49,6 million ways to kill your lover

1975 glaubte der Musiker Paul Simon, es gebe doch bestimmt „50 ways to leave your lover“. Er selbst hat dann aber nicht einmal fünf gefunden, sondern, nun ja, diese:

1.) slip out the back
2.) make a new plan
3.) hop on the bus
4.) drop off the key

Aber damals gab es ja auch noch kein Google.

Sucht man mit der Internet-Suchmaschine heute nach „ways to leave your lover“, findet man in kürzester Zeit nicht nur dies, sondern auch fast 150.000 weitere Ergebnisse, woran Paul Simon natürlich nicht ganz unschuldig ist… Lässt man die Gänsefüßchen links und rechts der Wortfolge weg und sucht nach ways to leave your lover, sind es sogar weit über 60 Millionen Ergebnisse. Und ersetzt man die Gänsefüßchen durch einfache Anführungszeichen oder Apostrophe (‘ways to leave your lover’), ist die Ergebniszahl genau so riesig! (Was übrigens nicht weiter verwunderlich ist, weil die Google-Suchmaschine, der Apostrophe völlig schnurz sind, nur Ergebnisse findet, in denen irgendwo die Wörter ways, leave und lover vorkommen. Aber geschenkt: 60 Millionen ways sind knapp 60 Millionen mehr, als Paul Simon sich 1975 hätte träumen lassen, bzw. viel!)

Am gestrigen Sonntag nun berichtete die „Bild am Sonntag“ über Robert James Petrick, der, wie in den Wochen zuvor auch schon hier und da zu lesen war, mit Hilfe der Internet-Suchmaschine Google den Mord an seiner Frau geplant haben soll. In der „BamS“ liest sich das so:

Mordanleitung aus dem Internet - Tötete er seine Frau mit Google?

Und mal abgesehen davon, dass der Mann seine Frau gar nicht mit einer Internet-Suchmaschine, sondern mit einem Kissen umgebracht haben soll, hat die „BamS“ weder Kosten noch Mühen gescheut, der Sache nachzugehen, und schreibt:

49,6 Millionen Hinweise spuckt die Internet-Suchmaschine bei „how to kill a man“ (wie töte ich einen Menschen) aus.

Wie die „BamS“ darauf kommt, dass es sich bei den gefunden Ergebnissen um „Hinweise“ handelt, sei dahingestellt. Dass die „BamS“ allerdings gar nicht nach der Wortfolge „how to kill a man“ (knapp 650 Ergebnisse wie etwa dieses oder dieses) gesucht hat, sondern nach Internetseiten, auf denen irgendwo die Wörter how und to und kill und a und man zu finden sein sollen, zeugt allerdings von… zeigt sogar der in der „BamS“ abgebildete Google-Screenshot: Die „BamS“ hatte schlicht die falschen Anführungszeichen benutzt.

Daneben heißt es in der „BamS“:

Und das ist nun endgültig mehr als seltsam, wenn nicht gar völlig falsch. Wir jedenfalls haben keine anderen Quellen finden können, die berichten, dass Petrick selbst nach etwas so Dämlichem wie „how to kill a man“ gesucht haben soll — zumindest fand sich nach Erscheinen der „BamS“ bei entsprechender Google-Suche gerade mal ein einziger „Hinweis“ — dieser.

Mit Dank an die zahlreichen Hinweisgeber bzw. reticon.de.

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Journalistische Meisterleistung

Prometheus ist in der griechischen Mythologie derjenige, der den Menschen das Feuer brachte. Nach Ansicht des Medienmagazins „V.i.S.d.P.“ ist das ein schönes Sinnbild für guten Journalismus:

Das Feuergeschenk als Lichtbringer verweist auch auf die Aufgabe des Journalismus Aufklärung zu leisten. Journalismus ist für den gesellschaftlichen Fortschritt der Gesellschaft so unverzichtbar wie das Feuer.

Das Magazin hat deshalb seinen neuen Medienpreis, der im Januar erstmals die „Journalisten des Jahres“ für ihre „großartige journalistische Arbeit“ auszeichnet, „Goldener Prometheus“ genannt — und bis hierhin kommen wir noch mit.

Unter den Nominierten ist auch Claus Strunz, Chefredakteur der „Bild am Sonntag“, mit der Begründung:

weil er im Streit um die Privatjet-Affäre mit Oskar Lafontaine der klare Sieger war.

BAMS musste eine Gegendarstellung Lafontaines drucken, in der dieser behauptete, nicht darauf bestanden zu haben, für ein Gespräch mit der Zeitung per Privatjet eingeflogen zu werden. Strunz platzierte ein Interview mit Medienanwalt Matthias Prinz direkt danaben. Frage: „Beweist eine Gegendarstellung, dass eine Zeitung falsch berichtet hat?“ Antwort Prinz: „Nein.“ Das saß.

Was „Bild am Sonntag“ damals nicht schrieb und sich auch von Prinz nicht erklären ließ, ist, dass es nicht so einfach ist, sich eine Gegendarstellung vor Gericht zu erstreiten. Der Betroffene muss Belege für seine Version der Geschichte bringen. Wir wissen nicht, ob im konkreten Fall „Bild am Sonntag“ oder Lafontaine die Wahrheit sagen. Mit offensichtlich unwahren Behauptungen kann man aber keine Gegendarstellung durchsetzen.

Was „Bild am Sonntag“ ebenfalls nicht schrieb, ist, dass „Bild“ und „Bild am Sonntag“ sich fast immer weigern, Fehler richtigzustellen. Und dass beide Zeitungen sich auch in Fällen, in denen offenkundig ist, dass sie die Unwahrheit behauptet haben, juristisch gegen Gegendarstellungen der Betroffenen wehren.

Insofern kann man die Sache mit dem Prinz-Interview innerhalb einer eskalierten Privatfehde als einen Treffer bewerten, „der saß“. Man kann in ihm auch einen Kniff sehen, den juristischen Sieg Lafontaines zu entwerten. Dass man in ihm auch eine „journalistische Meisterleistung“ sehen können soll, die der „Aufklärung“ dient und preiswürdig ist, ist allerdings verblüffend.

In eigener Sache: Auch BILDblog ist für den „Goldenen Prometheus“ nominiert. Die Jury nennt unsere Seite „medienhygienisch“. Da wir das nicht nur als Kompliment, sondern auch als Verpflichtung sehen, haben wir dem Veranstalter mitgeteilt, dass wir für einen Preis nicht nominiert sein wollen, der an dem Schlagabtausch zwischen Claus Strunz und Oskar Lafontaine irgendetwas für auszeichnungswürdig hält.

Nachtrag, 14 Uhr: Die Zeitschrift „V.i.S.d.P.“ reagiert in ihrem Blog:

BILDBLOG möchte keinen „Goldenen Prometheus“, solange Claus Strunz auch nominiert ist. Und das hatten wir ganz vergessen: der ist ja böse. Na ja, Sartre wollte auch keinen Nobelpreis.

Nachtrag, 30. November, 17.45: V.i.S.d.P. bedauert unsere Entscheidung und nominiert uns nicht länger.

Allgemein  

„Bild“ findet Sexualstraftäter sexy

Dass Erwachsene mit Minderjährigen Sex haben, ist nach deutschem Recht unter Umständen erlaubt. Entscheidend ist dabei u.a. dass der/die Minderjährige mindestens 14 Jahre alt ist und der/die Erwachsene dabei nicht „die fehlende Fähigkeit des Opfers zur sexuellen Selbstbestimmung ausnutzt“. Anderfalls droht — je nach dem — eine Freiheitsstrafe von bis zu zehn Jahren (siehe § 176 und § 182 StGB).

In den USA gelten andere Gesetze. Dort sind Erwachsenen sexuelle Handlungen mit Unter-18-Jährigen verboten und können schlimmstenfalls mit 30 Jahren Gefängnis bestraft werden (siehe Protect Act of 2003).

Man könnte auch sagen, die Gesetzeslage in Deutschland und den USA ist gar nicht so verschieden — außer, dass man hierzulande schon ab 14 Jahren juristisch nicht mehr als „Kind“ gilt, in den USA jedoch erst ab 18.

Man könnte auch vermuten, dass „Bild“ mit der deutschen Regelung nicht vertraut nicht einverstanden ist: Als „Bild“ im Sommer 2004 in Erfahrung brachte (und aufschrieb), dass in Cottbus ein 42-jähriger Mann völlig legal mit einer 14-Jährigen zusammenlebte, und die Geschichte im Frühjahr 2005 abermals an die Öffentlichkeit zerrte, nannte die „Bild“-Zeitung (die immerhin auch sog. „Serien-Vergewaltiger“ und „Kinderschänder“ gerne mal als „Sexmonster“ bezeichnet) den Mann aus Cottbus ein „tätowiertes Liebesmonster“ — und behauptete wahrheitswidrig, „Sex zwischen einem Erwachsenen und einer 15jährigen“ sei „verboten.“

Völlig anders sieht der Fall für „Bild“ offenbar aus, wenn es sich nicht um den 42-jährigen „Manfred W.“ aus Cottbus handelt, sondern um die 24-jährige Debra Lafave aus Florida, die als Lehrerin Sex mit einem 14-jährigen Schüler hatte (was – wie gesagt – in den USA strafbar ist und u.U. sogar hierzulande gemäß § 174 StGB als „sexueller Missbrauch von Schutzbefohlenen“ strafbar wäre). Denn, obwohl auch die jetzt verurteilte Lafave eine Tätowierung trägt, nennt „Bild“ sie vergangenen Donnerstag keineswegs ein „tätowiertes Liebesmonster“, sondern „sexy Debra“, „Blondine“, „Amerikas schönste Lehrerin“ oder „Verführungsbiest“ und schreibt online unter der merkwürdigen Überschrift „Die Lust-Schule der schönen Lehrerin“ sogar:

„So schön ist die Sex-Lehrerin – hier klicken!“

Die Meldung über Lafaves Verurteilung* illustriert Bild.de zudem mit einem Foto aus dem „Makes & Models Magazine“, für das sich die Lehrerin in der Vergangenheit leicht bekleidet hatte ablichten lassen, während die gedruckte „Bild“ sich lieber für ein Foto Lafaves in der Badewanne entschieden hat. Und dass sie aufgrund ihrer Sexualstraftat künftig nicht mehr als Lehrerin arbeiten darf, ist für „Bild“ zum Schluss nur noch ein Anlass, schlüpfrig herumzuwitzeln:

Und das werden viele Schüler in Amerika sicher bedauern.

*) „Bild“ schreibt, als Strafe müsse sie „nun drei Jahre jeden Abend um 22 Uhr zu Hause sein. Sie darf frühestens wieder um 6 Uhr morgens raus. Abendessen mit Freunden, Kino, private Verabredungen – alles verboten! Nur arbeiten darf sexy Debra.“ Und in der Tat ist Lafave mit drei Jahren Hausarrest und sieben Jahren Bewährung glimpflich davongekommen. US-Medien weisen allerdings darauf hin, dass sich ihr Leben dennoch „dramatisch“ ändern werde: So hat ihr die Erziehungsbehörde den Ausbildungsabschluss aberkannt, sie unterliegt der öffentlichen Meldefrist und gilt fürderhin als „sexual offender“ (auf deutsch: Sexualstraftäterin).

Mit Dank an Rossi für die Inspiration.

Nachtrag, 28.11.05:
Um genau zu sein, ist in den USA Sex mit Unter-18-Jährigen in einigen Bundesstaaten verboten, Sex mit Unter-16-Jährigen generell.

Vom Verrechnen

Dass Oskar Lafontaine inzwischen nicht mehr für „Bild“ schreibt, heißt nicht, dass nicht gelegentlich doch noch was von ihm in „Bild“ und „Bild am Sonntag“ zu lesen wäre. Ganz im Gegenteil. Und so druckte „Bild“ auch am vergangenen Montag wieder einen Text von ihm — Überschrift :

Gegendarstellung

Und erstaunlich ist das nicht. Hatte doch an ähnlicher Stelle vor vier Wochen folgende Überschrift in „Bild“ gestanden:

"Oskar Lafonaine jetzt Dreifach-Verdiener!"

Und das stand da, weil Lafontaine laut „Bild“ derzeit „als Abgeordneter, Fraktionschef und Pensionär“ im Monat „zusammen rund 17.700 Euro“ verdiene.

In seiner, ähm, Gegendarstellungskolumne widerspricht Lafontaine der „Bild“-Behauptung allerdings, indem er darauf hinweist, dass seine Abgeordnetendiäten monatlich nicht etwa 7009 Euro betrügen, wie „Bild“ behauptet hatte, sondern 14 Euro und 10 Cent – weil nämlich seine Pension als Ex-Ministerpräsident des Saarlands mit seinen Bezügen als Abgeordneter „verrechnet“ werde.

Und wie wir wissen, sind Redaktionen verpflichtet, eine Gegendarstellung unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt abzudrucken, weshalb am Ende manchmal Aussage gegen Aussage steht. Im aktuellen Fall allerdings stimmt Lafontaines Behauptung. Das mit der Verrechnung der Bezüge steht vielleicht verklausuliert, aber jedermann zugänglich im Abgeordnetengesetz (§ 29 Abs. 2 Satz 1 iVm Satz 4).

Weshalb sich nicht nur die Frage stellt, warum „Bild“ nicht unter Lafontaines Gegendarstellung schreibt, was sie sonst so oft unter Gegendarstellungen schreibt („Er hat recht.“), sondern auch, welcher Fahrlässigkeit es zu verdanken ist, dass man bei „Bild“ die jedermann zugänglichen Paragraphen nicht eingesehen hat, bevor man die falsche Zahl in die Zeitung schrieb und die richtige anschließend per Gegendarstellung nachtragen ließ: Fast sieht es so aus, als ließe „Bild“ ihren Ex-Kolumnisten die womöglich monatelang ohne Gegenleistung weitergezahlten Honorare abarbeiten – frei nach Lafontaines Motto: „Pacta sunt servanda.“

Mit Dank an Udo R. und Michael B. für den Hinweis.

Luder Lierhaus

Bei „Bild“ hat die Vorberichterstattung über weibliche Sportmoderatorinnen im deutschen Fernsehen Tradition: Als Carmen Thomas am Abend des 03. Februars 1973 erstmalig ein „Sportstudio“ moderierte, hatte sie eine druckfrische „Bild am Sonntag“ vom nächsten Morgen dabei. Obwohl ihre Sendung gerade erst begonnen hatte, stand in der „BamS“ bereits ein erster Verriss mit der Schlagzeile „Charme allein genügt nicht“.

Knapp 33 Jahre später tritt abermals eine Frau ihren Dienst beim „Sportstudio“ an, was „Bild“ heute veranlasst, die neue „Miss Sportstudio“ Katrin Müller-Hohenstein mit ihrer Kollegin Monica Lierhaus von der „Sportschau“ zu vergleichen — und mit brisanten Infos aufzuwarten.

Heißt es doch im „großen BILD-Vergleich“ ganz nebenbei über Lierhaus:

„War 1999 vier Monate mit ZDF-Talker Johannes B. Kerner liiert.“

„Bild“ schreibt außerdem:

„Seit sieben Jahren mit dem Journalisten Rolf Hellgardt (37) zusammen.“

Und wenn beides stimmen sollte, wäre Lierhaus ja, während sie mit Hellgardt „zusammen“ war, gleichzeitig auch mit Kerner „liiert“ gewesen. Und schlimmer noch wäre Kerner, seit 1996 mit Britta Becker verheiratet, ebenfalls während seiner Ehe mit Lierhaus „liiert“ gewesen.

War er aber nicht. Kerner und Lierhaus waren offenbar kurzzeitig im Winter 95/96 ein Paar, wie „Bild“ zum Beispiel in der „BamS“ hätte nachlesen können, die über „Kerner und sein privates Glück“ mit Lierhaus am 21. Januar 1996 berichtete, „die beiden lernten sich letzten Herbst beim Schminken in der Garderobe kennen“.

Mit Dank an Jörg J. für den Hinweis.

Recherche optional

Wir kennen das von Paparazzi-Fotos: Wenn „Bild“ nichts über ihre Entstehung weiß, betextet sie sie einfach im Stil einer freien Improvisation. Da liegt es nahe, den Blick auf einen begleitenden Bildtext oder die Recherche der Hintergründe grundsätzlich für Zeitverschwendung zu halten.

Und so erschienen gestern eine Reihe von Fotos in Bild.de und der gedruckten „Bild“-Zeitung, über die die Redaktion offenbar gesichert nur folgendes weiß: Da ist irgendwann irgendwo im Iran irgendwas Schlimmes mit einem kleinen Jungen passiert.

Es sind grausame Fotos, die zeigen, wie der Arm des Kindes, auf einer Decke liegend, von einem Auto überfahren wird. „Bild“ schreibt:

Schreckliche Fotos aus Teheran zeigen die öffentliche Folter eines Jungen. Für ein Stück trockenes Brot muß er sich quälen lassen.

Die Berichte widersprechen sich, ob der Kleine es gestohlen hat, bestraft wird — oder gerade mit dieser bizarren Schau „verdienen“ muß.

Nun ja, wenn Journalismus mehr sein soll als Voyeurismus und die Erregung über schreckliche Fotos, wäre es schon schön zu wissen, ob es nun das Eine oder das Andere ist. Und wenn den Leuten von „Bild“ etwas an der Wahrheit gelegen hätte, hätten sie es sogar herausbekommen. Die „Berichte“ wonach der Junge bestraft wird, stammen nämlich aus höchst zweifelhaften Quellen: Aus amerikanischen und deutschsprachigen Blogs, die sich darauf spezialisiert haben, alles zu sammeln, was den Islam als gefährliche, zu bekämpfende Religion erscheinen lässt. Aus einem Blog namens Bareknucklepolitics scheint die Geschichte von der Bestrafung zu stammen: „8 Year Old Iranian Boy Caught Stealing Bread?“ heißt es dort im Forum. Andere Blogs übernahmen die Geschichte — und korrigierten sie später. Tatsächlich handelt es sich um eine Art grausames Zirkusstück auf der Straße: Ein Mann hat dem Jungen etwas Geld dafür gegeben und lässt sich für das Schauspiel von den Passanten bezahlen.

Das hätte „Bild“ auch aus dem Begleittext erfahren können, der auf der Seite steht, von der die Fotos stammen. In ihm wird erklärt, dass der Mann mit betrügerischen Methoden und den Schmerzen des Jungen versucht, Geld zu machen. Aber vermutlich war es der „Bild“-Zeitung mit ihren rund 1000 Mitarbeitern zuviel Mühe, den persischen Text übersetzen zu lassen. Sicher, die hätte man sich machen müssen, wenn man ernsthaft anprangern wollte, wie Kinder im Iran missbraucht werden. Und eigentlich hätte die Zeit für die Recherche locker gereicht, denn die Aufnahmen sind, was „Bild“ natürlich nicht erwähnt, über drei Wochen alt. Aber man muss es ja nicht übertreiben mit dem Journalismus, wenn man doch einfach nur ein paar krasse Fotos zeigen will.

Vielen Dank an Don A. und ganz besonders an Reza A., Mahin F. sowie Pascal und Farhad E. für das Übersetzen des Textes aus dem Persischen!

Ehrgeiz, Kameragier und Nervosität

In der aktuellen Ausgabe geht Karl-August Almstadt aus der Chefredaktion der „Auto Bild“ auf den vorgetäuschten Mercedes-Test und den Rauswurf ihres Chefreporters ein. Almstadt macht Stern-TV Vorwürfe und spricht vom „Fokus im typischen Boulevard-TV auf ein kleines Brett am Rande der Bahn, das auch einige der Crash-Verantwortlichen ebenso wie der AUTO BILD-Redakteur temporär im Kopf hatten“. Über die Rolle des eigenen Chefreporters schreibt er:

Wir wissen es nicht und können auch nicht nachvollziehen, warum sich unser Redakteur auf die optische Bremskrücke in Form eines simplen Bretts am Rande der Bahn eingelassen hat. War es der James Dean in ihm, der den Overthrill suchte? Der unbedingt vor der Kamera den perfekten Fahrer mimen wollte? Fügten sich Ehrgeiz, Kameragier und Nervosität zu einem unheilvollen Ego-Antrieb? Die Gründe bleiben nebulös, der Hintergrund ist klar: Specht ist integer, vermutlich überdreht (…).

(…) unser Redakteur ließ sich als lebender Dummy mißbrauchen. Viel schlimmer: Kein Wort an die Chefredaktion, daß diese Hallen-Szene nur nachgestellt war. Stattdessen: „Ich hab’s verpatzt, den Bremspunkt nicht getroffen.“

(…) Warum uns der eigene Mitarbeiter nicht sofort, sondern erst auf beharrliche Nachfrage, die ganze Wahrheit des Hallencrashs vom 11. November erzählt hat, kann der arg durchgeschüttelte Kollege nicht wirklich schlüssig erklären. Die Folgen: Unser Bericht über das S-Klasse-Radar mußte neu geschrieben werden, von unserem Kollegen Michael Specht haben wir uns getrennt.

Er steht allerdings noch im Impressum.

Danke an Mike D.!

„Bild“-Dialektik

Rudi Carrell hat Lungenkrebs.

Am 16. November 2005 beschrieb „Bild“ Carrells Reaktion so:

Er schläft viel, nimmt fast keine öffentlichen Termine mehr wahr. Nur das Rauchen läßt der Kettenraucher (täglich zwei Packungen Zigaretten) nicht sein.

Am 24. November 2005 beschrieb „Bild“ Carrells Reaktion so:

Rudi hörte nach 52 Jahren sofort mit dem Rauchen auf, „ohne damit irgendein Problem zu haben“, wie er selbst sagt.

Danke an Stephan D. und Thomas K. für die Hinweise!

Schleichwerbung: Fast alles beim alten

Es ist noch gar nicht lange her, da rief Bild.de dazu auf, mehr Urlaub mit TUI in Deutschland zu machen. Angeblich hatte Bild.de „für Sie die 10 schönsten Reiseziele in Deutschland zusammengestellt“. Sämtliche Links mit dem Hinweis „hier gleich buchen“ führten damals zu TUI.

Und heute? Heute hat Bild.de unter der Überschrift „Billig brettern! Hier machen Sie günstig Skiurlaub“ angeblich „10 coole Tips“ für die Wintersaison. Dort heißt es:

Bild.T-Online stellt Ihnen 10 tolle Skiorte vor. Und je ein Angebot, wie Sie billig brettern können, gibt’s gleich dazu!

Klickt man sich durch die Galerie, gibt es am Ende jedes Absatzes nicht nur einen Link zum jeweiligen Angebot, sondern man erfährt sogar schon, von wem das Angebot stammt. Und überraschender Weise steht da nicht jedes Mal TUI. Bild.de hat diesmal tatsächlich noch einen anderen Reiseveranstalter gefunden, der beispielsweise ein „Rundum-Sorglos-Skipaket“ bietet: Nämlich L’TUR, eine TUI-Tochtergesellschaft.

Das Wort „Anzeige“ findet sich mal wieder nirgends.

Mit Dank für den sachdienlichen Hinweis an Annette B.

„La Legge“

Katherine Legge ist Rennfahrerin. Und weil Legge gestern als erste Frau seit 13 Jahren in Vallelunga bei Rom eine Testfahrt in einem Formel-1-Auto machen durfte, nannte Bild.de sie:

Oder:

Dabei ist Katherine Legge (geboren in Guildford, wohnhaft in Northamptonshire und von den Italienern liebevoll „la Legge“ genannt) gar keine Italienerin, sondern Britin.

Aber zum Glück prallte „La Legge“, wie auch Bild.de die Britin nennt, gestern ja schon nach zwei Runden gegen eine Mauer, was Bild.de die Gelegenheit gab, die erste Fassung ihrer Meldung zu aktualisieren, weshalb dort inzwischen nicht mehr von „Italiens schnellster Frau“ die Rede ist. Stattdessen heißt es nun (sprachlich gewagt):

Was wiederum nicht bedeuten soll, dass für Bild.de damit auch die Frage ihrer Nationalität geklärt wäre. Im Gegenteil heißt es später im Text nach wie vor über „La Legge“:

Das bleibt zwar sachlich falsch, ist aber wenigstens grammatikalisch unverfänglich.

Mit Dank an Neil G. und Tobias J. für die Hinweise.

Nachtrag, 14:50:
In der zweiten Runde hat Bild.de es dann doch noch geschafft, nicht nur den Grammatikfehler zu korrigieren, sondern „La Legge“ (wie der Italiener und Bild.de sie nennt) auch die richtige Staatsangehörigkeit zu verleihen.

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