Pimp My Agenturmeldung

Es spricht alles dafür, dass kein eigener Mitarbeiter von Bild.de beim gestrigen Auftritt von Tokio Hotel in Trier war. Alle Zitate und Beschreibungen im Bild.de-Artikel über das Konzert stammen aus Meldungen von Nachrichtenagenturen. Bild.de hat die Geschichte nur ein bisschen ausgeschmückt. Um nicht zu sagen: Fehler eingebaut.

Denn richtig ist zwar, dass bei dem Konzert rund 240 Mädchen zusammengebrochen sind. Aber die Agenturen dpa und AP berichten übereinstimmend und in allen Meldungen, dass sich die meisten Kollapse „bereits vor dem Auftritt der Magdeburger Band“, „während noch Vorgruppen spielten“, „schon während des Vorprogramms“ ereigneten: „Die Mehrzahl der Teenager habe anschließend das Konzert verfolgen können“. Das Deutschlandradio formulierte: „Die Jungs aus Magdeburg hatten noch gar [nicht] angefangen zu spielen, da waren die Mädels schon hysterisch zusammengebrochen.“

Aber das fand Bild.de wohl nicht so aufregend. Und ließ deshalb diesen Teil der Agenturmeldungen einfach weg, beschrieb die Vorgänge nicht in chronologischer Reihenfolge und erfand über Tokio Hotel lieber Zusammenhänge wie diesen:

Sie kamen, rockten — und ließen es richtig krachen… So sehr, daß bei ihrem Konzert in Trier 240 Mädchen umkippten!

Danke an Jadawin für den sachdienlichen Hinweis.

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neu  

Siehst du das, Norbert!?

Neulich rief eine Freundin aus München an und sagte, dass dort heftiges Schneetreiben herrscht. Der hab ich aber die Meinung gesagt. Erst habe ich ihr ausführlich beschrieben, wie das war, als mir in München so richtig die Sonne auf den Pelz brannte, der Himmel klar, die Luft mild. Und dann habe ich ihr, um sie vollends der Lüge zu überführen, Fotos geschickt von München im strahlenden Sonnenschein, Aufnahmen aus meinem letzten Sommerurlaub da unten. Die blöde Kuh.

Norbert Körzdörfer sieht das genauso. Der „Bild“-Kolumnist und offizielle „Berater des Chefredakteurs“ widerlegte gestern in „Bild“ einen aktuellen Bericht, wonach sich sein Freund Tom Cruise und dessen Freundin Katie Holmes getrennt hätten. Aber sowas von.

Die beiden können sich gar nicht getrennt haben, denn Körzdörfer hat sie getroffen. „Exklusiv für BILD“. In Shanghai. Am letzten Drehtag für „Mission Impossible III“.

Sein Sonnenbrillen-Blick streichelt über den schwangeren Bauch von Katie Holmes (…). „Siehst du das, Norbert!? Hab ich es dir nicht gesagt: Diese Frau lass’ ich nie mehr los!“

Na also. Norbert hat es gesehen. Alle Trennungs-Gerüchte: Lügen. Und dass dieser eindrucksvolle Sonnenbrillen-Blick, wenn er am letzten Drehtag von „Mission Impossible III“ stattfand, immerhin schon zweieinhalb Monate zurückliegt — diese kleine Information hat Körzdörfer sicher nur vor lauter Rührung vergessen zu erwähnen.

Aber „Bild“ hat noch andere Beweise.

Schein-Liebe? Ein Foto dementiert die Schlagzeilen: Tom Cruise (43) und Katie Holmes (27, im 7. Monat) küssen sich — öffentlich!

Das Foto, das die aktuellen Schlagzeilen „dementiert“, ist übrigens vor einem Monat aufgenommen worden: am 16. Januar am Rande eines Fußballspiels in Santa Monica. Das kann man auf der Homepage der Agentur nachlesen, aber leider nicht in „Bild“.

Mit der gleichen Methode könnte „Bild“ auch beweisen, dass Jenny Elvers noch mit Heiner Lauterbach zusammen ist, Yvonne Wussow mit Klausjürgen Wussow und Adolf Hitler mit Eva Braun.

Wobei das Datum der Aufnahme fast egal ist, wenn man glaubt, mit einem öffentlichen Kuss beweisen zu können, dass zwei Menschen nicht nur zum Schein für die Öffentlichkeit zusammen sind. Norbert Körzdörfer glaubt das bestimmt. Norbert Körzdörfer beschreibt nämlich auch, wie sein Freund Tom Cruise seine Freundin Katie Holmes küsst, „so schön, daß ich wegschaue“, und weiß:

Körpersprache lügt nicht.

Außer vielleicht, wenn man das wirklich lange trainiert. Was macht Tom Cruise eigentlich nochmal beruflich?

Danke an Christoph A. für den Hinweis!

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Mit Dank an shirtinator.de für die Zusammenarbeit.

„Bild“ sorgt für „Skandal“

Weil die norwegische Sportlerin Kari Traa zur Zeit erfolgreich an den Olympischen Winterspielen teilnimmt, druckt „Bild“ heute im Sportteil unter der Überschrift „Skandal um Norwegerin“ ein großes Foto von ihr (s. Ausriss).

Ganz klar ist allerdings nicht, was den behaupteten „Skandal“ eigentlich ausmacht. So schreibt „Bild“ zwar über das Foto („Eine junge hübsche Frau, die sich die Hand in den nackten Schritt hält.“), es zeige „keine Erotik à la Playboy“, erklärt aber nicht, worin genau der Unterschied zur „Erotik à la Playboy“ nach Ansicht von „Bild“ bestehen soll.

Noch weniger allerdings erklärt „Bild“, woher das Foto stammt. Denn ursprünglich gehört es nur zu einer Fotostrecke für ein norwegisches Trendsportmagazin namens „Ultrasport“ und zierte dessen Titelseite bereits in der Dezember-Ausgabe 2001 (s. Ausriss).

So gesehen, hätte „Bild“ der Sportlerin Kari Traa also auch schon anlässlich ihres Olympia-Siegs bei den Winterspielen 2002 eine „Luder-Gold“-Medaille verleihen können – weshalb wir den Eindruck nicht loswerden, dass die zuständige „Bild“-Redaktion jetzt bloß irgendwo ein über vier Jahre altes, öffentlich zugängliches und offenbar jugendfreies Foto entdeckt hat und mal wieder nicht einfach nur schreiben wollte, wie rattenscharf man’s findet.

Stattdessen schreibt „Bild“ lieber, dass es „nach Hardcore schmeckt“. Und den angeblichen „Skandal“, nun ja, verbreiten andere Medien trotzdem fleißig weiter.

Mit Dank an James für die Inspiration.

Gericht verurteilt „Bild“ zum Widerruf

Seit Sommer 2004 ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen Corinna Werwigk-Hertneck. Sie soll als baden-württembergische Justizministerin ihrem FDP-Parteifreund und damaligen Ministerkollegen Walter Döring Details aus Ermittlungen gegen ihn verraten haben.

„Bild“ veröffentlichte noch ganz andere Vorwürfe gegen Frau Werwigk-Hertneck. Sie soll Döring „vor einer Razzia der Staatsanwaltschaft gewarnt“ haben, schrieb die Zeitung am 16. Februar 2005. Anscheinend zu unrecht. Die Staatsanwaltschaft wirft der Politikerin dies jedenfalls laut der Nachrichtenagentur dpa nicht vor. „Bild“ hat bereits eine Unterlassungserklärung abgegeben, diese Behauptung nicht zu wiederholen. Öffentlich widerrufen wollte das Blatt seine Meldung allerdings nicht.

Nun hat das Landgericht Stuttgart die Zeitung am Dienstag genau dazu verurteilt. Danach muss „Bild“ den Widerruf im gleichen Teil der Zeitung und in gleicher Aufmachung und Schriftgröße wie den ursprünglichen Bericht abdrucken. Die Axel Springer AG will die schriftliche Urteilsbegründung abwarten, bevor sie über eine mögliche Berufung entscheidet.

Bombig

Wenn „Bild“ Worte wie geheim oder heimlich schreibt, kann das vieles bedeuten. Aktuell bedeutet die Geheimniskrämerei, dass „Bild“ etwas aus einer anderen Zeitung abgeschrieben und davor einfach die Worte streng geheim gesetzt hat. Warum? Vielleicht, weil’s schicker aussieht.

Schließlich nutzte bereits die andere Zeitung, das britische Boulevardblatt „The Sun“, einen kleinen Trick, um ihre Meldung schicker aussehen zu lassen. Sie stellte in einem Satz zwei Informationen so nebeneinander, dass sie den Eindruck erwecken, sie hätten etwas miteinander zu tun. Haben sie aber nicht. Im Original heißt es:

„AMERICA is building the mother of all bombs (…). If the Pentagon decides on military action against Iran, the bomb is designed to destroy complexes 60ft underground and half a mile long.“

Und der zweite Satz bedeutet sinngemäß: Falls das Pentagon einen Militärschlag gegen den Iran unternimmt, kann die Bombe bis zu 18 Meter tiefe und 800 Meter lange unterirdische Komplexe zerstören.

Geplant wurde die erwähnte Bombe allerdings seit 2002, entwickelt und gebaut wird sie seit 2004, die ersten Tests waren von Anfang an für 2006 vorgesehen. Um den Iran ging es dabei nie. – Aber bei „Bild“ wurde daraus gestern:

„Um die Atom-Mullahs zu stoppen, läßt US-Präsident George W. Bush nach einem Bericht der britischen Zeitung ‘Sun’ mit Hochdruck die ‘Mutter aller Bomben’ bauen – Codename MOP (englische Abkürzung für: ‘massive Eindring-Waffe’).“

Und wo wir gerade dabei sind. Die von „Bild“ gesetzten Anführungszeichen bei dem Ausdruck Mutter aller Bomben lassen den Eindruck entstehen, es handele sich bei der Waffe um die so genannte MOAB, was die englische Abkürzung für Massive Ordnance Air Blast Bomb ist (oder Mother Of All Bombs, wie das amerikanische Militär die GBU 43 B in einer euphemistischen Umschreibung auch nennt). Das ist eine völlig andere Waffe. Die „Sun“ benutzte den Ausdruck ohne Anführungszeichen im Sinne von der Inbegriff. Und dieser kleine Fehler erklärt dann wohl auch das von Bild.de verwendete Symbolfoto. Das zeigt nämlich die MOAB. Nicht die „streng geheime“ MOP. Von der hat nicht einmal „Bild“ Fotos.

Mit Dank an Andreas S., Jan I., Malte B. und Sebastian W. für die Inspiration.

Heute anonym

Bei Bild.de gibt es einen Artikel, in dem ein mutmaßlicher Betrüger nur gepixelt abgebildet ist. Klickt man auf den Link unter dem gepixelten Foto kommt man auf einen Artikel vom Vortag — und dasselbe Foto, ungepixelt.

Und jetzt fragen Sie uns nicht, ob die Anonymisierung von Menschen für Bild.de nur ein Witz oder ein Glücksspiel ist, ob sie von der Tagesform des zuständigen Redakteurs abhängt oder die Pixel bei Bild.de rationiert sind — und ob niemand bei Bild.de mal auf den eigenen Link klickt, um zu sehen, was sich dahinter verbirgt. Wir wissen es nicht, und Antworten auf Fragen bekommen wir von „Bild“ seit einiger Zeit nicht.

Danke für die vielen Hinweise!

Nachtrag, 15. Februar. Bei Bild.de liest man anscheinend nicht Bild.de, aber BILDblog: Auch im älteren Artikel ist das Gesicht nun unkenntlich gemacht.

Allgemein  

Schlimm ist „Bild“ nicht schlimm genug

Auf Bild.de gibt es mal wieder eine Gegendarstellung, in der schwere Vorwürfe gegen den Wahrheitsgehalt der Berichterstattung von „Bild“ erhoben werden:

Im Portal der Bild.T-Online.de AG + Co. KG (www.bild.t-online.de) ist am 09.01.2006 über mich berichtet worden:
1. „Schönheitschirurg vergewaltigt Frau während Narkose.“
2. „Eine Vergewaltigung unter Narkose!“
Hierzu stelle ich fest:
Diese Tatsachenbehauptung ist unwahr. Tatsächlich habe ich nie eine narkotisierte Frau gegen ihren Willen zum Geschlechtsverkehr gezwungen.
Hamburg, den 06.02.2006
Dr. Dr. Roland Stock

Anlass der Gegendarstellung ist ein Artikel, der nicht nur online, sondern – teilweise in etwas abgewandelter Form – auch in vielen Druckausgaben stand.

Tatsächlich ist der Schönheitschirurg Roland Stock, der die Gegendarstellung durchgesetzt hat, ein Mann, mit dem sich die Justiz in der Vergangenheit wiederholt beschäftigen musste und immer noch muss: U.a. wurde Ende Januar Anklage wegen mehrfacher Körperverletzung und mehrfachen Betrugs gegen ihn erhoben, ein weiteres Verfahren wegen Betrugs läuft noch, und es wird wegen fahrlässiger Tötung gegen ihn ermittelt. Eine Rechtfertigung für die „Bild“-Behauptung, Stock habe eine Frau unter Narkose vergewaltigt, ist das nicht.

Schließlich ist die einzige Begebenheit, die ihn mit einer möglichen Vergewaltigung in Verbindung bringt schon etwas länger her: Im Sommer 2004 wurden bei Stock mehrere Videobänder sichergestellt. Eines, aus dem Jahr 1995, soll ihn beim Sex mit einer möglicherweise bewusstlosen Frau zeigen. Sicher ist das allerdings nicht, denn als damals ein Standbild daraus in Zeitungen in Hamburg und Berlin veröffentlicht wurde, meldetet sich niemand, der aufklären konnte, was auf dem Band zu sehen ist. Daraufhin stellte die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen in dieser Sache ein.

Im Dezember 2005 dann hatte Stock eine 33-jährige Frau namens Tülay D. an der Nase operiert, wobei es zu Komplikationen kam. Die Frau starb drei Tage nach der Operation im Krankenhaus. Deshalb ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen fahrlässiger Tötung gegen Stock. Und das war der eigentliche Anlass für „Bild“ am 9. Januar über Stock zu berichten – mit einem Hinweis auf das vermeintliche Vergewaltigungsvideo, mit der erneuten Veröffentlichung des Standbildes, und in Teilen der „Bild“-Auflage auch mit den beiden Sätzen aus der Gegendarstellung. In anderen Ausgaben, z.B. in Berlin, stand nur der erste Satz. Und das sah so aus:

Im Text heißt es außerdem über Tülay D.:

Der schlimme Verdacht: Dr. Dr. S. soll die Frau vor ihrem Tod unter Narkose vergewaltigt haben. Ermittler fanden an der Leiche Sperma-Spuren!

Das mit dem Sperma stimmt zwar, allerdings hatte die Staatsanwaltschaft „Bild“ vor Veröffentlichung wissen lassen, dass es ebenso gut von Tülay D.s Mann stammen könne. In der Hamburger „Bild“-Ausgabe steht das sogar. In anderen Teilen der Republik und im Internet verzichtete „Bild“ auf diesen Hinweis. Und fragt man heute bei der Hamburger Staatsanwaltschaft nach, erfährt man, dass es sich in der Tat „eindeutig“ nicht um Sperma von Stock handelte.

Kurz gesagt: Stock wurde nie wegen Vergewaltigung angeklagt. Es gibt weder neue Hinweise auf etwaige Vergewaltigungen, noch wird wegen Vergewaltigung gegen Stock ermittelt.

Vor allem aber wurde Stock nie wegen Vergewaltigung verurteilt. Dabei wäre das das Einzige, was die „Bild“-Behauptung gerechtfertigt hätte.

Wie „Bild“ sich korrigiert

Vor ziemlich genau fünf Monaten erlitt der Fußballspieler Chavdar Yankov (Hannover 96) auf dem Spielfeld eine Verletzung. Die Haut an seinem Penis war eingerissen und musste mit mehreren Stichen genäht werden.

Wie berichtet, behauptete „Bild“ damals mehrere Tage lang, der Spieler Benjamin Köhler (Eintracht Frankfurt) sei für die Verletzung verantwortlich gewesen. Und als sich herausstellte, dass es ganz offensichtlich nicht Köhler, sondern Köhlers Team-Kollege Christoph Spycher war, der Yankov verletzt hatte, berichtete „Bild“ nicht mehr.

Zumindest bis gestern.

Allerdings (siehe Ausriss) ließ „Bild“ die günstige Gelegenheit einer beiläufigen Korrektur nun leider ungenutzt verstreichen und schrieb stattdessen unter der Überschrift „Penis-Opfer hat wieder einen geilen Hammer“ unverbesserlich:

„Im September hatte ihm der Stollen von Frankfurts Köhler den Penis aufgeschlitzt.“

Aber womöglich ist es ja das, was „Bild“-Chef Kai Diekmann meinte, als er mal davon sprach, auch seine Zeitung müsse „die ‘innere Wahrheit’ eines Sachverhalts (…) richtig wiedergeben“: Aus dem internen „Bild“-Archiv unkorrigierte Fehler abschreiben.

Mit Dank an Benjamin S. für den Hinweis.

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