Ceci n’est pas une Presseausweis.

Bezüglich der „BILD-Leser-Reporter“ teilt der Deutsche Journalisten-Verband DJV mit:

Wie der DJV jetzt erfuhr, sollen die Hobbyjournalisten von BILD einen eigens für sie bestimmten Presseausweis erhalten, sobald sie das erste Foto eingeschickt haben. Auf die Vorderseite schreiben sie ihren Namen und ihre Adresse und kleben ein Foto auf. Auf der Rückseite steht in kleiner Schrift, „dass dies kein Presseausweis i.S.d. Vereinbarung der Innenministerkonferenz, der Journalistengewerkschaft und der Verlegerverbände ist“. Ferner wird der Ausweisinhaber aufgefordert, nicht die Arbeit von Polizei oder Rettungsdiensten zu behindern.
(Link von uns.)

Der Warnhinweis sei „ein Feigenblatt, mit dem Springer juristische Auseinandersetzungen vermeiden will“, so der DJV weiter, der zugleich an die Verantwortlichen des Springer-Konzerns appelliert, den „Leser-Reportern“ keine eigenen Presseausweise auszustellen.

PS: Nach BILDblog-Informationen hat „Bild“ in Hamburg eine eigene „BILD-Leser-Reporter“-Redaktion mit dem Namen „1414“ gegründet. Geleitet wird sie von Ralf Pörner, Leiter des „Bild“-Unterhaltungsressorts.

Nachtrag, 18.30 Uhr:
Die Idee kommt unserem Leser Florian P. bekannt vor.

Nachtrag, 31.8.2006:
Laut jetzt.de wurden die „BILD-Presseausweise“ angeblich auch in einer Auflage von zwei Millionen an Zeitungskioske u.ä. verteilt.

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Geografisch gefilterte Nachrichten (telepolis.de)
Um einen Artikel mit Informationen von anonymen Informanten zum Erkenntnisstand der britischen Behörden ohne juristische Probleme veröffentlichen zu können, sperrte die New York Times den Zugriff auf diesen für britische Bürger und lieferte eine Printausgabe ohne den Artikel aus.

Der Blogger, das unbekannte Wesen (fr-aktuell.de)
Ein Anker mit dem Slogan „I live by the River“, dazu hippe T-Shirts und Tassen mit Logo: Auf den ersten Blick sieht das Kellerbüro von „Spreeblick“ in Kreuzberg aus wie einer der vielen kleinen Modedesignerläden in Berlin.

The Evil Thing (jungle-world.com)
Überwachung und Zensur sind längst nicht mehr nur staatliche Phänomene, wie das Beispiel Google zeigt. Die freiwillige „Selbstkontrolle Suchmaschinen“ übernimmt die Selbstzensur in Deutschland.

Journalisten – links, aber unparteiisch? (medienspiegel.ch)
Journalisten stehen links, und deshalb spiegeln die Medien das Zeitgeschehen nur politisch verzerrt wider. Mit dieser Behauptung führen Konservative in den USA seit Jahren erfolgreiche Kampagnen gegen die „main stream media“. Nun liefert eine am Ende des Monats als Buch erscheinende Studie den Kritikern an der politischen Ausrichtung deutscher Journalisten ähnliche Argumente.

Der Nachleser (sueddeutsche.de)
Er hat seinen Plan tatsächlich verwirklicht, A. J. Jacobs, hat den Jahrgang 2002 der Encyclopedia Britannica von Anfang bis Ende gelesen, Artikel für Artikel. Und ein Buch darüber geschrieben.

Ich bin stark (faz.net)
Der Entführungsfall der Natascha Kampusch bewegt die Öffentlichkeit. Dabei ist ein anschwellendes Geplapper von Psycho-Experten zu vernehmen. Dagegen setzt sich die ihrem Entführer entkommene Wienerin klug zur Wehr.

Allgemein  

Das Wundern von Castel Gandolfo

Es begab sich aber zu der Zeit, dass Angela Merkel zum fünften Mal Josef Ratzinger traf. Und die „Bild“-Zeitung verkündete die frohe Botschaft:

Das Wunder von Castel Gandolfo

Denn siehe, seit ihrem ersten Treffen sind sie wie verwandelt: sie nicht mehr Oppositionsführerin, er nicht mehr Kardinal!

Das muss es sein: Das Wunder von Castel Gandolfo. Und fuhr sie nicht auch in einem italienischen Dienstwagen vor? Hatte er nicht die Schweizergardisten antreten lassen? Begrüßten sich beide nicht per Handschlag? Wunder über Wunder: Er nahm sich 46 Minuten Zeit! Beide sprachen über Gott! Sie freut sich auf den Papst-Besuch! Er schenkte ihr eine Münze, sie ihm Noten von Mozart! „Bild“-Vatikan-Korrespondent Andreas Englisch kommt aus dem Wundern nicht mehr raus: Alles lief nach Plan. Das kann kein Zufall sein!

Und wäre Angela Merkel, unversehens in eine weiße Taube verwandelt, vom päpstlichen Balkon gen Israel davongeflattert, die „Bild“-Überschrift wäre wohl dieselbe gewesen. Das ist das Wunder von Castel Gandolfo.

Geschehen ist (fast) nichts

In der gestrigen „Bild“ erschien ein (vergleichsweise großer) Artikel, dessen Überschrift seinen Inhalt schon ganz gut zusammenfasst:

„Vor der Wahl versprach Angela Merkel Reform der Altersbezüge für Politiker — geschehen ist (fast) nichts.

Wann kürzt die Kanzlerin endlich die Minister-Pensionen?“

Genauer hieß es dann:

„Im zuständigen Innenministerium rührt sich so gut wie gar nichts. ‚Die Planungen werden weiter verfolgt und nach und nach umgesetzt‘, erklärt die Bundesregierung auf Anfrage von BILD. Wann und wie die Neuregelung kommt, sei ’noch offen‘.“

Und heute? Heute berichtet „Bild“ in einem (vergleichsweise kleinen) Artikel:

"Regierung will nun doch Minister-Pensionen kürzen!"

Genauer heißt es dazu:

„Die Große Koalition hat gestern angekündigt, dass die Pensionen (…) gekürzt werden! (…) Der genaue Termin der Neuregelung ist weiterhin offen.“

Was ist zwischen diesen beiden „Bild“-Meldungen passiert? (Fast) nichts. „Es ist nicht so, dass die ‚Bild‘ irgendwas angestoßen hat“, erklärt die Bundesregierung auf Anfrage von BILDblog — und verweist auf ihre gestrige Pressekonferenz, in der Regierungssprecher Thomas Steg (vergleichsweise ausführlich) darlegte, was „Bild“ doch schon zuvor, also gestern, mit den Worten „Die Planungen werden weiter verfolgt und nach und nach ungesetzt“ zusammengefasst hatte und was „Bild“ hernach, also heute, mit zum Teil denselben Worten noch einmal aufschreibt.

Wirklich neu ist an der ganzen Sache nur das „nun doch“ in der heutigen „Bild“-Überschrift — als hätte die „Bild“-Zeitung mit ihrer gestrigen Geschichte irgendwas bewirkt.

Schmerzensgeld für „Puff-Politiker“

Die „Bild“-Zeitung muss dem Bundestagsabgeordneten Gert Winkelmeier Schmerzensgeld zahlen. Dazu verurteilte das Berliner Landgericht die Axel Springer AG in der vergangenen Woche. Die genaue Summe möchte Winkelmeier nicht nennen, es handele sich aber um einen „gehobenen Betrag“, sagte uns sein Anwalt Jony Eisenberg.

Im vergangenen Februar hatte die „Bild“-Zeitung den Politiker der Linkspartei drei Tage in Folge in großen Überschriften als „Puff-Politiker“ bezeichnet — weil in einem Haus, dessen Miteigentümer er war, auch Prostituierte arbeiteten.

Das Gericht sah in der „Bild“-Berichterstattung nach den Worten Eisenbergs eine „schwere Persönlichkeitsrechtsverletzung“ und eine „Schmähung“. Verschärfend habe es in seinem Urteil gewertet, dass „Bild“ „kampagnenartig“ berichtet und Winkelmeier keine Chance gehabt habe, sich zu wehren.

Allgemein  

„Bild“-Urteil widerlegt

So stand es bekanntlich vor elf Tagen in „Bild“, so steht es seit elf Tagen in Bild.de. Das war voreilig, unzulässig — und wie man inzwischen weiß: falsch. Die DNA-Spuren des festgenommenen John Mark Karr stimmen, wie selbst Bild.de heute berichtet, nicht mit denen überein, die am Tatort bei der getöteten JonBenet Ramsey gefunden wurden.

Danke an Florian Z., Marko S., Daniel K., Sebastian S., Mike B., Tom, Jürgen H., Manuel N., Timm H., Jean M. und Hendric S.

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Dichtung und Wahrheit (telepolis.de)
Was beim Untergang von New Orleans vor einem Jahr falsch und was gar nicht berichtet wurde – und was noch gemunkelt wird.

Zurück hinter Mauern (zeit.de)
In Österreich droht eine Medienschlacht um Natascha Kampusch. An den Menschen denkt dabei niemand.

Der intellektuelle Doppelagent (taz.de)
Als Freiberufler muss man ständig abwägen, auf wessen Seite man sich schlägt. Dann gilt es im kulturellen Feld die Eventmanager zu ernüchtern oder den Künstler ein wenig in seinem Sendungsbewusstsein zu bremsen. Eine Anleitung.

Push für den Push (onlinejournalismus.de)
Die Push-Technik RSS bietet potenziell extrem weitreichende Personalisierungsmöglichkeiten für den Nutzer – bei gleichzeitigen Bedeutungsverlust für die redaktionelle Gewichtung. Doch während RSS für Blogger nicht mehr wegzudenken ist, haben die meisten Normalnutzer noch nie davon gehört. Wie schätzen große Online-Redaktionen die Entwicklung ein?

Swisscom lanciert einen Blog (tagesanzeiger.ch)
Firmen können mit Internettagebüchern ihre Bekanntheit erhöhen. Das neue Medium birgt aber auch Gefahren.

Chaos, Geschenke, Gastfreundschaft (manager-magazin.de)
Wer mit Arabern Geschäfte macht, muss viel Zeit mitbringen. Gespräche dauern oft stundenlang. Bisweilen wird über drei Verträge gleichzeitig verhandelt. Wenn die gegensätzlichen Kulturen aufeinandertreffen, sind vor allem zwei Dinge Wichtig: Geduld und Respekt.

Bild.de verwechselt Anzeigen mit Anzeigen (2)

Damit niemand auf den Gedanken kommt, das hier sei ein unglücklicher Ausrutscher gewesen:

Diese Anzeige hier links steht gerade im „Leute“-Ressort von Bild.de.

Und diese Anzeige redaktionelle Information hier links steht gerade im „Kino“-Ressort von Bild.de.

Beide Teaser führen direkt zum selben Anbieter. Werbung? Redaktion? Bild.de macht da keinen Unterschied.

Nicht zum Herzeigen bestimmt

Natascha Kampusch, das österreichische Mädchen, das acht Jahre lang von einem Entführer gefangen gehalten wurde, hat einen Brief an „Journalisten, Reporter“ und die „Weltöffentlichkeit“ geschrieben.

Natascha bricht ihr Schweigen / Ihre Erklärung im WortlautAnders als viele andere OnlineMedien dokumentiert Bild.de heute den Brief nicht im Wortlaut, sondern nur in Auszügen.

Und wir dokumentieren die Stellen, die Bild.de wegließ:

Ich möchte Ihnen im Voraus jedoch versichern, dass ich keinerlei Fragen über intime oder persönliche Details beantworten will und werde. Ich werde persönliche Grenzüberschreitungen, von wem auch immer voyeuristisch Grenzen überschritten werden, ahnden. Wer das versucht, kann sich auf etwas gefasst machen. (…)

[Der Raum, in dem ich gelebt habe, ist] nicht für die Öffentlichkeit zum Herzeigen bestimmt. (…)

Botschaft an die Medien: Das einzige, wovor die Presse mich verschonen soll, sind die ewigen Verleumdungen meiner selbst, die Fehlinterpretationen, die Besserwisserei und der mangelnde Respekt mir gegenüber.

Abgesehen von zwei Passagen, in denen Natascha Kampusch sich namentlich bei ihren Betreuern bedankt, sind dies die einzigen Stellen in dem langen Brief, die Bild.de gekürzt hat. Bestimmt nur, weil sie für „Bild“-Leser ja nicht so relevant sind.

Vielen Dank an Martin Z. für den Hinweis!

Nachtrag, 29.8.2006: Nachdem sich die gedruckte „Bild“ entschieden hat, den Brief heute im kompletten Wortlaut zu veröffentlichen, steht nun auch bei Bild.de nicht mehr nur die gekürzte Version.

Man wird ja wohl noch antworten dürfen (2)

"Feuer-Anschlag auf Nena geplant?" Nein.
"Sind wir schon wieder knapp einem Terroranschlag entkommen?" Eher nicht.

Soviel zur „Bild“ von heute. In einer Polizei-Meldung vom Samstagabend heißt es dazu abschließend:

Konkrete Hinweise auf geplante Straftat haben sich nicht bestätigt

(…) Weder die Durchsuchungen noch die sich anschließenden Ermittlungen konnten den Sachverhalt weiter aufhellen und die Hinweise erhärten. Ebenso blieb ungeklärt, wo und mit welchen Mitteln die vorgenannte Straftat durchgeführt werden sollte.

Und der Radiosender Eins Live ergänzt:

Die Polizei hat (…) erklärt, dass sich diese ganze Sache nicht gegen Nena gerichtet habe. Die Polizei hatte tatsächlich Hinweise, dass in Gelsenkirchen möglicherweise Anschläge geplant worden seien und habe deshalb das Gelände gesichert. Dass Nena dort aber an dem Abend ein Konzert gespielt habe, sei Zufall, so die Polizei gegenüber Eins Live. Im Nachhinein habe sich die Sache sowieso als Fehlalarm erwiesen.

„Bild“ hingegen hat sich gegen die Wörter „Zufall“ und „Fehlalarm“ entschieden und zitiert lieber einen Ermittler mit den (offensichtlich schon lange vorm „Bild“-Redaktionsschluss überholten) Worten:

"Uns fehlen noch handfeste Beweise."

Mit Dank an Ronald M., Fritz, Stefan S., Claudius L., Martin K., Daniel W., Thomas R. für den Telepolis-Link.

Nachtrag, 15.20 Uhr: Inzwischen hat sich auch die Nachrichtenagentur dpa der „Bild“-Story angenommen und verbreitet in einer Meldung u.a. den Satz:

Einen Bericht der „Bild“- Zeitung, wonach die Gruppe einen Anschlag auf ein Konzert der Sängerin Nena geplant habe, wies die Polizei als Spekulation zurück.

Ganz anders Krone.at: Die Online-Ausgabe der österreichischen „Kronen-Zeitung“ hat nirgends nachgefragt, sondern die „Bild“-Spekulationen lieber (dezent zugespitzt) als Tatsache weiterverbreitet.

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