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Gefunden!

Am 22. August 2006 sprach „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann vor dem Wirtschaftsrat der CDU in Hamburg. Eine Frau im Publikum fragte ihn, welchen Anteil seine Zeitung daran habe, dass wir in einer Neidgesellschaft lebten.

Kai Diekmann antwortete, es gebe eine Zeitschrift, die jährlich eine Liste der reichsten Deutschen veröffentliche. Er glaube, dass solche Veröffentlichungen schädlich seien, weil sie den Neid in unserer Gesellschaft verstärkten.

Diekmann sagte wörtlich:

„Sie werden diese Gehaltslisten in ‚Bild‘ nicht finden.“

Nicht?

Am Mittwoch fanden wir folgenden Artikel groß auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung:

Die 30 reichsten Deutschen

Kurz korrigiert (270)

Bild.de berichtet, Gebärmutterhalskrebs sei „die zweithäufigste Todesursache bei Frauen“.

In Deutschland sterben jährlich fast 1700 Frauen an Gebärmutterhalskrebs. Zum Vergleich: Über 20.000 Frauen erliegen in Deutschland jährlich einem Schlaganfall, über 10.000 Frauen sterben an Grippe oder Lungenentzündung, fast 5000 stürzen zu Tode.

Was Bild.de vermutlich eigentlich sagen wollte: Gebärmutterhalskrebs ist die zweithäufigste tumorbedingte Todesursache bei Frauen.

Danke an Martin S.!

6 vor 9

Moselcoast-Ghetto-Rap-Geschwader: Die Presseschau der Subkultur
(jetzt.de, Tobias Wullert)
Wie prächtig das Angebot in den Hauptbahnhofsbuchhandlungen doch ist. Jedem Interesse ist ein Heft gewidmet. Was steht da eigentlich immer so drin? jetzt.de hat sich fünf Exemplare gegriffen und geblättert.

Ein Ehrenkodex von 50 Seiten
(fr-aktuell.de, Bernd Buder)
Dazwischen zurechtkommen: Im Kosovo bemüht sich der öffentlich-rechtliche Rundfunk um die journalistische Ethik.

Termin mit dem Tod
(zeit.de, Auszug aus dem Buch „Douloureuse Russie“)
Wie die russische Journalistin Anna Politkowskaja den Mann traf, den viele für ihren wahren Mörder halten. Eine Reportage aus ihrem letzten Buch.

In einem Blog über die verlorene Zeit
(taz.de, Detlef Kuhlbrodt)
Die „Recherche“ lesend sich selbst lesen: Der Schriftsteller Jochen Schmidt arbeitet täglich 20 Seiten Marcel Proust durch und schreibt darüber ein Internet-Tagebuch.

„Um gelesen zu werden“
(tink.ch, Janosch Szabo)
Im Juni startete die deutsche Netzeitung die Plattform Readers Edition. Der Moderator Gerd Stodiek über Bürgerjournalismus und die nicht mehr ganz neue Projektidee.

Über Google, YouTube und eine strahlende Zukunft
(approx.antville.org)
Vor genau sechs Jahren schrieb die Zeit unter der Überschrift „Fernsehen à la Carte“ einen recht euphorischen Artikel über CanalWeb. Kennt eigentlich noch jemand diese Firma?

Bloß früher IV

Heute berichtet „Bild“ auf der allerletzten Seite…

… über einen „Blondinen-Crash“, der sich, so „Bild“, „im englischen Blackburn“ zugetragen haben soll. Kronzeuge für die „Bild“-Meldung ist ein Foto. Genauer gesagt, dieses:

Das Foto allerdings, das Europas größter Tageszeitung (die ja bekanntlich schreibt, „was alle schreiben — bloß früher“) heute auf der allerletzten Seite eine Meldung wert ist, findet sich auch auf verschiedenen Internetseiten — und das schon seit mindestens Mitte August. Und dass „im englischen Blackburn“ ungarische MediaMarkt-Plakate am Straßenrand herumstehen, wie man auf anderen Fotos derselben Serie deutlich erkennen kann, halten wir, gelinde gesagt, für äußerst unwahrscheinlich.

Wahrscheinlicher ist, dass „Bild“ da auf der allerletzten Seite einfach irgendwas zusammenfantasiert hat. Macht das Blatt bei seinen Blondinen auf der allerersten Seite ja auch andauernd.

Mit Dank an Sönke M. für den Hinweis.

Kai Diekmann arbeitet mit „Bild“-Methoden

Nein, das Verhältnis von „Bild“-Zeitung und Heide Simonis ist wahrlich kein entspanntes.

Aktuell hat Simonis nun einen Prozess gegen „Bild“ vor dem Berliner Landgericht verloren. Simonis verlangte 50.000 Euro Schmerzensgeld für den Abdruck einiger Fotomontagen, die „Bild“ am 2. Mai auf der Titelseite und im Blattinneren veröffentlicht hatte. Die Montagen zeigten u.a. das Gesicht der Politikerin mit Maden übersät sowie ihren Kopf auf einem mit Jauche besudelten Bikinikörper und stellten — so Simonis‘ Anwalt — eine „Verletzung der Menschenwürde“ dar.

„Bild“ reagierte auf das Gerichtsurteil mit einer Pressemitteilung. Darin heißt es korrekt:

„Eine ein Schmerzensgeld rechtfertigende Persönlichkeitsverletzung konnte das Landgericht (…) nicht erkennen.“

Unter der Überschrift „Kein Geld für Hoppel-Heide“ äußert sich in der Mitteilung jedoch auch „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann wie folgt:

„Heide Simonis hat mit ihrer Tanzshow ihr Ansehen nachhaltig beschädigt. An einer lächerlichen Show teilnehmen wollte sie, aber darüber lachen sollte man nicht. Sie hat als Unicef-Botschafterin das Vergleichsangebot einer großzügigen Spende und von Anzeigenraum für Unicef abgelehnt und auf Zahlung einer Geldentschädigung an sich selbst bestanden. Nun hat sie vor dem Landgericht die Quittung erhalten. Und wieder ein schwerer Ausrutscher!“

Allerdings sind Diekmanns hämische Äußerungen mehr als irreführend: Nicht nur verschweigt der „Bild“-Chef, dass Simonis wegen desselben „Bild“-Berichts vor Gericht bereits eine „Aufsehen erregende Gegendarstellung“ (AP) hatte durchsetzen können; der „Bild“-Chef erweckt darüber hinaus den Eindruck, Simonis‘ „Geldentschädigung an sich selbst“ und das „Vergleichsangebot einer großzügigen Spende und von Anzeigenraum für Unicef“ stünden in irgendeinem direkten Zusammenhang. (Immerhin sind beide Sachverhalte in Diekmanns Statement durch ein schlichtes „und“ miteinander verbunden.)

Doch der Eindruck trügt: Medienberichten zufolge bezog sich das „Vergleichsangebot“ von „Bild“ nämlich gar nicht auf Simonis‘ (erfolglose) Schadensersatzklage, sondern auf ihr (erfolgreiches) Gegendarstellungsbegehren, gegen das sich „Bild“ über Monate vehement gewehrt hatte.

Mit Löffeln gefressen

"War

Gestern spekulierte „Bild“ im Technikteil Sportteil ausführlich über die Gründe für Michael Schumachers Ausscheiden beim Formel-1-Rennen in Suzuka.

"Das ist ein Kolbenfresser"Bei der Gelegenheit versuchte „Bild“ auch gleich, ihren Lesern mit Hilfe einer Grafik (siehe Ausriss links) zu erklären: „Das ist ein Kolbenfresser“. Und sagen wir es mal so: Auf der „Bild“-Grafik Grafik sind tatsächlich ein Zylinder und ein Kolben zu sehen. Allerdings kommen Dinge wie „Kolben“ und „Zylinder“ nicht bloß in Motoren vor. Und eine „Blockade“ des abgebildeten Kolbens „an der ihn umgebenden Zylinderwand“ würde nie und nimmer zu einem Motorschaden führen. Die Abbildung zeigt nämlich keinen Zylinder, wie er in Verbrennungsmotoren zu finden ist, sondern einen Hydraulikzylinder, wie er auf der Internetseite der Remo AG zu finden ist (siehe Ausriss rechts).

Mit Dank an Tobias J. und Marcel S. für den sachdienlichen Hinweis.

6 vor 9

Fünf Rupien für die Freiheit
(zeit.de, Christiane Grefe)
Indien ist ein Abenteuerland des Journalismus. Hier gedeiht die Medienvielfalt wie kaum sonst auf der Welt.

Lonely Girl im Pixelmüll
(jungle-world.com, Markus Ströhlein)
Mit NPD-Spots geriet das Portal „You Tube“ in die Schlagzeilen. Aber auch sonst bietet die Internetplattform fragwürdige Inhalte an.

„Aus Alt mach Neu“
(ftd.de, Mathias Mertens)
Alle sind begeistert von Web 2.0 – statt der Diktatur der IT-Riesen herrscht nun angeblich Basisdemokratie im Internet. Tatsächlich aber basiert der Hype nur auf einer geschickten Umetikettierung.

Warum die deutsche Internet-Gemeinde scheu ist
(welt.de, Elisalex Clary)
Die Suchmaschine kauft das Videoportal. Es fließt unglaublich viel Geld, und die Phantasien sprießen ins Kraut. Die Börse dreht durch. Der Kauf steigert den Marktwert von Google um rund sechs Milliarden Dollar. Und was hat das mit uns zu tun?

Ringier & Bobo: a true love story
(medienzirkus.blogspot.com, Shandokan)
Wo die Liebe hinfällt, vermag niemand im Vornherein zu sagen. Einem zarten Pflänzchen gleich sucht sie den Boden der Fruchtbarkeit, wie ein Windhauch entsteht sie unverhofft und zuckerwatten-leicht. Ach, die Liebe. Jetzt hat sie ein ganzes Verlagshaus erwischt: Ringier hat sich in DJ Bobo verknallt.

Wer soll hier dumm sein?
(viceland.com, Max Reichnert)
Unsere zwei Spezialisten sind Florian, ein 13 Jahre altes Genie, der gerade sein Abitur gemacht hat und bereits von drei Top-Unis in Großbritannien Angebote, Physik zu studieren erhalten hat und der 12 Jahre alte Alex, ein Minderbemittelter mit erheblichen Lernproblemen?der Held seiner örtlichen Realschule, der die Ferien damit verbracht hat, Mädchen nachzujagen und sich auf das neue Schuljahr vorzubereiten, das er zum zweiten Mal wiederholen wird.

6 vor 9

Die Peitschen-Borchert
(taz.de, Johannes Gernert)
Fünf Jahre lang hat sie ihr Privatleben öffentlich gemacht, in einer Sexkolumne und im eigenen Internetblog – so erfolgreich, dass sie WAZ-Online-Chefin wurde. Jetzt fehlt ihr zum Schreiben die Zeit und vor allem das Material. Die Ex-Kollegen aus der Blogger-Szene schmähen die „Verräterin“.

Der Heels Angel
(weltwoche.ch, Beatrice Schlag)
Ohne Anna Wintour, die Chefin der amerikanischen Vogue, läuft nichts – keine Karriere, kein Model, keine Angestellte in flachen Schuhen durch den Verlag. Seit 18 Jahren ist diese Frau: die Mode. Daran kann auch das schlechte Buch eines ihrer Opfer nichts ändern, das jetzt erfreulich verfilmt wurde.

„Die Weltwoche ist keine Fremdenlegion“
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
Seit letzter Woche amtet Roger Köppel wieder als Chefredaktor der Weltwoche. Bereits seit der Bekanntgabe seiner Rückkehr ist ihm die Aufmerksamkeit der Branche sicher. Wie er mit der speziellen Beobachtung umgeht und welche Vorgaben der künftige Verleger Köppel dem Chefredaktor Köppel auf den Weg gegeben hat, erläuterte er im Gespräch mit „persoenlich.com“.

„Gazelle“: Ein stolzes Magazin für stolze Migrantinnen
(jetzt.de, Thilo Guschas)
Wenn niemand für junge Ausländerinnen spricht, dann mach? ich das eben, dachte sich Sineb El Masr – und gründete die Zeitschrift Gazelle.

Hauptsache fetzig
(taz.de, Jürgen Busche)
Die Neigung zur Kritikerbeschimpfung ist ausgeprägt in Deutschland. Das ist schon seit langem so, mittlerweile sind die Kulturredaktionen aber auch mitschuldig daran – wie aktuelle Beispiele aus Buchkritiken zeigen.

„Putin will Nationalgefühl stärken“
(diepresse.com, Patricia Käfer)
Pressefreiheit. Der Staat selbst oder die staatliche Wirtschaft kontrollieren Russlands Medien.

Koalitionen

Wer ist eigentlich verdammtnochmal Schuld daran, dass bald auch auf Computer Rundfunkgebühren fällig werden könnten?

Vor drei Wochen hatte „Bild“ schon eine ganze Reihe Schuldiger gefunden: Die „TV-Dinos“! Also die ARD-Intendanten, die laut „Bild“ „jetzt“ das Internet „zum Abkassieren“ „entdeckt“ haben. Das war ein bisschen schief, denn die ARD-Intendanten haben das Internet nicht jetzt zum Abkassieren entdeckt. Die Gebührenpflicht steht schon seit 1997 im Rundfunkstaatsvertrag und wurde seitdem nur ausgesetzt. Und Staatsverträge konnte die ARD damals schon so wenig unterschreiben wie heute. Sie kann allenfalls Vorschläge machen.

Heute nimmt „Bild“ einen neuen Anlauf: Die Bundesregierung ist schuld! Rolf Kleine, Leiter des „Bild“-Haupstadtbüros, schreibt:

Die von der Koalition geplante Einführung von GEZ-Gebühren auf PCs…

Und:

Die Koalition plant, von 2007 an GEZ-Gebühren für PCs zu erheben — wahrscheinlich 5,52 Euro im Monat.

Okay, das ist ganz falsch. Rundfunk ist in Deutschland Ländersache, und „die Koalition“ im Bund hat mit der Rundfunkgebühr überhaupt nichts zu tun.

Aber die Ministerpräsidenten der Länder tagen erst nächste Woche, um sich u.a. mit den Gebühren auf PCs zu beschäftigen. Bis dahin kriegt „Bild“ es bestimmt noch hin, den wahren Schuldigen zu finden.

PS: Der heutige „Bild“-Bericht steht unter der Überschrift:

Juristen sicher -
GEZ-Gebühren für Computer verfassungswidrig

Im Artikel selbst heißt es schon nur noch, sie sei „wahrscheinlich“ verfassungswidrig. Und es sind nicht irgendwelche unparteiischen Juristen, sondern die Hausjuristen des Deutschen Industrie- und Handelskammertages DIHK. Der läuft schon seit Monaten Sturm gegen die Gebühren. Und fragt man beim DIHK nach, was genau die Basis für dieses juristische Urteil ist, erfährt man, dass sich die DIHK-Leute einfach ein paar Gedanken gemacht haben.

Und so schnell wird aus der Vermutung einer Lobby-Organisation in „Bild“ eine Tatsache und eine Schlagzeile auf Seite 1.

Danke an Carlos K., Martin B. und Ulf-Erik W.!

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