Kurz korrigiert (443)

Bestimmt ist es eine gezielte Provokation, dass der Fußballtrainer von Schalke 04 auf Bild.de heute "Vize-Trainer: Mirko Slomka"als „Vize-Trainer“ bezeichnet wird (siehe Ausriss), obwohl er doch seit 2006 Chef-Trainer ist. Schließlich wissen die Sportexperten Mitarbeiter von Bild.de doch ganz bestimmt, dass der ehemalige Schalke-Torwart Frank Rost im November 2006 angeblich von Slomka aus der Startelf genommen wurde, weil er ihn als „Co-Trainer“ bezeichnet haben soll. Klar wissen die das, stand ja auch bei Bild.de.

Mit Dank an Katy H. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 22.07 Uhr: Möglicherweise meint Bild.de mit „Vize-Trainer“ gar nicht „Co-Trainer“, sondern „Vizemeister-Trainer“. Das wäre Mirko Slomka natürlich.

Nachtrag, 31.07.07: Muss wohl doch der „Co-Trainer“ gemeint gewesen sein. Jetzt ist Slomka bei Bild.de jedenfalls nur noch „Trainer“.

Allgemein  

„Bild“ erfindet Verbraucherschutzwarnung

"Verbraucherschutz warnt! -- So nutzt Pfarrer Fliege hilfesuchende Zuschauer aus"

Flieges neuer Job als „Seelsorger“ im Spartensender „Help TV“ soll ein Abzock-Format sein. Der Vorwurf: Fliege lockt (…) Hilfesuchende in die Telefonkostenfalle!

Soweit „Bild“ am vergangenen Samstag. „Bild“ berief sich dabei auf Theo Wolsing, Sprecher der Verbraucherzentrale NRW, und zitierte ihn mit den Worten:

„Anbieter wie Fliege nutzen kostenpflichtige Hotlines, bei denen nicht nachvollziehbar ist, ob die Anrufer auch wirklich Kontakt zu den gewünschten Gesprächspartnern erhalten. Wir beobachten die Sendung, warnen vor der Schuldenfalle.“

„In den Mund gelegt“
Das mir in den Mund gelegte Zitat stellt das Gespräch mit Ihrem Mitarbeiter am letzten Freitag auf den Kopf. (…) In Bezug auf Help TV habe ich (…) mehrfach darauf hingewiesen, dass uns derzeit keine Beschwerden vorliegen und ich die zuvor beschriebene Gefahr dort auch nicht sehe – nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der Sender quasi unter Auschluss der Öffentlichkeit ausgestrahlt wird. Insofern distanziere ich mich ausdrücklich von der in dem o. g. Artikel vorgenommenen Zuspitzung.
(Aus einer Mail von Theo Wolsing an die „Bild“-Redaktion)

Fragt man bei Verbraucherschützer nach, erfährt man allerdings Erstaunliches: „Bild“ habe sich zwar bei ihm gemeldet und im Gespräch immer wieder „auf Fliege festlegen“ wollen. Er habe jedoch seinerseits wiederholt deutlich gemacht, dass man Help TV zwar beobachte, aber wenig Anlass zur Besorgnis sehe: Es lägen „keine Verbraucherbeschwerden gegen Help TV“ vor, habe Wolsing dem „Bild“-Mitarbeiter gesagt — und vor der „Schuldenfalle“ habe er „ausdrücklich nicht im Zusammenhang mit Fliege“ gewarnt (sondern in Bezug auf andere Call-In-Sendungen). Wolsing hat sich inzwischen auch bei „Bild“ beschwert (siehe Kasten).

Aber „Bild“ hatte ja noch eine zweite Meinung zur „Telefonkostenfalle“ eingeholt und zitierte „Medien-Anwalt“ Burkhard Benecken mit den Worten: „Eine Schadenersatzklage hätte für Opfer eine große Aussicht auf Erfolg.“ Auf Nachfrage sieht sich Benecken zwar korrekt wiedergegeben, sagt uns aber auch, seine Einschätzung beruhe darauf, wie „Bild“ ihm den Fall schilderte — er selbst kenne Help TV nicht.

Und tatsächlich ist der Vorwurf der „Abzocke“ bei Help TV weit hergeholt. Die Kosten für den Zuschauer halten sich dort nämlich in Grenzen: Wer für 50 Cent anruft, wird gebeten, Name und Telefonnummer zu hinterlassen, und kostenlos zurückgerufen.

Nicht ganz glücklich war daher auch Help TV mit dem „Bild“-Bericht vom Samstag. Der Sender wies in einer Pressemitteilung nicht nur darauf hin, dass, was in „Bild“ stand, „grob irreführend“ sei und es „seit Sendestart (…) keine einzige Beschwerde von Zuschauern, Anrufern oder Verbraucherschutzorganisationen“ gegeben habe. Nein, Help TV stieß sich vor allem an einer weiteren „Bild“-Aussage:

BILD machte während der Woche mehrere Testanrufe. Einen Rückruf von Fliege oder seinen Mitarbeitern gab es nicht.

Help-TV bestätigt das, wird aber deutlich konkreter: Am vergangenen Mittwochmittag sei tatsächlich ein Anruf von einer „Bild“-Telefonnummer eingegangen. Allerdings habe der Anrufer keine Rückrufnummer o.ä. angegeben, sondern nach gerade mal 1,8 Sekunden wieder aufgelegt. Und am Freitagnachmittag, wenige Stunden vor Redaktionsschluss, habe es innerhalb kürzester Zeit noch zwei weitere solcher Anrufe gegeben (3,3 Sekunden, 2,5 Sekunden) sowie einen, bei dem tatsächlich eine Rufnummer hinterlassen worden sei (11,7 Sekunden). Wie uns Help-TV-Vorstand Peter Pohl sagt, habe sein Sender heute wie üblich zurückgerufen. (Beratungsbedarf bestand offenbar nicht.)

Und „Bild“, äh, „Bild“? Schreibt heute:

"Nach BILD-Bericht -- Fliege senkt die Preise"

Das ging aber schnell! Samstag berichtete BILD, dass Verbraucherschützer vor Jürgen Fliege (61) warnen, weil der TV-Pfarrer mit seiner Beratungs-Hotline (…) die Anrufer abkassiert. (…) Fliege reagierte prompt: Seit dem Wochenende kostet der Anruf nur noch 14 Cent.

Dass Help TV wesentliche Teile des ursprünglichen „Bild“-Berichts vom Samstag dementiert und dazu übers Wochenende auch im direkten Kontakt mit „Bild“-Mitarbeitern stand, erfahren die „Bild“-Leser nicht.

Kurz korrigiert (442)

Manchmal ist das Leben aber auch unverschämt kompliziert. Die fünfte Frau des heute gestorbenen Regisseurs Ingmar Bergman hieß zwar Ingrid. Sie ist aber nicht identisch mit der Schauspielerin Ingrid Bergman, mit der Bergman den Film „Herbstsonate“ gedreht hat, und deshalb auch nicht die Frau auf diesem Foto, das Bild.de zeigt:

Vielen Dank an Ilona R. und Katja M. für die Hinweise!

Nachtrag, 19.40 Uhr. Nun ist die Schauspielerin Ingrid Bergman auch bei Bild.de nicht mehr Ingmar Bergmans Frau.

„Bild“ macht sich nützlich

Das ist doch mal eine gute Sache. Die „Bild“-Zeitung berichtet seit einigen Tagen groß über den „Mücken-Terror“, der von den zahlreichen, in diesem Jahr angeblich besonders stichfreudigen Mücken ausgehe, und als Service lieferte sie dazu am Samstag einen Anwendungsvorschlag in eigener Sache, den man auch als schlagendes Argument für die Vorteile des Printjournalismus sehen kann:

Wir können diesen Gebrauchshinweis nur unterstützen, würden von kreativen Weiterentwicklungen, zum Beispiel im Einsatz gegen unerwünschte „Bild“-Leser-Reporter, aber abraten.

Vielen Dank für die vielen Hinweise!

6 vor 9

„Der Radsport ist ein bisschen verrückt“
(tour.ard.de, Michael Ostermann)
Die Tour 2007 ist fast vorbei, im entscheidenden Zeitfahren verteidigt Alberto Contador das Gelbe Trikot und rettet 23 Sekunden Vorsprung ins Ziel. Die internationale Presse befragt anschließend den designierten Toursieger. Eine Komödie in einem Akt.

Das Kulturgut Fernsehen ist in Gefahr
(faz.net, Jochen Hieber)
Als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident gehörte Bernhard Vogel (CDU) 1984 zu den Gründerfiguren des Privatfernsehens. Die jüngsten Entlassungen und programmatischen Einschnitte bei Pro Sieben Sat.1 lassen ihn jetzt um sein Pionierwerk bangen.

Leben mit der Fatwa
(spiegel.de)
Ein islamkritischer Artikel reichte aus, um zum Todes-Kandidaten zu werden: Der Philosoph Robert Redeker nahm im „Figaro“ kein Blatt vor den Mund – und musste abtauchen. Dem Magazin „Gazette“ erzählte er die Geschichte seiner Verfolgung.

Frauenmagazine ohne Mode, Kosmetik und Diäten
(jetzt.sueddeutsche.de, Susanne Klingner und Michael Moorstedt)
Petra Fröhlich,33, ist Chefredakteurin von „Play Vanilla„, dem ersten Gaming Magazin für Mädchen. Die 25-jährige Anke Eberhardt ist Chefredakteurin des „Spare Magazins“, einer Snowboard-Zeitschrift für Mädchen. jetzt.de sprach mit ihnen über Rollenbilder.

Virtueller Wahlkampf in den USA
(focus.de, Peter Gruber)
Im Internet präsentieren Amateure selbst gedrehte Wahlwerbespots und sind damit erfolgreicher als die offiziellen Kampagnen der Profis.

Warum man Leserbriefe abschaffen sollte
(blick.ch, Ayse Turcan)
Ohne das Recht auf freie Meinungsäusserung wäre die Demokratie keine Demokratie sondern eine Diktatur, Monarchie oder eine andere Staatsform.

Du sollst dich nicht an den Simpsons vergehen

Vermutlich war es schwer genug, überhaupt einen „Freiwilligen“ in der Bild.de-Redaktion zu finden, um die 100-teilige Klickparade mit den „lustigsten Simpsons-Sprüchen“ zu befüllen. Dass sich dann kein zweiter auftreiben ließ, der Lust hatte, das ganze Zeugs noch zu kontrollieren, kann man fast verstehen.

Dabei hätte es ein flüchtiger Blick getan.

Auf den Teil 76 von 100 zum Beispiel:

Die erste Verbesserung berücksichtigt nicht rülpsen.

Hö?

Das soll wohl einer der Sätze sein, die Bart im Vorspann fast jeder Folge an die Tafel schreibt. Im Original lautet er: „The First Amendment does not cover burping“. Und nun ist die Synchronisation der „Simpsons“ zwar berüchtigt für Übersetzungsfehler, aber so schlimm ist es dann doch nicht. Auf deutsch sagt Bart: „Der erste Zusatzparagraph zur Verfassung beinhaltet nicht rülpsen.“ (Der erste Zusatz zur US-Verfassung garantiert die freie Meinungsäußerung.)

Der nächste Spruch bei Bild.de geht so:

Die ganze Arbeit und ohne spielen macht aus Bart einen trüben Jungen.

Das klingt, als hätte jemand, der weder der englischen noch der deutschen Sprache mächtig ist, den Originalsatz „All work and no play makes Bart a dull boy“ durch eine dieser unzuverlässigen Übersetzungsmaschinen geschickt. Tatsächlich sagt Bart auf deutsch: „Nur arbeiten und nie spielen macht Bart stumpfsinnig.“

Das hier ist auch schön:

Das hinzufügen von "nur ein Kind" rechtfertigt es nicht, den Direktor zu beleidigen.

Versuchen Sie mal zu erraten, was damit gemeint sein könnte.

Na?

Also: „Nur ein Kind“ ist die falsche Übersetzung von „just kidding“. Der Originalspruch lautete „Adding ‚just kidding‘ doesn’t make it okay to insult the principal“ („Der Zusatz ‚war nur ein Scherz‘ macht eine Beleidigung des Rektors nicht ungeschehen“).

So geht das dutzendfach. Nur mit viel Glück lässt sich der ursprüngliche Sinn manchmal wenigstens erahnen. Bild.de schreibt: „Nicht brennbar ist keine Aufforderung!“, dabei heißt der Spruch natürlich: „Die Aufschrift ’nicht brennbar‘ ist keine Herausforderung“. Laut Bild.de verspricht Bart: „Ich werde mich nicht hinter dem 5. Gebot verstecken.“ Das 5. Gebot lautet „Du sollst nicht töten“ und eignet sich nur sehr bedingt als Versteck. Im Original geht es um den 5. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung, der die Rechte von Angeklagten garantiert, und auf deutsch sagt Bart: „Ich darf mich nicht hinter dem 5. Verfassungszusatz verstecken.“

Bild.de hat all diesen Unfug offenkundig gedankenlos von zweifelhaften Quellen abgeschrieben. Wie gedankenlos? So gedankenlos:

Ein Schwamm ist kein Empfähngnissverhütungsmittel.

Die fiesen Schreibfehler hat Bild.de nämlich schätzungsweise nicht selbst gemacht, sondern fröhlich kopiert.

Auch dass der Satz „Frauen sind wie Toiletten: entweder beschissen oder besetzt“ aus den „Simpsons“ stammen soll, erscheint doch sehr abwegig — ein Großteil der 100 „lustigsten Simpsons-Sprüche“ von Bild.de ist in irgendeiner Form falsch. So falsch wie die Bild.de-Behauptung, dass die „Simpsons“ inzwischen „als langlebigsten [sic] TV-Serie aller Zeiten“ gelten. Das ist die Seifenoper „Guiding Light“, die seit 1952 im amerikanischen Fernsehen läuft.

In Deutschland hieß sie lustigerweise „Springfield-Story“.

Mit Dank an Steffen B.!

Im Solidarpakt mit dem Steuerzahlerbund

Der Bund der Steuerzahler hat da mal was ausgerechnet. Und zwar folgendes:

"Die Soli-Sauerei! Wir zahlen 32 Milliarden mehr, als der Osten braucht"

Na ja, so sieht jedenfalls die Übersetzung dessen, was der Bund der Steuerzahler (BdSt) sich zusammenreimt, in der heutigen „Bild“-Titelschlagzeile aus. Konkret zitiert „Bild“ den BdSt-Präsidenten Karl-Heinz Däke mit den Worten:

„Wenn man unterstellt, dass die Einnahmen aus dem Soli auf jährlich 13 Milliarden Euro steigen, dann kommen wir auf Gesamteinnahmen von 189,1 Milliarden zwischen 2005 und 2019. Dagegen beläuft sich der Solidarpakt II, das ist die Summe, die gebraucht wird, nur auf 156,5 Milliarden Euro.“

Logisch, könnte man meinen. Wenn „der Osten“ laut Solidarpakt II 156,5 Milliarden braucht, „wir“ aber 189,1 Milliarden an Solidaritätszuschlag zahlen, dann zahlen „wir“ über 32 Milliarden mehr, als „der Osten“ braucht. Oder auch, „32 Milliarden Euro zu viel“, wie „Bild“ auf Seite 2 schreibt.

Zuschlag vs. Pakt

Der Solidaritätszuschlag wurde eingeführt, um zu helfen, die Kosten der Wiedervereinigung zu decken. Allerdings ist er eine Steuer (die übrigens sowohl in West- als auch in Ostdeutschland erhoben wird), die allein dem Bund zusteht und nicht zweckgebunden eingesetzt werden muss. Der Solidarpakt II hingegen ist eine Vereinbarung, nach der der Bund sich schlicht verpflichtet, den neuen Bundesländern von 2005 bis 2019 insgesamt 156,5 Milliarden Euro zukommen zu lassen.

Eine lehrreiche Darstellung dazu findet sich im Magazin „brand eins“ (09/04, pdf).

Nur haben, anders als „Bild“ und der BdSt-Präsident den Eindruck erwecken wollen, Solidaritätszuschlag und Solidarpakt II nichts miteinander zu tun (siehe Kasten).

Entsprechend lehnte der Petitionsausschuss des Bundestags im Februar eine Petition auf Abschaffung des Solidaritätszuschlags mit fast entwaffnender Deutlichkeit ab (pdf):

Der Solidaritätszuschlag wird zusammen mit der Einkommensteuer erhoben und dient allgemein der Verbesserung der Steuereinnahmen des Bundes. (…) Es besteht somit weder eine explizite Zweckbindung, noch sind alle Mittel aus dem Solidaritätszuschlag zwingend für Aufgaben in den neuen Bundesländern bestimmt. (…) Insofern ist auch eine (…) Gegenüberstellung von Solidaritätszuschlag und Verwendung der Mittel aus dem Solidarpakt II nicht möglich.

Das muss einem nicht gefallen. Und man kann an Solidaritätszuschlag und Solidarpakt sicher berechtigte Kritik üben. Man kann die Abschaffung des Solis fordern, oder dessen Reduzierung, wie der heutige „Bild“-Kommentar — allerdings nicht mit irreführenden Rechenbeispielen. Insofern scheint es nicht ganz abwegig, wenn ein Sprecher des Finanzministeriums die heutige „Bild“-Rechnung des BdSt-Präsidenten als „populistisch“ und an der Grenze zur „Volksverdummung“ kritisiert.

Mit Dank an Holger R. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 29. Juli: Die „Bild“-Zeitung bleibt bei ihrer unsinnigen Rechnung. In ihrer Samstags-Ausgabe wiederholte sie:

Bis 2019 zahlen wir alle nach Berechnungen des Steuerzahler-Bundes voraussichtlich über 32 Milliarden Euro mehr an Soli, als wir für den Aufbau Ost wirklich brauchen.

6 vor 9

Verwirrung zur vollen Stunde
(blogs.radio24.ch, Christoph)
Gestern Mittwoch habe ich meinen Dienst um 8 Uhr angetreten. Bis 16 Uhr war ich für die halbstündlichen Nachrichten bei Radio 24 verantwortlich. Eine News hat mich von Anfang bis Ende meines Dienstes verfolgt – und der Inhalt änderte sich manchmal im Halbstundentakt drastisch.

Nachdenken über Hafechäs
(nzz.ch)
Zwei Jahre lang schrieb ein IT-Spezialist in einem Blog darüber, wie er als Deutscher die Schweiz erlebt. Nun hört er auf. Zum Abschied lud er seine Leser zu sich nach Hause ein. Ein Dutzend kamen.

Exzesse der Selbstausbeutung
(freitag.de, Wolfgang Kil)
Alternativ, urban, unabhängig. Die Berliner Stadtzeitung „Scheinschlag“ war ein publizistisches Experiment.

In Hollywoods Kloschüssel
(netzeitung.de, Sophie Albers)
Spears, Lohan, Hilton, Richie. Im Jahr 2007 darf die Öffentlichkeit zusammen mit ihren Stars in die Kloschüssel gucken. Aber wollen wir das eigentlich, fragt Sophie Albers.

In erster Linie lustig
(faz.net, Peer Schader)
Der Fernsehsender RTL 2 erzürnte mit Sexreportagen die Moralisten und mit ?Big Brother? die Feingeister. Jetzt sucht man ein neues Profil, lustig soll es sein, aber auch seriös. Um dieses Image zu stärken, starten die Münchner in den kommenden Wochen eine Reihe neuer Formate.

„Wir glauben unwidersprochen an den Fortschritt“
(jetzt.sueddeutsche.de, Lars Weisbrod)
Die Riesenmaschine, enthusiastischer Beobachter aller technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen und schönstes deutsches Weblog, gibt es seit heute auch in Buchform, mit ausgewählten Beiträgen aus Rubriken wie ?Supertiere?, ?Nachtleuchtendes? und ?Alles wird besser?. jetzt.de hat mit den Redakteuren Holm Friebe und Michael Braake im hektisch-betriebsamen Riesenmaschine-Büro gesprochen.

Den Finger in die Wunder gelegt

„Bild“ meldet heute:

Irrste Zeitung der Welt (…) wird nach 28 Jahren eingestellt

Nein, nicht was Sie jetzt denken…! („Bild“ ist ja auch schon 55.)

„Bild“ berichtet heute bloß darüber, dass das US-Magazin „Weekly World News“ (in dem „alles garantiert erfunden“ sei) eingestellt werde. Und zum vermeintlichen „Aus und vorbei“* druckt „Bild“ heute „noch einmal die besten Schlagzeilen der ‚WWN'“, also beispielsweise:

„Russen klonen 600 Hitlers!“ — „Hitler war ein Vampir – darum war er tagsüber so unentspannt“ — „Staubsauger saugt Deutschem das Gehirn raus!“ — „Deutscher Erfinder kann aus Katzen Benzin machen – für eine Tankfüllung reichen 20 Miezen“ — „UFO-Sekte will jetzt Hitler klonen!“ — „Wird süßer Knut jetzt totgespritzt?“ — HALT! STOPP! Die letzten drei Beispiele stammen ja gar nicht aus den „WWN“ und sind uns hier leider irgendwie dazwischengerutscht…

Aber wo wir gerade schon bei irren Schlagzeilen sind, am 8.1.1996 beispielsweise berichtete „Bild“:

Nach Blitzschlag — Mann friert nie mehr
Elektriker Harold Deal wurde vom Blitz getroffen. So heftig, daß das Kleingeld in seiner Hosentasche zu einem Klumpen verschmolz. Nebenwirkung: Seitdem friert der Amerikaner nicht mehr. Der Handwerker aus South Carolina kann selbst bei minus 20 Grad Celsius mit Shorts und T-Shirt ins Freie gehen.

Am 27.8.1999 hieß es:

Nach einem Blitzschlag: Frau steht unter Strom
(…) Kein Witz! Flaminia Cima (29) aus Cremona (Norditalien) wurde von einem Blitz getroffen und überlebte. Seitdem sprechen Ärzte von ihr als „medizinisch höchstseltenen Fall“. Denn der Blitzschlag hat die Frau elektromagnetisch dermaßen aufgeladen, dass es ihr unerträglich ist, mit anderen Elektro-Abstrahlern in Berührung zu kommen. Sie darf kein Fernsehen mehr gucken, Computer, Telefone, Küchengeräte, sogar das Radio, von allem muss sie die Finger lassen. Inzwischen ist der Strom abgestellt, sie hat Kerzen aufgestellt.

Und am 14.7.2005:

Beim Knutschen von Blitz getroffen
Stockholm – Magnus (20) und Elin (19) aus Göteborg (Schweden) lernten sich am Strand kennen, küßten sich. Als ein Unwetter aufzog, suchten sie unter dem Dach einer Hütte Zuflucht. Beim Knutschen wurden sie plötzlich von einem Blitz getroffen! Beide bekamen einen starken Stromschlag ab. Das Wunder der Liebe: Sie wurden kaum verletzt.

Womit wir immerhin wieder bei der heutigen „Bild“ angelangt wären. Denn heute berichtet „Bild“ mit zwei Wochen Verspätung auf der Titelseite unter der Überschrift „1. Papst-Wunder?“ (siehe Ausriss), dass ein italienischer Polizist einen Blitzeinschlag offenbar unbeschadet überlebt hat.

Das Fragezeichen ist angebracht — nicht nur, weil im Pressekodex steht: „Unbestätigte Meldungen, Gerüchte und Vermutungen sind als solche erkennbar zu machen.“ Und auch nicht, weil beispielsweise ilGiornale.it schrieb: „Es wird kein Wunder gewesen sein…“

Nein, um das erste Papst-Wunder kann es sich schon deshalb nicht handeln, weil „BILD-Vatikan-Sonder-Korrespondent“ Andreas Englisch, der die heutige Meldung verfasste, schließlich schon am 28. August vergangenen Jahres Zeuge eines Papst-Wunders geworden war — des legendären „Wunders von Castel Gandolfo“!

*) Dass die „Weekly World News“ offenbar nur ihre Print-Ausgabe einstellt, um ausschließlich im Internet weiterzuarbeiten, verschweigt „Bild“ ebenso wie die Tatsache, dass „Bild“ selbst in der Vergangenheit nicht davor zurückschreckte, unter Berufung auf „die US-Zeitschrift ‚Weekly World News'“ deren Fake-Meldungen („Castro trained killer sharks to attack U.S.“) mehr oder weniger distanzlos („Schickt Castro Hai-Guevaras nach USA?“) weiterzuverbreiten…

Mit Dank an Max M. für die Anregung sowie Silke und Mandy fürs Italienisch.

Ganz kurz korrigiert (441)

Liebes Bild.de, bislang 30 Hinweise (den ersten schon um 15.27 Uhr) haben wir bislang zu dieser Sache bekommen:

Mit Dank an Frederik Alexander T., Gregor D., Markus O., den, Thorsten M., Moritz D., Markus S., den anderen Markus S., Kathrin, Sven S., Johannes, Ingo K., Martin H., Martin K., Verena, Thorsten K., Jana H., Kai K., Jan A., Misch K., Peter R., das Wortschnittchen, Hendrik L., Dieter B., Peter K., Holger, Alexander, Klemens, Michael F. und Martin für den Hinweis.

Nachtrag, 27.7.2007: Danke, äh, danke.

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