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Öffnet die Archive! Ein Pamphlet.
(blattkritik.ch, Michael Staub)
Der Blattkritiker wünscht sich Zeitungen, die ihre Auffassung von Qualitätsjournalismus nicht auf populäre Forderungen wie «Mehr Geschichten» oder «Mehr Lokales» beschränken, sondern sich mutig und selbstbewusst verkaufen. Und zwar nicht über die Hintertür der Publireportagen, «Partnerschaften» und kiloschweren Werbebeilagen. Sondern indem sie ihre Hauptleistung, ihre Texte nämlich, in die Freiheit des Internets entlassen.

StudiVZ: Interview mit Martin Weber, Holtzbrinck Ventures
(spreeblick.de, Johnny Haeusler)
Für ein Live-Interview reichte es leider nicht, immerhin aber konnte ich für die letzte Ausgabe von TRACKBACK ein E-Mail-Interview mit Martin Weber führen, einem der Geschäftsführer von Holtzbrinck Ventures, die zu den StudiVZ-Investoren gehören.

„Der Sender hat sich erpressen lassen“
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
Mark van Huisseling ist nicht mehr Juror der Musik-Casting-Show „Superstar“. 3+ hat den Weltwoche-Kolumnisten nach einem Ultimatum der Kandidaten, die sich unfair bewertet fühlten, freigestellt. Van Huisseling gesteht zwar Fehler ein, hätte vom Sender aber mehr Rückendeckung erwartet: „3+ hat gewusst, wen sie eingekauft haben.“ Für Ihn gab es keinen Grund für eine Entlassung.

Fernsehen ist von gestern, der echte Trendsetter liest nach
(jetzt.sueddeutsche.de, Christina Kretschmer)
Niemand muss mehr fernsehen, denn im Internet kann man ja alles nachlesen. Und: das ist meist sehr viel unterhaltsamer, als die neueste Folge der Lieblingsserie.

Redaktionelle Unabhängigkeit
(telepolis.de, Peter Nowak)
Eine Tagung der Deutschen Journalisten Union in der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di untersucht neue Zensurmechanismen.

Top-Liste der Blog-Skandale
(basicthinking.de, Robert Basic)
1. Jamba, 2. StudiVZ, 3. Heidi Klum, 4. Transparency International, 5. Klowand, 6. Du Bist Deutschland, 7. Euroweb, 8. Opel-Test, 9. Sozialgericht Bremen.

Mandys Geheimnisverrat

Da zeigt sich natürlich die Qualität einer guten Boulevardzeitung: Die Siegerinnen der Castingshow „Popstars“ stehen erst seit ein paar Tagen fest, und schon kann „Bild“ so viele Geheimnisse lüften, dass es für eine ganze Serie reicht. Titel:

"Monrose" intim! Die Geheimnisse der POPSTARS-Siegerinnen

In Teil 1 geht es heute um Mandy. Mandy ist erst 16, hat es aber schon faustdick hinter den Ohren:

Mandy hat Geheimnisse, die sie BILD verrät.

Na, da sind wir aber gespannt.

Geheimnis 1: Ihr Freund Nicolai (19, Azubi)

Das wusste echt noch keiner. Also, außer den über drei Millionen Menschen, die am 26. Oktober „Popstars“ gesehen haben. Damals gaben die Kandidatinnen ein Konzert in Mandys Heimatstadt Bürstadt, übernachteten bei ihrer Mutter — und wer überraschte Mandy mit Blumen? Richtig, Mandys Freund Nicolai:

Screenshot "Popstars", Quelle: ProSieben

Wenn die „Bild“-Zeitung also heute schreibt:

Mandy. Sie zeigt zum ersten Mal ihren Freund.

…dann meint sie vermutlich: „Sie zeigt zum ersten Mal in ‚Bild‘ ihren Freund.“

Aber Mandy hat ja noch mehr Geheimnisse.

Geheimnis 2: Ihre Eltern sind getrennt

Okay, das ist wirklich neu. Also, außer für die fast vier Millionen Leute, die zufällig die „Popstars“-Folge vom 9. November gesehen haben. Darin sollten die Kandidatinnen eine emotionale Geschichte aus ihrem Leben erzählen. Mandy dankte ihrer Mutter, dass sie immer für sie da war, und sagte: „Meine Eltern haben sich im März getrennt.“

Ein letztes Geheimnis hat „Bild“ noch in petto, das ist sicher der Kracher:

Geheimnis 3: Sie war schon vor "Popstars" eine Siegerin!
„2001, mit elf Jahren, gewann sie den ‚Kiddy-Contest‘ von ZDF und ORF, eine Talentshow für Kinder.“

Ja, das stand wirklich noch nirgends. Also, außer seit Monaten in Mandys offiziellem Fragebogen auf den offiziellen „Popstars“-Seiten von ProSieben.

Morgen in BILD: Die frechen Geheimnisse von Senna (26)

Wir halten die Spannung kaum aus.

Danke an Peer S. für alles!

Pack‘ die Badehose ein! (2)

Nein, „Bild“ bleibt dabei: Eine Reise von Abgeordneten des Europaparlamentes in die
Karibik
muss eine Lustreise sein. Was denn sonst?

Ein Kamerateam von RTL hat zwei deutsche Politiker gefilmt, wie sie in Barbados in Badehose am Strand liegen, und wenn das nicht Beweis genug ist, dass die Reise zur parlamentarischen Versammlung von EU und afrikanischen, karibischen und pazifischen Staaten (AKP-EU) nur eine Ausrede für einen lustigen Badeurlaub ist, was dann?

„Bild“-Zahlenexperte Dirk Hoeren hat sich trotzdem Mühe gegeben, noch weitere Beweise über den wahren Charakter der Reise („Eine Woche Reden, Reggae und Rum“) zusammenzutragen.

„Schon freitags“, schreibt er, sei „ein Großteil der insgesamt acht deutschen Teilnehmer“ angereist. „Erster offizieller Punkt“ der Tagesordnung sei aber erst am Sonntag gewesen. Das ist falsch. Erster offizieller Punkt war laut „Tagesordnung und Arbeitsprogramm“ das „Frauenforum“ am Samstag um 10.30 Uhr. Und dann waren da noch die Sitzungen von drei Komitees am Samstagnachmittag. Rolf Berend, einer der von RTL und „Bild“ unter Palmen gezeigten Politiker, ist zum Beispiel Mitglied eines Komitees, das am Samstag um 14.30 Uhr tagte.

Am Dienstagnachmittag, staunt „Bild“, „besuchte eine Arbeitsgruppe die örtliche Rum-Industrie“. Und, zugegeben: Wir wissen nicht, wieviel Gratisproben bei der Gelegenheit ausgeschenkt wurden. Wir wissen nur, dass die Teilnehmer sich als Preis dafür mindestens diesen vergleichsweise trockenen Vortrag [pdf] über die Probleme bei der Liberalisierung des EU-Rum-Marktes anhören mussten. Dass andere Arbeitsgruppen sich zu dieser Zeit über die Probleme bei der Bekämpfung von HIV und Aids und den Umweltschutz informierten, fand „Bild“ übrigens nicht berichtenswert.

Schließlich rechnet „Bild“ vor:

„Ganze 19 Stunden tagte die AKP-EU-Versammlung laut offiziellen Protokollen und Tagesordnungen — in fünf Tagen“.

Das ist, wenn man davon absieht, dass es nur vier Tage waren, nicht komplett falsch. Aber „Bild“ zählt hier anscheinend ausschließlich die Tagungen des Plenums — sämtliche Präsidiums- und Kommitteesitzungen, Projektbesuche und Workshops, die ungefähr die Hälfte des Arbeitsprogramms ausmachten, rechnet „Bild“ einfach nicht mit.

Wobei sich die Frage stellt, warum Herr Hoeren überhaupt noch mit Gewalt Beweise für den lotterhaften Charakter der Dienstreise herbeirechnen musste. Wir sagen nur:
Karibik

Danke an Wolfgang W. für den sachdienlichen Hinweis!

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»Gefühl ekelt mich«
(zeit.de, Hanns-Bruno Kammertöns und Stephan Lebert)
Harald Schmidt hasst Sentimentalitäten, trotzdem spricht er über die Geburt seiner Kinder und den größten Rollenwechsel seines Lebens: Von Peymanns Theaterbühne auf die Planken des Traumschiffs.

Der Kult der Selbstdarstellung
(manager-magazin.de, Martin Nejezchleba)
Broadcast Yourself! Der YouTube-Slogan ist programmatisch für das neue Gesicht des Internets, das Web 2.0. An der Universität Bamberg wird dem neuen Netz auf den Zahn gefühlt und gezeigt, wie millionenfaches Sich-selbst-auf-Sendung-Bringen bisherige Öffentlichkeitskonzepte auf den Kopf stellt.

Wie MTV YouTube besiegen will
(welt.de, Lars Winckler)
Der Ikone der Popkultur bläst der Wind heftig ins Gesicht. Erst litt das Image unter der nervigen Klingeltonwerbung, jetzt bieten YouTube, Yahoo und Co. tausende Musikvideos kostenlos über das Internet an. MTV Deutschland-Manager Joel Berger erklärt WELT.de, warum sein Sender heute dennoch erfolgreicher als je zuvor ist.

Herrn Bezos?s jüngste Vision
(eurams.de, Stephan Bauer)
Zwölf Jahre nach Gründung von Amazon hat Internet-Pionier Jeff Bezos wieder große Pläne. Der Onlinehändler soll zum Rechenzentrum des Web werden. Wall Street ist skeptisch.

Kulturelle Kopfnüsse
(taz.de, Christian Bartels)
Bei 3sat wollen gut erzogene Redakteure Kulturfernsehen für die „aktive Mitte“ machen. Mit Hilfe des feuilletonistischen Service-Magazins „Vivo“ hofft man auf mehr Unverwechselbarkeit.

Abgelehnte New Yorker Cartoons
(vice.typepad.com)
Die Cartoons im New Yorker sind ganz schön lahm. Aber Leute die diese Witze auch noch analysieren und sich ihre eigenen Versionen davon zusammenbasteln sind noch viel…moment, am schlimmsten sind eigentlich die Leute, die sich neue, super ausgeflippte Bildunterschriften für die Cartoons ausdenken.

Egal, aber falsch

Es ist, unter uns gesagt, natürlich komplett egal, um wieviel Uhr genau die letzte Folge der ZDF-Serie „Das Erbe der Guldenburgs“ endete, insbesondere in einem Artikel, in dem es nicht einmal um die Serie, sondern nur den angeblich geheimnisvollen Tod eines Darstellers geht. Einen solchen Artikel, wie die „Bild am Sonntag“ es tut, mit dem Satz zu beginnen:

„Am 19. Mai 1990 um 20.14 Uhr war die Geschichte eigentlich zu Ende.“

ist reine Wichtigtuerei.

Blöd, wenn’s dann nicht einmal stimmt. An diesem Tag fand nämlich in Berlin das DFB-Pokal-Endspiel Kaiserslautern gegen Bremen statt, das Kaiserslautern 3:2 gewann, und das ZDF übertrug bis 20.04 Uhr live das Spiel und die Pokalübergabe. Die letzte Folge von „Das Erbe der Guldenburgs“ begann deshalb nicht wie sonst gegen 19.30 Uhr, sondern erst um 20.05 Uhr. Sie endete um 20.47 Uhr.

Dies alles hinzuschreiben, ist zwar auch reine Wichtigtuerei. Aber wenigstens stimmt’s.

Gespenstisch

Als der Presserat kürzlich seinen 50. Geburtstag feierte, sagte der Vorstandsvorsitzende der Axel Springer AG, Mathias Döpfner, einen Satz, der ihm „großen Beifall“ einbrachte. Er kritisierte, dass die Freiwillige Selbstkontrolle der Presse nicht für den Online-Bereich gelte und fügte hinzu:

„Es ist gespenstisch, wie das Internet ausgeklammert wird.“

Recht hat er. Die mangelnde Selbstkontrolle zwingt zum Beispiel Bild.T-Online, eine Tochter der Axel Springer AG, deren Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner ist, geradezu, Werbung verbotenerweise als redaktionellen Inhalt zu verkaufen.

Ab Montag bei Edeka: Mini-Kreuzfahrten zum Schnäppchenpreis

Das da oben ist der aktuelle redaktionelle Aufmacher im Reiseressort von Bild.de. Anscheinend kann man in fünf Bundesländern bald bei einer Supermarktkette Kurz-Kreuzfahrten buchen. Bestimmt wird die Firma in Anzeigen und in ihren Geschäften noch darauf hinweisen — aber man weiß doch, wie viele Leute zum Beispiel Werbeprospekte einfach ungelesen wegwerfen. Wäre doch schade, wenn all die nicht erführen, wo man von wann an für wieviel Geld Kreuzfahrten von wo nach wo kaufen kann. Und wieviele Tickets für wie lange im Angebot sind. Und wie die Abwicklung genau funktioniert und unter welcher Telefonnummer man buchen kann. Und wieviele Leute auf den Kreuzfahrtschiffen Platz haben und wann die gebaut wurden. Und wie groß die Kabinen sind und ob für Außenkabinen ein Zuschlag fällig wird. Und wieviele Kinos es gibt, und in welcher Sprache die Filme gezeigt werden, und ob man auch Roulette spielen kann. Und ob auch Schnitzeljagden für jüngere Kinder veranstaltet werden und Computer für die älteren Kinder vorhanden sind.

Und wer könnte seine Leser besser über all das informieren als die „Journalisten“ von Bild.de.

Was gibt’s eigentlich nächste Woche bei Aldi für Schnäppchen, Herr Döpfner?

Danke an Niklas S. für den Hinweis!

Wenn Asteroiden klagen könnten

Wenn Asteroiden klagen könnten, wäre „Bild“ schon arm.

Jedesmal, wenn der Zeitung langweilig ist, schaut sie in den Himmel, nimmt sich einen der hunderttausenden unschuldig vor sich hinkreisenden Asteroiden vor und beschuldigt ihn, die Erde zerstören zu wollen.

Irgendwelche Wissenschaftler müssen dann als Kronzeugen dienen und die Zerstörungskraft des jeweiligen Asteroiden mit Atombomben, Tsunamis und anderen Katastrophen vergleichen. Die minimale Wahrscheinlichkeit, dass der Asteroid die Erde überhaupt trifft, lässt „Bild“ dann einfach weg.

Heute hat es den Asteroiden „2006 WH1“ erwischt (der dem Asteroiden „Apophis“ anscheinend äußerlich gleicht wie, äh, ein Asteroid dem andern):

Asteroid rast Richtung ERDE

Ein Einschlag dieses Asteroiden „käme der Explosion von 30.000 Atombomben gleich“, schreibt „Bild“ und warnt:

„WH1 2006“ ist als gefährlich eingestuft, weil er uns ungewöhnlich nah kommt. Am 27. Dezember nähert er sich bis auf fünf Mio. Kilometer – astronomisch gesehen eine geringe Entfernung.

Zur Verteidigung von 2006 WH1 wäre zu sagen: Er ist nicht als gefährlich, sondern als „potentiell gefährlich“ eingestuft, und er kommt uns keineswegs „ungewöhnlich nah“: Schon am 20. Dezember kommt uns ein Asteroid deutlich näher, auch am 2. und 4. Januar fliegen zwei Asteroiden in geringerem Abstand an der Erde vorbei. Die Entfernung mag „astronomisch gesehen gering“ sein, bedeutet bei 2006 WH1 aber immer noch, dass er 14-mal so weit entfernt ist wie der Mond. Wenn die „Bild“-Zeitung uns nun vor jedem „potentiell gefährlichen Asteroiden“ warnen will, kann sie das allein in den nächsten zwei Monaten elfmal tun.

Oh Gott, hoffentlich haben wir die „Bild“-Leute jetzt nicht auf dumme Gedanken gebracht.

Sex schlägt Gott

„Wie krank macht das Internet die Seelen der Menschen?“, fragt „Bild“ heute besorgt und rechnet wie zur Antwort vor:

Der englische Suchbegriff für Gott ergibt bei „Google“, der größten Suchmaschine der Welt, rund 418 Millionen Adressen. Der Suchbegriff für Sex bringt mehr Treffer: Nämlich 432 Millionen Seiten.

Fündig wird aber auch, wer nach den Themen Vergewaltigung (47,8 Mio.), Inzest (15,6 Mio.) oder Tiersex (1,59 Mio.) forscht.

Ist ja krass.

Die Suche nach Gott ergibt im Archiv von Bild.de 704 Artikel. Der Suchbegriff für Sex („Sex“?) bringt mehr Treffer: Nämlich 2460 Seiten.

Fündig wird aber auch, wer nach den Themen Vergewaltigung (168), Inzest (44) oder Tiersex (9) forscht.

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