Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan

Ende April, also vor sechs Wochen, hatte „Bild“ bekannt gegeben, dass der Afrika-Aktivist Bob Geldof kurz vorm anstehenden G8-Gipfel „für 1 Tag BILD-Chefredakteur“ werden würde. Der Ankündigung folgte eine sechsteilige „Bild“-Serie „Sir Bob Geldof exklusiv in BILD“ und am vergangenen Freitag schließlich Geldofs „Afrika-BILD“.

„Pop trifft Politik“

Geldof erinnerte Merkel laut „Bild“ unter anderem an die Zusage, „die Entwicklungshilfe bis 2010 auf 0,51 Prozent der Wirtschaftskraft der G8-Staaten anzuheben“, Merkel erwiderte, die deutsche Entwicklungshilfe werde „2008 um etwa 750 Millione Euro aufgestockt“, Geldof fand das zu wenig, Merkel erwiderte, man werde gemachte Zusagen erfüllen.

„Bild“ hatte Bob Geldof gelobt, Bob Geldof hatte sich bei „Bild“ bedankt — und Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen dürfen (O-Ton Geldof: „Angela Merkel ist eine Vermittlerin, wie sie im Buche steht. (…) Diese Frau hat echt was im Kopf. Zu meiner Überraschung ist Angela Merkel aber auch eine sehr warmherzige Persönlichkeit. Mit ihrem Intellekt habe ich gerechnet, aber nicht mit dieser Wärme und Offenheit“). Geldofs Interview mit Merkel (siehe Kasten) war einer der Höhepunkte seiner „Afrika-BILD“.

Tags drauf durfte Bob Geldof noch einmal sagen, wie gut ihm seine „Afrika-BILD“ gefallen hat und dass sein Tag als „BILD-Chefredakteur“ einer der besten Tage seines Lebens gewesen sei.

Danach wurde es in „Bild“ stiller um Geldof:

  • eine kurze Meldung aus London: „Bob Geldof (55) und Naomi Campbell (37) unterstützen die Krebs-Stiftung“
  • eine kurze Meldung aus Rostock: „Pop-Stars wie Herbert Grönemeyer, U2-Sänger Bono, Bob Geldof und die ‚Die Toten Hosen‘ haben gestern bei einem Konzert in Rostock vor 70000 Zuhörern ihre ‚Stimmen gegen Armut‘ erhoben.“
  • und am vergangenen Donnerstag unter der Überschrift „G8-News: Bauern wollen Geld für zertrampelte Felder“ dies:

    (…) Kanzlerin Merkel traf gestern auch mit Bono und Bob Geldof zusammen (Foto) – die Popstars forderten sie zu einer Umsetzung der Versprechen gegenüber Afrika auf. Abends wollte Geldof, der erst vor wenigen Tagen eine BILD-Afrika-Ausgabe gestaltet hatte, auch mit US-Präsident Bush sprechen. (…)

Anderen Medienberichten zufolge gibt diese kurze Zusammenfassung vielleicht nicht so ganz den Kern des Treffens zwischen Bono, Geldof und Merkel wieder. Und dass Geldof den G8-Gipfel gestern abschließend als „Farce“ bezeichnet hatte, weil sich Merkel „zwar bei einem Treffen ihre Vorschläge für eine größere Afrikahilfe angehört, aber leider alle zurückgewiesen“ habe und das G8-Abschlussdokument zu Afrika [pdf] „ein zynischer Text“ sei, in dem lediglich alte Versprechungen wiederholt würden, findet sich heute in der kläglichen „Bild“-Formulierung („Bob Geldof und Bono kritisierten die Beschlüsse.“) wieder. Es gibt schließlich, nun ja, Wichtigeres.

Und außerdem hatte „Bild“ diese leidige Afrika-Sache doch bereits gestern schon auf gewohnte Weise abgehakt:

Allgemein  

Presserat rügt „Bild“ für „extreme Zurückhaltung“

„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann im NDR, 9. Februar 2007:

Bei uns muss jede Berichterstattung über einen Selbstmord vom Chefredakteur abgesegnet werden, ob das zulässig ist oder nicht zulässig. Egal, ob das in einer Regional- oder einer Lokalausgabe ist. Das muss mit mir abgestimmt werden. Einfach um zu verhindern, das wir in diesem Bereich – weil wir das insgesamt in dem Pressekodex, den wir uns als Printmedium gegeben haben, sehr sehr eng sehen.

Kai Diekmann im Interview mit epd-Medien, 23. Mai 2007:

Was würden Sie heute nicht mehr so machen wie noch vor zehn Jahren?

Da haben sich in der Tat Dinge verändert. Manches haben wir früher wie selbstverständlich veröffentlicht. Das betrifft das Thema der Selbstmordberichterstattung. Heute wissen wir, dass die Berichterstattung über Selbstmorde labile Menschen möglicherweise zum Nacheifern veranlasst. Deswegen sind wir in diesem Bereich extrem zurückhaltend.

Pressemitteilung des Deutschen Presserates, 8. Juni 2007:

Eine nicht-öffentliche Rüge erhielt BILD (Hamburg) für die Berichterstattung über den Suizid einer Jugendlichen. Die Umstände und Hintergründe des Suizids wurden dabei ausführlich geschildert. Dies ist nach Richtlinie 8.5 des Pressekodex unzulässig.

Allgemein  

Heute anonym XIV

Déjà vu? Nun ja, Bild.de berichtet seit gestern über ein „Urteil im Prozess um den schlimmen Gammelfleisch-Skandal“ — und nennt den verurteilten Fleisch-Händler anonymisierend „Alfons B.“ Im selben Artikel aber veröffentlichte Bild.de ein Foto von B.s Ladens, auf dem nicht nur sein Nachname vollständig zu lesen war, sondern auch die komplette Adresse, Fax- und Telefonnummer (siehe Ausriss mit roten Balken von uns).

Etwa eine Stunde, nachdem wir Bild.de heute auf die Inkonsequenz beim Schutz der Persönlichkeit aufmerksam gemacht und um Stellungnahme gebeten hatten, erhielten wir zwar (wie üblich) keine Antwort. Aber (wie üblich) wurde die unterlassene Unkenntlichmachung anschließend nachgeholt: Bild.de hat das Foto vollständig aus dem Artikel entfernt.

Mit Dank an Christoph K. und andere.

Nachtrag, 9.6.2007 (mit Dank an Pegasus): Und was die mehrfache „Bild“-Bezeichnung „Gammelfleisch-Händler“ für Alfons B. anbelangt, sei hier vielleicht noch darauf hingewiesen, was (anders als Bild.de) etwa der NDR über den Prozess zu berichten weiß:

Bei dem Urteil habe das Gammelfleisch nur eine geringe Rolle gespielt, teilte das Gericht mit. Kern seien die Betrugsvorwürfe gewesen. (…) Der Vorwurf der Anklage, der Händler habe auch rund fünf Tonnen verdorbenes Putenfleisch vermarktet, habe sich nicht nachweisen lassen. Der Mann werde deshalb in diesem Punkt frei gesprochen. (…) Es sei aber nicht nachzuweisen, dass das Fleisch zum Verzehr ungeeignet war.

6 vor 9

»Ehrgeiz, Rückgrat und Gelassenheit«
(ftd.de, Lutz Meier)
Die umfassendsten Berichte über Rupert Murdochs Kaufplan für das „Wall Street Journal“ liefert die Zeitung selbst. Hierzulande wäre das undenkbar: Deutsche Zeitungen verstummen, wenn es um sie selbst geht.

Europa als Hort der Gratiszeitungen
(nzz.ch)
Trotz pessimistischen Behauptungen floriert der Pressesektor. Dies nicht zuletzt dank den dynamischen Märkten in Asien. In Europa eroberten die Gratisblätter eine starke Position.

Sie wollten doch nur fotografieren
(faz.net, Gina Thomas)
Stolz gibt Channel 4 an, sich mit der umstrittenen Ausstrahlung von „Diana: Die Zeugen im Tunnel“ „dem Palast widersetzt“ zu haben. Dabei war die Sendung nicht so makaber wie befürchtet – sondern der scheinheilige Versuch einer Ehrenrettung.

„Du unterstellst mir das Schlimmste…“
(persoenlich.com, Peter Rothenbühler)
In seiner ersten Medienkolumne im „persönlich rot“ hat Roger Schawinski Le-Matin-Chefredaktor Peter Rothenbühler vorgeworfen, er habe Swatch-Gründer Nicolas G. Hayek in der Weltwoche geschont, um ihn als Inseratekunden nicht zu vergraulen. Nun antwortet Rothenbühler Schawinski. Die Vorwürfe des früheren Sat.1-Chefs hält er „fast schon für eine Beleidigung“. Offenbar habe Schawinski wieder mal blind drauf gehausen.

„I just like this guy“
(zuender.zeit.de, Nico Semsrott)
Auch Globalisierungskritiker brauchen Medienprofis. Der UN-Abgesandte Jean Ziegler ist ihr bester Mann. Ein Star-Portrait.

Toni Mahoni 112: Zeitung
(youtube.com, Video, 4:26 Minuten)
Wie Toni Mahoni Zeitungen nutzt.

„Bild“ ekelt es vor sich selbst

WIDERLICH! Porno-Produzent wirbt mit Katja RiemannEin Sexfilm-Produzent entdeckt, dass der neue Freund von Schauspielerin Katja Riemann in mehreren seiner Hardcore-Pornos mitgewirkt hat, und versucht nun, aus dieser Tatsache Kapital zu schlagen.

„Bild“ spricht heute von einer „widerlichen Kampagne“, und wir würden da ausnahmsweise nicht widersprechen. „Bild“ wörtlich:

Und ER steckt hinter dieser widerlichen Kampagne: Pornoproduzent Fritz Gröger (58).

Und auch das scheint zu stimmen. Denn auf Gröger berief sich diejenige Zeitung, die am Samstag groß auf der Titelseite mit der widerlichen Kampagne begann: die „Bild“-Zeitung.

Ihr Neuer war Porno-Star

„Bild“ schrieb:

Katja Riemann: Ihr Neuer drehte drei Pornofilme

Pornoproduzent Fritz Gröger (58) aus Ochsenburg (Baden-Württemberg) zu BILD: „Ich habe B.* im Frühstücksfernsehen entdeckt — an der Seite von dieser Schauspielerin. Ich dachte mir gleich „‚Hey, den kenn ich doch!'“

*) Name von uns anonymisiert.

Zu Grögers widerlicher Kampagne gehörte es, die „Bild“-Zeitung mit mehreren Fotos aus den Pornofilmen zu versorgen, die „Bild“ notgedrungen abdruckte, ebenso wie das von Gröger zur Verfügung gestellte Foto des Darstellers mit Personalausweis und Vertrag. Gröger schreckte nicht einmal davor zurück, „Bild“ detailliert zu berichten, wie die entsprechenden Filme heißen und wo sie zu erwerben sind, und die Zeitung kam ihrer Chronistenpflicht nach:

Die Filme tragen die Namen „Inferno, Vol.2“ und „Torture, Vol.3“. Der dritte Film kommt in wenigen Monaten auf den Markt, hab noch keinen Titel. Die Filme (…) sind bei „Beate Uhse“ und in gut sortierten Videotheken erhältlich. Die Handlung: Gruppensex in allen erdenklichen Lagen.

(Genauere Preisangaben und Hotline-Nummern fehlen erstaunlicherweise.)

In seine widerliche Kampagne spannte Gröger dann anscheinend auch noch Sandra B. (29) ein, eine mehrfache Partnerin von B. in den Pornos.

Sex-Model erzählt: So war mein Porno-Dreh mit Katja Riemanns Berliner Freund

„Bild“ zeigte pflichtschuldig ein großes Foto von Sandra B. im Lederdress, beschrieb ihre Rolle in den Filmen, ließ sich von ihr erklären, wie angenehm die Zusammenarbeit mit dem Mann war, und sah sich gezwungen, die Begegnung der beiden mit einem Bild zu dokumentieren, das Sandra B. beim Geschlechtsverkehr mit ihm zeigt, während sie einen anderen Mann oral befriedigt.

Zu Komplizen in der widerlichen Kampagne wurden dann noch fünf prominente Frauen (Jasmin Wagner, Andrea Ballschuh, Brzeska, Kristina Bach und Jana Ina), die für „Bild“ Riemanns private Situation kommentieren mussten.

Schlimm, diese Porno-Produzenten. Schlachten so eine Geschichte skrupellos aus und ziehen nicht nur die arme Katja Riemann, sondern auch eine große deutsche Boulevardzeitung mit in den Dreck. Widerlich.

PS: Katja Riemann und ihr Freund gehen juristisch gegen „Bild“ vor.

Allgemein  

Bild.de erfindet Misshandlung und Missbrauch

"Erica (15) -- entführt und ein Jahr misshandelt"

So berichtet Bild.de über ein Mädchen aus Connecticut, USA, das, nachdem es ein Jahr lang vermisst worden war, jetzt von der Polizei entdeckt wurde. Die Informationen in dem Bild.de-Artikel weichen allerdings in einigen Punkten von dem ab, was beispielsweise der offenbar gut informierte US-Fernsehsender CNN auf seiner Internetseite berichtet. So steht zum Beispiel nicht bei CNN (und auch nicht in anderen Medienberichten über den Fall), dass das Mädchen „misshandelt“ wurde. Auch die folgende Bild.de-Formulierung findet sich nicht in anderen Meldungen zum Thema:

Nach ersten Informationen wurde das Mädchen misshandelt, womöglich missbraucht. Die Polizei schließt auch nicht aus, dass der Teenager mit Drogen gefügig gemacht wurde und freiwillig in das Haus kam.

Stattdessen heißt es etwa bei CNN:

Authorities said they were not sure the girl — who they said had a „tough“ life involving drug use and had a history of running away from home — was being held against her will. (…) The girl was being evaluated by medical personnel, Blatter said, and authorities including child welfare workers would determine the best placement for her. „She is physically OK,“ he said.

Kurz zusammengefasst gibt es also „nach ersten Informationen“ keine Hinweise, dass das Mädchen „misshandelt“ oder „missbraucht“ wurde. Und zwar schließt die Polizei tatsächlich nicht aus, dass das Mädchen „freiwillig in das Haus kam“. Aber davon dass sie mit „Drogen gefügig gemacht“ wurde, steht da rein gar nichts. Das würde ja auch irgendwie der These der Freiwilligkeit widersprechen, oder?

Mit Dank an Wolfgang W. für den sachdienlichen Hinweis.

„Bild“ ist treuer als Oliver Pocher II

Gestern erst hatten wir gewettet, dass „Bild“ alsbald mit Neuigkeiten über Annina Ucatis aufwarten würde, die angeblich ehemalige „Geliebte von Oliver Pocher“ (sie behauptet, mit Pocher vor sieben Jahren mal ausgegangen zu sein).

Und tatsächlich heißt es auf der heutigen „Bild“-Titelseite:

Gestern berichtete BILD über die Ex-Geliebte von Oliver Pocher (…).

Aber darüber, wie „Bild“ heute berichtet, sind wir dann doch überrascht (siehe Ausriss): Mit der Schlagzeile „Jetzt schlägt Pochers Freundin zurück“ und der Frage „Na, wer hat hier die überzeugenderen Argumente?“ wirbt „Bild“ für die aktuelle Ausgabe des Magazins „Maxim“. „Maxim“ wird (wie „Bild“) vom Verlag Axel Springer herausgegeben und ist (laut „Bild“) „im Handel erhältlich“ — seit gestern übrigens.

Allerdings ist das nicht alles, was es heute in der Ucatis-Sache nachzutragen gibt. Denn entgegen unserer ersten Annahme, dass sie erst 2003 als „Bingo-Fee“ in „Bild“ aufgetaucht sei, kennen sich Ucatis und „Bild“ schon viel, viel länger:

„Bild“-Mitarbeiter Holger Bloehte*, dessen Name zuletzt im Januar 2007 über einem Ucatis-Artikel stand, hatte ihr nicht nur 1998 schon zu einem Job als „Super-Ische“ in der „Harald Schmidt Show“ verholfen (Quelle: „taz“, 1998), sondern Ucatis vor inzwischen fast zehn Jahren überhaupt erst für die Öffentlichkeit „entdeckt“ (Quelle: „Hustler“, 2001). Und tatsächlich findet sich in der „Bild“-Zeitung vom 23. Juni 1997 ein Artikel Bloehtes über Ucatis. Er ähnelt demjenigen, der gestern in „Bild“ erschien, insofern, als Ucatis damals behauptete, in einer „Bremer Promi-Disco“ mal kurz mit Dieter Bohlen geredet zu haben.

*) Wenn Holger Bloehte (von „Bild“ gelegentlich auch „Holger Bloethe“ genannt) gerade nicht über Annina Ucatis schreibt, druckt „Bild“ Geschichten von ihm, die Überschriften tragen wie „Asyl-Familie kassiert 50000 Euro Stütze und hortet einen Schatz“ (2.12.2004), „Warum zahlt der Staat einem 3fachen Mörder das BWL-Studium?“ (19.4.2006) oder „Dieser Dackel rettet diesem Dackel das Leben“ (10.3.2006). BILDblog-Lesern könnte Bloehte zudem wegen eines Artikels im November 2006 bekannt sein, in dem er Helmut Pflugradt als „Skandal-Politiker“ bezeichnete. „Bild“ entschuldigte sich damals anschließend öffentlich bei Pflugradt dafür, ihm „Unrecht getan“ zu haben.

Mit Dank auch an Max V.

„Bild“ schlägt Terror-Alarm beim Gipfel

Man kann sich vorstellen, dass dies ungefähr die bestmögliche Schlagzeile einer Boulevardzeitung in diesen Tagen ist:

Riesenlöcher im Unterwasser-Zaun entdeckt! Terror-Alarm beim Gipfel!

Noch dazu, wo es sich um eine Exklusiv-Geschichte handelt. Oder anscheinend: eine Ente.

„Bild“ schreibt unter Berufung auf „höchste Sicherheitskreise“ und einen „Top-Sicherheitsmann“:

Im 4,5 Kilometer langen Unterwasser-Sperrnetz, das die Staats- und Regierungschefs vor terroristischen Angriffen von See her schützen soll, wurden zwei riesige Löcher entdeckt! (…) ein mutmaßlicher Sabotageakt! (…) Außerdem war ein Straff-Seil zwischen zwei Verankerungen auf einer Länge von 15 Meter beschädigt. Sofort sicherten rd. 50 Polizeiboote das Leck in der Netzsperre. Versuche, die beiden Löcher zu reparieren, schlugen fehl.

Die Polizei dementierte in der vergangenen Nacht umfassend:

„In der Netzsperre, die den G-8-Tagungsort seeseitig sichert, sind weder größere Löcher entdeckt worden, noch war ein Spannseil auf der Länge von 15 Metern beschädigt. Ein Sicherheitsdefizit besteht nicht.“

Polizeiboote sichern das rätselhafte Loch im Sicherheitsnetz abDabei hat „Bild“ sogar so etwas wie einen Foto-Beweis (Ausriss rechts). Welche Bedeutung der rote Kreis um eines der Boote hat, bleibt allerdings mindestens so „rätselhaft“ wie das Loch selbst. In den Texten der Nachrichtenagenturen, die das Foto aus „Bild“ und viele ähnliche verbreiten, gibt es weder einen Hinweis auf die besondere Bedeutung des markierten Schiffes – noch auf irgendein Loch, das die Boote angeblich absichern.

„Bild“ spekuliert auch über einen möglichen Zusammenhang mit der Durchsuchung eines Greenpeace-Schiffes durch die Polizei:

Vorsorglich enterten Beamte der Bundespolizei von fünf Schiffen aus die auf der Ostsee kreuzende „Arctic Sunrise“.
Das sturmerprobte Schiff, ein ehemaliger Eisbrecher, gehört seit 1996 zur „Greenpeace“-Flotte. Nach BILD-Informationen machten die Beamten alle Schlauchboote an Bord – bis auf eines – unbrauchbar, stellten außerdem einen Heißluftballon sicher.

Hui, „nach ‚Bild‘-Informationen“, das klingt investigativ. Lustig, diese Formulierung in einen Absatz zu schreiben, dessen Inhalt vollständig einer Pressemitteilung entstammt, die Greenpeace gestern um kurz vor 18 Uhr herausgegeben hat:

Die Wasserschutzpolizei Rostock und die Bundespolizei haben heute das Greenpeace-Schiff „Arctic Sunrise“ auf der Ostsee außerhalb des Sperrgebietes von Heiligendamm durchsucht. Die Beamten beschlagnahmten einen Heißluftballon und machten die Schlauchboote an Bord fahruntüchtig, bis auf eines. Die Beamten waren mit fünf Schiffen (…) längsseits gegangen. (…) Die „Arctic Sunrise“, ein ehemaliger Frachter und Eisbrecher, wurde 1996 für Greenpeace umgerüstet.

Mit Dank an Mark F., Jens L., Matthias W. und Astrid G.!

Nachtrag, 8. Juni. „Bild“ schreibt heute:

Die Polizei dementierte gestern zunächst den BILD-Bericht über zwei Löcher im 4,5 Kilometer langen Seenetz vor dem Luxushotel. Später räumte sie dann ein: „Offensichtlich durch Seegang wurde das Netz durch die Wellenbewegung zusammengeschoben.“

BILD bleibt bei seiner Darstellung: Am Seenetz wurde offenbar manipuliert — es gab zwei Löcher! BILD wurde diese Version in hohen Sicherheitskreisen noch einmal ausdrücklich bestätigt!

6 vor 9

Die Leserschaft zeigt sich bestürzt
(behindertenparkplatz.de, Christiane Link)
Seit dem Wochenende beobachte ich, wie eine Falschmeldung der dpa weite Kreise zieht. Dass es sich um eine Falschmeldung handelt, wusste ich schon ziemlich früh. Ich hatte es in einem Blog gelesen.

Reporterlust und Recherchefrust – Ein Bericht zur Lage des deutschen Journalismus
(ndr.de, Video, 29:57 Minuten)
Kaum ein Berufsstand hat so einen schlechten Ruf wie der des Journalisten. Die häufigsten Vorurteile: Journalisten sind selbstverliebt, recherchieren zu wenig und lassen sich als PR-Gehilfen missbrauchen. Aber ist es wirklich so schlecht um den Journalismus in Deutschland bestellt? Unter welchen Bedingungen kann der Journalist von heute seinen Ansprüchen an Objektivität und Sorgfalt noch gerecht werden? Zapp forschte nach und stieß auf engagierte Aufklärer und mutige Reporter, vorbildliche Rechercheure und solche, die es werden wollen.

«Wir brauchen neue Marken»
(werbewoche.ch, Markus Knöpfli)
Das Wirtschaftsmagazin Cash geht ein. Thomas Trüb, bei Ringier Leiter Wirtschaftsmedien, erklärt Markus Knöpfli, warum er glaubt, beim Cash-Medienverbund auf Cash Weekly verzichten zu können.

„Der Gipfel ist jetzt schon gescheitert“
(tagesschau.de, Eckart Aretz)
Im Medienzentrum von Kühlungsborn berichten hunderte Journalisten vom G8-Gipfel im benachbarten Heiligendamm. Sie beschäftigt vor allem ein Thema: die vielen Sicherheitskontrollen und die Abgeschiedenheit des Tagungsorts. Verständnis für die Abschottung der Staats- und Regierungschefs hat kaum einer.

„Das geht jetzt erst los“
(taz.de, Kerstin Ruskowski)
Berliner Landgericht ordnet an, dass Springer seine Nutzungsrechte für freie Mitarbeiter überarbeiten muss.

Wird nach der Pause alles wieder gut?
(welt.de)
Die Strukturen von Harald Schmids Show sind so gefestigt, dass es langweilig ist: Abgesehen von drei Witzen am Anfang scheint die Sendung völlig improvisiert zu sein. Stellt sich die Frage, was die Redakteure von Schmidt so tun ,und ob sie bei ?Schmidt und Pocher“ mehr zu tun bekommen…

„Bild“ ist treuer als Oliver Pocher

Wenn sich eine Frau mit Körbchengröße 75 G plötzlich erinnert, dass sie vor sieben Jahren mal mit Oliver Pocher „ganz öffentlich ins Kino, Hand in Hand über die Straße gegangen“ sei (und Oliver Pocher sich dazu bislang „gegenüber BILD nicht äußern“ wollte), dann…

… muss das natürlich auf die Tittelseite von „Bild“ (siehe Ausriss). Zumal die Frau doch laut „Bild“ behauptet, dass sie auch „die Geliebte von Oliver Pocher“ gewesen sei bzw. (wie „Bild“ selbst es formuliert) „eine Affäre mit dem TV-Star“ hatte und „Oliver Pocher ganz nahe kam“.

Überrascht fragt „Bild“ deshalb: „Wer ist die hübsche Blonde?“ Und hat sogar eine Antwort:

Annina wurde in Bremerhaven geboren, arbeitet heute als selbstständige Immobilienmaklerin in Köln. Sie ist Single, ließ sich in drei Operationen den Busen auf Körbchengröße 75 G vergrößern.

Das ist dann zwar alles, was „Bild“ heute über „Annina U. (29)“ zu berichten weiß — aber längst nicht alles, was es über Annina Ucatis (so ihr voller Name) zu berichten gäbe. Allein im „Bild“-Archiv fände sich da beispielsweise der Hinweis, dass Ucatis im Frühjahr 2003 von „Bild“ als „Bingo-Fee“ entdeckt wurde und anschließend in einer „BILD-Sommeraktion“ wochenlang „den leckersten Kerl vom Bau“ suchen durfte — aber auch diese zweifellos etwas übergeigte „Bild“-Geschichte vor anderhalb Wochen:

"Busen-Süchtig! Maklerin gefeuert"

Oder diese aus dem Januar:

""Schönheits-Wahn -- Maklerin ließ sich 3-mal ihre Brüste vergrößern"

Ja, damals wusste „Bild“ sogar noch, dass Ucatis „als TV-Assistentin von Harald Schmidt und Verona Feldbusch“ aufgetreten ist.

Außerdem tingelte Ucatis mit ihrer „Busen-Sucht“ in den vergangenen Monaten durch die diverse TV-Boulevardmagazine. Und RTL fasste zusammen:

Annina (…) entdeckte, dass zwei Argumente reichten, um in den Medien und auf Promi-Parties Karriere zu machen. Annina trat als Nummerngirl in der Erotik-Sendung „Peep“ auf, lernte Dieter Bohlen kennen, hatte Kurzauftritte bei „Veronas Welt“ und war die Assistentin von Harald Schmidt. Und irgendwann (…) wurde Annina angeblich auch die Freundin von Party-König Michael Ammer. (…) Doch irgendwie verlief sich Anninas Medien-Karriere. Je riesiger ihr Busen wurde, desto weniger war sie gefragt. (…) Zur Zeit ist Annina Single. Ihr letzter Freund hat sie verlassen, weil er ihre Begeisterung für die Riesenbrüste bei nunmehr drei Kilogramm Silikon nicht mehr teilen konnte. Die 29-Jährige will sich jetzt ganz auf ihre Arbeit als Immobilienmaklerin konzentrieren. Nebenbei macht sie Fotos, die in den pornografischen Bereich gehen. (…)

Es wäre jetzt natürlich völlig unangebracht, einen Zusammenhang zwischen Körbchengröße und Glaubwürdigkeit herzustellen. Aber jede Wette, dass „Bild“ demnächst wieder Neues von Frau Ucatis zu berichten hat — und sei’s auch sieben Jahre alt.

Mehr dazu hier.

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