St. Pauli löscht RB-Leipzig-Logo – vor drei Monaten

Am kommenden Sonntag spielt der FC St. Pauli gegen den RB Leipzig, doch schon jetzt, kurz vor dem Spiel, …

… provozieren die Hamburger auf der Vereins-Homepage

(sueddeutsche.de)

… geht [St. Pauli] auf Attacke-Kurs

(Bild.de)

… haben [die Hamburger] das Duell auf ihrer offiziellen Klub-Homepage gestartet

(welt.de)

… probieren es [die Hamburger] mit Psycho-Tricks

(sportnet.at)

Denn:




So und ähnlich heute zu lesen unter anderem bei der dpa, „Spiegel Online“, „RP Online“, „Focus Online“, stern.de, Bild.de, sport1.de, spox.com, sportal.de, auf den Seiten der „Welt“, der „Süddeutschen“, der „Abendzeitung“, der „Berliner Zeitung“, der „Leipziger Volkszeitung“, des „Express“, des „Hamburger Abendblatt“, der „Mopo“, der „FAZ“, also im Grunde überall.

Doof nur: Das Logo wurde nicht erst jetzt entfernt, wie alle glauben, sondern schon vor Monaten. Nach BILDblog-Informationen bereits im Mai.

Mit einem Blick in die „Wayback Machine“, in der frühere Versionen von Internetseiten gespeichert werden, hätten die Journalisten das auch ganz schnell selbst herausfinden können:

Datiert ist diese Version auf den 8. Juni 2015 — schon damals gab’s anstelle des RB-Logos nur einen „Leipzig“-Schriftzug.

In die Welt gesetzt wurde die Geschichte heute übrigens, klar, von der „Bild“-Zeitung:

Mit Dank an Ananyma.

Korrektur, 22.05 Uhr: Wir hatten zunächst geschrieben, das Logo sei vor fünf Monaten gelöscht worden. Das war Quatsch; richtig sind mindestens drei. Entschuldigung!

Amazon und der Griff ins Klo

Die „New York Times“ hat ein halbes Jahr lang recherchiert, mit welchen teils erschreckenden Methoden die Menschen beim Versandhändler Amazon zu immer neuen Höchstleistungen angetrieben werden sollen. Der lange Bericht sorgte international für Aufmerksamkeit und Diskussionen.

Auch bei „Bild“ waren sie schockiert über den „Job-Terror“, den sie zusammenfassten mit den Worten:

„Tränen, Rauswürfe und ein Knopf gegen zu lange Klo-Pausen“.

Job-Terror bei Amazon - Tränen, Rauswürfe und ein Knopf gegen zu lange Klo-Pausen

Und wie kämpft Amazon laut „Bild“ gegen zu lange Klo-Pausen? Unter anderem so:

 Um keine Zeit am Klo zu vergeuden, wurde ein Knopf installiert, mit dem eine Rolle Klopapier direkt angefordert werden kann – um das oft langwierige Aufstöbern des Reinigungspersonal vermeiden zu können.

Bah. Wie gemein! Perfide! Sowas trauen die sich bei Amazon?

Äh, nun. In Wahrheit ist es einfach so, dass das Unternehmen gerade damit experimentiert, ein Gerät zu verkaufen, das man sich zu Hause hinlegen kann, und wenn man merkt, dass das Klopapier zur Neige geht, kann man draufdrücken, dann wird schnell eine neue Ladung vorbeigebracht.

Hat mit den Arbeitsbedingungen bei Amazon gar nichts zu tun. Steht auch so in der „New York Times“, sogar mit Link:

Even as the company tests delivery by drone and ways to restock toilet paper at the push of a bathroom button, it is conducting a little-known experiment in how far it can push white-collar workers, redrawing the boundaries of what is acceptable.

Aber halt leider auf Englisch.

Mit welchen Methoden die „Bild“-Zeitung ihre Leute zu journalistischen Höchstleistungen antreibt, ist nicht bekannt.

Mit Dank an Christoph T. und Holger von T.!

Generation Pornojournalismus

In Thüringen wird zurzeit viel über den Sexualkundeunterricht gesprochen. Die Landesschülervertretung zum Beispiel beklagte sich vergangene Woche darüber, dass das Thema Sexualität in den Schulen zu kurz komme, während die AfD bei jeder Gelegenheit panisch gegen die „Frühsexualisierung“, „Gleichmacherei“ und „ideologisch geprägte Pseudo-Pädagogik“ wettert.

Die Nachrichtenagentur dpa nahm die Debatte zum Anlass, den Biologieprofessor Uwe Hoßfeld von der Uni Jena zum Thema Aufklärungsunterricht zu interviewen.

Eine Frage lautete:

Jugendliche sind heute im Internet nur wenige Klicks von pornografischen Inhalten entfernt, von einer „Generation Porno“ ist sogar die Rede. Wie färbt das auf den Unterricht ab?

Antwort des Professors:

Das bedeutet, dass wir im Unterricht stärker Medienkompetenz vermitteln müssen. Pornos sind Märchen für Erwachsene, die wenig mit der Realität zu tun haben. Wir als Lehrer und Eltern müssen das den Kindern klar machen – sonst besteht die Gefahr, dass sie Komplexe entwickeln. Und die Schüler müssen ganz anders abgeholt werden als früher. Wir müssen ihnen stärker vermitteln, welche Rollen Liebe und Gefühle spielen. Auch sehe ich den Unterricht bei Fragen der Verhütung gefordert. Für mich ist es ganz erstaunlich, dass das Thema Aids weitgehend aus den Medien verschwunden ist – nur weil es eine Tabletten-Therapie gibt und man nicht mehr daran stirbt.

Und nun zusammengefasst von Bild.de:

Pfui! Und was kommt als nächstes? Nazi-Unterricht? In dem die Kinder etwas übers Dritte Reich lernen?

Aber im Ernst. Mit den Aussagen des Profs hat die Schlagzeile freilich nichts mehr zu tun, und was an der ganzen Sache „gewagt“ sein soll, verrät Bild.de auch hinter der Paywall nicht.

Auch der Professor war überrascht, als er diese Schlagzeile heute Morgen lesen musste, sagte er uns auf Nachfrage. In Wirklichkeit fordere er keinen „Porno-Unterricht“, sondern — wie man dann ja auch im Bild.de-Artikel (in dem übrigens die gleichen Antworten stehen wie im dpa-Interview) nachlesen könne — „eine gute Gesundheitserziehung für Kinder und Jugendliche“. Aber das wäre als Überschrift natürlich nur halb so geil gewesen.

Fußball ohne Journalisten, Netzhass, Pressemitteilungen

1. Wie aus Netzhass Gewalt wird und was dagegen hilft
(spiegel.de, Sascha Lobo)
Die rassistische Hetze im Netz lässt viele ratlos zurück; sie reagieren mit Wut und Unverständnis, wissen aber nicht, was sie dagegen tun sollen. Sascha Lobo macht in seiner Kolumne einen Vorschlag. Er verweist auf die Forschungsergebnisse der Wissenschaftlerin Susan Benesch. So sprach sich der Amsterdamer Bürgermeister nach dem islamistischen Mord an Theo van Gogh öffentlich gegen anti-muslimische Racheakte aus. Das Ergebnis: „In den Tagen nach dem Mord geschahen im ganzen Land Racheakte gegen Muslime – außer in Amsterdam.“ Lobos Fazit: „Hassrede im Netz kann zu Gewalt führen – aber mit nicht hasserfüllter Gegenrede kann die Gesellschaft das verhindern helfen.“

2. Bauer Verlag: Mit Leid und Gier auf Klickjagd im Social Web
(medienrauschen.de)
Die „TV Movie“ ist nicht das einzige Medium aus dem Hause Bauer, das bei Facebook auf hemmungsloses Clickbaiting setzt. Auch die „Bravo“ und die „Auto Zeitung“ (und die „Intouch“) wollen die Leser mit geschmacklosen Rätseln auf ihre Seiten locken — mit Erfolg, wie Medienrauschen schreibt: „Schaut man auf die Klick-Zahlen der Links, gibt die Strategie des Bauer-Verlages den Machern zumindest im Teil Recht.“

3. Geldentschädigung – (k)eine ernste Gefahr für Journalisten?
(fachjournalist.de, Frank C. Biethahn)
Die Androhung hoher Entschädigungsforderungen wird immer wieder benutzt, um Medien von ihrer Berichterstattung abzubringen. Gerade freie Journalisten, die keine Redaktion (und Hausjuristen) im Rücken haben, könnte sowas schnell einschüchtern. Frank C. Biethahn erklärt, was der Unterschied zwischen Schadensersatz und Geldentschädigung ist – und warum der zweite Fall nur äußerst selten zum Thema für Journalisten werden kann.

4. Fußballclubs brauchen keine Journalisten mehr
(zeit.de, Fabian Scheler)
Glasgow, Southampton, Sunderland, Blackpool, Port Vale, Rotherham, Newcastle, Nottingham Forest und Swindon Town – in den Stadien der Fußballvereine aus diesen Städten sind Journalisten nicht mehr willkommen: Die Clubs haben die Pressevertreter ausgeschlossen. Damit steht Großbritannien an der Spitze einer Entwicklung, die auch in Deutschland zu beobachten ist: Sportjournalisten werden hofiert, solange sie wohlwollend berichten; sobald Medien ihren eigentlich Job machen und nicht bloß Jubelmeldungen wiederkäuen, stoßen sie auf Widerstand.

5. Wie wichtig ist die Pressemitteilung heute noch? (Teil II)
(sacharklein.de, Sachar Klein)
Sachar Klein hat Redakteure verschiedener Medien gefragt, wie wichtig Pressemitteilungen heute noch für sie sind. Im ersten Teil hatten PR-Leute geantwortet.

6. Neues vom Bilderklärungs-Beauftragten
(noemix.twoday.net)

„Alles für die Story“: 50 Shades of True

Steve (30) trägt Handfesseln, Janine (30) hat zweierlei Peitschen parat. Beide erregt es, wenn sie ihm auf den nackten Po schlägt

Ja, so sind sie, der Steve und die Janine. Am Montag hat das Paar im „GROSSEN BILD-SM-REPORT“ mal so richtig ausgepackt:

Sie waren schon mehr als zwei Jahre ein Paar. Dann gestand sie ihm ihre geheimen Wünsche: Fantasien von Schlägen und Fesseln.

Seitdem ist das Liebesleben von Janine (30) und Steve (30) aus Stuttgart noch aufregender. ER liebt es, wenn SIE mit der Peitsche die Kontrolle über ihn hat!

Und weil BILD ja TOTAL auf dieses GEILE SM-ZEUG steht, hat das Blatt dem Thema eine komplette Seite gewidmet, auf der eine Domina zu Wort kommt („Ich bin eine Sadistin“ – soso!), eine Paartherapeutin („Der Lust an Schmerzen steckt in den meisten Menschen“ – sic!), dann Jessica, die Arzthelferin („hat Lust auf Handschellen“) und eben, ganz ausführlich, Steve und Janine:

Der Besitzer eines mobilen Piercing-Studios erzählt: „Ich selbst hätte das nie angesprochen. Aber ich fand die Idee sofort erregend und wollte das testen. Wir haben deshalb gemeinsam im Internet gestöbert und SM-Material bestellt.“

Ein paar Tage später öffnet Janine das Paket – und probiert das Sortiment sofort an ihrem Freund aus.

Als Erstes verbindet sie Steve die Augen. Dann zieht sie ihm langsam sämtliche Kleider aus. Mit schwarzen Fesseln aus Leder fixiert sie seine Hände.

„Ich war komplett machtlos und super aufgeregt“, sagt Steve. „Dann hat Janine mich gegen die Wand gedrückt.“ Sie greift zur Peitsche, die sie ihm Onlineshop bestellt haben.

Bei jedem Schlag auf den nackten Po schreit Steve auf – aus Lust.

Steve: „Das war ein so ein intensives Gefühl. Ich habe gelernt, wie es ist, wenn man sich vollkommen in die Abhängigkeit eines anderen begibt. Es hat mich total entspannt.“

So erzählen die beiden prickelnd weiter, von den Handfesseln und den Masken, die sie noch ausprobieren wollen, und darüber, was sonst noch alles passiert beim „Lust-Spiel mit dem Schmerz“, das „unser Sexleben“ so „gewaltig“ angekurbelt hat.

Dagegen gibt’s auch gar nichts zu einzuwenden. Allerdings haben wir unsere Zweifel, ob überhaupt irgendwas davon stimmt.

Denn am Tag, als der Artikel erschien, erschien auch das hier:


(Inzwischen wurde der Eintrag gelöscht. Aber auch laut früheren Facebook-Einträgen und der Internetseite von Steves Piercing-Laden ist die Frau auf den Fotos seine ehemalige Auszubildende.)

Wir haben Steve mehrfach gebeten, uns das doch mal genauer zu erklären, aber er wollte nicht antworten. Auch die Sprecherin der „Bild“-Zeitung hat auf unsere Anfrage nicht reagiert.

So wie es aussieht, wurde hier also nur einer gehauen: der Leser, übers Ohr.

Mit Dank an Jens!

Nachtrag, 20. August: Die „Bild“-Sprecherin hat sich jetzt doch noch gemeldet. Sie schreibt:

Alle im Text enthaltenen Tatsachenbehauptungen wurden vor Abdruck autorisiert. Auf BILD-Nachfrage bestätigten gestern beide Protagonisten, dass sie ihre Neigung seit über zwei Jahren gemeinsam ausleben. Ein Paar seien sie allerdings entgegen ihrer eigenen ersten Angaben nicht.

„Bild“ überrumpelt verletzten Fußballer am Krankenhausbett

Am Wochenende wurde in der Fußballbundesligaregionalliga der Torwart von Greuther Fürth schwer am Kopf verletzt und musste im Uniklinikum Erlangen operiert werden.

Kurz nachdem er am Sonntag von der Intensivstation in die Neurochirurgie verlegt worden war, bekam er Besuch. Von der „Bild“-Zeitung:

Das Interview gibt’s auch online, aber nur gegen Bezahlung.

Heute haben die Verantwortlichen der SpVgg Greuther Fürth eine Stellungnahme zu der Berichterstattung veröffentlicht:

Boulevard-Journalismus ist sicherlich polarisierend. Schwarz und Weiß, verkürzte Darstellungen – diese Form der Berichterstattung wird seit jeher immer wieder kontrovers diskutiert, aber eben auch von vielen Menschen konsumiert. Am Montag wurde allerdings im Fall Bastian Lerch eine Grenze überschritten, die die Verantwortlichen der SpVgg Greuther Fürth nicht hinnehmen wollen. Ein BILD-Reporter hat in der Uniklinik Erlangen den am Kopf operierten Bastian Lerch besucht oder besser gesagt überrumpelt. Zwar mit der Zustimmung des in dieser Situation wohl überforderten Spielerberaters, der unter Schock stehenden Eltern und des letztlich verdutzten Spielers, der gerade von der Intensivstation in eine normale Abteilung verlegt wurde.

Der Verein, der zuvor als Ansprechpartner diente, wurde über diesen Besuch erst nachträglich informiert und erfuhr erst am Nachmittag davon. Für die Verantwortlichen ist damit eine klare, moralische Grenze überschritten worden. Einen jungen Menschen, der erst Samstagnacht am Kopf einen neurochirurgischen Eingriff über sich ergehen lassen musste, und zwei geschockte Personen so zu überrumpeln, wollen wir als Verein nicht hinnehmen und werden deshalb unsere Konsequenzen daraus ziehen. Wir waren in unserer Kommunikation sehr offen, haben schon seit Sonntag diverse Medienanfragen ausführlich beantwortet und auch und gerade die dieses Reporters. Er wusste also, in welchem Zustand sich der Spieler befand. Warum man einen Spieler unmittelbar nach dessen Entlassung von der Intensivstation und gegen das Anraten der anwesenden Krankenschwestern dennoch mit dem Besuch unter Druck setzt, ist menschlich extrem fragwürdig. Noch am Montagabend wurde versucht, die Sichtweise des Vereins dem betreffenden Journalisten mitzuteilen. Eine Einsicht war dabei leider nicht zu erkennen.

Es geht hierbei – und das wollen wir ausdrücklich hervorheben – nicht um eine kritische Berichterstattung, die der Vereinsseite nicht gefällt. Es geht rein um moralische Fragen. Und was würde es bedeuten, wenn wir diese Form der Berichterstattung zulassen, beziehungsweise uns nicht dagegen zur Wehr setzen? Stimmen wir dann nicht indirekt diesem Vorgehen zu? Jeder Mensch, der schon mal in dieser Lage war, wird nachvollziehen können, dass in dieser Phase Besuch sicherlich gern gesehen ist: Familie, engste Angehörige und gute Freunde können einem Kraft geben. Aber will man in dieser Phase einem Medienvertreter Fragen beantworten und ein Foto machen? Kann man die Tragweite in dieser Phase einschätzen? Sorry, liebe BILD, diese Form des Sensationsjournalismus geht in unseren Augen überhaupt nicht. Spieler und Trainer werden immer nur als Hochleistungs-Maschine gesehen, in Hochzeiten bejubelt, in schlechten Phasen kritisiert. Damit muss man im Profifußball leben. In diesem Fall wollen wir das nicht. Es gibt Grenzen und die wurden dieses Mal deutlich überschritten.

Mit Dank an die vielen Hinweisgeber!

Nachtrag, 19.30 Uhr: Auch „Bild“ hat eine Stellungnahme veröffentlicht:

Die SpVgg Greuther Fürth verbreitete in einer Stellungnahme, dass BILD-Reporter Martin Funk den am Kopf operierten Torwart Bastian Lerch angeblich mit einem Besuch im Krankenhaus „überrumpelt“ und eine „moralische Grenze überschritten habe“.

Hierzu stellen wir fest: Vergangenen Sonntag hat BILD-Reporter Funk mit dem Berater von Bastian Lerch Kontakt aufgenommen. Herr Funk fragte an, ob er den Spieler im Krankenhaus besuchen dürfe. Dabei bat er explizit darum, das Einverständnis des Spielers und dessen Eltern für einen Besuch einzuholen.

Am Montag gaben Spieler und Eltern über den Berater dann ihr Einverständnis für einen Besuch. Der Spielerberater von Bastian Lerch versicherte auf BILD-Nachfrage, dass niemand überrumpelt und der Krankenhausbesuch wie abgesprochen ablief.

Boulevardmäuse in Klickfabriken, Windows-Mythen, Plagiate

1. Der Journalismus im Internet ist eine Enttäuschung. Denn damit Du diesen Text liest, brauchst Du so eine Schlagzeile.
(medienwoche.ch, Ronnie Grob)
Ronnie Grob ist enttäuscht vom Onlinejournalismus: „Vielleicht muss ich einigen Kritikern des Internets recht geben. Denn die großen, mit der Explosion von Möglichkeiten im Internet geschmiedeten Träume konnten bisher nicht erfüllt werden.“ Trotz der grenzenlosen Möglichkeiten des Internets seien viele Online-Journalisten „kleine Boulevardmäuse geblieben, bemitleidenswerte Klickfabrik-Arbeiter“. Der „große Teil des wertvollen Journalismus“ finde immer noch offline statt, „und zwar oft auf Papier“. Der Beitrag ist der Auftakt einer Serie, in der die „Medienwoche“ beleuchten will, wie das Internet den Journalismus verändert hat.

2. Tagebau von Presse befreit
(taz.de, Malte Kreutzfeld)
Am Samstag demonstrierten in Garzweiler rund 1000 Menschen gegen Braunkohleabbau. Journalisten, die über die Protest-Aktion berichten wollten, wurden dabei offenbar massiv behindert und eingeschüchtert: „Eine Reporterin, die für die Tageszeitung Neues Deutschland und das Online-Magazin klimaretter.info schreibt, wurde nach eigenen Angaben im Tagebau ohne erkennbaren Grund aus nächster Nähe mit Pfefferspray besprüht und konnte ihre Arbeit nicht fortsetzen.“ Auch eine Redakteurin der dänischen Tageszeitung Dagbladet Information habe stundenlang gefesselt in einem Polizeikessel ausharren müssen. Die betroffenen Medien haben sich nun beim nordrhein-westfälischen Innenminister Ralf Jäger beschwert und eine Stellungnahme eingefordert.

3. Plagiarismus, getarnt als Recherche
(faz.net, Frank Fischer und Joseph Wälzholz)
Der Autor und Bachmannpreisträger Tex Rubinowitz hat sich anscheinend nicht nur für seinen Text im „SZ Magazin“ vom Metafeuilleton „Der Umblätterer“ inspirieren lassen, sondern auch ganze Absätze seines aktuellen Buches aus der Wikipedia abgeschrieben: „Jedenfalls könnte man ‚Irma‘ streckenweise auch ‚Irmapedia‘ nennen, denn was darin zum Haussperling, zu ‚Deep Space Nine‘, zu Mary Hopkin, zu Bruce Dickinson, zu den Najaden und noch zu ein paar anderen Sachen steht, ist wieder satzweise und ohne Quellenangabe aus der Wikipedia rausgeklaubt.“

4. Fünf falsche Windows 10 Mythen: Wenn für Klicks die Journalistenethik mit Füßen getreten wird
(wprea.de, Albert Jelica)
Vor genau drei Wochen wurde Windows 10 veröffentlicht, und seitdem reißt die Kritik nicht ab. Verbraucherschützer warnen vor der „Datenschleuder“, Tech-Blogs und Online-Medien sind voll mit Ratgebern, „wie Sie Windows 10 am Spionieren hindern“, viele Kunden sind mittlerweile ernsthaft verunsichert und zögern das Update heraus. Doch ist Microsoft wirklich daran interessiert, seine Nutzer zu überwachen und mit den Daten Geld zu verdienen? „Manche Kritik ist sicher berechtigt“, bilanziert Albert Jelica, nachdem er fünf weit verbreitete Mythen näher beleuchtet hat. Doch bei der „Dichte an Falschmeldungen ist an Flüchtigkeitsfehler mittlerweile schwer zu glauben. Die neue Währung im Online-Journalismus heißt Click und um diese zu generieren, treten viele Journalisten ihre Berufsethik mit Füßen.“

5. Warum wir über „Nazi-Patrouillen in Dortmund“ nicht berichtet haben
(deutschlandfunk.de, Marco Bertolaso)
„Es ist immer eine Gratwanderung und keine leichte Abwägung. Über wichtige Themen müssen und wollen wir berichten. Wir machen aber keine PR. Erst recht nicht für Rechtsextreme in Dortmund.“

6. Julian Reichelt, der gute Mensch von bild.de
(leogfischer.com, Leo Fischer)

Krebserkrankung als Clickbait

Der Autor und Moderator Roger Willemsen ist an Krebs erkrankt und hat alle Auftritte in diesem Jahr abgesagt, wie sein Büro heute mitteilen ließ.

Die zur Bauer Media Group gehörende Fernsehzeitschrift „TV Movie“ hatte die folgende Idee, wie man aus dieser Meldung maximales Kapital schlagen könnte:

Und nein, das ist leider kein Fake.

Mit Dank an @SvenRuoss.

Nachtrag, 23.15 Uhr: „TV Movie“ hat den Post gelöscht und eine Entschuldigung veröffentlicht:

Interessant, dass die Redaktion jetzt bemerkt, wie geschmacklos diese „Posting-Art“ ist. Denn seit Monaten macht sie auf ihrer Facebook-Seite kaum etwas anderes. Hier nur eine minimale Auswahl:





Und permanent benutzt die „TV Movie“ den Tod berühmter Menschen, um die Leute auf ihre Seite zu locken:



























Und das sind nur die Todes-Postings der letzten sechs Wochen (mehr konnten wir uns nicht antun).

Immer wieder haben Leser dieses Clickbaiting in den vergangenen Monaten kritisiert. Aber erst jetzt fällt der „TV Movie“ auf, dass da etwas dran sein könnte.

Nachtrag, 19. August, 15.40 Uhr: Die Redaktion hat sich jetzt noch einmal für den Willemsen-Post entschuldigt. Auf die anderen Einträge geht sie aber mit keinem Wort ein:

Nachtrag, 19. August, 16.40 Uhr: Im Wikipedia-Eintrag zur „TV Movie“ steht seit gestern folgender Abschnitt:

Heute Mittag hat ein Wikipedia-Nutzer mehrmals versucht, diesen Abschnitt zu löschen. Seine IP ist registriert auf die Bauer Systems KG. Auf seiner Benutzerseite steht:

Der Abschnitt wurde inzwischen wiederhergestellt, der Nutzer wegen Manipulationen vorerst gesperrt.

Mit Dank an @AlexElvers!

Sportjournalismus, Lokalmedien, „Wahrheit“ über Cannabis

1. Hetzt die „Bild“-Zeitung gegen Flüchtlinge?
(de.nachrichten.yahoo.com, Jan Rübel)
Ex-Springer-Mitarbeiter Jan Rübel hat sich einige differenzierte Gedanken zu unserer Auseinandersetzung mit Bild.de-Chef Julian Reichelt gemacht.

2. Der Sportjournalismus trägt Mitschuld an der Doping-Problematik
(andreasgriess.de, Andreas Grieß)
Auf die jüngsten Doping-Enthüllungen der ARD reagierten viele Vertreter der Leichathletik-Verbände empört. Das deute „eklatant darauf hin, dass diese Menschen kritischen Journalismus gar nicht gewohnt sind“, glaubt Andreas Grieß. Es sei kein Zufall, dass der Doping-Skandal von einem „kritischen Außenstehenden“ aufgedeckt wurde, und nicht etwa von einem Leichtathletik-Journalist. Sein bitteres Fazit: „Damit passiert auch im Sport, was bereits im Lokalen geschieht: Es wird kaputt gespart. Es gibt in Deutschland Sportberichterstattung, aber kaum Sportjournalismus.“

3. Bitte, kein Kommentar!
(de.ejo-online.eu, Fabian Prochazka und Patrick Weber)
Kommunikationswissenschaftler der Universität Hohenheim wollen herausgefunden haben, dass sich das Niveau der Leserkommentare auf Nachrichtenseiten auf die wahrgenommene Qualität der Artikel auswirkt: Je mehr Trolle, desto schlechter werden auch die Texte beurteilt. Besonders erstaunlich: „Auch höfliche Kommentare und solche mit Argumenten verschlechtern die wahrgenommene Qualität eines Artikels im Vergleich zu einer Version ganz ohne Kommentare.“

4. Trennung zwischen Arm und Reich wirkt sich auf Lokalnachrichten aus
(netzpiloten.de, Laura Hazard Owen)
Wohlhabende Städte haben besseren Zugang zu Lokaljournalismus, dort werden die Bewohner häufiger und umfassender informiert, als in ärmeren Städten. Allerdings ist die Stichprobe der Rutgers-Untersuchung sehr klein, nur drei Städte im US-Bundesstaat New Jersey wurden untersucht. Trotzdem müsse man anhand dieser Ergebnisse annehmen, dass die demokratischen Werkzeuge nicht gleichmäßig verteilt sind, sagt Philip M. Napoli, Professor für Journalismus und Leiter der Studie – „was uns Sorgen machen sollte“.

5. Germanwings: Klage gegen „Österreich“ wegen falschem Co-Piloten
(derstandard.at)
Nach dem Germanwings-Unglück hatten unter anderem die „Kronen Zeitung“ und „Österreich“ das unverpixelte Foto eines Mannes gedruckt, das aber nicht, wie angegeben, den Co-Piloten Andreas L. zeigte, sondern einen Unbeteiligten. Mit der „Krone“ gab es eine außergerichtliche Einigung, „Österreich“ steht nun vor Gericht.

6. Sagt die Bild wirklich „die Wahrheit über Cannabis“?
(vice.com, Michael Knodt)
„Zugegeben, ein wenig mehr Mühe als sonst hat die Redaktion sich im Rahmen der Recherche schon gegeben. Aber man muss nicht lange lesen, um zu verstehen, dass die Bild immer noch keine Ahnung von Weed hat.“

Krümel und der böse Wolf

Die Wölfe sind wieder da, und jetzt fressen sie schon unsere Hündchen.

Ein Hundehalter behauptete vor zwei Wochen, dass sein Chihuahua Krümel (5) in einem Wald bei Celle in Niedersachsen von drei Wölfen gerissen wurde, und „Bild“ machte die Sache bundesweit ganz groß auf:

Der „Bild“-Grafiker stellte sich die Szene so vor:

Die „Bild“-Online-Redaktion so:

Die Regionalausgabe Hannover legte am folgenden Tag noch nach:

Mit seinem Hund Gassi gehen und dabei von einem Rudel Wölfe gestellt werden. Dieses Horrorszenario ist Jörg M. (54) aus Wietze passiert.

Der Niedersächsische Landesbetrieb Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz gab eine Untersuchung in Auftrag und hatte schon weniger als eine Woche später ein Ergebnis: In einer Pressemitteilung gab er bekannt, dass der Wolfsverdacht „ausgeräumt“ sei. Gen-Untersuchungen des Labors für Wildtiergenetik Senckenberg hätten keinen Hinweis auf den „Canis lupus lupus“ (europäischer Wolf) ergeben.

Vielmehr wiesen die Speichelreste des Angreifers, die unter anderem am Geschirr des toten Hundes sichergestellt wurden, das genetische Profil eines Hundes mit Verdacht auf Wolfhund auf.

Auch die Spuren eines zweiten Angreifers deuteten auf einen Hund, vermutlich einen Wolfhund, hin.

Gut, ein Hund, aber andererseits: ein Wolfhund. Ein WOLFhund! Ein WOLFHUND! Und so verkaufte die „Bild“-Zeitung die Erkenntnis der Experten am vergangenen Samstag (sehr klein im Innenteil) als „Rätsel“:

Laut des Labors für Wildtiergenetik Senckenberg gibt es keine genetischen Spuren bei der tödlichen Attacke durch eine in Europa ansässige Wolfsgattung. Ungewöhnlich: Es war aber auch kein normaler Hund!

Und in der Regionalausgabe Hannover versteckte „Bild“ die Auflösung, dass es sich bei dem bösen Wolf von Seite 1 ein paar Tage zuvor um einen Hund handelte, verblüffenderweise so:

Am Ende einer Meldung über Wölfe; unter der Überschrift, dass es ein neues Wolfsrudel gibt; unter einem Bild von einem Wolfsrudel; neben einem Bild von einem Wolf.

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