Kurz korrigiert (57)

Übrigens: Der echte Canossa-Gang führte Heinrich IV. im Jahr 1077 über die Alpen nach Italien, um den Papst durch Buße zu bewegen, seinen Bann gegen ihn zurückzunehmen.

Mit Dank an Uwe B., Alexander W., Jens S. und Ralf H.

Nachtrag, 22.1.2006:
Auf Bild.de wurde der entsprechende Absatz inzwischen geändert. Nun heißt es auch dort korrekterweise:

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Joschka Fischer und Bild.de korrigieren „Bild“

Nachdem „Bild“ vor acht Tagen noch behauptet hatte, Joschka Fischer wolle nach Amerika auswandern, und der „Bild“-Bericht von Bild.de übernommen worden war, finden sich dazu nun bei Bild.de eine Gegendarstellung und eine Richtigstellung.

In Fischers Gegendarstellung heißt es u.a.:

„Zu keinem Zeitpunkt habe ich mit Harvard über eine Gastprofessur verhandelt. Ebenso falsch ist es demnach, daß ich dort eine Professur antreten werde. Ebenso wenig habe ich vor, für zwei bis drei Jahre in die USA umzuziehen.“

Und in Anbetracht der Tatsache, dass eine Gegendarstellung bekanntlich nicht beweist, dass eine Zeitung falsch berichtet hat, zitieren wir auch noch kurz aus der Richtigstellung:

„Zu keinem Zeitpunkt hat Herr Joschka Fischer mit Harvard über eine Gastprofessur verhandelt. Ebenso falsch ist es demnach, daß er dort eine Professur antreten werde. Ebenso wenig hat er vor, für zwei bis drei Jahre in die USA umzuziehen. (…)

Die Redaktion“

Nach unseren Informationen sollen eine entsprechende Gegendarstellung Fischers und eine Richtigstellung der Redaktion auch am Montag in der „Bild“-Zeitung stehen.*

*) Nachtrag, 20.1.2006:
Wir müssen uns präzisieren: Nach neuen Informationen soll am Montag in der „Bild“-Zeitung eine „Klarstellung“ erscheinen, in der auch die „Bild“-Redaktion Fischers Darstellung als korrekt bezeichnen wird. (Genaueres dazu vielleicht später.)

Die Inflation der Milchmädchen

Inflation ist eine haarige Sache. Wenn ich heute annehme, dass ich in 30 Jahren 1000 Euro Rente bekomme, sollte ich mich nicht zu früh freuen — denn wegen der Geldentwertung sind diese 1000 Euro dann vielleicht nur noch soviel Wert wie 600 Euro heute (genau weiß es niemand).

Die Inflation war ein wichtiger Faktor für „Bild“, um in den vergangenen drei Tagen Renten-Panik zu verbreiten. „Bild“ kombinierte eine (nicht ganz abwegige) Annahme über die zukünftige Geldentwertung mit einer (extrem unwahrscheinlichen) Annahme über die zukünftige Entwicklung der Rente und kam so zu erschütternden (und unrealistischen) Ergebnissen.

Interessant ist deshalb, dass die Inflation heute in „Bild“ überhaupt keine Rolle mehr spielt. Heute diskutiert „Bild“ nicht die Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung, sondern die Chancen der privaten Rentenversicherung. Die mag tatsächlich viele Vorteile haben — aber von der Geldentwertung ist sie natürlich exakt genauso betroffen. Seriöse Ratgeber verweisen deshalb darauf, dass „weder die Renteninformation der gesetzlichen Rentenversicherungsträger, noch die Berechnungen privater Anbieter von Zusatzrenten“ die Inflation berücksichtigen.

Die „Bild“-Zeitung aber, die sich in ihrer Renten-Berichterstattung gerne von Instituten und Personen beraten lässt, die den privaten Versicherern nahestehen, lässt die Geldentwertung bei ihrer Tabelle „So sparen Sie für die Zusatz-Rente“ einfach weg. Sie rechnet vor, wieviel man monatlich anlegen muss, um zum Beispiel in 30 Jahren eine Zusatzrente von 1000 Euro zu bekommen. Aber sie lässt den Hinweis weg, dass diese 1000 Euro, auch ihren eigenen Annahmen von den Vortagen zufolge, höchstens noch 600 Euro wert sein werden.

Das Beste, das sich über diese Art der Irreführung sagen ließe, wäre noch, dass sie fahrlässig geschieht. Lustig nur, dass „Bild“, egal wie, immer zugunsten der privaten Versicherer rechnet.

P.S.: „Bild“ erwähnt heute in einem Satz die massive Kritik an ihrer bisherigen Berichterstattung. Scheinbar jedenfalls:

Die Deutsche Rentenversicherung bestritt gestern, daß die Kaufkraft der staatlichen Rente in Zukunft stark schrumpfen wird.

Nein, das bestritt die Deutsche Rentenversicherung keineswegs. Die Deutsche Rentenversicherung bestritt, dass die Kaufkraft der staatlichen Rente in Zukunft so stark schrumpfen wird, wie „Bild“ behauptet.

Danke an Knut W. für den sachdienlichen Hinweis!

Verfestigter Irrtum

Gestern stand in der Berliner „Bild“-Ausgabe dieser Text über die Dauerausstellung im Haus der Wannsee-Konferenz:

Über die Bedeutung der Wannsee-Konferenz vom 20. Januar 1942 heißt es dort:

Anschließend war die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossene Sache.

Womit „Bild“ eine gängige, aber überholte, wenn nicht gar falsche Ansicht wiedergibt. Dass „Bild“ sie in einem Text über das Haus der Wannsee-Konferenz weiterverbreitet, ist vor allem deswegen ärgerlich, weil das Haus der Wannsee-Konferenz sich u.a. gerade zur Aufgabe gemacht hat, diesen Irrtum aus der Welt zu schaffen, den es für einen „fast nicht mehr revidierbaren Irrtum der Geschichtsschreibung und der Publizistik“ hält, wie es dort auf der Internetseite heißt. (Weiter heißt es: „Diese Behauptung kommt dem verbreiteten Bedürfnis entgegen, außergewöhnliche geschichtliche Ereignisse mit konkreten Entscheidungssituationen zu belegen.“) Denn zum Zeitpunkt der Konferenz gab es nichts mehr zu beschließen, die planmäßige Ermordung von Juden war spätestens seit dem Sommer 1941 in vollem Gange. Auf der „Wannsee-Konferenz“ ging es um die organisatorische Umsetzung des Völkermords.

P.S.: Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass darüber hinaus die ausschmückenden Kleinigkeiten am Textanfang offenbar von „Bild“ frei erfunden wurden und einige weitere Details nicht stimmen: Das Treffen war nämlich keine „morgendliche Konferenz“, es gab kein „üppiges Frühstück“, keinen „heißen Tee“ und keinen „Kellner“. Vielmehr begann die Besprechung laut Wolf-Dieter Mattosch, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Museums, mittags um 12 Uhr, und SS-Ordonanzen reichten französischen Cognac und Häppchen. Der Begriff „Frühstück“ in der Einladung sei lediglich eine stehende Floskel aus der Diplomatie. Und „Berlins schrecklichste Villa“ wurde auch nicht „wiedereröffnet“. Sie war, samt ihrer ständig wechselnden Ausstellungen, die ganze Zeit offen. Lediglich die Dauerausstellung zur „Wannsee-Konferenz“ war nicht zugänglich.

Kurz korrigiert (54-56)

Anders als Bild.de behauptet, gewann der FC Bayern das Testspiel gegen Hansa Rostock nicht 2:1 durch Tore von „Ismael (19.) und Guerro (50.) bei einem Eigentor von Hansen (68.)“. Denn abgesehen davon, dass der Schütze zum 2:0 Guerrero heißt, spielt Hansen bei Hansa. Ein Eigentor durch ihn hätte also das 3:0 für Bayern bedeutet. Tatsächlich führte ein Handelfmeter, den Hansen verwandelte, aber zum 2:1 Endstand.

Und was „Bild“ heute über Oliver Kahn schreibt, stimmt auch nicht:


Hervorhebung von uns

Tatsächlich war Oliver Kahn in der Welttorhüter Rangliste des IFFHS nämlich schon im Jahr 2004 auf Rang sechs abgerutscht. Folglich verbesserte er sich 2005 wieder um einen Platz.

Mit Dank an Jean-Paul I. und Holger K. für die Hinweise

Wieviel Rente kriegen eigentlich Milchmädchen?

Natürlich ist es möglich, dass in den nächsten 30 Jahren die Teuerungsrate jährlich zwei Prozent beträgt, die Löhne aber nur um ein Prozent steigen und die Renten gar nicht. Möglich ist aber auch, dass uns in den nächsten 30 Jahren der Himmel auf den Kopf fällt oder sich herausstellt, dass das Erdinnere aus Schokoladenpudding besteht. Man kann diese Dinge nicht völlig ausschließen. Aber es empfiehlt sich vielleicht auch nicht, seine Lebensplanung darauf einzustellen.

„Bild“ sieht das anders.

Die „Bild“-Zeitung tut zur Zeit wieder einmal, was sie routinemäßig mehrmals jährlich tut: Sie behauptet, dass unsere Rente noch viel weniger sicher ist, als sie beim letzten Mal schon behauptet hat. Aktueller Aufhänger ist die Prognose des Freiburger Ökonomieprofessors Bernd Raffelhüschen in der „Rheinischen Post“, wonach es in den kommenden Jahrzehnten möglicherweise keine oder nur geringe Rentenerhöhungen geben könnte. Die „Bild“-Zeitung berichtete über diese These am Montag groß auf den Seiten 1 und 2 — und bis hierhin geht das auch in Ordnung.

Am Dienstag aber war ihr die ohnehin schon dramatische Prognose nicht mehr dramatisch genug, und sie spitzte sie erheblich zu: Nun ging „Bild“ (anders als Raffelhüschen) davon aus, dass es in keinem einzigen der nächsten 30 Jahre eine Rentenerhöhung geben werde. Verschärfend nahm das Blatt (als „vorsichtige Schätzung“) eine konstante Dauerinflation von zwei Prozent an (vor vier Monaten ging der gleiche „Bild“-Autor Oliver Santen bei einer ähnlichen Geschichte noch von einer Inflationsrate von 1,4 Prozent aus, warum auch immer).

Daraus errechnete „Bild“ dann eine bedrohliche Tabelle, aus der „Bild“-Leser ablesen konnte, wieviel ihr heutiger Rentenanspruch 2020 oder 2025 oder gar 2035 wert sein wird. Die Berechnungen könnte man leicht mit dem Taschenrechner anstellen (für jedes Jahr einfach zwei Prozent abziehen), aber „Bild“ gibt als „Quelle“ das „Deutsche Institut für Altersvorsorge“ (DIA) an. Auf dessen Know-How greift die Zeitung gerne zurück, und vergaß nur, wie schon früher, den Hinweis, dass es sich dabei nicht um unabhängige Experten handelt, sondern eine Gesellschaft, hinter der Firmen stehen, die ihr Geld nicht zuletzt damit verdienen, dass sie Menschen private Altersvorsorge verkaufen — also genau das, was das Studium der beunruhigenden Tabelle nahelegt. (Dass private Altersvorsorge auch sinnvoll erscheint, wenn man nicht auf die „Bild“-Panikmache hereinfällt, steht auf einem anderen Blatt.)

Selbst das DIA kommt sonst zu ganz anderen Ergebnissen, als denen, die es für „Bild“ errechnete — was zeigt, wie abwegig die Annahmen der Zeitung sind. In seiner „aktuellen Prognose zum Rentenniveau“ geht das Institut von einer deutlich niedrigeren Inflationsrate und besseren Lohnentwicklung aus als „Bild“. Entsprechend deutlich unterscheidet sich die Rentenentwicklung: Während „Bild“ prognostiziert, dass der reale Wert der Renten zwischen 2010 und 2035 um 40 Prozent sinkt, nimmt er laut DIA-Prognose sogar marginal zu.

Weil „Bild“ solche Geschichten gerne über mindestens drei Tage zieht, fragen heute in gewaltiger Größe auf Seite 1 viele Menschen mit „Bild“-Zeitung in der Hand: „SCHRUMPF-RENTE — Wovon sollen wir im Alter leben?“ Da ist der Hotelfachfrau-Auszubildenden Katharina, „ganz mulmig“, seit sie glaubt, dass ihr Rentenanspruch gerade mal 140 Euro wert sei. Vielleicht sollte jemand die 21-jährige in den Arm nehmen und ihr sagen, dass sie doch (hoffentlich) noch viele Jahre vor sich hat, in denen sie mehr verdient und ihren Rentenanspruch erheblich steigert.

Die (in der Sache natürlich parteiische) „Deutsche Rentenversicherung“ nannte die „Bild“-Berichte heute „unverantwortlich“, die ihr zugrunde liegenden Annahmen „unseriös und nicht nachvollziehbar“ und die Berechnungen „unrealistisch“. In der Pressemitteilung heißt es, wenn die Annahmen von „Bild“ über Inflation und Lohnsteigerungen einträfen, hätte das „unabsehbare Auswirkungen auf die Wirtschaft unseres Landes, die weit über die Verschlechterung der Einkommenssituation der Rentner hinaus gingen“. Mit anderen Worten: Dann dürfte auch durchschnittlichen „Bild“-Redakteuren ganz mulmig werden, weil sie sich schon vor dem Ruhestand von ihrem Gehalt nichts mehr kaufen könnten.

Wir haben aber sicherheitshalber noch einen Unbeteiligten um sein Urteil gebeten. Fragt man Carsten Germis, Wirtschaftsredakteur der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, nennt er die „Bild“-Berichterstattung „kompletten Schwachsinn“ und „Leuteverarschung“.

Danke auch an Matthias B.!

Kurz korrigiert (53)

Wir wissen ja nicht, wie Bild.de darauf kommt, dass das, was da in einer Galerie als Sonnenfinsternis verkauft wird, auch tatsächlich eine Sonnenfinsternis darstellt, wie sie „idealerweise aussieht“ (siehe Ausriss). Denn die Sonne scheint bei einer Sonnenfinsternis eigentlich nicht durch den Mond hindurch, weshalb sie also eher so aussieht.

Aber wahrscheinlich ist das gar nicht so wichtig, und es geht bei dem Artikel „Reisen Sie zu den Himmels-Spektakeln 2006″ ohnehin um etwas ganz anderes. Und in der Galerie hauptsächlich um den „hier buchen!“-Link.

Mit Dank an Richard W. und Stephan für den Hinweis

If

Der Chef der IAEO, Mohammed el Baradei, hat der Zeitschrift „Newsweek“ ein Interview zum Konflikt mit dem Iran gegeben, und was er sagt, klingt beunruhigend. „Bild“ zitierte ihn gestern so:

Das Regime unter Präsident Ahmadinedschad sei nur „wenige Monate“ vom Bau einer Atombombe entfernt, warnt der Direktor der Internationalen Atomenergiebehörde el-Baradei.

Nur wenige Monate bis zur iranischen Atombombe — in „Bild“ ist das eine schlichte Tatsache. Interessanterweise unterscheidet sich die Fassung der Nachrichtenagentur dpa von der „Bild“-Version in einem kleinen Detail:

(…) Teheran sei unter Umständen nur noch wenige Monate vom Bau einer Atombombe entfernt.

„Unter Umständen“, was soll das denn heißen? Die Antwort findet sich im Original-Interview in „Newsweek“. El Baradei sagte:

„And if they have the nuclear material and they have a parallel weaponization program along the way, they are really not very far — a few months — from a weapon.“

„If“ bedeutet „falls“ und beschreibt keine Tatsache, sondern eine Möglichkeit. Die „Frankfurter Allgemeine“ übersetzt El Baradeis Satz deshalb so:

„Wenn sie das Atommaterial haben und wenn sie ein paralleles Waffenprogramm unterhalten, dann sind sie wirklich nicht weit — ein paar Monate — von einer Waffe entfernt.“

Das ist immer noch beunruhigend, keine Frage, und doch nicht das, was „Bild“ schrieb.

Danke an Micha L. für den Hinweis!

Nachtrag, 13.15 Uhr: In ihrem heutigen Artikel zum Thema zitiert die „Bild“-Zeitung el Baradei genauer, nämlich inklusive der Formulierung „unter Umständen“.

Allgemein  

Die miesen Geschäfte mit der Angst

Vielleicht erinnert sich ja noch wer an diesen Erfinder, von dem „Bild“ ebenso irrwitziger- wie fälschlicherweise und wider besseres Wissen behauptet hatte, er könne aus toten Katzen Benzin machen. Nein? Macht nix. Denn, was „Bild“ kann, kann die „Bild am Sonntag“ schon lange:**

Vorgestern berichtete die „BamS“ doppelseitig mal wieder über die Vogelgrippe und die „miesen Geschäfte mit der Angst“:

„Es gibt Menschen, die von dieser Angst profitieren wollen“, schrieb die „BamS“ und berichtete von einem „Luftreiniger“ bzw. „Raumluftsterilisator“, vertrieben durch die Pinneberger Firma Kobra Biotechnic. Viroxx heißt das Ding, das (laut „BamS“) „aussieht wie eine rollbare Heizung“ und 4980 Euro kostet. „Schon 250 Geräte haben wir verkauft“, zitierte die „BamS“ den Geschäftsführer der Firma, Uwe Perbandt, im O-Ton…

… und anschließend den Vogelgrippe-Experten Christian Drosten vom renommierten Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin („kopfschüttelnd“):

„Luftreiniger und ähnliches können Sie als Schutz vor Vogelgrippe oder Influenza vergessen, das ist reine Geschäftemacherei.“

Sein Urteil klingt nicht gut. Und fragt man bei Christian Drosten nach, bestätigt er zunächst: Genau so sei es, und genau so habe er es auch der „BamS“ auf Anfrage gesagt. Allerdings sei er vom Leiter der „BamS“-Medizinredaktion, Bernd Schwedhelm, nur pauschal „nach irgendwelchen Geräten zur Luftreinigung gefragt worden“. Vom erwähnten Viroxx-Gerät hingegen sei in dem Telefonat mit Schwedhelm überhaupt keine Rede gewesen. Anderfalls wäre seine Antwort vermutlich anders ausgefallen.

Und so verwundert es auch kaum, dass es nach Erscheinen des „BamS“-Artikels auf der Website der Viroxx-Hersteller heißt, die Darstellung der „Bild am Sonntag“ sei „absolut unzutreffend“:

„Bei VIROXX handelt es sich nicht wie dargestellt, um einen herkömmlichen Luftreiniger, sondern um ein Entkeimungssterilisationsgerät. (…) Auf die Frage der Journalistin, wie viele Geräte die Firma schon hergestellt habe und an wen es vertrieben wurde, lautet die Originalantwort „Es handelt sich um ca. 250 Geräte, die ausschließlich an deutsche Fachkliniken, Arztpraxen und Labore vertrieben wurde.“ (…) Auch wurde den Journalisten deutlich gesagt, das VIROXX für den Einsatz in Wartezimmern und kleineren Operationssäalen gedacht ist (…).* Es ist uns wirklich unverständlich, wie uns Panikmache vorgeworfen wird und unsere Technologie mit ‘Lutschbonbons’ in den Zusammenhang gebracht werden kann.“

(Außerdem heißt es, von dem Gespräch mit der „BamS“ gebe es „einen digitalen Mitschnitt“.)

Und tatsächlich handelt es sich beim Viroxx um ein medizinisches Gerät, das nicht nur TÜV-geprüft und zugelassen ist, sondern dessen Wirksamkeit am Beispiel des SARS Corona-Virus auch von der Universität Marburg zertifiziert wurde (das Gutachten liegt uns vor), weshalb Viroxx-Mann Uwe Perbandt, nachhaltig irritiert, auch nicht versteht, worin sein Geschäft mit der Angst bestehen soll.*

Perbandt berichtet uns außerdem, es habe die niedersächsische Landesregierung (deren Ministerpräsident Christian Wulff den Viroxx-Fabrikanten Bioclimatic noch im Juli 2005 besucht und als innovatives Unternehmen gelobt hatte) nach der offensichtlich grob verfälschenden „BamS“-Veröffentlichung ihre Unterstützung zugesagt. Zudem habe sich der in der „BamS“ zitierte Virologe Drosten bei ihm bereits netterweise schriftlich für sein von der „BamS“ so sinnentstellend verwendetes Statement entschuldigt. Sogar ein Mitarbeiter aus dem Hause „Bild“ habe ihn für die (nach Perbandts Einschätzung) schon jetzt geschäftsschädigende Berichterstattung um Entschuldigung gebeten.

Stattdessen aber, so Perbandt, habe er die Angelegenheit dann doch lieber seinen Anwälten übergeben.

Mit Dank an Daniel S. für den Hinweis.

*) Nachtrag, 15:45:
Tatsächlich bewirbt die Firma Kobra Biotechnic das Viroxx-Gerät auch für den privaten Gebrauch. Den Beweis, dass es sich dafür nicht eigne, bleibt die „BamS“ jedoch schuldig.

**) Nachtrag, 19:10:
Wir haben den Vorspann nach Veröffentlichung aufgrund neuer Erkenntnisse gestrichen, da der Vergleich uns nicht mehr angemessen erschien.

Zur Klarstellung:
Wir wissen nicht, unter welchen Bedingungen das Viroxx-Gerät sinnvoll ist. Die Antwort auf diese Fragen müssen wir Vogelgrippe- oder Virologenblogs überlassen. Wir sind das BILDblog, unser Thema ist die Berichterstattung von „Bild“, „BamS“ und Bild.de.

Es mag sein, dass die aktuelle Viroxx-Werbung, die das Gerät auch für den Einsatz jenseits von öffentlichen Orten wie Arztpraxen oder Flughäfen empfiehlt, zweifelhaft ist. Ganz sicher aber ist die „Bild am Sonntag“-Berichterstattung zweifelhaft. Als ein Beweis für ein angebliches „mieses Geschäft“ mit der Vogelgrippe zitiert die „BamS“ einen Experten, der allerdings gar nicht wusste, dass er sich zu Viroxx äußert. Der Eindruck, den die „BamS“ erweckt, es handele sich bei dem Gerät um eine Art wirkungslose Attrappe, ist nach unseren Recherchen falsch.

Wir begrüßen es ausdrücklich, wenn die „Bild am Sonntag“ nach vielen Artikeln der „Bild“-Zeitung, die Panik vor der Vogelgrippe verbreiteten, einen Artikel gegen die Panikmache veröffentlicht. Aber auch bei diesem hehren Ziel muss die „BamS“ nach unserer Überzeugung journalistische Standards einhalten.

J.

Angela M. (51)?
Joschka F. (57)?
Boris B. (38)?
Hugo M.-V. (58)?

Nein, irgendeinen Sinn wird es schon haben, dass „Bild“ nicht jeden Namen, den sie in die Zeitung druckt, abkürzt. Schließlich ist so eine Abkürzung ein halbwegs probates Mittel zur Anonymisierung von Personen (meist Privatpersonen) zum Schutz vor unangemessen viel Öffentlichkeit — auch, wenn das im Hause „Bild“ nicht immer anstandslos gelingt.

Im Fall der Schülerin „Jacqueline K. (17)“ allerdings, die ihren Lehrer offenbar wüst beschimpft hatte und dafür nun von einem Gericht zu 30 Stunden gemeinnütziger Arbeit in einem Altenheim „verdonnert“ wurde, hat „Bild“ sich die Mühe gemacht und Jacquelines Nachnamen verschwiegen. Auch Jaquelines Lehrer heißt in „Bild“ nur „Lehrer Achim J. (45)“, „Klassenlehrer Achim J. (45)“, „Herr J.“ oder „beleidigter Pauker“ — außer in der von „Bild“ am Samstag dokumentierten „Anklageschrift“. Dort nämlich wurden zwar der Nachname der Schülerin, ihr Wohnort und der Nachname ihrer gesetzlichen Vertreter unkenntlich gemacht, der Nachname des „beleidigten Paukers“ allerdings steht gut lesbar und unverfremdet dort…

PS: Auch bei Bild.de gab es noch bis gestern Nacht ein Faksimile der Anklageschrift „zum Großklicken“ (siehe Ausriss). Nachdem wir die Bild.de-Redaktion auf die Tatsache der unterlassenen Verfremdung des Lehrernamens aufmerksam gemacht hatten, bekamen wir zwar keine Antwort, der „Zum Großklicken“-Link ist jedoch mittlerweile aus dem Bild.de-Text entfernt.

Mit Dank für die zahlreichen Hinweisgeber.

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