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Schal und Lauch

Diese Geschichte ist schon fast zwei Wochen alt. Aber vielleicht können wir aus ihr etwas lernen. Über die Abläufe in der Redaktion von Europas größter Tageszeitung. Konkret darüber, wie dort Überschriften gemacht werden.

Wir müssen uns das nämlich etwa so vorstellen, dass da kurz vor Redaktionsschluss ein eigens ausgebildeter Überschriftenmacher ins Büro kommt. Er setzt sich schnaufend an seinen Platz, lässt sich die Augen verbinden, und dann hat jeder Autor etwa zehn Sekunden Zeit, ihm ausführlich den Inhalt seinen Artikels zu schildern. Der Überschriftenmacher, ein Profi, formuliert daraus eine griffige Headline und tippt sie blind in den Computer, bevor der nächste an die Reihe kommt.

So könnte es sein. Jedenfalls ist das nicht die abwegigste Erklärung für das, was da am 31. März in „Bild“ (Halle) stand.

Es ging in dem Artikel um zwei Männer: Karl-Heinz Paqué und Veit Wolpert. Beide sitzen für die FDP im Landtag von Sachsen-Anhalt. Der eine, Wolpert, war Fraktionsvorsitzender, der andere, Paqué Finanzminister. In einer Kampfabstimmung um den Posten des Fraktionschefs wurde nun Wolpert von Paqué geschlagen.

Und die „Bild“-Zeitung berichtet über diesen Kampf zwischen den Männern, die sie im Artikel naheliegenderweise Paqué und Wolpert nennt, unter der Überschrift:

Paquet schlägt Volpert k.o.

Vielen Dank an Thomas R. für Hinweis und Scan!

Und noch ’ne Torte

Oh, nein! Bild.de hat es schon wieder getan!

Bevor wir jedoch darauf zu sprechen kommen, was, hier aus gegebenem Anlass zunächst ein kleiner Link zu Renate Wanner in die „Sindelfinger Zeitung“. Aber nun zurück zu Bild.de:

Dort sieht die Tortengrafik zu aktuellen „WM-Frage der Woche“ („Wurde Kahn von Klinsi fair behandelt?“) nämlich so aus:

Doch halt, nein, stopp! Das stimmt natürlich nicht. Die Bild.de-Grafik sieht gar nicht so aus, sie könnte nur, wie wir wissen, ebensogut so aussehen wie die von uns angefertigte und abgebildete Montage. Selbstverständlich sieht die echte Tortengrafik von Bild.de ganz anders aus.

Nur mit der Idee, Prozentanteile in einem Tortendiagramm so darzustellen, dass die Größe der Tortenstücke den Prozentanteilen entspricht, hat auch die echte Bild.de-Grafik nichts zu tun. Sie sieht eher so aus wie eine umdekorierte Wiederverwertung einer anderen Torte. Dabei wäre es gar nicht so schwierig für Bild.de, ein korrektes Tortendiagramm zur aktuellen WM-Frage aufzutreiben. Das findet sich nämlich heute, weltexklusiv, in der gedruckten „Bild“.

Mit Dank Alexander W. für den Hinweis.

Nachtrag, 19.40 Uhr: Bild.de hat die Grafik inzwischen geändert — und dieses Mal etwa sogar auf Anhieb korrigiert?

Noch ein Radler für „Bild“, bitte!

Wenigstens kann man der „Bild“-Zeitung nicht vorwerfen, in ihrem heutigen Bericht über das „Team Gerolsteiner“ nicht genügend Mineralwasser-Wortspiele gemacht zu haben: „Volle Pulle … kann keiner das Wasser reichen … volle Pulle … naß machen … spritzig … erfrischende Erfolge …“

Vielleicht aber hätte es sich gelohnt, den Artikel von jemandem schreiben zu lassen, der sich nicht nur mit Kalauern, sondern auch mit, sagen wir, Radsport auskennt. Denn anders als „Bild“ schreibt, hat Levi Leipheimer nicht die Kalifornien-Rundfahrt gewonnen, sondern nur die Bergwertung. Und anders als „Bild“ schreibt, war Leipheimer nicht „einer der wichtigsten Helfer bei den Tour-Siegen von Rad-Gigant Lance Armstrong“ — Leipheimer selbst sagt: „Ich habe nie zu seiner Gruppe gehört.“ Und fraglich ist auch, ob man von einem „Team aus jungen, spritzigen Nobodys“ sprechen kann, wenn dazu zum Beispiel Fabian Wegmann gehört, der unter anderem 2004 das Grüne Trikot beim Giro d’Italia gewonnen hat.

Vielen Dank an Pascal E. und radsport-forum.de, auch für die in Bezug auf „Bild“ rührend naive Aussage: „soviele Fehler in einem Artikel kann es doch gar nicht geben“.

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„Bild“ brachte alles ans Licht

Na, bravo. Wie gut die Idee ist, sich mit einem Brief an „Bild“ zu wenden, sei mal dahingestellt. Für „Bild“ immerhin lohnt sich die Sache, sie kann dann Sätze schreiben wie diese:

„Von Mitschülern gefesselt und gedemütigt! Klassenkameraden deckten in einem Brief an BILD alles auf“

Oder diesen:

„Erst ein Brief von Schulkameraden an BILD brachte alles ans Licht.“

Oder diesen:

„Seine Mutter erfuhr erst durch BILD von dem Vorfall“

Oder diesen:

„Die Mutter des Jungen erfuhr erst durch BILD davon.“

Und „Bild“ kann ausführlich aus dem „langen Brief, den ‚Eine Gruppe besorgter Schüler‘ an BILD schickte“, zitieren, kann ihn faksimilieren und abbilden (siehe Ausriss).

Was „Bild“ hingegen nicht kann, ist anonymisieren.

Zwar hat sich die Zeitung entschieden, den Namen des „Opfers“, wie die „besorgten Schüler“ ihren Mitschüler nennen, im Artikel zu ändern und in dem „Brief an BILD“ die Namen der „Täter“ zu schwärzen. (Und das ist gewiss schon deshalb eine gute Idee, weil „Bild“ jeglichen Beweis für die Anschuldigungen schuldig bleibt.)

Doch was, bitte schön, soll die ganze Anonymisiererei, wenn sich am unteren Rand des abgebildeten Briefs dann doch noch, deutlich lesbar, der vollständige Name von zumindest einem der Beschuldigten findet?

Mit Dank an bsm für Hinweis und Scan.

Befreiung vom Pranger

„Stern“-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges kommentiert die Kampagne von „Bild“ gegen Norbert Lammert:

Seit Jahresbeginn hat das Blatt eine immer schrillere, drückendere, mitunter verächtlich tönende Kampagne gegen „Luxus-Pensionen“ und „Schrumpf-Renten“, „Politiker- Lügen“ und „Renten-Lügner“ entfaltet — bis sich die Stimme überschlug, bis alle Instrumente gezeigt waren, bis Strafanzeige gegen die „Renten-Lügner“ erstattet und Lammert ins Fadenkreuz gerückt worden war. Aber weder schlugen andere Medien solche Töne an, noch ließ sich die Politik nachhaltig erschrecken.

(…) Nun zeichnet sich ab: Das Blatt, das in rot-grüner Ära mit einer einzigen lässigen Schlagzeile („Zwangsrente“) die Riester-Rente als Pflicht zu kippen vermochte, kann in Zeiten der Großen Koalition selbst unter Aufbietung aller Kräfte nicht mehr unmittelbar in die Politik eingreifen. Weil ihm der mächtige Partner in der Opposition fehlt, weil sich die öffentliche Debatte beruhigt hat, weil die Politik ihre Würde verteidigt und ihre Autonomie zurückerobert. Die „Bild“-Kampagne war eine Kampagne in eigener Sache, zur Behauptung publizistischer Macht. Ihr Scheitern, die Umkehrung früherer Verhältnisse fasst ein prominenter Konservativer trotzig in die Worte: „70 Millionen Deutsche lesen die ‚Bild‘-Zeitung nicht.“

(Nur kostenpflichtig online.)

Kurz korrigiert (94)

Manchmal könnte man meinen, so eine Star-Klatschreporterin wie Christiane Hoffmann*, die weiß es nicht nur, die ist sogar dabei. Dagegen spricht allerdings, dass sie ihrem Bericht über die Sat.1-Show „Jetzt geht’s um die Eier“ die Ortsmarke „Dortmund“ vorangestellt hat. Die Sendung kam aus Halle/Westfalen. Das ist, anders als man meinen könnte, eine richtige Stadt und nicht nur ein Kosename für die Westfalen-Halle.

Danke an Henrik W. für den Hinweis.

*) Nachtrag, 16.30 Uhr. Anders als es bei Bild.de scheint, hat heute Patricia Dreyer die Kolumne von Christiane Hoffmann geschrieben.

Nachtrag, 21.30 Uhr. Bild.de hat sich entschieden, das Wort „Dortmund“ zu streichen — sicherheitshalber ersatzlos.

Das läuft mit den Ausländern falsch

Die „Bild am Sonntag“ veröffentlicht heute folgenden Leserbrief:

Randalierende ausländische Schüler ohne Deutschkenntnisse und ohne Integrationswillen sollten mit den Eltern ausgewiesen werden, da die Eltern den ihnen erteilten Erziehungsauftrag laut Artikel 6 des Grundgesetzes nicht erfüllt haben.

Ein abwegiger Gedanke? Nicht wenn man in den letzten Tagen „Bild“ gelesen hat.

Die „Bild“-Zeitung glaubt nämlich, dass in den vergangenen Jahren in Deutschland nicht ehrlich genug darüber diskutiert wurde, was „mit den Ausländern falsch läuft“. Sie hat das in dieser Woche mal geändert und aufgeschrieben, was Ausländer für unser Land wirklich bedeuten:

(Repräsentative Ausrisse aus den „Bild“-Artikeln „Multi-Kulti ist gescheitert“, „Jeder 5. Tatverdächtige ist Ausländer“, „7 Wahrheiten über Ausländer-Politik“, „2010 so viele Ausländer wie junge Deutsche“, „Stoiber: Wer nicht Deutsch spricht, kommt auf die Sonderschule!“ und „Sie nennen deutsche Mädchen ‚Hurentöchter'“. Wir haben die positiven Begriffe nicht weggelassen, das hat „Bild“ getan. Der Gedanke, dass es Millionen Ausländer gibt, die „friedlich“ und „freundlich“ in Deutschland leben, fand sich immerhin in einem „Bild“-Kommentar am 1. April.)

Kurz korrigiert (93)

Ungefähr seit April 2004 hat wohl so ziemlich jedes halbwegs relevante Medium in diesem Land irgendwann mal darüber berichtet, dass Budweiser das offizielle Bier der Fußball-WM 2006 werden wird. Seit nunmehr zwei Tagen schon (unter dem Motto „32 WM-Teilnehmer: Darum sind die Fußball-Nationen eine Reise wert“) steht wohl deshalb im „Reise“-Ressort von Bild.de:

"Schließlich ist das tschechische Budweiser sogar Pflichtgetränk bei der WM."

Doch anders als Bild.de im Gegensatz zu wohl so ziemlich jedem halbwegs relevanten Medium in diesem Land behauptet, ist „Pflichtgetränk [sic] bei der WM“ eben nicht „das tschechische Budweiser„, sondern das US-amerikanische Budweiser.

Mit Dank an Hynek S. für den Hinweis.

Nachtrag, 9.4.2006: Bild.de hat den Satz mit dem „Pflichtgetränk“ ersatzlos gestrichen.

Ohne Gewähr (1)

In der Alterslotterie ermittelten die Ziehungsbeauftragen von „Bild“ und Bild.de in der 14. Kalenderwoche 2006 folgende Gewinnzahlen:

26, 78, 37, 3, Zusatzzahl 23

Alle Angaben sind ohne Gewähr — und falsch: Oliver Kahn ist nicht 26, sondern 36, Joachim Fuchsberger nicht 78, sondern 79, Halle Berry nicht 37, sondern 39, Holly ist nicht 3, sondern 2 Jahre alt und Reg Jones nicht 23, sondern (schätzungsweise)* 27.

*) Die Ermittlung der Zusatzzahl war für „Bild“ und Bild.de mit einigen Schwierigkeiten verbunden. In einem Text über Britney Spears‘ Jugendfreund Reg Jones hieß es zunächst, sie sei damals „süße 14, er 17“ Jahre alt gewesen. Das augenscheinliche Zeitdiskontinuum, das Spears (laut „Bild“ heute 24) und Jones (laut „Bild“ „heute 23“) demnach in den vergangenen zehn bzw. sechs Jahren hätten durchlaufen haben müssen, wurde von Bild.de übernommen, dort dann aber durch ersatzlose Streichung des Halbsatzes „er 17“ aus der Welt geräumt. Doch das war — unter uns — eine schlechte Idee. Jones selbst nämlich beziffert auf einer Internetseite sein eigenes Alter zwar offenbar mit „23“, die Seite selbst wurde aber am 28. September 2001 zuletzt modifiziert.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Nachtrag: Einer der Fehler wurde bereits ohne unser Zutun korrigiert. Statt Oliver Kahn zeigt Bild.de nun ein Foto von Jürgen Klinsmann (ohne Altersangabe).

„Bild“ behauptet, MeckPomm werde schwul

So stand’s am 27. März im Raum Mecklenburg-Vorpommern in der „Bild“-Zeitung. Und sollten Sie aus Mecklenburg-Vorpommern stammen, können wir Sie beruhigen: Sie werden dadurch nicht schwul. Der Greifswalder Wissenschaftler hat das auch nie behauptet.

Im Text wird als Beleg für die These dennoch Dr. Wolfgang Weiß angeführt, Privatdozent an der Universität Greifswald, der unter anderem Bevölkerungsstrukturen untersucht. Er war der erste, der feststellte, dass in den ostdeutschen Bundesländern vor allem junge und gut qualifizierte Menschen abwandern und dass darunter sehr viele Frauen sind. Dadurch ergibt sich, wie inzwischen auch andere Forscher bestätigt haben, ein Männerüberschuss.

Bei „Bild“ wollte man dem offensichtlich mal auf den Grund gehen und befragte Weiß. Der sagte während des Gesprächs das hier:

„Es gehört nicht viel Phantasie dazu, sich vorzustellen, wohin der männliche Testosteron-Überschuß in Zukunft führt.“

Und weil nicht viel Phantasie dazugehöre, schrieb „Bild“:

„Heißt im Klartext: Der akute Frauenmangel könnte die Männer — auf ihrer Suche nach Gefühl und Liebe — in die Homosexualität treiben.“

Als Beleg für die „Bild“-Behauptung zitiert das Blatt den Wissenschaftler noch ein zweites Mal:

„‚Sie [die Männer] isolieren sich. Dadurch verändert sich ihre Sprache. Gewaltbereitschaft und Brutalität steigen, da die Frauen, die oft als Schlichter fungieren, fehlen. Sie geben Anerkennung und Zufriedenheit. Ohne dies wachsen Wut und Frust. Und die werden dann höchst unterschiedlich kompensiert.'“

Weiß sagt uns jedoch, er habe etwas völlig anderes gemeint und gegenüber „Bild“ auch gesagt. Nämlich, dass die frustrierten Männer immer gewaltbereiter werden und dass es unter ihnen dadurch immer mehr Rechtsradikale gibt.

Und irgendwie muss auch „Bild“-Autor Mathias Saretz seinem eigenen „Klartext“ misstraut haben. Er beendet den Artikel (der ja, wir erinnern uns, mit „Meckpomm wird schwul“ überschrieben ist) mit einem dritten Weiß-Zitat. Es lautet:

„Das bedeutet allerdings nicht, daß automatisch jeder schwul wird. (…)“

PS: Weiß hat übrigens nach Erscheinen des Textes von „Bild“ eine Richtigstellung verlangt, die am 1. April in der Mecklenburg-Vorpommern-Ausgabe erscheinen sollte. Ob sie tatsächlich erschienen ist, kann Weiß nicht sagen. Er lese keine „Bild“. Wir schon, wissen es aber trotzdem nicht: Die MeckPomm-Redaktion von „Bild“ wollte uns den Abdruck einer Richtigstellung jedenfalls auf Anfrage nicht bestätigen.

Mit Dank an chriskoeln.de für Hinweis und Scan.

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