Justiziar Zufall

Vielleicht hat die „Bild“-Zeitung gute Gründe dafür, warum sie den Berliner Mann, der wegen Missbrauchs seiner Tochter zu drei Jahren Haft verurteilt wurde, in ihrer Hamburger Ausgabe auf einem großen Foto klar erkennbar zeigt, in ihrer Berliner Ausgabe (und bei Bild.de) sein Gesicht auf demselben Foto aber unkenntlich gemacht hat.

Vielleicht würfeln sie aber auch nur.

Danke an Torben L. für den Hinweis!

Nachtrag, 7. Oktober, 18.20 Uhr: „Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich antwortet auf unsere Bitte nach einer Erklärung:

Wie Sie ja wissen, dürfen volljährige, geständige und verurteilte Straftäter im Bild gezeigt werden.

In diesem Falle haben es einige Redaktionsleiter mit dem Persönlichkeitsschutz vielleicht etwas übertrieben.

Fröhlichs Auslegung des Persönlichkeitsrechts ist falsch. Keineswegs dürfen volljährige, geständige und verurteilte Straftäter grundsätzlich im Bild gezeigt werden. In ihrem Buch „Presserecht für Journalisten“ schreibt Dorothee Bölke, ehemalige „Spiegel“-Justiziarin und Geschäftsführerin des Deutschen Presserates:

Über eine Tat selbst darf berichtet werden, die Veröffentlichung von Bildern der Täter oder Verdächtigen unterliegt dagegen besonderen Regeln. Die betreffenden Personen sollen nicht an den Pranger gestellt werden: Deshalb gilt der Grundsatz: Niemand wird allein durch eine Straftat oder ein Strafverfahren zur „Person der Zeitgeschichte“, die ohne weiteres abgebildet werden darf. (…) Immer müssen die Umstände des Einzelfalles berücksichtigt werden: die Schwere der Tat, die Bedeutung des Betreffenden in der Öffentlichkeit, die Person des Täters oder Einzelheiten, die den Fall deutlich aus dem Kreis der alltäglichen Kriminalität herausheben (…).

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Wie versaut ist „Bild“?

Anfang des Jahres zeigte das Erste einen „Polizeiruf 110″ von Dominik Graf mit dem Titel „Der scharlachrote Engel“. Im Mittelpunkt des Films steht die Warnung vor der Macht sexueller Fantasien im Internet, die leicht zu realer Gewalt ausarten könnten. Er bekam viele positive Kritiken und wurde für den Deutschen Fernsehpreis nominiert, löste aber wegen seiner drastischen Darstellung einer Vergewaltigung kontroverse Diskussionen aus. Die ARD hatte im Vorfeld schon einige Szenen gekürzt und wies gleich zu Beginn auf die Möglichkeit hin, sich anschließend mit dem Regisseur und Experten in einem Forum zu unterhalten.

Dieser „Polizeiruf 110″ ist „drastisch“, „bedrückend“ und „harter Tobak“ genannt worden. „Versaut“ und „schmutzig“ hat ihn noch niemand genannt. Bis es heute die „Bild“-Zeitung tat.

Für sie ist „Der scharlachrote Engel“ einer von vier Anlässen, die rhetorische Frage zu stellen:

Wie versaut ist unser Fernsehen?

Offenbar nicht allzu sehr, müsste man antworten, jedenfalls musste sich „Bild“ schon sehr anstrengen, überhaupt Beispiele zu finden. Eines ist die neue Sat.1-Hochglanzserie „Bis in die Spitzen“, die am Montag startet. Ein zweites der Auftritt der „Bloodhound Gang“ bei „TV Total“ in der vergangenen Woche, wobei ein Musiker (nach 23 Uhr) zweimal sein Geschlechtsteil entblößte, was „Bild“ seitdem fälschlicherweise als „Penis-Attacke“ bezeichnet. Das dritte Beispiel ist der genannte „Polizeiruf“, dessen Ausstrahlung inzwischen über sieben Monate zurückliegt. Beispiel Nummer vier ist der Film „Romance“, den der NDR in seinem Dritten Programm am 28. März 2004 (!) zeigte. Und zwar von 23.45 Uhr bis 1.20 Uhr — was auch die nächste Frage von „Bild“ beantworten dürfte:

Eltern sind besorgt: Kann man Kinder überhaupt noch unbeaufsichtigt vor den Fernseher lassen?

Klare Antwort: Nein, nach Mitternacht können besorgte Eltern ihre Kinder nicht unbeaufsichtigt vor den Fernseher lassen.

Online gibt es übrigens noch ein fünftes Beispiel für „versautes Fernsehen“: Schauspieler Armin Rohde lief im März 2003 bei „Wetten, dass..?“ kurz über die Bühne — und zwar, wie „Bild“ angeekelt feststellt, „nur mit einer Schürze bekleidet“.

Nachtrag, 7. Oktober, 15 Uhr: Der Jugendschutzbeauftragte von Sat.1 teilt uns mit, dass die Freiwillige Selbstkontrolle Fernsehen heute die ersten beiden Folgen von „Bis in die Spitzen“ für die Ausstrahlung im Tagesprogramm freigegeben hat. Das entspricht etwa einer Kino-Freigabe ab 6 Jahren.

Was „Bild“ unter Anteilnahme versteht

Heute ist Bernhard Bogner, der Adoptivsohn des bekannten Modeunternehmers Willy Bogner, beigesetzt worden. Die Eltern hatten nach dem vermutlichen Selbstmord ihres Sohnes laut „Süddeutscher Zeitung“ in einer Erklärung folgende Bitte geäußert:

Wir möchten mit unserer großen Trauer und dem tiefen Schmerz um unseren geliebten Sohn weiterhin alleine bleiben. Dafür bitten wir um Verständnis.

Ein Sprecher der Familie hatte erklärt, Trauerfeier und Beisetzung würden in kleinstem Kreis unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden; der Termin werde nicht bekannt gegeben.

Die „Bild“-Zeitung hat der Familie ihren Wunsch nicht erfüllt. Bild.de berichtet (ebenso wie einige andere Medien, darunter „Netzeitung“, „Blick“ und „Express“) in Wort und Bild von der Beerdigung. Die Bitte der Familie erwähnt „Bild“ nicht.

Nachtrag, 7. Oktober: In den Tagen, bevor „Bild“ die Bitte der Eltern ignorierte, hatte das Blatt sie noch mehrfach zitiert. Am 5. Oktober hieß es in einem Bildtext: „Die leidgeprüften Eltern Sonia (54) und Willy Bogner (63) bitten: ‘Wir möchten mit unserer tiefen Trauer allein sein'“. Und am 4. Oktober:

Ihr Wunsch: „Wir möchten mit unserer großen Trauer und dem tiefen Schmerz um unseren geliebten Sohn weiterhin alleine bleiben.“ Im engsten Familienkreis soll die beisetzung [sic!] von Bernhard stattfinden.

Danke an Goetz G.

Vendetta-Journalismus

Die „Zeit“ hat Mathias Döpfner, den Vorstandsvorsitzenden von Axel Springer, gefragt, was er zu dem Vorhalt sagt, die „Bild“-Zeitung verfolge „Bild“-kritische Zeitgenossen mit Schlagzeilen. Döpfner antwortete, er sehe diesen Vendetta-Vorwurf als Teil einer allgemeinen Angriffsstrategie,

aber natürlich ist da auch was Wahres dran. Es gibt Beispiele, die man kritisieren kann und muss. Das ist unbestritten. Aber ein Trend ist das sicher nicht, das bestreite ich.

Allgemein  

Ohne Worte

(Alternativvorschlag.)

Danke an Michael W.!

Nachtrag, 5. Oktober: Der Bild.de-Literaturbeauftragte ist aus dem Urlaub zurück und hat den Text gekürzt zu dem schlichten Satz: „Thomas Gottschalk liest in der Uni Düsseldorf“. Jetzt haben zwar die Worte „Nichts als die Wahrheit“ davor ihren Sinn verloren, aber was soll’s.

„Bild“ findet Südkorea nicht

Na, das kann ja lustig werden. Morgen erscheint nämlich der vierte Teil von Franz Beckenbauers „WM-Tagebuch“ in „Bild“. Thema: „Franz in Seoul/Südkorea“.

Und wenn Beckenbauer sich auf seinem Weg dorthin anhand der Karte orientiert hat, die „Bild“ heute abdruckt, und auf der sie sich bemüht, seine Reiseroute nachzuzeichnen (siehe Ausriss), dann wird der arme Präsident des Koreanischen Fußballverbands (KFA), Chung Mong-Joon, wohl etwas bedröppelt am Flughafen gestanden haben, während der Franz, im Flugzeug über Vietnam, Thailand, Laos und Kambodscha kreisend, vergeblich Ausschau nach Seoul gehalten hat. Asien ist aber auch unübersichtlich.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Andre E.

We are family

„Gewinner“ des Tages in „Bild“ ist heute erstaunlicherweise schon wieder nicht Helmut Kohl — obwohl er doch schon wieder einen Preis verliehen bekam.

Nein, „Gewinner“ des Tages ist heute der (fraglos tolle) Fotograf Daniel Biskup, der Helmut Kohl nicht nur auf allen Reisen begleite, sondern für dessen neues Buch Helmut Kohl das Vorwort schrieb und der z.B. auch die Hochzeit des „Bild“-Chefs Kai Diekmann mit der Ex-„Bild“-Kolumnistin Katja Kessler fotografiert hat, bei der ja Helmut Kohl Trauzeuge war.

Otto-LO-gie?

„Otto – find’ ich gut!“ findet „Bild“ ja bekanntermaßen. Und offenbar findet „Bild“ Otto so gut, dass Bild.de die „Höschen-Ty-PO-logie“ der Service-Zeitschrift „Bild am Sonntag“ („BamS erklärt die aktuellsten Modelle“) fast ausschließlich mit Modellen aus Ottos Versandhaus (incl. Preisangabe) bebildert.

Mit Dank an Micka für den Hinweis.

Nachtrag, 10:12:
Das Wort „fast“ in obigem Eintrag hätten wir uns auch sparen können. Denn das dahinter versteckte „String-Röckchen“ der Dessous-Marke „Rosy“ gehört zu 3 Suisses – und 3 Suisses wiederum ebenfalls zu Otto.

Mit Dank an Philipp G. für den Hinweis.

Genauer Lesen macht schwul

„Bild“ hat heute eine dpa-Meldung in ihr Online-Angebot kopiert. Strg+C… Strg+V… Naja, ein nebensächlicher Nebensatz wurde weggelassen, eine Formulierung („Ende vergangenen Jahres“) in eine andere („Ende des letzten Jahres“) geändert, ein Name vor statt hinter ein Zitat geschrieben.

Kurzum: Kopieren können sie also bei Bild.de.

Das war’s dann aber auch. Denn obwohl es doch in der dpa/Bild.de-Meldung (in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Pressemitteilung) heißt, es gebe „mehr als doppelt so viele Lebenspartnerschaften von Homosexuellen wie bisher vermutet„, hat man bei Bild.de unter eine Foto etwas ganz anderes geschrieben:

Und obwohl es doch in der dpa/Bild.de-Meldung (ebenfalls in Übereinstimmung mit der ursprünglichen Pressemitteilung) heißt, die Bundesländer hätten „mehr als 12.500 solcher Partnerschaften zwischen Schwulen und Lesben“ gezählt, lautet die Schlagzeile in der „Nachrichten“-Rubrik von Bild.de:

PS: Am Ende dieses Beispiels sichtlich gelungener redaktioneller Zusammenarbeit vielleicht noch ein Blick auf die URL. Sie lautet:

„Mehr Homosexuelle“ also — so kann man das natürlich auch zusammenfassen.

Mit Dank an Jörg F., Tim B. und River T. für den Hinweis.

Wir haben einen neuen Kohl!

Im Prinzip könnte man die Sache mit dem heutigen „Gewinner des Tages“ in „Bild“ einfach wie folgt aufschreiben:

Nein, nicht alles, was in „Bild“ steht, ist weit hergeholt — im Gegenteil: Als „Bild“ Mitte letzten Monats den Otto-Versand-Chef (und Springer-Aufsichtsrat) Michael Otto zum „Gewinner“ des Tages machte, lautete der ausgesprochen originelle „Bild“-Kommentar dazu:

„BILD meint: Otto — find’ ich gut!“

Und heute nun macht „Bild“ den Otto-Chef Otto erneut zum „Gewinner“ des Tages und kommentiert:

„BILD meint: Otto — find’ ich gut!“

Aber so ähnlich hatten wir das schon. Also schreiben wir lieber:

„Bild“ macht heute nicht etwa Helmut Kohl, sondern abermals den Springer-Aufsichtsrat Michael Otto zum „Gewinner des Tages“. Und warum? Weil ihm ein Preis des nicht unumstrittenen Vereins „Atlantik-Brücke“ verliehen wurde, in dem Otto Mitglied ist und „Bild“-Chef Kai Diekmann im Vorstand sitzt.

Nachtrag:
Dass im Übrigen auch Helmut Kohl einen Preis bekommen hat, berichtet „Bild“ heute erst auf Seite 2.

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