„Bild“ hat’s nicht gewusst

NICHT MAL DER KANZLER HAT’S GEWUSST!

So beginnt der Text zum heutigen Seite-1-Aufmacher in „Bild“.

Und so sieht der entsprechende Artikel auf Seite zwei aus:

Im Text selbst steht’s auch noch mal:

Nicht einmal der Kanzler war vorher eingeweiht.

Und bei Bild.de steht schon den ganzen Tag genau das Gleiche.

Das Gegenteil steht da allerdings auch — im Nachrichtenticker, einem kleinen Laufband am unteren Bildschirmrand:

Wenn man da drauf klickt, gelangt man zu diesem Text:

Außenminister Joschka Fischer (Grüne) hat Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vorab über seinen am Dienstag erklärten Verzicht auf Parteiämter bei den Grünen informiert. Beide hätten sich am Montag zu einem einstündigen Gespräch im Kanzleramt getroffen, erklärte Regierungssprecher Béla Anda jetzt in Berlin. An dem Gespräch hätten nur Fischer und Schröder teilgenommen. Anda betonte, daß sich der Verzicht Fischers nur auf Parteiämter beschränke und nicht etwa Regierungsämter einschließe.

Dass Anda damit anders lautende Medienberichte dementierte, steht da zwar nicht, aber hier zum Beispiel.

Mit Dank an Peter K. und Boris S. für die Hinweise.
 
Nachtrag, 22.9., 1.10 Uhr:
Mittlerweile ist die oben zitierte Ticker-Meldung nicht mehr online.

Nachtrag, 22.9.2005, 10:03:
Dafür, dass der Kanzler schon vorab informiert war, sprechen auch seine Äußerungen in der von ARD und ZDF am Wahlabend ausgestrahlten „Berliner Runde“. Wie beispielsweise die „Welt“ am Dienstag dokumentierte, hatte Schröder bereits da von „den Nachfolgern von Herrn Fischer“ gesprochen.

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Dinosauriersterben ohne Schaulustige

Forscher sicher! Durch ein Wurmloch geht

Um mal etwas Positives zu sagen: Diese Geschichte auf der heutigen Seite 1 von „Bild“ ist nicht ganz so unsinnig, wie man denken könnte. Natürlich müsste man den Ausruf „Forscher sicher!“ ersetzen durch: „Einzelne Forscher vermuten!“, und natürlich sind die Thesen des Princetoner Professors mit dem schönen Namen Richard Gott bestenfalls faszinierende Gedankenspiele und nicht konkrete Erwartungen. Aber richtig ist, dass der Forscher glaubt, es sei theoretisch möglich, Zeitreisen zu unternehmen, und Wurmlöcher könnten dabei als eine Art Abkürzung zwischen zeitlich oder räumlich weit entfernten Punkten dienen.

„Bild“ hat offenbar diesen Artikel in „National Geographic“ gelesen, daraus gleich ein Zitat von Professor Gott abgeschrieben und die Illustration übernommen (natürlich ohne den ursprünglichen Hinweis, dass es sich nicht um ein „Foto“ handelt, sondern um die Fantasie eines Künstlers).

Alles wäre nur ein bisschen übertrieben und abwegig und ungenau gewesen — wenn man sich bei „Bild“ nicht dazu entschieden hätte, die theoretischen Gedankenspiele mit ein bisschen Anschauung aufzupeppen. Und so beginnt der Artikel mit der Frage:

Können wir doch eines Tages in die Vergangenheit blicken und beobachten, wie vor 65 Millionen Jahren die Dinos ausstarben?

Und er endet mit der Antwort:

Wir bräuchten vielleicht nur Minuten, um 65 Millionen Lichtjahre im Wurmloch zurückzureisen und das Ende der Dinosaurier zu erleben.

Mal abgesehen davon, dass es nicht einen Moment gab, in dem es Poff machte und die Dinosaurier plötzlich alle tot waren. Und mal abgesehen davon, dass „Bild“ am Ende Lichtjahre (eine Entfernungseinheit) mit Jahren (einer Zeiteinheit) verwechselt. Wenn, sagen wir, in 100 Jahren eine Maschine erfunden würde, mit der die Menschen in die Vergangenheit reisen können, warum wimmelt es dann bei uns nicht von Menschen, die diese 100 Jahre zurück gereist sind? Weil sie alle unsere Gegenwart so langweilig fanden und stattdessen gerade schlangestehen vor den Dinosaurieren?

Richard Gott (der ohnehin Reisen in die Vergangenheit für weit unwahrscheinlicher hält als solche in die Zukunft) hat auf diese Frage eine Antwort:

Man kann nicht in eine Zeit reisen, in der noch keine Zeitmaschinen gebaut worden waren. Man kann keine Zeitmaschine benutzen, bevor sie existiert.

Und deshalb ist die ganze Dinosauriergeschichte in „Bild“ leider doch endgültig: Unsinn.

Danke an Jan B., Frank W. und Andreas G.

Kurz korrigiert (13)

Mit der korrekten Zuordnung von Automodellen tut man sich bei Bild.de bekanntlich etwas schwer. Das entschuldigt zwar nicht die Schlampigkeit, mit der dort Fotos betextet werden, überrascht ist man aber auch nicht, wenn in einer Fotogalerie zur IAA ein Fenomenon Stratos fälschlich als Lamborghini bezeichnet wird.

Bei einem etwas genaueren Blick auf das zu betextende Foto (s. Ausriss) hätte allerdings auch einem absoluten Auto-Laien auffallen müssen, dass es sich bei dem abgebildeten Fahrzeug keinesfalls um eines „in Polizei-Optik“, wie Bild.de schreibt, handeln kann. Oder wer hätte schon jemals davon gehört, dass Polizei-Fahrzeuge von der Fluglinie Alitalia gesponsert werden?

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Pippo

Das Herzlos-Herrchen von Löbau

Hunde sind etwas ganz Wunderbares: Sie kotzen auf den Teppich, müssen ständig raus, haaren das Auto voll, verkratzen das Parkett, knabbern am Sofa, neigen zum Sabbern oder haben Herzfehler – und wenn sie eines Tages sterben, ist das sehr, sehr traurig. Außerdem kosten sie Geld: Futter, Hundehaftpflicht, Tollwutimpfung, Bahn- und U-Bahn-Karten, Quietschetierchen, Leckerli… Glücklich ist, wer einen Hund im bayerischen Windorf hat, denn offenbar gibt’s da wenigstens keine Hundesteuer. Im 180 Kilometer entfernten München hingegen sind’s jährlich 76,80 Euro, 100 Kilometer weiter, in Klais, angeblich sogar 1.200 Euro usw.

Gut 500 Kilometer von der Hundesteueroase Windorf liegt Löbau, wo der Stadtrat am 12. Mai 2005 eine neue Hundesteuersatzung beschlossen hat, wonach ein Hund nun beispielsweise 18 Euro weniger als in Berlin, 54 Euro weniger als in Köln kostet (ja, selbst bei mehreren Hunden mindestens 54 Euro weniger als z.B. in Villingen-Schwenningen). Und am 19. September 2005 fand sich deshalb in „Bild“ folgende, mit „vier süßen Welpen“ illustrierte, Geschichte:

"Hundesteuer 100 Prozent rauf - Herrchen muss uns einschläfern!"

Mit anderen Worten: „Bild“ wollte sich offenbar über die Hundesteuererhöung in Löbau echauffieren und hatte zur Veranschaulichung den Löbauer Bernd Engelmann aufgetan, dessen Riesenschnauzerhündin Maxi im Juli eben jene „vier süßen Welpen“ (siehe Ausriss) bekommen hatte, woraufhin „Bild“ textete:

„Die Welpen sind erst neun Wochen alt. Aber ihr Besitzer muß sie wohl einschläfern, weil er die teure Hundesteuer nicht bezahlen kann.“

Wiederholt taucht das „einschläfern müssen“ in der kurzen „Bild“-Meldung auf. Und das ist nicht nur falsch (weil Engelmanns „süße Welpen“ noch gar nicht hundesteuerpflichtig sind und gemäß Hundesteuersatzung erst ab November angemeldet werden müssten), sondern auch grob irreführend: Denn von „einschläfern müssen“ kann keine Rede sein – im Gegenteil: Laut Tierschutzgesetz ist das Töten von Wirbeltieren „ohne vernünftigen Grund“ verboten und wird mit Freiheits- oder Geldstrafe bestraft. Eine vielleicht nicht unwesentliche Information, die „Bild“ jedoch ebenso verschweigt wie die weitaus naheliegendere Möglichkeit, die Welpen einfach zu verkaufen oder zu verschenken.

Mit Dank an Kinga K. und Jana für den Hinweis, danke auch an Ella und Nappo für die Inspiration.

„Bild“ fragt, Politiker antworten (Wahlkampf IX)

Darum ist eine Große Koalition Gift für Deutschland

Wen hat die „Bild“-Zeitung gefragt, um sich ihre seit Wochen wiederholten Warnungen vor einer Großen Koalition bestätigen zu lassen? „Große alte Männer“, „deren Wort Gewicht hat“, „eine Art Ältestenrat in Deutschland“. Ach ja, und alle drei sind Ehrenvorsitzende der FDP.

Noch überraschender als deren Urteil über eine Große Koalition ist nur diese Aussage, die „Bild“ bemerkenswert genug fand, um aus ihr am Montag dieser Woche eine Seite-1-Schlagzeile zu machen:

Friedrich Merz & Christian Wulff: Merkel wird eine exzellente Kanzlerin!

Gekaufte Deutsch-Türken

Nur zur Erinnerung: „Bild“-Kommentator Dirk Hoeren sorgte sich in seinem Kommentar am Dienstag um das Zusammenleben von Deutschen und Türken. Er sah es dadurch bedroht, dass Politiker die Interessen von 600.000 Deutschen türkischer Abstammung vertreten. Nicht bedroht sah er es anscheinend durch die — gelinde gesagt — irreführende Berichterstattung der „Bild“-Zeitung.

Wie schon gestern veröffentlicht „Bild“ auch heute Briefe von „Bild“-Lesern zum Thema:

Schröder, Fischer & Co. sind für 600.000 Türken-Stimmen bereit, deutsche Interessen zu verkaufen.

Der Schröder schleimt bei den Türken, obwohl er wissen müßte, daß die Mehrheit der Deutschen gegen einen EU-Beitritt ist.

Wie armselig muß ein Mensch sein, wenn er um die Gunst gekaufter Deutsch-Türken bettelt, um sie gegen die eigenen Landsleute auszuspielen.

Eine Schande für Deutschland

Die Redaktion der „Bild“-Zeitung hat sich entschieden, zu ihrem Artikel „Entscheiden Türken die Wahl?“ heute die folgenden drei Leserbriefe zu veröffentlichen:

Dem christlich orientierten Europa droht bei einer EU-Mitgliedschaft der Türkei der Untergang durch muslimische Einwanderer. Im Interesse meiner Kinder und Enkelkinder muß ich CDU wählen.

Nun muß auch dem dümmsten Wähler klar sein, weshalb sich der Strahle-Kanzler so immens für den Türkei-Beitritt einsetzt.

Es ist eine Schande für Deutschland, wenn sich ein vertrauenswürdiger Kanzler der Ausländer bedient, um die Wahl zu gewinnen.

Kurz korrigiert (12)

Anders als „Bild“ heute berichtet, handelt es sich bei dem Wal, der gestern vor der südafrikanischen Küste mit Dynamit getötet wurde, nicht um einen Buckelwal, sondern einen Südkaper.

Danke an Neil G. für den sachdienlichen Hinweis und die Links!

Nachtrag, 16. September, 18 Uhr: Der Wal-Beauftragte von Bild.de hat inzwischen den Buckel des Wals entfernt.

Nachtrag, 16. September, 20 Uhr: Auf den Wal-Beauftragten von Bild.de ist auch kein Verlass. In der Fotogalerie ist der Südkaper immer noch ein Buckelwal.

Danke auch an Ötzgür D. und Bernhard G. für die Nachverfolgung!

Penis-Treter unschuldig!

Am Samstag gegen Eintracht Frankfurt hat sich der Hannover-96-Spieler Chavdar Yankov eine Verletzung zugezogen, die die Fantasie der „Bild“-Zeitung anregt wie selten eine Verletzung bevor: Die Haut an seinem Penis war eingerissen und musste mit mehreren Stichen genäht werden.

Seitdem beschäftigt sich „Bild“ fast täglich mit dem „blutigen Penis-Drama“, der „wirklich üblen Verletzung“, sorgt sich um nächtliche Erektionen, fragt den Mannschaftsarzt, ob das Glied während der Behandlung steif war und ob Beeinträchtigungen beim Sex zu erwarten sind, berichtet von einem viertägigen Sex-Verbot und einer längeren Kondompflicht, zeigt auf einem Foto, wie Yankov beim ersten Training „ab und zu überprüfte, ob sein kleiner Freund das gut überstanden hat“, berichtet vom Entfernen des Pflasters und witzelt: „Er steht wieder seinen Mann“…

…und vergisst in all dem Eifer nur ein kleines Detail nachzurecherchieren: Wer der „Penis-Treter“ („Bild“) war, der all das ausgelöst hat. „Bild“ behauptet: Benjamin Köhler — und präsentierte am Dienstag auch eine Entschuldigung („auch bei seiner Freundin“) des vermeintlichen Täters. Nur war der es offenbar gar nicht. Der „Kicker“ berichtet heute (in seiner gedruckten Ausgabe), dass die Fernsehbilder eindeutig zeigten, dass die Verletzung bei einem Zweikampf von Yankov mit Christoph Spycher entstanden sei. Der Teamarzt bestätige dies. Und der angeblich geständige Köhler sagt im „Kicker“:

Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich mich nicht erinnern kann und lediglich hinzugefügt: Falls ich es war, tut es mir Leid.

Danke an Frank P. und Schaumburger für die Hinweise!

„Bild“-Redakteur aus Sommerloch geborgen

Erinnert sich noch jemand an diese „Bild“-Falschmeldung, in der es hieß: „EU schafft Deutsch ab“? Dazu gibt es nämlich jetzt eine neue Pressemitteilung der „Vertretung der Europäischen Kommission in Deutschland“. Darin heißt es u.a.:

„Die Europäische Kommission freut sich, dass sie bei der Bergung des für den Artikel verantwortlichen Redakteurs aus dem Sommerloch helfen konnte.“

Der Rest der Mitteilung ist weniger witzig. „Bild“ hat nämlich die Angewohnheit, die eigenen Falschmeldungen nicht nur nicht zu korrigieren, sondern sich auch zu weigern, Gegendarstellungen der Betroffenen zu drucken. Selbst als die EU-Kommission am 25. August eine einstweilige Verfügung erwirkte, die „Bild“ zum Abdruck der Gegendarstellung verpflichtete, gab die Zeitung noch nicht auf und legte Widerspruch ein. Heute nun hat das Landgericht Berlin diesen Widerspruch abgewiesen.

In der „F.A.Z.“ sagte „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann, er drucke absurde Gegendarstellungen gerne, „weil sie zeigen, wie hier das Recht der Gegendarstellung im Kern mißbraucht wird.“ Wir lernen: Weniger absurde Gegendarstellungen druckt er offenbar nicht so gerne.

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