Allgemein  

Staatsanwaltschaft bezweifelt „Bild“-Urteil

Es gibt gute Gründe, warum man niemanden vor einer gerichtlichen Verurteilung einen „Mörder“ nennen darf, selbst dann nicht, wenn er ein Geständnis abgelegt hat. Das lässt sich gut anhand der heutigen „Bild“-Zeitung demonstrieren:

Er hat die kleine Schönheits-Königin ermordet

Ob John Karr, der gestern in Thailand festgenommen wurde, tatsächlich 1996 in den USA die sechsjährige JonBenet Ramsey getötet hat, ist nämlich alles andere als sicher. Er hat zwar zugegeben, bei ihr gewesen zu sein, als sie starb. Aber selbst die zuständige Staatsanwaltschaft zieht sein Geständnis in Zweifel. Seine Ex-Frau soll ihm ein glaubwürdiges Alibi gegeben haben, in Details gibt Karr den Tatverlauf falsch wieder und kann nicht erklären, wie er das Mädchen kennenlernte oder an den Tatort gelangte. Psychologen erklärten, Karr habe schwere Minderwertigkeitskomplexe und suche dringend Aufmerksamkeit, langjährige Kenner des Falles stellten viele Widersprüche fest.

Ja, das konnte man gestern alles noch nicht wissen. Aber genau darum wäre „Bild“ gut beraten gewesen, den Verdächtigen nicht (wie so oft) als „Kinder-Killer“ und „Mörder“ zu bezeichnen.

Danke an Nils M. für den Hinweis!

Nachtrag, 13.55 Uhr. Und selbst jetzt, da „Bild“ die Zweifel an der Aussage Karrs kennt und in seinem Online-Ableger darüber berichtet, nennt Bild.de den Verdächtigen schlicht „Killer“.

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Anspruch sucht Wirklichkeit (zeit.de)
Hart, aber gerecht: Bertelsmann soll für seine Mitarbeiter ein besonderes Unternehmen sein. Doch nun erleben Tausende nur noch eins: Härte

Journalisten als Spin Doctors (nzz.ch)
Kritik an Fehlern der britischen Presse

„Ich freue mich auf die Rückkehr von Roger Köppel“ (persoenlich.com)
Seit April ist Res Strehle nicht nur Chefredaktor des Magazins, sondern auch Geschäftsführer. Strehle blickt auf schwierige Wochen zurück: Er war gezwungen, sich von seinem Stellvertreter Peer Teuwsen zu trennen. Im Interview mit „persoenlich.com“ spricht der promovierte Ökonom über die Hintergründe des von Misstönen begleiteten Abgangs Teuwsens und sagt, wie er sich auf den Schlagabtausch mit Roger Köppels Weltwoche vorbereitet.

Chronik eines angekündigten Skandals (sz-magazin.sueddeutsche.de)
Weltweit demonstrierten Muslime gegen die Mohammed-Karikaturen einer dänischen Zeitung. Das war kein Zufall. Ein halbes Jahr später beschreiben zwei Redakteure von Jyllands-Posten erstmals, wie es so weit kommen konnte.

Dickens beim Döner (taz.de)
Am Nebentisch gibt es das pralle Leben, und ein altes Bild entsteht neu.

Alias Ned (tagesspiegel.de)
Für ein Buch wurde sie zum Mann, sie wollte die Welt der Kerle erkunden – doch man spielt nicht ungestraft mit der Identität.

Untenrum

„Alle Informationen, die BILD erhält, werden überprüft und journalistisch nachrecherchiert.“ (Bild.de-Hinweis für „BILD-Leser-Reporter“)
 
Gestern zeigte „Bild“ ein Foto von Dieter Bohlen am Strand von Mallorca (siehe Ausriss).

Geknipst hatte es ein „BILD-Leser-Reporter“. Zu sehen ist auf dem Foto laut „Bild“:

„Dieter Bohlen mit zwei weiblichen Fans“

Nach „Bild“-Angaben konnte sich der „BILD-Leser-Reporter“ mit dem „hier abgedruckten Foto 500 Euro verdienen!“. Und das ist erstaunlich: Schließlich hatte „Bild“ doch bereits vor zwei Wochen ein anderes Foto von Dieter Bohlen am Strand von Mallorca gezeigt (siehe Ausriss).

Geknipst hatte es ein „Bild“-Fotograf. Und zu sehen ist auf dem Foto laut „Bild“:

„Dieter Bohlen mit Anne (19) und Nadine (22)“

Das heißt, vor zwei Wochen kannte „Bild“ sogar noch Namen und Alter der beiden jungen Frauen. Und das ist auch kein Wunder: Schließlich handelt es sich, wie der untere Teil des „Bild“-Fotos zeigt (siehe Ausriss), bei den „zwei weiblichen Fans“ doch eigentlich um zwei Teilnehmerinnen am Casting für die RTL-Show „Deutschland sucht den Superstar“ bei einem „Bild“-Fotoshooting. Und beim journalistischen Nachrecherchieren des „Bild“-Leserfotos hat das bestimmt auch „Bild“ herausgekriegt — bloß nicht für nötig befunden, es den „Bild“-Lesern mitzuteilen.

Mit Dank an Steffen G. für den sachdienlichen Hinweis.

Jetzt XIV

„Bild“ findet heute, dass die Jagd nach einem Mann, der verdächtigt wird, mehrere Frauen getötet zu haben, „immer spannender“ wird. In einem Artikel unter der Überschrift „Brummi-Killer wird nervös“ heißt es:

Jetzt wird der Killer offenbar nervös!
(Hervorhebung von uns.)

„Bild“ folgert das aus der Tatsache, dass jemand (wahrscheinlich der Täter) offenbar zwei Gegenstände weggeworfen hat, die einer der getöteten Frauen (Anna S.) gehörten:

Als [der Täter] in der Zeitung las, dass auch an der Leiche von Anna S. (18) aus Kassel seine DNA-Spuren gefunden wurden, schmiss er ihr Handy und ihr Portemonnaie auf einer Rheinbrücke zwischen Duisburg und Krefeld bei voller Fahrt aus dem Fenster. Die Tüte prallte gegen ein Geländer, wurde gefunden.

Allerdings wurden besagte DNA-Spuren schon vor über drei Wochen gefunden. Das gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am 26. Juli bekannt. Und davon, dass der Verdächtige „jetzt“ erst nervös wird, kann auch keine Rede sein — Handy und Portmonee der toten Anna S. wurden nämlich auch schon vor drei Wochen gefunden. Das gaben Polizei und Staatsanwaltschaft am 28. Juli bekannt.

Mit Dank an Christian B. für den sachdienlichen Hinweis.

6 vor 9

„Diese Geschichte haben alle überblättert“ (telepolis.de)
Versäumnisse von Biografen und Kulturredakteuren bei der Berichterstattung über die Vergangenheit von Günter Grass.

„Man entscheidet einsam“ – „So ist es“ (weltwoche.ch)
Seit 50 Jahren ist er nun tot, dieser linkspathetische Jahrhundertdramatiker. Und? Was wird bleiben von Bertolt Brecht? Ein Gespräch mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem österreichischen Schauspielkünstler Klaus Maria Brandauer.

Planspiel Libanon (jungewelt.de)
US-Enthüllungsjournalist: Israels Krieg war von langer Hand vorbereitet und von Washington abgesegnet (der betreffende Text von Seymour M. Hersh im New Yorker hier)

Ernest Hemingway on Writing (turi-2.blog.de)
Ein guter Text ist wahr, relevant, knapp, präzise, einfach, emotional und eine Einladung zum Gespräch.

Blogs als Standard (wortfeld.de)
Zeitungs-Websites im Ländervergleich. Im Wortfeld-Wiki werden die Features von Zeitungs-Websites in Deutschland gesammelt.

Vergiss die blöde Lust! (woz.ch)
Wenn frau nicht grad frisch oder halbfrisch verliebt ist, das Alter, in dem alles neu und spannend war, auch schon glücklich oder unglücklich hinter sich gebracht hat, muss sie gelegentlich anfangen, sich zu überlegen, aus welchen Gründen sie den leiblichen Genüssen eigentlich noch huldigt. Die Qualität der Gründe wie der Genüsse ist doch sehr unterschiedlich. (siehe auch: 1993 hatte die WOZ noch ein Sexleben)

Kurz korrigiert (255)

So wie wir „Bild“ kennen, steht dort in der „Korrekturspalte“ von morgen bestimmt:

"Berichtigung: In dem Artikel "Das Bohlen-Fotoalbum der BILD-Leser-Reporter" (BILD vom 16.8.) wird das Alter von Dieter Bohlens jüngstem Kind aus erster Ehe mit 6 Jahren angegeben. Das ist falsch: Das Kind ist 16."

Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber.

Nachtrag, 17.8.2006
Sorry, wir haben uns geirrt. Tatsächlich steht in der „Korrekturspalte“ heute dies:
"Berichtigung: In dem Artikel „Das Bohlen-Fotoalbum der BILD-Leser-Reporter“ (BILD vom 16. 8.) wird das Alter von Dieter Bohlens Kindern mit 21, 17 und 6 Jahren angegeben. Das ist falsch. Sie sind 21, 17 und 16 Jahre alt."

Kurz korrigiert (254)

Zweifelhaft sind diese Klatschgeschichten, die so durch die Medien geistern ohnehin. Nachdem Bild.de sie bearbeitet hat, sind sie auch falsch.

Der „Action-Thriller“, vor dessen Kamera Frau Ryder und Herr Reeves nach Meinung von Bild.de „derzeit“ stehen, ist ein Science-Fiction-Drama, das vor zweieinhalb Monaten in Cannes Premiere hatte, seit über fünf Wochen in den amerikanischen Kinos läuft und vor drei Wochen erstmals in Deutschland zu sehen war.

Danke an Thomas S. für den Hinweis!

Transfehlleistungen

Zugegeben, er klingt etwas kompliziert, der Satz, mit dem Klaus-Jürgen Duschek vom Statistischen Bundesamt uns gegenüber ein Teilergebnis des Mikrozensus 2005 erklärt:

„Rund 41 Prozent der Haushalte in Deutschland geben an, dass sie einen Haupteinkommensbezieher haben, der überwiegend von Transferleistungen* lebt.“

*) Arbeitslosengeld I und II, Renten/Pensionen, Sozialhilfe, Pflegeversicherung, Sozialgeld, Grundsicherung, sonstige Unterstützung (z.B. BAföG)

Bei „Bild“ wird heute aus demselben Sachverhalt diese Seite-1-Schlagzeile:

"41 % der Deutschen leben vom Staat"

Klingt ähnlich, ist aber falsch. Die Daten des Statistischen Bundesamtes, auf die „Bild“ sich bezieht, erfassen nämlich Ausländer wie Deutsche gleichermaßen (das hat übrigens auch „Deutschlands klügster Manager“ und „Bild“-Kommentator Hans-Olaf Henkel nicht verstanden). Außerdem geht es in der Statistik gar nicht um Einzelpersonen, sondern um „Haushalte“ (s.o.). Das weiß (anders als Henkel) auch „Bild“:

Schon 41,5 % aller Haushalte beziehen ihr Einkommen aus öffentlichen Unterstützungsleistungen wie Hartz IV, Sozialhilfe oder Rente. Das geht aus Berechnungen des Statistischen Bundesamtes hervor.
(Hervorhebung von uns.)

Leider stimmt aber auch das nicht — jedenfalls insofern nicht, als „Bild“ den Eindruck erweckt, diese 41,5 Prozent würden ausschließlich dem Staat auf der Tasche liegen. Denn es geht in der Statistik ja um den „überwiegenden“ Lebensunterhalt der „Haupteinkommensbezieher“ dieser Haushalte (s.o.).

Zum Vergleich hat das Statistische Bundesamt heute nochmal die Daten auf Einzelpersonen bezogen aufgeschlüsselt. Da ergibt sich ein anderes Bild. Von den rund 82,7 Millionen Menschen in Deutschland leben nämlich bloß 29,2 Prozent „vom Staat“ (und 40,9 Prozent bestreiten ihren Lebensunterhalt durch eigene Erwerbstätigkeit).

Und noch was. Der „Bild“-Text beginnt wie folgt:

Immer weniger Deutsche leben von selbst verdientem Lohn!

Weiter heißt es, dass „nur 55,4 % der 39 Millionen Haushalte von eigenem Einkommen“ leben.

Dabei ergab eine Umfrage des Statistischen Bundesamts im April 1996, dass damals 55 Prozent der Haushalte einen Haupteinkommensbezieher hatten, dessen überwiegender Lebensunterhalt aus Erwerbstätigkeit stammte. Die aktuellen 55,4 Prozent sind daher nicht „immer weniger“, sondern doch eher mehr.

P.S.: Das „manager-magazin“ machte heute übrigens in seiner Online-Ausgabe eine Meldung aus der „Bild“-Geschichte, präsentiert aber zum Glück inzwischen (unter der Überschrift „Heute leben weniger Deutsche auf Staatskosten als vor zehn Jahren“) auch „die Auflösung für den Statistik-Aufreger“ und erklärt, warum die „Bild“-Schlagzeile „zudem grob verkürzt“ sei.

Mit Dank an Jason M. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 22.05 Uhr: „Die Auflösung für den Statistik-Aufreger“ bei manager-magazin.de wurde noch einmal überarbeitet. Die Überschrift lautet jetzt treffend „Heute leben kaum mehr auf Staatskosten als vor zehn Jahren“, und andere Ungenauigkeiten im Text wurden korrigiert.

„Bild“ fand „SS-Beweis“ auch

„Bild“-Autor Paul C. Martin schreibt heute über den Schriftsteller Günter Grass, der kürzlich öffentlich gemacht hatte, dass er als Jugendlicher Mitglied der Waffen-SS gewesen sei. Offenbar belegen auch Dokumente seine Waffen-SS-Zugehörigkeit. Und „Bild“-Autor Martin schreibt:

"Ein vergilbtes Dokument aus dem US-Militärarchiv, das BILD vorliegt. Der SS-Beweis!"

„Bild“ widmet dem „SS-Beweis“ heute auch die Titelschlagzeile (siehe Ausriss) und schreibt:

„Jetzt fand BILD das Dokument, das zweifelsfrei beweist: Grass war bei der Waffen-SS!“

Wie „Bild“ das Dokument fand, steht indes nirgends. Eine vergleichsweise naheliegende Möglichkeit wäre ein Klick auf Spiegel Online gewesen. Dort nämlich ist die ganze Story bereits seit gestern nachmittag, 15.05 Uhr, weltweit und kostenlos zugänglich. Und ebenfalls seit gestern nachmittag wimmelt es daher auch im Angebot der Nachrichtenagenturen von Meldungen über die auf Spiegel Online veröffentlichten Dokumentenfunde des „Spiegel“-Autors Klaus Wiegrefe.

Und natürlich ist der „SS-Beweis“, der, nebenbei bemerkt, laut „Berliner Zeitung“ seit Jahrzehnten „öffentlich zugänglich“ ist, seit seinem Bekanntwerden am gestrigen Nachmittag auch in diversen anderen Medien ein Thema — meist unter Verweis auf den „Spiegel“ oder Spiegel Online. Nur Focus Online berichtet treudoof: „Das meldet die ‚Bild‘-Zeitung (Mittwochausgabe).“

Übrigens:
Bei Bild.de, wo der Dokumentenfund erstmals gestern abend, 22.57 Uhr, in der „Bild“-Version („Jetzt fand BILD…“) auftauchte, heißt es in einem Teaser fälschlicherweise noch immer: „Grass-Affäre: Bei der SS musste er Fingerabdrücke abgeben“, obwohl er das doch gar nicht „bei der SS“ tat, sondern als Kriegsgefangener der Alliierten.

Nachtrag, 17.8.2006: Bei Focus Online wurde der Hinweis auf „Bild“ mittlerweile ersatzlos aus dem Artikel entfernt — offenbar allerdings erst, nachdem BILDblog-Leser Christian G. (Danke übrigens!) die Focus-Online-Redaktion auf ihre Ungeschicklichkeit hingewiesen hatte.

6 vor 9

Das Geständnis-Event (zeit.de)
Nicht die SS-Mitgliedschaft von Günter Grass ist der Skandal, sondern sein Interview in der „FAZ“: eine Beichte, die keine ist.

Verzerrtes Bild vom Krieg (spiegel.de)
„Eingebettete“ Reporter haben das Bild des Irak-Kriegs in US-Medien maßgeblich bestimmt. Nach einer amerikanischen Studie kamen Berichte über das Frontleben der US-Soldaten erheblich häufiger auf die Titelseite als das Leid der Zivilbevölkerung.

Vorsicht: Voyeure (welt.de)
Deutschland hält den Atem an. Denn ein Männermagazin hat exklusiv enthüllt: Männer werden am Strand zu Spannern. Doch damit nicht genug. Noch lange nicht.

Geschäftsideen vor ihrer Zeit (bernergazette.ch)
Die Berner Gazette liest „Zeilengeld“ von George Gissing und findet ein Zitat zur Sehnsucht des Lesers nach Schnickschnack.

Wohin damit (zitty.de)
Angst vor dem Schulbeginn – Vielleicht sind wir ja alle ein bisschen schizophren.

Sei pünktlich! Spuck nicht auf die Straße! (taz.de)
Die Lehrbücher für die Integrationskurse machen Migranten eher mit kulturellen Vorurteilen vertraut als mit dem Alltagsleben in Deutschland. Die NS-Geschichte kommt in dem neuesten Lehrbuch gar nicht vor. Bundesamt verspricht Nachbesserungen.

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