Medien tappen in gigantische Superrattenfalle

Ob man aus ihnen auch Benzin machen kann, verrät Bild.de zwar nicht, aber ist ja auch so schon eine Knallerstory:

In der britischen Hauptstadt hat Schädlingsbekämpfer Dean Burr sechs große Biester unschädlich gemacht. Es sollen Ratten sein, rund 60 Zentimeter lang, etwa so groß wie Katzen!

Und nicht nur das!

Burr vermutet, dass die Tiere so zugelegt haben, weil sie auch Kannibalen seien: „Sie fressen Mäuse, sie fressen aber auch Artgenossen, sterbende oder tote Tiere.“

INVASION DER KANNIBALISCHEN SUPERRATTEN?

So viel vorweg: Nee.

Aber der Reihe nach. Dean Burr, der Kammerjäger, hatte das Foto vor ein paar Wochen bei Facebook gepostet und behauptet, er habe die Tiere in London gefangen.

Die britische „Sun“ bekam Wind davon und schrie am vergangenen Freitag:

Am Wochenende schwappte die Geschichte dann in den deutschsprachigen Raum — Bild.de kopierte sie ungeprüft, ebenso wie N24:

Und „20 Minuten“:

Und heute.at:

Und stern.de:

Allerdings: Alles Quatsch.

In Wirklichkeit stammen die Aufnahmen von „National Geographic“:

Sie sind mindestens drei Jahre alt und zeigen ganz normale Nutrias, die bis zu 65 Zentimeter groß werden, Vegetarier und völlig harmlos sind. Die Tiere wurden auch nicht in London gefangen, sondern in den USA.

Inzwischen hat der Kammerjäger das Foto von seiner Facebookseite gelöscht, und bei einigen der deutschen Abschreiber regen sich allmählich doch ein paar Zweifel.

Stern.de hat die Überschrift heute unauffällig in „Sind das wirklich Ratten? Diese Riesenbiester machen London unsicher“ geändert und schreibt am Ende des Artikels:

Einige Leser wiesen uns darauf hin, dass es sich bei den vermeintlichen Ratten um Nutrias, auch Biberratten genannt, handeln könnte. Die aus Südamerika stammenden Nager sind mittlerweile auch in Europa heimisch und ernähren sich von Pflanzen und Insekten. Ob es sich bei den gezeigten Tieren aber tatsächlich um die harmlosen Nagetiere handelt, ist aktuell noch unklar. Die markanten Orange-farbenen Zähne sprechen aber tatsächlich dafür.

Und News.de schreibt:

Einige Zweifler gibt es dennoch. Es könne sich demnach auch gar nicht um eine herkömmliche Ratte handeln, sondern um eine sogenannte Biberratte. Diese kommt ursprünglich aus Südamerika, sind im Gegensatz zur Kanalratte allerdings fast ausschließlich Vegetarier. Bleibt nur die Frage: Wie kommen die Biberratten nach England? Es darf spekuliert werden.

Überschrift:

Mit Dank an Anonym und Moritz K.

TV-Ausschalter, Chat-Schrott, Nordkorea-Auszeit

1. Im Reich des Beleidigten
(taz.de, Çiğdem Akyol)
Die ehemalige „taz“-Redakteurin und Autorin einer Erdogan-Biographie Çiğdem Akyol hat sich in Istanbul mit einem türkischen Medienkritiker zum Gespräch getroffen. Gönenç Ünaldı ist studierter Medienwissenschaftler und betreibt auf Facebook die Seite „Istanbul Revolution“. Dort dokumentiert er nach seiner Arbeit auf Englisch den politisch-medialen Alltag in der Türkei. Bei seinen Kommentaren werde er nie beleidigend, er mache lediglich auf Artikel aufmerksam, die in der mittlerweile überwiegend staatstreuen türkischen Presse kaum noch zu finden sind. Mittlerweile folgen „Istanbul-Revolution“ auf Facebook mehr als 16.000 Menschen.

2. Medien: „Vom Thema Vertrauen und Glaubwürdigkeit ist nur Gerede übriggeblieben“
(heise.de, Marcus Klöckner)
Im „Aufwachen-Podcast“ beschäftigt sich der Soziologe und ehemalige „FAZ“-Journalist Stefan Schulz zusammen mit Tilo Jung regelmäßig mit den Nachrichtensendungen der Öffentlich-Rechtlichen. Nun hat Schulz ein Buch mit dem Titel „Redaktionsschluss“ vorgelegt, in dem er sich intensiv mit der Berichterstattung in Deutschland und der Glaubwürdigkeitskrise der Medien auseinandersetzt. Interessant sei beispielsweise der Stellenwert der Nachrichten im ZDF. Dort hätte man ein News-Budget von 86 Millionen, was sich relativiere, wenn man hört, dass allein für die Champions League fünfzig Millionen Euro hingeblättert wurden. Sein Fazit und Ratschlag: Fernseher aus!

3. Analyse statt Erregung: Gestatten, Bernhard Pörksen
(dwdl.de, Hans Hoff)
DWDL-Kolumnist Hans Hoff mit einem Loblied auf einen professoralen Talkshowgast. Wenn Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen als Gast in Talkshows auftrete, solle man ihm unbedingt Gehör schenken. Ganz gleich, ob es um die Causa Böhmermann oder die Kölner Silvesternacht ginge. Wenn der Professor käme, werde es anstrengend, aber es lohne wegen des Erkenntnisgewinns. „Ich weiß nicht, wie es in Pörksens Seminaren zugeht, ob es da langweilig oder aufregend zugeht. Aber wenn sie nur halb so viel Erkenntnis beinhalten wie seine öffentlichen Wortmeldungen, würde ich gerne mal an einer solchen Veranstaltung teilnehmen.“

4. Hey, du Mensch!
(zeit.de, Eike Kühl)
Auf der diesjährigen Facebook-Entwicklerkonferenz F8 hat Facebook gezeigt, wie man sich die mobile Kommunikation der Zukunft vorstellt. Ein Element davon sind Chatbots, die im Messenger automatisiert in den Dialog mit Interessenten und Kunden eintreten sollen. Eike Kühl hat sich die auf künstlicher Intelligenz basierenden Programme angeschaut. Zum jetzigen Zeitpunkt sei der Umgang mit den Bots jedoch noch frustrierend. Und: „Wieso sollte ich in einem kleinen Chatfenster im Messenger einkaufen, wenn es auf der Website mehr Informationen gibt? Was kann ein Bot wie Poncho mehr liefern als ein Wetter-Widget auf dem Smartphone? Die Antwort: Nicht viel, jedenfalls noch nicht.“

5. The CIA Is Investing in Firms That Mine Your Tweets and Instagram Photos
(theintercept.com, Lee Fang)
Vor zwei Jahren wurde die Nachrichten-Webseite „The Intercept“ gegründet. Sie wird von den US-amerikanischen Journalismus-Größen Laura Poitras, Glenn Greenwald und Jeremy Scahill betrieben, als Finanzier wirkt der ebay-Gründer Pierre Omidyar. Im Artikel beschreibt der Journalist Lee Fang wie der der Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten zielgerichtet in Technologiefirmen investiert, die Datamining betreiben, um z.B. Twitter und Instagram auszuwerten.

6. Post von Jan Böhmermann
(www.facebook.com, Jan Böhmermann)
Der Satiriker Jan Böhmermann verabschiedet sich auf Facebook von seinen Fans in eine Fernsehpause: „Daher verlasse ich jetzt erstmal das Land, lasse mir beim Twerk&Travel durch Nordkorea die Sache mit der Presse- und Kunstfreiheit nochmal genau erklären, bevor ich noch ein paar Tage mit meinem Segway auf dem Jakobsweg pilgere, um mich selbst zu finden.“

Merkels Geschwafel, Hundepimmel Diekmann, umgefallener Reissack

1. „Washington Post“ schimpft über „Merkels Geschwafel“
(welt.de)
Die Herausgeber der „Washington Post“ haben scharfe Kritik an Bundeskanzlerin Angela Merkels Haltung im Fall Böhmermann geübt. Das deutsche Gesetz, das ausländischen Staatsführern erlaube, Kritiker in Deutschland zu verklagen, sei anachronistisch und müsse abgeschafft werden. Und: „Merkels Geschwafel ist dazu angetan, Erdogan und andere Regime, die kritische Äußerungen sowohl innerhalb als auch außerhalb ihrer Grenzen unterdrücken wollen – China kommt uns in den Sinn –, zu ermutigen“.

2. TITANIC-Super-Scoop: Das erste Interview mit Böhmermann-Interviewer Kai Diekmann!
(titanic-magazin.de)
Fake vs Fake: Der Titanic ist es gelungen, den Böhmermann-Interviewer Kai Diekmann zu interviewen. „Lieber Hundepimmel, sämtliche deutsche Prominente außer Ex-Papst Benedikt, Affe Charly, die aktuelle Schwiegermutter von Lothar Matthäus und Hans-Dietrich Genscher haben sich bereits zum Fall Böhmermann geäußert. Nun also auch noch Sie – mit einem peinlichen Fake-Interview, das nicht mal „Meedia“ gefällt. Wozu die Scheiße?“

3. ZDF-Stellungnahme gegenüber der Staatsanwaltschaft Mainz
(presseportal.zdf.de)
Das ZDF hat eine Stellungnahme zum Ermittlungsverfahren gegen Jan Böhmermann abgegeben. Man stützt sich dabei auf ein Rechtsgutachten, das zum Ergebnis gekommen sei „dass die in Rede stehende Sequenz einschließlich des so genannten „Schmähgedichts“ rechtlich zulässig war und daher die Grenzen zur Strafbarkeit nicht überschritten worden sind. Die grundgesetzlich garantierte Satirefreiheit umfasse gerade im Zusammenhang mit Angelegenheiten von öffentlichem Interesse auch den Einsatz grober Stilmittel…“ Trotzdem sah sich das ZDF augenscheinlich genötigt, sich vom Gedicht abzugrenzen. Es entspreche nicht den „Qualitätsansprüchen und Regularien des ZDF“.

4. „Eine Kritik aus Deutschland ist für Erdogan Gold wert“
(heise.de, Gerrit Wustmann)
Baris Uygur, Mitgründer des türkischen Satiremagazins „Uykusuz“, im Interview über Erdogan gegen Böhmermann und die Lage der Satire und der Medien in der Türkei. „Außerdem braucht Erdogan Feinde. Er bekämpft die Opposition, die Journalisten, Künstler, Satiriker nicht aus Angst. Es wäre falsch, sehr falsch, das so zu verstehen. Er hat keine Angst. Im Gegenteil. Jede Kritik an seiner Person ist für ihn eine willkommene Gelegenheit, Angst zu verbreiten. Und seine Anhänger glauben ihm. Eine Kritik aus Deutschland ist für ihn Gold wert. Seine Anhänger sind anfällig für Verschwörungstheorien. Wenn er sagt, Deutschland oder die USA würden eine gezielte Kampagne gegen ihn führen, dann verfängt das bei seinem Publikum.“

5. Konzern gerät durch Parteispenden unter Rechtfertigungsdruck
(horizont.net, Ulrike Simon)
Die Funke Mediengruppe (früher „WAZ-Gruppe“) ist das drittgrößte Verlagshaus Deutschlands und einer der größten Regionalzeitungsverlage Europas. Sie verlegt in Deutschland 12 Tageszeitungen, mehr als 170 Publikums- und Fachzeitschriften, über 70 Anzeigenblätter sowie 400 Kundenzeitschriften und besitzt eine Reihe von Großdruckereien. Nun stellt sich heraus, dass die Mediengruppe 15.000 Euro an die CDU überwiesen hat. Dies sei besonders unangenehm für die Journalisten der Zeitungen, von „WAZ“ bis „Hamburger Abendblatt“, von „Berliner Morgenpost“ bis „Braunschweiger Zeitung“. Diese würden nun betonen, trotz der Parteispende ihres Unternehmens parteipolitisch unabhängig arbeiten zu können.

6. +++ EIL +++ In China ist ein Sack Reis umgefallen +++ EIL +++
(udostiehl.wordpress.com, Udo Stiehl, Jost Langheinrich & Steffen Wurzel)
Die Sondersondersendung zum umgefallen Reissack in China. Natürlich mit Live-Schaltung und ARD-Experten!

Kommentare, Kronenzeitung, Kuppelshow

1. Guardian hat 70 Millionen Leserkommentare untersucht
(netzpolitik.org, Markus Reuter)
Der „Guardian“ hat die Leserkommentare der letzten zehn Jahre untersucht, eine Datenbasis von immerhin 70 Millionen Stück. Eines der Ergebnisse: Journalistinnen sind besonders von Hasskommentaren betroffen. „Dabei kam heraus, dass unter den Top10 der Autorinnen und Autoren mit den meisten geblockten Kommentaren acht Frauen waren und nur zwei Männer. Die beiden betroffenen Männer waren schwarz. Zwei der Autorinnen und ein Autor in der Top10 waren homosexuell. Von den acht Frauen war eine Muslima und eine Jüdin.“

2. Ejaculatio praecox: Wenn Medienprofis erst teilen und dann denken
(http://blog.ronniegrob.com)
Ronnie Grob über das von Kai Diekmann auf Facebook lancierte Interview mit Jan Böhmermann, das sich später als falsch herausstellte. Unzählige Medienprofis hätten das Interview verbreitet, ohne die Echtheit zu überprüfen. Dabei hätte bereits die Fotomontage Zweifel aufkommen lassen müssen. „Lernt man heute nicht schon in der Schule, dass man genau prüfen sollte, was man teilt, um nicht betrogen zu werden? Und sollten nicht gerade Journalisten etwas genauer hinsehen, bevor sie offensichtlichen Quatsch als echt verkaufen?“

3. Drohen, wünschen, hoffen
(sprachlos-blog.de)
Das Sprachlos-Blog über eine kleine Meldung der „Thüringer Allgemeinen“, die zeige, wie schnell man mit falscher beziehungsweise auslassender Kontextualisierung einen völlig gegensätzlichen Eindruck erwecken kann. Die Zeitung suggeriere, Antifa-Aktivisten hätten den Thüringer Ministerpräsidenten mit Mord bedroht, weil er sie mit Nazis verglich. Die Drohung sei aber aus der völlig anderen Richtung gekommen.

4. Kronenzeitung verbreitet Falschinfos zur Einbürgerung von Flüchtlingen
(sosmitmensch.at)
Die österreichische Menschenrechtsorganisation „SOS Mitmensch“ übt scharfe Kritik an der „Kronenzeitung“, die Falschinformationen zur Einbürgerung von anerkannten Flüchtlingen verbreiten würde. Mit irreführenden Angaben und falschen Zahlen werde der Leserschaft der Eindruck vermittelt, dass nahezu alle Asylberechtigten nach 6 Jahren die österreichische Staatsbürgerschaft erhalten würden. Davon sei Österreich mit seinen restriktiven Einbürgerungsbestimmungen jedoch meilenweit entfernt.

5. Putins „Untergrund-Truppe“, die von einem „Putin-Experten“ aufgedeckt wurde
(heise.de, Florian Rötzer)
Florian Rötzer berichtet auf „Telepolis“ über die Meldungen von „Bild“ und „Focus“, ein direkt von Putin gesteuertes „Elite-Kämpfer-Netzwerk“ habe sich in deutschen Kampfsportschulen angesiedelt. Dieses weltweit bereitstehende angebliche Schläfer-Netzwerk von Putin-Kämpfern würde sich auf den Einsatz nicht in Terroristencamps vorbereitet, sondern in sogenannten „Systema-Kampfschulen“. Hinter den Meldungen stünde der langjährige Leiter des Moskauer Focus-Büros, der Experte darin sei, den russischen Präsidenten Putin zu dämonisieren.

6. Illustrer Infrarotsaunagänger sucht kokette Kurzhaarträgerin
(uebermedien.de)
„Übermedien“ weist auf die sprachlichen Spitzenleistungen von RTLs Erfolgssendung „Schwiegertochter gesucht“ hin. Bei der als Kuppelshow getarnten Sendung handele es sich in Wahrheit um ein „Festival der albernen Alliteration und des stupiden Stabreims“. Eine konzentrierte Kompilation, die ohne die lästigen Handlungsstränge auskommt, zeigt, was gemeint ist.

Partei des Grauens? TV-Auftritt des Grauens? Ranch des Grauens?

1. Und wie jetzt mit der AfD umgehen?
(journalist.de)
Die AfD sitzt mittlerweile in acht Landtagen. Das gestörte Verhältnis der Partei zur Presse ist bekannt. Wie soll man jetzt von jornalistischer Seite mit der AfD umgehen, so die Frage, die das Magazin „journalist“ an verschiedene Chefredakteure von Tageszeitungen gerichtet hat. Die antwortenden Journalisten eint das Bestreben, die AfD keineswegs zu ignorieren, sie vielmehr ernst zu nehmen und sich mit ihr auseinanderzusetzen, sie jedoch auch nicht zu dämonisieren.

2. Tendenziöse Griechenland-Berichte deutscher Medien
(oxiblog.de)
Zusammenfassung einer Studie, die sich mit der Berichterstattung deutscher Medien zur Griechenlandkrise befasst. Wissenschaftler der Uni Würzburg haben im Auftrag der Hans Böckler Stiftung 1.442 Artikel untersucht, die zwischen Ende Januar und Ende Juni 2015 in den Tageszeitungen „Bild“, „Welt“, „FAZ“, „SZ“, „taz“ und auf „Spiegel Online“ erschienen sind. Das für die Medien wenig schmeichelhafte Urteil der Wissenschaftler: Der Streit zwischen der griechischen Linksregierung und ihren europäischen Gläubigern sei ziemlich verzerrt dargestellt und die griechische Position einseitig negativ gedeutet worden.

3. „So weit ist es mit der Pressefreiheit gekommen“
(faz.net)
Der Erdogan-nahe türkische Sender „A Haber“ hat eine fragwürdige Aktion durchgeführt. Ein Reporter versuchte unangemeldet, unter Berufung auf die Pressefreiheit und mit laufender Kamera, auf das Gelände der ZDF-Zentrale zu gelangen. Dass dem türkischen TV-Team der Zutritt nicht gestattet wurde, hat man aufgeregt und lautstark als Beleg dafür gefeiert, wie schlecht es um die Pressefreiheit in Deutschland bestellt sei. In den Artikel eingebettet ist das Video des bizarren Auftritts.

4. Drei große Klick-Magnete
(medienwoche.ch, Isabelle Schwab)
Isabelle Schwab schreibt über die Konzentrationstendenzen im Schweizer Internet: Die Medienriesen „Tamedia“, „Ringier“ und „Swisscom“ würden sich bereits die Hälfte des Traffics teilen. Nach und nach würden sich die Schweizer Internet-Giganten weitere Sites einverleiben. „Das Verhalten der Medienhäuser Ringier und Tamedia erinnert an das Mini-Game Agar: Der Spieler ist ein runder Einzeller, der durch das Einverleiben kleinerer Spieler immer grösser und stärker wird. Und auch im Netz gilt das Gesetz der Größe: Wer hat, dem wird gegeben, respektive: kriegt noch mehr Traffic.“

5. Der Kampf hat sich gelohnt
(taz.de, Anne Fromm)
Die Tarifkommission der „Zeit“ hat sich mit der Verlagsgeschäftsführung auf höhere Gehälter und bessere Arbeitsbedingungen für die Online-Redakteure geeinigt. Der Arbeitgeber erkenne grundsätzlich die Tarifverträge des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger an, in wenigen Punkten würde man Anpassungen durchführen. Anne Fromm sieht die Einigung als Signal für die ganze Branche und Hoffnung für Onlineredakteure, die oft weniger als ihre Printkollegen verdienen würden.

6. Alle Wege führen nach Kansas
(zeit.de, Eike Kühl)
Pädophile, Hacker, Steuerhinterzieher: Auf der Vogelman-Ranch im amerikanischen Budesstaat Kansas lebe ein übler Verbrecher-Clan. Jedenfalls ergebe das die Rückverfolgung von IP-Adressen. Was ist da los, fragt Eike Kühl und klärt die Geschichte mit der hübschen Technik-Pointe auf.

Presserat hält „Galgenmann“-Fotos für unzulässig

Ja, da freute er sich, der Online-Chef der „Bild“-Zeitung:

Äh, ja.

In der Geschichte ging es um einen Mann, der auf einer „Pegida“-Demo einen selbstgebauten Galgen getragen hatte („Reserviert“ für Angela Merkel und Sigmar Gabriel). „Bild“ hatte den Mann kurz darauf zu Hause besucht, dabei offenbar heimlich in seiner Wohnungstür fotografiert und die Fotos groß in der Print-Ausgabe und bei Bild.de veröffentlicht (BILDblog berichtete).

Darüber haben wir uns beim Deutschen Presserat beschwert. Der sieht es — anders als Julian Reichelt suggeriert — so wie wir:

Die Mitglieder des Beschwerdeausschusses sind mehrheitlich der Ansicht, dass die Beschwerde begründet ist. Die Verwendung der Fotos, die den Mann in seiner Wohnungstür zeigen, verstoßen gegen Ziffer 8, Richtlinie 8.8 des Pressekodex.

Der Ausschuss halte es zwar für presseethisch zulässig, „den Betroffenen auch an seiner Wohnungstür mit den Äußerungen, die er auf der Demonstration getätigt hat, zu konfrontieren“, heißt es in der Begründung. Aber:

Die Veröffentlichung heimlich angefertigter Bildaufnahmen hält er hingegen für unzulässig. (…) Auch die politischen Umstände des Sachverhalts oder die mögliche strafrechtliche Relevanz der Äußerungen des Betroffenen auf der Demonstration rechtfertigen ein heimliches Vorgehen nach Ansicht der Ausschussmehrheit nicht.

Die „Maßnahmen“ des Presserates:

Hat eine Zeitung, eine Zeitschrift oder ein dazugehöriger Internetauftritt gegen den Pressekodex verstoßen, kann der Presserat aussprechen:

  • einen Hinweis
  • eine Missbilligung
  • eine Rüge.

Eine „Missbilligung“ ist schlimmer als ein „Hinweis“, aber genauso folgenlos. Die schärfste Sanktion ist die „Rüge“. Gerügte Presseorgane werden in der Regel vom Presserat öffentlich gemacht. Rügen müssen in der Regel von den jeweiligen Medien veröffentlicht werden. Tun sie es nicht, dann tun sie es nicht.

Der Presserat sprach deshalb einen „Hinweis“ gegen „Bild“ und Bild.de aus. Julian Reichelt hatte zwar noch wortreich argumentiert …

Wir betrachten es als eine unserer herausragenden Aufgaben, politischen Bewegungen und Einzelpersonen, die Deutschland offenkundig aus dem grundgesetzlichen Rahmen herausreißen wollen, konsequent entlarvende Recherche und Berichterstattung entgegen zu setzen. Es wäre gefährlich, Berichterstattung auf das Umfeld zu beschränken, in dem sich radikale Bewegungen und Einzelpersonen nach Belieben inszenieren können. (…)

Es ist (leider) ein historisch belegtes Phänomen, dass sich in radikalen Organisationen soziale Außenseiter sammeln und durch das gemeinsame Auftreten den Eindruck von Stärke, Entschlossenheit, Tatkraft und vor allem gesellschaftlicher Legitimation zu erwecken. In der Masse treten sie quasi als Stimme der schweigenden Mehrheit auf. Die These der „schweigenden Mehrheit“, der Denk- und Redeverbote gehört zu ihrem ideologischen Standard-Repertoire.

Wir halten es daher für zwingend geboten, journalistisch gerechtfertigt und als Lehre aus der Geschichte unumgänglich, die Träger einer solch Staats- und Grundgesetzfeindlichen Ideologie in ihrem banalen Alltag zu konfrontieren und zu zeigen und den Kontext ihres Gedankenguts abseits choreographierter Flaggen- und Fackelzüge zu dokumentieren.

Ob die Fotos heimlich aufgenommen wurden, wollte Reichelt dem Presserat aber nicht verraten.

Inzwischen hat Bild.de die Fotos gelöscht.

Pay-Rebell, Neu-Neon, fliegender Flughafensprecher

1. Spießbürger oder Nervensäge?
(faz.net, Antonia Baum)
Am Montag entscheidet die Bundesregierung, ob Jan Böhmermann – wie von der Türkei gefordert – strafrechtlich verfolgt werden soll. Antonia Baum fragt, ob er wirklich der Aufrührer sei, als der er sich aufspiele: „Ein bezahlter Rebell wird von einer Institution, die ihn bezahlt und als Rebell installiert hat, gemaßregelt, nachdem dieser, mit Ansage, etwas falsch gemacht hat, das man in der Bundesrepublik Deutschland nicht falsch machen soll. Woraufhin die Regierung öffentlich sagt, dass jener Rebell da wirklich etwas falsch gemacht habe, die Staatsanwaltschaft, weil er mutmaßlich etwas falsch gemacht hat, aktiv wird und die Presse von ihrer Pressefreiheit Gebrauch macht, indem sie darüber streitet, ob der Rebell nun tatsächlich etwas falsch gemacht hat.“

2. Mehr Daten, mehr Defizite
(de.ejo-online.eu, Marlis Prinzing)
Die Professorin für Journalistik Marlis Prinzing weist auf Defizite bei der Vermittlung von Datenjournalismus hin und nennt die „Panama Papers“ als Beispiel. Die Recherchen rund um die geleakten Daten seien zwar in vielerlei Hinsicht eine Sternstunde des enthüllenden Journalismus. Sie würden aber auch Defizite widerspiegeln, die dringlicher denn je systematisch beseitigt werden müssten. Hier könne eine Studie der „Columbia Journalism School und Knight Foundation“ helfen (im Artikel als PDF verlinkt).

3. Ein eher angespanntes Feeling
(sueddeutsche.de, Katharina Riehl)
Das Magazin „Neon“ war einst eine der erfolgreichsten deutschen Zeitschriftengründungen und galt lange Zeit als Erfolgsmodell. Seit einiger Zeit steckt es in der Krise. Querelen in der Redaktion ließen die ohnehin schon bröckelnde Auflage in den vergangen Monaten rasant nach unten rauschen. Die umstrittene Chefredakteurin hat das Heft nun überarbeitet und setzt zum Relaunch an. Das neue Heft strahle jedoch nach Ansicht der Autorin mit seiner stärkeren Orientierung an der Medienmacher- und Hipsterblase die Art von Coolness aus, mit der man eigentlich keine Hefte verkaufe.

4. Brutale Heldinnen
(freitag.de, Claudia Reinhard)
Claudia Reinhard hat sich mit der Rolle von Action-Heldinnen in Blockbustern beschäftigt wie die der Katniss Everdeen in „Die Tribute von Panem“. Neben dem kommerziellen Erfolg (3 Milliarden für die Panem-Reihe) werde Action-Heldin Katniss aber vor allem für ihre feministische Vorbildfunktion gefeiert. Das Studio inszeniere und vermarkte sie für die junge Zielgruppe als „starke Heldin“, mit deren Geschick eine Revolution steht und fällt. Die Unterhaltungsindustrie glorifiziere dabei Gewalt unter dem Deckmantel des Feminismus.

5. Zu ehrlich für den Job?
(taz.de)
Der Pressesprecher der Flughafengesellschaft Berlin Brandenburg, Daniel Abbou, ist wegen eines Interviews mit dem „PR Magazin“ freigestellt worden. Mit den Worten „Milliarden versenkt“ und „zuviel verbockt“ hätte der BER-Sprecher den Skandal um den Bau des neuen Berliner Flughafens kritisiert. Nun ist er wohl seinen Job los.

6. Erlaubte Schmähkritik? Die verfassungsrechtliche Dimension der causa Jan Böhmermann
(verfassungsblog.de, Alexander Thiele)
Die Causa Böhmermann ist mittlerweile zur handfesten Staatsaffäre geworden. Im „Verfassungsblog“ gibt Privatdozent Alexander Thiele seine juristische Einschätzung des Falls wieder, in einer auch für Laien gut lesbaren Weise. Eines Falls, von dem er übrigens annimmt, dass er in Bälde auch in öffentlich-rechtlichen Examensklausuren auftauchen dürfe.

So sieht Journalismus heute aus


(„Focus Online“, 3.3.2016)


(„Focus Online“, 4.4.2016)


(„Focus Online“, 19.6.2015)


(„Focus Online“, 21.2.2016)


(„Focus Online“, 22.1.2016)


(„Focus Online“, 27.2.2016)


(„Focus Online“, 30.9.2015)


(„Focus Online“, 5.4.2016)


(„Focus Online“, 19.2.2016)


(„Focus Online“, 21.3.2016)


(„Focus Online“, 30.1.2016)


(„Focus Online“, 11.12.2015)


(„Focus Online“, 8.9.2015)


(„Focus Online“, 15.12.2015)


(„Huffington Post“, 26.3.2016)


(„Huffington Post“, 21.3.2016)


(„Huffington Post“, 3.3.2015)


(„Huffington Post“, 22.2.2016)


(„Huffington Post“, 2.11.2015)


(„Huffington Post“, 19.1.2016)


(„Huffington Post“, 14.1.2016)


(„Huffington Post“, 13.11.2014)


(„Huffington Post“, 9.2.2016)


(„Huffington Post“, 30.04.2015)


(„Huffington Post“, 30.08.2015)


(„Huffington Post“, 1.1.2016)


(„Huffington Post“, 27.4.2015)


(„Huffington Post“, 8.4.2016)


(„Huffington Post“, 27.11.2015)


(„Huffington Post“, 9.1.2016)


(„Huffington Post“, 27.5.2015)


(„Huffington Post“, 20.4.2015)


(„Huffington Post“, 15.7.2015)


(„Huffington Post“, 2.8.2015)


(„Huffington Post“, 5.3.2015)

Mit Dank an „Clarissa“!

Compact, Polishing, Bollywood

1. Scheue Angstmacher
(taz.de, Erik Peter)
Erik Peter hat sich mit einem der Mitgründer und ehemaligen Gesellschafter des Monatsmagazin „Compact“ getroffen, dem deutschen Konvertiten und Herausgeber der Islamischen Zeitung Andreas Abu Bakr Rieger. Anlass war die Erfolgsgeschichte des umstrittenen Blatts, dessen Auflage sich in den letzten zwei Jahren mehr als verdoppelt hat (zurzeit 80.000). Außerdem hat er das Magazin auf der Buchmesse besucht und im Nachgang dazu mit einem Soziologen über das Phänomen gesprochen.

2. Die Internationale der Schnüffler
(nzz.ch, Ronnie Grob)
Bisher hätten sich meist Einzeltäter einen Namen als Enthüller von Missständen gemacht. Nun würden investigative Journalisten vermehrt im Kollektiv arbeiten. Was sie schlagkräftiger mache, aber auch Risiken berge, so Ronnie Grob in seinem Artikel für die „NZZ“. Darin äußert sich der Leiter des Schweizer Recherche-Desks Oliver Zihlmann auch zum vielfach erhobenen Vorwurf, die Panama-Papers würden Amerikaner ausklammern: „In den ‹Panama Papers› sind viele Hinweise auf kriminelle Aktivitäten in den USA, sogar wesentlich mehr als in vielen anderen Ländern. US-Politiker dagegen sind tatsächlich kaum dabei, denn die nutzen eigene Steueroasen wie zum Beispiel Delaware.“

3. Michael Klarmann: „Für Rechtsextreme ein personifiziertes Feindbild“
(augenzeugen.info, Anna-Maria Wagner & Frank Überall)
Der Journalist Michael Klarmann berichtet seit vielen Jahren vor allem über die rechtsextreme Szene in Nordrhein-Westfalen. Auch in Vorträgen gibt er seine Erfahrungen weiter und berichtet über die zunehmenden Schwierigkeiten in diesem speziellen Feld der Berichterstattung. Im Interview spricht er über die Herausforderungen seiner Arbeit, zu denen Bedrohungen und körperliche Übergriffe zählen.

4. Die Grenze im Kopf
(taz.de, Anne Fromm & Jürn Kruse)
Die Autoren berichten von einer besorgniserregenden Entwicklung in unserem Nachbarland: Seit in Polen die Regierung die öffentlich-rechtlichen Medien umbaue, ginge bei polnischen Journalisten die Angst um. Ende 2015 hätte die neue Regierung ein Gesetz durch das polnische Unterhaus und den Senat gepeitscht, nach dem öffentlich-rechtliches Radio und Fernsehen künftig „nationale Kulturinstitute“ werden, an deren Spitze ein vom Schatzminister ernannter Chef stehe. Die Regierung könne die Medien so direkt kontrollieren.

5. „Nach der Fußball-EM holen wir uns die Frauen“
(dwdl.de, Thomas Lückerath)
Die milliardenschwere indische Essel Group startet im Juni In Deutschland einen frei empfangbaren Bollywood-Sender. „Zee One“ soll der Kanal heißen, der sich vor allem an Frauen im Alter von 19 bis 59 Jahren richtet. Die Pläne des Senders sind ambitioniert. Man habe einen Programmschatz von 3.500 Bollywood-Filmen und damit den größten Filmbestand dieses Genres. Jeden Tag gebe es drei Filme in Erstausstrahlung. Derzeit laufe die Synchronisation auf Hochtouren. Man habe gleich mehrere Studios in Deutschland beauftragt.

6. Beliebte Instagram-Accessoires – #faceswap
(dailybreadmag.de)
Das „DailyBreadMag“ hat erstmals die Gesichtertausch-Apps für sich entdeckt und stellt einige gelungene und weniger gelungene Faceswaps von Instagram-NutzerInnen vor.

BILDblog analog

Am 3. Mai wollen wir im Heimathafen Neukölln ein paar BILDblog-Freunde zusammentrommeln — und wir würden uns tierisch freuen, wenn Sie auch dabei sind. Bei:

  • Was gibt’s zu sehen?

    Zuerst: „Seite Eins — Theaterstück für einen Mann und ein Smartphone“ von Johannes Kram, in dem Ingolf Lück den Boulevardjournalisten Marco spielt. Ein lustiges, realistisches, erschreckendes Stück über die perfiden Methoden einer skrupellosen Zeitung.



    (Fotos: Volker Zimmermann)

    Anschließend geben mehrere Generationen von BILDblog-Autoren Auskunft über Redaktionsinterna und erzählen vom Beklopptesten und Geheimsten aus zwölf Jahren BILDbloggerei.

    Und zum Schluss gibt’s Musik — von wem, geben wir noch bekannt.

  • Wann?

    Am Dienstag, 3. Mai 2016, um 19:30 Uhr (Einlass ab 19:00 Uhr).

  • Wo?

    Im Heimathafen Neukölln.
    (Karl-Marx-Straße 141, 12049 Berlin, U7-Haltestelle Karl-Marx-Straße)

  • Wie viel?

    Die Karten für den Abend kosten 20 Euro (plus Vorverkaufsgebühr). Mit den Einnahmen wollen wir den künftigen Betrieb des BILDblogs sichern — ein Benefizabend in eigener Sache also.

    Tickets gibt es hier …



    … oder direkt beim Heimathafen Neukölln oder bei „Koka 36“. (Die Tickets werden auf den Namen des Käufers ausgestellt, können aber auch gerne verschenkt werden.)

  • Wer uns bei der Gelegenheit noch gleich etwas mehr unterstützen möchte, kann auch eines der limitierten Supporter-Tickets kaufen:

    – für 50 Euro bekommen Sie einen weltexklusiven BILDblog-Jutebeutel obendrauf.

    – für 200 Euro stehen wir Ihnen bei der Party persönlich Rede und Antwort. Die Getränke gehen natürlich auf uns.

    – für 500 Euro laden wir Sie einen Tag nach der Veranstaltung zum Abendessen in unsere liebste Dönerbude in Neukölln ein.

    Dafür einfach eine kurze Mail an kontakt@bildblog.de schreiben.

  • Mit freundlicher Unterstützung von:
  • Damit auch alles ganz schick wird, müssen wir noch einiges vorbereiten, darum wird der Blogbetrieb in dieser Woche ruhen.

    Mit großem Dank an Johannes K., Ingolf L., Michel M. und Philipp S.!

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