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Keiner stoppt „Bild“

„Bild“ ist eine sehr moralische Zeitung. Sie hat Wertevorstellungen, die man teilen kann – aber nicht muss. Das ist so.

Im vergangenen Sommer berichtete „Bild“ über die 14-jährige Anne, die von zuhause auszog, um mit ihrem 42-jährigen Freund zusammenzuleben. Die Mutter war verzweifelt, „Bild“ witterte einen Skandal und berichtete mehrere Tage empört über Details des Falls. Während „Bild“ berichtete, kehrte Anne zu ihrer Mutter zurück. „Bild“ schien zufrieden, der Skandal beendet.

Bis zum vergangenen Montag. „Bild“ fand heraus, dass Anne, inzwischen 15 Jahre, zu ihrem Freund zurückgekehrt ist und fragte:

„Was treibt die kleine Anne (15) nur immer wieder in die Arme dieses tätowierten Liebesmonsters? Und warum unternehmen die Behörden nichts? Es ist ein Skandal.“

Protokoll eines Behörden-Skandals: Ihre Liebe ist verboten! Aber keiner tut etwas dagegen

„Bild“ schrieb weiter, der 42-Jährige hätte Anne „geschlagen, geschwängert, die Jugend geraubt“. Weder Polizei noch Jugendamt würden etwas dagegen unternehmen:

„Die Polizei ist machtlos. (…) Das Jugendamt gibt auf.“

Am Dienstag schilderte „Bild“ die Situation unter der Überschrift „Warum stoppt keiner diese verbotene Liebe?“ noch drastischer:

„Die kleine Anne wurde von ihrem Liebhaber Manfred W. geschlagen und geschwängert, sie muß seinen kleinen Sohn Justin (19 Monate) großziehen, putzt für ihn, geht kaum noch zur Schule (…). Die Behörden reden sich raus, berufen sich auf ihre Vorschriften.“

Außerdem fragte die Zeitung:

„Warum tut die Polizei eigentlich nichts? Sex zwischen einem Erwachsenen und einer 15jährigen ist laut Paragraph 182 verboten.“

Das stimmt nicht. Entgegen der Auffassung von „Bild“ verbietet Paragraph 182, Abs. 2 den Geschlechtsverkehr zwischen Jugendlichen und Personen über 21 Jahren nicht grundsätzlich, sondern nur dann, wenn der Erwachsene „die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt“.

Weder die Staatsanwaltschaft Cottbus noch das zuständige Jugendamt gehen davon aus, dass das in diesem Fall passiert ist. Wie die Staatsanwaltschaft bestätigt, war der 42-Jährige zwar wegen Missbrauchs der 15-Jährigen im vergangenen Jahr angezeigt worden. Anne bestritt den Missbrauch: Sie habe freilwillig mit dem Mann geschlafen. Das Verfahren wurde eingestellt.

Marion Losehand vom zuständigen Jugendamt sagt, es gebe keine Möglichkeit, Anne dazu zu zwingen, sich von ihrem Freund fernzuhalten, auch wenn das die Mutter gerne sähe. Das Jugendamt stehe mehrmals monatlich in Kontakt mit Anne, ihrer Mutter und dem 42-Jährigen. Es gebe kein Indiz dafür, dass Anne gezwungen werde, bei dem Mann zu bleiben. Sie hat sich offenbar aus freiem Willen dazu entschieden.

Man kann damit – wie „Bild“ – nicht einverstanden sein, gesetzlich „verboten“ – wie „Bild“ behauptet – ist daran aber nichts.

Das ist das eine. Das andere ist, dass „Bild“ den Eindruck erweckt, sie wäre im Gegensatz zu den Behörden an Annes Wohlergehen interessiert. Der Zeitung macht es aber nichts aus, umfassend über Anne zu berichten, in ihrer Privatsphäre herumzuschnüffeln, sie beim Einkaufen auf der Straße zu fotografieren, das Foto anderntags in der Zeitung abzudrucken und die Situation für die 15-Jährige damit noch zu verkomplizieren – bereits zum zweiten Mal.

Dass sich inzwischen nicht nur „Bild“-Reporter, sondern auch das Fernsehen für Annes private Angelegenheit interessiert, „tut dem Fall nicht gerade gut“, so Losebach vom Jugendamt.

Vielleicht sollte die 15-Jährige tatsächlich mal in Schutz genommen werden. Fragt sich bloß, vor wem alles.

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Gnadenlos ehrlich

Anlässlich der deutschen Pleite beim Eurovision Song Contest veröffentlichte die „Bild“-Zeitung am Montag — wie berichtet — einen Artikel, der über viele, viele Zeilen Klischees über Ausländer verbreitete. Er lief darauf hinaus, dass die Deutschen im Grunde für alle in Europa zahlen, und sich die Polen, Rumänen, Spanier, Türken, die von uns leben, nicht einmal mit Dankbarkeit und Punkten beim Grand-Prix revanchieren.

Der Autor Hauke Brost fühlt sich missverstanden. Er hält sein Stück für offensichtliche „Satire“. Im Gästebuch auf seiner Homepage schreibt er:

Leute, es war ein satirischer Beitrag, wie er oft in BILD stattfindet, und ich stehe voll dazu. Aber man muß BILD natürlich lesen, um solche Feinheiten mitzukriegen.

Heute veröffentlicht die „Bild“-Zeitung vier Leserbriefe zu Brosts Text. Einer davon lautet:

Noch nie hat mir ein Artikel in BILD so aus der Seele gesprochen. Kompliment an Hauke Brost für diese gnadenlos ehrlichen Zeilen.

Der zweite ist kürzer:

Dieser Artikel wird bei uns eingerahmt!

Der dritte geht wörtlich so:

Sie haben vielen Lesern die Augen geöffnet. Die Deutschen sind nicht ausländerfeindlich. Aber die 0 Points sind deutschfeindlich.

Tja, da haben offenbar nicht nur viele „Bild“-Leser die angeblichen „Feinheiten“ übersehen, sondern auch die Leserbriefredaktion der „Bild“-Zeitung, sonst hätte sie nicht ausgerechnet Briefe zum Abdruck ausgewählt, die den Text nach Aussage des Autors komplett missverstanden haben.

P.S.: Der vierte Leserbrief, den „Bild“ veröffentlicht, ist anders. Ein gewisser „Markus Maria Profitlich, Hamburg“ schreibt:

Sie sind eine doofe Zeitung!

Jungbrunnen „Bild“

In der Online-Redaktion von „Bild“ wird sehr, sehr verlässlich gearbeitet: Kaum haben die Kollegen der Printausgabe eine brandheiße Geschichte im Blatt, steht der Aufreger auch schon online.

Heute zum Beispiel der „Krieg der Schumis“, den „Bild“ ausruft, weil sich die Schumacher-Brüder beim Formel-1-Rennen in Monaco am vergangenen Sonntag in die Quere kamen und nun Ralf Schumachers Frau Cora der „Bild“-Zeitung ein paar halbwegs druckfähige Zitate dazu geliefert hat („lebensgefährlich…“, „unnötig und gefährlich…“).

Dabei sind sie bei „Bild“ womöglich mit dem Alter der „starken Frau“ etwas durcheinander geraten. Auf der Titelseite steht:
...Cora (29)...

Im Text schreibt „Bild“ hingegen:
...Cora (28)...

Und im Beitrag neben Coras Foto steht:
...Cora (27)...

Und weil in der Online-Redaktion von „Bild“ so unglaublich verlässlich gearbeitet wird, haben die Redakteure bei Bild.de ohne mit der Wimper zu zucken einfach alle drei Altersangaben in die Internetversion des Beitrags übernommen: eine in den Teaser, eine in den Text, eine in die Bildunterschrift.

Dank an Mischa B. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 12.25 Uhr: Inzwischen hat man sich bei Bild.de für die goldene Mitte entschieden, die Altersangabe im Teaser korrigiert und sie in der Bildunterschrift herausgenommen. Cora Schumacher ist 28.

Trapattoni fliegt nicht

Es ist seltsam: Der Fußballtrainer Giovanni Trapattoni ist gerade mit seiner Mannschaft Benfica Lissabon portugiesischer Meister geworden und jetzt „fliegt“ er. So steht’s jedenfalls bei Bild.de:

Trap feiert – und fliegt!

Und im Text heißt es dann:

Trotzdem hat Trap fertig. Fans und Presse lästern über seinen Mauer-Fußball.

Wir wissen natürlich nicht, welche Presse und welche Fans da gemeint sind, wundern uns aber doch etwas, dass hier zum Beispiel dieses steht:

Die Fans von Benfica Lissabon liegen „Maestro“ Giovanni Trapattoni zu Füßen. (…) Auch die Gazetten stimmten in den Jubel-Chor um „Trap“ ein. „Er kam, sah, triumphierte und sagt jetzt auf Wiedersehen“, titelte die Zeitung „A Bola“. „Die Großen sind unter Trapattoni wieder auferstanden“, schrieb Zeitung „Record“, „Danke, Trap, Benfica ist wieder da“, meinte „A Capital“.

Entsprechend ist auch die Überschrift bei Bild.de natürlich völliger Unsinn. Trapattoni „fliegt“ nicht, er denkt lediglich über seinen Rücktritt nach, weil er seine Familie vermisst. Und das weiß sogar „Sport Bild“.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Schon M.

Nichts dagegen tun

In jeder Stadt und in jeder kleinen Gemeinde gibt es Menschen, die man nicht so sympathisch, vielleicht auch etwas merkwürdig findet und neben denen man deshalb nicht wohnen möchte. Manchmal kann man sich das allerdings nicht aussuchen.

Dann ruft man einfach die „Bild“-Zeitung an. Und die schreibt daraufhin:

Horror-Nachbarn - ...und wir können nichts dagegen tun

So stand’s am 14. Mai in der Ausgabe Mainz/Wiesbaden. Außerdem wusste „Bild“:

„Sie sind wie Heuschrecken, die von Ort zu Ort ziehen und Verwüstung hinterlassen: Deutschlands Horror-Mieter. Eine dieser Familien lebt jetzt in Westhofen.“

Ein Nachbar erklärte „Bild“:

„Die übergeben sich aus dem Fenster, lassen ihre Hunde wild in den Garten, verwüsten hier alles.“

Und „Bild“-Autorin Pilar May hat nicht nur recherchiert, dass die „Müll-Mieter“ die Mietwohnung ihres letzten Wohnorts in Trümmern hinterlassen haben, sondern auch, dass die Familie eine „240-Quadratmeter-Edel-Wohnung“ nun „auf Kosten der Gemeinde“ bewohnt und zitiert Heiner Michel, Pressesprecher der Kreisverwaltung Alzey, der „zugibt“:

„Ja, die Familie bekommt von uns Arbeitslosengeld II, davon wird auch die Miete bezahlt.“

Darüber hat sich Michel ziemlich geärgert. Zum einen, weil natürlich nicht die Kreisverwaltung die Wohnung bezahlt, sondern die Agentur für Arbeit, wie er es der „Bild“-Reporterin gesagt hat, und zweitens, weil „Bild“ nicht erwähnt, dass die Wohnung laut Auskunft der Agentur für Arbeit für neun Personen angemessen teuer ist und deshalb den ALG-II-Vorschriften entsprechend bezahlt wird.

Forscht man ein bisschen weiter nach, erfährt man, dass die Großfamilie mit ihrem kleinen Zoo in Westhofen zwar nicht allzu beliebt ist, sich aber in ihrer neuen Wohnung bisher nichts zu schulden kommen ließ.

Das Veterinäramt, das laut „Bild“ in der vergangenen Woche „endlich einschreiten“ wollte, ist eingeschritten – und konnte keinen Verstoß gegen eine artgerechte Haltung der Haustiere feststellen. Den Hunden gehe es gut, versichert Michel.

Dem Ordnungsamt der Verbandsgemeinde Westhofen liegen keine konkreten Beschwerden vor, sagt Leiter Lothar Renz. Nicht über Leute, die sich aus dem Fenster übergeben und ebenso wenig über Wohnungen, die in Trümmer gelegt wurden. Auch für das Jugendamt gab es bisher keinen Anlass, aktiv zu werden.

Die „Bild“-Berichterstattung scheint dennoch gewirkt zu haben: Seit der Beitrag erschienen ist, haben sich die Nachbarn, die sich schon vorher nicht leiden konnten, offenbar gar nichts mehr zu sagen. Stattdessen müssen die in „Bild“ abgebildeten Wohnungsbesitzer nun wenig freundliche Kommentare der ungeliebten Nachbarn über sich ergehen lassen. Ein Sat.1-Team war auch schon in Westhofen. Manch einer spricht schon von einer „Hexenjagd“.

Bislang kam es zu keiner Auseinandersetzung, die so heftig war, dass die Polizei einschreiten musste. Hoffentlich bleibt das so.

Traurige Fakten

Schwer zu sagen, ob das „brutale Grand-Prix-Debakel“ (also die Tatsache, dass der deutsche Beitrag beim Eurovision Song Contest in Kiew am vergangenen Samstag auf dem letzten Platz landete) „jetzt“ tatsächlich „Konsequenzen“ hat, wie es heute in der „Bild“-Zeitung steht, ob es also irgendwie gerechtfertigt ist, wenn „Bild“ behauptet:

0 points! ARD feuert Grand-Prix-Chef

Tatsache ist, dass der für den Grand Prix zuständige NDR bereits gestern bekannt gab, der bisherige Grand-Prix-Verantwortliche Jürgen Meier-Beer höre „auf eigenen Wunsch“ auf.

Tatsache ist auch, dass die Nachrichtenagentur ddp daraufhin schrieb:

„Meier-Beer unterstrich, sein Abgang habe nichts mit dem Grand-Prix-Debakel (…) zu tun (…). Die Gespräche über eine neue Aufgabe für ihn hätten bereits vor einem halben Jahr begonnen.“

Und der NDR legte heute, nach den „ARD feuert Grand-Prix-Chef“-Behauptungen, mit einer zweiten Pressemitteilung nach, in der es heißt:

„Spekulationen in Teilen der Presse, der NDR habe seinen Grand-Prix-Verantwortlichen strafversetzt oder gar gefeuert, entbehren jeder Grundlage (…). Tatsächlich hat Herr Dr. Meier-Beer bereits vor sechs Monaten darum gebeten, nach zehn Jahren mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden. Zu diesem Zeitpunkt haben wir gemeinsam begonnen, seinen Wechsel vorzubereiten (…)“

Und wenn sich der NDR nun abermals (und derart ausdrücklich) an die Öffentlichkeit wendet und betont, die Personalie stehe „in keinem Zusammenhang mit dem Abschneiden der Sängerin Gracia beim ‘Eurovision Song Contest’“, dann sollte man sich den „Bild“-Text vielleicht doch noch einmal genauer anschauen. Schließlich findet man dort zwar jede Menge Ausrufezeichen („Gracia Letzte! Miese Quote! Falsches Konzept!“, „Das brutale Grand-Prix-Debakel in Kiew, jetzt hat es Konsequenzen!“, „Die ARD feuert Grand-Prix-Chef Jürgen Meier-Beer (53)!“, „Null Punkte für den Ex-Unterhaltungs-Chef!“, „Sinkende Einschaltquote!“, „Katastrophales Ergebnis!“, „Hohe Kosten!“, „Falsches Auswahlsystem!“) — aber kein einziges Indiz für die Behauptung, Meier-Beer sei gefeuert worden.

Stattdessen findet man unter dem Stichwort „Traurige Fakten“ den Satz:

2000 schauten noch 12 Millionen zu, dieses Jahr nur rund 7 Millionen.

Und das ist in der Tat traurig, weil es nämlich 2000 nicht „12 Millionen“, sondern 10,03 Millionen Zuschauer waren, was hier nur deshalb Erwähnung finden soll, weil „Bild“ nicht einmal dort, wo sie ausdrücklich mit „Fakten“ aufwartet, mit Fakten aufwartet.

Nachtrag, 18.6.2005:
Bild.de muss eine Gegendarstellung des NDR-Intendanten Jobst Plog u.a. veröffentlichen, in der es heißt, „daß Herr Dr. Meier-Beer bereits vor mehreren Monaten darum gebeten hat, mit einer neuen Aufgabe betraut zu werden und bereits vor Durchführung des ‘Eurovison Song Contest’ feststand, daß Herr Dr. Meier-Beer den Posten des „Grand-Prix-Chefs“ abgeben würde.“ Der „Bild“-Artikel selbst ist online nicht mehr verfügbar.

Reizthema Jugendwahn

Jugendwahn! Sat.1 schmeißt Fritz Egner (55) raus

So berichtete „Bild“ am Montag über die Ablösung Fritz Egners als Moderator der Sat.1-Show „Die witzigsten Werbespots der Welt“ durch Ingo Oschmann. Die (ebenfalls im Springer-Verlag erscheinende) „Welt“ hatte darüber bereits am 11.12.2004 ausführlich berichtet – und alles weitere überlassen wir gern dem Online-Medienmagazin DWDL.de, wo es dazu heißt:

Erschreckend an der Geschichte sind zweierlei Dinge: Zunächst die fast ernst gemeinte Sorge, wieso Fritz Egner es nötig hat, mit Monate alten Themen noch einmal durch die Boulevard-Presse zu ziehen. Auf der anderen Seite aber erschreckt die Art und Weise, wie hier der Leser getäuscht wird. Eine Meldung bei „Bild“ bedeutet einmal mehr nicht, dass es auch eine Neuigkeit sein muss. Ein sechs Monate altes Thema wird mit Kampagnen-Journalismus der Marke „Wir packen das Reizthema Jugendwahn noch aus“ aufgewärmt.

Jede Menge schräge Vögel (1)

Unser Kanzler ist Putins Kumpel, seine Frau wirbt so lieb für Hundefutter und unser Konsulat in der Ukraine läßt jede Menge schräge Vögel rein.

BILD-Autor Hauke BrostAnlässlich des Eurovision Song Contest widmet sich „Bild“-Kolumnist Hauke Brost heute Grundsätzlichem. Und wir widmen uns „Bild“-Kolumnist Hauke Brost. Denn das Leben ist eine Achterbahn, nur ungerechter.

Hintergrund: Wer ist Hauke Brost?

Ganz massive Probleme

Arbeitslose zum Intim-Verhör

Unter obiger Überschrift berichtete die „Bild am Sonntag“ gestern, dass die Agentur für Arbeit plane, zukünftig „detaillierte Gespräche mit jedem Arbeitslosengeld-II-Empfänger“ zu führen. Genauer gesagt hieß es in der „BamS“:

„Bevor sie eine Stelle vermittelt bekommen, sollen alle Empfänger von Arbeitslosengeld II bei ihrer Arbeitsagentur zum Intim-Verhör!“

Das ist falsch.

Die „Fragen nach privaten Details“ („Wie eng sind Ihre Beziehungen zu Freunden? Gehen Sie regelmäßig zum Arzt? Welche Kontakte zu Ihren Nachbarn pflegen Sie?“), die von der „BamS“ aus einem durchaus umstrittenen, internen „Fachkonzept Beschäftigungsorientiertes Fallmanagement im SGB II“ zitiert werden, sollen nicht, wie die „BamS“ pauschal behauptet, „die Hartz-IV-Betroffenen beantworten, wenn sie einen neuen Job wollen“.

Die Fragen stammen vielmehr aus einer knapp 100-seitigen „Handlungsempfehlung“ der Arbeitsagentur und seien „nur für Langzeitarbeitslose mit ganz massiven Problemen“ gedacht bzw. „Langzeitarbeitslose mit massiven Schwierigkeiten, zum Beispiel Suchtproblemen“ bzw. „Menschen, die wegen teils massiver persönlicher Problemsituationen von so genannten Fallmanagern betreut werden“ und betreffen „nur wenige ALG-II-Empfänger“ – weshalb denn auch beispielsweise die „Allgemeine Zeitung Bad Kreuznach“ weitaus korrekter titelt:

BA: Kein "Intim-Verhör" für Arbeitslose

„Bild“ weiß Russland nicht

Heute reden wir mal über Inkompetenz. Die „Bild“-Zeitung fordert nämlich heute ihre Leser auf, sich ihre Fernsehgebühren von der ARD „zurückzuholen“, weil der Grand Prix so schlecht war:

Was Ihr Peter Urban uns am Sonnabend zugemutet hat, war eine an Langeweile und Inkompetenz nicht zu überbietende TV-Katastrophe.

Der Hauptvorwurf, der fast die Hälfte des zugehörigen „Bild“-Artikels ausmacht, lautet wie folgt:

Hätten Sie gewußt, was „Belrus“ bedeutet?

Nein? Macht nichts! 7,01 Millionen TV-Zuschauer wußten es bei der Übertragung des „European Song Contest“ auch nicht. Weil die ARD nicht mal in der Lage war, die eingeblendeten Untertitel des ukrainischen Fernsehens zu übersetzen. BILD hilft: „Belrus“ ist englisch und heißt übersetzt: Weißrußland …

Daran ist ungefähr alles falsch.

Der Wettbewerb heißt nichtEuropean Song Contest“, sondern „Eurovision Song Contest“. „Belrus“ ist kein englisches Wort. Das Wort, das „Bild“ meint, heißt „Belarus“. Das ukrainische Fernsehen hat auch „Belrus“ nicht als „Untertitel“ eingeblendet. Eingeblendet war „Belarus“, das englische Wort für Weißrussland.

Und an exakt dieser Stelle, an der das ukrainische Fernsehen „Belarus“ einblendet, weil die weißrussische Punktevergabe zu sehen ist, sagt der „inkompetente“ ARD-Moderator Peter Urban wörtlich dies:

Nun nach Weißrussland.

Jetzt können Sie natürlich immer noch den Vordruck von „Bild“ benutzen, an die ARD schreiben und versuchen, sich Ihre TV-Gebühren zurückzuholen. Aber wenn Sie sich schon über Inkompetenz beschweren wollen, vielleicht schreiben Sie lieber woanders hin?

Nachtrag, 20.6.2005:
Am 16.6.2005 musste „Bild“ eine entsprechende Gegendarstellung des NDR-Intendanten Jobst Plog abdrucken.

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