Eskalierende Privatfehde

Seit einiger Zeit taucht Oskar Lafontaine in der Berichterstattung von „Bild“ und „Bild am Sonntag“ vor allem als „Luxus-Linker“ auf, dessen Lebenswandel angeblich in krassem Gegensatz zu den Forderungen der Linkspartei steht. Die Frage, ob Lafontaine die Teilnahme am sogenannten „Wählerforum“ der „Bild am Sonntag“ davon abhängig gemacht hat, dass die Zeitung ihm die Anreise in einem Privatjet bezahlt, ist mittlerweile Gegenstand mehrerer gerichtlicher Auseinandersetzungen und größerer Schlagzeilen in der Zeitung („Lafontaine lügt!“). Heute nun macht „Bild am Sonntag“ mit der Schlagzeile auf:

Lafontaine im Privatjet zu Talkshow ...und das ZDF bezahlte

Und wer nach der Vorgeschichte diese Seite 1 liest, muss zu folgendem Schluss kommen: Wie im Fall von „Bild am Sonntag“ hat Lafontaine anscheinend seine Teilnahme an der Talkshow „Berlin Mitte“ von der Luxusanreise abhängig gemacht („obwohl es auch Linienflüge gab“!) — nur dass das ZDF im Gegensatz zur „Bild am Sonntag“ wohl bereit war, dieser Forderung nachzukommen. Was für ein unbelehrbarer, gieriger, verlogener Politiker!?

Erst im Klein(er)gedruckten verrät die „Bild am Sonntag“ ihren Lesern, wie es wirklich war: Nicht Lafontaine, sondern das ZDF bestand auf dem teureren Flug. Ein Sendersprecher wird mit den Worten zitiert:

„Herr Lafontaine teilte uns Flugzeiten von Linienflügen mit — mit keiner der genannten Maschinen hätte er die Sendung pünklich und sicher erreicht. Die Redaktion prüfte Alternativen. Aber das Risiko einer Verspätung war zu groß.“

Auch der Sprecher der Linkspartei Hendrik Thalheim (von „Bild am Sonntag“ als „Lafontaines Sprecher“ bezeichnet) bestätigt diese Darstellung, indirekt ebenso ein von der Zeitung nicht genannter „TV-Insider“.

Ob Lafontaine nun ein verlogener „Luxus-Linker“ ist oder nicht — die Anreise zur ZDF-Talkshow, die „Bild am Sonntag“ einen „Luxus-Auftritt“ nennt und von gleich zwei Fotografen mit Fotos im Paparazzi-Stil dokumentieren ließ, bestätigt diesen Vorwurf jedenfalls nicht.

Wir wissen nicht, wer in der eskalierenden Privatfehde zwischen „Bild am Sonntag“ und Oskar Lafontaine die Wahrheit sagt. Die heutige Berichterstattung von „Bild am Sonntag“, die zu nichts anderem dient, als einen falschen Eindruck zu erwecken, ist jedenfalls alles andere als eine vertrauensbildende Maßnahme.

Nachtrag, 22.15 Uhr: Gegenüber dem „Tagesspiegel“ widerspricht ZDF-Sprecher Alexander Stock der „Bild am Sonntag“ ausdrücklich:

„Nach Rücksprache mit dem Landeskriminalamt und den Fluggesellschaften sowie nach Prüfung der verfügbaren Linienflüge stand fest, dass es keine andere Möglichkeit gab, dass Lafontaine rechtzeitig zu der Live-Sendung erscheint.“

Er sei von der „Bild am Sonntag“ im übrigen falsch zitiert worden: Weder Lafontaine noch sein Büro hätten Flugzeiten durchgegeben. Der ganze Vorgang sei von der ZDF-Redaktion geplant, organisiert und durchgeführt worden.

Schmutziges Gerichtsspektakel

Die „Bild“-Zeitung meint (wie viele andere Kommentatoren auch), dass Andreas Türck nie wegen der angeblichen Vergewaltigung hätte angeklagt werden dürfen. In ihrem Kommentar schrieb die stellvertretende „Bild“-Chefredakteurin Marion Horn gestern:

Von Anfang an war klar, daß die Staatsanwältin keinerlei Beweise hat. Von Anfang an war durch Gutachten bekannt, daß die Aussagen von Katharina B. nicht belastend sind.

Soso, von Anfang an war das also klar. Das heißt, „Bild“ wusste, dass Türck im Sinne des Gesetzes unschuldig war, und brachte trotzdem diese Titelgeschichte:
So hat Türck mit vergewaltigt

Und diese:

Und diese:

Und dieses Stück:

Und dieses:

Und viele, viele, viele weitere. Und alle im sicheren Bewusstsein, dass es keine Beweise dafür gibt, dass dieser Mann eine Vergewaltigung begangen hat.

Frau Horn kommentiert:

Wenn Andreas Türck freigesprochen wird, stehen im Gerichtssaal zwei Opfer und ein Täter, der nie angeklagt werden wird.

Die Opfer heißen Andreas Türck und Katharina B.

Der Täter ist eine Justiz, die diesen Prozeß zuließ und vier Wochen lang ein schmutziges Gerichtsspektakel inszenierte.

Das ist schon hart, wie Boulevardzeitungen heute von der Justiz gezwungen werden, wochenlang schmutzige Gerichtsspektakel in der Öffentlichkeit zu veranstalten und Menschen unrecht zu tun.

Allgemein  

Wie das Seilbahnunglück nicht geschah

Auch „Bild“ hat kein Foto von dem Moment, als das Seilbahnunglück in Sölden passierte. Aber „Bild“ hat wenigstens eine Zeichnung, die zeigt, wie es passierte. Oder, genauer: Wie es nicht passierte.

Denn es war keine scharfe Betonplatte in Käsestückform, die am Montag auf die Gondel fiel, sondern ein Transportkübel mit Beton. Und das Seil ist auch nicht gerissen, wie die Zeichnung andeutet; das Problem war anscheinend, dass der Haken, der den Kübel hielt, geöffnet war. (Nachtrag, 8. September: Und natürlich entspricht auch das Modell der Seilbahn nicht der Zeichnung. „Bild“ ließ eine solche Bahn zeichnen, die Unglücksbahn sah aber so aus.)

Aber was will man erwarten von einer Zeitung, die nicht weniger als 14 Autoren für ihre Berichterstattung nennt, es aber nicht schafft, die Artikel mit korrekten Überschriften zu versehen. Weder am Montag:

Noch am Dienstag:

Danke an Clemens von F., Thomas W., Manuel D. und Marco V.

Nachtrag, 8. September, 20.00 Uhr: Inzwischen ist der Bild.de-Geographie-Beauftragte aus dem Urlaub zurückgekehrt und hat (nur knapp drei Tage nach der Veröffentlichung des Artikels) in der Überschrift das Wort „Südtirol“ (Italien) durch „Tirol“ (Österreich) ersetzt. Unterdessen weisen unsere Leser Julian S. und Boris T. darauf hin, dass auch der in das Unglück verwickelte Hubschrauber keineswegs so aussieht wie auf der Zeichnung. „Bild“ hat nicht einen SA 315B Lama zeichnen lassen, sondern eher einen UH1 (nicht dass das nach all den Fehlern noch groß einen Unterschied machte).

„Jetzt“ III

Bei Grabungsarbeiten für eine Verlegung des Zeitungsniveaus sind Leipziger „Bild“-Redakteure auf das Sommerloch gestoßen. Die Sensation: Es enthält Braunkohle.

Der City-Tunnel kostet nicht nur Kohle, er bringt auch welche: Denn unterm Marktplatz haben Geologen jetzt Braunkohle entdeckt.

So beginnt der Artikel. Und auch neben einem gigantischen Foto, in das „Bild“ gleich noch einen bedrohlichen Kohlebagger montiert hat (Frage im Bildtext: „Kommen etwa bald die Kohle-Bagger?“ — Antwort im Artikel: „Nein!“) steht:

Bei den Bauarbeiten für den City-Tunnel wurden jetzt unter dem Leipziger Markt Braunkohleflöze gefunden.

Und das ist ja auch nicht ganz falsch. Jedenfalls wenn man, wie bei „Bild“ nicht unüblich, „jetzt“ mit „vor gut einem Jahr“ übersetzt. Die „Leipziger Volkszeitung“ berichtete am 20. August 2004 erstmals über die Braunkohleflöze, die bei den Bauarbeiten für den City-Tunnel unter dem Leipziger Markt gefunden wurden.

Danke für den sachdienlichen Hinweis an Daniel G.!

Schwups II

Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat eine einstweilige Verfügung gegen „Bild“ erwirkt. Es geht um die „Benzin-Wut“-Kampagne der Zeitung. In einem Interview in „Bild“ vom 27. August hatte Trittin im Zusammenhang mit dem hohen Preis für Kraftstoff diverse Vorschläge aufgestellt, die die Zeitung auf ihrer Titelseite an mehreren Tagen auf eine einzige Forderung verkürzte: „ab und zu das Auto stehen lassen“. Am 31. August tauchten dann in „Bild“ plötzlich die zusätzlichen Punkte Trittins wieder auf. „Bild“ tat, als habe Trittin sie gerade erst auf Anfrage von „Bild“ präsentiert, obwohl er sie bereits im ursprünglichen Interview formuliert hatte.

Das Landgericht Berlin untersagte „Bild“ nun vorläufig, diese Darstellung wörtlich oder sinngemäß zu wiederholen. In einer weiteren einstweiligen Verfügung verpflichtete das Gericht „Bild“, eine Gegendarstellung Trittins zu dem Thema zu drucken.

Rauchende Köpfe

Rauchverbot in Kneipen?
Hamburg — Der Widerstand gegen ein Rauchverbot in Deutschland schwindet. 64 Prozent befürworten ein generelles Rauchverbot in Gaststätten („Spiegel“).

So stand es am Montag in „Bild“. Und was stand im „Spiegel“, vorab korrekt verbreitet von dpa, AP, AFP und Reuters?

Halten Sie ein generelles Rauchverbot in Kneipen für
wünschenswert oder für übertrieben?

Wünschenswert: 47 % (Umfrage 2003: 33 %).
Übertrieben: 51 % (Umfrage 2003: 64 %).
Alle Hervorhebungen von uns.

„Bild“ hat nicht nur die Zahl aus dem falschen Jahr genommen, sondern auch noch Zustimmung und Ablehnung miteinander verwechselt. Möglicherweise ist es ein langer, komplexer, professioneller Prozess, der bei „Bild“ dazu führt, aus einer Agenturmeldung eine Nachricht auf Seite 1 zu machen. Vielleicht spielen sie aber auch einfach nur Stille Post.

Danke an Ara für den Hinweis!

Symbolfoto XVI

Wenn die „Bild“-Zeitung über Ausschreitungen deutscher Hooligans in der Slowakei berichtet — wäre es dann nicht schön, wenn auf dem Foto, mit dem sie das illustriert, auch deutsche Hooligans zu sehen wären? Und nicht, ganz im Gegenteil, slowakische Fans?

Diese Zuschauer im Stadion in Bratislava stehen jedenfalls, wie hier und hier deutlich zu erkennen, im slowakischen Fanblock. Und mit den Ausschreitungen nach dem Spiel hat das Foto ohnehin überhaupt nichts zu tun.

Danke an Sven Z., Christian S. und Tobias R. für die Hinweise!

„Bild“-Leser wissen weniger

Heute druckt „Bild“ eine – kürzlich ja bereits wortgleich bei Bild.de veröffentlichte – Gegendarstellung von Alexandra Neldel. Neldel hatte nämlich einer „Bild“-Reporterin ausdrücklich erklärt, sie äußere sich nicht zu ihrem Privatleben, woraufhin „Bild“ ihr einfach eine ausgedachte Äußerung in den Mund legte und abdruckte.

Bei Bild.de schrieb die Redaktion deshalb kürzlich unter Neldels Gegendarstellung den Zusatz: „Sie hat recht.“

Und man kann sich natürlich (grundsätzlich) fragen, warum „Bild“ überhaupt Sachen druckt, die gar nicht stimmen. Man kann aber auch (bezogen auf Neldel) einfach nur festhalten, dass die „Bild“-Verantwortlichen nicht nur wissen, dass das, was in „Bild“ stand, nicht stimmte, sondern sich auch veranlasst sahen, den Bild.de-Lesern ausdrücklich mitzuteilen, dass es nicht stimmte. Und man kann sich (anschließend) wundern, dass „Bild“ offenbar glaubt, diese nicht unwichtige Information den Lesern der gedruckten „Bild“ vorenthalten zu müssen: Davon jedenfalls, dass Neldel Recht hat mit ihrer Gegendarstellung, steht heute in der gedruckten „Bild“ kein Wort.

Reklame für BILDblog

Die Gratispostkarten sind da! Seit gestern müsste diese BILDblog-Reklame in vielen Cafés, Restaurants und Bars im Lande zu finden sein — zum Mitnehmen, An-die-Wand-Hängen, Verschenken, Verschicken und Werben. Die Leute von CityCards haben den Siegerentwurf unseres Leserwettbewerbs freundlicherweise kostenlos für uns drucken lassen und verteilen davon annähernd 100.000 Karten im Ruhrgebiet, Rhein-Neckar-Raum und Karlsruhe, demnächst auch in Dresden und hoffentlich noch weiteren Regionen.

Und weil der Entwurf „Killermilchschnitte“ von Timo F. am Ende nur zwei Stimmen vor der „Checkliste“ von Karsten B. lag, haben wir uns besonders gefreut, dass uns die Firma typneun die Möglichkeit schenkte, auch aus dem Zweitplatzierten eine Gratispostkarte werden zu lassen: 2500 „freikarten“ verteilt im Münchner Norden.

Wir danken ganz herzlich den Sponsoren, den vielen Lesern, die sich mit Entwürfen beteiligt haben, allen, die abgestimmt haben, und Malcolm für die graphische Unterstützung!

Nachtrag, 11. September: Auch in Bielefeld, Gütersloh und Münster gelangen in diesen Tagen 10.000 CityCards in den Umlauf.

Der Schnarch-Skandal von Lübeck II

Es gibt eine jahrzentelange „Bild“-Tradition, nach der — egal wie falsch ein Bericht war — Begriffe wie „Richtigstellung“, „Widerruf“ oder „Korrektur“ um jeden Preis zu meiden sind. Sogar in solchen Fällen, in denen selbst „Bild“ es angebracht findet, die eigene Darstellung zu korrigieren. Wie die Redaktion dann vorgeht, zeigt beispielhaft der Fall des angeblichen Skandal-Knastes in Lübeck.

Am Mittwoch enthüllte „Bild“ (wie berichtet) exklusiv und überregional die vermeintlich skandalösen Zustände in der Justizvollzugsanstalt Lübeck-Lauerhof. Fotos dokumentierten, wie ein Gefangener über einen Zaun ausbricht, während eine Aufseherin die Füße hochgelegt hat und in der Sonne ein Buch liest.

An diesem Artikel ist, wie die „Lübecker Nachrichten“ am Donnerstag berichteten, ungefähr alles falsch: Die Fotos sind mehrere Jahre alt, vermutlich zeigen sie nicht einmal einen Ausbruch oder überhaupt den Zaun, über den man ausbrechen müßte.

Am Freitag erschien nun in „Bild“ (allerdings diesmal nicht bundesweit) ein weiterer Artikel zum Thema. Überschrift:

Carstensen macht JVA Lübeck jetzt zur Chefsache

Diese Zeile wird durch nichts im zugehörigen Text gedeckt. Und in der Realität gibt es, nach allem was man weiß, auch keinen Anlass für eine solche Maßnahme.

Der Artikel selbst ist eine waghalsige Mischung aus dem Richtigstellen der gröbsten Fehler und einer noch weitergehenden Verdrehung der Tatsachen. Die „Bild“-Autoren Bernd Prawitz und Martin Wichmann, die auch schon die Falschmeldung verantworteten, erwecken nun den Eindruck, als sei die CDU/SPD-Regierung durch den von „Bild“ enthüllten erfundenen „Skandal“ aufgerüttelt worden. Die Richtigstellung besteht darin, dass „Bild“ nicht mehr behauptet, dass es einen aktuellen Fall gibt. Stattdessen wird dem „Bild“-Leser suggeriert, dass der Ausbruchsversuch entweder gar nicht stattgefunden hat, oder von der früheren grünen Justizministerin zu verantworten sei.

Aus einer Richtigstellung wird so eine perfide politische Unterstellung. Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) wird mit den Worten zitiert:

„Die JVA ist jetzt sicher. Zustände wie unter der grünen Justizministerin gibt es nicht mehr. (…) Die Fotos sind lange vor meiner Amtszeit entstanden. Wenn Aufsichtsbeamte heute so ihre Pflicht vernachlässigen würden, wären sie morgen nicht mehr im Amt.“

Wohlgemerkt: „Bild“ hat keinerlei Hinweis darauf, dass überhaupt Aufsichtsbeamte ihre Pflicht vernachlässigt haben. Oder in den Worten der Zeitung selbst:

Warum der Mann auf dem Foto über den Zaun klettert, wenn er doch sowieso im offenen Vollzug war, ist nicht geklärt.

P.S.: Erst nach mehreren Anfragen von uns hat Bild.de am heutigen Abend die Falschmeldung vom Mittwoch aus dem Online-Angebot entfernt.

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