Symbolfoto XLVII

Ein 15-jähriges Mädchen ist brutal ermordet worden, der mutmaßliche Täter geständig, der Fall seit Monaten in den Schlagzeilen.

Am Donnerstag war Prozessauftakt. Die Eltern des Opfers saßen in einem Gerichtssaal in Hagen, und sie waren nicht allein. O-Ton „Westfalenpost“: „Vor Sitzungssaal 201 ist um 8.54 Uhr der Andrang bereits so groß, dass Reporter, interessierte Zuschauer und neugierige Gaffer vor der verschlossenen Saaltür einen bunten Pulk bilden. (…) Um 9.05 Uhr werden die Einlasskarten verteilt. Gedränge, Geschiebe, wie beim Sommerschlussverkauf. (…) Um 9.58 Uhr betritt das Gericht den Raum. Blitzlichtgewitter der Pressefotografen, TV Kameras surren, dann Abgang, raus.“

Und man muss sich das vorstellen: Inmitten dieses Blitzlichtgewitters und der surrenden TV-Kameras also, in einem Raum mit dem Oberstaatsanwalt, der gleich die Anklageschrift verlesen, und dem mutmaßlichen Mörder, der anschließend möglichst detailliert Auskunft über seine Tat geben sollte — die Eltern des Opfers. Klick!

Das ist schlimm, aber vielleicht ist es doch nicht das schlechteste Foto, weil es so eindringlich die Erschütterung zeigt, die ein solches Verbrechen auslöst:

Tiefe Trauer und Nervösität bei den Eltern von Nadine kurz vor Beginn der Gerichtsverhandlung

So steht es unter dem Foto in der „WAZ“. Und sogar in „Bild“, die vorgestern fast dasselbe Foto druckte, steht es ähnlich:

(…) die Eltern der toten Nadine sammeln Kraft für die schrecklichen Einzelheiten des Todes ihrer Tochter

Denjenigen aber, die bei „Bild“ tagtäglich aus den Geschichten „Bild“-Schlagzeilen machen, war das nicht genug: „kurz vor Beginn“? „sammeln Kraft für“? Geht’s nicht besser, schlimmer? Ja:

Es hat also einen Sinn, dass es ab Prozessbeginn nicht mehr gestattet war, zu fotografieren: „Bild“, so lehrt uns die kleine, fette Lüge in der Überschrift, hätte die Fotos zu gern gedruckt.

Mit Dank an Tim E. — auch für das „WAZ“.

Ein Symbolfoto weniger

Der Mann, der unlängst auf Bild.de mit seinem Foto als Beispiel für „alkoholisierte Fans des 1. FC Lok Leipzig“ herhalten musste, steht bekanntermaßen in keinerlei Zusammenhang mit den berichteten Vorgängen.

Eigentlich genauso wie der Mann, der unlängst auf Bild.de mit seinem Foto als Beispiel dafür herhalten musste, dass Patienten „manchmal wochenlang auf einen Termin beim Arzt warten“ müssen.* Der steht nämlich auch in keinerlei Zusammenhang mit den berichteten Vorgängen.

Der Unterschied:

Im zweiten Fall hat Bild.de das irreführende Symbolfoto entfernt und muss in einer „Richtigstellung“ erklären, dass der Mann in keinerlei Zusammenhang mit den berichteten Vorgängen steht.

Im ersten Fall indes bleibt Bild.de bei seiner (falschen) Darstellung.

*) Liebe BILDblog-Leser: Hat vielleicht noch irgendwer in seinem Cache den Bild.de-Artikel hinter diesem Link in der ursprünglichen Fassung?

Ronaldinhos Geliebte sieht aus wie eine Ente

Im Sommer 2006, wenige Tage nachdem eine Französin namens Alexandra Paressant dem britischen Boulevardblatt „The Sun“ intime Details über den brasilianischen Fußballspieler Ronaldinho erzählt hatte, sah die letzte Seite der „Bild“-Zeitung so aus:

Und man kann nicht einmal behaupten, dass „Bild“ damals keine Anstrengung unternommen hätte, sich von der eigenen Geschichte zu distanzieren:

(…) jetzt soll Brasiliens Superstar Ronaldinho (26) angeblich einen echten Traumtreffer gelandet haben. Das französische Top-Model Alexandra Paressant (…) behauptet steif und fest, daß der weltbeste Fußballspieler abseits des Rasens nur für SIE dribbelt. (…)
(Fettungen von uns.)

Allerdings: Damit SIE der „Bild“-Zeitung „jetzt zum 1. Mal“ erzähle, wie sie Ronaldinho kennengelernt habe, wurde „Ronaldinhos angebliche Geliebte“ von den „Bild“-Kollegen Cathrin Gilbert und Florian Scholz extra „aufgespürt“.

Aufgespürt, aha.

Wenige Tage später druckte die „Bild am Sonntag“ ein Interview von Gilbert & Scholz mit Paressant, illustriert mit einem der „Bild“-Fotos und einem unscharfen Foto, das zuvor bereits in der „Sun“ zu sehen war. Der Text klang ähnlich vertraut:

Weltfußballer Ronaldinho (26) dribbelt neben dem Platz nur noch für Sie [sic]: Alexandra Paressant (26). Das behauptet zumindest das Top-Model aus Frankreich.

Und wiederum kaum eine Woche später berichteten Gilbert & Scholz in „Bild“ erneut über Paressant — diesmal mit einem neuen Foto, das angeblich Ronaldinho „und Freundin Alexandra“ auf Marbella zeigte, tatsächlich aber etwas ganz anderes zeigte.

Danach dauerte es ein wenig, bis Gilbert & Scholz mit neuen Neuigkeiten aufwarten konnten, aber am 19. Juli war es soweit. Illustriert mit einem der aus „Bild“ bekannten Fotos hieß es nun:

Ronaldinho bekennt sich öffentlich zu seiner neuen Liebe, dem französischen Top-Model Alexandra Paressant (…).

Frech oder selbstvergessen, jedenfalls so, als hätte es die „Sun“-Enthüllungen nie gegeben, hieß es über Ronaldinhos „neue Liebe“ nun sogar:

BILD berichtete exklusiv.

Die Zeitschrift „Rund“ schreibt jedoch in ihrer März-Ausgabe (u.a. unter Berufung auf das französische Magazin „So Foot“):

"Alexandra Paressant war niemals die Geliebte von Ronaldinho – nicht einmal für eine Nacht."

Laut „Rund“-Magazin handelt es sich bei Paressant vielmehr um „eine Expertin der Medienmanipulation“ (oder gar „eine Verrückte“). Ihr sei es mit allerlei Tricks gelungen, „ein virtuelles Double“ ihrer selbst zu schaffen — und das so gut zu vermarkten, dass ihre vermeintliche Liebesgeschichte mit dem Fußballstar nicht nur in der „Sun“ und vielen, vielen anderen Medien nachzulesen war (und ist), sondern auch „exklusiv“ in „Bild“.

Die Fotos, mit denen „Bild“ und „BamS“ ihre Paressant-Geschichten immer wieder großzügig bebilderten (O-Ton „Bild“: „Wow!“), bekam „Bild“ übrigens offenbar von einer vermeintlichen Managerin des „Top-Models“ zur Verfügung gestellt („Bild“-Fotocredit: „privat“). Sie zeigen allerdings leider nicht die „Heckansicht“ und „schönsten Fankurven“ von Alexandra Paressant, sondern (irgend)ein Mannequin namens Alexandra Kabi.

Man findet sie leicht im Internet.

PS: Laut „Rund“-Magazin wollten sich weder die „Bild“-Autoren noch „Bild“ zu den Schwindel-Vorwürfen äußern. Bei Bild.de ist keiner der Paressant-Texte mehr zu finden.

6 vor 9

Das Ende der Bescheidwisser (+)
(zeit.de, Thomas Gross)
Die Allgegenwart von Musik hat die Popkritik in eine Krise gestürzt. Im Streit um »Spex«, einst das wichtigste deutsche Musikmagazin, zeigt sich die Sehnsucht nach alten Verbindlichkeiten. Doch der Kritiker als Stilpapst hat ausgedient.

ConnectedMarketing.tv | Folge 11: Robert Basic
(connectedmarketing.de, Martin Oetting, Video, 16:15 Minuten)
Bei der Aufschwung-Messe für Existenzgründer habe ich Über-Blogger und Content-Kanone Robert Basic interviewt. Eigentlich bemühe ich mich immer darum, meine Interviews nicht länger als 5 Minuten werden zu lassen… Aber wenn das Gespräch einfach läuft, dann muss man’s ja nicht unbedingt künstlich abbrechen.

Bloggen auf Papier
(blogpiloten.de, Thomas Gigold)
Wir haben über 50 Bücher zum Thema Blogging zusammen gestellt. Angefangen von allgemeinen Einführungen über wissenschaftliche Abhandlungen bis hin zu Blog-Einträgen zwischen zwei Buchdeckeln.

Die Zukunft liegt in der Vergangenheit
(floriansteglich.de)
Über die Zukunft des Journalismus wird viel gesprochen und geschrieben dieser Tage. Das Internet scheint die traditionellen Medien zu bedrohen – und wird darum schon mal als ?Seuche? oder ?Serienkiller? bezeichnet. In einem neuen Buch versuchen neun Wissenschaftler und Praktiker eine Momentaufnahme der Debatten und Visionen.

Proporz frisst Profil
(merkur.de, Rainer Braun)
Fakt“ u. Co. verlieren langsam, aber stetig Zuschauer. Der Versuch, auf Boulevardthemen anstatt auf investigativen Journalismus zu setzen, ist gescheitert.

Horst Schlämmer: Die Kreativen hinter dem Blog
(dwdl.de, Jochen Voß)
Das Weblog von Hape Kerkelings Kunstfigur Horst Schlämmer sorgt seit Wochen für Aufsehen und Unterhaltung. Doch wer steckt dahinter? Das Medienmagazin DWDL.de sprach mit Friedrich von Zitzewitz, der das Projekt als Executive Creative Director realisiert, über Idee und Umsetzung des Videoblogs.

„Bild“ verzichtet auf Fehler

Auf dem Flughafen Dortmund kam es kürzlich zu einem Unfall, bei dem ein Flughafenbus einen Treibstofftank rammte, woraufhin aus einem abgerissenen Anschlussrohr rund 100 Liter Diesel auf das Rollfeld flossen. Viele Medien in der Region berichteten darüber — auch „Bild“.

Und es ist erfreulich, dass „Bild“ (anders als die „WAZ“ in einer Fotounterzeile) darauf verzichtet hat, zu behaupten, der Bus sei „voll besetzt“ gewesen. Das hätte nämlich nicht gestimmt.

Unerfreulich hingegen ist, dass „Bild“ stattdessen lieber behauptet, der Bus sei in einen „Tankwagen“ geknallt, woraufhin „über 1000 Liter Diesel“ auf die „Startbahn“ geflossen seien.

Mit Dank an Steven K. für den Hinweis.

Kurz korrigiert (317)

Bei dem Arzneimittel-Hersteller Pfizer dürfte man wohl angesichts der Berichterstattung über ein neues Produkt auf Bild.de etwas hin- und hergerissen sein:

"

Einerseits nennt Bild.de das Pfizer-Präparat, das „im März da“ sein soll, immerhin schon in einer Ankündigung auf der Startseite und auch in der Artikel-Überschrift „Super-Pille“. Andererseits heißt die neue „Super-Pille“ aber gar nicht „Campix“, wie Bild.de wiederholt schreibt, sondern „Champix“, was man auch bei Bild.de schon einmal wusste.

Mit Dank an Daniel für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 18.26 Uhr: Der Arzneimittelexperte von Bild.de ist inzwischen tätig geworden und hat sogar die falsche Artikel-URL korrigiert.

6 vor 9

Rasante Entwicklung – Wachsende Angebote im Online-Bereich der Zeitungen
(ndr.de, Video, 5:57 Minuten)
Am Anfang herrschte Angst: Als sich das Internet zu einem eigenständigen Medium entwickelte, waren viele Zeitungen und Verlage ratlos. Wächst da eine Konkurrenz? Werden die Leser künftig auf ihre Zeitung verzichten, stattdessen nur noch im Internet surfen?
Inzwischen herrscht Panik – anders als früher sorgt man sich nun plötzlich, bei der rasanten Entwicklung nicht Schritt halten zu können.

Rampensau ohne Rampe
(sueddeutsche.de, Jana Hensel)
Vor zehn Jahren war er das größte Moderatorentalent im deutschen Fernsehen – heute produziert er Talkshows, die nach eigenem Bekunden „keine Sau sieht“: Was geschah mit Friedrich Küppersbusch?

Microsoft macht Google Earth zum Mauerblümchen
(welt.de, Lars Winckler)
Bislang galt der Google-Atlas als das Nonplusultra für Luft- und Satellitenbilder. Doch jetzt kontert Microsoft mit „Virtual Earth“. Dort sind deutsche Städte ab sofort in Postkartenqualität dargestellt. Google ist deklassiert.

Schwarze Flecken auf der Karte
(spiegel.de, Christian Stöcker und Matthias Kremp)
Seit Google Earth ist jeder Computer ein Überflieger. Jetzt bekommt die digitale Weltkugel Konkurrenz von Microsoft. SPIEGEL ONLINE hat „Virtual Earth“ getestet – und bizarre schwarze Löcher auf dem Globus gefunden.

„Die Deutschen sind locker geworden“
(tagesspiegel.de, Sonja Pohlmann)
Aber über die neue Schamlosigkeit kann sich Cordula Stratmann aufregen. Ein Gespräch über Humor.

Internet-Börsen
(sf.tv, Video, 11:27 Minuten)
Von der Espressomaschine bis zum Wohnhaus: Immer mehr Artikel werden über Internetbörsen gehandelt. Dabei machen professionelle Händler saftige Gewinne – mit raffinierten Tricks. Bereits leben Hunderte von Schweizern von solchen Verkäufen.

Vom Glück der Angela Bismarchi

Bild.de berichtet vom Karneval in Rio — genauer: über einen „Schlüpfer-Unfall“ der brasilianischen „Schönheitskönigin“ Angela Bismarchi, an der ihr Ehemann, der Schönheitschirurg Ox Bismarchi, rund 30 Schönheits-OPs durchgeführt haben soll.

Das alles berichtet Bild.de zwar nicht, schreibt aber unter ein Foto von Angela Bismarchi:

"Angela Bismarchi (re.) hat Glück: Ihr Mann Ox ist Arzt"

Um es jedoch mit BILDblog-Leser Sebastian zu sagen:

Ox hatte weniger Glück — er wurde am 2.12.2002 erschossen.
 
Nachtrag, 23.2.2007: Inzwischen hat Bild.de die Fotobeschriftung den Tatsachen, ähm, angepasst. Nun heißt es dort:

„Bild“-Leser müssen bis zu 6 Wochen warten

„Bild“ berichtet heute über eine „schockierende AOK-Studie“, nach der Kassenpatienten „bis zu 4 Wochen warten“ müssen. Im Text schreibt „Bild“:

(…) jetzt ist schwarz auf weiß bewiesen (…). Eine Studie des Wissenschaftsinstituts der AOK (WIdO) ergab jetzt: (…)
(Hervorhebung von uns)

Und mit „jetzt“ muss „Bild“ wohl Anfang Januar meinen. Denn bereits vor rund sechs Wochen wurden die Ergebnisse der Studie im „WIdO-Monitor“ [pdf] offiziell vorgestellt, worüber damals auch verschiedene Medien berichtet hatten (wie übrigens auch schon im November 2006, als viele Zahlen aus der Studie bereits in einer Pressemitteilung bekannt gegeben worden waren).

"Große AOK-Studie beweist: So lange lassen Ärzte Kassenpatienten warten!"Dass „Bild“ daraus heute sogar eine Titel-Schlagzeile macht (siehe Ausriss), könnte daran liegen, dass die Ergebnisse der Studie jetzt noch einmal (und erstmals in gedruckter Form) als „Beilage der Zeitschrift ‚Gesundheit und Gesellschaft'“ veröffentlicht wurden, wie man uns beim WIdO sagt.

Aber natürlich hat so eine verspätete „Bild“-Schlagzeile auch ihr Gutes. Zumindest für „Bild“. Denn so können auch verschiedene Nachrichtenagenturen das Thema (wieder)entdecken — und dazu beitragen, dass „Bild“ als meistzitierte Zeitung Deutschlands gilt.

Mit Dank an Bastian B. und Michael P. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 22.2.2007 (Mit herzlichem Dank an Stammleser Dirty Harry): „Bild“ hatte am 4.11.2006 doch schon einmal über die Ergebnisse der „WIdO“-Studie berichtet — sogar auf der Titelseite. Allerdings in einer kleinen 14-Zeilen-Meldung.

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