„Bild“ urlaubt mit Rainer Wendt in sicheren Herkunftsländern

Heute ist das neue Buch von Rainer Wendt erschienen. Es heißt „Deutschland schafft sich ab“ „Deutschland in Gefahr“. Und es wird von „Bild“ und Bild.de ordentlich beworben:


Hauptberuflich ist Rainer Wendt Talkshowgast. Das lässt sich nämlich besonders gut mit seiner Nebentätigkeit als Bundesvorsitzender der „Deutschen Polizeigewerkschaft“ (eine von mehreren Polizeigewerkschaften in Deutschland) verbinden. In dieser Rolle fordert er immer wieder strikte Law-and-Order-Maßnahmen: Wenn Wendt so vor sich hindampfplaudert, bringt er schon mal „einen Zaun entlang der deutschen Grenze“ ins Spiel oder „strenge Leibesvisitationen“ beim Einlass ins Fußballstadion.

Jetzt also ein ganzes Buch mit lauter Wendt’schen Vorschlägen. Und damit das auch so richtig durch die Decke geht, veröffentlichen die „Bild“-Medien Auszüge daraus — riesige Ankündigung auf der heutigen Titelseite inklusive.

Gemessen an der Abrechnungsankündigung ist der Text relativ zurückhaltend. Neben ziemlich inhaltsleeren („Ist schon irgendwie recht spät, aber immerhin.“) und etwas verqueren Sätzen („Beschäftigte des Rechtsstaates, die in ausreichender Zahl vorhanden, respektiert und abgesichert und vernünftig bezahlt und versorgt werden müssen.“) sticht ein Gedanke von Rainer Wendt besonders raus:

Selbstverständlich sind Tunesien, Marokko und Algerien sichere Herkunftsländer — es sind deutsche Urlaubsländer!

Was auch immer „deutsche Urlaubsländer“ sein mögen — daran sollte sich die Politik laut Rainer Wendt, immerhin Vertreter von 94.000 Polizisten in Deutschland, also orientieren: „Waren da schon mal Deutsche im Urlaub? Na dann, sicheres Herkunftsland!“ Für den Südsudan oder Somalia werden sich doch bestimmt auch noch ein paar abenteuerlustige deutsche Rucksacktouristen aus den vergangenen Jahren finden lassen.

Aber selbst wenn man bei den Ländern bleibt, die Wendt in seinem Text nennt: Was haben Urlaubsstatistiken und gut besuchte Edel-Wellness-Spa-Ressorts mit Menschenrechten oder der Sicherheitslage der Einheimischen zu tun?

Und dazu sind vor allem Algerien und Tunesien in Teilen aktuell alles andere als empfehlenswerte Urlaubsziele. Zu Algerien hat das „Auswärtige Amt“ beispielsweise eine Teilreisewarnung herausgegeben:

Aufgrund der angespannten Sicherheitslage in der gesamten Region und anhaltender Drohungen von terroristischen Gruppen wird bei Reisen nach Algerien zu erhöhter Vorsicht geraten.

Es besteht weiterhin die Gefahr von Entführungen und Attentaten durch terroristische Gruppierungen, die sich auch gegen westliche Ausländer richten können.

Und zu Tunesien schreibt es:

Die tunesische Regierung unternimmt weiterhin umfangreiche Anstrengungen, um Touristen vor dem Risiko terroristischer Anschläge zu schützen. Das Auswärtige Amt rät jedoch angesichts der weiter bestehenden terroristischen Gefährdung zu erhöhter Aufmerksamkeit, insbesondere in der Nähe touristischer Anziehungspunkte und religiöser Kultstätten sowie an symbolträchtigen Daten

Wo wäre Rainer Wendt mit seinen Parolen besser aufgehoben als bei „Bild“ und Bild.de? Die Werbekampagne ist übrigens als Serie angelegt — morgen geht’s in den „Bild“-Medien weiter mit Teil 2.

Bild.de und die offizielle Nominierung für den Friedensnobelpreis

Ein wichtiger Punkt vorweg: Es soll in diesem Beitrag nicht um eine Bewertung der Arbeit der sogenannten „White Helmets“ gehen, einer Organisation, die sich selbst „Syria Civil Defence“ nennt und im grauenvollen und elendigen Konflikt in Syrien nach verwundeten und verschütteten Menschen sucht und diesen hilft. Nach eigenen Angaben haben die „White Helmets“ bereits über 56.000 Menschen vor dem Tod gerettet.

Es soll auch nicht um die Frage gehen, ob die „White Helmets“ für ihren enormen Einsatz einen Friedensnobelpreis verdient haben, sondern um die Unfähigkeit von Bild.de, ordentlich zu informieren.

Am vergangenen Dienstag veröffentlichte das Portal diesen Artikel ganz groß ganz oben auf der Startseite:

Darin auch folgende Passage:

Die Retter der syrischen Zivilverteidigung, die sogenannten „White Helmets“, rücken täglich in den von Rebellen gehaltenen Gebieten Syriens aus. Mission: Denen zu helfen, die durch die Luftangriffe Assads und Putins oder durch Raketen und Autobomben von ISIS verletzt wurden.

Darum sind sie für den diesjährigen Friedensnobelpreis nominiert. Die Entscheidung, ob sie die hohe Auszeichnung bekommen, gibt es am 9. Oktober 2016.

Nun ist das mit Medienberichten über Nominierungen für den Friedensnobelpreis so eine Sache. Daher erstmal ganz grundsätzlich zum Nominierungsprozess: Die Gruppe der Personen, die Vorschläge einsenden darf, ist vom „Norwegischen Nobel-Institut“ recht klar abgesteckt. Das erklärt Olav Njølstad, der Direktor des Instituts, in einem „Questions and Answers about the Nomination Process for a Nobel Peace Prize“:

Who can nominate?
Nominations for the Nobel Peace Prize requires no invitation. Eligible nominators are university rectors or chancellors, professors of political and social science, history, philosophy, law and theology; leaders of peace research institutes and institutes of foreign affairs; members of national assemblies, governments, and international courts of law; previous Nobel Peace Prize Laureates; board members of organizations and institutions that have received the Nobel Peace Prize; present and past members of the Norwegian Nobel Committee; and former advisers of the Norwegian Nobel Institute.

Für den diesjährigen Friedensnobelpreis sind 376 vorgeschlagene Kandidaten zusammengekommen (228 Einzelpersonen und 148 Organisationen) — so viele wie noch nie. Das „Norwegische Nobel-Institut“ veröffentlicht direkt vor der Verleihung allerdings keine offizielle Liste, wer alles nominiert ist. Nie:

Is there a list of all of the nominees for this year’s Nobel Peace Prize?
Contrary to common belief, there is no public list of the current year’s nominees. The complete list of eligible nominees of any year’s prizes is not disclosed for another 50 years — a restriction as governed by the Nobel statutes since 1901.

Vom zuständigen Institut gibt es also keine Mitteilung, die die Aussage von Bild.de-Autor Julian Röpcke, dass die „White Helmets“ nominiert seien, offiziell bestätigt. Nicht einmal die Nominierten selbst erfahren vom „Norwegischen Nobel-Institut“ vorab von ihrer Nominierung. Lediglich die Person, die den Vorschlag eingeschickt hat, könnte die Information weitergeben:

Do you share any information about who is nominated for the Peace Prize this year?
No. In fact, none of the Nobel Committees do announce the names of nominees, neither to the media nor to the candidates themselves. In so far as certain names crop up in the advance speculations of potential nominees or candidates — it’s either sheer guesswork or information put out by the person or persons behind a nomination.

All diese Aussagen von Njølstad sind ziemlich eindeutig. Sicherheitshalber haben wir trotzdem in Oslo angerufen und nachgefragt, ob es nicht sein könne, dass die „White Helmets“ von einer möglichen Nominierung offiziell erfahren haben. Es sei alles so wie immer, sagte man uns: keine offiziellen Informationen an oder über die Nominierten, keine Aussage zu den „White Helmets“. Man kenne die Vorberichte vieler Medien und wundere sich immer wieder darüber. Und man appelliere jedes Mal an die Personen, die Vorschläge einschicken, dies nicht weiterzuerzählen, doch manchmal bringe das eben nichts.

Dass das „Norwegische Nobel-Institut“ kein besonders großes Interesse an einer Veröffentlichung der Nominierten hat, dürfte unter anderem auch daran liegen, dass eine Nominierung für den Friedensnobelpreis noch nicht viel aussagt, wie Direktor Olav Njølstad erklärt:

What does it mean to be nominated for a Nobel Peace Prize?
Any person or organization can be nominated by anyone eligible to nominate. The Norwegian Nobel Committee has no say in submissions that arrives according to the criteria, strictly in who is actually awarded the prize in October. To simply be nominated is therefore not an endorsement or extended honour to imply affiliation with the Nobel Peace Prize or its related institutions.

Theoretisch könnte also zum Beispiel auch Simbabwes Präsident Robert Mugabe Ex-„Bild“-Chef Kai Diekmann und Bild.de-Chef Julian Reichelt für ihre Werbekampagne „Wir helfen“ nominieren. Über die Qualität von Diekmanns und Reichelts Arbeit sagt das aber erstmal überhaupt nichts aus.

Es ist gut möglich, dass jemand, der dazu berechtigt ist, die „White Helmets“ für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat (auf einer extra eingerichteten Website zählt die Organisation jedenfalls eine Reihe „nominators“ auf, von denen einige nominierungsberechtigt sein dürften). Dass das aber erstmal nichts bedeutet, außer dass jemand sie für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen hat, erklärt Julian Röpcke seinen Lesern nicht. Im Gegenteil: Er verkauft es in seiner Bild.de-Aufmacherstory als ein Qualitätsmerkmal, das es schlicht nicht ist.

Und auch die Sache mit der offiziellen Bestätigung einer Nominierung scheint er nicht so recht verstanden zu haben:

Das hat Röpcke vor fünf Tagen angekündigt. Überraschung: Bis heute gab es keine „offizielle, verbindliche Bekanntgabe“.

Für Sie geklickt (5)

Unsere Clickbait-Taskforce war wieder für Sie im Einsatz — damit Sie Lebenszeit und Gehirnzellen sparen.

Heute: die vergangene Woche auf der Facebookseite von „TV Movie“.

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Es hieß, dass „Harry Potter Go“ ein Nachfolger von „Pokémon Go“ werden soll.

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Vielleicht ja, vielleicht nein.

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Sarah Michelle Gellar ist in ihrer Rolle als Kathryn manipulativ wie einst im Film.

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Das Gerücht über „Harry Potter Go“, einen vermeintlichen „Pokémon Go“-Nachfolger, ist nicht wahr.

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Er hat mit dem Rauchen aufgehört.

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Auf die Frage nach einer Neuauflage von „Buffy — Im Bann der Dämonen“ sagte Sarah Michelle Gellar: „Man weiß nie!“

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„Lethal Weapon“.

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Er arbeitet in der Gastronomie.

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Cathy Lugner, die Ehefrau von Richard „Mörtel“ Lugner.

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„Lilo & Stitch“.

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„Lilo & Stitch“.

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Joachim und Daniela Löw.

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„The Undertaker“, zumindest möglicherweise.

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Die Serie geht in 28 US-Städten auf Konzerttour — unter anderem in Chicago, Detroit, Kansas City, Las Vegas und New York.

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Nick Johnson. Indem er „Pokémon“ auf der ganzen Welt gefangen hat.

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Ganz gut.

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Weiß man nicht, denn es wurde ruhig um sie.

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1. „Orange is the New Black“
2. „Marvel’s Daredevil“
3. „Better Call Saul“
4. „Jessica Jones“
5. „House of Cards“
6. „Unbreakable Kimmy Schmidt“
7. „Master of None“
8. „Stranger Things“
9. „BoJack Horseman“
10. „Making a Murderer“

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Es dürfte in Staffel 7 nicht so einen „krassen Cliffhanger“ geben wie in Staffel 6.

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Für das ausverkaufte Theaterstück „Harry Potter and the Cursed Child“ werden überteuerte Tickets im Internet angeboten.

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Er arbeitet bei der Deutschen Botschaft in Singapur.

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Er versuchte einiges, um seine Karriere in Gang zu bringen. Hat bisher aber nicht so richtig geklappt.

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Bayern.

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In Parkanlagen in Bamberg, Bayreuth, Coburg und Würzburg und am Schloss Nymphenburg in München.

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In Parkanlagen in Bamberg, Bayreuth, Coburg und Würzburg und am Schloss Nymphenburg in München.

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Iran.

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Der frühere „Berlin — Tag & Nacht“-Darsteller hat bei Facebook ein Foto von einer Bratwurst gepostet.

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Bitte. Keine Ursache.

Sensationsgier, Trickbücher, van der Horst

1. Warum lassen wir Anschläge viral gehen?
(blog.br.de, Michael Bartlewski, Video, 8:22 Min.)
„Puls“ geht der Frage nach, warum wir Anschlägen derart viel Aufmerksamkeit schenken, dass sie „viral“ gehen: „Anschläge oder Amokläufe: Wenn etwas passiert, haben wir das Handy in der Hand. Livestream auf Periscope oder Facebook, Rätselraten auf Twitter, Gerüchte über Whatsapp. Meistens wenig sachlich, manchmal sogar falsch – trotzdem geraten wir in den krassen Sog von Gewalt und Voyeurismus. Was macht das mit uns? Und warum können wir nicht anders, als doch draufzuhalten und draufzuklicken?“

2. „Die Zeitung Abwab ist eine Hilfe für den Alltag der Flüchtlinge“
(wuv.de, Petra Schwegler)
Seit Ende 2015 gibt es „Abwab“, die erste bundesweite monatlich erscheinende Zeitung in arabischer Sprache für Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und dem Nahen Osten. Die Auflage ist auf mittlerweile 70.000 Exemplare angewachsen. „Abwab“ wird an über 600 Stellen bundesweit verteilt. Mitentwickler Necati H. Dutar gibt Auskunft darüber, wie es um das ambitionierte Projekt steht und an welchen Stellen man sich Unterstützung wünsche.

3. Reich werden mit Amazon
(heise.de, Martin Stett)
Amazons „Kindle Direct Publishing“ lädt Betrüger geradezu dazu ein, mit lieblos zusammenkopierten Texten Kasse zu machen. Seit der Einführung des Leihsystems „Kindle Unlimited“ hätten die Betrügereien jedoch eine Dimension angenommen, die alles Vorangegangene sprenge. Martin Stett erklärt, wie die Abzocker Amazon mit Trickbüchern fluten.

4. Ein Blatt wendet sich
(brandeins.de, Lars Jensen)
Seit Amazon-Gründer Jeff Bezos die „Washington Post“ übernommen hat, tut sich viel bei dem altehrwürdigen Traditionsblatt: Hunderte von Journalisten und Software-Ingenieure wurden angestellt und neue futuristische Büroräume bezogen. Lars Jensen schreibt über die neue Digitalstrategie der „Post“, die Parallelen zu Amazons Vorgehen aufweise, und fragt, ob das im Journalismus funktionieren kann.

5. Wie ich einen „Sprachpapst“ zum Staatsfeind machte
(uebermedien.de, Stefan Niggemeier)
„Übermedien“-Macher Stefan Niggemeier kritisierte Anfang August die Pegidahaftigkeit des Vereins Deutsche Sprache. Nun wird er dafür im Newsletter des für seinen Wut-, Weltuntergangs- und Verschwörungsduktus bekannten Kopp Verlags angegangen.

6. Lutz van der Horst im kress.de-Interview: „Natürlich hätte ich gerne eine eigene Fernsehshow“
(kress.de, Armin Fuhrer )
Der Satiriker Lutz van der Horst ist vor allem durch seine Rolle als Außenreporter der „heute-show“ bekannt. Im Interview plaudert er über Humor im Allgemeinen und seine Begegnungen mit Politikern im Besonderen, z.B. die mit Ex-Außenminister Klaus Kinkel: „Ich habe ihn im April interviewt und es war ganz offensichtlich, dass er mich nicht kannte. Bald wunderte er sich über die absurden Fragen und verbot mir schließlich unter Drohungen, seine Antworten zu senden. Daran habe ich mich gehalten: Ich habe die Antworten in meinem Beitrag nicht gebracht, wohl aber die Drohungen. Die hatte er mir ja nicht verboten.“

Endlich mal eine gute Nachricht!


Danke an Anja B.-P.

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Danke an Ella vom N.

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Danke an Bob K.

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Danke an Felix A.

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Danke an Carsten S.

Und wer denkt mal an uns?

Im Süden Europas kämpfen Feuerwehrleute aktuell an verschiedenen Stellen gegen heftige Brände: in Spanien, in Portugal, in Frankreich, in Griechenland, dazu auf Madeira und auf den Kanaren. Menschen sterben, Menschen müssen in Krankenhäuser, Menschen verlieren ihre Häuser und ihre Existenzgrundlagen.

Bei Bild.de geht es aber zum Glück um diejenigen, die aufgrund der Feuer wirklich betroffen sind — um uns:

Mit Dank an @dienetzpilotin für den Hinweis!

Kampfhunde, Kioskmisere, Kronenzeitung

1. Britische Medien in der winzigen Blase von Westminster
(Peter Stäuber, medienwoche.ch)
Der in London arbeitende Korrespondent Peter Stäuber über den Einfluss der britischen Medien auf Politik und einzelne Politiker: „Journalisten in England treten im Umgang mit Labour-Chef Jeremy Corbyn nicht als Wachhunde der Demokratie auf, sondern als Kampfhunde. Selbst der als links geltende «Guardian» übt sich nicht eben in fairer Kritik am polarisierenden Parteichef.“

2. Ausbildung statt Ausbeutung
(buchreport.de)
Kurzes Interview mit der Vorsitzenden des Vereins „Junge Verlagsmenschen“ Lena Augustin, in dem es vor allem um die Rechte und die Entlohnung von Volontären in Verlagen geht: „Der Mindestlohn ist, wie es der Name schon sagt, das Mindeste. Verlage, die darunter bleiben, rechtfertigen sich mit dem Argument, Volontariate seien Ausbildungsverhältnisse. Nach unserer Ansicht ist das Volontariat aber eine Einstiegsstelle, weil wir wissen, dass viele Volontäre schon sehr schnell dieselbe Arbeit wie festangestellte Kollegen verrichten. Unser Vorschlag: Verlage könnten mit einem Gütesiegel zeigen, dass sie fair ausbilden. Das Volontariat dauert nicht länger als 2 Jahre, es gibt klar definierte Ziele und feste Ansprechpartner im Verlag – das wären zentrale Kriterien für ein solches Siegel.“

3. Verwirrung um Sky-News-Bericht über Waffenschmuggel
(derwesten.de, Christine Holthoff)
Wer sagt die Wahrheit: Der britische Sender „Sky News“ mit seiner Behauptung, Mafiagangs in Rumänien würden für 1.700 Euro Sturmgewehre an jedermann verkaufen? Oder die rumänische Anti-Korruptions-Behörde „Diicot“, die von einer gefakten Inszenierung spricht? Christine Holthoff berichtet über das rumänische Waffen-Verwirrspiel.

4. Aus dem Alltag eines Zeitungshändlers
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Immer weniger Menschen kaufen gedruckte Zeitungen. Das hat meist etwas mit Medienwandel, manchmal aber auch mit Schludrigkeit und kaufmännischem Unvermögen zu tun. Auf diesen Gedanken kann man jedenfalls kommen, wenn man Ulrike Simons Kolumne liest. Der Kioskhändler ihres Vertrauens hat ihr die Misere anhand seiner Kassenzettel erläutert. Daraufhin hat sich Simon ans Telefon gehängt und den zuständigen Geschäftsführer des Pressevertriebs ins Gebet genommen.

5. Slightly More Than 100 Exceptional Works of Journalism
(theatlantic.com, Conor Friedersdorf)
Conor Friedersdorf kuratiert den wöchentlich erscheinenden Newsletter „The Best of Journalism“. Für „The Atlantic“ hat er die, seiner Ansicht nach, lesenswertesten 100 Stücke Journalismus zusammengestellt. Eine sensationelle (wenn auch englischsprachige) Fundgrube, die über verregnete Sommer hinweghelfen kann. Mehrere…

6. Liebe @krone_at , eure Grafik war ein wenig abgeschnitten, ich hab sie mal korrigiert
(twitter.com, @sonstwer)
Die österreichische „Kronenzeitung“ hat ein Diagramm der „Mindestsicherungsbezieher in Wien nach Land“ veröffentlicht, das grob verfälschend ist. @sonstwer hat die Verhältnisse auf Twitter optisch geradegerückt. (zum Vergrößern auf die Vorschaubilder klicken, die von der mittigen dünnen weißen Linie getrennt werden)

Kakerlaken im Gesicht


(Screenshot: BILDblog, Rahmen: Theen Moy)

„‚Bild‘ ist ein Gesamtkunstwerk“, sagte der Medienwissenschaftler Norbert Bolz vor Jahren. Doch während „Bild“-Texte und -Überschriften schon einige literarkritische Behandlung erfahren haben, steckt die kunstwissenschaftliche Würdigung der „Bild“-Bilder noch in den Kinderschuhen. Die Kolumne „Bildbetrachtung“ soll hier nachbessern.

„Kunst ist es, die Kunst zu verstecken“, hieß es bei den Römern, und auch die Kunst von „Bild“ ist eine des Versteckspiels — eine Art Topfschlagen für zwei bis zehn Erwachsene von 7 bis 77, auf Speed und ohne Hosen. Im Fall der Porträtkomposition „Kakerlaken, aufgepaßt!“ dient dieses Spiel auch einem höheren moralischen Zweck, nämlich der Menschenwürde. Der Porträtierte, kurz „ER“ genannt, ist durch eine Art Montage-Technik verfremdet: Ähnlich wie bei den „assoziativen Bildern“ von Giuseppe Arcimboldo, der menschliche Gesichter aus Obst und Gemüse zusammensetzte, bestehen „SEINE“ Gesichtszüge aus den Körpern von Kakerlaken. Der Porträtierte wird entstellt, durch diese Entstellung jedoch zugleich in seiner Anonymität geschützt; seine Würde wird gewahrt.

Leo Fischer hat mit seinen 35 Jahren bereits alles erreicht: Als Chefredakteur der „Titanic“ wurde er vom Papst verklagt, ein CSUler wollte ihm „die Lizenz zum Schreiben“ entziehen, als Politiker holt er regelmäßig unter 0,1 Prozent der Stimmen. Aktuell schreibt Fischer für die „Titanic“, die „Jungle World“, „Neues Deutschland“ und die „taz“. Fürs BILDblog untersucht er die Bildsprache der „Bild“-Zeitung.
(Foto: Tom Hintner)

Sogar die Frau an seiner Seite kann diese Würde nicht verringern — sein edler Anzug, seine noble Haltung heben ihn heraus aus der Sphäre des Skandals. Während Gina-Lisa raubtierartige Körpermuster und eine insektenhaft verborgene Augenpartie präsentiert, sich dazu hinter einer klauenartig erhobenen Hand verbirgt wie ein Tier auf der Hatz, gewinnt der verborgene Gentleman gleichzeitig an Menschlichkeit, an Sympathie — gerade dadurch, daß er nicht prima facie in „Bild“ stattfindet. Ähnlich gewinnen auch die Kakerlaken, die von Bild.de — aufgepaßt! — gewarnt und gewissermaßen vor den beiden Promis gerettet werden. Hier zeigt sich auch die legendäre Tierliebe von Bild.de.

Daß es sich bei dem Insektenherrn um Florian Wess handelt, erfährt nur, wer dumm genug ist, der Witwe Springer jeden Monat 4,99 Euro in den Bettelstock zu werfen, oder wer kostenlos meinen Text liest. Es spielt aber auch keine Rolle, ist in Wahrheit doch Gina-Lisa Zentrum dieser Erzählung — wer sich an ihre Seite stellt, so die Aussage, wird selbst Teil des Dschungels, schmutzig, von Parasiten befallen. Parasiten, denen Bild.de mehr Respekt und Ansprache schenkt als den beiden Menschen dahinter.

Heißt es doch von Herrn Wess im Begleittext, er sei seiner Freundin „zur Seite“ gestanden, „als sie im Fall wegen angeblicher Vergewaltigung vor Gericht musste“, und dieser Satz, abgesegnet und verantwortet von Stilgott und Bild.de-Chef Julian Reichelt, ist so wundervoll zerstört und zerschunden wie nur das Gesicht von Herrn Wess selbst — man kann ihn so lesen, als sei Gina-Lisa diejenige, welche vergewaltigt habe, und man kann ihn so lesen, als sei sie wegen einer Lüge bestraft worden.

Dies paßt ganz hervorragend zu dem sog. „Sex-Video“, das „Bild“ am Wochenende veröffentlicht hat — nicht etwa eins zu eins, das wäre ja auch zu teuer gekommen, sondern als kostengünstige Textabschrift, aus der man im Detail erfährt, welche Körperteile wann zum Einsatz kamen. „Bild“ veröffentlichte dieses Dokument der Brutalität mit dem Vorsatz, es den Lesern zu überlassen, wie sie diese Brutalität zu bewerten hätten, und überließ damit auch gleich die ganze Frau zehntausend wichsenden „Bild“-Lesern.

Zum Dank für ihre preiswerte Mitarbeit am Blatt wird sie nun selbst als halbes Tier gezeichnet, als flüchtige Dschungelkreatur, die durch ihre Berührung verunreinigt und gut angezogene Burschen in die Welt der Kakerlaken reißt. Immerhin: Es ist diese Tierwelt ganz bestimmt eine schönere und angenehmere als diejenige, in der solche Bilder, solche Texte entstehen. Wir, das Ungeziefer vom BILDblog, wünschen Frau Lohfink und Herrn Wess auf diesem Wege alles Gute dafür!

„Bild“ sucht den verschwundenen Chinesen. Wir suchen mit.

Lieber Junliang L.,

über Dich kursieren die unterschiedlichsten Pressemeldungen. Mal sollst Du ein chinesischer Tourist sein, der aus Versehen in die Mühlen der deutschen Asylbürokratie geraten ist, mal ein urplötzlich verschwundener Asylsuchender. (Sogar beim Namen gibt es Unklarheiten. Die „Bild“-Medien nennen Dich manchmal „Junliang“ und manchmal „Jinliang“.)

Zu allem Überfluss hat Dich Bild.de nun zur inoffiziellen Fahndung ausgeschrieben und veröffentlicht, wenn man ihnen glauben mag, Teile des von Dir unterschriebenen Asylantrags. Zusammen mit einem persönlichen Aufruf:

Du kennst Dich wahrscheinlich nicht so gut mit der deutschen Sprache aus, zumal manches auch nur zwischen den Zeilen steht. Wir verraten Dir deshalb, was die Mitarbeiter von Bild.de meinen, wenn sie Dir zeigen wollen, „wie schön Deutschland wirklich ist“:

1.) Hier kann man schön unverpixelte Fotos von Tätern und Opfern veröffentlichen.
2.) Hier kann man schön Facebook-Profile plündern.
3.) Hier kann man schön den Pressekodex missachten.
4.) Hier kann man schön gegen den Presserat wettern.
5.) Hier kann man schön Krankenakten und persönliche Dokumente ausschlachten.
6.) Hier kann man schön Falschmeldungen in Umlauf bringen.
7.) Hier kann man schön Ressentiments schüren und Vorurteile verstärken.
8.) Hier kann man schön die niedersten Instinkte seiner Leser bedienen.
9.) Hier kann man schön Stimmung gegen Ausländer, Minderheiten und Benachteiligte machen.
10.) Hier kann man bei aufkommender Kritik schön patzig werden oder Nebelkerzen werfen und sich hinter Selbstironie verstecken.

Wenn Du all das erfahren willst, und zwar am eigenen Leib, dann melde Dich bei „Bild“. Die haben dort sicher schon Dutzende passender Schlagzeilen in der Schublade wie:

  • „Ein Chinese mit dem Kontrapass“
  • „Um lei Tung: Dieser Chinese kennt keine Abkürzungen“
  • „Junliang: Schlitzauge sei wachsam!“
  • „Kau der Welsch: Der Mann mit dem Mao-am-Anzug“
  • „Erst kam der Chinese, dann war der Hund weg!“
  • „Messer-und-Gabel-Allergie: Dieser Chinese isst Fisch nur mit (Fisch)stäbchen.“
  • Du kannst Dich aber auch statt bei „Bild“ bei uns BILDbloggern melden. Wir können Dir zwar aus Zeitgründen momentan nicht zeigen, „wie schön Deutschland wirklich ist“, haben aber Tipps parat, was man machen kann, wenn die „Bild“-Zeitung unangekündigt bei einem vor der Tür steht.

    Deine BILDblogger

    Kriegsberichterstattung, Gegenrede, Trump-Verarbeitung

    1. Warum wir Männer wie Fadi brauchen
    (tagesschau.de, Volker Schwenck)
    Die unabhängige Berichterstattung aus Orten wie dem belagerten Ostteil von Aleppo in Syrien ist nur mit Menschen möglich, die Schleichwege und Rebellen-Kommandanten kennen, so Volker Schwenck, Leiter des ARD-Studios in Kairo. Das ARD-Studio arbeite daher mit Männern wie dem Kameramann Fadi zusammen, der im Ostteil der Stadt lebt und über Umwege Bilder aus der Kriegszone schmuggelt. Warum setzt man auf Männer wie Fadi? „Weil die Alternative wäre: gar keine Berichterstattung oder nur noch fremdes Material, das wir nicht beeinflussen können und dessen Autoren wir nicht kennen. Selber hingehen, mit eigenen Augen sehen – das ist leider, weltfremden Aufforderungen erboster Kommentatoren im Internet zum Trotz, nur unter extremen Risiken möglich, die ich nicht einzugehen gewillt bin und die ich auch keinem Kollegen zumuten kann.“

    2. Im digitalen Höhenflug
    (de.ejo-online.eu, Stephan Russ-Mohl)
    Seit dem Einstieg von Amazon-Gründer Jeff Bezos wurde die Redaktion der „Washington Post“ um 140 Mitarbeiter erweitert und 35 IT-Spezialisten wurden eingestellt. Das Engagement zahle sich zumindest in Ansehens- und Reichweiten-Zugewinn aus. Stephan Russ-Mohl fragt in seinem Artikel über den digitalen Höhenflug der „WaPo“, welche Strategie Bezos verfolgt und ob die Zeitung wirklich unabhängig ist.

    3. Mehr öffentlich-rechtliches Fernsehen!
    (wdr.de, Georg Restle)
    „Monitor“-Chef Georg Restle antwortet „Spiegel“-Kolumnist Georg Diez auf dessen jüngste Kolumne, in der dieser das öffentlich-rechtliche Fernsehen als „Simplifizierungsmaschine“ bezeichnete. Restle zu Diez: „Also ja: Reform tut Not. Die Frage ist nur: Welche? Leider hat es Ihnen hier wohl die Sprache verschlagen, so simpel klingt Ihr Plädoyer am Ende. „Was wir brauchen, ist ein grundsätzlich anderes öffentlich-rechtliches Fernsehen, anders strukturiert, anders organisiert, anders ausgerichtet“, schreiben Sie. Ja, um Himmels Willen, was wollen Sie uns damit nur sagen? Mehr oder weniger Unterhaltung? Mehr oder weniger Pluralismus? Mehr oder weniger Unabhängigkeit?“

    4. Nach Medienreform: Polen beanstanden Zensur im TV
    (digitalfernsehen.de, Natalie Skrzypczak)
    Seit Anfang des Jahres wirkt in Polen die sogenannte „Medienreform“. Von diesem Zeitpunkt an sehen sich die Zuschauer im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Zensur und Propanda ausgesetzt. Vor allem bei der Sendung „Wiadomosci“ (Nachrichten) sei der Einfluss der nationalkonservativen Warschauer Regierung nicht zu übersehen, berichtet Natalie Skrzypczak. Die Folge sei eine dramatische Zuschauerabwanderung. Im letzten halben Jahr seien die Werte des öffentlich-rechtlichen Senders TVP auf ein historisches Tief gefallen, die Nachrichtensendung „Wiadomosci“ hätte 1,5 Millionen Zuschauer verloren.

    5. ZEIT-Appell: Demokraten, kauft Zeitungen!
    (jensrehlaender.com)
    Jens Rehländer setzt sich mit einem der zehn Gebote auseinander, die in der „Zeit“ unter der Überschrift „Was ich tun kann, um die Demokratie zu stärken, in der ich lebe“ aufgelistet wurden. Dort heiße es unter Ziffer 4: „Ich informiere mich. Ich höre, lese oder sehe Nachrichten, kaufe gute Zeitungen (zahle für sie auch im Internet), damit erhalte ich die selbstbewusste und kritische Presse, die unsere Demokratie vor autoritären Einflüssen schützt (…)“. Rehländer tut sich in mehrfacher Hinsicht schwer mit dieser Aussage und konstatiert: „Der gutgemeinte Appell wird also jene, die sich der Zeitung (und dem öffentlich-rechtlichen System) verweigern, nicht auf den Pfad der Tugend zurückführen – weil der Appell sie nicht erreicht, so lange er nur in der ZEIT gedruckt wird. Denn ZEIT-Leser müssen nicht bekehrt werden. Die haben ja schon eine „gute Zeitung“ gekauft.“

    6. Truth or Trump – Wie ernst nehmen ihn US-Medien?
    (dwdl.de, Christian Fahrenbach)
    Christian Fahrenbach hat sich für „dwdl.de“ mit der US-amerikanischen Berichterstattung über Präsidentschaftsbewerber Trump beschäftigt. Sein Fazit: „US-Medien bringen sich mit neuen Formaten zwar in Stellung, nehmen den Kandidaten aber insgesamt ernster als es häufig in Deutschland ankommt.“

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