Kurz korrigiert (65)

Die „Unterstützung des transatlantischen Bündnisses und die Solidarität in der freiheitlichen Wertegemeinschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika“ gehört zu den Grundsätzen von Springer und „Bild“. Die Solidarität nimmt man offenbar so ernst, dass man auch mal ein bisschen schummelt, wenn es um die Frage geht, welches das stolzeste Volk ist. So schreibt „Bild“ heute auf ihrer Seite 1 über die Ergebnisse einer Studie namens „National Pride in Comparative Perspective“:

Auf Platz 1 stehen übrigens die USA.

Und das ist so, wie „Bild“ es aufschreibt, übrigens schlicht falsch. Bei Spiegel Online steht beispielsweise:

Den Sieg in der Disziplin „allgemeiner Nationalstolz“ trugen übrigens nicht die USA davon, wie mancher vielleicht vermutet hätte. Die Vereinigten Staaten landeten hier mit 17,7 von 25 möglichen Punkten nur auf Platz zwei, hinter Venezuela mit 18,4 Zählern. Allerdings können sich die US-Amerikaner damit trösten, dass sie beim Stolz auf spezielle Leistungen die Welt anführen

Für den „Stolz auf spezielle Leistungen“ gab’s zwar bloß 4 Punkte, aber vielleicht tröstet das „Bild“ ja trotzdem irgendwie.

Mit Dank an Tim O. für den ausführlichen Hinweis.

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Allgemein  

„Inmitten toter Schwäne“

"Vogelgrippe - 1. Katze tot!"Wenn das so weitergeht, gibt’s demnächst wenigstens viel billiges Benzin, haha. Aber Spaß beiseite:

„Der grauweiß gefleckte Hauskater (4,8 Kilo) lag tot zwischen den Schwänen.“

Mit diesem Satz leitet „Bild“ einen Bericht über die vermutlich erste auf Rügen an Vogelgrippe gestorbene Katze ein. Und auch wenn er schön dramatisch klingt, der Satz ist falsch, geradezu gelogen. Genau wie die Fortsetzung:

„Der Besitzer des Katers ist bisher unbekannt. Das Tier trug weder Hals- noch Flohband, lag inmitten toter Schwäne auf Rügen.“

Dabei müsste „Bild“ es besser wissen, denn „Bild“ weiß ja auch, dass das Tier „4,8 Kilo“ wog. Und diese Zahl stammt vom mecklenburgischen Agrarminister Till Backhaus (46!) und wurde von verschiedenen Nachrichtenagenturen am Dienstagabend gegen 19.45 Uhr zum ersten Mal gemeldet. Zusammen übrigens mit diesen Informationen:

„Die mit dem Vogelgrippe-Erreger infizierte Katze auf der Insel Rügen ist nach Angaben des Agrarministers von Mecklenburg-Vorpommern, Till Backhaus, auf dem Hof des Besitzers an der Seuche verendet. Der Halter nahe der Wittower Fähre habe Verhaltensauffälligkeiten bei dem Kater beobachtet und ihn weggesperrt, sagte Backhaus am Dienstag in Schwerin. Am nächsten Tag habe er das Tier tot aufgefunden und das Ordnungsamt verständigt.“

Darüber hinaus wurden beim Einsammeln verendeter Vögel auf Rügen tatsächlich auch zwei tote Katzen gefunden, vielleicht sogar „inmitten toter Schwäne“. Man fand zudem zwei Füchse, zwei Wildschweine, einen Marderhund, einen Marder und einen Nerz. Keines dieser freilaufenden Tiere jedoch trug das Virus H5N1 in sich.

Wie „Bild“ behaupten kann, der Kater sei „grauweiß“, wissen wir nicht. Wie uns der Krisenstab in Mecklenburg-Vorpommern auf Anfrage mitteilte, war er „grauschwarz“.

Womöglich hat „Bild“ sich das ja wirklich nur ausgedacht — wie auch die Titelschlagzeile „1. Katze tot“ oder den folgenden Satz:

„In asiatischen Zoos hatten sich zwar schon Tiger über infiziertes Futter angesteckt, aber noch nie Katzen.“

Thomas Mettenleiter vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) jedenfalls, den offenbar auch „Bild“ befragt hat, erklärt dazu: „Dass Katzen sich mit dem Virus infizieren können, wenn sie infizierte Vögel fressen, ist seit längerem aus Asien bekannt.“ An anderer Stelle heißt es beim FLI, „dass die dort verstorbenen Katzen Kontakt mit infiziertem Geflügelfleisch oder Geflügelprodukten hatten und sich wahrscheinlich über diesen Infektionsweg ansteckten.“

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber und an Fabian P.

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Jetzt VIII

Die „Bild“-Meldung „Historiker enthüllt: Hitler lernte von Lenin“ ist sehr kurz, eigentlich eine Art Lesetipp. Dort heißt es:

"Der angesehene Historiker Prof. Dr. Richard Overy (58) vom King’s College London enthüllt jetzt: (...)"

Das ist, wie so häufig, wenn man bei „Bild“ mal wieder was zu Hitler hat, insofern falsch, als Overy „jetzt“ eigentlich gar nichts enthüllt hat. Sein Buch erschien im Juni 2004, auf deutsch im August 2005. Jetzt gab er nur Spiegel-Online ein Interview.

Mit Dank an Jörg Q., Gila von M. und Jörg J. für den Hinweis.

Nachtrag, 18.10 Uhr: Fast sieht es so aus, als habe die Meldung vor Veröffentlichung schon etwas länger bei „Bild“ herumgelegen, denn ebenfalls seit 2004 ist Richard Overy gar nicht mehr am King’s College London.

Mit Dank an Julian H. für den Nachtrag.

„Bild“ verdreht Arbeitslosenzahlen

Die „Bild“-Zeitung fragt heute Bundeskanzlerin Angela Merkel, was sie in ihren ersten 100 Tagen im Amt gegen die Arbeitslosigkeit getan habe, und macht dabei eine merkwürdige Rechnung auf. Vor einem Jahr sei die Rekordzahl von 5.216.434 Menschen in Deutschland ohne Arbeit gewesen.

Heute, ein Jahr später, hat sich die Lage am Arbeitsmarkt – trotz des Regierungswechsels – immer noch nicht gebessert.

Im Februar stieg die Zahl im Vergleich zum Vormonat um 36 000 auf knapp 5,05 Millionen! Laut Bundesagentur für Arbeit waren das 241 000 weniger Arbeitslose als vor einem Jahr, saisonbereinigt sei die Zahl aber nur um 5000 gesunken.

Mit dem letzten Halbsatz erweckt „Bild“ den Eindruck, als sei die Zahl der Arbeitslosen im vergangenen Jahr nur scheinbar deutlich gesunken. Das ist das Gegenteil dessen, was die Bundesagentur für Arbeit heute veröffentlichteund schlicht falsch.

Denn ein saisonbereinigter Vergleich bezieht sich natürlich nicht auf das Vorjahr (damals war ja die gleiche Saison wie jetzt), sondern auf den Vormonat. „Bild“ hat die einzelnen Zahlen sinnentstellend miteinander in Verbindung gebracht. Korrekt zusammengestellt lauten sie so:

Im Februar stieg die Zahl der Arbeitslosen im Vergleich zum Vormonat um 36 000 auf knapp 5,05 Millionen. Saisonbereinigt ist die Zahl gegenüber dem Januar aber zurückgegangen: um 5000. Laut Bundesagentur für Arbeit waren das 241 000 weniger Arbeitslose als vor einem Jahr!

Irgendwie passte „Bild“ diese Tatsache heute aber nicht in den Kram.

F.

Nach wie vor haben wir nicht geschafft herauszufinden, nach welchen Kriterien die „Bild“-Zeitung entscheidet, einen Verdächtigen, einen Täter oder ein Opfer nicht beim vollen Namen zu nennen.

Vielleicht ist das aber auch egal — denn „Bild“ schafft es nach wie vor nicht, eine solche Anonymisierung überhaupt durchzuhalten.

Manchmal nicht einmal einen einzigen Artikel lang.

Unter der etwas irreführenden Überschrift „Darf ein Polizist mit seiner Pistole tanzen?“ nannte „Bild Thüringen“ am 22. Februar einen Polizisten, gegen den ermittelt wird, weil er bei einem privaten Besuch in einer Bar seine Dienstwaffe gezogen haben soll, immerhin viermal „Thomas F.“. Und zweimal beim vollen Namen (siehe Ausrisse, gelbe Balken von uns).

Danke an Maik B. für den Hinweis.

Allgemein  

Das Botox-Wunder

Gestern berichtete „Bild“ in Raum Berlin-Brandenburg über „Das Botox-Wunder“, weil ein Arzt an der Berliner Charité offenbar Fälle von spastischer Diparese bei Kindern mit Botox therapiert:

Im Text dazu heißt es dann über den Arzt:

„Er benutzt natürlich den Fachnamen ‘Botulinumtoxid’.“

Und neben dem Foto einer Botox-Ampulle steht es noch einmal:

„‘Botulinumtoxid’ heißt Botox eigentlich“

Und da wird man dann vielleicht doch hellhörig, weil der Arzt aller Wahrscheinlichkeit nach nicht den Fantasienamen „Botulinumtoxid“, sondern den Fachnamen Botulinumtoxin verwandt haben dürfte, denn so heißt Botox eigentlich.

Und dass der Arzt Botox „endlich mal für etwas Sinnvolles verwendet“, wie es über dem Artikel heißt, ist auch mehr als irreführend — nicht nur, weil er das schon „seit einem Jahr tut“, wie es sogar im „Bild“-Artikel heißt. Denn sagen wir’s mal so: Bereits 2002 berichtete das ZDF darüber; laut Wikipedia wird Botox bereits „seit Anfang der 80er Jahre“ bei spastischen Muskelerkrankungen bei Kindern eingesetzt. Berichte über die kosmetische Anwendung von Botox hingegen tauchten erst vereinzelt in den 90ern auf („Kontrovers wird allerdings die Verwendung des Toxins zum Beseitigen kosmetisch störender Gesichtsfalten diskutiert. Ein in England und den Vereinigten Staaten hergestelltes Toxinpräparat (Botox) wurde kürzlich in Deutschland zugelassen“, „FAZ“ vom 24.11.1993), bevor dann vor vier, fünf Jahren schließlich der große Botox-Hype ausbrach („Das gibt es nur in den USA: Mit Biowaffe gegen Falten. (…) Der Name des ‘Wundermittels': Botox. (…) Ein einziges Gramm, sagen Millitär-Experten, reiche aus, um eine Million Menschen umzubringen. Die US-Schönheitsindustrie schwört dennoch drauf“, „Berliner Kurier“ vom 6.3.2002).

Und wenn man jetzt noch immer nicht den Eindruck teilen will, die „Bild“-Autorin Uta S. (Alter geschätzt) hätte keine Ahnung, worüber sie eigentlich schreibt: Laut Uta S. und „Bild“, Europas größter Tageszeitung, ist Botox ein Nervengift, mit dem „Schönheits-Chirurgen (…) Lippen aufplustern“. Ja, drei weitere Male wird es fälschlicherweise als „Lippenaufspritzmittel“ bezeichnet und die Überschrift sogar mit einem Symbolfoto aufgespritzter Lippen illustriert.

Deshalb an dieser Stelle noch schnell ein kleiner WARNHINWEIS:

VON EINEM AUFSPRITZEN DER LIPPEN MIT DEM NERVENGIFT BOTULINUMTOXIN (BOTOX) IST DRINGENDST ABZURATEN!

Mit Dank an Mark P. für den Hinweis!

Die miesen Geschäfte mit der Angst II

Wie berichtet, hatte die „Bild am Sonntag“ vor sechs Wochen unter der Schlagzeile „Die miesen Geschäfte mit der Angst“ versucht, über die miesen Geschäfte mit der Angst vor der Vogelgrippe zu berichten, und war dabei u.a. auf das Entkeimungssterilisationsgerät Viroxx zu sprechen gekommen. Die „BamS“ hatte das Gerät, das „aussieht wie eine rollbare Heizung“, jedoch pauschal als „Luftreiniger“ bezeichnet und dazu einen Experten befragt. Der kannte das besagte Gerät aber gar nicht und hatte deshalb nur eine allgemein gehaltene Antwort zur Wirkungslosigkeit von „Luftreinigern oder ähnlichem“ bei Vogelgrippe („reine Geschäftemacherei“) gegeben. Die las sich im „BamS“-Text aber so, als bezöge sie sich unmittelbar auf das Viroxx-Ding, dessen Werbekampagne tatsächlich heikel ist.

Schon damals hatte sich die Firma Kobra Biotechnic, die das Gerät vertreibt, über die irreführende „BamS“-Berichterstattung empört, nun hat sie vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen den Springer-Konzern durchgesetzt, die uns vorliegt.

Demnach wird der „BamS“ untersagt, „den Eindruck zu erwecken, das Gerät ‘viroxx’ sei zum Schutz vor der Verbreitung von Viren und insbesondere zum Schutz vor der Verbreitung des Vogelgrippe-Virus wirkungslos (…)“, wie dies durch die irreführende Montage des Experten-Zitats geschehen war. Und auch den unter der Zwischenüberschrift „Überflüssig“ veröffentlichten Satz „Ob Ganzkörperanzüge …, Luftsterilisatoren … oder Lutschtabletten … – Experten halten von diesen angeblichen Schutzprodukten gar nichts“, darf die „BamS“ demnach im Zusammenhang mit dem Viroxx-Gerät nicht mehr verbreiten.

Unabhängig — Überparteilich

Eine Woche vor der letzten Bundestagswahl hatte „Bild“ die Idee, noch schnell ein paar CDU-Spitzenpolitiker zu fragen, was sie denn so von einer CDU-Kanzlerin hielten. Das Ergebnis sah damals bekanntlich so aus:

Friedrich Merz & Christian Wulff: Merkel wird eine exzellente Kanzlerin!"

Heute nun, nach 100 Tagen Merkelscher Kanzlerschaft (aber auch einen Monat vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg) hat „Bild“ schnell noch mal bei einem CDU-Spitzenpolitiker nachgefragt, was er denn so von der CDU-Kanzlerin hält. Sein Fazit:

"Roland Koch: Kanzlerin verdient die Note eins"

Informationsfreiheit

„Bild“ und Bild.de zeigen immer mal wieder gern irgendwelche US-amerikanischen Polizeifotos, sog. Mugshots — so auch, aus aktuellem Anlass, von diversen „Super-Stars“ wie Nick Nolte, Bill Gates oder Matthew McConaughey (?). Die Quellenangabe dazu lautet schlicht:

"Foto: Polizei"

Theoretisch nicht falsch, allerdings wurden viele dieser Bilder nie offiziell von der Polizei veröffentlicht, dafür aber allesamt auf der kommerziellen Internetseite „The Smoking Gun“. Dort heißt es auch, es handele sich dabei um „exklusives“ Material, das „nirgends sonst im Internet zu finden“ sei — außer nun eben bei Bild.de. Auf die Frage, wie es zu der dortigen Veröffentlichung kommt, antwortet uns der „Smoking Gun“-Betreiber William Bastone:

„Die Fotos wurden offensichtlich (ohne Erlaubnis) von meiner Website geklaut.“

Seine Mugshots würden, so Bastone weiter, auf teilweise mühsamen Wegen beschafft, u.a. auch unter Berufung auf den Freedom of Information Act. Bei „Bild“ versteht man unter Informationsfreiheit allerdings offenbar noch mal ganz etwas anderes.

„Bild“ quälen Steuer-Fragen

Ein junger Mann hat vor kurzem in Groitzsch seine eigene Mutter angefahren, die laut Polizeibericht „aus bisher nicht bekannter Ursache auf die Fahrbahn lief“. Sie musste daraufhin schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden.

„Bild“ fragt sich nun dies:

"Mutter überfahren! Warum durfte ER ans Steuer?"

Und als Leser fragt man sich, was der Mann wohl angestellt hat, das „Bild“ zu der Frage animiert, warum er ans Steuer durfte. Man könnte das ganz einfach beantworten: Nichts. Doch „Bild“ ist offenbar anderer Auffassung: Der Mann hatte nämlich Knochenkrebs. Deshalb musste ihm der Oberschenkel amputiert werden, und er trägt seither eine Prothese, dank der er offenbar wieder Sport treiben und eben auch Auto fahren kann. Und bei „Bild“ heißt es:

Die quälende Frage: Hat er Mutti wegen seines Handicaps überfahren?

Wir wissen nicht, wen diese Frage außer „Bild“ noch quält. Die Polizei jedenfalls nicht. Zwar ermittelt sie tatsächlich wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den jungen Mann. Das hat aber laut Auskunft eines Sprechers nichts mit der Behinderung zu tun, sondern schlicht und einfach damit, dass sie das fast immer tut, wenn bei Verkehrsunfällen Menschen verletzt werden. Bei „Bild“ liest sich dieser Sachverhalt so:

Polizeisprecher Jürgen Staudte: „Trotzdem ermitteln wir gegen David K. wegen fahrlässiger Körperverletzung.“
(Hervorhebung von uns.)

Ob Behinderte an einem Unfall beteiligt sind oder nicht, spielt für die Polizei jedenfalls grundsätzlich keine Rolle. Für „Bild“ offenbar schon.

Mit Dank an Anke S. für den sachdienlichen Hinweis.

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