Ehrgeiz, Kameragier und Nervosität

In der aktuellen Ausgabe geht Karl-August Almstadt aus der Chefredaktion der „Auto Bild“ auf den vorgetäuschten Mercedes-Test und den Rauswurf ihres Chefreporters ein. Almstadt macht Stern-TV Vorwürfe und spricht vom „Fokus im typischen Boulevard-TV auf ein kleines Brett am Rande der Bahn, das auch einige der Crash-Verantwortlichen ebenso wie der AUTO BILD-Redakteur temporär im Kopf hatten“. Über die Rolle des eigenen Chefreporters schreibt er:

Wir wissen es nicht und können auch nicht nachvollziehen, warum sich unser Redakteur auf die optische Bremskrücke in Form eines simplen Bretts am Rande der Bahn eingelassen hat. War es der James Dean in ihm, der den Overthrill suchte? Der unbedingt vor der Kamera den perfekten Fahrer mimen wollte? Fügten sich Ehrgeiz, Kameragier und Nervosität zu einem unheilvollen Ego-Antrieb? Die Gründe bleiben nebulös, der Hintergrund ist klar: Specht ist integer, vermutlich überdreht (…).

(…) unser Redakteur ließ sich als lebender Dummy mißbrauchen. Viel schlimmer: Kein Wort an die Chefredaktion, daß diese Hallen-Szene nur nachgestellt war. Stattdessen: „Ich hab’s verpatzt, den Bremspunkt nicht getroffen.“

(…) Warum uns der eigene Mitarbeiter nicht sofort, sondern erst auf beharrliche Nachfrage, die ganze Wahrheit des Hallencrashs vom 11. November erzählt hat, kann der arg durchgeschüttelte Kollege nicht wirklich schlüssig erklären. Die Folgen: Unser Bericht über das S-Klasse-Radar mußte neu geschrieben werden, von unserem Kollegen Michael Specht haben wir uns getrennt.

Er steht allerdings noch im Impressum.

Danke an Mike D.!

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„Bild“-Dialektik

Rudi Carrell hat Lungenkrebs.

Am 16. November 2005 beschrieb „Bild“ Carrells Reaktion so:

Er schläft viel, nimmt fast keine öffentlichen Termine mehr wahr. Nur das Rauchen läßt der Kettenraucher (täglich zwei Packungen Zigaretten) nicht sein.

Am 24. November 2005 beschrieb „Bild“ Carrells Reaktion so:

Rudi hörte nach 52 Jahren sofort mit dem Rauchen auf, „ohne damit irgendein Problem zu haben“, wie er selbst sagt.

Danke an Stephan D. und Thomas K. für die Hinweise!

Schleichwerbung: Fast alles beim alten

Es ist noch gar nicht lange her, da rief Bild.de dazu auf, mehr Urlaub mit TUI in Deutschland zu machen. Angeblich hatte Bild.de „für Sie die 10 schönsten Reiseziele in Deutschland zusammengestellt“. Sämtliche Links mit dem Hinweis „hier gleich buchen“ führten damals zu TUI.

Und heute? Heute hat Bild.de unter der Überschrift „Billig brettern! Hier machen Sie günstig Skiurlaub“ angeblich „10 coole Tips“ für die Wintersaison. Dort heißt es:

Bild.T-Online stellt Ihnen 10 tolle Skiorte vor. Und je ein Angebot, wie Sie billig brettern können, gibt’s gleich dazu!

Klickt man sich durch die Galerie, gibt es am Ende jedes Absatzes nicht nur einen Link zum jeweiligen Angebot, sondern man erfährt sogar schon, von wem das Angebot stammt. Und überraschender Weise steht da nicht jedes Mal TUI. Bild.de hat diesmal tatsächlich noch einen anderen Reiseveranstalter gefunden, der beispielsweise ein „Rundum-Sorglos-Skipaket“ bietet: Nämlich L’TUR, eine TUI-Tochtergesellschaft.

Das Wort „Anzeige“ findet sich mal wieder nirgends.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Annette B.

„La Legge“

Katherine Legge ist Rennfahrerin. Und weil Legge gestern als erste Frau seit 13 Jahren in Vallelunga bei Rom eine Testfahrt in einem Formel-1-Auto machen durfte, nannte Bild.de sie:

Oder:

Dabei ist Katherine Legge (geboren in Guildford, wohnhaft in Northamptonshire und von den Italienern liebevoll „la Legge“ genannt) gar keine Italienerin, sondern Britin.

Aber zum Glück prallte „La Legge“, wie auch Bild.de die Britin nennt, gestern ja schon nach zwei Runden gegen eine Mauer, was Bild.de die Gelegenheit gab, die erste Fassung ihrer Meldung zu aktualisieren, weshalb dort inzwischen nicht mehr von „Italiens schnellster Frau“ die Rede ist. Stattdessen heißt es nun (sprachlich gewagt):

Was wiederum nicht bedeuten soll, dass für Bild.de damit auch die Frage ihrer Nationalität geklärt wäre. Im Gegenteil heißt es später im Text nach wie vor über „La Legge“:

Das bleibt zwar sachlich falsch, ist aber wenigstens grammatikalisch unverfänglich.

Mit Dank an Neil G. und Tobias J. für die Hinweise.

Nachtrag, 14:50:
In der zweiten Runde hat Bild.de es dann doch noch geschafft, nicht nur den Grammatikfehler zu korrigieren, sondern „La Legge“ (wie der Italiener und Bild.de sie nennt) auch die richtige Staatsangehörigkeit zu verleihen.

Es war einmal: ein Knast-Mädchen

Vielleicht ist es falsch, sich „Bild“-Redakteure als Journalisten vorzustellen. Bestimmt sehen sie sich eher als Geschichtenerzähler, und beim Märchen von der „hübschen Melanie“, die von „Bild“ etwas irreführend „Miss Knast“ genannt wird, war jetzt einfach mal eine Art Zwischen-Happy-End fällig.

Denn zur Freude der „Bild“-Zeitung hat es die 22-jährige Berlinerin, die seit zweieinhalb Jahren in Brasilien im Gefängnis sitzt, weil sie mit Kokain erwischt wurde, und zwischenzeitlich an einem „Miss Knast“-Wettbewerb teilgenommen hat, „jetzt“* auf das Cover der brasilianischen Zeitschrift „Trip“ geschafft. Nun wird alles gut werden. Wenn man an Märchen glaubt. Oder der „Bild“-Zeitung.

Miss Knast macht jetzt Model-Karriere

(…) Karriere im Käfig: Verführerische Pose, heiße Spitzen-Dessous, dazu unschuldige blaue Augen und sexy Schmollmund — so macht Melanie jetzt die Brasilianer verrückt. Schon ihr Haftrichter schwärmt: „Sie ist schöner als die Bardot.“

Der Auftakt zu einer Model-Karriere — Melanies ganz große Chance?

(…) Noch bis Dezember 2007 muß sie im berüchtigten Frauenknast von Sao Paulo (649 Insassinnen) einsitzen. Dann könnte sie als Top-Model die Zelle verlassen.

„Bild“-Leser warten schon lange darauf. Schon am 21. Juni fragte „Bild“: „Ist eine Model-Karriere die große Chance der Deutschen?“ Am 23. Juni schrieb „Bild“: „Jetzt träumt Melanie von einer Karriere als Model“ und war sich sicher: „Um Jobangebote muß sie sich wohl dann keine Sorgen machen…“. Und bereits am 28. Juni berichtete „Bild“ von dem erotischen Fotoshooting.

Die aktuelle Geschichte hat „Bild“ offenkundig nicht selbst recherchiert, sondern aus der vor einem Monat erschienenen November-Ausgabe der Zeitschrift „Blond“ abgeschrieben — daher stammt jedenfalls das von „Bild“ leicht geänderte Zitat des Haftrichters. Aber „abgeschrieben“ trifft es nicht, denn der Absatz mit dem Haftrichter geht in „Blond“ noch weiter und enthält nicht ganz unwesentliche Informationen:

(…) zusammen mit einem konservativen TV-Moderator macht [der Haftrichter] gegen „Trip“ mobil: eine Gefangene im Höschen, das gehe selbst in Brasilien nicht. Moralisten versus Unterhaltungsindustrie. Ein Skandal.

Der Berliner „Tagesspiegel“ wusste vor einem Monat noch ein bisschen mehr über die unangenehmen Folgen des angeblichen Beginns einer strahlenden Model-Karriere:

(…) als die Fotos erscheinen, werden sie zum Politikum: Sao Paulos Tageszeitungen wettern, ob in den Gefängnissen alle alles dürften, sogar der Gouverneur von Sao Paulo gerät in Erklärungsnot. Und für Melanie wird der ersehnte Hauptgewinn erneut zur Niete: Weil im Gefängnis „ihre Extrawürste“ nicht mehr auf Gegenliebe stoßen, wird „Melanie tagelang bedroht“, sagt ihr Anwalt. Dann dringt die Geschichte auch noch bis Berlin-Hellersdorf durch – das Sozialamt kürzt Melanie die Hilfe und streicht sie später ganz.

Ja, das hat „Bild“ einfach weggelassen. Aber darauf kam es dann auch nicht mehr an. Denn schon die Geschichten vom ersten Platz und vom zweiten Platz bei der „Miss Knast“-Wahl seien Märchen gewesen, sagte Melanie dem „Tagesspiegel“:

Die angebliche Miss Knast Brasilien landete in der Endauswahl der Schönheiten auf den hinteren Plätzen.

*) Gleich viermal benutzt „Bild“ in dem Artikel im Zusammenhang mit den Cover-Fotos das Wort „jetzt“. Die Fotos erschienen in „Trip“-Ausgabe 132. Die aktuelle Ausgabe ist 139. „Trip“ ist eine Monatszeitschrift.

Danke an Max R. und Joachim W.!

Nachtrag, 25. November. Nur um genau zu sein: Der jüngste Artikel über die vermeintliche „Miss Knast“ ist nicht in der gedruckten „Bild“ erschienen, sondern nur bei Bild.de und vorher ähnlich in der Schwesterzeitung „B.Z.“.

Hahnes Denkfehler

So gesehen war’s echt nett von der „BamS“, dass sie am Sonntag einige Sätze in Peter Hahnes „Gedanken zum Sonntag“ gefettet hat. Da fällt es dann um so leichter, Hahnes Denkfehler zu entdecken, wenn er, wie am Sonntag geschehen, „über Killerspiele für Kinder und eine Koalition der Vernunft“ kolumniert. Anlässlich der „World Cyber Games 2005″ und eines Passus im Koalitionsvertrag, wonach „Killerspiele ganz verboten“ werden sollen, schreibt Hahne über „Figuren mit stacheldrahtumwickelten Baseballschlägern“ und denkt sich seinen Teil („Da helfen nur Verbote, keine Altersbeschränkungen“).

Doch obwohl man dem Kolumnisten förmlich anmerkt, wie er sich in das Thema eingearbeitet hat, wenn er behauptet, das Computerspiel „Counterstrike“ sei „nur zu gewinnen, wenn man (…) mindestens fünf Menschen tötet“, ist das schlichtweg falsch: „Counterstrike“ (dessen Hauptinhalt laut Bundesprüfstelle übrigens „nicht das Töten“ ist) lässt sich selbst dann „gewinnen“, wenn am Ende alle virtuellen Spielfiguren quicklebendig sind.

Weiter behauptet Hahne:

Dabei war’s doch weder eine „Pumpgun“, mit der Robert Steinhäuser am 26. April 2002 das „Blutbad in seiner Schule anrichtete“ (sondern eine Pistole), noch der Film „Halloween H20″, der Michael Weinhold am 11. Februar 2002 „als Vorlage für seine Tat diente“ (sondern vermutlich „Halloween I“).

Aber Hahnes Kolumne heißt ja auch nicht „Recherchen zum Sonntag“.

Mit Dank an Philipp W. für den Hinweis sowie Stefan und counter-strike.de für die fachliche Unterstützung.

Verdammte Schnürsenkel

Der diensthabende Hitler-Beauftragte von „Bild“ war offensichtlich in Eile, als er den Artikel über den Diebstahl von Hitlers Parteiabzeichen schrieb. Da steht:

Der Einbrecher war Kletter-Profi. Er seilte sich zum Ausstellungskasten ab, schlug ihn ein. Auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie er sich in aller Ruhe die Schuhe zubindet.

Was für ein eiskalter Hund, könnte man meinen. War der Einbrecher aber gar nicht, sondern eher ein Trottel. Zumindest steht das in der „Times“, auf die sich „Bild“ ausdrücklich bezieht. Denn nicht nur, dass der Einbrecher laut „Times“ einen Alarm auslöste, er entkam auch durch pures Glück:

„If only our policemen on guard hadn’t been tying up the laces on their boots,“ the investigator said, „he would have been caught on the spot.“

Zum einen meint das also die Schnürsenkel der Polizisten und nicht die des Einbrechers. Und zum anderen beschleicht einem beim Lesen der Beschreibung des Einbruchs in der „Times“ der Verdacht, dass das mit dem Binden der Schnürsenkel nicht einmal wörtlich gemeint ist, sondern eher im Sinne von: Wären unsere Polizisten nicht so lahmarschig gewesen, hätten sie ihn noch am Tatort geschnappt.

Elende Fremdsprachen.

Nachtrag, 18.22 Uhr: Anders als „Bild“ schreibt, hatte Magda Goebbels übrigens nicht fünf Kinder, sondern sechs. Das hätte „Bild“-Autor Paul C. Martin einfach korrekt aus dem „Times“-Artikel abschreiben können — oder aus „Bild“.

Nachtrag, 26. November: Genau genommen hatte Magda Goebbels sieben Kinder, aber hier (und in „Bild“) ging es nur um die sechs, die sie im Führerbunker mit in den Tod nahm (Harald Quandt aus erster Ehe war schon erwachsen).

Danke an Christian W. und Catharina!

Fusionshindernis „Bild“

Das Kartellamt hat massive Bedenken gegen die geplante Fusion der Axel Springer AG mit ProSiebenSat.1. Nach jetzigem Stand ist sie nicht genehmigungsfähig. Es geht um den drohenden mangelnden Wettbewerb im Fernsehwerbemarkt und im Anzeigenmarkt der überregionalen Zeitungen, vor allem aber um das Fast-Monopol der „Bild“-Zeitung im Markt der Boulevardzeitungen.

Kartellamts-Präsident Ulf Böge sagt im „Tagesspiegel“:

Bei Straßenverkaufszeitungen hat Springer mit „Bild“ 80 Prozent Marktanteil. Diese Position darf nicht durch redaktionelle oder werbliche Unterstützung des Fernsehens verstärkt werden.

Springer hatte behauptet, der Konzern gebe sich mit der Übernahme eine vergleichbare Struktur wie der Konkurrent Bertelsmann („Stern“, RTL). Dem widerspricht Böge in der „FTD“ heftig:

„Das ist der Unterschied vom Springer-Fall zu Bertelsmann, dass Springer mit der „Bild“-Zeitung eine marktbeherrschende Stellung einnimmt. Daher wäre es eine falsche Betrachtungsweise, wenn man sagen würde: Was Bertelsmann darf, muss Springer auch dürfen. (…) Die „Bild“-Zeitung könnte durch entsprechende werbliche Maßnahmen mehr Aufmerksamkeit erhalten, etwa durch Hinweise im Fernsehen darauf, was in „Bild“ steht, Das würde eine sehr weit reichende Absicherung der ,Bild‘-Zeitung im Lesermarkt bedeuten – mit der Folge, dass dort noch weniger Wettbewerb herrscht.“

Der Medienkonzentrationsforscher Horst Röper erläutert in der „Frankfurter Rundschau“:

„Bild hat als die Milchkuh des Konzerns immer schon eine zentrale Stellung gehabt. Und verbunden mit der Marke Bild sind ja noch etliche weitere Aktivitäten von Springer. Die Verbundmöglichkeiten zwischen Bild und den TV-Sendern stellen die eigentliche Hürde im Fusionsverfahren dar. Diese zu entkräften, dürfte für Springer schwierig werden.“

Die „Berliner Zeitung“ kommentiert:

Zwölf Millionen Menschen lesen täglich die Bild-Zeitung. Ihr Chefredakteur, Kai Diekmann, triumphierte zuletzt, „Bild“ sei das neue Leitmedium der Republik. Gemeinsam mit den anderen Zeitungen und Zeitschriften aus dem Hause Springer dominiert sie nicht nur den Meinungs-, sondern auch den Anzeigenmarkt. Darf ein derart mächtiger Verlag auch noch die größte TV-Senderkette des Landes besitzen?

Nein, hat nun das Bundeskartellamt geurteilt. (…)

Erstmals hat das Kartellamt im Fall Springer/ProSiebenSat.1 medienübergreifende Aspekte bei der Beurteilung eines Fusionsvorhabens zu Grunde gelegt. Zu Recht. (…) Crossmediale Vermarktungsstrategien sind ebenso denkbar wie redaktionelle Verflechtungen und PR-Kampagnen für das jeweilige Schwesterunternehmen.

Springer wird nun also etwas von seiner Macht abgeben müssen. Das ist nicht nur gut für den Wettbewerb, sondern auch für die Meinungsvielfalt.

Nicht mehr in Abrahams Schoß

Die Zeitschrift „Auto Bild“ hat Konsequenzen aus dem Skandal um ihren Chefreporter Michael Specht gezogen und sich von ihm getrennt. Das berichtet die „Berliner Zeitung“ unter Berufung auf einen Sprecher des Springer-Verlages.

(Spechts „Test“ ist bei autobild.de allerdings weiterhin online.)

Kurz korrigiert (33)

Weil Michael Ballack verletzt ist, sollte ihn beim FC Bayern heute Ali Karimi ersetzen. Aber „Bild“ war von dessen Leistung enttäuscht: „Ein gleichwertiger Ersatz war er (noch) nicht.“

Kein Wunder: Karimi spielte nämlich gar nicht. Er hatte sich vor dem Spiel verletzt.

Danke an Ralph R. für den Hinweis!

Nachtrag, 21. November, 0.25 Uhr: Es hat lange gedauert, aber irgendwann gestern abend hat jemand die beiden falschen Sätze ersatzlos gestrichen.

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