Unabhängig — Überparteilich

Eine Woche vor der letzten Bundestagswahl hatte „Bild“ die Idee, noch schnell ein paar CDU-Spitzenpolitiker zu fragen, was sie denn so von einer CDU-Kanzlerin hielten. Das Ergebnis sah damals bekanntlich so aus:

Friedrich Merz & Christian Wulff: Merkel wird eine exzellente Kanzlerin!"

Heute nun, nach 100 Tagen Merkelscher Kanzlerschaft (aber auch einen Monat vor den Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz, Sachsen-Anhalt und Baden-Württemberg) hat „Bild“ schnell noch mal bei einem CDU-Spitzenpolitiker nachgefragt, was er denn so von der CDU-Kanzlerin hält. Sein Fazit:

"Roland Koch: Kanzlerin verdient die Note eins"

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Informationsfreiheit

„Bild“ und Bild.de zeigen immer mal wieder gern irgendwelche US-amerikanischen Polizeifotos, sog. Mugshots — so auch, aus aktuellem Anlass, von diversen „Super-Stars“ wie Nick Nolte, Bill Gates oder Matthew McConaughey (?). Die Quellenangabe dazu lautet schlicht:

"Foto: Polizei"

Theoretisch nicht falsch, allerdings wurden viele dieser Bilder nie offiziell von der Polizei veröffentlicht, dafür aber allesamt auf der kommerziellen Internetseite „The Smoking Gun“. Dort heißt es auch, es handele sich dabei um „exklusives“ Material, das „nirgends sonst im Internet zu finden“ sei — außer nun eben bei Bild.de. Auf die Frage, wie es zu der dortigen Veröffentlichung kommt, antwortet uns der „Smoking Gun“-Betreiber William Bastone:

„Die Fotos wurden offensichtlich (ohne Erlaubnis) von meiner Website geklaut.“

Seine Mugshots würden, so Bastone weiter, auf teilweise mühsamen Wegen beschafft, u.a. auch unter Berufung auf den Freedom of Information Act. Bei „Bild“ versteht man unter Informationsfreiheit allerdings offenbar noch mal ganz etwas anderes.

„Bild“ quälen Steuer-Fragen

Ein junger Mann hat vor kurzem in Groitzsch seine eigene Mutter angefahren, die laut Polizeibericht „aus bisher nicht bekannter Ursache auf die Fahrbahn lief“. Sie musste daraufhin schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert werden.

„Bild“ fragt sich nun dies:

"Mutter überfahren! Warum durfte ER ans Steuer?"

Und als Leser fragt man sich, was der Mann wohl angestellt hat, das „Bild“ zu der Frage animiert, warum er ans Steuer durfte. Man könnte das ganz einfach beantworten: Nichts. Doch „Bild“ ist offenbar anderer Auffassung: Der Mann hatte nämlich Knochenkrebs. Deshalb musste ihm der Oberschenkel amputiert werden, und er trägt seither eine Prothese, dank der er offenbar wieder Sport treiben und eben auch Auto fahren kann. Und bei „Bild“ heißt es:

Die quälende Frage: Hat er Mutti wegen seines Handicaps überfahren?

Wir wissen nicht, wen diese Frage außer „Bild“ noch quält. Die Polizei jedenfalls nicht. Zwar ermittelt sie tatsächlich wegen fahrlässiger Körperverletzung gegen den jungen Mann. Das hat aber laut Auskunft eines Sprechers nichts mit der Behinderung zu tun, sondern schlicht und einfach damit, dass sie das fast immer tut, wenn bei Verkehrsunfällen Menschen verletzt werden. Bei „Bild“ liest sich dieser Sachverhalt so:

Polizeisprecher Jürgen Staudte: „Trotzdem ermitteln wir gegen David K. wegen fahrlässiger Körperverletzung.“
(Hervorhebung von uns.)

Ob Behinderte an einem Unfall beteiligt sind oder nicht, spielt für die Polizei jedenfalls grundsätzlich keine Rolle. Für „Bild“ offenbar schon.

Mit Dank an Anke S. für den sachdienlichen Hinweis.

Sie ist eine andere

Am vergangenen Donnerstag wurde eine Frau im Ludwigshafener Stadtteil Friesenheim-Nord um 8.25 Uhr auf dem Aldi- Parkplatz in der Industriestraße sexuell belästigt, und die Polizei geht davon aus, „dass es sich um den selben Täter handelt, der bereits im letzten Jahr Frauen in gleicher Art und Weise sexuell belästigt hatte“.

"Sie ist schon das 6. Opfer"Und nicht zuletzt, weil es dabei um Sperma geht weil die Polizei um Mithilfe bittet, berichtet heute im Raum Rhein-Neckar auch „Bild“ (s. Ausriss). So heißt es dort:

„Jetzt spricht in BILD exklusiv ein Opfer über die ekelhafte Sex-Attacke“

Allerdings unterscheiden sich anschließend Tatort, Tatzeit und Tathergang sowie die dazugehörige Abbildung eines Tatortfotos deutlich vom aktuellen Fall, was daran liegt, dass das „Bild“-Opfer eben nicht, wie von „Bild“ in der Überschrift groß behauptet, „schon das 6. Opfer“ ist, sondern bereits im Oktober 2005 belästigt worden war (und damit, zumindest laut der von „Bild“ hinzugefügten Tatortübersicht, „nur“ Opfer Nr. 5).

Kurzum: Nachdem es „Bild“ also offensichtlich nicht gelungen war, das aktuelle Opfer dazu zu bringen, mit „Bild“ zu reden und sich in „Bild“ abbilden zu lassen (oder aus welchen Gründen auch immer), entschied sich die Redaktion also zu einer Lüge. Aha.

Mit Dank an Traupe für Hinweis und Scan.

Symbolfoto XXXII

„Bild am Sonntag“ hat einen „Hunger-Wettlauf bei den Desperate Housewives“ ausgemacht. „Beängstigend mager“ seien die Serienstars geworden, heißt es in der fast seitenfüllenden Geschichte, die u.a. mit zwei kleinen und einem ziemlich großen Foto von Teri Hatcher beim Joggen aufgemacht ist. Im Text steht:

Neue Fotos zeigen Teri Hatcher (41) beim Joggen.
Sie kann nicht mehr verbergen, wie eingefallen ihre Bauchpartie ist, wie knochig ihre Hüften, wie dünn ihre Beine.

Das kann man auf den kleinen Fotos zwar gar nicht mal so gut erkennen, aber deshalb hat die „BamS“ wohl auch das Foto von Hatcher in Shorts als Blickfänger für die Seite gewählt (siehe Ausriss). Nur ist das Foto ganz und gar nicht neu. Es stammt aus dem August letzten Jahres und wurde damals schon mehrfach veröffentlicht.

Angesichts dieser Irreführung ist es dann auch bloß noch peinlich, dass das Foto am 12. August 2005 schon einmal auch auf Bild.de* unter der Überschrift, „Hier joggt Teri Hatcher klapperdürr durch den Park“, veröffentlicht wurde. Schließlich wäre die „BamS“ doch so gerne „Deutschlands schnellstes Magazin“.

Mit Dank an Sigrid N., Helmut R., Tobias L. und Valeri K. für den sachdienlichen Hinweis.

*) Der Artikel aus dem August 2005 ist auf Bild.de seit der Überarbeitung der Seite leider nicht mehr online und nur noch über den Google-Cache und ohne Fotos abrufbar.

Allgemein  

Kurz korrigiert (64)

Ach, vielleicht muss man das ja doch einfach noch einmal erzählen, wie das war damals, an jenem Samstagabend im Februar 1973, als Carmen Thomas als erste Frau zum zweiten Mal „Das aktuelle Sportstudio“ im ZDF moderierte und dort, druckfrisch, die „Bild am Sonntag“ des darauffolgenden Tages in die Kamera hielt, die unter der Überschrift „Charme allein genügt nicht, Frau Thomas!“ bereits vor der Sendung einen Verriss gedruckt hatte, in dem der „BamS“-Autor behauptete, die Sendung, in der Thomas „irrsinnig nervös, unsicher vor der Kamera“ gewesen sei, „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“ gesehen zu haben.

Auf jeden Fall aber sollte man sich noch einmal daran erinnern, wie Carmen Thomas vier Sendungen bzw. fünf Monate später mal versehentlich (und von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt) den Fußballverein Schalke 04 „Schalke 05″ genannt hatte, woraufhin die „Bild“-Zeitung zwei Wochen später auf der Titelseite behauptete, die Moderatorin sei „im ZDF-Sportstudio gescheitert“, und um ihrem „05“-Versprecher ein ziemliches Gewese gemacht wurde, das ihr Leben veränderte.

Doch warum schreiben wir das jetzt alles noch einmal auf?

Weil jetzt, knapp 102 Jahre nach der Gründung von „Schalke 04″ und gut 32 Jahre nach dem Fauxpas mit „Schalke 05″, bei Bild.de* folgende Grafik abgebildet ist:

Mit Dank an Holger S. für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 9.20 Uhr: Bild.de hat die Grafik, in dem übrigens auch das Werder-Bremen-Logo spiegelverkehrt abgebildet war, inzwischen aus dem Artikel entfernt.

*) Hinweis in eigener Sache: Nachdem das Angebot von Bild.de an diesem Wochenende komplett überarbeitet wurde, führen viele BILDblog-Links in älteren Einträgen z.Zt. leider nicht zu ihrem ursprünglichen Ziel. Wir bitten um Entschuldigung.

„Bild“ entdeckt Esel

"Entdeckt!"

Genau so steht es heute in „Bild“. Und weiter? Weiter heißt es dort, der „1. Rasta-Esel“, von dem die kleine Meldung handelt (siehe Ausriss), sei eigentlich ein Poitou-Esel, also „die (…) älteste Eselart der Welt“, was angesichts der „Entdeckt!“-Überschrift zunächst vielleicht ein wenig rätselhaft klingen mag, zumal diese Esel-Rasse laut Wikipedia doch bereits „seit dem 11. Jahrhundert bekannt“ und „in Südwestfrankreich verbreitet“ ist.

Ganz am Ende der „Bild“-Meldung findet sich dann aber doch noch versteckt die Auflösung der roten, rätselhaften Überschrift (siehe Ausriss).

Denn entdeckt wurde der Esel von der „Bild“-Zeitung — im Angebot irgendeiner Fotoagentur!

Mit Dank an Mike S. für Scan und Inspiration.

Was „Bild“ schockt (und was nicht)

Wir halten fest:

Akt-Zeichnungen in Schwarzweiß, auf denen u.a. eine Frau mit Handschellen zu sehen ist, sind für „Bild“: "Schock-Bilder"
Farbige Akt-Fotografien hingegen, auf denen u.a. eine Frau mit Gasmaske zu sehen ist, sind für „Bild“: "scharfe Fotos"

(Erstere wurden übrigens von einer Frau angefertigt, letztere können sich — nach Einschätzung von „Bild“ — „sehen lassen“.)

Mit Dank an Andreas L. für den Hinweis.

Wie „Bild“ Bild.de korrigiert

Gestern hatte Bild.de eine Kurzmeldung aus dem Nachrichtenangebot des irischen Internet-Anbieters Ireland On-line übernommen, wonach der Schauspieler Daniel Craig bei Dreharbeiten für den „James-Bond“-Film „Casino Royal“ Schwierigkeiten hatte, ein Auto mit Gangschaltung zu fahren. Bild.de behauptete:

„Der neue Agent Ihrer Majestät kann seinen High-Tech-Dienstwagen gar nicht fahren! Das meldet der irische Internet-Dienst ‘Ireland On-Line’.

James Bond voll ausgebremst — weil er nur Automatik kann (…). Statt Einfahren mit dem Aston Martin DBS gab’s für Bond deshalb erst mal ‘nen Boxenstopp.“

Um die mit allerlei Häme ausgeschmückte Meldung anschaulicher zu machen, hat Bild.de sie mit dem Foto eines Aston Martin Vanquish S (O-Ton: „ein ähnlich heißes Teil wie James Bonds neuer Flitzer“) illustriert (siehe Ausriss). Und immerhin das stimmt: In „Casino Royal“ fährt James Bond u.a. ein neues Aston-Martin-Modell, den DBS, der offenbar dem Vanquish S recht ähnlich sieht.

Absurd ist die von Bild.de gewählte Bebilderung dennoch. Schließlich lässt sich das sequentielle Sechsganggetriebe eines Vanquish S nur im Tiptronic- oder Automatikmodus fahren und dürfte — wie auch der neue DBS — selbst Fahrern ohne Schaltwagen-Erfahrung kaum Schwierigkeiten bereiten.

Aber die Bild.de-Illustration ist zudem auch völlig unsinnig.

Denn die Schaltgetriebe-Schwäche des Bond-Darstellers hat rein gar nichts mit seinem „High-Tech-Dienstwagen“ zu tun. Anders als Bild.de behauptet, geht es nämlich in der ursprünglichen Meldung (die auch Ireland On-Line stark verkürzt, aber korrekt wiedergab), mitnichten um den brandneuen Aston Martin DBS, sondern um ein ganz anderes Auto: den guten, alten Aston Martin DB5 (siehe Ausriss), der in den „James Bond“-Filmen „Goldfinger“ (1964) und „Thunderball“ (1965) sowie — als kurzes Selbstzitat — in „Morgen stirbt nie“ (1997) zum Einsatz kam, aber auch im neuen „Bond“ eine kleine Rolle spielen und dabei eben von Craig gefahren werden soll. Mit Schaltgetriebe. Begriffen hatte Bild.de das alles offensichtlich nicht.

Und was macht „Bild“? Druckt die korrekte Nachricht heute leicht verständlich in ihrer Seite-1-Rubrik „Verlierer“ des Tages. Dort heißt es dann auch richtig, dass der Oldtimer „extra umgebaut werden“ musste — was die gestrige Behauptung von Bild.de, Craig bekomme „jetzt Nachhilfe in Sachen ‘richtiges’ Autofahren“ wie eine faustdicke Lüge aussehen lässt.

„Verlierer“ des Tages ist laut „Bild“ aber dennoch nicht Bild.de, sondern Craig.

Nachtrag, 5. März. Bild.de hat die Fehler erst noch ein bisschen verschlimmert, und dann ein bisschen korrigiert.

Computerspiele und andere Verbrechen

Marco W. hat gestanden, im vergangenen Sommer in Erfurt eine Ärztin mit ihrem Auto entführt und dann getötet zu haben. Und er hat nach Aussagen eines Freundes gerne stundenlang das Computerspiel „GTA Vice City“ gespielt.

Mord mit Videospiel geübtNach Ansicht der „Bild“-Zeitung hat das eine unmittelbar mit dem anderen zu tun (siehe Ausriss). Dabei sollte der Gedanke selbst für eine „Bild“-Überschrift zu abwegig sein, dass jemand dafür „übt“, ein Opfer zu erdrosseln, indem er ein Spiel spielt, in dem Auto gefahren und geschossen wird.

Aber halt, natürlich ist nichts zu abwegig für eine „Bild“-Überschrift. Zur Diskussion um das neue Computer-Spiel „Getting Up„, in dem man einen Sprayer in der fiktiven Millionenmetropole New Radius spielt, der (auch mit Gewalt) gegen Konkurrenten, Polizisten und Aufseher kämpft, stand am Montag in „Bild“ die Zeile: „Videospiel ruft auf zum Töten von Putzfrauen“. Mit der gleichen Logik könnte man titeln, dass die Lara-Croft-Spiele dazu „aufrufen“, unangemessen spärlich bekleidet frühgeschichtliche Funde zusammenzutragen und dabei auch nicht vor dem Abschlachten mythologischer Pferdemenschen zurückzuschrecken.

Danke an Fabian S., Michael H., Sven S., Paul K. — und spielkultur.net für den Scan!

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