllokale geschlossen. Mist. Ja, wir haben’s auch verpasst. Aber heute hat Deutschland anscheinend über die neue Verfassung der EU abgestimmt. Sogar über „Europa“ insgesamt. Stand in der „Bild“-Zeitung. Auf Seite 1. Und zwar so:

JETZT HAT ENDLICH DAS VOLK DAS WORT!

Nach dem „Non“ der Franzosen und dem „Nee“ der Holländer dürfen jetzt die Deutschen über Europa abstimmen.

Bild.de nennt das Ganze in seiner Adresszeile sogar einen „Volksentscheid“. Und wenn Sie jetzt ganz traurig sind, dass Sie das verpasst und Ihre Stimme nicht abgegeben haben, versuchen wir Sie ein bisschen aufzumuntern.

1. „Deutschland“ hat längst abgestimmt. Am 12. Mai 2005 hat der Bundestag mit überwältigender Mehrheit dem Verfassungsentwurf zugestimmt, am 27. Mai 2005 der Bundesrat.

2. „Das Volk“ hat immer das Wort. Jeden Tag. Wenn Sie etwas sagen wollen, „dürfen“ Sie es einfach tun. Sie müssen nicht darauf warten, dass „Bild“ es Ihnen „endlich“ erlaubt und dafür zwei kostenpflichtige Hotlines schaltet. Sagen Sie einfach, was Sie wollen. Und wenn Ihnen das zu formlos erscheint, notieren Sie es sich doch auf einen Zettel. Den können Sie sich selber machen. Oder Sie nehmen unseren kleinen Vordruck hier links. Den können Sie ausdrucken, ausschneiden und dann damit machen, was Sie wollen. Das Tolle ist: Die Wirkung ist exakt die Gleiche, als wenn Sie bei „Bild“ angerufen hätten. Nur bei Wahlen und richtigen Volksentscheiden müssen Sie aufpassen, da dürfen Sie nicht einfach Ihre Zettel selbst malen oder an selbstgemalten ausgerufenen „Bild“-Abstimmungen teilnehmen. Aber keine Sorge: Da kriegen Sie vorher Post.

3. Und wenn morgen riesengroß in der „Bild“-Zeitung stehen sollte, dass „Deutschland“ nahezu einstimmig gegen die EU-Verfassung oder gar „gegen Europa“ gestimmt habe, dann denken Sie einfach daran: Da haben Leute angerufen, die glauben, dass in Deutschland „Volksabstimmungen“ in der „Bild“-Zeitung stattfinden.

Blöde Frage

Fragen wird man ja wohl noch dürfen, sagt man bei „Bild“. Stimmt. Und eine gute Zeitung erkennt man auch daran, dass sie die richtigen Fragen stellt.

Als immer deutlicher wurde, dass die Sat.1-Telenovela „Verliebt in Berlin“ mit Alexandra Neldel ein Riesenerfolg ist, hätte eine gute Frage gelautet: „Verlängert Alexandra Neldel bei ‘Verliebt in Berlin’?“

Weil „Bild“ aber gerade damit beschäftigt war, einen Kleinkrieg mit Frau Neldel zu führen, stellte sie vor drei Wochen stattdessen diese Frage:

Schmeißt Alexandra Neldel bei Verliebt in Berlin hin?

Seit heute lautet die Antwort darauf nicht mehr nur: Was für eine blöde Frage?, sondern auch: Nein, im Gegenteil.

Allgemein  

Irgendwie anders

Genau: So sehen die bislang erschienenen, deutschsprachigen „Harry Potter“-Bände aus. Oder auch so:

Am 1. Oktober 2005 erscheint Band 6, und wie immer gibt es auch diesmal vor dem Erscheinen wilde Spekulationen über den Inhalt, worüber am 25. Mai auch „Bild“ berichtete.

Abgebildet hatte „Bild“ dabei auch ein Buchcover mit der Aufschrift „Harry Potter 6″, das irgendwie anders aussah als die der vorangegangenen fünf Bände (siehe Ausriss), und dazugeschrieben:

„So soll der Buchtitel von Harry Potter 6 aussehen“

Natürlich stimmt das nicht, weshalb der Carlsen-Verlag anschließend unter dem Titel „Falsche Coverabbildung von Harry Potter VI in der Bildzeitung“ auch eine Presseerklärung herausgab, in der es heißt:

Es gibt noch kein Cover für die deutschsprachige Harry Potter-Ausgabe. Dieses wird wieder von Sabine Wilharm gestaltet, die auch diesmal zwei Entwürfe anfertigen wird. Im Rahmen einer Coverabstimmung im Internet werden die Harry Potter-Leser dann wieder entscheiden können, wie der Umschlag des Buches aussehen soll. Diese Entscheidung trifft keinesfalls die „Bild“-Zeitung!

Dem ist in seiner Deutlichkeit nichts hinzuzufügen – außer vielleicht, dass das angebliche Cover von der Elbenwald GmbH gestaltet und am 24. Mai auf deren Website veröffentlicht wurde. Direkt darüber steht dort der Zusatz:

Alternativcover. Original lag bei Artikel-V.Ö. noch nicht vor.

Um Erlaubnis für den sinnentstellenden Abdruck des „Alternativcovers“ gefragt hat „Bild“ bei der Elbenwald GmbH übrigens nicht.

Mit Dank an Sebastian W. und Reinhard J.

Nachtrag, 10.6.2005 (mit Dank an Dirk):
Heute nun musste „Bild“ deshalb eine entsprechende Gegendarstellung des Carlsen-Verlags abdrucken.

Exklusiv: Mit „Bild“ auf Recherche-Tour

(Mai 2005, Infodesk im Hessischen Hauptstaatsarchiv, Mosbacher Str. 55, 65187 Wiesbaden)*

Auskunftspersonal: Guten Tag, kann ich Ihnen helfen?

BILD-Reporter: Ja, wir hätten da mal ‘ne Frage. Und zwar haben wir da mal vor fünf Jahren, am 25.5.2000 oder so, in der ARD diese Dokumentation über Rosemarie Nitribitt gesehen gehabt. Die lief damals in der Reihe „Die Großen Kriminalfälle“. Ham Sie vielleicht auch gesehen. Hatte über dreieinhalb Millionen Zuschauer, wurde seitdem auch schon öfter wiederholt…

Auskunftspersonal: Ich erinnere mich. Der Film war doch von der Helga Dierichs vom Hessischen Rundfunk. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte sie damals sogar eine Schutzzeitverkürzung für die Einsichtnahme in unsere Akten hier bekommen – und außerdem im Keller eines Kripobeamten überraschenderweise Briefe, Postkarten und ein Tonband voll sehnsüchtiger Liebesbekenntnisse von Harald von Bohlen und Halbach gefunden. Hatte der Mann die Nitribitt nicht „Mein Fohlen“ genannt? (Kichert leise.) Tolle Recherche damals…

BILD-Reporter: Ach? Na, jedenfalls wir wollten mal fragen, ob…

Auskunftspersonal: Bohlen mit „H“, Halbach mit einem „L“ war das, richtig?

BILD-Reporter: Äh, ja. Die Unterlagen müssten hier bei Ihnen…

Auskunftspersonal: Ja, ja. Frau Dierichs hat sie damals an uns weitergeleitet. Da wollen seitdem immer mal wieder Journalisten Einsicht nehmen. Und weil die Schutzfrist inzwischen abgelaufen ist, dürfte das auch für Sie jetzt kein Problem sein. Warten Sie, ich schau mal… (Schaut ins Dokumentationssystems Ledoc.) Ah, ja… Wollen Sie’s hier im Lesesaal durchschau’n? In den Lesesaal bestellte Archivalien werden nach Möglichkeit innerhalb einer Stunde ausgehoben und vorgelegt…
*) sinngemäße Rekonstruktion (leicht fiktionalisiert)
 
Und so kam es, dass der Anfang einer großen „Bild“-Story über „Deutschlands bekannteste Hure“ gestern so lautete:

Jetzt aufgetauchte Liebesbriefe enthüllen die pikante Beziehung zwischen Rosemarie Nitribitt und dem Millionär Harald von Bohlen und Halbach. 48 Jahre war es nur ein Gerücht, jetzt haben BILD-Reporter die eindeutigen Dokumente gefunden
(Hervorhebungen von uns.)

Mit Dank an das Hessische Hauptstaatsarchiv für die freundliche und sachdienliche Unterstützung – sowie Thomas H. und Ron für den Link.

Symbolfoto IX

Heute testen wir einmal Ihre Medienkompetenz. Wenn Sie in „Bild“ ein Foto von einem Zug sehen, und unter diesem Zug steht die Überschrift „Dieser Intercity hat sich verfahren“, wovon gehen Sie aus?

(a) Der abgebildete Zug hat sich verfahren.
(b) Ein Zug, der so aussieht wie der abgebildete Zug, hat sich verfahren.
(c) Ein Zug, der keinerlei Ähnlichkeit mit dem abgebildeten Zug hat, hat sich verfahren.
(d) Weder dieser Intercity, noch sonst irgendein Zug hat sich verfahren.

Vor der Auflösung die Geschichte.

Dieser Intercity hat sich verfahren

„Bild“ berichtete am Dienstag, dass ein InterCity, der nach Hamburg fahren sollte, stattdessen in Köln auf die Strecke in Richtung Frankfurt geleitet wurde:

Erst nach 18 Minuten bemerkte der Lokführer (37) den Fehler. Der „InterCity“ wurde bei Köln-Kalk (NRW) gestoppt. Die Lok mußte über ein Nebengleis an das Zugende rangiert werden. Dann ging es endlich Richtung Hamburg.

Das Rangiermanöver mit der Lok in Köln-Kalk wurde von der Bahn bestätigt — womit klar ist, dass der InterCity nicht ausgesehen haben kann wie der Zug auf dem Foto in „Bild“. Darauf ist nämlich ein Zug mit Steuerwagen abgebildet. Bei diesen Modellen wird die Lok nicht mehr von einem Ende des Zuges zum anderen umgesetzt; der Lokführer wechselt einfach den Führerstand.

Die richtige Antwort lautete also (c): Der abgebildete Zug hat sich nicht verfahren; es handelt sich nicht einmal um das gleiche Modell.

Nachtrag, 14.00 Uhr: Ja, das dachten wir, aber so einfach ist es nicht. Dieses ganze Steuerwagen-Lok-Geschäft bei der Bahn ist ein kompliziertes, und möglicherweise hat „Bild“ zufällig ein Foto von einem Zug herausgesucht, der dem betroffenen ähnlich sieht. Aufgenommen wurde es allerdings weder in Köln-Kalk (NRW), noch in Hamburg, sondern, wie Kenner an den Stromschienen erkennen, am Bahnhof Zoo in Berlin.

Auch die „Bild“-Behauptung, man habe das Versehen erst nach 18 Minuten bemerkt, scheint übrigens falsch zu sein. Die Bahn sagt, es habe sich nur um drei Minuten gehandelt. Der Zug sei dann absichtlich von Köln-Deutz noch bis Köln-Kalk zum Rangieren weitergefahren. Das ist nicht nur, wie „Bild“ in der Klammer schreibt, immer noch in „NRW“, sondern sogar der nächste Bahnhof. Um dahin überhaupt 18 Minuten zu brauchen, müsste man schon sehr, sehr langsam fahren.

Mit Informationen aus der Diskussion in der Newsgroup de.etc.bahn.misc.

2,5 Millionen Zeugen

Kürzlich berichtete Bild.de betont wohlwollend über McDonald’s über die Nachwuchsschauspielerin Julia Dietze, und angekündigt wurde die (irgendwie aschenputtelig anmutende) Dietze-Story wie folgt:

Oder auch so:

Und so, wie der Text online angekündigt wurde, steht’s (wie zum Beweis) auch drin:

„In der TV-Werbung für McDonald’s kostet bei ihr alles “n Euro’ (…). Übernächste Woche ist sie bei PRO 7 in einer Hauptrolle zu sehen.“

Und ja, es stimmt: Am 3. Januar 2005 startete McDonald’s seine „Einmaleins“-Kampagne, und Dietze ist in einem dazugehörigen Werbe-Spot zu sehen. Außerdem spielt das „1-Euro-Mädchen“ die weibliche Hauptrolle im ProSieben-Film „Mädchen Nr. 1″, den der Sender am Donnerstag, dem 9. Juni 2005 ausstrahlen wird.

Nur: Falsch ist die Geschichte trotzdem, wofür es mindestens 2,5 Millionen Zeugen gibt. Soviele Zuschauer nämlich sahen den Film bereits bei seiner Erstausstrahlung am Donnerstag, dem 18. September 2003, weshalb es (in „Bild“-Logik) eigentlich heißen müsste:

Mit Dank an Jörg F. für den sachdienlichen Hinweis.

Wahlkampf II

Macht Macht schön?

Die „Bild“-Zeitung behauptet, dass Angela Merkel „binnen einer Woche“ (also mutmaßlich seit der gewonnenen Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen) „eine auffällige Metamorphose durchgemacht“ habe und aus ihrem „müden Blick“ ein „strahlendes Lächeln“ geworden sei — und beweist dies mit einem Vorher-Foto, das laut „Bild“ vor über einem Jahr entstand, und einem Nachher-Foto, das laut „Bild“ vor einer Woche entstand, unmittelbar nach der NRW-Wahl.

Nachtrag, 12.50 Uhr. In einem Interview mit tagesschau.de sagt die Merkel-Biographin Evelyn Roll:

Es müsste eigentlich allen auffallen, dass sich das Bild von Angela Merkel ständig verändert. Es gibt immer beides: Sie macht, wenn sie sich konzentriert oder nicht zeigen will, was in ihr vorgeht, immer das doofe Gesicht. Aber sie macht immer auch — und so ist sie auch im persönlichen Umgang — dieses heitere, gelassene Gesicht. Ich denke, man kann immer an den Fotos, die von Angela Merkel in den Medien sind, erkennen, wie ihre ungefähren Popularitätswerte sind. Im Moment sehr hoch, dann suchen die Redakteure eher diese strahlenden, verschmitzten Bilder von ihr aus. Und wenn Hängepartie ist, dann Hängegesicht.

Danke an Christian R. für den Hinweis!

Blättern:  1 ... 666 667 668 ... 720