Carrells letzter Wunsch war nicht sein letzter Wille

Manchmal reicht es einfach nicht, die halbe Wahrheit zu kennen.

Kurz nachdem Rudi Carrell gestorben war, wusste „Bild“, dass der Showmaster eingeäschert und neben seiner zweiten Frau Anke begraben werden wolle. „Bild“ wusste außerdem, dass die Urne seiner zweiten Frau im Garten seines Grundstückes beigesetzt worden sei. Und aus beidem folgerte „Bild“ nun offenbar, dass nun auch Carrell in seinem Garten beigesetzt werden wolle.

Das war eine weitreichende Schlussfolgerung. Deshalb fragte „Bild“ schon am ersten Tag der Berichterstattung über Carrells Tod unheilvoll: „Bleibt Rudi Carrells letzter Wunsch etwa unerfüllt?“ Und fragte beim Bürgermeister von Carrells Wohnort Syke nach, ob so eine Bestattung im Garten überhaupt erlaubt sei, und der Bürgermeister verneinte und sagte, es gebe noch nicht einmal einen entsprechenden Antrag.

Vielleicht hätte man sich an dieser Stelle schon fragen können, ob das Fehlen des Antrags nicht auch bedeuten könnte, dass Carrell womöglich gar nicht im eigenen Garten bestattet werden wollte. Vielleicht hätte auch jemand im langen Interview nachlesen können, das Carrell erst im März dem „SZ-Magazin“ gegeben hat. Darin antwortete er auf die Frage, ob er nicht auf dem Grundstück neben seiner Frau Anke beerdigt werden wolle: „Ich überlege noch, ob wir vielleicht ein gemeinsames Grab mit beiden Urnen nehmen, auf einem normalen Friedhof.“

„Bild“ zitierte stattdessen nun den Ordnungsamtsleiter von Syke, der sagte, es werde keine Ausnahmegenehmigung für Carrell geben. „Bild“ fragte auch beim niedersächsischen Ministerpräsidenten Christian Wulff nach, der der Zeitung sagte, er würde es „außerordentlich begrüßen“, wenn die zuständige Behörde die Genehmigung doch erteilen würde. Und weil in der Welt von „Bild“ demokratische Abläufe und gesetzliche Vorschriften keine große Sache sind, machte die Zeitung daraus gleich die Überschrift: „Rudi darf in seinem Garten beigesetzt werden“.

Während nun andere Zeitungen das Thema aufgriffen, ohne die Grundannahme zu überprüfen, wurde es in „Bild“ selbst ein bisschen ruhig um die Urne-im-Garten-Geschichte. Bis gestern, als „Bild“ berichtete, Carrell sei auf dem Friedhof in Heiligenfelde beigesetzt worden — neben seiner Frau, deren Urne offensichtlich überführt worden sei. Heute schreibt „Bild“ wieder über Carrells „letzten Willen“. Und zitiert seinen Schwiegersohn Dieter Klar mit den Worten: „Das Haus soll auf alle Fälle verkauft werden. Das wollte Rudi so. Er hat deshalb auch angeregt, nicht auf seinem Grundstück bestattet zu werden, sondern außerhalb.“

Danke an Stefan S.!

Embedded Journalism

Bei einem israelischen Luftangriff im Libanon ist versehentlich der Stützpunkt einer UN-Patrouille in Chijam getroffen worden. Vier unbewaffnete Blauhelmsoldaten kamen dabei ums Leben.

„Versehentlich“. Dieses Urteil von Bild.de über den Vorfall steht in keiner Agenturmeldung. Eine ähnliche Aussage steht nicht bei „Spiegel Online“, nicht bei sueddeutsche.de, nicht unter FAZ.net, nicht in der Netzeitung, nicht bei der BBC und nicht bei CNN.

Das Wort „versehentlich“ findet sich in einer Meldung der Nachrichtenagentur AP, aber dort steht es in indirekter Rede:

Der israelische Ministerpräsident Ehud Olmert bekundete sein tiefes Bedauern und erklärte, die UN-Soldaten seien bei dem Angriff in der Nacht zum Mittwoch versehentlich getötet worden.

Über dem Artikel heißt es bei Bild.de noch: „Israel spricht von einem Versehen“, aber dann spricht auch Bild.de von einem Versehen. Bild.de macht sich die israelische Version von dem Vorfall zu eigen und präsentiert sie als Tatsache.

Und offenbar nicht versehentlich, denn Bild.de vermeidet in der Meldung auch jeden Hinweis auf Vorwürfe gegen Israel. Immerhin hat Kofi Annan, der UNO-Generalsekretär, davon gesprochen, es habe sich um einen „offenbar vorsätzlichen“ Angriff gehandelt. Seine Vorwürfe gehen seit heute nacht gegen 0.30 Uhr über deutschsprachige Nachrichtenagenturen und fehlen seitdem in kaum einem Bericht über den Vorfall.

Außer bei Bild.de.

Die „Unternehmensgrundsätze“ der Axel Springer AG verpflichten ihre Mitarbeiter zur „Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes“. Offenbar in Kriegszeiten sogar um den Preis, die Leser schlecht zu informieren.

Danke an Pierre H. und Heinz-Gerd R.!

Wer liest „Bild“ und „Bild am Sonntag“?

„Bild“ und „Bild am Sonntag“ sind immer noch mit großem Abstand die meistgelesenen Printmedien, die in Deutschland verkauft werden — aber sie verlieren zur Zeit nicht nur besonders viele Käufer, sondern auch Leser.

Nach den Umfragen der „Media-Analyse 2006/II“, die heute veröffentlicht wurde, erreicht jede Ausgabe von „Bild“ 11,49 Millionen Leser, jede „Bild am Sonntag“ 10,62 Millionen Leser. (Zum Vergleich: Der „Spiegel“ kommt auf 6,00 Millionen Leser, die „Süddeutsche Zeitung“ auf 1,11 Millionen.)

Gegenüber der letzten Media-Analyse vor einem halben Jahr hat „Bild“ 330.000 Leser verloren. Bei „Bild am Sonntag“ ging die Zahl der Leser um 240.000 zurück.

Nach wie vor sind „Bild“ und „Bild am Sonntag“ vor allem Männer-Zeitungen: Den gut sieben Millionen männlichen „Bild“-Lesern stehen nur knapp viereinhalb Millionen Frauen gegenüber:

Über die Hälfte der „Bild“-Leser gehört zur Arbeiterschicht*, obwohl diese Gruppe nur 37 Prozent der Gesamtbevölkerung stellt. Auch beim Grad der Ausbildung unterscheidet sich die Leserschaft von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ teilweise deutlich von der Gesamtbevölkerung:

In den Pressemitteilungen der Axel Springer AG über die Ergebnisse der Media-Analyse zu „Bild“ und „Bild am Sonntag“ kommt der aktuelle Leserschwund übrigens nicht vor.

*) „Beruf des Haushaltsvorstandes (jetzt/früher): Facharbeiter / sonstige Arbeiter“

Bei uns kommt das Geld aus der Bank

Gutes Thema eigentlich, mit dem die „Bild“-Zeitung heute aufmacht (siehe Ausriss). Wer kommt schon mit seinem Geld aus? Wer überzieht nicht ab und zu sein Konto? So wie die 14 Kontoinhaber, die „Bild“ unter der Überschrift „Unser Geld reicht nie für einen Monat“ präsentiert und deren Geld mehrheitlich für einen Monat zu reichen scheint. Laut Schuldenreport 2006 sind sogar 3,1 Millionen Haushalte in Deutschland überschuldet. Und auch das steht so in „Bild“:

Immer mehr Deutsche kommen mit ihrem Geld nicht aus! Laut Schuldenreport 2006 sind schon 3,1 Millionen Haushalte überschuldet. Seit 1999 hat sich diese Zahl mehr als verdoppelt.

Als „wichtige Gründe“ dafür nennt „Bild“ „Sinkende Einkommen“, „Steigende Lebenshaltungskosten“, „Explodierende Energiekosten“, „Steigende Abgaben und Gebühren“ und „Angst um den Arbeitsplatz“ (?).

Und mal abgesehen davon, dass die 14 Kontoinhaber mit dem wichtigen Thema Überschuldung nichts zu tun haben und sich die Zahl der überschuldeten Haushalte nicht „seit 1999“, sondern zwischen 1993 und 2002 mehr als verdoppelt hat, ist auch in der Pressemitteilung zum Schuldenreport 2006, der im Februar veröffentlicht wurde, die Rede davon, dass „bereits kleine ‚Störungen‘ wie etwa die Reparatur der Waschmaschine oder steigende Energiepreise den finanziellen Kollaps auslösen können“. Allerdings geht es den Herausgebern des Reports (Caritas, Diakonie, Rotes Kreuz und Bundesverband der Verbraucherzentralen, VZBV) noch um etwas anderes. In der Pressemitteilung heißt es über überschuldungsgefährdete Haushalte:

Diese Haushalte stehen auf der Kante — leichtfertige Kreditvergabe und die diskriminierenden Scoring-Praktiken der Banken können hier leicht den Anstoß zur Überschuldung geben.

Deshalb fordern die Verbände u.a. einen „Ausbau der Schuldnerberatung“, „die gesetzliche Verankerung des Rechts auf ein Girokonto auf Guthabenbasis“ und „die Verankerung der Pflicht zu einer verantwortlichen Kreditvergabe in der EU-Verbraucherkreditrichtlinie“.

In „Bild“ steht davon nichts. Stattdessen beantwortet „Bild“ unterhalb der bereits erwähnten Überschrift „Unser Geld reicht nie für einen Monat“ die Frage:

Beim Diakonischen Werk findet man das abwegig. Ein Sprecher sagte uns:

Der Dispo sollte eigentlich nur als Überbrückung dienen. Wir wären ja mit dem Klammerbeutel gepudert, wenn wir zur Erhöhung des Dispos raten würden, obwohl das Geld ohnehin schon nicht ausreicht.

So geht das also: Statt ein wichtiges Thema, das jeden angeht, in seiner gesellschaftspolitischen Brisanz sachkundig zu erörtern, gibt „Bild“ lieber einen blöden Tipp.

Vorsicht, Paparazzi (3)

Die „Bild“-Leser-Reporter haben fleißig geknipst: Nicht nur süße Tiere und eindrucksvolle Gewitter, sondern auch drastische Unfallbilder, Ralf Schumacher mit Ehefrau beim Mittagessen im Strandlokal, Veronica Ferres mit Ehemann beim Kaffeetrinken im Hotel, Gerhard Schröder beim vegetarischen Essen mit Unbekannten, DJ Ötzi beim Eisessen, Graciano Rocchigiani, Dieter Bohlen und Lukas Podolski beim Sonnenbaden… All diese Motive hat die „Bild“-Zeitung in den vergangenen Tagen veröffentlicht und die allgegenwärtigen „Bild“-Leser mit 500 Euro entlohnt.

Doch der Preis könnte hoch sein, denn die Veröffentlichungen sind nicht nur für die Zeitung, sondern auch für die Amateurfotografen juristisch heikel.

Fotos von versehentlich entblößten Brüsten zum Beispiel, die „Bild“ sich ausdrücklich wünscht, stellen in der Regel eine Verletzung der Intimsphäre dar und sind daher unzulässig, sagt der Berliner Anwalt und Medienrechtsexperte Markus Hennig. Und wer bei einem Unfall Fotos macht, auf denen Verletzte oder Zeugen mit panikverzerrten Gesichtern zu sehen sind, könnte im Fall einer Veröffentlichung mit Geldforderungen konfrontiert werden. Dass unter bestimmten Umständen Prominente auch in der Öffentlichkeit ein Recht auf Privatsphäre haben und schon das Fotografieren eines Prominenten in einer intimen Situation teuer werden kann, darüber informiert die „Bild“-Zeitung ihre Hobby-Fotografen nicht.

PS: Auch der „Spiegel“ fragt heute, wer bei den Fotos der „Westentaschen-Paparazzi“ für eventuelle Rechtsverstöße haftet, und schreibt: „Bei ‚Bild‘ heißt es, man prüfe die Leserfotos genauso wie die Angebote professioneller Fotografen.“

Und wie die „Bild“-Zeitung die Angebote professioneller Fotografen prüft, beschrieb Nicolaus Fest, Mitglied der „Bild“-Chefredaktion, noch im Oktober 2005 so:

Aber wenn Sie Fotos angeboten bekommen und der Fotograf sagt Ihnen ‚Ham wir gestern geschossen…‘ — warum sollten wir denen nicht glauben?

Jetzt XIII

Schon mit einfachen technischen Mitteln ließe sich die journalistische Qualität von Bild.de erhöhen. Jedesmal, wenn ein Mitarbeiter das Wort „jetzt“ ins Redaktionssystem eingibt, müsste ein Warnton erklingen. Und jedesmal, wenn einer das Wort „enthüllt“ eintippt, müsste eine Warnlampe angehen. Dann hätte es bei dieser Zeile heute schon mächtig geblinkt und gehupt:

Nach 37 Jahren jetzt enthüllt

Und das wäre ein guter Anlass gewesen, kurz nachzuprüfen, ob das wirklich „jetzt“ „enthüllt“ wurde, was Bild.de da schreibt:

Schreibstift rettete Apollo-Astronauten

Gut, das steht zwar anlässlich einer TV-Dokumentation ähnlich auch in der britischen Boulevardzeitung „Daily Mirror“. Aber schon ein Blick ins Archiv der „Bild“-Zeitung hätte die Behauptung widerlegt: Dort stand die erstaunliche Geschichte von dem Stift, mit dem die Mondlandefähre der Apollo-11-Mission repariert wurde, schon vor fünf Jahren — unter Verweis auf einen Artikel in der Zeitschrift „P.M.“, die um die Stift-Geschichte allerdings gar nicht viel Wind machte.

Warum auch. Schon 1999 hatte sich das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum die Sache von Apollo-11-Raumfahrer Buzz Aldrin direkt erklären lassen (pdf). Und 1998 hatte Aldrin in einem Interview von Studenten darüber berichtet. Und laut Nasa steht die Episode, wie ein Stift die Apollo-11-Mission rettete, schon in Aldrins Buch „Men From Earth“, das er vor ziemlich genau 17 Jahren veröffentlichte.

Ach ja, und anders als Bild.de schreibt, landete Michael Collins nie mit Aldrin und Armstrong auf dem Mond, sondern blieb brav an Bord der Raumkapsel.

Danke an Steffen F. und Daniel S. für den Hinweis!

Nachtrag, 17.30 Uhr. Die Nachrichtenagentur AFP ist offenbar der Urheber der Geschichte — sie verbreitet sie unter der nicht ganz falschen, aber schwer irreführenden Überschrift „Astronaut berichtet nach 37 Jahren über Missgeschick“. Und außer Bild.de hat auch Spiegel Online die Agenturmeldung offenbar ohne jede Recherche zugespitzt: „Makaber und 37 Jahre lang geheim gehalten ist die Geschichte der ersten Rückkehrer vom Mond“, heißt es dort.

Nachtrag, 25.7.2006: Spiegel Online hat die Meldung inzwischen korrigiert und ergänzt.

Bild.de hingegen bleibt bislang bei seiner Darstellung.

Mit Vorlage von „Bild“

Bei „Bild“ versteht man sich darauf, den Eindruck zu erwecken, man wüsste Bescheid. So schrieb das Blatt gestern über das anstehende Fußballspiel von Hertha BSC gegen FK Moskau zwar: „Die spannendste Frage. Spielt Marcelinho“. Und danach war die Rede von einer großen „Chance“, dass Marcelinho in der Startelf stehe. Doch wenig später zitierte sie Marcelinho in der Berlin/Brandenburg-Ausgabe so:

„Ich gebe alles, will Hertha in den UEFA-Cup schießen. (…) Vorher konzentriere ich mich aber nur auf das Spiel.“

Und am Ende des Textes hieß es:

Das plant [Hertha-Trainer] Götz: (…) Vorne soll es Pantelic als einzige Spitze richten. Mit den Vorlagen von Marcelinho.

Und vielleicht haben das gestern die Bild.de-Mitarbeiter gelesen, nicht bemerkt, dass „Bild“ bloß spekuliert und dann diese Meldung daraus gemacht:

Marcelinho — Die „Hertha-Diva“ spielt gegen Moskau

(…) Der Brasilianer, den Hertha verkaufen will, flog gestern mit nach Rußland und steht in der Start-Elf.

Das ein oder andere „könnte“, „möglicherweise“ oder „vielleicht“ hätte sicher nicht geschadet. Ganz im Gegenteil.

Mit Dank an Mark H. und Klaus W. für den sachdienlichen Hinweis.

Wer tankt da so spät noch am Baggerloch…

Die „BamS“ hat anscheinend tatsächlich ein paar Kronzeugen für ihre Behauptung gefunden, aufgrund der hohen Kraftstoffpreise könnten sich manche „sogar nicht mehr leisten, mit dem Auto in Urlaub zu fahren“.

Zum Beweis zitiert der groß aufgemachte „BamS-Report“ (siehe Ausriss) unter anderem einen 45-jährigen Baggerfahrer aus Hamburg, der diesen Sommer mit seiner Familie keine „1500-Kilometer-Tour nach Ungarn“ machen will, mit den Worten:

„(…) für Benzin für unseren alten Escort gehen locker 800 Euro drauf. Das kann doch nicht sein!“

Und in der Tat: Das kann nicht sein!

Denn 800 Euro entsprächen bei einem Literpreis von 1,42 Euro („BamS“) einem Durchschnittsverbrauch des „alten Escort“ (Baggerfahrer) von 18,8 l/100 km — bzw. über 20 l/100 km, wenn er die offenbar benötigten 563 Liter Urlaubsbenzin nicht kanisterweise an deutschen Tankstellen abzapfen, sondern auf der Reise einfach den (sogar laut „BamS“) wesentlich günstigeren tschechischen und ungarischen Treibstoff nachtanken würde…

Und dass die Baggerfahrer-Rechnung nicht stimmen kann, hätte eigentlich auch dem „BamS“-Autorenteam Silke Sperling, Jörg Diehl, Roman Eichinger, Holger Karkheck, Alexandra Kemna, Carsten Paulun, Burkhard Uhlenbroich und Uwe Wojtuschak auffallen können: Schließlich wäre eine ebenfalls von der „BamS“ herbeizitierte Kölner Monteursfamilie bei der Fahrt mit ihrem Escort [!] ins ähnlich weit entfernte Kroatien nur „auf knapp 400 Euro Benzinkosten für die Hin- und Rückfahrt gekommen“. Und der Stralsunder Hafenmeister, der sich in diesem Jahr lieber auf Rügen erholt, hätte nach eigenen Angaben für eine Fahrt ans ebenfalls ähnlich weit entfernte Mittelmeer sogar nur „locker 150 Euro für Benzin ausgeben müssen“. Wofür der gute Mann das viele, teure „Benzin“ gebraucht hätte, lässt die „Bild am Sonntag“ allerdings offen: Laut „BamS“ ist er „Mercedes-Diesel-Fahrer“.

PS: „BamS“-Familie H. aus Leipzig (2 Erwachsene., 2 Kinder unter 6) hingegen, die sich in diesem Jahr die 250 Euro Spritkosten für den Nord- oder Ostseeurlaub sparen will, hätte natürlich auch mit der Bahn fahren können: Hin- und Rückreisen nach Norddeich Mole, Westerland, Heiligendamm oder Baabe gibt’s nämlich auf www.bahn.de schon für unter 120 Euro (ohne BahnCard).

Mit Dank an Udo H., Jens G., Marvin F., Christian L., Manfred H., Matthias T., Ralf S., Ronny K., Fritz K. und Dennis S. fürs Rechnen.

Müll auf Seite 1

Auf Seite 1 der „Bild“-Zeitung ist heute zu lesen:

Es geht um das Ende der Mülltrennung in Deutschland. Denn, so „Bild“:

Das Umweltbundesamt prüft derzeit eine neue Ein-Tonnen-Lösung (Name: „GiG“, Kurzform für „Gelb in Grau“).

Und sachkundig kommentiert wird diese Nachricht auch noch — vom „Bild“-Kommentator Willi Schmidt:

Der Gelbe Sack wird wieder gefaltet, er war nur ein Windbeutel.

Seit 13 Jahren wird getrennt, nun soll es enden. Warum erfahren wir erst jetzt die Wahrheit? Braucht man wirklich so lange, um einen Fehler im Recycling-System zu bekennen?

Das Umweltbundesamt (UBA) hält die „Bild“-Berichterstattung für „irreführend“. Artikel und Kommentar „verkürzen zudem grob“, heißt es in einer Pressemitteilung. Dort steht auch, dass es tatsächlich Untersuchungen gebe, die Mülltrennung in Deutschland zu vereinfachen und zu modernisieren — allerdings nicht, wie „Bild“ behauptet, „derzeit“:

Bereits seit mehreren Jahren testen verschiedene Abfall-Entsorger Anlagen, die die Abfälle aus Haushalten vollautomatisch nach Wertstoffen wie Kunststoff, Glas, Metall oder Papier trennen. Solche Test-Anlagen stehen unter anderem in Essen und Trier. In den Medien wurde in den vergangenen Jahren bereits mehrfach über diese Anlagen berichtet.

In einem Sachstandbericht des UBA wird zudem nachdrücklich festgehalten, dass es „derzeit“ keine Alternative zur Praxis der getrennten Sammlung gebe. Der Bericht stammt aus dem Jahr 2004. Und UBA-Sprecher Martin Ittershagen sagt uns, daran habe sich bis heute nichts geändert. Ebensowenig übrigens wie an der von „Bild“ zitierten Meinung der FDP-Frau Birgit Homburger. Deren O-Ton steht — quasi wortgleich — nicht nur in der „Rheinischen Post“ von heute, sondern beispielsweise auch im „Berliner Kurier“ vom März 2004 bzw. einer FDP-Pressemitteilung von damals oder einem FDP-Antrag vom Dezember 2003.

Der UBA-Sprecher nennt die „Bild“-Meldung übrigens „kalter Kaffee“ und sähe sie am liebsten mit einer „gelben Sommerlochente“ bebildert. Soll er haben.

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