Die Effenberg-Symbiose

Dies ist die erstaunliche Geschichte von Jan Mendelin, einem glücklichen Mann, der es geschafft hat, gleichzeitig eine Art Manager des Fußballers Stefan Effenberg zu sein und regelmäßig in der „Bild“-Zeitung als scheinbar unabhängiger Journalist über Stefan Effenberg zu schreiben. Erzählt hat sie gestern das NDR-Medienmagazin „Zapp“ in einem Schleichwerbe-Special.

Mendelin war früher Redakteur bei RTL. Der „Spiegel“ berichtet, 1999 habe der damals 26-jährige als Reporter den Sportler kennengelernt und schnell Freundschaft geschlossen. Schon im ersten Interview habe Mendelin nach fünf Minuten bewundernd festgestellt: „Stefan, Sie sind ja total unkompliziert.“

Ab Herbst 2002 taucht Mendelin in den Medien in einer veränderten Rolle auf. In einem Interview mit „Bild am Sonntag“ am 10. November 2002 spricht Effenberg unter anderem über die Trennung von seiner Frau:

„BamS“: Ihre Frau Martina war auch Ihre Managerin. Wer macht das heute?

Effenberg: Ich habe jetzt einen Koordinator — Jan Mendelin. Der kümmert sich auch um meine Memoiren, die im nächsten Jahr rauskommen.

Die „Berliner Zeitung“ schreibt wenige Tage später, Mendelins Aufgabe bestehe „vor allem darin, Medienanfragen abzublocken“.

Mendelin schreibt mit und für Effenberg dessen Biographie, die im Frühling 2003 exklusiv von „Bild“ vorabgedruckt wird: „Jetzt knallt’s täglich In BILD! Skandal- Fußballstar Stefan Effenberg (34) rechnet ab. (…) Effe so intim wie nie.“ Seine Geschäftsbeziehung zu Effenberg wird von vielen Medien diskutiert; sie ist auch kein Geheimnis: Mendelins Name steht mit auf dem Buchcover.

Jan MendelinNun könnte man glauben, dass ihn das disqualifizert, gleichzeitig in der Rolle als scheinbar unabhängiger Journalist über Effenberg zu berichten. Nicht für „Bild“. Am 7. Februar 2004 führt Mendelin mit einem anderen Autor zusammen für „Bild“ ein „Interview“ mit seinem eigenen Schützling: „EFFE – Abrechnung mit dem FC Arrogant“. Am 8. September 2004 ist Mendelin der Autor eines großen „Bild“-Interviews: „Effenberg & Frau Strunz exklusiv in BILD: Warum wir uns trennen“. Am 20. April 2005 „interviewt“ Mendelin Effenberg für „Bild“ und setzt davor den einleitenden Satz: „Die Fans in Gladbach lieben ihn“. Am 29. Juni 2005 schreibt Mendelin in „Bild“: „Effes Frau will mehr Geld für die Kinder: Unterhalts-Klage gegen Strunz“. Am 22. Juli 2005 „interviewt“ Mendelin für „Bild“ Effenbergs Eltern, am 25. Juli 2005 „berichtet“ er für „Bild“ über Effenbergs Abschiedsspiel.

Zur Höchstform läuft Mendelin in seiner Doppelrolle auf, als Effenberg wegen Polizistenbeleidigung angeklagt wird. „Zapp“ zeigt, wie Mendelin als Berater Effenbergs vor und im Gerichtssaal nicht von dessen Seite wich. Gleichzeitig schrieb er für „Bild“ die Artikel über den Prozess, z.B.: „Effes Arschloch-Prozess“, „Effe — Das Urteil ist eine Unverschämtheit“, „Effe spuckt Gift und Galle“.

All das widerspricht der Ziffer 7 des Pressekodex, in der es heißt:

Die Verantwortung der Presse gegenüber der Öffentlichkeit gebietet, dass redaktionelle Veröffentlichungen nicht durch private oder geschäftliche Interessen Dritter oder durch persönliche wirtschaftliche Interessen der Journalistinnen und Journalisten beeinflusst werden.

Es widerspricht auch fundamental den angeblich bei der Axel Springer AG geltenden „journalistischen Leitlinien“.

Und was sagt der Verlag zu den Vorwürfen? Offiziell nichts. „Zapp“ berichtet, der „Bild“-Sprecher habe ausrichten lassen, man wisse nichts von einer Geschäftsverbindung zwischen Mendelin und Effenberg.

Danke auch an Thomas C.

Nachtrag, 5. November. Wir haben am Donnerstagmittag den „Bild“-Pressesprecher gebeten, uns zu sagen, ob Mendelin auch in Zukunft für „Bild“ über Effenberg berichten wird. Wir haben keine Antwort erhalten.

Nachtrag, 30. November. Inzwischen haben wir vom „Bild“-Pressesprecher die Zusage bekommen, noch in diesem Jahr eine Antwort auf unsere Fragen zu erhalten.

Nachtrag, 5. Januar. Tatsächlich hat uns der „Bild“-Pressesprecher noch 2005 geantwortet. Am 24. Dezember teilte er uns mit:

1. Wir haben Ihre Vorwürfe gegen Hr. Mendelin geprüft. Daraus hat sich für uns nach wie vor kein Nachweis für eine Geschäftsbeziehung zwischen ihm und Effenberg ergeben. Als was ihn verschiedene Medien, egal aus welchem Verlag, bezeichnen, sagt ja noch nichts über einen wirklichen Tatbestand aus. Da werden Sie mir sicherlich zustimmen.

Zudem liegt uns eine Eidesstattliche Erklärung von Hr. Mendelin vor. Für uns gibt es keinen Anlaß daran zu zweifeln.

2. Wie bereits erwähnt ist Hr. Mendelin freier Autor, insofern kann ich Ihnen nicht sagen ob, wann oder über was er das nächste Mal für BILD schreibt.

Wir bleiben an der Sache dran.

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Franz Josef Wagner braucht eine kalte Dusche

Man könnte jetzt natürlich lange über Franz Josef Wagners Frauenbild diskutieren, wenn er heute in seiner „Bild“-Kolumne in der Krise der SPD vor allem ein Problem zu starker Frauen sieht:

In Wahrheit ist ein Freundinnen-Netzwerk, arglos geboren als Entmüdungsbecken weiblicher Emotion, die Folterwerkstatt für den Mann. Zuerst trugen die Quasselstrippen kleine Siege davon. Kindersorgerecht, Vaterrecht, Frauenquote. Jetzt stürzten sie Deutschland in die größte Krise.

Man könnte auch darüber rätseln, was ihn dazu bringt, über Andrea Nahles, die „Münte-Mörderin“, wie er sie nennt, zu schreiben:

Frau Nahles ist 35, unverheiratet, Literaturwissenschaftlerin. Stellen wir uns einen ahnungslosen Mann vor, der sich in Frau Nahles verliebt. Entweder wird er von ihren Schraubstockhänden erdrückt, totgequasselt von ihren Freundinnen – oder aber er macht ein Kätzchen aus ihr.

Und man könnte staunen über seine väterliche Diagnose:

Frau Nahles braucht einen Mann.

Man könnte aber auch einfach feststellen: Frau Nahles hat einen Mann. Sie ist seit Jahren liiert mit Horst Neumann, einem Vorstandsmitglied bei Audi, und gestern wusste „Bild“ das auch noch.

Danke an Florian M.

In eigener Sache

Das Netzwerk Recherche verleiht BILDblog einen „Sonderpreis für besondere publizistische Leistungen“. Seit drei Jahren zeichnet der Verein, der sich als Lobby für investigativen Journalismus versteht, Journalisten mit dem „Leuchtturm“ aus. Der Sonderpreis wird in diesem Jahr erstmals verliehen. Er ist mit 1000 Euro dotiert.

Zur Begründung heißt es:

BILDblog zeigt, was eine unabhängige Medienkritik auf der Basis von verlässlichen Gegen-Recherchen zu leisten vermag. BILDblog deckt Fehler von Europas größter Boulevard-Zeitung auf, gibt BILD-Opfern eine Stimme und sorgt mit dieser Form seriöser Aufklärung für ein Stück unverzichtbarer Informations-Hygiene.

Wir bedanken uns und freuen uns sehr!

Peinlicher Ausrutscher

„It’s very strange.“
(Madonna)

„People get very upset about the fact that I decided to study a spiritual belief system. It’s very strange. I may as well have announced that I’ve joined the Nazi party, hat die Musikerin Madonna offenbar in einem Interview mit dem britischen Magazin „Attitude“ gesagt, weil sie es seltsam findet, wie sehr sich die Leute über ihre Beschäftigung mit der Kabbala aufregen – grad so, als hätte sie ihren Beitritt in die Nazi-Partei bekanntgegeben. Nun kann man das, was Madonna gesagt hat, paraphrasieren. Oder man übersetzt’s ins Deutsche. Deutschsprachige Medien haben sich für Letzteres entschieden. „Es ist, als ob ich einer Nazi-Party beigetreten wäre!“ oder „Ich hätte genauso gut bekannt geben können, dass ich einer Nazi-Partei beigetreten wäre“, lauten gängige Übersetzungen.

Und man kann das so stehen lassen. Oder aber man macht, wie „Bild“, Madonna deshalb zum „Verlierer“ des Tages, zitiert sie, wie „Bild“, aus unerfindlichen Gründen mit einem O-Ton, den sie so nie gesagt hat („Es wäre weniger kontrovers, wenn ich der Nazi-Partei beiträte.“), nennt das falsche Zitat, wie „Bild“, anschließend „einen peinlichen Ausrutscher“ und schreibt:

BILD meint: Erst denken, dann reden!“

BILDblog meint das auch.

Nachtrag, 4.11.2005:
Wir haben uns geirrt. Madonna hat den Satz offenbar doch genau so gesagt, wie „Bild“ ihn aufgeschrieben hat. Tut uns leid!

Mit Dank an Alexander S. für den sachdienlichen Hinweis.

Bild.de und die Schleichwerbung

Vor drei Wochen baten wir Mathias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden der Axel Springer AG, um eine Erklärung, warum er öffentlich die Vermischung von redaktionellen und kommerziellen Inhalten „brandgefährlich“ nennt, genau diese Vermischung aber das Geschäftsmodell der Springer-Tochter Bild.T-Online zu sein scheint. Unser zentrales Beispiel war der Erotik-Bereich von Bild.de, in dem journalistische Inhalte nicht von Werbung zu unterscheiden waren.

Seitdem hat sich in diesem Bereich von Bild.de etwas geändert. Genau genommen ist dies hinzugekommen:

Konzernsprecherin Edda Fels sagt, das habe nichts mit unserem Offenen Brief zu tun, auf den wir im übrigen keine Antwort erwarten sollten. Sie sagt außerdem, sie wolle nicht auf unsere konkreten Beispiele eingehen, aber einige grundsätzliche Dinge klären: Obwohl die Internetfirma Bild.T-Online AG nur eine 63-Prozent-Tochter des Springer-Konzerns sei, fühle sie sich den „publizistischen Richtlinien“ Springers mitsamt dem Trennungsgebot von Redaktion und Werbung verpflichtet. Andererseits müsse man auch dem speziellen Nutzungsverhalten im Internet Rechnung tragen. Hier würden andere „Spielregeln“ gelten, was aber keine Ausrede zu einer Vermischung von Redaktion und Werbung darstellen solle.

Das ist vage, es gibt aber auch Konkreteres: Am 20. September gab die Axel Springer AG bekannt, man habe die Organisationsstruktur von Bild.T-Online so geändert, dass sie „noch stärker“ eine „konsequente Trennung von Redaktion und werblichen Inhalten“ reflektiere. Das soll nach den Worten von Fels auch beinhalten, dass es nun keine Bild.de-Redakteure mehr gibt, die sowohl werbliche als auch redaktionelle Texte schreiben. Die „technische Umsetzung“ der neuen Richtlinien für die Trennung von Redaktion und Werbung sei aber schwierig, und es könne noch einige Zeit dauern, bis sie vollständig sei.

Fakt ist: Anders als noch vor zwei Wochen lässt einen das Erotik-Portal von Bild.de nicht mehr in dem Glauben, es gehe hier um irgendwie geartete redaktionelle Inhalte. Fakt ist auch: Noch sind lange nicht alle werblichen Links wie vorgeschrieben (und angeblich angestrebt) als solche gekennzeichnet.

Dass Bild.de, wie es aussieht, gerade ein bisschen mehr Wert auf eine Trennung von Redaktion und Werbung legt, soll auch mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden zusammenhängen: Gregor Stemmle, der von „Bild“ kommt, führt seit 1. Juni das Unternehmen. Und auch das Urteil des Berliner Landgerichtes gegen einen typischen Schleichwerbefall bei Bild.de dürfte eine Rolle spielen. Schließlich ist die Trennung nicht nur guter Stil, sondern gesetzlich vorgeschrieben.

Und wir fassen zusammen: Falls Mathias Döpfner es ernst meint mit seiner Warnung vor der „brandgefährlichen“ Vermischung kommerzieller und redaktioneller Inhalte, ist das offenbar nicht nur ein Appell an andere, sondern nicht zuletzt auch an sein eigenes Haus.

PS: Aktuell informiert Bild.de über eine finnische Studie, wonach „ungerechte Chefs“ angeblich das Leben verkürzen. Zum Thema hat Bild.de einen Kasten „Ihr Recht“ mit vier Links eingebaut (Ausriss links). Die ersten beiden sind reine Werbelinks, der dritte führt zu einem offensichtlich durch kommerzielle Interessen desselben Werbepartners inspirierten redaktionellen Beitrag, der vierte zu einem redaktionellen Text. Zu unterscheiden sind sie nicht.

Nachtrag, 1. November. Vier Tage lang hatte der lustig gemischte Werbe-Redaktions-Kasten auf der Seite gestanden. Am Tag, nachdem wir darüber berichteten, ist er entfernt worden. Wenn der Weg zu einem Online-Angebot Bild.de, das dem Gesetz und den behaupteten eigenen Ansprüchen genügt, darüber führt, dass erst jeder einzelne Verstoß öffentlich gemacht werden muss, wird es ein langer Weg.

Gekürztes Feingefühl

Am Donnerstagabend vergangener Woche ereignete sich ein Verkehrsunfall, in dessen Folge eine Frau ihr Leben verlor und der Fahrer des zweiten am Unfall beteiligten Autos schwer verletzt wurde. Sein Beifahrer überlebte den Unfall leicht verletzt und heißt Max Mutzke.

Bild.de, „Bild“ und „BamS“ berichteten anschließend ausführlich, detailverliebt und spekulativ über den „Horror-Unfall“, wie Bild.de, „Bild“ und „BamS“ ihn nennen. Mutzke selbst will sich zum Unfall gegenüber der Presse nicht äußern. Und so ähnlich stand’s auch in der „BamS“:

„Max Mutzke selbst will sich in der Öffentlichkeit nicht äußern. Er erklärte lediglich in einer Internet-Botschaft an seine Fans: ‘Liebe Freunde, macht Euch um mich keine Sorgen. Ich bin unverletzt.’ Sein tiefes Mitgefühl gelte den Angehörigen der Verstorbenen.“

Was in „BamS“, „Bild“ oder bei Bild.de nicht steht, ist der Mittelteil von Mutzkes „Internet-Botschaft“. Er lautet:

„Was mich allerdings sehr bedrückt, ist die Berichterstattung einiger Medien, die aus dem tragischen Tod einer jungen Frau eine Promi-Geschichte über mich machen. Der Anstand und die Pietät gebieten hier meiner Meinung nach mehr Feingefühl für die Familie der Verstorbenen.“

Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.

Symbolfoto XVIII

Minu Barati und Joschka Fischer haben am Sonnabend geheiratet. Und da ist es natürlich kein Wunder, dass „Bild“ heute darüber berichtet. Sogar „Exklusiv-Fotos“ hat „Bild“ sich besorgt.

Auf der Seite 10 sind es ganze sechs Stück. Auf dreien von ihnen ist Barati zu sehen. Und drei weitere Fotos zeigen Joschka Fischer. Auf keinem der sechs Paparazzi-Fotos, die „Bild“ druckt, sind sie gemeinsam abgebildet.

Die „Bild“-Titelseite aber sieht so aus:

Neben die Abbildung hat „Bild“ folgenden Text geschrieben:

Wunderschöne Braut: Minu Barati (29) verlässt im champagnerfarbenen Kleid als 5. Ehefrau von Joschka Fischer das Rathaus von Rom. Rechts: Noch-Außenminister Fischer (57) auf dem Weg zum Hochzeitsessen Fotos: ABACA

Und der Text kommt einem ja nun etwas seltsam vor. Warum diese umständlich, zweigeteilte Formulierung, wenn die „5. Ehefrau von Joschka Fischer“ und der „Noch-Außenminister“ doch scheinbar gemeinsam auf dem Weg zum Hochzeitsessen das Rathaus von Rom verlassen? Im Grunde ganz einfach: Sie tun es gar nicht. Für die Aufmacher-Optik hat „Bild“ einfach zwei Paparazzi-Fotos von Fischer und Barati genommen, wie sie auch auf Seite 10 abgebildet sind, und nebeneinander montiert.

Wenn man das weiß, dann erkennt man sogar relativ schnell, dass es das schöne Paarfoto, das „Bild“ heute auf seiner Titelseite zeigt, gar nicht gibt. Aber eben nur dann.

PS: Bild.de hat sich für eine andere Symbolfotovariante entschieden und illustriert den Satz „Joschka Fischer hat seine Lebensgefährtin Minu in Rom geheiratet“ (ohne weiteren Kommentar) mit einem Foto vom 10. Mai 2005, das die beiden im Anschluss an die Verleihung des Leo-Baeck-Preises in Berlin zeigt.

Ausgebeutet: Der gute Ruf von „Bild“

"taz"-Werbespot
Kommt ein schmerbäuchiger Mann im Feinripp-Unterhemd zum Kiosk. Sagt: „Gib ma Zeitung.“ Sagt der Kiosk-Besitzer: „Is aus“, und schiebt ihm eine „taz“ rüber. Sagt der Feinripp-Typ: „Wat is dat denn?“, blättert lustlos in dem Papier, stöhnt: „Mach mich nich fertig, du.“ Bedrohliche Pause. Endlich greift der Kiosk-Besitzer unter die Ladentheke und gibt ihm eine „Bild“. Erleichterung. Alle grölen.

Ein anderer Tag. Der Feinripp-Schmerbauch geht wieder zum Kiosk. „Gib ma ‘taz'“, sagt der Mann. Fassungsloses Schweigen am Kiosk. Endlich prustet der Schmierbauch los. Alle lachen über seinen Witz.

Slogan: „taz ist nicht für jeden. Das ist OK so.“

Die Axel Springer AG hat die „tageszeitung“ aufgefordert, diesen Kino-Spot nicht mehr zeigen zu lassen. Die Anwälte erklärten, es handle sich um eine „Rufausbeutung der Marke ‘Bild'“ und um „unzulässige vergleichende Werbung“. Die „taz“ will die ihr gesetzte Frist einfach verstreichen lassen.

Nachtrag, 1. November. Die „F.A.Z.“ berichtet, Springer habe am Montag eine einstweilige Verfügung gegen die „taz“-Werbung erwirkt. Sie zitiert den „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich mit den Worten: „Unsere Leser werden hier in einer Weise herabgesetzt und herabgewürdigt, die wir nicht akzeptieren können. Wir stellen uns vor unsere Leser.“

Nachtrag, 4. November. Die „taz“ bestätigt heute, dass sie den Spot vorläufig nicht mehr zeigen darf. Sonst droht ihr ein Ordnungsgeld von bis zu 250.000 Euro. Sie will gegen die einstweilige Verfügung gerichtlich vorgehen.

Sind immer die andern

Damals, im Januar 2001 beispielsweise, als „Bild“ ein Foto von Jürgen Trittin manipuliert hatte, entschuldigte sich „Bild“ anschließend dahingehend, „bei der Auswertung weiterer Fotos und Videobänder“ festgestellt zu haben, dass es sich dabei um einen Fehler handelte. Als im Juli 2004 die „BamS“ behauptet hatte, „Beweis-Fotos“ von einer angeblichen „Liebesnacht“ Oliver Kahns zu zeigen, die gar keine „Beweis-Fotos“ waren, hieß es anschließend, man sei „trotz intensiver Quellenprüfung (…) Opfer eines Betrügers geworden“. So sind sie halt bei „Bild“. Und am 30. September 2005 hatte „Bild“-Kolumnist Mainhardt Graf Nayhauß behauptet:

„Die teuersten Ladenhüter sind elektronische ‘Schrittzähler’ von Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD). Das teure Wander-Zubehör sollte unters Wahlvolk gebracht werden – jetzt wird es in anderen Ministerien verteilt.“

Auch das stimmte nicht, weshalb es in der gestrigen „Bild“ hieß:

„Von den rund 69 000 ausgelieferten Schrittzählern wurden nämlich rund 58 000 Stück unter der Bevölkerung verteilt und nur 180 Stück in Bundesministerien. In den ‘Top 10′ vom 30. September war der Eindruck entstanden, die gesundheitsfördernden Zähler seien vor allem an Ministeriums-Mitarbeiter verteilt worden.“

Davon, dass man einen Fehler gemacht hat, will „Bild“ dennoch nichts wissen. Stattdessen nennt’s Autor Nayhauß lieber die…

„peinlichste Fehlinformation, die mir gesteckt worden ist“.

Mit Dank an Sebastian K. und das BMGS für den Hinweis.

Grundkurs Politik

Wir wissen nicht, welche Voraussetzungen man mitbringen muss, um Parlamentskorrespondent der „Bild“-Zeitung zu werden. Grundkenntnisse über das parlamentarische System der Bundesrepublik gehören anscheinend nicht dazu.

Denn von den möglichen Beispielen, unnötige Ausgaben für Politiker anzuprangern, hat sich „Bild“ als erstes das untauglichste ausgesucht:

(…) trotz aller Spar-Appelle an die Bürger haben Parlament und Parteien schon vor der Regierungsbildung kräftig hingelangt. Wenn es um ihre eigenen Belange geht, ist für unsere Politiker Sparen wohl ein Fremdwort.

Der neue Bundestag ist deutlich größer als der bisherige (614 statt 603 Abgeordnete). Mehrkosten für den Steuerzahler: Gut 116 000 Euro/Monat, dazu weitere bis zu 117 000 für Mitarbeiter.

Ja, so sind sie, unsere Selbstbedienungs- und Kräftig-Hinlang-Politiker. Haben einfach noch elf Freunde in den Bundestag mit reingeschmuggelt. Auf die Gästeliste gesetzt, den Türsteher bequatscht, hinten unauffällig noch ein paar Stühle dazugestellt, fällt ja keinem auf, lohnt sich aber. Oder vielleicht als erste Amtshandlung mal mit einer ganz großen Koalition den Bundestag vergrößert, damit Franz-Willi, Hildegard und Manfred auch noch unterkommen.

Fast. Außer, dass die Zahl der zusätzlichen Abgeordneten nichts mit mangelndem Sparwillen der Politiker zu tun hat, sondern schlicht eine Folge des Wahlergebnisses ist, durch das nach dem deutschen Wahlsystem eine Reihe von Überhangmandaten entstanden.

Danke an Jan I.!

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