Zu viele Nullen bei „Bild“

Man könnte meinen, zweieinhalbtausend Verkehrstote in einem halben Jahr auf Deutschlands Straßen wären zu viel. Außer vielleicht für „Bild“. Dort heißt es heute nämlich auf der Titelseite:

"Mehr Verkehrstote -- Wiesbaden. Im ersten Halbjahr dieses Jahres starben auf Deutschlands Straßen 20 477 Menschen -- 7,7% mehr als im gleichen Vorjahreszeitraum (Stat. Bundesamt)."

Ist die so genannte „Zeitung mit den großen Buchstaben“ etwa auch die mit den großen Zahlen, der Verkehrstotenfehler womöglich nur die Spitze des Eisbergs?

Apropos Eisberg: Ein Reuters-Video zu einer Protestaktion auf dem Aletschgletscher kündigt Bild.de seit Tagen an wie folgt:

"Nackt auf dem Gletscher -- 6000 Menschen protestieren so gegen den Klimawandel"
Und jetzt raten Sie mal, wieviele es wirklich waren.

Mit Dank an Dietmar S. und andere für die Hinweise.

Nachtrag, 24.8.2007: „Bild“ hat den Verkehrstotenfehler heute in der „Korrekturspalte“ berichtigt, Bild.de die falsche Nacktenzahl bislang noch nicht.

Nachtrag, 17.50 Uhr: Na, jetzt hat auch Bild.de die Zahl korrigiert.

6 vor 9

Vice-Magazin strickt sich grüne Mitglieder
(julia-seeliger.de)
Die Bundesgeschäftsstelle der GRÜNEN JUGEND kann der journalistischen Forderung nach einer bestimmten Hosengrösse nicht nachkommen. Darum nimmt das Vice Magazin ein Model von der Strasse.

Blocher und die Medien – Wir sind auch das Volk
(woz.ch, Susan Boos)
Ein Bundesrat, der alles einreissen will, was eine Demokratie ausmacht. Und eine Presse, die immer wieder gezwungen ist, über ihn zu berichten.

Good News: Ich muss nicht in den Knast
(planethop.blogspot.com, Ivo Bozic)
Ich weiß nicht, wie es Euch geht, aber das Leben ist ja manchmal arg pfui. Schön also, wenn es auch mal richtig gute Nachrichten gibt. Vor allem, wenn es um 250.000 Euro geht, da will man doch lieber gewinnen als verlieren, vor Gericht, meine ich. Und das ist mir und der Jungle World vor ein paar Wochen gelungen.

“Emmas“ Töchter
(tagesspiegel.de, Dörthe Nath)
Sport, Computer, Porno: Frauenmagazine entdecken Männer-Themen.

Was sollen die Öffentlich-Rechtlichen Im Internet?
(perlentaucher.de, Robin Meyer-Lucht)
Pro & Contra einer Ausweitung des öffentlich-rechtlichen Internet-Engagements.

Weitere Pendlerzeitung in den Startlöchern
(medienspiegel.ch, der unmündige Leser)
Im Zuge der letztwöchigen Ankündigung von Baz und Tamedia, gemeinsam eine neue Gratiszeitung zu planen und gegen das ebenso neue Gratisblatt «.ch» von Sacha Wigdorovits positionieren zu wollen, soll an dieser Stelle ein lange gehütetes Geheimnis gelüftet werden: Meine Damen und Herren, auch ich bringe eine neue Gratiszeitung auf den Markt.

In eigener Sache

Wie der „Stern“ vorab berichtet, werben Anke Engelke und Christoph Maria Herbst in einem Fernsehspot, der ab morgen zunächst auf MTV, Viva und Comedy Central zu sehen sein wird, für BILDblog. Wir können das nur bestätigen.

Und Bilder von den Dreharbeiten zeigen.

6 vor 9

Natascha Kampusch – 1 Jahr danach
(youtube.com, Video, 9:39 Minuten)
Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5. Die Sendung, über die zurzeit überall zu lesen ist und die der ORF offenbar nicht online stellen mochte, ist in voller Länge bei YouTube zu sehen.

„Sie ist ungeheuer schlagfertig“
(sueddeutsche.de, Beate Wild)
Er beschäftigt sich mit Natascha Kampusch seit Jahren: Der ORF-Journalist Christoph Feurstein. Ein Jahr nach ihrer Flucht aus ihrer Gefangenschaft hat er sie wieder getroffen.

Account löschen? Nicht im Web 2.0.
(blogh.de)
Wer schon mal versucht hat, sein Profil oder sein Account auf einer Community-Plattform zu löschen, wird sein blaues Wunder erleben. Meist ist die Option gut versteckt, im schlimmsten Fall darf man per Mail auf die Gnade des Support-Teams hoffen. Selbst Wikipedia ist da keine Ausnahme.

Schummeln einfach gemacht
(klartext.ch, Cyrill Pinto)
Das Bundesamt für Kommunikation wirft fünf privaten TV-Stationen vor, zu viel Gebührengelder bezogen zu haben. Zu den Schummlern zählt die Aufsichtsbehörde auch Hanspeter Lebruments Tele Südostschweiz und Filippo Lombardis Tele Ticino.

Obama und seine Freunde
(zuender.zeit.de, Frauke Schnoor)
Kein anderer Kandidat in der US-Präsidentschaftswahl ist so online wie Barack Obama. In Social Networks jagt er die amerikanischen Jungwähler. Myspace, Facebook und Co. stehen ihm ganz gut, findet Frauke Schnoor.

Dafür bezahlt man Gebühren
(youtube.com, Video, 0:39 Minuten)
muecke92: „is irgendwie nich witzig…“

Jetzt XVII

Manche Nachrichten müssen zur „Bild“-Meldung erst reifen.

Vor knapp einem Jahr, am 27. August 2006, berichtete die „Welt am Sonntag“, der Fotograf Mario Testino habe ein Haus in Berlin gekauft:

Star-Fotograf Mario Testino lebt für den Moment. Darum liebt er auch Berlin: "Die Narben, die Menschen, die Szenen auf der Straße". Nun hat sich der Peruaner, der in London lebt, seinen langen Traum von einem eigenen Haus in der Hauptstadt erfüllt: eine alte Villa, wie ein venezianischer Palast mit Riesenballsaal, um die 3000 Quadratmeter Wohnfläche, im Fischerinsel-Kiez, direkt an der Spree.

Am Tag darauf, dem 28. August 2006, freute sich die Boulevardzeitung „B.Z.“:

Testino jetzt Berliner — Willkommen in Berlin, Mario Testino (62)! Im Fischerinsel-Kiez hat sich der Star-Fotograf eine palast-ähnliche Villa gekauft (3000 Quadratmeter Wohnfläche direkt an der Spree).

Am 31. August 2006 schloss sich ein Blog des Schweizer Magazins „Cash“ an:

Die Deutsche Hauptstadt hat einen prominenten Neubürger: Starfotograf Mario Testino (…). Der gebürtige Peruaner kaufte sich eine alte Villa mit — man höre und staune und halte sich fest — 3000 Quadratmetern Wohnfläche und Spreeblick an der Fischerinsel. Sein Hauptwohnsitz bleibe aber London, bestätigte Testino, künftiger Besitzer eines Ballsaals im venezianischen Stil. Was Testino an Berlin reizt: „Die Narben und die Szenen auf der Strasse“.

Dann passierte lange, lange nichts. Außer, dass einige Medien in Nebensätzen erwähnten, dass Testino bekanntlich nun auch ein Haus in Berlin habe. Und dass unsichtbare „Bild“-Mitarbeiter im Hintergrund sicher immer wieder prüften, ob die Geschichte schon gut war für ihre Zeitung. Gestern, ein knappes Jahr später, war es endlich soweit:

Der letzte Fotograf von Lady Di wird Berliner. ... Jetzt hat der gebürtige Peruaner, der in London lebt, eine besondere Inspirationsquelle entdeckt: die deutsche Hauptstadt. Warum? "Die Narben, die Menschen, die Szenen auf der Straße", so Testino. Im Fischerinsel-Kiez direkt an der Spree hat er sich eine alte Villa gekauft. Vielmehr einen venezianischen Palast, rund 3000 Quadratmeter groß, mit riesigem Ballsaal

Der „Bild“-Artikel beginnt mit den Worten:

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, dass DER Starfotograf nach Berlin zieht (…).

Danke an Daniel B. für den Hinweis!

Hausbesuch beim Schießbefehl

„Bild“ hat in einem Berliner Hochhaus an einer Wohnungstür geklingelt, woraufhin jemand „in Unterhemd und Jogginghose“ öffnete. Aber nachdem er erfahren hatte, was „Bild“ von ihm wollte, „schlug er die Tür zu“. Mit anderen Worten:

"BILD fand den Mann, der den Schießbefehl gab"
Überschrift und dazugehöriger Artikel sind aber in doppelter Hinsicht grob irreführend:

1.) Die Formulierung „BILD fand“ bedeutet nicht etwa, dass „Bild“ recherchiert und herausgefunden hätte, wer (wie „Bild“ es formuliert) „den Schießbefehl gab“. Sein Name stand schließlich unter dem Schießbefehl, seine Identität war bekannt* — und „BILD fand“ bedeutet deshalb tatsächlich bloß, dass „Bild“ seine Adresse ausfindig gemacht und an seiner Wohnungstür geklingelt hat.

2.) Die Formulierung „den Mann, der den Schießbefehl gab“ hingegen bedeutet nicht etwa, dass der von „Bild“ groß (und identifizierbar) abgebildete Mann für den DDR-Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze verantwortlich gewesen wäre. Auch, wenn „Bild“ diesen Eindruck dadurch zu festigen versteht, dass es im Artikel heißt:

Seit dem Aktenfund in der Magdeburger Außenstelle der Birthler-Behörde ist bewiesen: Der DDR-Schießbefehl an der innerdeutschen Grenze existierte wirklich! Jetzt ist auch klar, wer den Schießbefehl gab. Der ehemalige Hauptmann und spätere Major Wolfgang Singer (66). Das geht aus einem zweiten Dokument hervor, das in der Chemnitzer Birthler-Behörde entdeckt wurde. (…) Er ordnete 1974 an, dass an der Grenze auch auf Frauen und Kinder geschossen wird. Den Schießbefehl unterzeichnete er mit seinem Namen.

Der Schießbefehl-Hype

Am vorvergangenen Samstag veröffentlichte die Magdeburger „Volkstimme“ einen Aktenfund der Birthler-Behörde, der folgende Formulierung enthielt: „Zögern Sie nicht mit der Anwendung der Schußwaffe, auch dann nicht, wenn die Grenzdurchbrüche mit Frauen und Kindern erfolgen (…).“

Der Fund wurde zunächst von Behörde und Presse für aufsehenerregend gehalten, obwohl ein sehr ähnliches Dokument offenbar bereits seit vielen Jahren bekannt und veröffentlich worden war. (Das erwähnte auch „Bild“, ließ sich dadurch aber nicht davon abbringen, das „Dokument der abgrundtiefen Schande“ auszuschlachten.) Ein weiteres Exemplar hängt anscheinend seit vielen Jahren im Info-Zentrum der Birthler-Behörde. Inzwischen hat man den Eindruck, es gebe fast täglich neue solcher Funde aus der Behörde und darüber hinaus vermutlich zahllose bislang unentdeckte.

Nun ja… Wie uns die Sprecherin der Birthler-Behörde, Ilona Schäkel, bestätigt, gibt es bisher mindestens fünf Funde, die eine ausdrückliche „Schießbefehl“-Formulierung enthalten (siehe Kasten). Die Dokumente seien jedoch teilweise „von unterschiedlichen Kompaniechefs unterzeichnet“. Bislang gibt es laut Schäkel mindestens zwei verschiedene Namen unter den „Schießbefehlen“. Zudem gilt als unwahrscheinlich, dass damals Kompaniechefs wie der „ehemalige Hauptmann und spätere Major“ aus „Bild“ ausdrückliche (und identisch formulierte) Schießbefehle wie den jetzt gefundenen eigenmächtig und ohne entsprechende Order erteilt haben sollten. („Bild“ selbst schrieb noch vor einer Woche über ein weiteres, nicht unterzeichnetes „Schießbefehl“-Dokument: „Nach BILD-Informationen soll es von Generalleutnant Karl Kleinjung († 2003) stammen, Chef der Hauptabteilung I des Stasi-Ministeriums.“) Und es gibt Mitarbeiter der Birthler-Behörde, die ohnehin davon ausgehen, dass in den Akten noch „hunderte solcher Befehle“ lagern.

Kurzum: „Bild“ fand offensichtlich nicht „den Mann, der den Schießbefehl gab“, sondern einen der Männer, die einen Einsatzbefehl unterzeichneten, der einen Schießbefehl enthielt. Als er „Bild“ die Wohnungstür öffnete, trug er Unterhemd und Jogginghose.

*) „Bild“ selbst schrieb am Samstag, dass der Mann, den „BILD fand“, schon mal „im Blickpunkt der Öffentlichkeit“ stand. Er musste sich 2003 vor Gericht als Kommandant eines Stasi-Spezialkommandos für einen Einsatz verantworten, bei dem Michael Gartenschläger erschossen wurde. Aus der Zeit des Gerichts-Prozesses stammt auch das Foto, das „Bild“ zeigt.

Nachtrag, 22.8.2007: Die Sprecherin der Bithler-Behörde bittet um Korrektur: Die uns gegebene Auskunft, die bislang gefundenen „Schießbefehle“ seien teilweise „von unterschiedlichen Kompaniechefs unterzeichnet“ worden, sei falsch. Es gebe, anders als die Behördensprecherin uns zunächst gesagt habe, nicht mindestens zwei verschiedene Namen unter den „Schießbefehlen“. Vielmehr seien „bisher nur Dokumente ohne Unterschrift des Kompaniechefs oder mit der Unterschrift von Kompaniechef Wolfgang Singer“ gefunden worden. Schäkel bedauerte ihren Irrtum. Richtig bleibe jedoch dennoch die Annahme der Behörde, dass dieser Kompaniechef den „Schießbefehl“ nicht eigenmächtig und ohne entsprechende Order erteilt haben dürfte — und insofern nicht der Mann sei, der den „DDR-Schießbefehl“ gab. Und für Thomas Auerbach, den Leiter der Birthler-Außenstelle Schwerin (wo ebenfalls ein „Schießbefehl“ gefunden wurde) ist der Eindruck, den die „Bild“-Zeitung mit ihrer Berichterstattung erweckt, für den Nicht-Laien geradezu lachhaft: Natürlich sei so ein Auftrag „von oben abgesichert“, so Auerbach auf Nachfrage von uns, ein Hauptmann oder Kompaniechef „saugt sich sowas nicht aus den Fingern“.

6 vor 9

„Internet bedroht Tageszeitungen“
(futurezone.orf.at)
Eine aktuelle Harvard-Studie (pdf-Datei, 157kb) zeigt, wer die Verlierer der Informationsrevolution sind. Vor allem mittlere bis kleine Tageszeitungen – unterkapitalisiert und im Internet schlecht aufgestellt – sind betroffen. Der britische Finanzinvestor Mecom kauft europaweit gerade ein Cross-Media-Imperium zusammen.

Rote Fabrik provoziert mit Nazi-Symbolen
(tagesanzeiger.ch, Isabelle Bamert und Edgar Schuler)
Ein Plakat für eine Ausstellung in der Roten Fabrik vermischt Nazi-Symbole mit den Logos von SVP und «Weltwoche». Die Urheber des Plakats wollen noch anonym bleiben.

„Irgendwann platzt die Blase“
(spiegel.de, Isabell Hülsen und Thomas Schulz)
Der frühere Sat.1-Chef Roger Schawinski über die akuten Probleme des Senders, „Heuschrecken“ im TV-Geschäft und seine missglückten Versuche, mit Qualität Zuschauer anzulocken.

Kostenloser Hochglanz
(sueddeutsche.de, Viola Schenz)
Es soll weder um nackte Frauen, noch um anzügliche Witze, noch um Geld gehen – die Frage ist, wovon Großbritanniens neues Männermagazin leben will. Kosten soll es jedenfalls nichts.

Keine Gnade für Natascha Kampusch
(zeit.de, Joachim Riedl)
Über die heute 19jährige, die am 23. August des vergangenen Jahres nach achtjähriger Gefangenschaft ihrem Kellerverlies entkommen konnte, bricht jetzt erneut rücksichtsloser Medienrummel herein.

Stelleninserate 1985: Alles noch Deutsch
(blog.jacomet.ch)

Scheinheiligenscheinkontrolle!

Der australische Oppositionsführer Kevin Rudd, der als konservativer Christ gilt, ist in die Defensive geraten, weil er vor vier Jahren einen Strip-Club in New York besucht hat. Die „Bild“-Zeitung macht ihn deshalb zum „Verlierer“ des Tages und urteilt:

Geschmacklos!

Das harsche Urteil der „Bild“-Redaktion wirkt noch eindrucksvoller, wenn man es im redaktionellen Kontext auf sich wirken lässt:

Apropos „geschmacklos“. Über die Dame, die das dieswöchige halbnackte „Montags-Mädchen“ darstellt, hat „Bild“ groß geschrieben:

Claudia (20) fühlt sich im Keller wohl

Wenige Zentimeter entfernt steht der „TV-Tipp“ des Tages:

Extra Spezial: Natascha Kampusch — Mein neues Leben!

Mit Dank an Spießer Alfons!

Vom Nutzen der Homestory für die Demokratie

In einem Beitrag für das Jahrbuch 2007 des Deutschen Presserates schreibt „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann unter dem Titel „Boulevard und Persönlichkeitsrechte — wie weit darf die Neugierde gehen?“ unter anderem über einen Fall wie den von Horst Seehofer:

Wenn ein Minister der Partei für freie Liebe ein außereheliches Verhältnis hat, liegt das im Rahmen des Programm- wie Lebensentwurfs, ist stimmig und allein seine Angelegenheit; wenn der Minister allerdings einer Partei angehört, die sich ausdrücklich zum christlichen Familienbild bekennt, ist die Verletzung eines Sakraments von ganz anderer Qualität, wenn auch allein nicht notwendig ausreichend, um die Publizierung zu rechtfertigen.

Kommt jedoch hinzu, dass jener Politiker sein vordem mustergültiges Eheleben zu Wahlen plakatiert, das weniger dauerhafte Familienglück der politischen Gegner als Ausweis charakterlicher Defizite bespöttelt, darf schon aus Gründen der Waffengleichheit die öffentliche Neugier sehr weit gehen1) — zumal wenn sich der Minister um den Vorsitz eben jener christlichen Partei bewirbt.2)

Die entgegengesetzte Ansicht, wonach Privatangelegenheiten grundsätzlich nichts in den Medien zu suchen hätten, muss die Frage beantworten, ob nicht gerade dieser Weg zu einer Verfälschung des Wählerwillens führt, wenn dem Wähler die Integrität des Kandidaten wichtiger ist als irgendein Parteiprogramm. Dass Voten auf der Grundlage charakterlicher Profile darüber hinaus weitaus lebensklüger sind als nach programmatischen Vorgaben, ist zudem offensichtlich. (…) Auch dies ist ein Grund, nicht allzu hochmütig auf Homestories3) und Familienportraits herabzublicken, die Aufschluss über den wahren persönlichen Wertekanon geben. Für das Votum des Wählers, dessen souveräne Entscheidung auch hinsichtlich seiner Informationsquellen ohne Dünkel geachtet werden sollte, ist dieses Genre der Berichterstattung vermutlich wichtiger als politische Analysen.

______________

Anmerkungen von uns:

1) Erstaunlicherweise nannte die „Bild“-Zeitung die Enthüllungen über Seehofers Privatleben, die nach Ansicht des Chefredakteurs geradezu staatsbürgerliche Pflicht waren, zunächst „schmutzig“:
Machtkampf in der CSU wird schmutzig

2) Notfalls finden sich aber offenbar auch andere Vorwände Gründe, um über das Privatleben von Politikern zu berichten. So berichtete SPD-Politiker verschweigt Babydie „Bild am Sonntag“, deren Herausgeber Diekmann ist, am 12. August in großer Aufmachung darüber, dass ein führender SPD-Politiker von seiner Frau getrennt lebe und die Scheidung laufe; mit einer anderen Frau habe er vor einigen Monaten ein Kind bekommen. Der „BamS“-Artikel rechtfertigte die Veröffentlichung damit, dass auf der offiziellen Homepage des Bundestages nicht die richtige Zahl der Kinder des Politikers angegeben gewesen sei.

3) Ob damit Diekmanns frühere Selbstverpflichtung hinfällig ist, vor dem Hintergrund des sogenannten Caroline-Urteils in Zukunft auf Homestorys über Politiker zu verzichten, um sich nicht den Vorwurf der „Hofberichterstattung“ auszusetzen, wissen wir nicht.

Polizei findet „Bild“-Bericht grenzwertig

Es ist nicht das erste Mal, dass „Bild“, nachdem jemand von der Polizei mit einem Fahndungsfoto gesucht und gefunden worden war, anschließend ein großes, identifizierbares Foto des mutmaßlichen Täters zeigte.

Auch der Presserat hatte sich noch im Juni mit einem ähnlichen Fall (damals zeigte „Bild“, wie berichtet, das Foto einer jungen Frau) befasst — und, wie berichtet, die „Bild“-Veröffentlichung missbilligt, da „kein öffentliches Interesse“ zu erkennen sei, „das die Persönlichkeitsrechte der Frau überlagert hätte“. Daran habe auch die Tatsache nichts geändert, dass nach der Betroffenen mit Hilfe einer Kameraaufnahme gefahndet wurde:

Mit dem Auffinden der jungen Frau erlosch jedenfalls das Fahndungsinteresse der Polizei (…). Danach hätte die Zeitung auf eine erkennbare Darstellung der Betroffenen verzichten müssen.

Wie wenig diese Missbilligung die „Bild“-Zeitung beeindruckt hat, zeigt ein aktueller Fall:

Es geht dabei um einen Mann, der von der Polizei Bremen wegen „schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes“ gesucht und am vergangenen Mittwoch festgenommen wurde. Laut Polizei konnten zwar weitere mutmaßliche Opfer „noch nicht namentlich ermittelt“ werden, doch sei der Mann, „ein 38-jähriger Lehrer aus Cuxhaven“, inzwischen teilweise geständig, der Fall „aufgeklärt“.

Die Bremer „Bild“-Zeitung, die zuvor auch den Fahndungsaufruf verbreitet hatte, nahm die nun erfolgte Festnahme am Samtag zum Anlass für einen neuen, großen Artikel — und nannte darin nicht nur den (abgekürzten) Namen und Details zum Familienstand, sondern auch den Namen der Schule, an der er unterrichtet. Dominiert wird der Artikel jedoch (siehe Ausriss) vom einem großen Foto, das „Bild“, wie uns die Schule mitteilt, unerlaubterweise von deren Homepage hat und das „Bild“ ohne jegliche Unkenntlichmachung zeigt.

Ein Sprecher der Polizei Bremen betonte auf Anfrage von uns, dass das Foto „kein Fahndungsfoto“ und auch „nicht von der Polizei herausgegeben“ wurde. Obwohl nicht auszuschließen sei, dass der „Bild“-Bericht bei der Suche nach den Opfern behilflich sein könnte, hält die Polizei die Veröffentlichung des Fotos mit Hinweis auf die Persönlichkeitsrechte des mutmaßlichen Täters für „sehr grenzwertig“.

Mit Dank an Christopher und andere für den Hinweis.

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