Papa eiskalt, Zeitung widerwärtig

In einem „Stern“-Interview kommentiert Verbraucherminister Horst Seehofer (CSU) das „lückenlose mediale Trommelfeuer“ nach der „Bild“-Schlagzeile „Baby mit heimlicher Geliebten!“ vom 16. Januar wie folgt:

Als Politiker wird man immer mit Privatangelegenheiten konfrontiert. Das gehört dazu. Nicht aber, dass Privates instrumentalisiert wird. Bei mir war das teilweise kampagnenartig. Ich möchte die Schlagzeile einer Ausgabe der „Bild am Sonntag“ herausgreifen: „Papa eiskalt“. Ich habe in 40 Jahren nichts Widerwärtigeres erlebt.

Wie das? Da hatte die „Bild am Sonntag“ Seehofer kurz nach der Geburt des Kindes doch bloß (1) eine Titelseite gewidmet („Nur 1 Stunde für sein Baby. Er schiebt unwichtige Termine vor. Er lässt zwei Frauen zappeln und lacht dabei“). Eine „Bild am Sonntag“-Reporterin hatte ihm vor und nach einem beruflichen Termin bloß (2) viele, viele indiskrete Fragen gestellt („Wie wollen Sie Ihr Privatleben regeln?“ — „Was sagt Ihre Frau zu der Geburt Ihrer Tochter?“ — „Verraten Sie den Namen Ihrer Tochter?“ — „Wollen Sie auch das gemeinsame Sorgerecht?“), die Seehofer zum Teil mit „(Schweigen)“ beantwortete, wie die „BamS“ dokumentierte. Unter der Überschrift „Papa Eiskalt“ war doch bloß (3) eine „BamS-Montage“ von „Seehofers Terminkalender“ abgebildet („Freitag: Telefongespräche zu Hause … 13.05 Uhr: Lufthansa-Flug LH223 nach München“). In einem Artikel hatte die „BamS“ im Zusammenhang mit Seehofer doch bloß (4) Begriffe wie „gefühlsarm“ „eiskalt“ und „joborientiert“ benutzt, weil Seehofer „fröhlich Wahlkreistermine“ wahrnehme, während „die junge Mutter Anette F. im fernen Berlin blass in einem zweckmäßig eingerichteten Einzelzimmer auf der Wöchnerinnenstation“ liege. Und in einem „BamS“-Kommentar hatte es doch bloß (5) geheißen, Seehofer habe sich am Tag der Geburt seiner Tochter hinter Terminen „verschanzt“, „seelenruhig“ zu Mittag gegessen und beim Besuch der Mutter im Krankenhaus „noch nicht einmal Blumen“ und „kein Kuscheltier“ dabeigehabt.

Wieso also „widerwärtig“? Die „Bild am Sonntag“ nannte den sichtlich angenervten Politiker doch ganz fried- und freundlich „wohlgelaunt“…

Künstlerische Freiheit

Für „Bild“ war die Sache einfach — und wichtig genug, um sie am Montag in eine kleine Meldung zu verwandeln, deren zentraler Satz lautet:

Ausländische Künstler müssen auf ihre Gagen für hiesige Auftritte künftig 40 Prozent (statt 20) Steuern zahlen.

Und auch, wenn beispielsweise die „Berliner Zeitung“ schreibt, das Thema sei „nicht leicht zu durchschauen“: Die „Bild“-Behauptung ist falsch.

Richtig müsste es offenbar laut Bundesfinanzministerium heißen: Ausländische Künstler haben künftig die Wahl, ob sie lieber auf ihre Nettogage für hiesige Auftritte 40 Prozent Steuern zahlen oder wie bisher auf ihr Bruttogage 20 Prozent.

Um es mit „Bild“ zu sagen:

Durch hohe Aktualität, Engagement und beispiellose Nähe zum Leser versteht es BILD, Nachrichten (…) täglich auf den Punkt zu bringen.

6 vor 9

stern: Pharma-Schleichwerbung in der ARD
(stern.de)
Pharmakonzerne haben nach einem Bericht des Hamburger Magazin stern in der ARD-Ärzteserie ?In aller Freundschaft? jahrelang Schleichwerbung für Medikamente platziert. Das geht aus einem bisher unveröffentlichten Protokoll der PR-Agentur hervor, die die Deals eingefädelt hat. Dabei ist in Deutschland Werbung für verschreibungspflichtige Medikamente beim Laienpublikum grundsätzlich verboten.

»Der Kritiker ist nicht mehr attraktiv«
(jungle-world.com, Doris Akrap)
Lutz Hachmeister war unter anderem Medienredakteur des Berliner Tagesspiegel, Leiter des Adolf-Grimme-Instituts, gründete das Institut für Medien- und Kommunikationspolitik in Charlottenburg und drehte den Film »Schleyer – eine deutsche Geschichte«. Er veröffentlichte mit »Die Herren Journalisten« die erste Monographie über die NS-Kontinuitäten im deutschen Nachkriegsjournalismus. Im Mai erschien das Buch »Nervöse Zone. Politik und Journalismus in der Berliner Republik«.

Das Ende der Medienmarken?
(werbewoche.ch, Jürgen Häusler)
Umwälzungen im Medienmarkt gefährden die grossen Marken. Doch auch das Gegenteil gilt: Gerade unter verschärften Bedingungen sind die Leistungen von Marken höher denn je einzuschätzen.

Die Entwurzelung des Wissens
(faz.net, Thomas Thiel)
Darf das Internetlexikon Wikipedia als seriöse wissenschaftliche Quelle dienen? Die Geschichtswissenschaft liefert derzeit eine fundierte Auseinandersetzung mit dem Phänomen – und Wikipedia muss sie fürchten.

Die unerträglichste Sendung im TV: Das Model und der Freak
(jetzt.sueddeutsche.de, Stefan Winter)
Wie Pro7 mit einer merkwürdigen Ratgeber-Sendung die Art und Weise verändert, wie man über die Liebe denkt.

Chinese sports anchor exposed his thigh on LIVE?
(youtube.com, Video, 1:16 Minuten)
Was auch immer davon zu halten ist. Aber der Blick auf die untere Bildhälfte ist ziemlich irritierend.

Namen sind Schall und Dings

Lieber Franz Josef Wagner,
 
Sie denken also, wir brauchen einen Bildungsminister. Und wenn wir schon jemanden haben, dann kennen Sie seinen Namen nicht (siehe Ausriss)?!

Dr. Poehlmann behauptet ja, bei den kleinen Gedächtnisschwächen des Alltags helfe es, die Versorgung mit Vitaminen des B-Komplexes zu erhöhen. Soll angeblich bei den kleinen Gedächtnisschwächen des Alltags helfen, gegen die es ja leider noch immer kein Mittel gibt. Und wenn doch, wüsste ich nicht von wem. Will sagen: Lieber Franz Josef (oder wie sie heißen), ich verstehe Sie gut. Schließlich lese ich jeden Tag Ihre Kolumne in „Bild“, für die Sie jeden Tag eine Kolumne schreiben und für die unbedingt auch mal jemand eine Kolumne schreiben sollte. Am besten jeden Tag. Und idealerweise in „Bild“. Ich denke, wenn es so eine Kolumne schon gibt, dann sollte man sie erfinden.
 
Herzlichst,
Ihre Clarissa

„Bild“ lässt Begnadigung vor Recht ergehen

Dass der „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner sich schwer tut mit Begriffen wie „vorzeitige Haftentlassung“ (genauer: Aussetzung der Reststrafe zur Bewährung) und „Begnadigung“, wussten wir schon. Dass Wagner damit in der „Bild“-Redaktion kein Einzelfall ist, hatten wir geahnt — und bekamen gestern, rund drei Monate nach den vehementen Diskussionen um die vorzeitige Haftentlassung der Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt und die Begnadigung des Ex-RAF-Terroristen Christian Klar, die Bestätigung. Da schrieb „Bild“ nämlich in einem Text über die „Freilassung des Sedlmayr-Mörders“:

Für den Mord hatte das Münchener Landgericht den Mann zu lebenslanger Haft verurteilt und eine besondere Schwere der Schuld festgetellt. Das sollte eine vorzeitige Begnadigung verhindern. Der zweite Täter im Mordfall Sedlmayr, der in einem bayerischen Gefängnis sitzt, hat seine vorzeitige Begnadigung beantragt.

Das ist Unsinn. Die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld soll keine Begnadigung verhindern, sondern die sonst übliche Haftentlassung nach 15 Jahren (§ 57a StGB).

Und angesichts der abenteuerlichen „Bild“-Konstruktion der „vorzeitigen Begnadigung“ fragen wir uns: Wann werden Mörder nach Ansicht von „Bild“ denn eigentlich planmäßig begnadigt?

Mit Dank an Eric H. für den sachdienlichen Hinweis.

6 vor 9

PR in der Grauzone
(zeit.de, Chris Köver)
Bundeswirtschaftsminister Glos ist wegen einer umstrittenen Anzeigenkampagne in die Kritik geraten: Ein Interview mit der Presserechtlerin Dorothee Bölke über die Trennung von Anzeigengeschäft und redaktioneller Arbeit.

Werbepause
(sueddeutsche.de, Alex Rühle)
Zu Beginn des Jahres schockte der Bürgermeister von São Paulo, Gilberto Kassab, die PR-Branche seiner Stadt, indem er jede Werbung im Stadtbild verbieten ließ [siehe unseren Beitrag vom 15.04.2007]. Seither ist São Paulo die weltweit erste Metropole ohne Banner, Poster und Plakate. Wie lebt es sich in solch einer Stadt? Fragen an den Architekten und Urbanisten Jorge Wilheim, der bis vor kurzem das Stadtplanungsbüro von São Paulo leitete.

„Es ging um den Sieg des Neuen über das Alte“
(medien-mittweida.de, Mario Fuerderer)
Rainer Meyer – oder vielmehr seine prominente Kunstfigur Don Alphonso – ist seit Jahren eine bekannte Figur der Blogosphäre. Durch seine schonungslose Abrechnung mit der New Economy polarisiert er jedoch wie kaum ein anderer.

Zeitungen sind nur noch für Nostalgiker
(netzeitung.de)
Wie stark wird die Welt im Jahr 2031 vom Computer geprägt sein? Ein neues Buch entwirft Szenarien zwischen Informatik und Science-Fiction, Düsternis und Paradies.

Das Spiel ist aus
(dasmagazin.ch, Eric Baumann)
Vor ein paar Wochen war Schluss mit der Zeitschrift «Facts». Als ich davon hörte, kam mir eine Episode aus einer früheren Zeit meiner journalistischen Laufbahn in den Sinn.

Thomas Bernhard 1979 über Zeitungen
(youtube.com, Video, 1:12 Minuten)

Anatomie einer Sommerlochliebe

Jeden verdammten Tag muss eine Zeitungsredaktion Zeitungsseiten füllen. Sommers wie winters. Und umgekehrt. Und keine Redaktion hat so viel Übung darin wie „Bild“, beliebig wenig Material in beliebig viel Berichterstattung zu verwandeln. Nachdem sich eine Mutter „verzweifelt bei BILD“ gemeldet hatte, machten sich die „Bild“-Redakteure an die Arbeit. Ein Foto-Fortsetzungsroman* in (bislang) sechs Teilen:

— Folge 1 —
Dienstag, 7. August 2007


Angeblich wichtigste Info: Eine Tochter (18) ist mit ihrem Lehrer (51) in den Urlaub gefahren und: „Ihre Mutter meldete sich verzweifelt bei BILD.“
Wichtigste Info: Die Tochter ist seit April volljährig.
Unwichtigste Erkenntnis: Das Berliner Gymnasium, das die Schülerin besucht, ist „renommiert“.
Experten: Kenneth Frisse (Sprecher der Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung)
Unbeantwortetste Frage: „Wann war der Moment, als aus einer kindlichen Schwärmerei Liebe wurde?“
Unerklärlichste Ungereimtheit: Was soll eigentlich dieses kleine, stimmungsvolle Arc-de-Triomphe-Foto neben dem Handy?
Anzahl der Fotos: 4 (incl. Handydisplay & Arc de Triomphe)
Unkenntlichmachungen: 1 schwarzer Balken (Schülerin)
Anzahl der Hinterköpfe:
Anzahl der „Bild“-Autoren: 1
Attribuierungen der Beziehung: „diese Liebe“

— Folge 2 —
Donnerstag, 9. August 2007


Angeblich wichtigste Info: „Sie hat ihre Hände um seine Schultern gelegt, er tätschelt zärtlich ihre Hüfte. Die Lippen der Liebenden im See berühren sich zu einem innigen Kuss.“
Wichtigste Info: Ein Paparazzo hat Schülerin und Lehrer beim Baden im See fotografiert.
Unwichtigste Erkenntnis: „Auch die Schulbehörde ist über die bizarre Sommerliebe informiert.“ (siehe wichtigste Nachricht vom Freitag)
Experten: Reimer Hinrichs (Psychoanalytiker), Andre Schindler (Sprecher des Berliner Landeselternauschusses), Rose-Marie Seggelke (Berlin-Chefin der Lehrergewerkschaft GEW), Norbert Beital (Rechtsanwalt) sowie die Schülerinnen Katharina (16), Glynis (18), Julia (19) und Sandra (18)
Unbeantwortetste Frage: „Ist dieser Kuss Sünde?“
Unerklärlichste Ungereimtheit:
Anzahl der Fotos: 13
Unkenntlichmachungen: 7 Verpixelungen (Schülerin und Lehrer)
Anzahl der Hinterköpfe: 4
Anzahl der „Bild“-Autoren: 5
Attribuierungen der Beziehung: „bizarre Sommerliebe“, „Liebes-Glück“

— Folge 3 —
Freitag, 10. August 2007


Angeblich wichtigste Info: „Jetzt spricht die Schülerin“
Wichtigste Info: „Schon Mitte Juni soll der Pädagoge seine Versetzung an eine andere Schule beantragt haben.“
Unwichtigste Erkenntnis: „Er steht auf, holt Zucker für ihren Kaffee.“
Experten:
Unbeantwortetste Fragen: Sind die Fotos, die Schülerin und Lehrer beim Eisessen zeigen, (noch) Paparazziaufnahmen oder (schon) gestellt?
Unerklärlichste Ungereimtheit: Wieso kommt, als „Bild“ Schülerin und Lehrer zum Interview „in einem kleinen Ort in Brandenburg“ trifft, plötzlich ein „ehemaliger Kollege des Lehrers“ vorbei?
Anzahl der Fotos: 11
Unkenntlichmachungen: ca. 16,5 Verpixelungen (Schülerin und Lehrer)
Anzahl der Hinterköpfe: ca. 1,5
Anzahl der „Bild“-Autoren: unbekannt
Attribuierungen der Beziehung: „bizarrste Liebe des Sommers“, „verbotenes Glück“, „Sommerglück“, „das Glück“

— Folge 4 —
Samstag, 11. August 2007


Angeblich wichtigste Info: „Sie will ein Kind vom ihm“
Wichtigste Info: Der Lehrer lässt sich nach den Sommerferien an ein anderes Gymnasium versetzen.
Unwichtigste Erkenntnis: „Aber heute hat ihre Mutter auch Geburtstag.“
Experten: Peter Sinram (Deutschlehrer), Udo Wasse (pensionierter Englischlehrer), Harald Junge (Deutschlehrer), Dieter Schütze-Sladek (Mathelehrer)
Unbeantwortste Frage: „Aber hat ihre ungewöhnliche Liebe wirklich eine Chance?“
Unerklärlichste Ungereimtheit: —
Anzahl der Fotos:
13
Unkenntlichmachungen: 6 Verpixelungen (Lehrer)
Anzahl der Hinterköpfe: 2
Anzahl der Autoren: 5
Attribuierungen der Beziehung: „verbotenes Glück“, „ungewöhnliche Liebe“

— Folge 5 —
Montag, 13. August 2007


Angeblich wichtigste Info: „Eltern schmeißen ihre verliebte Tochter raus!“
Wichtigste Info: „In einer Woche muss er [der Lehrer] wieder unterrichten, an einer neuen Schule. (…) Der Gymnasiallehrer lebt seit Jahren von seiner Ehefrau getrennt. Demnächst ist Scheidungstermin.“
Unwichtigste Erkenntnis: Der Lehrer hilft derzeit Freunden beim Hausbau.
Experten: —
Unbeantwortetste Frage:
„Was soll ich zu ihm sagen — Schwiegeropa?“
Unerklärlichste Ungereimtheit:
Wieso behauptet die Schülerin, ihre Mutter habe zur ihr gesagt, „dass ich abhauen soll“, wo doch die Mutter zuvor via „Bild“-Zeitung „Kind, komm doch bitte heim!“ flehte?
Anzahl der Fotos: 4
Unkenntlichmachungen: 1,5 Verpixelungen (Lehrer)
Anzahl der Hinterköpfe: 3,5
Anzahl der Autoren: 1
Attribuierungen der Beziehung: „Sommer-Glück“, „bizarre Liebe“

— Folge 6 —
Dienstag, 14.8.2007


Angeblich wichtigste Info: „Verliebte Schülerin ganz allein in Pariser Doppelbett“
Wichtigste Info:
Unwichtigste Erkenntnis: In Paris recherchiert die Schülerin „in der Nationalbibliothek für ihre Abiturarbeit zur Bartholomäusnacht“.
Experten:
Unbeantwortetste Frage: Ob sich die Mutter der Schülerin das wohl so gedacht hat, als sie sich „verzweifelt bei BILD“ meldete?
Unerklärlichste Ungereimtheit: Wenn „Bild“ seit Tagen große Fotos der Schülerin zeigt und diese seit Samstag nicht einmal mehr verpixelt, wieso nennt „Bild“ sie dann immer noch bei ihrem (von „Bild“ geänderten) Vornamen „Jasmin“?
Zahl der Fotos: 6
Unkenntlichmachungen: 1 Verpixelung (Lehrer)
Hinterköpfe: 0
Zahl der Autoren: 1 („7.13 Uhr hebt ihr Flieger ab. BILD begleitet sie.“)
Attribuierungen der Beziehung: „Sommerglück“

Fortsetzung folgt?
 

— Folge 7 (Nachtrag) —
Mittwoch, 15. August 2007

Angeblich wichtigste Info:
Wichtigste Infos: „Gestern war sie in der Bibliothek, schmökerte sich durch acht Bücher. Abends genoss sie die Aussicht vom Montmatre bei einem Glas Merlot.“ (Hervorhebungen von uns.)
Unwichtigste Erkenntnis: „Jetzt will der Direktor wissen, was da läuft“
Experten:
Unbeantwortetste Frage: Wie ist das eigentlich, mit einem „Bild“-Reporter und einem „Bild“-Fotografen Urlaub in Paris zu machen?
Unerklärlichste Ungereimtheit:
Anzahl der Fotos: 5
Unkenntlichmachungen: 1 Verpixelung (Lehrer)
Hinterköpfe:
Anzahl der „Bild“-Autoren: 1
Attribuierungen der Beziehung: „ihre große Liebe“

— Folge 8 (Nachtrag) —
Freitag, 17. August 2007

Angeblich wichtigste Info: „Jasmin A. (…) kommt heute zurück nach Berlin.“
Wichtigste Info:
Unwichtigste Erkenntnis:
Experten:
Unbeantwortetste Frage:
Unerklärlichste Ungereimtheit:
Anzahl der Fotos: 2
Unkenntlichmachungen: 0
Hinterköpfe: 0
Anzahl der Autoren: unbekannt
Attribuierungen der Beziehung:

Nachtrag, 20.8.2007: Am vergangenen Samstag berichtete „Bild“, dass die Schülerin „wieder in Berlin“ sei („landete um 8.32 Uhr in Tegel“). Und heute berichtet „Bild“, was eine andere junge Frau über ein Jahre zurückliegendes, angebliches Liebesverhältnis mit dem „Liebes-Lehrer“ zu berichten hat. Fürs Protokoll: Auch die „Ex-Geliebte“, deren Gesicht „Bild“ vollständig unkenntlich gemacht und deren Namen „Bild“ geändert hat, war laut „Bild“ zum Zeitpunkt des angeblichen Liebesverhältnisses volljährig.

Mit anderen Worten: Wir melden uns wieder, falls es in dieser Sache Neues zu berichten gibt.

*) Alle zusätzlichen Verpixelungen in den Ausrissen von uns.

6 vor 9

Die Wichtigkeit der Rolle für die Rolle
(wortreich.nightshift.ch)
Auf der Frontseite von «Alpha», dem Kader-Stellenmarkt des «Tages-Anzeigers», wird gern Wortstroh gedroschen. Jede Woche beglücken uns die Wichtigen der Wirtschaft mit ihren vermeintlichen Erkenntnissen – und das entweder im Ton der absurden Management-Bücher («Zieh dem Elefanten keine Socken an») oder der gehobenen Heissluftproduktion («Wichtigkeit von Motivationsfaktoren für die innerbetriebliche Zufriedenheitsverbesserung»). Letzte Woche blieb mein Auge nun an einem Artikel von Bettina Büchel über strategische Initiativen hängen. Strategische was?

Wie ?Welt Online? zu ihren ?Top-Themen? kommt
(medienpiraten.tv, Peer Schader)
Es gibt einfach nicht so viele gute Ideen auf der Welt, dass man ständig neue haben kann, um all die Online-Angebote deutscher Verlagshäuser zu füllen, die derzeit minütlich aktualisiert werden müssen. Bei ?Welt Online? haben sie eine prima Lösung dafür gefunden, damit umzugehen: Sie strengen sich gar nicht erst an.

Zeitungen ohne Papier
(medienkonvergenz.com, Andreas Göldi)
Was sind die Alternativen?

Rote Karte für elf Reporterklischees
(stern.de, Bernd Gäbler)
Pünktlich zur neuen Bundesligasaison soll alles besser werden: von den Stadien über die Mannschaften bis zur Vereinsführung. Was aber ist mit den Reportern? Schön, wenn sie weniger selten sprachlich ausrutschen würden. Die elf schlimmsten Reporterphrasen.

Poesie des Zufalls
(axel-springer-akademie.de, Jenni Roth)
Ernst Elitz über das perfekte Interview.

„Wo sind die Weiber?“
(faz.net, Martin Wittmann)
?Für kleines Geld viel erleben?: 17 Stunden Fahrt, begleitet von Billig-Wodka, Dosenbier und derben Sprüchen. Wohnen im Plattenbauhotel mit Ballermann-Atmosphäre rund um die Uhr. Mit ?Rainbow Tours? für 159 Euro eine Woche lang Busurlaub am Plattensee. Ein Selbstversuch von Martin Wittmann.

So gaukelt „Bild“ uns miese Renteninfos vor

Das Unangenehme an der Zukunft ist ja, dass sie sich regelmäßig nicht an die Voraussagen hält, die über sie in der Gegenwart getroffen werden. Und andererseits wünscht man sich von einem offiziellen Schreiben, in dem die gesetzliche Rentenversicherung einem mitteilt, mit welcher Rente man in Zukunft rechnen kann, doch eine gewissen Zuverlässigkeit. Insofern war es eigentlich eine gute Idee von der „Bild“-Zeitung, sich am Samstag die in diesen Wochen millionenfach versandten „Renteninformationen“ (Muster als pdf) genauer anzusehen.

Um zu ihrem erwartbar vernichtenden Urteil zu kommen…

So gaukelt der Staat uns steigende Renten vor

…musste sie allerdings einige Verrenkungen anstellen.

„Bild“ moniert, dass in dem Brief „Rentenerhöhungen von 1 % und 2 %“ vorgerechnet werden, was „sehr optimistisch“ sei. Mag sein, aber auf dem unmittelbar daneben abgebildeten Musterbrief sieht man, dass die Renteninformation auch einen Wert angibt für den Fall, dass die Renten gar nicht erhöht werden.

„Bild“ moniert, dass die angegebene zu erwartende Rente nicht berücksichtigt, dass ja auch ein „Jobverlust oder Wechsel auf eine schlechter bezahlte Stelle“ dazwischen kommen könnte. Nun könnte man denken, dass jeder Bürger weiß, dass ein solches Schreiben das genau so wenig berücksichtigen kann wie die Möglichkeit, dass man morgen befördert wird. Notfalls kann man aber auch darauf verweisen, dass die Rentenversicherung vor die entsprechende Summe den Satz geschrieben hat: „Sollten bis zur Regelaltersgrenze Beiträge wie im Durchschnitt der letzten fünf Kalenderjahre gezahlt werden, bekämen Sie (…) von uns eine monatliche Rente von:“.

„Bild“ moniert, dass „mögliche Rentenabschläge bei vorzeitigem Ruhestand völlig ausgeblendet werden“. Nun ja: Die Renteninformation bezieht sich ausdrücklich auf die Annahme, dass man bis zur Regelaltersgrenze arbeitet; auf der zweiten Seite steht ebenso ausdrücklich, dass ein früherer Rentenbeginn zu Abschlägen führt.

„Bild“ moniert, dass die Renteninformation nicht berücksichtigt, dass „die Preise schneller steigen als die Renten“. Aber ob sie das wirklich tun werden, weiß niemand. Sicher ist nur, dass die Renten langsamer steigen werden als die Löhne — die Anpassungen können aber durchaus über der Inflationsrate liegen.

Zusätzlicher Vorsorgebedarf
Da die Renten im Vergleich zu den Löhnen künftig geringer steigen werden und sich somit die spätere Lücke zwischen Rente und Erwerbseinkommen vergrößert, wird eine zusätzliche Absicherung für das Alter wichtiger („Versorgungslücke“). Bei der ergänzenden Altersvorsorge
sollten Sie – wie bei Ihrer zu erwartenden Rente – den Kaufkraftverlust beachten.

Warnung in der „Renteninformation 2007“, erste Seite

Und so geht das noch ein bisschen weiter (auch die Rentenversicherung selbst hat eine Erklärung dazu abgegeben). „Bild“ ignoriert sämtliche warnenden und relativierenden Hinweise, die in den Briefen enthalten sind. Erstaunlicherweise hat die Zeitung sogar an der Warnung etwas auszusetzen, dass Versorgungslücken zu erwarten und eine „zusätzliche Absicherung für das Alter“ zu empfehlen sei: Da fehle der Hinweis, dass man auch für private Lebensversicherungen „kräftig Steuern, Kranken- und Pflegebeiträge hinblättern“ muss.

Dass „Bild“ nicht noch Extra-Renten-Prognosen für den Fall fordert, dass außerirdische Dinosaurier zwei Drittel der Rentenzahler auffressen, ist vermutlich nur dem mangelnden Platz geschuldet.

PS: Ausnahmsweise ist es „Bild“ gelungen, den Empfänger des faksimilierten Renten-Briefes vollständig zu anonymisieren:

Dabei wäre das in diesem Fall ausnahmsweise nicht so dringend gewesen:

Mit Dank an Andreas K.!

„Bild“ taucht mit neuem Kontinent auf

Vom Nordpol zum Südpol ist nur ein Katzensprung.
(Hans Albers, „Flieger, grüß‘ mir die Sonne“, 1932)

Es gibt tatsächlich einige Länder, die Besitzansprüche auf den Nordpol erheben, wie „Bild“ heute unter der Überschrift „Nordpol schmilzt immer schneller!“ berichtet. Etwas hat „Bild“ dabei aber ziemlich falsch verstanden. So heißt es im Text:

Durch den Klimawandel schmilzt das Eis am Nordpol immmer schneller — und schon sechs Länder streiten darum, wem das Land darunter gehört. (…) Unterm Eis taucht ein neuer Kontinent auf, unbesiedelt und voller Bodenschätze (…).

Ähm, ein „neuer Kontinent“ unter dem Nordpol? Nicht wirklich. Das einzige „Land“, das es unter dem (geographischen) Nordpol gibt, liegt etwa in 4.000 Metern Tiefe. Man nennt es Meeresgrund. „Bild“ hat da wohl was verwechselt.

Mit Dank an Martin S. für den sachdienlichen Hinweis.

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