Kurz korrigiert (102)

Bild.de schreibt über die aktuelle Charts-Platzierung des deutschen Beitrags für den Eurovision Song Contest:

„Und schon gibt es den ersten Eintrag in die Geschichtsbücher der Hitparade. Noch nie stand ein deutscher Grand-Prix-Beitrag vor der internationalen Endrunde an der Spitze der deutschen Charts!“
(Hervorhebung von uns.)

Und weil Bild.de das offenbar bemerkenswert findet, steht’s als „Grand-Prix-Rekord“ sogar in Überschrift und Teaser. Doch auch, wenn man das bei „Bild“ vielleicht nicht wahrhaben will: Die „Texas Lightning“-Platzierung ist kein „Grand-Prix-Rekord“. Im Frühjahr 2004 schon stand Max Mutzke mit seinem Beitrag „Can’t wait until tonight“ an der Spitze der deutschen Charts: vom 22. März bis 11. April 2004 (KW 13 bis 15) und damit ebenfalls „vor der internationalen Endrunde“ am 15. Mai 2004 — sogar von Null auf Platz 1.

Mit Dank an Peter K. für den Hinweis.

Nachtrag, 20.35 Uhr: Zurückzuführen ist der Bild.de-Fehler vermutlich auf eine (gelinde gesagt) irreführende Formulierung in einer Pressemitteilung des NDR eine Woche vor dem Finale. Dort heißt es nämlich: „Damit geht beim Eurovision Song Contest zum ersten Mal ein Titel für Deutschland ins Rennen, der hierzulande an der Spitze steht.“

Finder erfunden

"Nachts in Mitte fand dieser Fußballer die Leiche. Es ist eine gefesselte Frau!"

Es ist 21.40 Uhr als Hobby-Fußballer S.* (29, VFB Friedrichshain) vor einem aufgeschütteten, vier Meter hohen und 10 mal 10 Meter breiten Erdhaufen stehen bleibt. Er ist auf dem Weg nach Hause, aber was er dort im Mondlicht sieht, irritiert ihn. „Erst dachte ich, es sei eine Puppe, dann sah ich eine Hand und einen Schädel.“ Zehn Minuten später sperren Polizeibeamte den Fundort ab (…)

Der Absatz aus der heutigen „Bild“ (Berlin-Brandenburg) und die ganze Aufmachung der Seite (siehe Ausriss oben) erwecken den Eindruck, der junge Mann habe gestern in einem Berliner Park einen mumifizierten Leichnam entdeckt und die Polizei gerufen. Ein Eindruck, der in der Bildunterschrift noch verstärkt wird:

S. (29) fand die Frauen-Leiche im Monbijoupark in Mitte.

Es stimmt trotzdem nicht. Gefunden hat die Leiche eine „35-jährige Frau“, wie die Polizei mitteilte. Oder, noch genauer, deren Hund „Fritz“, wie beispielsweise die „Berliner Zeitung“, die „Berliner Morgenpost“ und der „Berliner Kurier“ zu berichten wissen. Und es ist auch kein Wunder, dass die Polizei in der „Bild“-Geschichte so schnell anrückte: Die Frau fand die Leiche schon „gegen 21 Uhr 25″. Der junge Mann war offenbar erst von der Frau auf den Fund aufmerksam gemacht worden und hatte dann gemeinsam mit ihr die Polizei gerufen.

*) Anonymisierung von uns.

„Bild“ verhöhnt österreichischen Finanzminister (3)

Unter der Überschrift „Aaaaaah! Grasser gegen Bild – das Medienrecht ist zahnlos“ berichtet heute auch die „Zeit“ über die Paparazzi-Fotos vom österreichischen Finanzminister Karl-Heinz Grasser und seiner Gattin Fiona, die „Bild“, wie berichtet, am vergangenen Freitag (teilweise verpixelt) abgedruckt hatte und gegen deren Veröffentlichung Grasser juristisch vorgeht.

Eine „Bild“-Sprecherin hatte ja bereits versucht, die Veröffentlichung damit zu rechtfertigen, dass Grasser und seine Frau „ganz klar als Society-Paar“ aufträten, „bereits seit geraumer Zeit die Spalten der Yellow-Presse“ füllten. Die Berichterstattung stünde deshalb „auch auf einer anderen Basis“ als etwa der von „Bild“ scharf kritisierte Abdruck vergleichbarer Fotos von Angela Merkel in anderen Medien. Die „Zeit“ zitiert nun nicht nur aus dem suggestiven „Bild“-Text („Hier sucht die Kristallerbin die Kronjuwelen des Finanzministers. Da liegt ER! Und genießt. Ihr Verwöhnprogramm. Ihre Küsse. Ihre Liebkosungen. Herzen, busseln, tasten, suchen. Nach Kronjuwelen? Mozartkugeln? Aaaaaah! (…) Fiona (…) und ihr Minister arbeiten nach einer Fehlgeburt an einem Baby. Kleiner Tipp, verehrte Liebende: DAS geht irgendwie anders.“), sondern auch den stellvertretenden „Bild“-Chefredakteur Alfred Draxler mit den rätselhaften Worten:

„Wir haben ja nicht behauptet, dass der Sex vollzogen wurde.“

Weiter heißt es in der „Zeit“:

„Das Foto sei im Übrigen gar nicht von Bild-Reportern geknipst worden, sondern von italienischen Paparazzi. Als britische Boulevard-Kollegen ein Foto mit nacktem Po der deutschen Kanzlerin Angela Merkel druckten, schäumte Bild und schwor Rache. Der Fall des österreichischen Finanzministers liege hingegen anders, beteuert nun Draxler. Der zähle halt zum ‚Jetset'“.

Aha.

Noch ‚ne Torte (Wiedervorlage)

Da hatte der Zuckerbäcker von Bild.de vor einem Monat so ein schönes Tortendiagramm gebacken, und uns wollte es trotzdem nicht so recht schmecken. Kein Wunder eigentlich. Doch nachdem wir uns öffentlich über den Pfusch beschwert hatten, wurde die Tortengrafik nicht etwa entsorgt, sondern — husch-husch — umdekoriert und erneut in die Auslage gestellt. Enttäuscht haben wir den Bild.de-Backshop seitdem gemieden und erst jetzt, als wir geschäftlich mal wieder in der Gegend waren, festgestellt, dass der Konditor offenbar eine neue Torte gebacken und sie stickum gegen das ungenießbare Teil ausgetauscht hat.

Schön sieht sie aus, die neue. Pfusch ist es trotzdem: Aus einem 20-Prozent-Anteil sind nun „18 %“ geworden (siehe Ausriss) — so dass die Umfrageergebnisse in der aktuellen Fassung nicht mehr nur falsch dargestellt, sondern auch erstmalig falsch sind.

Mit Dank an Sine W. für den Hinweis.

Nachtrag, 18.6.2006: Um’s mit unserem Leser Frederik B. zu sagen: Offenbar haben sie’s gebacken gekriegt.

Wir basteln uns eine Florida-Bärbel

Gestern berichtete „Bild“ über eine Frau, die in einem ziemlich großen Haus wohnt:

„Bild“ schreibt:

Sie führt dreist ein Leben im Luxus auf Steuerzahlerkosten — und findet überhaupt nichts dabei …

Hartz-IV-Empfängerin Bärbel P. (52) residiert sorglos in einer 500-Quadratmeter-Traumvilla in Laer (NRW). Das kann sie sich leisten, denn das Amt überweist jeden Monat pünktlich die Miete!

Wir wissen zwar nicht, wie „sorglos“ es sich mit 345 Euro im Monat (das ist der Regelsatz für das ALG II) „residiert“, aber zumindest soviel stimmt an dem „Bild“-Text: Bärbel P. ist Hartz-IV-Empfängerin und das Amt überweist pünktlich Miete, wie uns die zuständige Kreis-Sprecherin Kirsten Weßling bestätigt.

Bärbel P. erhält laut Weßling genau das, was ihr zusteht: „Sie bekommt das Geld für die ortsübliche Miete von 45 Quadratmetern Wohnraum und einen entsprechenden Heizkostenzuschuss.“ Hinzu kämen noch Zuschüsse für zwei weitere Personen, die im Haushalt leben.

Über die genauen Zahlen wollte Weßling aus nachvollziehbaren Gründen weder „Bild“ noch uns gegenüber Auskunft geben. Aber es erscheint nicht unrealistisch, wenn der Vermieter „Bild“ sagt, er bekomme vom Kreis 470 Euro für Bärbel P. sowie 260 und 160*165 Euro für Bärbel P.s Tochter und deren Freund, die ebenfalls in dem Haus wohnen. Insgesamt also nur 895 Euro, obwohl die Miete laut „Bild“ eigentlich 1200 Euro beträgt.

Spätestens hier hätte „Bild“ klar sein müssen, dass das eigentlich gar keine Hartz-IV-Geschichte ist. Denn der „Staat zahlt“ zwar, aber offenbar nicht die komplette Miete der „500-Quadratmeter-Traumvilla“, sondern lediglich für angemessenen Wohnraum — ganz so wie Hartz IV es vorsieht.

Da kann „Bild“ noch so oft „auf Steuerzahlerkosten“ und „auf Staatskosten“ schreiben, dreist sind die „dreisten Mieter“ offenbar nur insofern, als sie (bzw. das Amt) zu wenig Miete zahlen. Nur haben das wohl weder „Bild“ noch der Vermieter verstanden, wie folgendes Zitat am Ende zeigt:

„Eigentlich müßte ich ja froh sein, daß jetzt wenigstens vom Staat Geld kommt. Aber es ist eine Frechheit, daß ehrliche Steuerzahler geschröpft werden. Und solche Leute auf Kosten der Allgemeinheit in Saus und Braus leben. Bei Gericht sagte man mir, eine Räumungsklage dauert anderthalb Jahre …“

Klar, und bei „Bild“ macht man einfach kurzen Prozess.

Mit Dank an Tobias M. für den sachdienlichen Hinweis.

*) Wir hatten uns ursprünglich vertippt. Sorry.

Manchmal steht unter einer Überschrift noch Text

Heute nimmt sich „Bild“ Volker Kauder vor, den Chef der Unionsfraktion im Bundestag. Der will angeblich „den Deutschen tiefer in die Tasche greifen (…) als je ein Politiker zuvor“, weshalb „Bild“ ihn „Schauder-Kauder“ nennt. Der Mann sei für Gesundheits-Soli, Maut und Politiker-Luxus-Pensionen, empört sich „Bild“ und beendet den Artikel lapidar wie folgt:

„Alle Deutschen haben das Recht, vom Stuhl zu fallen“, überschrieb dieser Tage die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ einen Bericht über den CDU/CSU-Fraktionschef.

Und jetzt die Preisfrage: Wie hat die „FAZ“ das gemeint? Hat sie Kauder auch, wie „Bild“, scharf wegen seiner Ideen für höhere Steuern und Abgaben gerügt? Vermutet sie auch, wie „Bild“, dass Kauder die Wähler für „gaga“ halten könnte? Bemäkelt sie auch, wie „Bild“, dass Kauder vor der Wahl gegen Steuererhöhungen kämpfte, hinterher aber dafür war?

Keineswegs. In dem „FAZ“-Artikel ging es um ganz etwas anderes, als „Bild“ suggeriert. Die „FAZ“ berichtete ausführlich von einer Diskussionsveranstaltung zum Thema „Leitkultur“ im Bonner Haus der Geschichte. Kauder habe dabei so heftig diskutiert, dass er vom Stuhl zu fallen drohte, weshalb ihm der Moderator empfohlen habe, „er solle sich doch einfach zurücklehnen“, woraufhin Kauder empört erwidert habe, „er lasse sich von Journalisten nicht sagen, wie er zu sitzen habe“.

Um Geld ging es nicht.

(Laughter.)

Interview of the President by Kai Diekmann of BILD

The Oval Office

May 5, 2006

1:55 P.M. EDT

(…)

Q BILD has 12 million readers. It’s the largest newspaper in Germany. And there’s one thing which is really special about our newspaper — every German who wants to work for the newspaper, he has to sign in his working contracts some beliefs — and there’s the belief you have to be for reunification, you have to be against totalitarianism from riots on the right side and the left side, and you have to be for the peace and for the understanding with Israel, and, since September 11th, we have a new belief — you have to be for partnership with America. Otherwise, you can’t work for us, you can’t come — you have to sign it in your contract.

THE PRESIDENT: My kind of guy. (Laughter.)

(Aus der ungekürzten und unredigierten Fassung des Interviews von „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann mit US-Präsident George W. Bush, die das Weiße Haus auf seiner Homepage veröffentlicht hat.)

Danke an Diane A. und Thomas N.

Kurz korrigiert (101)

Es ist natürlich auch ein bisschen rücksichtslos von der Stadt Gotha, gleich zwei Schlösser zu haben, die mit „Fried“ beginnen: Schloss Friedenstein und Schloss Friedrichsthal. Wer soll die denn bitte auseinanderhalten können?

Die „Bild“-Zeitung jedenfalls nicht. Sie bebilderte am vergangenen Samstag ihren Artikel über die MDR-Show „Ein Schloss wird gewinnen“, in der auch die Orangerie des Schlosses Friedenstein ein Kandidat war, munter mit einem Foto des Schlosses Friedrichsthal.

Danke an Markus L. für den sachdienlichen Hinweis!

Unglaublich, aber unwahr

Nachdem die Berliner Boulevardzeitung „B.Z.“ am Dienstag vergangener Woche vorab hatte verbreiten lassen, was anderntags Titelschlagzeile werden sollte (siehe Ausriss), stand die Sache, wie berichtet, natürlich auch in „Bild“. Unter Verweis auf die „B.Z.“-Meldung hieß es dort am Mittwoch auf der Titelseite:

"Grüner will Nationalhymne auf Türkisch"

„Der Grüne Hans-Christian Ströbele schockte Deutschland gestern mit einem unglaublichen Vorstoß: Er will, daß es von der dritten Strophe unserer Nationalhymne eine türkische Version gibt.“

Und „Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner schrieb (an Ströbele):

„Sie fordern eine offizielle türkische Version der deutschen Nationalhymne.“

Außerdem hatte „Bild“ bei verschiedenen Politikern nachgefragt, was sie von dem „Vorstoß“ hielten, woraufhin sie ihn als „völlig absurde Idee“ (Frank Henkel) oder „absolut durchgeknallt“ (Markus Söder) bezeichneten. Nur auf die Idee, vielleicht doch noch mal bei Ströbele selbst nachzufragen, ob’s überhaupt stimmt, was die Schwesterzeitung über ihn zu berichten wusste, kam bei „Europas größter Tageszeitung“ offenbar niemand.

Ein Fehler. Denn laut Ströbele stammt die „völlig absurde Idee“ gar nicht von ihm. Vielmehr habe die „B.Z.“ bei ihm nachgefragt, „ob angesichts der vielen Menschen aus der Türkei, die in Deutschland leben, die deutsche Nationalhymne ins Türkische übersetzt und auch in türkischer Sprache gesungen werden könne“: „Meine Antwort war, dagegen hätte ich nichts, auch das sei OK“, so Ströbele in einer Stellungnahme.

Wie wenig Ströbeles lapidares „OK“ mit einem „unglaublichen Vorstoß“ gemein hat (und wenig offenbar „Bild“ — wie vielen anderen Medien — an einer sachdienlichen Berichterstattung gelegen war), zeigt jedoch eine weiterer Absatz in Ströbeles Stellungnahme. Dort heißt es nämlich:

„Nachträglich habe ich erfahren, dass es bereits seit dem Jahr 2000 ein Taschenbuch des Referats Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Bundestages mit dem Grundgesetz in deutscher und türkischer Sprache gibt. Und auf der Umschlagseite findet sich die dritte Strophe des Deutschlandliedes mit Noten in deutscher Sprache — und mit einer Übersetzung in die türkische Sprache.“

Eigentlich lustig. Lustiger jedenfalls als die „590 Hassbriefe von beleidigten Deutschen“, die Ströbele seither offenbar zugeschickt bekam.

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