Xishuangbanna und Engesohde

Anlässlich des 70. Geburtstags von „Monopoly“ lüftet „Bild“ insgesamt „10 echte Monopoly-Geheimnisse“.

Geheimnis Nr. 4 lautet:

„Wußten Sie..?
…daß insgesamt über 200 Millionen Exemplare verkauft worden sind (…)? Die Fläche aller Spielbretter aneinandergelegt ergibt eine Fläche größer als Asien. (…)“

Und wir müssen gestehen, das wussten wir nicht – was aber möglicherweise daran liegt, dass es nicht stimmt: Denn laut „Bild“ ist dieses Asien dann entweder nicht größer als Bühlerzell, Bendorf (genauer gesagt, Bendorf und die VG Vallendar) oder das Ganlan Becken von Xishuangbanna, oder ein einzelnes Monopolyspielbrett ist ungefähr so groß wie der Stadtfriedhof Engesohde.

Mit Dank an Sebastian P. und Elmar G. fürs Vorrechnen.
 
Nachtrag, 13:00 (mit Dank an Joachim K. und Andreas G.):
Dass „Bild“ den falschen Asien-Vergleich womöglich ungeprüft von einer Monopoly-Werbewebsite abgeschrieben haben könnte, macht die Sache nicht besser. Im Gegenteil.

Nachtrag, 15:30 (mit Dank an Lukas S. und Daniel D.):
Der Asien-Vergleichsbeauftragte von „Bild“ hat seinen Dienst angetreten und das falsche „Geheimnis“ geändert. Jetzt heißt es bei Bild.de:

„Wußten Sie..?
…daß insgesamt mehr als 250 Millionen Exemplare verkauft worden sind? Alle Spielbretter aneinandergelegt ergeben eine Strecke, die dreimal länger als der Umfang der Erde ist (250 Millionen Stück x 0,50 Meter Spielfeldbreite = 125 Millionen Meter oder 125.000 Kilometer. Das ist mehr als dreimal soviel wie der Erdumfang von 40.076,592 Kilometern).“

PS: Schade nur, dass der Asien-Vergleichbeauftragte nicht zufälligerweise auch Papst-Experte ist. Denn dann hätte er bestimmt auch an dieser Meldung was korrigiert, oder?

Nachtrag, 16:17 (mit Dank an Stefan B.):
Ach ja: Und dass das „Monopoly-Geheimnis“ Nr. 8 so stimmt, darf offenbar ebenfalls bezweifelt werden.

Nachtrag, 16:44:
Jetzt hat auch der Papst-Beauftragte von „Bild“ seinen Dienst angetreten und diese Papst-Sache geändert.

Noch eine Woche mit „Bild“…

„Wenn alle mitmachen, werden die nächsten vier Jahre ganz sicher so erfolgreich wie die vergangenen vier Jahre.“
(„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann am 1.11.2004)

Es ist noch nicht so lange her, da hatte man ja noch rückblickend denken können, zwei Einstweilige Verfügungen gegen „Bild“ sowie die Veröffentlichung von zwei Gegendarstellungen und allerhand schlechte Presse in einer einzigen Woche seien vielleicht ein bisschen viel gewesen.

Jetzt, eine Woche später, wissen wir’s besser. Denn hinzugekommen sind inzwischen: eine Unterlassungserklärung (nach der „Bild“ künftig nicht mehr, wie geschehen, angebliche Fotos aus der Krankenakte von Gregor Gysi veröffentlichen wird), eine große Gegendarstellung (wonach, wie „Bild“ selbst eingesteht, ein Bericht über Claudia Roth „jeglicher Grundlage“ entbehrte) sowie weitere zwei Gegendarstellungen (in denen der NDR falsche Berichte zum Eurovision Song Contest richtig stellt).

Ach ja, in der „Süddeutschen Zeitung“ stand am Samstag zudem eine Art Ausblick in die Zukunft. Dort nämlich hieß es:

„Die 24. Zivilkammer des Landgerichts Hamburg erließ am Donnerstag auf Antrag von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt eine einstweilige Verfügung, der zufolge das Blatt einen Bericht über Beförderungen im Berliner Ministerium auf der Titelseite über dem Bruch, also in der oberen Hälfte, gegendarstellen soll.“

Wogegen sich Claudia Roth wehrt

GegendarstellungSo ungefähr also (siehe Ausriss) sieht die heutige Seite 6 der „Bild“-Zeitung aus – weil dort unter anderem, ca. 4 cm groß, das Wort „Gegendarstellung“ steht.

Die Gegendarstellung selbst ist größer als ein DIN-A-4-Blatt, groß eben, so groß wie ein „Bild“-Artikel vom 20. April, den Claudia Roth und Volker Schäfer gegengedarstellt gegegendarstellt gegendargestellt wissen wollen. Der Anlass ist bekannt, der Text der Gegendarstellung im Kern auch. Anders als Bild.de hatte sich „Bild“ jedoch mit dem Abdruck schwerer getan, ein „Bild“-Sprecher sogar bekräftigt, die Fakten seien korrekt und man habe sich nichts vorzuwerfen.

Auch „Bild“-Chef Kai Diekmann gibt sich heute via „Süddeutsche Zeitung“ noch alle Mühe, die Sache klein zu reden (Zitat: „Sie wissen doch, dass eine Gegendarstellung bedeutet, dass der Vorwurf nicht wahr sein muss“). Doch heißt es in der Gegendarstellung – sinngemäß zusammengefasst – nicht nur, der durch die Berichterstattung erweckte Eindruck einer angeblichen „Amigo-Affäre“ von Roth und Schäfer „entbehrt jeglicher Grundlage“, nein…

… am Ende stellt „die Redaktion“ ausdrücklich fest:

"Frau Roth und Herr Schäfer haben Recht."

Wogegen sich Kai Diekmann wehrt

Heute veröffentlicht die „Frankfurter Rundschau“ zu diesem Artikel eine Gegendarstellung von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann:

Die Frankfurter Rundschau hat in der Ausgabe vom 9. Juni 2005 auf Seite 18 unter der Überschrift „Vendetta-Verdacht“ einen Beitrag von Oliver Gehrs veröffentlicht, der sich u.a. mit der Bild-Zeitung befasst. Darin heißt es unter Bezugnahme auf die Bild, die Schauspielerin Alexandra Neldel sei „wochenlang“ durch die Schlagzeilen gezerrt worden, nachdem sie sich gegen Nacktaufnahmen in einem anderen Springer-Blatt gewehrt habe.

Dazu stelle ich fest: Bild hat in dem von Oliver Gehrs angesprochenen Zeitraum nicht „wochenlang“ über Alexandra Neldel berichtet.

Ja: Kai Diekmann ist ein ehrenwerter Mann. Nie würde er es zulassen, dass seine Zeitung eine Schauspielerin wochenlang durch die Schlagzeilen zerrt, nachdem sie sich gegen Nacktaufnahmen in einem anderen Springer-Blatt gewehrt hat. Seine Zeitung hat die Schauspielerin Alexandra Neldel nur tagelang durch die Schlagzeilen gezerrt, nachdem sie sich gegen Nacktaufnahmen in einem anderen Springer-Blatt gewehrt hat.

Keine Extrawurst (Wahlkampf IV)

Mal angenommen, einem großen Konzern ginge es plötzlich wirtschaftlich ganz furchtbar mies. So mies sogar, dass er betriebsbedingte Kündigungen aussprechen müsste. Nehmen wir weiter an, rund 4.200 Mitarbeiter wären von der Entlassung bedroht. Das wäre schlimm für diese 4.200 Mitarbeiter. Oder?

Offenbar kann man das auch anders sehen, nämlich so wie „Bild“ es sieht, wenn es um Bundestagsmitarbeiter geht:

Und im Text heißt es:

Ihre Arbeitsverhältnisse enden mit Ablauf der Legislaturperiode — wegen der geplanten Neuwahlen jetzt ein Jahr früher als erwartet.

Doch sie fallen weich!

Besonders langjährige Mitarbeiter werden großzügig versorgt: Wer zwei volle Legislaturperioden im Bundestag gearbeitet hat und älter als 30 Jahre ist, bekommt vier Monate sein volles Gehalt weiter. Über 50jährige werden sechs Monate weiterbezahlt. Wenn sie drei Legislaturperioden im Bundestag beschäftigt waren, sogar neun Monate.

Das mag man als großzügig empfinden. Zumindest, was die Unter-50-Jährigen angeht, unterscheidet sich die Praxis im Bundestag aber kein bisschen von dem, was in der freien Wirtschaft üblich ist. Auch dort bekommen Mitarbeiter nämlich für gewöhnlich, beispielsweise bei betriebsbedingten Kündigungen, eine Abfindung. Die beträgt pro Jahr Betriebszugehörigkeit ein halbes Monatsgehalt. Bei acht Jahren Betriebszugehörigkeit ergäbe sich so beispielsweise eine Summe, die vier Monatsgehältern entspricht. Die über 50-jährigen allerdings, die könnten im Bundestag wohl auf etwas mehr Geld hoffen, als in der Wirtschaft üblich.

Aber vielleicht meint „Bild“ mit „Mehr Geld“ ja auch dies hier:

Nach neuesten Plänen der SPD sollen nun auch Fraktions- und Abgeordnetenmitarbeiter mit weniger Dienstjahren zwei Monate lang ihr Gehalt weiterbekommen.

Das ist zwar bislang nur eine Idee, und auch deren Umsetzung würde wohl keine gravierenden Unterschiede zur Wirtschafts-Praxis ergeben. In Einzelfällen ist es aber durchaus möglich, dass Bundestagsmitarbeiter mehr Geld bekommen, als in der Wirtschaft üblich. Aber muss man deshalb, wie „Bild“, komplett unterschlagen, dass es sich bei Abfindungszahlungen nicht um eine Sonderregelung für den Bundestag handelt?

Aber kommen wir zum so genannten „Luxus-Arbeitsamt“. Dazu schreibt „Bild“:

Übrigens: Auch von der Bundesagentur für Arbeit bekommen die betroffenen Mitarbeiter eine Extrawurst serviert: Für sie wird eigens ein Büro im Bundestag eingerichtet – sie müssen dann nicht auf überfüllten Amtsfluren stundenlang auf einen Termin warten …

Und dazu kann man nun ganz und gar nicht stehen, wie man will: Dass es sich dabei um eine „Extrawurst“ handeln soll, ist schlicht falsch. Es ist nämlich gängige Praxis der Bundesagentur für Arbeit (BA) bei Großkonzernen, in denen Massenentlassungen anstehen, Informationsveranstaltungen direkt im betroffenen Betrieb durchzuführen. Das, und noch ein wenig mehr, kann man übrigens einer Pressemitteilung des Deutschen Bundestags entnehmen.

Aber vielleicht kam es „Bild“ ja gar nicht so sehr darauf an, ihre Leser möglichst vollständig und zutreffend zu informieren. Sondern auf etwas ganz anderes.

Bastelstunde (Wahlkampf III)

„Hartz IV-Empfänger bekommen zuviel Geld“

Mit dieser brisanten Überschrift versucht Bild.de heute eine „These“ des Berliner SPD-Politikers Thilo Sarrazin zusammenzufassen. Der Internet-Ableger der „Bild“-Zeitung beruft sich dabei auf die heutige Ausgabe ihrer Berliner Schwesterzeitung „B.Z.“, die anlässlich einer am Montag gehaltenen Rede „vor 170 Wirtschaftsbossen“ über Sarrazin berichtet.

Wie in der „B.Z.“ zitiert Bild.de den SPD-Mann zunächst so:

„Wie jeder weiß, liegt der Marktlohn für ungelernte Tätigkeiten in Berlin gegenwärtig bei 4 bis 5 Euro.“

Anschließend aber heißt es in der „B.Z.“:

„Ein Hartz-IV-Empfänger müßte nach der Logik des Arbeitsmarktes aber darunter liegen, so Sarrazin.“
(Hervorhebung von uns.)

Bei Bild.de jedoch steht:

„Nach Meinung des Politikers müßte ein Hartz-IV-Empfänger darunter liegen.“

Das ist ein Unterschied. Aber noch nicht alles. Denn abgesehen davon, das Bild.de in die Meldung (mit den Worten „Sarrazin weiter:“) noch ein weiteres Zitat montiert, das der Politiker zwar am selben Tag aber an anderem Ort (laut „B.Z.“ nämlich „im Senat“) gesagt hat, folgt in der Online-Version von „Bild“ ein dritter O-Ton Sarrazins. Er lautet:

„Das geht los mit dem Auto. Das muß weg, das muß kleiner werden. Es geht weiter mit den Wohnungen. Die muß sich auch ein bißchen verkleinern. Und beim Essen gibt es weniger Wurst.“

Und, ja: Auch das hat Sarrazin gesagt – allerdings nicht vor den „Wirtschaftsbossen“, nicht im Senat, nicht am Montag. Das Zitat stammt auch nicht aus der „B.Z.“, zumindest nicht aus der von heute. Gesagt hat Sarrazin das vielmehr in einer TV-Talkshow des damaligen SFB vom 11.11.2002. Außerdem ging es damals, vor zweieinhalb Jahren, überhaupt nicht um Hartz IV, wie man beispielsweise in der „B.Z.“ vom 13.11.2002 nachlesen kann — im Hause „Bild“ aber nicht.

Mit Dank an Ron für die Anregung.

Symbolfoto X

„Bild“ versteht es nicht: Planeten außerhalb unseres Sonnensystems lassen sich nicht nur außerordentlich schwer nachweisen, sie lassen sich auch noch schlechter fotografieren. Erstens, weil sie ziemlich weit entfernt sind, und zweitens werden sie von einem sonnenähnlichen Stern, den sie umkreisen, überstrahlt. Deshalb gibt es auch keine wirklich guten Bilder von ihnen. (Es gibt überhaupt erst ein bestätigtes Foto eines extrasolaren Planeten).

„Bild“ allerdings hat auf Seite eins der heutigen Ausgabe und online ein gestochen scharfes „Foto“ eines „Cousins unserer Erde“ (siehe obigen Ausriss) — das, anders als „Bild“ im Text behauptet, gar kein Foto ist, sondern eine künstlerische Darstellung des erdähnlichen Planeten Gliese 876 d.

Auf einem Foto (sofern es möglich wäre, eins zu machen) sähe Gliese 876 d wahrscheinlich ungefähr so aus — vielleicht aber auch ganz anders und bestimmt nicht so schön rund:


Darstellung von BILDblog

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Jan W.

„Bild“ zeigt Gysis Gehirn (oder „Gysis Gehirn“)

"Gysi zeigt sein Gehirn"

So steht es heute in der „Bild“-Zeitung. Aber es stimmt nicht. Richtig ist: „Bild“ zeigt Gregor Gysis Gehirn. Genauer gesagt, heißt es in „Bild“:

„Exklusiv für BILD öffnete Prof. Vogel die Krankenakte des Politikers: Wir sehen eine Röntgenaufnahme von Gysis Schädel und eine mehrfarbige Computertomographie.“

Die PDS-Zentrale in Berlin weist uns allerdings darauf hin, dass die abgedruckten Fotos aus Gregor Gysis Krankenakte entgegen der Behauptung von „Bild“ „ohne Einverständnis von Gregor Gysi“ an die Zeitung gelangt seien. Vielmehr habe sein Arzt „die Schweigepflicht verletzt“ und „Bild“ mit „unrechtmäßig erlangtem Material“ die falsche Schlagzeile gemacht, hieß es bei der PDS. Gysi, so steht es mittlerweile auch in einer Pressemitteilung, werde gegen diese „Einmischung in die unmittelbare Privatsphäre, die nicht hinnehmbar ist“, „die notwendigen rechtlichen Schritte einleiten“.

Und wir staunen: Joschka Fischer (Die Grünen) sei „zu fett“, der Kopf von Gregor Gysi (PDS) „lädiert“ – und zu Angela Merkel (CDU) gibt es in „Bild“ die „große Serie: Angela Merkel privat„…

Nachtrag, 19:50:
Laut Süddeutsche.de ist die „Bild“-Veröffentlichung ein „in vielerlei Hinsicht bizarrer Fall“ bzw. „eine jener Geschichten im Zwischenreich der Eitlen und der Jongleure vom Boulevard„. „Bild“-Chef Kai Diekmann wird dort mit den Worten zitiert, es handele sich dabei dabei um „eine Positiv-Geschichte“. Weiter heißt es:

„Nach Darstellung Diekmanns hat das Blatt am Donnerstag voriger Woche mit dem PDS-Politiker über dessen Gesundheitszustand und den Wahlkampf gesprochen.

Weil das Interview nicht sehr sexy war und auch Fotos her sollten, wurde am Sonntag ein Termin mit Gysis Arzt, dem Berliner Neurochirurgen Professor Siegfried Vogel, verabredet (…). Zuvor, so Diekmann, habe Vogel beim Patienten die Erlaubnis eingeholt. Was sonst?

(…) Das eigentliche Presse-Opfer scheint der Professor zu sein, der nach Rücksprache mit Gysi die Krankenakte gezeigt hat.“

Nachtrag, 0:57:
Der „Berliner Kurier“ hat nun offenbar mit Siegfried Vogel, Gysis Arzt, gesprochen, was den Fall noch bizarrer macht, als von Süddeutsche.de geschildert. Laut „Kurier“ nämlich ist das von „Bild“ abgedruckte „angebliche Gysi-Gehirn“ nur „ein Foto aus einem Lehrbuch für Gehirnoperationen“ und das, was in „Bild“ stand, „eine Lüge“, wie der „Kurier“ unter Berufung auf Gysi und Vogel schreibt. Vogel jedenfalls wird dort mit den Worten zitiert:

„Herr Gysi hatte mir erlaubt, mit der Zeitung ganz allgemein über seinen Gesundheitszustand zu sprechen. Ich habe aber weder die Akte gezeigt, noch geöffnet, noch haben die Reporter die Akte einsehen können. Was in der Zeitung als Akte ausgegeben wird, ist nur die Tüte, in der sich die Röntgenbilder befanden. Und das Foto, das angeblich Gysis Gehirn zeigen soll, ist ein Foto aus einem Lehrbuch. Es ist nicht Gysis Gehirn. Ich berate jetzt mit Gysi, wie ich gegen diese Lügen vorgehen kann und werde.“

Und laut Nachrichtenagentur dpa, die (siehe n-tv.de) den Arzt ebenfalls dahingehend zitiert, „es sei Material gewesen, anhand dessen er in einem Gespräch mit einer ‘Bild’-Reporterin Funktionsweisen eines Gehirns erläutert habe“, widersprach dem nun wieder ein „Bild“-Sprecher:

„Nach dessen Angaben waren einer Reporterin und einem Fotografen des Blattes die Aufnahmen als Fotos von Gysis Gehirn vorgelegt worden. Der Fotograf habe sie dann abgelichtet.“

Nachtrag, 25.6.2005:
Mittlerweile hat „Bild“, so jedenfalls steht es in einer Pressemitteilung der Axel Springer AG, Gysis Arzt „anwaltlich zur Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung sowie zum Widerruf aufgefordert.“

Unwahrscheinlich wahrscheinlich

Wenn eine junge, attraktive Schauspielerin beim Versuch überfahren wird, einen „kleinen, süßen Igel von der Straße“ zu retten, findet „Bild“ das tragisch.

Wenn ein etwa 50-jähriger, unbekannter Mann beim Versuch überfahren wird, mit seinem Fahrrad eine Bahnstrecke zu überqueren, auf der nur einmal am Tag ein Zug vorbeikommt — findet „Bild“ das irgendwie amüsant.

Und der Autor Rainer Mittelstaedt beginnt den zugehörigen Text im Berliner Regionalteil mit den Sätzen:

Die Wahrscheinlichkeit, an der von Gras überwucherten Bahnstrecke hinter der Wustermarker Straße in Spandau vom Zug überrollt zu werden, liegt bei 1:43.000. Das aber auch nur, wenn man 24 Stunden lang auf den Gleisen steht.

Das ist interessant. Wir dachten, die Wahrscheinlichkeit, von einem einmal am Tag vorbeikommenden Zug überfahren zu werden, wenn man sich einen Tag lang auf die Gleise stellt, betrage grob gerechnet 1. Und mal abgesehen davon, dass das eigentlich sogar ein „Bild“-Reporter hätte ausrechnen können — wie kommen die gerade auf 43.000? Irgendwelche Hypothesen? Herr Mittelstaedt?

Nachtrag, 20.25: Die Hypothesen unserer Leser gibt es hier.

La-la-la-lasst Euch nicht verarschen

Unter der Überschrift „Obst-Wucher!“ behauptet „Bild“ heute auf Seite 1, dass die rot-grüne Koalition daran schuld ist, dass Äpfel heute doppelt so viel kosten wie Birnen vor sieben Jahren.

Glauben Sie nicht? Stimmt aber. Fast.

Die tatsächliche Überschrift lautet „Benzin-Wucher!“ und links daneben steht der Preis von 1998 (1,23 Mark pro Liter) und rechts der von 2005 (1,23 Euro pro Liter).

Erst wenn man den Artikel genau liest, fällt auf, dass die Zahl links keineswegs dasselbe misst wie die Zahl rechts. Die 1,23 Mark sind laut „Bild“ der Preis der damals billigsten Tankstellen, die 1,23 Euro der der heute teuersten. Natürlich kann man das miteinander vergleichen, es ist nur komplett sinnlos.

Darüber hinaus darf man bezweifeln, dass ein Preis von 1,23 Mark selbst „an den billigsten Tankstellen“ realistisch war. Laut Mineralölwirtschaftsverband betrug der Durchschnittspreis 1998 immerin 1,59 Mark.

„Bild“ selbst macht am Ende des Artikels noch eine seriösere Rechnung auf: Der Durchschnittspreis für Super sei in den vergangenen sieben Jahren von 80,8 Cent auf 118,2 Cent gestiegen. Das entspricht nur noch einer Steigerung von 46 Prozent und nicht 100, wie die Überschrift suggeriert.

Geschickt deutet „Bild“ einen Zusammenhang zwischen der Preissteigerung und der rot-grünen Regierung an, ohne ihn wirklich zu behaupten. Und zwar so:

… wer ist schuld an den Rekordpreisen? Vor Rot-Grün (regiert seit Oktober 1998) kostete das Benzin an den billigsten Tankstellen nur …

Sowohl aus den Zahlen, die „Bild“ im Text nennt, als auch aus denen des Verbandes der Mineralölwirtschaft geht allerdings hervor, dass die Öko-Steuer nur rund zur Hälfte für die Preissteigerung verantwortlich ist. In den letzten Jahren hat sich der Einkaufspreis für Rohöl dramatisch erhöht.

„Bild“ verschweigt außerdem, dass der Preis für Benzin im Jahr 1998 außergewöhnlich günstig war. In den Jahren 1994 bis 1997 mussten die Autofahrer teils deutlich mehr zahlen. Wenn man mit vergleichbaren Zahlen arbeitet, hat sich der Benzin-Preis nicht in den letzten sieben Jahren (seit Rot-Grün regiert) verdoppelt , sondern in den letzten 25 Jahren. 1980 kostete der Sprit im Schnitt erstmals rund 1,20 Mark.

Ach, und natürlich könnte die Überschrift dieses Eintrages auch „Wahlkampf“ heißen.

Danke an Andreas W. für den Hinweis!

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