Cui bono?

Dies ist die heutige „Bild“-Schlagzeile:

Und die Stellen, an denen „Bild“ erklärt, warum das die heutige „Bild“-Schlagzeile ist, sehen maßstabsgetreu ungefähr so aus:


Es handelt sich dabei um neun kleine Worte („Nun ist er als Chef der CSU im Gespräch“), irgendwo mitten in einem Seite-2-Kommentar, 20 kleine Worte am Anfang eines Seite-2-Artikels („In der Führungskrise der CSU gilt er als heißester Anwärter auf den Parteivorsitz für die Zeit nach Edmund Stoiber“). Aber der Reihe nach. Schließlich wird ohnehin niemand ernsthaft behaupten wollen, dass die Details aus dem Privatleben des CSU-Politikers Horst Seehofer, die von „Bild“ heute zur Titelschlagzeile gemacht werden, zufälligerweise gerade heute zur Titelschlagzeile gemacht werden.

Und während Stern.de beispielsweise darauf verweist, dass „“Bild“ durch die Seehofer-Schlagzeile „mit einem ungeschriebenen Gesetz der deutschen Presse“ in Konflikt gerate, wonach „über das Privatleben von Politikern nicht berichtet wird — zumindest nicht ohne deren Einverständnis“, rechtfertigt „Bild“ selbst den Tabubruch als moralische Entscheidung:

„Wer sein Privatleben groß plakatiert, wer es politisch einsetzt, muss sich daran messen lassen. Und genau das tun wir.“

So jedenfalls steht es, sprachlich etwas holprig, am Ende des erwähnten Seite-2-Kommentars. Und das wirkt so scheinheilig wie der vorgebliche, auf geradezu alberne Art irreführende Anlass für die Veröffentlichung über Seehofers „heimliche Freundin“ („Jetzt ist die 32-Jährige schwanger — vierter Monat!“, „Wie erklärt er das seiner Frau?“): Horst Seehofers „Baby mit heimlicher Geliebten“ ist nicht die Promi-Geschichte mit Herzschmerz, die ebenso gut auch anderntags und anderswo hätte in „Bild“ stehen können, als die sie uns die neue „Bild“-Chefreporterin Verena Köttker heute auf Seite 2 verkauft (siehe Ausriss).

Wenn seit Wochen öffentlich und parteiintern über die weitere politische Karriere des CSU-Vorsitzenden Edmund Stoiber nachgedacht, wenn Horst Seehofer als möglicher Stoiber-Nachfolger gehandelt wird und dieser Tage im bayerischen Wildbad-Kreuth die alljährliche Klausurtagung der CSU stattfindet, profitiert beileibe nicht nur die „Bild“-Zeitung von ihrem Scoop.

Im Gegenteil warnt Stern.de davor, sich mit solchen Berichten „politisch instrumentalisieren zu lassen“. Und auch andernorts wird spekuliert, wer denn die Seehofer-Geschichte lanciert habe. (Erstaunlicherweise verteilt die bayerische Staatskanzlei angeblich ein Fax der „Bild“-Redaktion, in dem die Behauptung, Gerüchte um Minister Seehofer wären gezielt aus dem Umfeld der Staatskanzlei an ‚Bild‘ gestreut worden, als „blanker Unsinn“ dementiert werden, was wiederum Lawblog.de zu der Frage veranlasst, „ob Bild auch so vehement abstreitet, wenn andere verdächtige Kreise genannt werden“.)

Wir aber halten fest: „‚Bild“ macht sich bewusst zum Handlanger der (parteipolitischen) Interessen anderer — entweder um von der Aufmerksamkeit zu profitieren oder weil die (parteipolitischen) Interessen anderer auch ihre eigenen sind.

Kurz korrigiert (307-310)

Gestern schrieb Bild.de über zwei „Tattoo-Brüder“ und ihren Komplizen. Laut Bild.de sind die Brüder 32 und 42 Jahre alt. Der ältere Bruder wurde laut Bild.de zu „neun Jahren Haft“ verurteilt, der jüngere müsse „für sieben Jahre ins Gefängnis“ und dem Komplizen „wurden fünf Jahre aufgebrummt“. Von diesen fünf Zahlen stimmt offenbar nur eine. Und zwar die Sieben. Der ältere Bruder wurde nämlich zu zwölf Jahren verurteilt und der Komplize zu neun. Außerdem sind die Brüder in anderen Medien ein Jahr älter als bei Bild.de — was daran liegen könnte, dass die Bild.de-Zahlen offenbar aus einem Bild.de-Artikel stammen, der fast ein Jahr alt ist.

Die falschen Haftstrafen hingegen stammen ursprünglich von der Nachrichtenagentur dpa. Die hat sich allerdings gestern Nachmittag korrigiert. Bild.de hingegen hat das bislang versäumt.

Mit Dank an Julia W. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 16.29 Uhr: Bei Bild.de hat man inzwischen versucht, wenigstens die falschen Haftstrafen zu korrigieren — mit mäßigem Erfolg. Kleiner Tipp: Die Zahlen stimmen jetzt zwar, sie sind aber falsch zugeordnet (und die Grammatik-Fehler ignorieren wir einfach weiterhin).

Nachtrag, 18.1.2007: Es hat etwas gedauert, aber jetzt stimmen die Haftstrafen auch bei Bild.de.

Erst trank sie mit den Killern Schnaps (2)

Anfangs war die Lage unübersichtlich. Es gab Berichte, wonach die beiden Jugendlichen vor der Messerattacke in Tessin mit ihrer späteren Geisel Alkohol getrunken haben sollen. Die „Bild“-Zeitung machte daraus in ihrer gestrigen Ausgabe eine Tatsache. Nun ja.

Inzwischen ist die Lage nicht mehr unübersichtlich. Der zuständige Staatsanwalt hat erklärt, die beiden Jugendlichen hätten keinen Alkohol im Blut gehabt. Seit gestern nachmittag berichten diverse Agenturen und OnlineMedien entsprechend, sogar Bild.de.

Und wie reagiert die „Bild“-Zeitung in ihrem heutigen Artikel über den Fall auf die veränderte Nachrichtenlage? Sagen wir: unbeeindruckt.

Sie lockten ihre Freundin Eyleen (15), mit der sie vor der Tat an der Bushaltestelle getrunken hatten, zum Haus ihrer Opfer:

Der Beweis

Zugegeben, wir hatten so unsere Zweifel, ob man bei Bild.de Leser-Reporter-Fotos vor der Veröffentlichung auch wirklich überprüft (oder anschaut). Jetzt aber haben wir den Beweis, dass irgendjemand bei Bild.de sich zumindest die Mühe macht, herauszufinden, ob ein eingesandtes Leser-Foto auch wirklich vom Einsender aufgenommen wurde:

Die Entscheidung, ob es veröffentlicht wird oder nicht, scheint davon aber nur zum Teil abhängig zu sein.

Mit Dank an Marcus S.!

Nachtrag, 14.40: Die Frage, ob das auf Bild.de veröffentlichte Leser-Foto auf Bild.de veröffentlicht werden soll, obwohl es „aus dem Netz“ stammt, wurde inzwischen entfernt und beantwortet.

6 vor 9

Start-ups geh’n auf Kaperfahrt
(taz.de, Ulrich Schulte)
Interaktive Anwendungen florieren im Netz. Mit dem „Web 2.0“ machen inzwischen auch Jungfirmen gutes Geld. Vergessen ist der erste Dotcom-Crash aber nicht.

Der Leser schreibt mit
(faz.net, Christina Hucklenbroich)
Im Internet zu recherchieren ist heute journalistischer Alltag. Hier vorab die Rohfassung eines Artikels zu diskutieren ist allerdings noch die Ausnahme. Wir haben es erfolgreich erprobt. Was meinen Sie? Soll diese partizipative Berichterstattung fortgesetzt werden?

Voß verwahrt sich gegen Jauch-Vorwürfe
(presseportal.de, Peter Voß)
SWR-Intendant Peter Voß („Ohne Jauch geht’s auch„)hat sich gegen die
Vorwürfe verwahrt, die Günther Jauch gegen die ARD im allgemeinen und
gegen einige namentlich nicht genannte Intendanten in einem Interview
des Nachrichtenmagazins Der Spiegel erhoben hat.

Macht Web 2.0 blöde?
(welt.de, Dirk Nolde)
Technologiepopstar Jaron Lanier polarisiert. Er hält das globale Lexikon Wikipedia nicht für das Ergebnis kollektiver Intelligenz. Im Gegenteil. Lanier findet es gefährlich, dass jeder die Enyklopädie verändern kann. Er fürchtet die Diktatur der Doofen im Web. Doch dazu wird es nicht kommen.

Klimawandel: Eine Replik an die «Weltwoche»
(blattkritik.ch, Franz Mauelshagen)
Dr. Franz Mauelshagen vom historischen Seminar der Universität Zürich, unter anderem auf Umweltgeschichte spezialisiert, schreibt eine Antwort auf zwei Artikel, die am 14.12.2006 in der Weltwoche publiziert wurden. Sein Vorwurf: Die Texte seien „eine Kampagne mit dem Ziel, den aktuellen Klimawandel und seine Ursachen zu banalisieren“.

Erfolg macht Probleme
(zeit.de, Torsten Kleinz)
Wikipedia wird an diesem Montag sechs Jahre alt. Viel Zeit zum Feiern gibt es jedoch nicht: Die Online-Enzyklopädie braucht Geld.

Erst trank sie mit den Killern Schnaps

Das Schöne an Online-Medien ist ja, dass sie permanent aktualisieren können, so dass ihre Berichte auch bei zunächst unübersichtlichen Ereignissen immer auf dem neuesten Stand sind.

Soweit die Theorie.

Bei der Gewalttat in dem Ort Tessin in Mecklenburg-Vorpommern, wo zwei Jugendliche ein Ehepaar getötet haben sollen, gab es zunächst Berichte, dass die Täter Alkohol getrunken haben könnten. Das „Hamburger Abendblatt“ berichtet heute:

Leere, am Boden liegende Alcopop-Flaschen (alkoholische Mixgetränke) lassen vermuten, dass die jungen Leute auch am Sonnabend Alkohol konsumiert haben.

Mit Vermutungen hat es die „Bild“-Zeitung nicht so. Sie schreibt deshalb heute:

Sie albern, trinken „Alcopops“ (Schnaps mit Brause).

Über dem „Bild“-Artikel steht:

Welche Rolle spielt die hübsche Blondine, die erst mit den Tätern trank und dann ihre Geisel wurde?

Und neben dem „Bild“-Artikel steht unter dem Foto jenes Mädchens:

Erst trank sie mit den Killern Schnaps — dann wurde sie ihre Geisel.

Inzwischen scheint festzustehen, dass es so nicht war. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft hatten die Täter keinen Alkohol im Blut.

Die „Bild“-Zeitung hätte also Grund, ihre Entscheidung zu bedauern, aus einer Vermutung eine Tatsache gemacht zu haben. Aber wenigstens kann sie die Sache ja in ihrem Online-Auftritt korrekt berichten. Und tatsächlich findet sich auf Bild.de ein weiterer Artikel mit neuen Informationen über die Gewalttat, in dem auch folgender Satz steht:

Für den Einfluss von Alkohol oder Drogen gibt es derzeit keine Anhaltspunkte.

Unmittelbar daneben ist aber leider die Geisel abgebildet. Und unter dem Foto steht was?

Erst trank sie mit den Killern Schnaps — dann wurde sie ihre Geisel.

Danke an Volker M. für den Hinweis!

Nachtrag, 16. Januar, 0.30 Uhr. Bild.de hat den Schnaps aus dem Bildtext entfernt.

Kurz korrigiert (306)

Sagen wir’s so: Wenn wir ausschließen, dass man bei „Bild“ eingesandte Leser-Fotos vor der Veröffentlichung nicht überprüft (oder anschaut) und „BILD-Leser-Reporter“ Joachim Nolte in Stralsund tatsächlich einen „unter Trümmern begrabenen Golf“ entdeckte, dann hat man sich bei „Bild“ offenbar entschieden, stattdessen lieber einen unter Trümmern begrabenen Polo* zu zeigen. Wenn nicht, hätten wir einen praktischen Tipp: Im Zweifelsfall tun’s auch Wörter wie „VW“, „Auto“ oder „Ding“.

*) Das Nummerschild haben wir übrigens schnell mal unkenntlich gemacht.

Mit Dank an Tobi, Alex, Boris M. und Julian.

Nachtrag, 20 Uhr: Inzwischen hat Bild.de den „Bild“-Fehler hier korrigiert, hier hingegen nicht.

Springers Home-Videos (1)

Anlässlich des Starts seiner neuen täglichen Kolumne „Blieswoods Gesellschaft“ gewährt Norbert Körzdörfer der neu gegründeten, hauseigenen Produktionsfirma Axel Springer Digital TV einen Einblick in sein „kreatives Chaos“. BILDblog dokumentiert Auszüge:

„An seinem 100 Jahre alten Schreibtisch aus der Normandie wird Norbert Körzdörfer ab dem 15. Januar täglich die Kolumne „Körzdörfers Gesellschaft schreiben“ (…), entweder mit Zettel und Stift, dem Rechner oder seinem Apple.

(…) Norbert Körzdörfer gehört zu den profiliertesten Autoren Deutschlands — sagt sein Chef Kai Diekmann über den Mann, dessen Kolumne in Zukunft von über 11 Millionen „Bild“-Lesern gelesen wird. Über Inhalte wird noch geschwiegen; Themen aus dem Leben des 52-Jährigen gibt es genug, sogar eine Audienz beim Papst.

(…) Bis zum Start der Kolumne wird seine Frau Babsi das Büro noch etwas aufräumen.“

Mit Dank an Heiko D.!

Störfall im Überschriftenreaktor

Mehrheit der Deutschen für die Ausrottung des Eichhörnchens!

In einer von BILDblog in Auftrag gegebenen, nicht-repräsentativen Meinungsumfrage sprach sich die Mehrheit der Befragten dafür aus, den Eichhörnchenbestand in Deutschland drastisch zu reduzieren, wenn von den possierlichen Tierchen eine Gefahr ausgehen sollte, die das Leben unzähliger Menschen gefährden würde.

Und laut „Bild am Sonntag“ ist die Mehrheit der Deutschen für Atomkraft. Zumindest stand das gestern so in einer „BamS“-Überschrift (siehe Ausriss):

"Mehrheit der Deutschen für Atomkraft

Im „BamS“-Bericht über die „BamS-Umfrage“ stand dann allerdings etwas ganz anderes. Erstens:

„61 Prozent der Deutschen sagen: Es ist nicht vertretbar, aus der Atomenergie auszusteigen, bevor alternative Energien wie Sonnen- oder Windkraft in einem vergleichbaren Umfang zur Verfügung stehen!
(Hervorhebung von uns.)

Und zweitens:

„31 Prozent der Befragten sprechen sich für längere (…) Kraftwerk-Laufzeiten aus; 17 Prozent sagen sogar, dass der Atomausstieg komplett rückgängig gemacht werden müsste. 47 Prozent meinen, dass die Kernkraftwerke wie beschlossen abgeschaltet werden sollten.“
(Hervorhebung von uns.)

Wenn wir das richtig verstehen, sind laut „BamS“ also 78 Prozent für einen Atomausstieg bzw. gegen Atomkraft, was wiederum die politische Website NachDenkSeiten.de dazu veranlasst hat, der „BamS“ folglich „Propaganda“ vorzuwerfen und „einen Manipulationsversuch“ zu unterstellen.

Mit Dank an Wolfgang L. und Uli K. für den Link.

Kurz korrigiert (305)

ITALIEN: Der Stiefel küsst Inter! Das ganze Land verneigt sich vor dem historischen Rekord der Rot-SchwarzenZu den peinlicheren Fehlern, die einem passieren können, wenn man eine Kolumne namens „Fußball International“ schreibt, gehört der, die Vereinsfarben der beiden rivalisierenden Mailänder Fußball-Vereine zu verwechseln. Die Rot-Schwarzen sind die Fußballer von AC Mailand („Rossoneri“), Inter Mailand nennt man auch die Schwarz-Blauen („Nerazzurri“).

Danke an Alexander J.!

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