Es muss nicht immer Apfelsaftschorle sein (2)

Soso, aha: Da hat also Maurizio M. bei der tollen „BILD-Leser-Reporter“-Aktion mitgemacht und per MMS, E-Mail oder Upload sein tolles „Leser-Reporter“-Foto an „Bild“ geschickt, richtig?

Na, es muss ja so sein. Schließlich wird das doch alles „überprüft und journalistisch nachrecherchiert“. Steht doch so auch bei Bild.de — beziehungsweise stand. Denn zur Zeit ist der Hinweis auf die angebliche journalistische Nachrecherche dort, wo er kürzlich noch stand, nicht mehr zu finden. Jetzt steht da bloß:

„Wichtig! Teilnehmen können nur Fotos, dessen Urheber Sie auch sind, das bedeutet, Sie selbst haben das Foto gemacht.“

Was wiederum nicht stimmt. Denn „das Foto von Maurizio M.“, dem „Leser-Reporter“, hat teilgenommen, obwohl Maurizio M. wohl eher nicht der Urheber ist. Zumindest findet sich dasselbe Foto ursprünglich (wie viele andere ähnliche Fotos) auf der Homepage des Straßenmalers Julian Beever sowie auf irgendwelchen Websites und nun eben auch bei Bild.de — als eines der „25 Top-Fotos der Leser-Reporter“.

Mit Dank an Daniel R. für den Hinweis.

Nachtrag, 24.8.2006: Bild.de hat das Foto (das übrigens nicht einmal „auf einem Pariser Bürgersteig“ aufgenommen wurde, sondern am selben Ort wie dieses Foto) aus der Bilder-Galerie entfernt.

6 vor 9

Maulbrüter (medienspiegel.ch)
NZZ-Journalistin Daniele Muscionico sitzt in London und möchte ihre fernen Kollegen dazu ermuntern, Fehler einzugestehen. Denn eines hat sie aus der Beobachtung des englischen Presse-Sumpfes gelernt: nur eine Zeitung, die Fehler bekennt, ist eine gute Zeitung.

Interview mit ARD-Journalist Thomas Roth (planet-interview.de)
Thomas Roth über Sommer-Interviews, Pressefreiheit, Ehrlichkeit bei Politikern, seine Russland-Erfahrungen und Kriegsberichterstattung.

Russischer Schriftsteller erfindet Weblogs – im Jahre 1837 (krusenstern.kaywa.ch)
Der russische Schriftsteller Wladimir Odojewskij hat schon im Jahre 1837 die Weblogs erfunden! Odojewskij beschrieb vor rund 170 Jahren in seiner Erzählung „Das Jahr 4338“, dass die Menschen über magnetische Telegrafen einander Tagesjournale senden und sogar telefonieren können.

Du bist das Radio (faz.net)
Die etablierten Hörfunksender verlieren immer mehr junge Hörer. Diese steigen vermehrt auf neue Techniken wie I-Pod und Podcasts um. Damit können sie sich ihre Programm selbst zusammenstellen. Das Radio wird beinahe überflüssig.

Den Westen im Fokus (dradio.de)
Vor zehn Jahren ging Al-Dschasira auf Sendung, der erste unabhängige Nachrichtensender in der arabischen Welt. Seitdem hat sich die arabische Medienlandschaft gewandelt. Anstelle von endlosen Beiträgen über Staatsempfänge und Parteikongresse liefern private Satellitensender unabhängige und kritische Informationen – auch über den Westen.

War?s al-Qaida? (zeit.de)
Nach dem Drama von London schlug wieder die Stunde der Terrorexperten. Die meisten haben nichts zu sagen.

Franz Josef Wagners Angst vor Ausländeraugen

In der Wikipedia wird Xenophobie* so definiert:

Die Xenophobie (griechisch ξενοφοβία — Fremdenangst, Fremdenfeindlichkeit, Kompositum aus ξένος, xénos — der „Fremd“, der „Gast“ und φόβος, phóbos – „Furcht“) bezeichnet die Scheu oder Furcht vor dem Fremden. Xenophobie ist eine ablehnende Einstellung und Verhaltensweise gegenüber anderen Menschen und Gruppen, die vermeintlich oder real fremd sind (z. B. durch fremde Herkunft, Kultur, Sprache). Sie kann sich durch Furcht, Meidung, Geringschätzung, Spott oder Feindseligkeit ausdrücken, die bis zur Gewalt reicht. Teilweise wird der „Fremde“ als Quelle unvorhersehbarer Gefahren gescheut.

Franz Josef Wagner schreibt heute in „Bild“ bezüglich der versuchten Bombenanschläge in Deutschland u.a.:

(...) Wir werden uns in Zukunft daran gewöhnen müssen, niemandem zu vertrauen. Weder dem braven Asyl-Studenten, dem Döner-Koch und dem Kellner mit seinen arabischen Augen. Es bereitet mir Unbehagen, meine Freunde von gestern zu umarmen. Ali in der Paris-Bar, Muhamad in der Döner-Kneipe. Haben sie zwei Gesichter? Ich habe Angst vor ihren Augen. Ich weiß nicht, wo sie nachts hingehen und beten. Ich weiß überhaupt nichts von meinen muselmanischen Mitbürgern. (...)

*) Im Brockhaus heißt es zu Xenophobie auch:

„(…) Ursachen von Fremdenfeindlichkeit sieht die Individual- und Sozialpsychologie in Ichschwäche, repressiven Sozialisationsmodellen und mangelnder Gruppenidentität beziehungsweise fehlenden sozialen Stabilisierungen.

Die Soziologie nennt als Bedingungen, die Fremdenfeindlichkeit auslösen (die sich zur Gewalttätigkeit gegen die Fremden beziehungsweise das Fremde steigern kann), mangelnde familiäre Bindungen, berufliche Chancenlosigkeit, die Auflösung von traditionellen Milieus im Zuge beschleunigten sozialen Wandels und die Pluralisierung beziehungsweise den Verlust von gesellschaftlichen Normen und Werten.

Die Politikwissenschaft interpretiert Fremdenfeindlichkeit als Mangel an politischer Bildung, die die Unabdingbarkeit von Toleranz und universellen Menschenrechten gegenüber dem oder den Fremden in einer offenen, zunehmend mobilen pluralistischen Gesellschaft nicht genügend vermittelt. (…)“

Vergaloppiert

Distanzreiten, der „Marathon des Pferdesports“, ist hierzulande eine bislang wenig bekannte Sportart. „Bild“ berichtet dennoch über den 160-Kilometer-Ritt, mit dem gestern die Reit-WM in Aachen begann (siehe Ausriss), und schreibt u.a.:

„Der Sieger wurde disqualifiziert! (…) Titelverteidiger Scheich Ahmed bin Mohammed Al Maktoum (VA Emirate) kam als Erster ins Ziel – und wurde disqualifiziert! Wallach Jazyk fiel durch den abschließenden Medizin-Check. Das Pferd soll gelahmt haben. Die Anstrengung war zu groß…

Gold geht jetzt an den Spanier Miguel Vila Ubach. Falls sein Pferd Hungaris den heutigen Check der Tierärzte besteht.“

Was für ein Unsinn: Der Scheich kam nicht als Erster ins Ziel, er wurde nicht disqualifiziert, sein Pferd fiel nicht durch den abschließenden Medizin-Check, und gelahmt hat es auch nicht. Vielmehr schied er bereits während des Wettkampfs aus, weil die Tierärzte seinem Pferd Stoffwechselprobleme attestierten, weshalb Gold auch nicht „jetzt“ und „falls“, sondern bereits gestern an den Spanier ging, als er als Erster ins Ziel kam.

Mit Dank an Giesela S., Ben G. und Stefanie F.

6 vor 9

Politpropaganda auf Youtube eingeschleust (tagesanzeiger.ch)
Eine als Amateurvideo getarnte Parodie auf Al Gore erweist sich als gezielt platzierte Propaganda – und als Vorgeschmack auf die nächste Präsidentschaftswahl.

Umstrittener Wert des Wachstums (nzz.ch)
Das Internet wird immer grösser. Aber viele Analysten überschätzen seine kommerzielle Bedeutung, sagen Computerexperten.

Die Freiheit der Behörden (fr-online.de)
Das neue Informationsfreiheitsgesetz wird offenbar nicht selten gegen die ausgelegt, denen es doch nutzen soll.

Krise fällt heute aus (taz.de)
Seitdem Musik ständig und überall herunterladbar geworden ist, schwimmt auch die zuständige Kritik öfter im „Ocean Of Sound“ – und taucht manchmal unter. Heute gilt es, die Fähigkeit zu Durchlässigkeit und Distinktion zu wahren.

Die Rechnungen der Liebe (zeit.de)
Wenn Rabea Eipperle auf ihren Fotos sich selbst mit unterschiedlichen Männern inszeniert, wirbelt sie nicht nur leichthändig unsere Rollenklischees von Mann und Frau durcheinander, sondern auch unser Verständnis von Kunst.

Türkische Klänge im Altenheim (tagesspiegel.de)
Immer mehr Migranten verbringen ihren Lebensabend in Deutschland – obwohl sie das nie geplant haben.

Bild.de verwechselt Anzeigen mit Anzeigen

Nach wie vor muss Werbung als solche erkennbar sein, und wir fassen zusammen:

  • Auf der „Leute“-Seite von Bild.de findet sich zur Zeit zwei Mal derselbe Teaser. Er ist einmal mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet und einmal nicht mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet. Beide Teaser verweisen auf einen nicht als „Anzeige“ gekennzeichneten Text (siehe Ausriss).
  • Und während zur Zeit auf der Startseite von Bild.de ein nicht mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichneter Teaser auf eine Anzeige verweist, ist derselbe Teaser auf der „Leute“-Seite von Bild.de mit dem Wort „Anzeige“ gekennzeichnet (siehe Ausriss).

Mit anderen Worten: Nicht als „Anzeige“ gekennzeichnete Teaser können bei Bild.de ebenso zu als „Anzeige“ gekennzeichneten Texten führen wie als „Anzeige“ gekennzeichnete Teaser zu nicht als „Anzeige“ gekennzeichneten Texten. Und umgekehrt.

Oder kürzer: Selbst Bild.de kann bei Bild.de das eine nicht mehr vom andern unterscheiden.

Mit Dank auch an Jakob W.

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Entertainer der Silver Generation (wdr.de)
Der Urlaub auf Föhr scheint ihm gut getan zu haben. Kurz vor Ende der Sommerpause von ‚Harald Schmidt‘ plaudert der Late-Night-Talker im Gespräch mit WDR.de entspannt über Günter Grass und Eva Herman, den künstlerischen Wert seiner Sendung und die Zielgruppe, die er im Visier hat: das silberhaarige Kreuzfahrtpublikum.

„Die schnellsten Schreiber“ (ftd.de)
Auf Finanzmeldungen spezialisierte Nachrichtenagenturen müssen vor allem fix sein – deshalb lassen Thomson und Reuters ihre Meldungen inzwischen von Computern verfassen.

Beichte beim Lieblingsfeind (tagesspiegel.de)
Ein weites Feld: Warum Günter Grass ausgerechnet bei der „Frankfurter Allgemeinen“ sein Geständnis machte

Die Fernsehwahrheit sieht einfach besser aus (spiegel.de)
Der US-Satiriker Stephen Colbert outet ohne Rücksicht auf Verluste den Wahnsinn im US-Medien- und Polit-Alltag. Seine Methode: Er nennt Satire, was andere als Nachricht, Wahrheit oder Politik verkaufen.

„Ich bin der von Wir sind Papst“ (bildblog.de)
Sigrid Neudecker besucht einen Vortrag von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.

Von Hobby-Knipsern und Profi-Kriegern (telepolis.de)
Warum besitzen Amateurfotografien für viele Internetnutzer einen „Authentizitätsbonus“?

Kurz korrigiert (256)

In der vergangenen Woche wurde Monika Böttcher, die in einem Aufsehen erregenden Prozess wegen des Mordes an ihren zwei Kindern verurteilt worden war, aus der Haft entlassen. Und die „Bild am Sonntag“ beginnt ihren Artikel darüber mit den Worten:

Sie musste ihre Strafe bis zum letzten Tag absitzen: Zum Wochenende wurde Monika B. (48), bekannt als "Mutter Weimar", nach 15 Jahren Haft aus dem Frauengefängnis Frankfurt-Preungesheim entlassen.

Monika Böttcher war vom Frankfurter Landgericht „zu ‚lebenslänglich‘ verurteilt“ worden, wie auch die „Bild am Sonntag“ schreibt. Wer zu lebenslanger Haft verurteilt wird, muss aber mindestens für 15 Jahre ins Gefängnis. Zu sagen, Monika Böttcher habe ihre Strafe „bis zum letzten Tag absitzen“ müssen, ist also Unfug. Im Gegenteil: Sie kam zum frühestmöglichen Zeitpunkt frei.

Vielen Dank an Torben F.!

„Bild“ erklärt Jürgen Vogel für pervers

„Bild“ zitierte gestern den Schauspieler Jürgen Vogel mit einem Satz, der sich auch in einer Meldung der Nachrichtenagentur dpa vom Vortag findet. Dort heißt es unter anderem:

„Der Schauspieler Jürgen Vogel (38) hält nichts von Prüderie in Filmen. ‚Ich bin Exhibitionist‘, sagte Vogel nach der Publikumspremiere des umstrittenen Films ‚Der freie Wille‘ am Donnerstagabend in Köln.“

In der gestrigen „Bild“ las sich das so:

"Erster deutscher Schauspieler gesteht - Jürgen Vogel: Ich bin Exhibitionist"

(…) Warum spielt er diese Ekel-Rolle?

Vogel nach der Premieren-Vorführung: „Ich bin Exhibitionist!“ (Erklärung s. Kasten)

Und man fragt sich, was Vogel der „Bild“-Zeitung oder „Bild“-Autor Sven Kuschel angetan haben mag, dass sie seinen kleinen O-Ton so groß gemacht und ihm im dazugehörigen Erklärkasten („Was ist ein Exhibitionist?“) eine „sexuelle Perversion“ bzw. „Persönlichkeits- oder Verhaltensstörung“ unterstellt haben — wiewohl es doch Wikipedia z.B. mühelos gelingt, dem Begriff „Exhibitionismus“ sinnigere Bedeutungsvarianten abzugewinnen…

Und nähme man die Gaga-Behauptung „Erster deutscher Schauspieler gesteht“ tatsächlich beim Wort, wäre sie nicht einmal wahr. In der Programmzeitschrift „Auf einen Blick“ zum Beispiel sagte der Schauspieler Dieter Landuris bereits vor sechs Jahren wörtlich:

„Ich bin Exhibitionist.“*

*) Damit’s in der „Bild“-Redaktion jetzt nicht zu Missverständnissen kommt… Im Kontext lautete das Landuris-Bekenntnis übrigens: „‚Ich bin Exhibitionist. Ich stehe gern auf der Bühne und brauche das Publikum‘, sagt er über sich selbst und fährt sich durchs halblange, zerzauste Haar.“

Heute anonym VIII

Wie schon so oft, war es Bild.de auch heute wieder nicht gelungen, die Unkenntlichmachung von Personen zum Schutz ihrer Persönlichkeit konsequent durchzuhalten. Seit heute mittag zeigte Bild.de auf ihrer „News“-Seite einen Teaser („Arbeitstag eines Strandhändlers – ‚Sonnebrille? Gutt Preiss“), auf dem „der Senegalese Latif (25, Name geändert)“ zu sehen ist. Doch während das Gesicht des Mannes im eigentlichen Artikel von Bild.de durch Verpixelung unkenntlich gemacht worden war, fehlte die Unkenntlichmachung im Teaser.

Nachdem wir Bild.de auf die abermalige Inkonsequenz beim Schutz der Persönlichkeit aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, erhielten wir abermals keine Antwort. Abermals aber wurde die unterlassene Unkenntlichmachung anschließend nachgeholt.

Mit Dank an die Hinweisgeber.

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