„Bild“ wird gerügt und nicht gerügt

Der Deutsche Presserat hat die „Bild“-Zeitung für mehrere Artikel über einen Mann gerügt, den sie als „Attentäter“ bezeichnete, obwohl er nach allem, was man weiß, kein Attentäter war. Er war zwar in der Türkei in Abwesenheit zu einer Freiheitsstrafe verurteilt worden — aber nach Erkenntnissen des Presserates nur wegen der Teilnahme an einer Demonstration, an deren Ende es zu einem tödlichen Brandanschlag kam. Wegen eines Tötungsdelikt sei er nicht angeklagt worden. Die Berichterstattung der Rhein-Neckar-Ausgabe von „Bild“ sei „falsch und vorverurteilend“ gewesen, befand die zweite Beschwerdekammer des Presserates, und habe gegen die Ziffern 2 und 13 des Pressekodex verstoßen.

Presseethisch nicht zu beanstanden war nach Ansicht des Gremiums dagegen die vielfach kritisierte Aufmacher-Schlagzeile „Wird sie geköpft“ unter einem Foto der entführten Susanne Osthoff im vergangenen Herbst: „Die Mitglieder äußerten Verständnis für die von Emotionen geprägten Beschwerden beim Presserat, gleichzeitig weist die Kammer jedoch darauf hin, dass die Zeitung hier eine reale Gefahr in Worten abgebildet hat. Auch grausame Realitäten zu schildern und darüber zu berichten, gehört zu den Aufgaben der Presse.“

Na, zufrieden? (2)

Okay, wir kapitulieren…

Und man kann uns nicht vorwerfen, wir hätten’s nicht versucht: Nachdem Bild.de am vergangenen Sonntag eine Werbung Meldung von Postbank und „Bild am Sonntag“ übernommen und diese mit einer Tortengrafik illustriert hatte (siehe Ausriss), hatten wir auf deren augenfällige Unsinnigkeit* hingewiesen.

Anders als in vielen, vielen anderen Fällen hatte sich Bild.de daraufhin jedoch nicht entscheiden können, die falsche Grafik zu korrigieren (oder — als probate Alternative — ersatzlos zu streichen), weshalb wir heute nachmittag einfach mal eine Mail an die Bild.de-Redaktion geschickt haben.

Eine Antwort erhielten wir nicht. Aber das hanebüchene Ergebnis unserer Bemühungen sieht nun so aus:

*) Sinn und Zweck einer Tortengrafik ist es, Teilwerte eines Ganzen wie Kuchenstücke aussehen und dadurch anschaulich werden zu lassen. Und das funktioniert natürlich nur, wenn der Zuckerbäcker nicht irgendwelche Teigklumpen unter den Tisch fallen lässt. Die Konditorei „BamS“ weiß, wie’s geht.

Nachtrag, 16.3.2006: Entgegen anderslautender Vermutungen hat der diensthabende Zuckerbäcker von Bild.de offenbar gar nicht selbst gebacken, sondern nur irgendeine andere alte Torte aus dem Müll gefischt und umdekoriert. Auch schlimm.

Mit Dank an Matthias R. für den Hinweis.

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Kurz korrigiert (72)

Unter der Überschrift „Schon wieder Pannen bei der Discovery“ ist Bild.de schon wieder eine Panne passiert. Anders als in quasi allen anderen Medien heißt es dort fälschlicherweise:

"Der deutsche Astronaut Thomas Reiter soll mit der Discovery zur russischen ISS fliegen. Neuer Starttermin: Anfang Juli"

Bei Wikipedia heißt es dazu:

„Die Internationale Raumstation (engl. International Space Station, ISS) ist eine in internationaler Kooperation entstehende große Raumstation. Früher war sie auch unter der Bezeichnung Alpha bekannt, doch nach dem Beitritt Russlands zum Projekt wurde dieser Name verworfen, da er aus der Sicht der Russen eine Pionierleistung suggerierte und die früheren sowjetischen Raumstationen nicht berücksichtigte. (…) Am Bau der Raumstation ist neben der amerikanischen NASA, Russland, Japan, Brasilien und Kanada auch die ESA beteiligt. Allerdings nehmen nicht alle Mitglieder der ESA an dem ISS-Programm teil – Großbritannien, Irland, Portugal, Österreich und Finnland beteiligten sich von Anfang an nicht, und Griechenland trat der ESA erst später bei.“

Die russische Raumstation Mir hingegen wurde in den frühen Morgenstunden des 23. März 2001 zum kontrollierten Wiedereintritt in die Erdatmosphäre gebracht. Ihre nicht verglühten Trümmer stürzten um 6.57 Uhr in den Pazifik.

Mit Dank an Stephan R. für den Hinweis.

Nachtrag, 14.10 Uhr: Bild.de hat den Fehler inzwischen dahingehend korrigiert, das Wort russischen ersatzlos zu streichen.

Jetzt IX

Am 14. Oktober 2005, auf der allerallerersten großen Pressekonferenz zum neuen James-Bond-Film, sagte der Produzent Michael G. Wilson u.a., dass „Casino Royal“ ohne die Rollen des Tüftlers „Q“ und der Sekretärin „Miss Moneypenny“ auskommen werde.

Und satte 151 Tage später steht es (mit dem ausdrücklichen Hinweis „Jetzt gibt’s endlich mehr Fakten“) auch bei Bild.de:

Mit Dank an Frank M. für die Inspiration.

Robin Hood für ganz Arme III

Eigentlich gibt es, was die Anzeige von „Bild“ gegen die sogenannten „Renten-Lügner“ angeht, nichts Neues. „Bild“ berichtet trotzdem und teilt ihren Lesern am Rande zwei Dinge mit, die sie bislang verschwiegen hatte. Das eine in einer Bildunterzeile, das andere eher indirekt:

1. Die Anzeige von „Bild“ ist gegen Unbekannt gerichtet (siehe Ausriss).

2. „Bild“ hielt es – aus welchen Gründen auch immer – für sinnvoll, nicht bei der zuständigen Staatsanwaltschaft in Berlin Anzeige zu erstatten, sondern bei der unzuständigen Staatsanwaltschaft in Hamburg.

Fortsetzung folgt …

Kurz korrigiert (71)

Unter der Überschrift „Darüber schmunzelt Deutschland“ gibt Bild.de heute Nachhilfe in deutschem Strafrecht.

"Wer Falschgeld in Umlauf bringt, muß mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe rechnen."

Doch anders als Bild.de behauptet, muss niemand, der Falschgeld in Umlauf bringt, mit einer Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder einer Geldstrafe rechnen, sondern — je nach dem — entweder mit einer „Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr“, einer „Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren“, einer „Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu fünf Jahren“ bzw. einer „Freiheitsstrafe von einem Jahr bis zu zehn Jahren“ oder mit einer „Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe“.

Mit Dank an Holger B. für den Hinweis

Nachtrag, 17.30 Uhr: Bild.de hat den Fehler korrigiert. Nun heißt es dort, wer Falschgeld in Umlauf bringe, müsse „mit einer Freiheitsstrafe von drei Monaten bis zu zehn Jahren oder einer Geldstrafe rechnen“.

Na, zufrieden?

Dass der Vorwurf, es habe eine Kampagne der „Bild“-Zeitung gegen Jürgen Klinsmann gegeben, „blanker Unsinn“ sei, ist ja schon länger bekannt.

Und was genau man sich unter blankem Unsinn vorzustellen hat, zeigt die aktuelle „Sonntagsfrage zur WM“, die kürzlich „im Auftrag von Postbank und ‘Bild am Sonntag'“ wie folgt beantwortet wurde:

„Die Kritik an Jürgen Klinsmann schlägt sich jetzt auch auf die Zufriedenheitswerte mit seiner Arbeit nieder.“

Aussage von Postbank und „BamS“ stützte sich auf folgende Umfrageergebnisse: 39 Prozent der Befragten äußerten sich zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit Klinsmann, 28 Prozent unentschieden und die übrigen 33 Prozent weniger oder nicht zufrieden, was für „eine der größten Privatkundenbanken Deutschlands“ und „Europas größtes Sonntagsmedium“ folgende Überschrift nahelegte:

Nur 5 Prozent sind sehr zufrieden mit Klinsmann

Blankerer Unsinn ist da eigentlich nur die Grafik, mit der Bild.de die „Sonntags-Frage zur WM“ illustriert:

Mit Dank an Jürgen G. für den Hinweis.

Mehr dazu hier.

Warum hat er „Bild“ das nicht vorher gesagt?

Es hat dann doch noch jemand Franz Josef Wagner Bescheid gesagt, dass nicht die Sonne und die Temperaturen ausschlaggebend dafür waren, dass Jürgen Klinsmann die vergangene Woche an seinem Wohnsitz in Kalifornien verbracht hat. Und „Bild“-Kolumnist Wagner, der den Bundestrainer gestern noch beschimpft hat, schreibt deshalb heute einfach nochmal an Klinsmann.

Die Frage, ob man es Klinsmann als Ausrede durchgehen lassen kann, dass er den einjährigen Todestag seines Vaters mit seiner Mutter verbringen wollte, beantwortet Wagner klar mit Ja („Eine Mutter ist immer mehr wert als ein Pokal“) und Nein („Es geht nur um die WM“). Und findet einerseits, „daß Klinsmann seine Mutter aus dem Spiel herauslassen muß“, und fragt andererseits, „warum haben Sie uns das nicht vorher gesagt?“

Nun ja, auf diese letzte Frage hätte Wagner eine Antwort finden können. Im ZDF-Interview, das Klinsmann am Sonntag gab:

Ich hab’ meine privaten Gründe, und möchte die niemandem weitererzählen. (…)

Alles, was ich immer [gegenüber dem DFB] kommuniziert habe, stand am nächsten Tag in der Zeitung. Und das sind Dinge, die gehören nicht in die Zeitung. Das sind Dinge, die gehören ins Familienleben. In Deutschland nimmt man sich das Recht heraus, über Leute zu urteilen, die man zum einen nicht kennt, und zum anderen auch die Inhalte nicht weiß. Ich ziehe über irgendjemanden her, nur weil ich Lust habe oder weil ich irgendein Gerücht höre, dann hab ich das Recht, den zu verurteilen. (…)

Wenn es ins Private geht oder soweit geht, dass dann mir Journalisten hinterherfahren in Los Angeles vorm Haus, dich verfolgen, wie du den Kleinen in die Schule bringt, rumschnüffeln in Deiner Nachbarschaft, um zu erfahren, was macht der eigentlich in seinem normalen Alltag, wie jeder andere Mensch auch, ich finde, irgendwo hast du ‘ne Grenze überschritten und das ist jetzt halt passiert.

Zum Vergleich: „Bild“ schrieb vor zehn Tagen in einer Art Porträt über Klinsmann („Wer steckt hinter der Grinsi-Maske?“):

Sein Haus, seine Burg: „Die Öffentlichkeit hat kein Recht auf mein Privatleben.“ So hielt es der ehemalige Bäckergeselle aus Geislingen schon immer: den öffentlichen Ruhm als Torschütze ließ sich Jürgen Klinsmann mit Millionen belohnen.

Doch der Mensch klappte zu wie eine Auster.

Keine Frage: Die „Bild“-Kampagne gegen Jürgen Klinsmann dient den eigenen Interessen der Zeitung.

Rechen-Skandal

"Renten-Skandal -- Minister-Pensionen steigen elfmal stärker als die Durchschnittsrente"

Und weil das Kleingedruckte unter der großen Überschrift der gestrigen „Bild am Sonntag“ so leicht übersehen werden kann, schreiben wir’s gerne noch einmal im Wortlaut:

„Minister-Pensionen steigen elfmal stärker als die Durchschnittsrente“

Denn es stimmt nicht. Und weitaus sinnvoller wäre deshalb das Wort „Rechen-Skandal“. Oder die Überschrift müsste lauten:

„Minister-Pensionen sind elfmal höher als der Rentenzuwachs eines Durchschnittsrenters“

Denn um auf ihre beeindruckenden Zahlen zu kommen, verglich die „BamS“ in dem dazugehörigen Artikel mehrfach auf geradezu böswillige Weise Äpfel mit Birnen, Blaukraut mit Brautkleid oder Wacholder mit Bambus. Ein Beispiel? In Anlehnung an die Überschrift behauptet „Bild“-Autor Dirk Hoeren in der „BamS“:

„Wer also 2005 zu Ministerehren gekommen ist und 15 Jahre im Amt bleibt, hätte 2019 einen Pensionsanspruch von 54 Prozent erreicht: rund 6922 Euro und damit elfmal soviel wie ein Durchschnittsverdiener.“

Das ist falsch. Im Jahr 2019 wäre der Pensionsanspruch eines Ministers nur knapp 4,9-mal höher als die sog. „Bruttostandardrente“ von monatlich 1414 Euro, die ein Durchschnittsverdiener bekäme. Und das liegt zum einen schlichtweg daran, dass der Minister (12.820 Euro/Monat) nun mal mehr verdient als der Durchschnittsverdiener (3452 Euro/Monat). Zudem ist sein Pensionsanspruch (54 Prozent) tatsächlich höher als die Rente eines Arbeiters oder Angestellten (46,3 Prozent). Allerdings nicht elf-, sondern 1,17mal.

Komplett ausgedacht hat sich die „BamS“ ihr „elfmal soviel“ und „elfmal stärker“ allerdings nicht: Laut aktuellem Rentenversicherungsbericht, auf den sich „Bild“ bezieht, soll es bis 2019 einen Anstieg der „Bruttostandardrente“ um 630 Euro geben. Und diese 630 Euro passen tatsächlich ohne Probleme „elfmal“ in die von der „BamS“ herbeizitierte Gesamtsumme von 6922 Euro Minister-Pension — was zwar völlig korrekt, aber ungefähr so aussagekräftig ist wie der Satz, ein Wachholderbaum sei bis zu elfmal höher, als Bambus in einem Jahr wachsen kann.

Es sieht so aus, als wäre Dirk Hoeren der „RentenLügner“ der „BamS“.

Mord, was sonst?

Die 21. Große Strafkammer des Frankfurter Landgerichts muss derzeit klären, ob Armin Meiwes, der sogenannte „Kannibale von Rotenburg“, einen Mord beging, als er einen Menschen auf dessen Wunsch schlachtete und aß. Meiwes war in erster Instanz nur wegen Totschlages verurteilt worden. Die Staatsanwaltschaft legte dagegen erfolgreich Revision beim Bundesgerichtshof ein. Der verlangte vom Gericht, drei Mordmerkmale zu prüfen: Töten zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus niedrigen Beweggründen und zur Ermöglichung weiterer Straftaten.

Das Gericht prüft also, ob Armin Meiwes juristisch gesehen einen Mord begangen hat.

Vielleicht ist das angesichts der Unfassbarkeit des Geschehens zu abwegig für Bild.de. Dort steht heute:

Im ersten Prozeß hatte ihn das Landgericht Kassel nur wegen Totschlags zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Können sie dem „Kannibalen von Rotenburg“ jetzt den Mord nachweisen?

Den Mord. Als sei längst klar, dass es sich genau darum gehandelt habe. Mit einem einzigen kleinen Wort macht Bild.de aus einem Bericht eine Vorverurteilung.

Nachtrag, 21.30 Uhr. Offenbar hat Bild.de unsere Argumentation eingeleuchtet. Zumindest steht dort plötzlich nicht mehr „den Mord“ sondern „einen Mord“.

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