Ist „Bild“ doch egal, was Richter entscheiden

Es ist beunruhigend, wie wenig die Leute bei „Bild“ für die Rechtssprechung deutscher Gerichte übrig haben. Und es ist beunruhigend, wie stolz sie darauf auch noch sind.

Ausriss Bild-Titelseite mit Artikel Gericht verbietet Bilder von G20-Plünderin
(Unkenntlichmachung durch uns.)

So sieht die heutige „Bild“-Titelseite aus. Im Text mit der Überschrift „Gericht verbietet Bilder von G20-Plünderin“ schreibt das Blatt:

DIESE Fotos von den G20-Ausschreitungen in Hamburg darf BILD so nicht mehr zeigen — wenn es nach dem Landgericht Frankfurt/Main geht. Sie zeigen Szenen der schweren Ausschreitungen beim G20-Gipfel am 7. Juli 2017 in Hamburg. Vor einem zerstörten und geplünderten Drogeriemarkt hebt eine Frau im pinkfarbenen T-Shirt Waren auf, geht mit ihrer Beute davon. BILD zeigte Nachrichtenfotos der Plünderer, auf denen Täter klar zu sehen waren. Die Frau klagte dagegen, und die Richter gaben ihr recht: Die Bilder würden das Persönlichkeitsrecht der Frau verletzen, wenn sie erkennbar ist — weil allenfalls, so die Begründung, ein „Diebstahl geringwertiger Sachen“ darauf erkennbar sei.

BILD zeigt die Fotos dennoch, ohne die Personen zu verfremden — weil die Abbildung von Straftaten, gerade im Zusammenhang mit schweren Krawallen, Plünderungen und Landfriedensbruch bei einem so wichtigen Ereignis wie dem G20-Gipfel, zum Auftrag der Presse gehört.

Nach dem G20-Gipfel in Hamburg und all den Protesten, Ausschreitungen, Krawallen und Plünderungen ernannten sich die „Bild“-Medien selbst zu Staatsanwälten und gleichzeitig zu Richtern: „GESUCHT! Wer kennt diese G20-Verbrecher?“ titelten sie am 10. Juli 2017.

Das Landgericht Frankfurt am Main entschied bereits Mitte Dezember, dass Fotos dieser Berichterstattung, die eine Frau bei einem Diebstahl während der Krawalle zeigen, nicht wieder veröffentlicht werden dürfen. Heute stellen sich die „Bild“-Medien über dieses — noch nicht rechtskräftige — Urteil und sagen: Ist uns doch egal, was irgendwelche Richter entscheiden!

Nur nebenbei: Ganz so gesetzlos, wie die Mitarbeiter von „Bild“-Zeitung und Bild.de hier sein wollen, sind sie dann doch nicht. In den beiden Entscheidungen des Frankfurter Landgerichts (eine zu „Bild“, eine zu Bild.de) geht es um zwei Fotos, die die „Bild“-Medien nicht mehr zeigen dürfen. Sie stammen zwar aus derselben Serie wie die vier heute veröffentlichten Fotos; sie sind aber nicht dabei. Ob das Zeigen dieser sehr ähnlichen Fotos der einstweiligen Verfügung widerspricht, müsste wiederum ein Gericht entscheiden.

Aber zurück zum Urteil aus Frankfurt und dem schaurigen Rechtsstaatsverständnis der „Bild“-Redaktion.

Das Landgericht stellt in seinem 13-seitigen Urteil fest, dass die Frau im pinkfarbenen T-Shirt offensichtlich keinen Landfriedensbruch begangen hat, erst recht keinen schweren. Auch das Material, das „Bild“ bei der Verhandlung vorgelegt hat, lässt nur den Schluss zu, dass sie Gegenstände gestohlen hat, die bereits vor der zerstörten Drogerie lagen. Zudem würde es sich laut Landgericht um einen „Diebstahl geringwertiger Sachen“ handeln. „Bild“ schrieb selbst im Juli: „Der Wochenend-Einklau? Wasser, Süßigkeiten und Kaugummis erbeutet die Frau im pinkfarbenen T-Shirt im Drogeriemarkt“, wobei „im Drogeriemarkt“ falsch ist. Weiter stellt das Landgericht fest, dass „aus Sicht der Allgemeinheit mit einer Serientäterschaft“ der Frau nicht zu rechnen sei, schließlich habe es sich bei den Krawallen um eine Ausnahmesituation gehandelt. Man mag den Diebstahl der Frau für ganz fürchterlich halten — aber dafür ein Fahndungsaufruf in Millionenauflage?

Zu diesem Fahndungsaufruf durch die „Bild“-Medien hat das Frankfurter Landgericht in seinem Urteil ebenfalls etwas gesagt. „Bild“ und Bild.de seien …

zu einem frühen Zeitpunkt und ohne Abwarten oder Überprüfen behördlicher Maßnahmen mit einem „eigenen Fahndungsaufruf“ an die Öffentlichkeit gegangen.

Dass dabei die abgebildeten Personen pauschal als „Verbrecher“ bezeichnet und „in einen Zusammenhang gestellt [wurden] mit schweren Straftaten, wie dem Beschuss von Polizisten oder anderen Personen mit lebensgefährlichen Kugeln, Pyrotechnik, Steinen oder Flaschen“ spreche laut Gericht gegen die Zulässigkeit der Berichterstattung. „Bild“ habe schließlich auch die Frau im pinkfarbenen T-Shirt, der die Redaktion „lediglich den Diebstahl geringwertiger Sachen vorwirft“, „sichtlich an den (Fahndungs)Pranger“ gestellt, so das Landgericht.

Aber all das interessiert die „Bild“-Redaktion offenbar nicht. Es ist schon putzig: Beim Netzwerkdurchsetzungsgesetz rufen Oberchef Julian Reichelt und seine Kollegen aktuell danach, dass Gerichte und nicht private Unternehmen entscheiden müssen, was veröffentlicht werden darf und was nicht. Tut ein Gericht das, setzen sich Reichelt und „Bild“ darüber hinweg.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Aber was verstehen Sie als „Bild“-Redakteur von Respekt vor Frauen?

Eva-Maria Federhenn lächelt. Was soll man auch anderes machen als lächeln, wenn einem ein „Bild“-Redakteur gegenübersitzt und Fragen stellt, die zeigen, dass dieser mit seinem Frauenbild in den 80er-Jahren steckengeblieben ist? Aufstehen, das Interview abbrechen, diesem Chauvi klarmachen, dass er ein Chauvi ist?

Klar, könnte man auch machen. Eva-Maria Federhenn hat sich aber fürs Lächeln und fürs Durchhalten entschieden. Die Juristin will Vorsitzende des 1. FSV Mainz 05 werden. Die Fußballer des Vereins spielen in der Bundesliga, und Federhenn wäre bei einem Wahlerfolg die erste Frau an der Spitze eines Bundesligaklubs.

Vor der Abstimmung in neun Tagen hat „Bild“-Redakteur Peter Dörr mit ihr gesprochen:

Ausriss Bild-Titelseite - Bundesliga-Revolution - Ich will erste Mainz-Chefin werden

Die zweite Frage, die Dörr Federhenn unbedingt stellen wollte, lautet:

Ausriss Bild-Zeitung - Aber was verstehen Sie als Frau von Fußball?

Es will eben nicht in die „Bild“-Köpfe: Ja, doch, Frauen können auch andere Dinge verstehen als Kochrezepte oder Waschanleitungen. Zum Beispiel Fußball.

Eva-Maria Federhenn lächelt nach dieser Frage von Peter Dörr eben und antwortet tapfer:

Federhenn (lächelt): „Ich war im Handball schnell, durfte deshalb in der Schule beim Fußball als einziges Mädchen mitspielen … Dennoch kann ich nicht Fußball spielen. Aber, ich weiß was der Unterschied zwischen einer 5er- und einer 3er-Kette ist.

Ich bin keine Expertin, kenne mich aber ganz gut aus. Ich bin schon als Kind mit meinem Vater zum Fußball, habe viel mit vorm Fernseher gesessen — und inzwischen seit vielen Jahren eine Dauerkarte bei 05.“

„Bild“-Mitarbeiter Dörr scheint es immer noch nicht so recht glauben zu können — eine Frau beim Fußball, und dann auch noch in einer Führungsposition? Also fragt er direkt im Anschluss:

Ausriss Bild-Zeitung - Trotzdem -- trauen Sie sich wirklich zu, einen Bundesligisten zu führen?

Weiter hinten im Interview will Peter Dörr dann noch wissen:

Ausriss Bild-Zeitung - Das Erkennungs-Merkmal des zurückgetretenen Vorsitzenden Kaluza war die rote Hose. Tragen Sie dann rote Pumps?

Eva-Maria Federhenn antwortet auch auf diese Frage. Laut „Bild“-Zeitung „lächelt“ sie dabei.

Unter Beschuss, Steele-Dossier, Facebooks Newsfeed-Änderung

1. Unter Beschuss
(gutjahr.biz)
Welch ein Alptraum: Seit 18 Monaten wird der Journalist und Blogger Richard Gutjahr von Verschwörungstheoretikern, Reichsbürgern und Antisemiten im Netz attackiert, verleumdet und bedroht. Auf YouTube würden an die 800 Verschwörungsvideos über ihn und seine Familie kursieren. „Unsere Gerichts- und Anwaltskosten sind gewaltig. Hinzu kommen die schlaflosen Nächte, die Tränen und die zwischenmenschlichen Konflikte, die nicht nur unser Privatleben, sondern auch das Verhältnis zu meinem Arbeitgeber auf die Probe gestellt haben.“ In einem lesenswerten und sehr persönlichen Beitrag erzählt Gutjahr, was er über Facebook und Google, über unser Rechtssystem und über die tatsächliche Strafverfolgung von Hatespeech gelernt hat. Und gibt zum Schluss einige handfeste Tipps zum Umgang mit Hetze und Hasskommentaren im Netz.

2. Die Pläne des neuen ARD-Vorsitzenden Ulrich Wilhelm
(morgenpost.de, Kai-Hinrich Renner)
Am ersten Januar übernahm BR-Intendant Ulrich Wilhelm den Vorsitz der ARD. Wilhelm ist sowohl Jurist als auch gelernter Journalist und diente bereits Edmund Stoiber und Angela Merkel als Sprecher. In ersten Interviews ging es gleich ums liebe Geld: Drei Milliarden Euro mehr Gebührengelder benötige man ab 2021, um tiefe Einschnitte im Programm zu vermeiden.

3. Spätfolgen eines Scoops
(sueddeutsche.de, Karoline Meta Beisel)
Vor einem Jahr veröffentlichte das US-Portal „Buzzfeed“ das sogenannte „Steele-Dossier“. Darin geht es um Kontakte zwischen Trumps Wahlkampfteam und der russischen Regierung. Am letzten Tag vor Ablauf der Verjährungsfrist hat der in dem Dossier als zentrale Figur genannte Anwalt von Donald Trump Verleumdungsklage gegen „Buzzfeed“ erhoben.

4. Facebook, Twitter und die Privatisierung der Medien- und Kunstfreiheit
(medienwoche.ch, Adrian Lobe)
Adrian Lobe hält das gesetzliche Vorgehen gegen Hassrede auf Social-Media-Plattformen in Deutschland für gefährlich. Die Auslagerung hoheitlicher Aufgaben an Private gefährde die Medien- und Kunstfreiheit. Als aktuelles Beispiel nennt er die Vorgänge um das Satiremagazin „Titanic“.

5. Wie viele Flüchtlinge finden Arbeit?
(mediendienst-integration.de, Carsten Janke)
Wie viele Geflüchtete sind arbeitslos und wie viele haben bereits einen Job gefunden? Zu diesem Thema gibt es natürlich Statistiken, aber so einfach ist es nicht: Durch das Herauspicken einzelner Zahlen lässt sich die Situation unterschiedlich beschreiben und wahlweise ein Erfolg oder Misserfolg bei der Integration begründen. Der „Mediendienst Integration“ erläutert, welche Arbeitsmarkt-Zahlen wichtig sind, was sie sagen und — gute Idee — was sie eben nicht sagen.

6. Facebook Overhauls News Feed to Focus on What Friends and Family Share
(nytimes.com, Mike Isaac)
Facebook überarbeitet den Newsfeed: mehr Nachrichten von Freunden und Familie und weniger Einblendungen von Publishern und „Brands“. Die „New York Times“ zitiert Mark Zuckerberg mit den Worten: „We want to make sure that our products are not just fun, but are good for people. We need to refocus the system.“ Den entsprechenden Seitenbetreibern dürfte die Umstellung weh tun, denn sie werden seltener eingeblendet und müssen sich ihre Sichtbarkeit zukünftig noch teurer erkaufen.

Julian Reichelt und die Fakten? „Und gute Nacht.“

Begeht man den großen Fehler, einfach das zu glauben, was „Bild“-Oberchef Julian Reichelt so behauptet, könnte man meinen, die Redaktion der „Tagesthemen“ hat kollektiv den Verstand verloren:

Screenshot vom Tweet von Julian Reichelt - Um den Mord von Kandel aufzuarbeiten, führen die Tagesthemen jetzt Interviews mit der NPD. Die NPD-Vorsitzende darf den Rücktritt des Bürgermeisters fordern. Und gute Nacht.

Aber es handelt sich eben um Julian Reichelt, bei dem hinlänglich bekannt sein sollte, dass er sich für ordentliches Informieren nicht allzu sehr interessiert, und bei dem Skepsis immer angebracht ist. Konnte in den „Tagesthemen“ also eine „NPD-Vorsitzende“ mir nichts, dir nichts den Rücktritt des Bürgermeisters von Kandel fordern? Nein.

Die „Tagesthemen“ machten gestern Abend mit einem großen Block zum Mord an einer 15-Jährigen in dem rheinland-pfälzischen Ort auf. Die Anmoderation von Caren Miosga, der Beitrag aus Kandel, ein Interview mit einem „Konflikt- und Gewaltforscher“, ein Kommentar zum Thema — all das nahm 10:32 Minuten der insgesamt 30-minütigen Sendung ein.

Julian Reichelt pickte sich für seinen Tweet aus diesen 10:32 Minuten neun Sekunden heraus, in denen die stellvertretende Vorsitzende der NPD Rheinland-Pfalz in eine ARD-Kamera sagt:

„Also, dass der Bürgermeister dieser Kritik ausgesetzt ist, da habe ich kein Mitleid mit ihm. Normalerweise müsste dem sein Kopf rollen. Der hätte, der müsste sofort sein Amt enthoben werden.“

Nun ist es ein riesiger Unterschied, ob dieses Zitat von den „Tagesthemen“ als eine von vielen ganz normalen Aussagen aus Kandel dargestellt wird oder ob es für die Redaktion als Beispiel dafür dient, auf welch eklige Weise Rechtsextreme die schreckliche Tat für ihre Zwecke instrumentalisieren.

Caren Miosga moderierte den Beitrag, in dem das Zitat der NPD-Vizevorsitzenden vorkommt, mit folgenden Worten an:

Der Mord an einer 15-Jährigen gehört zu jenen Verbrechen, die so sehr erschüttern, dass Orte, an dem sie geschehen, fortan zum Synonym für die Tat werden. Die rheinland-pfälzische Kleinstadt Kandel ist so ein Synonym. Seitdem am 27. Dezember ein afghanischer Flüchtling ein Mädchen erstochen hatte, steht dieser Ort auch jenseits seiner Grenzen für die schaurige Tat.

Er steht aber auch für den Umgang mit derselben. Und der ist gleichsam schaurig. Denn noch bevor die Behörden das Verbrechen haben aufklären und die Einwohner um den Verlust des Mädchens haben trauern können, kaperten vor allem Rechtsextreme Trauer und Gedenken und schürten offenbar so viel Angst, dass kaum noch jemand über die Ereignisse zu sprechen wagt; geschweige denn über die anderen etwa 200 Flüchtlinge, die auch in diesem Ort leben. So hat es Peter Sonnenberg erfahren, der mehrere Tage in Kandel verbrachte.

Und Peter Sonnenberg sagt in seinem Beitrag:

Kandel ist geschockt. Viele Menschen möchten trauern, doch kurz nach der Tat erwacht bei anderen der Hass. Die Tragödie wird zur Bühne für Parolen. (…)

Auch die NPD hofft, dass ihre Parolen in diesen Tagen in Kandel auf fruchtbaren Boden fallen. „Also, dass der Bürgermeister dieser Kritik ausgesetzt ist, da habe ich kein Mitleid mit ihm. Normalerweise müsste dem sein Kopf rollen. Der hätte, der müsste sofort sein Amt enthoben werden.“ Und bei manchen Zuhörern fällt es auf fruchtbaren Boden.

Viel klarer kann die Redaktion der „Tagesthemen“ das Zitat der NPD-Vertreterin nicht einordnen. Viel bewusster kann Julian Reichelt es nicht aus dem Zusammenhang reißen.

Natürlich handelt es sich nur um einen Tweet. Er zeigt aber einmal mehr, mit was für Methoden der Mann arbeitet, der am Ende entscheiden kann, worüber und wie Deutschlands größte Tageszeitung berichtet.

„Kika“-Doku, AfD-Medienverhalten, Polit-Psychiatrisierung

1. Malvina, Diaa und der Hass
(uebermedien.de, Boris Rosenkranz)
Im öffentlich-rechtlichen Kinderkanal „Kika“ lief Ende November eine Dokumentation über eine junge Liebe, bei der zwei Weltsichten aufeinanderprallen: Malvina ist Deutsche und Christin; ihr Freund Diaa kommt aus Syrien und ist Moslem. Darüber ist nun mediale Aufregung entstanden, die sich vordergründig am Alter der Protagonisten festmacht. Boris Rosenkranz berichtet über den aus dem Ruder gelaufenen Fall, bei dem auch der „Kika“ nicht immer gut aussieht. Weitere Lesetipps: „Kika ändert Alter eines Flüchtlings in einer Doku — na und?“ (Björn Vahle, „Neue Westfälische“) und „Sinnliche Aufklärung“ (Martin Kaul, „taz“).

2. Wer ist der echte Steve Bannon?
(faktenfinder.tagesschau.de, Patrick Gensing)
Lange Zeit spielte der rechtsnationalistische Vordenker und Meinungsmacher Steve Bannon eine wichtige Rolle als Trumps Einflüsterer und Chef der rechten Nachrichtenseite „Breitbart“. Doch in letzter Zeit läuft es nicht gut für den Mann. Zunächst verlor er seinen Job im Weißen Haus, nun auch den bei „Breitbart“. Auf Twitter gibt es immer wieder Verwirrung um echte und vermeintliche Bannon-Zitate, was an einigen Satire-Accounts und einem Namensvetter liegt. Und an Medien, die nicht genau hinschauen, wen und was sie da zitieren.

3. Mit den Medien und gegen die Medien
(de.ejo-online.eu, Linards Udris, Daniel Vogler & Jens Lucht)
In einer Studie wurden die Inhalte der und die Resonanz auf die Facebook-Kommunikation der wichtigsten deutschen Parteien vor der Bundestagswahl 2017 untersucht. Auffällig sei die Kommunikation der AfD, die sich in fast der Hälfte ihrer Beiträge auf die Medien bezogen habe. Was den Umgang mit Medien angeht, sei sie ein Sonderfall: Nur sie bewirtschafte Themen zusammen „mit den Medien“ und stelle sich gleichzeitig auch „gegen die Medien“.

4. Presserat verzeichnet rekordhohe Zahl an Beschwerden
(nzz.ch)
Beim Schweizer Presserat sind 2017 insgesamt 127 Beschwerden eingegangen, deutlich mehr als in den Vorjahren, in denen die Zahl bei durchschnittlich 80 Beschwerden lag. Das Verfahren vor dem Presserat ist für Privatpersonen kostenlos. Neuerdings will man jedoch Beschwerdeführern, die sich anwaltlich vertreten lassen, sowie Organisationen, Unternehmen und Institutionen eine Gebühr von 1000 Franken auferlegen.

5. Die Debatte um das NetzDG ist unsachlich
(internet-law.de, Thomas Stadler)
Rechtsanwalt Thomas Stadler verteidigt das NetzDG trotz bestehender Schwächen in der Gesetzesumsetzung. Den vielfach gehörten Vorwurf der Privatisierung der Rechtsdurchsetzung lässt er nicht gelten: „Die Strafjustiz wird außerdem niemals in der Lage sein, Millionen strafbarer Einzelinhalte zu verfolgen und schon gar nicht zeitnah. Wer also rechtswidrige Inhalte aus dem Netz bekommen will, muss den Plattformbetreibern entsprechende Pflichten auferlegen. Hierzu gibt es keine praktikable Alternative.“ Der Gesetzgeber dürfe jedoch nicht allzu leichtfertig die fälschliche Löschung von rechtmäßigen Inhalten durch sogenanntes „Overblocking“ in Kauf nehmen, weil dies die Meinungs- und Informationsfreiheit beeinträchtige.

6. „Hoffnung nach kollektiver Entlastung“
(detektor.fm, Christian Erll, Audio, 7:27 Min.)
Schon lange wird über die Zurechnungsfähigkeit des US-amerikanischen Präsidenten debattiert. Das Trump-Enthüllungsbuch „Fire & Fury“ von Michael Wolff sorgt nun dafür, dass die Frage immer lauter gestellt wird. Detektor.fm hat mit „taz“-Medienredakteurin Anne Fromm über die „Psychiatrisierung der Politik“ gesprochen und mit ihr diskutiert, warum eine derartige Diskussion auch Gefahren birgt.

Das Heimtückische am Rassismus ist nicht Absicht, sondern Ignoranz

Ist das wirklich wahr? Ist das wirklich das Niveau, auf dem wir in Deutschland über Rassismus diskutieren? Können wir da bitte irgendwann mal einen Schritt weiter gehen, oder es zumindest versuchen?

Das eigentliche Problem, das wir in Deutschland mit Rassismus haben, sind die Rassismusvorwürfe — das zumindest ist der Eindruck, wenn man sich weite Teile der medialen Diskussion über die schwedische Modekette H&M anschaut, die einen schwarzen Jungen fotografiert hat mit einem Kapuzenpulli, auf dem steht: „Coolest Monkey in the Jungle“.

Kolumne Politically Correct

Auf die Spitze treibt es Oliver Rasche, der in der „Welt“ und bei Welt.de kundtut:

Screenshot Welt.de - Das Empörende ist der Rassismus-Aufschrei

Dem Kommentar des Autors liegt ein Verständnis von Rassismus zugrunde, nach dem es in Deutschland quasi keinen Rassismus gibt.

Da in der „Welt“ Leute über Rassismus schreiben dürfen, die sich offenbar noch nie damit beschäftigt haben, hier ein kleiner kostenloser Einsteigerkurs:

Regel 1: NEIN, Rassismus ist nicht nur da, wo er beabsichtigt ist.

Rasche schreibt:

Wem ist eigentlich damit geholfen, wenn überall immer sofort Rassismus, Sexismus, Angriff vermutet wird?

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

Niemand vermutet in dem Pullover-Foto einen „Angriff“. Es geht darum, dass ein rassistischer Zusammenhang übersehen wurde. Das Heimtückische an Rassismus ist nicht die Absicht, sondern die Unabsicht, die Ignoranz. Die Frage ist nicht: Warum hat H&M das gemacht? Sondern: Warum ist es ihnen nicht aufgefallen?

Regel 2: NEIN, das Problem sind nicht die, die sensibel sind.

Wieso wird bei vielen Menschen überhaupt ganz offenbar sofort diese Assoziation hervorgerufen? Und diejenigen, die zunächst kein Problem in dem Bild erkennen konnten; sind die völlig unsensibel — oder einfach unvoreingenommen und damit viel weiter im Bestreben, rassistischen Vorurteilen entgegenzuwirken?

Weiß der Autor das wirklich nicht? Hat er wirklich gar keine Ahnung, warum bei manchen Menschen „sofort diese Assoziation hervorgerufen“ wird? Rasche tut hier so, als sei „diese Assoziation“ völlig aus der Luft gegriffen, ja er deutet sogar an, dass die, denen sie kommt, das eigentliche unreflektierte Rassismusproblem haben. Ernsthaft? Nie gehört etwa von der Tradition der Menschenzoos, in denen ab Ende des 19. Jahrhunderts in Europa schwarze Menschen wie wilde Tiere zur Schau gestellt wurden? Nie mitbekommen, dass alles rund um das Bild des Affen auch heute noch eine der gängigsten Beleidigungen ist? Nie was davon gelesen, dass schwarze Fußballer mit Affengeräuschen im Stadion konfrontiert werden, ja manche von ihnen sogar mit Bananen beworfen wurden? Ist die Frage wirklich, wie man auf „diese Assoziation“ kommen kann? Oder nicht vielleicht doch, wie man nicht darauf kommen kann, wie man auf die Idee kommen kann, einen schwarzen Jungen mit einem solchen Pulli für eine Werbung zu fotografieren?

Regel 3: NEIN, nicht die Problematisierer sind das Problem.

Rasche schreibt weiter:

Sagt die Problematisierung nicht auch eine Menge über die Problematisierer aus?

Rasche tut so, als werde das „Problem“ erst durch die erzeugt, die darauf hinweisen. Damit macht er jene, die aus der Perspektive der Opfer argumentieren, zu Tätern — und die Täter zu deren Opfern. Wie auch bei dieser Schussfolgerung:

Vorwerfen kann man den Schweden allerdings weniger, dass sie offenbar kein Problem darin gesehen haben, ein Kind in einen flapsig bedruckten Pullover gesteckt zu haben — nein, vorwerfen kann man dem Modehaus höchstens, dass es das Erregungspotenzial in einem komplett digitalisierten und von sozialen Medien dominierten 2018 völlig unterschätzt hat.

Hier: das Erregungspotenzial eines entfesselten Onlinemobs. Dort: Flapsigkeit.

Regel 4: NEIN, Rassismus ist nicht nur das Problem der anderen.

Rasche schreibt:

Hilft man schwarzen Menschen, wenn man sie in solchen Fällen zwangsweise zu Opfern macht? (…)

Dabei findet Rassismus statt, zieht seine ekligen, braunen Kreise inzwischen bis in das höchste deutsche Parlament. Das gilt es zu ächten und zurückzudrängen, da ist leider mehr als genug zu tun.

Das Gefährliche am Rassismus ist, dass er im Alltag stattfindet. Dass Gefährliche am Rassismus ist, dass er nicht laut „Rassismus“ schreit, wenn er um die Ecke kommt. Nach der Definition von Rasche gibt es entweder keinen Alltagsrassismus, oder er ist weiter kein Problem: Jeder, der nicht „in ekligen, braunen Kreisen“ verkehrt, ist fein raus. Das ist ein Freibrief für den täglichen Rassismus, weil er die, die sich gegen ihn wehren, zu Simulanten erklärt.

NetzDG-Bumerang, Seitenwechsel, Schmutziger Türkei-Deal?

1. Das #NetzDG: Ein Bumerang für Heiko Maas
(wolfgangmichal.de)
Als einen Bumerang für Heiko Maas bezeichnet Wolfgang Michal das neue Netzwerkdurchsetzungsgesetz. Das NetzDG stehe in der Tradition der Republikschutzgesetze von Weimar und richte sich eindeutig gegen rechts. Doch eine der vielen Lehren aus Weimar sei: „Gut gemeint ist nicht unbedingt gut gemacht.“ Dem NetzDG könne eine ähnliche Entwicklung blühen wie dem Republikschutzgesetz: „Denn nicht immer wird der verantwortliche Minister Heiko Maas heißen und „eine Strategie gegen rechts“ im Sinn haben. Irgendwann könnte „der Schutz der Republik“ auch in den Händen eines AfD-Ministers liegen.“
Weiterer Lesetipp: Der Beitrag „Das überschätzte Recht“ von „FAZ“-Redakteur und Jurist Hendrik Wieduwilt.

2. Europas öffentlicher Rundfunk unter Beschuss
(ndr.de, Kathrin Drehkopf, Caroline Schmidt & Jonas Schreijäg)
Mit dem Anwachsen populistischer Bewegungen in Europa wächst auch der Druck auf öffentlich-rechtliche Medien. Kathrin Drehkopf, Caroline Schmidt und Jonas Schreijäg haben in ganz Europa Rundfunkanstalten und deren Gegner besucht und ergründet, wie die verschiedenen Sender mit der Kritik umgehen. Im verlinkten Beitrag gibt es eine Übersicht ihrer ersten Eindrücke. Mehr davon dann bei „Zapp“ am heutigen Mittwoch um 23:15 Uhr im NDR und später in der NDR-Mediathek.

3. In eigener Sache
(silkeburmester.de)
„Widerstand gebrochen, ich arbeite jetzt für @axelspringer“, twittert die Journalistin und frühere „taz“-Kolumnistin („Die Kriegsreporterin“) Silke Burmester, die den Springer-Verlag stets als „Druckwerkstatt des Teufels“ verdammt hatte. In einer Stellungnahme erklärt sie die Gründe für den Wechsel. Gründe, von denen sie ahnt, dass sie nicht jeder akzeptieren wird: „Deswegen steht es jedem frei, von mir enttäuscht zu sein oder mich nun richtig blöd zu finden. Das ist okay, das ist Euer, das ist Ihr Recht. Es ginge mir im umgekehrten Fall sicherlich kaum anders.“

4. Gibt es einen schmutzigen Deal?
(faktenfinder.tagesschau.de, Arnd Henze)
Ist die Freilassung des „Welt“-Journalisten Deniz Yücel an Rüstungsexporte in die Türkei gebunden, wie man Äußerungen von Außenminister Sigmar Gabriel entnehmen kann? Was hat der Minister tatsächlich gesagt? Wie ist es interpretiert worden? Wie überzeugend sind seine späteren Dementis und Erklärungen? Arnd Henze vom ARD-Hauptstadtstudio sortiert und kommentiert den Vorgang.

5. „Keine Sau beschwert sich“
(taz.de, Svenja Bergt)
Max Schrems erlangte Berühmtheit, als er von Facebook die Herausgabe seiner Daten erzwang und das EU-US-Abkommen „Safe Harbor“ vor dem Europäischen Gerichtshof kippte. Im Gespräch mit der „taz“ spricht der Datenschutzaktivist über seine crowdgefundete NGO, mit der er ab Mai allzu datensüchtige Unternehmen verklagen will. Zu diesem Zeitpunkt startet nämlich die „europäische Datenschutz-Grundverordnung“.

6. Michael Wolff: You Should Believe All Of „Fire And Fury“
(youtube.com, Stephen Colbert, Video, 9:19 Minuten)
Der US-amerikanische Satiriker Stephen Colbert hat mit Michael Wolff gesprochen, dem Autor des Donald-Trump-Enthüllungsbuchs „Fire and Fury“. Auf die Frage angesprochen, wie viel Dichtung und wie viel Wahrheit das Buch enthalte, entgegnet der hinsichtlich seiner Arbeitsmethoden nicht unumstrittene Wolff: „You should believe all of it.“

Weiterer Lesetipp: „Fakten oder Fiktion“, ein Fünf-Punkte-Faktencheck von „Spiegel Online“.

„Wer stoppt die verdammten Gaffer?“ Bild.de auf jeden Fall nicht!

So sieht Heuchelei aus:

Screenshot Bild.de - Dreiste Schaulustige - Wer stoppt die verdammten Gaffer?

Gaffer seien „einfach die Pest“, heißt es in dem Artikel, den die Bild.de-Redaktion in ihrem überzeugten aufklärerischen Kampf gegen fotografierende und filmende Schaulustige blöderweise hinter der Paywall versteckt hat:

Sie glotzen, sie machen Selfies, sie behindern Rettungskräfte: Gaffer sind einfach die Pest! Doch was tun? BILD sucht Antworten (…)

Sie fotografieren und filmen Unfälle, statt Platz für die Helfer zu machen. Sie demütigen Opfer und Angehörige. Was hilft gegen sie?

Auf die Fragen, was gegen die schrecklichen Gaffer hilft und wer sie stoppen kann, haben auch wir keine endgültigen Antworten. Wir wissen aber, wer sie ganz sicher nicht stoppen wird: Redaktionen, die genau diese Gaffer durch das Versprechen von „bis zu 250 Euro“ dazu verleiten, bei Unfällen stehenzubleiben, das Smartphone draufzuhalten und ein bisschen abzukassieren. Allen voran: Bild.de.

Screenshot Bild.de - Werden auch Sie zum Leser-Reporter! Haben Sie etwas fotografiert, das Bild drucken oder Bild.de veröffentlichen soll? Egal ob lustig, spektakulär, spannend oder kurios, die 1414-Redaktion will Ihr exklusives Foto und zahlt bis zu 250 Euro. Zum Upload-Formular - Verdienen Sie mit Ihrem Foto bis zu 250 Euro

Hier nur eine kleine Auswahl von dem, was da so reinkommt und bei Bild.de veröffentlicht wird:

Collage mit Screenshots von Bild.de-Artikeln, die auf Leserreporter-Aufnahmen von Unfällen beruhen

Wirklich ernsthaft haben die Freiwillige Feuerwehr Osnabrück, der „Bürgerverein Wüste“ sowie die Filmemacher der „Blickfänger GbR“ etwas gegen Gaffer unternommen. Sie haben ein Video zum Thema produziert, das in den vergangenen Tagen häufig angeschaut wurde:

Auch Bild.de hat über „dieses Schock-Video“ aus Osnabrück berichtet, das „Gaffer abschrecken“ solle. Es tauchte sogar auf der Startseite des Portals auf. Direkt darüber und deutlich größer ein anderes Video: „Augenzeuge filmt Mega-Karambolage mit 40 Autos“:

Screenshot von der Bild.de-Startseite, der die zwei Video übereinander zeigt

Dazu auch:

Mit Dank an Martin G., Patrick B. und @igwigg für die Hinweise!

YouTube-Löschwelle, Werben gegen Asyl, Fehlergeständnisse

1. Neues aus dem Fernsehrat (20): Drohende Löschwelle öffentlich-rechtlicher Inhalte bei YouTube
(netzpolitik.org, Leonhard Dobusch)
Leonhard Dobusch vertritt seit Mitte 2016 den Bereich „Internet“ im ZDF-Fernsehrat. In einer Serie bei netzpolitik.org berichtet er fortlaufend von den Sitzungen des Rats. Im jüngsten Plenum ging es um das Thema Depublizierung und die damit verbundenen Fristen. Vor allem das Löschen von öffentlich-rechtlichen Inhalten auf YouTube reiße Löcher ins digitalkulturelle Erbe: „Gerade durch den Umstand, dass YouTube eben auch ein soziales Netzwerk und eine Suchmaschine ist, sind Löschungen dort noch folgenreicher als es die Depublizierung von Inhalten in den Videosilos öffentlich-rechtlicher Mediatheken ist.“

2. Was Social-Media-Experten von 2018 erwarten
(joca.me, Jörgen Camrath)
Was erwartet uns 2018 im Bereich der Sozialen Medien? Jörgen Camrath hat einige Social-Media-Experten befragt, darunter Verantwortliche von t3n.de, derStandard.at, Bild.de, „Bento“, codastory.com, dem „Media Lab Bayern“ und weitere Journalisten. Wichtige Stichpunkte sind das Verhältnis von Publishern und Facebook, der Kampf um Reichweite, das Thema Netzneutralität, die Regulierung der großen Plattformen und das Verschwinden des Journalismus hinter Bezahlschranken.

3. Werben gegen Asyl
(fluechtlingsforschung.net, Nerges Azizi & Dana Schmalz)
Das „Netzwerk Flüchtlingsforschung“ hat sich die Kampagne „Rumours about Germany“ angeschaut, mit der das Auswärtige Amt über die Möglichkeiten informieren will, in Deutschland Schutz zu erhalten. Aus Sicht der Autorinnen geschieht dies auf eine kritikwürdige, da unausgewogene Weise: „Eine ausgewogene Information würde Migranten und Asylsuchende nicht nur über Gefahren und mögliche Widrigkeiten, sondern auch über ihre Rechte aufklären. Doch solche Fakten kommen in der Aufklärungskampagne des Auswärtigen Amts praktisch nicht vor.“

4. Wie Internetsperre und Zensur funktionieren
(br.de, Patrizia Kramliczek)
Der Iran und andere Staaten zensieren immer wieder die Online-Kommunikation und blockieren den Zugang zu bestimmten Internetseiten. Wie funktioniert das und wie kann man dem entgehen? Patrizia Kramliczek erklärt Vorgehensweise und Ausweichmöglichkeiten. Dabei geht es auch um hochentwickelte Technologie, deren Export die EU in Zukunft besser regulieren will.

5. Was hat die #metoo-Debatte in den Redaktionen ausgelöst?
(journalist-magazin.de)
Was hat #MeToo in den Redaktionen ausgelöst? Das Medienmagazin „journalist“ hat vier leitende Journalistinnen gefragt, wie sie und ihre Redaktionen mit der #MeToo-Debatte umgehen: Ines Pohl („Deutsche Welle“), Katja Hertin („Focus Online“), Katrin Gottschalk („taz“) und Hannah Suppa („Märkische Allgemeine“).

6. #MeinGroessterFail: Journalisten gestehen ihre Fehler
(jetzt.de, Felix Schröder)
Unter #MeinGroessterFail berichten seit ein paar Tagen Journalisten über ihre größten Fehler. Der Hashtag sei nicht nur lustig, sondern auch ein Aufruf zu mehr Transparenz, findet Felix Schröder und stellt einige der Selbstoffenbarungen vor.

„Bild“-Medien lassen Flüchtlinge durch Deutsch-Tests fallen

Schaut man sich diese Überschrift aus der „Bild am Sonntag“ von gestern an …

Ausriss Bild am Sonntag - Nach 1300 Unterrichtsstunden - vier von fünf Flüchtlingen fallen bei Deutsch-Test durch

… könnte man ja meinen, dass „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihren Deutsch-Tests durchfallen.

So ist es aber nicht. Es sind nicht 80 Prozent, sondern deutlich weniger. Für „Bild“-Chefchef Julian Reichelt ist die falsche „BamS“-Zeile einfach nur „schlecht formuliert“. Für rechte und rechtsextreme Kräfte ist sie eine tolle Vorlage für ihre Stimmungsmache.

Doch der Reihe nach. Gestern schrieben „Bild am Sonntag“ und Bild.de über die „Integrationskursgeschäftsstatistik“ des „Bundesamts für Migration und Flüchtlinge“ („BAMF“), in der es auch um Zahlen zu Deutsch-Kursen für Geflohene geht. Online lautete die Titelzeile ganz ähnlich:

Screenshot Bild.de - Nach 1300 Unterrichtsstunden - vier von fünf Flüchtlingen fallen bei Deutsch-Test durch

Bei Bild.de befindet sich der Artikel hinter der Paywall, was schade ist, weil dadurch viele Bild.de-Besucher nur die falsche Überschrift lesen konnten und nicht den Text, in dem unter anderem steht:

Laut aktueller Bamf-Zahlen besuchten allein im ersten Halbjahr 2017 rund 43 000 Menschen einen speziellen Integrationskurs für Analphabeten (…).

Brisant: Trotz extra kleiner Lerngruppen und bis zu 1300 Unterrichtsstunden sprechen vier von fünf Flüchtlingen danach immer noch so schlecht Deutsch, dass sie nicht einmal einen Helfer-Job bekommen oder eine Ausbildung machen können. Das Sprachniveau B1 (…) erreichen in den Analphabeten-Kursen gerade mal 17 Prozent der Teilnehmer, wie das Bamf auf Anfrage bestätigt. (…)

Nicht besser sieht es bei den normalen Integrationskursen aus, also ohne Analphabeten. Insgesamt schafft bloß jeder zweite Teilnehmer den B1-Test.

Nur mit einem „Bild plus“-Abo erfährt man also, dass gar nicht „4 von 5 Flüchtlingen“ bei ihrem Deutsch-Test durchfallen, sondern dass vier von fünf Flüchtlingen, die Analphabeten sind, nicht das Sprachniveau B1 erreichen. Das ist gleich ein doppelter Unterschied: Es geht weder um alle Flüchtlinge noch um die Frage „bestehen oder nicht bestehen?“, sondern darum, ein gewisses Niveau beim Bestehen zu erreichen.

Tatsächlich haben laut „BAMF“-Statistik (PDF) im ersten Halbjahr 2017 126.868 von insgesamt 165.997 erstmaligen Integrationskurs-Teilnehmern den „Deutsch-Test für Zuwanderer“ bestanden, allerdings mit unterschiedlichen Sprachniveaus (53,9 Prozent mit B1-Niveau, 37,6 Prozent mit A2-Niveau, 8,5 Prozent unter A2-Niveau — zu den verschiedenen Sprachniveaus gleich mehr). Rund 76 Prozent der Teilnehmer haben also einen Abschluss hinbekommen und nicht — wie in der „BamS“-Schlagzeile behauptet — nur 20 Prozent.

Doch mal abgesehen von der falschen Zahl, die die Redaktionen von „Bild am Sonntag“ und Bild.de prominent platziert haben: Sind die 17 Prozent der Alphabetisierungskurs-Teilnehmer, die das Sprachniveau B1 erreicht haben sollen, wirklich „ernüchternd“, wie „BamS“ schreibt?

Der „Gemeinsame europäische Referenzrahmen für Sprachen“ gibt verschiedene „Kompetenzniveaus“ beim Erlernen von Sprachen vor. Es gibt sechs verschiedene Stufen: A1 (Einstieg), A2 (Grundlagen), B1 (Mittelstufe), B2 (gute Mittelstufe), C1 (fortgeschrittene Kenntnisse), C2 (exzellente Kenntnisse). In den deutschen „Integrationskursen mit Alphabetisierung“, auf die sich „BamS“ und Bild.de beziehen, sitzen einerseits Menschen, die in ihrer Muttersprache nicht lesen und schreiben können, und andererseits Menschen, die zwar lesen und schreiben können, aber nicht in lateinischen Buchstaben. Das Ziel dieser Kurse ist daher keineswegs, das „Mittelstufe“-Niveau B1 zu erreichen. In seinem „Konzept für einen bundesweiten Alphabetisierungskurs“ (PDF) hat das „BAMF“ die Ziele wie folgt beschrieben:

Für einen großen Teil der Lernenden wird das Sprachniveau A2.2 als realistisches Ziel erachtet. (…)

Für Teilnehmende in der Gruppe der primären Analphabeten ohne „Stifterfahrung“ wird das Erreichen des Sprachniveaus A2.1 als realistisches Ziel erachtet. (…)

Für einzelne Teilnehmende (…) ist ein sprachliches Ziel oberhalb des Niveaus A2.2 möglich.

„Einzelne Teilnehmende“ könnten laut „BAMF“ also B1 erreichen. Im ersten Halbjahr 2017 waren es laut „BamS“ und Bild.de immerhin 17 Prozent.

Aber zurück zur falschen Schlagzeile. Der „Bild plus“-Artikel, über dem sie stand, war gestern „meistgeklickt“:

Screenshot Bild.de - Meistgeklickt Bild plus - 4 von 5 Flüchtlingen bestehen Deutsch-Test nicht

Und die falschen „4 von 5 Flüchtlingen“ verbreiteten sich wie wild. FAZ.net hat sie abgeschrieben:

Screenshot FAZ.net - BAMF - Vier von fünf Flüchtlingen schaffen Deutsch-Test nicht

Genauso die „B.Z.“:

Screenshot bz-berlin.de - Bundesamt: 4 von 5 Flüchtlingen schaffen den Deutsch-Test nicht

prosieben.de:

Screenshot prosieben.de - Hindernis für erfolgreiche Integration - Vier von fünf Flüchtlingen schaffen den Deutsch-Test nicht

sat1.de:

Screenshot sat1.de - Hindernis für erfolgreiche Integration - Vier von fünf Flüchtlingen schaffen den Deutsch-Test nicht

„Epoch Times“:

Screenshot Epoch Times - Vier von fünf Zuwanderern schaffen Deutschtest nicht – keine Jobaussichten

Auch bei „Focus Online“ tauchte die Zeile auf, bei nordbayern.de, wobei die zwei Portale sie inzwischen korrigiert haben. Bei Welt.de schafft „nur einer von fünf Analphabeten“ den Deutsch-Test, was ebenfalls falsch ist, denn rund einer von fünf Teilnehmern der Alphabetisierungskurse erreicht das Niveau B1. Es gibt aber weitere Teilnehmer, die den Test mit einem anderen Niveau bestehen.

Dem Publizisten Hugo Müller-Vogg fiel in seiner Ahnungslosigkeit auch was ein:

Und natürlich sprangen die AfD und ihre Fans auf den in die falsche Richtung fahrenden Zug der „Bild“-Medien, der „FAZ“, der „Welt“ auf:

Bei Bild.de haben sie die Überschrift inzwischen in „Flüchtlinge haben Probleme bei Deutsch-Test“ geändert. Die erste Version war laut „Bild“-Oberchef Julian Reichelt einfach nur „schlecht formuliert“.

Mit Dank an Sandra M. und Kai L. für die Hinwiese!

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