Pietätvoll

Heute Heute Heute Heute Heute Heute Heute? Am heutigen Mittwoch jedenfalls zeigt „Bild“ das Foto vom Grab einer 2003 verstorbenen (und von „Bild“ pietätvoll als „Gertrud Z.“ anonymisierten) Frau, deren Leichnam jetzt offenbar von der Polizei exhumiert und obduziert werden muss, weil „Gertrud Z.“ möglicherweise einem Mord zum Opfer fiel. Das „Bild“-Foto von Grab und Grabstein sieht so aus:

Ach ja: Der schwarze Balken überm Familiennamen von „Gertrud Z.“ stammt nicht von „Bild“, sondern wurde von uns nachträglich hinzugefügt.

Mit Dank an Marian S. für Hinweis und Scan.

Nachtrag, 25.9.2005:
Den Ort, an dem sich das Grab befindet, haben wir nachträglich ebenfalls mit einem schwarzen Balken unkenntlich gemacht.

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PR für Scientology (II)

Heute ist der letzte Teil einer „Bild“-Serie von Norbert Körzdörfer über Tom Cruise erschienen. Mit grenzenloser Bewunderung hat der „Bild“-Reporter drei Tage nacheinander jeweils ganzseitig vor allem immer wieder eines beschrieben: Wie der Schauspieler es geschafft hat, „von ganz unten nach ganz oben“ zu kommen.

An einer Stelle lässt Körzdörfer Cruise erklären, was seinem Leben die entscheidende Wendung gegeben hat:

„Erst ein Lerntechnik-Buch von Ron Hubbard († 1986, Gründer von ‘Scientology’, die in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet wird) hat aus mir einen neuen Menschen gemacht! Sonst wäre ich nicht das, was ich heute bin… Alle fragen: ‘Wie hast du das geschafft?’ So! Lernen, lernen, lernen! Soll ich lügen?“

Es gibt in den vielen Hundert Zeilen der Serie keine einzige Stelle, an der Körzdörfer den Hauch eines Zweifels erkennen lässt an dem Weg, den Tom Cruise gegangen ist, keine Nachfrage, keine Distanz. Im Gegenteil. Bevor Körzdörfer sich von Cruise verabschiedet („Wir umarmen uns. Wir lassen uns los. Wir gehen unsere Wege“), urteilt er:

Tom steht zu dem Weg, den er gegangen ist. Er lügt nicht. Er verbirgt nichts.

Körzdörfers Bewunderung beschränkt sich nicht auf den Hollywood-Star Cruise, sie bezieht sich auf den ganzen Menschen, den er als in jeder Hinsicht bewundernswert beschreibt. Wer alle Teile der Serie liest, muss zu dem Schluss kommen, dass das Erfolgsgeheimnis von Cruise Scientology ist. Nur an zwei Stellen erwähnt Körzdörfer den Namen dieser Organisation — beide Male im denkbar positivsten Zusammenhang. Der eine Satz ist der oben zitierte. Darin bleibt die Beobachtung durch den Verfassungsschutz nicht nur unerklärt; der Hinweis darauf wird auch so versteckt, dass er die Botschaft kaum verstellt: „[Die Scientology-Methode] … hat aus mir einen neuen Menschen gemacht“. Der zweite Satz lautet so:

Er kämpft als Vater, Star – und „Scientologe“ – gegen Psychopillen für Schüler, gegen Drogen, gegen Kriminalität!

Scientologen, so vermittelt Körzdörfer in „Bild“, werden aus unerfindlichen Gründen vom deutschen Verfassungsschutz beobachtet, dabei machen sie aus erfolglosen Menschen erfolgreiche Menschen und kämpfen gegen das Böse in der Welt.

Wenn Scientology für viel Geld einen Artikel in Auftrag gegeben hätte, der das Wirken und Wesen der Organisation in einem grenzenlos positiven Licht zeigen soll — er hätte nicht besser ausfallen können als diese „Bild“-Serie.

Cruise selbst mischt konsequent Werbung für seinen neuen Film mit Werbung für Scientology. Laut „Berliner Zeitung“ bestand er beim Dreh darauf, ein Scientology-Info-Zelt aufstellen zu lassen; „beinah alle Journalisten, die ein Interview mit ihm führen wollten, [mussten] erst eine vierstündige Besichtigungstour durchs Scientology-Quartier bewältigen.“ Während der Europapremiere in Berlin wurde „auf der anderen Straßenseite derweil an einem Stand Werbung für Schriften des Scientology-Gründers L. Ron Hubbard gemacht“, schreibt die „Berliner Morgenpost“. Welche Bedeutung die Organisation für sein Leben hat, geht auch aus einem erstaunlichen Interview im aktuellen „Focus“ hervor.

Am Montag, als der erste Teil der Serie mit einer fast werblichen Beschreibung der Arbeit der umstrittenen Scientology-Organisation „Narconon“ erschien, haben wir „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich telefonisch und in zwei E-Mails um eine Stellungnahme gebeten. Wir schilderten den Fall und stellten folgende Fragen:

  • Warum wirbt „Bild“ für Scientology?
  • Warum verschweigt „Bild“ die Gefahren von Narconon?
  • Hält „Bild“ Scientology für eine unbedenkliche Organisation?
  • Hält „Bild“ Narconon für ein unbedenkliches Verfahren?
  • Was antwortet „Bild“ dem naheliegenden Vorwurf, sich für einen „Exklusiv“-Besuch bei Tom Cruise für Scientology-PR missbrauchen zu lassen?

„Bild“ hat darauf nicht geanwortet.

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„Bild“ rühmt Scientology-Organisation

Eigentlich sollte der Name „Scientology“ bekannt genug sein, um jeden Journalisten zu warnen. Um ihn dazu zu bringen, ein bisschen zu recherchieren, bevor er sich auf ein „exklusives“ Interview mit einem bekennenden Scientology-Mitglied einlässt. Damit er nicht durch Unbedarftheit Teil der PR-Maschine einer Organisation wird, die laut Verfassungsschutz ein „gut funktionierendes Unternehmen“ ist, „das vor allem das rücksichtslose Gewinnstreben zur Handlungsmaxime erklärt hat und auch danach verfährt“ und dessen Praktiken nach einem Urteil des Bundesarbeitsgerichtes 1995 als „menschenverachtend“ und für Betroffene „gesundheitsgefährdend“ zu werten sind.

„Bild“-Reporter Norbert Körzdörfer hätte vor seinem Besuch bei Tom Cruise nicht viel im Internet recherchieren müssen, um das herauszufinden. Er hätte auch in irgendeinem Archiv nachlesen können, was von der Organisation „Narconon“ zu halten ist, deren Center in Oklahoma er mit Cruise besuchte — Körzdörfer nennt es treuherzig ein „Drogen-Rehabilitationszentrum“.

Der „Spiegel“ berichtete 1991:

Die geschäftstüchtige Scientology-Sekte verdient zunehmend am Elend von Süchtigen. Der Tarnverein Narconon bietet eine Therapie an, die nach Ansicht von Suchtexperten und Fachärzten nicht nur nutzlos, sondern auch gesundheitsschädlich ist. Ehemalige Narconon-Patienten sprechen von folterähnlichen Ritualen. (…)

Mit untauglichen Methoden versuchen sich Anhänger der weltweiten Psycho-Sekte Scientology (…) im Rauschmittel-Entzug. Das Ergebnis ist meist nur neue Abhängigkeit: Statt Koks oder Heroin verabreicht Narconon die Seelen-Droge Scientology.

Die „FAZ“ zitierte 1997 den Bayerischen Innenminister Günther Beckstein:

(…) die [Scientology-]Unterorganisation „Narconon“ behaupte, jungen Rauschgiftabhängigen helfen zu können. In Wirklichkeit gehe es darum, die Eltern auszubeuten, sie und ihre Kinder aber einfach fallenzulassen, wenn kein Geld mehr da sei.

Die „Welt“, eine Schwesterzeitung von „Bild“, schrieb 2002, dass der Berliner Drogenbeauftragte bereits 1978 „eindringlich vor Narconon“ gewarnt habe:

So bestehe unter anderem die „Gefahr einer irrationalen Anpassung an die hausinterne Hierarchie“ des Programms.

Und als der „Spiegel“ am 25. April 2005 ein Interview mit Tom Cruise führte (englische Version), kam es zu folgendem Wortwechsel:

Cruise: Ich bin ein Helfer. Ich selbst habe zum Beispiel Hunderten Leuten geholfen, von Drogen loszukommen. Wir bei Scientology haben das einzig erfolgreiche Drogen-Rehabilitationsprogramm der Welt. Es heißt Narconon.

SPIEGEL: Das stimmt nicht. Unter den anerkannten Entzugsverfahren taucht Ihres nirgends auf; unabhängige Mediziner warnen davor, weil es auf Pseudowissenschaft beruhe.

Cruise: Sie verstehen nicht, was ich sage. Es ist eine statistisch erwiesene Tatsache, dass es nur ein erfolgreiches Drogen-Rehabilitationsprogramm gibt in der Welt. Punkt.

SPIEGEL: Bei allem Respekt: Wir bezweifeln das, Mr. Cruise.

Nun aber durfte „Bild“-Reporter Norbert Körzdörfer Tom Cruise besuchen — „exklusiv. Live. In Amerika.“ Schon vor zwei Wochen ließ er sich glücklich mit Cruise fotografieren (siehe Ausrisse) und schwärmte außerordentlich vom Treffen mit dem „begehrtesten Mann des Planeten“, dem „Star der Stars, Hollywoods Nr. 1″, einer „Ikone der Jetzt-Zeit“, „mit einer Aura emotionaler Intelligenz“. Jetzt nennt Körzdörfer Cruise u.a. „Ein Mann! Eine Ikone!“, „Hollywoods Mega-Star Nr. 1″, „Mega-Weltstar Nr. 1″, „Mehr Mensch als Star“, „den ’5-Milliarden-Dollar-Mann’ (Einspielergebnisse)“:

Er kämpft als Vater, Star – und „Scientologe“ – gegen Psychopillen für Schüler, gegen Drogen, gegen Kriminalität!

Nur in einer Klammer schreibt Körzdörfer, dass Scientology „in Deutschland vom Verfassungsschutz beobachtet“ wird — erklärt aber nicht einmal im Ansatz, warum das so ist und was Scientology überhaupt ist. Dann zitiert Körzdörfer Cruise mit den Worten: „Ich will das Richtige tun. Ich will helfen! Komm mit!“ Der Artikel geht wie folgt weiter:

Tom schlüpft in seine beige „Belstaff“-Lederjacke. Ein Jeep bringt uns zum „Narconon“-Center (Drogen-Rehabilitationszentrum).

Tom führt mich. Tom zeigt die Krankenzimmer. Die Helfer. Und die traurigen Augen der Patienten, die freiwillig gekommen sind, um aus ihrer eigenen Drogenhölle auszubrechen.

Diese Augen lächeln, wenn sie Tom Cruise sehen: „80 Prozent dieser Menschen schaffen es, die Drogen zu besiegen… “

Tom schreitet wie ein Cowboy durch diese Gänge der schmerzenden Hoffnung. Seine Körpersprache atmet Demut. Er lauscht. Ernst. Er preßt seine Lippen zusammen. Er nickt. Er ballt die Faust: „Ihr schafft das!“ Seine Augen lächeln zurück.

Tom ist kein Gott. Er ist verdammt menschlich. Er ist der Action-Star seines eigenen Lebens – live: „Es gibt so viel Leid! Ich muß helfen. Wenn ich am Ende des Tages meine Kinder sehe, will ich etwas Gutes getan haben…“

Man könnte nun staunen über die Naivität des „Bild“-Reporters, wenn da nicht ein Wort in diesem Text wäre, das darauf hindeuten könnte, dass er die Vorwürfe gegen „Narconon“ sehr wohl kennt. Es ist das scheinbar überflüssige Wort „freiwillig“ in dem Satz: „Und die traurigen Augen der Patienten, die freiwillig gekommen sind, um aus ihrer eigenen Drogenhölle auszubrechen.“ Man könnte auf den Gedanken kommen, dass Körzdörfer nicht versehentlich, sondern wissentlich Werbung für Scientology macht.

Wir haben die „Bild“-Zeitung heute gegen 14 Uhr um eine Stellungnahme gebeten, aber bislang keine Antwort erhalten. Weiterführende kritische Auseinandersetzungen mit „Narconon“ finden sich hier, hier, hier und hier. Danke an Jan T. und andere Hinweisgeber.

Nachtrag 28. Juni. Übrigens hatte auch Christiane F. („Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“) Narconon-Erfahrungen.

Alle Hervorhebungen in den Zitaten von uns.

Deutschlands dümmste…

Heute steht in verschiedenen „Bild“-Ausgaben ein Artikel der folgendermaßen überschrieben ist:

Und tatsächlich wurde die 8e der Oppenheim-Oberschule in Berlin Charlottenburg aufgelöst, weil von 22 Schülern 15 sitzen blieben. Von einem dieser Schüler zeigt „Bild“ ein Foto, auf dem der Junge mehr oder weniger unkenntlich gemacht wurde. „Bild“ nennt ihn „Ronny“ mit dem Hinweis, dass der „Name geändert“ wurde. Das ist ja auch nett. Wenn man nur Sechsen im Zeugnis hat, will man schließlich nicht auch noch seinen Namen in der Zeitung lesen.

Dumm nur, dass man bei „Bild“ dafür gesorgt hat, dass „Ronny“ sein Zeugnis geradewegs in die Kamera hält. Und oben auf diesem Zeugnis steht gut lesbar „Ronnys“ echter vollständiger Name. (Etwas besser ist das übrigens in der „Bild“ Berlin/Brandenburg gelöst. Dort wurde der volle Name auf dem Zeugnis geschwärzt, und der echte Vorname steht im Text.)

Nun wird die „Bild“-Berichterstattung über „Ronny“ zwar wahrscheinlich (oder: hoffentlich) keine unangenehmen Folgen für ihn haben. Aber „Bild“ verfährt auch in anderen Fällen so schlampig. Am 16. Juni beispielsweise, stand dieser Artikel über eine angebliche „Behörden-Schande“ in „Bild“. Dazu druckte das Blatt „das herzlose Schreiben der Arbeitsagentur“ ab. Darauf wurde zwar der Name der Empfängerin unleserlich gemacht — der Nachnamen des Sachbearbeiters oder der Sachbearbeiterin allerdings, der ließ sich mit wenig Mühe entziffern. Übrigens samt Telefon- und Faxnummer der zuständigen Behörde. Und das ist nun wirklich dumm.

Mit Dank an Alain K. und auch für den Scan an Stefan L.

Verwirrte „Tier Bild“-Freunde

Möglich, dass „Bild“ auf der Seite eins bloß ein bisschen Werbung für die bei Axel Springer erscheinende „Tier Bild“ machen wollte — und dabei sind dann einige Fakten etwas durcheinander geraten. Jedenfalls heißt es dort:

Das klingt zunächst ganz nachvollziehbar, Hundebesitzer aus Berlin zum Beispiel kennen das. Auch dort gilt ein ziemlich weitgehender Leinenzwang. Und im Text in „Bild“ steht:

Das Gesetz (gilt bereits in Berlin und Halle) soll heute beschlossen werden.

Und das stimmt leider ebensowenig wie die Überschrift. Tatsächlich gilt in Hamburg nämlich derzeit schon ein Leinenzwang, der dem in Berlin geltenden sehr ähnlich ist (das lässt sich beispielsweise hier und hier nachlesen).

Deshalb verwirrt die Überschrift, die man bei Bild.de für die Werbung den fast wortgleichen Artikel (nur der Hinweis auf Halle und Berlin fehlt) gewählt hat noch mehr:

In Hamburg — Erste deutsche Stadt mit Leinenzwang für Hunde

Das ist natürlich auch Unsinn, wie wir ja schon wissen.

Tatsächlich geht es um folgendes: Die Hamburger Bürgerschaft wird heute beschließen, dass eine neue Hundeverordnung ausgearbeitet werden soll, die einen generellen Leinenzwang für Hunde vorsieht. Das bedeutet, dass alle Hunde überall an der Leine zu führen sind. Nur wer einen sogenannten „Hundeführerschein“ macht, kann sich vom generellen Leinenzwang befreien lassen. Und wenn ein solches Gesetz tatsächlich wie geplant im Herbst verabschiedet wird, dann wäre Hamburg zwar immer noch nicht die „erste deutsche Stadt“ mit generellem Leinezwang möglicherweise aber die erste deutsche Großstadt.

Vielleicht ist es ja auch kein Wunder, dass sowohl „Bild“ als auch Bild-Online hier etwas durcheinander geraten sind. Die „Tier Bild“, auf die „Bild“ und Bild.de so freundlich hinweisen, schreibt zwar was von einem „generellen Leinenzwang“, erklärt aber nicht, was das bedeutet .

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Stefan R.

Wo Menschenverachtung beginnt

Anfang Mai, als der Prozess gegen Marc Hoffmann begann, brauchte „Bild“ nicht viele Worte, um den des Mordes und der Vergewaltigung Angeklagten so zu charakterisieren, wie sie es für richtig hielt. Es gab da eine große Überschrift, die keinen Platz für Zweifel ließ:

In einem kleinen Text gab „Bild“-Reporter René Ebensen außerdem Auskunft darüber, wie er den Mörder gesehen habe. Sein Fazit:

Er ist eine Bestie.

So einfach ist das in der Weltsicht von „Bild“, die ja schon viel früher ihr Urteil über Marc H. gefällt hatte.

Dass es vielleicht doch etwas komplizierter ist, kann man in einem ausführlichen Prozessbericht der „Süddeutschen Zeitung“ von gestern nachlesen. Am Ende des Artikels heißt es, dass das „Übermaß an Trauer“ der Hinterbliebenen wohl „keinen Raum lässt für Hass“. Und weiter:

Aber dafür gibt es ja „Bild“, das zentrale deutsche Hassorgan. „Da sitzt die fette Bestie“, steht über dem ersten Prozessbericht, und Reporter René E. schildert uns, wie Marc H. („aufgedunsen, fettige Haare, Pickel im Gesicht“) ihm einmal „direkt in die Augen“ schaut und wie ihm „ein kalter Schauer über den Rücken läuft“. Offensichtlich verblüfft registriert der Reporter: „Marc H. atmet und schwitzt wie ein Mensch“ (wo er doch in Wirklichkeit eine Bestie ist).

Die Folgen zwei und drei der Bild-Berichterstattung sind überschrieben: „Sie überführte die fette Bestie“ (über Vera S., die der Polizei den entscheidenden Hinweis auf Marc Hoffmann gab) und „Warum schützt der Richter die fette Bestie?“ (weil das Gericht während der Vernehmung des Sachverständigen Leygraf die Öffentlichkeit teilweise ausschloss).

Wahr ist, dass die Taten Marc Hoffmanns von erschreckender Gefühlskälte und Menschenverachtung zeugen. Aber Menschenverachtung beginnt nicht erst, wenn einer Kinder umbringt. Sie beginnt dort, wo einem das Menschsein aberkannt wird. Und wenn es ein Mörder ist.

Farbenblind

So, heute testen wir mal kurz die Reaktionsgeschwindigkeit von Bild.de:

Es ist 13.46 Uhr, und Bild.de berichtet unterhalb eines großen Fotos von Michael Schumachers silberfarbenem Privat-Ferrari (siehe Ausriss rechts) darüber, dass der Formel-1-Rennfahrer das abgebildete Auto bei Ebay hatte versteigern wollen, aber nicht hatte versteigern können. Im Text heißt es dazu unter anderem:

"Waren die Ferrari-Fans etwa sauer auf unseren Schumi? Fand der rote Flitzer deswegen keinen neuen Fahrer?"

Und die Uhr läuft ab… jetzt!

Mit Dank an Mischa B. für den Hinweis.

Nachtrag, 13:59:

Wiedersehen mit Belrus

Frage: Wenn die „Bild“-Zeitung ihre etwa 3,6 Millionen Käufer dazu aufruft, sich „Ihre Rundfunkgebühren zurückzuholen“, weil die Übertragung des Eurovision Song Contest „eine an Langeweile und Inkompetenz nicht zu überbietende TV-Katastrophe“ gewesen sei — wieviele Leser werden den vorbereiteten Coupon ausschneiden, ausfüllen und an die ARD abschicken?

Antwort: 768.

Vielleicht entspricht diese Zahl „ganz Deutschland“. Vielleicht haben die anderen Leser aber auch gemerkt, dass der zugehörige Artikel eine an Inkompetenz nicht zu überbietende „Bild“-Katastrophe war: „Bild“ nannte die Veranstaltung fälschlicherweise „European Song Contest“, erfand das Wort „Belrus“, glaubte fälschlicherweise, das sei englisch für „Weißrußland“, behauptete fälschlicherweise, das sei beim Grand-Prix eingeblendet gewesen und empörte sich fälschlicherweise, dass ARD-Kommentator Peter Urban das nicht übersetzt habe.

Volker Herres, der für die Sendung zuständige Programmdirektor des NDR, hat den 768 Gebühren-Zurückforderern jetzt einen Brief geschrieben:

Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass Sie einer falschen Darstellung der „Bild“-Zeitung aufgesessen sind. (…)

Wegen der falschen Darstellungen hat das Landgericht Hamburg am 3. und 6. Juni 2005 der „Bild“ per einstweiliger Verfügung eine Gegendarstellung auferlegt und die weitere Verbreitung des Artikels untersagt.

Vor diesem Hintergrund werden Sie mir zustimmen: Aufgrund eines fehlerhaften „Bild“-Artikels kann der NDR Ihnen nicht die Fernsehgebühren erstatten. Sollten Sie hingegen darüber nachdenken, wegen der irreführenden Berichterstattung den Kaufpreis der „Bild“ vom 23.Mai zurückzufordern, so nenne ich Ihnen gerne die entsprechende Anschrift: Bild-Zeitung, Herrn Chefredakteur Kai Diekmann, Axel-Springer-Platz 1, 20355 Hamburg.

Zwei Rügen für „Bild“

Die Presse achtet das Privatleben und die Intimsphäre des Menschen.

So lautet die Ziffer 8 des Pressekodex. Wegen Verstößen dagegen hat der Presserat Anfang Juni zwei nicht-öffentliche Rügen gegen die „Bild“-Zeitung ausgesprochen.

In einem Fall hatte „Bild“ mit Namen und Foto über den Unfall eines Arztehepaares berichtet, bei dem die Ehefrau ums Leben kam. Ein öffentliches Interesse an der Identifizierung habe nicht bestanden. „Bild“ habe die Geschichte zudem „unangemessen sensationell aufbereitet“. In einem anderen Fall ging es um die Auswirkungen von Hartz IV auf eine Familie. Der Ehemann sei mit der Berichterstattung ausdrücklich nicht einverstanden gewesen, trotzdem nannte „Bild“ Namen und Wohnort und zeigte ein Foto.

Xishuangbanna und Engesohde

Anlässlich des 70. Geburtstags von „Monopoly“ lüftet „Bild“ insgesamt „10 echte Monopoly-Geheimnisse“.

Geheimnis Nr. 4 lautet:

„Wußten Sie..?
…daß insgesamt über 200 Millionen Exemplare verkauft worden sind (…)? Die Fläche aller Spielbretter aneinandergelegt ergibt eine Fläche größer als Asien. (…)“

Und wir müssen gestehen, das wussten wir nicht – was aber möglicherweise daran liegt, dass es nicht stimmt: Denn laut „Bild“ ist dieses Asien dann entweder nicht größer als Bühlerzell, Bendorf (genauer gesagt, Bendorf und die VG Vallendar) oder das Ganlan Becken von Xishuangbanna, oder ein einzelnes Monopolyspielbrett ist ungefähr so groß wie der Stadtfriedhof Engesohde.

Mit Dank an Sebastian P. und Elmar G. fürs Vorrechnen.
 
Nachtrag, 13:00 (mit Dank an Joachim K. und Andreas G.):
Dass „Bild“ den falschen Asien-Vergleich womöglich ungeprüft von einer Monopoly-Werbewebsite abgeschrieben haben könnte, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil.

Nachtrag, 15:30 (mit Dank an Lukas S. und Daniel D.):
Der Asien-Vergleichsbeauftragte von „Bild“ hat seinen Dienst angetreten und das falsche „Geheimnis“ geändert. Jetzt heißt es bei Bild.de:

„Wußten Sie..?
…daß insgesamt mehr als 250 Millionen Exemplare verkauft worden sind? Alle Spielbretter aneinandergelegt ergeben eine Strecke, die dreimal länger als der Umfang der Erde ist (250 Millionen Stück x 0,50 Meter Spielfeldbreite = 125 Millionen Meter oder 125.000 Kilometer. Das ist mehr als dreimal soviel wie der Erdumfang von 40.076,592 Kilometern).“

PS: Schade nur, dass der Asien-Vergleichbeauftragte nicht zufälligerweise auch Papst-Experte ist. Denn dann hätte er bestimmt auch an dieser Meldung was korrigiert, oder?

Nachtrag, 16:17 (mit Dank an Stefan B.):
Ach ja: Und dass das „Monopoly-Geheimnis“ Nr. 8 so stimmt, darf offenbar ebenfalls bezweifelt werden.

Nachtrag, 16:44:
Jetzt hat auch der Papst-Beauftragte von „Bild“ seinen Dienst angetreten und diese Papst-Sache geändert.

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