Keine „Stern“-Stunde

„Bild“ macht heute Doris Schröder-Köpf zum „Gewinner des Tages“. Und es stimmt ja auch: Das Landgericht Hamburg gab ihr recht und urteilte gestern, dass der „Stern“ eine Richtigstellung abdrucken muss. Am 23. Juni 2005 hatte die Illustrierte angedeutet, es sei Schröder-Köpf gewesen, die den damaligen Kanzler auf die Idee mit der Vertrauensfrage und den vorgezogenen Wahlen gebracht hätte. Schröder-Köpf bestreitet das vehement.

Schröder-Köpf gewinnt also gegen den „Stern“, und „Bild“ macht Schröder-Köpf zum „Gewinner des Tages“ und schreibt:

BILD meint: Keine Stern-Stunde!

Das ist interessant. Denn der „Stern“ war damals keineswegs der erste, der diese Gerüchte verbreitete. Es gab sogar Mutmaßungen, dass „Stern“-Autorin Ulrike Posche genau diese Passage eigentlich nur aus einer anderen Zeitung abgeschrieben hätte. Aus welcher Zeitung? Einmal dürfen Sie raten.

Am 10. Juni 2005, also fast zwei Wochen vor dem umstrittenen „Stern“-Bericht, erschien in „Bild“ ein Artikel von Rolf Kleine, dem Leiter des Hauptstadtbüros. Darin stand unter anderem zu lesen:

Freunde der Familie erzählen hinter vorgehaltener Hand: Doris Schröder-Köpf (41) gibt ihrem Gerhard in diesen schweren Wochen nicht nur Kraft! Gerade jetzt, so heißt es, stehe die erfahrene Politik-Journalistin ihrem Kanzler auch mit handfestem Rat zur Seite.

Eingeweihte erzählen: Auch bei dem Schröder-Plan, durch die Vertrauensfrage im Bundestag vorzeitige Neuwahlen zu erreichen, soll die Kanzler-Gattin den Kanzler beraten haben!

Es war Mitte März (…). Da habe Doris Schröder-Köpf das Thema Vertrauensfrage und vorgezogene Bundestagswahl ins Gespräch gebracht.

So gesehen hat die „Bild“-Zeitung mit ihrem Kommentar zum aktuellen Gerichtsurteil doppelt recht. Das war wirklich keine „Stern“-Stunde.

Gerüchteköchen Suppe versalzen

Am vergangenen Samstag behauptete „Bild“, Alexandra Neldel habe sich „angeblich von ihrem Freund getrennt“ (siehe Ausriss). Weiter hieß es über die beiden:

„Laut Gerüchten sollen sich der Kameramann und die schöne Schauspielerin kürzlich getrennt haben.“

Nur zur Erinnerung: Im vergangenen Jahr hatten „Bild“ und Bild.de Alexandra Neldel mal Worte in den Mund gelegt, die sie offenbar gar nicht gesagt hatte, woraufhin „Bild“ und Bild.de eine Gegendarstellung abdrucken mussten, in der Neldel darauf hinwies, dass sie sich weder wörtlich noch sinngemäß so geäußert, sondern einer „Bild“-Mitarbeiterin ausdrücklich erklärt habe, dass sie sich zu ihrem Privatleben nicht äußere. Die Gegendarstellung erschien bei Bild.de mit einem redaktionellen Zusatz („Sie hat recht.“), den „Bild“ ihren Lesern vorenthielt.

Heute nun hat Neldel abermals eine Gegendarstellung durchsetzen können, in der sie — entgegen der obigen (unter Berufung auf „Gerüchte“ verbreiteten) Behauptung — feststellt, sie sei mit ihrem Freund „nach wie vor liiert“. Und die Redaktion der GEDRUCKTEN* „Bild“-Zeitung muss dazu anmerken:

„Frau Neldel hat recht.“

*) Hervorhebung für Kai Diekmann.

Bloß früher III

Dr. Kai Rezai aus Münster ist ein umtriebiger Mann, keine Frage. Auf der Internetseite seiner Praxis bekommt man einen guten Überblick über all die Medien, in denen Rezai und/oder seine Praxis Gegenstand der Berichterstattung waren.

So war er zum Beispiel am 24.8.2005 in der „Münsterschen Zeitung“, am 3.9.2005 in den „Westfälischen Nachrichten“, am 22.9.2005 bei Sat.1 und im September-Heft von „Der Monat“. Immer mit dabei: Christina Günter, 28 Jahre alt, die sich, wie es damals hieß, ein sechs Jahre zuvor tätowiertes sog. „Arschgeweih“ von Rezai entfernen ließ.

Und heute, mehr als ein halbes Jahr später, haben es Rezai & Anhang auch ins Online-Angebot der „Bild“-Zeitung geschafft. Groß im „News“- und noch größer im „Gesund & Fit“-Ressort wird dort zunächst das Ende des „Arschgeweihs“ gefeiert. Und in dem dazugehörigen (von immerhin zwei Autoren verfassten) Artikelchen mit „Fotogalerie“ heißt es dann:

"Christine Günther (28) ließ sich vor sechs Jahren die große Tätowierung stechen -- jetzt findet sie sie gar nicht mehr sexy"

Soviel dazu.

Mit Dank an Wolfgang P. für den Hinweis.

Nachtrag, 20.15 Uhr: Ach ja, und der Bild.de-Startseiten-Teaser illustriert die Schlagzeile („Bye-bye, Arschgeweih: Christine (28) lässt sich ihre Sommer-Sünde“) nicht mal mit Christina Günters Steißbeintätowierung, sondern mit irgendeinem Symbolfoto.

Nachtrag, 23:30 Uhr: Bild.de hatte — warum auch immer — die Fotogalerie zwischendurch mal für knapp zwei Stunden aus dem Artikelchen entfernt. Und unser Leser Moritz W. weist darauf hin, dass es bei der 28-jährigen Friseurin Christina Günter aus Münster von damals ja möglicherweise gar nicht um die 28-jährige Kassiererin Christine Günther aus Münster von Bild.de handelt. Und er hat natürlich Recht: Dass Christina und Christine (von Bild.de auch „Christina“ genannt) einander sehr ähnlich sehen und sich vom Dr. Rezai eine sechs Jahre alte, identische Tätowierung entfernen ließen/lassen, kann auch bloß Zufall sein…

Mit „Bild“-Schlagzeilen Versicherungen verkaufen

Und da die „Bild“-Zeitung auch heute wieder erhebliche redaktionelle Energie auf ihre zunehmend groteske Renten-Lügen-Kampagne verwendet, stellt sich wieder einmal und immer drängender die Frage: Warum machen die das? Um sich als Kämpfer für den kleinen Mann darzustellen und die Auflage zu steigern?

Nicht nur.

Alles spricht dafür, dass die „Bild“-Kampagne den Verkauf privater Rentenversicherungen ankurbeln soll. Besonders deutlich wird die Vermischung redaktioneller und werblicher Inhalte heute im Online-Angebot von „Bild“. Dort stehen im Artikel „Rente ist nicht sicher: Müssen wir uns wirklich so belügen lassen?“, der von der gedruckten „Bild“-Zeitung übernommen wurde, vier Kästen, die „Mehr zum Thema“ versprechen (siehe Ausriss):

Der erste „Mehr zum Thema“-Kasten („Fragen an Experten: Müssen wir uns wirklich so belügen lassen?“) führt tatsächlich zu weiteren redaktionellen Inhalten aus der „Bild“ von heute: vier Zitate von Experten zum Thema.

Der zweite „Mehr zum Thema“-Kasten („Egal ob Single oder Familie — das gibt’s vom Staat dazu“) führt tatsächlich zu einer entsprechenden Service-Tabelle — allerdings von der Allianz, die auch private Rentenversicherungen verkauft und ein „Partner“ von Bild.T-Online ist. Es handelt sich dabei um eine Anzeige.

Der dritte „Mehr zum Thema“-Kasten („Hier können Sie Ihre Riester-Rente berechnen“) führt unerwarteterweise direkt zum Internetangebot der Allianz. Dort heißt es: „Berechnen Sie mit dem RiesterRente Rechner Ihre ganz persönliche Allianz RiesterRente.“ Das Unternehmen vermischt den landläufigen Namen für eine staatlich geförderte Form der freiwilligen Rentenversicherung („Riester-Rente“) mit dem Namen für ein eigenes Angebot („Allianz RiesterRente“). Diese „Allianz RiesterRente“ hatte vor wenigen Monaten noch einen anderen Markennamen: Sie hieß „VolksRente“ und war ein gemeinsames Angebot von Allianz und Bild.T-Online.

Der vierte „Mehr zum Thema“-Kasten schließlich trägt den Titel „Was Sie über Ihre Riester-Rente wissen müssen!“ und ist der beste von allen. Wer auf ihn klickt, kommt zu einem Pop-Up mit 7 Fragen zum Thema. Alles deutet darauf hin, dass es sich hier um ein redaktionelles Angebot handelt: Das Pop-Up sieht aus wie die redaktionellen Pop-Ups bei Bild.de, es trägt das Logo von Bild.de, in der Titelzeile steht „Bild.T-Online.de“, es gibt kein Logo eines Versicherungsunternehmen und keinen Link zu irgendeiner Verkaufsseite. Was es allerdings gibt, sind Fragen und Antworten wie diese:

Erhalten auch Hausfrauen bzw. -männer die vollen Zulagen?

Ja, wenn der berufstätige Ehepartner eine Allianz Riester Rente hat, kann auch der — nicht berufstätige — Ehegatte einen eigenen Vertrag abschließen.

Oder diese:

Wie bekomme ich die Förderung?

Das ist für Sie ganz einfach: Es genügt eine Bevollmächtigung, alles weitere erledigt Ihr Fachmann von der Allianz oder der Dresdner Bank für Sie.

Und der Artikel, in den all das eingepasst ist, trägt — wie gesagt — die Überschrift: „Müssen wir uns wirklich so belügen lassen?“
 
Nachtrag, 14 Uhr: Bild.de hat die „Mehr zum Thema“-Kästen, die nicht auf redaktionelle Seiten, sondern auf diverse Werbeseiten verlinkten, aus dem „Bild“-Artikel entfernt. Stattdessen wurde ein neuer Kasten eingefügt, der auf eine (dem Bild.de-Layout allerdings recht ähnliche) Allianz-Anzeige verlinkt, und der Kasten selbst mit dem Wort „Anzeige“ überschrieben (siehe Ausriss).

„Bild“ entdeckt Privatsphäre

In der Bild-Zeitung werden … häufig persönlichkeitsrechtsverletzende Beiträge veröffentlicht. Oftmals verletzen die Beiträge sogar die Intimsphäre der Betroffenen. (Landgericht Berlin, Januar 2003)

 
Sie müssen Tränen gelacht haben in der „Bild“-Redaktion, als ihnen einfiel, dass sie in einen Artikel diesen scheinbar empörten Satz schreiben können:

Es sind Aufnahmen aus dem Privatbereich, die kein Mensch von sich in der Zeitung sehen möchte.

Der Satz steht in einem „Bild“-Artikel über Fotos von Angela Merkel beim Umziehen, die britische Zeitungen veröffentlicht haben. Bestimmt lachten sie bei „Bild“ noch, als sie unter einen Ausriss von dem Skandal-Artikel scheinbar fassungslos die Worte setzten:

Kein Respekt vor der Privatsphäre der Kanzlerin.

Und als sie das Zitat des stellvertretenden Regierungssprechers einbauten:

„Auch die Bundeskanzlerin und ihr Mann haben ein Recht auf Privatsphäre!“

Vielleicht haben auch Günther Jauch und Anke Engelke Tränen gelacht, Gregor Gysi und die Frau von Joschka Fischer und all die anderen bekannten und unbekannten Menschen, die erst vor Gericht ziehen mussten und müssen, um gegenüber der „Bild“-Zeitung ihr Recht auf Privatsphäre durchzusetzen.

Ganz besonders hat bestimmt Sabine Christiansen gelacht, die gerade juristisch gegen die „Bild“-Zeitung vorgeht, weil sie in den vergangenen Wochen mehrmals Fotos aus ihrem Privatleben veröffentlicht hat. Dabei hatte die Fernsehmoderatorin im vergangenen Jahr eine einstweilige Verfügung gegen die Axel Springer AG erwirkt, die es dem Verlag untersagen, „Bildnisse aus dem privaten Alltag“ Christiansens zu verbreiten. (Springer hat dagegen Rechtsmittel eingelegt.)

Vielleicht hat auch Angela Merkel selbst gelacht, weil sie in der vergangenen Woche fast an jedem Tag ihres Privaturlaubs in Italien mit Fotos in der „Bild“-Zeitung war. Einige davon waren so, dass die „Bild am Sonntag“ sie zum Anlass für eine staatspolitische Grundsatzdiskussion nahm, ob eine Kanzlerin denn im Urlaub so herumlaufen dürfe.

Aber zurück zur empörten „Bild“-Zeitung von heute. Die hat mit ihrer Empörung ja Recht: Zeitungen dürfen keine Bilder aus der Privatsphäre von Prominenten verbreiten, solange es kein begründetes öffentliches Interesse daran gibt. Das betrifft die Merkelschen Urlaubsfotos, die „Bild“ veröffentlicht hat (und Bild.de praktischerweise gleich in dem Empörungs-Artikel verlinkt hat), ebenso wie die Urlaubsfotos aus den britischen Blättern. Verboten ist nach dem „Caroline-Urteil“ des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte beides.

Es sei denn, Merkel hätte der Veröffentlichung ausdrücklich zugestimmt, als einer Art Homestory „Die Merkels in Italien“. Aber was hat „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann nach dem „Caroline“-Urteil noch dem „Focus“ gesagt? Seine Zeitung werde „auf jedwede Art von Homestorys über Politiker verzichten“. Um beim Leser „von vornherein jeden Anschein vermeiden, wir würden mit eingebauter Schere im Kopf nur noch Hofberichterstattung betreiben“.

Hm. Entweder hat „Bild“ also mit der Veröffentlichung der Merkelschen Urlaubsfotos gegen geltendes Recht verstoßen oder gegen den eigenen Vorsatz, sich nicht zu Hofberichterstattern machen zu lassen.

Außer- und Unterirdisches

1995 machte eine Dokumentation Furore, die angeblich zeigte, wie 1947 in Roswell ein Außerirdischer obduziert wird. Vor einigen Tagen hat der Brite John Humphreys zugegeben, dass der vermeintliche Außerirdische eine von ihm gebastelte Puppe war.

Die „Bild“-Zeitung nimmt das zum Anlass, ihre eigene Experimentreihe fortzusetzen, auf kleinstmöglichem Raum eine überirdisch große Zahl von Fehlern unterzubringen. Sie schreibt über den Alien-Film:

Erst 1995 hat ihn der englische Webdesigner John Humphreys in seiner Wohnung in London produziert. Der Mann hat u. a. „Max Headroom“ erfunden, die erste computeranimierte Werbefigur (u. a. für T-Mobile).

1. John Humphreys ist kein „Webdesigner“, sondern ein Bildhauer und Special-Effect-Experte bei Film und Fernsehen.

2. Max Headroom ist nicht „computeranimiert“. Die Figur wurde von dem Schauspieler Matt Frewer gespielt, der eine Maske trug.

3. Max Headroom war eigentlich keine Werbefigur, sondern Moderator einer Chart-Show und Protagonist eines britischen Fernsehfilms und einer amerikanischen Science-Fiction-Serie. Aber wie viele erfolgreiche Fernsehstars bekam er in der Folge auch Werbeaufträge, u.a. für Coca Cola.

4. Max Headroom war nie die Werbefigur für ein deutsches Telekommunikations-Unternehmen. „Bild“ verwechselt ihn mit Robert T-Online — angesichts der Ähnlichkeit der beiden ein naheliegender Fehler, aber doch ein Fehler.

5. Weder Max Headroom noch Robert T-Online haben je für T-Mobile geworben. „Bild“ meint T-Online.

Und als Bonusfehler nennt „Bild“ den Bildhauer und Spezialeffektmann John Humphreys im Bildtext „Werber“.

Vielen Dank an Alex Z., Michael S. und Andreas N.!

Robin Hood für ganz Arme V

Eigentlich gehören wir ja nicht zu denjenigen, die hinterher sagen, sie hätten es ja gleich gewusst, aber: Die „Bild“-Anzeige gegen die sogenannten „Renten-Lügner“ bleibt ohne Folgen. Das Verfahren wurde eingestellt, weil der Staatsanwalt weder den Tatbestand der Untreue noch den des Betrugs erfüllt sah. Das war zwar absehbar, hindert „Bild“ aber natürlich nicht daran, einen Seite-1-Aufmacher daraus zu machen:

Und mal abgesehen davon, dass es wohl eigentlich heißen müsste, „Justiz schockt ‚Bild‘-Leser“, ist auch der Einleitungstext irreführend:

Die Begründung des Oberstaatsanwaltes ist ein Schock für Millionen Arbeitnehmer: Es gibt keinen Anspruch auf Auszahlung der eingezahlten Beträge!

Das ist erstens eine ziemlich verkürzte Darstellung, und zweitens dürfte das nur ein Schock für die sein, die keine Ahnung davon haben, wie das deutsche Rentensystem organisiert ist. Zu denen scheint auch Paul C. Martin zu gehören, der sich in seinem Kommentar mit dem Thema auseinandersetzt. Weil Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Dalheimer in seiner Begründung, die „Bild“ in Auszügen abdruckt, einmal das Wort „Chance“ benutzt, meint Martin nun, die deutsche Altersversorgung sei „endgültig zur Lotterie verkommen“:

Auch dort hat jeder eine Chance auf künftige Zahlung.

Das ist natürlich völliger Humbug. Wie auch Martin wissen muss. Die vollständige Passage mit der „Chance“ liest sich nämlich in Dalheimers Schriftsatz so:

Mit der Entrichtung des Rentenbeitrags erwirkt der Versicherte (…) nur eine Anwartschaft oder Chance auf eine künftige Rentenzahlung. Dabei ist rechtlich nicht die Höhe der Rente geschützt, sondern nur der Anspruch als Sicherungsobjekt an sich steht fest.

Wer in die Rentenkasse einzahlt, erwirbt also, anders als ein Lotterie-Teilnehmer, eine Anwartschaft und folglich einen Anspruch auf eine künftige Rentenzahlung.

Und „Bild“ hat noch andere Passagen in der Einstellungsverfügung gefunden, die sie in ihrem Sinne auslegt:

Aber: In ihrer schriftlichen Begründung geht die Berliner Staatsanwaltschaft mit den Renten-Versprechen der Politiker hammerhart ins Gericht!

Oberstaatsanwalt Karl-Heinz Dalheimer rügt, daß das von BILD „beanstandete Verhalten der für die Rentenproblematik Verantwortlichen aus der Sicht des Bürgers in mancherlei Hinsicht beanstandenswert und diskussionswürdig sein mag.“

Die Justiz zeigt also Verständnis dafür, daß Millionen Renten-Beitragszahler wütend sind, daß ihnen bei der staatlichen Rente nicht die Wahrheit gesagt wird!

Lässt man probehalber mal alles weg, was „Bild“ hier vor und nach dem Dalheimer-Zitat schreibt, bleibt plötzlich nur noch ein Satz übrig, der gar nicht mal so „hammerhart“, sondern eher diplomatisch formuliert ist. Er „rügt“ auch niemanden und drückt definitiv kein Verständnis dafür aus, dass Renten-Beitragszahler wütend seien, weil ihnen bei der staatlichen Rente „nicht die Wahrheit gesagt“ werde. Aber es spielt ja ohnehin überhaupt keine Rolle. Das von „Bild“ angeleierte Verfahren wurde eingestellt.

Und so bleibt von der „Bild“-Anzeige letzten Endes nur folgende, magere und wenig überraschende Erkenntnis:

Soll heißen: Es verstößt zwar nicht gegen Gesetze, Bürger und Beitragszahler bei der gesetzlichen Rente im unklaren zu lassen. Aber unser Rentensystem ist eindeutig reformbedürftig.

Und um das herauszufinden, musste „Bild“ tatsächlich erst die Staatsanwaltschaft bemühen?

SPD-Politiker nennt Kakerlaken „Kakerlaken“

Die Sorgfaltspflicht des Journalisten im Umgang mit Quellen ist für die journalistische Arbeit und das Ansehen der Presse in der Öffentlichkeit von höchster Bedeutung.

(Aus den „journalistischen Leitlinien“ der Axel-Springer-AG.)

Martin S. Lambeck schreibt heute in seiner „Bild am Sonntag“-Kolumne:

Tiernamen haben in der Politik Konjunktur! Arbeitsminister Franz Müntefering prägte in seiner Zeit als SPD-Chef für bestimmte Investmentfonds den Begriff „Heuschrecken“. Doch am Mittwoch kam es noch schlimmer! Hamburgs Ex-Bürgermeister und Bundestagsabgeordnete Ortwin Runde (SPD) bezeichnet Geldanleger neuerdings als „Kakerlaken“! Es geht dabei um Investoren, die mit Immobilienbesitz an die Börse wollen (sogenannte REITs). Runde meint, das seien „Kakerlaken in den Wohnungen“.

Klingt nach einem Verstoß gegen das Gebot „Du sollst Menschen keine Tiernamen geben“. Ist aber ein Verstoß gegen das Gebot „Du sollst Zitate nicht sinnentstellend aus dem Zusammenhang reißen“.

Gesagt hat Runde der „taz“ am Mittwoch* nämlich dies:

Bei REITs besteht die Gefahr von Immobilienblasen. Deutschlands Mietwohnungen könnten zum Zielgebiet von internationalen Finanzstrategen werden, die maximale Renditen erzielen wollen. Wohnumfeld oder soziale Mischung interessieren dann nicht mehr. Wir müssen aufpassen, dass wir nach den Heuschrecken nicht die Kakerlaken in die Wohnungen lassen.

Der Politiker bezeichnet als „Kakerlaken“ also nicht die Investoren, sondern die Kakerlaken. Er meint, ähnlich wie der Deutsche Mieterbund: Die „Heuschrecken“ (also die Investoren) könnten durch ihre Fixierung auf maximale Gewinne dafür sorgen, dass Wohngebiete verwahrlosen.

War das wirklich für Martin S. Lambeck zu schwer zu verstehen?

*) Nachtrag/Korrektur, 17. April. Das „taz“-Interview mit Runde ist nicht an diesem Mittwoch erschienen, sondern bereits am 25. Januar. Seitdem ist es u.a. von der REITs-Lobby auf die gleiche, unzulässige Art verkürzt worden wie von Lambeck. Die Zeitung „Euro am Sonntag“ behauptet, Runde habe von „Kakerlaken vor der Tür“ gesprochen. Das ist vermutlich schlicht falsch: Ein Papier Rundes zum Thema [pdf] trägt den Titel „Heuschrecken vor der Tür?“ Wie „Bild am Sonntag“-Kolumnist Lambeck darauf kommt, Runde habe konkret am Mittwoch der vergangenen Woche von „Heuschrecken in den Wohnungen“ gesprochen, wissen wir nicht.

Eine Lüge und eine Retourkutsche

SENTA BERGER: O. W. Fischer wollte sie vergewaltigen!Am 30. März war die Schauspielerin Senta Berger groß in der „Bild“-Zeitung (siehe Ausrisse, ähnlich bei Bild.de), unter anderem auf Seite 1. Aus ihrer Autobiographie „Ich habe ja gewußt, daß ich fliegen kann“ hatte sich „Bild“ die besten Stellen herausgesucht. Im Interview mit der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ beschreibt Frau Berger diese „Reduzierung“ als „Kränkung“ — und erzählt die Vorgeschichte dazu:

Wir hatten in der „Bild am Sonntag“ ein Interview, und dieses Gespräch war sehr reich und hat auch sehr lange gedauert, und als es mir dann zugesandt wurde, habe ich schon erkannt, in welche Richtung dieses Gespräch reduziert werden soll. Nachdem wir ausgemacht hatten, daß ich es korrigieren darf, habe ich das getan, ich habe die Themen nicht geändert, aber die Wortwahl vorsichtiger gemacht. Sie haben dann aber das unkorrigierte Interview abgedruckt und haben, als ich mich dann am Montag gewehrt habe, gesagt, ich hätte ihnen die E-Mail zu spät geschickt, was einfach eine Lüge war. Daraufhin hat mein Verlag den Vorabdruck gestoppt.

Senta Berger als junge Schauspielerin, nur mit einem Handtuch. Dieser Körper machte die Männer verrückt.Und dann, quasi als kleine Retourkutsche, kam dieser Aufmacher „Vergewaltigung von O. W. Fischer“ und so. Es hat mich gekränkt, weil ich die Vorgeschichte kenne und weil mir der zuständige Redakteur Blumen geschickt hatte im Vorfeld und sich dann hat aber doch seinen Regeln unterwerfen müssen. Ich glaube, daß die Zwänge dort unglaublich sind.

Nachtrag, 23. April. In einem Leserbrief in der heutigen „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ ergänzt Senta Berger:

In meinem Gespräch mit der F.A.S. ist offenbar der Eindruck entstanden, die „Bild am Sonntag“ habe absichtlich ein von mir nicht autorisiertes Interview gedruckt. Inzwischen weiß ich, daß dies nicht der Fall war. Vielmehr handelte es sich um eine Panne, die von der Redaktion noch während der Produktion der Zeitung, so gut es ging, behoben wurde.

„Bild“ nimmt Karfreitag die Spannung

Natürlich hätte alles viel schlimmer kommen können. „Bild“ hätte titeln können:

Geheimes Karfreitags-Gebet gefunden!

Norbert Körzdörfer hätte als „Bild“-Sonderkorrespondent nach Rom geschickt werden können für die Schlagzeile:

Welt-exklusiv! BILD trifft Super-Karfreitagsgedicht

Oder „Bild“ hätte, nie auszuschließen, Hitler irgendwie ins Spiel bringen können:

(Keine Abbildung.)

So gesehen muss man froh sein, dass die „Bild“-Zeitung daraus, dass sie „vom Vatikan exklusiv die Genehmigung erhielt, bereits am heutigen Gründonnerstag das Gebet zu drucken, das der Heilige Vater morgen sprechen wird, bevor er der Kreuzigung Jesu gedenkt“, nur folgende Schlagzeile gemacht hat:

EXKLUSIV: Das Papst-Gebet in BILD

Und das stimmt ja auch zweifellos — vielleicht bis auf die Wörter „exklusiv“ und „Papst-Gebet“. Denn die Gebete und Meditationen, die der Papst morgen sprechen wird und die „heute schon in BILD“ stehen, wurden nicht nur am Dienstag schon in einem Buch auf deutsch veröffentlicht, sondern stehen auch mindestens seit Montag schon auf der offiziellen Internetseite des Vatikan. Und das, was „Bild“ „das Karfreitags-Gebet von Papst Benedikt XVI.“ nennt, ist gut zur Hälfte nicht einmal ein Gebet, sondern nur eine „Betrachtung“. Die „Bild“-Zeitung hat aus zwei verschiedenen Arten von Kreuzweg-Texten einfach ein eigenes Papst-Gebet montiert.

Das hat sie dafür aber nun tatsächlich exklusiv.

Danke an Martin R. und Jason M. für die Hinweise!

Blättern:  1 ... 636 637 638 ... 751