USA warnen vor Terror und mexikanischen Pools

Manchmal, da sind die Leute von „Bild“ schon auf genau der richtigen Fährte zum Kern einer Geschichte und kommen dann kurz vor dem Ziel doch noch vom Weg ab.

Wie bei diesem Artikel in der aktuellen „Bild am Sonntag“:

USA warnen vor Terror bei Fußball-WM

Fünf Wochen vor Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft haben die USA vor Terroranschlägen in Deutschland gewarnt! (…)

Nach BamS-Informationen wurden Bundesregierung und Sicherheitsdienste von der am Freitag veröffentlichten Mitteilung völlig überrascht. Aus Washington war kein Hinweis gekommen — obwohl es üblich ist, vor Terrorwarnungen die betreffenden Staaten in Kenntnis zu setzen.

An dieser Stelle hätten die drei Autoren des Artikels ahnen können, dass an ihrer Geschichte etwas faul ist. Denn wenn es „üblich ist“, vor Terrorwarnungen die betreffenden Staaten in Kenntnis zu setzen, das in diesem Fall aber nicht geschah, könnte das natürlich einfach bedeuten, dass es sich hier gar nicht um eine neue „Terrorwarnung“ handelte.

Und genauso ist es.

Das für Reisehinweise zuständige „Bureau of Consular Affairs“ des amerikanischen Außenministeriums hat weder eine aktuelle Reisewarnung, noch eine spezielle Bekanntmachung über Gefahren durch Terror und Gewalt herausgegeben, und auch in seinen Konsularinformationen über Deutschland ist die WM nicht erwähnt.

Der „Bild am Sonntag“-Artikel bezieht sich auf eine Informationsbroschüre zur Fußball-WMin exakt gleicher Form warnt die Behörde aktuell zum Beispiel Studenten, die in den Frühjahrsferien nach Mexiko reisen, dass dort regelmäßig US-Bürger tödlich mit den Auto verunglücken, von Balkonen oder in Gruben fallen oder im Hotelpool ertrinken.

Die Broschüre zur Fußball-WM enthält nur ganz allgemeine Warnungen wie die, dass solche Massenereignisse „grundsätzlich“ ein Ziel von Terror-Anschlägen sein können (und dass „emotionsgeladene Sportereignisse“ generell „unvorhersehbar“ seien). „Konkrete, glaubwürdige terroristische Drohungen“ gebe es nicht. Dieser Satz findet sich schließlich auch im „Bild am Sonntag“-Artikel — aber erst, nachdem die drei Autoren gründlich den gegenteiligen Eindruck erweckt haben.

Danke an Jörn W. für den Hinweis!

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Die Top-Form der „Bild am Sonntag“

Die „Bild am Sonntag“ wird heute 50, und die Axel Springer AG feiert das mit einer angemessen euphorischen Pressemitteilung, Überschrift: „Im Jubiläumsjahr in Top-Form.“ Im Text selbst formuliert es Frank Mahlberg, der Verlagsleiter der Zeitung, noch etwas konkreter:

BILD am SONNTAG ist eine Erfolgsgeschichte und publizistisch wie wirtschaftlich in Top-Form.

Wirtschaftlich mag das stimmen — nach Angaben des Verlages hat die Zeitung 2005 mehr Gewinn gemacht denn je. Woran Herr Mahlberg die publizistische „Top-Form“ der „Bild am Sonntag“ misst, ist dagegen eher rätselhaft. Im ersten Quartal 2006 ist die verkaufte Auflage der Zeitung um über 6 Prozent auf 1,8 Millionen zurückgegangen. In den vergangenen acht Jahren verlor die „Bild am Sonntag“ rund 730.000 Käufer — fast 29 Prozent. Zum Vergleich: Die Auflage der „Welt am Sonntag“ blieb in diesem Zeitraum konstant. Und auch die Schwesterzeitung „Bild“ verlor in diesen acht Jahren „nur“ etwa 21 Prozent ihrer Käufer.

Aber so ein Geburtstag ist bei Springer natürlich kein Zeitpunkt, plötzlich die Faktenliebe zu entdecken. Und so behauptet Claus Jacobi, „Bild“-Kolumnist und bei Axel Springer traditionell für solche Jubelartikel zuständig, heute in der (ebenfalls zum Verlag gehörenden) „Berliner Morgenpost“:

Mit einer verkauften Auflage von fast zwei Millionen Exemplaren ist die „BamS“ noch immer die größte Sonntagszeitung Europas.

Ist sie nicht. Die britische Sonntagszeitung „News of the World“ verliert zwar auch Käufer, hat aber aktuell immer noch 3,5 Millionen — fast doppelt so viele wie „Bild am Sonntag“. Und auch die „Mail on Sunday“ hängt mit 2,3 Millionen verkauften Exemplaren „Bild am Sonntag“ locker ab.

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„Bild“ benutzt Kinder für Recherchen II

Was bisher geschah: „Bild“ hatte am Mittwoch ein Foto des im ägyptischen Dahab getöteten Jungen auf der Titelseite und im Innenteil. Am Donnerstag druckte „Bild“ dasselbe Foto noch einmal im Innenteil ab. „Bild“ bekam dieses Foto von dem Journalisten Alexander Blum, der nach Zeugenaussagen in Tübingen Kinder behelligt haben soll, die gerade alleine zuhause waren, um ein ebensolches Foto zu bekommen. Er soll sich dabei zunächst auch als Mitarbeiter des „Schwäbischen Tagblatts“ ausgegeben haben.

Gestern veröffentlichte das „Tagblatt“ weitere Details:

Ein Tübinger „Bild“-Zuarbeiter verschaffte sich über eine Teilnehmer-Liste vom Stadtlauf aus dem Internet die Namen möglicher Schulfreunde und überrumpelte Eltern und Kinder zu Hause. Einmal tischte er die Lüge auf, er sei von einer Lehrerin geschickt, ein andermal gab er sich ahnungslosen Kindern gegenüber als TAGBLATT-Mitarbeiter aus und gab vor, er müsse ein Bild des Mitschülers beschaffen, das versehentlich aus unserem Zeitungs-Archiv gelöscht worden sei.

Auch uns gegenüber berichtete ein Nachbar, der Fotograf habe versucht, unter Vorspiegelung falscher Tatsachen an ein Foto zu kommen.

Bereits am Mittwoch und am Donnerstag hatten wir den „Bild“-Pressesprecher Tobias Fröhlich wiederholt um eine Stellungnahme gebeten. Wir wollten wissen:

— Gehört es zu den Gepflogenheiten der Axel Springer AG (und damit auch zu den Gepflogenheiten von „Bild“ und Bild.de), dass Mitarbeiter wie im o.g. Fall Kinder gezielt zur Informationsbeschaffung ausnutzen?

— Wird die Axel Springer AG weiterhin mit Alexander Blum zusammenarbeiten?

— Wird „Bild“ weiterhin mit Alexander Blum zusammenarbeiten?

— Woher stammt das Foto des 10-jährigen Jungen?

— Wer hat „Bild“ die Einwilligung gegeben, das Foto des 10-jährigen Jungen in „Bild“ abzudrucken?

Auf diese Fragen erhielten wir keine Antwort. Fröhlich sagte am Ende nur, er werde sich eventuell melden — falls es aus der Sicht von „Bild“ etwas dazu zu sagen gebe.

Heute berichtet auch die „tageszeitung“ über den Fall. Und sie hat sogar eine knappe Stellungnahme des „Bild“-Sprechers bekommen:

Also spricht Springer-Sprecher Tobias Fröhlich: Der Fotograf habe „glaubhaft versichert, er habe sich nicht als Mitarbeiter des Schwäbischen Tagblatts ausgegeben. Wir gehen davon aus, dass seine Recherchen auch insgesamt korrekt verlaufen sind.“

Welche Gründe Springer dafür hat, den Aussagen des Fotografen zu glauben und nicht denen mehrerer Zeugen, wissen wir nicht. Und auch die Antworten auf die von uns gestellten Fragen stehen immer noch aus. Vielleicht hat die Sorge, ob ihre Mitarbeiter wirklich nur lautere Recherche-Methoden anwenden, bei der „Bild“-Zeitung keine so große Priorität.

Mehr dazu auch hier.

In eigener Sache

Wir hatten gehofft, dass sich die Mitarbeiter von „Bild“ und Bild.de durch unsere Arbeit angespornt fühlen, weniger Fehler zu machen. Stattdessen machen sie nicht weniger Fehler als bisher, korrigieren sie aber bei Bild.de schneller, sobald wir darüber berichtet haben. Offenbar hat sich Bild.T-Online entschieden, BILDblog als eine Art externe Schlussredaktion oder Korrektorat zu benutzen. Deshalb halten wir für das Nutzen dieser Dienstleistung eine Honorierung für angemessen und haben eine Rechnung an Bild.T-Online geschickt.

Geld haben wir bisher nicht erhalten, eine Erklärung auch nicht. Aber der „Spiegel“, der für seine heutige Ausgabe beim Unternehmen nachfragte, bekam immerhin eine Stellungnahme von dessen Sprecher Tobias Fröhlich: „Wir hatten immer gedacht, die selbsternannten ‘Bild’-Wächter kämpften ehrenamtlich für besseren Journalismus — scheinbar* geht es ihnen aber doch eher ums Geldverdienen.“

Wir glauben, anders als Springer, dass es sich nicht ausschließt, Geld zu verdienen und guten Journalismus zu machen. Wenn Bild.T-Online die Rechnung bezahlt, werden wir das Honorar dennoch selbstverständlich für einen guten Zweck spenden.

*) Wir gehen davon aus, dass Herr Fröhlich nicht „scheinbar“, sondern „anscheinend“ meinte.

„Bild“ verzählt sich bei Rechtsextremen (2)

Diese Tabelle zeigt, wie dramatisch Straftaten mit rechtsextremistischem Hintergrund in Deutschland im vergangenen Jahr zugenommen haben. Die Zahl der Körperverletzungen zum Beispiel ist um 27,5 Prozent auf 816 gestiegen. Die Zahl der Sachbeschädigungen hat sogar um über 80 Prozent zugenommen.

Quelle für die Angaben ist das Bundeskriminalamt. Die Statistik stammt aus dem Verfassungsschutzbericht des Landes Niedersachsen, der gestern veröffentlicht wurde. Die Nachrichtenagentur AP berichtete darüber (ähnlich wie andere, siehe Ausriss) gestern nachmittag unter dem Titel: „Polizei registriert drastischen Anstieg rechtsextremer Gewalttaten“.

Damit ist offiziell, was sich bereits am Wochenende abzeichnete: Die Zahlen, die die „Bild“-Zeitung am Samstag veröffentlichte und die von mehreren Agenturen verbreitet wurden (siehe Ausriss), sind falsch. „Bild“ hatte behauptet, dass „die Zahl der Gewalttaten mit einem rechtsextremen bzw. fremdenfeindlichen Hintergrund 2005 offenbar zurückgegangen ist“. Die tatsächliche Zahl der Gewaltverbrechen liegt um 63 Prozent über der von „Bild“ genannten, die der Straftaten insgesamt um 50 Prozent darüber.

Man könnte sagen: Das Gegenteil dessen, was „Bild“ berichtet hat, ist wahr.

Und nun kann man vielleicht noch verstehen, dass die „Bild“-Zeitung in ihrem Eifer, Exklusivmeldungen zu produzieren, sich manchmal verrechnet — auch wenn das im konkreten Fall niemand geringerem als Einar Koch passierte, der im Impressum „Chefkorrespondent“ genannt wird. Aber würde eine seriöse Zeitung diesen Fehler in einem so gravierenden Fall und bei einem so heiklen Thema nicht im Nachhinein korrigieren? Entweder aus Verantwortung der Wahrheit oder ihren Lesern gegenüber? Oder wenigstens, weil es der Pressekodex in Ziffer 3 fordert:

Veröffentlichte Nachrichten oder Behauptungen (…), die sich nachträglich als falsch erweisen, hat das Publikationsorgan, das sie gebracht hat, unverzüglich von sich aus in angemessener Weise richtigzustellen.

In der „Bild“-Zeitung haben wir bis heute keine Korrektur der Falschmeldung oder wenigstens unauffällige Vermeldung der richtigen Zahlen gefunden. Der Artikel mit den falschen Angaben ist bei Bild.de weiter online.

Nachtrag, 23. Mai. Heute endlich hat „Bild“ die richtigen Zahlen gemeldet.

Kurz korrigiert (97)

Die Brennstoffzelle macht das U-Boot flüsterleise und für ein Sonar fast unhörbar.

Anlässlich der Rekordtauchfahrt des deutschen U-Boots „U 32″ steht dieser Satz heute bei Bild.de. Er stimmt nicht. Das „Flüster-U-Boot“ (Bild.de) fährt nämlich unter Wasser wie alle U-Boote der Bundesmarine* mit (leisem, für Sonare schwer zu ortendem) Elektroantrieb. Und leiser als die Batterien, mit denen die Motoren der alten 206A-Boote betrieben werden, ist natürlich auch die geräuschlose Brennstoffzelle von U 32 nicht.

„Flüsterleise“ macht das Boot vielmehr seine Schiffsschraube. Die nämlich wurde, wie uns ein Sprecher des Flottenkommandos der Marine in Glücksburg erklärt, „optimiert, so dass sie nicht mehr kavitiert„.

Dank an Jonas D. für die Anregung.

Nachtrag, 28.4.2006: Auch Unsinn ist übrigens dieser Bild.de-Satz:

Das Geheimnis des Boots ist ein Hybrid-Motor, der sowohl mit Diesel-Treibstoff als auch mit Strom betrieben werden kann.

Die Boote haben einen Elektromotor, der die Schraube antreibt. Dieser bekommt seinen Strom entweder von den Brennstoffzellen oder von einem Dieselgenerator oder nur aus den Batterien.

*) Die Marine heißt nicht mehr „Bundesmarine“, wie wir schrieben, sondern „Deutsche Marine“.

Dank an Mawa und Peter S. für die Hinweise.

Bild.de führt Leser in die Irre (Wiedervorlage)

So einfach ist das. Rund zwei Monate lang, seit dem Relaunch Ende Februar, hatte Bild.de mit den lustigen Reitern oben auf jeder Seite redaktionelle und werbliche Inhalte gemischt und gegen ein Urteil des Berliner Landgerichtes verstoßen. Seit heute nachmittag tragen all diejenigen Reiter, die zu reinen Werbeseiten führen, den Hinweis „Anzeige“.

Vorher:

Nachher:

Was ist zwischen diesen beiden Screenshots passiert? Nur dies.

Und um einen Satz zu wiederholen, den wir schon einmal geschrieben haben: Wenn der Weg zu einem Online-Angebot Bild.de, das dem Gesetz und den behaupteten eigenen Ansprüchen genügt, darüber führt, dass erst jeder einzelne Verstoß öffentlich gemacht werden muss, wird es ein langer Weg.

Es wird ein langer Weg.

„Bild“ benutzt Kinder für Recherchen

Manchmal, da stehen „Bild“-Reporter einfach nur einen ganzen Tag lang auf einem Friedhof in Berlin-Zehlendorf vor dem Grab von Bubi Scholz und warten, dass irgendwer vorbeischaut, um hinterher auf einer halben Zeitungsseite mehrere Fotos des Scholzschen Grabsteins („10 Uhr“, „12 Uhr“, „15 Uhr“, „18 Uhr“) abzudrucken und dazuzuschreiben:

„Gestern wäre die Box-Legende 76 Jahre alt geworden. Niemand besuchte des Grab. (…) BILD war von 7.30 bis 18 Uhr vor Ort. (…) Von 7.30 bis 18 Uhr kam kein Besucher.“

Manchmal machen „Bild“-Reporter aber auch andere Dinge…

…kleine Kinder ansprechen zum Beispiel: Vor knapp einem Monat etwa berichtete die „Süddeutsche Zeitung“, ein „Bild“-Reporter habe am Tor des Hauses von Günther Jauch geklingelt und durch den Zaun Jauchs neunjährige Tochter befragt, die aus der Tür getreten sei, was ein „Bild“-Sprecher mit den Worten dementierte: „Aber vielleicht hat er ja ‘Guten Tag’ gesagt.“

Und in Zusammenhang mit dem bei einem Bombenattentat im ägyptischen Dahab getöteten Jungen aus Tübingen schreibt das ortsansässige „Schwäbische Tagblatt“ heute über den begleitenden Presserummel:

„In einem Fall schreckte ein Journalist laut einem Elternbericht nicht davor zurück, Kinder, die gerade alleine zu Hause waren, mit der Suche nach einem Foto des getöteten Jungen zu behelligen. Der Journalist gab sich den Kindern gegenüber als TAGBLATT-Mitarbeiter aus. Dem Presseausweis zufolge*, den sich der später hinzugekommene Vater zeigen ließ, arbeitet er für die Springer-Presse.“

Beim „Tagblatt“ erwägt man deshalb rechtliche Schritte gegen den Journalisten, bei dem es sich nach unseren Informationen um den Fotojournalisten Alexander Blum handelt, der u.a. für die „Bild“-Zeitung arbeitet und, wie es auf seiner Homepage heißt, Auftraggeber „auch bei der Recherche vor Ort unterstützt“.

Und fündig geworden ist Blum bei seiner Suche nach einem Foto des getöteten Jungen offenbar doch noch. „Bild“ druckt es heute (anders als in anderen Fällen, in denen sich „Bild“ auch schon mal mit einem unkenntlich gemachten Symbolfoto behilft) quasi weltexklusiv auf der Titelseite und im Blattinnern (siehe Ausrisse) sowie bei Bild.de. Der Fotograf selbst, dessen Namen „Bild“ als Quelle für das Foto angibt, wollte sich uns gegenüber nicht äußern, woher die Aufnahme stammt bzw. wer die Einwilligung für den Abdruck gegeben habe („Ich weiß nicht, wovon Sie reden“), und verwies an die „Bild“-Pressestelle. Eine Antwort auf unsere mehrmalige Anfrage dort steht bislang aus.

*) Anders als das „Tagblatt“ berichtete, zeigte der Journalist auf Nachfrage offenbar seinen Presseausweis und sagte, dass er Mitarbeiter der Axel Springer AG sei.

(Mehr dazu hier und hier.)

Nachtrag, 15.9.2006: „Bild“ wurde für die Veröffentlichung des Kinderfotos vom Deutschen Presserat öffentlich gerügt.

„Bild“ hält deutsche Mütter für faul

„Ist das wirklich zu glauben?“ (Frage in „Bild“ vom 26. April 2006)
„Nein.“ (Antwort von BILDblog)

 
Darauf muss man erst einmal kommen. Aus dem „Familienbericht der Bundesregierung“, der gestern vorgelegt wurde, eine „Schock-Studie“ und diese Schlagzeile zu machen:

Sind deutsche Mütter wirklich faul?

„Bild“ schreibt:

Ist das wirklich zu glauben?

Laut dem „7. Familienbericht der Bundesregierung“ arbeiten deutsche Mütter verglichen mit Müttern aus anderen europäischen Ländern am wenigsten — ihre Freizeit ist ihnen wichtiger als die Hausarbeit!

Das ist haarsträubender Unsinn. „Bild“ vermischt geradezu böswillig den Begriff „arbeiten“ im Sinne von Geld verdienen mit „arbeiten“ im Sinne von die Hausarbeit machen. Deutsche Mütter arbeiten laut Studie viel weniger, um Geld zu verdienen, als andere europäische Mütter. Aber deutsche Mütter arbeiten nicht weniger im Haushalt. Und dass ihnen ihre Freizeit wichtiger ist als die Hausarbeit, steht nirgends in dem Bericht.

„Bild“ schreibt weiter:

Auf Seite 57 des 589 Seiten starken Berichts, den Familienministerin Ursula von der Leyen (47, CDU) gestern vorstellte, heißt es wörtlich: „Die geringste Präsenz am Arbeitsmarkt findet sich bei deutschen Müttern, die diese gewonnene Zeit aber nicht in Hausarbeit investieren, sondern in persönliche Freizeit.“

Klartext: Mütter in Deutschland gehen weniger arbeiten als Mütter in Frankreich, Norwegen oder Finnland. Doch statt dafür mehr Zeit im Haushalt und bei der Kinderbetreuung zu verbringen, genießen sie lieber ihre Freizeit.

Doch darin steckt, anders als „Bild“ behauptet, kein „Vorwurf“. Und schon gar nicht der Gedanke der Faulheit. Die Statistik besagt einfach, dass deutsche Mütter deutlich seltener berufstätig sind als andere europäische Mütter. Die bezahlen für ihre Berufstätigkeit mit einem Verlust von Freizeit.

Betrachtet man die Zahlen im Detail, sieht man, dass deutsche Mütter sogar ein bisschen mehr Zeit mit Hausarbeiten verbringen — der Unterschied ist nur nicht so groß, dass er die Zeit ausgleicht, in der andere arbeiten gehen. Deutsche Frauen verbringen nach dem Bericht 45 Minuten mehr Zeit mit Hausarbeit als norwegische Frauen, 42 Minuten mehr als schwedische Frauen, 22 Minuten mehr als französische Frauen.

Der Gedanke, dass deutsche Mütter „faul“ seien, entstammt also allein den Köpfen der „Bild“-Zeitungs-Redakteure.

Franz Josef Wagner (der aus der Studie zu schließen scheint, dass Mütter von heute zuviel Sex haben) behauptet im faktisch nachvollziehbaren Teil seiner Kolumne:

Liebe deutsche Mütter, laut neuem Familienbericht der Bundesregierung seid Ihr faul. 2 Stunden und 18 Minuten investiert Ihr in Hausarbeit (…)

Auch das stimmt laut Familienbericht nicht. 2 Stunden und 18 Minuten beträgt die Zeit, die deutsche Mütter mit Kinderbetreuung verbringen. Hinzu kommen noch 233 Minuten, also fast vier Stunden, für andere Hausarbeiten.

Im Übrigen sind all diese Zahlen, die „Bild“ als „Schock-Bericht“ bezeichnet, nicht neu, sondern fast zwei Jahre alt. Sie sind eine von vielen Datenquellen in dem neuen Familienbericht und stammen aus der Untersuchung „How Europeans spend their time — Everyday life of women and men — Data 1998-2002″, die am 27.07.2004 veröffentlicht wurde. Diese Quellen-Angaben stehen auch in dem jetzt vorgelegten Bericht, und zwar unmittelbar über dem Satz, den „Bild“ jetzt so aufgeregt und falsch interpretiert.

Nachtrag, 12.30 Uhr. Der Gedanke, dass der Familienbericht deutsche Mütter als zu faul kritisiere, kam durch die „Rheinische Post“ in die Welt. Die berichtete gestern früh exklusiv unter dem Titel „Familienbericht kritisiert die Mütter in Deutschland“. Bereits einige Stunden zuvor hatte sie einen Kommentar zum Thema mit dem Titel „Faule Hausfrau oder Rabenmutter“ veröffentlicht. Auf dem Vorabbericht der „Rheinischen Post“, der u.a. von der Agentur AFP verbreitet wurde, beruhen andere irreführende Berichte von gestern, zum Beispiel bei „Spiegel Online“. Hans Bertram, der Vorsitzende der Sachverständigenkommission, die den Bericht erstellt hat, widersprach auf der Pressekonferenz ausdrücklich der Interpretation durch die „Rheinische Post“. Über dieses Dementi berichtete gestern nachmittag u.a. auch AFP. Der „Bild“-Zeitung lagen zum Zeitpunkt ihrer Berichterstattung also nicht nur die irreführende Meldung der „Rheinischen Post“ und das Dementi vor, sondern auch der vollständige Familienbericht.

Deutsche verklagen Schmuddelwetter

Das Wörtchen „klagen“ ist eine Art Teekesselchen, denn es bedeutet (laut Duden) einerseits jammernd den Schmerz, die Trauer laut äußern, sich über sein Leiden an etwas äußern, Unmut, Ärger äußern, sich beschweren, Unzufriedenheit in bekümmertem Tonfall äußern, jemandem etwas ihn Bedrückendes, ihm Sorgen Machendes erzählen, den Verlust von jemandem/etwas stark empfinden und bedauern sowie andererseits „bei Gericht Klage führen“, wobei „Klage“ hier im Sinne einer bei Gericht vorgebrachten Beschwerde und dem Geltendmachen dieses Anspruchs durch ein gerichtliches Verfahren gemeint sei.

Sprachlich unterscheiden sich die beiden Bedeutungen oft nur durch die dazugehörige Präposition, inhaltlich hingegen sehr.

Und nachdem der Ombudsmann der EU am Montag in Brüssel seinen Jahresbericht vorgestellt hatte, schreibt die „Welt“:

„3920 Bürger klagten über den
Mißbrauch der Macht bei der EU“
(Hervorhebung von uns.)

Aber auch andere Medien berichten dieser Tage über die vielen Beschwerden/Anfragen/Reklamationen/Fälle, mit denen es der EU-Ombudsmann 2005 zu tun hatte, und selbst Freenet.de z.B. gelingt es, den Sachverhalt mit freundlicher Unterstützung der dpa korrekt zusammenzufassen:

„Tausende Bürger beklagen alljährlich Ungerechtigkeiten, Machtmissbrauch und sonstige Missstände bei der EU-Kommission und anderen europäischen Einrichtungen.“

Nur „Bild“ (also ausgerechnet „Europas größte Tageszeitung“) kriegt’s mal wieder nicht hin, den EU-Sachverhalt heute auf ihrer Titelseite sinnvoll wiederzugeben. Stattdessen heißt es dort:

Bürger klagen gegen EU. Brüssel - Ungerechtigkeit, Machtmißbrauch, fehlende Transparenz in den Behörden - 3920 Bürger haben deswegen in 2005 die EU verklagt. So viele wie nie zuvor, heißt es in einem EU-Bericht.

Mit Dank an Tim U. für Hinweis und Ausriss.

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