„Na, wie wär’s mal mit nem Buch?“

Wir müssen noch mal kurz auf diese merkwürdige In-&-Out-Geschichte zurückkommen.

OUT: Völlig sinnentleert und obergelangweilt Löcher in die Wand starren. Na, wie wär

Dass „Bild“ plötzlich dringend vor dem Nichtstun warnte und zum Lesen aufforderte, ist nämlich nicht mehr ganz so abwegig, wenn man weiß, von wem das empfohlene Buch stammt. Die Herausgeberin heißt Ulla Bohn, und bis vor einem Jahr stand sie noch im Impressum der „Bild“-Zeitung: als Kulturchefin.

Danke an Christian M.!

Lachen mit „Bild“

Geschmacklos! Will „Bild“ unseren Poldi kaputt machen?

Seit Tagen ist auf Bild.de folgender Witz aus der „Bild“-Zeitung zu lesen:

Poldi zu Schweini: „Sag mal, welches Datum haben wir heute?“ Schweini: „Schau doch in die Tageszeitung!“ — „Habe ich schon, aber die ist von gestern!“

Ungerührt verhöhnt die Boulevardzeitung unseren Stürmer als strohdummen Voll-Proll. Lustig ist das nicht. Man fragt sich: Will „Bild“ Poldi kaputt machen?

BILDblog meint: „Bild“ würde Größe zeigen, wenn sie Poldi nicht länger lächerlich macht und den „Witz“ endlich aus dem Netz —

Halt! Stopp! War ganz anders: Es sind ja die Witze der ARD über Poldi, die „geschmacklos“, „nicht lustig“ und ein „Skandal“ sind, und bei denen man „Bild“ sich fragt: Will die ARD Poldi kaputt machen, indem sie ihn als strohdumm hinstellt?

Apropos „strohdumm“: Bei „Bild“ hat man einige der „Lukas‘ Tagebuch“-Beiträge von Eins Live und You FM abgetippt, darunter diesen:

Zur Zeit dicke Luft im Hotel. Kein Wunder: Balle-Ballack und Totti Frings haben 40 Kalt-Buller gegessen und machen Rülpskonzert im Frühstücksraum. Die Vollidioten, ey!

Kalt-Buller??? Schlimm, wenn man als „Bild“-Mitarbeiter sogar Comedy schlimm finden muss, die man nicht einmal verstanden hat.

Danke an Maja I. und Mike S.!

Kurz korrigiert (121)

Richtig ist, dass Norbert Röttgen in der Kritik steht, weil er vom kommenden Jahr an sowohl Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI) als auch Bundestagsabgeordneter für die CDU sein will.

Unwahrscheinlich ist aber, dass er nun auch noch SPD-Mann wird.

SPD-Röttgen

Nachtrag, 9.00 Uhr. Ah, nun heißt es bei Bild.de: „SPD über Röttgen“.

Zu Gast bei Freunden: Da könnte ja jeder kommen

Die WM wird sehr viele Völker zusammen führen, denn es geht nicht nur um Kommerz, sondern auch darum, dass sich die Menschen annähern und besser kennen lernen.

Na, das ist mal ein schöner Gedanke. Der ecuadorianische Schamane Tzamarenda Naychapi hat ihn formuliert. In allen zwölf Stadien der Fußball-WM hat er eine Friedens- und Reinigungszeremonie vollzogen. Nach eigenen Worten, „um die gute Energie der Natur hierher zu bringen“.

„Bild“ formulierte es gestern so:

Auf Einladung seines Landes besuchte er Deutschland, um uns seine Kultur näher zu bringen.

Auch ein schöner Gedanke. Aber damit das funktioniert, muss der Schamane natürlich auf Menschen treffen, die sich so eine fremde Kultur näherbringen lassen wollen. Bei „Bild“ hat er sie nicht gefunden.

Es liegt nicht daran, dass „Bild“ — was für eine vermeintlich christliche Zeitung eigentlich nahe läge — an den Zauber von Amuletten und Reinigungstänzen an sich nicht glaubte. Im Gegenteil: „Bild“ pflegt einen ganz eigenen Okkultismus, einen Aberglauben an Flüche und Verwünschungen.

„Bild“ glaubt, dass die Rituale des Schamanen wirken. Was „Bild“ nicht glauben kann, ist, dass er es gut meinen könnte.

Wie abwegig, dass „Bild“ sich von einem Fremden dessen Kultur „näher bringen lassen“ könnte! Der Schamane sagt, sein Zauber sei nicht patriotisch: Er verbreite positive Energie, die für alle Mannschaften gelte. „Bild“ dagegen behauptet einen direkten Zusammenhang zwischen den Ritualen und den erfolgreichen ersten Spielen Ecuadors und schreibt:

Schamane hat unser Stadion verhext

Unser letzter Gruppengegner Ecuador greift zu faulen Tricks, um erfolgreich zu sein. (…) Ein Schamane gegen Klinsi!

Die „Bild“-Zeitung hat einen „Hexer und Voodoo-Experten“ aus Bremen als „Gegenzauberer“ „gefunden“. Der erklärte, der Zauber des Schamanen („ein raffinierter Bursche“) sei böse, er habe ihn aber „neutralisiert“ und gleich mal bei der Gelegenheit die Beine der Gegner schwerer gemacht, damit die Deutschen gewinnen.

Nett. Da bringt die „Bild“-Zeitung den „Freunden“, die da zu Gast bei uns sind, gleich mal unsere ihre Kultur nahe.

Danke an Andreas G., Markus L., Joern H. und Tobias M.!

Allgemein  

Journalismus kommt auch von Können

Eine geile Geschichte hat Bild.de da aufgetan. 250 japanische Pärchen hatten in einer Lagerhalle Sex miteinander, übten in Reih und Glied diverse Praktiken synchron aus. Und weil alles gefilmt wurde, kann Bild.de schöne Fotos davon zeigen.

Bild.de schreibt:

500 Menschen haben Sex in japanischer Lagerhalle. Und das soll Kunst sein...

Äh, nein. Keine Kunst. Ein Porno.

KUNST KOMMT VON KÖNNEN. Mit der Kunst ist es ja so eine Sache. Es gibt keinen "Leitfaden", der uns sagt, was Kunst zu sein hat. Jetzt gibt

Nein, keine neue Kunst-Sparte. Eine neue Porno-Sparte.

Beischlaf im Namen der Kunst!

Nicht im Namen der Kunst. Im Namen der Pornographie!

Ein Dirigent nahm die Protagonisten mit auf die Reise zum kollektiven Höhepunkt. Bis zum großen Ooooooooh war

Hä? Porno.

Alles wurde mit der Kamera festgehalten.

WEIL ES SICH UM EINEN POR-NO-FILM HANDELT! Mit dem Titel „500 Person Sex“. Produziert von der Firma „Soft On Demand“. Angekündigt mit den Worten: „Imagine going into a large room and see 500 people giving oral sex and screwing their brains out.“ Kostenpflichtig im Netz herunterzuladen.

Über jedes Bild in der Galerie hat Bild.de den Satz geschrieben:

Dieser Synchron-Sex soll Kunst sein.

Soll er gar nicht. Er soll sich nur gut verkaufen. Darauf hätte auch Bild.de kommen können, denn auf einem der abgebildeten Fotos steht sogar noch der Name des Internet-Sex-Anbieters, von dem die Porno-Promo-Bilder stammen.

— Und wenn jetzt vielleicht jemand mal die Klimaanlage in den Bild.de-Büros reparieren könnte? Danke.

Vielen Dank auch an cocolo für den Hinweis.

Nachtrag, 21.17 Uhr. Na sowas: Bei Bild.de ist der Artikel spurlos verschwunden.

Nachtrag, 19.7.2006 (mit Dank an Tamino G. für den Hinweis): Sooo „spurlos“ hat Bild.de ihn offenbar doch nicht verschwinden lassen…

Was „Bild“ weiß

Manchmal würde es schon reichen, wenn „Bild“ das Verb wissen nicht als Synonym benutzen würde für vermuten, ahnen, raten, schätzen, prognostizieren, einfach mal behaupten, gehört haben, für nicht unwahrscheinlich halten und nicht völlig ausschließen können.

Am Montag schrieb das Blatt:

Jürgen Klinsmann (41) krempelt unsere Start-Elf um! Morgen gegen Ecuador wirft der Bundestrainer zwei Reservisten ins Rennen. BILD weiß: Tim Borowski (26) und Robert Huth (21) laufen im letzten Gruppenspiel von Beginn an auf.

Seit gestern Nachmittag wissen wir: Borowski spielte nicht von Anfang an, sondern wurde erst in der 66. Minute eingewechselt.

Danke an Stefan S.!

Kurz korrigiert (120)

Darf man zur WM die DDR-Flagge hissen?
…fragte die sächsische Ausgabe der „Bild“-Zeitung gestern. Ja, lautet die klare Antwort (übrigens z.B. auch zu Weihnachten und zum Frühjahrsputz, aber das steht so nicht in „Bild“). Und doch bleiben Fragen offen.

"Jens W. aus Halle hat eine alte DDR-Fahne aufgezogen..." / "Fahnenbesitzer Lars Wiedemann..." Etwa ob der Mann mit der Fahne nun Jens heißt oder Lars. Und ob er seinen Nachnamen lieber nur abgekürzt in der Zeitung gelesen hätte. Vor allem aber, wie es die Volkskammer der DDR geschafft hat, „schon“ zehn Jahre nach ihrer Selbstauflösung die Entfernung der Flagge von allen öffentlichen Gebäuden anzuordnen:
Tatsächlich verbannte die Volkskammer schon am 31. Mai 2000 das alte Staatssymbol von allen öffentlichen Gebäuden.

Danke an Daniel S. für Hinweis und Scan!

Allgemein  

„Bild“ erfindet Tathergang

Manchmal weiß es die „Bild“-Zeitung ganz genau. Am 14.1.2006 etwa schrieb sie:

Das ist der Rotkohl-Killer

Er hat das Baby seiner Freundin zu Tode gefüttert

(…) Er preßte dem kleinen Justin (17 Monate) Rotkohl in den Mund. Löffel für Löffel. Immer mehr. So lange, bis das Kind keine Luft mehr bekam. Es starb später im Krankenhaus. Jetzt sehen wir zum ersten Mal das Gesicht des schrecklichen Rotkohl-Killers!

(…) Am ersten Weihnachtsfeiertag stopfte er den Kleinen so lange mit Rotkohl voll, bis der mit Atemnot ins Krankenhaus kam. (…)“
(Link von uns.)

Es ist, als wäre „Bild“ dabeigewesen, nicht wahr?

War „Bild“ aber nicht. Zum Glück, wie man hinzufügen möchte. Denn sonst müsste sich die Zeitung jetzt vermutlich ebenso vor Gericht verantworten wie der angebliche „Rotkohl-Killer“. Dem nämlich wird von der Staatsanwaltschaft vieles, nicht aber das vorgeworfen, was „Bild“ so detailliert zu berichten wusste. Er ist angeklagt wegen „Körperverletzung mit Todesfolge durch Unterlassen„, weil er nicht eingeschritten sei, als seine Lebensgefährtin das Kind mit dem Rotkohl misshandelt habe (wie z.B. heute.de — und ähnlich sogar Bild.de* — berichtet).

*) So richtig gelingt es aber auch Bild.de nicht, angemessen zu berichten: Während u.a. die Überschrift „Erstickten sie ihr Kind mit Rotkohl?“ lautet und Bild.de sogar vor dem Begriff „mutmaßlich“ nicht zurückschreckt, wird im dazugehörigen Teaser auf der Startseite aus der vor Gericht zu klärenden Frage wieder eine vorverurteilende Tatsachenbehauptung.

Mit Dank an Rico R. für die Anregung.

Seid patriotisch oder schweigt!

Vielleicht ist „Bild“ die berechenbarste Zeitung der Welt.

Der WDR-Fußballreporter Manfred Breuckmann kritisiert, dass jeder, der in diesen Tagen irgendetwas an der Fußball-WM kritisiert, sofort von der „Bild“-Zeitung „in die Pfanne gehauen wird“. Die „Bild“-Zeitung haut ihn daraufhin sofort in die Pfanne. Also, konkret: Entledigt seine Zitate ihres Zusammenhangs, unterstellt ihm ein „böses Foul“ und macht ihn zum Verlierer des Tages:

Der WDR-Mann macht unsere schöne WM mies. 1. Die Stimmung in den Stadien sei nicht immer euphorisch. 2. Das Programm mit 32 Mannschaften sei zu aufgebläht. 3. Patriotischer Habitus komme für ihn nicht in Frage. BILD meint: Dann bleib doch zu Hause, Manni!

Nun ja: Breuckmann hatte in dem „taz“-Interview, auf das sich „Bild“ bezieht, „diese phantastische Stimmung in den Stadien“ gelobt, aber beim Eröffnungsspiel sei es „relativ ruhig auf den Rängen“ gewesen — der Reporter führt das auch darauf zurück, dass zu wenige Tickets frei verkauft wurden. Und über das, was „Bild“ den „patriotischen Habitus“ nennt, hatte Breuckmann gesagt:

Ich glaube auch, dass man eine Fußballmannschaft unterstützen kann, ohne die Hand aufs Herz zu legen. Das ist nicht meine Welt. Solange aber kein aggressiver Nationalismus draus wird, ist die Sache in Ordnung. (…)

Patriotismus wird damit verbandelt, dass man alles kritiklos hinnehmen muss. Wer keine positive Einstellung hat, wird ausgegrenzt.

Was „Bild“ also prompt tat. Die Erklärung zum „Verlierer des Tages“ nimmt Breuckmann nun als „Adelung“: „Ich fühle mich geehrt.“

Durch die Ausgrenzung aller, die sich nicht in den schwarz-rot-goldenen Taumel einreihen wollen, verliere die patriotische Stimmung etwas von ihrem „unaggressiven Charakter“, hatte Breuckmann gesagt. Das lässt sich ganz gut an der „Bild“-Zeitung ablesen.

Am Tag vor der WM-Eröffnung jubelte „Bild“-Kommentator Norbert Körzdörfer:

„Die Sonne geht auf. Die Schatten sind weg. (…)
Ja zu Deutschland-Fahnen am Auto!
Ja zu deutschem Bier!
Ja zur deutschen Hymne! (…)
Ja zur deutschen Frau, die lächelnd zuschaut!

Danach wurde deutlich, dass das weniger Tatsachen-Beschreibungen als Forderungen waren. „Bild“ verlangte fast täglich das Mitsingen der Nationalhymne. Michael Ballack wurde gerüffelt, weil er in seiner Freizeit ein Italien-Shirt trug („Bild“: „Was soll das?“). Wegen vermeintlicher Patriotismus-Defizite und Miesmacherei rügte „Bild“ außerdem u.a.: die Lehrer-Gewerkschaft GEW, die die zwiespältige Geschichte des Deutschlandliedes thematisieren wollte („Bild“: „selbsternannte Volkserzieher wollen uns die WM-Laune verderben“), die Politiker Hans-Christian Ströbele und Heiner Geißler, die das Fahnengeschwenke nicht so gut fanden, sowie den Kabarettist Dieter Hildebrandt, der dagegen war, vor Fußballspielen Hymnen zu singen („Bild“: „notorische Miesmacher … immer was zu meckern … griesgrämiges Deutschlandbild“).

Am 13. Juni warnte „Bild“-Kommentator Oliver Santen:

Wir brauchen diesen Optimismus. (…)

Die immer schlecht gelaunten Miesmacher brauchen wir nicht.

Und offenbar brauchen „wir“ eine Patriotismus-Polizei, die alle, die sich nicht einreihen, an den schwarz-rot-goldenen Pranger stellt.

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