Hauptsache Superlativ

Drei Tage ist es her, da berichtete die Sonntagsausgabe aus dem Hause „Bild“ groß über „die älteste Frau der Welt“:

„127 Jahre ist die rüstige Dame aus El Salvador alt – und immer noch gesund und munter.“

Ihr Name: Cruz Hernandez.

Und heute, drei Tage später, meldet die Werktagsausgabe aus dem Hause „Bild“ klein auf der Titelseite:

„Im Alter von 115 Jahren ist in den Niederlanden der älteste Mensch der Welt gestorben.“

Ihr Name: Hendrikje Andel-Schipper.

Seltsam, oder? Eigentlich nicht.

braucht Ihre Unterstützung!
Wir investieren viel Zeit und Herzblut in dieses Blog, verdienen aber kaum Geld damit. Damit wir trotzdem unsere Miete bezahlen können, würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen. Wie das geht, erfahren Sie hier.

Tatütata

Bitte beantworten Sie die folgende dreiteilige Frage:

Erstens: Welchem Zweck dient Ihrer Ansicht nach der Einsatz von Blaulicht und Martinshorn an Polizeifahrzeugen? Zweitens: In welcher Situation werden die Signale eingesetzt? Drittens: Können Sie sich Situationen vorstellen, in denen Blaulicht und Martinshorn die notwendige Eindeutigkeit polizeilicher Zeichen und Weisungen nicht gewährleisten?

Antwortvorschlag A
Einsatzfahrzeuge der Polizei nutzen Martinshorn und Blaulicht meist, damit andere Autofahrer Platz machen. Das Polizeiauto befindet sich auf dem Weg zu seinem Einsatzort. Aber letztens, wollte die Polizei mich bloß mit Blaulicht und Martinshorn anhalten, was ich zuerst gar nicht richtig begriffen hatte, weil ich die Leuchtschrift „Stop Polizei“ zunächst übersehen hatte. Da wär’ ein anderes Signal vielleicht praktischer.

Antwortvorschlag B
Einsatzfahrzeuge der Polizei nutzen Martinshorn und Blaulicht meist, damit andere Autofahrer Platz machen. Die Beamten haben tierischen Kohldampf und Kaffeedurst und sind auf dem Weg zu „Dunkin’ Donuts“. Wenn die jetzt aber ‘n echten Einsatz haben, wär’ so’n extra Zeichen natürlich super — könnt’ ich gleich hinterher.

Wenn Sie sich für Antwort B entschieden haben, sind Sie höchstwahrscheinlich „Bild“-Redakteur und für diesen kurzen Text auf der heutigen Titelseite verantwortlich:

Darin heißt es nämlich:

Zivilfahnder, Streifenbeamte und Autobahn-Cops donnern künftig mit dem Heulton „Yelp“ der US-Polizei zu ihren Einsätzen.

Wenn Sie sich aber für Antwort A entschieden haben, ist diese Pressemitteilung des Bundesinnenministeriums sicher interessant. Und für alle, die sich für Antwort B entschieden haben sowieso.

Mit Dank für den Hinweis an Boris T. und Frank R.

Kurz korrigiert (9)

Zunächst aber ein kurzer Moment der Besinnung: Denn nach christlicher Überlieferung wurde vor rund 2000 Jahren ein Mann brutal hingerichtet. Die öffentliche Hinrichtungsszene selbst wird in „Bild“ in der Bibel detailliert beschrieben und ist von zentraler Bedeutung für den christlichen Glauben, weil die Hinrichtung „als stellvertretender Tod für die Sünden der Welt“ verstanden wird. Das ist nicht nichts. Der Überlieferung zufolge soll der Hingerichtete seinen Peinigern zudem noch kurz vor seinem qualvollen Tod die Häme, den Spott und die grobe Missachtung seiner Persönlichkeitsrechte und Menschenwürde in einem ungeheuerlichen Akt der Nächstenliebe verziehen haben, derweil Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann rund 2000 Jahre später in „Bild“ über Topflappen und fleischgewordene Klingeltöne berichtete.

Jedoch begann Hoffmann ihren Kolumnen-Text über die sog. „MTV-Awards“ in der gestrigen „Bild“-Zeitung mit einem "Vater, vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun" (Lukas 23, 33)kurzen Moment der Besinnung – genauer gesagt, mit einem kurzen Bibelvers aus obiger Hinrichtungsszene (siehe Ausriss).

Doch anders als Christiane „Ich weiß es!“ Hoffmann in Europas größter Kirchenzeitung Tageszeitung behauptete, lautet der Bibel-Vers Lukas 23, 33:

„Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken.“

Mit Dank an Frank P. und Ingo F. für den Hinweis.

Adrian-Benjamin II

Das ging schnell. Vor drei Tagen hatte „Bild“ bekanntlich über die Geburt des Kindes von Anke Engelke berichtet und dabei einen falschen Namen, ein falsches Gewicht und ein falsches Datum angegeben. Heute ist schon die angekündigte Gegendarstellung im Blatt.

Bleibt zu ergänzen, dass auch der, durch die Ortsmarke suggerierte, Geburtsort falsch war. Und dass die Gegendarstellung mit einem mittlerweile gut bekannten Redaktionshinweis endet:

Kurz korrigiert (8): Papst und Busenmädchen

Ja, „Bild“ hat ein seltsames Weltbild.

Und gelegentlich tritt das sogar offen zutage – vorgestern zum Beispiel, als „Bild“ behauptete, Zakynthos sei „eine wunderschöne griechische Insel in der Ägäis“, obwohl Zakynthos doch gar nicht in der Ägäis, sondern im Ionischen Meer liegt.

Oder heute. Da heißt es nämlich bei Bild.de der „Turning Torso“ in Malmö sei „Europas höchstes Wohnhaus“. Dabei steht Europas höchstes Wohnhaus doch mitten in Europas größter Hauptstadt.

Und wer sich jetzt glaubt, dass Bild.de mit Europa womöglich die EU gemeint haben könnte: Nee, nee, die EU hat Bild.de nicht gemeint.

Mit Dank an Jan I. und andere für den Hinweis.

Ein Wunder

Diese aufsehenerregende Geschichte steht heute in „Bild“:

Ist das ein Ding?! Und es stimmt tatsächlich! Wer sich die beiden Bilder ansieht, stellt fest: Der Piano-Mann sah früher ganz anders aus! Und wir haben herausgefunden: Nicht nur der!

Auch die Friede Springer sah früher ganz anders aus:

Menschenskinder, der Joseph Ratzinger sah früher ebenfalls ganz anders aus:

Potzblitz! Sogar die Micky Maus sah früher ganz anders aus:

Und … nee, der Kai Diekmann nich’:

„Schändliches Schmierenstück“

Die ehemaligen Bundesminister und SPD-Politiker Egon Bahr, Erhard Eppler und Hans-Jochen Vogel haben sich entschieden, einen Offenen Brief an den „Bild“-Chefredakteur und Herausgeber Kai Diekmann zu schreiben. Anlass dafür ist die gestrige „Bild“-Kolumne „Berlin intern“ von Hugo Müller-Vogg (Überschrift: „So kam Willy Brandt an den Nobelpreis“), die von Bahr, Eppler und Vogel als „schändliches Schmierenstück“ bezeichnet wird. Weiter heißt es in dem Brief an Diekmann:

„Sie sollten dafür sorgen, dass auch im Wahlkampf das Minimum von politisch-journalistischem Anstand nicht unterschritten wird.“

Irgendwie malle

Mallorca ist eine der schönsten Mittelmeer-Inseln und „Bild“ manchmal sehr genau.

Im Juli beispielsweise hatte „Bild“ ausführlich über Boris Becker und „seine Elena“ berichtet. „Bild“ wusste alles, naja: fast alles über seine „Mallorca-Bekanntschaft“: Mit was für einem Autotyp welcher Farbe Becker mit ihr über die Mittelmeer-Insel fuhr und so weiter. Und als „die süße Russin“ Mallorca verlassen hatte, war „Bild“ ihr auf den Fersen, wusste in welchem Stadtteil welcher Stadt sie wohnt, wer im selben Haus einen Tiefgaragenplatz hat und was genau auf ihrem Klingelschild steht. Und anschließend wussten all das auch Millionen „Bild“-Leser.

Wenn allerdings nicht Boris Becker, sondern Oskar Lafontaine Urlaub macht und damit in die Schlagzeilen gerät, verschweigt „Bild“ urplötzlich (und anders als die „Die Welt“, die „Berliner Morgenpost“, das „Hamburger Abendblatt“ und viele, viele andere Medien) den Namen des Urlaubsortes und schreibt stattdessen merkwürdigerweise nur verschämt von „einer der schönsten Mittelmeer-Inseln“, „einer Mittelmeerinsel“ und „Mittelmeer-Finca“.

Aber Boris Becker ist ja auch kein ehemaliger „Bild“-Kolumnist.
 
Nachtrag, 27.8.2005:
Sorry, wir müssen uns korrigieren. Aber ja: Denn Boris Becker gehört doch, wie Lafontaine, zur Riege ehemaliger „Bild“-Kolumnisten. Nach seinem ersten Wimbledon-Sieg nämlich hatte ihn „Bild“ vier Jahre lang als Kolumnisten (angeblich für eine Jahresgage von rund einer Million Mark) verpflichtet gehabt. „Als Gegenleistung mußte der Gast-Autor etwa 20mal im Jahr Intimes aus seinem Leben zu Papier bringen lassen“, schrieb jedenfalls der „Spiegel“ im Jahr 1989. Da war nämlich Schluss mit Beckers Kolumnistentätigkeit. Unklar ist, ob Becker „Bild“ oder „Bild“ Becker den Vertrag kündigte. Fest steht nur, dass die Zusammenarbeit vorzeitig endete, nachdem Becker in einem Interview mit der Zeitschrift „Sports“ über „Bild“ gesagt hatte:

„Ich konnte mich mit der Art und Weise, wie die Geschichten erfinden und auch mit den Methoden, wie sie arbeiten, nicht identifizieren.“

Mit Dank an Lorenz L. fürs vage, aber gute Erinnerungsvermögen.

„Nachgerechnet“

„BILD hat nachgerechnet, wieviel Geld mehr im Monat die Einfach-Steuer von Kirchhof Arbeitnehmern bringen würde.“

So stand es am Dienstag in „Bild“ – unter der Überschrift „Die Kirchhof-Steuer – Wieviel kommt da für mich raus?“ und neben einer Tabelle mit vielen Zahlen: Brutto-Haushalts-Einkommen, bisherige Steuerbelastung, potentielle Kirchhof-Steuer, „Monatliche Entlastung in Euro“…

Aber was heißt das, wenn „Bild“ schreibt, „BILD hat nachgerechnet…“? Heißt das, bei „Bild“ haben sich ausgefuchste Steuerexperten hingesetzt und im Dienste des Lesers in mühevoller Kleinarbeit Steuerlasten kalkuliert? Nun, zunächst mal heißt das: Lesebrille aufsetzten! Denn unter die Tabelle hatte „Bild“ einen itsybitsyklitzekleinen Hinweis gedruckt. Er lautet:

„Quelle: stern.de/Datev“

Und siehe da: Bei Stern.de gibt es für das „Kirchhof-Modell“ einen vollautomatisierten, kostenlosen „Steuerrechner“. Und bei der Datev wiederum gibt es auf Anfrage detaillierte Excel-Tabellen zur Steuerbelastung als kostenlosen Service.

Mit anderen Worten: Wenn „Bild“ schreibt „BILD hat nachgerechnet“, meint „Bild“ damit womöglich: „Bild“ hat in den Stern.de-Rechner ein paar Zahlen eingegeben, die Ergebnisse anschließend in eine Excel-Tabelle der Datev übertragen – und online sogar komplett auf den Quellen-Nachweis verzichtet.

Mit Dank an derpraktikant für die Inspiration.

Kurz korrigiert (7)

Blut ist ein ganz besonderer Saft“ sagt Mephisto. Carmen Thomas sagt ähnliches über Urin. Und Bild.de?

Bild.de schreibt über Lance Armstrong (bei dem ja „in sechs seiner Urin-Proben von der Tour 1999 [...] das Doping-Mittel EPO nachgewiesen“ wurde):

„Laut Armstrong muß das Blut nachträglich manipuliert worden sein.“

Mit Dank an diverse Hinweisgeber.

Blättern:  1 ... 649 650 651 ... 715