Machen Tortendiagramme eigentlich dick?

Fast eine ganze Seite hat „Bild“ heute freigeräumt, um für eine Kampagne des Deutschen Turnerbundes zu werben, die Eltern und Kindern verdeutlichen soll, wie wichtig Sport ist. Die Aktion sei dringend nötig, erklärt „Bild“:

Denn mittlerweile ist jedes sechste Kind in Deutschland zu dick! Mitte der 90er-Jahre war es nur jedes dritte.

Unbekannt ist, ob die „Bild“-Formulierung bereits den Auftakt für eine weitere Kampagne darstellt, die Eltern und Kindern verdeutlichen soll, wie wichtig Mathematik ist.

Danke an H. und Demian K.!

Nachtrag, 1. September: Bei Bild.de ist der ganze Absatz gestrichen worden.

Verbesserungen bei der Pflege — „Bild“ geschockt

Noch bevor heute um elf Uhr der Prüfbericht des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der Krankenkassen (MDS) offiziell vorgestellt wurde, hatte „Bild“ schon in ihm, nun ja: geblättert und eine riesige Titelgeschichte daraus gemacht (siehe Ausriss).

Die Zeitung zitiert einige schockierende Fakten aus dem 212 Seiten langen Bericht. Genauer: von den Seiten 66 und 67. Zum Beispiel diese:

  • In Heimen wird jeder dritte Patient (35,5 %) nicht häufig genug umgebettet. Folge: Er liegt sich wund (Dekubitus). (…)
  • Jeder dritte Pflegefall (…) bekommt nicht genug zu essen und zu trinken! Grund: Zeitnot. Dass die Pflegebedürftigen rapide an Gewicht verlieren, stellt das Pflegepersonal angeblich nicht fest.

Um mit der guten Nachricht anzufangen (die für alle Betroffenen eine schlechte ist): die Zahlen stimmen. Aber eben nur die Zahlen an sich.

Zum Dekubitus heißt es im Bericht des MDS ausdrücklich:

Bei 35,5 % der Personen bestanden Defizite. Dies bedeutet nicht zwangsläufig, dass ein Dekubitus entstanden sein muss. Gemeint ist vielmehr u.a., dass ein Dekubitusrisiko nicht ermittelt oder nicht erkannt worden ist, dass keine prophylaktischen Maßnahmen geplant oder keine entsprechenden Hilfsmittel eingesetzt worden sind.

(Alle Hervorhebungen von uns)

Der Anteil der Patienten, bei denen solche Defiziten bei der Prophylaxe gegen das Wundliegen bestanden, ist sicherlich schockierend hoch. „Bild“ unterschlägt aber, dass diese Anteil gegenüber der letzten Studie deutlich gesunken ist: um über sieben Prozentpunkte.

Zur Ernährung steht im Bericht:

Bei 65,6 % der im 1. HJ 2006 in die Prüfung eingezogenen Bewohner lagen bei der Ernährung und Flüssigkeitsversorgung keine Qualitätsprobleme vor. Bei 34,4 % der Personen wurden Mängel festgestellt. Auch hier sind diese Mängel nicht unbedingt gleichbedeutend mit einer eingetretenen Unterernährung oder einer Dehydratation.

Eine Einschränkung, die „Bild“ ebenso unterschlägt wie den Hinweis, dass sich der Anteil der Defizite sowohl in der stationären als auch in der ambulanten Pflege verringert hat. Und das gilt (wenn auch in einem Fall nur um 0,1 Prozentpunkte) für jede einzelne Zahl, die „Bild“ heute präsentiert. „Bild“ schreibt:

Ihren letzten Pflege-Prüfbericht hatten die Krankenkassen 2004 vorgelegt. Schon damals eine Bilanz des Grauens!

Geändert hat sich wenig.

Nun könnte man über die Bedeutung des Wörtchens „wenig“ sicherlich lange diskutieren und beim Thema Pflege ist wohl jedes „Defizit“ eines zuviel. Allein: „Bild“ reduziert die durchaus vorhandene Verbesserung der Situation auf einen Satz mit vier Wörtern.

Entsprechend verärgert war man beim MDS über die eigenwillige Interpretation der „Bild“-Zeitung seines Berichts, die von fast allen Nachrichtenagenturen unter Überschriften wie „‚Bild‘: Neuer Prüfbericht der Krankenkassen deckt Pflege-Skandal auf“ verbreitet wurden, bevor der MDS widersprechen konnte. „Spiegel Online“ zitiert den MDS-Geschäftsführer Peter Pick mit den Worten:

„Im Vergleich zum ersten Bericht vor drei Jahren gibt es bei allen Versorgungskriterien Verbesserungen.“

„Bild“-Leser können das nicht einmal ahnen.

Danke an Michael R., Florian S., Jenny R., Benjamin S. und Susann für die sachdienlichen Hinweise.

6 vor 9

Der Eingriff
(jungewelt.de, Georg Fülberth)
„Wie sich die Schatzmeisterin der SPD über die »uninformierte« Linkspartei-Berichterstattung der Frankfurter Rundschau beschwert – und am Ende der Chefredakteur gehen muß“.

„Wollen Sie jeden Blogger kontrollieren?“
(dradio.de, Jürgen König)
„Der Chefredakteur von „Spiegel Online“, Matthias Müller von Blumencron, lehnt eine zentralisierte Medienaufsicht für das Internet ab. „Im Printbereich gibt es eine sehr gute Selbstregulierung, und etwas Ähnliches muss sich auch im Onlinebereich entwickeln“, sagte der Journalist.“

Requiem für die klassischen Medien
(werbeblogger.de, Patrick Breitenbach)
„Im folgenden möchte ich erklären, wieso die klassischen Medien für eine echte Informationsgesellschaft mehr oder weniger überflüssig geworden sind“.

Happy Birthday, DPA!
(Was mit Medien, Daniel Fiene)
„Morgen vor 58 Jahren ist die erste dpa-Meldung an die Redaktionen verschickt worden. Da lohnt es sich heute schon die Glückwunsch-Kärtchen aus der Schublade zu holen.“.

Getrübte Sicht
(sueddeutsche.de, Ingo Arzt)
„Nur 40 Prozent aller deutschen Haushalte haben – theoretisch – Zugang zu digitalem Fernsehen. Qualitätsprobleme sind nur ein Grund für die schleppende Einführung.“

Jetzt aber mal im Ernst: Kriegt Euch wieder ein!
(graubrot.blogspot.com, Björn Grau)
„‚Hört endlich auf, die Blogosphäre zu beschwören! Was auch immer Ihr Zuerstgekommenen da so unter Euch gruppengekuschelt oder ganz besonders wüst gepöbelt habt, ist vorbei. Blogs sind, was sie eigentlich waren: Eine bestimmte Form von Publikationssoftware. Aber keine Religion oder Subkultur. Ich weiß nicht, ob es ohne E-Gitarren Punk gegeben hätte. Aber es hat E-Gitarren ohne Punk gegeben, versteht ihr?“

Kamera gegen Kamera

Norbert Körzdörfer, Berater des „Bild“-Chefredakteurs und Alter Ego von David „Gillette“ Blieswood, hat ein Interview mit Dustin Hoffman geführt, das so exklusiv ist, dass es sogar seine eigene Werbeunterbrechung hat:

Er vibriert vor Neugier: "Ihr iPod hat ja ein Mikro, das möchte ich auch. Haben Sie auch das iPhone? Ihre Kamera ist ja super (eine Canon G7, Preis 444 Euro). So eine kaufe ich mir auch."

Mit Dank an Joachim!

„Bild“ erwischt Xavier Naidoo beim Speed-Dating

Angefangen hat die „Bunte“. Sie berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe, Xavier Naidoo habe sich „heimlich“ von seiner Lebensgefährtin getrennt.

Warum diese Information für einen ganzseitigen Artikel taugt, wird nicht ganz klar, denn die „Bunte“ selbst bemerkt, dass der Sänger von seiner Partnerin „bereits seit Längerem getrennt“ sei. Das Magazin müsste sogar grob wissen, was „seit Längerem“ bedeutet, denn es zitiert aus einem Interview, in dem sich Naidoo über die Trennung äußert. Es ist (was die „Bunte“ verschweigt) vom November 2005. Der ORF gab damals die Meldung heraus: „Xavier Naidoo trennt sich von Freundin / ‚Ja, ich habe mich nach 11 Jahren von meiner Freundin Steffi getrennt'“ — soviel zum Thema „heimlich“.

Eine irreführende, alte, groß aufgeblasene Meldung über das Privatleben eines Prominenten, der eigentlich nicht über sein Privatleben reden will? Das ist doch unser Spezialgebiet, mag man sich bei der „Bild“-Zeitung gedacht haben, legt heute nach und lenkt von der dicken Schicht Staub auf der Nachricht durch die hübsche Formulierung ab:

Jetzt wurde bekannt: …

„Bild“ verkürzt (aus unbekannten Gründen) die frühere Beziehung von mindestens elf auf fünf Jahre und suggeriert (aus naheliegenden Gründen), dass die Trennung nicht lange her sein kann, denn:

Lange allein war Xavier Naidoo nicht — er hat schon eine neue Freundin!

„Schon“ hier also im Sinne von „nach nicht einmal zwei Jahren“. (Die „Bunte“ hatte „längst“ geschrieben.)

Danke an Annabell, Nicole, Ollewa B., Adrian J., Sascha G. und Michaela B. für die sachdienlichen Hinweise!

No Logo

Man kennt das. Kommt nach Hause, guckt sich die gemachten Fotos an und merkt, dass gerade die schönsten Aufnahmen nicht zu gebrauchen sind. Auf dem einzigen scharfen Portrait von Monika war vor ihrem Gesicht ein Insekt, das nun wie ein Pickel aussieht. Ins Gruppenfoto mit Brautpaar hat sich rechts die blöde Tante Ulla gequetscht. Und beim Fotografieren des herrlichen Bergpanoramas hatte man die fiese Werbetafel übersehen. Aber zum Glück lässt sich so etwas heutzutage ja leicht retuschieren.

Solche Pannen passieren nicht nur uns, sondern auch den Profis von der „Bild“-Zeitung. Die hatte für ihren heutigen Bericht über Senioren, die im Internet einkaufen, unter anderem einen ehemaligen Werkzeugmacher aus Leipzig fotografiert. Der Mann schwärmt davon, wie gut man im Internet Preise vergleichen kann:

Aber was ist das für eine Seite, mit er so gerne Preise vergleicht? Offenbar eine, die eigentlich so aussieht:

Jede Wette, dass jemand in der „Bild“-Redaktion einen „Oh Gott, da ist ja Tante Ulla im Bild“-Moment hatte, als er das ursprüngliche Foto von dem Internet-Senioren vor seiner mutmaßlichen Lieblingspreisvergleichsseite sah. Denn seit gut einem Jahr besitzt der Verlag Axel Springer die Mehrheit am Preisvergleich Idealo, und das ist ein direkter Konkurrent von guenstiger.de, dessen Schriftzug groß auf dem Bildschirm des Internet-Senioren geprangt haben muss.

Aber zum Glück lässt sich so etwas heutzutage ja leicht retuschieren.

Vielen Dank an Marius M. und D.L.!

6 vor 9

Der Tod der Heuschrecke
(taz.de, Steffen Grimberg)
„Zeitungssammler Montgomery, verschrien als böser Investor, präsentiert sich auf der Berliner Medienwoche als Verleger neuen Typs. Er glaube ‚an die Zukunft der Zeitung‘.“

Das Internet und die öffentlich-rechtlichen Sender
(Digitaler Film, Bertram Gugel)
„Es ist schlicht die (falsche) Annahme, das Internet sei nur ein weiterer Abspielkanal und es bedürfe keiner Anpassung der Inhalte außer einer Formatwandlung und – wenn es hoch kommt – das Anbieten eines Podcast-Feeds.“

Der Schawinksi-Hype
(JakBlog, Christian Jakubetz)
„Der Herr Schawinski ist ein richtig begnadeter Selbstdarsteller. Und kluges Marketing macht er zudem.“

9Live wird 6
(Turbozapper.de, Martin Hillmann)
„Turbozapper blickt zurück auf 6 Jahre mehr oder weniger erfolgreiche Geschichte“.

Jugendmagazin „Spiesser“ will Westen erobern
(horizont.net)
„Nach der Ausweitung seines Vertriebs auf die westdeutschen Bundesländer denkt das Dresdner Gratis-Jugendmagazin „Spiesser“ über weitere Wachstumsoptionen nach.“

Holtzbrinck verabschiedet sich vom (Online-)Journalismus
(sixtus.net, Mario Sixtus)
„‚Losgelöst vom Stammgeschäft‘ kann eigenlich nur heißen: Mit Journalismus haben wir im Netz nichts am Hut.“

Serbokroaten für Eintracht Frankfurt

Fast im Maßstab 1:5 zeigt die Frankfurter Ausgabe der „Bild“-Zeitung heute den 21-jährigen kroatischen Stürmer Ante Rukavina von Hajduk Split, an dem Eintracht Frankfurt angeblich Interesse hat. Oder, genauer: zeigt jemanden, den „Bild“ für den 21-jährigen kroatischen Stürmer Ante Rukavina von Hajduk Split hält.

Nicht nur Kroaten werden sich darüber wundern, dass ihr angeblicher Landsmann das Trikot der serbischen Fußballnationalmannschaft trägt — dank der Größe des Fotos deutlich am Wappen auf Brust und Hosenbein zu erkennen. Kein Wunder: Der abgebildete Mann heißt zwar so ähnlich (Antonio Rukavina), ist aber Serbe und spielt bei Partizan Belgrad.

Wär‘ als Abwehrspieler aber vermutlich auch keine gute Verstärkung für Frankfurts Sturm.

Mit Dank an Sebastian, Lars W. und Daniel M.!

Allgemein  

Das alte Vorurteil, „Bild“ würde lügen

„Das ist ein gut gemachter Spot, natürlich haben wir auch darüber gelacht. Er lebt aber von dem alten Vorurteil, BILD würde lügen — was durch eine witzige Wiederholung jedoch auch nicht wahrer wird.“

(„Bild“-Sprecher Dirk Meyer-Bosse über den BILDblog-Werbefilm)

Ein altes Vorurteil, soso.

Als Service für Herrn Meyer-Bosse (und unsere Leser) haben wir eine kleine, unvollständige Auswahl von „Bild“-Lügen aus den vergangenen zwei Jahren zusammengestellt, der Übersicht halber grob in zehn Kategorien unterteilt:

Lügen mit Fotos

Lügen mit Toten und Verletzten

Lügen mit Zitaten

Lügen mit Tieren

Lügen zur Verteidigung

Lügen mit Wissenschaftlern

Lügen mit Terroristen

Lügen mit Politik

Lügen mit Gewalttaten

Lügen mit Zeitangaben

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