§130, Geisterschiffe, Reflexion

1. „Selbstmord aus Angst vor dem Tod“
(meedia.de, Marvin Schade)
Eine Zeitung, bei der Redaktion und Anzeigen verschmelzen, verliert ihr Existenzrecht, glaubt Bernd Ziesemer: „Einer Zeitung, bei der ich mir nicht mehr sicher sein kann, ob ich den unabhängigen Artikel eines Journalisten lese oder die getarnte Botschaft eines Unternehmens, der schenke ich doch keinen Glauben mehr.“

2. „Schock: Griechenlands Radikalos-Naked-Bike-Rider-Regierung hält Frist ein!“
(stefan-niggemeier.de)
Wie „Bild“-Mitarbeiter über den Dialog über Reformmassnahmen zwischen Griechenland und der EU berichten: „Als Anda am Montag schrieb, dass die Liste bereits am Sonntag abgegeben worden sei, war das falsch. Als er am Dienstag überraschend schrieb, dass sie noch immer nicht abgegeben worden sei, war das falsch. Aus der Realität haben sich diese Leute längst verabschiedet.“

3. „Ist die Berichterstattung der ‘Bild’ zu Griechenland volksverhetzend?“
(vice.com, Matern Boeselager)
Anwalt Udo Vetter gibt Auskunft über die Strafbarkeit aufgrund von §130 des deutschen Strafgesetzbuchs, der Volksverhetzung: „Insbesondere sollten alle, die sehr schnell ‘Volksverhetzung’ rufen, sich darüber im Klaren sein, dass das immer ein kleiner Angriff auf die Meinungsfreiheit in unserem Land ist. Auch wenn man vielleicht persönlich zu Recht empört ist: Man muss auch Dinge aushalten, die einem vielleicht nicht gefallen. Die Meinungsfreiheit kann sich ja nicht nur am Mainstream definieren, sondern an ihren Extremen. Sonst ist es ja keine Freiheit mehr.“

4. „Geisterschiff und Geister-News“
(medienblog.blog.nzz.ch, Rainer Stadler)
„Invasion der Geisterschiffe bedroht EU“, titelte Welt.de am 3. Januar 2015. Rainer Stadler wundert sich, dass die Nachricht, dass dem gar nicht so ist, keine Wellen schlägt: „Immerhin geht es um eine Nachricht, welche Anfang Jahr grosse Aufmerksamkeit erregte und die damals zudem die migrationspolitische Debatte antrieb. Erklärbar ist das verbreitete Schweigen mit der Kollektivierung des Problems – alle berichteten damals falsch aufgrund falscher Agenturmeldungen, also fühlt sich niemand zuständig bzw. verantwortlich.“

5. „Lessons From Debunking Efforts in Journalism and Elsewhere“
(medium.com, Craig Silverman, englisch)
In einem langen Text stellt Craig Silverman Medien vor, die sich dem Aufdecken von Falschinformationen verschrieben haben: „Interviews with journalists engaged in these efforts revealed that, like Werner, they feel this work is the core of what journalism is supposed to be. Still, some expressed feelings of futility or frustration that fakes and hoaxes are so prevalent, and beliefs that news organizations play a significant role in helping them spread.“

6. „Sternstunde Reflexion“
(srf.ch, Video, 3:07 Minuten)

braucht Ihre Unterstützung!
Wir investieren viel Zeit und Herzblut in dieses Blog, verdienen aber kaum Geld damit. Damit wir trotzdem unsere Miete bezahlen können, würden wir uns freuen, wenn Sie unsere Arbeit finanziell unterstützen. Wie das geht, erfahren Sie hier.
Bild  

Männer die Macher, Frauen die Objekte – über Sexismus in „Bild“

Seit vier Monaten setzt sich die Kampagne „StopBildSexism“ gegen Sexismus in der „Bild“-Zeitung ein und fordert in einer Online-Petition die Abschaffung des „Bild-Girls“ und den Verzicht auf sexistische Berichterstattung (bisher wurde die Petition über 34.000 Mal unterzeichnet). In einem BILDblog-Gastbeitrag erklären die beiden Initiatorinnen — Kristina Lunz studiert in Oxford Global Governance and Diplomacy, Sophia Becker arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Deutschen Bundestag im Bereich Außenpolitik –, warum sie die Kampagne gestartet haben und wogegen sie dort eigentlich kämpfen.

***

Das „Bild-Girl“ ist ein wahres Politikum. Immer wieder werden wir gefragt, was denn eigentlich das Problem sei, da diese Frauen das doch alle freiwillig machen würden. In der Tat, alle „Bild-Girls“ lassen freiwillig die Hüllen fallen, sie scheinen selbstbewusst und mit sich und den Fotos im Reinen. Ja, die „Bild“-Zeitung erfüllt ihnen sogar einen lang ersehnten Wunsch. „Ich lasse mich gerne fotografieren“, sagt zum Beispiel „Bild-Girl“ Jessica, und „Bild-Girl“ Alina verrät: „Es ist mein Traum, in den Playboy zu kommen.“ Wieso können wir also nicht einfach den freien Willen dieser Frauen akzeptieren? Ist das der neue Feminismus, der anderen Frauen vorschreiben will, was sie zu tun und zu lassen haben? Was soll diese Prüderie? Was ist denn so schlimm an ein paar Brüsten in einer Boulevardzeitung? 

Das Problem mit dem „Bild-Girl“ liegt im Kontext. Täglich blickt es uns lasziv von den Seiten einer Tageszeitung entgegen, die 2,1 Millionen Mal verkauft und von zirka fünfmal so vielen Menschen gelesen wird. Es räkelt sich neben Nachrichten aus Politik, Wirtschaft und Sport und suggeriert somit, dass es sich auch hier um die Abbildung der Realität handelt. Die Nachricht, die das „Bild-Girl“ sendet, ist: Frauen sind immer verfügbar und ausschließlich für die männliche Bedürfnisbefriedigung da.

Das „Bild-Girl“ ist jedoch bei weitem nicht das größte Problem. Es ist eigentlich nur die Spitze des Eisbergs, denn der Sexismus schlägt einem aus fast jedem Artikel über Frauen entgegen. Die weibliche Hälfte der Bevölkerung wird in „Bild“ fast ausschließlich auf ihr Äußeres und ihre Sexualität reduziert. Frauen werden im Vergleich zu Männern als schwach, verwundbar und passiv dargestellt. Sie werden objektifiziert und sexualisiert. Artikel über Frauen zeigen sie entweder als Pendant zu einem Mann, berichten über ihren Körper und ihre Kleidung oder zeigen Frauen als Opfer. Dafür gibt es jeden Tag unzählige Beispiele.

Besonders pervers ist, wie „Bild“ Fälle von Gewalt gegen Frauen benutzt, um den Voyeurismus und die Sensationslust der Boulevardpresse zu befriedigen. Unter dem Deckmantel des Journalismus und der Anteilnahme mit den Opfern und ihren Angehörigen werden Geschichten wie die von Tuğçe A. oder Maria P. bis ins kleinste Detail, ohne Rücksicht auf ihre Privatsphäre, ausgeschlachtet. 

So berichtete „Bild“ zum Beispiel empört über einen Spanner in einer Sonnenbank. Die Verurteilung des Täters nahm „Bild“ als Anlass, selbst ein Foto abzudrucken, das die nackte Geschädigte zeigt. Ein weiteres Beispiel findet sich in der Berichterstattung zum Urteil des Bundesarbeitsgerichts, das die Kündigung eines Mannes für unzulässig erklärte, der einer Reinigungskraft in seinem Betrieb an die Brust gefasst hatte. „Bild“ gibt sich empört über diesen Sexismus und druckt gleichzeitig als Aufmacher das Bild eines weiten Ausschnitts über den Artikel. 

BILDblog hat vor einigen Tagen aufgezeigt, wie „Bild“ sich seit Monaten am Buch und Film „50 Shades of Grey“ ergötzt. Diese Berichterstattung ist auch ein treffendes Beispiel für den Sexismus und Voyeurismus, der täglich im Blatt zu finden ist. Im Artikel „BILD zeigt den Busen, auf den die Welt wartet“ druckte „Bild“ schon vor Kinostart, bevor Screenshots veröffentlicht werden durften, ein Oben-ohne-Foto von Dakota Johnson, der Hauptdarstellerin des Films. Das Foto entstand jedoch vermutlich ohne Einwilligung der Schauspielerin während ihres Urlaubs. „Bild“ behandelt Frau Johnson damit, als sei ihr Körper ein öffentliches Gut, das jedem zugänglich gemacht werden darf.

Männer hingegen werden in „Bild“ grundsätzlich anders dargestellt: ob als Sportler, Staatsmänner oder Wirtschaftsbosse — Männer bekommen eine Berichterstattung, die sie als vollständige Person wahrnimmt, als Mensch mit Charakter, Interessen und Ideen.

Der anderen Hälfte der Bevölkerung wird diese respektvolle Berichterstattung nicht zuteil, was beispielsweise sehr eindringlich in der Ausgabe vom 11. Februar deutlich wurde: Männer diskutieren über Politik, Frauen werden zum Lustobjekt.

Wenn Sie auf Bild.de gehen, werden Sie feststellen, dass die große Mehrheit an Artikeln über Frauen diese auf ihren Körper und ihre Sexualität reduziert und die nebenstehenden Abbildungen ebenfalls die Frau ausschließlich zum Objekt degradieren. Ein kleiner Auszug von Artikeln vom 18. Februar, die ebenfalls mit Fotos von Frauen werben, auf denen diese auf ihr Äußeres reduziert oder sexualisiert dargestellt werden:











Eine ähnliche Zusammenstellung von Bild.de-Artikeln über einen Zeitraum von vier Tagen hinweg, die Frauen thematisieren, machten wir Anfang Februar:

Man kann dieses kleine Experiment jeden Tag machen und wird immer wieder das gleiche, diskriminierende Muster entdecken: Männer die Macher, Frauen die Objekte. Besonders auffällig ist dies im Sportteil der „Bild“-Zeitung, der ebenfalls von Männern dominiert wird. Es ist nicht so, als gebe es in Deutschland nicht genügend erfolgreiche Sportlerinnen — die sportlichen Leistungen von Frauen werden in „Bild“ einfach nicht ansatzweise so gewürdigt wie die sportlichen Leistungen von Männern. Wenn Frauen es dann mal in den Sportteil schaffen, dann beispielsweise nicht etwa, weil sie erfolgreiche Tennisspielerinnen, sondern eben die Freundinnen mit Modelmaßen von berühmten Fußballern sind.

Deutschlands einflussreichste Zeitung zeichnet also ein klares Bild und bietet kaum Plattformen, respektvoll über Frauen als eigenständige Persönlichkeiten zu berichten, da sie keine Daseinsberechtigung über die sexuelle Bedürfnisbefriedigung von Männern hinaus zu haben scheinen. So wird in den Millionen von Haushalten, in denen „Bild“ gelesen wird, allen — auch Mädchen und Jungen von klein an — ein klares Rollenbild vermittelt und damit die gläserne Decke verstärkt.

Denn Forschung und Wissenschaft haben gezeigt, dass sexualisierte Darstellungen in den Medien auch Implikationen für das wahre Leben haben und beschreiben die Verbindungen zwischen Objektifizierung, Dehumanisierung und Gewalt. So beobachten Puvia und Vaes, dass wenn Frauen objektifiziert werden, sprich: auf ihren Körper reduziert und als Objekt dargestellt, dann werden ihnen von Männern sowie von Frauen menschliche Eigenschaften abgesprochen, sie werden also dehumanisiert. Die Forscher Rudman und Mescher fanden zudem heraus, dass Männer, die Frauen als Objekt — also dehumanisiert — betrachteten, eine größere Neigung zu Vergewaltigungen und sexueller Gewalt im Allgemeinen zeigen. Auch Dr. Linda Papadopolous, die Autorin des Berichts „Sexualisation of young people“ des britischen Innenministeriums legt dar, wie die sexuelle Objektifizierung als eine von vielen Formen der Unterdrückung von Frauen zu weiteren Benachteiligungen wie Diskriminierung am Arbeitsplatz und sexueller Gewalt führt.

Massenmedien beeinflussen bewusst und unbewusst unsere Meinungen und Werte. Sie formen unsere Normalität und geben uns Verhaltensrichtlinien vor. Deshalb ist es so gefährlich, wenn Deutschlands einflussreichste Zeitung täglich Frauen diskriminiert, auf ihren Körper reduziert und ihren Wert an ihrer Sexualität misst. Dieser Blick auf Frauen wird — bewusst oder unbewusst — von Leserinnen und Lesern übernommen und in ihr tägliches Leben übertragen.

Angesichts der vielen Fälle von Gewalt gegen Frauen in Deutschland geht es hier weit über ein paar nackte Brüste in einer Boulevardzeitung hinaus. Laut einer Studie der Bundesregierung (PDF) werden knapp 60 Prozent der Mädchen und Frauen in Deutschland im Laufe ihres Lebens mindestens einmal sexuell belästigt, und etwa 40 Prozent haben seit ihrem 16. Lebensjahr körperliche und/oder sexuelle Gewalt erfahren.

Frauen sind, genauso wie Männer, mehr als die Summe ihrer Körperteile und Sexualität. Sie leisten ebenso herausragende Dinge und ihre Taten verdienen es, beachtet zu werden. Wir, unsere Freundinnen, Schwestern und alle Frauen sind ebenso vielfältig, sportlich, top ausgebildet, stark und kreativ wie Männer. Frauen sind keine Vorlagen zur sexuellen Bedürfnisbefriedigung, so wie es die Kommentare von „Bild“-Lesern und -Leserinnen unter den „Bild-Girls“ suggerieren:

Deshalb haben wir, die zehn Männer und Frauen hinter „StopBildSexism“, uns vor vier Monaten zusammengetan, um diese Form der Diskriminierung zu bekämpfen. Wir verlangen eine respektvolle Darstellung aller Menschen in Deutschlands einflussreichsten Medien und allen voran in „Bild“. Wir wollen mehr erfolgreiche Frauen und weniger Gewaltopfer sehen. Eigentlich ist unsere Forderung extrem simpel: Wir wollen, dass „Bild“ über Frauen ebenso berichtet wie über Männer: über ihre Arbeit in Bereichen wie Sport, Medien, Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Alle Quoten dieser Welt werden uns nicht die Gleichberechtigung bringen, so lange Deutschlands einflussreichste Medien ein eindimensionales, schwaches und passives Bild von Frauen verbreiten.

Unsere Kritiker greifen selten zu echten Argumenten. Persönliche Angriffe („Ihr müsst wohl arg unzufrieden mit eurem Sexleben sein“, „Ihr seid nur neidisch und habt sicher kleine Brüste.“) paaren sich mit einer vermeintlich heroischen Verteidigung der Meinungsfreiheit („Ihr wollt die Zensur!“) und einem beängstigenden Fatalismus („Wenn es euch stört, kauft halt die Zeitung nicht.“ „Was regt ihr euch so auf, das Bild-Girl gab es doch schon so lange ich denken kann.“)

Davon werden wir uns sicher nicht abhalten lassen, denn „der gefährlichste Satz einer Sprache ist: ‚Das haben wir schon immer so gemacht.’” (Grace Hopper). Wir stellen den Status Quo in Frage und akzeptieren nicht, dass Sexismus eine Form von Diskriminierung ist, die in unserer Gesellschaft noch immer heruntergespielt und belächelt wird. „This has never been about being ‘offended’, but being affected by it“, wie die britische Abgeordnete Stella Creasy das „Page 3 Girl“ in der „Sun“ einmal kommentierte. Es geht um die Konsequenzen der oben beschriebenen Darstellung von Frauen in unseren Massenmedien, die uns am Ende alle betreffen.

Natürlich führt das Durchblättern einer „Bild“-Zeitung nicht unverzüglich zur Belästigung einer Frau. Wir werden jedoch täglich mit Hunderten solcher Bilder konfrontiert. Ob wir es wollen oder nicht, diese Darstellungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und tragen dazu bei, dass Leistungen von Frauen in unserer Gesellschaft schneller belächelt werden, dass Sexismus als Witz abgetan werden kann und dass eine Fixierung auf das Aussehen von Frauen Normalität ist. Dies, verbunden mit der Degradierung und Objektifizierung, kann eben auch zu sexueller Belästigung und Gewalt beitragen.

Wir stellen nicht in Frage, dass Frauen sich freiwillig dazu entscheiden können, Nacktfotos aufzunehmen. Uns geht es auch nicht um die einzelnen „Bild-Girls“, um ihre Motivation oder Gründe. Alle Menschen können ihr Leben so gestalten, wie sie möchten, so lange sie damit nicht die Freiheit anderer einschränken. Das gehört zu den Grundlagen unserer Demokratie. Zu den Grundwerten unserer Demokratie gehört jedoch auch, das Menschen weder aufgrund ihrer Hautfarbe oder Herkunft, ihrer Religion, ihrer Sexualität noch aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden. Doch das findet jeden Tag in der „Bild“-Zeitung statt.

Spionage, Krieg der Welten, Beziehungsnetzwerke

1. „Journalisten als Staffage“
(weblogs.evangelisch.de, Frank Lübberding)
Wie sind die Leistungen von Tilo Jung in der Bundespressekonferenz zu beurteilen? Frank Lübberding schreibt: „Er war wirklich penetrant, vor allem wenn es um den Umgang der Bundesregierung mit den Thema ‘Folter in den USA’ ging. Im Berliner Alltag spielte das bald kein Rolle mehr. Dort geht es dann wieder um die Performance der Minister, wie sie im Berliner Hauptstadtdorf namens Mitte reüssieren. So sorgte Jung für die Irritation einer altehrwürdigen Institution, die keinen anderen Sinn mehr hat als den, nun einmal da zu sein.“

2. „In eigener Sache – Datenklau“
(taz.de)
„Die taz wurde wohl von einem Angestellten ausspioniert“, schreibt die „taz“ in eigener Sache, liefert dazu eine Chronologie, leitet arbeitsrechtliche Schritte ein und stellt Strafanzeige. In einem Kommentar dazu schreibt Ines Pohl: „Tatsächlich haben wir es mit einer Spionageaffäre zu tun. Der Schock bei uns allen sitzt tief.“

3. „‘Befugtes Spionieren'“
(heise.de/tp, Markus Kompa)
Der Spionage verdächtigt wird zufolge mehrerer Quellen Sebastian Heiser, der kürzlich in seinem Blog aufgedeckt hatte, wie 2007 die Sonderseiten der „Süddeutschen Zeitung“ entstanden. „Auch, wenn Heiser nun im Zwielicht steht, gilt für ihn die Unschuldsvermutung. In der Taz waren durchaus schon professionelle Spitzel unterwegs – darunter V-Leute aus dem Ministerium für Staatssicherheit und dem Verfassungsschutz. Und da Heiser auch brisante Themen behandelt und sich etliche Feinde gemacht hat, kann nicht per se ausgeschlossen werden, dass jemand ein illegales Auge auf die Redaktionsräume wirft oder ein Ei legt. So manche Abhöraffäre hatte in Wirklichkeit einen harmlosen Hintergrund.“

4. „Verschwörung, und: The War of the Worlds“
(lesenmitlinks.de, Jan Drees)
Gab es nach der Radio-Ausstrahlung von „Der Krieg der Welten“ am 30. Oktober 1938 eine Massenpanik? „Besagte Panik hat es nie gegeben. Selbst jene die später eingeschaltet haben sind mitnichten auf die Straße geflohen. Es gab keine Selbstmordversuche, keine traumatisierten Hörer, die später mit Elektroschocks behandelt werden musste. Dennoch wird diesem genialen Hoax weiterhin geglaubt.“

5. „Die heikle Nähe von Leitmedien zur Elite“
(nzz.ch, Stephan Russ-Mohl)
Stephan Russ-Mohl liefert Hintergründe zu einer Auseinandersetzung zwischen den Medienwissenschaftlern Christoph Neuberger und Uwe Krüger (Kritik / Replik): „Einig sind sich Krüger und Neuberger im Blick auf ein Problem, das Journalisten selbst nur allzu gerne ignorieren: dass sie in Beziehungsnetzwerken leben und auch leben müssen, wenn sie mit Erfolgsaussichten recherchieren wollen. Und dass über solche Netzwerke Transparenz herzustellen wäre, wenn die Redaktionen sich nicht dem Verdacht der Mauschelei und der Hofberichterstattung aussetzen wollen. Das allerdings gälte dann auch für Medienforscher.“

6. „Über Fotografie, Kommunikation, dämliches Grinsen und den öffentlichen Raum“
(sixtus.net)
Mario Sixtus schreibt über das Fotografieren im öffentlichen Raum: „‘Frag doch vorher’ oder ‘frag doch hinterher’, lauten die beiden Standardratschläge, die einem unsichtbaren Fotografiedebattennaturgesetz folgend, immer wieder von irgendjemandem in den Raum geworfen werden. Sie sind beide nicht realisierbar.“

Mehrheitsmeinungen, Tilo Jung, PGP

1. „‘Es entsteht eine grell ausgeleuchtete Welt, ein monströses Aquarium, in dem kaum noch etwas verborgen bleibt'“
(zeit.de, Bernhard Pörksen)
Medienmacher und das Publikum müssen „ihre Maßstäbe zur Beurteilung des politischen Personals überdenken“, fordert Bernhard Pörksen: „Sie müssen lernen, mit Normalsterblichen zu leben, die Schwächen haben, eitel sind und manchmal erschöpft, übellaunig und unbeherrscht und deren Frisur, Vorleben oder Gesamtpersönlichkeit einem nicht notwendig gefällt. Perfektionsideale und infantile Ursehnsüchte nach Heiligen und Lichtgestalten sind ein robustes Indiz dafür, dass man die aktuelle Medienwirklichkeit nicht begriffen und das vielschichtige, moralisch schillernde Wesen des Menschen nicht verstanden hat.“

2. „Wo bleiben die abweichenden Meinungen?“
(deutschlandfunk.de, Audio, 3:57 Minuten)
Charlotte Wiedemann sieht den „lebendigen Kern der Meinungsfreiheit“ in der Realität der deutschen Medienlandschaft sehr wenig praktiziert, nämlich „dass man Meinungen äussern kann, die mächtigen Interessen widersprechen und auch, dass man Minderheiten davor schützt, von Mehrheitsmeinungen erdrückt zu werden.“

3. „Dax-Konzerne starten Initiative gegen verdeckte Manipulation von Medien“
(manager-magazin.de, Sven Clausen)
Ein Arbeitskreis aus der deutschen Wirtschaft wehrt sich gegen „verdeckte Einflussnahme werbender Unternehmen auf die redaktionelle Berichterstattung“ und erstellt einen „Kodex für die Medienarbeit von Unternehmen“ (PDF-Datei).

4. „Der kleine Unterschied: Ahnung und Haltung“
(falk-steiner.de)
Einige Fragen von Tilo Jung bei der Bundespressekonferenz stossen auf Kritik von Kollegen. Falk Steiner versucht, den Fall zu erklären: „Manche seiner Fragen sind hilfreich, weil sie relativ undiplomatisch und direkt sind. Aber: sie sind in aller Regel auch ohne jede ernsthafte Vorbereitung gestellt. So kommt es regelmäßig vor, dass Tilo mehrfach Dinge fragt, die zwei Tage vorher in epischer Breite bereits behandelt wurden. Nur hat Tilo sie dann nicht im Video, weil er da mal nicht da war (was häufiger so ist).“

5. „The Great SIM Heist“
(firstlook.org/theintercept, Jeremy Scahill und Josh Begley, englisch)
Die Geheimdienste NSA und GCHQ verschafften sich Zugriff auf die Rechner der Firma Gemalto, welche SIM-Karten für Mobiltelefone herstellt. Und entwendeten Schlüssel, welche die Privatsphäre der weltweiten Kommunikation via Mobilfunk sicherstellten: „Privacy advocates and security experts say it would take billions of dollars, significant political pressure, and several years to fix the fundamental security flaws in the current mobile phone system that NSA, GCHQ and other intelligence agencies regularly exploit.“

6. „Editorial: Lasst PGP sterben!“
(heise.de/ct, Jürgen Schmidt)
Jürgen Schmidt schreibt über das Verschlüsselungsprogramm PGP: „Es sei Experten unbenommen, dass sie komische Codes austauschen, um Schlüssel zu checken. Aber für Erika und Max Mustermann muss das zwingend die Kommunikationsinfrastruktur übernehmen. Und hier versagt PGP völlig.“

Österreich, Regenbogenpresse, Friedensabkommen

1. „Begehrt, bemängelt, geschmäht – Journalismus“
(carta.info, Hans-Jürgen Arlt)
Hans-Jürgen Arlt listet auf, was Journalismus von anderen Publikationen abhebt: „Fünf Eigenschaften seiner Mitteilungen (unzensiert, unparteiisch, relevant, richtig, aktuell) unterscheiden den Journalismus von anderen Formaten öffentlicher Kommunikation wie Werbung, Öffentlichkeitsarbeit und Unterhaltung.“

2. „Österreich: Inserate für Hofberichterstattung?“
(ndr.de, Video, 6 Minuten)
Die Beziehung zwischen der Politik und den Zeitungen in Österreich: „Wer häufig und großzügig inseriert, wird mit freundlicher Presse belohnt.“

3. „‘Regenbogenhefte sind ein Shoppingerlebnis'“
(topfvollgold.de, Moritz Tschermak)
Ein Interview mit Presseforscher Andreas Vogel über die Regenbogenpresse: „Ich kann persönlich auch immer wieder nur den Kopf darüber schütteln, was in den Heften inhaltlich passiert, manchmal ärgere ich mich sogar richtig, weil die Regenbogenpresse auch für die schlechten Imagewerte der gesamten Publikunmspresse mit verantwortlich ist.“

4. „Die 10 Editorial-Topseller von Rex Features 2014″
(alltageinesfotoproduzenten.de, Robert Kneschke)
Die zehn meistverkauften Editorial-Fotos der Pressefotoagentur „Rex Features“: „Ich muss zugeben: Selten habe ich so oft und lange googlen müssen für einen Artikel wie bei diesem Text: Wer ist noch mal die Person? Warum genau ist sie berühmt? Was haben die Leute 2014 gemacht, was einen Platz in der Top 10 rechtfertigen könnte?“

5. „Du bist nicht allein“
(taz.de, Jarina Kajafa und Klaus-Helge Donath)
Wie TV-Sender in Russland und der Ukraine über den im Minsker Friedensabkommen geforderten Abzug schwerer Waffen berichten.

6. „Der Kai oder der Julian“
(twitter.com/voneff)
Siehe dazu auch „Der Russe oder der Grieche“ (twitter.com/lepettre).

Live Action Media Bullshit

Heute unternehmen wir mal einen kleinen Ausflug in die englischsprachige Medienlandschaft. Dort haben einige Journalisten in den letzten Tagen nämlich fleißig über ein ungewöhnliches Bildungsprojekt aus Deutschland geschrieben — und eine fast schon „Focus Online“-würdige Recherchedoofheit an den Tag gelegt.

Zum Hintergrund: Anfang des Monats wurde in Wilhelmshaven ein ausgemustertes Kriegsschiff zu einem Raumschiff aus „Battlestar Galactica“ umdekoriert. Es diente dann mehrere Tage lang als Kulisse für ein Live-Rollenspiel (LARP), an dem über 80 Menschen teilnahmen.

Der große Unterschied zu „normalen“ Live-Rollenspielen: Dieses Projekt — „Projekt Exodus“ — wurde von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert, die damit unter anderem herausfinden wollte, wie gut sich LARPs für die Bildungsarbeit eignen.

In der Pressemitteilung (PDF) schreibt das Organisationsteam:

Inmitten der engen Räume des aufwändig umdekorierten Schiffes werden die Spieler eine von der Spielleitung grob vorgegebene Handlung erleben, die sie selbst mit ihren Reaktionen beeinflussen können. (…) Projekt Exodus greift Fragen über Sicherheit, Vertrauen und über Menschlichkeit in Zeiten großer Gefahr auf. Hinzu kommt der auch in der aktuellen Politik stark thematisierte Flüchtlingsaspekt. Auf dieser Grundlage werden die Spieler selbst die Probleme der Gesellschaft aus einem völlig neuen Blickwinkel erleben.

Die gleiche Mitteilung wurde auch auf Englisch (PDF) herausgegeben, damit sich auch Journalisten aus dem Ausland über das Projekt informieren konnten. Bloß: So richtig verstanden haben die es trotzdem nicht.

Das australische Portal news.com.au schreibt:

Basing the live-action role-play event on the popular science fiction television series is no vote-winning gimmick. (…) And the German government hopes locking up 80 of its aspirant diplomats, politicians and military leaders aboard a retired naval destroyer will teach them a lesson or two in something largely missing from modern international politics — ethics.

Und zack — werden auf dem Schiff deutsche Diplomaten, Politiker und militärische Führungskräfte ausgebildet.

Wie das Portal darauf kommt, bleibt zwar offen, für die Leute von Tor.com klang es aber offenbar auch so schon plausibel genug, jedenfalls übernahmen sie die Story ohne Bedenken:

Ebenso die „New York Daily News“:

Auch die Online-Version von „The Independent“ schrieb die Falschmeldung ungeprüft ab und titelte:

Die Macher des Projekts wiesen die Medien zwar gleich auf den Fehler hin, korrigiert hat ihn bis heute aber niemand. Wissen wir immerhin: Andere Länder, gleiche Sitten.

Mit Dank an Dennis Z.

Deutungsmonopol, Frohsinn, Prinzessinnenreporter

1. „Ärger mit der ‘Lügenpresse'“
(nzz.ch, Heribert Seifert)
Wie deutsche Journalisten über das Bündnis Pegida schreiben: „Die Aufklärer, die hier auftreten, reden im Gestus strenger Kolonialoffiziere, die ihren noch immer nicht diskurshygienisch stubenreinen Eingeborenen die Leviten lesen, aber auf keinen Fall zuhören wollen. ‘Die Ansage muss lauten: ‘Jetzt hört ihr mal zu. Und zwar richtig.“ (‘Süddeutsche Zeitung’) Das argumentative Inventar, mit dem hier ein Deutungsmonopol verteidigt wird, ist mit seinem phrasenhaft erstarrten, abstrakten moralischen Universalismus nicht nur bemerkenswert ausgezehrt, sondern zeigt gelegentlich Züge unfreiwilliger Komik. “

2. „Die Frohsinns-Lawine“
(haz.de, Imre Grimm)
Imre Grimm „gönnt Düsseldorf jeden Moment des Frohsinns. Aber ist es notwendig, weite Teile des öffentlich-rechtlichen Abendprogramms über Wochen mit lokalem Brauchtum zu fluten? Brauchtum auf dem Niveau einer Après-Ski-Party in Saalbach-Hinterglemm?“

3. „Eine Hand hypt die andere“
(comiksdebris.blogspot.de, Marc-Oliver Frisch)
Marc-Oliver Frisch widmet sich Interessenskonflikten in der Berichterstattung über Comics: „Die Entscheidung eines FAZ-Redakteurs, ausgerechnet einen Comic in die Zeitung zu nehmen, an dessen Veröffentlichung er selbst beteiligt ist, wirkt unglücklich, selbst wenn man allen Beteiligten nur die besten Absichten unterstellt. (…) Immerhin klärt Platthaus—einmal in der Besprechung selbst, einmal im Kleingedruckten—den Leser über seine Verstrickung auf. Auch das ist leider keine Selbstverständlichkeit.“

4. „Why I have resigned from the Telegraph“
(opendemocracy.net, Peter Oborne, englisch)
In einem langen Artikel erzählt Peter Oborne, warum er beim „Telegraph“ gekündigt hat: „If advertising priorities are allowed to determine editorial judgments, how can readers continue to feel this trust? The Telegraph’s recent coverage of HSBC amounts to a form of fraud on its readers. It has been placing what it perceives to be the interests of a major international bank above its duty to bring the news to Telegraph readers.“

5. „Europäischer Polizeikongress: Wir würden ja gerne über die Überwachungsmesse berichten, dürfen aber nicht“
(netzpolitik.org, Andre Meister)
Wie es Andre Meister ergeht, als er sich für Netzpolitik.org beim Europäischen Polizeikongress akkreditieren möchte.

6. „Prinzessinenreporter – Wo Prinzessinnen berichten“
(prinzessinnenreporter.de)

Bild  

Irgendwas vielleicht mit Hitler

Auf die Leute von „Bild“ ist eben Verlass. Du schickst sie los, um über die unterirdischen Gänge in München zu schreiben, und womit kommen sie zurück? Mit einem Artikel über Hitlers Badewanne.

Gefunden haben die Reporter das Teil im Keller der Hochschule für Musik und Theater in München:

Sie wurde zwischen 1933 und 1937 im ehemaligen „Führerbau“ eingebaut, in das Dienstbad des Diktators.

Dort hat er sich nach Aussage eines Münchner Historikers zwar nur „äußerst selten“ aufgehalten, darum gibt sich „Bild“ auf die Frage, ob sich Hitler „am Feierabend hier bei einem Schaumbad“ entspannte, die Antwort gleich selbst:

Höchstwahrscheinlich nicht.

Aber egal. Hauptsache Hitler.

Und wie ging’s weiter mit der Wanne?

1948 zog das Amerika-Haus ein. Das Bad kam raus, die Wanne wurde in die Wohnung des Hausmeisters im ersten Untergeschoss eingebaut. 1957 bezog die Musikhochschule die Räume. In den 70er Jahren bekam der neue Hausmeister ein neues Bad. Seither steht die Wanne im Keller, wurde nie mehr benutzt.

Ein „rechteckiges Stück Geschichte — direkt aus Adolf Hitlers Büro-Badezimmer!“ Und exklusiv hinein in die „Bild“-Zeitung.

Blöderweise liefert das Blatt für all diese Behauptungen keinerlei Belege. Weder Zitate von Experten noch handfeste Spuren oder Beweise, nicht mal die Quelle ihrer Informationen verraten die Autoren.

Wir haben deshalb mal bei der Hochschule nachgefragt, woher „Bild“ das alles eigentlich wissen will. Der Kanzler antwortete uns:

Die Meldung ist aufgrund einer nicht autorisierten Auskunft unseres Hausmeisters erschienen. Bild hatte einen Bericht über unterirdische Gänge in München bringen wollen. Dabei sahen die Reporter die Badewanne im Keller und haben nachgefragt. Ob die Badewanne wirklich aus Hitlers Badezimmer stammt, wissen wir nicht. Ich wehre mich deshalb stets gegen Spekulationen. Leider war Bild nicht bereit, auf die Meldung zu verzichten.

Im Gegenteil: „Bild“ machte aus der ranzigen Badewanne, in der möglicherweise Hitler höchstwahrscheinlich nicht gebadet hat, eine fast ganzseitige Geschichte. Drei „Bild“-Mitarbeiter haben daran gesessen, zwei Autoren und ein Fotograf. „Bild“ holt eben „alles für Sie raus“, zur Not halt irgendwas vielleicht mit Hitler.

Mit Dank an Peter B.!

Süddeutsche Zeitung, Recht auf Vergessenwerden, Til Schweiger

1. „‘Süddeutsche Zeitung’ wehrt sich gegen ‘SZ-Leaks': Berichterstattung keine ‘Schleichwerbung für Steuerhinterziehung'“
(newsroom.de, Bülend Ürük)
Wolfgang Krach, stv. Chefredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, nimmt Stellung zur Arbeitsweise der Sonderthemen-Redaktion, wie sie Sebastian Heiser aufgedeckt hat: „Warum entstehen Beilagen, warum veröffentlichen wir Sonderseiten? Es ist wie bei jeder anderen Zeitung in Deutschland, die Anzeigenabteilung kommt auf die Redaktion zu und schlägt ein Thema vor. Was wir dann journalistisch daraus machen, welche Themen in diesen Beilagen gesetzt werden, das entscheidet die Redaktion.“ Siehe dazu auch „Gute Frage“ (heisersstimme.wordpress.com).

2. „Habe ich ‘über angebliche Verstöße nicht informiert’?“
(heisersstimme.wordpress.com)
Weiter sagt Wolfgang Krach, Sebastian Heiser habe die Ressortleitung nicht informiert „über angebliche Verstöße gegen journalistische Grundsätze“. Heiser belegt mit Tondokumenten das Gegenteil.

3. „Diekmann twittert Adresse von Herbert Grönemeyer“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann twittert ein Foto eines Schreibens des Landgerichts Köln, auf dem die Privatadresse von Herbert Grönemeyer zu lesen ist. Thomas Lückerath schreibt: „Seine Behauptung, wonach der Beschluss des Landgerichts ja öffentlich sei und sein Tweet demnach also nur schlechter Stil, nicht aber unlauter gewesen sei, ist irreführend: Die Adressen der beteiligten Parteien werden vor Herausgabe von Beschlüssen von den Gerichten geschwärzt. Nach der eigenwilligen Logik des Kai Diekmann wären bei einer juristischen Auseinandersetzung Prominente sonst zwangsläufig zum Umzug gezwungen.“

4. „Vergessene Debatte ums Recht auf Vergessen“
(nzz.ch, Rainer Stadler)
Rainer Stadler bemerkt, dass die Debatte um das Recht auf Vergessenwerden von den Medien kaum noch geführt wird: „Das Bedürfnis, die Privatsphäre zu schützen und sich den Augen des interessierten Publikums zu entziehen, ist jedenfalls riesig. Seit dem genannten Gerichtsurteil hat Google fast 218 000 Gesuche um die Löschung von Links zu 786 000 Webseiten erhalten.“

5. „‘Freiheit birgt auch Verantwortung'“
(taz.de, Cigdem Akyol)
Ein Interview mit Jana Sinram, der Autorin der Dissertation „Pressefreiheit oder Fremdenfeindlichkeit? Der Streit um die Mohammed-Karikaturen und die dänische Einwanderungspolitik“, die ohne den Abdruck der Mohammed-Karikaturen auskommt: „Ich habe lange darüber nachgedacht und mich letztlich dagegen entschieden. Jeder, der diese sehen will, kann sie problemlos im Netz finden. Die Karikaturen haben für so viel Hass auf beiden Seiten gesorgt, dass es schwierig ist, sie in einem wissenschaftlichen Buch neutral abzubilden.“

6. „Til Schweiger versus SPIEGEL ONLINE: ‘Irgendwelche Spackos'“
(spiegel.de, Christian Buß)
Christian Buß antwortet Til Schweiger, der auf Facebook fragt, wo die Qualität bleibe, wenn man versuche, „klicks dadurch zu generieren, indem man die gehässigsten twitter-kommentare von irgendwelchen internetnerds, die nix anderes zu tun haben, als zu lästern und zu haten“, publiziere.

GNTM, Wissenschaft, Kopenhagen

1. „Streitgespräch über Wissenschaft in den Medien: ‘Die sollten sich schämen!'“
(spiegel.de, Markus Becker und Axel Bojanowski)
Drei Wissenschaftler diskutieren über die Wissenschaft in den Medien. Ernst Peter Fischer: „Wenn Bambi-Preisverleihung ist, wird eine dreistündige Direktübertragung im Fernsehen gemacht. Die Nobelpreis-Verleihung bekommt zehn Sekunden in der Tagesschau.“

2. „Chips essen mit Heidi“
(coffeeandtv.de, Katharina)
Katharina denkt nach über „Germany’s Next Topmodel“: „Ja, die (privaten) Medien erziehen unsere Kinder mit, aber niemand hat sie damit beauftragt, eine Gesellschaft muss es aushalten, dass es eine Wertevielfalt gibt. Das bedeutet auch, dass es Werte gibt, die z.B. ich als Pädagogin nicht vertreten würde. Was Heidi Klum vermittelt, ist Anpassung an alle Anforderungen, und mögen sie noch so absurd sein.“

3. „Was Medien sexy finden: Oberfläche statt Tiefenschärfe“
(rolandtichy.de, Fritz Goergen)
Politikberater Fritz Goergen ist dafür, dass sowohl die Medien als auch die Politik den „trostlosen Zustand“ gegenseitiger „Skandalisierung, Personalisierung und Sensationalisierung“ überwinden: „Erst berichten die Medien allesamt fast gar nicht über politische Inhalte, sondern nur über Personen, am liebsten ihre Konflikte mit anderen oder noch besser über Skandale. Und dann werfen sie den Akteuren vor, keine inhaltlichen Akzente zu setzen. Aber über Inhalte von Nichtregierungs-Politik ohne Krach oder bunte Bilder berichten sie nicht. Also machen die langen Beine Politik, oder helfen wenigstens, eine Wahl zu gewinnen. Inhalt wird schon nachgeliefert.“

4. „The Sad State of Fact-Checking“
(austenallred.com, englisch)
Austen Allred beschäftigt sich mit dem Prüfen von Fakten in den Medien: „For every one person The Daily Mail pisses off by publishing its false stories, 100 people are reading it and saying, ‘Wow, The Daily Mail does some daring reporting.’ Very few people care anymore — we don’t have time to.“

5. „Image manipulation hits World Press Photo“
(bjp-online.com, Diane Smyth, englisch)
Die Wahl des Pressefoto des Jahres: „Twenty percent of the images in the penultimate round of World Press Photo 2015 were disqualified because they were manipulated, according to Lars Boering, managing director of the organisation – and the Sports Stories category was so badly affected that the jury were unable to award a third prize.“

6. „After this shooting, let’s fight even harder for the right to offend“
(spiked-online.com, Brendan O’Neill, englisch)
Nach den Anschlägen in Kopenhagen vom letzten Wochenende, die nicht nur Karikaturisten gegolten habe, sondern vielmehr engagierten Normalbürgern, die über Meinungsfreiheit diskutieren haben wollen, plädiert Brendan O’Neill für das Recht, Leute vor den Kopf zu stoßen: „How should we respond to this physical assault on a debate about free speech? By having more debates about it, in more places, more regularly, engaging more people, as many people as possible.“ Siehe dazu auch „The right to free speech means nothing without the right to offend“ (theguardian.com, Jodie Ginsberg, englisch).

Blättern:  1 ... 4 5 6 ... 733