Kurz korrigiert (88)

In seiner beliebten VersuchsReihe „Wie viele Fehler passen in einen einzigen Artikel“ widmet sich Bild.de aktuell einer wilden Geburtstagsparty, die die Tochter von „Fergie“ laut „Sun“ veranstaltet haben soll.

  • Bild.de nennt die Mutter „Sarah Fergusen„, richtig schreibt sich der Nachname: Ferguson.
  • Bild.de nennt die Tochter „Prinzessin Eugenie Fergusen“, richtig lautet ihr Name: Prinzessin Eugenie von York. Ferguson ist der Mädchenname ihrer Mutter.
  • Bild.de nennt das Anwesen „Sunnhill Park“, richtig heißt es: „Sunninghill Park“.
  • Bild.de nennt das Thema der Party „Piraten der Karibik“, richtig übersetzt hätte es im konkreten Fall wohl „Fluch der Karibik“ lauten müssen.

Danke an Veronika S. und Valeri K. für die Hinweise!

Nachtrag, 11.05 Uhr. Und, schwupps, sind alle Fehler korrigiert.

Nachtrag, 3. Januar 2007. …bis auf den zentralen.

0:4

Wir unterbrechen unser Programm für eine Warnmeldung: Im Bundesliga-Spielbericht von Bild.de kommt Ihnen eine Reihe von Falschmeldungen entgegen. Bitte weichen Sie nach Möglichkeit auf andere Informationsquellen aus. Wir informieren Sie, sobald die Gefahr gebannt ist.

Bayern – Köln. Bei Bild.de heißt es:

Poldi flankt – Feulner köpft das Leder aus abseitsverdächtiger Position ins Tor.

Richtig ist: Scherz köpft, Feulner schießt.

Bayern – Köln. Bei Bild.de heißt es:

Makaay bedankt sich, macht endlich mal wieder ein Tor.

„Endlich mal wieder“? Roy Makaay hat auch am letzten Spieltag ein Tor gemacht. Und am Spieltag davor.

Gladbach – Dortmund. Bei Bild.de heißt es:

Nach einer Ecke von Oliver Neuville kommt Nando Rafael in der 6. Minute völlig frei zum Schuß, zieht aus 10 Metern ab!

Richtig ist: Es war kein Schuss, sondern ein Kopfballtor.

Gladbach – Dortmund. Bei Bild.de heißt es:

Nach einem Gladbacher Elfmeter kriegen die Dortmunder den Ball einfach nicht unter Kontrolle. Am Ende macht Rafael sein zweites Tor.

Richtig ist: Es war kein Elfmeter, sondern eine Ecke.

Vielen Dank an Thomas H. für den Hinweis!

Nachtrag, 3. April. Am Sonntagnachmittag hat Bild.de die Fehler korrigiert.

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„Bild“ missversteht Ältestenrat

Was macht eine Zeitung wie „Bild“ mit unliebsamen Tatsachen? Ignorieren? Muss nicht. Ins Gegenteil verdrehen geht auch.

Der Ältestenrat des Bundestags hat gestern einstimmig (ohne den Namen der Zeitung zu nennen) die „Bild“-Kampagne gegen Bundestagspräsident Norbert Lammert gerügt. Die Überschrift der Erklärung lautet: „Ältestenrat weist Angriffe auf den Bundestagspräsidenten zurück.“ Diese Angriffe seien „im Ton verletzend und sachlich unbegründet“. Und weiter:

Das Verfahren [mit dem die Diäten festgesetzt werden] ist grundsätzlich öffentlich, nachvollziehbar und für jedermann transparent. Die öffentliche Auseinandersetzung und Begleitung der Debatte über verschiedene Lösungsmöglichkeiten ist ausdrücklich erwünscht.

Respekt vor demokratischen Entscheidungen — und dieser schließt die Achtung demokratischer Verfahrenswege und Zuständigkeiten ein — ist unerlässlich für das Funktionieren und die Akzeptanz einer Demokratie. Diese leidet, wenn Parlamentariern unter Aufbietung fragwürdiger publizistischer Methoden Festlegungen aufgenötigt werden sollen, bevor ihnen überhaupt die notwendige Entscheidungsgrundlage vorliegt. Der „publizistische Pranger“ ist kein Instrument demokratischer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.

Der Ältestenrat bittet daher um Mäßigung im Ton, Sachlichkeit in der Auseinandersetzung und konstruktive Begleitung des demokratischen Entscheidungsfindungsprozesses.

(Hervorhebungen von uns.)

Und so „berichten“ die „Bild“-Redakteure Stefan Ernst und Dirk Hoeren heute über diese einstimmige Kritik an der „Bild“-Berichterstattung:

Der Bundestags-Ältestenrat begrüßte die öffentliche Diäten-Diskussion. Eine Begleitung der Debatte sei „ausdrücklich erwünscht“, hieß es gestern in einer einstimmig gefaßten Erklärung. Zugleich wies der Ältestenrat eine angebliche Presse-Kampagne zurück: „Der ‘publizistische Pranger’ ist kein Instrument demokratischer Meinungsbildung und Entscheidungsfindung.“

Stefan Ernst und Dirk Hoeren. Inoffizielle Mitarbeiter im Ministerium für Wahrheit.

Danke für die sachdienlichen Hinweise!

Nachtrag, 18.00 Uhr. Nobert Lammert begann die heutige Plenarsitzung damit, dass er die Kernsätze des Ältestenrates zitierte, und fügte hinzu:

Da die betroffene Zeitung heute aus dieser Stellungnahme des Ältestenrates die Mitteilung macht, der Ältestenrat begrüße die öffentliche Debatte, dachte ich, es wäre sowohl zur Information der Öffentlichkeit wie zur Urteilsbildung des Hauses angemessen, auf den vollständigen Zusammenhang hinzuweisen.

(Beifall bei der CDU/CSU, der SPD, der FDP und dem BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN)

Patchworken mit Christiane Hoffmann

Christiane Hoffmanns „Bild“-Kolumne heißt jeden Tag „Ich weiß es!“. Vermutlich weil es den Grafikern zu mühsam ist, das Logo je nach Bedarf gegen „Könnte ungefähr hinkommen!“, „Ziemlich grob geraten!“ und „Frei erfunden!“ auszutauschen.

Gestern hat die „Bild“-Kolumnistin den Weg gewählt, aus drei Ereignissen, die zu unterschiedlicher Zeit an unterschiedlichen Orten stattgefunden haben, ein einziges zu machen.

Christiane Hoffmanns Patchwork-Geschichte geht so:

So toben sich Kate Moss und ihr Drogenfreund nach dem Sex aus

(…) Heimlich trafen sich die beiden zu einer „Sauf- und Sexnacht“, wie die britische Zeitung „News of the World“ berichtete.

Im Abstand von 90 Minuten verließen Pete [Doherty] und Kate das konspirative Haus eines befreundeten Künstlers. Tja, wurden dabei natürlich erwischt. Und zum Dank setzte es Prügel!

Pete ging mit Regenschirm auf das Auto eines Paparazzo los, zertrümmerte seine Scheibe. Kate schlug wie eine Furie mit ihrer Handtasche auf Fotografen ein. (…)

Richtig ist, dass laut „News of the World“ Moss und Doherty eine gemeinsame Nacht mit „WILDEM SEX“ verbrachten und das Haus im Abstand von 90 Minuten verließen, wobei sie von Fotografen erwischt wurden. Nur: von irgendeiner Schlägerei ist da nicht die Rede. Und die angebliche Wilde-Sex-Nacht fand schon von Freitag auf Samstag vergangener Woche stand.

Zum Handtaschen-Angriff von Kate Moss kam es erst drei Tage später, am Dienstag. Er hatte deshalb natürlich auch nichts mit der Sex-Nacht zu tun. Und er ereignete sich auch nicht vor dem Haus, in dem Doherty und Moss die Nacht verbracht haben sollen, sondern vor einem anderen Haus.

Dienstag war ebenfalls der Tag, an dem Pete Doherty einen Paparazzo mit einem Regenschirm angriff. Nicht vor dem Haus mit dem wilden Sex, auch nicht vor dem Haus mit dem Handtaschen-Zwischenfall, sondern auf offener Straße. Zwei Fotografen sollen ihn verfolgt haben, als er mit seinem frisch gekauften, angeblich achten Jaguar herumfuhr.

Und wenn man, wie Christiane Hoffmann, einfach nach Gutdünken Orte, Zeitangaben und Zusammenhänge verändert, sieht das so aus:

(Überschrift: Wilde-Sex-Geschichte, Foto rechts unten: Handtaschen-Geschichte, Fotoleiste oben: Regenschirm-Geschichte.)

Und als sei das noch nicht schlimm genug, vermischt Bild.de das alles unauffällig mit einer vierten Geschichte und illustriert Hoffmanns Kolumne mit Fotos, die Doherty bei einem wiederum ganz anderen Ausraster zeigen: vor einer Woche nach einer gerichtlichen Anhörung.

Danke an Michael K.!

Wie „Bild“ viel Wind produziert

Im Hintergrund ein Wirbelsturm, im Vordergrund ein lachender Umweltminister Sigmar Gabriel und darunter die gewaltige Schlagzeile: „Minister verhöhnt Hamburger Tornado-Opfer“. So machte die „Bild“-Zeitung gestern in Hamburg auf.

Und behauptete:

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel in Berlin macht Späße über den Tornado! (…) In der gestrigen Haushaltsdebatte im Bundestag (es ging um den Klimawandel) witzelte er über den Tornado, der durch Hamburgs Süden fegte: „Das wird wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.“

„Bild“ nannte das im Stabreim eine „peinliche Politiker-Panne“ — und hätte, wenn es so gewesen wäre, womöglich recht.

Heute greift „Bild“ das Thema auch bundesweit auf und macht Gabriel zum „Verlierer des Tages“:

(…) Im Bundestag sagte er, die Katastrophe werde „wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.“

BILD meint: Ganz schnell entschuldigen!

Und hätte, wenn es so gewesen wäre, womöglich recht.

Aber die Sache war ein bisschen anders. Gabriel hatte sehr ernsthaft über die Bedeutung des Klimaschutzes und die Gefahren des Klimawandels geredet und dann gesagt:

Letztens hatten wir in Hamburg einen Tornado. Ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gab und ob das etwas mit dem Klimawandel zu tun hat.

An dieser Stelle wurde er von mehreren Zwischenrufen unterbrochen, die er nicht verstand. Er fragte nach, und der CDU-Abgeordnete Steffen Kampeter machte eine vermutlich witzig gemeinte Bemerkung:

Die Frage ist, ob das etwas mit den Mehrheitsverhältnissen in Hamburg zu tun hat!

Auf diesen Zwischenruf hin antwortete Gabriel:

Das wird wohl eher etwas mit den Nachwirkungen der Ereignisse, in die der Justizsenator verwickelt war, zu tun gehabt haben.

Was genau Kampeter und Gabriel meinten, wie Kampeter vom Tornado auf die „Hamburger Mehrheitsverhältnisse“ kam und Gabriel von den Hamburger Mehrheitsverhältnissen auf die Entlassung des Justizsenators am Montag, bleibt auch nach Lektüre des stenografischen Berichts schleierhaft.

Aber die „Bild“-Zeitung verschweigt ihren Lesern den Zusammenhang: dass sich Gabriel nicht direkt auf den Tornado bezog, sondern auf eine Bemerkung über die „Hamburger Mehrheitsverhältnisse“. Dabei muss ihr der tatsächliche Ablauf bekannt gewesen sein. Denn Gabriels Satz lautete wörtlich (wie auf dem Video von der Sitzung zu sehen ist) etwas anders. „Bild“ zitiert aus der redigierten Version im stenografischen Bundestags-Protokoll. Und in diesem Protokoll ist auch der vorhergehende Zwischenruf dokumentiert.

Allgemein  

Der Schummel-Kurus von Bild.de

Das ist eine 1-Kurus-Münze. Steht ja auch drauf. Sie ist 2,7 Gramm schwer, 1,65 Millimeter dick und hat einen Durchmesser von 1,7 Zentimetern. Mit anderen Worten: Sie ähnelt einem 2-Euro-Stück weder in Form, noch in Größe und Gewicht. Sie ähnelt ihm quasi überhaupt nicht.

Das hält Bild.de jedoch nicht davon ab, schon den ganzen Tag über das Gegenteil zu behaupten (siehe Ausrisse unten) — und sie fälschlicherweise als „neue türkische 1-Lira-Münze“ zu bezeichnen. Die ist ihrerseits 8,3 Gramm schwer, 1,9 Millimeter dick, hat einen Durchmesser von 2,615 Zentimetern und, indem sie so völlig anders aussieht als obige 1-Kurus-Münze, tatsächlich Ähnlichkeit mit einem 2-Euro-Stück.

Mit Dank an Harald S., Sven M. und Kristian S. für den Hinweis.

Nachtrag, 31. März, 13.20 Uhr. Der Schummel-Beauftragte von Bild.de muss lange mit anderen Dingen beschäftigt gewesen sein, aber jetzt endlich verkauft Bild.de keine Kurus-Münzen mehr als Lira-Münzen.

Jetzt X

Cathay Pacific, Singapore Airlines, Thai Airways, Malaysia Airways, Qatar Airways, Gulf Air, Swiss, Lufthansa, Emirates, All Nippon Airways — das ist die Rangliste der „schönsten First-Class-Abteile der Fluggesellschaften“, über die Bild.de mit Datum vom 29.3.2006 unter Berufung auf das US-Magazin „Forbes“ berichtet. So weit, so gut.

Schaut man genauer hin, heißt es bei Bild.de allerdings:

„Das US-Magazin Forbes hat jetzt die schönsten First-Class-Abteile der Fluggesellschaften gewählt.“
(Hervorhebung von uns.)

Und angekündigt wird die „Forbes“-Top-10 mit den Worten:

"Neue Rangliste"

Neu ist daran allerdings nur die Veröffentlichung auf Bild.de, die „Forbes“-Rangliste selbst ist seit viereinhalb Monaten bekannt.

Mit Dank an Arthur D. für den Hinweis.

Lachen mit „Bild“

Beispielsweise im Jahr 2004 wurden laut Kriminalstatisik von der Polizei 8831 Vergewaltigungsfälle erfasst, davon 2551 überfallartig durch Einzeltäter, 224 überfallartig durch Gruppen, 335 durch Gruppen und 10 mit Todesfolge. Hinzu kommen 6792 Fälle sonstiger sexueller Nötigung und 26.224 Fälle sexuellen Missbrauchs. Die Zahl der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung lag bei 57.306. Die Dunkelziffer bei Vergewaltigungen wird auf das 10- bis 20-fache der erfassten Fälle geschätzt.

Und das ist ungefähr so lustig wie die Schlagzeile, die heute in Teilen Deutschlands auf Seite 3 der „Bild“-Zeitung und bei Bild.de zu finden ist:

Im Ernst: Wie lange wird es dauern, bis dieselben „Bild“-Redakteure auf derselben Seite womöglich „Froschmann vergewaltigt und tötet Fischverkäuferin“ titeln? Und schreiben sie dann etwa als Erklärung für die Tat auch wieder lapidar: „Der Frühling ist da, die Triebe spielen verrückt (…)“?

Vergewaltigung ist die extremste Form sexualisierter Gewalt. Für „Bild“ ist es nur ein Wort.

Mit Dank an die Hinweisgeber und Spirit of Entebbe für den Scan.

„Bild“-Leser in Wirbel geraten

Gestern veröffentlichte „Bild“ folgenden Leserbrief:

Zu: Wirbel um den Bundestagspräsidenten. Leider war Parlamentspräsident Norbert Lammert sich anscheinend immer zu fein, Stellung zu seinen Nebeneinkünften zu nehmen. Ich bitte euch: fragt weiter täglich nach!

Natürlich könnte man Manfred König erklären, dass er etwas missverstanden hat. Dass Informationen über Lammerts Nebentätigkeiten seit Jahren für jeden nachzulesen waren. Dass Lammerts Nebeneinkünfte nichts mit der täglichen „Bild“-Nachfrage nach Plänen für die Diäten- und Pensions-Reform zu tun haben. Und noch vieles mehr.

Aber andererseits wissen wir ja, wie es kommen konnte, dass Manfred König all das missverstanden hat.

Es ist also nicht nur so, dass die „Bild“-Zeitung ihre Leser in die Irre zu führen versucht. Sie demonstriert auch noch gerne, wenn es ihr gelungen ist.

Der „Frivoler Prozeß“-Prozess

Am 26. Juli 2005 veröffentlichte „Bild“ eine halbseitige Geschichte, die mit dieser recht harmlos klingenden Schlagzeile überschrieben war:

Es ging in dem Artikel um einen Mann, der von seiner Ex-Freundin angezeigt und auf 200.000 Euro Schmerzensgeld verklagt worden war, weil er einen offenbar heimlich gedrehten Film im Internet veröffentlicht hatte. Der Film zeigte ihn mit der Ex-Freundin beim Oralsex. Die Anklage lautete auf Beleidigung, Verletzung der Rechte am eigenen Bild und Verbreitung pornographischer Schriften. „Bild“ illustriert die Geschichte u.a. mit einer Sequenz aus dem Film, die mit zwei nicht sehr großen schwarzen Balken versehen ist, und beschreibt das Foto so:

Szene aus dem privaten Sexfilm: Zärtlich verwöhnt Kerstin ihren Freund Dirk N.* (39) mit dem Mund

Man kann das als zynisch bezeichnen, einen Text über diesen Strafprozess quasi mit dem corpus delicti selbst zu bebildern, aber darum soll es hier gar nicht gehen. Sondern um das andere ziemlich große Foto, das „Bild“ in diesem Zusammenhang zeigt. Darauf ist eine Frau in Jeans zu sehen. Sie trägt einen auffälligen Gürtel und ein nicht weniger auffälliges Oberteil. Frisur, Ohren, Haaransatz und -farbe sind gut zu erkennen. Lediglich das Gesicht ist verpixelt. Die Bildunterzeile lautet:

Kerstin* (42) verklagt ihren Freund auf 200.000 Euro Schmerzensgeld

Soweit so schlimm. Denn wer „Kerstin“ kennt, dürfte keine Probleme gehabt haben, sie anhand des großen Fotos zu identifizieren.

Aber damit ist diese Geschichte noch lange nicht zuende. Im Gegenteil. Denn die Frau auf dem großen Foto – nennen wir sie einfach weiter „Kerstin“ – ist überhaupt nicht die 42-jährige Frau aus dem Video, sondern deren 27-jährige Nichte, die mit dem „frivolen Prozeß“ aus der „Bild“-Zeitung rein gar nichts zu tun hat. Da wundert es nicht, dass „Kerstin“ die „Bild“-Zeitung aufforderte, in Zukunft keine Fotos mehr von ihr zu veröffentlichen und dabei zu behaupten, sie habe die dargestellten sexuellen Handlungen vorgenommen. Sie forderte also die Abgabe einer strafbewehrten Unterlassungserklärung von „Bild“. Doch „Bild“ lehnte ab.

Deshalb musste sich das Landgericht Frankfurt/Main mit dem Fall beschäftigen. Am 11. August 2005 erließ es eine einstweilige Verfügung, die es „Bild“ untersagte, Fotos von „Kerstin“ zu veröffentlichen und dabei zu behaupten, sie habe die dargestellten sexuellen Handlungen vorgenommen. Bei Zuwiderhandlung hätte „Bild“ 250.000 Euro zahlen müssen. Doch „Bild“ legte Widerspruch gegen die einstweilige Verfügung ein.

Also musste sich das Gericht wieder mit dem Fall beschäftigen. Am 19. Januar dieses Jahres fand die mündliche Verhandlung statt. Im Urteil [PDF] des Gerichts wird „Kerstins“ Aussage so wiedergegeben:

Trotz gepixeltem Gesicht sei sie auf dem Bild erkennbar (…). Sie sei auch tatsächlich bundesweit von Freunden, Bekannten und Verwandten erkannt worden, insbesondere von einer Frau S. D. aus H, sowie von ihrem Bruder und dessen Arbeitskollegen. (…) Die verwandtschaftliche Verbindung zwischen den zwei Frauen hätte dazu geführt, daß der Artikel insbesondere die Aufmerksamkeit von Bekannten und Verwandten (…) auf sich gezogen hätte.

Das klingt plausibel. Außer für „Bild“, bzw. die beklagte Axel Springer AG, deren Aussage im Urteil so wiedergegeben wird:

Die Beklagte bestreitet mit Nichtwissen, dass es sich bei der (…) Frau um die Klägerin handele und diese die Nichte von Frau B. sei. Sie bestreitet des Weiteren, dass die Frau, die angeblich die Klägerin sein soll, für Dritte identifizierbar sei. (…) Aufgrund der Unkenntlichkeit sei es daher auch nicht möglich, daß die Beklagte tatsächlich von Freunden, Bekannten und Verwandten erkannt worden sei. Auch spreche die Tatsache, daß der Bruder der Klägerin in L lebe und sie in Westfalen, dagegen, dass die Arbeitskollegen des Bruders die Schwester überhaupt kennen und damit erkennen können.

Um das mal kurz zusammenzufassen: „Bild“ weiß nicht, wer auf dem von ihr gezeigten Foto zu sehen ist, bestreitet aber einfach mal, dass es die Frau sei, die behauptet, es zu sein, und bezichtigt sie auch sonst pauschal der Lüge. „Bild“ hatte also Kerstins Darstellung von Anfang an rein gar nichts entgegenzusetzen (was übrigens auch die Entscheidungsgründe des Gerichts deutlich machen), weigerte sich aber trotzdem, die simple Erklärung abzugeben, dass sie es künftig unterlassen werde, das Persönlichkeitsrecht und das Recht am eigenen Bild der Klägerin zu verletzen.

Ach ja, „Bild“ verlor natürlich den Prozeß.

Mit bestem Dank an Martin H. für den sachdienlichen Hinweis.

Mehr dazu hier.

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