Täuschend echt (2)

Vorige Woche tauschten Unbekannte in München die Werbe-Schlagzeilen in vielen „Bild“-Zeitungs-Kästen gegen selbstgemachte Alternativen aus.

Es scheint sich nicht um eine einmalige Aktion gehandelt zu haben: BILDblog-Leser Christoph P. entdeckte und fotografierte heute in der Münchner Innenstadt mehrere Verkaufskästen von „Bild“ mit dem wenig attraktiven Werbehinweis: „Heut mal nix“.

In eigener Sache (BILDblog unerwünscht)

Zunächst das Kleingedruckte:

Der Nutzer verpflichtet sich, nicht gegen geltende Rechtsvorschriften und etwaige vertragliche Bestimmungen zu verstoßen. Er verpflichtet sich insbesondere dazu, daß etwaige von ihm verbreiteten Inhalte keine Rechte Dritter (z.B. Urheberrechte, Patent- und Markenrechte) verletzen, daß die geltenden Strafgesetze und Jugendschutzbestimmungen beachtet werden und daß keine rassistischen, pornographischen, obszönen, beleidigenden oder für Minderjährige ungeeigneten Inhalte verbreitet werden. (…) Bild.T-Online behält sich das Recht vor, eingesandte Inhalte nicht zu veröffentlichen. (…) Kommunikation über Meinung-live.de findet häufig in Echtzeit statt und wird von den Benutzern direkt auf www.meinung-live.de in einem der Foren (bzw. Chats) veröffentlicht. Eine redaktionelle Überprüfung dieser Echtzeit-Kommunikationsinhalte findet nicht statt, sodaß Bild.T-Online für diese Inhalte keine Haftung und Verantwortung übernimmt.
(Aus den AGB von meinung-live.de)

Zu dem umfänglichen Angebot von Bild.de gehört auch das kostenlose Sportforum meinung-live.de. Wie uns nun mehrere Leser mitteilen, ist die Erwähnung von BILDblog.de im Bild.de-Forum unerwünscht und wird ungefragt in „meinung-live.de“ geändert, was gelegentlich zu seltsamen Meinungsäußerungen führt.

Auf Anfrage eines Nutzers von meinung-live.de antwortete der für zahlreiche BILDblog-Zensuren zuständige Moderator „alex190“ (Lieblingsgetränk: „Zirndorfer Landbier“):

Nachdem BILDblog.de eine Seite gegen die „Bild“-Zeitung ist, wird der Link automatisch oder durch einen Moderator ersetzt. Die „Bild“-Zeitung besitzt und bezahlt dieses Forum und kann demnach dann auch erwarten, dass hier im Forum keine Inhalte sind, die gegen die „Bild“-Zeitung sind.
(Originaltext von uns sprachlich geglättet.)

P.S.: Hier kann man sich kostenlos bei meinung-live.de anmelden und z.B. in lustigen Experimenten ausprobieren, was passiert, wenn man versucht, auf BILDblog.de zu verlinken.

Mit Dank an Mark U. und mariche.

Kurz korrigiert (318)

Also, dass Waldemar Klein, wie man seit den Morgenstunden einer Fotobetextung auf Bild.de entnehmen kann, auch Ehrenpräsident von Eintracht Frankfurt sein soll, ist uns neu.

Mit Dank an Stephan N., Markus S. und Thorsten A.

Nachtrag, 16.15 Uhr: Nun ist Klein auch für Bild.de nicht mehr „Frankfurts Ehrenpräsident“.

Allgemein  

Unverbesserlich

Im September 2004 rügte der Presserat die „Bild“-Zeitung wegen der Verletzung von Persönlichkeitsrechten. Unter der Überschrift „Sie ist die Mutter des toten Babys vom Gruselwald“ hatte „Bild“ zwei Monate zuvor über eine 15-Jährige berichtet, der vorgeworfen wurde, ihr neugeborenes Kind getötet zu haben. Illustriert hatte „Bild“ den Artikel mit einem Foto des Mädchens, das zwar gepixelt war, nach Ansicht des Presserats „jedoch trotzdem eine Identifizierung zuließ“.

Heute nun berichtet „Bild“ im Raum Rhein-Neckar unter der Überschrift „Das Horror-Geständnis der Todes-Mutter“ über eine 24-Jährige, der vorgeworfen wird, ihr neugeborenes Kind in einer Plastiktüte im Gebüsch vor einem Krankenhaus abgelegt zu haben, wo es kurz darauf verstarb. (Die Polizei fahndete deshalb in den vergangenen Tagen intensiv nach der mutmaßlichen Kindsmutter und veröffentlichte sogar ein von einer Überwachungskamera gemachtes — und vorgestern natürlich auch von „Bild“ gezeigtes — Fahndungsfoto der Frau, die sich gestern schließlich selbst stellte.) „Bild“ nennt heute jedoch nicht nur ihre Haarfarbe, Statur und Nationalität sowie Wohnort und Lebenssituation, sondern illustriert den Artikel zudem mit einem großen Paparazzifoto („die Mutter verlässt gerade das Amtsgericht Lampertheim“), das zwar mit einem schwarzen Balken über den Augen versehen ist…

… doch bereits damals, im September 2004, hatte der Presserat die „Bild“-Redaktion ausdrücklich daran erinnert, „dass Maßnahmen zur Anonymisierung einer Person auch wirksam sein müssen. So müssen Augenbalken soviel verdecken, dass eine Identifizierung über die nicht verdeckten Teile eines Gesichtes nicht möglich ist“.

Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Mit Dank an den Hinweisgeber.

Nachtrag, 8.3.2007: Die identifizierende Darstellung der „Todes-Mutter“ hat für „Bild“ offenbar Methode. Am 3. und 5. März sahen die entsprechenden „Bild“-Berichte, die weitere Details zum Lebensumfeld der Frau enthielten, so aus:

Mehr dazu hier.

6 vor 9

Bibel des Kapitalismus
(bilanz.ch, Erik Nolmans)
Das «Wall Street Journal» ist die wichtigste Wirtschaftszeitung der westlichen Welt. Ein Bericht aus dem Innern einer globalisierten Informationsmaschine.

Blogs als Modeerscheinung
(blogbar.de, Don Alphonso)
In den letzten Monaten habe ich einige interessante Gespräche mit Vertretern von Tageszeitungen und Zeitschriften geführt. Im Kern ging es um die altbekannten Fragen: Wann macht ein Blog Sinn? Wer kann das schreiben? Wie integriert man es in den Onlineauftritt? Wie finanziert es sich?

«Guten Morgen, ihr korrupten Politiker» (+)
(nzz.ch, ark.)
In Mali ist das Radio die wichtigste Informationsquelle, während die Presse unter anderem wegen des Analphabetismus in einer Krise steckt. Der Privatsender Kledu in der Hauptstadt Bamako sucht den Erfolg in der Nähe zum Hörer – ein Augenschein beim beliebten Radio.

Karl Lüönd
(werbewoche.ch, René Worni)
Der eigenwillige Publizist und einstige Verleger der ZüriWoche weiss um die Befindlichkeiten der Medienbranche. Als unbestechlicher Beobachter und Buchautor zum Thema sagt er im Gespräch mit René Worni, warum Tamedia Ressentiments provoziert, wie man in Problemzonen gutes Geld verdient und weshalb Transparenz bis auf die Unterhosen nur Vorteile bringt.

An der Denkschranke
(taz.de, Tobias Rapp)
Abrechnen mit den poplinken Kulturpessimisten der 90er-Jahre? Oder die weitere Zersplitterung der Musikindustrie beschreiben? Die neue „Spex“ ist da – und schon geht der Streit um das Erbe weiter.

Google macht blind
(zuender.zeit.de, Stefan Mauer)
Wer das Internet durchsucht, nutzt Suchmaschinen und sonst nichts. Das ist, als würde man vom Bootsrand aus nach Tiefseefischen Ausschau halten.

„Bild“-Überschrift ging in die Hose

In Wien hatte am Dienstag ein mit einer Spielzeugpistole bewaffneter Mann eine Bawag-Bank überfallen, Geiseln genommen, mehrfach telefonisch mit der Polizei verhandelt, zwischenzeitlich Zigaretten und Cola geordert, nach mehreren Stunden aufgegeben und sich festnehmen lassen. Auch „Bild“ berichtete darüber (siehe Ausriss):

"Hier hat sich ein Geisel-Gangster vor Angst in die Hose gemacht"

Und es stimmt: Der Täter hatte sich offenbar, kurz bevor er aufgab, „in die Hose gemacht“ — jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach nicht „vor Angst“, wie „Bild“ behauptet. Denn auch wenn man es kaum fassen kann: Arpad Hagyo, ein Journalist der Tageszeitung „Österreich“, hatte (laut Watchblog oesterreichblog.twoday.net „ohne Auftrag der Redaktion“) kurz vorm Ende der Geiselnahme in der Bankfiliale angerufen und ein ebenso absurdes wie umstrittenes Interview mit dem Geiselnehmer geführt (O-Ton: YouTube, Transkript: ZEITblog). Und darin klingt der Geiselnehmer nicht nur alles andere als ängstlich, er gibt zudem selbst einen deutlichen Hinweis, wie es zu dem großen nassen Fleck im Schritt kommen konnte. Wir zitieren — in hochdeutscher Übersetzung — die entscheidende Passage:

Geiselnehmer: (…) ich sag‘ dir mal was, Märchenprinz: Ich hab‘ weder Zigaretten gekriegt noch sonst was. Und jetzt werden wir nochmal anrufen, damit wir endlich aufs Klo gehen können. Denn das Klo ist abgesperrt.
Journalist: Wirklich? Wieso ist es abgesperrt?
Geiselnehmer: Na, weil es zu ist. (…)
Journalist: Ist das normal dort?
Geiselnehmer: Nein, das ist nicht normal.

„Bild“ lässt Beckmann-Sendung verbieten

So steht’s heute in „Bild“, wobei im Artikel noch eine andere Formulierung für denselben Sachverhalt gewählt wurde:

Per Brief haben er [der Ex-Radprofi Jan Ullrich] und seine Rechtsanwälte die Wiederholung der Sendung verboten.
(Link von uns.)

Das macht die Sache nicht besser. „Spiegel Online“ berichtet dazu:

Ein Bericht der „Bild“-Zeitung von heute, in dem mit Bezug auf einen angeblichen schriftlichen Vertrag* zwischen Beckmann und Ullrich behauptet wird, dass der Radstar juristisch gegen weitere Ausstrahlungen der Sendung vorgehen wolle, ist laut Strohband [Ullrichs Manager] schlicht falsch.

Laut „Süddeutsche Zeitung“ (Donnerstagsausgabe) wurde die Beckmann-Redaktion lediglich aufgefordert, Passagen des Gesprächs nicht an andere Redaktionen weiterzugeben. Und wie wenig die Sendung (die nach wie vor komplett online ist) verboten wurde, können auch 3sat-Zuschauer morgen ab 10.15 Uhr verfolgen, wenn „Beckmann“ ungeschnitten wiederholt wird.

*) Hier irrt „Spiegel Online“: Von einem „schriftlichen Vertrag“ zwischen Beckmann und Ullrich ist in „Bild“ keine Rede.

P.S.: Auf Bild.de wurde die Überschrift inzwischen aktualisiert und der Artikel um eine Stellungnahme des NDR ergänzt. Die unsinnige und falsche „haben verboten“-Behauptung allerdings blieb von der Überarbeitung ebenso unberührt wie der Teaser.

Übergeiger-Zähler im roten Bereich

Wir wollen heute noch einmal an Kai Diekmanns Geschwätz von Gestern einen Brief erinnern, den Kai Diekmann Ende 2004 anlässlich der Neubesetzung mehrerer Stellen in der Chefredaktion an seine Mitarbeiter schrieb. Darin hieß es u.a.:

Übergeigte Überschriften, die vom Text nicht gehalten werden, haben in BILD nichts zu suchen.

Gut, wir hatten nie ernsthaft das Gefühl, dass Diekmanns Brief nachhaltigen Eindruck auf die „Bild“-Mitarbeiter machen sollte gemacht hätte. Aber wir finden doch, dass jetzt ein guter Zeitpunkt wäre, eine neue Offensive gegen „übergeigte Überschriften“ zu starten — allerdings nicht, weil wieder diverse Positionen in den Chefredaktionen von „Bild“ und „BamS“ neu besetzt werden. Sondern weil sich die übergeigten Überschriften derzeit häufen:

"Von BMW-Raser abgedrängelt! In diesem Wrack sah eine Tochter (6) ihren Vater sterben"

So steht es in der „Bild“ vom Mittwoch, und es ist falsch. Tatsächlich sah die Sechsjährige ihren Vater nicht sterben und schon gar nicht im Wrack. Er starb eine Stunde nach dem Unfall am Unfallort, als das Mädchen längst weggebracht worden war. Das kann man auch dem „Bild“-Artikel entnehmen. Nicht in „Bild“ steht hingegen, was heute HL-live.de berichtet. Dort sagt eine Anwohnerin, die die Tochter des Unfallopfers in ihrer Wohnung aufnahm:

„Sie hat ihren Vater nicht mehr gesehen.“

Mit Dank an tomekk und Ferranno für den sachdienlichen Hinweis.

Nachtrag, 2.3.2007: Auch HL-live.de hatte zunächst berichtet, das Unfallopfer sei „vor den Augen seiner sechsjährigen Tochter“ gestorben. Dass jedoch auch „Bild“ wie HL-live.de den Fehler anschließend richtiggestellt hätte, ist uns nicht bekannt.

Kein Wunder, dass „Bild“ wirkt

Nachdem „Bild“ gestern „im Namen der Kinder“ zehn Forderungen „für eine bessere Familienpolitik“ aufgestellt hatte, findet sich heute diese Überschrift auf der Seite zwei:

"Im Namen der Kinder: Politiker unterstützen BILD-Forderungen"

Im Text heißt es noch einmal:

Jetzt gibt es prominente Unterstützung aus der Politik!

Diese „Unterstützung“ besteht aus den Ex-Familienministerinnen Renate Schmidt und Christine Bergmann sowie dem NRW-Familienminister Armin Laschet. Schmidt und Bergmann fänden „familienfreundliche Arbeitszeiten nötig“, heißt es, und Schmidt plädiere auch „für das von BILD vorgeschlagene Familienwahlrecht“ („Ich bin für ein Wahlrecht von Geburt an“). Außerdem unterstütze Laschet „ausdrücklich die BILD-Forderung nach einem Familiensplitting“. Und all das ist gar nicht mal falsch. Aber komplett irreführend.

Denn Schmidt, Bergmann und Laschet unterstützten die „Bild“-Forderungen schon lange bevor „Bild“ sie gestern aufstellte und völlig unabhängig von „Bild“. So steht das Familiensplitting, das der CDU-Politiker Laschet „ausdrücklich“ unterstützt beispielsweise schon seit 1994 im CDU-Grundsatzprogramm [pdf]. Christine Bergmanns Forderungen nach familienfreundlichen Arbeitszeiten stammen noch aus ihrer Amtszeit als Familienministerin (1998-2002). Und Renate Schmidt kündigte beispielsweise im November 2002 an, sich für familienfreundliche Arbeitszeiten einzusetzen. Im Jahr 2003 brachte sie außerdem, zusammen mit 46 weiteren Abgeordneten, einen Antrag auf „Wahlrecht von Geburt an“ in den Bundestag ein (der allerdings abgelehnt wurde). Seit Januar dieses Jahres bereitet sie einen neuen Antrag auf Kinderwahlrecht vor.

Insofern hätte die gestrige „Bild“-Überschrift also nicht nur so aussehen können:

"Im Namen der Kinder: 10 BILD-Forderungen für eine bessere Familienpolitik"

Sondern ebensogut auch so:

"Im Namen der Kinder: BILD unterstützt Politiker-Forderungen"

6 vor 9

„Ich bin mit dem Blog ziemlich auf die Welt gekommen“
(persoenlich.com, Matthias Ackeret)
Ueli Haldimann, Chefredaktor des Schweizer Fernsehens, ist einer der letzten und zugleich schärfsten Medienkritiker der Schweiz. Auf seinem Blog massregelt er regelmässig seine Kollegen für deren publizistische Fehlleistungen. Ironie, Moralin oder nur Kollegenschelte?

„Das Internet wird immer schneller sein“
(welt.de, Ulrike Simon)
Das „SZ-Magazin“ ist die beste Zeitschrift Deutschlands. Zu diesem Ergebnis kommt die Jury der Lead Academy. Sie vergibt jährlich die „Oscars der Medienbranche“. Juryvorsitzender Markus Peichl erklärt im Gespräch mit WELT ONLINE, dass es nicht nur Grund zum Feiern gibt.

«Denken kann ich immer noch»
(weltwoche.ch, Roger Schawinski)
Bundesrat Christoph Blocher würde das Messerstecher-Inserat nicht mehr machen, findet es überflüssig, Mitarbeiter zu loben, und sieht sich als eher einsamen, nicht sehr mächtigen Politiker. Ein Gespräch mit Roger Schawinski (das auch als Video verfügbar ist).

»Erst jetzt bekannt«
(jungewelt.de, Arnold Schölzel)
Die ARD findet einen Text, der vor sechs Wochen veröffentlicht wurde, und verkauft ihn als neu. Ein Bericht zur Lage der Medien.

Gerangel um die YouTube-Stars
(spiegel.de, Holger Dambeck)
In den USA versuchen kleinere Videoplattformen, populäre Hobbyfilmer von YouTube abzuwerben. Sie locken die Stars mit einer hohen Beteiligung an den Werbeerlösen und hoffen auf mehr Zuschauer. Mancher Videomacher sieht die Entwicklung mit Befremden.

Irmela Schwab und der Elektrakomplex
(lyssas-lounge.de)
Liebe Irmela Schwab. Sie haben geschafft, was ich kaum noch für möglich gehalten hätte: Ich sitze dank Ihres Rührstücks in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung (?Lyssas wilder Westen?) nach einem sehr langen Arbeitstag mitten in der Nacht noch an einem Blogeintrag.

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