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„Franzi“ verbietet „Bild“ Paparazzi-Fotos

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann wird nicht müde, in Kommentaren und Gastbeiträgen zu behaupten, das sogenannte „Caroline-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte bedrohe die Pressefreiheit:

Ob einer trinkt, seine Frau schlägt, sie betrügt, ob er Wasser predigt und Wein säuft, ob also sein privates Verhalten seinen öffentlichen Verlautbarungen entspricht — all dies läßt sich fotografisch kaum noch dokumentieren.

Das ist gelinde gesagt umstritten. Was das „Caroline-Urteil“ aber zweifellos untersagt, verschweigt Diekmann: die Veröffentlichung von irrelevanten, heimlich gemachten Fotos aus dem Privatleben von Prominenten. Er verschweigt es aus gutem Grund. „Bild“ hält sich nicht an das Verbot.

Am 18. Juni zeigte „Bild“ Paparazzi-Aufnahmen von Franziska van Almsick im Urlaub mit ihrem angeblichen neuen Freund. Und während Diekmann so tut, als könnte seine Zeitung wegen des Caroline-Urteils kriminelle Machenschaften und bigottes Handeln nicht mehr dokumentieren, dokumentiert er das völlig unspektakuläre Privatleben einer ehemaligen Leistungssportlerin – gegen ihren ausdrücklichen Willen, womit der „Bild“-Artikel sogar kokettiert:

„Über mein Privatleben sag’ ich nichts mehr.“ (Franziska van Almsick)

Mußt du auch nicht, Franzi. Wir haben ja Augen im Kopf.

Nach Angaben der kommerziellen Dementi-Plattform „fairpress“ hat das Berliner Landgericht „Bild“ nun per einstweiliger Verfügung untersagt, den privaten Alltag van Almsicks zu zeigen. Im Gegensatz zu „Bild“ hätten Zeitschriften wie „Bunte“, „BZ“, „Gala“ und „Frau im Spiegel“ nach Aufforderung freiwillig erklärt, solche Fotos nicht mehr zu zeigen. „Bild“ habe erst vom Gericht dazu gezwungen müssen.

Eiskalt erwischt (Symbolfoto XI)

„Bild“ schafft es doch immer wieder, uns zu verblüffen. Zum Beispiel mit einer Geschichte wie dieser hier:

Unser Erstaunen hat verschiedene Gründe.

Grund 1: Der „Bild“-Text beginnt folgendermaßen:

Dino-Forscher sind verblüfft, aber die Beweise sind eindeutig: Dinosaurier beherrschten einst auch die Arktis.

Nur ist es ganz und gar unwahrscheinlich, dass „Dino-Forscher“ ob der gefundenen Beweise „verblüfft“ waren. Schließlich wissen sie schon seit mindestens 20 Jahren, dass es in der Arktis Dinosaurier gab, wie sich beispielsweise hier nachlesen lässt. Aber nicht nur dort. In dem Artikel in „Spektrum der Wissenschaft“, auf den „Bild“ sich bezieht (und der leider nur gegen Bezahlung online zu lesen ist), heißt es nämlich:

Erst seit zwanzig Jahren wissen Paläontologen, dass Dinosaurier auch im Norden Alaskas beheimatet waren.

Grund 2: „Bild“ nennt die gefundenen Dinosaurier „Eis-Dinos“. Und in der Bildunterzeile steht dies:

„Eis-Dino“: Dieser monströse Albertosaurus jagte vor 75 Millionen Jahren bei eisigen Temperaturen

Auch das ist ganz und gar unwahrscheinlich. Tatsächlich lag die Jahresdurchschnittstemperatur vor 75 Millionen Jahren in Nordalaska zwischen zwei bis drei und dreizehn Grad Celsius. Das lässt sich ebenfalls hier nachlesen, oder aber in „Spektrum der Wissenschaft“:

Welches Klima herrschte in Alaska überhaupt vor 75 oder 70 Millionen Jahren? Allgemein war die Welt damals wärmer. (…) In Nordalaska wuchs ein Nadelmischwald mit sommergrünen Nadelhölzern und einem Unterwuchs von Blütenpflanzen, Farnen und Palmfarnen. Heutige Nadelwälder gedeihen (…) bei einer Jahresdurchschnittstemperatur zwischen drei und dreizehn Grad Celsius. In Nordalaska dürften demnach in der Kreidezeit etwa diese mittleren Temperaturen geherrscht haben.

Und, ohne allzu sehr ins Detail gehen zu wollen: Die Theorien dazu, wie die dort lebenden Dinosaurier den Winter überstanden (in dem die Temperaturen durchaus mal unter Null Grad fallen konnten), laufen darauf hinaus, dass sie entweder eine Art Winterschlaf machten, oder aber nach Süden wanderten. Kurz gesagt: Die „Dino-Forscher“ sind sich ziemlich sicher, dass kein Dino bei „eisigen Temperaturen“ jagte.

Grund 3: Richtig erstaunt waren wir aber, als wir das Bild sahen, mit dem „Spektrum der Wissenschaft“ die Geschichte illustriert, auf die „Bild“ sich bezieht. Es stammt von Karen Carr und sieht im Original so aus:

Das ist ja nun unverkennbar derselbe Dinosaurier, den auch „Bild“ (mit dem Hinweis „Illustration, Foto: Karen Carr/Scientific, Corbis) zeigt — nur, dass er sich in einer völlig anderen Umgebung aufzuhalten scheint.

In Anbetracht der Tatsache also, dass es sich hier um eine poplige vergleichsweise unwichtige Geschichte über Dinosaurierfunde handelt, die in erster Linie für Paläontologen interessant sein dürfte, sind wir in der Tat sehr verblüfft.

Mit Dank an Kai B. für die Anregung.

Neuer Schleichweg

Ende März hat der Verbraucherzentrale Bundesverband Bild.de wegen unzulässiger Schleichwerbung verklagt. In einer Pressemitteilung hieß es:

Der Verbraucherzentrale Bundesverband hatte BILD.de zunächst aufgefordert, die beanstandete Werbung zu unterlassen. Nachdem das Unternehmen dazu nicht bereit war, reichte der Verband Klage beim Landgericht Berlin ein.

Nach Bekanntwerden der Klage wuchs mit einem Mal die Bereitschaft bei Bild.de, Anzeigen, die aussehen wie redaktionelle Beiträge, auch als „Anzeige“ zu kennzeichnen. Jedenfalls öfter als vorher. Das ändert nichts daran, dass die Klage des Verbraucherzentrale Bundesverband am 26. Juli vor dem Berliner Landgericht verhandelt wird…

…und scheint Bild.de nicht weiter zu stören. Mit der Ankündigung „Gratis Rechts-Info: Führerschein weg! Was muß ich wissen?“ (siehe Ausriss) werden Nutzer derzeit von der Startseite auf eine Seite im Ressort „Geld & Leben“ gelockt, auf der tatsächlich eine „kostenlose Info-Broschüre“ heruntergeladen werden kann.

Wer weiter scrollt, erfährt aber schnell, worum es „Bild“ eigentlich geht: die Empfehlung des Partners „Janolaw“, einer Online-Rechtsberatung, deren Dienste dann nicht mehr kostenlos sind.

Für den Verbraucherzentrale Bundesverband ist diese „Kostenlos“-Masche ebenfalls ein Verstoß gegen den Trennungsgrundsatz von Redaktion und Werbung. Der Verweis auf die kostenlose Infobroschüre diene lediglich dazu, die Dienste des Bild.de-Partners zu verkaufen, glaubt Pressesprecher Carel Mohn.

Mit Dank an Ulrich P. für die Aufmerksamkeit.

Nachtrag, 1.7.: Inzwischen hat Bild.de sowohl den Teaser als auch den Beitrag mit dem Hinweis „Anzeige“ gekennzeichnet.

Pietätvoll

Heute Heute Heute Heute Heute Heute Heute? Am heutigen Mittwoch jedenfalls zeigt „Bild“ das Foto vom Grab einer 2003 verstorbenen (und von „Bild“ pietätvoll als „Gertrud Z.“ anonymisierten) Frau, deren Leichnam jetzt offenbar von der Polizei exhumiert und obduziert werden muss, weil „Gertrud Z.“ möglicherweise einem Mord zum Opfer fiel. Das „Bild“-Foto von Grab und Grabstein sieht so aus:

Ach ja: Der schwarze Balken überm Familiennamen von „Gertrud Z.“ stammt nicht von „Bild“, sondern wurde von uns nachträglich hinzugefügt.

Mit Dank an Marian S. für Hinweis und Scan.

Nachtrag, 25.9.2005:
Den Ort, an dem sich das Grab befindet, haben wir nachträglich ebenfalls mit einem schwarzen Balken unkenntlich gemacht.

neu  

PR für Scientology (II)

Heute ist der letzte Teil einer „Bild“-Serie von Norbert Körzdörfer über Tom Cruise erschienen. Mit grenzenloser Bewunderung hat der „Bild“-Reporter drei Tage nacheinander jeweils ganzseitig vor allem immer wieder eines beschrieben: Wie der Schauspieler es geschafft hat, „von ganz unten nach ganz oben“ zu kommen.

An einer Stelle lässt Körzdörfer Cruise erklären, was seinem Leben die entscheidende Wendung gegeben hat:

„Erst ein Lerntechnik-Buch von Ron Hubbard († 1986, Gründer von ‘Scientology’, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird) hat aus mir einen neuen Menschen gemacht! Sonst wäre ich nicht das, was ich heute bin… Alle fragen: ‘Wie hast du das geschafft?’ So! Lernen, lernen, lernen! Soll ich lügen?“

Es gibt in den vielen Hundert Zeilen der Serie keine einzige Stelle, an der Körzdörfer den Hauch eines Zweifels erkennen lässt an dem Weg, den Tom Cruise gegangen ist, keine Nachfrage, keine Distanz. Im Gegenteil. Bevor Körzdörfer sich von Cruise verabschiedet („Wir umarmen uns. Wir lassen uns los. Wir gehen unsere Wege“), urteilt er:

Tom steht zu dem Weg, den er gegangen ist. Er lügt nicht. Er verbirgt nichts.

Körzdörfers Bewunderung beschränkt sich nicht auf den Hollywood-Star Cruise, sie bezieht sich auf den ganzen Menschen, den er als in jeder Hinsicht bewundernswert beschreibt. Wer alle Teile der Serie liest, muss zu dem Schluss kommen, dass das Erfolgsgeheimnis von Cruise Scientology ist. Nur an zwei Stellen erwähnt Körzdörfer den Namen dieser Organisation — beide Male im denkbar positivsten Zusammenhang. Der eine Satz ist der oben zitierte. Darin bleibt die Beobachtung durch den Verfassungsschutz nicht nur unerklärt; der Hinweis darauf wird auch so versteckt, dass er die Botschaft kaum verstellt: „[Die Scientology-Methode] … hat aus mir einen neuen Menschen gemacht“. Der zweite Satz lautet so:

Er kämpft als Vater, Star – und „Scientologe“ – gegen Psychopillen für Schüler, gegen Drogen, gegen Kriminalität!

Scientologen, so vermittelt Körzdörfer in „Bild“, werden aus unerfindlichen Gründen vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet, dabei machen sie aus erfolglosen Menschen erfolgreiche Menschen und kämpfen gegen das Böse in der Welt.

Wenn Scientology für viel Geld einen Artikel in Auftrag gegeben hätte, der das Wirken und Wesen der Organisation in einem grenzenlos positiven Licht zeigen soll — er hätte nicht besser ausfallen können als diese „Bild“-Serie.

Cruise selbst mischt konsequent Werbung für seinen neuen Film mit Werbung für Scientology. Laut „Berliner Zeitung“ bestand er beim Dreh darauf, ein Scientology-Info-Zelt aufstellen zu lassen; „beinah alle Journalisten, die ein Interview mit ihm führen wollten, [mussten] erst eine vierstündige Besichtigungstour durchs Scientology-Quartier bewältigen.“ Während der Europapremiere in Berlin wurde „auf der anderen Straßenseite derweil an einem Stand Werbung für Schriften des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard gemacht“, schreibt die „Berliner Morgenpost“. Welche Bedeutung die Organisation für sein Leben hat, geht auch aus einem erstaunlichen Interview im aktuellen „Focus“ hervor.

Am Montag, als der erste Teil der Serie mit einer fast werblichen Beschreibung der Arbeit der umstrittenen Scientology-Organisation „Narconon“ erschien, haben wir „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich telefonisch und in zwei E-Mails um eine Stellungnahme gebeten. Wir schilderten den Fall und stellten folgende Fragen:

  • Warum wirbt „Bild“ für Scientology?
  • Warum verschweigt „Bild“ die Gefahren von Narconon?
  • Hält „Bild“ Scientology für eine unbedenkliche Organisation?
  • Hält „Bild“ Narconon für ein unbedenkliches Verfahren?
  • Was antwortet „Bild“ dem naheliegenden Vorwurf, sich für einen „Exklusiv“-Besuch bei Tom Cruise für Scientology-PR missbrauchen zu lassen?

„Bild“ hat darauf nicht geanwortet.

neu  

„Bild“ rühmt Scientology-Organisation

Eigentlich sollte der Name „Scientology“ bekannt genug sein, um jeden Journalisten zu warnen. Um ihn dazu zu bringen, ein bisschen zu recherchieren, bevor er sich auf ein „exklusives“ Interview mit einem bekennenden Scientology-Mitglied einlässt. Damit er nicht durch Unbedarftheit Teil der PR-Maschine einer Organisation wird, die laut Verfassungsschutz ein „gut funktionierendes Unternehmen“ ist, „das vor allem das rücksichtslose Gewinnstreben zur Handlungsmaxime erklärt hat und auch danach verfährt“ und dessen Praktiken nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes 1995 als „menschenverachtend“ und für Betroffene „gesundheitsgefährdend“ zu werten sind.

„Bild“-Reporter Norbert Körzdörfer hätte vor seinem Besuch bei Tom Cruise nicht viel im Internet recherchieren müssen, um das herauszufinden. Er hätte auch in irgendeinem Archiv nachlesen können, was von der Organisation „Narconon“ zu halten ist, deren Center in Oklahoma er mit Cruise besuchte — Körzdörfer nennt es treuherzig ein „Drogen-Rehabilitationszentrum“.

Der „Spiegel“ berichtete 1991:

Die geschäftstüchtige Scientology-Sekte verdient zunehmend am Elend von Süchtigen. Der Tarnverein Narconon bietet eine Therapie an, die nach Ansicht von Suchtexperten und Fachärzten nicht nur nutzlos, sondern auch gesundheitsschädlich ist. Ehemalige Narconon-Patienten sprechen von folterähnlichen Ritualen. (…)

Mit untauglichen Methoden versuchen sich Anhänger der weltweiten Psycho-Sekte Scientology (…) im Rauschmittel-Entzug. Das Ergebnis ist meist nur neue Abhängigkeit: Statt Koks oder Heroin verabreicht Narconon die Seelen-Droge Scientology.

Die „FAZ“ zitierte 1997 den Bayerischen Innenminister Günther Beckstein:

(…) die [Scientology-]Unterorganisation „Narconon“ behaupte, jungen Rauschgiftabhängigen helfen zu können. In Wirklichkeit gehe es darum, die Eltern auszubeuten, sie und ihre Kinder aber einfach fallenzulassen, wenn kein Geld mehr da sei.

Die „Welt“, eine Schwesterzeitung von „Bild“, schrieb 2002, dass der Berliner Drogenbeauftragte bereits 1978 „eindringlich vor Narconon“ gewarnt habe:

So bestehe unter anderem die „Gefahr einer irrationalen Anpassung an die hausinterne Hierarchie“ des Programms.

Und als der „Spiegel“ am 25. April 2005 ein Interview mit Tom Cruise führte (englische Version), kam es zu folgendem Wortwechsel:

Cruise: Ich bin ein Helfer. Ich selbst habe zum Beispiel Hunderten Leuten geholfen, von Drogen loszukommen. Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen-Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon.

SPIEGEL: Das stimmt nicht. Unter den anerkannten Entzugsverfahren taucht Ihres nirgends auf; unabhängige Mediziner warnen davor, weil es auf Pseudowissenschaft beruhe.

Cruise: Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt.

SPIEGEL: Bei allem Respekt: Wir bezweifeln das, Mr. Cruise.

Nun aber durfte „Bild“-Reporter Norbert Körzdörfer Tom Cruise besuchen — „exklusiv. Live. In Amerika.“ Schon vor zwei Wochen ließ er sich glücklich mit Cruise fotografieren (siehe Ausrisse) und schwärmte außerordentlich vom Treffen mit dem „begehrtesten Mann des Planeten“, dem „Star der Stars, Hollywoods Nr. 1″, einer „Ikone der Jetzt-Zeit“, „mit einer Aura emotionaler Intelligenz“. Jetzt nennt Körzdörfer Cruise u.a. „Ein Mann! Eine Ikone!“, „Hollywoods Mega-Star Nr. 1″, „Mega-Weltstar Nr. 1″, „Mehr Mensch als Star“, „den ‘5-Milliarden-Dollar-Mann’ (Einspielergebnisse)“:

Er kämpft als Vater, Star – und „Scientologe“ – gegen Psychopillen für Schüler, gegen Drogen, gegen Kriminalität!

Nur in einer Klammer schreibt Körzdörfer, dass Scientology „in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet“ wird — erklärt aber nicht einmal im Ansatz, warum das so ist und was Scientology überhaupt ist. Dann zitiert Körzdörfer Cruise mit den Worten: „Ich will das Richtige tun. Ich will helfen! Komm mit!“ Der Artikel geht wie folgt weiter:

Tom schlüpft in seine beige „Belstaff“-Lederjacke. Ein Jeep bringt uns zum „Narconon“-Center (Drogen-Rehabilitationszentrum).

Tom führt mich. Tom zeigt die Krankenzimmer. Die Helfer. Und die traurigen Augen der Patienten, die freiwillig gekommen sind, um aus ihrer eigenen Drogenhölle auszubrechen.

Diese Augen lächeln, wenn sie Tom Cruise sehen: „80 Prozent dieser Menschen schaffen es, die Drogen zu besiegen… “

Tom schreitet wie ein Cowboy durch diese Gänge der schmerzenden Hoffnung. Seine Körpersprache atmet Demut. Er lauscht. Ernst. Er preßt seine Lippen zusammen. Er nickt. Er ballt die Faust: „Ihr schafft das!“ Seine Augen lächeln zurück.

Tom ist kein Gott. Er ist verdammt menschlich. Er ist der Action-Star seines eigenen Lebens – live: „Es gibt so viel Leid! Ich muß helfen. Wenn ich am Ende des Tages meine Kinder sehe, will ich etwas Gutes getan haben…“

Man könnte nun staunen über die Naivität des „Bild“-Reporters, wenn da nicht ein Wort in diesem Text wäre, das darauf hindeuten könnte, dass er die Vorwürfe gegen „Narconon“ sehr wohl kennt. Es ist das scheinbar überflüssige Wort „freiwillig“ in dem Satz: „Und die traurigen Augen der Patienten, die freiwillig gekommen sind, um aus ihrer eigenen Drogenhölle auszubrechen.“ Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Körzdörfer nicht versehentlich, sondern wissentlich Werbung für Scientology macht.

Wir haben die „Bild“-Zeitung heute gegen 14 Uhr um eine Stellungnahme gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten. Weiterführende kritische Auseinandersetzungen mit „Narconon“ finden sich hier, hier, hier und hier. Danke an Jan T. und andere Hinweisgeber.

Nachtrag 28. Juni. Übrigens hatte auch Christiane F. („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) Narconon-Erfahrungen.

Alle Hervorhebungen in den Zitaten von uns.

Deutschlands dümmste…

Heute steht in verschiedenen „Bild“-Ausgaben ein Artikel der folgendermaßen überschrieben ist:

Und tatsächlich wurde die 8e der Oppenheim-Oberschule in Berlin Charlottenburg aufgelöst, weil von 22 Schülern 15 sitzen blieben. Von einem dieser Schüler zeigt „Bild“ ein Foto, auf dem der Junge mehr oder weniger unkenntlich gemacht wurde. „Bild“ nennt ihn „Ronny“ mit dem Hinweis, dass der „Name geändert“ wurde. Das ist ja auch nett. Wenn man nur Sechsen im Zeugnis hat, will man schließlich nicht auch noch seinen Namen in der Zeitung lesen.

Dumm nur, dass man bei „Bild“ dafür gesorgt hat, dass „Ronny“ sein Zeugnis geradewegs in die Kamera hält. Und oben auf diesem Zeugnis steht gut lesbar „Ronnys“ echter vollständiger Name. (Etwas besser ist das übrigens in der „Bild“ Berlin/Brandenburg gelöst. Dort wurde der volle Name auf dem Zeugnis geschwärzt, und der echte Vorname steht im Text.)

Nun wird die „Bild“-Berichterstattung über „Ronny“ zwar wahrscheinlich (oder: hoffentlich) keine unangenehmen Folgen für ihn haben. Aber „Bild“ verfährt auch in anderen Fällen so schlampig. Am 16. Juni beispielsweise, stand dieser Artikel über eine angebliche „Behörden-Schande“ in „Bild“. Dazu druckte das Blatt „das herzlose Schreiben der Arbeitsagentur“ ab. Darauf wurde zwar der Name der Empfängerin unleserlich gemacht — der Nachnamen des Sachbearbeiters oder der Sachbearbeiterin allerdings, der ließ sich mit wenig Mühe entziffern. Übrigens samt Telefon- und Faxnummer der zuständigen Behörde. Und das ist nun wirklich dumm.

Mit Dank an Alain K. und auch für den Scan an Stefan L.

Verwirrte „Tier Bild“-Freunde

Möglich, dass „Bild“ auf der Seite eins bloß ein bisschen Werbung für die bei Axel Springer erscheinende „Tier Bild“ machen wollte — und dabei sind dann einige Fakten etwas durcheinander geraten. Jedenfalls heißt es dort:

Das klingt zunächst ganz nachvollziehbar, Hundebesitzer aus Berlin zum Beispiel kennen das. Auch dort gilt ein ziemlich weitgehender Leinenzwang. Und im Text in „Bild“ steht:

Das Gesetz (gilt bereits in Berlin und Halle) soll heute beschlossen werden.

Und das stimmt leider ebensowenig wie die Überschrift. Tatsächlich gilt in Hamburg nämlich derzeit schon ein Leinenzwang, der dem in Berlin geltenden sehr ähnlich ist (das lässt sich beispielsweise hier und hier nachlesen).

Deshalb verwirrt die Überschrift, die man bei Bild.de für die Werbung den fast wortgleichen Artikel (nur der Hinweis auf Halle und Berlin fehlt) gewählt hat noch mehr:

In Hamburg — Erste deutsche Stadt mit Leinenzwang für Hunde

Das ist natürlich auch Unsinn, wie wir ja schon wissen.

Tatsächlich geht es um folgendes: Die Hamburger Bürgerschaft wird heute beschließen, dass eine neue Hundeverordnung ausgearbeitet werden soll, die einen generellen Leinenzwang für Hunde vorsieht. Das bedeutet, dass alle Hunde überall an der Leine zu führen sind. Nur wer einen sogenannten „Hundeführerschein“ macht, kann sich vom generellen Leinenzwang befreien lassen. Und wenn ein solches Gesetz tatsächlich wie geplant im Herbst verabschiedet wird, dann wäre Hamburg zwar immer noch nicht die „erste deutsche Stadt“ mit generellem Leinezwang möglicherweise aber die erste deutsche Großstadt.

Vielleicht ist es ja auch kein Wunder, dass sowohl „Bild“ als auch Bild-Online hier etwas durcheinander geraten sind. Die „Tier Bild“, auf die „Bild“ und Bild.de so freundlich hinweisen, schreibt zwar was von einem „generellen Leinenzwang“, erklärt aber nicht, was das bedeutet .

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Stefan R.

Wo Menschenverachtung beginnt

Anfang Mai, als der Prozess gegen Marc Hoffmann begann, brauchte „Bild“ nicht viele Worte, um den des Mordes und der Vergewaltigung Angeklagten so zu charakterisieren, wie sie es für richtig hielt. Es gab da eine große Überschrift, die keinen Platz für Zweifel ließ:

In einem kleinen Text gab „Bild“-Reporter René Ebensen außerdem Auskunft darüber, wie er den Mörder gesehen habe. Sein Fazit:

Er ist eine Bestie.

So einfach ist das in der Weltsicht von „Bild“, die ja schon viel früher ihr Urteil über Marc H. gefällt hatte.

Dass es vielleicht doch etwas komplizierter ist, kann man in einem ausführlichen Prozessbericht der „Süddeutschen Zeitung“ von gestern nachlesen. Am Ende des Artikels heißt es, dass das „Übermaß an Trauer“ der Hinterbliebenen wohl „keinen Raum lässt für Hass“. Und weiter:

Aber dafür gibt es ja „Bild“, das zentrale deutsche Hassorgan. „Da sitzt die fette Bestie“, steht über dem ersten Prozessbericht, und Reporter René E. schildert uns, wie Marc H. („aufgedunsen, fettige Haare, Pickel im Gesicht“) ihm einmal „direkt in die Augen“ schaut und wie ihm „ein kalter Schauer über den Rücken läuft“. Offensichtlich verblüfft registriert der Reporter: „Marc H. atmet und schwitzt wie ein Mensch“ (wo er doch in Wirklichkeit eine Bestie ist).

Die Folgen zwei und drei der Bild-Berichterstattung sind überschrieben: „Sie überführte die fette Bestie“ (über Vera S., die der Polizei den entscheidenden Hinweis auf Marc Hoffmann gab) und „Warum schützt der Richter die fette Bestie?“ (weil das Gericht während der Vernehmung des Sachverständigen Leygraf die Öffentlichkeit teilweise ausschloss).

Wahr ist, dass die Taten Marc Hoffmanns von erschreckender Gefühlskälte und Menschenverachtung zeugen. Aber Menschenverachtung beginnt nicht erst, wenn einer Kinder umbringt. Sie beginnt dort, wo einem das Menschsein aberkannt wird. Und wenn es ein Mörder ist.

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