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Blogs schweben nicht in einem luftleeren Raum innerhalb der Gesellschaft, in dem Geld keine Rolle spielt
(don.antville.org)
Als ich gegen Ende der 80er darüber nachdachte, wie und wo ich Texte veröffentlichen konnte, da war der Einstieg klar: man fing an für Fanzines zu schreiben. Ohne Geld, aber mit viel Enthusiasmus. Wenn man Glück hatte, dann konnte man auch mal ein paar CD oder Kinokritiken im örtlichen Stadtmagazin unterbringen. Fanzines waren die Blogs der 80er und frühen 90er Jahre. Man tauschte Geschichten aus, man bekämpfte sich auch mal, wenn es um Interviewtermine ging, aber insgesamt gesehen, war man sich einig, dass man nicht auf Dauer bei einem Fanzine schreiben wollte, weil man irgendwann ja auch mal Geld verdienen wollte.

Echolote in die Tiefen des Netzes
(perlentaucher.de, Thomas Rohde)
Seit dem vergangenen Herbst ist eine neue tägliche Online-Presseschau im Netz. Das ist eine gute Nachricht nicht nur für die Nutzer der neuen Seite, sondern auch für die von ihr ausgewerteten Medien. Wie der Perlentaucher mit seiner Feuilletonrundschau über die Kulturseiten der deutschsprachigen Qualitätszeitungen berichtet, widmet sich Ecolot.de den Wirtschaftsteilen der einschlägigen Zeitungen.

Wenn der Morgen mit Toni Mahoni beginnt (+)
(fr-online.de, Daland Segler)
Der starke Zug ins Internet: Die 40. Mainzer Tage der Fernsehkritik fragen nach dem „Wandel der Öffentlichkeit“.

Meinung ohne Gewähr
(tagesspiegel.de, Clemens Wergin)
Das Urteil des Bundesgerichtshofes macht Internetprovider für bei ihnen veröffentlichte Inhalte verantwortlich. Gegen Hasspropaganda im Netz wird das wenig ausrichten.

Auf der Fernbedienung schließlich auch Platz eins und zwei
(faz.net, Michael Hanfeld)
Sie sind nicht als Erste darauf gekommen, doch sie kommen als Erstes darauf, wie üblich Vorrang für sich einzufordern. Und zwar, ebenfalls wie üblich, von Gesetzes wegen: ARD und ZDF haben das Internet entdeckt und erkannt, dass sie um ihre Plätze fürchten müssen, um Platz eins und Platz zwei, wie sie es von der Fernbedienung her gewohnt sind.

Das Knutchen-Schema
(jungle-world.de, Elke Wittich)
Noch kriegt er das Fläschchen, aber bald wird der kleine Eisbär die Welt in »essbar« und »nicht essbar« einteilen. Menüvorschlag: die Familie Baring.

F. J. Wagner findet Verfassung „unfassbar“

„Bild“-Kolumnist Franz Josef Wagner schreibt heute wieder einmal an die ehemalige Terroristin Brigitte Mohnhaupt.

Der letzte Satz seines bösartigen Textes lautet:

Es ist unfassbar, dass eine Mörderin in unserem Land die Chance hat, glücklich zu werden.

Was Wagner so „unfassbar“ findet, ist der Resozialisierungsgedanke, der im Jahr 1977 als „Vollzugsziel“ explizit im Strafvollzugsgesetz festgeschrieben wurde. Das Bundesverfassungsgericht hat ihn aus Artikel 2 Absatz I des Grundgesetzes (Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit) in Verbindung mit Artikel 1 Absatz I Grundgesetz (Menschenwürde) entwickelt. Er ist seit nunmehr rund 34 Jahren ständige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts.

Und wir dachten, Wagner hätte sich, wie alle Springer-Mitarbeiter, per Arbeitsvertrag zu den Unternehmensgrundsätzen und damit zum „freiheitlichen Rechtsstaat Deutschland“ bekannt.

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Weblogs, Datenschutz und Persönlichkeitsrechte
(onlinejournalismus.de, Fiete Stegers)
Wenn sich Blogger ärgern, machen sie sich im Netz Luft. Auch Journalisten, die sonst selbst andere zitieren, finden sich auf einmal auf der anderen Seite wieder, wenn ihre Antworten auf Leserbriefe oder Zitate aus Anrufen in der Redaktion in Blogs erscheinen. Verblüfft, vielleicht verärgert, fragen sich einige: ?Dürfen die das?? Nachfrage bei zwei Internetrechtlern.

Alphablogger: Jens Schröder, Medien-Analyst und Blog-Statistiker
(readers-edition.de, Peter Turi)
Jens Schröder ist eine stille Macht im Medien-Business: Als Daten-Analyst beim Mediendienst kress kommentiert er die Auflagen- und Anzeigentrends der Printmedien, zerpflückt und beschreibt kenntnisreich die Quoten und Werbeumsätze der Fernseh- und Radiosender. Auf seiner eigenen Website www.deutscheblogcharts.de analysiert der bekennende Statistik-Fan mit Liebe zum Detail den Publikums-Zuspruch der 100 wichtigsten Blogs in Deutschland: Welche Seite wird am häufigsten zitiert und verlinkt? Wer sind die Auf- und die Absteiger unter den Blogs? Aber Schröder hat noch eine andere Seite: Als Popkulturjunkie.de bloggt er seine Welt-Sicht zu Fernsehen, Film und Musik – und gehört damit zu den Top 30 seiner Blogcharts.

Die Leserzahlen der Printmedien
(persoenlich.com)
Die erste Auswertung der Leserzahlen der Printmedien für das Jahr 2007 zeigt: Der Gratistitel 20 Minuten ist weiter im Vormarsch, während der Blick erneut an Terrain verliert. Bei den Zeitschriften sind mit der Schweizer Illustrierten und dem Beobachter zwei Titel unter die Millionen-Grenze gefallen und auch die Weltwoche hat den Turnaround noch nicht geschafft.

Schöne neue Netzwelt
(diezuender.de/gallery)
Ebenso lange wie das Internet gibt es Menschen, die sich von der Technologie eine bessere Welt erhoffen. Viele lagen falsch, einige Theorien aber prägen das Web bis heute. Ein Überblick über die Netz-Utopien der vergangenen 50 Jahre.

«Google ist halt doch böse»
(heute-online.ch, Thomas Benkö)
Der Zürcher Blogger Benbit deckt auf seinem Blog oft Sicherheitslücken grosser Firmen auf. Das macht ihn unbeliebt. So unbeliebt, dass ihn Google aus dem Index schmiss.

Aufgedeckt
(bildblog.de)
Wie „Bild“ den „Piano-Mann“ fand.

Ex-Terroristen und ihr Persönlichkeitsrecht

Wie berichtet dokumentiert die „Bild“-Zeitung heute fast ganzseitig ihr eigenes Scheitern: Trotz eines erheblichen Aufwandes ist es keinem der zahlreichen „Bild“-Mitarbeiter, die bei der Entlassung der Ex-RAF-Terroristin Brigitte Mohnhaupt auf der Lauer lagen, gelungen, Fotos von ihr zu machen. Stattdessen zeigt „Bild“: einen blauen VW-Bus bei Nacht, eine zeitlose Außenansicht der JVA Aichach, den Gefängnisdirektor — und natürlich, wie Mohnhaupt vor einem Vierteljahrhundert auf einem Fahndungsfoto aussah. Die Enttäuschung darüber ist „Bild“ förmlich anzumerken:

Dass die nächtliche Belagerung der JVA Aichach der letzte Versuch von „Bild“ gewesen sein könnte, Mohnhaupt zu fotografieren, ist unwahrscheinlich. Und dass die „Bild“-Verantwortlichen nicht zögern, ihren Lesern aktuelle Mohnhaupt-Fotos zu zeigen, ist ja bekannt. Bleibt die Frage: Dürften sie das?

Allgemein  

„Frei erfunden“: Bizarre Mohnhaupt-Entlassung

Nun ja, dass die Ex-Terroristin Brigitte Mohnhaupt in der Nacht zum Sonntag bei ihrer Entlassung aus dem Frauengefängnis Aichach von Journalisten angesprochen worden sei und gesagt habe, „dass sie keine Interviews geben und in Ruhe gelassen werden wolle“, ist offenbar nicht wahr. Behauptet hatte das die Nachrichtenagentur dpa (und u.a. auch „Süddeutsche Zeitung“, süddeutsche.de, heute.de und stern.de). In den „Aichacher Nachrichten“ heißt es dazu unter Verweis auf den Gefängnisdirektor Wolfgang Deuschl:

Kann schon sein, dass da jemand fotografiert oder angesprochen wurde (…): Aber sicher nicht die ehemalige Gefangene.

Das „Bild“-Märchen von der Mohnhaupt-Entlassung:

1.40 Uhr: Durch die Sicherheitsschleuse an Gefängnistor 2 fährt ein weißer VW Golf in die JVA.
1.50 Uhr: Der Wagen verlässt die JVA wieder durchs Haupttor, parkt außerhalb des Geländes.
1.57 Uhr: Ein blauer VW-Bus (…) rast (…) aus dem Knast. BILD-Reporter Sigi Kiener: „Auf der Rückbank saß zusammengekauert eine Frau. Sie versteckte sich unter einer Decke. Ich konnte nur ein paar blonde Strähnen sehen.“ Die wartenden Journalisten sind sich sicher: „Das ist die Mohnhaupt“ und nehmen die Verfolgung auf.
1.57 Uhr: Ein JVA-Beamter fährt mit dem weißen Golf unbemerkt vor die Wohnung des Knastchefs auf dem Gefängnisgelände.
1.58 Uhr: JVA-Beamte führen Mohnhaupt von ihrer Zelle in den Garten des JVA-Chefs. Durch eine Gartenpforte verlässt sie den Vorgarten, steigt zu dem JVA-Beamten in den Golf. Der fährt sie zu einem Parkplatz bei Aichach. Dort wartet eine Freundin der Ex-Terroristin in einem dunklen Wagen. Versteckt bewachen und beobachten LKA-Personenschützer alles – um einzugreifen, falls doch ein Fotograf auftaucht.
2.15 Uhr: Mohnhaupt steigt in das Auto ihrer Bekannten. Die Frauen umarmen sich kurz. Dann fahren sie auf die Autobahn A 8 München–Stuttgart. (…)

Ausrisse und O-Ton: „Bild“ vom 26.3.2007

Aber kommen wir zur „Bild“-Zeitung, die (Augenzeugen zufolge) „eine Art ‚Schichtdienst‘ zur Überwachung rund um die JVA eingerichtet“, 20 Zimmer angemietet und in der fraglichen Nacht rund zehn Reporter mit mehreren Autos vor Ort hatte. Denn auch „Bild“ berichtet heute natürlich groß über Mohnhaupts Haftentlassung. Beziehungsweise:

BILD dokumentiert die letzten bizarren Stunden in Gefangenschaft.

Es folgt eine detaillierte und überaus komplizierte Geschichte, zu der uns Gefängnisdirektor Deuschl auf Anfrage sagt:

Am „Bild“-Bericht stimmen drei Dinge. Erstens: Es ist (wenngleich nicht um 1.40 Uhr wie „Bild“ behauptet, sondern um 1.20 Uhr) ein weißer Golf auf das Gelände der JVA gefahren. Zweitens: Um 1.57 Uhr hat ein VW-Bus das JVA-Gelände verlassen. Und drittens: Am Sonntagmittag gab es Eintopf mit Wursteinlage.

Was „Bild“ darüber hinaus noch so „dokumentiert“, ist laut Deuschl „frei erfunden“. Und Deuschl meint damit nicht nur das eigentliche Märchen der Mohnhaupt-Entlassung (siehe Kasten), sondern auch viele andere „Bild“-Details. So habe Mohnhaupt z.B. weder um Mitternacht geweckt werden müssen, noch habe sie anschließend „die blaue Sträflingskleidung“ abgelegt, weil es in der JVA Aichach nicht nur keine „blaue“, sondern „gar keine Sträflingskleidung“ gebe. Und auch, dass der VW-Bus aus dem Knast gerast sei, will Deuschl nicht bestätigen. Der Wagen habe die JVA langsam verlassen — gerast sei da höchstens einer der „Bild“-Reporter bei seinem offenbar erfolglosen Versuch, einen Blick ins Wageninnere zu erhaschen…

Nachtrag, 27.3.2007: In einem weiteren, ausführlichen Artikel zitieren die „Aichacher Nachrichten“ Gefängnischef Deuschl zur „Bild“-Version der Mohnhaupt-Entlassung mit den Worten: „Schlichtweg völliger Blödsinn.“

Aufgedeckt: Wie „Bild“ den „Piano-Mann“ fand

Am vergangenen Donnerstag berichtete Jürgen Damsch, einer der Chefreporter von „Bild“, über den nunmehr 22-jährigen „Piano-Mann“ (der vor zwei Jahren weltweit Schlagzeilen machte) und druckte „das erste Foto von ihm, seitdem er aus England zurückgekehrt ist“, denn:

BILD fand ihn jetzt (…), sprach ihn auf dem Weg zur Uni an: „Wie geht es dem Piano-Mann heute?“ Er winkt ab: „Das interessiert doch niemanden mehr auf der Welt.“ Wenn er sich da mal nicht täuscht…

Der letzte Satz klingt merkwürdig — passt aber leider sehr gut zu dem, was der „Piano-Mann“ Andreas G. mit „Bild“ erlebt hat. Er hat sich bei uns gemeldet und schildert ausführlich die Vorgeschichte zum „Bild“-Artikel:

Kurz vor Weihnachten rief ein Mann, der sich als Kriminalpolizist ausgab, bei meinen Eltern an und behauptete, er müsse meine Adresse erfahren, weil ich ein Verbrechen begangen hätte. Auf Nachfrage der Eltern behauptete der Anrufer, ich sei zu schnell mit dem Auto gefahren, was die Eltern stutzig machte, weil ich gar kein Auto besitze. Ob es sich dabei um einen „Bild“-Mitarbeiter handelte, weiß ich nicht.

Anfang Januar dann tauchte jemand, der sich als „Bild“-Mitarbeiter ausgab, vor meiner Wohnung auf und wollte mit mir reden, was ich ablehnte. Am nächsten Tag stellte mir der mutmaßliche „Bild“-Mann nach und fotografierte mich.

Am Montag vergangener Woche sprach mich ein anderer Mann, aller Wahrscheinlichkeit nach Jürgen Damsch (der Autor des heutigen „Bild“-Artikels), beim Verlassen meiner Wohnung an, begleitete mich gegen meinen Willen auf meinem Weg durch die Stadt und „drohte“ mir, dass anderntags „die ganze Weltpresse“ vor meiner Tür stünde, wenn ich ihm nicht ein Interview für die „Bild“-Zeitung gäbe. Nachdem ich abermals deutlich machte, dass meinerseits an einem Interview kein Interesse bestehe, machte er ohne meine Einwilligung zahlreiche Fotos von mir, u.a. auch jenes, das in der heutigen „Bild“ abgedruckt ist.

Am darauffolgenden Dienstag hat mich der mutmaßliche „Bild“-Reporter, der offenbar auch mit meinen Vermietern gesprochen hat, gemeinsam mit einem Kollegen durch die Stadt verfolgt und einfach nur versucht, möglichst viele Fotos zu schießen. Ich habe die beiden dabei ausdrücklich, aber erfolglos darauf hingewiesen, dass ich nicht fotografiert werden möchte.

Am Mittwoch habe ich schließlich „Sicherheitsmaßnahmen“ getroffen, um keinem Reporter zu begegnen.

Falsch ist daher im „Bild“-Artikel u.a. die Behauptung, ich hätte am Vortag „um 13 Uhr“ das Haus verlassen und „um 13.15 Uhr“ im Computersaal der Uni gechattet. Ebenso stammt das Zitat am Artikelende („Ich bin sexy. Ich bin nicht arm. Ich würde sterben für den Tod.“) wie die Internetseite, auf der es zu finden war, nicht von mir.

Meine Vermieter bestreiten zudem, dass sie die Aussagen gemacht hätten, die ihnen in „Bild“ zugeschrieben werden.

Wir haben keinen Grund, an G.s Schilderung zu zweifeln.

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Machen Blogger die Journalisten überflüssig?
(krusenstern.ch, Jürg Vollmer)
Machen Blogger die Journalisten überflüssig? Diese Frage stellte ich heute am 1. BlogCampSwitzerland. Dabei verglich ich die Russland-Berichterstattung der Klassischen Medien mit jener der Weblogs. Rund 200 Zuhörer besuchten die Blogkonferenz an der ETH Zürich und diskutierten die Thesen von 20 Referenten.

Das Internet spielt nur die Nebenrolle
(nzz.ch, Niels Anner)
Moritz Leuenbergers politisches Blog ist in aller Munde. Doch im Wahlkampf 2007 wird das Internet eine marginale Rolle spielen. Schweizer Wahlerfolge entstehen nicht im Netz.

Woher kommt der Hass im Netz?
(welt.de, Adriano Sack)
Das Internet könnte das Paradies sein, in dem Menschen klug und scharfsinnig debattieren. Stattdessen gehören Beleidigungen, Unterstellungen, Diffamierungen zum ganz normalen Umgangston. Der Stammtisch 2.0 unterliegt ganz eigenen Regeln.

Warum Zwonull für Journalismus uninteressant ist
(blog-cj.de, cjakubetz)
Nach all den pompösen 2007-wird-ein-ganz-entscheidendes-Jahr-Ankündigungen und den bisher zu sehenden Resultaten fällt mir vor allem eines auf: Die Ergebnisse sind alles, nur noch nicht originell. Zwischen Spiegel, Stern, Focus, Welt, SZ und den anderen Epigonen sehe ich kaum mehr nennenswerte Unterschiede.

Knut (+)
(stefan-niggemeier.de)
Ich wäre dann gestern Morgen fast wieder bereit gewesen für neue Nachrichten. Hatte mich bei dem Gedanken ertappt, dass in diesen Tagen, in denen ich meine ganze Aufmerksamkeit auf die Niedlichkeit von diesem Knut gerichtet habe, etwas passiert sein könnte in der Welt.

Ratespiel
(wortfeld.de, Alexander Svensson)
Welches Nachrichtenportal sieht derzeit so aus?

Schock-Beichten-Schock: Alles schon gebeichtet!

Das hat sich Buchautor Brandon Hurst sicher nicht träumen lassen, als er alte Zeitungs- und Zeitschriftenarchive nach brauchbaren Zitaten von Angelina Jolie durchsuchte, um eine weitere Biographie über die Schauspielerin damit zu bestücken: Dass die deutsche „Bild“-Zeitung aus diesem recycleten Material einmal eine Titelgeschichte machen und es als „Schock-Beichte“ bezeichnen würde und vermeintlich seriöse deutsche Medien den Unsinn auch noch ungeprüft übernehmen würden.

Der „Bild“-Artikel beginnt so:

„Ganz ehrlich, ich mag ganz verschiedene Typen: jungenhafte Mädchen, mädchenhafte Jungs. Ich fühle mich feminin und maskulin. Ich besitze selbst das ruhelose Gemüt eines Mannes.“

(Angelina Jolie in dem Enthüllungsbuch „Angelina Jolie“.)

Mehr müsste man gar nicht lesen, um zu wissen, dass entweder das Buch oder „Bild“ oder beide hochstapeln. Denn das Zitat findet sich nicht erst in diesem „Enthüllungsbuch“. Es kursiert seit vielen, vielen Jahren im Internet.

Auch dass sie eine langjährige Affäre mit Jenny Shimizu hatte, ist schon lange bekannt. „Bild“ behauptet:

Angelina, die lange geschwiegen hatte, bestätigt nun: „Ich wollte sie nur noch küssen und berühren. Ich bemerkte, dass ich sie so ansah, wie ich Männer ansah. Das war toll. Es war nichts, nach dem ich gesucht hatte. Es passierte einfach, dass ich mich in ein Mädchen verliebte.“

Das Zitat scheint allerdings aus einem CBS-Interview von 2001 zu stammen. Darin wird sie allerdings allgemein auf ihre Bisexualität angesprochen:

Yeah, I was open about it because I learned and I wasn’t looking to be promiscuous or looking to be bisexual. I just suddenly looked at a woman and felt these things that I felt when I looked at a man and I understood and I had a beautiful time loving another person who happened to be a woman.

Zur „Schock-Beichte“ gehört laut „Bild“ auch diese Enthüllung in Bezug auf ihren Ex-Ehemann Billy Bob:

Über ihre Gedanken damals berichtet sie: „Wenn es einen sicheren Weg geben würde, sein Blut zu trinken, würde ich es gern tun.“

Im Original lautet das Zitat: „If there was a safe way to drink his blood, I’d love to.“ Angelina Jolie sagte es gegenüber der Zeitschrift „Rolling Stone“, die es vor fast sechs Jahren, im Juli 2001 veröffentlichte.

Auch darüber, dass sie mit vierzehn einen Freund hatte, den sie überredete, ihr mit Messern Schmerzen zuzufügen, berichtete sie damals schon. Und anscheinend 2000 schon in der Zeitschrift „Maxim“ und 1999 in der Zeitschrift „Access Hollywood“. Und ähnlich 2003 bei ABC.

Aus einem Buch, das all die alten Zitate wiederverwertet, macht „Bild“ eine „Schock-Beichte“ auf Seite 1. Und „Spiegel Online“* fällt voll drauf rein. Und die Online-Ableger von „Süddeutscher Zeitung“* und „Rheinischer Post“* haben beim Abschreiben nicht einmal gemerkt, dass der von „Bild“ erweckte Eindruck, es handele sich um eine Autobiographie, falsch war.
 
*) Nachtrag, 26.3.2007: Süddeutsche.de hat den Artikel nachträglich ergänzt. Eingangs heißt es dort nun: „Bei diesem Buch handelt es sich um eine unautorisierte Biographie.“ Und am Ende: Aber wie gesagt: Das Buch „Angelina Jolie“ zitiert Angelina Jolie rauf und runter, aber Angelina Jolie selber hat dieses Buch nie autorisiert.“ Bei rp-online.de ist inzwischen „ein Fehler aufgetreten“ und der Artikel „leider nicht verfügbar“. „Spiegel Online“ indes bleibt offenbar bei seiner Darstellung.

Nachtrag, 27.3.2007 (nur der Vollständigkeit halber): Süddeutsche.de hat den Artikel inzwischen vollständig, also auch inklusive der zahlreichen kritischen Leserkommentare, aus dem Angebot entfernt. Und „Spiegel Online“ hat den ursprünglichen Satz „In wenigen Tagen kommt die Biographie der schönen Schauspielerin in Deutschland auf den Markt“ nachträglich um den Hinweis „die allerdings nicht autorisiert ist“ ergänzt.

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