Völlig kopflos


Danke an Marc F.

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Danke an Nicolas A.

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Danke an Alessandro B.

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Danke an Christian M.

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Danke an Detlef M.

Abgelaufener Etikettenschwindel

Der Beschluss der EU-Kommission, dass es eine Kennzeichnungspflicht für Produkte geben soll, die aus den israelischen Siedlungen in palästinensischen Gebieten stammen, beschäftigte die Medien im November. Vergangene Woche griff auch „Welt“-Autor Michael Stürmer das Thema in seiner Kolumne auf, in der er sich mit der „Weltlage“ beschäftigt:

Und dieser „bemerkenswerte Humor“, mit dem Israelis der EU-Entscheidung begegneten, sehe so aus:

Doch die Israelis müssten nicht Israelis sein, hätten sie nicht sogleich eine Antwort im Stil von Woody Allen parat: „Wir helfen Ihnen gern, Israel künftig effektiver zu boykottieren.“

Dann folgt eine lange Liste, beginnend mit Intel-Prozessoren, gefolgt vom Betriebssystem Microsoft: „Ihr Handy, iPad und Tablet besteht aus lauter israelischen Patenten und Einzelteilen.“ Alles davon sofort zu entsorgen und nie wieder zu verwenden.

Wer genau diese Woody-Allen-Antwort gegeben hat, lässt Stürmer offen. Er dürfte aber das Portal il-israel.org meinen, das der deutsche Verein „I like Israel“ betreut. Jedenfalls findet man auf der Homepage des Vereins besagte „lange Liste“, die Stürmer zitiert.

„I like Israel“ schreibt wiederum, man habe die Auflistung vom amerikanischen „Christian Science Monitor“ adaptiert. Die Journalistin Christa Case Bryant wollte dort nach eigener Aussage verdeutlichen, welche Marken Konsumenten aufgeben müssten, wenn sie strikt israelische Produkte boykottieren wollten oder Firmen, die wirtschaftliche Beziehungen mit israelischen Partnern unterhalten. Darunter: Victoria’s Secret, McDonald’s und SodaStream.

Bryants Beitrag ist allerdings keine Reaktion auf die aktuelle Diskussionen um die Kennzeichnungspflicht in der EU, sondern bezieht sich auf die 2005 gestartete Anti-Israel-Kampagne „Boycott, Divestment and Sanctions“, die Israel unter anderem wirtschaftlich unter Druck setzen will. Ihre Boykott-Liste hat Bryant im Januar 2014 veröffentlicht, also vor fast zwei Jahren.

Doch nicht nur zeitlich ist was schräg an Stürmers Kolumne, sondern auch inhaltlich. Neben dem „Betriebssystem Microsoft“, von dem Stürmer spricht, hat er auch die Fehler seiner Quelle ungeprüft übernommen:

HP-Drucker? BMW, Volvo, VW „und was sonst auf vier Rädern fährt“ — sofort zu verschrotten. „Sie ahnen nicht, wie viele Rohstoffe — Aluminium — aus Israel stammen.“ Skype? Rein israelisches Produkt.

Skype wurde von einem Schweden und einem Dänen in Luxemburg gegründet, die Software entwickelten drei Esten. Seit 2011 gehört Skype zum US-Konzern Microsoft. Wie Stürmer und „I like Israel“ darauf kommen, es sei ein „rein israelisches Produkt“, wissen wir nicht. Vielleicht haben sie es mit dem Messenger ICQ verwechselt.

Das alles hätte auch welt.de wissen und korrigieren können. Leser haben uns geschrieben, dass sie versucht hätten, die Redaktion auf die Fehler aufmerksam zu machen. Ihre Kommentare seien jedoch gelöscht worden.

Mit Dank an Florian!

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Sehen alle gleich aus (auch nackt)

Die letzte Seite von „Bild“ ist wie ein Schulhofgespräch in der Jungs-Ecke: laut und durcheinander, mit Tendenz zu verzerrter Selbstwahrnehmung und schlechten Wortspielen. Lieblingsthemen: Tratsch und Titten.

Vorteil beim Schulhof: Da bekommt den Quatsch keiner mit. Das hier hingegen …

… wurde millionenfach gedruckt und gelesen, vor zwei Wochen auf der letzten Seite von „Bild“.

Männer, holt den Pinsel raus — auf diesen Rundungen darf gemalt werden! Model Toni Garrn (23) zeigt uns Kunst am Körper — natürlich für den guten Zweck! Mit ihren Fotos für das französische Magazin „lui“ setzt sich die Ex von Leonardo DiCaprio (41) gegen Brustkrebs ein. Tolle Sache — und wir können uns freuen, dass der Malermeister ein paar Stellen frei gelassen hat!

Nun ja. Bloß zeigt das Foto gar nicht Toni Garrn, sondern das litauische Model Edita Vilkeviciute.

Offenbar ist eine der beiden Frauen gegen „Bild“ vorgegangen, denn aus dem ePaper ist die Seite inzwischen verschwunden, und am Montag erschien auf der letzten Seite eine Berichtigung — was für die Leute von „Bild“ aber eigentlich ganz praktisch war, denn so konnten sie ihre Pinsel gleich noch einmal rausholen:

Paparazzi zum Abschied

Ohne eine letzte Attacke konnten die Leute von „Bild“ ihren Lieblingsfeind Stefan Raab natürlich nicht in den Fernsehruhestand ziehen lassen.

Nach der letzten Folge „TV Total“ am Mittwochabend twitterte Prosieben:

Das Ergebnis der Belagerung findet man heute groß auf Seite 4 der „Bild“-Zeitung:


(Unkenntlichmachung von uns.)

Den Namen des Fotografen nennt „Bild“ lieber nicht.

Ärger auf den Malediven, gefälschte Bilder, „Star Wars“-Kritiken

1. Malediven weisen ARD-Korrespondenten aus
(tagesschau.de, Jürgen Webermann)
ARD-Korrespondent Markus Spieker und sein Fernsehteam wollten auf den Malediven zwei Beiträge über den Klimawandel und den Islamismus drehen, doch daraus wurde nur teilweise was. Denn die Polizei des autoritär geführten Landes schritt mehrfach ein, „die offizielle Begründung: unzureichende Drehgenehmigungen.“ Am Ende wurden die ARD-Mitarbeiter ausgewiesen, zehnjähriges Einreiseverbot inklusive. Einen Beitrag über den Islamismus auf den Malediven und die Schwierigkeiten bei den Dreharbeiten konnte Spieker aber noch fertigstellen.

2. UNICEF-Foto des Jahres 2015
(unicef.de)
Gestern hat UNICEF das „Foto des Jahres“ gekürt. Das Siegerbild von Fotograf Georgi Licovski war inzwischen an vielen Stellen zu sehen. Die Fotoserien, die auf den Plätzen zwei (von Magnus Wennman) und drei (von Heidi Levine) gelandet sind, sind aber auch sehr zeigens- und sehenswert.

3. „Speziell die Öffentlich-Rechtlichen können Druck von außen gebrauchen“
(heise.de, Marcus Klöckner)
Ist die „kommunikative Einbahnstraße“ zwischen sendenden Medien und empfangenden Lesern/Hörern/Zuschauern zu Ende? Und wie können Redaktionen mit der neu aufgekommenen Kritik umgehen? Im Interview mit Marcus Klöckner spricht Fritz Wolf über die Studie „Wir sind das Publikum!“, die er für die Otto-Brenner-Stiftung angefertigt hat.

4. Wo wir falsch lagen
(nzz.ch, Andreas Rüesch)
Unter dem Titel „Was die Welt erschüttern wird“ veröffentlichte die Auslandsredaktion der „NZZ“ Ende 2014 eine Liste mit zehn potenziellen Krisenherden. Ein Jahr später blickt Andreas Rüesch zurück auf die eigenen Prognosen und zieht eine selbstkritische Bilanz.

5. Diese Bilder haben uns 2015 schockiert und verblüfft — und alle waren sie gefälscht
(watson.ch)
Inspiriert von „Gizmodo“ hat „Watson“ spektakuläre Fotos gesammelt, die im vergangenen Jahr für Aufsehen sorgten — und sich später als Hoaxe herausstellten. Die Bildunterschriften sparen dabei nicht mit Selbstkritik: „Der ‚Tages-Anzeiger‘ hat das Fake-Bild der Sonnenfinsternis gar als Pushmeldung verbreitet. Doch auch ’20 Minuten‘, ‚Blick‘ und ‚Blick am Abend‘ fielen darauf herein. Und ‚Watson‘? Hat’s natürlich ebenfalls vergeigt!“

6. Wie „Star Wars: Das Erwachen der Macht“ den Journalismus ein klein wenig besser macht
(indiskretionehrensache.de, Thomas Knüwer)
Wenn Thomas Knüwer deutsche Medien lobt, muss etwas Besonderes passiert sein. Und das ist es auch, der Auslöser heißt: „Star Wars Episode VII“. Knüwers These: Deutsche Filmkritiker hätten sich in der Vergangenheit oft darauf beschränkt, „in zu langen Passagen besprochene Filme nachzuerzählen.“ Doch diesmal seien die Spoiler kaum wahrnehmbar, „stattdessen gibt es gut geschriebene (und überweigend positive) Kritiken, die ganz ohne längliche Story-Nacherzählungen auskommen.“

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Von Quälgeistern und Diktatoren: Der Trainer und der „Bild“-Reporter

Gertjan Verbeek, Trainer des VfL Bochum, hat so seine Probleme mit Joachim Droll, Reporter bei der „Bild“-Zeitung. In einer Pressekonferenz im September bezeichnete Verbeek Droll und dessen Kollegen bei „Bild“ als „Arschlocher“; Anfang dieser Woche teilte der VfL Bochum mit, dass man auf Fragen von Droll nicht mehr antworten werde, weil man sich seit Jahren über seine Arbeitsweise ärgere.

Am Montag war Verbeek in der niederländischen Fußball-TV-Sendung „Voetbal Inside“ zu Gast. Dort war unter anderem auch seine Beziehung zu „Bild“-Mann Joachim Droll Thema (ab Minute 4:13; allerdings nur mit niederländischer IP abrufbar).

Moderator Wilfred Genee leitet die Frage eines Zuschauers an Verbeek weiter (die niederländischen Passagen haben wir übersetzt*):

Genee: Hast du noch Rache genommen, Gertjan, noch ein paar deutsche Journalisten angeschnauzt, fragt sich Wouter van Lunen aus Maastricht. Freitag gab’s mal wieder eine Gelegenheit.

Verbeek: Ihr wart sicher mit einem Kamerateam da?

Genee: Ja, wir waren mit einem Kamerateam da.

Verbeek: Dann muss ich aufpassen, was ich sage.

Genee: Ja, unbedingt.

Verbeek:Ich glaube schon, dass ich was gesagt habe.

Genee: Endlich wieder gewonnen, nach sieben Spielen endlich mal wieder ein Sieg, dann kann man sich mal richtig gehen lassen, würde ich sagen.

Verbeek: Ja. Darum geht’s eigentlich nicht, es gewissermaßen mal allen zu zeigen oder so.

Zum Hintergrund: Ein Kamerateam von „Voetbal Inside“ war am vergangenen Freitag in Bochum und hat dort nach der Zweitligapartie zwischen dem VfL und dem SC Paderborn sowohl Droll als auch Verbeek zum jeweils anderen befragt.

Bevor der daraus entstandene Einspielfilm kommt, erzählt Moderator Genee aber erstmal von seinen Joachim-Droll-Erfahrungen:

Genee: Joachim Droll, er hat mich neulich auch angerufen, ein äußerst freundlicher Mann am Telefon, äußerst freundlich.

Verbeek: Zu dir schon.

Genee: Ihr könnt nicht so miteinander.

Verbeek: Ja, das kann man so sagen.

Genee: Er ist von „Bild“ — und lasst es uns eben anschauen und rekapitulieren, was letzten Freitag alles passiert ist. Es begann damit …

Der Einspieler beginnt mit Verbeeks „Arschlocher“-Aussage. Am Freitag in Bochum wollte der „Voetbal Inside“-Interviewer dann von Joachim Droll wissen, wie die Beziehung von ihm und Verbeek nun ausschaue:

Interviewer: How is your relationship with Mister Verbeek now?

Droll: Which relationship? I think it’s not possible for a journalist to get a relationship to him.

Schnitt zu Verbeek:

Interviewer: Er wird dir in jedem Fall nichts zu Weihnachten schenken, hat er gesagt.

Verbeek: Nee, aber er bekommt auch nichts von mir. Ich denke, dass er demnächst in Bochum abgelöst wird, und dann bekommen wir einen neuen Reporter. Da bin ich sehr glücklich mit.

Droll: I talked to him five months ago about that it’s very important to have a good relationship to a team and not to be a dictator.

Verbeek: Dass muss Herr Droll gerade sagen.

Interviewer an Droll: You think he is a bit of a dictator?

Droll: A little bit, yes. I think he is a little bit, he’s doing so, yes, yes.

Verbeek: Herr Droll muss sich selbst einen Schnurrbart wachsen lassen, dann ähnelt er jemandem.

Schnitt zurück ins Studio, das Publikum lacht über Verbeeks Hitler-Anspielung.

Genee: Das werden sie in Deutschland senden, das ist dir natürlich klar.

Der frühere Profifußballer und heutige Journalist Johan Derksen, der regelmäßig als Gast bei „Voetbal Inside“ ist, schaltet sich ein:

Derksen: Ich finde, er ist ein freundlicher Mann.

Genee: Ich hatte ihn am Telefon, und er probiert ständig, einem etwas in den Mund zu legen. Er fragte stets: Aber eigentlich ist Verbeek doch ein sehr schwieriger Typ, jemand, der eigentlich überhaupt nicht nett ist? Und ich sagte dann: Eigentlich ist er ein netter Typ. Und Droll sagte dann: Weißt du das sicher? Er tut doch eigentlich sehr seltsame Sachen. Ich fragt ihn dann nach einem Beispiel. Und er sagte dann: Das weiß du doch selbst. Er machte die ganze Zeit so weiter, aber das klappte dann nicht so, wie er wollte. So eine Art Mensch ist es, weißt du.

Verbeek: Ja.

Genee: Er nervt immer weiter.

Verbeek: Ja, er nervt immer weiter.

Derksen: Für seinen Chef ist er dann vielleicht der Richtige..

Verbeek: Das weiß ich nicht. Im Moment ist es so, dass er in Bochum keine Informationen mehr bekommt. Und das scheint mir für einen Journalisten schon wichtig.

Derksen: Aber das ist auch gefährlich, dass Bochum so etwas tut. Denn dann beginnen sie oft, im Privatleben zu suchen.

Verbeek: Ich habe privat nichts zu verbergen.

Derksen: Ja, du nicht. Aber da werden sicher welche sein, die dunkle Seiten haben.

Verbeek: Ja, sicher. Aber hierbei geht es um mich. Er kann von mir aus suchen, was er will.

Genee: Du sitzt ja jetzt öffentlich mit deiner Freundin auf der Tribüne. Da ist jetzt also nichts mehr, was an die Öffentlichkeit kommen könnte. Du sagst also: Ja, lass ihn mal machen.

Derksen: Sind die Fotos schon in „Bild“ veröffentlicht?

Verbeek: Es ist völlig sinnlos, es diesem Mann recht zu machen. Wenn ich sehe, was er in den letzten vier Wochen so geschrieben hat — ja, lass ihn mal schreiben, was er will. Aber dann muss er mich nichts mehr fragen.

Genee: Werdet ihr noch ein gutes Gespräch führen, jetzt kurz vor Weihnachten?

Verbeek: Das haben wir schon drei- oder viermal probiert. Der Mann ist ein Wiederholungstäter. Da hört es dann auf.

Derksen: Aber hast du nicht so eine Einstellung: Das ist mir doch egal, da stehe ich drüber, das ist mir egal was sie schreiben?

Verbeek: Ja, das habe ich auch. Deshalb rede ich persönlich auch seit ungefähr vier Wochen nicht mehr mit ihm. Und jetzt hat sich der Verein dem angeschlossen. Er hört zwar zu, aber er macht dann, was er will. Das darf er auch. Aber warum soll ich mich dann noch fragen lassen? Lass ihn mal tun, was er will.

Derksen: Aber in der Pressekonferenz, wenn er was fragt, gibst du ihm dann keine Antwort?

Verbeek: Nein, ihm ist mitgeteilt worden, dass er keine Fragen mehr stellen soll, weil wir seine Fragen nicht mehr beantworten.

Derksen: Das wäre doch mal ein Gast hier für den Tisch.

Zum Ende äußert sich noch der frühere Fußballer René van der Gijp, der ebenfalls als Experte mit am Tisch sitzt:

van der Gijp: Weißt du, was muss man in der Schule nicht alles ertragen, wenn man ›Droll‹ mit Nachnamen heißt? Der Mann ist einfach zehn Jahre lang gemobbt worden. Und dann wird da so was draus: ein kleiner Quälgeist.

„drol“ kann im Niederländischen für vieles stehen. Meistens bedeutet es „Scheiße“.

Vielen Dank an den Hinweisgeber und an nach-holland.de für die Übersetzung !

*Nachtrag, 18. Dezember: Ein Leser hat uns darauf hingewiesen, dass unsere erste Übersetzung ein paar Ungenauigkeiten und Fehler enthielt. Daher haben wir die Übersetzung an einigen Stellen ausgebessert und in der Überschrift aus „Blutsaugern“ „Quälgeister“ gemacht.

Mit Dank an Christopher B.!

Vertrauen in die Medien, „Focus Online“, Domians Gespräche

1. Im Sommerabgrund
(zeit.de, Patrick Beuth, Paul Blickle und Julian Stahnke)
„Wir befürchten, dass die Bundesregierung das Thema erfolgreich ausgesessen hat.“ Das sagt Markus Beckedahl über einen der größten Medienskandale des Jahres. Offiziell ist die Landesverrats-Affäre um netzpolitik.org beendet. Zwar gibt es noch die Akten des Generalbundesanwalts; die halten Beckedahl und seine Anwälte nach Durchsicht aber für „frisiert“. Doch es gibt auch Erfreuliches: Im August erhielt netzpolitik.org rund 170.000 Euro an Spenden, seitdem haben sich die monatlichen Einnahmen auf einem erkennbar höheren Niveau als vor der Affäre stabilisiert.

2. Mehrheit fühlt sich über Flüchtlinge einseitig informiert
(faz.net, Renate Köcher)
Es existiere zwar „durchaus ein weitverbreitetes Grundvertrauen“ in die Arbeit deutscher Medien, bei einzelnen Themen gebe es aber viele kritische Stimmen, so Renate Köcher, Geschäftsführerin des „Instituts für Demoskopie Allensbach“. Konkret: bei der Berichterstattung über Geflüchtete. Das ergab eine Umfrage, die das Institut im Auftrag der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ durchgeführt hat. Köcher schreibt in der „FAZ“: „Diese Zweifel führen auch dazu, dass persönlichen Auskünften von Menschen, die vor Ort mit dem Flüchtlingsthema zu tun haben, zurzeit mehr Vertrauen entgegengebracht wird als der Medienberichterstattung.“

3. Knast für kritische Tweets
(taz.de, Katrin Gänsler)
Hinter dem etwas schwammigen Titel „Verbot unseriöser Petitionen und damit verbundenen Angelegenheiten“ steht ein Gesetzesvorschlag, über den aktuell in Nigeria entschieden und viel diskutiert werde. Für „Falschaussagen in Tweets, bei Facebook oder in WhatsApp-Gruppen“ könnte es künftig „bis zu zwei Jahre Gefängnis oder eine Geldstrafe von mehr als 18.000 Euro“ geben, schreibt Katrin Gänsler: „Mit einem Gesetz, das Falschaussagen in sozialen Netzwerken unter Strafe stellt, könnten vor allem Politiker kritische Journalisten mundtot machen, die soziale Medien intensiv nutzen.“

4. Pest im Focus
(blog-cj.de, Christian Jakubetz)
Bild.de ist mittlerweile nicht mehr das reichweitenstärkste Nachrichtenportal Deutschlands. Für den Erfolg des neuen Spitzenreiters sieht Christian Jakubetz vor allem einen Grund: „Bei kaum jemandem trifft der Satz, bei ruiniertem Ruf lebe es sich völlig ungeniert, so zu wie bei ‚Focus Online‘.“

5. Don’t f*ck Twitter up!
(sandro-schroeder.de)
Mit anderthalb Milliarden Nutzern dominiert Facebook die Welt der sozialen Netzwerke. Vermeintliche Konkurrenten haben nur dann eine echte Chance, wenn sie sich deutlich unterscheiden. Instagram und Snapchat zeigen, dass und wie es geht. Eine solche Nische könnte eigentlich auch Twitter einnehmen — doch der Dienst setze auf Kopie statt auf Eigenständigkeit. Sandro Schröder wünscht sich, Twitter würde „die treuen Stammkunden der Hashtag-Kneipe an der Tweet-Bar bedienen, statt den Passanten und der Laufkundschaft mit einem Tablett bis vor die Tür von Facebook hinterherzurennen.“

6. WDR-Kult-Interviewer Domian über Handwerk und Verantwortung
(abzv.de, Tim Farin)
Wer könnte besser etwas zum Themenschwerpunkt „Gesprächsführung“ sagen als Jürgen Domian? Richtig: keiner. Und daher hat Tim Farin für die „Akademie Berufliche Bildung der deutschen Zeitungsverlage“ mit Domian in einem Interview über Interviews gesprochen.

Entführte Journalisten, Maultasche für „Südkurier“, Kauf ohne Käufer

1. Weltweit derzeit 54 Journalisten entführt
(reporter-ohne-grenzen.de)
153 hauptberufliche Journalisten, 161 Bürgerjournalisten und 14 Medienmitarbeiter seien derzeit weltweit inhaftiert. Dazu kämen 54 entführte Journalisten, acht seien „im Laufe des Jahres 2015 verschwunden“. Das sind die Zahlen der „Reporter ohne Grenzen“, die gerade den ersten Teil ihrer „Jahresbilanz der Pressefreiheit 2015“ (PDF) veröffentlicht haben. Hendrik Zörner vom DJV spricht von einer „Schande“, dass „die inhaftierten Journalisten (…) die Kollateralschäden guter bilateraler Beziehungen“ seien.

2. Flüchtlingsforschung gegen Mythen 2
(fluechtlingsforschung.net)
„Wir brauchen eine Obergrenze.“ Oder: „Sichere Herkunftsländer (…) tragen eben natürlich zu einer schnelleren Bearbeitung bei.“ Was ist dran an solchen Behauptungen in der Flüchtlingsdebatte, die auch von Medien verbreitet werden? Das „Netzwerk Flüchtlingsforschung“ setzt seinen Faktencheck fort (Teil eins hier) und lässt erneut fünf Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf politische Parolen antworten.

3. Datenjournalismus 2015: Ein Rückblick
(datenjournalist.de, Lorenz Matzat)
Ende Dezember ist die Zeit der Jahresrückblicke. Lorenz Matzat lässt das Jahr 2015 aus datenjournalistischer Perspektive Revue passieren. Er stellt die Projekte vor, die ihn am meisten beeindruckt haben, freut sich darüber, dass viele DDJ-Teams von Frauen geleitet werden, und wagt eine Prognose: „2016 wird das vorerst beste Jahr für Datenjournalismus in Deutschland werden.“

4. Flucht, Hunger, Tod — ein ganzes junges Leben lang
(sueddeutsche.de, Judith Raupp)
Judith Raupp hat für die „Süddeutsche Zeitung“ über Afrika berichtet — bis sie sich entschloss, selbst auf den Kontinent zu ziehen. Mittlerweile bildet sie im Kongo Journalisten aus. Und begegnet dabei Menschen, die fürchterliche Dinge erlebt haben. Sie will ihr Engagement aber nicht zu hoch hängen: „Ich bin keine Weltverbesserin. Ich erledige im Kongo einen Job. Auch wenn er mich sprachlos macht.“

5. Maultasche für den Südkurier
(kontextwochenzeitung.de, Holger Reile)
Die „Konstanzer Maultasche“ ist wie die „Goldene Himbeere“ ein Preis, den niemand bekommen will: Die, nun ja, Auszeichnung geht an Unternehmen, „die ihre Mitarbeiter ganz besonders schlecht behandeln.“ Und da ist — dank „Arbeitszeiterhöhung um fünf Wochenstunden, Lohnerhöhungen nach Gutdünken, ‚Tricksereien‘ bei der Vergütung für ZeitungszustellerInnen“ und so weiter — dieses Mal auch der „Südkurier“ dabei.

6. Reporters in Las Vegas Try to Crack Case of Who Owns Their Newspaper
(nytimes.com, Ravi Somaiya, englisch)
Ist ein Casinomagnat der neue Besitzer? Steckt hinter dem Kauf ein politisches Motiv? Fest steht: „The Las Vegas Review-Journal“ wurde für „$140 million in cash“ verkauft. Wer der Käufer ist, ist hingegen nicht bekannt. Dabei würde die Redaktion gerne wissen, für wen sie nun arbeitet.

Alle Jahre wieder

… kommt das Christus-Bild:

„Focus Online“ hat die Geschichte vom englischen „Mirror“ abgeschrieben. In britischen Medien wurde sie gestern schon fleißig herumgereicht, heute ist sie rübergeschwappt und wird inzwischen nicht nur von „Focus Online“ nacherzählt, sondern auch von der „Huffington Post“, von news.de, yahoo.de, vol.at und der Online-Seite von „Österreich“. Letztere hat Jesus auf der Startseite sogar extra verpixelt, um den Lesern noch einen Klick mehr abzulocken.

Ob sich das so unbedingt als Clickbait eignet, ist allerdings fraglich, denn die Geschichte hat mittlerweile schon ein nahezu biblisches Alter erreicht.

Bereits im vergangenen Jahr wurde darüber berichtet:

Und vor zwei Jahren:


Und vor drei Jahren:

Und vor vier Jahren:


Und vor fünf Jahren:

Und vor sechs Jahren:

Und vor sieben Jahren:

Und vor acht Jahren:


Und vor neun Jahren:

Und vor elf Jahren:

Und vor dreizehn Jahren:

Und vor vierzehn Jahren:

Das rekonstruierte Gesicht wurde tatsächlich schon 2001 im Rahmen einer BBC-Dokumentation veröffentlicht. Damals schrieb übrigens der „Tagesspiegel“:

Die Wissenschaftler behaupten nicht, dass es sich um ein Abbild Jesu handelt. Aber sie sagen, dass Männer wie Jesus in der damaligen Zeit an diesem Ort etwa so wie auf dem Bild aussahen.

Solche Feinheiten interessieren heute natürlich niemanden mehr. „Focus Online“ zum Beispiel schreibt:

Der Forensik-Experte Richard Neave von der Universität Manchester hat mithilfe wissenschaftlicher Methoden vor einiger Zeit das Abbild von Jesus Christus rekonstruiert.

Allerdings hätte sich …

Der Forensik-Experte Richard Neave von der Universität Manchester hat mithilfe wissenschaftlicher Methoden vor vierzehn Jahren rekonstruiert, wie Jesus Christus möglicherweise ausgesehen haben könnte.

… ja auch nicht ganz so doll angehört.

Mit Dank an Fabian!

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