Bild.de macht aus Werbung Schleichwerbung

Am 14. November — also vor ungefähr einer Woche — meldete die Nachrichtenagentur dpa gegen 13 Uhr:

Heidi Klum folgt ihrem Ehemann Seal ins Popgeschäft. An diesem Freitag kommt die erste Single des 33 Jahre alten Top-Models auf den Markt, wie „bild.de“, das Online-Portal der „Bild“-Zeitung, am Dienstag berichtete.
(Hervorhebung von uns.)

Und tatsächlich: Etwas verschwörerischer vielleicht hatte Bild.de zuvor genau das berichtet, exklusiv — und anschließend natürlich auch eine Reihe anderer Medien.

Und heute — also ungefähr eine Woche später — findet sich auf „Seite 1“ von Bild.de wieder ein Teaser zum Thema (siehe Ausriss), der zu den „Top-Videos“ von Bild.de führt. Dort findet sich zum Thema Klum/Wonderland nun ein 88-sekündiges Interview. Klum sagt darin zum Beispiel:

„Ich denke da nicht wirklich über ’ne Karriere als Sängerin nach. Das war jetzt wirklich für Weihnachten. Und das hat einfach Spaß gemacht, war mal was anderes.“

Bei YouTube hingegen gibt es dasselbe Interview seit ungefähr einer Woche in einer etwas anderen Fassung. Klum sagt dort:

„Ich denke da nicht wirklich über ’ne Karriere als Sängerin nach. Das war jetzt wirklich für Weihnachten, für Douglas. Und das hat einfach Spaß gemacht, war mal was anderes.“
(Hervorhebung von uns.)

Und das sagt sie nicht nur bei YouTube, sondern auch auf der Website des Parfümeriediscounters, der eine noch längere Version des Bild.de-„Top-Videos“ zeigt, denn, so Klum:

„Wir haben diesen wunderschönen Douglas-Werbespot gemacht für Weihnachten. (…) Und da hat man sich überlegt, ob ich da nicht ’n Weihnachtslied zu singen könnte.“

Mit anderen Worten: Bild.de zeigt einen von Douglas produzierten Werbefilm, aus dem alle Hinweise auf Douglas herausgeschnitten wurden, als redaktionellen Beitrag. Nur unter dem bearbeiteten Video steht, wo sonst AP oder Reuters als Quelle genannt werden, schlicht:

"Douglas"
Warum der Werbefilm das „Top-Video“ ausgerechnet heute von Bild.de so prominent angepriesen wird, steht aber womöglich — ebenfalls seit ungefähr einer Woche – beim Branchendienst horizont.net:

„Am 22.November läuft dann der Douglas-Weihnachtsspot an, der mit dem Song musikalisch unterlegt ist (…)“

6 vor 9

Kampf der Kulturen
(tagesspiegel.de, Alice Bota)
?SZ? und ?FAZ? klagen gegen das Online-Magazin ?Perlentaucher?. Ihr Vorwurf: Rezensionsklau.

„Ohne Optimismus“
(taz.de, Mascha Rybakowa)
Die kritische russische Journalistin Olga Kitowa über die Ermittlungen im Fall Anna Politkowskaja und ihre eigene Verfolgung durch Provinzfürsten.

„Wenn altmodisch heisst, auf billige Effekte zu verzichten, dann sind wir es“
(persoenlich.com, David Vonplon)
Das für Qualitätsjournalismus bekannte SR DRS-Politjournal „Echo der Zeit“ stand in den letzten Tagen ungewöhnlich oft in der Kritik. Im Interview mit „persoenlich.com“ reagiert „Echo“-Redaktionsleiter Casper Selg auf die Kritik.

Magazinvergleich: Von Langhaarigen, Truckermiezen und Waffeninteressierten
(jetzt.sueddeutsche.de, Durs Wacker)
Der Bahnhofs-Zeitschriftenstand ist eine schillernde Sammlung der erstaunlichsten Magazine. Der dritte Teil der subkulturellen Presseschau widmet sich Gras-Gärtnern, desperate housewives, den Königen der Straße und Waffenliebhabern mit Aggressionshemmung.

„Wir sind das globale Leitmedium“
(welt.de, Burkhard Riering)
CNN gibt im globalen TV-Nachrichtenmarkt den Ton vor. Doch es wird immer enger für den Marktführer. Chris Cramer, der Chef von CNN International, äußert sich im WELT-Gespräch über die neue Konkurrenz.

Persönliche Infos im Netz: Alles kommt raus
(wiwo.de, Jochen Mai)
Im Netz stehen mehr Informationen über Sie, als Sie ahnen. Informationen, die im schlimmsten Fall Ihre Karriere ruinieren können. Denn immer mehr Personaler werten diese systematisch aus. Haben Sie schon mal von Googlability gehört? Dann passen Sie mal auf…

6 vor 9

Watchblogs: Große Medien im Visier von Internet-Blogs
(standard.at)
Kommunikationswissenschafter spricht von bereichernder Medienkritik – „Österreich“-Blog als Reaktion „auf die weitere Oligopolisierung der öffentlichen Meinung“.

Die Tchiboisierung der Süddeutschen Zeitung?
(titel-forum.de, Wolfram Schütte)
Seit bei den Printmedien der sie finanzierende Anzeigenmarkt im neuen Jahrtausend unwiederbringlich eingebrochen ist und die Presse sich nach neuen Möglichkeiten zu ihrer Existenzsicherung umsehen muss, geraten auch bei den Qualitätszeitungen manche Grundprinzipien des Journalismus in eine Schieflage. Z.B. die ?strikte Trennung? des journalistischen Teils (der Redaktion) vom Anzeigenmarkt.

Nur Profit?
(zeit.de, Eva Schweitzer)
Wem soll die Zeitung gehören? Eva Schweizer über den Kampf um die »Los Angeles Times«.

Der Habicht vom Bosporus
(handelsblatt.com)
Aydin Dogan, der einflussreichste türkische Medienunternehmer und neuerdings Partner des Axel-Springer-Konzerns, greift nach der TV-Senderkette Pro Sieben Sat 1. Der Unternehmer, dessen Nachname ?Habicht? bedeutet, wird schonmal mit dem Italiener Silvio Berlusconi verglichen – kein Wunder bei so viel Einfluss.

Weg vom Pranger
(taz.de, Christian Rath)
Die SPD ließ Experten über die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit“ diskutieren und legt nun doch die Verfassungsschutzdebatte zu den Akten.

Journalisten entschuldigen sich bei Scheich
(sueddeutsche.de, Hans Leyendecker und Claudia Tieschky)
Ein saudischer Milliardär geht weltweit mit aller Härte gegen Autoren und Verlage vor, die ihn in Zusammenhang mit al-Qaida bringen und als Förderer des Terrorismus darstellen. Zwei Autoren leisten nun in einer ganzseitigen Zeitungsanzeige Abbitte.

Kurz korrigiert (287)

Bild.de informiert seine Leser heute überraschend darüber, dass die Mehrwertsteuererhöhung von 16 auf 19 Prozent zum Jahresbeginn gar nicht soooo schlimm sei wie gedacht. Zum Beispiel, weil sie einige Produkte gar nicht betreffe:

„Keine Mehrwertsteuer müssen Verbraucher auch in Zukunft für (…) Versicherungsprämien (…) bezahlen.“

Das stimmt. Auf Versicherungen wird keine Mehrwertsteuer (Umsatzsteuer) erhoben.

Aber Versicherungssteuer. Und die steigt zum Jahresbeginn, Sie ahnen es: von 16 auf 19 Prozent.

Nachtrag, 21. November. Anders als Bild.de behauptet, hat das Statistische Bundesamt auch nicht „jetzt“ errechnet, „dass sich die Preise lediglich um 1,4 Prozent erhöhen“. Bereits am 6. April 2006, also vor über sieben Monaten, gab das Statistische Bundesamt bekannt, dass die Mehrwertsteuer-Erhöhung die Teuerungsrate „maximal um etwa 1,4 Prozent-Punkte erhöhen“ würde.

Lustig ist auch die Behauptung von Bild.de, die Mehrwertsteuer-Erhöhung bringe dem Staat „Mehreinnahmen von 19,4 Milliarden Euro im Monat“. Dann wäre der Haushalt schnell saniert. Die 19,4 Milliarden sind allerdings nur die geschätzten Mehreinnahmen im gesamten Jahr 2007.

Nachtrag, 13.45 Uhr. Bild.de hat den Bericht korrigiert — oder besser: es versucht. Die Wörter „jetzt“ und „im Monat“ wurden ersatzlos gestrichen, und die Versicherungsprämien sind aus dem Kasten „Im Detail“ verschwunden. Im eigentlichen Artikel aber stehen sie immer noch falsch herum.

Nachtrag, 16.25 Uhr. Nun hat Bild.de die Versicherungen auch aus dem Artikel entfernt.

Vielen Dank an Elmar K., Stefan L., Tristan H., Felix G. und Tobias G. für die Hinweise!

Was schon immer über Sex drinstehen sollte

Und als wir gerade dachten, über die Hochzeit von Katie Holmes und Tom Cruise sei alles gesagt, kam „Bild“ heute mit dieser großen Seite-1-Schlagzeile daher:

TOM CRUISE Geheimer Sex-Vertrag

Und was wollen wir nun als erstes wissen? Richtig:

Was über Sex drinsteht

Und was steht auf der letzten Seite, was über Sex drinsteht?

Nichts.

Es sei denn, es zählen diese beiden Sätze, die sich auf den „gemeinen“ und „knallharten“ Ehevertrag beziehen:

So sickerte durch, dass jeder Seitensprung Tom Cruise fünf Millionen Dollar kosten soll! Das Gleiche gilt allerdings auch, falls Katie untreu werden sollte.

Bisschen enttäuschend, oder?

Zumal diese Zahl nicht erst gestern, sondern schon am 10. November „durchgesickert“ ist und u.a. von dpa aufgefangen und weitergeleitet wurde.

Und die Zahlen, die Katie Holmes laut dieses „geheimen“ Vertrages angeblich im Fall einer Trennung oder Scheidung zustehen, ähneln auffallend denen, die bei der „Daily Mail“ schon vor über einem halben Jahr durchgesickert waren.

Von einem „Sex-Vertrag“ war damals natürlich nicht die Rede. Warum auch.

Danke an Christoph S., Tobias H., Kai und Björn!

Die Antworten lauten b. und Nein

"Jeder Anruf aus dem Festnetz der Deutschen Telekom AG (DTAG) kostet 0,46 Euro, sofern eine Verbindung hergestellt wurde. Dies gilt auch für Aussagen wie: diesmal haben Sie leider kein Glück, ..."

So steht es auf RTLtext-Seite 881. Ein Hinweis auf diese RTLText-Seite fand sich am vergangenen Freitagabend während des „Domino Day“ auf dem RTL-Fernsehbildschirm, wie heute die „Bild“-Zeitung zeigt:

Warum? Eine von „Bild“ nicht näher bezifferte Anzahl Zuschauer („viele“) hatte, so „Bild“, die dort als kostenpflichtig ausgewiesene 0137-Nummer angerufen und die in den Teilnahmebedingungen genannte Ansage („Diesmal haben Sie leider kein Glück…“) zu hören bekommen — mit dem Ergebnis: Sie „fühlten sich (…) abgezockt“.

Was „Bild“ zu der empörten Überschrift veranlasste:

„Wurden Zuschauer beim Quiz abgezockt?“

Die Antwort lautet: Nein. Oder wie „Bild“ selbst es formuliert:

„Der Telefoncomputer wählt aus, wer beim Einsatz von 49 Cent von vornherein null Prozent Gewinnchance hat!“

Genau. Beziehungsweise: Eben nicht „von vornherein“. Die Gewinnchancen schwinden erst in dem Moment, in dem der Telefoncomputer seine Wahl trifft. Und der ist, so gesehen, immer noch berechenbarer als „Bild“: Wer nämlich für 29 Cent (zzgl. Gebühren) ein „BILD-Leser-Reporter“-Foto per MMS an die Kurzwahl 1414 schickt, hat von vornherein null Ahnung, ob „Bild“ sich dafür überhaupt interessiert. Aber das nur nebenbei.

Mit Dank an Dominic G. und Johannes für den Hinweis.

6 vor 9

US-Blogger in Beugehaft
(telepolis.de, Wolf-Dieter Roth)
Blogger werden immer mehr Journalisten und Medienunternehmen gleichgestellt – und das ist nichts, worüber sie sich wirklich freuen sollten.

Unter deutschen Dächern
(faz.net, Michael Hanfeld)
Sie sehen alles, und sie halten alles fest. Die ?Leserreporter? sind die Pest. Und sie sind ein Segen: Paparazzi werden arbeitslos. Doch wer sich aufregt, der vergißt, wie wichtig manche Amateurbilder sind.

In Google drin
(blick.ch, Sandro Brotz und Patrik Müller)
Zürich wird Google-City – und keiner merkts: Ganz im Stillen entsteht hier das Technologiezentrum der weltweit grössten Internet-Suchmaschine. Für SIE+ER öffnete die Schweizer Vertretung die Türen. Bericht aus dem Hirn eines Giganten.

„Wir nähern uns dem Internet schrittweise“
(spiegel.de, Hasnain Kazim)
Die Auflage des „Economist“ wächst und wächst. Nur im Internet spielt das Nachrichtenmagazin so gut wie keine Rolle. Das soll sich jetzt ändern, sagt Chefredakteur John Micklethwait im Interview mit SPIEGEL ONLINE und spricht über seine Pläne für die Zeitschrift und das Netz.

Mehr Mut zum Risiko, liebe NZZ!
(medienspiegel.ch, Martin Hitz)
Die NZZ AG will ihr «Leistungsangebot» optimieren, wie in der gestern Freitag verbreiteten Medienmitteilung zu lesen ist. 10 bis 15 Stellen sollen laut Medienberichten dadurch verloren gehen.

Miesmachen als Volkssport
(dradio.de, Michael Miersch)
Würde Che Guevara heute wiederauferstehen, könnte er sich an fast jeden deutschen Stammtisch setzen. Er bekäme ein paar Biere spendiert und Applaus für seine 40 Jahre alten Kampfparolen.

Eine Diamantengeschichte ist unvergänglich

Natürlich ist es nicht leicht, täglich eine Tageszeitung zu machen – schon gar nicht, wenn es sich um eine Tageszeitung wie „Bild“ handelt. Auch da müssen schließlich viele Zeitungsseiten jeden Tag aufs Neue mit Neuigkeiten gefüllt werden.

Eine solche Neuigkeit stand auch am Samstag in „Bild“: Eine Mutter, deren 11-jähriger Sohn im Februar tödlich verunglückt war („Bild“ berichtete), die ihre Trauer anschließend öffentlich machte („Bild“ berichtete) und die sich schließlich entschloss, die Asche ihres Sohnes zu einem Diamanten pressen zu lassen („Bild“ berichtete), hat die Asche ihres Sohnes nun offenbar zu einem Diamanten pressen lassen.

„Bild“ zeigt, was „Bild“ gewöhnlich einen „Foto-Beweis“ nennt: eine Fotografie der Mutter mit dem Edelstein — daneben 100 Zeilen Text mit allerlei O-Tönen der Mutter:

  • Mama Berit: „Mein Junge liebte den Himmel, die Höhe, wollte Pilot werden. Ich konnte ihn nicht tief in der dunklen Erde begraben. Das hätte Vincent nicht gewollt.“
  • Mit Tränen in den Augen erzählt sie: „Auf unserer letzten gemeinsamen Reise las Vincent im Flugzeug einen Artikel über die Herstellung von Diamanten aus der Asche Verstorbener. ‚Das finde ich eine schöne Idee‘, sagte er damals zu mir.“
  • Sie sagt: „Ich habe den Stein nicht schleifen lassen. Er ist ein Rohdiamant. Denn genau das war Vincent für mich: wertvoll, rein, jung – und kindlich ungeschliffen.“

BILDblog-Leserin Linda allerdings glaubt, das „hunderprozentig schonmal (…) gelesen“ zu haben. Aber sie irrt. Am 28. März stand bloß folgendes in „Bild“:

  • Er wollte (…) Pilot werden. Vincent liebte die Höhe — bis hinauf zum Himmel. (…) „Wie hätten wir ihn begraben sollen – tief unten in der Erde? Das fühlte sich einfach falsch an“, sagt seine Mutter Berit (35).
  • Berit C.-S.: „Wir haben uns entschlossen, aus der Asche unseres Jungen diesen Edelstein pressen zu lassen. Vincent und ich hatten im Urlaub einen Artikel über die Methode gelesen. Er fand die Idee toll.“
  • Die Mutter: „Den Diamanten lassen wir nicht schleifen. Es bleibt ein Rohdiamant.“ Denn genau das war Vincent für sie: „Wertvoll. Rein. So jung. Also auch so kindlich ungeschliffen.“

Es wirkt fast so, als habe „Bild“ hier einfach die knapp acht Monate alten O-Töne der Mutter wiederverwertet und z.T. sogar aus „Bild“-Formulierungen Mutter-Formulierungen gemacht. Und nicht nur das: Auch der im beiden Texten zitierte „Experte“/“Edelsteinexperte“ ist derselbe: Arthur de Leur.

Arthur de Leur ist jedoch nicht irgendein unabhängiger Juwelier oder Physiker, sondern war früher Geschäftsführer eines Krematoriums und arbeitet heute für die deutsche Niederlassung von Lifegem, einem internationalen Anbieter von… genau: Diamantpressungen aus Verstorbenenasche. Und in einer Werbebröschüre von LifeGem [pdf] heißt es: „Auf Wunsch sind einige Kunden (…) bereit, ihre persönliche Geschichte, ihre Erfahrungen mit LifeGem und mit dem LifeGem Diamanten mit den Medien zu teilen.“ Bemerkenswert ist daher auch, was kurz nach der Gründung einer deutschen Lifegem-Niederlassung in einer Pressemitteilung de Leurs vom 22. März zu lesen steht — nämlich, dass „in Deutschland bisher noch keine Publikationen rund um diesen einzigartigen Edelstein erfolgten“. Danach dauerte es nur sechs Tage, bis „Bild“ titelte: „Mein toter Junge wird ein Diamant“*

Um aber wieder auf die aktuelle „Bild“ zurückzukommen: Einen Unterschied zwischen ihren beiden Diamant-Berichten gibt es dann doch. Anders als im März verzichtet „Bild“ aktuell in ihrer Online-Ausgabe immerhin auf einen Link zu de Leurs Internetseite, die offensiv mit den „Bild“-Veröffentlichungen wirbt. Abgelegt sind sie dort unter dem Begriff „Testimonials“.

Mit Dank an Linda für den Hinweis!

*) Nachtrag, 20.11.2006: Wir müssen uns (mit Dank an Ingmar B.) leider korrigieren: Die Pressemitteilung de Leurs stammt vom 22. März 2005. Ein zeitlicher Zusammenhang zur „Bild“-Berichterstattung lässt sich also nicht herstellen.

Nachtrag, 20.11.2006, 18.55 Uhr: Ein weiterer Artikel zum Thema in der heutigen „Bild“ („Wie kann ich meinen Liebsten zum Diamanten pressen?“) wurde übrigens so illustriert, dass man gar nicht erst auf die Idee kommen düfte, es könne sich dabei um Schleichwerbung handeln…

„Bild“ gewinnt bei „Popstars“

Verschwörungstheoretiker würden das alles wahrscheinlich bloß für einen clever eingefädelten Marketing-Gag halten: Pro7 lässt Amazon vorab das Cover einer CD zeigen, auf dem scheinbar schon die Gewinner der aktuellen „Popstars“-Staffel zu sehen sind, obwohl die doch erst am kommenden Donnerstag in einer Live-Sendung ermittelt werden sollen — und nachdem die ersten Amazon-Screenshots in Internetforen die Runde machen, lässt Pro7 das CD-Cover wieder entfernen und simuliert Krisenmanagement. Der vermeintliche Patzer ist vielen Medien, die sonst vielleicht nicht unbedingt über „Popstars“ geschrieben hätten, ein paar Zeilen wert, und noch mehr Zuschauer als bisher dürften wissen wollen, wer wirklich das „Popstar“-Rennen macht, oder versuchen, für 49 Cent pro Anruf mitzuentscheiden…

…und das alles ohne „Bild“.

Das Blatt, das alle Jahre wieder mit allerlei Exklusiv-Geschichtchen dafür sorgt, dass eine Show wie „Deutschland sucht den Superstar“ (RTL) im Gespräch bleibt, war diesmal offensichtlich eher schlecht informiert. Denn wie es heute in einem großen — auf der Titelseite angekündigten — Bericht über die „Riesen-Panne bei Popstars“ heißt (der ausnahmsweise sogar gestern abend schon vorab und zunächst leicht variiert auf Bild.de veröffentlicht wurde):

Als Erste entdeckte BILD-Leser-Reporterin Particia E.* (33) das Cover.
*) Name von uns gekürzt.

Doch leider haben wir auch an dieser Nase-vorn-Behauptung unsere Zweifel. Nicht nur, dass schwerlich nachzuweisen sein dürfte, wer das Cover tatsächlich „als Erste“ bei Amazon entdeckte — nein, „BILD-Leser-Reporterin“ Patricia E. teilt uns selbst auf Nachfrage mit:

gegen 11 habe ich bei der BILD-Zeitung gepetzt :-)

Und dafür, dass sie damit eben nicht die Erste war, spricht dann zumindest ein stern.de-Artikel, wonach sich gestern bereits um 10.36 Uhr im Pro7-Forum (z.Zt. leider „aufgrund erhöhter Zugriffszahlen […] ausgelastet“) der erste sachdienliche Hinweis eines Users fand. Und als bei „Bild“ bzw. Bild.de in den frühen Abendstunden (18.26 Uhr) die Zeit endlich reif war für die Frage „Was ist da bei den Pro7-‚Popstars‘ los?“ (siehe Ausriss), da stand die Auflösung schon sechs Stunden lang bei der Netzeitung, die offenbar ebenfalls durch „Lesermails von verwirrten TV-Zuschauern“ auf die Amazon-Veröffentlichung aufmerksam gemacht worden war.

Schon möglich also, dass die „BILD-Leser-Reporterin“ sich „als Erste“ bei „Bild“ gemeldet hat. Denkbar auch, dass der Gewinner bei „Popstars“ schon vorher feststeht. Ganz sicher aber bei „Bild“: „Bild“.

„Bild“ als WIKIPEDIAblog (2)

Schlimm, was für ein Unsinn in der Wikipedia steht. Findet „Bild“:

Immer mehr Fehler, Fehler, Fehler! (…)

Nach den BILD-Enthüllungen über das weltweit größte Internet-Lexikon Wikipedia (…) taucht immer neuer Unfug auf.

Neuer Unfug, soso. Dann gehen wir die Sachen mal schnell durch:

Von „Bild“ entdeckter Unfug Wikipedia-Realität
„Thomas Anders (…) soll 1983 eine Single mit dem Titel ‚Hoden sind was Wertvolles‘ veröffentlicht haben.“ Diese Unterstellung überlebte am 9. November 2006 eine Minute lang im Wikipedia-Eintrag zu Thomas Anders.
„Günther Jauch (50) bekommt den Beinamen „Osama“ und soll mit dem Eisernen Kreuz und dem WWF-Gürtel ausgezeichnet worden sein.“ Beide Scherze stammen vom 13. November 2005 und blieben weniger als eine halbe Stunde lang unkorrigiert.
„Neue Wortschöpfung: Laut Wikipedia war Stefan Raab (40) ‚Messlattendiener‘.“ Das Wortspiel überlebte am 19. Januar 2006 nicht einmal eine Minute.
„Dieter Bohlen (52) soll die Schwerbehindertenschule besucht haben, sich dort seinen ersten Vibrator gekauft haben. Mit 14 Jahren sei Bohlen in die NPD eingetreten.“ Am 16. Februar 2006 änderte ein Witzbold Bohlens Eintrag entsprechend. Es dauerte keine Minute, bis seine Verunglimpfungen entdeckt und rückgängig gemacht wurden.
„Der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber (65) plane angeblich die Eroberung der Welt.“ Am 1. Dezember 2005 wurde Stoibers Eintrag entsprechend verunstaltet — für weniger als eine Minute.
„Die ‚Tokio Hotel‘-Zwillinge Bill und Tom Kaulitz (17) werden im Internet-Lexikon als schwul bezeichnet, hätten angeblich schon seit ihrer Kindheit Sex miteinander.“ Zuletzt stand das am 13. März 2006 im entsprechenden Wikipedia-Eintrag, und zwar eine Minute lang.
„Ferdinand Julius Hidermann soll der uneheliche Sohn von Johann Wolfgang von Goethe sein. Die Person hat nie existiert!“ Der Mann heißt nicht Hidermann, wie „Bild“ schreibt, sondern Hidemann. Und seit 12. September 2004 ist der entsprechende Eintrag als Witz („Lexikon-Ente“ bzw. „Nihil-Artikel“ gekennzeichnet).
„Bill Gates (51) bekam den Adelstitel William Henry James III verliehen und Teufelshörner in sein Foto montiert.“ Bill Gates heißt eigentlich William Henry Gates III.; von einem „William Henry James“ haben wir keine Spur in der deutschen Wikipedia gefunden. Die Teufelshorngeschichte scheint sich auf die englische Wikipedia zu beziehen.

 
Ja: Schlimm, was für ein Unsinn in der „Wiki-Fehlia“ steht.

Also: Stand. So manchmal. Vor Monaten. Oder Jahren. Für Minuten. Oder Sekunden.

Aber wo Sie suchen müssen, um Unfug zu finden, der nicht korrigiert wird, sondern monatelang und bis heute falsch im Internet herumsteht, müssen wir Ihnen ja nicht sagen.

Völlig zu Recht stellt „Bild“ übrigens fest, dass die „Leuchtschnabelbeutelschabe“ „zwar nicht in der Tierwelt, dafür aber bei Wikipedia“ existiere. Der entsprechende Wikipedia-Eintrag ist ein Witz, wie man bereits seit über zwei Jahren der zugehörigen Diskussionseite entnehmen kann. Es soll sich um das Wikipedia-Gegenstück zur fiktiven Steinlaus von Loriot handeln, die es u.a. bis in das medizinische Nachschlagewerk Pschyrembel schaffte (pdf).

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