Die erstbeste Überschrift

Zu den journalistischen Grundregeln der „Bild“-Zeitung gehört, dass ohne Superlativ wenig geht. Der zweitälteste Mensch der Welt, ein ziemlich großes Gebäude, ein sehr wichtiger Download — das sind keine Themen für „Europas größte Tageszeitung“. Und auch das neue Nokia-Mobiltelefon 7380 hätte es wohl am Donnerstag nicht auf die erste Seite von „Bild“ geschafft, wenn es nicht das erste Handy ohne Tasten wäre:

Was insofern ein bisschen blöd ist, als es durchaus vorher schon Mobiltelefone ohne Tasten gab. Das NEC N500 zum Beispiel. Und das NEC N930. Und das NEC N938. Und das NEC N940.

Okay, jetzt könnte man sagen: Das sind ja alles asiatische Geräte und die „Bild“-Schlagzeile gilt für europäische Handys — aber nein: Siemens hat 2004 schon Mobiltelefone ohne Tastatur herausgebracht. Das Xelibri 3 zum Beispiel. Und das Xelibri 8.

Okay, jetzt könnte man sagen: Das sind ja alles Siemens-Telefone, und dies ist das erste Nokia-Handy ohne Tastatur — aber nein: Das von „Bild“ auf Seite 1 angepriesene Mobiltelefon ist nur ein Nachfolgemodell vom Nokia 7280.

Vielen Dank an Steven J. für Hinweis und Pointen!

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Ungeprüft übernommen (1)

Okay, eigentlich ist es wohl ein Fehler der Nachrichtenagentur AFP. Deren deutschsprachiger Dienst berichtete nämlich am Dienstag über die (notwendige) „Entrümplung“ britischer Gesetze. Einen aktuellen Anlass für die Meldung gab es nicht. Britische Medien hatten vor knapp einem Jahr über das 40-jährige Bestehen der für die „Entrümplung“ zuständigen Law Commission berichtet und vor knapp zwei Monaten über eine sachdienliche Ausstellung der Law Society.

Dennoch übernahmen verschiedene deutschsprachige Medien die AFP-Meldung. Und darin heißt es u.a. (und mit Verweis auf das 2004 erschienene Buch „The Strange Laws of Old England“ von Nigel Cawthorne) über den so genannten „Town Police Clauses Act“:

„Er verbietet es, Wäsche auf der Straße auszubreiten, Teppiche auszuschlagen, anzügliche Lieder zu singen, ohne Grund die Feuerwehr zu rufen, im Garten zu zündeln, Drachen steigen zu lassen, auf dem Eis zu laufen, ständig an der Türe anderer Leute zu klingeln oder öffentliche Lampen auszumachen.“

Und das ist so nicht ganz richtig. Denn der Act (von dem AFP zudem behauptet, er sei „von 1872″, obwohl er eigentlich aus dem Jahr 1847 stammt) verbietet nirgends, „ohne Grund die Feuerwehr zu rufen“, sondern Schusswaffen abzufeuern (wie vor drei Wochen auch noch die französische AFP korrekt zu berichten wusste).

Heute aber, mit drei Tagen Verspätung, findet sich das alles auch im Angebot von Bild.de wieder — in redaktionell bearbeiteter Form, also unter Verzicht auf jegliche Quellenangabe (und den Cawthorne-Verweis). Stattdessen behauptet Bild.de in der Rubrik „Zum Ablachen“ über „Gesetze, die die Welt nicht braucht“:

Verrückte Gesetze der Briten -- Es ist ebenfalls untersagt, ohne Grund die Feuerwehr zu rufen. („Town Police Clauses Act“ von 1872)

Aber wer weiß: Womöglich liegen Bild.de-Redakteure auch bei der Lektüre von §145 StGB unterm Tisch und kriegen sich nicht ein vor Lachen.

Mit Dank an Beate T. und Nikolai S. für die Hinweise.

Nachtrag, 11.3.2006: Nur der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass heute, einen Tag nach der verzögerten, fehlerhaften Berichterstattung bei Bild.de, auch Spiegel Online die fehlerhafte AFP-Meldung ungeprüft übernommen* hat.

*) Nur zur Info: Der Presserat ist der Ansicht, dass eine Zeitung darauf vertrauen können müsse, „dass das, was eine Nachrichtenagentur verbreitet, auch inhaltlich richtig ist. Die pressegemäße Sorgfalt verlangt demnach keine eigene Überprüfung des Wahrheitsgehaltes mehr.“

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Robin Hood für ganz Arme

„Bild“ hat sich was ausgedacht. Sie will angeblich die „Rentenlügner“ verklagen. Und das macht sie heute zum Seite-1-Aufmacher. Der Text dazu auf Seite zwei beschäftigt sich dann ein wenig mit Norbert Blüm und mit Gerhard Schröder, um mit folgenden Worten zu schließen:

BILD wird eine renommierte Anwaltskanzlei beauftragen, gegen mögliche Versäumnisse und offenkundige Lügen verantwortlicher Rentenpolitiker juristisch vorzugehen! Herr Staatsanwalt, übernehmen Sie!

Offen bleibt allerdings, wen „Bild“ eigentlich genau „verklagt“ (siehe Ausriss). Norbert Blüm, weil er 1986 Plakate geklebt hat? Oder Gerhard Schröder, weil er 1998 versprach den demographischen Faktor bei der Rentenversicherung abzuschaffen, das tat und dann feststellte, dass das ein Fehler war?

Auch sonst scheint „Bild“ in Rechtsdingen nicht allzu firm. So scheint sie den Unterschied zwischen Zivilrecht und Strafrecht nicht so recht zu kennen. Also: Im Zivilrecht würde man tatsächlich jemanden verklagen, doch der Staatsanwalt hätte nichts damit zu tun. Im Strafrecht wiederum kommt zwar der Staatsanwalt zum Einsatz, doch man kann niemanden verklagen (sondern lediglich anzeigen). Aber Schwamm drüber.

Georg Gafrons Kommentar befasst sich mit demselben Thema, und er endet so:

BILD will es genau wissen: Kann man wirklich nichts gegen den jahrelangen, systematischen Rentenbetrug der Politik tun? Darum werden jetzt die Renten-Lügner verklagt!

Und es mag ja ganz rührend sein, wie „Bild“ sich hier als „Anwalt des Volkes“ inszeniert, aber wir müssen den Kampf „für Sie“ (siehe Ausriss) leider bremsen. Denn wir wissen zufällig, wie der Dresdner Notar Peter Horn de la Fontaine die Fragen, die „Bild“ hier scheinbar so sehr bewegen, beantwortet.

Frage eins:

Dürfen Politiker uns ungestraft belügen?
Horn de la Fontaine:
Leider ja. Sie können von ihrem Arbeitgeber – den Bürgern – weder haftbar gemacht noch entlassen werden, allenfalls abgewählt werden.

Frage zwei:

Kann ich Politiker wegen ihrer Lügen bei Polizei oder Staatsanwaltschaft anzeigen?
Horn de la Fontaine:
Nein! Es gibt keinen einzigen Paragraphen in unseren Gesetzen, der Lügen von Politikern oder falsche Wahlversprechen unter Strafe stellt. Einzige Ausnahme: Falschaussagen von Politikern vor Gericht oder einem parlamentarischen Untersuchungsausschuß.

Frage drei:

Kann ich Politiker wegen Lügen bei Gericht verklagen?
Horn de la Fontaine:
Nein. Eine solche Klage würde sofort abgewiesen. Was kein Gesetz verbietet, kann kein Gericht bestrafen.

Damit wäre das dann wohl geklärt.

Na ja, eines vielleicht noch: Wir haben Horn de la Fontaine nicht selbst befragt, damit er die „Bild“-Geschichte gerade rückt. Das hatte „Bild“ nämlich schon erledigt. Am 10. November 2005:

Mit Dank an Christian S. für den sachdienlichen Hinweis.

Fortsetzung folgt …

Mehr dazu hier, hier, hier und hier.

„Bild“ wirkt

Vorgestern erschien in der „taz“ ein Artikel, in dem der Autor F. ausführlich schilderte, wie er einmal in Indien einen Hund getötet hatte. Es war eine Straßenhündin mit fünf Welpen. Ein Motorradfahrer hatte sie am Morgen des Vortages überfahren. Seitdem hing sie schwer verletzt in einem Gartenzaun. F. forderte den Motorradfahrer auf, das Leid des Hundes zu beenden. Beim Versuch, den Hund zu töten, verletzte der Motorradfahrer ihn anscheinend noch weiter. Schließlich ging F. selbst hin, schlug auf den Hund brutal mit einem Stock ein und ertränkte ihn schließlich.

Die Wortwahl des „taz“-Artikels ist drastisch. Und im Gegensatz zum Text selbst, der Mitleid mit den Tieren ausdrückt, lautet der Vorspann: „Wer Köter keulen will, braucht eine richtige Keule. Vor allem, wenn er von Buddhisten umzingelt ist.“

Das bizarre Protokoll einer Hunde-TötungDie „Bild“-Zeitung berichtet heute in großer Aufmachung über „das bizarre Protokoll einer Hunde-Tötung“ und den „Wirbel“, den der Artikel angeblich auslöste. Sie zeigt ein Foto des „taz“-Redakteurs und eine große Zeichnung von einer Hündin, die Welpen säugt, zitiert weite Strecken aus dem „taz“-Artikel, lässt aber unter anderem die Beschreibung weg, wie lange die Hündin schon verletzt gewesen sein soll und wie schwer ihre Verletzungen nach Angaben des Autors waren. Zum Schluss zitiert sie einen empörten Tierschützer, veröffentlicht eine E-Mail-Adresse der „taz“-Redaktion (die auch immer unter den Kolumnen steht) und schreibt (in der gedruckten Ausgabe): „Keinen Computer? Hier ist die Telefonnummer: 030/…“

Bei der „taz“ herrschten darauf heute ähnliche Verhältnisse wie beim Satiremagazin „Titanic“ im Sommer 2000. Nachdem die „Titanic“ die Bestechlichkeit von Fifa-Mitgliedern bei der Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft erfolgreich getestet hatte, titelte „Bild“ damals: „Böses Spiel gegen Franz (Beckenbauer)“ und forderte auf, die Redaktion anzurufen und ihr die Meinung zu sagen — eine Auswahl der Ergebnisse bietet die „Titanic“ auf einer CD an.

Nicht weniger als tausend Mails seien seit dem „Bild“-Bericht eingegangen, heißt es bei der „taz“ heute. Darunter diese:

Wenn ich sie irgendwann mal treffen sollte, werde ich mit Sicherheit auch meinen Spaten dabei haben, seien sie sich sicher. (…) Ich werde ihnen das gleiche antun, was sie dem wehrlosen Hund angetan haben. Und auch ich werde keine Skrupel haben, wenn sie mich wimmernd und voller Angst anblicken. Ich werde, wie sie, eiskalt sein, und mitten zwischen die Augen zielen. Ich werde sie so zurichten, dass sie nicht mehr wissen wo oben oder unten ist. Mit meiner ganzer Kraft auf sie einschlagen, einmal, zweimal, dreimal…

Doch töten werde ich sie nicht , ich werde sie qualvoll leiden lassen. Ich will dass sie leiden wie dieser Hund… (…) Ich werde ihrer Seele einen tiefen EInschnitt verpassen, den sie ihrer Lebtag nicht mehr vergessen…

Und diese:

Normalerweise bin ich kein Mensch, der jemand andren was schlechtes wünscht oder so…. IHNEN wünsche ich aber wirklich von ganzem Herzen, dass Ihnen irgendwann das gleiche Schicksal widerfährt!!!!!!! Dass Sie hilflos am Boden liegen und nur noch zusehen können, wie auf Sie eingeprügelt wird….!

Und diese:

ich kann ihnen versichern, daß ich ihnen mit vergnügen und ohne mit der wimper zu zucken, mit einem holzprügel zwischen die augen schlagen könnte – und selbst ihr gewimmer könnte mich davon nicht abhalten. eher würde mir dadurch ihre erbärmlichkeit verdeutlicht werden, und ich würde noch einen freudigen schlag gegen ihr unterkiefer vollziehen, so das dieses von ihrer schädelbasis getrennt würde. (…)

mit grüßen, die ihnen den tod, die pest oder krebs an den hals wünscht.

Nachtrag, 6. April. F. hat sich bei uns gemeldet und bittet darum, ihm keine weiteren Mails mehr zu schicken, auch keine mit Zuspruch oder Aufmunterungen. So sehr er sich darüber freut — er kommt gegen die Menge einfach nicht mehr an.

Eine besondere Ausgabe

Morgen ist Weltfrauentag, und deshalb ist die „Bild“-Zeitung von morgen „ausschließlich unter der redaktionellen Verantwortung von Frauen“ entstanden. Angekündigt sind unter anderem Themen wie: „SCHOCKIEREND! Immer mehr Frauen verlassen ihre Männer für eine Frau.“ Das gab die „Bild“-Zeitung in einer Pressemitteilung bekannt.

Was „Bild“ außerdem damit meint, eine „besondere Frauentags-Ausgabe“ zu machen, stand nicht in der Pressemitteilung — sondern in Fax-Mitteilungen des „Bild“-Auftragsmanagements zum Beispiel an Telefonsex-Anbieter, sonst gute Werbekunden des Blattes. Sie dürfen morgen ausnahmsweise nicht in „Bild“ werben:

Danke an den „treuen Leser“!

Kurz korrigiert (69)

Anders als „Bild“ heute in einer Meldung auf der ersten Seite verbreitet (siehe Ausriss), starben in Botswana nicht 190.000 Menschen an einer Durchfallerkrankung, sondern 191. Zwar hat „Bild“ diesen Fehler zunächst nicht selbst gemacht, sondern der südafrikanische Rundfunk, weshalb die Zahl 190.000 auch über Agenturen verbreitet wurde (und leider noch immer in einigen Online-Medien zu finden ist). Allerdings wurden die Angaben des Rundfunks wenig später vom Gesundheitsministerium Botswanas korrigiert. Die Nachrichtenagentur dpa beispielsweise berichtigte ihre Meldung gestern um 13.44 Uhr.

„Bild“ hingegen hat es bis zum Redaktionsschluss am sehr späten Abend nicht geschafft, die Zahl auszutauschen und ihre durchschnittlich über elf Millionen Leser korrekt zu informieren.

Mit Dank an Doris M. und Mike S. für den sachdienlichen Hinweis.

Der kleine Unterschied

Dass Bild.de in einem „Großen Feng-Shui-Special“ über Nicole Zaremba schreibt, sie sei 41 obwohl sie doch eigentlich Jahrgang 1962 ist, wollen wir hier einfach mal ignorieren und uns stattdessen um das hier kümmern:

Die Darmstädterin (…) ist Schülerin der malaysischen Feng-Shui-Großmeisterin Yap Cheng Hai (75) – eine zierliche Frau mit strahlendem Lächeln, leuchtenden blauen Augen. Von ihr lernte Sie die Geheimnisse der asiatischen Lebenskunst.

Wollen wir mal hoffen, dass die Autorin des Feng-Shui-Artikels sich hier ein wenig im eigenen Satzbau verheddert hat, und zumindest mit der „zierlichen Frau“, dem „strahlenden Lächeln“ und den „leuchtenden blauen Augen“ Zaremba gemeint ist und nicht Yap Cheng Hai. Anderenfalls müssten wir nämlich davon ausgehen, dass diese netten kleinen Details bloß ausgedacht sind, wie nicht nur ein Blick auf die Internetseite der vermeintlichen „Feng-Shui-Großmeisterinmehr als deutlich macht.

Mit Dank an Thomas K. für den sachdienlichen Hinweis.

Kurz korrigiert (68)

Quizfrage: Wie alt ist die Frau des baden-württembergischen Staatsministers Willi Stächele?

Für den Samstag loste der Ziehungsbeamte von „Bild“ diese Zahl aus:

Und für heute diese:

Tatsächlich ist sie 50, zumindest versicherte man uns dies im Staatsministerium. Im Juni wird sie 51.

Dank an Axel H.

Nachtrag, 19.25 Uhr. Bild.de hat aus beiden Artikeln sämtliche Klammer-Zahlen, die man mit Altersangaben hätte verwechseln können, entfernt.

Allgemein  

Das Ende der Welt

Wow.

Von allen übergeigten „Bild“-Überschriften der letzten Jahre ist dies vermutlich die übergeigteste:
Nasa: Weltuntergang in 96 Jahren

In der gedruckten Ausgabe steht am Ende der Überschrift wenigstens noch ein Fragezeichen:
Nasa hat errechnet: Weltuntergang in 96 Jahren?

Und bevor wir ins Detail gehen, sollten wir vielleicht zur Beruhigung schnell sagen: Die Nasa geht keineswegs davon aus, dass am 4. Mai 2102 die Welt untergeht. Sie geht sogar ausdrücklich davon aus, dass am 4. Mai 2102 die Welt nicht untergeht.

Mit erstaunlichem Mut zur Lüge erzählt der Londoner „Bild“-Korrespondent Peter Michalski ein apokalyptisches Märchen und schafft es dabei, den Sinn fast sämtlicher Tatsachen und Zitate ins Gegenteil zu verkehren. Sein Artikel beginnt mit den Worten:

Seine Sprengkraft entspricht allen Kernwaffen, die es auf der Erde gibt. Sein Ziel scheint eindeutig: Ein riesiger Asteroid ist unterwegs zu unserem Planeten. Am 4. Mai 2102, befürchtet die Nasa, schlägt er ein. So ihre Berechnungen.

Nein. Sein Ziel ist alles andere als eindeutig. Und die Berechnungen der Nasa sagen, dass der keineswegs „riesige“ Asteroid „2004 VD17″ die Erde mit einer Wahrscheinlichkeit von 99,93 Prozent nicht treffen wird.

„Bild“ schreibt:

Die Kollisionsgefahr hat sich verdreifacht. Die Nasa ordnete ihn als bisher einzigen Himmelskörper der Gefahrenstufe Gelb zu!

Falsch. Im Dezember 2004 wurde der Asteroid Apophis ebenfalls dieser Gefahrenstufe zugeordnet. Ein halbes Jahr später konstruierte „Bild“ daraus ein höchst irreführendes Stück mit der Schlagzeile: „Geht am Freitag den 13. April 2029 die Welt unter?“

„Bild“ hält sich auch diesmal nicht damit auf, zu erklären, was die „Gefahrenstufe Gelb“ bedeutet. Die entsprechende Torino-Skala geht von 0 bis 10. „Apophis“ erreichte Ende 2004 vorübergehend Stufe 4. Der Asteroid, um den es jetzt geht, steht nun nicht mehr auf 1, sondern auf 2. Stufe 2 bedeutet:

(…) there is no cause for public attention or public concern as an actual collision is very unlikely. New telescopic observations very likely will lead to re-assignment to Level 0.

(Es gibt keinen Anlass für öffentliche Aufmerksamkeit oder öffentliche Beunruhigung, denn eine tatsächliche Kollision ist sehr unwahrscheinlich. Neue Beobachtungen mit Teleskopen werden sehr wahrscheinlich zu einer Rückstufung auf Stufe 0 führen.)

Kein Anlass für öffentliche Aufmerksamkeit? Das weiß „Bild“ aber besser:

Ein Einschlag hätte die Gewalt eines Erdbebens mit Stärke 7,4. Würde er in Berlin aufschlagen, gäbe es einen riesigen Krater: Zehn Kilometer breit, 530 Meter tief. Der Feuerball würde Bäume im Umkreis von 100 Kilometern in Brand setzen, unzählige Menschen töten.

Die Druckwelle wäre so stark, daß sie bis nach Hamburg (250 Kilometer entfernt) reichen und dort große Gebäude einstürzen lassen würde. Die Langzeitfolge wäre nuklearer Winter: Dunkelheit und Kälte durch aufgewirbelten Staub.

Die Kratergröße und der Erdbebenvergleich finden sich auch in seriösen Quellen. Aber wie kommt „Bild“ darauf, dass dem Einschlag ein „nuklearer Winter“ folgen würde? Die Wirkungen von Asteroiden-Einschlägen sind schwer vorherzusagen, aber Journalisten, die sich damit beschäftigt haben, sagen im Gegenteil: „2004 VD17″ sei „nicht groß genug, um weltweite Verwüstungen anzurichten“, sondern könne höchstens erhebliche regionale Schäden verursachen.

Die einzige andere Quelle, die wir gefunden haben, die nach dem (sehr, sehr unwahrscheinlichen) Einschlag dieses Asteroiden einen „nuklearen Winter“ heraufziehen sieht, ist die britische Boulevardzeitung „The Sun“. Die hatte schon am Freitag das bevorstehende „Ende der Welt“ vorhergesagt. Der „Bild“-Artikel liest sich über weite Strecken, als ob ihr Autor, der wie gesagt in London sitzt, die „Sun“-Geschichte fast wörtlich übersetzt und auf deutsche Verhältnisse übertragen hätte.

Ahnung vom Thema scheint er nicht zu haben, denn er schreibt weiter:

Jüngste Schätzung des Treffer-Risikos: 1600 zu 1.

Nein, umgekehrt: 1 zu 1600. Oder 0,06 Prozent.

Und am Ende verleiht die „Bild“-Zeitung ihrem Märchen noch die nötige Schein-Glaubwürdigkeit und zitiert zwei Wissenschaftler:

Andrea Milani Comparetti von der Uni Pisa: „Ein echtes Problem – aber nicht für unsere Generation.“ Nasa-Experte Dr. David Morrison setzt auf Hoffnung: „Zum Glück bleiben uns noch fast 100 Jahre.“

„Bild“ hat Morrisons Zitat gekürzt. Im Original sagt er noch:

„This should provide ample time to refine the orbit and, most probably, determine that the asteroid will miss the Earth.“

(Das sollte uns genügend Zeit geben, die Umlaufbahn genauer zu bestimmen und, höchstwahrscheinlich, festzustellen, dass der Asteroid die Erde verpassen wird.)

Gegenüber dem „New Scientist“ fügte der Wissenschaftler hinzu:

„We’re more likely to be hit between now and then by an object that we don’t know about.“

(Es ist wahrscheinlicher, dass wir bis dahin von einem Objekt getroffen werden, das wir noch gar nicht kennen.)

Oh je. Auf der Grundlage dieses Zitates könnte sich die „Bild“-Zeitung versucht fühlen, morgen zu titeln: Weltuntergang nicht einmal mehr 96 Jahre entfernt!

PS: Es gab schon vor zweieinhalb Jahren ähnliche Weltuntergangs-Szenarien aufgrund eines Asteroiden, weltweit und natürlich in „Bild“. Die Wissenschaftler waren danach so entsetzt über die absurde Panikmache der Medien, dass sie über eine völlige Abschaffung der Torino-Skala nachdachten.

Danke auch an Martin W., Michael E. und Axel B.!

Nachtrag, 13.10 Uhr. Auch Bild.de hat jetzt immerhin ein Fragezeichen hinter die Worte „Nasa: Weltuntergang in 96 Jahren“ gesetzt. Sämtliche Fehler und irreführenden Behauptungen sind aber natürlich im Text geblieben.

Nachtrag, 18.25 Uhr. Die Schweizer Boulevardzeitung „Blick“ hielt es für klug, die Falschmeldung von „Bild“ zu übernehmen — nicht ohne sie um ein paar besonders abwegige Formulierungen ergänzt zu haben („rast … exakt auf unsere Erde zu: ein riesiger Asteroid“).

Abpfiff!

Italien-Deutschland 1:4Die „Bild am Sonntag“ erklärt heute die ARD-Übertragung des Fußballspiels Deutschland gegen Italien zum „TV-Flop“ der Woche — vor allem aus einem Grund:

In der Nachbesprechung blendete die ARD das Spielergebnis (Italien gewann 4:1) im Hintergrund falsch ein (Foto). (…) Abpfiff!

Ja, schlimm.

Und so sah übrigens die Startseite von Bild.de kurz nach Spielende aus:

Italien - Deutschland 1:4

Danke an die aufmerksamen Screenshot-Schicker!

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