„Bild“ und der Phantom-Stein

"Nach 58 Jahren Ehe: Opa Horst (83) erschlägt Oma Erna (83) mit Stein"

Wir haben uns ehrlich bemüht. Wir haben den Text, der unter der obigen „Bild“-Schlagzeile steht, mehrfach aufs Genaueste studiert. Wort für Wort haben wir ihn überprüft. Wir haben gelesen, dass „Opa Horst“ seiner Frau mit einem „Zweikilo-Gewicht von der Waage“ auf den Kopf und „mit der Faust ins Gesicht“ geschlagen habe. Dass er ihr „den Hals durchgeschnitten“ habe, kommt sogar zwei Mal im Text vor. Aber den „Stein“ aus der großen Überschrift (und dem Teaser bei Bild.de) konnten wir beim besten Willen nicht wiederfinden.

Mit Dank an Michael L. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 13.38 Uhr: Dank eines Lesers haben wir den Stein jetzt gefunden. Allerdings nicht bei „Bild“, sondern in einer Pressemitteilung des Landgerichts Verden. Und erschlagen wurde „Oma Erna“ damit nicht.

6 vor 9

Auf YouTube ist Rache süss
(blick.ch, Peter Padrutt und Simone Matthieu)
Lehrer werden zu Affen gemacht. Die Ex zur Schlampe degradiert. Und Kollegen an den Pranger gestellt. YouTube machts möglich. Vor allem für Junge.

Elementarteilchen
(brandeins.de, Wolf Lotter)
Wo sich alles schnell verändert, scheint alles unscharf zu sein.
Das liegt am Auge des Betrachters. Wer sich nicht mitbewegt, sieht schlecht. Ganz besonders im World Wide Web.

Oft bloss nachgeplappert (+)
(nzz.ch, ras.)
Medienberichte sind oft wesentlich geprägt durch das, was die Öffentlichkeitsarbeiter vorgekaut haben. Eine neue Studie veranschaulicht dies am Beispiel der Informationsarbeit zweier kantonaler Verwaltungen. Schlecht weg kommen vor allem die lokalen Radios und Fernsehen.

»Ich zeige Prominente in ihrem natürlichen Lebensraum«
(sz-magazin.sueddeutsche.de, Gerald Selch)
Ron Galella war einer der ersten Paparazzi. Seine Opfer: Stars wie Mick Jagger, David Bowie und Grace Jones.

Der Unvergleichliche
(zeit.de, Johannes Voswinkel)
Russlands Präsident Putin bittet zum öffentlichen Gespräch. Die Presse kommt und buckelt.

Flaggschiff soll Luxusjacht werden
(fr-online.de, Sebastian Moll)
Massenentlassungen, neue Strukturen, anderer Erscheinungstag: Das US-Magazin „Time“ steckt in der Krise.

Allgemein  

Jennifer Anistons Nasendialektik

Die Welt ist verwirrend.

Aber es stimmt: Jennifer Aniston wehrt sich gegen das Gerücht, sie habe eine Schönheits-OP vornehmen lassen, gibt aber zu, dass sie sich aus medizinischen Gründen die Nasenscheidewand richten ließ.

Also, diesmal alles richtig gemacht, Bild.de. Quasi.

Danke an Jens S.!

Allgemein  

„Bild“ schürt Krebs-Angst

Die große Schlagzeile auf der heutigen „Bild“-Titelseite ist wohl gar nicht mal falsch. Wahrscheinlich beschreibt sie sogar ziemlich gut, was sie selbst auslöst:

"Krebs-Angst -- So stark strahlt ihr Handy"

„Bild“ beruft sich auf eine jüngst veröffentlichte Studie, über deren Ergebnisse die „Süddeutsche Zeitung“ bereits gestern auf der Titelseite unter der falschen Überschrift „Handys können Krebs auslösen“ berichtet hatte. Ähnlich berichtet heute auch „Bild“ und schreibt auf Seite 1:

Also doch — Handys können bei Viel-Telefonierern Gehirntumore auslösen!

Direkt im Anschluss nennt „Bild“ diese zunächst so eindeutige Aussage zwar einen „Verdacht“, der sich aus der Studie ergebe, doch schon das ist übertrieben. Die Autoren der Studie selbst schreiben nämlich:

We found no evidence of increased risk of glioma related to regular mobile phone use.

(Wir haben keinen Beweis für ein erhöhtes Gliom-Risiko bezogen auf regelmäßigen Mobiltelefongebrauch gefunden.)

Und gegenüber der Nachrichtenagentur dpa fasste einer der Autoren der Studie ihre Grundaussage so zusammen:

„Insgesamt wurde keine (Risiko-)Erhöhung gefunden, aber die Möglichkeit eines Zusammenhangs zwischen (Handy-)Langzeitgebrauch und dem Tumorrisiko auf der Seite, wo das Telefon gehalten wird, rechtfertigt eine weitere Untersuchung.“

Der „Bild“-Text auf Seite 15 zum Thema wird diesem Ergebnis (anders als die Aufmachung und der Text auf der Titelseite) sogar einigermaßen gerecht.

Völlig ungerechtfertigt ist allerdings die alarmierende und gleich drei Mal aufgestellte Behauptung von „Bild“, das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) habe „sofort“ eine „Sondersitzung“ einberufen, „als die Ergebnisse der Studie gestern vorlagen“. Sie ist nämlich schlicht falsch. Zwar hat das BfS als Reaktion auf die irreführende Berichterstattung der „SZ“ gestern eine Pressemitteilung herausgegeben („Studie bestätigt Vorsorgegedanken des BfS“), zu der vermeintlich einberufenen Sondersitzung sagt man uns jedoch beim BfS:

Das ist falsch. Wir haben keine Sondersitzung einberufen.

 
P.S.: Der „Bild“-Kommentar beschäftigt sich heute übrigens auch mit dem Thema und fordert „Aufklärung statt Panikmache“. Aber dabei muss es sich wohl um eine Einzelmeinung innerhalb der „Bild“-Redaktion handeln — oder die Berichterstattung in derselben Ausgabe gilt bei „Bild“ als „Aufklärung“.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber.

Mars jetzt mit neuer Füllung

Hartwig Hausdorf ist in der „Bild“-Zeitung ein gern gesehener Gast. Sie nennt ihn abwechselnd „China-Forscher“, „Buchautor“, „Phänomenforscher“, „Ufologe“, „Alien-Wissenschaftler“ und „Deutschlands seriösesten Archäo-UFO-Forscher“ — gerne aber auch schlicht: „der deutsche Schriftsteller und Privatgelehrte“. Was Hausdorf zu erzählen hat, ist aber auch nie langweilig. In den vergangenen Jahren berichtete er der staunenden „Bild“-Leserschaft unter anderem:

  • von einem kleinwüchsiges Volk in China: „Die Zwerge sind Nachkommen von außerirdischen Havaristen, die vor 12.000 Jahren über China abgestürzt sind.“ („Bild“, 2. Dezember 1995)
  • dass „Außerirdische auf die Erde kommen, um zu töten“, „wahrscheinlich seit Jahrhunderten“: „Vielleicht sind wir nichts anderes als die Laborratten der Außerirdischen.“ („Bild“, 9. Mai 1998)
  • nach der Wahl George W. Bushs im Jahr 2000 von dem „Todesfluch des Indianer-Häuptlings“, der „allen amerikanischen Präsidenten den vorzeitigen, unnatürlichen Tod prophezeite, die in einem ‚Null‘-Jahr gewählt wurden“: William Henry Harrison, 1840 gewählt, „war der erste, auf den der Fluch wirkte“. („Bild“, 28.12.2000).
  • und über die Wahrscheinlichkeit, dass immer noch Dinosaurier durch den Dschungel von Afrika schleichen. („Bild“, 16.06.2004)

So gesehen, kann man diesen heutigen „Bild“-Artikel quasi als natürlichen Lebensraum für Hausdorf bezeichnen:

Mars-Menschen leben im Mars! Darum ahben wir sie auch noch nie gesehen

Geschrieben hat ihn Attila Albert, der inoffizielle „Bild“-Beauftragte für außerirdische Esoterik und missverstandene Wissenschaft. Ihm war es offensichtlich nicht aufregend genug, dass britische und schweizer Forscher festgestellt haben, dass mögliche Spuren von Leben auf dem Mars, Sporen oder Bakterien, längst aufgrund der niedrigen Temperaturen und der Strahlung vernichtet worden wären. Wenn überhaupt, könne man Zellen nur in einer Tiefe von mindestens zwei Metern unter der Mars-Oberfläche finden.

Ja nun.

Zum Glück kennt Attila Albert Hartwig Hausdorf, und so konnte er aus einer für Laien nur mittelaufregenden Wissenschaftsgeschichte eine für Gutgläubige superaufregende Außerirdischen-Geschichte machen:

„Möglicherweise gibt es komplexe Höhlenstädte“, sagt Autor Hartwig Hausdorf (51). Er sieht in Felsformationen wie dem „Marsgesicht“ Monumente einer verlorenen Kultur: „Vielleicht hat der Mars eine Klimakatastrophe erlebt, wie sie uns noch bevorsteht. Die Bewohner flohen in die Tiefe.“

(Desillusionierender Link von uns.)

Natürlich steht selbst „Bild“ einer solch umstrittenen Quelle kritisch gegenüber. Das mit dem „möglicherweise“ und dem „vielleicht“ hat man Hausdorf zum Beispiel für die „Bild“-Schlagzeile nicht geglaubt.

Okay, jetzt wissen wir also, wo die Marsmenschen leben. Jetzt müssen sich Bild.de (Ausriss oben) und die gedruckte „Bild“-Zeitung (Ausriss unten) nur noch darauf einigen, wie die Marsmenschen wohl aussehen.

Angesichts der neuesten Enthüllungen wäre unser Tipp ja: etwa so.

Danke an Alexander B. und Kauli.

Nachtrag, 6. Februar. Der Mikrobiologe Lewis Dartnell, auf dessen aktuelle Studien sich „Bild“ vermeintlich beruft, stellt uns gegenüber klar:

Wir glauben ganz bestimmt nicht, dass es humanoide Mars-„Menschen“ unter der Oberfläche [des Mars] gibt, und ich persönlich halte es auch nicht für wahrscheinlich, dass sich jemals einfache Tiere oder Pflanzen auf dem Mars entwickelt hatten — selbst vor langer Zeit war die Umgebung auf dem Mars wahrscheinlich nur geeignet für zählebiges bakterielles Leben, wenn überhaupt.

In Vogelgrippe-Gelb

Erwartungsgemäß tingelt derzeit mal wieder eine ansteckende Magen-Darm-Infektion (zwei bis drei Tage Brechdurchfall) durch Deutschland, die in diesem Jahr bei mehr Menschen auftreten könnte als in den Vorjahren. Und nachdem in einer kurzen Meldung dazu im aktuellen „Focus“ stand, dass eine Million Menschen erkranken könnten, berichtete natürlich auch „Bild“ — und zwar so:

Immerhin kommt „Bild“ (zumindest im Raum Berlin-Brandenburg) heute schon wieder ohne vogelgrippe-gelbe Überschriften aus — und lässt zumindest erahnen, dass es sich bei der „schlimmsten Magen-Darm-Seuche“ womöglich doch nur um die schlimmste Magen-Darm-Seuche ihrer Art seit 2002/2003 handelt.

Mehr über diesen „Medienthriller ohne Killer“ bei stern.de

Und vielen Dank auch an Matthias M.

6 vor 9

Virtuelle Storys
(ndr.de, Video, 5:50 Minuten)
Wie Medien die Internetwelt „Second Life“ erobern.

Wir armen Blogger-Seelen
(blog.handelsblatt.de, Thomas Knüwer)
Haben Sie kein Mitleid mit mir, lieber Leser. Ich bin selbst schuld. Selbst schuld, dass ich ein soziopathes, irres Wesen bin, ein Windmühlenflügelbekämpfer, der die Ausweglosigkeit seines Tuns nicht erkennt, der sich vergräbt in einer virtuellen Identität. Ich bin Schmutz, ich bin es nicht wert, ernst genommen zu werden. Behauptet ein Professor aus Calgary.

„Verleger zu werden, ist heute einfacher als früher“
(persoenlich.com, David Vonplon)
Markus Schneider, Beat Müller und Wendelin Hess haben den Verlag Echtzeit gegründet. Nicht weil sie reich werden wollen, sondern in der Überzeugung, dass sich für Bücher von den besten Journalisten des Landes ein Publikum finden wird.

Internetboom in Putins Reich
(aargauerzeitung.ch, Alexander Schrepfer-Proskurjakov)
Online-Medien gewinnen für die Meinungsfreiheit in Russland stark an Bedeutung. Der Kreml versucht, sie zu kontrollieren.

Die Kraft des Netzes (+)
(fr-online.de, Viktor Funk)
Online und mächtig – im Internet wachen kritische Köpfe über das Treiben in der Politik. Ein Video im Web kann schnell eine Karriere beenden. Oder Proteste anheizen, wie die Bilder von Saddams Hinrichtung. Der Polizei bei Fahndungen helfen. Oder ihre Übergriffe dokumentieren. Das Internet als unberechenbare fünfte Gewalt.

Weblogs, Podcasts & Co.
(lfm-nrw.de)
Eine neue Broschüre für den Umgang mit neuen Kommunikationswegen im Netz (pdf, 812kb).

Endlich, aber leider

„Hä?“

haben sich die Mitarbeiter des Bundesinnenministeriums gefragt, als sie heute morgen in der „Bild“-Zeitung diese Überschrift sahen:

Nicht alle bekommen die Pensionen gekürzt? Wer denn nicht?

Im „Bild“-Artikel steht es nicht. Im heute von der Bundesregierung beschlossenen Gesetzesentwurf steht es nicht. Und auf unsere Nachfrage fällt dem Innenministerium auch nicht ein, was „Bild“ meinen könnte.

Im Gegenteil: Die Einschnitte gelten (sobald der Bundestag das Gesetz verabschiedet hat) bereits für die Mitglieder dieser Bundesregierung. Die Altersgrenze, ab der sie eine Pension beziehen, wird angehoben, die Mindestamtszeit erhöht, die Höchstdauer des Übergangsgeldes gesenkt. Und auf ihre Pensionen werden, anders als bisher, andere Einkommen und Renten angerechnet. Mit anderen Worten: Sie werden gekürzt. Für alle im Kabinett.

Lustigerweise hat bei Bild.de jemand offenbar die „Bild“-Unterzeile auch nicht verstanden und versucht, sie zu konkretisieren:

Endlich! Regierung kürzt Luxuspensionen für Minister ...aber nur, wenn sie nicht lang genug im Amt waren

Netter Versuch, aber: Doch, auch dann.

Im Zweifel gegen den Angeklagten

Wenigstens kann man „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner nicht vorwerfen, die Leser über sein Verständnis von den Grundlagen eines Rechtsstaates im Unklaren zu lassen. Im Zusammenhang mit dem Fall Kurnaz/Steinmeier schreibt er heute:

Der Bremer Türke ist für mein Leben nicht so wichtig. Wichtig ist für mich die Sicherheit.

Wie „Bild“ aus einem Irrtum Irrsinn macht

Wir stellen uns das etwa so vor: Neulich bekam Katja S. (29) aus Leipzig ein Schreiben vom Leipziger Amt für Bauordnung und Denkmalpflege. Es ging darin um ein angeblich von ihr gebautes Haus, das aber gar nicht existierte. Ganz klar, es musste sich bei dem Schreiben um einen Irrtum handeln. Und die clevere Katja S. dachte sich, der Irrtum müsse sich doch rasch aufklären lassen…

…und wendete sich an die „Bild“-Zeitung.

Und die „Bild“-Zeitung tat, was sie in solchen Fällen zu tun pflegt: ließ sich von Katja S. das Behörden-Schreiben geben, schickte eine Fotografin los, die Katja S. vor dem unbebauten Grundstück fotografierte und machte den Fall gestern öffentlich:

"Behörden-Irrsinn: Ich soll ein Haus abreißen, das es gar nicht gibt"

Die Überschrift ist falsch. Katja S. soll gar kein Haus abreißen, wie man dem Schreiben der Behörde entnehmen kann, das „Bild“ abdruckt. Sie sollte lediglich statische Unterlagen nachreichen. Und tatsächlich ist auch im „Bild“-Text gar keine Rede davon, dass Katja S. irgendwas abreißen soll. Am Ende heißt es lediglich:

Einen „Schwarzbau“ müsste sie abreißen — aber den sieht ja nur die Behörde.

Auch das ist falsch. Wie uns der Amtsleiter der Leipziger Bauaufsicht, Hans-Gerd Schirmer, sagt, wäre ein Abriss „unzumutbar“ gewesen. Schlimmstenfalls hätte man eine „Nutzungsuntersagung“ ausgesprochen. Aber es habe sich im Fall Katja S. ohnehin um das „Versehen eines Mitarbeiters“ gehandelt. Nach dem „Bild“-Bericht habe sich die Bauaufsicht auch bei Katja S. für die Verwechslung entschuldigt. Früher ging das offenbar nicht. Denn, so Schirmer etwas irritiert:

Weder die Betroffene noch die „Bild“-Zeitung haben wegen des Schreibens bei uns nachgefragt.

Mit Dank an Dirk W. für den sachdienlichen Hinweis.

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