Kurz korrigiert (19)

„Bild“ berichtet, dass heute im Länderspiel gegen China „ein neuer Frings“ auftreten wird. Unwahrscheinlich ist dennoch, dass Torsten Frings deshalb gleich von Bremen nach Gladbach wechselt, neun Jahre jünger wird und ihm 43 Länderspiele aus der Statistik gestrichen werden. Dann hätte man ja gleich Marcell Jansen aufstellen können.

Danke an Philipp W. und Leo E.

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(K)ein Dementi

Man wird ja noch mal fragen dürfen. Und so scheint die Frage, die „Bild“ heute in einer Überschrift formuliert, berechtigt:

„Wird Schröder Berater für Russen-Gas?“

Schließlich hatten verschiedene internationale Medien (unter Bezugnahme auf „diplomatische Kreise“) berichtet, Gerhard Schröder werde in allernächster Zeit ein Angebot unterbreitet, künftig als Berater im russischen Energie-Konzern Gazprom tätig zu sein. „Bild“ referiert das Gerücht und beendet die Meldung mit dem bedeutungsschwangeren Hinweis:

„Gasprom hielt sich gestern bedeckt. Ein Sprecher des Unternehmens wollte sich gegenüber der russischen Nachrichtenagentur Interfax dazu nicht äußern — dementierte aber auch nicht!“

Hätte „Bild“ allerdings tatsächlich ein Dementi veröffentlichen wollen, es hätte eins gegeben — von Bela Anda nämlich, dem Regierungssprecher. Schon gestern gegen 18 Uhr berichtete der Nachrichtenagentur dpa, laut Anda sei der Wahrheitsgehalt des Gerüchts „gleich null“. Und heute nun zitierte die Nachrichtenagentur Reuters den Regierungssprecher mit den Worten:

„Das stimmt nicht.“

Weiter heißt es bei Reuters:

„Dabei bezog er sich ausdrücklich auf einen Bericht der ‘Bild’-Zeitung, der er vorwarf, trotz Kenntnis seines Dementis dies nicht in ihrer Berichterstattung erwähnt zu haben.“

Aber, wer weiß: Vermutlich fehlte „Bild“ einfach der Platz für ein Dementi. Am Ende stand schließlich schon keins.
 
Nachtrag, 12.10.2005 (nur der Vollständigkeit halber):
Der Dementi-Beauftrage von „Bild“ hat seines Amtes gewaltet und dafür gesorgt, dass man heute in „Bild“ folgende Sentenz lesen kann: „Eines ist auch klar: Bundeskanzler Gerhard Schröder wird nicht Berater des russischen Energiekonzerns Gazprom.“

Fiese Erfindung

Aktuell verlinkt Bild.de wieder einen Artikel von Anfang Juni dieses Jahres. Darin ist „Bild“ empört. Es sei kaum zu glauben, mit welchen „fiesen Methoden“ sogenannte „Handy-Betrüger“ arbeiteten. Die „Abzocker“ wüssten, dass „Gefühlsreaktionen“ wie Freude, Anteilnahme oder Geschmeicheltsein dazu verleiteten, „einfach zurückzurufen“. Glücklicherweise kennt „Bild“ „die Tricks der miesen Betrüger“ und teilt sie dem Leser mit („hier klicken!“).

Unter anderem weiß Bild.de, dass sich hinter der Rufnummer +49137799090269 eine Fangnummer verberge, „die bei Rückruf eine bis zu einer Stunde andauernde Verbindung“ aufbaue, die der Anrufer nicht selbst trennen könne.

Das klingt unheimlich „fies“ und unglaublich: eine Fangnummer, die die rote Taste zum Auflegen blockiert, die Ausschalttaste deaktiviert und die Klappe zum Akkufach verklemmt, so dass man den nicht mehr herausnehmen kann?

Die Fangnummer, die einen Anruf „bis zu einer Stunde halten“ kann, ist nicht nur „fies“, sondern auch eine Legende, ein sogenannter Hoax, ein Jux, Scherz, Schabernack — eine Erfindung für Leichtgläubige. Das kann man seit zweieinhalb Jahren hier oder hier nachlesen oder auch beim Schwesterunternehmen von Bild.T-Online, bei T-Mobile. Dort heißt es:

Noch ein wichtiger Hinweis: Der Anruf wird nicht bis zu einer Stunde gehalten. Dies war fälschlicherweise in einigen Meldungen und Warnhinweisen zu lesen.

Aber wer trotzdem unbedingt sein Geld loswerden will, findet dazu im Bild.de-Erotik-Ressort reichlich Gelegenheit. Einfach auf die Bilder klicken, die „Gefühlsreaktionen“ hervorrufen („Dicke Hupen“, „Die sexy Blondine will jetzt mit Dir chatten“, „Teuflisch gute Nacktfilme“).

Danke an Torsten G. für den Hinweis.

Nachtrag, 14. Oktober: Inzwischen ist der angebliche „Trick“ mit der wundersamen nicht-trennbaren Verbindung bei Bild.de spurlos verschwunden.

Horst Seehofer (SPD)

Erst dachten wir, gut, das kann jedem passieren, in dem ganzen Spekulationswirrwarr um die große Koalition, dass man ein wenig den Überblick verliert. Aber jetzt steht dieser Fehler seit mindestens 12.50 Uhr unkorrigiert im Aufmachertext von Bild.de, und das passiert dann doch nicht jedem, sondern vor allem „Bild“.

Seit mindestens sechseinhalb Stunden also behauptet der Online-Ableger der vermeintlich gut informierten „Bild“-Zeitung in ein und demselben Text, dass die SPD das Umweltministerium bekommen soll und dass Horst Seehofer (CSU) das Umweltministerium bekommen soll.

(Richtig ist: Seehofer ist als Verbraucherminister im Gespräch.)

Danke an René G., Matthias K., Oliver F., Filippo R. und Jan I.!

Nachtrag, 11. Oktober. Inzwischen hat Bild.de den Satz mit Seehofer ersatzlos gestrichen.

Übrigens hätte Bild.de sogar auf zwei Arten merken können, dass mit dem eigenen Text etwas nicht stimmte. Nicht nur, weil er sich offensichtlich selbst widersprach. Sondern auch, weil die Nachrichtenagentur dpa, die fälschlicherweise von Seehofer als möglichem Gesundheitsminister geschrieben hatte, sich selbst in einer Eilmeldung gestern um 12.15 Uhr ausdrücklich korrigiert hatte.

„Bild“ findet Rumänien nicht

Mist, die Vogelgrippe ist da. Also, noch nicht ganz hier, aber schon vor unserer Haustür. Jetzt sind die ersten Tiere in Rumänien an der Vogelgrippe gestorben, und Rumänien ist ja gleich… ähm… nicht so weit irgendwo im Osten, oder?

Ja, liebe Freunde von „Bild“, das, was ihr hier markiert habt (siehe Ausriss), ist allerdings Moldawien. Rumänien ist der viel größere Block links davon, quasi noch näher an uns dran.

Der gleiche Fehler findet sich auch in der gedruckten „Bild am Sonntag“, dort steht allerdings wenigstens das Wort „EUROPA“ in weißen Buchstaben auf dem gleichnamigen Kontinent. Für Bild.de hat jemand die Buchstaben wegradiert und nicht gemerkt, dass dadurch Mitteleuropa merkwürdig grenzenlos geworden ist.

Europa ist aber auch unübersichtlich.

Danke an Christian K. für den sachdienlichen Hinweis!

Schmuddel-Journalismus

Die „Bild“-Zeitung braucht Schmuddel. Um sich über ihn zu erregen und ihn gleichzeitig groß im Blatt zeigen zu können. Aber nicht immer ist die Schmuddel-Produktion der Welt ausreichend für ein Blatt wie „Bild“. Dann muss „Bild“ ein bisschen nachhelfen. Aber das ist ja kein Problem.

„Bild“-Leser, die am Montagabend die neue Sat.1-Hochglanzserie „Bis in die Spitzen“ einschalten, werden vermutlich enttäuscht sein. Ihre Zeitung gab ihnen allen Grund zur Annahme, dass es sich mindestens um eine Art Soft-Porno handelt. Sie beschrieb die Serie unter anderem mit den Formulierungen: „Schmuddel-TV“, „‘Bis in die Spitzen’ schamlos!“ und „neue Sat.1-Serie setzt auf Sex, Sex, Sex“, fragte: „Wie versaut ist unser Fernsehen?“ und „Wie schmutzig darf das Fernsehen noch werden?“ und behauptete:

Aufgrund der Freizügigkeit und der Nackt-Szenen in der deutschen Serie werden die Folgen immer erst ab 21.15 Uhr ausgestrahlt — in der Hoffnung, daß Kinder und Teenager dann schon im Bett sind.

In Wahrheit ist „Bis in die Spitzen“ nicht halb so „schmuddelig“ wie „Bild“ sich wünscht fürchtet. Die ersten beiden Folgen sind bereits freigegeben für die Ausstrahlung im Tagesprogramm (das entspricht einer Kinofreigabe ab 6 Jahren). In ihnen gibt es keine einzige Sex- oder Nacktszene. In Folge 3 ist ungefähr eine Sekunde lang eine einzelne weibliche Brustwarze zu sehen. Folge 4 enthält tatsächlich mehrere Sexszenen; zu sehen sind aber ausschließlich die Oberkörper der jeweiligen Partner, und die Frauen tragen BHs. „Bild“ behauptet, der „Obergockel im lustvoll bösen Liebesreigen (…) treibt’s mit fast jeder im Laden seiner Frau, und manchmal auch mit zweien, oder dreien…“. Tatsächlich „treibt“ er es in den ersten vier Folgen mit niemandem aus dem Laden seiner Frau (allerdings mit Mitarbeiterinnen der Konkurrenz) und kein einziges Mal mit mehr als einer.

Doch „Bild“ hat noch mehr zu bieten, um scheinbar zu beweisen, dass es sich um Schmuddel-TV handelt: Eine der Schauspielerinnen habe sich ausgezogen. Oder wörtlich:

Die Erste macht sich jetzt schon nackig. (…) Ein Vorgeschmack auf das, was wir künftig jeden Montag zu sehen bekommen.

Auch das ist quatsch. Erstens haben die Fotos, auf die sich „Bild“ bezieht (und die Bild.de natürlich in einer Fotogalerie präsentiert), nichts mit der Serie selbst zu tun, sondern sind Aufnahmen für „Maxim“, einer Schwesterzeitschrift von „Bild“. Und zweitens macht sich Annabelle Mandeng darin keineswegs „nackig“, sondern trägt Unterwäsche aus Spitze. Oder um es deutlicher zu sagen: Kein einziges Mal sind die Brüste von Frau Mandeng unverhüllt zu sehen.

Im Gegensatz zu denen der täglichen Seite-1-Mädchen von „Bild“.

Kurz korrigiert (18)

Bild.de gibt zur Zeit Tipps, woran man die Echtheit von Bargeld erkennt. Ein optisches Merkmal sei, so Bild.de, „die Unterschrift des EZB-Präsidenten Wim Duisenberg“.

Wim Duisenberg ist seit fast zwei Jahren nicht mehr Präsident der Europäischen Zentralbank (und seit mehreren Monaten tot). Deshalb tragen immer mehr Banknoten die Unterschrift seines Nachfolgers Jean-Claude Trichet — und sind genauso gültig.

Danke an Jan W. für den sachdienlichen Hinweis!

Nachtrag, 10. Oktober: Nach dem verdienten Wochenende hat der Fälschungs-Beauftragte von Bild.de heute morgen seinen Dienst wieder angetreten und den Artikel korrigiert.

15

Vielleicht erinnern wir noch einmal kurz an den Fall der 15-jährigen Anne. „Bild“ berichtete mehrmals über einen angeblichen „Behörden-Skandal“, weil das Jugendamt nicht verhinderte, dass das Mädchen mit einem viel älteren Mann zusammenlebte — offenbar freiwillig. „Bild“ veröffentlichte Bilder der 15-jährigen, bezeichnete den Mann als „tätowiertes Liebesmonster“, behauptete wahrheitswidrig „Ihre Liebe ist verboten!“ und stöhnte: „Keiner tut etwas dagegen“.

Und damit zu einem ganz anderen Thema. Die Golferin Michelle Wie ist 15 Jahre alt. Die „Bild“-Zeitung berichtet über ihr erstaunliches Talent. Bei Bild.de haben sie ihr eine Bildergalerie gebaut. In den Texten ist die Rede vom „süßen Schulmädchen“. „Bild“ schreibt: „Sie ist bildhüsch! Sie ist erst 15! Und beim Golf lehrt sie die Männer das Fürchten!“ Und: „Beim Putten muß man schon genau hinschauern, damit der Ball auch ins Loch paßt.“ Und: „Oh Michelle, was für ein Blick! Kein Wunder, daß die 15jährige den Männern den Kopf verdreht.“

Schumis Winterurlaub

„Bild“ hatte gestern mal wieder eine Exklusivmeldung.

Schumi kürzt seinen Urlaub

BILD erfuhr: Für WM-Sieg Nr. 8 kürzt Schumi (36) sich selbst den Winterurlaub! Nix mehr Mammut-Ferien im Schnee: Bis Weihnachten Test- statt Ski-Piste… (…)

Nach dem Saison-Finale in Schanghai (16. Oktober) schuftet Schumi dieses Mal weiter.

Heute steht im Online-Magazin „F1total.com“ ein Interview mit Schumacher und folgender Passage:

Frage: „Was wirst du nach dem letzten Rennen in Shanghai machen?“
Schumacher: „Nach Hause fahren!“

Frage: „Wirst du nicht weiterhin testen? Die ‘Bild’-Zeitung schreibt ja, dass du diesmal weniger Urlaub machen wirst. Ist das richtig?“
Schumacher: „Nein, überhaupt nicht.“

Danke an Matthias K. für den Hinweis!

Schock-Recherche

Es gibt „Bild“-Artikel, die sind durch und durch merkwürdig. Man stolpert zunächst über eine Falschinformation und stößt dann auf immer neue Ungereimtheiten. Der Artikel von Markus Brekenkamp über den Tod eines Elfjährigen beim Zahnarzt ist so ein Stück. Es erschien vorgestern unter der Überschrift:

Nach der Narkose wachte Erick (11) nicht mehr auf
Schock-Tod beim Zahnarzt

Diese Überschrift ist im Prinzip nicht falsch. Nur hat sich der „Schock-Tod“ nicht vorvorgestern, vergangene Woche oder Mitte September ereignet, sondern am 24. November 2004. Bereits zwei Tage später berichtete die Lokalpresse darüber. Das Datum des Unglücks verschweigt „Bild“. Viereinhalb Absätze lang tut Autor Markus Brekenkamp so, als berichte er über einen aktuellen Fall. Erst dann folgt ein Satz, der die zeitliche Dimension andeutet: „Monate nach dem Drama ist (…) noch immer nicht eindeutig geklärt, warum Erick plötzlich starb.“

„Bild“ hatte also — theoretisch — fast ein Jahr lang Zeit gehabt zu recherchieren. Und trotzdem stehen in dem Artikel diese merkwürdigen Sätze:

Rechtsmediziner fanden heraus: Er erlitt einen anaphylaktischen Schock. Das ist eine schwere allergische Reaktion auf das verwendete Narkosemittel „Piwa“.

Experten für Anästhesie haben noch nie etwas von einem Narkosemittel namens „Piwa“ gehört. Beim Online-Fachjournal zwai.media vermutet man, dass sich der „Bild“-Mitarbeiter verhört haben muss. Statt „Piwa“ (einer Marke für Garagentorzubehör) meint „Bild“ vermutlich „TIVA“ („totale intravenöse Anästhesie“), eine Methode, die häufig bei Kurznarkosen in Zahnarztpraxen angewandt wird.

Das ist peinlich, erklärt aber noch nicht den Schluss des „Bild“-Artikels. Darin spekuliert „Bild“ über eine Mitschuld des Narkosearztes und berichtet, dass gegen ihn wegen fahrlässiger Tötung ermittelt werde. Und schreibt dann:

Für die Eltern des Jungen ein schwacher Trost. Mutter Ludmilla: „Gott hat es wohl so gewollt. Erick ist im Himmel jetzt hoffentlich in guten Händen.“

Es ist unwahrscheinlich, dass die Mutter das gegenüber der „Bild“-Zeitung gesagt hat. Und es ist fast ausgeschlossen, dass sie es so gemeint hat, wie „Bild“ mit der Formulierung vom „schwachen Trost“, den die Ermittlungen darstellten, suggeriert. Gegenüber der „Neuen Westfälischen“ hatten die Eltern im vergangenen Jahr ein sehr ähnliches Zitat gebraucht, aber in einem völlig anderen Kontext. Dort hieß es:

„Und sagen Sie allen, dass wir keine Vorwürfe gegen die Ärzte erheben. Es war allein der Wille Gottes.“

Josef Köhne, der Journalist, der damals mit den Eltern gesprochen hatte, steht immer noch in Kontakt mit ihnen und sagt, sie lehnten jede andere Zusammenarbeit mit der Presse ab. Sie hätten auch bis heute nie ein Interesse daran gezeigt, dass gegen die beteiligten Ärzte ermittelt wird. Anders als „Bild“ ist ihnen die Frage nach einer möglichen „Schuld“ egal. Bereits zwei Tage nach dem Begräbnis hatte sich der Vater des Jungen als Zeichen des Vertrauens in derselben Zahnarztpraxis behandeln lassen.

All das passte anscheinend nicht in die „Bild“-Geschichte. Ihren eigenen Aberglauben aber brachte die Zeitung in dem Artikel unter. Er beginnt mit den Worten:

Realschüler Erick D. († 11) hatte schon immer panische Angst vor dem Zahnarzt. Eine böse Vorahnung? Nach einer Narkose starb er auf dem Behandlungsstuhl!

Danke an Hanno E. für den Hinweis!

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