Kaputtmacher Maas, Pfeifopfer Helene Fischer, Bild von Jammerlappen

1. Heiko Maas macht die freie Presse kaputt
(faz.net, Thomas Thiel)
Es sind heftige Worte, die „FAZ“-Redakteur Thomas Thiel für das neue Gesetzesvorhaben zum Urheberrecht findet. Die Digitalisierung von Presseartikeln und Aufnahme in Bibliotheken bedeute schwerwiegende Einnahmeverluste, die er alleine für die „FAZ“ auf einen siebenstelligen Betrag beziffert. Justizminister Heiko Maas mache damit die freie Presse kaputt. Wenn Maas damit durchkäme, werde es keine freien Zeitungsverlage mehr geben. „Wer gibt dem Justizminister das Recht, Privateigentum gegen eine weitestgehend wertlose Entschädigung in Staatseigentum umzuwandeln? Meint er vielleicht, dass auch die Arbeit von Redakteuren und freien Autoren vom Staat bezahlt wird? Und wie kommt er dazu, die Arbeit ganzer Berufszweige zu verhöhnen? So ein Entwurf konnte nur zustande kommen, weil im Justizministerium die Verachtung geistiger Leistungen um sich gegriffen hat.“
Nicht alle gehen mit dem Entwurf für das neue Urheberrechts-Wissensgesellschafts-Gesetz derart hart ins Gericht: Auf der Urheberrechtsplattform „irights.info“ werden die Beschwerden der Verlagsbranche als „kalkulierte Horrorszenarien“ bezeichnet.

2. Die Fans haben nicht Helene Fischer ausgepfiffen, …
(sueddeutsche.de, Martin Schneider)
Martin Schneider beschäftigt sich auf süddeutsche.de mit dem brutalen Pfeifkonzert, das sich Helene Fischer in der Halbzeitpause des DFB-Pokalfinales hat anhören müssen. Schneider sieht jedoch nicht die Sängerin in der Kritik, sondern die Kommerzialisierung und „Eventisierung“ des Fußballs allgemein: „Wer Helene Fischer in der Halbzeit auftreten lässt, vermittelt auch die Botschaft: Mir reicht eure Stimmung nicht, ich will selbst für mehr Stimmung sorgen. Der Deutsche Fußball-Bund hätte das ahnen können. Er weiß, dass er es bei Frankfurtern und Dortmundern mit anderen Fans zu tun hat, als beim Familien-Publikum der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Er hat es trotzdem riskiert und Helene Fischer der Arena ausgeliefert, wenn man so will.“

3. Jan Böhmermann füllt Hörsaal, aber keine Köpfe
(jetzt.de, Peter Krauch)
806 Menschen drängelten sich im größten Hörsaal ReWi1 an der Universität Mainz, als Jan Böhmermann zum „SWR UniTalk“ erschien. Die Karten für die Veranstaltung sollen binnen 10 bis 15 Minuten vergriffen gewesen sein… Peter Krauch geht der Frage nach, warum Böhmermann derart viele Menschen anzieht, dass sie zu Hunderten in einen Hörsaal drängen, nur um ihn live auf der Bühne zu sehen. „Die richtigen Botschaften und Themen hatte Jan Böhmermann im Gepäck, um junge Leute zu engagierteren Bürgern zu machen. Die Frage ist, ob er das will. Vielleicht ist der Hype um ihn für dieses Vorhaben auch zum Verhängnis geworden, weil sich viele nicht für das interessieren, was der Mensch Jan Böhmermann, außerhalb seines Berufs als Satiriker, zu erzählen hatte.“

4. Publikum
(neues-deutschland.de, Leo Fischer)
Nicht nur für schlechte Menschen, sondern auch für ausgemachte Jammerlappen hält Leo Fischer einige „Bild“-Journalisten. Diese würden auf Twitter kräftig austeilen, aber nicht einstecken können: „Am liebsten hätten sie ihr Publikum wieder so wie vor dem Internet: eine stumme, folgsame Masse, die widerstandslos das herunterschluckt, was sie ihnen vorsetzen. Sie wollen die Reichweite und die Wirkmacht von Twitter, ohne jedoch den Widerspruch auszuhalten, der ihnen dort entgegenhallt.“ Fischer dreht den Spieß um und fordert den Twitter-Support auf: „Löscht Diekmann, Reichelt, Röpcke! Es handelt sich um gefährliche Trolle, die Hassbotschaften verbreiten und überdies eure Geschäftsgrundlage beschädigen!“

5. Käßmann erwägt rechtliche Schritte gegen Fake News nach AfD-Kritik
(chrismon.evangelisch.de)
Was passieren kann, wenn man Sätze verkürzt und aus dem Kontext löst, kann man derzeit beim Streit um ein angebliches Zitat der prominenten evangelischen Theologin Margot Käßmann sehen. Diese hatte auf dem Kirchentag in Berlin die Forderung der AfD nach einer höheren Geburtenrate kritisiert. Es wurden jedoch vereinzelt Sätze angeführt, die belegen sollten, dass Käßmann alle Bürger mit deutschen Ahnen zu Neonazis erklärt hätte. Für Käßmann eine „lächerlich und absurde“ Unterstellung, gegen die sie rechtliche Schritte erwäge.

6. Über Tweetklau
(xbg.blogsport.eu, Klaas Berger)
„Darf man eigentlich nach Telefonaten fremder Leute in der U-Bahn Fragen stellen, wenn einem etwas unklar geblieben ist?“ Haben Sie den Spruch schon mal irgendwo gesehen? Die Wahrscheinlichkeit ist groß, denn er taucht immer wieder auf, ob in Witzesammlungen, auf Twitter oder bei Facebook. Gestern hat zum Beispiel die „Zeit“ eine entsprechende Bildtafel retweeted, der aus dem Fundus einer geradezu industriellen Tweetverwertungsmaschinerie stammt und noch dazu einen falschen Urheber nennt. Eine schöne Gelegenheit, an den Tweetklau-Artikel von Klaas Berger zu erinnern, von dem der Spruch ursprünglich stammt.

oe24.at macht Manchester-Attentäter zur Style-Ikone

Redaktionen, die über terroristische Anschläge berichten, müssen besonders aufpassen, dass sie den Attentätern keine allzu große Bühne bieten. Denn auch das wollen diese mit ihren grässlichen Taten ja erreichen: Aufmerksamkeit. Natürlich muss über ein so grausames Geschehen wie in Manchester berichtet werden — der Täter sollte dabei aber unter keinen Umständen heroisiert werden.

Das hat heute beim österreichischen Knallportal oe24.at nicht ganz geklappt:

Letzte Bilder veröffentlicht - So stylisch jagte sich der Manchester-Attentäter in die Luft

Das war zeitweise tatsächlich die Überschrift auf der Startseite.

Die britische Polizei hat gestern Fotos einer Überwachungskamera veröffentlicht, die den Attentäter kurz vor dem Anschlag zeigen. Er trägt Turnschuhe, eine Jeans, eine gefütterte schwarze Weste oder Jacke und auf dem Kopf eine Kappe. Und weil Weste/Jacke und Turnschuhe von namhaften Marken stammen, macht oe24.at ihn in der Schlagzeile zur Style-Ikone und liefert im Text die Preise seiner Klamotten nach:

Hollister-Jacke und Nike-Schuhe
Um perfekt mit den Zusehern zu verschmelzen, griff Abedi für sein Outfit tief in die Tasche: Mit einer Hollister-Jacke um 75 Euro und „Nike Air Jordan“-Turnschuhen um 170 Euro jagte sich der feige Attentäter in die Luft. Auch eine Baseball-Kappe und Navy Jeans hatte er angezogen.

Dass die „stylisch“-Überschrift vielleicht nicht ganz angemessen ist, merkten auch die Mitarbeiter des Nachrichtenportals. Sie änderten die Überschrift etwas ab:

Letzte Bilder veröffentlicht - So gestylt jagte sich der Manchester-Attentäter in die Luft

Style hatte der Mann, der für den Tod von 22 Menschen verantwortlich ist, für oe24.at aber weiterhin.

Dass selbst die „gestylt“-Überschrift vielleicht nicht ganz angemessen ist, merkten auch die Mitarbeiter des Nachrichtenportals. Inzwischen ist der komplette Artikel von der Seite verschwunden.

Mit Dank an @Jonastrovje für den Screenshot!

Was nicht passt, wird Passlack gemacht

Wenn zu einem Thema schon so gut wie alles berichtet wurde, muss man ganz schön was konstruieren lange nachdenken, um doch noch einen neuen Aspekt zu finden. Nehmen wir als Beispiel das Finale um den DFB-Pokal zwischen Eintracht Frankfurt und Borussia Dortmund heute Abend. „Bild“ und Bild.de hatten am Mittwoch beziehungsweise Dienstagabend einen Artikel mit einem ganz eigenen Dreh dazu veröffentlicht:

BVB-Bubi Passlack will sein persönliches Double holen - Holt dieser Dortmunder in einer Woche mehr Titel als Bayern in einer Saison?

Zum Hintergrund: BVB-Profi Felix Passlack (noch bis übermorgen 18 Jahre alt) hat am Montag bei den A-Junioren seines Vereins mitgespielt und im Finale um die Deutsche U19-Meisterschaft den FC Bayern München geschlagen. Das ist Titel Nummer eins. Heute Abend kann er mit den BVB-Profis den DFB-Pokal gewinnen. Das wäre Titel Nummer zwei.

Also, die Frage, die „Bild“ und Bild.de stellen:

Holt dieser Dortmunder in einer Woche mehr Titel als Bayern in der gesamten Saison?

Der Rekordmeister konnte sich in diesem Jahr nur die Schale in der Liga holen.

Das stimmt nicht. „Der Rekordmeister“, also der FC Bayern München, hat nicht nur „die Schale in der Liga“, also die Deutsche Meisterschaft, geholt, sondern zu Saisonbeginn auch den DFL-Supercup. 2:0 gewannen die Bayern am 14. August 2016 gegen Borussia Dortmund. Beim Supercup stehen sich der Meister und der Pokalsieger aus der Vorsaison gegenüber; sollten Meister und Pokalsieger identisch sein, spielen Meister und Vizemeister gegeneinander. Der DFL-Supercup gilt als der erste Titel, der in der jeweils neuen Fußball-Saison ausgespielt wird.

Das alles klingt nach Erbsenzählen und Haarespalten? Sicher, etwas. Aber eine Redaktion, die direkt über dem großen Artikel zum Titelsammler Felix Passlack verkündet …

Bester Sportteil aller Tageszeitungen

… sollte solche Details durchaus kennen.

Mit Dank an David K. für den Hinweis!

Böse Übersetzung

Fangen wir mit drei Binsenweisheiten an: 1) US-Präsident Donald Trump spricht Englisch. 2) Deutsche Medien berichten in der Regel auf Deutsch. 3) Wenn deutsche Medien über eine Aussage von Donald Trump berichten wollen, müssen sie diese Aussage vom Englischen ins Deutsche übersetzen. Und da liegt das Problem.

Aktuell macht das Trump-Zitat „Die Deutschen sind böse, sehr böse“ die ganz große Medien-Runde:








„Spiegel Online“ hatte gestern zuerst über Trumps Deutschland-Schelte berichtet. Die Aussage stammt aus einem nicht-öffentlichen Treffen des US-Präsidenten mit Vertretern der EU in Brüssel. „Spiegel Online“ schreibt:

US-Präsident Donald Trump hat sich bei seinem Treffen mit der EU-Spitze in Brüssel heftig über den deutschen Handelsbilanzüberschuss beklagt. „The Germans are bad, very bad“, sagte Trump. Dies erfuhr der SPIEGEL von Teilnehmern des Treffens.

Nun kann das englische Wort „bad“ vieles bedeuten: schlecht (so beispielsweise von süddeutsche.de übersetzt), schlimm, schwierig, schädlich, mangelhaft und auch ungezogen oder böse. Dass Trump mit „The Germans are bad, very bad“ sagen will, dass „die Deutschen“ „böse, sehr böse“ seien, ist nicht so eindeutig, wie die Titelzeile bei „Spiegel Online“ es darstellt. Hätte er „The Germans are evil, very evil“ gesagt, wäre es etwas anderes.

Apropos „evil“: Die Nachricht, die „Spiegel Online“ gestern Abend exklusiv veröffentlichte, griffen auch englischsprachige Medien auf. Bei der Rückübersetzung vom Deutschen ins Englische machten sie mitunter aus „Die Deutschen sind böse, sehr böse“ interessanterweise „The Germans are evil, very evil“:



EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker, der beim Treffen mit Donald Trump dabei war, hat die Worte des US-Präsidenten inzwischen bestätigt. Juncker sagt allerdings auch:

Ich bin kein Spezialist im Englischen, wie man weiß, aber: „Bad“ heißt nicht böse, schlecht reicht.

Mit Dank an Jolf B. für den Hinweis!

Nicht-Fake-Studie, Terror-TV, GNTM-Finale

1. „Das ist mindestens verleumderisch“
(spiegel.de, Peter Maxwill)
Im Auftrag der Bundesregierung haben Politologen des „Göttinger Instituts für Demokratieforschung“ den Fremdenhass in drei ostdeutschen Orten untersucht. In der „Welt“ wurden schwere Vorwürfe gegen die Studie erhoben. „In dieser Regierungsstudie wurden sogar Gesprächspartner erfunden“ hieß es dort in der Überschrift. Peter Maxwill ist den Vorwürfen nachgegangen: „Der SPIEGEL kennt den Namen des angeblich erfundenen Gesprächspartners sowie die Audioversion des Interviews – und es gibt nach derzeitigem Stand keinen ernstzunehmenden Zweifel daran, dass die Politologen Danny Michelsen und Michael Lühmann dieses Gespräch tatsächlich geführt haben.“

2. Anschlagsopfer! Und die Kriegsopfer?
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Urs P. Gasche prangert die Terror-Berichterstattung der Medien an und stellt ein paar unbequeme Fragen: „Warum lösen vereinzelte (Terror-)Anschläge in Europa in den Medien und bei den Politikern eine derart breite Resonanz aus, während die vielen zivilen Opfer von Kriegen nur selten eine Erwähnung finden? Warum wird nicht heftig darüber debattiert, wie Kriege beendet werden können? Und warum nicht darüber recherchiert und informiert, wer die Kriege finanziert und wer die Waffen liefert? Schürt die Art und Weise der Information über die Terroranschläge in Europa irrationale Ängste, welche Regierungen dazu ausnützen können, Freiheiten der Bürgerinnen und Bürger ungebührlich einzuschränken?“ Nachtrag, 15:39 Uhr: Wir haben den Link zum Text von Urs P. Gasche hier in die Sammlung genommen, weil wir die Fragen, die er stellt, richtig und wichtig finden (deswegen auch der Fokus in unserem Teaser auf „ein paar unbequeme Fragen“). In seinem Artikel trifft Gasche allerdings auch Aussagen (zum Beispiel: „Nach der rücksichtslosen Vertreibung des IS aus dem syrischen Aleppo durch die Russen“), die mindestens fragwürdig, wenn nicht völlig falsch sind. Nach Hinweisen unserer Leser bleiben wir dabei, dass es sich lohnt, über die Fragen, die Gasche stellt, nachzudenken. Den Rest seines Textes sollte man sehr kritisch lesen.

3. „Vom Völkermord berichten“
(taz.de, Dominic Johnson)
Dominic Johnson, Ressortleiter Ausland bei der „taz“, wirft einen Blick zurück ins Jahr 1994 als der Völkermord in Ruanda begann. Damals war es noch schwierig, an Informationen zu gelangen, also schickte die „taz“ ihre Ostafrika-Korrespondentin Bettina Gaus auf den Weg. Johnson lässt die damalige Berichterstattung Revue passieren und diskutiert den Begriff der „Gegenöffentlichkeit“, der für ihn mehr denn je heißt: „Selber nachsehen.“

4. «Der mediale Overkill spielt den Terroristen in die Hände»
(tagesanzeiger.ch, Philippe Zweifel)
Das Schweizer Fernsehen verzichtete auf eine Sondersendung zum Terroranschlag in Manchester, was ihm von vielen Zuschauern als mediale Fehlleistung vorgeworfen wurde. Im Interview erklärt der SRF-Chefredakteur seine Beweggründe: „Der mediale Overkill in den westlichen Medien, an dem auch SRF beteiligt ist, spielt den Terroristen letztlich in die Hände. Dem wollten wir etwas entgegensetzen. Einen ersten bewussten Entscheid fällten wir schon letzten Sommer, nämlich die Namen und Bilder von Attentätern nicht mehr zu publizieren. Der «Tages-Anzeiger» und zuvor die Zeitung «Le Monde» gingen uns da ja mit gutem Beispiel voran. Den «Heldenstatus» erreichen die Täter nur, wenn die Medien mitmachen und ihre Namen und ihre Gesichter in die Welt tragen.“

5. Donald Trumps Symbiose mit den Medien
(de.ejo-online.eu, Maximilian Hempel & Andreas Neukam)
Unlängst hat der amerikanischer Journalismus-Professor Robert Byrd im Sendezentrum des ZDF einen Vortrag „Enemy of the People? Trump, ‚Fake News‘ and the Press“. Die deutschen Medien, so sein Credo, sollten aus den Fehlern der US-Medien lernen und sich nicht von Trump zu einer Reality-TV-Show verwandeln lassen. Byrd wünscht sich, dass die Nachrichtenkanäle wieder mehr Wert auf Fakten setzen und weniger auf Emotionen und appelliert an die Journalisten: „Entfolgt Donald Trump auf Twitter oder blockiert ihn sogar!“

6. Namenlose Gewinnerin, es tut uns leid für Dich
(sueddeutsche.de, Juliane Liebert)
Juliane Liebert hat sich das Finale von „Germany’s Next Topmodel“ angesehen und die Botschaft der Sendung herausdestilliert: „GNTM ist so weitab von jeder Schönheit wie nur irgendwas, und die eigentliche Message ist: Kauft James Blunts neues Album. Kauft Wolfgang Joops neue Kollektion. Naomi Campbell lebt noch. Beth Ditto ist fett. Kauft Helene Fischers neues Album. Kauft einen Opel. Kauft einen Opel. Los jetzt! Oh, und ihr seid hässlich, und wenn ihr keinen Opel kauft, werdet ihr für immer hässlich bleiben. Aber so hässlich wie GNTM werdet ihr nie.“

Drei heiße Tipps fürs Sommerloch

Es beginnt immer damit, dass irgendjemand aus der Redaktion an einem Montagmorgen feststellt: Gar nicht so viel los heute. Vier Kollegen im Urlaub. Um 10 Uhr keine Pressekonferenz. Und anscheinend auch sonst keine Termine. Dann schauen sich die Redakteure den Kalender noch einmal ganz genau an und sehen, dass sich daran auch in den darauf folgenden Tagen nichts ändern wird. Zwei Stunden später versiegt überraschend der E-Mail-Fluss. Aber daran, dass die Penis-Verlängerungsangebote auch weiterhin im Minutentakt eintrudeln, ist zu erkennen, dass es an der Technik wohl nicht liegen wird. Und so wird langsam allen klar: Das muss das Sommerloch sein.

Ralf Heimann hat vor ein paar Jahren aus Versehen einen Zeitungsbericht über einen umgefallenen Blumenkübel berühmt gemacht. Seitdem lassen ihn abseitige Meldungen nicht mehr los. Er hat mehrere Bücher veröffentlicht, zuletzt zusammen mit Jörg Homering-Elsner „Bauchchirurg schneidet hervorragend ab — Perlen des Lokaljournalismus“. Fürs BILDblog kümmert er sich um all die unwichtigen Dinge, die in Deutschland und auf der Welt so passieren.
(Foto: Jean-Marie Tronquet)

Das Sommerloch öffnet sich in jedem Jahr ungefähr zur gleichen Zeit, kommt aber trotzdem immer unerwartet. Kein Redakteur hat je damit gerechnet. Daher ist auch noch nie etwas vorbereitet worden. Es müssen schnelle Lösungen her.

Vor allem Lokalredaktionen haben das Glück, sich in diesem frühen Stadium noch ein paar Tage mit Umfragen über Wasser halten zu können. Freie Mitarbeiter schwärmen in die Fußgängerzonen aus, um dort Menschen, die für einen kurzen Moment unachtsam sind, um ihren Content zu erleichtern:

„Was ist Ihre Lieblings-Eissorte?“

„An welchem Ort genießen Sie die Sonne?“

„Wohin geht’s dieses Jahr in den Urlaub?“

Viele Leser warten schon seit Monaten darauf, dass diese Fragen endlich beantwortet werden. Die Redakteure wissen das natürlich und räumen den Umfragen entsprechend viel Platz ein. Aber nach ein paar Tagen geht auch dieser Vorrat zur Neige. Und dann bleibt nur noch eine allerletzte thematische Reserve: getürmte Tiere im Tümpel.

Sobald die Nachricht die Runde macht, dass wieder irgendein Viech ausgebüxt ist, sprechen sie in den Redaktionen die ersten Gebete, es möge bitte so lange wie möglich verschollen bleiben, damit sein Verschwinden auch in den nächsten Tagen noch Anlass für Berichte über die Suchaktionen, das weitere Vorgehen und Spekulationen liefert. Meistens wird es dann aber doch schnell wiedergefunden.

Das stellt die Redaktion vor größere Probleme, denn wie soll es weitergehen — ganz ohne Inhalte? Das rettende Ufer des Ferienendes ist noch nicht mal in Sichtweite. Es herrscht Ratlosigkeit. Die Redaktion stürzt in eine tiefe Krise. Und da kommen wir ins Spiel.

Hier wären drei praktische Tricks, die in Not geratenen Redaktionen garantiert helfen, das Sommerloch zu überwinden …

1. Die Ausschluss-Frage
Schauen Sie doch mal nach, ob im Postfach noch zwei Polizei-Meldungen liegen. Irgendwas aus den vergangenen Tagen. Der Handtaschen-Raub in der Innenstadt, der angefahrene Hund an der Gartenstraße. So was in der Art. Sie wissen schon. Haben Sie was gefunden? Gut. Dann rufen Sie doch mal die Polizei-Pressestelle an und fragen:

„Können Sie ausschließen, dass es zwischen den Taten einen Zusammenhang gibt?“

Können sie nicht? Aha. Das ist ja interessant. Vielleicht können die Polizisten sogar nicht einmal ausschließen, dass dieser Täter auch für den umgeworfenen Grabstein auf dem Friedhof neulich verantwortlich war und für den Sparkassen-Überfall am vergangenen Dienstag? Finden Sie nicht, dass Ihre Leser das wissen sollten? Schreiben Sie es auf — am besten so, wie der Polizei-Pressesprecher es Ihnen gesagt hat.








Und wo Sie den Mann schon mal dran haben: Fragen sie doch mal, ob die Polizei ausschließen kann, dass der Taschendieb neulich im Stadtpark ein Triebtäter war. Kann die Polizeistelle auch nicht ausschließen? Oha. Das ist dann ja vielleicht sogar was für die Seite eins.

2. Die Metamorphosen-Meldung
Sie finden gar keine Polizei-Meldungen in Ihrem Postfach? Kein Problem. Auch für den Fall hätten wir was. Haben wir hier im vergangenen Jahr schon erwähnt. Ist aber immer noch aktuell. Die Ausschnitte hier sind erst ein paar Tage alt.








Und warum soll das Format nicht auch in anderen Ressorts funktionieren?

Vielleicht haben Sie noch Fotos, die den Stadtpark im Winter zeigen. Vielleicht finden Sie sogar noch welche aus dem Herbst. Machen Sie eine Serie draus. So sieht der Stadtpark doch jetzt nicht mehr aus, oder?

Oder machen Sie einen Screenshot von Ihrer Nachrichten-Website. Mit jeder neuen Meldung in ihrem Angebot wird der historische Screenshot zu wertvollem Content.

Ach, und fragen Sie die Kollegen aus dem Sport. Suchen Sie sich die Tabelle der Fußball-Landesliga raus, am besten die von vor drei Wochen. Da hat sich doch kurz vor Saison-Ende noch einiges getan, oder? Sehen Sie. Die Leute lesen so was.

Und wenn die Kollegen aus dem Sport gerade im Urlaub sind, auch nicht schlimm. Fotografieren Sie einen Politiker, geben Sie ihm einen Kamm in die Hand, und danach fotografieren Sie ihn noch mal. Das geht ganz schnell. Und das funktioniert auch im überregionalen Politik-Teil.

Sagen Sie das am besten auch den Kollegen aus den anderen Ressorts. Die freuen sich. Bei denen ist über die Sommermonate ja auch nicht viel los.

3. Spekulative Hard Facts
Die Metamorphosen-Meldung gefällt Ihnen auch nicht so gut? Dann hätten wir noch einen dritten Vorschlag. Der ist garantiert was für Sie. Gibt es nicht noch irgendeine Meldung, die Sie wirklich gerne bringen würden? Denken Sie mal nach. Diese Brücke, die schon so lange gesperrt ist, die müsste doch langsam mal wieder freigegeben werden. Oder diese Straße. Irgendwie hat man auch den Eindruck, dass das Freibad demnächst für länger schließen könnte. Oder? Und in Richtung der Straßenbahn-Haltestelle hat’s doch gestern Abend so einen lauten Knall gegeben. Klang das nicht ein bisschen wie ein Pistolenschuss? Finden Sie auch? Will aber keiner bestätigen? Egal. Schreiben Sie’s einfach. Die anderen machen’s ja auch. 




„Das habe ich aber nicht gesagt“

Die Fußballer des SC Freiburg haben am letzten Bundesligaspieltag zwar 1:4 gegen den FC Bayern München verloren, insgesamt haben sie aber eine ziemlich gute Saison gespielt. In der Abschlusstabelle stehen die Freiburger auf Rang 7 und können noch, vorausgesetzt Borussia Dortmund gewinnt am Samstag den DFB-Pokal, auf die Qualifikation für die Europa League hoffen.

Bild.de schrieb am späten Dienstagabend, dass Freiburgs Trainer Christian Streich eine noch viel bessere Platzierung voraussah:

Im Artikel bezieht sich die Redaktion auf eine Aussage des Freiburger Stürmers Nils Petersen, die er ihr im Interview gegeben haben soll:

Freiburg Siebter — zum Saisonstart undenkbar. Aber nicht für Christian Streich (51)! Der Trainer sah Europa voraus!

Nils Petersen (28): „Am ersten Spieltag haben wir in Berlin in der Nachspielzeit verloren. Eine Woche später hat der Trainer eine Ansprache gehalten.“

Petersen: „Der Trainer hat gesagt, dass wir unter den ersten Drei landen. Wenn wir gut spielen. Jeder hat gedacht: Oh, mutige Ansage.“

Gestern hat sich Petersen auf seiner Facebook-Seite zum Bild.de-Artikel geäußert:

Facebook-Post von Nils Petersen - Guten Morgen. Ich möchte kurz was richtigstellen. In der Bild-Zeitung von heute werde ich wie folgt zitiert: Der Trainer hat gesagt, dass wir unter den ersten Drei landen. Wenn wir gut spielen. Jeder hat gedacht: Oh, mutige Ansage. Das habe ich aber nicht gesagt. Richtig ist: Der Trainer hat gesagt, dass wir im oberen Drittel landen. Das Missverständnis wollte ich kurz ausräumen. Euch allen einen entspannten Tag.

Auch Frank Schneider, stellvertretender Sportchef bei „Bild Süd“, hat Petersens Post entdeckt. Er kommentierte:

Guten Morgen von BILD. Nils Petersen hat Recht. Wir haben eben das Band nochmal abgehört. Unser Fehler, wird online sofort korrigiert. Sorry dafür! Ein Orakel bleibt der Trainer mit seiner Aussage aber natürlich trotzdem…Gruß, Frank Schneider

Und tatsächlich: Der Bild.de-Artikel wurde — still und heimlich und ohne jeglichen Hinweis — korrigiert.

Mit Dank an @fuszball für den Hinweis!

Nachtrag, 26. Mai: Ein Leser wies darauf hin, dass das obere Drittel der Bundesliga, in der 18 Mannschaften spielen, die Plätze 1 bis 6 umfasst. Der SC Freiburg wurde 7. und landete somit nicht im oberen Drittel.

Da Bild.de die Orakelhaftigkeit von Christian Streich auf die Teilnahme in einem europäischen Wettbewerb bezogen hat (was für die Freiburger ja noch möglich ist), haben wir die Diskrepanz zwischen Platz 7 und dem obersten Drittel in diesem Blogpost nicht weiter thematisiert.

Mit Dank an Hendrik U. für den Hinweis!

Ehrenmänner unter sich

Alfred Draxler. Sie wissen schon: Der Chefredakteur der „Sport Bild“, der einst seine „REPUTATION ALS JOURNALIST UND REPORTER AUFS SPIEL“ setzte und dieses Spiel verlor, hat ein großes Interview mit Dietmar Hopp, dem Mäzen des Bundesligaklubs TSG Hoffenheim, geführt. In der aktuellen Ausgabe der „Sport Bild“ präsentiert er es auf vier Seiten und obendrauf gibt es auch noch einen Kommentar von Alfred Draxler zu Hopp:

Draxler schreibt:

Den Unterschied zwischen RB Leipzig und der TSG Hoffenheim nennt Dietmar Hopp im Interview mit SPORT BILD selbst: „Bei Leipzig steckt ein wirtschaftliches Interesse dahinter.“

Das kann der „Sport Bild“-Chef nur bestätigen:

Damit man mich nicht falsch versteht: Ich habe nichts gegen Leipzig und freue mich über die Erfolge des Klubs. Aber in der Tat hat Hopp über den Fußball niemals Werbung für sich selbst oder für das DAX-Unternehmen SAP, dessen Mitbegründer er ist, betreiben wollen.

Stattdessen habe Dietmar Hopp „seinen enormen Reichtum stets für die Region und für soziale Aufgaben eingesetzt.“

Denn Dietmar Hopp ist ein absoluter Ehrenmann!

Hopp hat also „in der Tat“ nie „über den Fußball“ „für das DAX-Unternehmen SAP“ Werbung betreiben wollen? Schauen wir doch mal in den offiziellen Online-Fanshop der TSG Hoffenheim:

Dieses „SAP“ dort auf dem Trikot muss da aus Versehen hingeraten sein. Um stinknormale Trikotwerbung kann es sich laut Draxler ja nicht handeln.

Und auch auf der Homepage der TSG Hoffenheim findet man nichts zu SAP. Also bis auf das Logo des Unternehmens:

Und wenn man draufklickt, landet man auf der Homepage von SAP. Wenn man dort schon ist, kann man auch mal im SAP-Fanshop (gibt es wirklich — für wen auch immer SAP-Fanartikel interessant sein sollen) vorbeischauen. Dort gibt es eine SAP-Mütze mit dem Vereinswappen der TSG Hoffeneheim zu kaufen.

Vielleicht stimmt es ja, was Alfred Draxler schreibt: Der „absolute Ehrenmann“ Dietmar Hopp hat „über den Fußball niemals Werbung für sich selbst oder für das DAX-Unternehmen SAP, dessen Mitbegründer er ist, betreiben wollen“. Gemacht hat er es aber durchaus.

Mit Dank an @J_Ehemann für den Hinweis!

Claudius Seidl möchte nicht über die Homophobie in der „FAS“ diskutieren

Es ist schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren, weil es Homophobie in Deutschland ja quasi gar nicht gibt. Äußert sich jemand homophob, dann hat er es nicht so gemeint. Und hat er es so gemeint, dann war es eben nicht homophob.

Homophobie-Debatten enden in Deutschland meist da, wo sie eigentlich anfangen müssten: Statt sich mit möglicherweise problematischen, weil möglicherweise homophoben Aussagen eines Menschen zu beschäftigen, wird der Mensch von seinen Aussagen getrennt. Der Mensch kann es ja gar nicht so gemeint haben, weil dies und weil das.

All das, was Theaterautor, Blogger und Marketingexperte Johannes Kram schon so gemacht hat, würde nicht in diese Box passen. Deswegen hier unvollständig und im Schnelldurchlauf: Nicht nur, aber auch wegen seiner Medien-Kampagne ist Guildo Horn zum „Eurovision Song Contest“ gekommen. Den sogenannten „Waldschlösschen-Appell“ gegen Homophobie in Medien hat er initiiert. Sein „Nollendorfblog“ bekam eine Nominierung für den „Grimme Online Award“. Und mit „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ hat er Boulevard-Kritik auf die Bühne gebracht. Dafür ein herzliches Dankeschön vom BILDblog.

So bleibt eine möglicherweise homophobe Aussage im Raum, die nicht als Problem diskutiert wird, weil der dahinterstehende Mensch als unproblematisch verteidigt werden konnte. Diese irrige Gleichung gilt auch umgekehrt: Gilt ein Mensch einmal als homophob, ist es auch alles, was er über Homosexuelle äußert. Der Homophobe wird so zum Outlaw.

Es ist schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren: Nicht, weil man sich nicht damit beschäftigen müsste, sondern weil die, die es betrifft, ja nicht Teil eines vernünftigen Diskurses sind. Man muss, so scheint es, dumm sein, um homophob zu sein.

Doch das muss man nicht. So geben beispielsweise kluge Köpfe in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ immer wieder sehr monumentalen homophoben Mist von sich.

Es ist schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren, auch weil homophobe Aussagen meist verdruckst daherkommen. Selten sind sie von so unbestechlicher Klarheit wie die, die 2014 auf der Facebook-Seite der georgischen Sopranistin Tamar Iveri anlässlich eines Gay Prides in ihrer Heimat gepostet wurde:

Ich war stolz darauf, wie die georgische Gesellschaft auf die Parade gespuckt hat … Bitte stoppt die Versuche, mit Propagandamitteln westliche „Fäkalmassen“ in die Mentalität der Menschen zu bringen.

Wenn das nicht homophob ist, dann gibt es wirklich keine Homophobie; das müsste — so möchte man meinen — doch selbst die „FAZ“ erkennen und benennen können.

Doch in der Sonntagsausgabe der Zeitung erklärte die Opernkritikerin Eleonore Büning im vergangenen September nicht dieses Zitat zum Problem, sondern diejenigen, die damit ein Problem haben. Zum Beispiel die Leitung der Oper in Sydney, die die Sopranistin aufgrund des Posts nicht mehr im Hause haben wollte:

Und ganz übel ist es, dass die Sopranistin Tamar Iveri die Desdemona am Opernhaus in Sydney nicht singen durfte, wegen einer angeblich homophoben Bemerkung, die auf ihrer Facebookseite gepostet wurde, und das nicht mal von ihr selbst.

„Angeblich homophobe Bemerkung“? Geht’s noch?

Es ist schwierig, über Homophobie zu diskutieren, auch weil sich dafür kein passendes Wort durchgesetzt hat. „Homophobie“ beschreibt eine Angst, also bestenfalls einen Aspekt des Phänomens.

Homophobie im Kulturjournalismus
Eine lesbische „Zeit“-Autorin verursacht einen Skandal, als sie über eine schwule Oper schreibt und der (vermutlich heterosexuelle) Chef des „Deutschen Bühnenverbandes“ ihr mit homophoben Argumentationsmustern Homophobie vorwirft. Dies ist nur eines der Ereignisse, aufgrund derer gerade in Berlin über Homophobie im Kulturbetrieb diskutiert wird. Ein anderes ist ein Artikel der Opernkritikern Eleonore Büning, die im vergangenen September in der „FAS“ eine Art schwule Opernverschwörung konstruiert hatte. Mittendrin in dieser Diskussion ist unser Kolumnist Johannes Kram. Hier schreibt er, warum über all das so schwer zu schreiben ist.

Dass sich der Begriff „Homophobie“ so wacker hält, um etwas zu beschreiben, was eigentlich „Homosexuellenfeindlichkeit“ heißen müsste, liegt auch daran, dass renommierte Zeitungen wie (nicht nur, aber auch) die „FAZ“ das Wort „Homosexuellenfeindlichkeit“ so gut wie nie verwenden. Eine Suche auf faz.net führt im Direktvergleich von „Homophobie“ und „Homosexuellenfeindlichkeit“ zu einem Ergebnis von 171 zu 6 Treffern. Man kann, ich finde sogar: man muss darüber streiten, ob „Homophobie“ das passende Wort ist.

Aber kann man wirklich darüber streiten, für was das Wort „Homophobie“ steht, auch wenn es gut wäre, wenn es dafür ein anderes gäbe?

Nach dem Erscheinen des Artikels von Eleonore Büning hatte ich Claudius Seidl, den Chef des „FAS“-Feuilletons, gefragt, ob er die Einschätzung von Frau Brüning teilt, dass die „Fäkalmassen“-Bemerkung nur „angeblich homophob“ sei?

Seidl beantwortete meine Mail-Anfrage nur wenige Minuten später, zur Frage selbst wollte er sich allerdings nicht äußern, denn:

Mit dem Wörtchen homophob kann ich nichts anfangen — eine Phobie ist ja, wenn ich mich nicht irre, eine krankhafte übersteigerte Angst, für die der Mensch, der sie hat, nichts kann. Wer hingegen homosexuellenfeindlich redet oder handelt, kann in den meisten Fällen etwas dafür.

Ich schrieb ihm zurück, dass auch ich lieber einen anderen Begriff benutzen würde, versuchte aber weiter, eine Antwort auf meine Frage zu bekommen:

Da aber in den allermeisten Medien (auch in Ihrem) und in den allermeisten Zusammenhängen (auch in dem, auf das Frau Büning Bezug nimmt) homophob sagt, was homosexuellenfeindlich meint, erlaube ich mir, noch einmal so zu fragen: Halten Sie diese Bemerkungen für homophob bzw. homosexuellenfeindlich?

An dieser Stelle beendete Claudius Seidl die Kommunikation.

Ein Wort, das in der eigenen Zeitung permanent verwendet wird, um einen bestimmten Sachverhalt zu beschreiben, wird ausgerechnet dann für ungeeignet erklärt, wenn dieser Sachverhalt das eigene Medium betrifft.

Es ist echt schwierig, in Deutschland über Homophobie zu diskutieren.

***

Der „FAS“-Artikel von Eleonore Büning ist einer der Anlässe für die Podiumsdiskussion „Die Verschwörung der Opernschwulen“ im Schwulen Museum* am 25. Mai in Berlin, bei der BILDblog-Kolumnist und Nollendorfblogger Johannes Kram, „Welt“-Opernkritiker Manuel Brug und „Zeit“-Opernkritikerin Christine Lemke-Matwey über Homophobie im Kulturbetrieb debattieren.

Zitatrecht, Verfallsdatum, Digital News Initiative

1. Bleibt sachlich!
(taz.de, Sabine am Orde)
Der journalistische Umgang mit der AfD ist nicht einfach. Die Partei sieht die Medien als „Lügenpresse“ und operiert gezielt mit Tabubrüchen, die Aufmerksamkeit verschaffen sollen. Sabine am Orde plädiert dennoch für einen sachlichen Umgang und hat fünf Gedanken dazu notiert. Darunter auch die Empfehlung, genauer hinzuschauen: „Die AfD benennt auch gesellschaftliche Probleme, die es wirklich gibt und die einen Teil der Bevölkerung umtreiben. Die Profillosigkeit mancher Parteien. Der Sexismus mancher Migrant*innen. Die schlechten Aussichten mancher Flüchtlinge auf dem Arbeitsmarkt. Probleme bei der Inklusion. Haben wir diese und andere Probleme deutlich genug benannt? Oder manchmal aus Sorge, es könnte die Situation weiter verschlimmern, einen Teil der Realität ausgeblendet? Und damit Platz gelassen für die einfachen Antworten der Rechtspopulist*innen? Es hilft alles nichts: Wir müssen dahin schauen, wo es wehtut. Und zwar ganz genau.“

2. Journalist durfte Zitat des AfD-Politikers Frohnmaier verwenden
(wbs-law.de, Christian Solmecke)
Ein Journalist hat ein vermeintliches Zitat eines AfD-Politikers verwendet und diesem zugeordnet, wogegen sich der Politiker mit einer Einstweiligen Klage wehrte und das Ganze beim Landgericht Köln landete. Dort wurde nun entschieden, dass der Journalist das Zitat verwenden durfte, da es zwar aus keiner „privilegierten“, aber glaubwürdigen Quelle stamme. Das Urteil, kommentiert Rechtsanwalt Christian Solmecke, stärke die Position kleinerer, lokaler Nachrichtenportale und Nachrichtenunternehmen. Selbständigen Journalisten, die nicht auf die Recherchekraft größerer Zeitungsredaktionen zurückgreifen können, werde damit die Pressearbeit erleichtert.

3. Eine Revolution mit eingebautem Verfallsdatum
(wolfgangmichal.de)
Der Mitgliederbeschluss der VG Wort „zugunsten der Urheber“ sei von Verlegerverbänden fast stärker bejubelt worden als von Autorenverbänden, so Wolfgang Michal. Die Frage nach dem „Warum“ könne beantwortet werden: Es handele sich um eine „Revolution mit eingebautem Verfallsdatum“. Die von der EU-Kommission im September 2016 vorgelegte Urheberrechts-Richtlinie, die sich derzeit in der heißen Phase des parlamentarischen Verfahrens befindet, werde den „revolutionären“ neuen Verteilungsplan der VG Wort nämlich wieder kippen.

4. Deniz Yücel seit 100 Tagen im Gefängnis
(reporter-ohne-grenzen.de)
Der von den türkischen Behörden inhaftierte Deniz Yücel verbringt am heutigen Mittwoch seinen 100. Tag im Gefängnis. Anlass für „Reporter ohne Grenzen“ nochmal die umgehende Freilassung zu fordern und an die anderen inhaftierten Journalisten zu erinnern. Weitere Leseempfehlung: Die „taz“ hat einen Offenen Brief der #FreeDeniz-Unterstützerin Doris Akrap an Bundeskanzlerin Angela Merkel veröffentlicht.

5. „Unsere Denkweise war ganz simpel“
(verguetungsregeln.wordpress.com, Martin Schreier)
Um die Vergütungsregeln für hauptberuflich freie Journalisten gab es ein jahrelanges Tauziehen zwischen dem „Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger“ (BDZV) und den zwei großen Journalistengewerkschaften: der „Deutschen Journalistinnen- und Journalisten-Union“ (dju in ver.di) und dem „Deutschen Journalisten-Verband“ (DJV). Nun haben die Verleger die mühsam verhandelten, gemeinsamen Vergütungsregeln gekündigt. Der freie Journalist Martin Schreier hat dazu einen Verantwortlichen des Verlegerverbands interviewt.

6. Mit freundlicher Unterstützung von Google
(deutschlandfunk.de, Axel Schröder)
Google schüttet im Rahmen der „Digital News Initiative“ 150 Millionen Euro für die Entwicklung innovativer Journalismus-Projekte aus. Die Kooperation ist aus journalistischer Sicht nicht unproblematisch. „Offen bleibt, wie abhängig kleinere Verlage und Zeitungen in Zukunft von Google und Facebooks Geldern und Geschäftsmodellen sein werden. Die beiden Konzerne geben ihre Millionen wohl kaum aus rein idealistischen Gründen. Die Entwicklung passgenauer Online-Techniken für die Verbreitung von Inhalten kann in jedem Fall zu einer höheren Verweildauer auf Facebook, zur vermehrten Google-Nutzung führen. Und die beschert beiden Konzernen neue Einnahmen, die am Ende höher sein könnten als die Kosten für die so großzügig gefüllten Fonds.“

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