Verleumdungen, Falschmeldungen, Kampagnen

Es hat sich zudem herausgestellt, dass die Bild-Zeitung, der größte Profitbringer des Verlages, auch sein größtes Problem ist. In erster Linie liegt das an der hohen millionenfachen Auflage und der dominanten Stellung auf dem Anzeigenmarkt. Es liegt aber auch an dem außergewöhnlich miserablen Ruf der Zeitung, die mit ihren Verleumdungen, Falschmeldungen und Kampagnen weit über das hinausgeht, was man von einer Boulevardzeitung zu tolerieren bereit ist. Da darf es Springer nicht wundern, dass die Behörden in diesem Fall besonders penibel sind. Der Gefahr entgegenzutreten, dass sich diese Abart des Journalismus auf weitere Medien ausdehnt, ist die Pflicht verantwortungsbewusster Kontrolleure.

Die „Berliner Zeitung“ über die von den Medienkontrolleuren verhinderte Fusion von Axel Springer mit ProSiebenSat.1.

braucht Ihre Unterstützung!
Wir investieren viel Zeit und Herzblut in dieses Blog, verdienen aber kaum Geld damit. Damit wir trotzdem unsere Miete bezahlen können, würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen. Wie das geht, erfahren Sie hier.
Allgemein  

Bloß früher II

Am 17.06.2000 berichtete beispielsweise die „Berliner Morgenpost“, dass an der Paul-Löbe-Oberschule in Berlin sog. „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 25.02.2002 berichtete das „Höchster Kreisblatt“, dass an der Eichwaldschule in Höchst „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 11.07.2002 berichtete die „Kölnische Rundschau“ über die am 1.1.2000 an der Leverkusener Freiherr-vom-Stein-Schule eingeführten „Raucher-Ausweise“.

Am 18.09.2002 berichtete die „Frankfurter Rundschau“, dass am Ernst-Ludwig-Gymnasium in Bad Nauheim „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 23.1.2003 berichtete die „Berliner Morgenpost“, dass „Raucher-Ausweise“ am Berliner Friedrich-Engels-Gymnasium bereits 2002 wieder abgeschafft worden waren.

Am 15.7.2004 berichtete die „Frankfurter Rundschau“, dass an der Diesterwegschule in Ginnheim „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 04.11.2004 berichtete die „Kölnische Rundschau“, dass am Gymnasium Lindlar „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 13.01.2005 berichtete der „Lauterbacher Anzeiger“, dass die Schule an der Wascherde in Lauterbach ihre „Raucher-Ausweise“ wieder abgeschafft habe.

Am 24.01.2005 berichtete das „Hamburger Abendblatt“, dass an der Ahrensburger Gesamtschule „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 2.03.2005 berichteten die „Potsdamer Neusten Nachrichten“, dass an der Voltaire-Gesamtschule in Potsdam „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Am 24.3.2005 berichtete die „Stuttgarter Zeitung“, dass an der Waldorfschule in Faurndau „Raucher-Ausweise“ eingeführt worden seien.

Und am 2.2.2006 berichtet „Bild“:

1. deutsche Schule<br />
führt Raucher-Ausweis ein

Lustig.

Mit Dank an Sascha K., Torsten F. und andere für den Hinweis.

Nachtrag, 14:55:
Bild.de hat die Falschmeldung der „Bild“-Zeitung seit gesternabend im Wortlaut übernommen, den Text der Meldung jedoch an einer einzigen Stelle dahingehend verändert, dass die Ziffer in der „Bild“-Überschrift durch das entsprechende Zahlwort ersetzt wurde. Hat nur nicht so richtig geklappt…

Nachtrag, 15:39:
Okay, den Tippfehler in der Überschrift hat Bild.de inzwischen korrigiert. Jetzt ist die Überschrift auch bei Bild.de nur noch sachlich falsch.

Schlauer als die Polizei erlaubt

Viele werden sich noch an Muhlis Ari erinnern, den in München geborenen und aufgewachsenen Ex-Serienstraftäter mit türkischer Staatsbürgerschaft, besser bekannt als „Mehmet“. Vor kurzem hätte er eigentlich eine Haftstrafe antreten sollen, doch er tauchte unter, und es wurde Haftbefehl gegen ihn erlassen. Darüber berichtete auch „Bild“ in ihrer Online-Ausgabe.

Heute berichtet „Bild“ wieder über „Mehmet“:

Der Text beginnt so:

Die deutsche Polizei jagt Serienstraftäter Muhlis A. (…) Er tauchte unter. BILD fand ihn jetzt in der Türkei, sprach mit ihm.

Da haben sich die gewieften „Bild“-Reporter also aufgemacht und „Mehmet“ tatsächlich gefunden, während die blöde Polizei ihn immer noch jagt – könnte man denken. Und es stimmt ja auch: Die Polizei „jagt“ Mehmet tatsächlich noch immer. Und „Bild“ hat „Mehmet“ tatsächlich „gefunden“.

Allerdings dürfte es gar nicht so schwer gewesen sein, „Mehmet“ aufzutreiben. Schließlich hatte der Bayerische Rundfunk schon am 19. Januar berichtet, dass er sich in der westtürkischen Kleinstadt Saray aufhalte. Und jetzt kommt’s: Die Polizei hat ihn gefunden. Offenbar hat ein Kriminalbeamter sogar persönlich mit „Mehmet“ gesprochen, als er eine Nummer anrief, die zum Haus seiner Eltern gehört – was „Bild“ übrigens auch weiß, heute aber komplett verschweigt.

Mit Dank an Kai S. für den sachdienlichen Hinweis.

Symbolfoto XXVI

Ganzseitig berichtet die Berlin-Brandenburg-Ausgabe der „Bild“-Zeitung heute über die Stippvisite von Angelina Jolie und Brad Pitt in Berlin (siehe Ausriss). Wer allerdings glaubt, das fast Din-A-4-große Foto über der Überschrift „Hier huschen Brad Pitt und Angelina Jolie über den Potsdamer Platz“ habe irgendwas damit zu tun, dass Brad Pitt und Angelina Jolie über den Potsdamer Platz huschen, irrt. Das Foto ist fast eine Woche alt und zeigt Jolie und Pitt im schweizerischen Davos. Das große Wörtchen „Hier“ in der Überschrift bezieht sich, wie der kleine schwarze Keil darunter (siehe Ausriss rechts) andeutet, auf drei ausgesprochen unscharfe Fotos, die ein 23-jähriger Politik-Student mit seinem Fotohandy gemacht hat.

PS: Außerdem zeigt „Bild“ u.a. noch ein weiteres Foto von Pitt und Jolie, das die beiden ebenfalls nicht in Berlin, sondern vor gut einer Woche auf einem Londoner Flughafen zeigt. Statt auf diesen Umstand hinzuweisen, hat „Bild“ sich jedoch entschieden, etwas ganz anderes neben das Foto zu schreiben – nämlich:

„‘Quod me nutrit me destruit’ (‘Was mich nährt, zerstört mich’) steht auf Angelina Jolies Babybauch. Ein Tattoo, das sie sich vor kurzem erst stechen ließ“
(Hervorhebung von uns.)

Und das ist insofern dumm, als das Tattoo zwar vor kurzem erst Schlagzeilen machte, aber offenbar aus dem Jahr 1997 stammt.

Jedes gruselige Detail

Am 24. Juli 2003 machte die Illustrierte „Stern“ mit dem Titel „Der Kannibale“ auf. Im Inneren schilderte sie auf vielen Seiten außerordentlich detailliert, wie Armin Meiwes im März 2001 einen Mann auf dessen Wunsch hin verstümmelte, tötete und später Teile der Leiche aß. Der Deutsche Presserat missbilligte zwei Monate später diesen Bericht und erklärte:

Die detaillierte Schilderung der Zubereitung und des Essens von Körperteilen geht nach Meinung des Gremiums über ein begründbares Informationsinteresse der Öffentlichkeit deutlich hinaus.

Armin Meiwes steht zur Zeit wieder wegen seiner Tat vor Gericht. „Bild“-Reporter Marco Schwarz ist vor Ort und beginnt seinen Bericht* vom vierten Prozesstag mit den Sätzen:

Er beschreibt jedes gruselige Detail. Geht’s nicht noch ein bißchen genauer? Noch ein bißchen ekliger?

Vierter Verhandlungstag gegen den Kannibalen von Rotenburg und die Frage: Wie halten das Zuschauer, Richter und Anwälte bloß aus?

Ja, und wie die Leser einer großen Boulevardzeitung? Das lässt sich doch herausfinden. Im Rest des Artikels gibt der „Bild“-Reporter die kaum auszuhaltenden Schilderungen über den genauen Ablauf der Tat ausführlich und wörtlich wieder. Er beschreibt jedes gruselige Detail. Und falls sich herausstellen sollte, dass es doch noch ein bisschen genauer, noch ein bisschen ekliger ging — „Bild“ wird es ausführlich dokumentieren.

*) Der Artikel ist auch online. Verlinken wollen wir ihn nicht.

Nachtrag, 7.2.2006:
Bereits seit einigen Tagen ist der Artikel aus dem Angebot von Bild.de gelöscht. Ebenfalls seit einigen Tagen steht eine Antwort von Bild.de-Chef Oliver Eckert (auf unsere Frage nach dem Grund dafür) aus.

Wogegen sich Kai Diekmann wehrt IV

In der Mittwochsausgabe der gedruckten „Berliner Zeitung“ ist nun, wie angekündigt, die online bereits zuvor erschienene Gegendarstellung zu lesen, die „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann gerichtlich durchgesetzt hat. Sie lautet:

In der Berliner Zeitung vom 31. Dezember 2005 behaupten Sie auf Seite 41 unter der Überschrift „Zum Schreien komisch“, die „Bild“-Zeitung habe unter anderem eine Gegendarstellung der Schauspielerin Alexandra Neldel mit dem kleinlauten Eingeständnis der Redaktion abdrucken müssen, dass das, was „Bild“ berichtet hatte, nicht stimmte. Hierzu stelle ich fest: Die Gegendarstellung von Alexandra Neldel haben wir ohne eine derartige Erklärung abgedruckt.

Berlin, den 11. Januar 2006 Rechtsanwalt Dr. Ulrich Amelung für Kai Diekmann, Chefredakteur der BILD-Zeitung

Die Redaktion der „Berliner Zeitung“ hat unter diesen Text folgende „Anmerkung“ gesetzt:

In der „Bild“-Zeitung war tatsächlich kein entsprechender Zusatz abgedruckt. Frau Neldel hatte durch einen außergerichtlichen Vergleich darauf verzichtet. Das, was „Bild“ über Frau Neldel berichtet hatte, war dennoch falsch. Und so war auf der Website www.bild.t-online.de, für die Diekmann nicht verantwortlich ist, die Gegendarstellung von Frau Neldel zu demselben Text aus der „Bild“-Zeitung mit dem kleinlauten Eingeständnis der Redaktion versehen: „Frau Neldel hat Recht“.

„Bild“ entdeckt alte Schnarchtherapie neu

Auf Seite eins weist „Bild“ heute auf die Schwester-Zeitschrift „Bild Gesundheit“ hin. Und zwar so:

Bevor jetzt aber alle Schnarcher zum Kiosk rennen, um herauszufinden, was „Schnarch-Experte Nr.1, Prof. Karl Hörmann“ („Bild“) in der Gesundheits-„Bild“ über diese „neue Therapie“ zu erzählen hat – ein Allheilmittel ist sie nicht, jedenfalls nicht laut Bild.de, bzw. dem dort zu Wort kommenden „Schnarch-Guru“ Dr. Antoine Aschmann. Und nicht nur das. Bereits im Juli 2001 schrieb die „Ärzte-Zeitung“ über die von „Bild“ gemeinte Radiofrequenztherapie:

Die Radiofrequenztherapie wird in der Medizin schon seit Jahren in vielen Disziplinen angewandt. Ärzte der Universitätsklinik Mannheim zum Beispiel benutzen sie schon seit etwa zweieinhalb Jahren, um bei Patienten mit Atemstörungen im Schlaf Zungengrund, Nasenmuscheln oder weichen Gaumen zu verkleinern.

Grob überschlagen gibt es die „neue Therapie“ also mindestens seit rund sieben Jahren, und ebenso lange wird sie schon gegen das Schnarchen eingesetzt. Ob man eine sieben Jahre alte Therapie als „neu“ bezeichnen kann, ist natürlich Ansichtssache.

Anders verhält es sich mit der aktuellen Ausgabe der „Bild Gesundheit“: Die gibt es, wie „Bild“ völlig korrekt berichtet, „jetzt für 1,80 Euro am Kiosk“.

Mit Dank an Dirk E. und Wolfgang L. für den Hinweis.

Irgendetwas in dieser Richtung hat er doch gesagt!

Dies ist die Geschichte, wie der Hamburger CDU-Politiker Robert Heinemann einmal ganz groß bundesweit Schlagzeilen machte.

Es fing ganz unspektakulär an. Am Dienstag vergangener Woche gab Heinemann mehreren Zeitungen Interviews. Es ging um die aktuelle Diskussion, ob auf Schulhöfen deutsch Pflichtsprache sein sollte. Heinemann äußerte sich differenziert: Er begrüße solche Regeln, aber die Schulen dürften und müssten das selbst entscheiden. Eine Regelung „von oben“ lehnte er laut „Hamburger Morgenpost“ ausdrücklich ab. „Wir werden das nicht vorschreiben“, zitiert ihn das „Hamburger Abendblatt“.

In „Bild“ las sich das am selben Tag schon etwas knackiger. Die Hamburger Ausgabe zitierte Heinemann am Mittwoch mit den Worten:

„Sanktionen müßten die Schulen selbst festlegen. Mögliche Strafe: Wer nicht deutsch spricht, soll den Schulhof fegen.“

Die Formulierung fand Heinemann, wie er später erklärte, „zwar erheblich verkürzt — aber noch nicht völlig falsch“. Eigentlich habe er dem „Bild“-Redakteur auf die Frage nach den Sanktionsmöglichkeiten für Schulen, die eine Deutschpflicht durchsetzen wollten, nur geantwortet, dass viele Maßnahmen denkbar seien: „vom erzieherischen Gespräch über Verfahren wie bei den Streitschlichtern bis hin zu Strafmaßnahmen wie dem Fegen des Schulhofes“. Am Mittwoch habe er den „Bild“-Redakteur angerufen und ermahnt, dass das ihm zugeschriebene Zitat „journalistisch an der Grenze“ sei.

Am Donnerstag überschritt „Bild Hamburg“ diese Grenze und machte aus der möglichen Maßnahme eine Forderung:

CDU-Politiker Heinemann löst hitzige Debatte aus: Deutsch sprechen oder Schulhof fegen! - Riesen-Wirbel um den Hamburger CDU-Schulexperten Robert Heinemann. Der forderte gestern in BILD: "Schüler, die nicht deutsch sprechen, sollen den Schulhof fegen!" Heinemann bekräftigte gestern gegenüber BILD noch einmal seinen Besen-Appell. "Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe!"

In einer Fotounterschrift machte „Bild“ aus Heinemann sogar eine Art Grammatik-Polizisten:

Wer nicht richtig deutsch spricht, soll fegen, meint Schulexperte Robert Heinemann.
(Hervorhebung von uns.)

Heinemann sagt, er habe sich daraufhin „massiv bei der Bild-Zeitung beschwert“. Das scheint keinen großen Eindruck gemacht zu haben. Am Freitag erschien die Falschmeldung groß in der Bundesausgabe von „Bild“:

Und am Samstag wieder in der Hamburger Ausgabe, diesmal als „Spruch der Woche“:

Erst am gestrigen Montag, nachdem Heinemanns angebliches Zitat von vielen anderen Medien aufgegriffen worden war, erschien in „Bild“ Hamburg so etwas wie eine Richtigstellung. Wobei die „Bild“-Zeitung über die Richtigstellung natürlich nicht „Richtigstellung“ schrieb, sondern:

Herr Heinemann, wie ist das denn nun mit dem Schulhof-Fegen? (...) Schüler, die auf den Pausenhöfen nicht deutsch sprechen, sollen zur Strafe den Schulhof fegen. Mit dieser Idee hat CDU-Schulexperte Robert Heinemann bundesweit für Aufsehen gesorgt und für hetige Reaktionen bei SPD und GAL gesorgt (BILD berichtete).

Nichts deutet darauf hin, dass sich in dem folgenden Interview quasi „Bild“ korrigiert und nicht Heinemann. Es sei denn, man kennt den Hintergrund – dann versteht man auch die merkwürdig trotzköpfige Fragestellung von „Bild“:

PS: Unsere Anfrage bei „Bild“, zu Heinemanns Vorwürfen Stellung zu nehmen, blieb unbeantwortet.

Nachtrag, 1. Februar. Inzwischen haben wir eine Antwort von „Bild“ bekommen. Sie lautet: „Von unserer Seite gibt es dazu nichts zu sagen.“

„Bild“ hat schon gewählt

In knapp zwei Monaten sind in Rheinland-Pfalz Landtagswahlen, und beide großen Parteien versuchen, sich mit Vorschlägen zur Familienpolitik zu profilieren. Die Nachrichtenagentur AFP fasste es gestern so zusammen:

Die SPD kündigte am Samstag auf ihrem Parteitag an, bei einer Wiederwahl bis 2010 eine vollständige Beitragsfreiheit für den Kindergartenbesuch zu erreichen. (…) Auch die CDU will die Kindergartengebühren abschaffen, und das sogar schon ab 2007.

Das Wahlprogramm der CDU [pdf], das am vorletzten Samstag beschlossen wurde, verspricht u.a., mehr Personal einzustellen, um in Zukunft auch Zweijährige schon zu betreuen, und mehr Lehrer einzustellen. Das Wahlprogramm der SPD [pdf], das am vergangenen Samstag beschlossen wurde, verspricht u.a. einen Rechtsanspruch für einen Kindergartenplatz für Zweijährige und Hilfen beim Schulbuchkauf und Schulessen.

Man könnte nun ins Grübeln kommen, welcher Seite eher zu trauen ist, die Versprechen auch einzuhalten, und welche Finanzierungsmöglichkeiten man realistischer findet. Kann man aber nicht, wenn man die heutige „Bild“-Zeitung liest. „Bild“ hat sich trotz der fast gleichlautenden Vorschläge schon entschieden, wer in die Freunde-des-Hauses-Rubrik „Gewinner des Tages“ gehört. Es ist der SPD-Ministerpräsident Kurt Beck*:

Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (56, SPD) will die Kindergartengebühren abschaffen. Außerdem sollen alle Kinder ab zwei Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz bekommen. Und: Höhere Zuschüsse für Schulbücher, Essen und ein beitragsfreies Erststudium soll es auch geben.

BILD meint: Ein wahrer Landesvater!

Für den Hinweis, dass die CDU ähnliche, teils weiter gehende Vorschläge gemacht hatte, fand die „Bild“-Zeitung in diesem Text keinen Platz mehr.

*) Kurt Beck hat sich in der vergangenen Woche — im Gegensatz zu vielen Parteikollegen — grundsätzlich offen für eine Ministererlaubnis gezeigt, die der Axel Springer AG eine Fusion mit ProSiebenSat.1 trotz des Vetos des Kartellamtes erlauben würde.

Danke an Jochen Z. für den Hinweis!

In Amerika sind die Türken Indianer

Wir müssen über den „Brief von Wagner“ von gestern reden. Das ist, wie so oft bei den Kolumnen von Franz Josef Wagner, nicht so leicht, also fangen wir mit einem schlichten Fehler an:
Wagner behauptet, dass eine Berliner Schule ihren überwiegend aus ausländischen Familien stammenden Schülern „ab sofort“ vorschreibt, auf dem Pausenhof ausschließlich deutsch zu sprechen. Dabei gilt die Regel schon seit fast einem Jahr.

Soweit die Kleinigkeiten.

Doch Wagner gibt in seinem Brief den „lieben türkischen Schülern“ noch gute Ratschläge mit:

Wenn Deutschland zu Eurem Land werden soll, dann müßt Ihr fließend Deutsch sprechen. Oder Ihr übernehmt die Rolle der Indianer in Amerika. Straßenräuber, Drogenkranke, Geächtete.

Ohne Deutsch kein Schulabschluß, ohne Deutsch keine Lehrstelle, ohne Deutsch ein Indianer.

(…) Eine schöne Wohnung, ein Auto in der Garage, eine Topfpflanze auf dem Balkon, geachtet von den Nachbarn – all das kriegst Du, wenn Du deutsch kannst. In unserer Sprache heißt das Glück.

Hoppla. Die Rolle der Indianer in Amerika ist es, zugedröhnt unschuldige Leute zu überfallen? Wissen das die Indianer? Und hätten sie das verhindern können, wenn sie nur rechtzeitig
aufgehört hätten, ihre komischen Dialekte zu sprechen?

Da kommt man natürlich ins Grübeln, wie die amerikanische Geschichte verlaufen wäre, wenn die Indianer sich nur rechtzeitig an die Gepflogenheiten ihres Gastlandes… Moment: Gastland? Waren nicht die Indianer zuerst da? Wären dann nicht die Bleichgesichter die Türken Amerikas? Also quasi die Indianer? Oder, ganz anders, waren die Indianer einfach nicht integrationswillig genug, um es in der amerikanischen Geschichte zu einer anständigen Rolle zu bringen? Und wer hat hier auf dem Pausenhof wieder gekifft?

Und schon haben wir uns fröhlich in einer Kolumne von Wagner verlaufen und finden den richtigen Ausgang nicht mehr. Denn womöglich müsste man sich ernsthaft damit auseinandersetzen, dass Wagner unter der wirren Oberfläche hier eine klare Ideologie vertritt, welche Rolle Türken seiner Meinung nach in Deutschland haben sollten: brave Konsumenten, die ihren (deutschen) Nachbarn nicht unangenehm auffallen. Glückliche Türken sind die, die „wir“ gar nicht als Türken erkennen.

Blättern:  1 ... 638 639 640 ... 735