ARD-Fusions-Irrsinn bei „Bild“

Was „Bild“ und Bild.de vom Rundfunkbeitrag halten? Nun ja …











Kurz gesagt: alles Abzocke, Verschwendung, Geldverbrennung, Zwangsgebühren. So geht das seit Jahren. Allein, dass die „Bild“-Medien auch aktuell noch konsequent von der „GEZ“ schreiben, die es seit 2012 gar nicht mehr gibt.

Heute dann, fast wie eine Erlösung für die Beitrags-geschröpften „Bild“-Mitarbeiter, diese Meldung auf der Titelseite des Blatts und bei Bild.de als kostenpflichtiger „Bild plus“-Artikel:


Statt bisher neun ARD-Anstalten (NDR, WDR, Radio Bremen, RBB, MDR, SWR, SR, HR, BR) solle es bald nur noch vier geben: Nord, Ost, Süd, West:

Nach BILD-Informationen befürworten Mitglieder einer im Februar von den Ministerpräsidenten eingesetzten Arbeitsgruppe, eine Zusammenlegung zu vier größeren Anstalten.

„Bild“ und Bild.de zitieren auch „ARD-Chefin“ Karola Wille, allerdings nur mit allgemeinen Aussagen („‚Wir stehen vor einem tiefgreifenden Reformprozess'“, „Wille sprach vom ‚größten Reformprogramm‘ in der Geschichte der ARD“, „‚Wir werden uns verändern. Wir werden uns verändern müssen'“). Darin liest die „Bild“-Redaktion dann eben eine Bestätigung der großen „ARD“-Zusammenlegung.

Und was sagt die „ARD“? Die hat heute morgen mit einer Pressemitteilung reagiert:

Die Spekulationen der Bild-Zeitung über Fusionen von ARD-Landesrundfunkanstalten entbehren jeder Grundlage. Die in dem Beitrag skizzierten angeblichen „Geheimpläne“ sind blanker Unsinn und frei erfunden.

Neverpay, Geldentzug, Wetterdichtung

1. Aus für Spiegel Plus? Keiner kauft Nachrichten im Netz
(jensrehlaender.com)
Jens Rehländer greift einen „Horizont“-Beitrag heraus, in dem von Querelen um das wenig erfolgreiche Spiegel-Online-Bezahlmodell berichtet wird. Rehländer nimmt den „Spiegel“ in Schutz, um dann umso deutlicher zu werden: „Häme ist hier auch deshalb fehl am Platz, weil die Medien selbstverständlich nur durch Experimente herausfinden können, wie sie sich in Zukunft refinanzieren. Dass Experimente scheitern, liegt in der Natur der Sache und verdient keinen Tadel. Dass man aber Irrwege nochmal beschreitet, um genauso zu scheitern wie die anderen vorher – das verwundert dann doch.“

2. In Abwesenheit
(sueddeutsche.de, Paul-Anton Krüger)
Es ist schon makaber: Der ägyptische Fotograf Shwakan hat den „International Press Freedom Award“ bekommen, kann ihn aber nicht annehmen, weil er sich in U-Haft befindet. Sein „Vergehen“: Shwakan hatte im Auftrag der Fotoagentur „Demotix“ Bilder von einem der Protestcamps der islamistischen Muslimbruderschaft in Kairo gemacht. Seine Untersuchungshaft dauert nun schon drei Jahre an, obwohl sie selbst nach ägyptischem Recht auf zwei Jahre begrenzt ist. Dieses Jahr wurden zweifelhafte strafrechtliche Vorwürfe gegen ihn erhoben, weswegen ihm nun die Todesstrafe droht.

3. Pop ist kein weißer, heterosexueller Mann
(geschichten.detektor.fm, Isabelle Klein, André Beyer)
Frauen haben es auch in der Musik nicht leicht. Bei großen Festivals wie „Rock am Ring“ hätte in diesem Jahr nur bei jedem zehnten Act eine Frau auf der Bühne gestanden, bei Indie-Festivals wie dem „Appletree Garden Festival“ bei jedem fünften. Isabelle Klein und André Beyer lassen in ihrem Longread über die männerdominierte Musikszene vor allem Frauen zu Wort kommen, so z.B. die „Spex“-Redakteurin Jennifer Beck: „Wenn über Künstlerinnen berichtet wird, dann häufig von älteren, weißen Männern.“

4. In Zeiten der Lügenpresse
(rnd-news.de, Ulrike Simon)
Ulrike Simon hat Nachrichten aus dem Deutschlandfunk: Dank des gestiegenen Interesses für Medien strahlt der Sender von März kommenden Jahres an ein tägliches Medienmagazin aus. Der Kulturchef hätte das Vorhaben bestätigt: „Ausschlaggebend war der Erfolg unseres wöchentlichen Medienmagazins „Markt und Medien“, das bei den Hörern einen hohen Einschaltimpuls erzeugt. Das Thema verdient einfach mehr Sendezeit. Die Zeit schreit geradezu danach. Medien stehen wie nie zuvor im Fokus der Öffentlichkeit. Daher braucht es mehr Orte wie diesen, um zu reflektieren, wie Medien funktionieren, um transparent zu machen, wie wir Journalisten arbeiten.“

5. Kein Geld Für Rechts. Lasst uns rechtsradikalen Medien den Geldhahn zudrehen.“ berichten
(davaidavai.com, Gerald Hensel)
Gerald Hensel ist Strategy Director bei „Scholz & Friends“ und betreibt unter „davaidavai.com“ einen Blog, in dem er sich aktuell dafür stark macht, rechten Seiten die Geldquellen zu entziehen. Er appelliert dabei sowohl an Markeninhaber und Werbeagenturen als auch an die Verbraucher, ihren Einfluss zu nutzen.

6. Quatsch-Vorhersagen für alle! So machen Sie selbst schlecht Wetter
(uebermedien.de, Jörg Kachelmann)
Wetterexperte Jörg Kachelmann zeigt auf „Übermedien“ wie man mit wenig Sachkenntnis und einer großen Vorliebe für Stuss schmissige Wetterschlagzeilen dichtet.

Schlecht, schlechter, Geschlechtertrennung

Gestern Abend lief im WDR ein interessanter Reisebericht: „Eberl entdeckt den Iran — Reform unter Beobachtung“. TV-Journalist Jens Eberl ist mit seiner Kollegin Zoya Ghoraishi durch den Iran gereist, rausgekommen ist eine knapp 30-minütige „Weltweit“-Reportage.

Darin auch dieser Dialog an einer Bushaltestelle (ab Minute 6:14):

Ghoraishi: Na, fällt Dir bei den Bussen was auf?

Eberl: Haben schon ein paar Jahre auf dem Buckel, würde ich sagen.

Ghoraishi: Aber was anderes meine ich jetzt.

Eberl: Was denn?

Ghoraishi: Guck mal, wo die Frauen sitzen und wo die Männer sitzen. Wenn der Fahrer ein Fahrer und nicht eine Fahrerin ist, dann sitzen Männer vorne und Frauen hinten. Wenn der Bus aber von einer Frau gefahren wird, dann sitzen Frauen vorne und Männer hinten.

Schnitt. Ab in die U-Bahn in Teheran …

… dazu sagt ein Sprecher:

Strikte Trennung auch in der U-Bahn: Frauen links, Männer rechts.

Das Social-Media-Team der „Tagesschau“ hat diese kurze Passage aus Eberls Iran-Beitrag genommen und bei Facebook gepostet. Dazu eine deutliche Ansage, wie es mit der Geschlechtertrennung im öffentlichen Nahverkehr im Iran aussieht:

Ganz so einfach ist es allerdings nicht. In Stadtbussen gilt in der Tat eine klare Trennung nach Geschlechtern. Bei Nacht- und Reisebussen scheinen die Iraner diese Trennung nicht ganz so genau zu nehmen — jedenfalls berichten einige Touristinnen, dass sie bei Fahrten neben Männern saßen.

In der U-Bahn in Teheran wird, anders als vom WDR im TV und von der „Tagesschau“ bei Facebook behauptet, nicht „strikt getrennt“. Es gibt im Iran zwar — wie in anderen Ländern — „women only“-Abteile, Frauen dürfen sich aber auch in alle anderen Waggons setzen oder stellen. So steht es in Reiseblogs, bei „Wikipedia“, im „Guardian“ und so ist es in Videos zu sehen.

Es gibt sicher einiges, was man an der rechtlichen Situation der Frauen im Iran kritisieren kann. U-Bahn-Fahrten gehören aber nicht dazu. Die „women only“-Waggons könnte man sogar als Zusatzangebot für Frauen interpretieren, die in überfüllten Zügen nicht zwischen Männern eingeklemmt sein wollen.

Der Videoclip im Facebook-Post der „Tagesschau“ hat inzwischen mehr als 250.000 Aufrufe. Im Kommentarbereich darunter regen sich zahlreiche User auf:

Das stimmt einfach mal nicht!

Im Iran ist bei Leibe nicht alles Friede Freude Eierkuchen und mit Frauenrechten ist es nicht weit her aber dieser Bericht ist schlicht falsch!

Das stimmt doch gar nicht, ich war in Teheran, bin mit der U Bahn gefahren und stand zwischen Männern und Frauen.

Diese Art der Berichterstattung ist schlicht und ergreifend eine Unverschämtheit. Dass selbst die Tagesschau sich auf dieses Niveau herab lässt ist wirklich traurig und armselig.

Ach du meine Güte! Ich bin leider gerade etwas schockiert über die Berichterstattung der tagesschau.

Wow… Wieder einmal verlogene hetze von den öffentlich Recht-lichen???

LügenMedien halt!

Andere User glaubten dem Beitrag, fanden den Inhalt aber trotzdem blöd und kommentierten im „Danke Merkel“-Stil:

Die bringen so ein Post weil se uns das Schmackhaft machen wollen… bald wird es hier auch so sein #wirschaffendas

Na das werden wir auch bald einführen müssen. Besonders für Frauen die allein unterwegs sind, wird das wohl interessant. Andererseits würde es bei uns aber eigentlich nichts bringen, da es keine Strafen geben würde wenn sich jemand nicht dran hält. Es sei denn wir führen die Scharia Polizei ein. Allerdings müssten wir vorher erstmal alle zum Islam konvertieren. Genau, das ist doch die Idee. Nicht die Migranten passen sich an, sondern die Deutschen müssen sich anpassen, oder?

Kommt bei uns auch bald. Deutschland soll sich ja under dieser Regierung gefälligst an den Islam besser anpassen.

Nach etwa 400 Kommentaren, von denen geschätzt 70 Prozent den Inhalt des Videos als falsch bezeichnen, reagierte das Social-Media-Team der „Tagesschau“:

Nach der „Konkretisierung“ des „Teasertextes“ heißt es nun nicht mehr „Im Iran gilt eine strikte Geschlechtertrennung in Bussen und U-Bahnen“, sondern:

Mit Dank an Helena und Kai für die Hinweise!

Echo-Kammern, Konjunktive, 1 Life

1. Wie sich eine Lüge trotz Dementi rasant verbreitet
(infosperber.ch, Urs P. Gasche)
Am Tag nach der amerikanischen Präsidentenwahl machte eine ungeheuerliche Meldung die Runde: Angeblich würden in Austin bezahlte Trump-Gegner für Proteste mit Bussen in die Innenstadt gekarrt. Urs P. Gasche beschreibt Entstehung und Verbreitung der Lügengeschichte: Vom Erst-Tweeter mit lediglich 40 Followern bis hin zum Tweet von Donald Trump höchstpersönlich. Das Erschreckende: Weder Dementi noch spätere Richtigstellung konnten die Verbreitung stoppen.

2. Ein Chefredakteur für Facebook? Auf keinen Fall!
(welt.de, Christian Meier)
Facebook hat dauerhafte Probleme mit dem Umgang mit Hasskommentaren und Falschnachrichten. Diese Woche forderte die Medienkolumnistin der „Washington Post“, Margaret Sullivan, das Netzwerk auf, einen mit Macht, Finanzmitteln und Personal ausgestatteten Chefredakteur anzuheuern.
„Welt“-Medienredakteur Christian Meier hält dies für den falschen Weg: „Was Facebook und alle seriösen Medien brauchen, ist kein Ober-Chefredakteur für die Plattform. Sondern eine intensive Arbeit an einem Netzwerk, das Presse- und Meinungsfreiheit als höchstes Gut behandelt, die redaktionelle Hoheit seiner Medienpartner achtet und dabei Desinformation und Ressentiments effektiv aussortiert.“

3. Justizberichterstattung: „Eine große Kiste Konjunktive“
(fachjournalist.de, Katharina Pencz)
Der langjährige Gerichtsreporter der „Berliner Morgenpost“ Michael Mielke spricht im Interview über ethische Grundsätze, den Journalisten als Übersetzer und jede Menge Konjunktive: „Man muss wirklich bei allen Sachen, bei denen es Zweifel gibt, wo etwas nicht sicher ist, den Konjunktiv benutzen. Wenn der Angeklagte aber ein umfassendes Geständnis ablegt, dann schreibe ich nicht mehr “er soll das getan haben”, auch wenn es noch nicht vom Gericht festgelegt wurde. Wenn er es vor Gericht selbst sagt, dann schreibe ich auch, dass er die Tat begangen hat.“

4. Der Kampf gegen Fakenews – und die Ideen, die es bisher gibt
(blog.wdr.de, Dennis Horn)
Konzerne wie Facebook ziehen sich gerne auf den Standpunkt zurück, sie seien reine Infrastrukturanbieter und wollen die Verantwortung für Inhalte gerne auf die Nutzer abwälzen. Bei Hasskommentaren sollen die Nutzer zum Beispiel von der Gegenrede Gebrauch machen. Für Facebook ist diese Empfehlung mehr als praktisch: Sie spart Arbeit und sorgt für weiteren gewinnbringenden Traffic. Was Fake-News anbelangt, gibt es jedoch eine Vielzahl anderer Möglichkeiten. Dennis Horn liefert einen übersichtlichen Abriss der bisherigen Ideen.

5. Fuchs: Die AfD umgeht kritische Nachfragen
(ndr.de, Liane Koßmann, Audio, 5:32 Minuten)
„Lügenpresse“, „Systempresse“, „Pinocchiopresse“: Die AfD geht auf Distanz zu den etablierten Medien und setzt stattdessen auf eigene Verbreitungskanäle. Mit Erfolg: Auf Facebook hat sie mehr Fans als CDU und SPD zusammen. Der Politikberater Martin Fuchs analysiert auf „NDR Info“ die Abkapselungsstrategie: „Auf Facebook und in sozialen Netzwerken gibt es das Phänomen der sogenannten Echo-Kammern. Das bedeutet, wenn man Menschen jeden Tag mit denselben Nachrichten bespielt, teilweise auch Fake-Nachrichten, dann glauben die das irgendwann.“

6. Wir haben den Satz „Was ist das für 1 Life?“ mit Sprach-Experten untersucht
(vice.com, Lea Albring)
Lea Albring stellt ihrem sprachanalytischen und sprachkritischen Beitrag über die derzeit alles beherrschende Frage „Was ist das für 1 life?“ eine Warnung voran: „Wenn euch wegen der 1fältigen Schreibweise schon jetzt das Kotzen kommt: Aussteigen. Dieser Text wird den Scheiß—all1ne schon aus metareflexiven Gründen—richtig hart durchexerzieren!!!!eins11“

„Bild“ spricht Reisewarnung für Bochum aus

Es klingt ja fast nach echter Empörung, wenn Bild.de heute auf der Startseite fragt:

In der Ruhrgebiets-Ausgabe der „Bild“-Zeitung wird auf den ersten Blick immerhin etwas klarer, worum es bei dem möglichen China-Bochum-Zwist überhaupt geht:

Zum Hintergrund: Vergangene Woche wurde eine chinesische Studentin der Bochumer Ruhr-Universität in der Nähe des Campus vergewaltigt. Die Polizei sucht noch mit Phantombild nach dem Täter. Inzwischen hat sich auch das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf eingeschaltet und den in Deutschland lebenden Chinesen auf der eigenen Website einige Sicherheitshinweise in der Landessprache gegeben.

Daraus stricken „Bild“ und Bild.de (als kostenpflichtiger „Bild plus“-Artikel) nun eben ihre Geschichten. Das chinesische Konsulat warne „Frauen vor NRW-Stadt“, heißt es bei Bild.de in der Dachzeile. Und „Bild“ schreibt:

Jetzt hat sich die Botschaft der Volksrepublik China eingeschaltet: Sie warnt chinesische Frauen vor dem Sex-Täter von Bochum!

Das stimmt nicht. Die Veröffentlichung des Konsulats vom vergangenen Freitag resultiert natürlich aus dem Vorfall in Bochum, es handelt sich aber um eine allgemeine Warnung und nicht um eine konkrete vor der Stadt Bochum oder „vor dem Sex-Täter von Bochum“. Das haben einige Medien auch verstanden. „Der Westen“ schreibt beispielsweise:

Verschiedene Medien berichteten, das chinesische Generalkonsulat habe konkret vor Bochum oder dem Täter vom 16. November gewarnt. In der Mitteilung heißt es allerdings allgemein: „Aufgrund der aktuellen öffentlichen Sicherheitssituation in seinem Zuständigkeitsbereich weist das Generalkonsulat erneut die chinesischen Staatsbürger darauf hin, auf ihre persönliche Sicherheit zu achten, insbesondere an abgelegenen und unbelebten Plätzen.“

Den „Bild“-Medien ist das wurscht. Sie machen gleich die ganz große Nummer draus und tun so, als hätte das chinesische Generalkonsulat in Düsseldorf eine „Reisewarnung“ für Bochum oder für Deutschland oder für wasauchimmer ausgesprochen:

Gleichzeitig veröffentlichte das Generalkonsulat einen „konsularischen Hinweis“: Alle Chinesen werden darin aufgefordert, „ernsthaft auf die persönliche Sicherheit zu achten, insbesondere wenn sie sich an entlegenen Orten befinden“. Das entspricht einer Reisewarnung, wie sie auch das deutsche Außenministerium für bestimmte Regionen oder Länder aussprechen kann.

Um es kurz zu machen, liebe „Bild“-Reiseführer: nein. Der „konsularische Hinweis“ sei nicht mit einer Reisewarnung zu vergleichen, sagte eine Sprecherin der chinesischen Botschaft dem WDR.

Mit Dank an Lukas H. für den Hinweis!

„Compact“ begeht Asylbetrug

Asylthemen haben eigentlich einen Stammplatz auf dem Cover des „Compact“-Magazins. Im Oktober verkündete das Rechtsaußen-Blatt auf seiner Titelseite beispielsweise eine „Invasion aus Afrika“. In der aktuellen November-Ausgabe kommt Asyl im Vergleich zu den Vormonaten hingegen nur am Rande vor. Vorne auf dem Titel geht es um einen angeblichen „Angriff auf deutsche Sparer“, den Kampf der „Presstituierten (sic) gegen Trump“ und Andreas Gabalier („Alpen-Elvis“ — „Der Heimat-Rocker“). Erst im Heftinnern findet man die übliche Hetze gegen Flüchtlinge. Ein genauerer Blick auf Martin Müller-Mertens‘ Artikel zur „heimlichen Kolonisierung“ lohnt sich aber.

Die amtliche Asylstatistik sei falsch, so Müller-Mertens‘ These, weil sie den Familiennachzug verschweige. „Unter diesem Schwindeletikett werden in den nächsten Jahren Millionen Muslime zu uns geholt — auch auf Druck der EU“, heißt es im Teaser. Ob damit zwei Millionen Muslime in den nächsten zehn Jahren oder zehn Millionen in zwei Jahren gemeint sind, verrät Müller-Mertens nicht. Stattdessen peitscht er sein Publikum mit Schlagworten der extremen Rechten auf:

Rund zwei Jahre nach Beginn der Siedlerinvasion staut sich die nächste Welle von Fremden gerade auf. Nach Abschluss ihrer Aufnahmeverfahren dürfen sogenannte Flüchtlinge Teile ihrer Familien legal nach Deutschland holen — und zwar auf direktem Weg. Quasi unbemerkt, vorbei an jeder Asylstatistik, führt sie ihr Weg in Angela Merkels gelobtes Land.

Er stütz seine Argumentation auf eine Kleine Anfrage der Grünen an die Bundesregierung (PDF). Den politischen Hintergrund der Anfrage nennt der „Compact“-Autor nicht: Die Grünen fragten nach der Datengrundlage für die Behauptung von Teilen der Bundesregierung, es würden demnächst besonders viele Flüchtlinge über den Familiennachzug nach Deutschland kommen.

Zu Teilaspekten der Anfrage lieferte die Bundesregierung keine Daten, „da für § 29 des Aufenthaltsgesetzes (AufenthG) kein separater Speichersachverhalt zur Verfügung steht“ — die einzige Passage des langen, 20-seitigen Antwortschreibens, die „Compact“ zitiert. Übersetzt heißt das: Beamte können im Datensatz des Ausländerzentralregisters kein Häkchen für einen Aufenthaltstitel nach diesem speziellen Paragraphen 29 setzen, er wird statistisch also nicht erfasst.

Martin Müller-Mertens fragt: „Kennen die Behörden tatsächlich keine Zahlen — oder sollen diese vor der Öffentlichkeit verschleiert werden?“ Eine Antwort auf die Frage spart sich der Autor, suggeriert doch allein die Überschrift des Artikels („Die heimliche Kolonisierung“), dass Letzteres stimme.

Wer unsere Serie „Mut zur Wirrheit“ kennt, kann ahnen, was jetzt kommt. Die Antwort auf die Frage von „Compact“ lautet: Natürlich kennen die Behörden entsprechende Zahlen. Sie machen sie auch regelmäßig öffentlich.

Was stimmt: Fälle nach Paragraph 29 des Aufenthaltsgesetztes sind im Ausländerzentralregister tatsächlich nicht eigens aufgeführt. Der Paragraph regelt die allgemeinen Grundsätze des „Familiennachzugs zu Ausländern“. Die Beamten der Ausländerbehörden haben trotzdem einige Felder, bei denen sie Häkchen zum Familiennachzug im Sinne des Aufenthaltsgesetzes setzen können: der Ehegattennachzug nach Paragraph 30, der Kindesnachzug nach Paragraph 32 sowie der Nachzug der Eltern und sonstiger Familienangehöriger nach Paragraph 36 wird im Ausländerzentralregister einzeln erfasst (PDF, ab Seite 33).

„Compact“ ist das nicht aufgefallen oder egal, weil es nicht zur Linie des Blattes passt. Dabei nennt Autor Martin Müller-Mertens sogar selbst Zahlen, die es laut ihm ja eigentlich gar nicht geben dürfte:

Stellten deutsche Botschaften im Jahre 2005 insgesamt noch 80.000 Visa für Familienangehörige aus, waren es von Januar bis Oktober 2015 nur 49.000.

Sein Artikel basiert zu großer Wahrscheinlichkeit auf dem „Wikipedia“-Eintrag zur Familienzusammenführung. Dort findet man jedenfalls die von ihm genannten Zahlen, mit Verweis auf zwei Texte der „Zeit“ beziehungsweise von „Zeit Online“. Die erste Zahl, die „Wikipedia“ als Fakt präsentiert, ist eine vorläufige Schätzung aus dem Jahr 2006 — und somit nicht, wie von „Compact“ behauptet, die Zahl der tatsächlich ausgestellten Visa.

Diese findet man im Migrationsbericht von 2014 (PDF, Seite 37): Für 2005 sind dort genau 53.213 Visa zum Zweck des Ehegatten- und Familiennachzugs ausgewiesen. Auch die 49.000 Visa für die ersten neun Monate des Jahres 2015 findet man im Migrationsbericht (Seite 10). Und noch mehr:

Auch das Ausländerzentralregister (AZR) bestätigt einen Anstieg des Familiennachzugs für das erste Halbjahr 2015 um 22% im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

Es gibt also sehr wohl Zahlen zum Familiennachzug, sogar im Ausländerzentralregister. Mit dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das das Zentralregister betreibt, und dem Auswärtigen Amt, das die Visastatistik erstellt, gibt es somit zwei Institutionen, die jeweils eigene Zahlen zum Familiennachzug kennen — zwei mehr, als „Compact“ seinen Lesern nennt.

Und was ist nun mit der „Compact“-Prognose, nach der „in den nächsten Jahren Millionen Muslime zu uns geholt“ würden? An dieser Stelle bietet sich ein Rückblick an: Addiert man die Zahlen des Migrationsberichts zum Familiennachzug von 2005 bis 2014, kommt man nicht mal auf eine halbe Million Menschen in den vergangenen zehn Jahren. Wohlgemerkt: Menschen insgesamt, also nicht nur die Familien von muslimischen Flüchtlingen, sondern etwa auch die ausländischen Familien deutscher Staatsbürger, Menschen aus vielen Ursprungsländern und aller Religionen.

Wenn, wie „Compact“ behauptet, demnächst tatsächlich „Millionen Muslime“ so nach Deutschland kommen sollten, müsste sich also die Zahl der Familiennachzügler vervielfachen und nicht nur um 22 Prozent steigen. Martin Müller-Mertens glaubt auch schon zu wissen, wie es zu so einem Anstieg kommen werde:

Dank einer weitgehend unbekannten Neuregelung vom August 2015 können Asylanten „einen Antrag auf Familiennachzug stellen, auch wenn sie nicht ausreichend Wohnraum und einen gesicherten Lebensunterhalt vorweisen können“, freute sich seinerzeit der Flüchtlingsrat Bayern in einem Merkblatt.

Die Regelung ist so „unbekannt“, dass sie nur im gleichen „Wikipedia“-Artikel zu finden ist, aus dem der Autor vermutlich seine Zahlen zieht. Als Quelle dient dort das von ihm genannte Merkblatt des Bayerischen Flüchtlingsrats (PDF). Dass sich dieser darin freue, ist Müller-Mertens Interpretation einer nüchternen Erklärung in Form einer kurzen FAQ.

Anders als von „Compact“ behauptet, bestand die Neuregelung auch nicht darin, dass alle „Asylanten“ ohne gesicherten Lebensunterhalt den Antrag auf Familiennachzug stellen können. Anerkannte Flüchtlinge konnten das beispielsweise auch schon vorher. Die genannte Neuerung bezog sich nur auf die sogenannten „subsidiär Schutzberechtigten“, die nicht als Flüchtlinge nach der Genfer Konvention anerkannt werden, aber auch nicht abgeschoben werden, weil ihnen in ihren Heimatländern Schaden droht. Sie konnten den Antrag auf Familiennachzug zudem nur für kurze Zeit stellen: Zum 1. August 2015 wurde der Familiennachzug für sie erleichtert, bis er im Januar 2016 für zwei Jahre ausgesetzt wurde.

„Compact“-Autor Müller-Mertens meint wohl diese Verschärfung des Asylrechts Anfang des Jahres, wenn er in seinem Artikel von einer „nur für eine Minderheit relevanten Zwei-Jahres-Sperre“ schreibt. „Minderheit“ trifft es nun auch nicht mehr ganz, denn im Juli 2016 wurde bei fast jedem dritten Asylantrag nur noch der subsidiäre Schutz bewilligt, berichtet etwa „Spiegel Online“.

Die Redaktion von „Compact“ stellt nicht nur falsche Behauptungen auf, sondern berichtet treffsicher das genaue Gegenteil der Faktenlage. Dahinter dürften keine Fehler oder einfach nur schlampige Recherche stecken. Die „Lügenpresse“-Rufer von „Compact“ treiben so ihre politische Agenda voran, sie machen Propaganda.

Allein die Synonyme, die das Magazin für geflohene Menschen verwendet, zeigen, wo es politisch zu verorten ist. Es nannte Flüchtlinge in den letzten Ausgaben etwa „Asylforderer“, „Invasoren“, „Siedler“, „Vaterlandsverräter“ oder „Rapefugees“. Es finde eine „Islamisierung“ statt, eine „Siedlerinvasion“, es herrsche „Kolonialismus“, bei dem Deutschland die Kolonie sei, es gebe eine „schwarze Flut“ oder gleich einen „Asyl-Tsunami“. Es fällt auch das alte NPD-Schlagwort der „Völkervermischung“. Wer nicht in diesem Stil gegen Flüchtlinge hetzt, ist laut „Compact“ Teil eines „Gutmenschenclubs“, der „Multikulti-Religion“, der „Vielfaltlobby“ oder gleich der „Refugee-welcome-Sturmtruppen“ und betreibe wahlweise „linksgrünen Tugendterror“ oder „Gesinnungsterror“.

Bei der Bebilderung des Magazins gehört die Agitation ebenfalls zum festen Programm. Nur ein besonders dreistes Beispiel aus der April-Ausgabe, das neben einem Artikel zu finden ist, der sexuelle Übergriffe von Asylbewerbern auf junge Mädchen zum „Alltag in Deutschland“ erklärt:

Die Illustration ist natürlich keine Anleitung zur Vergewaltigung. Sie stammt aus einer internationalen Kampagne zur sexuellen Aufklärung, die sich an alle richtet, die diese nötig haben, und die sich auch gegen jegliche Form des sexuellen Missbrauchs ausspricht.

„Compact“ behauptet von sich selbst, weder rechtsradikal noch ausländerfeindlich zu sein. Die Redaktion sieht sich als Opfer von Verleumdungskampagnen und Zensurbemühungen. Ihre Zeitschrift befindet sich weiterhin deutschlandweit im Vertrieb und verkauft — nach eigenen Angaben — monatlich 41.000 Exemplare.

Hassliebe, Jammerverein, Showgipfel

1. Trump und die Medien: Sie lieben mich, sie lieben mich nicht
(sueddeutsche.de, Sacha Batthyany)
Der designierte US-Präsident lässt eine Aussprache mit der „New York Times“ platzen, sagt wenige Stunden später aber wieder zu. „SZ“-Autor Sacha Batthyany: „Trumps Lieblingsmedium ist nicht das Fernsehen und schon gar nicht die Zeitung. Er hält sich bevorzugt auf Twitter auf, wo er ungehindert seine Botschaften verkünden kann. Twitter stellt eben keine ungemütlichen Fragen.“

2. #FakeNews jetzt auch im Feuilleton?
(wolfgangmichal.de)
Glaubt man dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, stehen 20 bis 25 Prozent aller Verlage vor dem Ruin. Nicht digitaler Wandel und sich abwendende Leser sollen der Grund sein, sondern die Rückzahlungsverpflichtung von zu Unrecht erhaltenen VG-Wort-Geldern. Entsprechend gebe man nun alarmistische Meldungen heraus, die ungeprüft von Zeitungen und Rundfunksendern übernommen würden. Wolfgang Michal hat wenig Verständnis für die angeblichen Nöte der Verlage: „Es war den Verlagen also seit Jahren klar, dass das Geld, das sie bekommen haben, unter Rückforderungsvorbehalt stand. Es wäre vernünftig gewesen, dieses Geld nicht in die laufenden Geschäfte zu stecken; wer es dennoch tat, ging bewusst ein Risiko ein.“

3. Dann noch viel Spaß beim Rübenziehen mit Jörg Pilawa
(faz.net, Oliver Jungen)
In Köln haben sich Fernsehschaffende zum „Großen Showgipfel“ zusammengefunden, dem renommierten Branchentreff der Unterhaltungsbranche. Es wurde Tacheles geredet: Medienjournalisten und Medienschaffende seien sich einig gewesen, dass die derzeitige Fernsehunterhaltung ein Desaster sei, so „FAZ“-Autor Oliver Jungen. Der Wille etwas daran zu ändern, sei jedoch begrenzt: „Dass führende Fernsehmacher die eigenen Shows inzwischen als das perfekt inszenierte Nichts bezeichnen, darf aber nicht so verstanden werden, als würde sich hier bald etwas ändern. Dafür ist das System viel zu schwerfällig geworden. Und dafür sind die Quoten selbst der miesesten Unterhaltungssendungen noch viel zu gut.“

4. Er erfindet Lügen für Trump
(tagesanzeiger.ch, Constantin Seibt)
In den USA sind zwei arbeitslose Restaurantangestellten quasi über Nacht zu Betreibern einer boomenden Nachrichtenfabrik geworden und streichen fette Gewinne ein. Die Geschäftsidee: Zusammenfantasierte Politstorys für die rechte Klientel. Constantin Seibt stellt im „Tagesanzeiger“ die beiden bekennenden Lügenbolde und ihr Geschäftsmodell vor. Als Vorlage dürfte ein deutlich längerer Artikel der „Washington Post“ (englisch) gedient haben.

5. Drei Herren in leeren Hallen
(taz.de, Anne Fromm)
Die Dumont Verlagsgruppe will Personal abbauen und führt daher die Redaktionen von „Berliner Zeitung“ und „Berliner Kurier“ zusammen. Entsprechend gedrückt ist die Stimmung. Zurzeit sei unklar, was mit den Mitarbeitern passiert, die kein Übernahmeangebot bekommen. Viel Unruhe durch Gerüchte und ein hoher Krankenstand seien die Folge. Auch die Gewerkschaft Verdi kritisiere die Informationspolitik von DuMont.

6. Update: Deutsche Podcast-Serien – gute Produktionen, schlechte Vermarktung
(marckrueger.tumblr.com)
Es muss nicht immer Netflix und Co. sein, es gibt auch spannende Hörspielproduktionen und Podcasts. „Rundfunkfritze“ Marc Krüger stellt einige gelungene Podcast-Serien vor. Samt Inhaltsangabe und Link zum Download.

„Die Sensation liegt in der Luft“

Es gibt ja das hartnäckige Gerücht, dass beim Wrestling alles geplant und abgesprochen sei. Die Schläge seien gar keine richtigen Schläge, die Fehden nur ausgedacht. Also nix da mit großen sportlichen Überraschungen, stattdessen ein bis ins kleinste Detail ausgeklügeltes TV-Spektakel.

Und so könnte man die Nachricht, dass der frühere Wrestling-Superstar Bill Goldberg nach zwölf Jahren Ring-Abstinenz sein Comeback gibt und dabei mal eben den normalerweise alles dominierenden Brock Lesnar in gerade mal 90 Sekunden fix- und fertigmacht, schulterzuckend zur Kenntnis nehmen und sich denken: „Nun gut, ist eben alles nur Show und soll ja Quote bringen.“

Man könnte aber auch so tun, als wäre bei der Veranstaltung „Survivor Series“ in der Nacht von Sonntag auf Montag wirklich was passiert. Etwas Ungewöhnliches. Etwas Bemerkenswertes. Eine „WRESTLING-SENSATION“:

„Bild“-Redakteur Enrico Ahlig schrieb gestern dazu:

Die Wrestling-Welt steht unter Schock!

Die Sensation liegt in der Luft.

Jetzt diese Szenen!

Der Ringrichter zählt … 1…2…3! Die Sensation ist perfekt.

Das Match war so kurz, die WWE konnte alle Aktionen in der Wiederholung zeigen. Das gab es noch nie!

Das ist so, als würde man aus dem Theater kommen und völlig aufgelöst in den WhatsApp-Familienchat tippen: „Oh Gott, oh Gott, Ihr glaubt es nicht! Da haben sich gerade zwei junge Menschen das Leben genommen 😢😭“

Ahlig fragte dann noch: „Was steckt hinter dem kurzen Match?“ Wir würden vermuten: Der Wunsch des Veranstalters, der sogenannten „WWE“, dass möglichst viele Medien den Goldberg-Auftritt zu einer „WRESTLING-SENSATION“ hypen. Der „Bild“-Redakteur hat aber noch eine andere Idee:

Außerdem sieht jetzt alles nach einem weiteren Match von Goldberg aus. Denn obwohl er zunächst nur für einen Kampf unterschrieben hat, wird die WWE alles tun, um die beiden erneut aufeinander loszulassen.

Und heute dann die Nachricht bei Bild.de:

Man könnte fast meinen, beim Wrestling ist alles geplant und abgesprochen.

Mit Dank an @ralfheimann für den Hinweis!

Hassliste, Fake-News, Schwärzungen

1. 438 Gründe, warum Zuckerberg bald wegen Volksverhetzung angeklagt werden könnte
(motherboard.vice.com, Daniel Mützel, Max Hoppenstedt & Theresa Locker)
Nachdem der Würzburger Anwalt Chan-jo Jun eine Liste mit 438 Hasskommentaren auf Facebook vorgelegt hat, prüft nun die Staatsanwaltschaft, ob sie Mark Zuckerberg und andere führende Manager anklagt. „Motherboard“ hat die Liste in einer eigenen Tabelle aufgearbeitet, einer Liste voller Verrohung und Menschenhass. Im Artikel geht es auch um die mitunter schwierige Trennlinie zwischen legalen und illegalen Hassposts. Doch bei derartigen Fragen sei man auf Seiten der Staatsanwaltschaft noch lange nicht angekommen. Dort werde zunächst geprüft, ob man überhaupt örtlich zuständig sei.

2. Fake News: „Spiegel“-Klon wirbt bei Facebook
(ndr.de, Fiete Stegers & André Kroll)
Viele Online-Werbeseiten kopieren das Aussehen seriöser Medien, stehlen Fotos normaler Nutzer und werben mit irreführenden Anzeigen auf Facebook. Fiete Stegers und André Kroll haben sich für ihre Recherche in die Welt der dubiosen Promotionpages begeben. Ein großes Problem liege in der Restplatzvermarktung, über die viele der Anzeigen von Fake-Websites ausgespielt würden.

3. Im dritten Jahr: Wie geht es Krautreporter heute?
(dwdl.de, Timo Niemeier)
Die „Krautreporter“ können trotz relativ kurzer Vergangenheit auf eine bewegte Zeit zurückblicken, in der es einiges an Unruhe gab. So sollen nach dem ersten Jahr zwei Drittel der Abonnenten abgesprungen sein. Die Krautreporter-Macher haben reagiert, die Firmenstruktur umgebaut und inhaltlich und operative Änderungen vorgenommen. Aus dem anfänglich losen Autorennetzwerk ist eine feste Kernredaktion geworden. Nicht-Mitgliedern werden nicht mehr alle Artikel in voller Länge angezeigt.
Nun wollen die Gründer eine neue Crowdfunding-Plattform zum Verkauf von Abos starten, die von Google im Rahmen der „Digital News Initiative“ mit 350.000 Euro unterstützt wird.

4. Ein offener Brief suchtkranker Menschen an die ‚Kronen Zeitung‘
(vice.com, Jasmin H., Raman L., Christian M., Barbara Gegenhuber)
Auf der Internetseite der österreichischen „Kronen Zeitung“ erschien ein hämischer Beitrag mit dem Titel „Gratisfrühstück für Wiens Drogensüchtige“. Gemeint war das Angebot einer Drogenberatungsstelle, drogenkranke Menschen mit Frühstück zu versorgen. Im Beitrag wurde daraus unter anderem: „Sie spritzen kein Opium? Nehmen kein LSD? Dann haben Sie, liebe Leser, leider keinen Anspruch auf ein vom Wiener Steuerzahler finanziertes Gratisfrühstück“. Nun haben sich Patientinnen und Patienten der Therapieeinrichtung in einem offenen Brief an die Redaktion der Kronen Zeitung gewendet.

5. Erst mal Mobile – dann alles andere
(blog.br24.de, Christian Jakubetz)
„Mobile first“ ist die Botschaft von Medienexperte Christian Jakubetz. Vielfach würde Mobile als eine Art Erweiterung des stationären Grundangebots gesehen, dabei sollte es genau umgekehrt sein. „Snapchat und Instagram beispielsweise, vermutlich die beiden heißesten Netzwerke der letzten beiden Jahre, setzen eindeutig darauf, mobil genutzt zu werden. Für Instagram gibt es zwar auch eine Webseite, aber die nutzt vermutlich so gut wie niemand. Und Snapchat? Auf einer Webseite? Absurde Idee.“

6. „Faktencheck ist bei uns journalistischer Alltag“
(uebermedien.de, Mats Schönauer)
„Fehler können natürlich passieren.“, sagt Yvonne Bauer die Chefin des Bauer-Verlags („Freizeitwoche“, „Schöne Woche“, „Woche Heute“ usw.) und weiter: „Faktencheck ist bei uns, wie überall in der Branche, journalistischer Alltag.“ Der Regenbogenpresse-Experte Mats Schönauer hat sich angeschaut, was von diesen Aussagen zu halten ist. Ohne zu viel zu spoilern: Es ist eine Galerie voller Schwärzungen…
Schönauer über die Fehler, die „natürlich passieren können“: „Bei Bauer können sie aber nicht nur, sie sollen sogar. Sie sind wesentlicher Bestandteil des Geschäftsmodells.“

Presserat, Breitbart Germany, Angezündet

1. Der Presserat nimmt Journalisten die Verantwortung nicht ab
(sueddeutsche.de, Carolin Gasteiger)
Der Presserat kümmert sich um die Einhaltung presseethischer Standards und ist Anlaufstelle für Leserbeschwerden. Nun feiert die freiwillige Instanz publizistischer Selbstkontrolle ihren 60. Geburtstag. Carolin Gasteiger nimmt dies zum Anlass über die Möglichkeiten und Grenzen der Institution nachzudenken und stellt die Frage, ob Twitter nicht das geeignetere Medium sei: „Viele Medien spüren, dass sich das Publikum entfernt. Wer hier den Dialog sucht, tut viel dafür, diese Lücke zu schließen. Journalisten müssen die Scheu davor verlieren, mit kritischen Lesern über ihre Entscheidungen zu diskutieren. Viele Journalisten tun das auf Twitter, weswegen manche in dem sozialen Netzwerk auch den geeigneteren Presserat sehen.“

2. 99 Gedanken zur Entwicklung von Social Media und Journalismus
(medium.com, Martin Giesler)
Martin Giesler ist Journalist und Fachmann für alles, was mit „Social Media“ zusammenhängt. In dieser Doppelfunktion hat er die Kristallkugel bemüht und in einer knackigen Liste von Diagnosen und Thesen notiert, wie und wohin sich Social Media und Journalismus seiner Einschätzung nach entwickeln werden.

3. „Die Grundrechte schützen auch Breitbart“
(rbb-online.de)
Die US-amerikanische Nachrichten-Website „Breitbart“ gilt als das Sprachrohr der sogenannten „alt-right“-Bewegung: der „alternativen Rechten“. Hetze und Verleumdungen sowie krude Verschwörungstheorien gehören zum Erscheinungsbild der vom rechtskonservativen Unternehmer Andrew Breitbart gegründeten Nachrichtenseite. Nun will „Breitbart“ offenbar nach Deutschland expandieren. Der aggressive Kampagnenjournalismus wäre in Deutschland oft justitiabel. Ist die Justiz dafür gewappnet? Medienrechtler Ansgar Koreng antwortet mit einem „Jein“.

4. „Ich bin nur ein Zeitungsleser“
(taz.de, Markus Sehl)
Der deutsche Ableger der türkischen Tageszeitung „Zaman“ galt als die auflagenstärkste türkische Tageszeitung in Deutschland. Nach dem Putschversuch in der Türkei wurde die Mutterredaktion geschlossen, in Kürze wird der deutsche Ableger eingestellt: Der Grund: Das Blatt steht der Bewegung des islamischen Predigers Fetullah Gülen nahe, der von der Türkei für den gescheiterten Putsch im Juli 2016 verantwortlich gemacht wird. Die „taz“ begleitet die Redaktion in ihren letzten Wochen mit verschiedenen Beiträgen. Aktuell hat man sich mit einem langjährigen Abonnent der Tageszeitung unterhalten.

5. «Trump im Titel gab Millionen Klicks»
(tagesanzeiger.ch, Sacha Batthyany)
Sacha Batthyany hat für den Schweizer „Tagesanzeiger“ mit dem amerikanischen Journalist, Blogger und Buchautor Jeff Jarvis über die Rolle der Medien während des US-Wahlkampfs gesprochen. Jarvis kritisiert die sogenannte horserace-Berichterstattung: „Das Pferderennen ist zu einem chronischen Problem im US-Journalismus geworden. Dieses Jahr aber geriet alles außer Kontrolle, was an Donald Trump lag. Die Medien waren überfordert. In den ersten Monaten seiner Kandidatur war er ein Clown, danach ein Schlagzeilengarant. Trump im Titel ergab millionenfache Klickzahlen, von Zürich über Tokio bis New York. Man hat ihn kritisiert, gleichzeitig aber von ihm profitiert — wie zynisch ist das? Der Fernsehdirektor von CBS sagte, Trump sei vielleicht schlecht für Amerika, aber gut fürs Geschäft. Das sagt alles.“

6. Boris wollte mich verbrennen
(cms.falter.at, Florian Klenk)
Florian Klenk erzählt auf sehr lesenswerte Weise von seinem Besuch bei dem Mann, der ihn anzünden wollte: „Kann den wer anzünden bitte?“, schrieb Boris auf einer FPÖ-Facebook-Seite. Er meinte mich. Ich fuhr zu ihm und lernte, wie heute Politik und Propaganda funktionieren.“

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