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Kein Einzelfall
(titel-magazin.de, Gunther Nickel)
Die medialen Kampagnen gegen Günter Grass, Martin Walser und Peter Handke.

Biz Stone über Twitter und soziale Alchemie
(elektrischer-reporter.de, Video, 10:10 Minuten)
Twittern ist eine Art Turbo-Bloggen: 140 Zeichen persönlicher Zustandsbericht müssen reichen. Diese kurzen Zeichenketten zirkulieren durch das Web, SMS, Instant Messenger oder etliche andere Kanäle. Kein Wunder eigentlich, dass auch die Kritiker den Turbo einschalten. Wer Blogs bereits für belanglos hält, muss in Twitter die Quadratur der Trivialität sehen. Ein Interview mit Mitgründer Biz Stone.

Im Netz liegt die Zukunft des Gedruckten
(netzjournalist.twoday.net)
Die Online-Offensive kommt den Internet-Nutzern zugute – doch wie sieht die Zukunft der Medien aus? Eine Bestandsaufnahme mit Blick in die Zukunft.

ARD gegen Zentralkontrolle
(taz.de, Steffen Grimberg)
Der Senderverbund wundert sich über die Vorschläge des Gremienchefs – und neue Vorbehalte der Medienpolitik.

„Es ist ein Signal der Stärke, dass wir uns auf diesen Namen geeinigt haben“
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
Jean Frey und die Verlagsgruppe Handelszeitung werden neu unter dem gemeinsamen Namen Axel Springer Schweiz zusammengefasst. „Die Integration ist nie vollständig abgeschlossen, weil wir immer in Bewegung und im Wandel sein werden“, erklärt Ralph Büchi, CEO Axel Springer Schweiz im Gespräch mit „persoenlich.com“. Dabei kündet er gleich mehrere Relaunches von Online-Aufritten seiner Printtitel an.

«Die wirkliche Geschichte ist versteckt»
(punkt.ch, Sylvia Egli von Matt)
Journalistenkollegen verstehen nicht, dass ich mich bereit erklärt habe, für eine Gratiszeitung zu schreiben. Die Erklärung ist einfach: Bisher gab es in keiner Tageszeitung eine regelmässige öffentliche Blattkritik.

Allgemein  

Fall Barschel: „Bild“ hat den Farbfilm vergessen

Das ist sehr erstaunlich, was „Bild“-Chefreporter Hans-Jörg Vehlewald heute über einen Artikel schreibt, der die verschiedenen Theorien über den Tod von Uwe Barschel zusammenträgt:

Ein „neues Tatort-Foto“ soll es geben? Ein „bisher unveröffentlichtes Polizeifoto, das den Tatort aus neuer Perspektive und erstmals in Farbe zeigt“? Und der „Spiegel“ soll es „jetzt“, 20 Jahre nach dem Tod Barschels, erstmals zeigen?

Beim „Spiegel“ weiß man nichts davon. Das Foto Barschels, das im aktuellen Heft abgedruckt ist (unten rechts) ist dasselbe, das der „Spiegel“ bereits am 13. Oktober 1997, zum zehnten Todestag gezeigt hatte (unten links):

Das Foto ist zwar in einer besseren Qualität reproduziert. Irgendwelche neuen Erkenntnisse über die verschiedenen Mord- und Selbstmord-Thesen sind mit ihm aber nicht verbunden.

Neue Perspektive? Und erstmals in Farbe? Sollte „Bild“ bislang nur ein einziges Foto des toten Uwe Barschel gekannt haben? Das, das jeder kennt? Aber über neue Erkenntnisse im Fall Barschel berichten wollen!

Vielen Dank an den Hinweisgeber!

Allgemein  

„Bild“-Artikel über „dubiose Sekte“ dubios

Ende Mai dieses Jahres berichtete „Bild“ relativ groß über „Neue Spuren“ im Fall der vermissten Madeleine:

"Neue Spuren: Vermisste Madeleine -- Razzia bei deutscher Sekte"

Die Polizei kam mit Durchsuchungsbefehl und verschaffte sich Zutritt zum Anwesen der Tamera-Sekte in Monte Docero/Colos in Portugal. Hunderte deutsche Aussteiger leben dort, bekennen sich zu freier Liebe und Sex, leben als strenge Vegetarier. (…) Die Razzia, erfuhr BILD aus Polizeikreisen, fand bereits am 7. Mai statt (…). Ein Augenzeuge: „Die Beamten durchstöberten Zelte, Baracken, Wohnwagen und Hütten.“ (…) Tamera-Berater Benjamin von Mendelssohn bestätigt den Einsatz: „Ja, die Polizei war hier, hat aber nichts gefunden.“

Kurz nach dem „Bild“-Artikel veröffentlichte Tamera eine Stellungnahme und kündigte an „gerichtlich gegen die Verleumdungen vorzugehen“. Mit Erfolg.

Heute nun, über vier Monate später*, druckt „Bild“ eine Gegendarstellung (die bereits am 3. Oktober, bekanntlich ein Feiertag, online veröffentlicht wurde). Darin stellt Dieter Duhm, Leiter und Gründer von Tamera fest:

Die Polizei ist nicht mit einem Durchsuchungsbefehl gekommen und hat das Anwesen von Tamera in Monte do Cerro/Colos nicht durchsucht.

Dass „keine Razzia in Tamera stattfand“ habe die portugiesische Polizei „offiziell bestätigt“, sagte uns eine Tamera-Sprecherin. Die Polizei sei jedoch da gewesen:

„Sie hat sich einfach höflich erkundigt, ob wir Informationen über das vermisste Kind hätten. Das haben wir verneint, daraufhin sind sie wieder weggefahren.“

Laut Tamera habe man einem „Bild“-Reporter, der sich vor Ort erkundigt habe, ob die Polizei bei Tamera gewesen sei, dies so bestätigt. Von einer Razzia sei jedoch „keine Rede“ gewesen.

Soweit die gegendarstellungsfähigen Tatsachenbehauptungen aus dem „Bild“-Artikel.

Mit anderen Passagen hat „Bild“-Autor Josef Ley es Tamera nicht so leicht gemacht. So bringt er Tamera mit einem anderen Vermisstenfall in Verbindung:

In Tavira verliert sich im Juni 2006 die Spur eines anderen vermissten Kindes. Der dreijährige Felix Heger wurde hier zuletzt gesehen. Felix war damals angeblich in Begleitung eines Tamera-Mitglieds aufgetaucht.

Und schreibt abschließend im Text:

Hat die dubiose deutsche Sekte, die 1995 von dem Deutschen Dieter Duhm gegründet wurde, etwas mit Madeleines Verschwinden zu tun? Ein Ermittler zu BILD: "Die Hinweise zu Madeleine sind inzwischen sehr konkret. Es gab Razzien. Auch Gegenstände wurden sichergestellt. Details sind aber Ermittlungsgeheimnis."

„Bild“ tut so, als sei die Aussage des Ermittlers eine Antwort auf die zuvor gestellte Frage. Das ist offenbar nicht der Fall.

*) Bei Tamera sagte man uns, dass „Bild“ sich zunächst gegen den Abdruck der Gegendarstellung gewehrt habe. Nicht der Sachverhalt sei jedoch strittig gewesen, sondern die Frage, „ob der Gründer Dieter Duhm im Namen von Tamera klagen darf“.

Kontinent des Lächelns II

Heiteres Synonyme-Raten in der Kategorie „Länder“ ist nicht die Stärke von „Bild“.

Vereinigte Staaten? — „Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“
Österreich? — „Alpenrepublik.“
Japan? — „Land des Lächelns.“ — *Möööp*

Okay, nochmal:

Vereinigte Staaten? — „Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“
Österreich? — „Alpenrepublik.“
Japan? — *Möööp*

Die Übung „Aus Fehlern lernen“ ist auch nicht die Stärke von „Bild“.

Mit Dank an Spießer A.!

Alexander von Tuten und Blasen

„Adels-Insider“

„Graf Alexander von Schönburg (38) schreibt ab heute jeden Montag für Sie „BILD Royal“ – Intimes und Internes aus der Welt der Adeligen! (…) Ab heute setzt er BILD die Krone auf.“
(Quelle: „Bild“ vom 2.4.2007)

Schön, dass Alexander von Schönburg „Adels-Insider“ ist. Schön jedenfalls für die „Bild“-Zeitung, weil sie dann immer „Adels-Insider“ drunterschreiben kann, wenn sie mal wieder neben ihr „BILD Royal“-Logo einen Text von von Schönburg druckt.

Darüber hinaus ist die Info, dass von Schönburg „Adels-Insider“ ist, quasi wertlos: Zumindest, was von Schönburg heute in „Bild“ geschrieben hatte, hätte auch ein Prekariats-Insider geschafft — und womöglich besser. Nachdem offenbar ein Video aufgetaucht ist, das den britischen Prinzen Harry beim Trinkgelage und Wodka-Schniefen zeigt, hat von Schönburg nämlich bloß eine Meldung aus der gestern erschienenen britischen Boulevardzeitung „News of the World“ übersetzt, paraphrasiert und — exklusiv für „Bild“ — ein paar Fehler eingebaut: Nicht nur behauptet von Schönburg, durch die Nase konsumierter Alkohol gelange ohne Umwege in die — Achtung! — „Blutumlaufbahn“, nein, er weiß offenbar auch nichts über die „Exklusiv-Fotos“, die er für „Bild“ betextet hat. Von Schönburg schreibt:

Lustvoll schleckt der Prinz die Brustwarzen eines Saufkumpans ab. (…) Weitere Szenen, auf Video aufgenommen, zeigen Harry in Namibia auf Sauf-Safari.

Dabei lässt „News of the World“ keinen Zweifel daran, dass auch die Brustwarzen-Fotos den Prinzen in Namibia auf Sauf-Safari (Après-Sauf-Safari?) zeigen.

Neben Übersetzung, Paraphrase und Fehlern ist „Bild“ und von Schönburg aber noch etwas anderes gelungen — eine wahre Tatsachenbehauptung: Angekündigt werden die Bilder heute auf der Titelseite (siehe Ausriss) ohne Quellenangabe, dafür aber als „Exklusiv-Fotos“. Und so ist es! Die Fotos sind exklusiv — im Sinne von: gestern exklusiv in „News of the World“ erschienen.

50 Ways To Leave Your Lover

Die „Bild am Sonntag“ berichtete gestern groß über die „doppelte Dänen-Mary“, womit Marie Cavallier und Mary Donaldson gemeint sind, die jeweils mit einem Prinzen des dänischen Königshauses verlobt bzw. verheiratet sind und sich laut „Bild“ zum Verwechseln ähnlich sehen.

Auch sonst hätten die beiden vieles gemeinsam:

WIE ZWILLINGE. Marie kommt wie die gebürtige Australierin Mary aus gutem Hause. Beide sind Kinder aus gescheiterten Ehen. Beide haben Wirtschaftswissenschaften studiert.

Nun ja, je nachdem wie man „gescheiterte Ehen“ so interpretiert: Zwar heiratete Marys Vater Professor John Donaldson im Jahr 2001 zum zweiten Mal — allerdings vier Jahre, nachdem seine erste Frau und Marys Mutter Henrietta Clark Donaldson verstorben war. Das steht so zum Beispiel in Marys offiziellem Lebenslauf.

Mit Dank an Gabi für den Hinweis.

Nachtrag 13:25 Uhr: Unser Leser Johannes C. weist uns darauf hin, dass auch dieser Absatz so nicht stimmt:

EIN BLICK IN DIE STERNE. Marie hat am 5. Februar Geburtstag, Mary am 6. Februar, also zwei Wassermann-Frauen. Tja, und ihre royalen Herzbuben sind beide Sternzeichen Zwillinge.

Mary wurde nämlich am 5. Februar geboren, Marie am 6. Februar.

Und Daniel P. legt Wert auf die Feststellung, dass man nicht alles so schreibt, wie man es spricht:

"Das Orginal"

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Die Nigeria-Connection
(sonntagszeitung.ch, Jean François Tanda)
Lagos gilt als Eldorado der E-Mail-Betrüger – die SonntagsZeitung war vor Ort.

«Das schwarze Schaf Europas»
(nzz.ch, sig.)
Wie die internationalen Medien den schweizerischen Wahlkampf kommentieren.

Will das noch jemand hören?
(zeit.de, Maxi Sickert)
Zum ersten Mal treffen sich Journalisten aus aller Welt in New York, um über die Zukunft des Jazz zu diskutieren. Was außerhalb Amerikas gespielt wird, ist den Wortführern allerdings egal. Ein Kongressbericht.

Wie kann man Google schlagen?
(medienkonvergenz.com, Andreas Göldi)
Das Thema scheint eine endlose Faszination auszuüben, nicht nur auf die Internet-Industrie, sondern inzwischen auch auf die Medienbranche: Wie kann man den übermächtig und allgegenwärtig scheinenden Internetriesen Google schlagen?

Pharaos Zustand unterliegt der Zensur
(taz.de, Karim El-Gawhary)
Die freien Zeitungen Ägyptens streiken gegen die Verurteilung mehrerer Journalisten. Einer steht vor Gericht, nur weil er geschrieben hat, der Präsident sei schwer krank.

Zukünftige Journalisten, die eigentlich keine Journalisten werden sollten
(nachrichtenfluss.blog.de, florida_mike)
„‚Journalismus und Unternehmenskommunikation‘: Hier hat man es offensichtlich geschafft, zwei konkurrierende Branchen (im Groben Journalismus und PR) gleichberechtigt zu unterrichten.“

„Bild“ spielt Foul

Was denkt sich Ashkan Dejagah (21) nur dabei?

Das fragt „Bild“ heute, weil der im Iran geborene Bundesliga-Profi seine Teilnahme am Länderspiel der deutschen U21-Mannschaft in Israel abgesagt hat. Aus „politischen Gründen“, wie er erklärt: „Jeder weiß, dass ich Deutsch-Iraner bin…“

Was denkt sich Ashkan Dejagah (21) nur dabei?

„Bild“ schlägt folgende Antwort vor:

(…) die Absage legt den Eindruck nahe, dass Dejagah mit dem iranischen Machthaber Mahmud Ahmadinedschad sympathisiert. Der „Irre von Teheran“ droht Israel mit der nuklearen Vernichtung. Außerdem hat er iranischen Sportlern ausdrücklich verboten, gegen israelische Athleten anzutreten.

Angesichts dieser Interpretation ist es natürlich kein Wunder, dass „Bild“ zu dem Schluss kommt:

BILD meint: Wer ein Länderspiel in Israel aus politischen Gründen absagt, darf nie wieder für Deutschland spielen!

Was „Bild“ nicht schreibt: Ashkan Dejagah hat Verwandte, die im Iran leben; sein Bruder spielt bei Paykan Teheran*. Es ist nicht auszuschließen, dass sie mit Sanktionen rechnen müssten, wenn Dejagah in Israel spielt. Er hat nicht nur einen deutschen, sondern auch einen iranischen Pass, und der Iran verbietet seinen Staatsbürgern die Einreise nach Israel. Dejagah muss damit rechnen, nicht mehr in den Iran zu seiner Familie reisen zu dürfen, wenn er an dem Spiel der U21 teilnimmt.

An all dem ändert sich nichts, wenn der Berliner CDU-Fraktionsvorsitzende Friedbert Pflüger ihm laut „Bild“ verspricht, für ihn „würde in Israel alles für seine Sicherheit getan werden“.

Natürlich kann man Dejagahs Absage trotzdem falsch finden und von ihm eine schnelle Entscheidung verlangen, ob er in der deutschen oder der iranischen Nationalmannschaft spielen will. Aber man sollte diese Fakten kennen, bevor man sein Urteil fällt. Die „Bild“-Zeitung verschweigt sie und verhindert, dass ihre Leser überhaupt eine Grundlage haben, um die Frage fair zu beantworten:

Was denkt sich Ashkan Dejagah (21) nur dabei?

Mit Dank an farry2003.

*) Korrektur, 14. Oktober. Dejagah betont in einem Interview mit stern.de, dass sein Bruder nicht für den Teheraner Verein Paykan spielt, sondern in Berlin lebt. Wir sind einer offenbar weit verbreiteten Fehlinformation aufgesessen und bitten dafür um Entschuldigung.

medienlese – der Wochenrückblick

Gottschalk besucht Knut, Gott enttäuscht, Herisauer Zeitung nicht eingestellt.

Thomas Gottschalk besuchte Knut und überreichte dem Zoologischen Garten einen Scheck über 40.000 Euro. So war es auf dem Portal der des Tagesspiegels zu sehen. Später die Woche erzürnte ein anderer Tagesspiegel-Artikel mit dem Titel „Hi Freaks“ Markus Beckedahl von netzpolitik.org. Ein Journalist, der „ganz lustig sein“ wollte, schrieb dumme „Polemik unterhalb des Bild-Levels“. Beckedahl empfand den Text „als bewusste Verleumdung, üble Nachrede, Rufschädigung“. Kommentar #2 empfahl: „Aber ehrlich, ich würde sofort einen Strafantrag wg. Verleumdung und übler Nachrede stellen. Evtl. ist sogar Beleidung drin.“

Cash Daily, eines der Vorzeige-Internetprojekte aus dem Ringier-Verlag, schrieb im Blick (da es im Livepaper von Cash Daily niemand gefunden hätte): „Ziel darf nicht sein, auf dem Internet überhaupt nicht auffindbar zu sein. Solche Leute wirken im digitalen Zeitalter sogar suspekt.“

Read On…

Die Hurrikan-Sucht von „Bild“

Vielleicht ist es ja etwas Pathologisches, eine Sucht. So wie Alkoholiker kein Bier stehen und Kleptomanen keine Handtasche hängen lassen können, so kann „Bild“ kein Unwetter vorüberziehen lassen, ohne Unsinn darüber zu schreiben.

Im März berichtete das Blatt über den Extremwetterkongress in Hamburg, schob dem Meteorologen und Hurrikan-Experten Thomas Sävert falsche Zitate über einen angeblichen „Hurrikan-Alarm auf Mallorca“ unter und bebilderte den Hurrikan-Artikel auch noch mit einem Tornado (wir berichteten). Die Rechtsabteilung des Wetterdienstes Meteomedia, bei dem Sävert angestellt ist, hat sich nach seinen Worten damals massiv bei der „Bild“-Zeitung beschwert.

Im Juni rief „Bild“ dann einen „Tornado-Alarm über Deutschland“ aus und machte sich immerhin die Mühe, die dünne Geschichte wenigstens mit einem Tornado zu bebildern — wenn auch mit einem kanadischen (wir berichteten ebenfalls). Immerhin kam Sävert in dem Artikel nicht vor — wegen der Geschichte vom März, sagt er, habe er ein Interview mit „Bild“ abgelehnt.

Am Donnerstag nun ereignete sich ein schweres Unwetter über Mallorca; die Insel wurde offenbar von einem oder mehreren Tornados getroffen.

Klima-Forscher warnen: Das war erst der Anfang / Tornados verwüsten Mallorca!Für die „Bild“-Zeitung bestätigt das Unwetter nun genau das, was sie schon im März herbeiphantasiert hatte. Sie macht heute mit dem Thema auf (siehe Ausriss), zeigt im Inneren noch einmal den falschen und falsch bebilderten Hurrikan-Artikel von damals und schreibt:

Schon beim Extremwetter-Kongress im März in Hamburg sprach Hurrikan-Forscher Thomas Sävert von gewaltigen Wirbelstürmen, die aufgrund des Klimawandels über dem Mittelmeer entstehen können: Pro Jahr ziehen bis zu 3 Hurrikane über die Mittelmeer-Region. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis einer Mallorca trifft (BILD berichtete). (…)

Experte Sävert: Die Hurrikane im Mittelmeer seien zwar nicht so gewaltig wie die in der Karibik. Aber der Klimawandel werde dafür sorgen, dass sie immer stärker werden.

Nein. Zur Veranschaulichung noch mal das, was uns Thomas Sävert damals erklärte:

„Ich bezog eindeutig Stellung, dass es zwar hurrikanähnliche Stürme im Mittelmeerraum gibt, die aber keinesfalls die Stärke der tropischen Hurrikane erreicht und daher auch nicht als solche bezeichnet werden sollten. Die Insel Mallorca habe ich mit keinem Wort erwähnt, und ich habe auch nicht davon gesprochen, dass diese ‚Hurrikane‘ stärker werden sollen. Alle Zitate sind gefälscht. Ich bin eigentlich als seriöser Wissenschaftler bekannt, der solche Aussagen, wie sie in der ‚Bild‘-Zeitung getroffen wurden, nie machen würde.“

Zum aktuellen Tornado über Mallorca erklärt er uns:

„Die jüngsten Unwetter haben mit einem Hurrikan so viel zu tun wie die berühmten Äpfel mit Birnen. Es waren Unwetter, aber eben definitiv kein Hurrikan, und die aktuellen Unwetter lassen keinerlei Schluss auf das zukünftige Wetter auf der Urlaubsinsel zu.“

Sävert klagt, sein Ruf als Meteorologe leide erheblich darunter, mit solchem Quatsch wie in „Bild“ zitiert zu werden; er will gegen die Zeitung vorgehen. Ohne sein falsches Zitat fehlt der Zeitung übrigens auch jeder Beleg, dass Mallorca der „Klima-Kollaps droht“, wie sie in einer weiteren Überschrift behauptet.

Aber vielleicht ist es ja etwas Pathologisches, die Sache mit „Bild“ und den Unwettern. Von Krankheiten wie Alkoholismus oder Spielsucht kann man übrigens nie ganz geheilt werden. Betroffene können nur lernen, der Versuchung zu widerstehen.

Der erste Schritt ist natürlich, es zu wollen.

Übrigens: Auch die „Welt“ behauptet heute unter der Überschrift „Klimaforscher erwarten regelmäßige Tornados und Hurrikans im Mittelmeer“, dass Sävert im Mittelmeerraum künftig Hurrikans erwarte, ausgelöst „durch die zunehmend stärkeren Temperaturunterschiede“. Es scheint, als sei der „Welt“-Autor der falschen „Bild“-Berichterstattung im März aufgesessen. Nachdem sich Sävert auf „Welt Online“ beschwerte, wurde der entsprechende Absatz des „Welt“-Artikels dort ohne Erklärung oder Hinweis gelöscht.
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