Offensichtlich unwahr

Sie haben es immer noch nicht kapiert. Oder sie verkaufen ihre Leser gezielt für dumm. Jedenfalls demonstrierten die Redakteure der „Bild am Sonntag“ in ihrem gestrigen Jahresrückblick ein erstaunliches Unverständnis über das Wesen der Gegendarstellung.

Es ging, natürlich, um den Streit mit Oskar Lafontaine. Der Politiker hatte (wie berichtet) vor Gericht durchgesetzt, dass „Bild am Sonntag“ eine Gegendarstellung von ihm auf der Titelseite abdrucken musste. Die Zeitung versuchte das dadurch zu konterkarieren, dass sie im Inneren ein Interview mit dem Medienanwalt Matthias Prinz abdruckte. Überschrift: „Beweist eine Gegendarstellung, dass eine Zeitung falsch berichtet hat?“ — „Nein.“

Das ist prinzipiell richtig. Der Eindruck aber, dass sich gegen jede beliebige Behauptung eine Gegendarstellung durchsetzen lässt, ist falsch. Genau in diese Irre versuchte „Bild am Sonntag“ gestern ihre Leser zu führen. Rund drei Dutzend Mitarbeiter und der Chefredakteur Claus Strunz waren in roten T-Shirts zu sehen — angeblich ihrer „Arbeitskleidung am Lafontaine-Tag“. „Bild am Sonntag“ zeigte ein Foto davon und schrieb:

Wie wahr ist eine Gegendarstellung? „Unwahr ist, daß ich Anja Tischendorf bin“, steht auf dem T-Shirt von BamS-Redakteurin Anja Tischendorf (…). „Unwahr ist, daß ich Jochen Gaugele bin“, stellte auch Politik-Chef Jochen Gaugele (…) per T-Shirt fest. Bei einer Kollegin (…) wölbte sich das Hemd über einem Babybauch. Aufschrift: „Unwahr ist, daß ich schwanger bin“ …

Das ist vermutlich lustig gemeint, aber grob irreführend. Denn all das sind Beispiele für offensichtlich unwahre Tatsachenbehauptungen. Und mit genau solchen offensichtlich unwahren Behauptungen kann man vor Gericht keine Gegendarstellung durchsetzen.

Das Perfide an der T-Shirt-Aktion ist, dass „Bild am Sonntag“ damit den Eindruck erweckt, Lafontaines Gegendarstellung sei genauso absurd wie die Aussage von Claus Strunz, er sei nicht Claus Strunz. Das ist aber nicht der Fall. Das Landgericht Berlin hat „Bild am Sonntag“ zum Abdruck der Gegendarstellung verurteilt. Das bedeutet: Lafontaines Angaben mögen unwahr sein, aber sie sind nicht offensichtlich unwahr.

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„Bild“-Chef zieht Gegendarstellungsbegehr zurück

Das wird jetzt etwas länger, denn…

… in einem Dossier über die „Großmacht Springer“ hatte sich die „Zeit“ am 11. August unter anderem folgende Frage gestellt:

„Ist es Vorsatz, wenn ein Foto so beschnitten wird, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann (…)?“

Hintergrund dieses Satzes war die Veröffentlichung eines Fotos in der „Bild“-Zeitung vom 29.1.2001. Zu sehen war darauf Jürgen Trittin im Jahr 1994 am Rande einer Demo. Die Aufnahme stammte ursprünglich von Sat.1 und erschien 29.1.2001 auch im „Focus“. „Bild“ hatte behauptet, in der Hand eines (unmittelbar neben Trittin abgebildeten) Demonstranten befinde sich ein Schlagstock, obwohl es sich dabei nur um ein Seil handelte, wie sowohl bei Sat.1 als auch im „Focus“ deutlich zu erkennen war — nicht jedoch in dem von „Bild“ abgedruckten Ausschnitt des Fotos. Nachdem der grobe Fehler öffentlich geworden war, druckte „Bild“ eine Richtigstellung und Kai Diekmann, damals seit vier Wochen „Bild“-Chefredakteur, sagte dem „Spiegel“(hier für 50 Cent, Gratisauszüge hier): „Wir sind am Sonntag im Vorabexemplar von ‘Focus’ auf das Foto gestoßen und haben es abgescannt, weil wir das Original nicht besorgen konnten. Die Ausdrucke, mit denen wir dann gearbeitet haben, waren Kopien von Kopien und entsprechend schlecht, so dass die Fortsetzung des Seils nicht erkennbar war.“ Zuvor referierte bereits die „Berliner Zeitung“ Diekmanns Erklärung mit dem Worten: „Deshalb habe man das Foto für den Druck beschnitten.“ Das war vor dreieinhalb Jahren und nicht schön.

„Bild“-Chef Diekmann ist seither mehrfach gerichtlich gegen Berichte anderer Medien vorgegangen, die fälschlicherweise behauptet hatten, „Bild“ habe Trittin „einen Schlagstock in die Hand montiert“ bzw. „in die Hand gedrückt“. Sowohl die „Berliner Zeitung“ als auch die „taz“ entschieden sich allerdings, den unabwendbaren Abdruck einer entsprechenden Gegendarstellung Diekmanns ausführlich zu kommentieren.

Was indes die „Zeit“ anbelangt, könnte man einwenden, auch die Behauptung, „dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin als Schlagstock angesehen werden kann“ sei sachlich falsch, weil Trittin selbst das Seil auf dem Foto gar nicht anfasst. „Bild“-Chef Diekmann allerdings nahm Anstoß an einem anderen Aspekt des „Seil“-Satzes. Nach unseren Informationen hieß es in einer Gegendarstellung, deren Abdruck er von der „Zeit“ forderte, „Bild“ “ habe „niemals ein Foto so beschnitten“, dass ein Seil in der Hand von Jürgen Trittin hätte als Schlagstock angesehen werden können: Der Fehler von „Bild“ habe darauf beruht, „dass allein aufgrund der schlechten Bildqualität eine verfälschende Bildunterschrift zugeordnet wurde“.

Allerdings weigerte sich die „Zeit“, die Gegendarstellung zu drucken. Und das mit gutem Grund. Schließlich handelt es sich ja bei dem Trittin-Foto in „Bild“ zweifelsfrei um einen Ausschnitt des „Focus“-Fotos, auf dessen Original der „Schlagstock“ eindeutig als Seil zu erkennen ist. Und so zitiert auch der „Stern“ in seiner aktuellen Ausgabe einen „Bild“-Sprecher mit der Aussage: „Der Chefredaktion lag lediglich ein Schwarzweiß-Scan vor, auf dem die Ränder des Fotos schwarz waren. Diese Ränder wurden beim Einstellen des Scans ins Layout … selbstverständlich nicht berücksichtigt.“

Und das ist umso erstaunlicher, als Kai Diekmann doch gegenüber der Pressekammer des Landgerichts Hamburg im August 2005 eine „eidesstattliche Versicherung“ abgegeben hat, in der es ausdrücklich heißt, man habe die Abbildung zwar „unzutreffend betextet“, aber:

„Das Foto (…) ist in keiner Weise ‘beschnitten’ worden.“

Das Gericht verlangte daraufhin Ende August zwar zunächst in einer Einstweiligen Verfügung von der „Zeit“, den strittigen „Seil“-Satz aus der Online-Version des Dossiers zu tilgen. Dort fehlt er noch immer, dürfte nach unseren Recherchen aber alsbald wieder in den Text eingefügt sein, denn…

… nachdem die „Zeit“ Mitte September Widerspruch angekündigt hatte, nahm Diekmann kurzerhand seinen Antrag zurück, verzichtete freiwillig auf die Ansprüche aus der Einstweiligen Verfügung und muss sämtliche Verfahrenskosten tragen.

Wie es zu Diekmanns überraschenden Sinneswandel kam, entzieht sich unserer Kenntnis. Im „Stern“ heißt es, an der Richtigkeit der Eidesstattlichen Versicherung* Diekmanns seien „Zweifel angebracht“.

*) „Wer vor einer zur Abnahme einer Versicherung an Eides Statt zuständigen Behörde eine solche Versicherung falsch abgibt oder unter Berufung auf eine solche Versicherung falsch aussagt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“
(§ 156 StGB)

Kurz korrigiert (42)

Schön, dass „Bild“ heute ihren Lesern erzählt, was vor zwei und vor drei Tagen über diese Noëmi im Schweizer „Blick“ gestanden war. Schließlich hatte der „Blick“ zu berichten gewusst, dass Noëmi „Sex mit Superstar Robbie Williams“ gehabt habe. „Internationale Medien wie die britische Zeitung ‘Sun’ und der TV-Sender ProSieben wollen jetzt die hübsche Zürcherin interviewen“, schrieb der „Blick“. Und siehe da, auch „BILD fragte nach“, so „Bild“. Nur richtig zugehört, wann es zum Geschlechtsverkehr gekommen sein soll, hatte „Bild“ offenbar nicht, denn:

„Das ist jetzt zwölf Tage her“, steht wahrheitsgetreu im „Blick“.

„Das war vor zwei Jahren“, heißt es in „Bild“.
 
Mit Dank an Stefan G. und Sigrid N. für den Hinweis.

„Fragenkomplexe“ bei „Bild“

In seiner aktuellen Ausgabe beschäftigt sich der „Stern“ neun Seiten lang mit der „Bild“-Zeitung bzw. damit, „wie das Blatt mit Prominenten und Politikern umgeht“. Das Magazin referiert — vor dem Hintergrund der geplanten Komplett-Übernahme der TV-Sender Pro7, Sat.1, Kabel1, N24 und 9live durch die Axel Springer AG — diverse, z.T. bereits öffentlich gewordene Fälle, in denen „Bild“ erpresserische Methoden bei der Recherche vorgeworfen werden, zitiert dazwischen gelegentlich einen „Bild“-Sprecher mit Sätzen wie „Diese Äußerungen treffen nicht zu“ und nennt „Bild“ u.a. „eine riesige Vermarktungsmaschine“. Zusammenfassend heißt es im „Stern“ über „Bild“:

„Sie erfindet Geschichten, TV-Stars und Politiker fühlen sich unter Druck gesetzt. Wer sich wehrt, fürchtet Strafaktionen.“

Und über den „Bild“-Chefredakteur und -Herausgeber Kai Diekmann weiß der „Stern“ dann aktuell noch Folgendes zu berichten:

„Freund oder Feind — das ist das Raster, in dem Diekmann zu denken scheint. Bei Freunden ist auf ihn Verlass, bei Feinden kennt er kein Pardon. (…)

Als ein solcher „Feind“ in Diekmanns Schema passt auch ‘Zeit’-Herausgeber und Ex-Politiker Michael Naumann. Er hatte „Bild“ in einem Kommentar* als das ‘Geschlechtsteil der deutschen Massenmedien’ bezeichnet. Kurze Zeit später, erzählt Naumann, habe er von Nachbarn erfahren, dass sich wiederholt Leute über ihn erkundigten, die sich als ‘Bild’-Mitarbeiter ausgaben. In einem Brief beschwerte sich Naumann über das Ausforschen seines Privatlebens. Diekmann bestreitet den Vorwurf in seiner sechszeiligen Antwort nicht einmal: ‘Die Bild-Zeitung geht momentan einigen Fragenkomplexen nach’, schreibt er vieldeutig, ‘bei denen auch Ihre Person eine Rolle spielt.’ Ein ‘Bild’-Sprecher dazu: Im Zusammenhang mit seiner früheren Tätigkeit als Kulturstaatsminister müsse sich Naumann ‘Recherchen gefallen lassen’, einen Zusammenhang gebe es nicht.“
(Link von uns.)

*) Nachtrag, 19.12.2005:
Wir müssen uns korrigieren: Der von uns in obiges Zitat eingefügte Link führt leider in die Irre. „Zeit“-Herausgeber Michael Naumann hatte die Formulierung, „Bild“ sei das „Geschlechtsteil der deutschen Massenmedien“ hier nämlich nicht zum ersten Mal verwendet, sondern vor mehr als einem Jahr hier schon einmal. Und nach Informationen von fairpress.biz bezieht sich die zitierte „Stern“-Passage auf Naumanns „Geschlechtsteil“-Formulierung von 2004. (Dort findet sich auch der im „Stern“ erwähnte Briefwechsel im Wortlaut und faksimiliert.)

Nachtrag, 20.12.2005: Inzwischen ist der „Stern“-Artikel auch online.

Nachtrag, 29.12.2005: Der „Stern“-Artikel ist aus rechtlichen Gründen entfernt worden. Mehr zu den Hintergründen steht hier.

Symbolfoto XXI

Ein schönes Foto ist das, mit dem „Bild“ am gestrigen Dienstag einen Bericht über „Deutschlands erfolgreichste Panzerknacker“ und deren Festnahme in der Ortschaft Malliß (Mecklenburg-Vorpommern) illustrierte. Dumm nur, dass das, was „Bild“ danebengeschrieben hatte, gar nicht stimmt.

Die Gangster wollten nämlich mit dem abgebildeten Kompressor überhaupt kein Luft-Gas-Gemisch in den Geldautomaten leiten. Ganz im Gegenteil: Am Montag zeigte das „Schleswig-Holstein Magazin“ des NDR beispielsweise in einem ausführlichen Bericht genau denselben Kompressor vorm Geldautomaten in der Sparkasse von Malliß wie „Bild“ (siehe Screenshot rechts). Aber anders als „Bild“ berichtet das Magazin wahrheitsgemäß:

„Das Sprengstoffkommando pustet mit Druckluft, um das Gas wieder aus dem Automaten zu bekommen.“

Mit Dank an Steffen R. und Klaus M. für die Anregung.

Das ganz normale Chaos

Heute hat „Bild“ mal wieder die obere Hälfte der Titelseite und eine halbe Seite im Innenteil weitgehend frei geräumt. Für eine Geschichte von Attila Albert:

Und ignoriert man mal die Überschriften, ist vieles, was Albert da so über Abschwächung und Umpolung des Erdmagnetfelds schreibt, gar nicht mal so weit von der Realität, äh, Verzeihung, Realität entfernt. Dafür aber der vermeintliche Anlass der Geschichte um so weiter. So heißt es auf der Titelseite:

Dramatische Warnung von US-Forschern: Das Magnetfeld der Erde verschiebt sich schnell wie noch nie.
(Hervorhebungen von uns.)

Und weiter hinten steht:

Der Schutzschild der Erde wankt!
Wissenschaftler sind in größter Sorge: Das Magnetfeld, das uns umgibt, könnte schon bald zusammenbrechen.
(Hervorhebungen von uns.)

Bei den kürzlich von Forschern der Oregon State University vorgestellten Ergebnissen handelt es sich aber gar nicht um eine „dramatische Warnung“, das Magnetfeld der Erde verschiebt sich auch keineswegs „schnell wie noch nie“. Deshalb sind Wissenschaftler auch nicht „in größter Sorge“ — eher im Gegenteil, wie sich hier nachlesen lässt.

Aber sagen wir es doch einfach mit den Worten von wissenschaft.de:

Jetzt gibt Joseph Stoner von der Oregon State University Entwarnung: Dass das Erdmagnetfeld unter ruckartigen Zuckungen leidet, ist ganz normal (…).
(Hervorhebungen von uns.)

Nachtrag, 14.55 Uhr: Zeit.de widmet sich übrigens in einem anschaulichen Artikel unter der Überschrift „Licht aus bei ‘Bild'“ dem dortigen „Katastrophenalarm“. (Mehr zum Thema bzw. zum Gedankenexperiment „Was passiert, wenn das Erdmagnetfeld verschwindet?“ findet sich hier.)

Freie Improvisation über eine Hinrichtung

Das ist ja erstaunlich, was Bild.de da berichtet:

Kurz vor dem Tod reckte er noch einmal die Faust

Der Staat Kalifornien lässt einem Mann, kurz bevor er ihn hinrichet, noch soviel Bewegungsspielraum, dass er seine Faust recken kann? Das ist nicht nur erstaunlich, es ist auch sehr unwahrscheinlich. Und da wir diese Behauptung nirgends außer in Bild.de gefunden haben, nehmen wir an: Es ist nie passiert.

Vermutlich hat Bild.de da wieder etwas durcheinander gebracht. In den Augenzeugenberichten von der Hinrichtung kommt zwar tatsächlich die beschriebene Geste vor. Aber die Faust gereckt haben einer oder mehrere der fünf Unterstützer, die anwesend waren — laut „Contra Costa Times“ konkret die Journalistin Barbara Becnel.

Anscheinend hat Bild.de die ganze Szene verwirrt. Angeblich soll Tookie nach der Geste mit der Faust auch noch leise „Tookie“ gesagt haben. Warum? „Bild“ weiß es nicht. Deutlich mehr Sinn ergibt die Beschreibung im „San Francisco Chronicle“, wonach es einer der Unterstützer war, der Williams auf diese Weise durch die Glasscheibe ansprach.

Auch dass Williams’ „Sterben“ 35 Minuten dauerte, ist eine irreführende Aussage. Bild.de behauptet:

Es war ein langer Todeskampf für Tookie Williams. 35 Minuten dauerte es, bis das Gift in seinem Körper wirkte.

Vom Betreten der Hinrichtungszelle bis zu seinem Tod vergingen zwar rund 35 Minuten. Aber das hängt keineswegs damit zusammen, dass das Gift nur so langsam wirkte, wie Bild.de suggeriert. Alle anderen Quellen beschreiben, dass es sehr lange gedauert habe, bis eine Assistentin eine Vene in Williams’ linkem Arm gefunden hatte. Noch 17 Minuten nach Betreten der Zelle sei das nicht geschehen.

Bild.de behauptet weiter, dass vor Williams’ Todeskampf jemand gerufen habe: „Der Staat von Kalifornien hat einen unschuldigen Mann getötet.“ Auch das behauptet niemand sonst. Nach allen Augenzeugenberichten riefen Williams’ Unterstützer diesen Satz erst beim Verlassen der Hinrichtung.

Bild.de fügt hinzu, dass Williams die Nachricht, dass Gouverneur Schwarzenegger sein Gnadengesuch abgelehnt habe, „nur mit einem Lächeln“ zur Kenntnis genommen habe. Im Gegensatz dazu schreibt die „New York Times“, dass Williams nach Angaben von Jesse Jackson keineswegs nur gelächelt, sondern ihm gesagt habe: „Wir werden die Hoffnung nicht aufgeben.“

Danke an die Hinweisgeber!

Die üblen Tricks der „Bild“

„Die üblen Tricks der Hartz-IV-Schmarotzer“ haben es „Bild“ ja angetan. Zumindest war dort auch am vergangenen Freitag wieder von einem „Trick im Gesetz“ die Rede. Genauer gesagt stand das mit dem Trick unter der Überschrift:

"Die Wahrheit über Hartz IV"

Und unter der Frage:

„Können Hartz-IV-Empfänger viel mehr vom Staat kassieren, als bisher gedacht?“

„Bild“ bezog sich ausdrücklich auf den Bericht „Grundsicherung für Arbeitsuchende – Entwicklung bis Juli 2005″ der Bundesagentur für Arbeit und schrieb u.a.:

„Eine Studie der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt: Trotz der niedrigen Regelsätze (…) erhalten Tausende richtig dickes Geld!

Rund 2200 Single-Haushalte bekommen mehr als 2000 Euro im Monat. Der Grund: Viele nutzen einen Trick im Gesetz, trennen sich pro forma vom Partner oder ziehen als volljährige Kinder zu Hause aus. Dann erhalten sie nicht nur die Miete, sondern auch die Kosten für den Umzug und die Ersteinrichtung der Wohnung bezahlt. (…)“

Was“Bild“ nicht schrieb: Bei den von „Bild“ für erwähnenswert befundenen „2200 Single-Haushalten“ handelt es sich laut BA-Bericht um 0,1 Prozent der knapp 2,2 Millionen alleinlebenden bzw. 0,04 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger.

Zudem vergaß „Bild“ zu erwähnen, dass die Formulierung „mehr als 2000 Euro im Monat“ gelinde gesagt missverständlich ist. Denn die Empfänger bekommen das Geld nicht monatlich, sondern einmalig. In dem Bericht heißt es ausdrücklich:

„Die Bedarfsgemeinschaften mit monatlichen Leistungen von 2.000 und mehr Euro erklären sich mit Einmalleistungen u.a. zur Wohnungsbeschaffung.“

Darüber, dass „viele“ der 2200 Single-Haushalte in den Genuss dieser Leistungen nur gelangen sollen, weil sie „einen Trick im Gesetz“ nutzen, verliert der Bericht der BA indes, anders als „Bild“ suggeriert, nirgends ein Wort.

Mit Dank an Eleni S., Carsten B. und Stephan S. für den Hinweis sowie an die BA für den Bericht.

„Bild“ belügt Telekom-Mitarbeiter

Heute behauptet „Bild“, dass sie für ihren „Branchen-Report 2006″ (siehe Ausriss oben) „bei den wichtigsten Branchen nachgefragt hat, ob Jobs entstehen oder abgebaut werden“ — um dann über die „Computer- und Telekommunikations-Branche“ zu vermelden, dort gebe es „keine Veränderung!“

Insbesondere für Mitarbeiter von Europas größtem Telekomunikationsunternehmen dürfte diese Einschätzung, nun ja, irgendwie überraschend sein. Schließlich berichten andere Medien seit Wochen — und aus gegebenem Anlass auch heute wieder — über die (spätestens seit 2. November auch „Bild“ bekannten) Pläne des „Bild“-Kooperationspartners Telekom, wo immerhin 32.000 Stellen abgebaut werden. (Und wer jetzt einwenden mag, es handele sich in „Bild“ doch um einen „Branchen-Report“ fürs Jahr 2006, wohingegen die Telekom-Pläne einen Stellenabbau bis 2008 vorsähen — nur zu! „Bild“ widerlegt den Einwand ja selbst, indem sie sich bezüglich der Job-Entwickung in der Autoindustrie offenbar auf eine allseits bekannte Prognose bezieht, die mit 2006 ebenfalls wenig zu tun hat.)

Merkwürdig ist darüber hinaus, dass „Bild“ zusammenfassend behauptet:

„Rund 140.000 Jobs gehen verloren, knapp 35.000 neue entstehen“.

Zählt man die von „Bild“ selbst aufgedröselten Zahlen nämlich anschließend wieder zusammen, ergibt sich allerdings bestenfalls eine Bilanz von -155.000* zu 48.000.

Mit Dank an holy_moly für den Hinweis.

*) zzgl. Telekom: -187.000

Allgemein  

Drei Rügen für „Bild“

Der Presserat hat abermals sieben Rügen ausgesprochen. Drei davon gehen an „Bild“*.

So hatte „Bild“ über einen Verkehrsunfall berichtet, bei dem u.a. der dafür verantwortliche Fahrer starb. Laut Presserat habe „Bild“ den Fahrer durch den Abdruck „negativer Aussagen ausschließlich anonymer Quellen (…) in ein schlechtes Licht gerückt“ und ein identifizierbares Foto veröffentlicht, was als „Ehrverletzung“ ein Verstoß gegen Ziffer 9 des Pressekodex ist.

Außerdem hatte „Bild“ nach dem Selbstmord eines Polizisten ein identifizierbares und „unangemessen sensationelles“ Foto veröffentlicht, was der Presserat als Verstoß gegen Richtlinie 8.5 des Pressekodex wertet.

Einen Bericht über den Tod zweier Menschen bei einem Friedhofsbesuch hatte „Bild“ mit dem Foto eines der Toten illustriert. Laut Presserat (der in diesem Fall eine „nicht-öffentliche“ Rüge aussprach) sei das Foto jedoch „nicht ausreichend gepixelt“, der Tote also identifizierbar gewesen. Zudem sei die zweite Tote durch den Nachnamen, der auf dem Grabkreuz eines Angehörigen lesbar war, ebenfalls erkennbar gewesen.

„Bild“ wurde damit in diesem Jahr insgesamt sechs Mal gerügt. Das sind weniger Rügen als in den vergangenen Jahren (2004: zwölf; 2003: neun, 2002: elf), aber abermals mehr, als gegen jedes andere Medium ausgesprochen wurden.

PS: Zu der öffentlich bereits heftig kritisierten „Bild“-Schlagzeile vom 30. November („Wird sie geköpft?“) teilt der Presserat mit, es seien dazu bislang „rund 30 Beschwerden“ eingegangen.

*) Auch „Bild“ ist den „journalistischen Leitlinien“ der Axel Springer AG verpflichtet, die sich ausdrücklich auf die „publizistischen Grundsätze des Pressekodex“ berufen.

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