Wie „Bild“ gegen den Mindestlohn kämpft II

Es war eine besondere Demonstration, die gestern in Berlin stattfand. Rund 1000 Mitarbeiter von mehreren privaten Postanbietern demonstrierten gegen höhere Löhne. Genauer gesagt: gegen einen Mindestlohn von bis zu 9,80 Euro pro Stunde.

Wie besonders die Umstände der Demonstration waren, kann man in vielen Berliner Zeitungen nachlesen. Der „Tagesspiegel“ berichtet unter Bezug auf die Agentur ddp, Mitarbeiter des zweitgrößten Postanbieters PIN seien anscheinend von der Firma dazu gedrängt worden, an der Kundgebung teilzunehmen. Die Gewerkschaft Ver.di spreche von „blankem Zynismus“, weil die Mitarbeiter nur Dumpinglöhne bekämen, obwohl das Unternehmen mittlerweile „satte Gewinne“ einfahre. Die „Berliner Zeitung“ zitiert die Leiterin eines PIN-Briefdepots, sie habe ihre Mitarbeiter zu der Demonstration „im Auftrag von ganz oben“ zusammengetrommelt. Die „taz“ nennt die Kundgebung eine „Demo von oben“.

„Bild“-Leser ahnen nicht einmal etwas davon.

Dabei berichtet die Zeitung in ihrer Berliner Ausgabe heute groß über die Demo:

Die Menschen in grün auf den Fotos, das sind übrigens die Mitarbeiter der PIN-AG, einer Tochterfirma der Axel Springer AG, die die „Bild“-Zeitung herausgibt. Aber auch diese Verbindung, die vielleicht erklärt, warum „Bild“ einige Besonderheiten der Demonstration verschweigt und selbst so massiv gegen den Mindestlohn kämpft, verschweigt „Bild“ (anders als z.B. das Schwesterblatt „Berliner Morgenpost“).

Stattdessen schreibt „Bild“ den erstaunlichen Satz:

[Einen Mindestlohn von] 9,80 Euro pro Stunde aber können sich private Anbieter nicht leisten — ihre Geschäftstätigkeit müssten sie aufgeben.

Für „Bild“ ist der Verlust von Arbeitsplätzen durch den Mindestlohn nicht nur eine Möglichkeit, ein Szenario, eine Drohung oder eine von mehreren widersprüchlichen Erwartungen. Für „Bild“ ist es eine Tatsache: Kommt der Mindestlohn, müssen private Briefzusteller dicht machen.

Und zum vierten Mal innerhalb von zwei Wochen wettert heute auch der „Bild“-Kommentar gegen die Mindestlöhne. Hans-Werner Sinn, Präsident des „angesehenen“ („Bild“) Ifo-Instituts München, wiederholt darin, was „Bild“ bereits viele Male behauptet hat:

Mindestlöhne Gift für den Arbeitsmarkt

(…) Gesetzliche Mindestlöhne sind immer Gift für den Arbeitsmarkt und setzen gerade Geringverdiener verstärkt dem Risiko der Arbeitslosigkeit aus.

Nach unseren Berechnungen vernichtet ein bundesweiter Mindestlohn von 7,50 Euro die Stunde insgesamt 1,1 Millionen Arbeitsplätze (…).

Am Freitag berät der Bundesrat, ob ein Schwesterunternehmen der „Bild“-Zeitung in Zukunft auf Dumpinglöhne verzichten muss der Mindestlohn für die privaten Postanbieter gelten soll.

Nachtrag. Kein Tag mehr ohne Anti-Mindestlohn-Berichte:

„Bild“, 11.10.2007:

Neue Gewerkschaft gegen Mindestlohn

(…) Der Präsident des Arbeitgeberverbandes der neuen Post- und Zustelldienste, Florian Gerster, sagte gestern: „Es gibt empörte Arbeitnehmer, die sich nicht von Ver.di vertreten fühlen. Nicht auszuschließen, dass es dieser Tage zu einer Gewerkschaftsgründung kommt.“ Mit dieser neuen Gewerkschaft will Gerster Gespräche über einen Tarifvertrag führen.

„Bild“, 12.10.2007:

BILD-Interview mit dem Wirtschafts-Nobelpreisträger Prof. Edmund Phelps (74)*
Mindestlohn hilft euch Deutschen nicht!

(…) Prof. Phelps: Ich war nie ein Freund gesetzlicher Mindestlöhne und rate dringend davon ab!

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Der langsame Dschihad
(zeit.de, Jürgen Krönig)
Westliche Medien haben den islamistischen Totalitarismus oft falsch verstanden. Ein Essay.

Gratisblätter drängen nach Deutschland
(handelsblatt.com, H.-P. Siebenhaar und Oliver Stock)
Die Verlage in Deutschland stellen sich wieder auf den Konkurrenzkampf mit einer überregionalen kostenlosen Tageszeitung ein. Die bisher letzte Gratiszeitung hierzulande war vor sieben Jahren in Köln am Widerstand der etablierten regionalen Verlage gescheitert. Medienkonzerne haben bereits Abwehrpläne in der Schublade.

Ende der Patriarchen
(medienheft.ch, Wolf Ludwig)
Eine Übernahme jagt im Mediensektor die nächste – international und national. Neben den grossen Medienkonzernen mischen jetzt anonyme Investoren die Szene bei Fernsehen, Online und Print neu auf. Ist das Modell der Besitzerfamilien am Ende?

Von Blogger zu Autor
(watch-berlin.net, Video, 11:56 Minuten)
Wirres trifft heute auf Harald Martenstein und spricht mit ihm über das web 2.0, die Unterschiede von Print- und Online Medien und warum Martenstein sich nicht auch mal als Blogger versucht.

Die Schrecklichen
(extradienst.at, Bruno Jaschke)
Kein Redaktionsstatut der Welt verbürgt ein Menschenrecht auf angenehme Interviewpartner. Ob präpotent, aggressiv, übellaunig, verschlossen, banal, anmaßend oder jenseits des gefragten Themas: Wen prominente Journalisten als besonders unsympathisch erlebten.

The Ten Most Incomprehensible Bob Dylan Interviews of All Time
(nymag.com)

Wie „Bild“ gegen den Mindestlohn kämpft

Wenn sich die „Bild“-Zeitung gegen die Meinung der überwältigenden Mehrheit ihrer Leser stellt, lohnt es sich fast immer, genauer hinzuschauen. Rund 90 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage von Infratest dimap für Mindestlöhne entweder in allen oder bestimmten Branchen. In „Bild“ stand diese oder eine ähnliche Zahl nicht. Dafür aber seit drei Wochen Tag für Tag ein beeindruckendes publizistisches Trommelfeuer gegen den Mindestlohn im Allgemeinen und bei den Briefzustellern im Besonderen.

„Bild“, 19. September:

MINDESTLOHN Ist das wirklich gut für die Beschäftigten?

Nein, sagen Experten! Wirtschaftsweiser Prof. Wolfgang Franz zu BILD: „Die Erfahrung zeigt, dass Mindestlöhne Jobs kosten, vor allem bei den Geringqualifizierten. Ein Mitarbeiter darf ein Unternehmen nicht mehr kosten, als er der Firma einbringt. (…)“

Nach Berechnungen des Ifo-Instituts würde ein bundesweiter Mindestlohn von 7,50 Euro/Stunde rund 1,1 Millionen Arbeitsplätze in Deutschland vernichten. (…)

Welche Folgen hätte der Mindestlohn für die privaten Post-Firmen?

Laut Branchenverband DVPT würden die Kosten der Betriebe dadurch deutlich steigen. Verbandschef Elmar Müller: „Von den rund 750 privaten Post-Unternehmen müßten 200 um ihre Existenz bangen.“ Tausende Jobs wären bedroht.

„Bild“, 20. September:

MINDESTLOHN? Dann gehen wir pleite!

„Bild“, 26. September:

„Steuerbefreiung statt Mindestlohn!“

Prof. Ulrich Blum (54), Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung Halle: „Forderungen nach Mindestlöhnen sind völlig falsch! Sie steigern erst Kosten, dann die Arbeitslosigkeit.“

„Bild“-Kommentar, 29. September:

Mindestlöhne vernichten Arbeitsplätze!

(…) gesetzliche Mindestlöhne gefährden Arbeitsplätze. Das angesehene Ifo-Institut rechnet damit, dass die Einführung eines bundesweiten Mindesteinkommens mehr als eine Million Stellen vernichten könnte. (…)

Dass durch gesetzliche Mindestlöhne neue Jobs entstehen, ist ein Märchen. Das Gegenteil ist richtig!

„Bild“, 1. Oktober:

Ein Mindestlohn für die Post-Branche würde bis zu 50 000 Arbeitsplätze vernichten, befürchtet das Bundeswirtschaftsministerium („Spiegel“).

„Bild“, 4. Oktober:

Herr Gerster, warum sind Sie gegen Mindestlöhne?

BILD-Interview mit Florian Gerster (58), dem ehemaligen Arbeitsminister und Chef der Bundesagentur für Arbeit, heute Präsident des Arbeitgeberverbandes Neue Brief- und Zustelldienste

(…) Ein Mindestlohn von 9,80 Euro schützt nicht die Arbeitnehmer, sondern vernichtet Arbeitsplätze.

„Bild“-Kommentar, 4. Oktober:

… der arbeitsplatzfeindliche Mindestlohn …

„Bild“, 5. Oktober:

US-Nobelpreisträger warnt vor Mindestlohn

„Bild“, 8. Oktober:

Mindestlohn? Der kostet uns den Job!

(…) Die privaten Postkonkurrenten warnten am Wochenende erneut davor, dass eine Mindestlohn-Höhe von bis zu 9,80 Euro pro Stunde bis zu 50000 Jobs gefährdet.

„Bild“-Kommentar, 8. Oktober:

Auch einen Mindestlohn gibt es nicht zum Nulltarif. Wenn der Staat festsetzt, was ein Arbeitnehmer zu bekommen hat, wird mancher Chef seinen Laden zumachen müssen und Angestellte vor die Tür setzen. (…)

Mindestlohn ohne „Mindestgewinn“ kostet Arbeitsplätze, belastet die Sozialkassen und würgt den Aufschwung ab.

In den ganzen drei Wochen lässt „Bild“ keinen einzigen unabhängigen Experten zu Wort kommen, der sich für den Mindestlohn ausspricht. (Dabei gibt es sie durchaus, und sie verweisen zum Beispiel auf die positiven Wirkungen, die der Mindestlohn auf den Arbeitsmarkt in Großbritannien und den USA gehabt habe.) Nur DGB-Chef Michael Sommer wird mit einem kurzen Plädoyer für den Mindestlohn zitiert.

Der „Bild“-Leser findet in dieser Zeit auch keinen Hinweis darauf, was „Bild“ motivieren könnte, so massiv gegen den Mindestlohn zu kämpfen. Dabei gibt es eine einfache Antwort: Die Axel Springer AG, die „Bild“ herausgibt, hat vor einem Vierteljahr für eine halbe Milliarde Euro die Mehrheit an der PIN-AG erworben, einem privaten Briefzusteller. Die PIN-AG ist mittlerweile der zweitgrößte deutsche Anbieter und hat mehr als 7000 Mitarbeiter.

Wie „Bild“ erklärt, die eigenen Interessen nicht offenlegen zu müssen
 
„Wenn über das Thema Mindestlöhne berichtet wird, ist das nicht ein Thema der PIN, sondern betrifft in erster Linie alle privaten Postdienstleister…“
 
„Bild“-Sprecher Tobias Fröhlich gegenüber „Report Mainz“

Das ARD-Magazin „Report Mainz“, berichtete gestern ausführlich über die Anti-Mindestlohn-Kampagne der „Bild“-Zeitung und anderer Springer-Blätter. Dort sagte der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, Springer spekuliere bei der PIN-AG auf Niedriglöhne, sonst gehe die Kalkulation des Unternehmens nicht mehr auf (PIN-Mitarbeiter berichteten gegenüber „Report Mainz“ und „Plusminus“ von Stundenlöhnen von unter 5 Euro.). Ein Sprecher der Gewerkschaft Ver.di sagte „Report Mainz“, „der Druck auf die Journalisten“ bei Springer, im Interesse des Post-Engagements des Verlages zu berichten, sei „sehr groß“. Er sprach von „Aktionärsjournalismus“.

Der von „Bild“ in den vergangenen drei Wochen viermal in Sachen Mindestlohn zitierte Präsident des neuen Arbeitgeberverbandes „Neue Brief- und Zustelldienste“, Florian Gerster, ist übrigens laut „FAZ“ auf Druck von Springer an diese Position gekommen.

Vielen Dank an alle Hinweisgeber!

Fortsetzung hier…

Immer mehr deutsche Frauen werden Kanzler!

"Immer mehr deutsche Kirchen werden zu Moscheen!"

Das stand gestern auf der Titelseite der „Bild“-Zeitung. Und es stimmt — wenn man sich der „Bild“-Auffassung anschließen will, dass zwei „immer mehr“ sind. Denn die einzige seriöse Datengrundlage für die „Bild“-Behauptung ist ein Bericht des „Tagesspiegel“, nachdem die Neuapostolische Kirche zwei ihrer Berliner Gotteshäuser an muslimische Gemeinden verkauft hat.

Da hört es aber schon auf mit der Seriosität. So schreibt „Bild“ (und davon findet sich nichts im „Tagesspiegel“-Artikel):

Aus Mangel an Kirchgängern wollen auch katholische und evangelische Kirche in den nächsten Jahren rund 10 000 Gotteshäuser schließen. Demgegenüber wächst die Zahl muslimischer Gebetsstätten rapide: „159 Moscheen mit Minaretten gibt es schon, dazu 2500 Gebetshäuser. Und weitere 128 sind im Bau“, berichtet Salim Abdullah vom Islam-Archiv Deutschland.

Bei der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) hat man die Zahl 10.000 schon öfter gelesen, weiß jedoch nicht wo sie herkommt. Ein Sprecher zu uns:

Die Zahl geistert seit rund zwei Jahren durch die Presse, aber wir haben dazu nie Zahlen bekannt gegeben. Von unseren 23 bis 25.000 Gebäuden liegt die Zahl derer, die wir aufgeben müssen im untersten Promillebereich.

Und auch bei der Deutschen Bischofskonferenz (DBK) kann man sich die Zahl nicht erklären und verweist auf eine Pressemitteilung aus dem Jahr 2005, in der es heißt:

Für die kommenden 10 Jahre wird damit gerechnet, dass weniger als 3 % der Kirchengebäude nicht mehr der Feier der Liturgie dienen werden. Es handelt sich bundesweit um etwa 700 Kirchengebäude, deren Bedeutung und Verwendung sich ändern werden.

Das heiße allerdings nicht, dass diese 700 Gebäude auch verkauft würden, ergänzt eine Sprecherin uns gegenüber.

Aber selbst wenn die Zahl 10.000 eine Grundlage hätte: Der von „Bild“ implizit hergestellte Zusammenhang zu der vermeintlich „rapide“ wachsenden Zahl „muslimischer Gebetsstätten“ existiert nicht: Sowohl von der DBK als auch von der EKD gibt es Empfehlungen, keine Kirchen an islamische Gemeinden abzugeben. Und selbst der von „Bild“ zitierte Leiter des Islam-Archivs* in Soest, Salim Abdullah, ist laut dpa offenbar der Meinung, dass die „Übernahme christlicher Gotteshäuser“ von „untergeordneter Bedeutung“ sei.

*) Zahlen des Islam-Archivs kommen zwar immer wieder in Presseberichten vor, es ist aber zweifelhaft, ob man sich auf sie zu verlassen kann. So nannte die „Zeit“ die bundesweiten Konvertiten-Zahlen des Islam-Archivs für das Jahr 2004 bis 2005, die der „Spiegel“ im Januar veröffentlicht hatte, „Fantasiezahlen“, deren Seriosität offenbar selbst islamische Verbände bezweifeln.

Dabei basierten die vom „Spiegel“ veröffentlichten Zahlen auf einer Studie des Islam-Archivs, die immerhin vom Bundesinnenministerium (BMI) im Rahmen einer Projektförderung finanziert wurde. Allerdings wurde die Studie bislang vom BMI „nicht freigegeben“, bestätigt uns eine Sprecherin des BMI den „Zeit“-Artikel. Das Islam-Archiv sei der Bitte, „methodische Fehler“ in der Konvertiten-Studie zu beseitigen über Monate nicht nachgekommen.

Womit wir dann wieder bei „Bild“ wären. Die schreibt nämlich auf Seite 3 der Berlin-Ausgabe, „Schon 8500 Berliner“ seien „zum Islam gewechselt“. „Bild“ gibt zwar keine Quelle für diese Zahl an, hat sie aber offenbar von Mohammed Herzog, dem Gründer und Leiter der Islamischen Gemeinschaft deutschsprachiger Muslime Berlin (IGDMB). Und der sagte uns auf Nachfrage, woher er wiederum die Zahlen habe: vom Islam-Archiv in Soest.

Mit Dank an Kai B. für den sachdienlichen Hinweis.

Alter Wodka in neuen Schläuchen

Dass „Bild“ gestern (wie berichtet) ein Zechgelage des britischen Prinzen Harry zu einer Titelschlagzeile machte, unkundig betextete, als „exklusiv“ ausgab und darauf hinwies, dass „alle Skandal-Fotos von Prinz Harry“ auf Bild.de zu sehen seien, war „Bild“ offenbar nicht genug.

Denn heute berichtet „Bild“ einfach noch einmal.

Alles eine Frage der Präsentation
 
Wer hätte gedacht, dass diese beiden Artikel über ein und dieselbe Begebenheit berichten?
 

„Bild“ zeigt ein paar Fotos, die seit gestern bereits auf Bild.de zu sehen sind und auf die „Bild“ gestern bereits hingewiesen hatte („Weitere Szenen, auf Video aufgenommen, zeigen Harry in Namibia auf Sauf-Safari.“).

„Bild“ verwendet, wie gestern schon, Zitate aus einem Artikel der britischen Boulevardzeitung „News of the World“, verschweigt aber, wie gestern schon, die Quelle — und die Tatsache, dass die „Skandal-Fotos“ bereits vorgestern und exklusiv in „News of the World“ veröffentlicht worden waren. Und „Bild“ verschweigt, wie gestern schon, dass sich der „Skandal“ selbst laut „News of the World“ schon vor über zehn Monaten ereignete.

Andererseits fehlt auch heute nicht der Hinweis, dass „alle Skandal-Fotos von Prinz Harry“ auf Bild.de* zu sehen seien. Ja, wenn wir’s genau nehmen, fehlt heute eigentlich nur die gestrige Behauptung, die gezeigten „Skandal-Fotos“ seien „exklusiv“.

*) Tatsächlich hat Bild.de heute eine neue Bildergalerie im Angebot. Der Unterschied zur Bildergalerie von gestern: Was gestern noch Bild 25 von 25 war, ist heute Bild 1 von 25.

Immerhin hat „Bild“ die heutige Neufassung der gestrigen Meldung um das Zitat eines Suchtberaters angereichert, der „zu BILD“ gesagt haben soll: „Durch das Schnupfen soll der Wodka direkt in die Blutbahn gelangen.“ Und das legt den Schluss nahe, dass es sich womöglich gar nicht um eine Neufassung der gestrigen Meldung handelt, sondern bloß um deren Korrektur. Schließlich verwendet „Bild“ heute das Wort „Blutbahn“ und sagt dazu nicht mehr, wie gestern noch, „Blutumlaufbahn“.

6 vor 9

Kein Einzelfall
(titel-magazin.de, Gunther Nickel)
Die medialen Kampagnen gegen Günter Grass, Martin Walser und Peter Handke.

Biz Stone über Twitter und soziale Alchemie
(elektrischer-reporter.de, Video, 10:10 Minuten)
Twittern ist eine Art Turbo-Bloggen: 140 Zeichen persönlicher Zustandsbericht müssen reichen. Diese kurzen Zeichenketten zirkulieren durch das Web, SMS, Instant Messenger oder etliche andere Kanäle. Kein Wunder eigentlich, dass auch die Kritiker den Turbo einschalten. Wer Blogs bereits für belanglos hält, muss in Twitter die Quadratur der Trivialität sehen. Ein Interview mit Mitgründer Biz Stone.

Im Netz liegt die Zukunft des Gedruckten
(netzjournalist.twoday.net)
Die Online-Offensive kommt den Internet-Nutzern zugute – doch wie sieht die Zukunft der Medien aus? Eine Bestandsaufnahme mit Blick in die Zukunft.

ARD gegen Zentralkontrolle
(taz.de, Steffen Grimberg)
Der Senderverbund wundert sich über die Vorschläge des Gremienchefs – und neue Vorbehalte der Medienpolitik.

„Es ist ein Signal der Stärke, dass wir uns auf diesen Namen geeinigt haben“
(persoenlich.com, Stefan Wyss)
Jean Frey und die Verlagsgruppe Handelszeitung werden neu unter dem gemeinsamen Namen Axel Springer Schweiz zusammengefasst. „Die Integration ist nie vollständig abgeschlossen, weil wir immer in Bewegung und im Wandel sein werden“, erklärt Ralph Büchi, CEO Axel Springer Schweiz im Gespräch mit „persoenlich.com“. Dabei kündet er gleich mehrere Relaunches von Online-Aufritten seiner Printtitel an.

«Die wirkliche Geschichte ist versteckt»
(punkt.ch, Sylvia Egli von Matt)
Journalistenkollegen verstehen nicht, dass ich mich bereit erklärt habe, für eine Gratiszeitung zu schreiben. Die Erklärung ist einfach: Bisher gab es in keiner Tageszeitung eine regelmässige öffentliche Blattkritik.

Allgemein  

Fall Barschel: „Bild“ hat den Farbfilm vergessen

Das ist sehr erstaunlich, was „Bild“-Chefreporter Hans-Jörg Vehlewald heute über einen Artikel schreibt, der die verschiedenen Theorien über den Tod von Uwe Barschel zusammenträgt:

Ein „neues Tatort-Foto“ soll es geben? Ein „bisher unveröffentlichtes Polizeifoto, das den Tatort aus neuer Perspektive und erstmals in Farbe zeigt“? Und der „Spiegel“ soll es „jetzt“, 20 Jahre nach dem Tod Barschels, erstmals zeigen?

Beim „Spiegel“ weiß man nichts davon. Das Foto Barschels, das im aktuellen Heft abgedruckt ist (unten rechts) ist dasselbe, das der „Spiegel“ bereits am 13. Oktober 1997, zum zehnten Todestag gezeigt hatte (unten links):

Das Foto ist zwar in einer besseren Qualität reproduziert. Irgendwelche neuen Erkenntnisse über die verschiedenen Mord- und Selbstmord-Thesen sind mit ihm aber nicht verbunden.

Neue Perspektive? Und erstmals in Farbe? Sollte „Bild“ bislang nur ein einziges Foto des toten Uwe Barschel gekannt haben? Das, das jeder kennt? Aber über neue Erkenntnisse im Fall Barschel berichten wollen!

Vielen Dank an den Hinweisgeber!

Allgemein  

„Bild“-Artikel über „dubiose Sekte“ dubios

Ende Mai dieses Jahres berichtete „Bild“ relativ groß über „Neue Spuren“ im Fall der vermissten Madeleine:

"Neue Spuren: Vermisste Madeleine -- Razzia bei deutscher Sekte"

Die Polizei kam mit Durchsuchungsbefehl und verschaffte sich Zutritt zum Anwesen der Tamera-Sekte in Monte Docero/Colos in Portugal. Hunderte deutsche Aussteiger leben dort, bekennen sich zu freier Liebe und Sex, leben als strenge Vegetarier. (…) Die Razzia, erfuhr BILD aus Polizeikreisen, fand bereits am 7. Mai statt (…). Ein Augenzeuge: „Die Beamten durchstöberten Zelte, Baracken, Wohnwagen und Hütten.“ (…) Tamera-Berater Benjamin von Mendelssohn bestätigt den Einsatz: „Ja, die Polizei war hier, hat aber nichts gefunden.“

Kurz nach dem „Bild“-Artikel veröffentlichte Tamera eine Stellungnahme und kündigte an „gerichtlich gegen die Verleumdungen vorzugehen“. Mit Erfolg.

Heute nun, über vier Monate später*, druckt „Bild“ eine Gegendarstellung (die bereits am 3. Oktober, bekanntlich ein Feiertag, online veröffentlicht wurde). Darin stellt Dieter Duhm, Leiter und Gründer von Tamera fest:

Die Polizei ist nicht mit einem Durchsuchungsbefehl gekommen und hat das Anwesen von Tamera in Monte do Cerro/Colos nicht durchsucht.

Dass „keine Razzia in Tamera stattfand“ habe die portugiesische Polizei „offiziell bestätigt“, sagte uns eine Tamera-Sprecherin. Die Polizei sei jedoch da gewesen:

„Sie hat sich einfach höflich erkundigt, ob wir Informationen über das vermisste Kind hätten. Das haben wir verneint, daraufhin sind sie wieder weggefahren.“

Laut Tamera habe man einem „Bild“-Reporter, der sich vor Ort erkundigt habe, ob die Polizei bei Tamera gewesen sei, dies so bestätigt. Von einer Razzia sei jedoch „keine Rede“ gewesen.

Soweit die gegendarstellungsfähigen Tatsachenbehauptungen aus dem „Bild“-Artikel.

Mit anderen Passagen hat „Bild“-Autor Josef Ley es Tamera nicht so leicht gemacht. So bringt er Tamera mit einem anderen Vermisstenfall in Verbindung:

In Tavira verliert sich im Juni 2006 die Spur eines anderen vermissten Kindes. Der dreijährige Felix Heger wurde hier zuletzt gesehen. Felix war damals angeblich in Begleitung eines Tamera-Mitglieds aufgetaucht.

Und schreibt abschließend im Text:

Hat die dubiose deutsche Sekte, die 1995 von dem Deutschen Dieter Duhm gegründet wurde, etwas mit Madeleines Verschwinden zu tun? Ein Ermittler zu BILD: "Die Hinweise zu Madeleine sind inzwischen sehr konkret. Es gab Razzien. Auch Gegenstände wurden sichergestellt. Details sind aber Ermittlungsgeheimnis."

„Bild“ tut so, als sei die Aussage des Ermittlers eine Antwort auf die zuvor gestellte Frage. Das ist offenbar nicht der Fall.

*) Bei Tamera sagte man uns, dass „Bild“ sich zunächst gegen den Abdruck der Gegendarstellung gewehrt habe. Nicht der Sachverhalt sei jedoch strittig gewesen, sondern die Frage, „ob der Gründer Dieter Duhm im Namen von Tamera klagen darf“.

Kontinent des Lächelns II

Heiteres Synonyme-Raten in der Kategorie „Länder“ ist nicht die Stärke von „Bild“.

Vereinigte Staaten? — „Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“
Österreich? — „Alpenrepublik.“
Japan? — „Land des Lächelns.“ — *Möööp*

Okay, nochmal:

Vereinigte Staaten? — „Land der unbegrenzten Möglichkeiten.“
Österreich? — „Alpenrepublik.“
Japan? — *Möööp*

Die Übung „Aus Fehlern lernen“ ist auch nicht die Stärke von „Bild“.

Mit Dank an Spießer A.!

Alexander von Tuten und Blasen

„Adels-Insider“

„Graf Alexander von Schönburg (38) schreibt ab heute jeden Montag für Sie „BILD Royal“ – Intimes und Internes aus der Welt der Adeligen! (…) Ab heute setzt er BILD die Krone auf.“
(Quelle: „Bild“ vom 2.4.2007)

Schön, dass Alexander von Schönburg „Adels-Insider“ ist. Schön jedenfalls für die „Bild“-Zeitung, weil sie dann immer „Adels-Insider“ drunterschreiben kann, wenn sie mal wieder neben ihr „BILD Royal“-Logo einen Text von von Schönburg druckt.

Darüber hinaus ist die Info, dass von Schönburg „Adels-Insider“ ist, quasi wertlos: Zumindest, was von Schönburg heute in „Bild“ geschrieben hatte, hätte auch ein Prekariats-Insider geschafft — und womöglich besser. Nachdem offenbar ein Video aufgetaucht ist, das den britischen Prinzen Harry beim Trinkgelage und Wodka-Schniefen zeigt, hat von Schönburg nämlich bloß eine Meldung aus der gestern erschienenen britischen Boulevardzeitung „News of the World“ übersetzt, paraphrasiert und — exklusiv für „Bild“ — ein paar Fehler eingebaut: Nicht nur behauptet von Schönburg, durch die Nase konsumierter Alkohol gelange ohne Umwege in die — Achtung! — „Blutumlaufbahn“, nein, er weiß offenbar auch nichts über die „Exklusiv-Fotos“, die er für „Bild“ betextet hat. Von Schönburg schreibt:

Lustvoll schleckt der Prinz die Brustwarzen eines Saufkumpans ab. (…) Weitere Szenen, auf Video aufgenommen, zeigen Harry in Namibia auf Sauf-Safari.

Dabei lässt „News of the World“ keinen Zweifel daran, dass auch die Brustwarzen-Fotos den Prinzen in Namibia auf Sauf-Safari (Après-Sauf-Safari?) zeigen.

Neben Übersetzung, Paraphrase und Fehlern ist „Bild“ und von Schönburg aber noch etwas anderes gelungen — eine wahre Tatsachenbehauptung: Angekündigt werden die Bilder heute auf der Titelseite (siehe Ausriss) ohne Quellenangabe, dafür aber als „Exklusiv-Fotos“. Und so ist es! Die Fotos sind exklusiv — im Sinne von: gestern exklusiv in „News of the World“ erschienen.

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