Der kleine Mann und die Arbeit

Eigentlich ist es ja ganz rührend, dass „Bild“ sich so um die Sorgen des kleinen Mannes Dirk Zalm kümmert. Der Kleinwüchsige ist bloß 1,40 Meter groß und sucht einen Job. Das Arbeitsamt schlug ihm eine Stelle als Möbelpacker vor, für die er offenbar ungeeignet ist. „Bild“ berichtete darüber und nannte das „Bürokraten-Irrsinn“.

In einer Bilderschau hat Zalm außerdem angeblich erzählt:

In einer zweiten Bilderschau zeigt „der kleine Mann den Bürokraten vom Amt“ allerdings auch seine „vielen Talente“:

Und so gesehen ist der Irrsinn der „Bürokraten vom Amt“ irgendwie auch nicht größer als der Irrsinn der Mitarbeiter von „Bild“.

Mit Dank an Johannes M. für den Hinweis.

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In Miamis Nachtleben bekannt, „Bild“ nicht

Rund um den Jahreswechsel berichtete „Bild“ vier Tage in Folge über Boris Becker und seine „neuer Eroberung“ (siehe Ausrisse), nannte sie am 30. Dezember zunächst eine „unbekannte Schönheit“, am 31. Dezember dann (unter Berufung auf das Klatschblatt „Das Neue“) „Jennifer“ und am 2. Januar dann „Jennifer (35, BILD berichtete)“. Kein Wort mehr von „Das Neue“, dafür aber viele Infos über den „Ehemann von Boris Beckers neuer Freundin Jennifer“, Eric Dean Sheppard („Typ gemütlicher Teddy-Bär“ und „einer der ganz großen Bau-Löwen von Miami“). Sogar, was es bei der Eröffnung eines Sheppardschen Bauprojekts zu essen gab („Lamm als Lolli, kalte Pfirsichsuppe“), wusste „Bild“ zu berichten und gab sich — ohne wenn und aber, ohne „soll“, „angeblich“ oder irgendeinen Zweifel — bestens informiert. Am 3. Januar schließlich hieß es in „Bild“ abermals zu Becker und „seiner geheimnisvollen Freundin“:

„Ihr Name: Jennifer (35). Die rassige Amerikanerin aus Miami ist mit dem mächtigen Bau-Löwen Eric Dean Sheppard (37) verheiratet.“

Und unter Berufung auf eine „enge Freundin“ von Beckers Ex-Frau schrieb „Bild“ vielsagend:

„Diese Jennifer sei doch in Miamis Nachtleben bekannt.“

Danach berichtete „Bild“ gar nicht mehr über Beckers „Neu-Liebe Jennifer“.

Statt neuer „Bild“-Enthüllungen erreichte uns jedoch am 3. Januar eine Mail von Eric Sheppards PR-Agentur Zakarin Public Relations, in der es heißt:

„Verschiedene deutsche Medien haben sachlich falsch über Mrs. Jennifer Sheppard berichtet. Sheppard kennt Boris Becker nicht, noch hat sie ihn jemals getroffen. Es handelt sich dabei um eine falsche Behauptung.“
(Hervorhebung von uns.)

Auch bei der Zeitschrift „Das Neue“, die ja die angebliche Identität von Beckers Begleiterin öffentlich gemacht hatte, war nach unseren Informationen ein Schreiben des Ehemanns von Jennifer Sheppard eingegangen, worin die Richtigkeit der Berichterstattung bestritten wird.

Und bei Bild.de sind die „Bild“-Berichte seit dem 3. Januar nicht mehr zu finden. Auf unsere Nachfrage bei „Bild“, warum die Artikel aus dem Online-Angebot verschwunden seien und um wen es sich bei der Frau handele, die „Bild“ wiederholt als Ehefrau des Bauunternehmers Eric Sheppard bezeichnet hatte, ob „Bild“ also bei ihrer Darstellung bleibe, erhielten wir die einsilbige Antwort:

„Wir geben zu diesem Thema keinen Kommentar ab.“

PS: In ihrer aktuellen Ausgabe nun berichtet die „Bild am Sonntag“ über Boris Becker und seine „Neu-Flamme“. Darüber, dass und mit wem sie verheiratet sei, verliert die Sonntagsversion der „Bild“-Zeitung kein Wort. Als wäre es eine Selbstverständlichkeit, nennt die Zeitung sie… „Jennifer Klein“.

(Fortsetzung folgt…)

Hugo Müller-Vogg verprophezeit sich

Hey, der Mann traut sich was. Aufschreiben, was passiert ist, nachdem es passiert ist, kann ja jeder. Hugo Müller-Vogg sagt regelmäßig in „Bild“, was passiert, noch bevor es überhaupt passiert ist. Und er benutzt in seiner „Wochen-Vorschau“ nicht die Konjunktive, Möglichkeitsformen und Schwammigkeits-Floskeln der Hellseher, Wahrsager und Meteorologen, sondern den klaren, unmissverständlichen Indikativ. So auch vergangenen Montag:

Zum Jahresauftakt traurige Zahlen vom Arbeitsmarkt

(…) Dienstag. Allen Hoffnungen und guten Wünschen zum Trotz: Die Arbeitslosenzahlen, die die Bundesagentur für Arbeit bekanntgibt, können niemanden froh stimmen: rund 4,7 Millionen im Dezember.

Jetzt könnte man sich natürlich fragen, woher Müller-Vogg die Arbeitslosenzahlen schon kennt, bevor sie bekannt gegeben wurden, aber das muss man nicht, denn Müller-Vogg kennt die Arbeitslosenzahlen gar nicht. Es waren nämlich keineswegs „rund 4,7 Millionen“, sondern rund 4,6 Millionen, und diese 100.000 Unterschied reichten durchaus, um jemanden froh zu stimmen. Den Vorstandschef der Bundesagentur für Arbeit, Frank-Jürgen Weise, zum Beispiel, der sagte, die Zahl der Arbeitslosen sei im Dezember „weitaus weniger gestiegen“ als üblich, und saisonbereinigt habe es sogar einen „erfreulich starken Rückgang“ gegeben.

Gut, das kann man Müller-Vogg nicht vorwerfen, das konnte er am Sonntag, als er spätestens seine Kolumne schrieb, noch nicht wissen. Aber möglicherweise ist genau das der Grund, warum andere Zeitungen keine Mutmaßungen über die Zukunft als Tatsachen verkaufen.

Andererseits, um fair zu sein: Die Trefferquote bei Berichten über Dinge, die schon geschehen sind, ist in „Bild“ auch nicht viel höher.

„Bild“ entdeckt die alte Zahl des Satans neu

Guten Tag, hier spricht der Teufel. Vielen Dank für Ihren Anruf. Meine Nummer hat sich geändert. Wählen Sie bitte in Zukunft statt der 666 die Durchwahl 616. Vielen Dank und auf Wiederhören. Piep.

616 - Die neue Zahl des Satans

Jawohl, in großer Aufmachung auf Seite 1 und mit der Ortsmarke „Vatikan“ informiert die „Bild“-Zeitung heute ihre Leser über eine „Neuigkeit“. Andreas Englisch, der „Vatikan-Experte“ von „Bild“ hat herausgefunden:

Nicht 666, sondern 616 ist die Zahl des Satans!

Im 2. Jahrhundert schrieben Theologen die 666 dem Teufel zu. (…) Die Theologen beriefen sich auf das „Buch der Apokalypse“ des Evangelisten Johannes. Wie sich jetzt herausstellte, ein Übersetzungs- und Abschreibfehler!

Forscher fanden nun im griechischen Originaltext die richtige Satanszahl: Es ist die 616 und nicht die in jeder Bibel genannte 666!

Wir haben keine Ahnung, wie „Bild“ jetzt auf diese Geschichte kommt. In der britischen Tageszeitung „The Independent“ erschien bereits am 1. Mai 2005 ein Artikel mit der Überschrift: „Revelation! 666 is not the number of the beast (it’s a devilish 616)“ Ein entsprechendes Papyrus-Fragment aus dem 3. Jahrhundert ist bereits 1999 veröffentlicht worden. Am 4. Mai 2005 berichtete „Die Zeit“ über technische Fortschritte bei der Entschlüsselung der Papyrus-Fragmente aus Oxyrhynchus und erzählte auch die 616/666-Geschichte.

Schon vor über 120 Jahren diskutierte ein gewisser Friedrich Engels, wie man die „sehr alte Lesart“ der Offenbarung/Apokalypse des Johannes erklären könne, wonach 616 die „Zahl des Tiers“ sei. Und schon vor über 1800 Jahren wusste Irenäus von Lyon, dass in vielen Schriften statt der 666 die 616 zu lesen war — nur entschied er sich damals, die 616 für einen Schreibfehler zu halten und nicht die 666.

Genau umgekeht entschied sich übrigens der Schweizer Reformator Huldrych Zwingli. Deshalb steht auch nicht „in jeder Bibel“ die 666 als Satanszahl, wie „Bild“ behauptet, sondern in der auf Zwingli zurückgehenden „Zürcher Bibel“ die Zahl 616.

Tja. Und nun? Fragen wir Andreas Englisch, und der hat anonymen „Vatikan-Experten“ die bahnbrechende Zusage entlockt:

„Wenn die Zahl 666 falsch ist, wird das in den kommenden Bibelausgaben geändert.“

Unsere Prognose aber lautet: Wenn diese ganze Geschichte Humbug ist, wird „Bild“ das nie zugeben.

Kurz korrigiert (48)

Wir wissen nicht, was Angela Merkel für ein Mobiltelefon hat. Ehrlich gesagt, interessiert es uns auch nicht. Das unterscheidet uns von „Bild“ und „Bild“-Kolumnist Hugo Müller-Vogg. Die wollen es nämlich heute unter der Überschrift „Angela Merkel ist die erste Handy-Kanzlerin“ ganz genau wissen, was für ein Mobiltelefon Angela Merkel hat – und behaupten deshalb, es handele sich dabei um:

„das Handy-Modell ‘S 65′ von Siemens (…), ein funktionales ‘Business Handy’ ohne Schnickschnack wie integrierte Kamera oder Spiele.“

Und das finden wir dann doch interessant, weil zum Lieferumfang des S65 von Siemens nämlich auch eine integrierte 1,3-Megapixel-Kamera und drei vorinstallierte Spiele gehören.

Mit Dank an Sebastian F. für den Hinweis.

Springer redet „Bild“ klein

Nach Ansicht von Experten ist die große Macht von „Bild“ eines der Haupthindernisse bei der Fusion des Axel-Springer-Konzerns mit ProSiebenSat.1. Vor diesem Hintergrund sagt der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner in der „Frankfurter Allgemeinen“ heute:

Daß die „Bild“-Zeitung mit ihrer hohen Auflage eine starke Marktstellung hat, ist unbestritten. Aber wir verschieben die Gewichte, wenn „Bild“ zu einer Art Gegenregierung aufgebaut wird. Dann verlagern wir die politische Autorität auf die Straße. Die „Bild“-Zeitung ist eine Unterhaltungs- und Boulevardzeitung. Sie ist aber nur so wichtig, wie sie von politischen Eliten genommen wird. Man sollte die „Bild“-Zeitung nicht zum vorherrschenden politischen Leitmedium überhöhen. Das ist für die Redaktion zwar ein Kompliment, aber ob es das auch für den geistigen Zustand unserer Republik ist, da habe ich meine Zweifel. Die Boulevardisierung der Qualitätsmedien und die Boulevardisierung weiter Teile der Politik sind das Problem.

Zum Vergleich: Im Herbst 2004, als die Macht von „Bild“ noch kein Problem für Springer war, schrieb „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann in einer E-Mail an seine Mitarbeiter:

Wir sind in der Tat — und das wird selbst von unseren strengsten Kritikern eingeräumt — DAS LEITMEDIUM. Mit unserer exzellenten Sport-Berichterstattung, mit unseren Enthüllungen aus Politik und Unterhaltung, mit unseren präzisen Recherchen und Scoops im Nachrichtenbereich aus dem In- und Ausland, mit unseren Top-Themen in über 30 Lokal- und Regionalausgaben.

Symbolfoto XXII

Obiger Ausriss zeigt laut Bild.de eine Innenansicht der Eislaufhalle in Bad Reichenhall, nachdem dort am 2.1.2006 die Decke eingestürzt ist. Bild.de schreibt dazu:

„Unter den Trümmern starben mindestens elf Menschen“

Der Ausriss unten hingegen zeigt laut Bayerischem Rundfunk eine Innenansicht des Badezentrums Krefeld Bockum, nachdem dort am 18.8.2000 die Decke eingestürzt war.

Und jetzt raten Sie mal, was stimmt?

Mit Dank an nakir für den Hinweis.

Nachtrag, 11:00:
Mittlerweile hat man bei Bild.de das obige Foto aus der Bilderschau zur „Katastrophe von Bad Reichenhall“ entfernt.

Kurz korrigiert (47)

Aus aktuellem Anlass berichtet Europas größte Tageszeitung:

„Am 18. Oktober 1977 – nachdem ihre RAF-Genossen eine Lufthansa-Maschine nach Mogadischu entführt und die Freilassung der Häftlinge gefordert hatten, aber von der GSG 9 überwältigt worden waren – erschossen sich Baader
und Ensslin mit geschmuggelten Pistolen in ihrer Zelle.“

Und man mag es für eine Auslegungssache halten, wenn „Bild“ die vier palästinensischen Terroristen, die 1977 die „Landshut“ entführten, RAF-Genossen nennt. Oder für falsch. Anders verhält es sich mit der „Bild“-Behauptung, die RAF-Terroristen Andreas Baader und Gudrun Ensslin hätten sich mit geschmuggelten Pistolen erschossen. Das ist keine Auslegungssache. Um es faktisch und politisch korrekt mit der „taz“ zu sagen:

„In Zelle 720 hängt Gudrun Ensslin am Gitterrost des rechten Zellenfensters. Um ihren Hals ist das Kabel ihrer Lautsprecherboxen geschlungen.“

Mit Dank an Christian H. für den Hinweis.

Eines der größten Geheimnisse Russlands

KGB-Akten geöffnet! Dieser berühmte Kosmonaut gestand: "Ja, es gibt UFOs!"

Ja, so steht es heute in „Bild“. Und weiter?

„Seine Aussage gehörte zu den größten Geheimnissen Rußlands: ‘Ja, ich habe ein UFO gesehen!’ Das berichtete Pavel Popovich (heute 75), einer der angesehensten Kosmonauten des Sowjetreiches, dem KGB. (…) Erst jetzt sind die Akten freigegeben: 124 Seiten brisantes Geheimwissen, verschlossen in einem blauen Ordner.“

Aha.

Tatsache ist: Selbst wenn Popowitschs Ufo-Sichtung im Jahr 1978 zu den größten Geheimnissen Russlands gehört haben sollte, ist sie schon länger bekannt, als „Bild“ glaubt: Bereits 2002 wurde seine Schilderung als Video auf einem UFO-Kongress gezeigt, 2003 in der russischen Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ zitiert und nun (also vor anderthalb Wochen) auch in der „Prawda“.

Tatsache ist außerdem, dass Popowitschs Aussage mit dem „Blauen Ordner“ des KGB nichts zu tun hat, weil die Akte nur sowjetische Ufo-Sichtungen der Jahre 1982 bis 1990 auflistet. Die eigentliche Neuigkeit der „Prawda“-Meldung besteht ohnehin darin, dass Popowitsch die KGB-Akten nun offiziell der Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe.

Denn, dass das Italienische Zentrum für Ufo-Studien (CISU) schon 2003 darauf hinwies, dass der sog. „Blaue Ordner“ bereits 1995 vollständig übersetzt als Anhang eines Buches (Roberto Pinotti, „UFO: Top Secret“, Bompiani, 436 S.) veröffentlicht worden sei, und dass seitdem ausführlich aus den Akten zitiert wurde, ist dummerweise auch eine Tatsache.

Aber okay, immerhin ist die Online-Version des Artikels bei Bild.de noch abwegiger. Dort heißt es nämlich über den ukrainischen Kosmonauten, der mal ein Ufo gesehen haben will:

Der berühmte russische Kosmonaut Pavel Popovich gibt zu: "Ja, ich habe Ufos gesehen"

Mit Dank an Robert B. und andere für die Anregung sowie Kati und Mandy fürs Russisch.

Überschrift gerettet

Ein wenig rätselhaft ist es ja schon, dass „Bild“ (wie viele andere Medien auch) ausführlich aus einem Interview zitiert, das Jürgen Chrobog nach der Geiselnahme seiner Familie im Jemen gegeben hatte, und sogar Chrobogs heftiges Dementi mancher Kommentare berücksichtigt, aber (anders als viele andere Medien) einen Satz Chrobogs nicht erwähnenswert findet.

Er lautet:

„Ich hatte auch nie den Eindruck, dass wir wirklich in Lebensgefahr standen.“

Allerdings hätte die „Bild“-Behauptung, die Familie sei während ihrer Geiselnahme zwei Mal „in höchster Lebensgefahr“ gewesen, unter Berücksichtigung des zitierten Chrobog-O-Tons auch verdammt unpassend gewirkt — und die „Bild“-Headline natürlich irgendwie übergeigt.

Sie lautet nämlich:

"Familie Chrobog fürchtete um ihr Leben"

Mit Dank an Christian S. und andere für den Hinweis.

Nachtrag, 3.1.2006:
Der Vollständigkeit halber (und mit Gruß an Tobias R.) sei darauf hingewiesen, dass auch die Nachrichtenagentur dpa im Zuge ihrer Berichterstattung über die Rückkehr der Chrobogs einige Äußerungen kurzzeitig und irreführenderweise dahingehend interpretiert hatte, dass sie „übersetzt in Alltagssprache“ bedeuten würden, Chrobog habe mehrfach um sein Leben und das seiner Familie gefürchtet, diese Interpretation in anschließenden Meldungen jedoch unter Berücksichtigung des anderslautenden Chrobog-Zitats nicht weiter verfolgte.

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