Evolution im Eiltempo

„Bild“ macht Oskar Lafontaine heute ganz ironisch zum „Gewinner des Tages“. Ihm wurde nämlich von der „Wirtschaftswoche“ der „Dodo-Preis für ökonomische Dummheit“ verliehen. „Bild“ schreibt:

Der „Dodo“ war ein flugunfähiger, rund ein Meter großer Insel-Vogel, der wegen seiner mangelnden Lern- und Anpassungsfähigkeit ausstarb.

„Bild“ hat diese Charakterisierung des Dodos zwar von der „Wirtschaftswoche“ übernommen, falsch ist sie aber trotzdem. Und sie zeugt von ziemlich übersteigerten Erwartungen an die Evolution. Der Dodo, der bis zur Besiedelung seines Lebensraums keinerlei Feinde hatte, wurde nämlich ausgerottet. Er ist hungrigen Matrosen, abgeholzten Wäldern und eingeschleppten Affen, Ratten und Schweinen, zum Opfer gefallen.

So gesehen hätte die „Wirtschaftswoche“ den Preis ebenso gut nach den Einwohnern Pompejis nennen können. Diesen Dummerchen ist es ja auch nicht gelungen, sich an herabfallendes Gestein, Flugasche und pyroklastische Ströme zu gewöhnen.

Mit bestem Dank für den Hinweis und die Pointe an Stefan E.

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Allgemein  

Der Schnarch-Skandal von Lübeck

Es ist der Stoff, aus dem Boulevardzeitungs-Träume sind. Ein Häftling bricht für einen Tag aus dem Gefängnis aus, klettert einfach über den Zaun, und die Aufseherin merkt nichts, weil sie ein Buch liest, aber ein anderer Häftling fotografiert alles und informiert exklusiv die „Bild“-Zeitung. Die macht daraus natürlich eine riesige Geschichte über den „Skandal-Knast von Lübeck“ und den „Schnarch-Skandal in der Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof“:

Hier haut ein Knacki ab ... und hier sitzt die Aufseherin in der Sonne

Noch schöner sind solche Knüller natürlich, wenn sie auch stimmen. Also, wenigstens ein bißchen. Wenn sich nicht hinterher herausstellt, dass der angebliche „Knacki“ schon im Juli vorigen Jahres entlassen worden sei. Und dass sich die Aufseherin schon seit zweieinhalb Jahren in Altersteilzeit befinde. Und dass der abgebildete Zaun gar kein „Sicherheitszaun“ („Bild“) sei, der das Ausbrechen von Gefangenen verhindern soll, sondern nur eine harmlose Begrenzung. Und dass es für Gefangene im offenen Vollzugsbereich, um den es geht, gar keinen Sinn ergebe, über einen Zaun zu klettern, weil sie einfach durch die Tür gehen könnten. Und dass dieser Bereich mit dem Hochsicherheitsbereich, aus dem im vergangenen Jahr spektakulär der Schwerverbrecher Christian Bogner flüchtete, wie „Bild“ bedeutungsvoll erwähnt, nicht das Geringste zu tun habe.

All das haben aber Recherchen der „Lübecker Nachrichten“ (LN) ergeben, die in der heutigen Ausgabe der LN nachzulesen sind. Ein Sprecher des Justizministeriums wird darin mit dem schlichten Satz zitiert: „Die Bilder sind ein Fake.“

Die „Lübecker Nachrichten“ gehören übrigens fast zur Hälfte zur Axel Springer AG, in der auch „Bild“ erscheint. Ihr Artikel endet mit dem Satz:

Die Bild-Zeitung wollte sich dazu gestern nicht äußern.

Vielen Dank an Carsten S. für den Hinweis!

Ich weiß nix!

Nachdem die Schauspielerin Alexandra Neldel einer BILD-Mitarbeiterin ausdrücklich erklärt hatte, dass sie sich zu ihrem Privatleben nicht äußere, stand anschließend in einer „Bild“-Kolumne von Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann unter anderem:

„Der ‘Verliebt in Berlin’-Star, bislang als Single geltend, gestand im Getümmel: ‘Ich bin verliebt!'“

Und weil das nicht stimmt, was da in der „Bild“-Kolumne von Christiane „Ich betexte Fotos!“ Hoffmann stand, steht heute auf Bild.de (und voraussichtlich am kommenden Samstag auch in „Bild“) eine Gegendarstellung*.

Und dass das nicht stimmt, was da in der „Bild“-Kolumne von Christiane „Ich denk’ mir mal was aus!“ Hoffmann stand, steht heute auf Bild.de (und hoffentlich am kommenden Samstag auch in „Bild“), wie gewohnt unter der Gegendarstellung. Da nämlich schreibt „die Redaktion“ über Neldel:

Sie hat recht.
 
Mehr dazu hier, hier und hier.

*) Text online nicht mehr verfügbar.

Sunniten? Schiiten?

„Bild“ berichtet heute auf der letzten Seite über eine Massenpanik an einer Pilgerstätte des Islam in Bagdad. Im Text heißt es:

1,5 Millionen Iraker pilgerten zur Grabmoschee des Imam Mussa al Kadim, eines sunnitischen Heiligen.

Anders als „Bild“ schreibt, handelt es sich bei Mussa al Kadim (auch: Musa al Kadim, Mussa al-Kazim u.a.) aber nicht um einen sunnitischen Heiligen, sondern um den siebten Imam nach der Lehre der Imamiten oder Zwölferschiiten, also um einen schiitischen Heiligen. Die Heiligenverehrung wird zumindest von orthodoxen Sunniten sogar abgelehnt. (Und auch sonst gibt es einige Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten).

Bloß eine kleine Verwechslung, ein Flüchtigkeitsfehler? Schon möglich. Auf jeden Fall ist es aber ein Fehler, der den Verdacht nahe legt, dass „Bild“ die gegenwärtigen politischen, gesellschaftlichen und religiösen Spannungen im Irak völlig Schnurz sind. Anders als anderen Zeitungen.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Peter B.

Kurz korrigiert (10)

Am 26. August 2004 passierte im Wiehltal ein Unfall. Medienberichten zufolge nannte ihn die Polizei damals den „folgenschwersten Verkehrsunfall, den es in Deutschland je gab“. Ein Tanklaster fiel auf der A4 kurz hinter der Abfahrt Gummersbach von der Wiehltalbrücke. Über 30.000 Liter Kraftstoff gingen in Flammen auf. Gestern begann der Prozess gegen den mutmaßlichen Verursacher des Unfalls. Und die prozessbegleitende Berichterstattung auch. Bild.de allerdings schrieb in der Zusammenfassung des Unfallhergangs:

Und das ist seltsam, weil die Wiehltalbrücke an ihrer höchsten Stelle doch nur 60 Meter hoch ist.

Nachtrag:
Wie der Landesbetrieb Straßenbau Nordrhein-Westfalen damals mitteilte, war der Tanklaster übrigens „etwa 10 Meter unterhalb der Brücke ausgebrannt“.

Mit Dank an Philipp N. und Stefan für die Hinweise.

Hauptsache Superlativ

Drei Tage ist es her, da berichtete die Sonntagsausgabe aus dem Hause „Bild“ groß über „die älteste Frau der Welt“:

„127 Jahre ist die rüstige Dame aus El Salvador alt – und immer noch gesund und munter.“

Ihr Name: Cruz Hernandez.

Und heute, drei Tage später, meldet die Werktagsausgabe aus dem Hause „Bild“ klein auf der Titelseite:

„Im Alter von 115 Jahren ist in den Niederlanden der älteste Mensch der Welt gestorben.“

Ihr Name: Hendrikje Andel-Schipper.

Seltsam, oder? Eigentlich nicht.

Tatütata

Bitte beantworten Sie die folgende dreiteilige Frage:

Erstens: Welchem Zweck dient Ihrer Ansicht nach der Einsatz von Blaulicht und Martinshorn an Polizeifahrzeugen? Zweitens: In welcher Situation werden die Signale eingesetzt? Drittens: Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen Blaulicht und Martinshorn die notwendige Eindeutigkeit polizeilicher Zeichen und Weisungen nicht gewährleisten?

Antwortvorschlag A
Einsatzfahrzeuge der Polizei nutzen Martinshorn und Blaulicht meist, damit andere Autofahrer Platz machen. Das Polizeiauto befindet sich auf dem Weg zu seinem Einsatzort. Aber letztens, wollte die Polizei mich bloß mit Blaulicht und Martinshorn anhalten, was ich zuerst gar nicht richtig begriffen hatte, weil ich die Leuchtschrift „Stop Polizei“ zunächst übersehen hatte. Da wär’ ein anderes Signal vielleicht praktischer.

Antwortvorschlag B
Einsatzfahrzeuge der Polizei nutzen Martinshorn und Blaulicht meist, damit andere Autofahrer Platz machen. Die Beamten haben tierischen Kohldampf und Kaffeedurst und sind auf dem Weg zu „Dunkin’ Donuts“. Wenn die jetzt aber ‘n echten Einsatz haben, wär’ so’n extra Zeichen natürlich super — könnt’ ich gleich hinterher.

Wenn Sie sich für Antwort B entschieden haben, sind Sie höchstwahrscheinlich „Bild“-Redakteur und für diesen kurzen Text auf der heutigen Titelseite verantwortlich:

Darin heißt es nämlich:

Zivilfahnder, Streifenbeamte und Autobahn-Cops donnern künftig mit dem Heulton „Yelp“ der US-Polizei zu ihren Einsätzen.

Wenn Sie sich aber für Antwort A entschieden haben, ist diese Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums sicher interessant. Und für alle, die sich für Antwort B entschieden haben sowieso.

Mit Dank für den Hinweis an Boris T. und Frank R.

Kurz korrigiert (9)

Zunächst aber ein kurzer Moment der Besinnung: Denn nach christlicher Überlieferung wurde vor rund 2000 Jahren ein Mann brutal hingerichtet. Die öffentliche Hinrichtungsszene selbst wird in „Bild“ in der Bibel detailliert beschrieben und ist von zentraler Bedeutung für den christlichen Glauben, weil die Hinrichtung „als stellvertretender Tod für die Sünden der Welt“ verstanden wird. Das ist nicht nichts. Der Überlieferung zufolge soll der Hingerichtete seinen Peinigern zudem noch kurz vor seinem qualvollen Tod die Häme, den Spott und die grobe Missachtung seiner Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde in einem ungeheuerlichen Akt der Nächstenliebe verziehen haben, derweil Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann rund 2000 Jahre später in „Bild“ über Topflappen und fleischgewordene Klingeltöne berichtete.

Jedoch begann Hoffmann ihren Kolumnen-Text über die sog. „MTV-Awards“ in der gestrigen „Bild“-Zeitung mit einem "Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lukas 23, 33)kurzen Moment der Besinnung – genauer gesagt, mit einem kurzen Bibelvers aus obiger Hinrichtungsszene (siehe Ausriss).

Doch anders als Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann in Europas größter Kirchenzeitung Tageszeitung behauptete, lautet der Bibel-Vers Lukas 23, 33:

„Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.“

Mit Dank an Frank P. und Ingo F. für den Hinweis.

Adrian-Benjamin II

Das ging schnell. Vor drei Tagen hatte „Bild“ bekanntlich über die Geburt des Kindes von Anke Engelke berichtet und dabei einen falschen Namen, ein falsches Gewicht und ein falsches Datum angegeben. Heute ist schon die angekündigte Gegendarstellung im Blatt.

Bleibt zu ergänzen, dass auch der, durch die Ortsmarke suggerierte, Geburtsort falsch war. Und dass die Gegendarstellung mit einem mittlerweile gut bekannten Redaktionshinweis endet:

Kurz korrigiert (8): Papst und Busenmädchen

Ja, „Bild“ hat ein seltsames Weltbild.

Und gelegentlich tritt das sogar offen zutage – vorgestern zum Beispiel, als „Bild“ behauptete, Zakynthos sei „eine wunderschöne griechische Insel in der Ägäis“, obwohl Zakynthos doch gar nicht in der Ägäis, sondern im Ionischen Meer liegt.

Oder heute. Da heißt es nämlich bei Bild.de der „Turning Torso“ in Malmö sei „Europas höchstes Wohnhaus“. Dabei steht Europas höchstes Wohnhaus doch mitten in Europas größter Hauptstadt.

Und wer sich jetzt glaubt, dass Bild.de mit Europa womöglich die EU gemeint haben könnte: Nee, nee, die EU hat Bild.de nicht gemeint.

Mit Dank an Jan I. und andere für den Hinweis.

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